Beiträge von thdeck

    Es ist interessant, wieviele verschiedene Gesamtaufnahmen es doch gibt. Ich habe mit einer LP von Brendel angefangen (Hob. XVI: 48, 59 und 51), die ich nach wie vor empfehlen kann.


    Danach kam ein echtes Highlight: Auf 2 Doppel-LPs die frühen Sonaten (Hob. XVI:1-18 sowie G1, Es2, Es3 und Hob. XVII: D1) von Carmen Daniela. Sie scheint eine echte Haydn-Spezialistin zu sein, heute offensichtlich leider nicht mehr aktiv. Sie spielt gerade auch die einfachen frühen Sonaten auf ungeheuer charmente, transparente Art, wobei ich immer wieder die Trios in den Menuett-Sätzen recht charakteristisch finde.


    Jenö Jandò ist ok, kommt aber an Carmen Daniela nicht ran. Von ihr fand ich vor 2-3 Jahren doch noch eine CD bei Amazon, mit Hob. XVI:20/22/23/29. Absolut empfehlenswert (bei Amazon einfach nach Carmen Daniela suchen). Die c-moll-Sonate (Nr. 20) betrachte ich übrigens als frühes (für Haydns Verhältnisse) Meisterwerk.


    Inzwischen habe ich auch die bereits genannte Gesamtaufnahme mit Dütschler, Hoogland, van Oort, Kojima und Fukuda, muss mich damit aber erst noch anfreunden.



    Thomas Deck

    Zitat

    Original von musicophil


    Es gibt m.E. nur EINE Aufnahme: Gundula Janowitz + Irwin Gage.
    Eine Doppel-CD von DG (453 082-2).


    In der Hoffnung, dass so spät noch jemand antwortet:


    Ich würde mir Schuberts "Ave Maria" gerne zulegen. Gern auch mit dem Originaltext. Und am liebsten im Originalzusammenhang, falls es so etwas gibt. Wenn es sich z.B. um "Ellens Gesang III" handelt, gibt es auch die Gesänge I und II?


    Ansonsten könnte ich mir eine "passende" Liedersammlung von Schubert vorstellen, aber keine "Greatest Hits", wenn ihr versteht, was ich meine.


    Gibt es da Empfehlungen?


    Die oben genannte, ist das die hier:

    Die Aufnahme nennt sich "Meisterwerke Vol. 18", mit Prey/Hokanson/Janowitz/Gage, Schwanengesang, Ave Maria, Wiegenlied, etc., es scheint aber nur 1 CD zu sein.



    Thomas Deck


    PS: Wahrscheinlich ist es diese:


    Mit der Aufnahme habe ich ein Problem: Man hört öfter eine Art "Grunzen". Oder bilde ich mir das nur ein, und es handelt sich nur um ein technisches Nebengeräusch? Bisher hatte ich jedenfalls den Eindruck, Casals würde seine Einsätze mit grunzenden Lauten untermalen. Ich lerne aber gern dazu...



    Thomas Deck

    Hallo,


    noch mehr als Klassik-Freak bin ich ja Wein-Freak. Muss dabei aber feststellen, dass es in der Musik keine wirklich ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Wein gibt.


    Wein als Kulturgut geht ja über das reine Saufen weit hinaus. Ein berühmte Weinbergslage kann man durchaus auf eine Ebene mit einem berühmten Kunstwerk stellen. Natürlich nicht als Gleichsetzung, sondern in der Art, dass es sich jeweils um Beispiele menschlichen Kulturschaffens handelt. Beim Kunstwerk ist es der Geniestreich eines Einzelnen, bei der Weinbergslage ist es die Summe der Anstrengung von Generationen von Winzern.


    Ok, genug geschwafelt. Ein kleines Beispiel aus der Oper "L'incontro improvviso" von Haydn:


    Calandro: "Il Profeta Maometto non avea cervello netto, quando c'interdisse il vin. Io lo trovo sì perfetto, lorché bevo cheto, cheto questo buon liquor divin."
    Osmin: "Non sono sempre tutte le verità nell'Alcorano, si dovrebbe mettervi ancora questa canzone."


    Grob übersetzt: Der Calandro hält Mohammed für nicht ganz bei Sinnen, als er den Weinksonsum verboten hat. Osmin stellt fest, dass der Koran nicht alle Wahrheiten enthält. Er müsse mindestens um das zitierte Lied des Calandro ergänzt werden.



    Nun ja, so drastisch würde ich es nicht ausdrücken. Aber als Moslem würde ich meinen Mullah schon darum bitten, die eine oder andere Koran-Passage weinmäßig etwas kreativer auszulegen. Zumal die Wiege des Weins im (heute) muslimischen Kernland liegt...



    Thomas Deck

    Zitat

    Original von Masetto
    Auch Haydn rührt mich diesbezüglich sehr. Seine Werke sind von einer Frömmigkeit in der Mitte zwischen Zuversicht und Demut - immer mit einem Augenzwinkern. Ich denke dabei an das Werk des ganz alten Haydn, nämlich die Jahreszeiten. Als ich dieses Werk das erste Mal gehört habe, hatte ich wirklich den Eindruck, sehr fromme Musik gehört zu haben.


    Hallo Masetto (hast du auch einen echten Namen? [gern auch im Profil]),


    bei Haydn kann ich die Frömmigkeit in den Jahreszeiten und der Schöpfung durchaus nachvollziehen. Bei den Messen gelingt mir das nicht so leicht.


    Kannst du zufälligerweise auch bei den Messen das eine oder andere Beispiel nennen? Am besten nicht eine ganze Messe, sondern einzelne Stellen. Die Frage ist natürlich auch an die Allgemeinheit gerichtet.


    Übrigens finde ich bei Haydns Messen regelmäßig das Benedictus am schönsten. Keine Ahnung, ob das an mir oder an Haydn liegt...



    Thomas Deck

    Hallo,


    als Haydn-Fan musste ich natürlich ein Haydn-Bild nehmen. Allzu viele sind allerdings nicht überliefert, und wirklich schön sind eigentlich nur drei Stück. Da traf es sich gut, dass jenes, das die LP-Kassette ziert, mit der ich endgültig zum Haydn-Fan wurde, noch nicht vergeben war:


    Haydn, Klaviertrios Vol. 3, Beaux Arts Trio (Kassette mit 3 LPs)


    Die Aufnahme ist übrigens sehr empfehlenswert, allerdings gibt es die Trios derzeit nur komplett auf 9 CDs (und mit anderem Titelbild) zu stark 40 Euro. Sollte man trotzdem kaufen.



    Thomas Deck

    Zitat

    Original von thdeck
    Ist euch eigentlich auch aufgefallen, dass es in allen 3 "Tageszeiten-Sinfonien" im jeweils 3. Satz im Trio ein Kontrabass-Solo gibt?


    (Ich hoffe jetzt mal, dass es wirklich der Kontrabass ist.)


    Das macht für mich einen der Reize aus...


    Gerade die Nr. 7 (Le Midi) gehört. Interessant auch der 2. Satz im Stil eines "Rezitativ und Arie". Daraus hätte Haydn glatt eine echte Arie machen können...


    Im Trio des Menuettes hat in der Tat der Kontrabass ein Solo. Das kommt in der klassischen Musik (auch sonst bei Haydn) eher selten vor, oder?



    Thomas Deck

    Interessante Argumente. Auf eines möchte ich bzgl. Baden-Baden aber noch hinweisen:
    Das Festspielhaus hat sich in der Region auch bei "normalen" Leuten einen gewissen Ruf erworben, nicht zuletzt auch durch die regelmäßige Berichterstattung in der Presse. Es existiert durchaus eine Bevölkerungsschicht, bei der es sich vielleicht nicht um erfahrene Klassikfans handelt, die aber aber hochwertige Musikaufführungen schätzt und nach dem Motto "Festspielhaus, da weiß man, was man hat" bereit ist, hin und wieder eine gewisse Summe für einen Abend auszugeben (Quelle: Gespräche im Bekanntenkreis). Auch solche Leute braucht der Kulturbetrieb! Und die werden das Spiel irgendwann nicht mehr mitmachen. Dann fahren eben die einen nach Stuttgart oder Straßburg und die anderen bleiben ganz zuhause.


    Apropos: Wenn ich das nächste Mal wieder zuhause bin, werde ich mir auch das Programm von Stuttgart und Straßburg ansehen. Was erwartet mich da bzgl. Preise und Qualität?



    Thomas Deck

    [Falls es ein geeigneteres Unterforum gibt, den Beitrag bitte dahin verschieben.]


    Neulich bekam ich das Programm des Festspielhauses Baden-Baden für die neue Saison 2006/2007. Ich stamme aus einem Dorf 25 km nördlich von Baden-Baden, wohne zwar derzeit in Westfalen, habe aber das Festspielhaus schon mehrfach besucht.


    Die Preise erscheinen mir so langsam aber reichlich hoch. Beispiele:


    Don Giovanni (René Jacobs): 220-176-132-110-66 €
    Martinu/Mozart/Dvorak (London Symphony O., Gardiner): 150-120-90-75-45 €
    Pfitzner/Bruckner (Münchner Phil., Thielemann): 150-120-90-75-45 €
    Madame Butterfly (Marinsky-Theater): 220-176-132-110-66 €
    Brendel, Klavier: 110-88-66-55-33 €
    Mozart-Violinsonaten (Mutter/Orkis): 180-144-108-90-54 €


    Opern sind praktisch unbezahlbar, bekannte Künstler ebenfalls.


    Ist das an anderen Spielstätten ebenso?


    Wie sind denn die Preise in Wien, Berlin, Mailand, New York, etc.?



    Thomas Deck


    Hey Leute, jetzt bleibt mal locker, ich hab doch bloß den Grundtenor etwas überspitzt zusammengefasst. Was *ich* als nächstes von Dvorak anschaffe, ist noch lange nicht klar. Hängt ja schließlich davon ab, was ich schon habe *und* in welcher Stimmung ich gerade bin. Z.B. bin ich derzeit eher in Klavier- als in Cello- (oder auch Violine-)Stimmung.


    Von Dvorak habe ich bisher nur:
    Sinfonien Nr. 2, 7, 8, 9
    Streichquartette op. 96+106
    Stabat Mater


    Gemäß meiner aktuellen Stimmung müsste ich ins Auge fassen:
    - Sinfonie Nr. 6
    - weitere Streichquartette (in SQ-Stimmung bin ich immer)
    - Klavier solo oder mit Orchester


    Mit Tendenz zum Klavier. Wobei das auch *die* Gelegenheit wäre, endlich auch meine rudimentären Brahms-Bestände (Klavier: derzeit nichts vorhanden) zu vergrößern.


    Welche Klaviermusik von Dvorak müsste man sich näher ansehen? Kann das dann mit Brahms konkurrieren?


    Ggf. könnte ich mit Dvorak nämlich warten, bis ich in Cello-Stimmung komme. Das kann sich nur um Jahre handeln :D


    Kauft ihr eigenlich auch nach Stimmung?



    Thomas Deck

    Zitat

    Original von GiselherHH
    es ist kein Wunder, dass sich die Aufführung von der Ozawa-Aufnahme unterscheidet. Denn Ozawa bedient sich der veralteten Choudens-Fassung von 1907, die einiges an Material enthält, das nicht von Offenbach stammt. Die Aufführung des Theaters in Dortmund orientiert sich wahrscheinlich an der Fassung des amerikanischen Musikforschers Michael Kaye von 1999. Der hat in jahrzehntelanger Detektivarbeit verschollen geglaubte Skizzen Offenbachs in Archiven und auf Dachböden ausfindig gemacht und in einer Edition zusammengestellt. Wenn man die Kaye-Fassung ungekürzt spielt, dauert eine Aufführung nun etwa 3 Stunden.


    Musikalisch überzeugt mich die Kaye-Fassung am meisten, allerdings halte ich sie in ihrer ungekürzten Form für nicht wirklich bühnentauglich, da der Giulietta-Akt darin zuviel Gewicht bekommt. Offenbach war ja Theaterpraktiker und hätte wohl, wenn er länger gelebt hätte, das eine oder andere noch geändert bzw. wohl auch gekürzt (Komponisten sehen ihre Partituren oftmals als weniger sakrosankt an als Musikwissenschaftler). Und die "Scintille. diamant" ist einfach zu gut (und besser als "Tourne, tourne, miroir"), um in die Archive verbannt zu werden.


    Hallo,


    die Dortmunder Fassung (das Programm gibt leider keine nähere Auskunft dazu) erschien mir in der Tat länger als die von der Ozawa-Aufnahme, speziell der Giulietta-Akt. Die "Diamantenarie" war aber auch in Dortmund dabei. Insgesamt erschien mir der Akt aber zu lang. Oder liegt es nur an der Gewöhnung? Ich habe halt den Eindruck, dass der Inhalt dieses Aktes dramaturgisch nicht so viel hergibt wie der des Olympia- und vor allem des Antonia-Aktes und daher die Länge entsprechend angepasst werden sollte. In der Praxis würde ich mich mit Streichungen aber auch schwer tun...



    Thomas Deck


    Dieses ist auch "meine" Aufnahme. Heute Abend sah ich die Oper das erste mal live:
    Kurznotizen aus den Opernhäusern
    ("Contes d'Hoffmann in Dortmund")


    Interessant war die Reihenfolge der Bilder: Antonia - Olympia - Giulietta.
    Hat aber durchaus gepasst. Beim Giulietta-Bild fehlte mir etwas der rote Faden, das ist auf der CD besser gelöst.


    Es gab viele Passagen, die auf der CD nicht vorkommen (u.a. mehr Gesang für die Muse). Zwischendurch auch gesprochenen Text.


    Die Aufführung war eine der beiden besten meiner "Opernkarriere" (bisher 31 Opernbesuche).



    Thomas Deck

    Letztens hatte ich kurz über den Figaro in Gelsenkirchen berichtet:
    Oper - Original oder Übersetzung
    (Beitrag: "Mozart: Italienisch vs. deutsch")


    Heute Abend gab's in Dortmund die Premiere von den Contes d'Hoffmann. Mein 31. Opernbesuch, aber die erste Premiere. Lag's etwa daran? Jedenfalls muss ich feststellen, dass Dortmund in einer ganz anderen Liga spielt als Gelsenkirchen. Zu den im o.g. Beitrag erwähnten Mängeln in Gelsenkirchen:


    Akustik: In Dortmund um Klassen besser.


    Niveau der Sänger: Sowohl stimmlich als auch darstellerisch eine ganz andere Liga. Da war überhaupt keine Schwachstelle.


    Chor: Überhaupt kein Vergleich. Dortmund 2 Klassen besser.


    Zusammenspiel Chor/Sänger mit Orchester: dito.


    Das ist jetzt eher als Lob für Dortmund zu sehen, man erwartet in der "Provinz" ja keine perfekte Vorstellung. Aber das heute Abend war schon genial. Das fing schon mit der Muse (Maria Hilmes) an. Sie hatte übrigens viel mehr zu singen als auf meiner CD-Aufnahme (Orchestre National de France, Seiji Ozawa; Gruberova, Eder - Domingo, Schmidt). Und sie sang und spielte genial. Die Krönung war aber Antonia (Sylvia Koke). Da stimmte alles, Kraft, Technik, Balance. Ist halt auch eine tolle Rolle. Heike Susanne Daum als Olympia hat gleich viel Applaus bekommen, aber die Rolle ist etwas eindimensionaler. Elena Nebera als Giulietta war wohl gleich gut, aber die Rolle gibt m.M. nach nicht so viel her, zumal mir bei Dortmunder Variante des Giulietta-Bildes irgendwie der rote Faden fehlte (falls es bei diesem Bild überhaupt einen gibt). Auch bei den männlichen Rollen gab es nicht den geringsten Schwachpunkt. Timothy Richards als Hoffmann kommt vielleicht nicht an die Strahlkraft eines Placido Domingo ran, aber was er stimmlich und schauspielerisch geleistet hat, war schon Extraklasse. Er, Sylvia Koke und Heike Susanne Daum bekamen den meisten Applaus, dicht gefolgt von Maria Hilmes (für mich war sie die Nr. 2 nach Sylvia Koke).


    Das Antonia-Bild war - zusammen mit einer Parsifal-Inszenierung vor ein paar Jahren (ebenfalls in Dortmund) - überhaupt das Beste, was ich bisher live in einer Oper gesehen habe. Das Olympia-Bild (es kam *nach* Antonia) war auch toll gemacht. Nur das Giulietta-Bild fand ich etwas konfus.


    Überhaupt kamen einige Passagen, die ich von der CD gar nicht kannte. Zwischendurch gab's auch gesprochenen Text (alles französisch), was aber durchaus passte.


    Das Publikum - mich eingeschlossen - war begeistert. Ich werde wohl öfter zu Premieren nach Dortmund fahren müssen...



    Thomas Deck


    Jetzt, wo du es sagst: Der Kerl hatte tatsächlich *zwei* Bengel in der Hand und auch zwei Pauken vor sich.


    Ich habe übrigens darauf geachtet, ob der Dirigent auch dem Pauker die gebührende Beachtung schenkte. Er tat es nicht. Er wusste wohl, dass er sich auf den Pauker (Optik: alter Hase) verlassen konnte. Ich fand das toll, wie er immer zur rechten Zeit aktiv wurde. Präzise, voll bei der Sache, aber ohne irgendwelche Theatralik. In meinem nächsten Leben werde ich Pauker.


    Letztes Jahr in Palermo hatte ich einen gesehen, der las zwischendurch in einem Buch, weil er so wenig zu tun hatte. Beim Nussknacker. Fand ich unprofessionell.



    Gruß
    Thomas

    Zitat

    Original von Johannes Roehl


    Ich "weiß" ebenso, dass eine ganze Reihe Haydnscher Sinfonien unübertroffen sind. Inwiefern überträfe Mozarts #39 Haydns #99 (oder #103) oder umgekehrt? Daher gebe ich nicht zu, dass Mozarts Sinfonien in der Spitze besser wären, besonders nicht, bevor mir jemand etwas detaillierter schildert, warum das so sein sollte. Eine Diskussion über "besser" oder "schlechter", ohne auf konkrete Merkmale bestimmter Stücke einzugehen, halte ich für sinnlos...


    Ich wollte damit nicht eine Diskussion über "besser" oder "schlechter" anfangen. Es kommt mir halt so vor (das hat nichts mit irgendwelchen Büchern zu tun). Nimm von mir aus Beethovens Eroica. 90 % der Leute werden sagen, sie ist "besser" als jede Haydn-Sinfonie. Sie ist es natürlich bei einem entsprechenden Bewertungskriterium. Ich höre aber auch die Eroica nicht so oft, wie es ihrem Ruf "gebühren" würde. Als ob Haydn schneller "auf den Punkt" kommen würde.


    Vielleicht ist das einfach der Kern der "Klassik" im engeren Sinne: Ausgewogen und in sich perfekt. So dass man das betreffende Werk fast beliebig oft genießen kann, ohne dass sich ein Abnutzungseffekt einstellt.


    Die anderen Kunststile haben andere Vorzüge...



    Thomas Deck

    Schnell berichten, so lange es noch frisch ist. Bin gerade von Dortmund zurückgekommen, da spielte ein gewisses „Amadeus Kammerorchester“ im Konzerthaus. Als ich kurz vor der Hinfahrt noch mal ins Programm sah, fragte ich mich, weshalb ich wegen einer so unbekannten Truppe montagabends 140 km fahren wollte. Es lag am Programm: Haydn Sinfonie Nr. 47, Mozart Jeunehomme-Konzert und Linzer Sinfonie.


    Der ziemlich junge Dirigent Felix Reimann trat schwungvoll ans Pult. Und die Haydn-Sinfonie war eine echte Offenbarung. Vollkommen transparent gespielt, Dirigent und Musiker „durchlebten“ die kleinsten Details. Viele Haydn-typische schwierige Horn-Passagen, die größtenteils perfekt gemeistert wurden, herrliche Oboen-Stellen, differenziertes Spiel der Streicher. Diese meines Wissens nicht sehr bekannte Sinfonie wurde richtiggehend „durchleuchtet“, und das von gerade mal 19 Musikern. Lag natürlich auch am großen Meister selbst, wobei ich mir vorstellte, wie er damals auf Esterháza ein ähnlich kleines Orchester sicherlich ähnlich gut im Griff hatte wie heute Abend Felix Reimann. Auf seine Hornisten muss er jedenfalls große Stücke gehalten haben.


    Der Solist beim Jeunehomme-Konzert hieß Stefan Irmer. Ich bin nicht kompetent genug, um sein Spiel zu bewerten, es gab jedenfalls von meiner Seite nichts auszusetzen. Interessant war, wie bei Mozart bei gleicher Besetzung (bis aufs Klavier) das Ganze viel „voller“ (aber nicht besser!) klang als vorher bei Haydn. Dass das Mozart-Konzert von der Anlage her großartiger ist als die Haydn-Sinfonie, steht natürlich außer Frage. Die Interpretation der letzteren hat mich aber mehr beeindruckt.


    Der sehr sympathische Pianist brachte aufgrund des großen Beifalls (das will bei dem zurückhaltenden Dortmunder Publikum was heißen) gleich eine hübsche Zugabe, ein Tango von einem gewissen Piazzolla, wenn ich den Namen richtig in Erinnerung habe. Kennt den jemand?


    Für die Linzer Sinfonie wurde das Orchester um 5 Instrumente (eine Pauke und je zwei Trompeten und Fagotte) aufgestockt. Das klang dann wirklich „sinfonisch“, manchmal vielleicht nicht ganz so differenziert wie bei einem Weltklasse-Orchester, aber auch hier war ich begeistert, wie Dirigent *und* Musiker die einzelnen Passagen mit Leben füllten. Im Übrigen zeigte sich einmal mehr, dass man bei einem Live-Konzert (gute Interpreten vorausgesetzt!) ein Werk besser durchdringt als beim Hören einer CD. So habe ich z.B. bei der Linzer endlich erkannt, wie der 4. Satz schon auf die letzten Sätze seiner späten Sinfonien hinweist.


    Alles in allem war das eines meiner besten Kozerterlebnisse der letzten zwei Jahre. Der ganze Spaß hat übrigens gerade mal 15,50 Euro (auf dem besten Platz) gekostet. Es gibt im Dortmunder Konzerthaus natürlich auch wesentlich teurere Konzerte, ich wage aber dennoch, diesen Veranstaltungsort als Geheimtipp zu bezeichnen. Nervend ist allenfalls ein Teil des Publikums, der am Ende Hals über Kopf hinauseilt, wenn der Applaus nicht mal ansatzweise beendet ist. Die haben wahrscheinlich Angst, ihre Currywurst wird kalt.



    Thomas Deck

    Mir geht es ähnlich wie einem meiner Vorredner: Haydn höre ich lieber. Obwohl ich zugeben muss, dass Mozart in der Spitze "besser" ist, aber was heißt das schon.


    Es ist echt verrückt: Ich "weiß" das Mozarts letzte Sinfonien unübertroffen sind, aber (fast) immer, wenn es darum geht, zu entscheiden, was ich gleich anhören werde, sage ich mir: "Mozarts KV 551 ist zu wertvoll für den Moment, sehen wir lieber mal nach, was Haydn zu bieten hat." Und dann lande ich bei Haydn.


    Ähnliches passiert mir übrigens (in abgeschwächter Form) auch bei den Streichquartetten...



    Thomas Deck

    Vielen Dank für die Auskunft!
    Dann werde ich den Dürr wohl beschaffen. Aber ich muss anschließend immer noch selber denken. Das ist brutal.


    Zum Glück gibt's Tamino. Letztens habe ich übrigens geschummelt: Ich wollte wg. Ausgewogenhait nach Gardiner und Rilling auch noch etwas von Koopman haben. Was nimmt man da, wenn man keine Ahnung hat: BWV 147 ist laut Google populär. Also nahm ich Koopman Vol. 7 (BWV 24, 25, 67, 95, 105, 136, 144, 147, 148, 173, 181, 184), es scheint eine gute Wahl gewesen zu sein.


    Damit's nicht ganz off topic wird: Ich werde bei Gelegenheit schreiben, wie mir der Dürr zusagt...



    Gruß
    Thomas Deck

    Irgendwo gelesen:
    "Alfred Dürr: Die Kantaten von Johann Sebastian Bach"
    sei das Standardwerk.


    Bei Amazon finde ich ein gleichnamiges Buch zu 17 Euro (DTV, 1985), außerdem eins zu 28 Euro mit dem Titel "Johann Sebastian Bach. Die Kantaten" (Bärenreiter Verlag, 1999). Beide haben stark 1000 Seiten, so dass ich auf den gleichen Inhalt tippe.


    Käufer 1 meint zu dem 28-Euro-Exemplar:
    "Liste der Sätze - Text - Beziehung zum Predigttext? - Exegese des Textes - 3 Sätze zur Musik der einzelnen Sätze - "Mit einem schlichten vierstimmigen Choralsatz endet dieses Werk" - Nächste Kantate ... Nach diesem Schema werden die Kantaten Bachs abgehandelt. Sicher alles gründlich recherchiert, aber es fehlt die Inspiration, die Höhepunkte einer Kantate herauszuarbeiten. Als Nachschlagewerk und für den raschen Überblick geeignet, aber nicht, um daraus (die Musik lieben) zu lernen."


    Käufer 2:
    "Diese Monographie über Bachs weitgehend unbekanntes Hauptwerk gibt klare Auskunft über Entstehungszeit, Besetzung und Aufbau seiner Kantaten. Sie enthält viele Notenbeispiele. Bibliographie, Namens- und Sachregister ermöglichen eine weitergehende Recherche. Ein besonders empfehlenswertes Buch für jeden Liebhaber des Bachschen Vokalwerks!"


    Ist das wirklich das "Standardwerk"?


    Es gibt auch "Die Kantaten von Johann Sebastian Bach. In zwei Bänden. (1975)"


    Ist das nur eine frühere Ausgabe?


    Wer kennt diese Bücher bzw. kann bessere Vorschläge bzgl. der Bachkantaten machen?



    Viele Grüße
    Thomas Deck

    Zitat

    Original von Edwin Baumgartner
    Ich glaube, das ist jetzt der Moment, da man zeigen muss, wieso man(n) von Anu Tali schwärmt:


    Aber - wie gesagt: Sie sieht nicht nur toll aus, sie ist wirklich eine fabelhafte Dirigentin!


    Aber genau das ist das Problem der Frauen: Dass es immer wieder welche gibt, die mit ihrem (zugegebenermaßen guten) Aussehen zusätzlich punkten wollen. Einerseits verständlich, andererseits müssen sie sich dann nicht wundern, wenn man sie in fachlicher Hinsicht etwas genauer beobachtet.


    Das gilt auch für Solistinnen. Viele von ihnen zeigen ziemlich viel Haut. Nicht dass ich - als Mann - etwas dagegen hätte. Aber Männer tun das nicht. Frau Merkel tut's auch nicht. Was genau will uns Frau Tali nun mitteilen?



    Thomas Deck


    Diesen Thread hatte ich nicht gefunden. Ist mir egal, wo das weiterdiskutiert wird. Wobei ich es als Haydn-Fan natürlich angemessen fände, wenn jede seiner Opern einen eigenen Thread bekommen würde ;)


    Man muss das aber realistisch sehen, das hat nur Sinn, wenn auch Inhalte kommen. Vielleicht kannst du, Ulli, ein paar Anmerkungen zu meinen Aussagen machen, nachdem du deine Aufnahme gehört hast, ist ja immerhin eine andere als meine.


    Bzgl. der Bartoli habe ich schon einiges Gutes gelesen. Haydns Orfeo werde ich mir wohl mit ihr besorgen...



    Gruß
    Thomas

    Eben diskutierten wir über "magische Momente". Was ebenfalls genial sein kann: "Atemberaubende Szenen". Also ein längerer Handlungsablauf, der so spannend geschildert wird (musikalisch *und* szenisch), dass man die ganze Zeit wie gebannt zuhört, egal in welcher Stimmung man ist. Im Film wären das irgendwelche Verfolgungsjagden, Showdowns, etc. Also Szenen, die den Hörer fesseln, selbst wenn er eigentlich gar nicht konzentriert ist. Mir geht es jetzt nicht um besonders schöne oder ergreifende Szenen (die fesseln auch), sondern um Schnelligkeit, Spannung, "Atemlosigkeit", und das möglichst lange. Szenen, die auch den Laien mitreißen.


    Im Moment fällt mir der Anfang von Don Giovanni ein. Im engeren Sinne bis zum Ende der dritten Szene (Duett Anna/Ottavio), im weiteren Sinne bis zum Ende der neunten ("Là ci darem la mano"). Ich hab da mal nebenbei zu Abend gegessen, da wurde das Essen kalt.


    Wer kennt weitere?



    Thomas Deck

    Zitat

    Original von Johannes Roehl
    Meistersinger d'accord :jubel: ein grandioser Effekt, aber geht beim Figaro die Ouverture in cinque, dieci usw. über? Das habe ich anders in Erinnerung.


    Ok, man muss da wohl unterscheiden: Wagner hat den Effekt vermutlich bewusst so gestaltet, sprich, er wollte genau diesen Effekt erreichen, der Effekt ist "wirklich" da.


    Bei Mozart entsteht der Effekt in meinem Kopf. Die Ouvertüre ist bekanntermaßen genial, und wenn dann das Duett kommt, habe ich den Eindruck, fast übergangslos in Mozart geradezu "einzutauchen", und das mit dem Wissen, dass die ganze Oper noch vor mir liegt.


    Das war jetzt wohl nicht verständlich, dann anders: Das Duett bringt einen (vorbereitet durch die Ouvertüre) sofort mitten ins Geschehen, d.h. man hat das Gefühl, nach schon nach wenigen Takten mittendrin zu sein. Das wollen Komponisten (und auch Dramatiker) oft (immer?), aber beim Figaro ist das besonders gut gelungen.



    Thomas Deck

    Ihr habt jetzt so ziemlich alles genannt, aber was ganz Wichtiges scheint ihr zu ignorieren:


    Der geniale Übergang von einer genialen Ouvertüre zum eigentlichen Geschehen.


    Wenn wir "magischer Moment" definieren als "kann in der passenden Stimmung die Tränen in die Augen bringen", dann passiert mir das nicht nur bei einigen der bereits genannten Stellen, sondern auch bei:


    - Meistersinger, Übergang Ouvertüre zur ersten Szene
    - Figaro, Übergang Ouvertüre zur ersten Szene


    Kann das jemand nachvollziehen? Evtl. gar vergleichbare Beispiele bringen?



    Thomas Deck

    Nach mittlerweile 77 Beiträgen wird man das hier wohl auch noch verkraften:



    Jechtingen vs. Beaune vs. Matthäus


    Das müsst ihr mir jetzt echt glauben: Ich wollte dieses Mal wirklich keine Wein-Musik-Notiz schreiben, aber dann kam ein gewisser Helmut Müller-Brühl, was soll man da machen. Ursprünglich ging es nur um die folgenden Kandidaten:


    2000 Jechtinger Eichert Spätburgunder Spätlese tr., Bercher (Burkheim/Kaiserstuhl)
    13 % Alk., 14 Euro


    2000 Beaune 1er Cru Montrevenots, Dubreuil-Fontaine (Pernand-Vergelesses/Burgund)
    13 % Alk., 13,50 Euro


    Matthäus-Passion, Johann Sebastian Bach
    Gächinger Kantorei Stuttgart, Helmuth Rilling


    Zur Motivation:
    Die 2000er waren beide fällig. Es ist ein eher schwieriger Jahrgang, der nicht ewig lagerfähig ist. Der Beaune war vor 1 1/2 Jahren aber überraschend gut, so dass ich als Kaiserstuhl-Fan fast ein schlechtes Gewissen hatte, den Jechtinger dagegen zu stellen, aber man muss das sportlich sehen, mal gewinnt der eine, mal der andere, und in 1 1/2 Jahren kann sich viel ändern. Die Matthäus-Passion war bisher eines meiner „Problemkinder“, ich überblickte das Werk einfach nicht richtig, die beiden letzten Anläufe hatte ich sogar nach wenigen Minuten abgebrochen, weil die Konzentrationsfähigkeit fehlte. Hier sieht man übrigens wieder, wie die Symbiose „Weinvergleich und Musikgenuss“ die Sache erleichtert: Durch die Beschäftigung mit den Weinen werden die Sinne geschärft, man ist insgesamt viel aufnahmefähiger für Sinneseindrücke.


    Phase 1:
    Der Jechtinger hat eine „mega-offene Nase“ (so steht’s auf meinem Zettel), sprich: er ist sehr aromatisch, Richtung Walderdbeere, und man denkt sofort an „Spätburgunder, badische Art“. Im Mund sehr dicht, süßlich, Leder, Walderdbeere, Hauch Mineralität, der Wein hat Biss, die Süße stört ein klein wenig; 87 Punkte. Der Beaune präsentiert sich in der Nase etwas zurückhaltender, es geht in Richtung Himbeere. Im Mund dann ganz klar Himbeere, die Frucht ist klar und eindringlich, der Wein wirkt fein, elegant; 90 Punkte. „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“. Da geht’s gleich voll ab. Die Aufnahme ist mit Helmuth Rilling und der Gächinger Kantorei Stuttgart. Den Dialog der beiden Chöre erkenne ich mit Hilfe des Textbuches. „Blute nur, du liebes Herz“: sehr schöne Sopranarie.


    Phase 2:
    Der Jechtinger bleibt unverändert. „Warum gibt es im badischen Spätburgunder keine Himbeere?“ (Steht so auf meinem Zettel). Die 87 Punkte bleiben. Der Beaune scheint jetzt auch einen Hauch Süße zu haben, ist aber insgesamt einfach feiner (u.a. wegen der Himbeere) als der Jechtinger. 89 Punkte (zu 90 fehlt der letzte Tick an Konzentration). „Ich will bei meinem Jesu wachen“: Tenor mit Chor, mit Oboe, sehr stark. „So ist mein Jesus nun gefangen“: Sopran-Alt-Duett mit Chor, genial. Man sieht aber, dass es eigentlich nicht lohnt, solche Primitiveindrücke öffentlich zu diskutieren. So beendete ich die Matthäus-Passion am ersten Abend mit der ersten Teil und trank die Weine an den beiden anderen Abenden mit anderer Musik (die hier nicht weiter diskutiert werden soll, ich meine, es wäre einmal Liszt und einmal Haydn gewesen).


    Phase 3:
    Am 2. Tag präsentierte sich der Jechtinger kräftig, sehr reif, dicht und erinnerte etwas an Hegers 99er Mimus, ohne allerdings dessen Eleganz zu haben. 87 Punkte. Die Farbe ging übrigens in Richtung Rotbraun, was ebenfalls auf fortgeschrittene Reife schließen lässt, im Gegensatz zum Beaune, dessen Farbe man als Kirschrot bezeichnen könnte. Der Beaune wirkte einfach jünger und feiner, mit einer sehr schönen Himbeerfrucht. Am 3. Tag hatten beide Weine etwas nachgelassen, wenngleich die Charakteristik der beiden ersten Tage blieb, so dass die Gesamtwertung von 87 (Jechtinger) bzw. 89 Punkte (Beaune) beibehalten wurde.


    Kritiker könnten jetzt sagen, dass der Abstand aufgrund der Beschreibung eigentlich größer sein müsste, aber im Moment hat der Jechtinger trotz der hohen Reife halt doch viel Spaß gemacht und mit seiner Dichte und Opulenz durchaus beeindruckt. Ein Burgund-Freak, der die badischen Weine nicht kennt, wird damit allerdings seine Probleme haben. Interessant ist übrigens, dass Berchers Spätburgunder vom Jechtinger Eichert tendenziell etwas mehr Restzucker zu haben scheinen als jene vom Burkheimer Feuerberg, vielleicht kam daher auch der Eindruck von Süße (mit der ein Burgund-Freak Probleme haben wird). Die Beobachtung gründet sich allerdings nur auf 3 unterschiedliche Jahrgänge und muss daher noch durch weitere Infos verifiziert werden. Interessant ist die Schwankungsbreite in der Qualität der 2000er roten Burgunder. Ich hatte schon doppelt so teure von wesentlich renommierteren Erzeugern als Dubreuil-Fontaine, die gerade mal auf 86 Punkte kamen. Und der doppelt so teure 2000er Corton Grand Cru desselben Erzeugers ist zwar konzentrierter, aber nicht annähernd so elegant wie der Beaune. Die Burgunder würden jetzt sagen: „C’est le terroir.“


    So, das wär’s eigentlich gewesen, wenn ich zu Ostern nicht in meine badische Heimat gefahren wäre. Dies war nämlich mit einer routinemäßigen Überprüfung der Spielpläne des Badischen Staatstheaters Karlsruhe und des Festspielhauses in Baden-Baden verbunden. Und was sah ich da: Matthäus-Passion am Karfreitag im Festspielhaus, mit Helmut Müller-Brühl, Kölner Kammerorchester, Dresdner Kammerchor. Da musste ich hin.


    Schon beim Eingangschor war klar, dass die Entscheidung richtig war. Chor und Orchester sangen bzw. spielten verhaltener als in der Rilling-Aufnahme, aber dafür wirkte das Ganze sehr transparent. Und es war natürlich toll, von der 3. Reihe (seitlich) aus zu sehen, wie dezent und doch klar Müller-Brühl die einzelnen Instrumente und Chorgruppen dirigierte. Endlich nahm ich auch die Struktur des Werkes auf: Der Evangelist schildert die Handlung, Solisten und Chor kommentieren, die Gemeinde (in Form eines Chorals) meditiert über das Geschehen. Bachs Instrumentation ist unheimlich abwechslungsreich, einmal spielen nur 2 Flöten, dann nur 2 Oboen, dann nur die Streicher, 2 mal auch mit herrlichem Violinsolo (speziell das erste wurde genial gespielt, von der Chefgeigerin des linken Orchesters, während ich beim 2. Solo das Spiel die Chefgeigerin des rechten Orchesters etwas zu affektiert fand). Direkt vor mir auf der Bühne saßen 2 Herren mit Blockflöten. Der eine hatte nur ein zerknittertes DIN-A5-Papier auf dem Pult liegen. Lange Zeit dachte ich, dass die beiden sich nur mit einem hübschen Trick einen besonders guten Platz für das Konzert ergattert hätten. Aber irgendwann waren sie dran (die genaue Stelle hab ich nicht im Kopf) und spielten so perfekt und schön, dass man meinen könnte, das wäre so geplant gewesen, sie hätten es vorher gar geübt. Im 2. Teil waren sie nicht mehr gesehen. Im Übrigen kam an keiner Stelle der 3 1/2 Stunden irgendwelche Langeweile auf, und das will bei mir was heißen. Kurz zu den Sängern:
    Evangelist (Markus Schäfer): schnitt Grimassen, erzählte sehr lebendig, der war damals mit Sicherheit dabei, anders kann ich mir das nicht vorstellen. Man verstand jedes Wort, der Mann ist klasse, er war mein Favorit an dem Abend.
    Jesus (Reimund Nolte): auch sehr gut, hatte bei mir aber einen schweren Stand gegenüber dem Evangelisten
    Marianne Beate Kielland (Alt): für mich die beste Sängerin des Abends, sehr gefühlvoll
    Johanette Zomer (Sopran): gut, kam aber an die Kielland nicht ran (subjektive Sicht meinerseits)
    Markus Brutscher (Tenor): interessante Stimme, „wie Mann von der Straße“, wirkte sympathisch, bei den technisch schwierigen Stellen hatte ich den Eindruck, dass es auch souveräner gehen könnte
    Thomas E. Bauer (Bass): sang spannend, mitreißend, sehr gut, erinnerte somit stilistisch an den Evangelisten, ohne dessen Gesamtleistung zu erreichen.


    Insgesamt hatte ich den Eindruck dass die Interpretation der Matthäus-Passion von Helmut Müller-Brühl (gibt es auch auf CD von Naxos, mit fast der gleichen Besetzung wie am Karfreitag in Baden-Baden) von hohem künstlerischen Wert ist, auch wenn ich das fachlich natürlich nicht wirklich beurteilen kann. Der Abend war jedenfalls subjektiv genial, und ich fände es interessant, wenn jemand seine Meinung zu den genannten Künstlern bzw. der CD-Einspielung kund tun würde.



    Thomas Deck

    Dazu eine Frage. Was haltet ihr von dieser Aufnahme:



    Diese beiden Klavierkonzerte fehlen mir nämlich noch...



    Thomas Deck


    PS: Eine Zusammenstellung genau dieser beide Konzerte gibt's auch von einer gewissen Annerose Schmidt zusammen mit Kurt Masur...

    Hier meine Wertung:


    Mozart: Figaro (10)
    Mozart: Don Giovanni (9)
    Wagner: Walküre (8 )
    Wagner: Parsifal (8 )
    Wagner: Rheingold (7)
    Wagner: Meistersinger (7)
    Rossini: Barbier (6)
    Puccini: La Bohème (6)
    Bizet: Carmen (5)
    Verdi: Aida (5)
    Verdi: Otello (4)
    Humperdinck: Hänsel und Gretel (3)


    Zauberflöte, Freischütz, Così fan tutte, Die lustigen Weiber von Windsor müssten auch rein, aber ich eh nicht den totalen Überblick habe, kommt's auf diese Ungenauigkeit auch nicht mehr an...



    Thomas Deck