Beiträge von Philhellene

    Weihnachten



    Im Stall stehen
    Maria und Josef
    gehüllt in feinstes Linnen.
    Die Krippe eine wunderschöne Drechselarbeit.
    Trachten aus Südtirol.


    Die Hirten kommen
    das Kind anzuschauen
    mit fetten Schafen.
    Ein jeder trägt flauschigen Flanell.
    Ist frisch rasiert.


    Oberhalb
    eine Tanne
    aus Skandinavien.
    Geschmacklos geputzt, viel Lametta.
    Orange ist Modefarbe.


    Hässliche Kerzen
    außen golden,
    innen doch nur
    eine Mischung aus Stearin und Paraffin.
    Sprühende Wunderkerzen.


    Nach der Orgie
    ohne Worte
    ein jeder zu seinem Haufen
    überflüssiger Geschenke.
    Nur der Stern schaut ein bisschen traurig.



    Aus: Martin Bauer: Gedichte 2000-2005, ungedr.


    H10

    Liebe Fairy Queen, lieber Jacques, liebe Mitdiskutantinnen und Mitdiskutanten!


    Auf Youtube gibt es das Finale der Thais mit Eva Mei und Michele Pertusi, das ist aber auf Französisch! Eva Mei ist eine wunderbar fragile, ätherische Sterbende, und hat hoffentlich diese Facetten der Thais vorher auch schon ausgelebt, getreu ihren Anfangsworten "C'est Thais, l'idole fragile".
    Bei Youtube gibt es auch noch andere Thais-Interpretinnen unterschiedlicher Qualität zu entdecken: so z. B. die Arie "Dis-moi que je suis belle" mit Virginia Zeani, auch lang nicht perfekt, aber was für eine prachtvolle, goldschimmernde Höhe! :jubel: Oder Leontyne Price, Montserrat Caballé... Was Ausdruck und Gestaltung betrifft, bin ich von Beverly Sills aber noch immer am meisten begeistert.


    Michele Pertusi legt den Athanael auch feiner an als Thomas Hampson. Natürlich muss Athanael an bestimmten Stellen ziemlich aufdrehen, aber andere kann man ganz zart und sensibel gestalten (im Libretto steht sogar bei einigen Ariosi "avec charme", bei anderen "calme"!), wie etwa gleich am Anfang "Hélas! Enfant encore" oder in der Bekehrungsszene die Stelle "Ah! qui m'inspirera des dicours embrasés", die "avec un enthousiasme croissant" mündet in "à la vie éternelle" und die Umkehr der Thais auslöst. Wenn man da nicht schön singt, fehlt eine wichtige Motivation für Thais, sich zu bekehren, die ich mangels anderer Worte einmal "die Schönheit der Gnade" nennen will. Wenn Renée Fleming und Thomas Hampson in den Interviews immer betonten, wie fundamentalistisch und "heavy" Athanael rüberkommen muss, haben sie ein ziemlich einseitiges Bild der Rolle. Ich sehe hier einen Mann, der sich in einen religiösen Fanatismus flieht, weil er eben diese begehrte Frau nicht bekommen kann. Sein Begehren nach ihrem Körper verwandelt sich in ein Begehren nach ihrem Geist. Aber wie seine Liebe ist auch Athanaels Glauben oberflächlich, und er kann alle Glaubenssätze plötzlich über Bord werfen, wenn er seine Lust erfüllt haben will. Er ist nicht nur der gestrenge Mönch, er ist auch ein leidenschaftlicher Liebhaber! Und diese Widersprüche im Charakter muss man differenziert darstellen: die Nostalgie bei der Erinnerung an die Kindheit und in der Arie auf Alexandria, aber auch die plötzlichen Wutausbrüche, wenn der Fundi wieder durchkommt (in der selben Arie: "pour ta richesse [...] science [...] beauté je te hais"), aber auch eine gewisse leidenschaftliche Entrücktheit wie am Ende der nämlichen Arie ("Venez, anges du ciel, souffles de Dieu") oder während der Bekehrungsszene, dann wieder bloße Autorität... viele Facetten, denen Hampson stimmlich meines Erachtens nicht voll gerecht wurde.
    Thomas Hampson ist jedenfalls nicht zu schön für Athanael. Der ist ja kein alter ausgemergelter Asket, sondern ein junger hochbegabter Heißläufer, der noch nicht allzu lange im Kloster ist und jedenfalls körperlich von den Entbehrungen der Wüste noch nicht versehrt ist. Oder ist, was die Sklavinnen da beim Ankleiden singen "Il est jeune, il est beau! Ses yeux sont pleins de feu!" bloße Koketterie? Ich glaube nicht, da sie es beiseite singen. Athanael ist nun einmal der "jugendliche Liebhaber" dieser Oper! Und rasend eifersüchtig auf seinen einstigen Freund und nun Rivalen Nicias! Denn die Eros-Statuette zerbricht er erst, als Thais ihm sagt, dass sie von Nicias stammt (laut Libretto; in der Met-Inszenierung zerbricht er sie nicht, sondern gibt sie Thais zurück mit dem Befehl zur Zerstörung).


    Ich bin auch nach wie vor der Meinung, bei der Thais handelt es sich prinzipiell um einen lyrischen Koloratursopran, oder vielleicht einen lyrischen Sopran mit Koloratur, allerdings mit zwei Besonderheiten: die Partie hat innerhalb des Koloratursopranumfangs eine relativ tiefe Tessitura, und ein paar Stellen - viele sind es aber nicht - im zweiten Akt (besonders "Ah! Pitié! Ne me fais pas de mal! ... Je n'ai pas plus choisi mon sort que ma nature"), die man doch als dramatisch bezeichnen muss.
    Diese Besonderheiten ergaben sich wohl aus den spezifischen Eigenschaften der Sängerin der Uraufführung, Sybil Sanderson. Wenn ich mir dann noch die wesentlich höheren Anforderungen der ebenfalls für sie komponierten Esclarmonde (c'-g''') ansehe, war Madame Sanderson offensichtlich eine dramyrische Wagnersoubrette mit Koloratur (in den meisten Kritiken außerhalb Frankreichs wurde ihre Stimme übrigens als (zu) klein, zart und "white" beschrieben).


    Liebe Grüße,
    Martin

    Auch ich bin erst aus dem Kino nach Hause gekommen, genauso brandheiß! Allerdings teile ich größtenteils nicht die Meinung der Feenkönigin (das ist sonst nicht so meine Art). Eigentlich stimmen wir nur hinsichtlich Dirigat und Inszenierung genau überein. Insgesamt hat mir die Aufführung gut gefallen, ich kritisiere im folgenden also auf hohem Niveau.


    Hampson hat meiner Meinung nach die Partie zu dramatisch genommen - sie ist nicht ganz so dramatisch! - und war im dritten Akt, wo er endlich lyrisch war, stimmlich von der vielen Brüllerei vorher nicht mehr ganz frisch, leider! Ein bisschen mehr Zurückhaltung hätte dem asketischen Mönch durchaus gestanden, oder vielleicht besser gesagt: Hampson hat nicht das optimale Organ für die Rolle, kann nicht autoritär, aber dennoch (weitgehend) unangestrengt singen. (Ähnliches auch beim Palémon: für den hätte man eines Sarastro-Basses bedurft!)


    Renée Fleming war eine sehr gute Thais. Diesbezüglich muss ich mein gestriges Posting teilweise revidieren, denn sie schafft es gut, die vielen Nuancen der Massenet'schen Musik gesanglich umzusetzen. Und sie braucht offensichtlich das Publikum, um zur vollen Hochform aufzulaufen. Dazu noch die sensationelle Optik und diese prachtvollen Gewänder (wobei das letzte, obwohl wunderwunderschön eigentlich overdressed war und überhaupt die Schlussszene eigentümlich inszeniert - Thais bei lebendigem Leibe aufgebahrt?!).
    Aber: Eigentlich ist mir ihre Stimme schon zu schwer für die Thais. Das hat man etwa bei dem musikalisch zauberhaften "Qui te fait si sévère" gemerkt, dem es in ihrer Interpretation entschieden an Koketterie und Raffinesse mangelte (es war eher eine plumpe Anmache). Ihre Tiefe ist satt und volltönend (was mir prinzipiell gefiele), aber in der Klangfarbe zu sehr von ihren höheren Registern verschieden. Das macht bei dramatischen Stellen gar nichts, trübt aber den Genuss in den lyrischen Passagen schon ein bisschen, weil die Phrasierung dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird. Von einer Referenz-Thais ist sie leider auch weit entfernt (aber damit in guter Gesellschaft!), aber für eine ausgezeichnete Aufführung reicht es.
    (Was für ein Organ muss Sybil Sanderson, für die Massenet Thais und Esclarmonde [!] komponiert hat, gehabt haben, falls sie den lyrischen und den dramatischen Passagen gleichermaßen gerecht wurde! Zeitgenössische Kritiken äußern sich allerdings im Gegensatz zu Monsieur Massenet und einigen anderen Franzosen meistens eher distanziert über sie. verwirrt )


    Michael Schade als Nicias war darstellerisch und stimmlich absolut überzeugend (manchmal hätte auch er sich ein bisschen mehr zurücknehmen können). Seine Sklavinnen (@ FQ: die das Terzett sangen, das dir so gut gefallen hat und das ich dir übrigens vor längerer Zeit einmal zum Singen vorgeschlagen habe) haben mir auch ausgezeichnet gefallen.


    Die Inszenierung war zum Vergessen. Entweder sie war fad, oder sie war eigenartig (Finale des ersten und dritten Aktes). Außerdem konnte sich der Regisseur nicht entscheiden, in welcher Zeit er die Oper eigentlich spielen lassen wollte... Eigentlich hat er sich überhaupt nicht viel überlegt. Aber das Bühnenbild und besonders die Kostüme waren sehr nett anzusehen.


    Musikalisch gehört "Thais" m. E. zu Massenets besten Opern. Einen Mangel an potentiellen "Zug-Nummern" kann ich auch nicht konstatieren, nur sind halt nie welche daraus geworden. (Abgesehen von der Méditation, natürlich!) Aber Stücke wie "Qui te fait si sévère", das Duett in der Wüste und das erwähnte Sklavinnen-Terzett sind eigentlich ohrwurmhafter als alles, was die Manon so zu bieten hat. (Überhaupt kann ich die halbe Oper auswendig) Die große Arie der Thais "Dis-moi que je suis belle" ist wunderschön, aber muss sauschwer zu singen sein. Ich habe noch keine Sängerin gehört, die sie wirklich geknackt hätte.
    Ich hoffe, dass die Übertragung von der Met dieser zu Unrecht unbekannten Oper eine größere Fangemeinde gewonnen hat.


    Der Text, oder überhaupt die Handlung, ist ja auch sehr interessant: der Stoff stammt von Hrotsvit von Gandersheim, der ersten bekannten deutschen Dichterin (wenngleich sie lateinisch schrieb), die christliche Dramen schrieb, mit dem Ziel, die unzüchtigen antiken Komödien als Schullektüre zu ersetzen. Die unmittelbare Vorlage für Massenets Librettisten war dann Anatole Frances Satire, wobei Massenet die Geschichte eher im Sinne Hrotsvits ernst nimmt. Man sieht so schön die Diskrepanz im spirituellen Weg zweier Personen: während Thais sich zuerst ganz der Sünde hingegeben hat, gibt sie sich dann ganz Gott hin. Ihre Bekehrung, ihr Glaube ist ehrlich und tiefempfunden, und ihre Gefühle sind wahr. Anders Athanael: der glaubt nicht mit dem Herzen, sondern mit Geboten und Verboten, die er dann plötzlich über den Haufen werfen kann und als Lügen zur Seite wischen. Der ist immer nur an der Oberfläche, die ihm schon als Jugendlicher an Thais gefallen hat, geblieben.


    Glücklicherweise wurde die Méditation in der Originalversion mit Summchor gespielt und das nachträglich dazukomponierte Ballett, das die zweite Szene des zweiten Aktes um eine Viertelstunde künstlich verlängert, weggelassen.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Auch ich bin erst aus dem Kino nach Hause gekommen, genauso brandheiß! Allerdings teile ich größtenteils nicht die Meinung der Feenkönigin (das ist sonst nicht so meine Art). Eigentlich stimmen wir nur hinsichtlich Dirigat und Inszenierung genau überein. Insgesamt hat mir die Aufführung gut gefallen, ich kritisiere im folgenden also auf hohem Niveau.


    Hampson hat meiner Meinung nach die Partie zu dramatisch genommen - sie ist nicht ganz so dramatisch! - und war im dritten Akt, wo er endlich lyrisch war, stimmlich von der vielen Brüllerei vorher nicht mehr ganz frisch, leider! Ein bisschen mehr Zurückhaltung hätte dem asketischen Mönch durchaus gestanden, oder vielleicht besser gesagt: Hampson hat nicht das optimale Organ für die Rolle, kann nicht autoritär, aber dennoch (weitgehend) unangestrengt singen. (Ähnliches auch beim Palémon: für den hätte man eines Sarastro-Basses bedurft!)


    Renée Fleming war eine sehr gute Thais. Diesbezüglich muss ich mein gestriges Posting teilweise revidieren, denn sie schafft es gut, die vielen Nuancen der Massenet'schen Musik gesanglich umzusetzen. Und sie braucht offensichtlich das Publikum, um zur vollen Hochform aufzulaufen. Dazu noch die sensationelle Optik und diese prachtvollen Gewänder (wobei das letzte, obwohl wunderwunderschön eigentlich overdressed war und überhaupt die Schlussszene eigentümlich inszeniert - Thais bei lebendigem Leibe aufgebahrt?!).
    Aber: Eigentlich ist mir ihre Stimme schon zu schwer für die Thais. Das hat man etwa bei dem musikalisch zauberhaften "Qui te fait si sévère" gemerkt, dem es in ihrer Interpretation entschieden an Koketterie und Raffinesse mangelte (es war eher eine plumpe Anmache). Ihre Tiefe ist satt und volltönend (was mir prinzipiell gefiele), aber in der Klangfarbe zu sehr von ihren höheren Registern verschieden. Das macht bei dramatischen Stellen gar nichts, trübt aber den Genuss in den lyrischen Passagen schon ein bisschen, weil die Phrasierung dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird. Von einer Referenz-Thais ist sie leider auch weit entfernt (aber damit in guter Gesellschaft!), aber für eine ausgezeichnete Aufführung reicht es.
    (Was für ein Organ muss Sybil Sanderson, für die Massenet Thais und Esclarmonde [!] komponiert hat, gehabt haben, falls sie den lyrischen und den dramatischen Passagen gleichermaßen gerecht wurde! Zeitgenössische Kritiken äußern sich allerdings im Gegensatz zu Monsieur Massenet und einigen anderen Franzosen meistens eher distanziert über sie. ?( )


    Michael Schade als Nicias war darstellerisch und stimmlich absolut überzeugend (manchmal hätte auch er sich ein bisschen mehr zurücknehmen können). Seine Sklavinnen (@ FQ: die das Terzett sangen, das dir so gut gefallen hat und das ich dir übrigens vor längerer Zeit einmal zum Singen vorgeschlagen habe) haben mir auch ausgezeichnet gefallen.


    Die Inszenierung war zum Vergessen. Entweder sie war fad, oder sie war eigenartig (Finale des ersten und dritten Aktes). Außerdem konnte sich der Regisseur nicht entscheiden, in welcher Zeit er die Oper eigentlich spielen lassen wollte... Eigentlich hat er sich überhaupt nicht viel überlegt. Aber das Bühnenbild und besonders die Kostüme waren sehr nett anzusehen.


    Musikalisch gehört "Thais" m. E. zu Massenets besten Opern. Einen Mangel an potentiellen "Zug-Nummern" kann ich auch nicht konstatieren, nur sind halt nie welche daraus geworden. (Abgesehen von der Méditation, natürlich!) Aber Stücke wie "Qui te fait si sévère", das Duett in der Wüste und das erwähnte Sklavinnen-Terzett sind eigentlich ohrwurmhafter als alles, was die Manon so zu bieten hat. (Überhaupt kann ich die halbe Oper auswendig) Die große Arie der Thais "Dis-moi que je suis belle" ist wunderschön, aber muss sauschwer zu singen sein. Ich habe noch keine Sängerin gehört, die sie wirklich geknackt hätte.
    Ich hoffe, dass die Übertragung von der Met dieser zu Unrecht unbekannten Oper eine größere Fangemeinde gewonnen hat.


    Der Text, oder überhaupt die Handlung, ist ja auch sehr interessant: der Stoff stammt von Hrotsvit von Gandersheim, der ersten bekannten deutschen Dichterin (wenngleich sie lateinisch schrieb), die christliche Dramen schrieb, mit dem Ziel, die unzüchtigen antiken Komödien als Schullektüre zu ersetzen. Die unmittelbare Vorlage für Massenets Librettisten war dann Anatole Frances Satire, wobei Massenet die Geschichte eher im Sinne Hrotsvits ernst nimmt. Man sieht so schön die Diskrepanz im spirituellen Weg zweier Personen: während Thais sich zuerst ganz der Sünde hingegeben hat, gibt sie sich dann ganz Gott hin. Ihre Bekehrung, ihr Glaube ist ehrlich und tiefempfunden, und ihre Gefühle sind wahr. Anders Athanael: der glaubt nicht mit dem Herzen, sondern mit Geboten und Verboten, die er dann plötzlich über den Haufen werfen kann und als Lügen zur Seite wischen. Der ist immer nur an der Oberfläche, die ihm schon als Jugendlicher an Thais gefallen hat, geblieben.


    Glücklicherweise wurde die Méditation in der Originalversion mit Summchor gespielt und das nachträglich dazukomponierte Ballett, das die zweite Szene des zweiten Aktes um eine Viertelstunde künstlich verlängert, weggelassen.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von Harald Kral
    Insgesamt listet Ommer 19 Gesamtaufnahmen, selbst kenne ich davon auch nur wenige. Neben den beiden Sills-Aufnahmen (einmal der Mitschnitt aus der MET und zum anderen die entsprechende Platteneinspielung aus London) beeindruckte mich am meisten die RCA-Plattenaufnahme mit Anna Moffo. Gabriel Bacquier singt einen gepflegten Athanael, der junge Carreras als Nicias ist ordentlich und Dirigent Julius Rudel hat ein gutes Gespür für Massenets Musik. Die Moffo entspricht exakt dem Typ der altägyptischen Hetäre, die Martin so schön beschrieben hat!


    Die Moffo-Aufnahme tät mich auch interessieren, aber die ist im Moment vergriffen. (Und wird angeblich nicht neu aufgelegt, um den Umsatz der Neuaufnahme nicht zu gefährden)


    In ein paar Ausschnitte der Fleming'schen Thais habe ich jetzt hineingehört, morgen werde ich ja die ganze Partie erleben können - die Stimme ist ja wunderschön, aber an die Expressivität und Emotionalität von Beverly Sills reicht Fleming in diesen Ausschnitten nicht ansatzweise heran. Die hohen Töne der Sills sind zwar absolut unästhetisch, und über das teilweise ziemlich extreme Vibrato bin ich auch schon hergezogen, aber dafür sind die Gefühle und ist die Charakterzeichnung echt, packend, mitreißend.
    Mir geht es allerdings mit vielen zeitgenössischen Sängerinnen so wie mit Fleming: schön ja, aber berührend nein. Es gibt allerdings viele, die die Töne noch wesentlich unbeteiligter herunternudeln als Fleming. Vielleicht braucht man bei ihr das Gesamterlebnis mit Optik.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Patricia Petibon ist stimmlich wahrscheinlich(noch) etwas zu leichtgewichtig für diese Rolle und das nicht nur stimmlich, scheint mir.


    :hahahaha:
    Man muss ja französische Opern nicht unbedingt amerikanisch anlegen... :D [SIZE=7](außer in Amerika)[/SIZE]


    Patricia Petibon sollte zwar vielleicht noch ein paar Jahre warten, aber so, wie sie sich derzeit entwickelt, halte ich die Thais dann für stimmlich durchaus möglich. Wie gesagt, meine Bedenken beziehen sich besonders auf den zweiten Akt, erstes Bild. Ihre Figur wird natürlich einer historisierenden Inszenierung im Weg stehen, da man sie unmöglich als original-wollüstige original-ägyptische Hetäre des 4. nachchristlichen Jahrhunderts verkaufen kann (zumindest sieht sie nicht so aus, wie man sich sowas heutzutage vorstellt), aber fürs Regietheater sollte es reichen. :D Es schadet ja der Durchdringung des Stoffes nicht prinzipiell, wenn moderne (wenngleich fragwürdige) Schönheitsideale angesprochen werden, statt antiken, die auf die Mehrheit der heutigen Zuschauer möglicherweise antiquiert wirken könnten.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Auf diesen Thread hatte ich schon vergessen... :faint: Ich wusste gar nicht mehr, dass ich den einmal gestartet habe!


    Nun, morgen habe ich ja Gelegenheit, Renée Fleming liveübertragen zu hören.
    @ Jacques: Danke auch für die Links. Ich hab allerdings noch nicht reingehört. =)


    Zitat

    Original von Jacques Rideamus
    PS: Ja, Patricia Petibon wäre in der Rolle bestimmt vortrefflich. Mindestens in dem Pappano-WERTHER hat sie ja schon bewiesen, dass sie mit Massenets Tonprache gut zurecht kommt. Allerdings stellt die Partie der Sophie dort ganz andere Anforderungen.


    Das stimmt, da wäre die Einschätzung der Feenkönigin interessant, inwieweit die Thais eine dramatische oder Spinto-Rolle sei. Im ersten und dritten Akt würde ich sagen: nein, nur lyrischer Sopran mit Koloratur. Aber im zweiten Akt hören wir ja mehr ein Duell als ein Duett zwischen Thais und Athanael, und da wären einige dramatische Reserven möglicherweise durchaus notwendig. (Allerdings hat Patricia Petibon gerade wieder bei ihrem neuen Recital bewiesen, dass sie die eh hat, wenn sie's braucht.)


    Liebe Grüße,
    Martin

    Am Samstag folgt die Thais von der Met. Ich werde sie mir auf alle Fälle anschauen, denn sie gehört zu jenen Opern, bei denen die musikalische Qualität :jubel: die Anzahl der Aufführungen um ein Vielfaches übersteigt - und ich weiß nicht, wann mir die nächste Chance gegeben sein wird, sie zu sehen.
    Wer geht noch hin?


    :hello: Martin

    Zitat

    Original von Pylades
    Musikalisch ist die Rolle Philipps geprägt von dunklen Klangfarben, die allerdings vielfältig schimmern und irisieren. Von „Klangfarben“ kann man bei der Partie des Großinquisitors hingegen kaum reden, was diese Rolle braucht, ist „Schwärze“ und sonst nichts. Was nicht zu dem Irrtum verleiten darf, dass diese Partei „leicht“ zu bewältigen sei, im Gegenteil: der Sänger des Großinquisitors darf nicht jugendlich klingen, aber auch nicht „alt“ im Sinne irgend einer Schwäche. Er muss im Streit mit Philipp auch stimmlich die Oberhand behalten – was nicht einfach ist, wenn man bedenkt, dass Philipp meist von einem großen Star gesungen wird, der Sänger des Großinquisitors aber oft ein „Comprimario“ ist. Rafael Kubelik sagte einmal in einem Interview über die Partie des Komtur in Don Giovanni, sie müsse gesungen werden wie ein großer, schwerer Balken, der in das Theater rage – für die des Großinquisitors gilt das auch.


    Da bin ich nicht ganz deiner Meinung: Der Sänger des Großinquisitors darf auf keinen Fall jugendlich klingen, aber ich stelle es mir sehr apart vor, wenn er stimmlich deutlich über seinen Zenit hinaus ist. Er muss allerdings mit schauspielerischer und stimmlicher Autorität aufwarten können, das schon. Aber er darf ruhig grob, ohne Agilität, mit Mühe, hässlich singen, um diese Rolle auszuloten - und dafür brauche ich keinen Star, oder nur einen ehemaligen.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von pbrixius
    Orpheus. Eurydike. Hermes


    [...]


    :jubel: :jubel: :jubel:
    Ich liebe dieses Gedicht!
    (Besonders die Rolle, die dem Hermes Psychopompos zugedacht wird, ist originell und gut.)
    Ich glaube aber nicht, dass Orpheus sich hier absichtlich umwendet. Wir werden nur nicht über seine psychische Situation im Moment des Abwendens informiert, weil das Auge des Dichters längst auf Eurydike und Hermes übergeglitten ist. Und an ihr stellt er natürlich sehr die Entfremdung heraus, aber ob das für Orpheus auch gilt? - der wird zuvor doch anders charakterisiert.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von Walter Heggendorn
    Haben weniger ebenmässig ausgestattete MusikerInnen weniger Chancen auf dem Markt, oder sind begabte MusikerInnen gerade dank ihren Begabten-Genen auch aussehensmässig auf der harmonischeren Seite?


    Die alten Griechen hätten gesagt: Ja. Im Altgriechischen gibt es lange, bis zum Aufkommen der ethischen Philosophie/Sophistik, keine Trennung zwischen äußeren und inneren, ästhetischen und ethischen Werten (und auch dann wurde sie nur halbherzig durchgeführt). Das Adjektiv "kalós" heißt schön und gut. Jemand, der außen schön ist, sei auch innen schön und vice versa. (Eine sehr frühe Ausnahme ist mir bekannt: das Fragment von Sappho - die ja auch eine literarische Ausnahmeerscheinung ist! -: "Denn der Schöne (kalós) ist, insoweit man ihn betrachtet, schön, der Anständige (agathós) aber wird sogleich auch schön sein.")
    Und immerhin wurde es noch einer Charlotte Bronte 1848 von der Kritik vorgeworfen, dass ihre Protagonisten in "Jane Eyre" als unterdurchschnittlich gutaussehend beschrieben werden - ein Held hat also schön zu sein.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von severina
    Was Rock/Sakko betrifft: Mein 82jähriger Vater fragt immer noch: "Soll ich einen Rock anziehen?" womit er bei den Kindern meines Cousins immer Kichern auslöst. (Sie stellen sich wohl meinen Vater im schicken Mini vor :D )


    Nicht nur dein 82jähriger Vater, auch dein 19jähriger Tamino-Kollege, der als Sakko ein Einzelteil, das er etwa zu Jeans anzieht, bezeichnet, das obere Kleidungsstück eines Anzugs aber als Rock (analog die Verwendung innerhalb seiner Familie).
    Ich hab aber keine Ahnung, wie das die Sprechergemeinschaft sieht, ich glaube, im allgemeinen Gebrauch sind es deckungsgleiche Synonyme, so dass meine Sprachverwendung hier von der Norm abweicht.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Liebe Severina, der "normale" Sprachgebrauch scheint sich in Österreich wirklich gazn erheblich von dem in Deutschland zu unterscheiden und ich bin bass erstaunt! "Sommerfrische" wird hier nur noch Urlaub oder Ferien genannt und ist ein durch und durch altmodischer Begriff, das Gleiche gilt leider für Labsal!
    Dass du/ihr solche Worte noch im Alltag im Munde führst, wäre fast ein Grund nach Wien auszuwandern!


    Liebe Mitzi,
    es kommt allerdings leider auch in Österreich darauf an, mit wem man gerade parliert. Ich studiere Altgriechisch und Latein, und da kennen alle altmodische Begriffe und verwenden sie vorzüglich, um dem Aussterben abzuhelfen. Auch jene, die ein Klassikforum frequentieren, dürften sich überwiegend eines reichen Wortschatzes erfreuen und ihn auch gerne anwenden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob eine Umfrage unter österreichischen Kfz-Mechanikern in sprachlicher Hinsicht reine Labsal wäre und Kleinodien in signifikanter Anzahl zu Tage förderte. (nicht, dass ich etwas gegen Mechaniker hätte!)



    "Holde" hat auch in meinem Sprachgebrauch einen zart ironischen - aber nicht bösartigen - Unterton. Ich sage aber selten zu einer Dame "meine Holde", verwende das Wort vielmehr, wenn ich über die Holden anderer Herren spreche.


    Mit dem Konkretum verschwindet leider zunehmend das Wort, eines meiner heimlichen Lieblinge: die (Holz-)Tram (Sg., eher ungebräuchlich, der Tram), die in vielen alten Häusern noch an der Decke sichtbar sind. Ich glaube, den Begriff kennen zumeist nur noch Leute, die Tram ihr Eigen nennen, aber nicht das durchschnittliche moderne Wohnungskind. (Zumindest muss ich mich regelmäßig erklären, wenn ich wieder irgendwo die schönen alten Tram bewundere.)
    Etwas völlig anderes ist die Tram, die in Graz nach wie vor gesund und munter und zumeist fahrplanmäßig verkehrt.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von Brangäne
    Ja, Severina, da hast du sichtlich recht! Just uns hinterwäldlerischen österreichischen Taminos kommt keines der Wörter gefährdet vor. Oder sind nur wir hier im Forum so konservative Typen? Sind wir hier allesamt womöglich so alt? Selber vom aussterben bedroht? ;(


    Ich bin tatsächlich der empirisch begründeten Meinung, dass Österreich in der sprachlichen Entwicklung "hinterherhinkt", gestehe aber, nicht gänzlich unerfreut zu sein, dass sich wenigstens bei uns noch schöne alte Wörter - mit unterschiedlichem Erfolg, sicherlich! - halten können. :]
    Im passiven Wortschatz habe ich sämtliche hier genannten Wörter, aktiv verwende ich zugegebenermaßen nicht alle. (Nur wenige vor allem von den aus dem Jiddischen und Tschechischen kommenden Vokabeln, die in Wien sicher lebendiger sind als in der Steiermark. Zwutschkerln, Zniachtln und Konsorten gibts aber auch in Graz! Und um die Trafiken braucht man sich in sprachlicher Hinsicht keine Sorgen zu machen. Aber der Feber ist wohl nicht mehr lange am Leben zu erhalten, und das nur mit ärztlicher Hilfe.)


    Liebe Grüße,
    Martin

    Lieber arimantas,


    ich habe nicht aus Missachtung deines Beitrags so lange nicht geantwortet, sondern aus Zeitmangel. Zeit habe ich noch immer keine, aber derzeit keine Lust, das zu tun, was ich tun sollte... :rolleyes: Ich hoffe jedenfalls, dass du von der mangelnden Reaktion nicht entmutigt bist und weiterhin deine Erkenntnisse hier postest, wenn du weitere Arien angehört hast!


    Zitat

    Original von arimantas
    Ich teile die Bewunderung für Petibons Leistung von Martin und Fairy Queen, die mit Recht hervorhebt, daß Patricia Petibon dieses wunderbare Stück überhaupt eingespielt hat. - Der Umstand, daß dies sonst keine andere Sängerin in einem Recital realisiert hat, machte den Vergleich über diverse Gesamtaufnahmen relativ mühselig. – Dennoch habe ich mit der Einspielung ein Problem, zugegeben ein Luxusproblem. Betrachtet man "L'ho perduta... me meschina!" nur für sich, sozusagen als einzelnes Bravourstück so demonstriert Petibon größte Kunstfertigkeit, stellt allerdings man diese Kunstfertigkeit in den textlichen Zusammenhang, so frage ich mich, ob nicht eine Überinterpretation vorliegt: Solch ein wunderbares Lamento um eine Nadel.


    Gut, diese Nadel hat es in sich, und wir wissen, daß Barbarina vielleicht mehr sucht als eine Nadel. Aber Barbarina versinkt bei Petibon in ihrer Traurigkeit, so daß das drängende Element des Suchens untergeht. Dazu trägt vor allem der Umstand bei, daß das Stück extrem langsam gespielt wird, die langsamste Fassung, die ich kenne. Natürlich kann man dann jede Phrase auskosten, obwohl sich die Streicher mit ziemlich mechanischen Schwelltönen allzu sehr in den Vordergrund drängen.
    [...]
    Wie gesagt, ich habe ein Luxusproblem. Ich denke es ist legitim, in einem Recital, das aus der Musik rauszuholen, was Effekt macht und dem Sänger Geltung verschafft. Dennoch würde ich in einer Gesamtaufnahme, im Kontext der Szene, Einwände erheben. Zum Beispiel, Mozart bringt in gewisser Weise die Kavatine mit dem zweiten „cosa“ zum Höhepunkt, Petibon betont diesen mit einer Verzierung – meines Erachtens eine zwar effektvolle aber dennoch unangemessene Überbetonung. Das wirkt wie ein Abschluß, was nicht der Fall ist, denn Barbarina wird von Figaro nur unterbrochen.


    Ich spiele hier also einmal advocatus petibonis, obwohl deine Beobachtung nicht unrichtig ist:
    Zunächst geht es ja wirklich nicht nur um die Nadel. Um eine Nadel müsste man eigentlich gar kein Lamento machen. Barbarina könnte sich aus ihrem Handarbeitsköfferchen eine neue Nadel nehmen und die Susanna überbringen. Ich halte dieses musikalische Kleinod (:D) daher für dramaturgisch wesentlich beziehungsreicher: in ihm drückt sich nicht in erster Linie der Schmerz Barbarinas aus, sondern es hat mehr eine atmosphärische Bedeutung und führt die Arie der Gräfin "Dove sono i bei momenti" unmittelbar fort: und wo dort noble, stille Nostalgie und zarte Traurigkeit war, ist hier ungestüme Klage, wie sie die Contessa nach außen nicht mehr führt. Es ist ein wunderbares Lamento!


    Das zweite aber, was schwerer wiegt, ist, dass ich davon überzeugt bin, dass die Petibon sehr wohl wusste, dass sie hier ein Recital aufnimmt und keine Gesamtaufnahme (das wusste sie hörbar schon bei ihrem letzten Recital!) - dass sie bewusst nicht so gesungen hat, dass man das Ergebnis mühelos einer Gesamtaufnahme eingliedern hätte können - dass sie absichtlich die ganze Geschichte der Figur jeweils in die eine ausgewählte Arie packt, weil sie ja keine andere Gelegenheit hat, die Entwicklung, die sich sonst im Laufe der gesamten Oper abspielt, dem Hörer dieses Recitals vor Ohren zu führen - dass sie speziell bei dieser Arie auch versucht hat, sie zu einem autonom klingenden Ende zu führen, weil sie keinen Figaro hat, der sie unterbricht. Sie will den Abschluss in diesem Recital, damit die Arie nicht "unfertig" wirkt. Und ich bin auch überzeugt, und werde in dieser Überzeugung auch von Petibons bisherigen Gesamtaufnahmen bestärkt, dass sie in einer nämlichen die Arie ganz anders angelegt hätte, nämlich so, dass sie sich in die Aufnahme nahtlos einfügt, und wie du es gerne hättest.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von Fairy Queen
    Lieber Philhellenne, warum kann man nicht Beides miteinander organisch verbinden- das alte Bewahrenswerte und das Neue?


    Zitat

    Original von diotima
    Mein Mann, ein waschechter Brite, wunderte sich schon oft genug über so manches Wischi-Waschi-Denglisch, wie z. B. "Handy", "Wellness" oder "gedownloaded", mit dem auch seine Geschwister nichts anfangen können. :no:


    Der absolute Sprachirrsin bot sich vor wenigen Tagen auf einem Handzettel einer angesehenen Gastronomie mit folgenden Angeboten:" Meet and eat", sowie "Dance- and Gourmet-Night mit flying Buffet" und "Gänse to go"! :faint:
    Nun, jeder blamiert sich so gut wie er kann!


    Ich plädiere unbedingt für den Schutz und Erhalt unserer so reichen Muttersprache, mit deren Wortschatz sich jeder unmissverständlich ausdrücken kann, damit es erst gar nicht zu solch aberwitzigen Wortsalat kommt.


    Ich bin tatsächlich der Meinung, dass Fremd- und Lehnwörter legitim sind, denn Sprache sollte ja wirklich nicht zum Museum erstarren und ist tatsächlich lebendig. Aber nicht wahllos und weil halt ein etwas eigentümlicher denglischer Mischmasch so cool klingt! Dort, wo es unserer Sprache an Ausdrucksmöglichkeiten fehlt, dort sollte man freizügig importieren, was man benötigt - wissenschaftliche Termini etwa, oder vieles in der Computertechnik. Aber wozu etwa "Gourmet-Night" statt "Gourmet-Nacht"? Weil das eine großartige Bereicherung unserer Muttersprache darstellt? :rolleyes:
    (Und was das "Sinn machen" betrifft, so bin ich hartnäckig der Meinung, dass es einfach eine sachlich falsche Aussage ist. Sinn kann nicht gemacht werden, der wohnt inne oder nicht!)


    Liebe Grüße,
    Martin

    Ich wage mich ganz kühn versuchsweise mit einer natürlich sehr angreifbaren 10er-Liste vor - alles, was so reduziert ist, ist zwangsläufig angreifbar, weil wir hier ja schon ein Niveau haben, bei dem es sehr schwierig ist, Wertungen vorzunehmen:
    (in zufälliger Reihenfolge)


    Henrik Ibsen
    Anton Tschechow
    Georg Büchner
    Charles Baudelaire
    Heinrich Heine
    Fjodor Dostojewski
    Emily Bronte
    Theodor Fontane
    Edgar Allan Poe
    Gustave Flaubert


    Schweren Herzens nicht dabei sind z. B. Theodor Storm, Marie von Ebner-Eschenbach, Annette von Droste-Hülshoff, C. F. Meyer, Clemens Brentano, die neben anderen der begrenzten Anzahl und der Einbeziehung internationaler Autoren zum Opfer gefallen sind. Auch bei den Russen und den Engländern ist mir um einige leid, und ich gestehe, dass ich mir bei den Franzosen nur deshalb weniger schwer getan habe, weil ich mich dort weniger gut auskenne.
    Arthur Schnitzler wäre unbedingt dabeigewesen, zöge ich nicht vor, ihn in das 20. Jh. zu stecken, weil einige wichtige Werke wie "Das weite Land", "Fräulein Else", "Traumnovelle" eindeutig in jenem geschrieben sind, und "Anatol" (1893), "Reigen" (1897) und "Lieutenant Gustl" (1900) ihm zeitlich und ästhetisch sehr nahe kommen.


    Liebe Grüße,
    Martin
    :untertauch:

    Am Grazer Schauspielhaus wird derzeit "Baumeister Solness" gegeben, mit Peter Simonischek in der Titelrolle und der blutjungen Verena Lercher als blutjunge Hilde - großartig und nur zu empfehlen! (Die überragende Qualität des Dramas, der Darsteller und der Inszenierung hat sich allerdings schon so herumgesprochen, dass es höchstens noch Restkarten gibt, wenn meine Informationen zutreffen)
    Nachdem ich am Mittwoch die Vorstellung genossen habe, habe ich auch zu Hause wieder nachgelesen und sehe mich gezwungen, meine obige Darstellung genialer Ibsen-Stücke um ein weiteres zu ergänzen.


    "Baumeister Solness" [1892] ist das erste Stück, das Ibsen nach seiner Rückkehr nach Norwegen verfasst. Es wird unter anderem mit drei Vorträgen des jungen Knut Hamsun assoziiert, in denen dieser öffentlich die "alten norwegischen Schriftsteller" angriff und zerpflückte - Ibsen gibt im Stück vielleicht eine Art Antwort.
    Viel auffallender sind aber meiner Meinung nach die Ähnlichkeiten mit den beiden vorangegangenen Dramen "Die Frau vom Meer" und "Hedda Gabler". Hilde Wangel spielt in ersterer noch eine Nebenrolle, ist die jugendlich-stürmische, auch pubertierende Tochter des Protagonisten und Stieftochter der Titelheldin. In "Baumeister Solness" ist sie ein paar Jahre älter, aber nicht minder stürmisch, und hat die Hauptrolle inne: Sie kommt zum alternden Baumeister Solness, weil dieser vor zehn Jahren in ihrem Heimatdorf die Kirche erbaut und dem Turm beim Richtfest den Kranz aufgesetzt hat. Beim anschließenden Fest habe er ihr "ein Königreich" versprochen. Dieses Königreich fordert sie nun ein. Hilde Wangel dringt in das Haus des Ehepaars Solness ein wie ein mythisches Naturwesen, wie Ellida in der "Frau vom Meer", bricht als Fremde ein in die heile Welt wie der Seemann dortselbst und beharrt auch, wie er, auf dem einmal gegebenen (oder vielleicht auch nicht gegebenen; Ibsen lässt die Möglichkeit bestehen, dass Hilde dreist lügt) Versprechen. Gleichzeitig ist sie aber skrupellos wie Hedda Gabler; begierig darauf, Macht über Menschen auszuüben, Menschen zu manipulieren, Menschen zu veranlassen, sich auf ihr Wort hin zugrundezurichten. Aber anders als Hedda tut sie das nicht zum eigenen Vorteil, sondern, wie Salome, zur eigenen Lust, eben als mythischer "Troll", der jenseits aller Moral steht, weder moralisch noch unmoralisch in seinen Handlungen. Unbedingte Empfehlung!


    Liebe Grüße,
    Martin


    Das Wort ist mir bisher nur bei einer meiner zugegebenermaßen etwas perversen Freizeitaktivitäten untergekommen: beim Lesen etymologischer Wörterbücher ohne Anlass in alphabetischer Reihenfolge. Demnach wäre es im 17. Jh. aus dem französischen "bleu mourant" entlehnt worden und bezöge sich auf das "schwarz vor Augen werden".


    Was "unmuster(n)" betrifft, so war es allerdings offensichtlich auch schriftsprachlich nie voll eingebürgert, wie Grimm weiß...


    Man mag mir ja vorwerfen, erzkonservativ zu sein, und mich belehren, Sprache sei etwas Lebendiges und vom Wesen her der Veränderung unterworfen, aber ich finde mich dennoch mit dem Aussterben von Wörtern ungern ab und will eigentlich nicht, dass so viele schöne Wörter und vor allem Möglichkeiten Nuancen auszudrücken dem Deutschen verloren gehen. Daher versuche ich doch, bisweilen augenscheinlich veraltende Wörter meinen sprachlichen Ergüssen einzuflechten und mit gutem sprachpflegerischen Beispiel voranzugehen.
    Ähnlich kritisch sehe ich einige sprachliche Veränderungen, die nicht direkt das Vokabular betreffen, sondern Kollokationen und Grammatik: Das "Sinn machen" ist ja leider nicht mehr auszurotten, ich habe mittlerweile aufgegeben, dezente Hinweise zu streuen, da es selbst für Germanistik-Universitätsprofessoren die gängige Phrase ist, um auszusagen, dass etwas sinnvoll sei... :rolleyes:
    Immer häufiger lese und höre ich auch "erinnern" als transitives Verb, "ich erinnere dies oder jenes". (wohl ebenso wie das "Sinn machen" ein Anglizismus!) Ich erlaube mir hier einmal festzuhalten, dass es bis vor kurzem im Deutschen üblicherweise "sich an etwas erinnern" oder (gehoben) "sich dessen erinnern" geheißen hat. Diesbezüglich habe ich allerdings noch ein bisschen Hoffnung, da diese zweifelhafte Neuerung noch nicht stark nach Österreich übergeschwappt zu sein scheint, obschon sie sich in Deutschland offensichtlich bereits einiger Beliebtheit erfreut.
    Dann gibt es noch die starken Verben, die zunehmend vom Regelmaß infiziert und geschwächt werden: z. B. backen. Und schließlich, um wieder zum Thema zurückzukehren, gibt es auch viele regionale Ausdrücke, die einst tatsächlich auch standardsprachlich verwendet wurden und einiges zum Lokalkolorit verschiedener literarischer Werke beitragen - in den Zeiten der Massenmedien mit Einheitssprache geraten auch die zunehmend unter Druck. Schade um die Buntheit und Vielfalt, die nur notdürftig durch englische Fremdwörter ersetzt werden kann!


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von honigschlecker


    Auf einem Bein gestehe ich gerne zu. =) Musik ist halt keine Liteartur. Aber auch in der Musik gibt es doch gewissermaßen Wörter bzw. Wendungen mit einer vorgegebenen Bedeutung (Chromatik, Tonleitern, Akkorde, Tonwiederholungen). Die Töne sind allerdings bei weitem nicht so abhängig voneinander wie die Buchstaben in der Schrift, ok.


    Ich glaube, man kann Töne nicht mit Buchstaben gleichsetzen, sondern wenn, dann mit Wörtern. Denn ein einzelner Ton hat schon eine Bedeutung für sich, die ein einzelner Buchstabe nicht hat. Aber auch der Vergleich mit Wörtern hinkt, weil es nur zwölf Töne, aber Tausende von Wörtern gibt, so dass man die Zwölftontechnik nicht 1:1 auf die Literatur übertragen kann. Außerdem kann jeder Ton benachbart zu jedem anderen Ton stehen, was bei Wörtern höchstens im Lateinischen (und da nicht immer) der Fall ist, und auch gleichzeitig erklingen, was bei geschriebenem Text gar nicht möglich ist.


    :hello: Martin

    In chronologischer Reihenfolge:


    1501-1600 - 16. Jahrhundert
    1601-1700 - 17. Jahrhundert
    1701-1800 - 18. Jahrhundert
    1801-1900 - 19. Jahrhundert
    1901-2000 - 20. Jahrhundert


    :hello:

    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Lassen wir die entwicklungsgeschichtliche Komponente beiseite, so ist zumindest der "Freischütz" ein Inbegriff der deutschen Oper - mehr noch: Die deutsche Oper hat sich lange über den "Freischütz" definiert; zurecht - es ist ein Meisterwerk. Das wären auch "Euryanthe" und "Oberon", käme bei "Euryanthe" nicht ein katastrophaler Text dazu...


    Ich halte die "Euryanthe" für musikalisch eigentlich noch besser, und es ist für mich eines der größten Ärgernisse der Musikgeschichte, dass ausgerechnet Helmina von Chézy, die mit ihrem schauerlichen Stil wahrlich eine Galionsfigur der Schauerromantik darstellt, das Libretto dazu geschrieben hat... :wacky:
    Weber sollte auch m. E. unbedingt in der Liste bleiben! Die wesentlichen Argumente dafür wurden ja bereits genannt.


    :hello:

    Britten ist mittlerweile gottseidank in der Liste; sein Einfluss auf andere Komponisten mag ja nicht besonders groß sein, aber die Ernte, die er einfährt, beinhaltet doch so viele wichtige Stücke, dass man an ihm im 20. Jh. nicht vorbeikommt, insbesondere nicht, was die Vokalmusik betrifft.


    Ein wesentliches Lebenswerk hätte meines Erachtens auch Francis Poulenc vorzuweisen: die geistlichen und weltlichen a-cappella-Chöre, "Gloria", "Stabat mater" und die "Dialogues des Carmèlites" gehören ebenfalls zur herausragenden Vokalmusik des 20. Jh.s. Von den Instrumentalwerken würde ich besonders das "Konzert für zwei Klaviere" herausgreifen.


    Dafür könnte man meinetwegen ruhig Cage aus der Liste werfen und ihn stattdessen zum Fixstarter der noch zu kreierenden Liste "Die für die Musik des 20. Jahrhunderts wichtigsten Dichter, Bildenden Künstler und Pilzkundler" machen... :stumm:;)


    Liebe Grüße,
    Martin

    Und welche Aufnahmen würdet ihr empfehlen? Gerade bei den Wiener Walzern würde mich das interessieren (abseits der Neujahrskonzerte natürlich)! Ich habe das Gefühl, Wiener Walzer wird selten von namhaften Dirigenten aufgenommen, wieder mit Ausnahme der Neujahrskonzerte, und selbst bei diesen haben die Dirigenten der vergangenen Jahre meiner Meinung nach nur mäßige Interpretationen abgeliefert, abgesehen von Nikolaus Harnoncourt und vielleicht Georges Prêtre.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Als ich mir meine liebsten letzten Takte von Opern überlegte, fielen mir auch einige ein, die ich aus verschiedenen Gründen lieber anders oder bisweilen auch lieber gar nicht hätte. Um solche soll es in diesem Thread gehen.


    Bei mir zählen dazu:

    • Puccini, Suor Angelica (bei diesem Ende ist die Musik für mich noch unerträglicher als die Regieanweisungen, die man wenigstens durch radikales Regietheater außer Kraft setzen könnte!)
    • Massenet, Werther (zwischenzeitlich gefällt mir ja die Oper sehr gut, aber das Weihnachtslied der Kinder gefällt mir schon am Anfang nicht und wirkt am Ende etwas parodistisch)
    • Strauss, Rosenkavalier (ich weiß, dass viele genau gegenteiliger Meinung sind, aber ich finde, Strauss hätte nach dem Terzett aufhören sollen...)


    Liebe Grüße,
    Martin

    Meine Lieblingsanfänge:


    Janácek, Jenufa (mit dem wunderbar atmosphärischen, aber auch eine dramatische Funktion habenden Xylophongeklappere der Mühle; noch genialer finde ich übrigens das Zwischenspiel zum zweiten Akt!)
    Janácek, Aus einem Totenhaus (mit dieser herrlichen Melodie in den Violinen gleich zu Beginn!)
    Tschaikowski, Eugen Onegin
    Wagner, Götterdämmerung (und eigentlich die ganze Nornenszene)
    Bártok, Herzog Blaubarts Burg :jubel:


    :hello: Martin

    Ja, sie hat wirklich dramatische Farben dazugewonnen, was besonders bei der Königin der Nacht, der Zaide-Arie und den Gluck-Arien (Iphigenie und Armide) herauskommt. Die Arie "Tiger wetze nur die Klauen" aus Zaide habe ich in den vergangenen Tagen deshalb sehr oft gedreht, denn sie ist einfach genial gesungen!; und auch die anderen genannten Arien halte ich für referenzmäßig, inklusive natürlich dieser Barbarina der Superlative. :jubel:
    (Von den Arien der Barbarina, der Königin der Nacht und der Zaide kann man übrigens auf Patricias Homepages etwas längere Hörschnipsel genießen - aber Achtung: das Anhören könnte zum zwanghaften Ankauf führen!)


    Mit dieser (relativ; es waren auf der letzten CD "French Touch" ja schon Ansätze dieser Entwicklung zu spüren) neuen Dramatik und ihrem unbedingten Ausdruckswillen (man beachte etwa den hasserfüllten rauen Ton bei "kocht in meinem Herzen"!!!), dazu noch ihrer Wandlungsfähigkeit, die es zulässt, dass sich ihr Repertoire bei gleichbleibend hoher Qualität vom Barock bis in die Moderne erstreckt, halte ich Patricia Petibon eigentlich für der Dessay überlegen - die ich in ihrem Kernbereich natürlich dennoch sehr schätze, deren Stimmmaterial sogar ein bisschen schöner ist und die ich jederzeit ohne zu zögern unter die besten drei aktiven Sängerinnen zählen würde.
    Beiden großen französischen Sängerinnen: :jubel: :jubel: :jubel:


    Zu den Haydn-Arien ist es mir ein Bedürfnis, einen Nachtrag zu machen: Ausdrücklich ausnehmen möchte ich von der oben konstatierten latenten musikalischen Fadesse die ironisch-orientalisierende Arie "Salamelica, Semprugna cara" aus "Lo speziale". Die gehört zum Schönsten, was ich bisher von Haydn gehört habe und macht mir fast Lust auf das restliche Stück. :)


    Liebe Grüße,
    Martin

    Nun, ich persönlich halte die französische Gesangskunst, die mir sehr am Herzen liegt, bei den Damen derzeit eher für am aufsteigenden Ast. Die Talsohle war m. E. in den 80er Jahren, wo Régine Crespin, Janine Micheau, Victoria de los Ángeles etc. am Ende ihrer Karriere waren und Nachwuchs nicht in Sicht war. Jetzt haben wir mit Natalie Dessay eine überragende französische Belcanto-Sängerin :jubel:, mit Patricia Petibon eine überragende französische Allesinterpretin (und alles so gut und genial! Egal ob Barock, Klassik, Romantik, Moderne, überall überzeugend!) :jubel: :jubel: und verschiedenste exzellente französische Barocksängerinnen, von denen ich vielleicht nur Véronique Gens herausgreifen darf. Ein bisschen schwächelt die französische Gesangskunst zugegebenermaßen im Bizet-Massenet-Gounod-Segment, das zwischenzeitlich viel zu sehr der sängerischen Italianità anheimgefallen ist und noch immer gerne in italienischer Entstellung dargeboten wird. Man sollte die französischen Barocksängerinnen dazu verführen! Zumindest von Patricia Petibon wünsche ich mir nach ihrer CD "French Touch" wirklich ein paar Gesamtaufnahmen in dieser Richtung.
    (Es gibt übrigens auch sehr fähige französische Barocksänger; die könnten ihr Repertoire doch auch einmal ein bisschen ausweiten!)


    Liebe Grüße,
    Martin


    Seit heute besitze ich also diese schöne CD. Mit ihrem üblichen Engagement geht Patricia Petibon an die Marmorheroinen der Wiener Klassik heran und gibt ihnen ihre ursprüngliche bunte Bemalung zurück. ;) Besonders gelingt ihr das mit den Gluck- und Mozartarien, gegen die die Haydn-Arien meiner Meinung ja schon musikalisch abfallen. In KV 418 motiviert sie den Spitzenton durch ihre expressive Interpretation und setzt ihn wie einen Nadelstich in das seelische Universum der Arie. Ihre Königin der Nacht kocht wirklich und ist das hochdramatische Porträt einer Frau, die nur noch hassend lebt.
    Dagegen im scharfen Kontrast die wunderbare Barbarina-Arie, wo Patricia die selbe mädchenhafte Traurigkeit verströmt, die ich schon an ihrem "Adieu, notre petite table" bewundert und gerühmt habe. :jubel: Attacca, um die mögliche Entwicklung von Barbarinas Liebesleben anzudeuten, folgt das zärtliche "Deh vieni, non tardar". Ein weiteres phänomenales Highlight: "Tiger! Wetze nur die Klauen" aus Zaide. (übrigens auch stets perfektes Deutsch!)
    Und natürlich liegen ihr die Gluck-Arien: das verliebt-schwache "Venez, secondez mes désirs", und die seelischen Ausnahmezustände der Iphigenie "Non, cet affreux devoir... Je t'implore et je tremble", einem Musterbeispiel ihrer stimmlichen Nuancierungskunst, und der Armide in "Le perfide Renaud me fuit".
    Sie bemüht sich natürlich auch bei den Haydn-Arien redlich, kann aber für meine Ohren nicht allzu viel gegen deren einkomponierte Langeweile ausrichten. Diesbezüglich müsst ihr wohl auf ein objektiveres Urteil warten.


    Liebe Grüße,
    Martin