Beiträge von thdeck

    Letztens hier diskutiert, aber jetzt wende ich mich an die Experten.


    Ausgangspunkt ist dieses Sextett aus Rossinis "La Cenerentola": Questo è un nodo avviluppato

    (ab 0:52)

    (ab 0:10)


    Mich erinnerte das an ein vergleichbares Ensemble aus Verdis "Falstaff". Um Zeit zu sparen, fragte ich eine KI, und zwar wie folgt:

    "Rossini, La Cenerentola. Da gibt es ein Sextett im 2. Akt: "Questo è un nodo avviluppato." Mehrere Personen singen bzw. reden gleichzeitig in einem markanten Rhythmus. Es erinnert mich an ein ähnliches Ensemble in Verdis "Falstaff". Welches könnte das sein?"


    Die Antwort der KI erscheint mir korrekt:

    Nonett im 1. Akt, 2. Bild (oft eingeleitet durch die Worte der Frauen: "Quell'otre! Quel tino!").

    (ab 2:41)

    (ab 3:16)


    Andere KIs nannten zusätzlich die Schlussfuge "Tutto nel mondo è burla", was aber definitiv nicht passt.


    Frage nun an Runde:


    (1) Könnt ihr meinen Eindruck nachvollziehen, dass es in Verdis Falstaff ein Gegenstück zu Rossinis "Questo è un nodo avviluppato" gibt?

    (2) Seht ihr das auch so, dass es sich hierbei um das Nonett im 1. Akt ("Quell'otre! Quel tino!") handelt?



    Thomas

    Beobachtung meinerseits: Ich kann mich in das Christenteum besser hineinversetzen als die meisten Christen, obwohl ich mit ca. 25 aus der Kirche ausgetreten bin. Das ergibt sich daraus, dass ich mich schon seit Jahren mit diversen (und sehr vielen) Facetten des Christenstums beschäftige, während der einzelne Christ nur seinen individuellen Gauben auslebt. Und der ist in jedem Land und zu jeder Zeit unterschiedlich. Es ist echt krass, welche Ausprägungen allein der Katholizismus in unterschiedlichen Regionen und zu unterschiedlichen Zeiten hat.


    Ja, man sollte schon etwas Ahnung vom Christentum haben, wenn man ein christliches Werk aufführt. Aber man muss nicht gläubig sein. Allzu tiefer Glaube kann sogar schaden, weil die Interpretation dann eher einen theologischen als eine künstlerischen Wert hat. Nix gegen Theologie. Aber Theologie und Kunst sind zwei verschiedene Dinge.


    Das ist ähnlich wie beim Thema Politik und Kunst. Wenn es zu sehr in Richtung Politik geht, ist es keine Kunst mehr.

    Sind 20 Opern viel oder wenig, die Haydn komponiert hat?


    1777 als Kraus die Worte „Hayden hat uns noch nicht viel für die Bühne geschrieben. Er könnt' es, wenn er wollte.“ schrieb, hatte Haydn etwa die Hälfte der Opern komponiert.


    Von Wollen kann keine Rede sein, er musste seinem Dienstherrn Esterhazy Produktionen für die Bühne liefern.

    Sein Chef verlangte nur die Aufführungen von "guten" Opern. Angeblich hat Haydn weit über 100 inszeniert. Als Eigenkompositionen sind nur 13 überliefert, siehe hier:

    https://www.joseph-haydn.art/de/operae


    Und von den 13 sind auch nur ca. 10 (geschätzt aus dem Gedächnis) für Esterháza, also für seinen Chef, geschrieben worden. Die letzte davon war Armida, 1784 entstanden.


    Wir erinnern uns: Zum "Weltstar" wurde er erst in den 90er Jahren.


    Unabhängig davon bin ich ein großer Fan sein Opern. Ich höre sie genauso oft wie Wagner. Das Interessante bei Haydn: Seine Opern reproduzieren exakt den Zeitgeist des vorrevolutionären(!) 18. Jahrhunderts. Barock ist überwunden, neue Prinzipien gelten jetzt. Die dann ab der französischen Revolution komplett nichtig sein werden...

    Lieber Orfeo - ich habe auch gestutzt, als ich es geschrieben habe und deshalb mit "wohl" relativiert. Erwin Pokorny und andere zweifeln dazu noch an der Zuschreibung des Gemäldes zu HB und begründen es ausführlich. Sie schreiben es einem Schüler zu.

    Es scheint aber dennoch eine Art Tischplatte zu sein. Der spanische Titel lautet "Mesa de los pecados capitales". Und im Prado ist das Werk tatsächlich als Tischplatte ausgestellt.

    Lieber thdeck - aber wir sind uns doch sicher einig, dass damals Maler (15. - 17. Jahrhundert) entweder aus Protest oder einfach zum Spaß in ihren Bildern Symbole verarbeiteten, um über ihre Auftraggeber (z.B. Kirche) zu spötteln bzw. deren Doppelmoral zu entlarven.

    Absolut. Nur sind mir eben keine Phallus-Symbole bekannt. Ich lerne aber gerne dazu. Gebe aber zu bedenken, dass selbst meine 30 Ikonographie-Führer manche Deutungen doch etwas arg an den Haaren (aus meiner Sicht) herbeiziehen. Ich meine in dem Fall keine potenziell anzüglichen Symbole, sondern Deutungen im Bereich der Esoterik. Ja, Esoterik, Alchemie, Magie, etc. hatten im Mittelalter und in der Renaissance eine größere Bedeutung als heute. Aber es wäre im Einzelfall dennoch zu klären, ob sich der jeweilige Maler genau damit beschäftigt hat.


    Manche würden jetzt sagen: Geheimlehren sind dadurch gekennzeichnet, dass sie geheim sind. Oder entsprechend: Weil Phallus-Anspielungen streng verboten sind, würde kein Künstler zugeben, dass er damit arbeitet.


    Zu den Gurken bei Crivelli: Die Bibelquelle habe ich ja genannt. Und die Tatsache, dass Gurken negativ konnotiert waren. Und doch könnte man meinen, dass Crivelli damit etwas übertrieben hat. Aber das kann viele Gründe haben. Vielleicht hat er die Symbolik einfach zu Ende gedacht: Die Apostel sind immen gegen das Böse, sie können es sogar essen. Oder ganz banal: Er war Fan von Gemüse und Früchten aller Art und hat daraus eine Art Markenzeichen gemacht (so wie auch die langen Finger seiner Frauendarstellungen). Aber Phallussymbole beim Abendmal? Das ergibt irgendwie keinen Sinn.

    Zurück zum Artikel: Die Gurke hat definitiv etwas phallisches. Warum diese dann oft bei den Madonnen erscheint, darf spekuliert werden. In dem Gemälde von 1473 möchte ein Jünger dem anderen eine Gurke in den Mund stecken - das ist doch eindeutig.

    Ich habe über 30 Führer zu Ikonographie und Kunstgeschichte. Phallische Symbole gab's in der Antike und davor, nicht aber in der christlichen Kunst. Es steht dir natürlich frei, entsprechende Assoziationen zu haben, aber du bist ja weder Autor noch Adressat der (historischen) christlichen Kunst.


    Objektiv gesehen sind die Assoziationen der damaligen Autoren bzw. Adressaten genauso an den Haaren herbeigezogen. Aber so dachten die Leute damals halt.

    Blöde Frage:

    Was genau ist denn an der Qualität der CD auszusetzen? Meines Wissens ist eine Steigerung der CD-Qualität gar nicht hörbar. Hörbar ist vor allem die Qualität der Boxen. Und natürlich die Qualität der Aufnahme.


    Anders ausgedrückt: Man sollte erst mal seine Hardware optimieren. Und dann nur noch neue Aufnahmen in maximaler Qualität hören. Wobei letzteres natürlich Quatsch ist, es kommt ja erst mal auf den Inhalt an.


    Also: Hardware optimieren. Alles andere ist nur was für Technik-Freaks. Wobei ich mich selbst da frage, ob man nicht erst noch den Raum optimieren sollte, in welchem die Musik erklingt.


    Oder täusche ich mich, und meine Haydn-Sinfonien klingen gestreamt besser als von CD (bei gleichen Boxen)?

    Alles korrekt. Da zeigt sich halt der jahrzehntelang geschulte Kunstkenner und -rechercheur.


    Mein einziger Vorteil im aktuellen Beispiel:

    Köln ist nur 150 km von meinem Wohnort entfernt. Und in zwei Wochen ist dort eine interessante Weinprobe, allerdings mit beschränkter Platzanzahl, und ich habe noch keine Zusage. Falls das nicht klappt, werde ich eine interessante Vortsellung der Kölner Oper besuchen. Z.B. "Rheingold". Oder "Cenerentola".


    Du bist mal wieder dran mit dem nächsten Rätsel...

    Hier also das neue Rätsel:

    61qhGBrTyCL.jpg


    Ich bin hier echt nicht sicher, ob es leicht oder schwer ist. Im Booklet gibt es keine Infos zu dem Bild. Und in der Vergangenheit hatte ich schon mehrfach vergeblich im Internet nach dem Motiv gesucht. Doch heute Nachmittag, in der Mittagspause, fand ich es ganz leicht. Es ist auch ganz leicht erreichbar. Ich bin nur nicht sicher, ob der Bereich auch für Besucher zugänglich ist.


    Aber jetzt bin ich erst mal gespannt, wie leicht oder schwer ihr euch damit tut...

    Zu den Gurken:

    Laut einem meiner Ikonographie-Führer stehen Gurken für Verderben, Verdammnis, sind also negativ konnotiert. In Marienbildern bedeutet das: Die Jungfrau überstrahlt alles Negative, nichts dergleichen kann ihr etwas anhaben.

    Ursprung dieser Sichtweise scheint zu sein:

    Jes 1,8: "Übrig geblieben ist allein die Tochter Zion wie ein Häuslein im Weinberg, wie eine Nachthütte im Gurkenfeld, wie eine belagerte Stadt."

    Da war ich letztes Jahr. Überhaupt gibt es in den Marken ganz viel Crivelli. Und noch mehr Lorenzo Lotto, nebenbei bermerkt. Ihr solltet da echt mal hin. Zumal auch Rossini von dort stammt. Besagtes "Polittico di Sant'Emidio" findet sich in Ascoli Piceno: https://it.wikipedia.org/wiki/Polittico_di_Sant%27Emidio

    Dort auch den guten Wein "Rosso Piceno" nicht auslassen. Wird allerdings vom Offida (rot+weiß) getoppt. Letzterer ist leider in D sehr rar. Man muss also hin. Aber das sagt ich schon.

    Man muss da kein Musikhistoriker sein. Die "normalen" Leute waren früher in 99% ihrer Zeit damit beschäftigt, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Egal ob auf dem Land oder in der Stadt.


    In der wenigen freien Zeit gab's Hausmusik und irgendwelche Feste. Die dort aufgeführte Musik war leicht konsumierbar. Da ist null Unterschied zu heute.


    Das hat natürlich keinen der heute noch bekannten Komponisten davon abgehalten, den einen oder anderen "Hit" zu komponieren. Aber das waren extrem seltene Ausnahmen.


    Es ist in dem Zusammenhang extrem schwer (wahrscheinlich unmöglich) Aussagen zur Qualität der aufgeführten Musik zu machen. Ich war mal in Santiago du Cuba. Dort gibt's die "Casa de la Trova". An einem Abend trat dort die Gruppe "Septeto Santiaguero" auf, Gewinner des Latin Grammy. Top Niveau. Die Gruppe am nächsten Tag dagegen nur Durchschnitt. Was ist jetzt typisch für diesen Ort im 21. Jahrhundert? War die kubanische Musik des "Buena Vista Social Club" wirklich typisch für die 50er Jahre?


    Ich vermute, im Wien der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts sah es ähnlich aus: Viel Durchschnitt, mit seltenen Highlights.

    HAYDN: L'infedeltà delusa – Zurück aufs Land!


    Die Oper entstand 1773 und trägt im Hoboken-Verzeichnis die Nummer 5 (davor kommt Le pescatrici, danach L’incontro improvviso). Sie wurde am 26. Juli auf Esterháza anlässlich der Festlichkeiten zu Ehren der Fürstin Maria Anna (Witwe von Paul Anton Esterházy, 1762 verstorbener Bruder von Nikolaus Esterházy, Haydns Arbeitgeber) uraufgeführt. Noch wichtiger ist die Aufführung Anfang September des gleichen Jahres, als die Kaiserin Maria Theresia zu Besuch kam und hinterher die berühmte Aussage machte: „Wenn ich gute Opern hören möchte, gehe ich nach Esterháza.“ Es gab noch eine Aufführung Anfang Juli 1774, dann ging es erst wieder im 20. Jahrhundert weiter.


    Bekanntlich gibt es zu vielen Haydn-Opern einen Experten, der von dem jeweiligen Werk meint, dieses sei Haydns beste Oper. In diesem Fall ist es der renommierte Haydn-Forscher H.C. Robbins Landon, der L’infedeltà delusa für die beste hält. Natürlich ist die Aussage gewagt, wenn man bedenkt, dass zwar ein Jahr vorher (1772) die berühmte Abschiedssinfonie entstanden ist, Haydn bei Orlando Paladino (1782) aber nun mal 9 Jahre älter und erfahrener war. Bei den Streichquartetten wäre das der Abstand zwischen op. 20 (1772) und op. 33 (1781). Und doch hat L’infedeltà delusa einige besondere Stärken. Das Werk besteht aus ungefähr zwei gleich langen Akten von ca. 60 bzw. 50 Minuten. In diesem Rahmen ist alles gut durchstrukturiert, der Rote Faden ist leicht zu erkennen. Die Aussagen sind klar erkennbar und nachzuvollziehen. Es wird nie langweilig, aber die Handlung hat bei aller Lustigkeit auch nachdenklich stimmende Momente. In einer Aufführung braucht nichts gestrichen und nichts umgestellt zu werden, und doch hat der Regisseur den bei Haydn üblichen Gestaltungsraum.


    Das Libretto stammt von Marco Coltellini, der mit Gluck zusammenarbeitete und auch das Libretto zu Mozarts La finta semplice (1768) schrieb. Das Thema ist typisch Rokoko und daher in unserer Zeit wieder hochaktuell: Vorzüge des Landlebens im Vergleich zur Stadt, privates Lebensglück anstelle von Staatsraison (heute: Politik), Intimität statt Feierlichkeit, „beweglicher Intellekt statt gewichtiges Argument“ (letzteres ist ein Zitat aus einem Kunstführer). Dass hierbei eine Frau die Hauptrolle spielt, überrascht nicht.


    Wir haben es mit fünf Personen zu tun, lauter normale Menschen, keine Adlige, keine Helden, keine Götter:


    Vespina („kleine Wespe“): Schwester von Nanni. Eine gewitzte junge Frau, von ihrem Freund Nencio verlassen, der es neuerdings auf Sandrina abgesehen hat. Vespina ist mit Abstand die wichtigste Person des Stückes.
    Nanni: Bruder von Vespina, einfacher Bauer, liebt Sandrina, die aber mit Nencio verkuppelt werden soll. Nanni und Vespina haben also größtes Interesse daran, dass daraus nichts wird.
    Sandrina: Tochter von Filippo, einfaches Mädchen, liebt Nanni, soll aber den reichen Bauer Nencio heiraten.
    Filippo: Vater von Sandrina, alter Bauer, will seine Tochter mit Nencio verkuppeln.
    Nencio: Reicher Bauer, hat sich von Vespina abgewendet und will Sandrina heiraten, gegen deren Willen.


    Die Oper beginnt und endet in C-Dur, ansonsten werden die Tonarten eher zur Charakterisierung der Situation gewählt, man kann also nicht den handelnden Personen eine bestimmte Tonart zuordnen.


    I. AKT

    Die Ouvertüre beginnt mit einem Allegro in C-Dur, dessen harte Einwürfe auf Konflikte hinweisen. Es folgt ein langsamer Teil (Poco adagio) in G-Dur. Er schildert eine Idylle (Verweis auf Ruhe, Harmonie, Einklang mit der Natur), wobei ein dramatischer Einschub gegen Ende aber auch hier daran erinnert, dass etwas in der Luft liegt. Die Musik geht direkt über in die erste Szene:


    Nr. 1: Quartett Filippo, Vespina, Nencio, Nanni (F-Dur) Bella sera, ed aure grate
    F-Dur ist die Tonart für pastorale Stimmungen. Man besingt einen schönen Sommerabend nach getaner Arbeit. Filippo und Nencio besiegeln ihren Plan bzgl. Sandrina. Vespina und Nanni schöpfen bereits Verdacht. Mit einer neuen Melodie (ebenfalls F-Dur) kommt Sandrina hinzu, die wissen will, was ihr Vater gerade mit Nencio ausgeheckt hat. Die Szene endet somit als Quintett mit allen Darstellern der Oper. Teile der Musik erinnern übrigens an das Hauptthema von Mozarts Flöten- bzw. Oboenkonzert KV 314 (fünf Jahre später entstanden).


    Im anschließenden Rezitativ kommt eine für das Werk ganz typische Aussage. Filippo teilt Sandrina mit, dass sie Nencio zu heiraten hat. Erstens sei dieser – im Gegensatz zu Nanni – reich, zweitens haben Töchter eh nichts zu melden. Ihre Antwort:
    Cosa m’importa quando ricca sarò, se non sarò contenta?
    („Was interessiert es mich, dass ich reich sein werde, wenn ich nicht zufrieden bin?“)


    Nr. 2: Arie Filippo (G-Dur) Quando viene a far l’amore
    Hörbeispiel: Yves Saelens, Festival d’Aix-en-Provence 2008
    Eine abwechslungsreiche Arie, in der Filippo seiner Tochter wortreich erklärt, wie sie Nanni zukünftig abzuweisen hat. Sie erscheint mir etwas lang, bietet aber dem Regisseur viele Möglichkeiten der Personenführung.


    Sandrina trifft auf Nanni. Sie versucht, ihm mit Worten auszuweichen, so wie es der Vater will, aber es gelingt ihr nicht. Das erklärt sie auch in ihrer Arie:


    Nr. 3: Arie Sandrina (A-Dur) Che imbroglio è questo!
    („Was ist das für eine Verwirrung!“)
    A-Dur ist die Tonart der Liebe, aber hier haben wir ein aufgewühltes, unruhiges Stück, das genau zu Sandrinas Stimmung passt.

    In einem Monolog äußert Nanni seine Wut über Sandrinas Vater. Er will ihn treffen, und dann un di noi due gli ha a ire al cimeterio („wird einer von uns beiden den Gang zum Friedhof antreten müssen“).


    Nr. 4: Arie Nanni (f-Moll) Non v’è rimedio, non v’è compenso
    Hörbeispiel: Andreas Wolf, Festival d’Aix-en-Provence 2008
    Nanni macht seinem Ärger Luft. Die einzige Moll-Arie des Stückes (f-Moll: Tonart der Erregung und der Wut), dramatisch, emotional, außergewöhnlich.


    Stimmungswechsel:

    Nr. 5: Arie Vespina (B-Dur) Come piglia sì bene la mira
    („Wie kann [Amor] so gut das Ziel treffen [wenn seine Augen verbunden sind]“)
    Eine schöne, ernste Arie in der „ruhigen, heiteren, würdigen“ B-Dur, also passend zum Inhalt, mit lautmalerischen Details (mi pizzica il cor – „sticht mich ins Herz“).
    Hörbeispiele:
    Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008
    Christiane Boesiger, Haydntage Eisenstadt 2004


    In einem Rezitativ beklagt Vespina Nencios Untreue, ihre Armut und seinen Reichtum, und dass sie ihn lieber arm hätte. Ihr Bruder erscheint:

    Nr. 6: Duett Nanni-Vespina (D-Dur) Son disperato: Ho un diavol per capello
    („Ich bin verzweifelt, bin fuchsteufelswild“)
    Hörbeispiel: Andreas Wolf und Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008


    Ein weiterer Höhepunkt der Partitur, von der Komplexität her könnte das auch Teil eines Finales sein. Die beiden Geschwister klären den aktuellen Stand der Lage und beschließen, Nencio das Herz herauszureißen (io gli vo’ strappare il core) bzw. seinen Bauch aufzuschlitzen (io lo voglio sbudellar).


    Nr. 7: Arie Nencio (Es-Dur) Chi s’impaccia di moglie cittadina
    Ein recht langes, aber von Haydn meisterhaft umgesetztes Stück im Rhythmus eines Menuetts. Nencio bringt eine Art Ständchen (zu erkennen an der zupfenden Streicherbegleitung) unter dem Fenster von Sandrina. Der Anfang erinnert an ein vergleichbares Stück von Mozart (Don Giovanni) oder Rossini (Il Barbiere di Siviglia), die konkrete Stelle fällt mir im Moment nicht ein.
    Tatsächlich spricht Nencio zu sich selbst, er gibt seine Einstellung zu Frauen aus der Stadt bekannt. Der Text (mit ideologischer Verwandtschaft zu Ihr Schönen aus der Stadt aus den Jahreszeiten) ist zum totlachen, hier ein paar Ausschnitte, die auf Italienisch noch witziger als auf Deutsch klingen:
    „Wer sich eine Frau aus der Stadt auf den Hals lädt, sucht die Mitgift und findet den Ärger.“
    „Nachts bummelt sie herum, morgens liegt sie im Bett.“
    „Wenn sie dir eine rosa Wange zeigt, lass ihr das Gesicht waschen und sieh sie an; nimm ihr das Mieder ab, den Flitterkram, den Reifrock, und wenn du sie noch erkennst, wundere ich mich.“
    „Die Schminke unserer Frauen ist das frische Wasser, der Spiegel ist der Brunnen oder die Wanne.“
    Von den drei Übersetzern meines Booklets (Dorati-Aufnahme) hat übrigens keiner die Bedeutung des Wortes tontiglio erfasst. Ein Italiener gab mir den Hinweis. Das ist der spanische tontillo, den Rest erledigt dann Wikipedia: Eine spanische Variante des Reifrocks.


    In der drittletzten Zeile wird das Wort guai („wehe“) mit einer Dissonanz untermalt. In der letzten Zeile ch’hanno posticcio il cor, com’ hanno il viso kommt ein Tonartwechsel, den ich leider nicht konkret bestimmen kann.


    Im folgenden Rezitativ erscheint irgendwann tatsächlich Sandrina, die auf Nencios Werben recht zurückhaltend reagiert, was dieser u.a. so kommentiert:
    Io non intendo di pigliarti per forza. Ov’io mi volga, avrò cento partiti, uno meglio dell’altro, e facilmente.
    („Ich will dich nicht mit Gewalt nehmen. Wo immer ich hingehe, habe ich hundert Partien, eine besser als die andere, ganz leicht.“)


    Nr. 8: Finale I (G-Dur)
    O piglia questa. Mit diesen Worten („Nimm dies“) erscheint Vespina und gibt Nencio eine Ohrfeige. Zusammen mit Nanni bedrängt sie Nencio, bekanntlich soll ihm ja das Herz herausgerissen werden. Sandrina und ihr Vater erscheinen, es kommt zum allgemeinen Tumult. Am Ende singen alle das Gleiche, meinen es aber unterschiedlich:
    Se non metti più giudizio, vuol seguire un precipizio, domattina si vedrà.
    („Wenn du nicht Vernunft annimmst, wird eine Katastrophe folgen, morgen wird man sehen.“)


    II. AKT


    Wir erinnern uns, dass am Ende des ersten Aktes alle fünf eine große Klappe hatten. Aber wer hat als einziger die Nacht zum Nachdenken genutzt: Vespina. Oh fratel mio, stanotte io non ho chiuso un occhio, e innanzi giorno tanto ho di qua e di là girato, e fatto che, se non attraversaci il demonio, spero di frastornare il matrimonio. (Frei übersetzt: „Ich habe die Nacht kein Auge zugetan und hin und her überlegt, und wenn es nicht mit dem Teufel zugeht, hoffe ich die Hochzeit zu verhindern.“) Sie verkleidet sich und wird dabei von Nanni beraten. Als „alte Frau“ trifft sie auf Filippo und Sandrina. Der Text ist zum totlachen, wie sie Filippo weismacht, dass Nencio in Wirklichkeit mit ihrer Tochter verheiratet sei, aber sie und die Kinder(!) verlassen habe. Sie garniert ihre Ausführungen ständig mit mehr oder weniger passenden Sprichwörtern, die jeweils von den Streichern wie bei einem Accompagnato-Rezitativ untermalt werden. Die Szene endet mit:


    Nr. 9: Arie Vespina (A-Dur) Ho un tumore in un ginocchio („Ich habe eine Geschwulst im Knie“)
    Vespina (als alte Frau) klagt über alle möglichen Krankheiten. Als sie auf ihren Husten zu sprechen kommt (ho una tosse) hustet das Orchester mit.
    Hörbeispiele:
    Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008
    Christiane Boesiger, Haydntage Eisenstadt 2004
    Anna Bonitatibus, Wiener Kammeroper 2004


    Filippo ist fuchsteufelswild. Auf Sandrinas Frage „Wenn Nencio eine Frau hat, kann er mich nicht heiraten?“ antwortet er: Lo manderemo a sposar la berlina. („Wir werden ihn mit dem Pranger verheiraten.“) Die Szene spielt vor Filippos Haus, und als der ahnungslose Nencio kommt, um mit der Heirat alles klar zu machen, wird ihm die Tür vor der Nase zugeknallt. „Wenn ihr wollt, kann die Heirat heute Abend stattfinden.“ – „Du kannst den Galgen heiraten!“ Unter weiteren Beschimpfungen wird Nencio davongejagt.


    Nr. 10: Arie Filippo (C-Dur) Tu sposarti alla Sandrina? Te lo puoi levar di testa.
    („Sandrina heiraten? Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen.“) Eine „Droh-Arie“, wie man sie auch von Mozart kennt.
    Lautmalerisch(?): la gente mormora, etc.


    Es folgt Vespinas nächster Streich: Als betrunkener deutscher Diener verkleidet, macht sie sich ein zweites Mal an Nencio heran. Der Text ist wirklich zum Totlachen, hier ein paar Highlights (alles von Vespina gesprochen):
    To tölple paur, ah tu garstigher cherle!
    Star fenuto a sposar ain jonghe meddle der paur Filippo. Mi fermato a pone trinche, e non trofar. Tu potere insegnar.
    Ah gute fraind! Ah gute paesan! Quando patrone Sandrina afer sposata, foller dar pone trinche, foller impriacar in compagnia, foller ballare, e stare in allegria.
    Hier macht man sich zu allem Überfluss auch noch über den deutschen Akzent lustig (f statt v, p statt b, t statt d), man parodiert unseren Papst!
    Wer den Inhalt nicht komplett verstanden hat: Vespina gibt sich als Diener aus, dessen Herr heute Abend Sandrina heiraten werde. Anschließend allgemeines Besäufnis.


    Nr. 11: Arie Vespina (F-Dur) Trinche vaine allegramente, che patrone oggi sposar
    Eine völlig abgedrehte Arie und ein Bravourstück für die Darstellerin der Vespina.
    Hörbeispiele:
    Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008
    Christiane Boesiger, Haydntage Eisenstadt 2004
    Anna Bonitatibus, Wiener Kammeroper 2004


    Für Nencio ist jetzt alles klar: Filippo hat eine bessere Partie gefunden, daher hat er Nencio vom Hof gejagt. Die „bessere Partie“ kommt auch sogleich in Form von Vespina, die sich nun als „Marchese di Ripafratta“ verkleidet hat. Nencio erklärt dem vermeintlichen Marchese sein Unglück. Der „Marchese“ erklärt, dass er in Wirklichkeit Filippo übers Ohr hauen will: Nicht ihn soll Sandrina heiraten, sondern seinen Dienstboten, um ihm anschließend als Magd zu dienen. Dazu werden auf der Heiratsurkunde die Namen vertauscht. Man bräuchte noch einen Trauzeugen, ob nicht Nencio Lust hätte. Der sagt natürlich begeistert zu:


    Nr. 12: Arie Nencio (D-Dur) Oh che gusto!
    In einer Art „Rachearie“ reagiert sich Nencio ab. Das Orchester unterstützt ihn dabei: Die Stelle arrabiarsi, arrapinar (beides Ausdrücke für „sich ärgern“) wird mit einem Tremolo begleitet, beim Wort risa („Lachen“) lacht das Orchester mit.


    In einem kurzen Dialog hat Vespina keine Zeit, Nanni über den Stand der Lage aufzuklären (er ist eh nicht der hellste), sie macht ihm aber immerhin Mut:

    Nr. 13: Arie Vespina (E-Dur) Ho tesa la rete („Ich habe das Netz gespannt“)
    Hörbeispiele:
    Claire Debono, Festival d’Aix-en-Provence 2008
    Christine Wolff, Neue Opernbühne Berlin 1997
    Christiane Boesiger, Haydntage Eisenstadt 2004


    Filippo und Sandrina bereiten sich nun auf die bevorstehende Hochzeit Sandrinas mit dem „Marchese de Ripafratta“ vor. Aus dem Libretto ist allerdings nicht ersichtlich, wer sie davon unterrichtet hat. Der Dialog zwischen Filippo und Sandrina ist wieder ganz typisch für Sandrinas Geisteshaltung und letztendlich auch für die Stimmung der Oper, hier ein paar Beispiele (von mir frei übersetzt):
    F: „Du wirst eine große Dame.“ – S: „Und vergesse, wie man arbeitet und gesund bleibt.“
    F. „Du bewegst dich in der Kutsche oder in der Sänfte.“ – S: „Wo ich so gesunde Beine habe, ich käme mir vor wie am Pranger.“
    F: „Du wirst in Samt und Seide gekleidet sein.“ – S: „Friert man da weniger?“
    F: „Du wirst einen Reifrock tragen.“ – S: „Na klasse, das macht Spaß, das Schienbein gegen diesen Schrottkasten zu schlagen.“
    F: „Du wirst Bedienstete haben.“ – S: „Damit die Öffentlichkeit mein gesamtes Privatleben erfährt.“
    Das Ganze gipfelt im schönsten Stück der Oper:


    Nr. 14: Arie Sandrina (Es-Dur) È la pompa un grand’imbroglio
    Passenderweise in einer „feierlichen“ Tonart. Der Text ist nicht sehr lang:
    È la pompa un grand’imbroglio ...... Der Pomp ist ein großer Schwindel
    per un’alma, che disprezza ........... für eine Seele, die verachtet
    fasto, onor, e la ricchezza. ............ Prunk, Ehre und Reichtum.
    Io non cerco, ed io non voglio ....... Ich suche nicht und ich will nichts
    che la pace del mio cor. ................ als den Frieden meines Herzens.


    Hörbeispiel: Judith Halász, Wiener Kammeroper 2004

    Noch besser, geradezu ideal ist Barbara Hendricks in der Dorati-Aufnahme . Was für eine Ausgewogenheit, welche Abgeklärtheit, und die Musik entspricht dem vollkommen. Ich notierte vor einiger Zeit, Barbara Hendricks würde diese Arie so „herrlich einfältig-naiv“ singen. Das kann man aber auch als abgeklärt, standfest, überlegen interpretieren. Auf alle Fälle ist das ein Musterbeispiel für die Lebensphilosophie des Rokoko, vom Text wie auch von der Musik her: Eine totale Absage an den Prunk und das Pathos des Barock.

    Hinweis: Mir ist klar, dass sich diese Weltanschauung nur die Reichen leisten konnten und dass jene aus unserer heutigen Sicht nicht wirklich auf Prunk verzichtet haben. Aber so ähnlich wird man in 500 Jahren auch über uns denken: Aus Sicht der armen Leute in der dritten Welt wirkt unser „zurück zur Natur“ – aber mit Elektroauto und künstlichem Hüftgelenk – nicht weniger bizarr.


    Nun wird Vespinas vierter und letzter Streich vorbereitet. Nanni verkleidet sich als Diener des „Marchese di Ripafratta“ und bereitet Filippo und Sandrina auf die bevorstehende Trauung vor:


    Nr. 15: Finale II (C-Dur)
    Nel mille settecento („Im Jahre Siebzehnhundert“), so beginnt Vespina, als Notar verkleidet, die Zeremonie. Die musikalische Stimmung erinnert an Mozart, ich meine, es wäre eines der Finale von Don Giovanni, das ähnlich beginnt. Der Bräutigam wird noch vermisst, aber der wird gleich kommen. Nencio ist als „Zeuge“ natürlich anwesend. Sandrinas fehlende Mitgift wird protokolliert, die Unterschriften werden geleistet, wo bleibt denn jetzt der Bräutigam? Eccolo qua! („Hier ist er!“), Vespina und Nanni legen ihre Verkleidung ab.
    Es kommt zu einer Beschleunigung von Musik und Handlung, Filippo fühlt sich von Nencio reingelegt, der gar nicht versteht, wie das kommen konnte. Aber der Vertrag lässt sich nicht rückgängig machen, Sandrina hat Nanni geheiratet und Vespina greift sich Nencio. Nun ja, juristisch wasserdicht wäre das sicher nicht, aber nachdem Vespina erklärt, wie sie mit den Verkleidungen alle reingelegt hat, ist man von ihrer Schlagfertigkeit beeindruckt und alle stimmen in den Schlussgesang ein:


    Quel ch’è fatto, fatto sia.
    Stiamo dunque in allegria,
    ch’in un doppio matrimonio
    oggi almen si scialerà.


    „Was geschehen ist, soll so sein. Wir wollen also fröhlich sein und heute erst mal in einer Doppelhochzeit die Puppen tanzen lassen.“

    Ich habe mich im ‚Opernführer‘ wohl etwas missverständlich ausgedrückt; meine Erinnerungen gehen weiter zurück als bis zum ‚Haydn-Jahr 2009‘. In der Statistik mache ich keinen Unterschied zwischen Bühnen- und Konzert-Aufführungen. Die folgenden Inszenierungen bzw. Konzerte von „L’infedeltà delusa“ sind bei mir dokumentiert:


    1959 Budapest / 1960 London (Handel Society) / 1962 Drottningholm, Hannover-Herrenhausen, Neapel / 1963 Den Haag / 1964 London (Camden), Düsseldorf / 1966 Graz, Hamburg, Linz / 1967 Darmstadt, Schwetzingen, Bergen (Norwegen) / 1969 Berlin (Staatsoper), Wexford (Irland) / 1970 Bregenz, Gelsenkirchen, Trier, Helsinki, Lake George (USA) / 1971 Barga (I) / 1972 Hagen, Halle/Saale, Lübeck / 1973 Mainz / 1974 Passau, Ulm, Strasbourg / 1977 Durham (USA) / 1980 Carprentas (F) / 1982 Bremerhaven / 1983 Düsseldorf / 1988 London (Queen Elizabeth Hall) / 1989 Dublin / 1990 Antwerpen / 1993 Garsington (GB), Halle/Saale, Ljubljana / 1997 Berlin (Neue Opernbühne) / 1998 London (Royal College) / 2004 Wien (Kammeroper), Eisenstadt (A), Eszterháza, Bridgnorth (GB) / 2008 Aix-en-Provence / 2009 Besanҫon, Toulon, Köln, Potsdam, Oldenburg, Wien, Bilbao, München.

    Das ist leider nicht sehr beeindruckend und deckt sich mit meiner Wahrnehmung: Das Werk wird viel zu selten gespielt. Dabei wäre der Aufwand deutlich geringer als bei "Il mondo della luna" oder "Orlando paladino".


    Laut operabase.com ist derzeit überhaupt nichst von Haydn geplant. Wir müssen uns wohl bis 2032 gedulden...

    Dank der Initiative des ‚Haydn-Forschers’ H. C. Robbins Landon ist diese Opernperle heutzutage das am meisten aufgeführte Bühnenwerk Joseph Haydns.

    Dem ist leider nicht so. Am meisten aufgeführt seit 2008:


    11 mal: Il mondo della luna

    10 mal: Orlando Paladino

    7 mal: L'isola disabitata

    3 mal: L'infedeltà delusa


    Kann sein, dass ich maximal eine Aufführung pro Werk verpasst habe, aber die Tendenz ist eindeutig.


    PS: Ich rede von szenischen Aufführungen. Konzertante Aufführungen sind irrelevant. Oper=Musiktheater. Geht nicht konzertant. Ist technisch nicht möglich.

    PPS: Speziell L'infedeltà delusa lebt vom Spiel der Darsteller. So etwas konzertant aufzuführen ist ein Sakrileg. Eine Verachtung des Werks. Geht gar nicht.

    Viele Gemeinden - egal ob katholisch oder evangelisch - sind heute finanziell so klamm, dass sie sich kaum einen fest angestellten Organisten und Kirchenmusiker leisten können, sondern Aushilfen beschäftigen. So eine Messe von Bach, Haydn oder Mozart kostet aber viel Geld: Man braucht einen Dirigenten, ein Orchester und Gesangssolisten, die alle bezahlt werden wollen. Dass solche Aufführungen heute selten stattfinden und nicht mehr Bestandteil der ganz normalen Sonntagsmesse sind, hat den ganz schlichten Grund, dass es anders als zu Zeiten Bachs und Haydns keine fürstlichen Geldgeber mehr gibt. Den Gemeinden fehlt schlicht das Geld, solche Aufführungen zu bezahlen.

    Erstens rede ich nicht von "ganz normalen Sonntagsmessen", sondern von Weihnachten und Ostern.


    Zweitens ist das mit dem Geld relativ. Besagte Kirchen in Karlsruhe hatten damals offensichtlich einen Top Kirchenchor und auch irgendwie Zugriff auf ein kleines Orchester. Das war nicht teuer. Der Dirigent/Chorleiter kostete natürlich etwas, aber der war eh fest angestellt. Die Sänger und Musiker haben vermutlich nichts verlangt. Bleiben die Solisten. Das waren keine Profis, und doch gut genug. Die Sache war also "bezahlbar". Hauptsächlich aber aufgrund des Idealismus der Beteiligten.


    Es hilft alles nichts: Diese Jahr an Weihnachten bin ich wieder im Raum Karlsruhe. Da werde ich mal "nachsehen", ob noch was geht...


    Du solltest als Gegenprobe die Stadt Münster testen. Da sollte an Weihnachten auch was gehen. Aber wie gesagt: Im Rahmen der Weihnachtsmesse. 25.12.2025.

    Meine Wahrnehmung ist diesbezüglich wohl zu selektiv: mangels Interesse habe ich davon keine Kenntnis (mir ist jedenfalls nichts ins Auge gesprungen). Gleichwohl werden in der ehemaligen Großherzoglich-Badischen Haupt- und Residenzstadt Orgelkonzerte im Allgemeinen nicht selten plakatiert. Inwieweit die als gut besucht gelten können, kann ich mangels Teilnahme ebenfalls nicht sagen:

    Ich frage noch mal direkter in die Runde:


    Katholische Messen, insbesondere Haydn, Mozart und Schubert: Werden diesen heute noch innerhalb eines "normalen" Gottesdienstes aufgeführt? In Karlsruhe war das früher der Fall, an Weihnachten und Ostern. Und Karlsruhe hat kaum mehr Katholiken als Protestanten. Wie sieht das in Köln, München oder Salzburg aus?

    Ich sehe hier kein Problem. Die Sphären "Kirche/Gottesdienst" und "Klassische Musik" waren schon immer getrennt. Oder genauer: Mindestens in der Zeit, in der ich auf der Welt bin (Jahrgang 1965).


    Die Orgel führte bei den Klassikhörern schon immer ein Nischendasein. Bei mir beschränkt es sich auf Bach und ein paar Orgelkonzerte von Haydn. Dazu braucht man keine Kirche. Man holt sich das auf CD bzw. geht in entsprechende Konzerte. Die unabhängig vom Gottesdienst oder der aktuellen "Volksgläubigkeit" stattfinden. Und das gilt für praktisch alle Orgelkompositionen der klassischen Musik.


    Bemerkung am Rande: Ich besichtige jedes Jahr mindestens 100 Kirchen, auf allen Kontinenten, mit Schwerpunkt Europa. Sehr viele auch in Deutschland. Und da treffe ich regelmäßig - nicht oft, aber doch 2-3 mal pro Jahr - auf Organisten (m/w/d) der jeweiligen Kirche. Immer protestantisch, nebenbei bemerkt (ich bin ausgetretener Katholik). Diese Organisten (Frauenanteil ca. 50%) sind dann immer recht aktiv, berichten gerne von ihrer Arbeit, mit Gottesdiensten, diversen Chören, kleinen Orchestern, etc. So schlecht sieht das gar nicht aus...


    Aber mit der Orgel als Instrument der klassischen Musik hat das eigentlich nichts zu tun. Die findet unabhängig von der Religiösität statt.


    Potenziell problematischer sehe ich eher die Messen von Haydn oder Mozart. Wobei ich hier nicht auf dem aktuellen Stand bin. Aber in den 80er Jahren konnte man diese Messen regelmäßig in Karlsruhe an Weihnachten und Ostern im Rahmen des Gottesdienstes hören. Mich würde interessieren, ob das immer noch so ist. Oder wie das in anderen Städten ist.

    Was das Gaming anbelangt: Das wird mittlerweile als Kulturgut betrachtet, vergleichbar mit Kino. Und natürlich gibt es hier wie da "gute" und "schlechte" Produkte.


    Das sage ich übrigens als Außenstehender, ich habe noch nie gespielt und werde es vermutlich auch nie tun. Ich gebe nur wieder, was ich in der Welt so beobachte.

    Ulli ist Schuld: "Wie zufällig, daß die Kleine stets ihre Geige dabei hat, wenn jemand, den sie gar nicht kennt, zufällig Klavierspielt:"

    Egal, auf YouTube hätte ich es erkennen müssen. Hier jedenfalls die Korrektur:



    Der Onkel heißt Sacha Jorba-Wu:

    "Sacha Jorba-Wu is a talented young Canadian violinist, currently studying at the Vancouver Academy of Music under Domagoj Ivanovic, the chair of the violin division."


    Für sein Alter spielt er durchaus herausragend. Wir sollten in 10 Jahren nachsehen, was aus ihm geworden ist. Bei ASM hat es auch so angefangen...



    PS: Im September bin ich in Kanada. Falls ich ihn treffe, werde ich ihm ein paar Tipps geben. Regelmäßig üben. Locker bleiben. Streichquartette von Haydn spielen. Das wird ihm sicher helfen.

    Die Tante heißt Sacha Jorba-Wu:

    "Sacha Jorba-Wu is a talented young Canadian violinist, currently studying at the Vancouver Academy of Music under Domagoj Ivanovic, the chair of the violin division."


    Für ihr Alter spielt sie durchaus herausragend. Wir sollten in 10 Jahren nachsehen, was aus ihr geworden ist. Bei ASM hat es auch so angefangen...



    PS: Im September bin ich in Kanada. Falls ich sie treffe, werde ich ihr ein paar Tipps geben. Regelmäßig üben. Locker bleiben. Streichquartette von Haydn spielen. Das wird ihr sicher helfen.

    Ich kenne den Artikel tatsächlich, er hat seine Berechtigung.

    Allerdings sehe ich nicht, was er hier erhellend beitragen kann?!

    Hab den Artikel jetzt gelesen. Von Musik hat Henscheid definitiv keine Ahnung.


    Diese Analyse ergibt sich daraus, dass er sicher irgend etwas Fachliches geschrieben hätte, gerade bei so einem Thema. Stattdessen zitiert er irgendwelche vermeintliche Autoritäten und ergießt sich ansonsten in Plattitüden.


    Fazit: Typischer Zeilenfüller eines prekär beschäftigten Journalisten. Laut Wikipedia ist er Schriftsteller. Er braucht offensichtlich den journalistischen Nebenjob. Warum wohl...

    Es geht hier um 2 Fragen: "CD/Download vs. Streaming" und "CD vs. Festplatte".


    Wobei zunächst mal festzuhalten ist: Der Markt richtet sich nach der Mehrheit. Wenn die Mehrheit streamt, wird sich das Angebot danach ausrichten, unabhängig davon, ab das "sinnvoll" ist oder nicht.


    Ich persönlich bevorzuge auch die CD. Und es wird auch in alle Ewigkeit die Möglichkeit geben, Musik zu auf CD zu brennen oder auf einem sonstigen Speichermedium "in seinen Besitz zu bringen". Was man hört, kann man auch abspeichern.


    In meinem Fall frage ich mich halt, ob ich nicht irgendwann auf Festplatte umsteigen soll. Ich habe CDs seit 1988. Meine Kassetten habe ich inzwischen digitalisiert und auf CD gebrannt. Manche Musik, die ich kaufen will, gibt es nur als Download, die wird dann ebenfalls auf CD gebrannt. Meine LPs sind noch nicht digitalisiert. Leider geht hin und wieder eine CD kaputt. Zum Glück habe ich es bisher immer geschafft, sie rechtzeitig zu kopieren und dann neu zu brennen. Aber lästig ist das schon. Und mit den selbst gebrannten wird das nicht besser. Wobei von denen bisher noch keine ausgefallen ist.


    Ich sollte also auf Festplatte umsteigen. Aber dann müsste ich einiges ändern, und die Arbeit scheue ich im Moment noch...

    Für das C-Dur-Quartett soll lt. englischer Wiki Mozarts Violinsonate KV 296 Pate gestanden haben; das werde ich näher untersuchen.

    Geht es um das hier?


    KV 296 hatte ich mal als 2. Klarinettist in einer Bearbeitung für Klarinettenduo gespielt. Mein Partner wurde später Profi-Saxofonist und Hochschuldozent. Außerdem habe ich das Stück natürlich auf CD als Violinsonate.


    Also mit dem obigen Klavierquartett hat KV 296 kaum was zu tun. Außer vielleicht der grundlegende Aufbau bzw. die transportierte "Stimmung".


    Auffallend beim Klavierquartett ist übrigens das Thema (3. Thema?) bei 1:15


    Woher kenn ich das???

    d) 60 Euro Stundenlohn. Zum Vergleich. Der Autoreparateur stellte mir 108 SFR. für eine Arbeitsstunde in Rechnung.

    Das ist ja mein Punkt. Wenn sie gewinnorientiert arbeiten, müssen sie "marktgerechte" Preise verlangen. Aber wir reden hier von einem städtischen Museum. Und da frage ich mich, was der Angestellte in den 30 Minuten erwirtschaftet, wenn er mir die beiden Werke nicht zeigt.

    Die Antwort ist bekannt: Genau 0 Euro.

    Weil er nämlich bei so einer Anfrage nur tätig wird, wenn er nichts Besseres zu tun hat. Ansonsten müsste er ja auch jedes beantwortete Telefongespräch in Rechnung stellen.


    Wie gesagt, in England ist das anders: Entweder sie haben Zeit, oder sie haben keine Zeit. Wenn sie Zeit haben, machen sie die Besichtigung möglich. Weil es sich ja um Volkseigentum handelt, und weil sie vom Volk angestellt und bezahlt werden.


    So denkt man aber nur in Demokratien.

    nö, ich halte moderato für fähig, die Informationen des Katalogs richtig wiederzugeben. Zudem ist es üblich, dass Künstler ihre stilistische Ausrichtung immer wieder ändern und eher nicht in 10 Stilen gleichzeitig schaffen, Moderatos Text war also plausibel.

    In dem langen von ihm hier zitierten Text steht aber auch nichts von einer "Periode". Vielmehr wird das Gegenteil ausgesagt, dass er keinem bestimmten Stil zuzuordnen ist. Exakt so wie von mir vorher schon beschrieben. Einfach 20 seiner Werke ansehen, damit ist alles klar.


    Was übrigens nichts über die Qualität aussagt. Ich hätte bei den meisten Werken auf einen der bekannteren Protagonisten getippt...

    Der Stuckenberg-Katalog gibt das her. Man erhält einen guten Überblick.

    Das Werkverzeichnis führt 313 Werke auf.

    Geht's auch genauer? Welches sind die Perioden in Stuckenbergs Schaffen?


    Ich habe hier leider nur Wikipedia und Google Bildersuche. Und daraus ergibt sich, in alphabetischer Reihenfolge:

    Bauhaus, Dadaismus, Expressionisms, Konstruktivismus, Kubismus, Orphismus


    PS: Die Städtische Galerie Delmenhorst möchte 60 Euro pro Stunde "Aufwandsentschädigung", wenn man ein Werk aus dem Archiv sehen will. Ich habe jetzt gefragt, wie viele Stunden sie brauchen, um das Archiv zugänglich zu machen. Bei der Gemäldegalerie in Berlin waren es ca. 2 Minuten.


    PPS: Interessant wäre hierbei auch die Kostenrechnung. Wie kommt man auf 60 Euro pro Stunde? Arbeiten die Beamten dort gewinnorientiert? Und der Gewinn schrumpt um 60 Euro, wenn einer von denen mal eine Stunde ins Archiv geht?


    PPPS: In demokratischen Staaten wie z.B. Großbritannien hat der Bürger grundsätzlich das Recht, Kunstwerke im Staatsbesitz in Augenschein zu nehmen. Jedenfalls dann, wenn konservatorische Gründe nicht dagegen sprechen. Wie ist das eigentlich in dem anderen demokratischen Staat Europas, der Schweiz? Muss man da auch bezahlen, wenn man Volkseigentum sehen will? Und falls ja, sind das dann Schweizer Stundenlöhne?