Alles anzeigen"Aber wie so häufig: Geschmäcker sind verschieden."
Genau so ist es. Wer Schönberg, Berg und Webern mag, soll sich diese Musik anhören und in seiner musikalischen Welt glücklich werden.
Für alle, die Beethoven, Mozart & Co. bevorzugen, gilt das Gleiche.
Es ist sinnlos, andere von seinem Geschmack überzeugen zu wollen und etwas, was man selbst nicht mag, abzuwerten.
Mir scheint, mit dem Geschmack ist es hier eher so wie bei kleinen Kindern. Was sie nicht kennen, das mögen sie nicht essen. Es gibt unterschiedlichen Geschmack von dem, was man versteht. Dann ist das wirklich allein eine Frage des Geschmacks. Aber nicht dagegen, wenn man keinen Geschmack an etwas findet, weil man es nicht versteht und nicht verstehen will, dann ist das zwar auch legitim, aber auch ein bisschen kindisch. ![]()
Wenn man die unten zitierte Briefpassage liest, könnte man meinen, sie bezieht sich auf Arnold Schönberg. Man findet vieles wieder, was man immer wieder lesen kann bei Menschen, die keinen Zugang zu seiner Musik finden:
„Aber da ist auch der Punkt, wo ein gewisser Zweifel anhakt (...) Es ist mir, als wenn eben diese Schöpfung zu sehr auf das Auge des Mikroskopikers berechnet wäre, als wenn nicht für jeden einfachen Liebhaber die Schönheiten alle offen da lägen, und als wäre es eine kleine Welt für die Klugen und Wissenden, an der das Volk, das im Dunkeln wandelt, nur einen schwachen Anteil haben könnte. Ich habe eine Menge Stellen erst mit den Augen entdeckt und mir gestehen müssen, daß ich sie nur mit den Ohren meines Verstandes, nicht mit den sinnlichen und gemütlichen aufgefaßt hätte, wenn mir die Augen nicht zu Hilfe gekommen wären. Schieben Sie das auf die abstrakte Art meiner Bekanntschaft mit dem Stück, das natürlich gehört sein will, um seine ganze Kraft zu offenbaren – etwas bleibt vielleicht wahr daran, wenn nicht, so bin ich selig, mich getäuscht zu haben. – Mich will bedünken, daß, wenn es in der Gesamtwirkung dennoch einfach und unmittelbar erscheint, es dies gleichsam nur auf Kosten der darüber ausgebreiteten Schlinggewächse geistreicher Detailkombinationen erreichen kann, über die man hinwegsehen muß, um den Kern voll und ganz zu schmecken und zu genießen. Man ist förmlich wie auf der Jagd nach einem Brocken dieses oder jenes Themas, ja, wo es einmal auch nicht steckt, wittert man es und wird unruhig. Man möchte einmal die Hände falten, die Augen schließen und dumm sein dürfen, an dem Herzen des Künstlers ruhen und nicht so rastlos von ihm in die Weite getrieben werden. Man fühlt wohl, wie man wächst in seiner Hand, und daß nur er so scharf blickt und uns geistig so erregen kann; aber da wir ihn auf anderen Wanderungen schon kennen gelernt, wo er gewaltig und sänftigend zugleich auf uns wirkte, so träumen wir davon und möchten wieder ebenso an seiner Seite schreiten. –“
Die Kritik lautet: Das ist nur Kopfmusik für den Verstand, eine Musik für Gelehrte, aber nicht für den einfachen Liebhaber, der Musik nur genießen will.
Nur witziger Weise ist der Adressat dieses Briefes nicht Arnold Schönberg, sondern Johannes Brahms! Brahms hatte die Angewohnheit, wenn er an einem Stück arbeitete, die Partituren an seine besten Freunde und Freundinnen zur Begutachtung zu schicken und erwartete eine sachlich-fachliche Kritik. Hier handelt es sich um die Symphonie Nr. 4. Geschrieben hat den Brief Elisabet von Herzogenberg, die wirklich eine intime Brahms-Kennerin war, am 8. September 1885.
Arnold Schönberg war maßgeblich von zwei Komponisten sehr beeinflusst: Der eine war Richard Wagner, der andere Johannes Brams. Schönberg wollte immer zwischen den Brahmsianern und Wagnerianern vermitteln, schrieb daher den berühmten Aufsatz Brahms, der Fortschrittliche, wo er das Verfahren der "entwickelnden Variantion" aufdeckte, was die Musikwissenschaft und Brahms-Forschung ungeheuer beeinflusst hat bis heute. Man findet in vielen Schönberg-Kompositionen diesen "intellektuellen" Brahms-Stil. Man kann nun sagen: Das liegt mir nicht. Nur wenn das wirklich ein reines Geschmacksurteil ist, dann muss man Brahms 4. Symphonie genauso ablehnen wie Schönberg. Wenn man das nicht tut, sondern nur bei Schönberg "bäh" sagt, dann ist das eben ganz einfach nur kindische Bockigkeit, um es vor Rosenmontag karnevalistisch auszudrücken.
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Schöne Grüße
Holger











