Nur mal ein paar Szenarien:
1. Budget-Label XY braucht eigentlich einen Mahler-Zyklus, und zwar einen eigenen, keinen "angekauften", denn der eigene hebt das Renomée. Das Budget-Label geht mit einem guten Provinzorchester und dessen Chefdirigenten eine Vereinbarung ein: Ihr spielt uns über drei Jahre einen Mahler-Zyklus ein. Wir zahlen nichts. Aber ihr - also Dirigent und Orchester - hebt euren Marktwert.
2. Das Weltklasse-Orchester XZ hat keinen Vertrag mehr mit einem der "großen" Label, will aber im Geschäft der Auslandstourneen weiterhin vorn mitmischen. Der Marktwert bestimmt sich aber durch die am Markt vorhandenen Aufnahmen. Also produziert das Orchester einen eigenen Mahler-Zyklus mit seinem Chefdirigenten und den "am Hause" angestellten Tontechnikern. Das kostet, wenn man dafür einfach nur Konzerte mitschneidet, so gut wie nichts, und auch die Produktion der CDs kostet, verglichen mit den laufenden Kosten des Unterhalts eines Orchesters, nicht allzu viel. Möglicherweise findet man sogar noch einen Sponsor.
3. Ein Label hat mit dem Dirigenten ZY jemanden unter Vertrag, von dem man hoffen kann, dass seine Aufnahmen "Longseller" werden. Egal, was man jetzt investiert - man kann dafür während der nächsten vierzig Jahre mit Einkünften aus diesen Aufnahmen rechnen. Also macht man es.
Und warum Mahler? Weil sich niemand für Kaminski oder Koechlin oder Draeseke oder sonstwen interessiert. Mit dem gleichen Recht könnte man auch fragen, warum das SO des WDR einen Schostakowitsch-Zyklus eingespielt hat, aber keinen Zyklus der Sinfonien von Karl Amadeus Hartmann. Und wieviele Mahler-Zyklen braucht's vom SO des BR, bevor die einen Hartmann-Zyklus einspielen?
Es ist der Markt. Nachdem sich "konventionelle" Orchester mit Beethoven nicht mehr profilieren können, kaprizieren sich alle auf Mahler, Bruckner und Schostakowitsch.
Grüße,
Heinz