HAYDN: L'infedeltà delusa – Zurück aufs Land!
Die Oper entstand 1773 und trägt im Hoboken-Verzeichnis die Nummer 5 (davor kommt Le pescatrici, danach L’incontro improvviso). Sie wurde am 26. Juli auf Esterháza anlässlich der Festlichkeiten zu Ehren der Fürstin Maria Anna (Witwe von Paul Anton Esterházy, 1762 verstorbener Bruder von Nikolaus Esterházy, Haydns Arbeitgeber) uraufgeführt. Noch wichtiger ist die Aufführung Anfang September des gleichen Jahres, als die Kaiserin Maria Theresia zu Besuch kam und hinterher die berühmte Aussage machte: „Wenn ich gute Opern hören möchte, gehe ich nach Esterháza.“ Es gab noch eine Aufführung Anfang Juli 1774, dann ging es erst wieder im 20. Jahrhundert weiter.
Bekanntlich gibt es zu vielen Haydn-Opern einen Experten, der von dem jeweiligen Werk meint, dieses sei Haydns beste Oper. In diesem Fall ist es der renommierte Haydn-Forscher H.C. Robbins Landon, der L’infedeltà delusa für die beste hält. Natürlich ist die Aussage gewagt, wenn man bedenkt, dass zwar ein Jahr vorher (1772) die berühmte Abschiedssinfonie entstanden ist, Haydn bei Orlando Paladino (1782) aber nun mal 9 Jahre älter und erfahrener war. Bei den Streichquartetten wäre das der Abstand zwischen op. 20 (1772) und op. 33 (1781). Und doch hat L’infedeltà delusa einige besondere Stärken. Das Werk besteht aus ungefähr zwei gleich langen Akten von ca. 60 bzw. 50 Minuten. In diesem Rahmen ist alles gut durchstrukturiert, der Rote Faden ist leicht zu erkennen. Die Aussagen sind klar erkennbar und nachzuvollziehen. Es wird nie langweilig, aber die Handlung hat bei aller Lustigkeit auch nachdenklich stimmende Momente. In einer Aufführung braucht nichts gestrichen und nichts umgestellt zu werden, und doch hat der Regisseur den bei Haydn üblichen Gestaltungsraum.
Das Libretto stammt von Marco Coltellini, der mit Gluck zusammenarbeitete und auch das Libretto zu Mozarts La finta semplice (1768) schrieb. Das Thema ist typisch Rokoko und daher in unserer Zeit wieder hochaktuell: Vorzüge des Landlebens im Vergleich zur Stadt, privates Lebensglück anstelle von Staatsraison (heute: Politik), Intimität statt Feierlichkeit, „beweglicher Intellekt statt gewichtiges Argument“ (letzteres ist ein Zitat aus einem Kunstführer). Dass hierbei eine Frau die Hauptrolle spielt, überrascht nicht.
Wir haben es mit fünf Personen zu tun, lauter normale Menschen, keine Adlige, keine Helden, keine Götter:
Vespina („kleine Wespe“): Schwester von Nanni. Eine gewitzte junge Frau, von ihrem Freund Nencio verlassen, der es neuerdings auf Sandrina abgesehen hat. Vespina ist mit Abstand die wichtigste Person des Stückes.
Nanni: Bruder von Vespina, einfacher Bauer, liebt Sandrina, die aber mit Nencio verkuppelt werden soll. Nanni und Vespina haben also größtes Interesse daran, dass daraus nichts wird.
Sandrina: Tochter von Filippo, einfaches Mädchen, liebt Nanni, soll aber den reichen Bauer Nencio heiraten.
Filippo: Vater von Sandrina, alter Bauer, will seine Tochter mit Nencio verkuppeln.
Nencio: Reicher Bauer, hat sich von Vespina abgewendet und will Sandrina heiraten, gegen deren Willen.
Die Oper beginnt und endet in C-Dur, ansonsten werden die Tonarten eher zur Charakterisierung der Situation gewählt, man kann also nicht den handelnden Personen eine bestimmte Tonart zuordnen.
I. AKT
Die Ouvertüre beginnt mit einem Allegro in C-Dur, dessen harte Einwürfe auf Konflikte hinweisen. Es folgt ein langsamer Teil (Poco adagio) in G-Dur. Er schildert eine Idylle (Verweis auf Ruhe, Harmonie, Einklang mit der Natur), wobei ein dramatischer Einschub gegen Ende aber auch hier daran erinnert, dass etwas in der Luft liegt. Die Musik geht direkt über in die erste Szene:
Nr. 1: Quartett Filippo, Vespina, Nencio, Nanni (F-Dur) Bella sera, ed aure grate
F-Dur ist die Tonart für pastorale Stimmungen. Man besingt einen schönen Sommerabend nach getaner Arbeit. Filippo und Nencio besiegeln ihren Plan bzgl. Sandrina. Vespina und Nanni schöpfen bereits Verdacht. Mit einer neuen Melodie (ebenfalls F-Dur) kommt Sandrina hinzu, die wissen will, was ihr Vater gerade mit Nencio ausgeheckt hat. Die Szene endet somit als Quintett mit allen Darstellern der Oper. Teile der Musik erinnern übrigens an das Hauptthema von Mozarts Flöten- bzw. Oboenkonzert KV 314 (fünf Jahre später entstanden).
Im anschließenden Rezitativ kommt eine für das Werk ganz typische Aussage. Filippo teilt Sandrina mit, dass sie Nencio zu heiraten hat. Erstens sei dieser – im Gegensatz zu Nanni – reich, zweitens haben Töchter eh nichts zu melden. Ihre Antwort:
Cosa m’importa quando ricca sarò, se non sarò contenta?
(„Was interessiert es mich, dass ich reich sein werde, wenn ich nicht zufrieden bin?“)
Nr. 2: Arie Filippo (G-Dur) Quando viene a far l’amore
Hörbeispiel: Yves Saelens, Festival d’Aix-en-Provence 2008
Eine abwechslungsreiche Arie, in der Filippo seiner Tochter wortreich erklärt, wie sie Nanni zukünftig abzuweisen hat. Sie erscheint mir etwas lang, bietet aber dem Regisseur viele Möglichkeiten der Personenführung.
Sandrina trifft auf Nanni. Sie versucht, ihm mit Worten auszuweichen, so wie es der Vater will, aber es gelingt ihr nicht. Das erklärt sie auch in ihrer Arie:
Nr. 3: Arie Sandrina (A-Dur) Che imbroglio è questo!
(„Was ist das für eine Verwirrung!“)
A-Dur ist die Tonart der Liebe, aber hier haben wir ein aufgewühltes, unruhiges Stück, das genau zu Sandrinas Stimmung passt.
In einem Monolog äußert Nanni seine Wut über Sandrinas Vater. Er will ihn treffen, und dann un di noi due gli ha a ire al cimeterio („wird einer von uns beiden den Gang zum Friedhof antreten müssen“).
Nr. 4: Arie Nanni (f-Moll) Non v’è rimedio, non v’è compenso
Hörbeispiel: Andreas Wolf, Festival d’Aix-en-Provence 2008
Nanni macht seinem Ärger Luft. Die einzige Moll-Arie des Stückes (f-Moll: Tonart der Erregung und der Wut), dramatisch, emotional, außergewöhnlich.
Stimmungswechsel:
Nr. 5: Arie Vespina (B-Dur) Come piglia sì bene la mira
(„Wie kann [Amor] so gut das Ziel treffen [wenn seine Augen verbunden sind]“)
Eine schöne, ernste Arie in der „ruhigen, heiteren, würdigen“ B-Dur, also passend zum Inhalt, mit lautmalerischen Details (mi pizzica il cor – „sticht mich ins Herz“).
Hörbeispiele:
Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008
Christiane Boesiger, Haydntage Eisenstadt 2004
In einem Rezitativ beklagt Vespina Nencios Untreue, ihre Armut und seinen Reichtum, und dass sie ihn lieber arm hätte. Ihr Bruder erscheint:
Nr. 6: Duett Nanni-Vespina (D-Dur) Son disperato: Ho un diavol per capello
(„Ich bin verzweifelt, bin fuchsteufelswild“)
Hörbeispiel: Andreas Wolf und Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008
Ein weiterer Höhepunkt der Partitur, von der Komplexität her könnte das auch Teil eines Finales sein. Die beiden Geschwister klären den aktuellen Stand der Lage und beschließen, Nencio das Herz herauszureißen (io gli vo’ strappare il core) bzw. seinen Bauch aufzuschlitzen (io lo voglio sbudellar).
Nr. 7: Arie Nencio (Es-Dur) Chi s’impaccia di moglie cittadina
Ein recht langes, aber von Haydn meisterhaft umgesetztes Stück im Rhythmus eines Menuetts. Nencio bringt eine Art Ständchen (zu erkennen an der zupfenden Streicherbegleitung) unter dem Fenster von Sandrina. Der Anfang erinnert an ein vergleichbares Stück von Mozart (Don Giovanni) oder Rossini (Il Barbiere di Siviglia), die konkrete Stelle fällt mir im Moment nicht ein.
Tatsächlich spricht Nencio zu sich selbst, er gibt seine Einstellung zu Frauen aus der Stadt bekannt. Der Text (mit ideologischer Verwandtschaft zu Ihr Schönen aus der Stadt aus den Jahreszeiten) ist zum totlachen, hier ein paar Ausschnitte, die auf Italienisch noch witziger als auf Deutsch klingen:
„Wer sich eine Frau aus der Stadt auf den Hals lädt, sucht die Mitgift und findet den Ärger.“
„Nachts bummelt sie herum, morgens liegt sie im Bett.“
„Wenn sie dir eine rosa Wange zeigt, lass ihr das Gesicht waschen und sieh sie an; nimm ihr das Mieder ab, den Flitterkram, den Reifrock, und wenn du sie noch erkennst, wundere ich mich.“
„Die Schminke unserer Frauen ist das frische Wasser, der Spiegel ist der Brunnen oder die Wanne.“
Von den drei Übersetzern meines Booklets (Dorati-Aufnahme) hat übrigens keiner die Bedeutung des Wortes tontiglio erfasst. Ein Italiener gab mir den Hinweis. Das ist der spanische tontillo, den Rest erledigt dann Wikipedia: Eine spanische Variante des Reifrocks.
In der drittletzten Zeile wird das Wort guai („wehe“) mit einer Dissonanz untermalt. In der letzten Zeile ch’hanno posticcio il cor, com’ hanno il viso kommt ein Tonartwechsel, den ich leider nicht konkret bestimmen kann.
Im folgenden Rezitativ erscheint irgendwann tatsächlich Sandrina, die auf Nencios Werben recht zurückhaltend reagiert, was dieser u.a. so kommentiert:
Io non intendo di pigliarti per forza. Ov’io mi volga, avrò cento partiti, uno meglio dell’altro, e facilmente.
(„Ich will dich nicht mit Gewalt nehmen. Wo immer ich hingehe, habe ich hundert Partien, eine besser als die andere, ganz leicht.“)
Nr. 8: Finale I (G-Dur)
O piglia questa. Mit diesen Worten („Nimm dies“) erscheint Vespina und gibt Nencio eine Ohrfeige. Zusammen mit Nanni bedrängt sie Nencio, bekanntlich soll ihm ja das Herz herausgerissen werden. Sandrina und ihr Vater erscheinen, es kommt zum allgemeinen Tumult. Am Ende singen alle das Gleiche, meinen es aber unterschiedlich:
Se non metti più giudizio, vuol seguire un precipizio, domattina si vedrà.
(„Wenn du nicht Vernunft annimmst, wird eine Katastrophe folgen, morgen wird man sehen.“)
II. AKT
Wir erinnern uns, dass am Ende des ersten Aktes alle fünf eine große Klappe hatten. Aber wer hat als einziger die Nacht zum Nachdenken genutzt: Vespina. Oh fratel mio, stanotte io non ho chiuso un occhio, e innanzi giorno tanto ho di qua e di là girato, e fatto che, se non attraversaci il demonio, spero di frastornare il matrimonio. (Frei übersetzt: „Ich habe die Nacht kein Auge zugetan und hin und her überlegt, und wenn es nicht mit dem Teufel zugeht, hoffe ich die Hochzeit zu verhindern.“) Sie verkleidet sich und wird dabei von Nanni beraten. Als „alte Frau“ trifft sie auf Filippo und Sandrina. Der Text ist zum totlachen, wie sie Filippo weismacht, dass Nencio in Wirklichkeit mit ihrer Tochter verheiratet sei, aber sie und die Kinder(!) verlassen habe. Sie garniert ihre Ausführungen ständig mit mehr oder weniger passenden Sprichwörtern, die jeweils von den Streichern wie bei einem Accompagnato-Rezitativ untermalt werden. Die Szene endet mit:
Nr. 9: Arie Vespina (A-Dur) Ho un tumore in un ginocchio („Ich habe eine Geschwulst im Knie“)
Vespina (als alte Frau) klagt über alle möglichen Krankheiten. Als sie auf ihren Husten zu sprechen kommt (ho una tosse) hustet das Orchester mit.
Hörbeispiele:
Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008
Christiane Boesiger, Haydntage Eisenstadt 2004
Anna Bonitatibus, Wiener Kammeroper 2004
Filippo ist fuchsteufelswild. Auf Sandrinas Frage „Wenn Nencio eine Frau hat, kann er mich nicht heiraten?“ antwortet er: Lo manderemo a sposar la berlina. („Wir werden ihn mit dem Pranger verheiraten.“) Die Szene spielt vor Filippos Haus, und als der ahnungslose Nencio kommt, um mit der Heirat alles klar zu machen, wird ihm die Tür vor der Nase zugeknallt. „Wenn ihr wollt, kann die Heirat heute Abend stattfinden.“ – „Du kannst den Galgen heiraten!“ Unter weiteren Beschimpfungen wird Nencio davongejagt.
Nr. 10: Arie Filippo (C-Dur) Tu sposarti alla Sandrina? Te lo puoi levar di testa.
(„Sandrina heiraten? Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen.“) Eine „Droh-Arie“, wie man sie auch von Mozart kennt.
Lautmalerisch(?): la gente mormora, etc.
Es folgt Vespinas nächster Streich: Als betrunkener deutscher Diener verkleidet, macht sie sich ein zweites Mal an Nencio heran. Der Text ist wirklich zum Totlachen, hier ein paar Highlights (alles von Vespina gesprochen):
To tölple paur, ah tu garstigher cherle!
Star fenuto a sposar ain jonghe meddle der paur Filippo. Mi fermato a pone trinche, e non trofar. Tu potere insegnar.
Ah gute fraind! Ah gute paesan! Quando patrone Sandrina afer sposata, foller dar pone trinche, foller impriacar in compagnia, foller ballare, e stare in allegria.
Hier macht man sich zu allem Überfluss auch noch über den deutschen Akzent lustig (f statt v, p statt b, t statt d), man parodiert unseren Papst!
Wer den Inhalt nicht komplett verstanden hat: Vespina gibt sich als Diener aus, dessen Herr heute Abend Sandrina heiraten werde. Anschließend allgemeines Besäufnis.
Nr. 11: Arie Vespina (F-Dur) Trinche vaine allegramente, che patrone oggi sposar
Eine völlig abgedrehte Arie und ein Bravourstück für die Darstellerin der Vespina.
Hörbeispiele:
Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008
Christiane Boesiger, Haydntage Eisenstadt 2004
Anna Bonitatibus, Wiener Kammeroper 2004
Für Nencio ist jetzt alles klar: Filippo hat eine bessere Partie gefunden, daher hat er Nencio vom Hof gejagt. Die „bessere Partie“ kommt auch sogleich in Form von Vespina, die sich nun als „Marchese di Ripafratta“ verkleidet hat. Nencio erklärt dem vermeintlichen Marchese sein Unglück. Der „Marchese“ erklärt, dass er in Wirklichkeit Filippo übers Ohr hauen will: Nicht ihn soll Sandrina heiraten, sondern seinen Dienstboten, um ihm anschließend als Magd zu dienen. Dazu werden auf der Heiratsurkunde die Namen vertauscht. Man bräuchte noch einen Trauzeugen, ob nicht Nencio Lust hätte. Der sagt natürlich begeistert zu:
Nr. 12: Arie Nencio (D-Dur) Oh che gusto!
In einer Art „Rachearie“ reagiert sich Nencio ab. Das Orchester unterstützt ihn dabei: Die Stelle arrabiarsi, arrapinar (beides Ausdrücke für „sich ärgern“) wird mit einem Tremolo begleitet, beim Wort risa („Lachen“) lacht das Orchester mit.
In einem kurzen Dialog hat Vespina keine Zeit, Nanni über den Stand der Lage aufzuklären (er ist eh nicht der hellste), sie macht ihm aber immerhin Mut:
Nr. 13: Arie Vespina (E-Dur) Ho tesa la rete („Ich habe das Netz gespannt“)
Hörbeispiele:
Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008
Christine Wolff, Neue Opernbühne Berlin 1997
Christiane Boesiger, Haydntage Eisenstadt 2004
Filippo und Sandrina bereiten sich nun auf die bevorstehende Hochzeit Sandrinas mit dem „Marchese de Ripafratta“ vor. Aus dem Libretto ist allerdings nicht ersichtlich, wer sie davon unterrichtet hat. Der Dialog zwischen Filippo und Sandrina ist wieder ganz typisch für Sandrinas Geisteshaltung und letztendlich auch für die Stimmung der Oper, hier ein paar Beispiele (von mir frei übersetzt):
F: „Du wirst eine große Dame.“ – S: „Und vergesse, wie man arbeitet und gesund bleibt.“
F. „Du bewegst dich in der Kutsche oder in der Sänfte.“ – S: „Wo ich so gesunde Beine habe, ich käme mir vor wie am Pranger.“
F: „Du wirst in Samt und Seide gekleidet sein.“ – S: „Friert man da weniger?“
F: „Du wirst einen Reifrock tragen.“ – S: „Na klasse, das macht Spaß, das Schienbein gegen diesen Schrottkasten zu schlagen.“
F: „Du wirst Bedienstete haben.“ – S: „Damit die Öffentlichkeit mein gesamtes Privatleben erfährt.“
Das Ganze gipfelt im schönsten Stück der Oper:
Nr. 14: Arie Sandrina (Es-Dur) È la pompa un grand’imbroglio
Passenderweise in einer „feierlichen“ Tonart. Der Text ist nicht sehr lang:
È la pompa un grand’imbroglio ...... Der Pomp ist ein großer Schwindel
per un’alma, che disprezza ........... für eine Seele, die verachtet
fasto, onor, e la ricchezza. ............ Prunk, Ehre und Reichtum.
Io non cerco, ed io non voglio ....... Ich suche nicht und ich will nichts
che la pace del mio cor. ................ als den Frieden meines Herzens.
Hörbeispiel: Judith Halász, Wiener Kammeroper 2004
Noch besser, geradezu ideal ist Barbara Hendricks in der Dorati-Aufnahme . Was für eine Ausgewogenheit, welche Abgeklärtheit, und die Musik entspricht dem vollkommen. Ich notierte vor einiger Zeit, Barbara Hendricks würde diese Arie so „herrlich einfältig-naiv“ singen. Das kann man aber auch als abgeklärt, standfest, überlegen interpretieren. Auf alle Fälle ist das ein Musterbeispiel für die Lebensphilosophie des Rokoko, vom Text wie auch von der Musik her: Eine totale Absage an den Prunk und das Pathos des Barock.
Hinweis: Mir ist klar, dass sich diese Weltanschauung nur die Reichen leisten konnten und dass jene aus unserer heutigen Sicht nicht wirklich auf Prunk verzichtet haben. Aber so ähnlich wird man in 500 Jahren auch über uns denken: Aus Sicht der armen Leute in der dritten Welt wirkt unser „zurück zur Natur“ – aber mit Elektroauto und künstlichem Hüftgelenk – nicht weniger bizarr.
Nun wird Vespinas vierter und letzter Streich vorbereitet. Nanni verkleidet sich als Diener des „Marchese di Ripafratta“ und bereitet Filippo und Sandrina auf die bevorstehende Trauung vor:
Nr. 15: Finale II (C-Dur)
Nel mille settecento („Im Jahre Siebzehnhundert“), so beginnt Vespina, als Notar verkleidet, die Zeremonie. Die musikalische Stimmung erinnert an Mozart, ich meine, es wäre eines der Finale von Don Giovanni, das ähnlich beginnt. Der Bräutigam wird noch vermisst, aber der wird gleich kommen. Nencio ist als „Zeuge“ natürlich anwesend. Sandrinas fehlende Mitgift wird protokolliert, die Unterschriften werden geleistet, wo bleibt denn jetzt der Bräutigam? Eccolo qua! („Hier ist er!“), Vespina und Nanni legen ihre Verkleidung ab.
Es kommt zu einer Beschleunigung von Musik und Handlung, Filippo fühlt sich von Nencio reingelegt, der gar nicht versteht, wie das kommen konnte. Aber der Vertrag lässt sich nicht rückgängig machen, Sandrina hat Nanni geheiratet und Vespina greift sich Nencio. Nun ja, juristisch wasserdicht wäre das sicher nicht, aber nachdem Vespina erklärt, wie sie mit den Verkleidungen alle reingelegt hat, ist man von ihrer Schlagfertigkeit beeindruckt und alle stimmen in den Schlussgesang ein:
Quel ch’è fatto, fatto sia.
Stiamo dunque in allegria,
ch’in un doppio matrimonio
oggi almen si scialerà.
„Was geschehen ist, soll so sein. Wir wollen also fröhlich sein und heute erst mal in einer Doppelhochzeit die Puppen tanzen lassen.“