Beiträge von Philhellene

    Meiner bescheidenen Meinung nach ist es sowieso eine Unsitte, auch bei italienischer Oper, nach jeder Arie prinzipiell zu klatschen. Der Szenenapplaus sollte, finde ich, eigentlich besonders gut gelungenen Szenen vorbehalten sein, dort dann dafür ausführlich und begeistert! Was ich aber bei vielen Opernaufführungen immer wieder erlebe, ist, dass nach jeder Arie und nach allen irgendwie imposant endenden Stellen, selbst wenn es nur eine halbminütige instrumentale Überleitung ist, lustlos und sehr kurz, nur ein paar Sekunden lang applaudiert wird - gerade lang genug, um alle paar Minuten den musikalischen Ablauf zu stören. Sowas ist in meinen Augen eine Zumutung für jeden, der die Oper wirklich genießen will. :wacky: (Beispiel: im ersten Akt von "La Traviata" sechs Mal (!))
    Auch letztens im Konzert: Bei "Canto general" von Mikis Theodorakis wurde nicht nur nach jedem Satz, sondern auch innerhalb der Sätze in jede Generalpause applaudiert, auch wenn dort eigentlich die Spannung gehalten werden sollte... ;( Wahrscheinlich schlägt da die moderne Konzentrationsunfähigkeit durch, wonach Opern und Oratorien in gerade noch aufnehmbare Häppchen von fünf Minuten zerhackt werden müssen!
    Und was ich auch nicht mag, ist Applaus nach ariosen Passagen in durchkomponierten italienischen Opern, etwa nach "Nessun dorma", "E lucevan le stelle"... Da geht doch die Musik weiter! Applaudieren darf man meiner Meinung nach nur in Nummernopern, oder wenn es nach der Arie eine Generalpause gibt.


    Ich bin allerdings schon dafür, nach sehr gut gesungenen Arien die Sänger mit Szenenapplaus, der dann auch ruhig lang und ausgiebig sein darf, zu belohnen! Aber doch nicht ständig!


    Liebe Grüße,
    Martin


    Das Dirigat von Cluytens ist das aufregendste und vor allem auch farbigste Pelleas-Dirigat, das mir bislang untergekommen ist! (Boulez - in der Aufnahme mit Söderström - ist zwar gut, aber kühl; für die Mélisande dieser Einspielung gilt das nämliche)
    Victoria de los Ángeles, Gérard Souzay und auch Jacques Jansen sind die absolute Nonplusultra-Besetzung. :jubel:
    Mit dieser Aufnahme kommt genau die Langeweile, die (nicht nur?) in den "deutsch-österreichischen Köpfen" sitzt, jedenfalls nicht auf.


    Victoria de los Ángeles soll ja einmal gesagt haben, dass ihr die Mélisande die liebste Opernrolle sei.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Ja, gut 300 Jahre älter als das "klassische" Griechisch und auch noch ein spezifischer "epischer" Dialekt. Ich hätte da jetzt zwar auch kaum eine Chance mehr, aber zu Schulzeiten hatte man sich mit üblichem Schulkommentar, wo die schwierigeren und seltenen Formen erklärt wurden, relativ schnell dran gewöhnt. Man muß sich aber schon einarbeiten. Lyrik oder Tragödie ist jedenfalls oft noch deutlich schwieriger zu übersetzen gewesen.


    Liebe Philhellenen, :D


    es gibt ja eigentlich kein "Altgriechisch", also keine Standardsprache, sondern nur verschiedene Dialekte, wie Attisch, Ionisch, Äolisch, Dorisch, Arkadisch..., die allerdings gegenseitig verständlich waren. (Ich blende die hellenistische Koiné, die sehr wohl eine Standardsprache war, und in der z. B. das Neue Testament verfasst ist, vorerst aus)
    Homer, der nach derzeitigem Forschungsstand ungefähr um 730/720 v. Chr. anzusetzen ist, schreibt aber dennoch in einer Art Standardsprache, in einer Kunstsprache, die so nirgends gesprochen wurde. Homers Sprache geht vom Ionischen aus, verwendet aber auch viele äolische Elemente (was eines von vielen Indizien ist, dass Homer in Kleinasien anzusiedeln ist, wo die beiden Dialekte unmittelbar benachbart waren). Vielleicht war diese Sprachform schon vor Homer für das Epos verbindlich, nach Homer wurde sie es auf alle Fälle (vgl. Hesiod, frühgriechische Elegiker).


    Was die Lyrik betrifft, so handelt es sich dabei in der archaischen Zeit eigentlich um genuine Mundartdichtung. Die frühgriechischen Lyriker schreiben im lokalen Dialekt (siehe Sappho, Alkaios, Alkman...).
    Nachdem man sowohl in der Schule als auch auf der Uni hauptsächlich Attisch lernt, hat man bei der gesamten vorklassischen Dichtung (Attisch ist uns frühestens ab dem 5. Jh. überliefert, davor war Athen zu unbedeutend, um Kunst hervorzubringen) natürlich gewisse Umstellungsschwierigkeiten, man kann sich aber recht schnell einlesen. Ich habe eine besondere Vorliebe für die frühgriechische Lyrik und Elegie. Wirklich schwierig finde ich die Tragödie mit ihrer knappen Sprache und ihrem Hang zu Pronomina, wo sich der Sinn immer mehr aus der dazuzudenkenden Darstellung der Schauspieler als aus dem Text selbst ergibt... :rolleyes:


    Ich persönlich finde Schrotts Übersetzungen nicht schrottig - sie gehören m. E. zu den besten modernen -, die wissenschaftlichen Erläuterungen würde ich aber mit jener Vorsicht genießen, die Edwin oben ausgeführt hat.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von Ulrica
    Lieber Philhelene,


    auch eine "Altröhre" kann bei guter Ausbildung lyrisch singen. Hier gilt genauso wie für die anderen Lagen, dass nicht nur gebrüllt wird, sondern gerade bei großen Partien differnziert interpretiert werden soll. Was allerdings wenig berücksichtigt wird bei all diesen Beschreibungen, ist, dass wir auch Stimmfächer haben und das klassische Repertoire dies berückstichtigt.


    Das wollte ich auch gar nicht bestreiten, ich bezog mich mehr auf das Timbre: die etwas redselige, ammenhaft alle bemutternde alte Filipyevna ist bei helleren und leichteren Stimmen m. E. besser aufgehoben. Für die Larina würde ich dann einen sehr dunklen Mezzo vorschlagen, und die Olga ist etwas für die richtigen Altistinnen (weswegen, um zur konkreten Salzburger Aufführung zurückzukommen, Ekaterina Gubanowa hier meiner Meinung nach fehlbesetzt war).


    Zitat


    Das Arienrepertoire ist wirklich quantitativ kaum ausreichend. man muss sich eigentlich in den tieferen Mezzo - Bereich hineinbewegen, was allerdings nach entsprechendem Arbeiten an den Spitzentönen nachhaltig möglich ist. Es klingt halt vielleicht ein wenig ungewohnter.


    Ja, und dieses dünne Repertoire ist wirklich schade. Dazu kommt noch, dass das Barockrepertoire den Altistinnen zunehmend von den Countertenören streitig gemacht wird. Aber das Potenzial der weiblichen Altstimme wurde seitens den Komponisten eigentlich erst in der Moderne ausgeschöpft (mit einigen Vorläufern in der Romantik).
    Aus aktuellem Anlass (ich besuchte vorgestern ein Konzert): Im Canto general von Mikis Theodorakis wird eine echte Altstimme benötigt, die in acht der dreizehn Sätze sehr aktiv ist - leider nie Arien, sondern immer in Theodorakis-Manier mit einem quasi orchestral eingesetzten Chor im Hintergrund (manchmal auch im Vordergrund). Aber eine sehr dankbare und sehr schön zu gestaltende Partie, eine absolute Alt-Traumrolle - und wohl nicht ganz einfach zu singen.
    (Julia Schilinski, die vorgestern die Altsolistin war, war interpretatorisch mehr als überzeugend :jubel: , ich hätte mir allerdings manchen tiefen "Spitzenton" kräftiger gewünscht. Auf der Studioaufnahme unter Lukas Karytinos hingegen verströmt Alexandra Papadjiakou ihren voluminösen Wohlklang bis in die tiefsten Notengründe, man hat allerdings manchmal den Eindruck, sie wisse nicht, was sie gerade singt, ganz abgesehen von ihrer Spanischaussprache. :wacky: )


    Liebe Grüße,
    Martin

    Ich möchte die Hochzeit der Füchse aus Janáceks "Prihody lisky Bystrousky" nennen und besonders die auf der Bühne nicht mehr zu Ende vollzogene Hochzeit von Jenufa und Laca in "Její pastorkyna", ebenfalls von Leos Janácek. Letztere gehören zu den wenigen Paaren in der Operngeschichte, bei denen man wirklich weiß, dass das eine lange glückliche Ehe wird, wie ich sie auch Julia und Joschi wünsche, und die mit einem wunderbaren Schluss"duett" eingeleitet wird.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Liebe Theodora,


    ich finde Tchaikovskys Stimmlagenverteilung sehr sinnvoll; denn Stimmen werden im Alter sicher nicht tiefer, eher höher, was die Sprechlage angeht.
    Dass beim Singen im Alter die Höhe schwindet, ist wieder eine andere Sache (ich vermute, es nimmt die Elastizität der Stimmbänder ab, aber ich bin auf dem Gebiet auch absoluter Laie - falls es so ist, verringert sich auf alle Fälle auch die Tiefe!). Aber manche Sopranistinnen vergreifen sich mit zunehmendem Alter wegen mangelnder Höhe an Mezzopartien, nicht wegen besser entwickelter Tiefe (die bei derartigen Damen oft zweifelhaft ausfällt...)!


    Ich habe deshalb beim Salzburger "Onegin" letztes Jahr die Besetzung von Emma Sarkissjan als Filipjewna sehr gelobt, weil hier endlich einmal ein vernünftiges, Tchaikovskys Intentionen entsprechendes Stimmlagenkonzept vorlag: mit der Filipjewna als zweithellster Frauenstimme. Und siehe da: Der Charakter und die Musik der Nyanya blühen richtig auf, wenn sie nicht von einer Altröhre gesungen werden!
    (Ich bitte, das nicht als Statement gegen voluminöse Altstimmen, die ich an und für sich sehr schätze, aufzufassen, denn in anderen Partien sind sie, und zwar nur sie, genau richtig!)


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von pbrixius
    Für andere ist offensichtlich Beethoven schon zu viel des Abbildes dieser Welt, sie möchten weniger Spannung und schnellere Auflösung. Da will ich nicht hereinreden, sondern nur eine Anekdote zum Schluss beitragen:


    Als Mutter Bach die Ihrigen zum Mittagsmahle rief, da sie mit Vater Bach Unterricht hatten, sprang einer der Jungs mitten in der Kadenz auf und lief zum Tisch. Vater Bach blieb sinnend stehen, dann setzte er sich ans Instrument und führte die Kadenz zu Ende. Erst dann konnte nun auch er zu Tische gehen ...


    (frei nacherzählt)


    Auch ich als Hörer versuche, wenn nur irgendwie möglich, zu vermeiden, ein Musikstück vor seinem natürlichen Ende abzubrechen - gerade bei tonaler Musik, weil das Nichthören der Auflösung für mich unerträglich ist.


    :hello: Martin

    An einer nicht näher deklarierten Krankheit verstirbt auch Madame de Croissy, die Priorin des Karmelitinnenklosters von Compiègne in Poulencs "Dialogues des Carmèlites". Die medizinisch versierteren könnten vielleicht anhand der Symptome die Diagnose stellen?


    Ein paar Pesttote dürften in der Oper auch noch aufzutreiben sein: etwa im "Goggolori" von Wilfried Hiller. Woran verenden eigentlich Massenet-Protagonisten wie Thais und Don Quichotte?


    Bei Elina Makropoulos/Emilia Marty in Janáceks "Vec Makropoulos" dürfte es sich um Altersschwäche handeln. :D


    Aber in den meisten Opern, scheint mir, gibt es keine natürlichen Todesfälle... :P


    :hello: Martin


    :jubel:
    Das werde ich mir versuchen anzusehen. Wann kommt man denn sonst schon zu einer Thais? Ansonsten bin ich ja weniger ein Oper-im-Kino-Fan...


    Liebe Grüße,
    Martin

    Das ist allerdings eine interessante Zusammenstellung für AN: so viele Franzosen und Spanier, bei denen ihre Schwächen besonders deutlich zur Geltung kommen - oder sie hat zwischenzeitlich daran gearbeitet und möchte uns das nun präsentieren? ?(



    1. Kálmán: Die Csárdásfürstin - Heia in den Bergen
    2. Heuberger: Der Opernball - Geh'n wir ins Chambre séparée
    3. Lehár: Giuditta - Meine Lippen, sie küssen so heiß
    4. Charpentier: Louise - Depuis le jour
    5. Offenbach: Les Contes d'Hoffmann - Barcarolle
    6. R. Strauss - Cäcilie, op. 27 no. 2
    7. Grieg: Peer Gynt - Solveig's song
    8. Messager: Fortunio - Lorsque je n'étais qu'une enfant
    9. Dvorák: Gypsy Melodies - Songs My Mother Taught Me
    10. R. Strauss - Wiegenlied, op. 41 no. 1
    11. Rimsky-Korsakov - Not the wind, blowing from the heights, op. 43 no. 2
    12. Rimsky-Korsakov - Eastern Song: Enslaved by the rose, the nightingale, op. 2 no. 2
    13. Traditional: Schlof sche, mein Vögele
    14. Lloyd Weber: Requiem - Pie Jesu
    15. Hahn - L'enamourée
    16. Guastavino - La rosa y el sauce
    17. Giménez: La tempranica - La Tarántula
    18. Arditi - Il Bacio


    :hello: Martin

    Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Wenn die Gemeinde die Choräle mitsingen soll, dann müssen die einigermaßen fließend genommen werden, sonst geht denen die Luft aus. Das ist natürlich ein bloß praktischer Hinweis, aber man sieht hier auch, daß es ein anderer Ansatz ist, ob die Choräle als meditative Ruhepunkte (lentissimo possibile e molto misterioso) oder als Partizipiationsmöglichkeit der Gemeinde.
    Natürlich müssen sich heutige Aufführungen, bei denen eh keine Gemeinde mitsingt, nicht danach richten. Aber man singe mal einen bekannten Choral vor sich hin, so daß die Worte nicht zerdehnt werden und man bequem atmen kann und vergleiche dann mit Einspielungen der "meditativen" Schule...


    Hmmm... also auf die meisten Gemeinden, die ich kenne, trifft zu, dass sie, wenn man sie ließe, am liebsten lentissimo impossibile e troppo maestoso sängen und nach jeder Zeile eine gehörige Atempause einlegten... :stumm:


    Martin

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    Original von Fairy Queen
    Ich hab auch nur Schiller und keinen Gozzi.


    Beim Flohmarkt der Pfarre am Wochenende ist mir ein Reclam-Bändchen ins Auge gesprungen: Gozzi - Turandot. Habe ich mir natürlich, aus Interesse, und weil ich die Diskussion hier noch im Hinterkopf hatte, zugelegt, heute gelesen und muss sagen: Oper - so schön ich das Genre auch finde - macht leider häufig aus einem hervorragenden Theaterstück ein eher mäßiges Libretto... Wobei die Dramaturgie bei Puccini ja effektvoller ist, aber halt auf Kosten der Charakterisierung.
    Ich freue mich schon aufs Vergleichen, wann immer das gestartet wird!


    Liebe Grüße,
    Martin

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    Original von Herbert Henn
    Man sollte natürlich bedenken, daß die Texte von Heine sind und ironisch daherkommen. Schumann hat ja nur eine Auswahl aus diesem "Buch der Lieder" in der Dichterliebe vertont. Aber die Verantwortung für den Inhalt der Gedichte, liegt ausschließlich bei Heinrich Heine.


    Wenn du damit meinst, man solle die Texte nur im Kontext des Heineschen "Lyrischen Intermezzos" interpretieren, muss ich dir leider widersprechen, denn die Verantwortung, welche Gedichte Schumann auswählte, und in welcher Reihenfolge er sie verwendete (die ja von Heine abweicht), liegt ausschließlich bei Schumann selbst. In meinen Augen schafft Schumann damit auch den Text in einem gewissen Grad neu, richtet ihn sich so ein, wie er ihn braucht oder haben möchte und modifiziert den Inhalt - erst recht dann durch seine Vertonung.


    Natürlich sind aber die ursprünglichen Texte Heine und teilweise ziemlich ironisch.


    :hello: Martin

    Liebe Liedfreunde,


    wenn ich auch ein bisschen interpretieren darf: Ich finde eigentlich an der Textaussage nichts paradox, allenfalls ist die Gegenüberstellung "scheinbar abnehmende Schwere des Anlasses - scheinbar zunehmende Trauer" subtil ironisch: aber für den Protagonisten ist es doch tatsächlich nur ein kurzes Weinen, eine heilbare Trauer, wenn die Liebste nun im Grab liegt. So steht ein Neubeginn für ihn bevor.
    Hingegen finde ich den Gedanken des "Einander-noch-Gutseins" nach dem Schmerz, den die Geliebte dem Dichter zugefügt hat, wirklich schlimm: die Diskrepanz zwischen der Realität und dem (Wunsch-)Traum ist die größte, durch das Träumen werden die Wunden wieder aufgerissen, die Sache kann nicht zur Ruhe kommen, eine Trauerarbeit kann nicht stattfinden. Die Erinnerung ist hoffnungslos und hoffnungsraubend.


    Hier ist der Protagonist meiner Meinung nach von der Überwindung des Abgewiesenwordenseins so weit entfernt wie vorher und nachher nie mehr.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Ich habe in einer kurzfristig einberufenen "Projekt-Choralschola" (mit einer gemeinsamen Probe) Gregorianik gesungen - in einer Messe im alten Ritus - und mir hat es im Großen und Ganzen sehr gut gefallen.
    Gregorianik ist aber keineswegs einfach zu singen, obwohl es nur einstimmig ist, und ich habe viel Zeit übend vorm Klavier verbracht. Zwar sind die meisten (aber nicht alle!) gregorianischen Gesänge diatonisch, aber die für heutige Ohren zumindest ungewöhnliche Melodien (wenn es denn überhaupt Melodien sind!) konnte ich mir nicht so leicht merken. Dazu kommen noch die zahlreichen Melismen - und wenn man die Töne hat, kommen erst die stilistischen Probleme, die man nicht im - halbwegs normal zu lesenden - Quadratnotationssystem findet, sondern erst die Neumen entschlüsseln muss... schnell, langsam, kurze Pausen, lange Pausen. Gregorianik singen unterscheidet sich schon erheblich vom normalen Singen.
    Das soll jetzt allerdings in keiner Weise negativ oder gegen Gregorianik sein. Denn - auch wenn zumindest ich eine gewisse Zeit gebraucht habe, um "hineinzukommen", es hatte unbestritten seine Reize und war eine lohnende Erfahrung, die ich auch gern wiederholen werde. Gregorianische Choräle aber daheim auf CD zu hören - ist für mich persönlich nicht der richtige Rahmen. Ich finde, Gregorianik ist sehr liturgische Musik, wenn nicht überhaupt musikalische Liturgie, und bedarf der Einbettung in den entsprechenden Ritus, der Atmosphäre des Gottesdienstes, um den vollen Wirkungsgrad als Musik zu erzielen, und ist gleichzeitig aber eine Bereicherung für jede Liturgie!
    Ich habe aber dennoch entsprechende CDs (geschenkt bekommen):



    Wobei meiner Meinung nach sowohl die Auswahl der Stücke als auch die stimmliche Qualität der Schola auf der alten Aufnahme aus dem spanischen Kloster besser gelungen ist als auf der jüngst die Hitparaden stürmenden Heiligenkreuzer. Die vielen Psalmgesänge sind nämlich wirklich monoton - bei denen geht es ja auch in besonderer Weise um den Text! Die wirklich schönen (und schwierigen) gregorianischen Gesänge sind aber die Propriumsgesänge, von denen die Mönche von Silos einfach mehr bieten.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Cool finde ich die ersten beiden Sätze seiner "Suita nr. 1 pentru orchestr în Do major" op. 9: Das "Prélude a l'unison", in dem die Streicher unisono eine leicht folkloristische Melodie spielen, nur manchmal von pianissimo-Paukenwirbeln begleitet - und das attacca anschließende elegante Menuet lent. Gemeinsam machen die beiden Sätze über zwei Drittel des Werkes aus. Der kurze Rest ist weniger gelungen, oder zumindest weniger besonders, mehr konventionell - die Suite ist ja auch vergleichsweise ein Frühwerk.


    Den Oedipe habe ich auch gern - auch das Textbuch ist m. E. sehr gelungen, oft nahe an Sophokles, aber von ganz eigenständigen Sichtweisen auf Handlung und Charaktere, beispielsweise einer ausgeprägt deontologischen Ethik (die ich teilweise teile - gerade auch in Bezug auf dieses Stück). Die Apotheose am Ende gehört wohl zu den großen Finalszenen der Operngeschichte.


    :hello: Martin

    Das Cover der neuen CD kann man schon bewundern (:D), Erscheinungstermin ist laut Amazon der 24. Oktober 2008.



    Die darauf enthaltenen Arien:

    Franz Joseph Haydn (1732 - 1809)
    Il mondo della luna

    "Ragion nell'alma siede" [5:01]

    Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791)
    Vorrei spiegarvi, oh Dio, K.418
    [6:38]

    Die Zauberflöte, K.620
    "Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen" [3:09]

    Le nozze di Figaro, K.492
    "L'ho perduta... me meschina!" [2:00]
    "Deh vieni, non tardar" [2:59]

    Lucio Silla, K.135
    "Vanne. T'affretta ... Ah se il crudel periglio" [9:55]
    "Fra i pensier più funesti di morte" [2:56]

    Franz Joseph Haydn (1732 - 1809)
    Lo speziale

    Salamelica (Scene 4) [1:45]

    Christoph Willibald von Gluck (1714 - 1787)
    Armide

    "Venez, secondez mes désirs" [2:31]

    Franz Joseph Haydn (1732 - 1809)
    Armida

    "Odio, furor, dispetto" [2:05]

    L'Anima del Filosofo (Orfeo ed Euridice)
    "Dell mio core il voto estremo" [3:41]

    L'isola disabitata
    "Fra un dolce deliro" [4:26]

    Christoph Willibald von Gluck (1714 - 1787)
    Iphigénie en Tauride

    Récitatif. "Non, cet affreux devoir" [3:45]

    Armide
    "Ah! Si la liberté me doit être ravie" [4:11]

    Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791)
    Zaide, K.344

    "Tiger! wetze nur die Klauen" [5:15]

    Christoph Willibald von Gluck (1714 - 1787)
    Armide

    "Le perfide Renaud ... Quand le barbare" [6:52]



    :hello: Martin


    Ja eben - das ist gerade mein Problem! Wegen der paar Stücke, die ich noch nicht habe (wo auch immer sie die ausgegraben habe), zahlt sich der Ankauf der Box wirklich nicht aus! Für Victoria-Einsteiger ist sie aber sehr empfehlenswert, enthält sie doch die vollständigen Aufnahmen der "Chants d'Auvergne" und der "Canciones sefardíes" und ihre Zarzuela-Arien - allesamt Sternstunden der Aufnahmegeschichte! - sowie umfangreiche Querschnitte durch ihr Opern- und Konzertrepertoire aus verschiedensten Epochen, Nationalstilen und Jahrzehnten ihres Schaffens.
    @ Petra: Auch die Ernani-Arie ist dabei! :)


    Liebe Grüße,
    Martin


    P.S.: Ich höre gerade auf Youtube Live-Ausschnitte aus der Traviata von der MET 1958. :jubel:
    Auch "Blow the wind southerly" gibt es mit ihr. Es ist interessant, das einmal nicht von der one and only Kathleen Ferrier zu hören (deren Interpretation wohl nicht übertroffen werden kann). Victoria singt es mehr als Hornpipe, also schneller und deutlich triolisch - und sehr gut.

    Zitat

    Original von Zwielicht
    Und in ihrer hypertrophen Effekthascherei und der ganz eigenen Qualität ihres "Kitschs" sind die Königsschlösser Ludwigs II. einzigartig.


    Naja...



    Das ist übrigens UNESCO-Weltkulturerbe, weil es sich hier um die erste romantische Entgleisung beim Burgenbau überhaupt handelt - ganz weit weg von Bayern (der Architekt stammt allerdings aus Hessen). ;) :D


    Was die Opern betrifft, hängt der Kitschgehalt (sieht man einmal von Extrembeispielen wie "Euryanthe", "Intermezzo", "Suor Angelica" [was ohne den Schluss eh nur halb so schlimm wäre - man kann Wunder aber wirklich zurückhaltender vertonen!] etc. ab) nicht zuletzt auch von der Interpretation ab! Massenet mit französischem Esprit und Charme ist Kunst, mit italienischem Sentiment hingegen ziemlich grenzwertig! Auch die Regie kann vieles verstärken und verunstalten!


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von Waltrada
    Interessanterweise ist noch niemand auf folgende Lösung gekommen. Die Oper ganz einfach so enden zu lassen, wie sie Puccini hinterlassen hat, also mit Lius Tod. Das bedeutet zwar eine Akzentverschiebung, aber was spricht eigentlich gegen ein offenes Ende, in dem eine Brautwerbung letztlich damit endet, dass neben den bisherigen Freiern eine gänzlich unschuldige Figur in den Tod getrieben wird?


    Würde ich als Regisseur unbedingt so machen! Liùs Tod, Timurs Klage, die Menge entfernt sich. Ende von Puccinis Musik. Stille. Turandot und Kalaf stehen sich allein gegenüber. Vorhang.


    :hello: Martin


    Ich hab mir diese Aufnahme nun doch zugelegt, und während ich insgesamt mit Zaubertons Ausführungen weitgehend konform gehe, bewerte ich doch - vielleicht aus einer Art generellen Sympathie für französischen Stil - etwas milder.


    Die Ausnahme, wo ich mit Zaubertons Einschätzung nicht einverstanden bin, ist Janine Micheau. Ich finde ihre Juliette nämlich großartig. Ihre Stimme ist schon eher zart, hat aber auf dieser Aufnahme doch einen gewissen Körper (der ihr z. B. in der Carmen unter Beecham fehlt) und ihre Höhe ist, wenn schon Faden, doch feiner Goldfaden, mit dem man kostbare Kleider bestickt. Zu dem Mädchen Juliette passt das alles wunderbar, sie hat aber auch noch dramatische Reserven für den letzten Akt. Ihr perfektes Französisch, ihr gutes Stilgefühl, ihre subtilen Nuancierungen tun ein übriges. Begeistert bin ich auch vom Drive in "Je veux vivre".


    Die französischen Tenöre der damaligen Zeit neigten öfter zu einem etwas nasalen, eigentümlichen Stimmklang. Raoul Jobin hat dieses spezifische Timbre in großem Ausmaß, was selbst auf mich oft befremdlich wirkt. (etwa "Ange adorable" - klingt nicht wirklich gut) Außerdem passt es kaum zu einem jugendlichen feurigen Verliebten, als den man sich Roméo doch meistens vorstellt.
    Daneben gibt es aber auch Passagen, die er wirklich gut hinkriegt, und, ein großer Pluspunkt: er harmoniert wunderbar mit Janine Micheau, z. B. im Duett im 4. Akt.


    Heinz Rehfuss als Frère Laurent fehlt im 3. Akt die Tiefe, so dass ich mich über eine derartige Besetzung wundere. Ansonsten ist er stimmlich solide und stilistisch in Ordnung, aber unaufregend.
    Alberto Eredes Dirigat ist definitiv nicht ideal für eine französische Oper. Manchmal scheint sich das Orchester der Pariser Opéra gottseidank darüber hinwegzusetzen und manche Stellen geraten dann doch elegant-leichtfüßig.


    Claudine Collart hat eine relativ dunkle Stimme für den Stéphano, legt allerdings auch die Arie nicht neckisch bis provokant an, sondern eher als wehmütiges Lamento. Die lyrischen Stellen klingen wunderbar traurig, und der Mittelteil der zweiten Strophe sogar regelrecht hasserfüllt, und ich bedauere, dass sie diesen Hass nicht das ganze Stück durchgehalten hat. Eine Interpretationsrichtung, die ich bisher noch nicht gehört habe, die der Arie aber auch gut steht.


    Vom Rest gefällt mir besonders Pierre Mollets Mercutio (wäre 5), und auch Louis Riallands Tybalt und Charles Cambons Capulet sind recht gut besetzt.



    Choeur et Orchestre du Théatre Nationale de l’Opera, Paris; Alberto Erede – 3
    Roméo: Raoul Jobin – 3+
    Juliette: Janine Micheau – 5
    Frère Laurent: Heinz Rehfuss – 3
    Stephano: Claudine Collart – 4,5
    Sonstige: 4


    Gesamt: 22,5/6 = 3,75


    Fazit: Eine interessante Zweitaufnahme, die doch zum größeren Teil den alten französischen Stil überliefert und mit Janine Micheau auch eine Juliette bietet, die gegen ihre Nachfolgerinnen bestehen kann. Ich halte sie jedoch weder für eine Referenzaufnahme des Werkes, noch für eine Referenzaufnahme des französischen Stils.

    Zitat

    Original von Jacques Rideamus


    Ich denke, Martin meinte auch weder sie noch ihre Stimme, sondern ihren Mut, für einen intensiven Ausdruck auch einmal auf schöne Töne zu verzichten und hässliche zu riskieren.


    Genau das habe ich gemeint. Das kommt vielleicht bei manchen Barock-Gesamtaufnahmen nicht so deutlich heraus, weil sie da, wohl um des homogenen Ensembles willen, ein bisschen zurückhaltender ist als auf ihren Recitals, aber etwa bei "French Touch" drängt sich meine Aussage wirklich auf. (Man höre die Olympia, "Les filles de Cadix", die Lazuli-Couplets oder die emotionsgeladene "Vocalise amoureuse pour soprano éperdue" von Isabelle Aboulker!)


    Ich zitiere aus dem Booklet: ...habe ich mich um eine Interpretation bemüht, die ebenso authentisch wie einfallsreich sein sollte. Die Färbungen der Stimme sind in jeder einzelnen Arie bewusst und bedachtsam gewählt, und, wie ich meine, völlig berechtigt. Sie dienen der Einfühlung in die Musik und der Ausdeutung des Textes, während ich mich gleichzeitig in einem Freiraum bewege, der für jedes schöpferische Wirken unabdingbar ist.


    Aber auch die französischen Barock-Arien auf ihrem ersten Recital, das Matthias gepostet hat, zeigen recht deutlich, dass es ihr um Expressivität und nicht um Gefälligkeit geht.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Lieber Jacques,


    besonders die "French Touch"-CD müsste dir gefallen! Anders als bei manch anderen Sängern (bei denen ich Arienplatten auch nicht besonders schätze) sind Patricia Petibons Recitals allerdings raffiniert zusammengestellt und in einer Weise dargeboten, wie es bei Gesamtaufnahmen vielleicht gar nicht möglich ist (jedenfalls ist sie dort meistens etwas zahmer) - mehr als nur eine beliebige Reihung von Bravourstücken.


    Was Gesamtaufnahmen betrifft, so sind das vor allem Barockopern, bei denen ich mich bislang noch nicht wirklich auskenne (ist aber ein "Langzeitprojekt" von mir :D ). Sie hat aber eine Werther-Sophie aufgenommen, und den Cupidon in Offenbachs "Orphée aux enfers" unter Minkowski mit Natalie Dessay als Euridice, eine Aufnahme, die auf meiner Wunschliste steht. (Die Arie des Cupidon daraus findet sich - nebst der Arie der Folie aus "Platée" und einigen weiteren Barockarien - auf "Les fantaisies de Patricia Petibon") In der großartigen "Lakmé" mit Natalie Dessay singt sie die winzige Rolle der Ellen. In diesem Bereich würde ich mir noch mehr Gesamtaufnahmen wünschen, etwa eine "Manon" oder vielleicht "L'amour masqué".


    Liebe Grüße,
    Martin

    Patricia Petibon (* 27. Februar 1970 in Montargis) gehört für mich zu den bedeutendsten zeitgenössischen Sängerinnen. Heutzutage, da viele andere Sängerinnen danach trachten, das Publikum mit Einheitsstimme und gleichförmiger Interpretation zu ermüden, ist sie ein leuchtender Stern am Himmel des klassischen Gesangs. Ihre eigenartige Stimme ist unverwechselbar timbriert, und ihre Interpretationen sind durchdacht und unerhört. Sie scheut sich nicht, mit Klangfarben zu experimentieren, Vokalfärbungen zu übertreiben (ähnlich Tito Gobbi), eigene Kadenzen zu komponieren und gesangsferne Elemente wie Gurgeln, Gähnen etc. in ihre Darbietungen aufzunehmen. Ihrer Stimme stehen unzählige Nuancen zur Verfügung - von kokett bis melancholisch, von Ironie oder gar Parodie bis zur ehrlichen Emotion - und immer lockt die Ablehnung des bloßen Schöngesangs, der Mut zur Hässlichkeit und eine kompromisslose Interpretation.


    Ein großartiges Spielfeld für ihre Kunst hat sie in der französischen Barockoper gefunden, die sie ausschweifend üppig und sinnenfroh gestaltet. Zahlreiche Aufnahmen, besonders unter William Christie, halten diese Facette ihres Schaffens fest. Daneben hat sie jedoch viele moderne Klassiker im Repertoire, etwa Soeur Constance in Poulencs "Dialogues des Carmélites" oder die vier aberwitzigen Kochrezeptvertonungen "La bonne cuisine" von Leonard Bernstein, die ihrem surrealen Humor wohl entgegenkommen, oder die mit sanfter, anmutiger Traurigkeit vorgetragenen "Mélodies passagères" Samuel Barbers (nach Rilke).



    Mit großem Erfolg hat sie sich dann die französische Oper und Operette zu Ende des 19. Jahrhunderts vorgenommen: Auch hier funktioniert eine "Affektausdeutung" nach barockem Vorbild. Ihre CD "French Touch" halte ich für das Beste, was in puncto französischer Spätromantik in den letzten Jahren auf den Markt gekommen ist und für ein gelungenes Revival des französischen Stils, dem weitere Aufnahmen folgen sollten.
    Besonders bemerkenswert ist wohl ihre Darstellung der Olympia, besonders bewegend ihre Manon-Arie "Adieu, notre petite table". Aber sie vermag auch in den Operettenpartien (Chabrier, Messager, Hahn) vollauf zu überzeugen.



    Restlos begeistert war ich auch von einem youtube-Video, in dem sie ein berührendes "Send in the clowns" aus dem Sondheim-Musical "A Little Night Music" aufführt, mit ihrer Leibpianistin Susan Manoff am Klavier - nicht gerade das Kernrepertoire lyrischer Koloratursopranistinnen, aber fabelhaft!
    Eine neue Solorecital-CD soll bei der Deutschen Grammophon im Herbst herauskommen und wird der Klassik im engeren Sinne (Mozart, Haydn, Gluck) gewidmet sein. Man darf gespannt sein.


    Liebe Grüße,
    Martin

    Zitat

    Original von nala
    Das Bühnenbild war ein kollossaler Nachbau der Pariser Oper und passt nicht so gut vor den Kalksteinfelsen des Steinbruches. Da haben sich andere Opern schon besser eingefügt. Diese Oper ist ja auch ein Kammerstück. Das Geklatsche nach jeder Arie der in den Logen sitzenden Statisten fand ich auch störend - musikantenstadelmäßig.


    Liebe Nala!


    Ich habe gestern die Traviata gesehen und muss schon kritisieren: Viel Fantasie haben Regisseur und Bühnenbildner bei der Nutzung der großen Bühne nicht gehabt. Was sie da im Nachbau der Pariser Oper gezeigt haben, wäre in jedem Opernhaus auch möglich gewesen. Allerdings ist La Traviata, wie du schon gesagt hast, ein Kammerstück, und vielleicht prinzipiell nicht die richtige Oper für den Römersteinbruch.


    Sehr positiv überrascht war ich von der Violetta, der Premierenbesetzung Kristiane Kaiser, die ihrer Rolle nicht nur stimmlich, sondern auch interpretatorisch mehr als gewachsen war und die so unterschiedlichen Anforderungen Koloratur, Eleganz, Dramatik, Innigkeit, Höhen und Tiefen glänzend meisterte. Besonders von ihrem "Addio del passato" war ich hingerissen. Eine junge Sängerin, die ich mir sicher merken werde. (TMOO-Wertung: 4,5) =)


    Der Rest des Ensembles konnte mit ihrem Niveau leider nicht ganz mithalten. Passabel bis guter Durchschnitt. Störend fand ich allerdings das (echte!) Publikum, das ständig applaudierte. Ich war mir bislang nicht bewusst, dass man in der kurzen halben Stunde bis zum Beginn des zweiten Aktes von "La Traviata" sechs Mal (!) applaudieren kann! Dieser häufige Applaus degradiert den ersten Akt in meinen Augen zu einem Opernschnipselkonzert, denn dramatischen Bogen kann man bei den ständigen Unterbrechungen keinen spannen. :wacky:
    Dafür war das Publikum dann beim Klatschen bemerkenswert kurzatmig und hat außer beim Schlussapplaus wohl nie auch nur 10 Sekunden durchgehalten, nicht einmal nach dem ersten Akt und nach "Addio del passato", wo es die Sängerin wohl verdient hatte... :motz:


    Grüße,
    Martin

    Dialogues des Carmélites


    Wohl eine der schönsten Opern des 20. Jahrhunderts, sowohl der Musik als auch dem Text nach - ich verehre auch besonders die Vorlage, die Novelle "Die Letzte am Schafott" von Gertrud von Le Fort -, ist Francis Poulencs "Dialogues des Carmélites". Die Geschichte basiert auf der Hinrichtung der Karmeliterinnen von Compiègne in der Französischen Revolution; die Hauptfigur Blanche de La Force und große Teile der Handlung sind aber eine Zutat Gertrud von Le Forts.


    EMI 1958 (die erste Aufnahme des Werkes, abgesehen vom Mitschnitt der Uraufführung 1957)




    Orchester und Dirigent: Orchestre du Théâtre National de l'Opéra de Paris, Pierre Dervaux - 5+
    (Edwin hat es einmal besser als ich es könnte ausgedrückt: "Dervaux läßt Poulencs Musik natürlich, ganz aus der Deklamation entwickelt, fließen. Es mag sein, daß das Werk bei Nagano schärfer klingt. Aber wie Dervaux die Singstimmen trägt und praktisch aus dem Nichts einen Höhepunkt entwickelt, ist unvergleichlich." Das elegante und klare Dirigat von Dervaux trägt viel zur sehr französischen Atmosphäre dieser Aufnahme bei, und das rein französische Ensemble tut ein übriges, so dass diese Einspielung nicht nur eine Referenz für "Dialogues des Carmélites" ist, sondern auch eine Referenz für den französischen Stil, dessen sich mehr Dirigenten, Sängerinnen und Sänger bei der Wiedergabe französischer Opern befleißigen sollten.)



    Blanche de la Force: Denise Duval - 5
    (über den Wohlklang ihrer Stimme mag man geteilter Meinung sein, aber ihre hochexpressive Interpretation der Titelrolle ist maßstabsetzend, außerdem richtig französisch)


    Madame Lidoine (La Nouvelle Prieure): Régine Crespin - 3
    (hat leider ernste Probleme damit, die Linie und den großen Bogen ihrer beiden schönen großen "Arien", eigentlich Ansprachen, zu finden und singt zu sehr einzelne Noten, manchmal gar unmotivierte Staccati. In ihren rezitativartigen kürzeren Einwürfen in der dramatischen Handlung ist sie allerdings ausgezeichnet.)


    Mère Marie de l'Incarnation: Rita Gorr - 3,5
    (Einwandfrei gesungen, aber das Besondere fehlt. Ich gebe zwar zu, dass die Partie äußerst undankbar ist. Mit viel stimmlicher Autorität und Mut zur Hässlichkeit wäre vielleicht doch mehr zu holen gewesen, Rita Gorr hat aber wohl die "glattgebügeltste" Stimme des Ensembles.)


    Soeur Constance: Liliane Berton - 4,5
    (Trifft den Charakter der jungen Novizin sehr gut!)



    Gesamtwertung: 21/5 = 4,2

    Falls irgendwer diese Aufnahme kennt und sie bewerten würde, wäre ich sehr dankbar:


    Preiser, 1953



    Orchestra of Théâtre National de l'Opéra, Paris; Alberto Erede
    Roméo: Raoul Jobin
    Juliette: Janine Micheau


    Sie scheint mir eine noch "Französische" zu sein, wenn ich die Besetzung so ansehe, aber die Hörschnipsel sind nicht sehr aussagekräftig (der Stéphano schien mir beim ersten Hören ein bisschen wenig burschikos, aber mittlerweile gefällt mir das jugendliche Feuer, das die Sängerin (Claudine Collart?) in die Arie legt, sehr gut - aber dann ist der Schnipsel auch schon wieder aus und so ähnlich geht es mir auch mit Janine Micheaus Juliette - zu kurz um begeistert zu werden). Ich spiele nämlich mit dem Gedanken, sie zu erwerben, und geeignete Beratung würde mir die Entscheidung erleichtern.


    (Ich bitte schon im Voraus um Entschuldigung, dass ich den TMOO-Thread für Kaufberatung missbrauche.)


    Liebe Grüße,
    Martin

    Mir hat Aleksandrs Antonenko viel zu oft viel zu unmotivierte Schluchzer in seinen Vortrag eingebaut (nämlich schon im ersten Akt und dann immer an unpassenden Stellen!), davon abgesehen war er recht passabel, aber umgehauen hat er mich nicht. Am besten hat mir Marina Poplavskayas Desdemona gefallen, denn ich habe gerade die Herbheit und kühle Frische ihrer Stimme als sehr angenehm in dieser hitzigen Oper empfunden. Ich glaube, wenn man die Desdemona zu lieblich anlegt, tut man ihrem entschlossenen und konsequenten Charakter Unrecht (auch wenn diese Facetten bei Verdi und eigentlich schon bei Shakespeare eine untergeordnete Rolle im Drama spielen, sind sie doch zweifellos vorhanden, ja ergeben sich zwingend aus der Vorgeschichte). Auch verfügt Poplavskaya dennoch über wunderschöne zarte Pianissimi - in der TMOO-Wertung insgesamt zwar keine 5 Punkte, aber 4 erreicht sie mit Leichtigkeit.


    Liebe Grüße,
    Martin