Beiträge von AlexKeller

    Ja gut, ich werde mich gerne einmal an der Threaderöffnung versuchen. Dazu will ich das ganze doch aber schon etwas mehr durchgehört haben. Und so kann es ein paar Monate (ja!) dauern, bis ich dazu komme. Vielleicht packt's mich auf, da Nancarrow hier schonmal im Gespräch ist. Und wenn jemand anders eröffnen möchte, sei es ihm unbenommen!


    A.K.

    Tendenziell stelle ich bei mir fest, daß die Finalsätze nicht im Zentrum meiner Aufmerksamkeit und meines Interesses (und auch meiner Erinnerung) stehen; das mag mit meiner Konzentrationsfähigkeit zu tun haben - aber oft sind es eher der erste oder der langsame (zweite) Satz, die für mich das Werkzentrum bilden, und in denen ich die Hauptaussage, den Grundton oder -charakter eines Werkes auf den Punkt gebracht fand. Es kommt auch vor, daß ich nach dem 2. Satz ausschalte. Das Finale der Eroica oder auch der Fünften habe ich nicht einmal richtig im Ohr.


    So, aber Finalsätze, die ich mir um ihrer selbst willen einzeln auflegen könnte und auch schon habe: Bruckner 3, Bruckner 5. Überhaupt ist bei Bruckner vielleicht das Schöne, das die Finalsätze so deutlich abrunden und zurückbinden an den Anfang. Zuletzt: Schonstakowitsch 4. Sinfonie. Hier ist es das Finale, das bei mir den Impuls gegegeben hat, in das ganze Werk einzusteigen bzw. vom Werkverlauf her das Finale zu begreifen zu versuchen. Mahler 4 ist ein Finale, das ich in seiner Schwebe und Doppeldeutigkeit sehr gelungen finde. Bei Mahler 5 ist mir, was das Finale "sagen" soll oder will, ziemlich unklar geblieben, es hat mich schon einmal im Konzert überzeugt, aber ich habe vergessen, was ich da zu begreifen meinte - Mahler 7 wäre ein ähnlich problematischer Fall in meinen Augen. Für sich stehend dagegen natürlich Lied von der Erde-Schluß und Mahler 9 Schluß, eines meiner Lieblingsfinale überhaupt.


    Fröhlichere, die einen bleibenden, quasi abrufbaren Eindruck auf mich gemacht haben z.B. Mozart 29. und Beethoven 7. (plus 3. Satz als Final-Vorspann gewissermaßen). Wunderbar auch Mozart: Prager Sinfonie. Die Haydn-Sinfonien kenne ich nicht gut genug, es hat sich nichts "finales" festgesetzt.

    Ein Nancarrow-Thread wäre mal etwas. Es geht hier ja wesentlich um ein einziges, allerdings "Lebens-"-Werk: die Studies for player piano. Ich habe mir vor einiger Zeit die Gesamteinspielung bei Wergo bersorgt, aber es ist doch ein solcher Koloss und so komplex, das man gerne mal, auch um besser hinzuhören, sich über einige dieser Studies mal austauschen würde. Ich jedenfalls kann nicht viel davon am Stück hören (und mir ist auch nicht immer danach...), aber in der richtigen Verfassung kann es schon sehr faszinieren.


    Für meine Ohren hat Nancarrow - die Intellektualität oder mehr geistige als sinnliche Anlage des Ganzen liegt auf der Hand - dabei auch ausgesprochen emotionale Qualitäten, über seinen musikalischen "Witz", und eine ganz eigene erhabene und strenge Atmosphäre, die schon durch die menschliche Unspielbarkeit der Studies mitbewirkt wird.


    Ligeti hat Nancarrow als einen der bedeutendsten Komponisten o.ä. (des 20. Jh.?) bezeichnet, und die Studies sind wohl schon öfter als das Wohltemperierte Klavier der Moderne apostrophiert worden.


    Wenn ich selbst eine fundierte Threaderöffnung schreiben wollte, müßte ich sehr auf das Wergo-Booklet zurückgreifen, da mir das musikalische Fachwissen fehlt.


    Außerdem hat Nancarrow neben einigen menschlich spielbaren Klavierwerken (die ich nicht kenne) auch noch zwei/drei Streichquartette komponiert, von denen sich Nr. 1 und 3 erhalten haben. Es gibt eine Streichquartett CD vom Arditti-Quartett (auch bei Wergo), sie enthält neben den beiden Streichquartetten auch für Streichquartett arrangierte Studies for player piano, teils vom Komponisten selbst.


    Eine besondere, neue rezeptionsästhetische Dimension besteht auch darin, daß der Interpret als Vermittler durch das mechanische Klavier ausgeschaltet ist. Die CD-Aufnahme ist so gewissermaßen das "Original" des künstlerischen Wollens bzw. seiner Realisierung im Klang.

    Ich meinte "Metaphysik", wie ich sie in der 6. herauszuhören meinte, in einem ganz allgemeinen Sinn, wie z.B. bei Heidegger: Rede über das Seiende im Ganzen. Bei aller dahinterstehenden Persönlichkeit und Haltung des Komponisten im Komponierten ein Panorama des Ganzen des Seins, insofern (fragende, zweifelnde, rufende) Rede über die letzten Dinge. So ist auch Mahler metaphysisch, würde ich meinen, Bruckner ja sowieso, aber man muß dieses Wort, meine ich, nicht auf eine positive, christliche oder sonstwie gefüllte Metaphysik beschränken. (Einen philosophischen Materialismus zu vertreten, wäre in diesem Sinne auch eine metapysische Haltung.) Und natürlich meinte ich "metaphysisch" als wertschätzendes Prädikat, auch wenn dessen Kurse heute allgemein zu sinken scheinen, so daß es fast etwas wie "rückständig" und im 20. Jahrhundert gar "reaktionär" bedeuten mag.


    Unmetaphysich - ohne diese Kategorie nun zur Brechstange machen zu wollen - wäre in diesem Sinne ein Komponist, der sich für diese Erweiterung des Blicks, einer enigmatischen Gesamtdeutung der Wirklichkeit oder eine "Totalperspektive" nicht interessiert, der z.B. - ohne jetzt an jemanden bestimmten zu denken - Etüden für Klavier schreibt. Die Sinfonie ist natürlich auch eine Gattung, die einem metaphysischen "Zugriff" von sich aus mehr entgegenkommt als andere Gattungen. (Ich frage mich gerade, ob ich die von mir geliebten Beethoven und Schubert metaphysisch nennen würde? Im Grundzug eher nicht, ich war überrascht, als ich irgendwann ziemlich spät erfuhr, daß Beethoven katholisch war!)


    Das politische Moment bei Pettersson ist interessant. Hätte ich vom Hören nicht gedacht, daß es Neruda ist.


    P.S.: Nachsatz Zitat Pettersson, aus diesem Thread zitiert: "Was ich vermittle, ist nicht Selbstmitleid, sondern bare Information." - das ist aber kühn! Dieser denkbar prosaische Begriff der Information zusammengesetzt mit dem, was da zu hören ist! Zeigt auf jeden Fall, daß der Anspruch da ist, nicht über sich (allein) zu reden.

    Ich habe jetzt gerade erst die Sechste und bin sehr angetan. Zumal ich das Spätromantisch-Moderne in der Sypmphonik ohnehin sehr mag, aber vor allem die "Großen Namen" kenne. Es ist wie die Entdeckung eines neuen seelischen Kontinents (auch gegenüber Mahler und Schostakowitsch, so weit ich bisher letzteren kenne). Durchaus unpolitisch und mit einer zweifelnden, nicht leeren, dunklen, klagenden Metahphysik erscheint mir dieser Petersson. Sonst kenne ich von ihm bisher nur die Barfußlieder, die aber auch ungemein schön sind, weniger expressiv, schlichter, aber von einer ebenso anbgründigen Traurigkeit. Und es klingt so ehrlich, so schnörkellos, wo Mahler mir jetzt im Vergleich doch auch in seinen manieristischen Zügen bewußt wird... bei den Barfußliedern ist das Faszinierende auch, dass es ein durchgehendes quasi-folkloristisches Moment gibt, obgleich sie vmtl. nirgendwo original-volksliedhaft sind, und dieses Moment hebt die Trauer übers Persönliche, das ich in der Sechsten nun stärker sehe, in eine "historische" Tiefe bzw. kommt als Dimension des Generationellen und Überindividuellen hinzu, so daß man den Eindruck hat, diese Traurigkeit, die in den Liedern laut wird, kommt von weither aus der Vergangenheit; während sich der Symphoniker vielleicht eher den "Himmel" gemäß seiner eigenen Seele füllt. Dies meine allerersten Eindrücke in einer mir neuen Welt.


    Ich kenne Wilhelm Meisters Lehrjahre etwa zur Hälfte; bei den "Bekenntnissen einer schönen Seele" bin ich damals ausgestiegen, obwohl gerade dieses Buch im Buch vielleicht das Interessanteste ist. Ich weiß nicht, ob ich mich dem nochmal nähere. Die Dan Brown-Alternative ist vielleicht schon etwas grausam. Wahrscheinlich würde ich da doch eher noch zum Wihelm Meister greifen, aber wer weiß - gerade "ackere" ich mich durch Stephen Kings Der Dunkle Turm I-VII und habe einen Riesenspaß - und sehe darüber hinaus auch manche künstlerischen Qualitäten. Ich bin eigentlich ganz froh darüber, daß ich die (bürgerlichen) Kategorien zwischen Ernst und Unterhaltung persönlich etwas außer Geltung gesetzt habe und die Berührungsangst mit der sogenannten Trivialliteratur abgelegt habe. Wenn mir ein Buch, das ich angefangen habe, zu einem bestimmten Zeitpunkt nichts gibt, würde ich es weglegen und die Zeit mit etwas Sinnvollerem verbringen. So habe ich auch die Wahlverwandtschaften nach der Hälfte beiseitegelegt.


    Gruß
    Alex

    Von den Sonaten Buxtehudes habe ich zwei Einspielungen, einmal die Naxos-Einspielung von op.2 (oben genannt) und dann eine kleine Auswahl, die bei Harmonia mundi erschienen ist, mit THE BOSTON MUSEUM TRIO, aber letztere ist es, die es mir angetan hat. Auf der CD sind die Sonaten op. 1 No. 4, op 1. No 3, op. 2 No 3 und op 2. No 6. Ich kann diese Platte sehr empfehlen! Sie strahlt einfach Frieden und Freude aus und ist voller unaufdringlicher Tiefe und Schönheit.

    Wenn ich jetzt und aus der Ferne, ohne nochmal in einzelne Werke hineinzuhören, an Beethoven denke, fallen mir die Klaviersonaten ein und ich könnte mein Gefühl dabei so ausdrücken: Wie der Ruf eines Freundes, der einen aus einer dunklen Gemütsstimmung reißt und sagt: Laß uns doch einen Spaziergang machen! Das trifft wahrscheinlich nur auf ein paar der mittleren Sonaten zu.


    Die letzten drei Sonaten und die späten Streichquartette gelten ja als die ganz großen Werke Beethovens und das schätze ich auch etwa so ein. Besonders die Streichquartette, die haben für jede Zeit etwas zu sagen, wenn man auch die "Sprache" das musikalische Idiom erst lernen muß oder sich zurückzuversetzen versuchen muß, um die Radikalität dieser Werke zu spüren; aber ich denke, man spürt es auch so, weil es in der Musik selber ist. Es kommt mir vor wie etwas, das weit in den Raum hinausreicht, so weit wie ein Mensch überhaupt nur gehen kann, an die Grenze dessen, was ein Mensch leisten und ausdrücken kann. Die Große Fuge ist vielleicht das deutlichste Beispiel.


    Stefan George hat mal in einem Brief geschrieben: "Ich lebe immerfort an den äussersten rändern, ich gebe das lezte mögliche - auch wo keiner es ahnt" (oder so ähnlich). - Ich sehe in Beethovens op. 130, 131 und folgenden ein solches "leztes mögliches" und mir läuft ein Schauer über den Rücken, wenn ich das höre. Auf der einen Seite radikaler Individualismus vielleicht, aber so, daß es am Ende doch das Menschentum selber ist, das hier (s)einen Ausdruck findet.


    Ich finde in Beethovens Musik keine Religiosität, bzw. auch mit der Missa solemnis bin ich nie in dieser Weise warm geworden, aber daß das Religiöse nicht in der Weise da ist, wie man es bei Bach z.B. dauernd hinzudenken muß und mitfühlt, das ist m.E. gerade auch eine besonders schöne, weltliche, humane Qualität an Beethoven.


    Natürlich gehört Beehoven in seine Zeit und ist in seiner Ausdrucksweise aus dieser Zeitgebundenheit zu denken. Doch vermute ich, daß das "Zeitlose" eher so entsteht, daß jemand aus seiner Zeit heraus wirkt, als daß er gegen die Zeit etwas gezielt "Ewiges" konstruieren möchte. Und so würde ich Beethoven eine zeitlose Qualität zusprechen, die er in vielen Werken und in seiner ganzen Sprache erreicht hat; das transportiert etwas, was nicht nur Aufschluß über ihn persönlich gibt, sondern enthält etwas "Menschlich-Allgemeines" (auch wenn die Kategorie abgedroschen klingt), so daß man Wesen von einem fremden Stern, die erfahren wollen, was der Mensch ist, auch eine Platte Beethoven geben könnte oder sollte. Wenn man jenen Wesen etwa nur Mozart und Bach gäbe, könnten sie sich von vielen Konflikten, die im Menschenherzen stattfinden, keinen Begriff machen.