Neulich mal wieder gehört. Hier eine etwas ausführlichere Zusammenfassung:
Haydn: Lo
speziale – Chaos in der Apotheke
Haydns dritte erhaltene
Oper Lo speziale
(Der Apotheker) entstand 1768 nach einem Libretto von Carlo Goldoni.
Wie üblich wurde Goldonis
Text
nicht komplett übernommen, sondern an die Verhältnisse in Esterháza
angepasst. Leider ist die Musik nicht vollständig erhalten, vom 3.
Akt gibt es nur eine Arie und das Finale.
Goldoni schrieb das
Libretto 1755 für den Karneval von Venedig, vertont wurde es von
Vincenzo Pallavicini (1. Akt) und Domenico Fischietti (2. und 3. Akt)
und aufgeführt im Teatro San Samuele (Quelle: Italienische Wikipedia
und http://www.carlogoldoni.it). In der Originalfassung gibt es drei ernste
und fünf komische Rollen. Haydn strich die drei ernsten und eine der
komischen Rollen, so dass folgende Personen übrig bleiben:
Sempronio (Tenor):
Apotheker, will sein Mündel Grilletta heiraten, um an ihre Erbschaft
zu kommen
Mengone (Tenor):
Gehilfe von Sempronio, in Grilletta verliebt
Grilletta (Sopran):
Sempronios Mündel
Volpino
(Sopran(!)): reicher junger Geck, hat es auf Grilletta abgesehen
Drei Männer wollen
dieselbe Frau, aber der aufgeklärte Leser weiß jetzt schon, wer das
Rennen machen wird...
I. Akt
Die Ouvertüre
(G-Dur) besteht aus einem schwungvollen ersten Teil, einem
pastoralen Mittelteil in C-Dur und einer Wiederholung des ersten
Teils.
Nr. 1: Arie Mengone
(G-Dur) Tutto il giorno,
pista, pista
Mengone beklagt seinen
monotonen Arbeitsalltag: Immer nur mit dem Mörser Zutaten zerstoßen
(„pistare“), und im gleichen Rhythmus schlägt auch sein
(Grilletta) liebendes Herz. Das rhythmische Stoßen bzw. Schlagen ist
natürlich auch in Haydns Musik zu hören.
Sempronio kommt hinzu, und
man erfährt von seinem Spleen: Er ist das, was man heute
„internetsüchtig“ nennt. Den ganzen Tag surft er im Internet,
sprich: liest er Zeitung und verliert sich in irgendwelchen
fantastischen Meldungen wie „auf den Molukken wurde eine Perücke
aus Drahtgeflecht erfunden“, „in China hat ein Mann aus Moskau
ein Kind geboren“, „in Paris hat ein Apotheker sein Mündel
geheiratet“. Letzteres bezieht er sofort auf seine Pläne mit
Grilletta, was Mengone ironisch kommentiert.
Volpino kommt unter dem
Vorwand, etwas kaufen zu wollen, in die Apotheke, wird von Sempronio
aber an Mengone verwiesen. Jener interessiert sich nämlich nur für
seine Zeitung:
Nr. 2: Arie Sempronio
(B-Dur) Questa è un’altra
novità
Hier geht es um einen
Streit zwischen der Arena von Verona und dem „Turm von Cremona“
(gemeint ist der berühmte Torrazzo), welches das würdigere
Bauwerk sei. Argumente wie „lunghezza“ (Länge) und „larghezza“
(Breite) werden von der Musik lautmalerisch unterstrichen. Der Streit
wird vom Kolosseum in Rom geschlichtet.
Anschließend versucht
Volpino, von Mengone etwas über Grilletta zu erfahren. Mengone zeigt
sich aus naheliegenden Gründen wenig kooperativ.
Nr. 3: Arie Mengone
(A-Dur) Per quel che ha mal
di stomaco
Bei der Analyse des Textes
muss man wissen, dass in dieser Szene ursprünglich zwei Bewerber für
zwei Frauen unter einem Vorwand in die Apotheke kommen und ein Mittel
gegen Magenprobleme („mal di stomaco“) bzw. Verstopfung („corpo
stitico“) kaufen wollen. Nach der oben erwähnten Streichung von
drei Rollen bleibt nur noch Volpino übrig, aber Mengone erklärt in
seiner Arie immer noch die Wirkung von zwei verschiedenen
Medikamenten. Köstlich ist hierbei die musikalische Umsetzung der
letzten Zeile „le viscere anderà“ (er wird Stuhlgang haben): Das
„a“ wird in einer Koloratur so gesungen, dass es sich anhört wie
„ah-ah-ah-ah-aaah“ als hörbare Folge der Erleichterung nach
Einnahme des Abführmittels.
Mengone verlässt die
Szene. Volpino hat Glück und trifft auf Grilletta, diese lässt ihn
aber abblitzen:
Nr. 4: Arie Grilletta
(F-Dur) Caro Volpino
amabile, siete de’ pazzi il re
„Lieber teurer Volpino,
ihr seid der König aller Verrückten.“
Durch die Flöten bekommt
diese Arie einen lieblichen Ausdruck. Vom Typ her erinnert die Arie
eine ähnliche aus den Pescatrici. Auffallend ist der recht
frühe Beginn des zweiten (schnellen) Teils.
Grilletta geht ab, und
Volpino zieht Bilanz:
Nr. 5: Arie Volpino
(g-Moll) Amore nel mio
petto si è convertito in isdegno
„Meine Liebe hat sich in
Empörung verwandelt“, außerdem will er seinen Rivalen umbringen.
Dabei fällt ihm ein, dass er das Duell auch verlieren könnte, aber
Grilletta habe es ja so gewollt. Eine dramatische Rachearie (daher
Moll), die Haydn oft an ungefähr dieser Stelle im ersten Akt bringt.
In der nächsten Szene
trifft Mengone auf Grilletta. Sie will ihn. Aber Mengone hat Angst
vor seinem Chef, was bei Grilletta nicht gut ankommt. Der ahnungslose
Sempronio kommt dazu, und schon sind wir im Finale des ersten Aktes:
Nr. 6: Finale I (C-Dur)
Quanti son di questa
polvere
Grilletta und Mengone
bekommen von Sempronio den Auftrag, irgendwelche Zutaten zu
zerkleinern, während dieser Landkarten studiert, geistig also mal
wieder an fernen Orten weilt. Grilletta und Mengone nutzen das zum
Flirten. Sempronio muss kurz weg, einen Kompass holen, das Liebespaar
kommt sich näher und wird prompt von Sempronio ertappt. Das Finale
durchläuft die üblichen Beschleunigungen, und am Ende singen alle
drei das Gleiche, wenn auch mit unterschiedlichem Hintergrund:
Ho un
tremore nel mio core:
Non so dir
cosa sarà.
Che tormento
che mi sento!
Oh che rabbia
che mi fa.
(Mein Herz zittert: Ich
weiß nicht, was wird. Welch eine Qual ich fühle! Welch eine Wut mir
das macht!)
II. Akt
Sempronio ist erbost über
Mengones Absichten auf „seine“ Grilletta. Damit nicht genug,
kommt nun auch noch Volpino und bittet auf etwas naive Weise bei
Sempronio um die Hand von Grilletta. Dies wird natürlich energisch
abgelehnt. Volpino antwortet mit einem erfundenen Zeitungsartikel,
der Sempronio aufhorchen lässt:
Nr. 7: Arie Volpino
(E-Dur) Un certo tutore in
Francia vi fu
In Frankreich habe ein
Vormund dem Geliebten seines Mündels die Hand der jungen Frau
verweigert und dies mit Stockschlägen gebüßt. Eine hübsche kleine
Arie, bei der nur dezent die Schläge angedeutet werden.
Sempronio signalisiert
Verständnis, ist aber entschlossen, seine beiden Rivalen so schnell
wie möglich vor vollendete Tatsachen zu stellen.
Nr. 8: Arie Sempronio
(D-Dur) Ragazzaccie, che
senza cervello favellate
Eine marschartige
Droh-Arie, in der den jungen Leuten klar gemacht wird, dass es
Schläge gibt, wenn das Flirten nicht aufhört.
Grilletta zeigt sich davon
wenig beeindruckt, Mengone aber um so mehr, er entpuppt sich geradezu
als Angsthase, sehr zum Ärger von Grilletta, die ihre Konsequenzen
zieht:
Nr. 9: Arie Grilletta
(B-Dur) A fatti tuoi badar
tu puoi, da me alcun amor giammai non sperar
„Du kannst dich um
deinen eigenen Kram kümmern, von mir hast du keinerlei Liebe mehr zu
erwarten“ und später: questa
è finita, „die Sache ist erledigt“.
Mengone ist
niedergeschlagen. Er will Grilletta besänftigen, weiß aber nicht
wie, und verschwindet erst mal von der Szene. Sempronio macht
Grilletta einen Heiratsantrag, diese geht zum Schein darauf ein.
Sempronio lässt sofort einen Notar rufen. Volpino und Mengone haben
das unabhängig voneinander mitbekommen und geben sich beide als
Notar aus. Sempronio ist etwas verwirrt, er hat ja nur einen Notar
bestellt, aber da keiner von beiden bereit ist, das Feld zu räumen,
akzeptiert er beide, Hauptsache er bekommt seine Grilletta.
Nr. 10: Finale II
(A-Dur) Colla presente
scrittura privata
Der Ehevertrag zwischen
Grilletta und Sempronio wird aufgesetzt, diktiert von Sempronio und
niedergeschrieben von den beiden „Notaren“, unter Begleitung vor
allem der Oboe. Grilletta (obwohl eigentlich noch unentschlossen) und
Sempronio sollen unterschreiben, möchten aber den Vertrag vorher
noch lesen, die Musik wird schneller. Die beiden „Notare“
versuchen, es zu verhindern, aber vergeblich, und so kommt es heraus:
In dem einen Vertrag wurde „Sempronio“ durch „Volpino“ und in
dem anderen durch „Mengone“ ersetzt, die Verkleidung der beiden
fliegt auf. Der Akt endet im Tumult, wobei dieses Mal die beiden
Parteien sogar unterschiedliche Texte haben:
Volpino+Mengone: Viva
gli sposi, viva l’amor. („Es leben
die Eheleute, es lebe die Liebe.“)
Grilletta+Sempronio:
Via, maledetti, ma di buon
cor. („Haut ab, Verfluchte, aber
hurtig.“)
III. Akt
Von diesem Akt fehlen die
Szenen eins bis drei und der Anfang der vierten Szene. Inhaltlich
passiert folgendes: Volpino hat die Idee, Sempronio in die Türkei zu
locken, so dass er Grilletta heiraten kann. Dazu erfindet er eine
dieser Geschichten, die Sempronio so gern in den Zeitungen liest: Ein
türkischer Herrscher wolle mit großem finanziellen Aufwand die
Krankheiten in seinem Land bekämpfen. Dazu habe er Boten nach Europa
geschickt, die nach fähigen Apothekern Ausschau halten sollen.
Prompt wittert Sempronio das große Geschäft, und in die Ferne hat
es ihn ja schon immer getrieben. Wie es der Zufall so will, ist die
türkische Gesandtschaft schon im Anmarsch.
Unterdessen versöhnen
sich Grilletta und Mengone in einem reizenden Duett, leider ohne
Musik von Haydn. Mengone hat für Grilletta ein schönes Band
gekauft, will es ihr dann aber doch nicht schenken. Grilletta
entdeckt es, ist ganz wild darauf, und nach einigem Hin und Her
bekommt sie es auch.
In der vierten Szene will
Sempronio (ganz in türkischer Aufmachung) zusammen mit den
türkischen Gesandten – in Wirklichkeit Volpino und Mengone als
Türken verkleidet – in die Türkei aufbrechen. Volpino bittet um
die Hand von Grilletta, Sempronio willigt ein, er hat jetzt
Wichtigeres vor. Volpino feiert den nahen Erfolg:
Nr. 14: Arie Volpino
(D-Dur) Salamelica, semprugna cara
Ein vollkommen absurder
Text, der türkisch klingen soll. Es geht darum, dass man in
Konstantinopel immer singt und tanzt. Haydn unterlegt dies natürlich
mit einer Musik „alla turca“.
Die fünfte Szene fehlt
wieder: Grilletta kommt hinzu, während Volpino weg ist, um sie
suchen. Sie fragt Sempronio, ob sie einen dieser „Türken“
heiraten darf. Kein Problem, sie könne auch vier auf einmal nehmen.
Die Wahl fällt natürlich auf den als Türken verkleideten Mengone,
und die Trauung wird sofort vollzogen, in Anwesenheit von vielen
Zeugen.
Letzte Szene: Endlich
kommt Volpino zurück und muss feststellen, dass ihm Grilletta vor
der Nase weggeschnappt wurde. Frustriert reißt er sich die Kleidung
und den falschen Bart vom Leib. Der Rest der Szene ist zum Glück
erhalten:
Nr. 15: Finale III
(G-Dur) Signor Sempronio,
il matrimonio si è fatto qua. Constantinupola più non si
va.
Die Hochzeit ist
vollzogen, Konstantinopel fällt aus, sagt Mengone und entfernt
ebenfalls seine Verkleidung. Volpino und Sempronio ärgern sich aus
unterschiedlichen Gründen, aber am Ende singen alle vereint:
Amore
s’ingegna; sa l’arte e l’insegna. Ma se uno è più scaltro,
soffrire quell’altro, tacere dovrà.
„Amor handelt; er kennt
die [Liebes-]Kunst und lehrt sie. Aber wenn einer pfiffiger ist, muss
der andere leiden und schweigen.“