Beiträge von Laurent

    Ulli schrieb betreffend der CD mit Kopatchinskaja/Herreweghe/Beethoven:
    "Zudem enthalten sind die beiden reizenden Violinromanzen opp. 40 und 50 sowie das 6. Klavierkonzert in der Violinfassung op. 61"


    Es wurde nicht das 6.Klavierkonzert in der Violinfassung aufgenommen, sondern das Violinkonzert op61 mit den Kadenzen aus Beethovens Klavierfassung, in einer abenteuerlichen Retranskirption für Geige.


    Das Magazin STRAD meinte es handle sich um die bisher beste "authentische " Aufnahme. Die CD gewann auch diverse Empfehlungen von Radios und Musikmagazinen sowie den Preis des BBC-Music Magazins (Kategorie Orchester, 2010).


    Laurent.

    Vegh und die Mitglieder seines Quartetts wohnten und unterrichteten waren ab ca. 1954 in Basel. Ich hatte das Glück, bei seinem Cellisten Paul Szabo Cello zu lernen. Dadurch erfuhr ich viel über Vegh, das Quartett und die Ungarische Streicherschule. Ich habe das Quartett sicher an die fünfzig mal live gehört u.a. dreimal den gesamten Beethovenzyklus. Später hörte ich Vegh mehrmals als Drigent der Camerata.


    Die Aufnahmen geben leider nur unvollständig wieder, was Vegh auf der Bühne ausmachte. Im Konzert schien er die Musik gleichsam neu zu suchen und zu erfinden, sich und die Zuhörer dauernd überraschend. Er hatte einen sensitiven, manchmal fast fragilen Ton, der einem zu Aufmerksamkeit zwang, nicht den fetten, gemachten Ton der kommt wie aus der Mayonnaise-Tube gedrückt, den wir von gewissen Amerikanern und Russen so gut kennen. Sein Vibrato war äusserst variabel, langsam, rasch, gross oder fast nichts. Seine Palette reichte vom zärtlich Angedeuteten bis zur Dämonie.


    Vegh wirkte dadurch im besten Sinne Europäisch und in vieler Hinsicht machte er "von Natur aus", was die historische Aufführungspraxis sich jetzt wieder erarbeitet. Sein Spiel war auch riskiert, er war launisch und vielleicht jedes sechste Konzert war nicht so perfekt wie sonst, was ihm dann die Kritik übel nahm. Wenn er verstimmt war konnte er einen halben Abend lang einen Achtelton zu hoch spielen...


    Ich besitze viele seiner Aufnahmen. Diejenige, auf der man am besten hört, wie er im Konzert war ist die live-Aufnahme des Schubert-Quintetts aus Prades mit Casals. Zumal im langsamen Satz hört man genau sein suchendes quasi improvisando, das ihm kaum jemand nachmachte. Meines Wissens ist diese Aufnahme aber nur noch antiquarisch erhältlich (oder als Raubkopie).


    Veghs Mono-Aufnahmen der Bartok-Quartette bei Columbia haben einen Masstab gesetzt. Den Beethoven-Zyklus hat er mit dem Quartett zweimal aufgenommen, einmal ca. 1952 mono aber diese Aufnahmen sind relativ fantasielos und uninteressant, man soll die Finger davon lassen. Seine zweite Aufnahme des Beethoven-Zyklus war 1973 in stereo, nach der jahrelangen Zusammenarbeit Veghs und des Quartetts mit Casals. Sie ist aufnahmetechnisch sehr gut und immer noch bei NAIVE erhältlich. Ich halte sie zusammen mit den Aufnahmen des Busch-Quartetts immer noch für den Masstab des Beethoven-Quartettspiels.


    Das Quartett hatte beim Üben eine grosse Disziplin, sie übten sogar Tonleitern und Arpeggien zusammen im Quartett, Intonationsunreinheiten wurden nicht geduldet, wohl aber das Färben der Intonation zwecks Ausdruck, das Vegh virtuos beherrschte.


    Im Konzert war dagegen Freiheit und Risiko gefragt. Es war die Rede von "geschehen lassen", nichts wollen und nichts machen. Im besten Fall sollte das Ich sich auflösen im Werk.


    Dieses gehen lassen hatte ein Gegenstück in seinen Händen, die beim Spielen immer butterweich und entspannt blieben.


    Vegh hatte auch als Dirigent der Camerata einen Magnetismus. Eigentlich dirigierte er nicht richtig, er liess einfach spielen und hörte zu. Aber dieses Orchester gab das letzte und seine zwei oder drei Celli tönten nach mehr als ein acht- oder zehnköpfiges Celloregister in einem grösseren Orchester.


    Als er aufhörte zu geigen, hinterliess er eine grosse Lücke in meinem Musikerleben. Gegen ihn sind alle die Sznajders, Hahns, Repins, Fischers, Rachlins langweilig, uninspiriert und teils sogar geschmacklos. Alles ist gemacht, kontrolliert und vorhersehbar, halt so wie es die Dressur durch Zakhar Bron, Boris Kuschnir oder Dorothy Delay einprogrammiert hat.


    Immerhin habe ich vor einigen Jahren die Kopatchinskaja entdeckt und bei ihr vieles wieder gefunden, was Vegh ausmachte: Das Neuerfinden der Musik, das improvisando, die gestreichelten und gehauchten Töne, die Überraschung, das Risiko und die Dämonie. In einem ihrer Konzerte war auch die Witwe von Vegh anwesend und ich meinte nachher zu ihr, dass ich das Gefühl habe, dass aus Patricia der gleiche Geist spreche wie damals aus Sandor Vegh: Sie sah mich streng an und antwortete "Das ist absolut so". Es wird also wohl etwas dran sein.


    Grüsse an alle


    Laurent

    Zitat von Ulli: Leider ist dem Booklet nicht zu entnehmen, auf welchem Instrument die Dame spielt...
    _____________________________________________
    Da weiss ich Auskunft :rolleyes:


    Die Aufnahme wurde auf Patricia Kopatchinskajas Pressenda (Turin, 1834) gespielt, die für diesen Zweck mit Darmsaiten montiert wurde.


    Kopatchinskaja wollte die Kadenz des ersten Satzes eigentlich im "Trio" mit dem Konzertmeister und der Paukerin spielen, wie sie das auch für Konzerte vorsieht. Der Konzertmeister hatte aber Hemmungen, weil das "ihre Aufnahme" werden müsse. So fragte sie den Tonmeister, ob man das in Zweikanaltechnik aufnehmen könne und das wurde dann in der Mittagspause durchgeführt. Es wurde auch die Fassung mit nur einer Geige aufgenommen, aber schlussendlich schien die Mehrkanalfassung wesentlich besser und amüsanter.


    Kopatchinskaja hat die Kadenz des ersten Satzes übrigens erheblich gekürzt, da die endlosen Passagenläufe des Originals auf die Dauer ermüdend wirken.


    Die Tempi sind die von Cerny angegebenen. Weitere Aspekte zu den Zielsetzungen dieser Aufnahme finden sich auf der Website: http://www.patriciakopatchinskaja.com >Texte >Beethoven.


    Laurent

    Ich habe Fazil Say schon einige Male im Konzert erlebt: Abgesehen von seinen gestischen Marotten hat er beim Spielen eine elektrisierende Bühnenpraesenz. Das Mitsingen hört man wohl nur in den vordersten Reihen, es hat mich überhaupt nicht gestört. Sympathisch ist vor und nach dem Spiel sein völlig uneitler Auftritt.


    Z.B. in Montpellier hörte ich ihn mit der Bach-Busoni Chaconne und der Appassionata, beides nahm einem total gefangen, explosiv, machte Gänsehaut. Ebenfalls in Montpellier spielte er mit seiner Violinpartnerin Patricia Kopatchinskaja die Kreutzersonate am Rande des Wahnsinns, eine sehr poetische Ravel-Sonate und seine urwüchsige eigene Sonate. Die zwei wirken wie Zwillinge sind völlig eins, ein Duo mit dem man in Zukunft wohl rechnen muss.


    Von seinen Aufnahmen vermittelt mir nur die Haydn-CD den Eindruck, den er auf der Bühne macht, prickelnd, überraschend, sehr geistreich. Die anderen sind dagegen flau, wenn man sie mit dem Konzerterlebnis vergleicht.


    Es wird demnächst eine Recital-CD mit Kopatchinskaja erscheinen und auch sein Violinkonzert mit Kopatchinskaja wurde bei der Uraufführung aufgenommen und wird demnäcsht als CD erscheinen.


    Beste Grüsse an alle


    Laurent

    Die Uraufführung von Fazil Says Violinkonzert hat am 20.2.2008 im KKL Luzern stattgefunden durch Patricia Kopatchinskaja, für die das Werk auch geschrieben ist, dazu das Luzerner Symphonieorchester unter John Axelrod. Fazil Say war anwesend.


    Der Erfolg war durchschlagend. Das Interesse für weitere Aufführungen ist enorm, u.a. bei mehreren Veranstaltern allein in Deutschland, dann in Frankreich, der Türkei und in Japan.


    Das Stück ist ungewöhnlich, verwendet verschiedene türkische Perkussionsinstrumente mit komplexen Rhythmen und ungewohnte Klangeffekte.


    Von der Live-Übertragung des Türkischen Fernsehens ist ein Ausschnitt ins Internet geraten, der einen guten Eindruck gibt:


    http://www.youtube.com/watch?v=FUXzsGeI57A


    Im thread "Violinkonzerte des 20.Jh" wurde moniert, dass das Stück plakativ und zu simpel sei. Ich war bei der Uraufführung dabei und habe es nicht so empfunden. Erstens hat die Geige Gelegenheit verschiedenste ungewohnte Klangfarben und Klangfiguren zu produzieren. Dann lieferte der türkische Drummer an der Rampe einen ganz wesentlichen Beitrag, quasi als zweiter Soliist produzierte er hypnotische Rhythmen (man sieht ihn im Video leider kaum). Durch ihn und die derwischartige Spielweise der der Kopatchinskaja entfaltete das Stück einen eigenartigen Sog, dem man sich kaum entziehen konnte. Ich sah jedenfalls noch nie an einer Uraufführung eines Violinkonzertes die Leute so mitgehen und jubeln.


    Man muss dieses Werk als fremdartiges Kulturprodukt hinnehmen, das sich an unseren gewohnten Masstäben nicht messen lässt.


    Laurent

    Die Uraufführung von Fazil Says Violinkonzert hat am 20.2.2008 im KKL Luzern stattgefunden durch Patricia Kopatchinskaja, für die das Werk auch geschrieben ist, dazu das Luzerner Symphonieorchester unter John Axelrod. Fazil Say war anwesend.


    Der Erfolg war durchschlagend. Das Interesse für weitere Aufführungen ist enorm, u.a. bei mehreren Veranstaltern allein in Deutschland, dann in Frankreich, der Türkei und in Japan.


    Das Stück ist ungewöhnlich, verwendet verschiedene türkische Perkussionsinstrumente mit komplexen Rhythmen und ungewohnte Klangeffekte.


    Von der Live-Übertragung des Türkischen Fernsehens ist ein Ausschnitt ins Internet geraten, der einen guten Eindruck gibt:


    http://www.youtube.com/watch?v=FUXzsGeI57A

    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Älere Musikfreunde hingegen vermissen oft, trotz unbestreitbarer Perfektion des Spiels das "unverwechselbare" an den heutigen jüngeren Künstlern (wiewohl sich da eine Wende anzubahnen scheint)
    Die erste Frage ist, wie ihr das seht, die zweite, welche heutigen Interpreten der jüngeren Generation (egal welchen Genres) haltet ihr für unverwechselbar und einzigartig ?


    Lieber Alfred,


    Es hat wohl eine Nivellierung auf hoher Ebene stattgefunden.


    Teils wohl durch die Fortschritte der Pädagogik z.B. auf der Geige: Seit Dorothy Delay und Zakhar Bron kann man offenbar jedem halbwegs talentierten Schüler den "international high class sound" einprügeln, ob er dann damit etwas aussagt interessiert nicht.


    Dann die Aufnahmen, deren Perfektion durch künstliches Zusammenschnipseln im Studio erreicht wird. Die Leute erwarten Perfektion dann auch im Konzert, und gewisse Geiger erreichen sie auch um den Preis des Verlustes von jeglicher Spontaneität oder Freiheit, Hilary Hahn ist der traurige Prototyp dieser Entwicklung.


    Der legendäre Geiger Ivry Gitlis bedauert, dass man heute die Geiger kaum mehr an den Eigenarten ihres Spiels auseinanderhalten könne. Er meint früher seien Aufnahmen gewesen wie Konzerte, heute seien Konzerte wie Aufnahmen...


    Es gibt jüngere Figuren, die versuchen aus diesem Eintopf auszubrechen: bei den Pianisten Fazil Say oder Polina Leschenko. Bei den Geigern Pekka Kuusisto oder Patricia Kopatchinskaja. Sie alle polarisieren Kritik und Publikum, aber wenigstens bringen sie das verlorene Leben zurück in den arteriosklerotischen Konzertbetrieb.


    Laurent

    Zitat

    Original von steppenhund
    Und eine weitere noch lebende Legende ist für mich Martha Argerich. Da wüsste ich nicht, wer die Nachfolgerin wäre.


    Argerich hat einen seltenen elektrisierenden Effekt. Ich habe diesen im Konzert nicht von vielen anderen erlebt, noch bei Edwin Fischer, G.Cziffra, Olli Mustonen, Fazil Say und Oscar Peterson, aber dann hat es sich bald.


    In den letzten anderhalb Jahren habe ich drei- oder viermal die noch sehr junge Russin Polina Leschenko gehört, sie ist eine Schülerin von Argerich und wenn ich sie hörte dachte ich immer wieder, das ist die neue Argerich. Sie spielt sehr frei, quasi improvisando und riskiert, mit einer riesigen Palette vom pianissimo-Gesäusel bis zu Kanonenschüssen. Wie die Exoten Lang-Lang und Fazil Say erhält sie von manchen Kritikern Verrisse, aber mir macht sie Entzücken und Gänsehaut.


    Laurent

    Zitat

    Original von Dain
    Ich habe gehört und auch den Eindruck, dass technisch die heutigen Cellisten deutlich besser sind als früher. Das zeigt sich daran, das auf alten Aufnahmen beispielsweise von Cassadó oder Casals, die in ihrer Zeit wahre Meister auf ihrem Instrument waren, äußerst Unsauber und ungenau gespielt wird.


    Also, wenn man den Casals schlechtmacht, so muss ich antreten. Ich zähle mich zu seinen Verehrern und habe von ihm viele Aufnahmen:


    Erstens die Schellacks aus seinen grossen Zeiten. Dort ist seine eigenartige musikalische Diktion zu vernehmen, aber die Intonation und die Artikulation sind beinahe unübertrefflich. Das gilt für die Bach-Suiten und die Beethoven-Sonate mit Erwin Schulhof. Und in dieser Zeit wurden die Aufnahmen ja nicht korrigiert, wie heute, wo wir nur noch ein artifizielles Patchwork vorgesetzt bekommen.


    Vom 72-jährigen Casals gibt es noch die Live-Aufnahme des Schumann-Konzertes aus Prades. Vollbesitz der cellistischen Kräfte, perfekt, und eine Vitalität und Brutalität, die alle Grenzen sprengt. Sorry aber neben diesem alten Löwen bleiben alle, die dieses Konzert seither aufgenommen haben eigentlich kleine Kastraten...


    Und dann gibt es die Aufnahmen des sehr alten Casals, dort ist zuzugeben, dass die Mechanik nicht mehr immer perfekt funktioniert, das Vibrato ist spröde, gelegentlich ein Lagenwechsel ohne Eleganz. Aber trotzdem, hier muss man eben auf die Legende hören und ihre musikalische Aussage, dann sind diese Aufnahmen auch sehr interessant.


    Technisch ebenbürtig war der leider zu früh verstorbene Feuermann, und diese beiden brauchen sich vor keinem modernen Cellisten zu verstecken. Von den späteren war Pierre Fournier mein Liebling, wegen seines schönen Tons, obschon er technisch sonst nicht der perfekteste war. Seit seinem Abtreten ist der Platz des Lieblingscellisten bei mir leer geblieben.


    Laurent

    Lieber Christian / Caesar73


    Diese CD ist ein Wahnsinn. Das wird aus den Hörproben bei untenstehendem Link sofort klar:



    Ich hab die Polina am Mondsee-Festival und am Oxford-Festival gehört: Mit Ivry Gitlis Franck-Sonate und Kreisler, mit Heinrich Schiff Chopin, mit Kopatchinskaja und Schiff Mendelssohn d-moll Trio.


    Sie hat Virtuosität, Flexibilität bei totaler Übersicht, zärtlichste Poesie und zuweilen eine glühende Pranke. Die Streicher überdeckte sie nie, obschon sie Schwerpunkte und Strukturen kraftvoll zeichnet. In bekannten Werken hört man neue Melodien. Und immer Persönlichkeit. Manchmal errinnert man sich in Schellack-Zeiten zurückversetzt.


    Kein Zweifel, sie ist die neue Argerich.


    Laurent

    [quote]Original von sagitt
    Sagitt meinte:


    9. September 2007 | 20:00 Uhr
    Mahler Chamber Orchestra
    L.v. Beethoven: Violinkonzert D-Dur op. 61
    Künstler: Mahler Chamber Orchestra, Patricia Kopatchinskaja, Philippe Herreweghe


    ....Die Dame spielt keine Stradivari und ich hörte keinen intensiven Violinton.
    _______________________________


    Ich habe Kopatchinskaja mit Herreweghe am 15.7.2006 beim Festival von Saintes (F) ebenfalls mit Beethoven gehört, und sie spielte tatsächlich oft sehr leise, was ich und offenbar auch das Publikum durchaus anrührend fand. Ich habe mich dann auf ihrer Website http://www.patkop.ch etwas umgesehen.


    Die Dame spielt offenbar tatsächlich keine Stradivari, sondern eine Pressenda, von der die Zeitschrift STRAD in einer New Yorker Konzertkritik schreibt: "A very colourful sounding Pressenda-violin, whose viola-like quality lent her playing exceptional tonal interest".


    Auf ihrer Website http://www.patkop.ch->Texts->Beethoven erklärt sie den Grund für ihr piano-Spiel im Beethovenkonzert (Zitat): "Bezüglich Dynamik wird aus vielen Interpretationen und Aufnahmen nicht klar, wie oft die Violine in diesem Konzert leise und sehr leise zu spielen hat. Man weiss, dass der Geiger Clement, für den dieses Konzert geschrieben ist, nicht laut spielte, aber mit Eleganz und Delikatesse und mit einem von den Zeitgenossen vielgepriesenen anrührenden Ton von "unbeschreiblicher Zärtlichkeit" oder "äusserst lieblicher Zartheit". Entpsrechend beginnt das Solo im ersten Satz piano und wird nach nur vier Takten wieder piano. Nicht das auftrumpfende "Hier komme ich" das man so oft hört. Piano sind auch die Takte 288-297 und wieder 330-3. Die Takte 523 -30 vor Schluss sind sogar Pianissimo. Wo nicht piano steht ist oft dolce vorgeschreiben, was auch nicht laut sein darf, weil daraus immer wieder crescendi ins forte kommen. Im Larghetto sind die beiden ergreifendsten Stellen einerseits die Takte 45-53 in pp und danach sempre perdendosi, andererseits die Takte 71-88 wiederum pp und dann diminuendo is ppp. Sie werden damit zu einer ganz verinnerlichten und heiligen Meditation. Aber die Hörgewohnheit erwartet dort oft einen fett-"schönen" Ton und ein aufgegeiltes Vibrato. Mein Essener Kritiker schrieb zum Beethovenkonzert "Eine melodische Offenbarung von leuchtend körperhaftem Ton war ihre verträumte pianissimo-Kantabilität über weite Strecken nicht". Nur, die Spielweise von Clement und der Notentext verbieten den "leuchtend körperhaften Ton" über weite Strecken." (Ende Zitat)


    Nach dieser Lesart wäre der vielerorts im Beethovenkonzert gepflegte und geforderte dicke Makkaroni-Ton (wir wollen keine Namen nennen) überhaupt ganz falsch. So verschieden sind die Geschmäcker.


    Laurent

    Hallo Walter Heggendorn,


    Gruss von Bern nach Bern. Als Schweizer musste man allerlei Prüfungen ablegen, bevor man hier akzeptiert wurde. Es wurde verlangt, dass man auch schreibe. Das hab ich halt heute mal gemacht und hoffe, dass es niemandem auf den Wecker geht. Jaja - und die Patricia lieb ich natürlich wie alle Berner.


    Herzliche Grüsse


    Laurent (eigentlich der Name meines Cellos, Emile Laurent, Bruxelles, 1896)

    Der Schweizer Komponist Othmar Schoeck (1886-1957), ein Schüler von Reger, hat 1912 ein sehr schönes, spätromantisches Violinkonzert geschrieben, in B-Dur, op. 21 betitelt "Quasi una fantasia". Widmungsträgerin war die junge ungarische Geigerin Stefi Geyer, in die Schoeck ebenso verliebt war, wie der junge Bartiok, der ihr sein erstes Violinkonzert gewidmet hat. Trotz Spätromantik ist das Konzert gar nicht plüschig, sondern tiefempfunden und unbanal. Es hält den Vergleich zu Bartok 1 ohne weiteres aus.


    Es gibt eine historische Aufnahme von 1947 mit Stefi Geyer und dem Tonhalle-Orchester Zürich unter Volkmar Andreae: Jecklin Edition (Zürich) JD715-2 49:29. Trotz mässiger Aufnahmequalität hört man Stefi Geyers singend-beseelten und bezaubernden Geigenton und versteht sofort, wieso ihr die Komponisten zu Füssen lagen. Es gibt eine moderne Aufnahme mit Bettina Boller bei Claves, die aber trotz guter Aufnahmequalität diesen Zauber keineswegs hat.


    Es wäre sehr reizvoll, das Konzert von Schoeck und das erste Bartok in derselben Konzertaufführung zu kombinieren. Die beiden haben Verwandschaften und sind durch die gleiche Widmungsträgerin verbunden. Während der Aufführung könnte man die beiden verliebten Kater vergleichen.


    Das Bartok 1 hat Stefi Geyer übrigens infolge eines Zerwürfnisses mit dem Komponisten nie aufgeführt, sondern sie beauftragte Hansheinz Schneeberger, die Uraufführung nach ihrem Tod zu besorgen. Mit Schoeck dagegen verband sie eine lebenslange (platonische) Freundschaft und sie spielte seine Werke oft.


    Laurent

    Die österreichische Komponistin Johanna Doderer (*1969) hat 2004/5 ebenfalls ein Violinkonzert für Patricia Kopatchinskaja geschrieben. Uraufführung 2004 mit Wiener Concertverein in Bregenz, eine erweiterte Fassung wurde 2005 in Wels und Wien ebenfalls durch den Concertverein aufgeführt.


    Eine Live-Aufnahme aus dem Brahms-Saal des Wiener Musikvereins vom 23.4.2005 ist in der Edition Zeitton des ORF 2006 erschienen, ORF-CD Nr. 446, erhältlich unter http:/oe1.orf.at, Bestellnummer 2009336.


    Doderers Musik ist unsentimentales, grossflächiges bis sperriges Urgestein.


    Laurent

    Der türkische Genial-Pianist und Komponist Fazil Say hat soeben ein Violinkonzert fertiggestellt, Titel "1001 Nacht im Harem", mit türkischen Perkussionsinstrumenten und teils komplexen türkischen Rhythmen. Es illustriert unter anderem veschiedene Frauencharaktere. Fazil Says Kompositionen sind in der Regel süffig, mit jazzigen, romantischen und und orientalisierenden Elementen.


    Die Uraufführung ist am 20./21.2.2008 im KKL-Luzern, mit Patricia Kopatchinskaja, für die das Werk geschrieben wurde. Mit Luzerner Symphonieorchester (das das Konzert bestellt hat) unter Axelrod. Verlegt wird es bei Schott, eine CD mit anderen Werken von Fazil Say folgt voraussichtlich noch dieses Jahr.


    Es besteht offenbar Interesse auch bei anderen Veranstaltern.


    Laurent

    Vom Buson-Violinkonzert gibt es eine phänomenale historische Live-Aufnahme: Adolf Busch mit Concertgebouw und Bruno Walter, aufgenommen kurz vor dem Krieg, als Busch noch im Vollbesitz seiner Kräfte war. Von Konzert und Geigenspiel her höchst bemerkenswert.
    Laurent