Beiträge von Dr. Holger Kaletha

    Warum hast du den Fall Richard Strauss hier in der Karajan-Rubrik überhaupt ins Spiel gebracht? Natürlich aus Relativierungsgründen!


    Warum hast du ihn in dem Beitrag, in dem du ihn ins Spiel gebracht hast, so einseitigig als verstrickt charakterisiert mit lauter Argumenten für die Verstrickung? Natürlich aus Relativierungsgründen!

    Ich habe überhaupt nichts relativiert und relativiere nichts. Es zeugt einfach von mangelndem kritischem Bewusstsein, wenn man sich weigert, auf die Gründe einzugehen, woher das bleibende Interesse an einer solchen Thematisierung kommt. Zur Aufarbeitung des Themas Verdrängung der Verstrickung von Personen in öffentlichen Ämtern in den NS gehört sicher auch der Umgang mit dem Fall Karajan. Nur ist diese Diskussion doch nun wirklich längst obsolet. Ich glaube kaum, dass dazu etwas Wesentliches zu sagen verpasst wurde. Woher also das Interesse hier und heute daran?

    Falsch ist, dass ich behauptet hätte, du dürftest dich an dieser Diskussion nicht beteiligen. Wahr ist, dass du hier den Fall Strauss in die Diskussion eingeführt hast, und das sehr einseitig. Die andere Seite habe ich schon beleuchtet. Zur besonderen Beziehung zwischen Strauss und Goebbels gehört auch, dass dieser sich regelmäßig über Lehár beschwerte, bis Goebbels ihn anschrie: "Lehár hat die Massen, Sie nicht!" Strauss als Relativierung zum Thema Karajan hier überhaupt einzuführen, sehr einseitig zu gewichten (NS-Ausstellung etc.) und dann zu behaupten, sich mit keinen Wort zur Bewertung des Verhältnises von Strauss zum NS-Staat geäußert zu haben, nachdme man selbiges so eintig hier eingebracht hat, das ist nun wirklich der Gipfel der Unredlichkeit!

    Mit hier Unredlichkeit zu unterstellen, ist einfach nur unverschämt und eine Anmaßung! Das unterstellt mir nämlich eine Intention, Strauss bewusst in ein falsches Licht zu rücken. Das weise ich entschieden zurück. Es gibt Dokumentationen zu diesem Thema, die ich gelesen habe und die Dir vielleicht gar nicht bekannt sind. Zum anderen beschäftige ich mich schon seit meiner Studienzeit intensiv mit dem Thema der Verstrickung von Intellektuellen, Künstlern, Philosophen in den Nationalsozialismus. Bei fast allen diesen Fällen ist es so, dass sie sehr ambivalent sind. Wer das sehr treffend analysiert hat an verschiedenen Fällen, ist Hannah Arendt.


    Dann kommen wir doch mal endlich zur Sache zurück:


    Die Frage ist natürlich zu stellen, aus welchem Interesse heraus man die Verstrickung einer Persönlichkeit wie Karajan oder Furtwängler usw. in den Nationalsozialismus überhaupt thematisiert. Da ist es einfach so, dass der Posten des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker ein nicht nur künstlerisches, sondern auch politisches Amt ist. Es repräsentiert Deutschland bzw. die Bundesrepublik Deutschland nach innen und außen. Die Thematisierung der NS-Verstrickung von Karajan ist deshalb eben auch eine Frage der Vergangenheitsbewältigung des "deutschen Bewusstseins". Es gab die Verdrängungsmentalität der Adenauer-Ära und deren Aufarbeitung etc. Also wenn man das Thema Karajan und NS thematisiert, geht es immer um viel mehr als nur um die Biographie von Karajan. Nur fragt sich, was die Zielsetzung dabei ist. Was hat das für Konsequenzen? Was will man mit der Behandlung dieses Themas erreichen? Das darf man wohl auch einmal kritisch fragen. Sicher geht es auch nicht nur um historische Gerechtigkeit dabei, sondern vordergründig um ganz andere Interessen. Deshalb ist die Frage sehr wohl erlaubt: Weswegen beschäftigen "wir" uns (oder wer auch immer) ständig mit diesem Thema? Was erklärt denn die große Lust daran? Gibt es dafür wirklich eine historisch-politische Notwendigkeit? Im Falle des Philosophen Heidegger ist die Notwendigkeit gegeben, nachdem in den "Schwarzen Heften" nun Jeder lesen konnte, dass Heidegger ein ziemlich gräuslicher Antisemit war und dieser Banalität seines persönlichen Ressentiments auch noch eine philosophische Dignität geben wollte (Peter Trawny, der Herausgeber, den ich persönlich kenne, redet vom "metaphysischen Antisemitismus" bei Heidegger). Das hatten bislang selbst die schärfsten Heidegger-Kritiker nicht für möglich gehalten. Was passierte? Sogar der Präsident der Heidegger-Gesellschaft Günter Figal, eigentlich ein ziemlicher Heidegger-Apologet (ich habe mich deswegen mit ihm mal sehr gestritten!) trat zurück. Bis heute schlagen die Wellen hoch. Jetzt frage ich: Welche neuen aufsehenerregenden Erkenntnisse gibt es denn im Falle Karajan, welche eine wirklich historisch-sachliche Dringlichkeit begründen, dass man dieses Thema ständig hochkochen muss? Antwort - und ich finde einfach keine andere als die: Ich sehe keine. Also die Frage: Woher das nachhaltige Interesse daran? Was sind die wahren Motive?


    Schöne Grüße

    Holger

    Falsch! Natürlich interessiert das heute noch. Und auch hier ist der Fall Strauss differenziert zu betrachten, mit beiden Waagschalen, denn es gibt auch einiges, was zu seinen Gunsten spricht, etwa sein Festhalten an seinem Librettisten Stefan Zweig im Fall der "Schweigsamen Frau" und sein damit verbudener Rücktritt als Präsident der Reichsmusikkammer nach nur zwei Jahren. Vor allem war er kein Nazi, also NSDAP-Mitglied. Man sollte also niemals zu sehr pauschalisieren, wenn man sich an solchen Diskussionen beteiligt, sondern sich erst einmal kundig machen.

    Es ist immer die Frage, wen sowas interessiert. Die Historiker? Einige kritische Geister? Wie weit ist das Interesse in der Öffentlichkeit verbreitet? Vergleichbare, sich in regelmäßigen Zeitabständen wiederholende Beiträge zu diesem Thema, die denen über Karajan entsprechen würden, finden sich ein einem Klassik-Forum wie diesem hier einfach nicht.


    Und ich weiß auch nicht, wie man zu der Behauptung kommen kann, ich würde "pauschalieren" und hätte ich mich über das Thema nicht kundig gemacht, weswegen ich dann auch noch darüber belehrt werde, dass ich mich an dieser Diskussion nicht beteiligen dürfe, nur weil ich mich geäußert hatte, dass sich Richard Strauss für die Ausstellung "entartete Musik" hat einspannen lassen und mit Goebbels eine besondere Beziehung hatte. Wie das Verhältnis von R. Strauss zum NS angeht und zu bewerten ist, darüber habe ich mich schlicht mit keinem Wort geäußert. Deswegen ist es auch abenteuerlich mir zu unterstellen, ich sei über das Thema nicht informiert. Das ist nämlich einfach falsch.


    Schöne Grüße

    Holger

    Dieser Tage stieß ich auf einen hochinteressanten Artikel (dt. "Das versteckte Programm von Mahlers siebter Symphonie") von Niall O'Loughlin von der Loughborough University, Leicestershire, England, der vor 20 Jahren in einem Sammelband der slowenischen Universität Ljubljana (zum Glück auf Englisch) erschienen und online als PDF abrufbar ist.

    Sehr interessant, lieber Joseph. Ich werde mir das mal anschauen. Das Thema ist natürlich schwierig, weil solche Versuche letztlich ziemlich spekulativ bleiben. Deswegen habe ich mich auch nicht getraut, da selber eine Deutung zu versuchen und zu vertreten. Weil ich nicht gerne spekuliere, sondern schon gerne etwas handfestere Belege hätte. ^^ :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

    Ich verstehe nicht so ganz, warum das Thema Karajan und NS immer noch auf den Nägeln brennt. Der Mann ist längst tot und die Karajan-Ära lange Geschichte. Kommt das nicht alles zu spät? Bezeichnend fragt Niemand nach der NS-Verstrickung so hoch geschätzter Solisten wie Walter Gieseking, Wilhelm Backhaus oder - ja gerade - Wilhelm Kempff. Kempff der Komponist, der er auch war, hat seine Oper sogar Mussolini gewidmet. Bei Elly Ney war und ist es Thema, weil sie halt eine Symbolfigur war. Und dann kommt noch die illustre Reihe großer berühmter deutscher Komponisten, allen voran der Fall Richard Strauss, der bekanntlich mit Goebbels befreundet war und sich für die Veranstaltung "entartete Musik" bereitwillig einspannen ließ. All das interessiert heute keinen Menschen mehr. Aber bei Karajan ist das nach wie vor ein Dauerbrenner-Thema? Etwa auch nur, weil er Symbolfigur ist? Fast hat man das Gefühl, man braucht eine Symbolfigur wie Elly Ney oder auch Karajan, um daran das "Böse" festzumachen und eine Kollektivschuld abzutragen, damit man in den vielen anderen Fällen einfach wegschauen kann, was gewesen ist. So ähnlich wie bei dem Mythos, dass nur die SS aber selbstverständlich nicht die deutsche Wehrmacht Kriegsverbrechen begangen hat, mit der man letztere dann reingewaschen hat.


    Schöne Grüße

    Holger

    Samson Francois ist für mich seit einiger Zeit eine große Entdeckung! Allzu viele macht macht man ja nicht mehr. Ich bin hingerissen von seinem eminent poetischen Spiel, von seinem Atem. Seine Aufnahme der 2. Ballade von Chopin ist für mich unerreicht - niemandem gelingt es wie ihm, den virtusoen Schlussabschnitt so poetisch sinnhaft zu gestalten, da hört man Details (eine retardierende Melodie), die sonst verborgen bleiben.

    Lieber Christian,


    die 2. Ballade höre ich mir demnächst mal an! Ganz ausgezeichnet ist auch seine Aufnahme der Mazurken, finde ich - es gibt gewisse Parallelen zur alten (!) Rubinstein-Aufnahme! :hello:


    Jetzt habe ich auch endlich die Aufnahme der Waldsteinsonate von Vlado Perlemuter und auch noch eine historische von Benno Moiseiwitsch. Dazu will ich mich an ein besonderes Schwergewicht - Svjatoslav Richters Aufnahme von Schuberts B-Dur Sonate D 960 - machen. Ob ich das alles im Urlaub über die Feiertage schaffe? :D :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

    Ich habe die abgegeben, als ich mir die ganz große der franzöischen EMI mit allen Francois-Aufnahmen gekauft habe. Die kompletten Etüden sind 1958-59 aufgenommen.

    Meinst Du diese kürzlich erschienene Box, Johannes?



    Vgl. meine aktuelle Besprechung seiner Aufnahme der Ungarischen Rhapsodie Nr. 2


    Wozu Interpretationsvergleiche? (I) Antworten auf die Frage am Beispiel von Franz Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 2


    Schöne Grüße

    Holger


    Nun endlich kommt die angekündigte Rezension der Aufnahme von Samson Francois. Keine hat bei mir so lange geschmort - vor Wochen zur Hälfte fertig geschrieben blieb sie dann liegen wegen beruflich bedingtem Zeitmangel. Bedanken muss ich mich auch nochmals bei Thomas Pape, der mir eine CD mit der Aufnahme zukommen ließ. :) (Er hat schon lange nichts mehr von sich hören lassen - wie geht es ihm eigentlich?!) Seit kurzem ist auch die sehr attraktive Box mit seinen gesamten Aufnahmen im Handel. (s.o.!)


    Wozu Interpretationsvergleiche? (I) Antworten auf die Frage am Beispiel von Franz Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 2


    Es werden noch zwei weitere Besprechungen zweier historischer Aufnahmen folgen: Benno Moiseiwitsch und Wilhelm Backhaus. :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

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    Samson François (Aufnahme Paris März 1954)


    Künstlerexistenz? Die Einheit von Kunst und Leben? Samson François war der „Existenzialist“ unter den bedeutenden Pianisten des 20. Jahrhunderts – jedenfalls entspricht er nur allzu gut diesem Klischee. So stürzte er sich regelmäßig ins Nachtleben, rauchte eine Zigarette nach der anderen und konsumierte reichlich alkoholische Getränke bis zum Exzess – ein extrovertierter Lebenswandel, der ihm schließlich auch das Leben kostete. Ist da nicht das Urteil eines Kritikers aus den 50igern einleuchtend, er spiele Klavier „so ungestüm und wild wie seine Haarpracht“? Und dann – ausgerechnet – möchte man meinen, widmet er sich exaltierter Zigeunerromantik, den Ungarischen Rhapsodien von Franz Liszt. Eigentlich – wäre man durch solche „Vor“-Urteile besetzt – dürfte man von seiner Aufnahme der Ungarischen Rhapsodie Nr. 2, die im März 1954 in Paris entstand, so etwas wie das Wetterleuchten von Marc Hambourgs exzentrischer Einspielung erwarten, also eine Spurtreue auf geraden Straßen des guten Geschmacks und Stils nicht kennen wollende, draufgängerisch schlingernde Achterbahnfahrt durch die Partitur „mit Sturzhelm“. Aber weit gefehlt! François zeigt sich in dieser Aufnahme als überraschend „moderner“ Interpret, der sich sogar von der poetisierenden, expressionistischen Deutung seines Lehrers Alfred Cortot deutlich distanziert. Zu konstatieren ist ein penibel sorgfältiger Umgang mit dem Notentext, der an neusachliche Ernüchterung grenzt – absolut stil- und geschmackssicher, hörbar von einem Drang nach größtmöglicher pianistischer Perfektion und (Selbst-)Kontrolle geprägt. Nein – bei diesem nüchtern hellwachen Vortragsstil hatte Francois wohl kein Alkohol im Blut und auch seine Haarpracht will so gar nicht zu seinem Vortragsstil passen, dem jegliche Wildheit, also gerade das Ungezähmte und Ungestüme von Zigeunermusik, nicht nur reichlich fremd bleiben – sie werden aus Liszts virtuosem Glanzstück schlicht eliminiert. Fast scheint es so, als wolle Samson François gerade an diesem exaltierten Stück virtuoser Zigeunerromantik beweisen, dass er ein absolut seriöser Musiker ist, indem er Liszts virtuosen Reißer völlig unreißerisch darbietet, also überhaupt nicht sentimentalisch ausschweifend in extreme Gefühlslagen auseinandergerissen, sondern geläutert zur innerlich gefassten klassischen Romantik. François nimmt Liszts Warnung beim Wort, dass es sich bei den Ungarischen Rhapsodien nicht um eine Imitation von vermeintlicher „Volks“-Musik, sondern reine Kunstmusik handelt, indem sein Spiel so gar nicht herumzigeunert: Liszts Verwandlung von Zigeunermusik in Kunstmusik vollzieht sich in Samson François´ interpretatorischem Regiekonzept in der Disziplinierung des Zigeunerhaften, der Bändigung ihres rhapsodisch ausschweifenden Charakters, mit der Verwandlung von spontaner, improvisatorischer Unbeherrschtheit in die absolute Beherrschung von Stil und Form.


    Schon der Übergang Einleitung-Lassan verrät, dass Samson François eher eine klassisch-einheitliche Gestaltung im Sinn hat als das Ausleben sentimentalisch-romantischer Extreme, das Zur-Schau-Stellen von Zerrissenheit. Das Lento „steht“ nicht bei François, tritt nicht trotzig pochend auf der Stelle, sondern die Musik bleibt auch im energischen Auftrumpfen im Fluss, so dass sich der Lassan-Teil bruchlos anschließt. Samson François verrät mit diesem Bemühen um einen durchgehenden rhythmischen Puls, dass er ein moderner, von Debussy und Ravel herkommender französischer Interpret ist. Seine absolute Geschmacks- und Stilsicherheit, die große Natürlichkeit und beeindruckende musikalische Geschlossenheit verbunden mit pianistischer Perfektion lässt sogar den Gedanken aufkommen, er sei vielleicht bei Artur Rubinstein in die Schule gegangen, von dem Daniel Barenboim einmal sagte, bei ihm gehe alles durch einen „Natürlichkeitsfilter“. Ein solcher „Natürlichkeitsfilter“ führt aber auch dazu, dass die Idiomatik Lisztscher Zigeuner-Romantik mit ihrer Betonung des Exzentrischen, ihrer Neigung zur überlichtenden Überpointierung von Gegensätzen und Kontrasten, klassisch-vornehm in den Hintergrund gedrängt wird: Es entstehen bei Samson François kaum Zäsuren, keine abrupten, überraschenden Charakterwechsel der aufeinanderfolgenden Abschnitte, die den Hörer verblüffen, überrumpeln und überraschen könnten – zwischen Einleitung und Lassan nicht und auch sonst nicht. Dabei wird der Lassan keineswegs seines Ausdruckswillens machtvoll sich vordrängender Subjektivität beraubt, der wuchtig und kernig im Ton genommen mit einer Geste von Trotz und Grimm hervortritt. Ein solcher Tonfall – darf man hier nun doch kritisch einwenden – passt allerdings eher zu einem burschikos-aufmüpfigen jugendlichen Beethoven als hochromantisch-sentimentalischem Liszt – denn er kennt keinen Ausdruck von quälerischem Schmerz. Zum Schluss des Lassan irritiert dann doch ein wenig die etwas unpassend wirkende klobige Monumentalität und zu hohe Lautspärke. Hier handelt es sich aber wohl um die aufnahmetechnische Kuriosität, dass der Pegel der Aufnahme nicht einheitlich ist.


    Wiederum so gar nicht zigeunerhaft verführerisch beginnt die Firsca im trockenen Tonfall. Samson François möchte dieses Liszt-Stück offenbar als Charakterstück und so gar nicht als romantisch-virtuose Verführungs-Illusionskunst darstellen, die den Hörer becircen und durch ihren Überwältigungszauber in den Bann schlagen könnte. So reduziert er die Pianissimo-Magie dieser Passage, die sein Lehrer Alfred Cortot so betörend vortragen konnte, auf eine pulvertrockene musikalisch charakterisierende Nachahmung des Ungarischen, des Zymbal-Spiels. So gut Samson François diese asketische Vermeidung virtuoser Verführungskünste damit auch gelingt, so stellt sich letztlich doch die Frage: Ist Liszts Spielanweisung Tempo giusto damit wirklich umgesetzt, zu der eben auch die von Liszt notierten rasanten Beschleunigungen und Tempowechsel gehören, die letztlich das Überschwängliche einer Frisca ausmachen, mit der sich die alle Fesseln sprengende Freiheit des Zigeuner-Musikers verrät? Samson François mit seiner Askese des guten klassischen Geschmacks, alle wirkungsrhetorischen Mittel zu verbannen, erlaubt es sich hier, Liszts sehr genaue Spielanweisungen ganz einfach zu übergehen. Zu dieser Reduktion des allzu Zigeunerhaften passt auch, dass der Franzose sich dem Rhapsodischen einer ausladenden Kadenz verweigert, die er schlicht auslässt und direkt zum Coda-Schluss kommt, wo er freilich mit flinken Händen im wahrhaftigen Presto ein beeindruckendes virtuoses Feuerwerk abbrennt. Die großen Qualitäten dieser Interpretation, Samson François´ unanfechtbare Seriosität und musikalische Gewissenheit im Umgang gerade mit diesem heiklen Virtuosenstück, haben großen Respekt verdient. Die Frage bleibt allerdings, ob die Umwandlung von naiver Zigeunermusik-Folklore in Kunstmusik, die einerseits ganz dem Geist von Liszts Schrift über die Zigeuner entspricht, andererseits hier nicht doch zu weit geht, wenn sie um den Preis der musikalischen Zähmung, der Reduktion des Ungebändigten auf eine gebändigte Klassizität, geschieht. :)


    Interpretationsvergleiche Klavier - Diskussionsforum

    Ich glaube, keine andere Rezeption einer Mahler-Symphonie ist so vorurteilsbelastet und geradezu von einer Hermeneutik der Verständnisverweigerung geprägt wie die der 7. Auch hier ist es wohl so, dass die durchaus positive Rezeption des Publikums mit der der Kritik im Widerspruch steht. Die Uraufführung in Prag war ein großer Erfolg - dann in Wien mäkelten die Kritiker am Finale herum. In der Tat - ich habe eine Aufführung in der Bielefelder Oetker-Halle erlebt - ist die Interpretation des Finalsatzes heikel. Dirigent und Musik müssen aufpassen, dass der Überschwang nicht ins Lärmende umkippt.


    Ich habe schon länger im Kopf, zur 7. mal einen kleinen Aufsatz zu schreiben. Die Sache ist nur schwierig, weil Mahler ab der 4. keine Programme publiziert hat. Deshalb gibt es wenig "Beweisbares", wenn man eine Deutung riskiert. Es gibt einen Hinweis in der Mahler Literatur, der wirklich wertvoll ist, der aber einfach nicht aufgegriffen und zuende gedacht wird. Der stammt von Constantin Floros, der versucht zu zeigen, dass Mahlers 7. eine Auseinandersetzung mit Nietzsches Zarathustra ist. Der Zarathustra war für Mahler ein ungemein wichtiges Buch, das er in- und auswendig kannte, daraus seinen Schwestern und seiner Tochter immer wieder vorgelesen hat. Wenn das so sein sollte, dann zeigt dies den ganzen Krampf der an Adorno anknüpfenden Rezeption insbesondere in der Musikwissenschaft, die versucht, da völlig abwegig eine "negative Dialektik" in dieses Finale hineinzuinterpretieren und das Positive als Negatives zu deuten: Das Positive darf ja nach Adorno nicht positiv sein, sonst ist es "bedenkenlos", ruchlos, sinnleer. Was aber, wenn dieses Jubel-Finale tatsächlich ein "Ja sagen" zum Leben im Sinne von Nietzsche ist und d.h. eben den Deutungsschlüssel gerade nicht Hegel bereithält? Wenn man wie Adorno den falschen philosophischen Deutungsschlüssel wählt und Nietzsche durch Hegel ersetzt, muss man dann leider zwangsläufig Mahlers 7. verkennen, was die Mahler-Rezeption im Anschluss an Adorno geradezu überdeutlich zeigt.


    Es empfiehlt sich auch in eine Deutung aufzunehmen, dass Mahler die 7. offenbar als Gegenentwurf zur 6. Symphonie konzipiert hat. Nicht nur, dass der menschliche Lebensbaum im Finale der 6. durch drei Hammerschläge vom Schicksal gefällt wird, das Leben also unterliegt, während menschliches Leben im Finale der 7. mit seinem Lebenswillen triumpfiert. In der 6. dominieren die Symmetriebrüche, die 7. ist dagegen symmetrisch, geradezu spiegelsymmetrisch, aufgebaut. Das kann einfach kein Zufall sein. Das dämonische Scherzo in der Mitte wird wie ein böser Krankheitsherd von zwei beschwichtigenden Nachtmusiken eingekapselt und damit "unschädlich" gemacht. Dann gibt es die klassische Komplementarität Sonatenallegro-Rondo-Kehrausfinale. Was hört man denn in diesem Finalsatz, wenn man wirklich unvoreingenommen hinhört? Es ist ein Fest, ein barocker Tonfall, die Musik hat etwas von einer überwältigenden Theater-Illusion (auch das, die Betonung der Illusion, ist barock). Und es dominieren die Märsche, welche den Fest-Charakter unterstreichen. Der Überschwang, der Enthusiasmus, ist romantisch wiederum. Wer hier nur Lärm und "bedenkenlose Positivität" hören will, der nimmt einfach nicht wahr, dass dieses ganze Finale am Ende in der Stimmung zu kippen droht, wenn die bösen Erinnerungen auftauchen. Bei Mahler ist es immer wieder so, dass wenn der Triumpf sich selber zu feiern sucht, also das "Andere" komplett zu verdrängen können meint, meldet es sich gerade mit Macht. So auch hier. Was passiert? Die bösen Erinnerungen werden mit viel Trommelwirbel eilig weggescheucht. Hat das nicht etwas von einem chinesischen Neujahrs-Feuerwerk? Die Dämonen sind eine Realität, man kann sie nicht abschaffen, sie sich aber mit viel Getöse auf Zeit erfolgreich vom Leib halten. Schildwaches Nachtlied: "Bleib mir vom Leib" sagt da der Soldat. Die Musik, das musikalische Fest des Lebens, besiegt die Dämonen und der Mensch sagt so "Ja" zum Leben im Sinne von Nietzsches Lebensphilosophie, indem sich die Jubelfeier mit allem Tam Tam Krach machend die bösen Nachtgeister verschreckend erfolgreich vom Leib hält - nicht zuletzt damit auch das Unterliegen unter das Schicksal in der 6., die brutalen Hammerschläge, lautstark übertönen will. Ich finde, dieser großartige Finalsatz der 7. (ich mag ihn sehr!) wird geradezu grotesk missdeutet und verkannt. Ich kann da nur sagen: Vergesst doch mal einfach in diesem Fall den ganzen Adorno-Ballast und hört nur hin, was in diesem alles andere als musikalisch trivialen Satz wirklich passiert! :D


    Schöne Grüße

    Holger

    Diese Francois-Chopin-Box ist ebenfalls in unterschiedlichen Auflagen erhältlich (meines Wissens alle mit identischem Inhalt, ich hatte eine braune in dem Design mit Ornamenten). Es sind allerdings nicht sämtliche Chopin-Aufnahmen des Pianisten, da er einiges innerhalb relativ kurzer Zeit mehrmals eingespielt hat (in der Gesamtbox sind es 14 CDs und dann noch ein paarmal die b-moll-Sonate live...). Ist aber irrelevant für op.10+25, denn die gibt es nur je einmal komplett (ein paar einzelne aber auch doppelt).

    Lieber Johannes,


    ich dachte, die unter dem Label Erato erhältliche CD-Box von 2018 ist mit der vergriffenen EMI Icon-Box identisch (auch 10 CDs), die ich habe:


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    Oder meinst Du die große Gesamtbox mit sämtlichen Aufnahmen von ihm, die inzwischen erhältlich ist?

    Die Aufnahme mit Sokolov ist ein Live-Mitschnitt aus den 1980ern (+ b-molll-Sonate). Wie gesagt, war das meine erste dieser Musik vor fast 25 Jahren und bei op.25 gefällt sie mir immer noch am besten. Niemals hat man den Eindruck von Etüden, die erste ist außerordentlich poetisch und die drei letzten spielt er praktisch ohne Pause, was trotz des Tonartenwechsels, so wirkt, als ob der letzte Aufschwung der vorletzten in die letzte Etüde hinenleitet, ein grandioses Finale.

    Und die teils übertriebene Langsamkeit und Detailliertheit, die sich bei dem Pianisten später manchmal zeigt (schon die Préludes sind sehr breit angelegt) fehlt hier.

    Die Sokolov-Aufnahme muss ich mir nach langer Zeit nochmals anhören. Ich habe auch noch die RIAS-Aufnahme von Jorge Bolet (op. 25) zu hören, die ich bisher nicht kannte. Da bin ich schon sehr gespannt. Einzeln veröffentlicht war sie so - die CD hatte ich mir zuerst gekauft:


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    Der Kauf der Einzel-CD lohnt sich heute nicht mehr (für 11 Euro plus Porto), da ist die Box mit den kompletten Sokolov-Mitschnitten, wo sie drin ist (die ich inzwischen auch habe), deutlich günstiger (10 CDs für 40 Euro):



    :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

    Mein Favorit für op.25 ist nach wie vor Sokolov, aber das war auch die erste, die ich gehört habe.

    ... mit einer unglaublich gespielten Etüde op. 25 Nr. 12, die einen wirklich vom Stuhl haut :) - hier als Zugabe von ihm präsentiert:



    Wirklich sehr ermpfehlenswert ist die im Moment preisreduzierte Box der Chopin-Aufnahmen von Tamas Vasary - mit den Etüden. Die Aufnahmen - allesamt aus den 60iger Jahren - sollten in keiner Chopin-Sammlung fehlen. Die Chopin-Etüden von ihm, klar, natürlich und ungemein schlüssig interpretiert, gehören nach wie vor zu den allerbesten:



    Zu den anderen Aufnahmen später mehr! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

    Ich entdecke gerade dieses Dokument, was Vladimir Ashkenazy bei seiner ersten Studioaufnahme der Cesar Franck-Sonate mit Itzhak Perlman zeigt - beide noch sehr jung und sehr gut gelaunt und zu Späßen aufgelegt. Da stimmt die Chemie zwischen zwei Ausnahmemusikern. Die sehr schöne Aufnahme ist in der großen Box mit den Solo-Aufnahmen enthalten:



    :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

    Lieber Holger, (ein bisschen OT)


    die Chopin Etuden von Pollini waren für mich immer noch das Maß aller Dinge in dieser Sache. Ich habe mir aufgrund Deiner Empfehlung (in einem anderen Thread) diese grandiose Aufzeichnung von Anda geholt. Jetzt erfahre ich, dass es auch eine von Cziffra gibt. Könntest Du diesen Tipp hier (oder eventuell bei Chopins Best!) kurz vorstellen (Ich weiß, der Thread gehört zu Ashkenazy)?

    Lieber Axel,


    schau mal hier:


    Ein Fall für den Chirurgen: Chopins Etüden op.10 & op.25


    Liebe Grüße

    Holger

    Als Antwort auf die Anfrage von Axel im Ashkenazy-Thread:


    Vladimir Ashkenazy - Pianist am Prüfstand(?)


    George Cziffra war anders als viele Liebhaber von Klaviermusik vermuten alles andere als ein undisziplinierter Virtuose, sondern ein sehr gewissenhafter Interpret, der genau wusste, wann er seine überirdischen virtuosen Fähigkeiten einsetzen durfte und wann nicht. Er weiß auch sehr genau, dass Chopin kein Liszt ist - so bei seiner überragenden Interpretation der Sonate b-moll. Hier bei den Chopin-Etüden wollte er wohl demonstrieren, wie sich jegliche manuellen Grenzen überwinden lassen. Cziffra zielt dabei nicht etwa auf den bloßen Effekt, produziert kein Tastentheater, sondern versteht die Etüden als transzendentale Übungen, Experimente, welche die Grenzen des Menschen-Möglichen auf dem Klavier austesten. Das ist kein "idiomatischer" Chopin, aber ein wahrlich aufregender!


    Enthalten ist die Aufnahme in der - inzwischen vergriffenen - Cziffra EMI-Box mit den kompletten Aufnahmen (die Einspielung der Etüden ist bei Philips gemacht):


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    Erhältlich ist die Aufnahme nach wie vor in dieser Edition (gebraucht ab 6,50 Euro und neu 25 Euro):


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    Unbedingt bei Youtube anhören und ansehen sollte man sich dieses Dokument, wo Cziffra sich unfassbar virtuos warm spielt mit einer Improvisation rund herum um die Etüde op. 10 Nr. 1 mit ihren sperrigen Dezimengriffen quer über die Tastatur, die er ein einem aberwitzigen Tempo über die Tasten fegt. Er endet, nachdem er die Flammen aus dem Flügel hat lodern lassen, cool mit: "I´m finished". ^^ Dazu passt die Anekdote, die Cziffras ungarischer Landsmann Tamas Vasary erzählt (von ihm selbst stammt übrigens eine der besten Aufnahmen der Chopin-Etüden, die leider viel zu wenig bekannt ist). Cziffra hatte sich in frühen Jahren sein Geld als Pianist in Bars verdient. Vasary, damals noch Student, kommt abends in eine solche Bar in Budapest und hört von weitem hochvirtuosen Klavierspiel. Er fragt: "Wer sind die zwei Pianisten?" Als verblüffende Antwort erhält er: "Nicht zwei Pianisten, Cziffra!" :D



    Schöne Grüße

    Holger

    bei den von dir abgebildeten Etüden habe ich immer die Einspielung von Ashkenazy leicht favorisiert, denn sie klingt für mich - relativ zu der Aufnahme von Pollini - beseelter. Technisch sind sie beide atemberaubend. Dem Hinweis auf die früheren Aufnahmen der Etüden der beiden Ausnahmekönner will ich gerne nachgehen und sie im Vergleich anhören. Vielen Dank dafür.


    Erwähnen möchte ich noch diese Zusammenstellung der Klavierkonzerte (analog zu der Box mit den Solowerken):

    Lieber Novalis,


    herzlichen Dank für die Rückmeldung! :) Ich habe ja auch überlegt, ob ich mir noch die Box mit den Konzerten zulege. Aber bis auf die Mozart-Konzerte habe ich fast alles einzeln.


    Von den Etüden sind meine Referenzen Ashkenazy, Pollini, Arrau, Anda (ein atemberaubendes Konzert bei den Salzburger Festspielen (Orfeo-CD)), Perahia und die freilich "unorthodoxe" aber unfassbar virtuose von Cziffra. Dazu gehört auch bei mir die vor Pollini entstandene DGG-Aufnahme von Tamas Vasary. Die LP besaß mein Vater und durch sie habe ich die Etüden kennengelernt. Sie ist zwar technisch nicht ganz so spektakulär wie Pollini oder Ashkenazy, aber glasklar, ungemein natürlich und immer schlüssig interpretiert auf technisch sehr hohem, absolut souveränem Niveau. Sie verdiente es, bekannter zu sein. Ist für mich auch immer noch eine der Referenzen. (Dazu habe ich selbstverständlich noch andere, auch die natürlich unbedingt hörbaren historischen Aufnahmen wie Cortot z.B.) :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

    Ich kenne die Mahler-Literatur eigentlich relativ gut - bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Adornos Mahler-Buch hatte auf die Mahler-Rezeption insbesondere in der deutschen Musikwissenschaft sehr großen Einfluss. Das war einerseits sehr fruchtbar - insbesonders was die Analyse der Symphonien 9 und 10 angeht (Sponheuer "Logik des Zerfalls" z.B.). Manchmal wurde aber Adorno auch regelrecht nachgebetet. Insbesondere Adornos kapitale Fehlinterpretation und Unverständnis der 7. Symphonie mit ihrem Verriss des Finales als positivistischem Lärm hat der Rezeption sehr geschadet. Dass ausgerechnet die 7. Symphonie einen besonders hohen Stellenwert in der Musikwissenschaft hätte, kann man also gerade nicht behaupten. Ein denkwürdiges Erlebnis: Bei einer Aufführung einer anderen Mahler-Symphonie in der Bielefelder-Oetker Halle meinte ein Liebhaber neuer Musik in der Pause: Stände die 7. auf dem Programm, würde er den Saal verlassen. Das sei ja keine Musik, sondern nur Lärm... Adorno lässt grüßen! :D


    Schöne Grüße

    Holger

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    Tamino verdanke ich, dass ich nach so langen Jahren wieder Ashkenazys Aufnahme des 2. Chopin-Klavierkonzerts hören konnte, wodurch ich das Konzert überhaupt kennenlernte durch diese schöne LP in meiner Schüler- und Studentenzeit:


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    Die Koppelung mit dem Tschaikowsky-Konzert war auch insofern reizvoll, da ich seltsamer Weise das Tschaikowsky-Konzert von ihm interpretiert gar nicht kannte. Die CD ist also eine Wiederentdeckung und Neuentdeckung zugleich! :) Auch beim Wiederhören muss ich sagen: Das ist einfach eine wunderschöne, exemplarische Aufnahme des 2. Chopin-Konzertes. Ashkenazys Ansatz ist ein "modernes" Chopin-Spiel, er romantisiert nicht, aber lässt diese Musik eines 18jährigen schwärmerischen Jünglings auch nicht altklug sich erkälten durch neusachliche Kühle. Ashkenazy vermeidet jegliche Art von Überschwang und virtuoser Rhetorik, spielt ungemein klar und auch brillant, ohne auf vordergründige virtuose Wirkungsrhetorik zu setzen. Es ist sein typischer, russisch-ruhiger, versonnener Erzählton, der seine sachlich unaufgeregte Art immer begleitet, der seinem Vortrag Poesie und Wärme verleiht. Dabei ist Ashkenazy von irgendeiner Pauschalität himmelweit entfernt: Die Feinheit und Feinsinnigkeit der Abstufungen verrät den großen Chopin-Spieler. Auch das Orchester mit David Zinman als Dirigenten begleitet ganz hervorragend. Die beiden renommierten Plattenpreise hat diese Aufnahme aus den 60igern damals völlig zu Recht bekommen!


    Es wäre natürlich sehr verwunderlich, wenn der Tschaikowsky-Preisträger Ashkenazy nicht eine bemerkenswerte Interpretation auch des vielgespielten ersten Tschaikowsky-Konzerts geben würde. Ashkenazy spielt auch hier ungemein intelligent durchdacht mit selbstverständlicher, völlig müheloser Virtuosität, unrhetorisch und unexaltiert-unpathetisch. Nur leider begleitet das von Lorin Maazel geleitete London Symphony Orchestra mit einer gewissen britischen Blasiertheit, gerade bei den Bläsern, die brillant, aber auch ein bisschen zu routiniert und wenig anrührend agieren. So verliert der langsame Satz doch merklich einiges von seiner magischen Anziehungskraft. "Gefühlig" und sentimental sollte man Tschaikowsky freilich nicht vortragen, aber ein doch weniger mit dem Kopf als mit dem Herz lyrisch gespielter Tschaikowsky würde man sich vom Orchester her doch wünschen, das von Lorin Maazel natürlich perfekt durchsichtig ausbalanciert wird. :) :) :)


    Schöne Grüße

    Holger

    Die habe ich mir auch kürzlich gekauft :) , allerdings die Vinyl-Version. Die dicke Box habe ich für € 10 erstanden. Und letzte Woche habe ich die Box mit den Neumann-Aufnahmen und der Tschechischen Philharmonie erstanden. Bin bei Mahler jetzt komplett!

    :) Neumann ist für mich absolut unverzichtbar mit der wunderbaren Tschech. Philh. - früher hatte ich glaube ich die Einzel-LPs - dann Einzel-CDs und jetzt die Supraphon-CD-Box. Es gibt noch die späten zweiten Aufnahmen mit der Tschech. Philh. von ihm, aber nur die 1. bis 6. und 9. Er ist dann leider vor Abschluss des zweiten Zyklus verstorben. Sonst als Gesamtaufnahmen habe ich neben Neumann und jetzt Haitink Abbado, Bernstein, Chailly und Svetlanov. Die reichen mir als GAs! :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

    Habe ich mir kürzlich zugelegt - ist (noch! - limitierte Edition) günstig zu erstehen für 36 Euronen und alles neu remastert. Die klassische Haitink-Gesamtaufnahme (Philips, jetzt Decca) wollte ich immer haben - es sind auch alle Liedzyklen dabei u.a. mit Jessye Norman:


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    Ein "Ranking" kann ich nicht aufstellen, da jede Symphonie eine Welt für sich ist. Am seltensten höre ich allerdings die 8. - alle anderen ähnlich häufig.


    Schöne Grüße

    Holger

    So,


    die Bolet Aufnahme ist angekommen. Nun, mein Gehör war früher besser ( Vorteil - meine Tonbandaufnahmen rauschen nicht mehr dank biologischem Dolby :D ), aber ich bin schon überrascht wie gut das klingt !


    Wünsche schönen zweiten Advent .

    Dir auch, lieber Kalli! :) Für mich der Graus - das Hörgerät als sinnenfälliges Zeichen der Vergeisung im Opa-Alter, in dem ich mich auch schon befinde. ;( Hoffentlich ist das für Dich nicht bedrückend!


    Man hört bei der Aufnahme, dass das 2. Konzert später gemacht ist. Klingt präsenter und großräumiger. Aber beide Aufnahmen sind auch aufnahmetechnisch wirklich gut! Toll sind auch die Solo-Zugaben mit der überragend gespielten Tannhäuser-Paraphrase am Schluss - habe ich gestern noch gehört! :hello:


    Einen schönen Adventssonntag wünschend

    Holger


    Besonders die Aufnahme des 1. Klavierkonzerts gehört zu den berührend-schönsten und bestinterpretierten überhaupt. Es ist bei diesem Konzert mit seinen unzähligen Charakter- und Tempowechseln ja so ungemein schwierig, die richtige Balance zu halten. Und die trifft Bolet perfekt. Er versteht es - bei vollkommener virtuoser Berherrschung des Instruments - hinreißend schön und poetisch einfühlsam zu spielen, um dann bei den entscheidenden Stellen auch zuzupacken. Dazu kommt seine schlafwandlerische Geschmackssicherheit. Das ist bei Bolet ein auch in seinem Sentiment absolut kitschfreier Liszt! Dabei liegt dem großen Stilisten Jorge Bolet alles Reißerische fern. Bolet sucht nicht durch Effekte zu beeindrucken, sondern gibt der Musik die Größe eines großen romantischen Konzerts. Das gilt gerade auch für das 2. Konzert, das bei ihm monumentale Getraghenheit bekommt. Die CD kann ich nur empfehlen - für den Liszt-Liebhaber ein "Muss". :) :) :) Die Aufnahmen sind in guter Stereo-Klangqualität und - das muss auch erwähnt werden - die Leistung von Orchester und den beiden Dirigenten ebenfalls ganz hervorragend.


    Schöne Grüße

    Holger

    CHOPIN: Sonate Nr. 1, Op. 4 & Variationen über "un air allemand" E-Dur (Aufnahme: 4/1978). Es handelt sich um Jugendwerke des Komponisten, die von Ashkenazy sehr schön und vor allem pianistisch souverän dargeboten werden. Zum Hören bin ich durch diesen Thread angeregt worden.

    Lieber Nemorino,


    das ist doch schön! :) Mit Chopins viel zu wenig beachtetem Frühwerk bin ich durch zuerst in der Tat durch Ashkenazys Gesamteinspielung aller Chopin-Werke in Berührung gekommen. Dann aber intensiv durch meinen Freund Franz-Josef Birk, der immer wieder Chopins frühe Werke im Rahmen seines Chopin-Zyklus (Düsseldorf, Wuppertal, Baden-Baden, Wien) spielte. So habe ich beim hörenswerten Rondo a la Mazur (und bei vielen anderen Gelegenheiten) oben auf dem Podium gesessen und die Seiten umgeblättert. Das muss ich mir von Ashkenazy auch nochmals anhören! :hello:


    Ein schönes Wochenende wünschend

    Holger