Beiträge von vedriel

    "Kleiner Bruder" ist zu viel gesagt, aber während es in der Winterreise für mich persönlich kaum Lieder gibt, die ich als "schwächer" empfinde, gibt's in der "Müllerin" Lieder, die mich nicht sooo berühren (wie gesagt: Persönliche Empfindung!) Die "Danksagung an den Bach" oder die "Ungeduld" zählen nicht gerade zu meinen Lieblingsliedern. Andererseits gibt es viele Lieder, die ich "zum Sterben schön/ ergreifend" finde ("Der Neugierige"/ "Pause"/ "Die liebe Farbe"/ "Trockne Blumen"/ "Der Müller und der Bach"/ "Des Baches Wiegenlied").


    Lieber sagitt, besonders hat mich Deine positive Kritik zur Blochwitz-Aufnahme gefreut, eine meiner LieblingsCDs. Ich habe bislang geglaubt, mit meiner Meinung alleine dazustehen! Schade, dass seine Karriere nur so kurz gedauert hat. Aber, wie er zB die Zeile aus "Des Baches Wiegenlied" "...und der Himmel da oben, wie ist er so weit..." singt, hat für mich "Gänsehautqualität".


    Ein Erlebnis zur "Müllerin" möchte ich noch erzählen: Ich habe diesen Zyklus vor einigen Jahren relativ knapp hintereinander LIVE von Peter Schreier und danach von Wolfgang Holzmair gehört. Das war für mich sehr spannend: Auf der einen Seite Schreier, der so viele Nuancen in die Lieder brachte aufgrund seiner langjährigen Gesangserfahrung, dessen Stimme dann trotzdem für diesen jungen Müllersbursch schon zu "erfahren" war. Auf der anderen Seite die junge Stimme von Holzmair, der sicher nicht Schreiers Interpretationsbandbreite hatte, dessen "Stimmalter" aber gut gepasst hat. Ich könnte überhaupt nicht sagen, welche Version mir besser gefallen hat, weil's so unterschiedlich war! Insgesamt ein tolles Erlebnis, dieser Vergleich!


    Liebe Grüße aus Wien
    vedriel

    Meine Reihenfolge ist etwas unorthodox, ich möchte sie aufzählen, wie sie in mein Musikleben getreten sind. Und vorausschicken möchte ich, dass ich erst seit relativ kurzer Zeit intensiv zur Klaviermusik gefunden habe, ich komme quasi von der Gesangsseite. Allerdings begeistert mich Liedgesang seit langem, und von Anfang an schätze ich Pianisten als gleichrangige Partner; Es hat mich auch schon immer interessiert, was "das Klavier" bei den einzelnen Liedern zu tun hat, und bestimmte Lieder von Schumann, Schubert, Strauss und Mahler (etcetc) mag ich besonders wegen der Klavierbegleitung. Da war es eigentlich nur noch ein kleiner Schritt, mal den Gesang wegzulassen :))


    Mein erster mir (nach wie vor) wichtiger Pianist ist Krystian Zimerman. Vor gut 20 Jahren habe ich ziemlich müde spätabends vor dem Fernseher noch mal kurz geschaut, was gerade läuft - und bin hängengeblieben bei Zimerman/ Bernstein/ Brahms 2. Klavierkonzert. Das war dann auch die erste "Klavierplatte" (nein, es war schon eine CD), die ich erstanden habe. Allerdings war das noch nicht der Auslöser, mich mit dem Thema Klavier genauer auseinanderzusetzen.


    Da ich ein wenig "fachfremd" bin, kann ich schwer erklären, was mir an seinem Spiel so gefällt. Ich empfinde sein sauberes Spiel schon mal als Pluspunkt - aber da gibt es genügend andere. Seine Interpretationen berühren mich eben, und Gefühle lassen sich nicht erklären. (Später ist es mir mit Friedrich Gulda/ Mozart ähnlich ergangen, aber da er nicht mehr lebt, zählt er nicht.)


    Und nun dauert es wirklich eine Woche, bis ich "meinen Zweiten" vorstellen darf, dem ich eigentlich meinen intensiven Einstieg in die Klavierwelt verdanke? Macht nichts. Zwischen den Begegnungen mit den beiden Künstlern lagen immerhin 15 Jahre, da ist die eine Woche gar nichts :)


    Liebe Grüße
    vedriel

    Ich habe Horst Stein hauptsächlich als Operndirigent kennengelernt, vor allem seine Wagner-Dirigate an der Wiener Staatsoper sind mir sehr stark in Erinnerung geblieben.


    Für mich hat Horst Stein eine besondere Bedeutung: Da ich in meiner anfänglichen Opernzeit sehr viel Wagner gehört habe, war er für mich so etwas wie ein Wegbereiter bzw Wegbegleiter auf der spannenden Reise in die Opernwelt!


    Liebe Grüße
    vedriel

    Wer mir die Winterreise das erste Mal live vorgesungen hat, weiß ich nicht mehr, meine erste CD-Einspielung war mit Bernd Weikl/ Helmut Deutsch. Diese Version mag ich noch immer sehr gerne, auch wenn sie damals bei den Kritiken nicht sehr gut ankam. Weikl hat sicher nicht die schönste Stimme aller Zeiten, aber seine Interpretation hat mich sehr berührt. – Übrigens stimme ich vollkommen zu, dass man für diesen Zyklus eine absolut intakte Stimme haben muss. Es muss nicht alles im "Schöngesang" dargeboten werden, zugunsten der Interpretation darf dann schon mal ein rauher Ton etc. kommen. Aber nach Möglichkeit "beabsichtigt", und nicht, weils nicht anders geht…


    Auch wenn es sich dann nicht mehr um die Originaltonarten handelt (und ich pflichte schon bei, dass Schubert sich sicher etwas dabei gedacht hat!), bevorzuge ich für diesen Zyklus die tief(er)en Stimmen, weil’s für mich eine andere Grundstimmung erzeugt. (Winter = „dunkel“? Vielleicht.) Dennoch erinnere ich mich gerne an eine Liveversion in Linz mit Hans-Peter Blochwitz.


    Dürfen Frauen diesen Zyklus singen? Warum nicht, wenn es in sich stimmig ist? Dann werden halt nicht eigene Erlebnisse erzählt, sondern es wird quasi aus dem Tagebuch eines anderen vorgelesen (-gesungen), damit habe ich kein Problem. Als (passionierte Hobby-)sängerin kann ich nur zu gut verstehen, dass man diese Lieder nicht nur hören, sondern selbst "durchleben" möchte.


    Thema Suizid: Für mich war früher klar: Der Müller stirbt, der Winterreisende überlebt. Bis dann irgendwer mal gemeint hat, dass das völlig falsch sei, auch die Winterreise gehe letal aus. Der Leiermann wäre doch nur ein Symbol für den Tod etcetc. Mittlerweile – was auch immer "analytisch-tiefenpsychologisch" etc. "richtig" ist! – finde ich persönlich, dass es von der jeweiligen Interpretation abhängt, wie’s ausgeht. Bei manchen Sängern klingt es, als ob der Leiermann ein Leidensgenosse wäre, nun kann der Reisende wenigstens einem anderen Menschen sein Leid klagen, und es geht weiter. Bei anderen herrscht nur noch tiefe Resignation, und der arme Reisende wird sogar vom Tod abgewiesen und "darf nicht einmal sterben". Letzte Woche fiel mir dann die Version Robert Holl/ Oleg Maisenberg in die Hände. Nun zählt Holls Stimme nicht wirklich zu meinen Favoriten, aber seine Interpretation fand ich nicht uninteressant. Er sang (interpretierte!) diesen Zyklus von Anfang an so (lebens-)müde, dass für mich kein Zweifel besteht; Dieser Reisende tritt seinen Letzten Weg an. Offenbar kann man den Zyklus wirklich ganz unterschiedlich deuten und interpretieren...


    Vielleicht zählt die Winterreise deshalb zu meinen Lieblingszyklen, weil es eben so viele Aspekte gibt. Vielleicht aber auch "nur", weil die Musik einfach unglaublich ist… :jubel: :jubel: :jubel:


    Liebe Grüße aus Wien!
    vedriel

    Und um das ganze zusammenzufassen (Dazu "borge" ich mir mal einige Punkte von musicophil aus):


    => Natürlich haben die Sänger auch Schuld, aber solange sie noch nicht sehr bekannt sind, kann auf sie (zu) leicht Druck ausgeübt werden


    Natürlich sind SängerInnen erwachsene Menschen, die sich Gedanken machen sollten, wie lange ihre Stimmbänder "durchhalten" sollen. Aber... manchmal merkt man leider erst zu spät, dass es für eine Partie doch noch zu früh war. (Ich erinnere mich noch an Eva Lind, die mit 21 oder so ganz stolz war, "problemlos" die Lucia di Lammermoor zu singen. ...und wenn ich mich recht erinnere, kam danach nicht mehr so riesig viel...) Wenn dann noch vermeintlich wohlmeinende Berater Honig ums Maul schmieren, gehört schon eine ordentliche Portion Courage und Selbsteinschätzung dazu, "nein" zu sagen... Und natürlich kommt dann oft noch die Gier nach Geld und Ruhm dazu, keine Frage.


    => Die Opernhäuser tragen jedenfalls dazu bei, daß Sänger in der Klemme sitzen.


    Gerüchten zufolge soll es Operndirektoren geben, die auf die Frage, ob Rolle XY für Sänger AB nicht noch zu früh ist, das mache doch die Stimme kaputt, gemeint haben: "Und? Wenn er/sie's nicht aushält, steht morgen der/die nächste vor der Tür." (Nein, sicher nicht alle Direktoren, natürlich darf man auch hier nicht verallgemeinern.)


    => Auch das Management hat eine Teilverantwortung.


    Gerüchten zufolge sollen manche Agenturen/ Manager gelegentlich eine ähnliche Einstellung wie manche Operndirektoren haben. (Auch nicht alle Agenturen - siehe oben!)


    => Wie war/ist die Ausbildung der Sänger gegenwärtig.


    Nun, wie bereits gesagt wurde: Selbst wenn die Stimme gut ausgebildet ist, sie muss regelmäßig "gewartet" werden! Erstens, weil sich sonst immer mehr "Fehler" einschleichen, und zweitens, weil sich Stimmen ja weiterentwickeln! Ich bin immer erstaunt, wenn Sänger ganz stolz meinen "Ich brauche keinen Gesangslehrer mehr, ich höre mir Aufzeichnungen an und höre genau, woran ich arbeiten muss!"


    Und zum Thema "richtiger Gesangslehrer": Es gibt tatsächlich Exemplare, die behaupten, dass es ganz natürlich ist, wenn man in den ersten Stunden heiser aus der Stunde geht. Ja, die gibt es wirklich! ...und woher soll der "blutige Anfänger" wissen, dass das Humbug ist?


    Liebe Grüße
    vedriel

    Na dann gebe ich mal meinen Tipp ab:


    1. Ferruccio Furlanetto
    2. Carlos Alvarez
    3. Simon Keenlyside
    4. Samuel Ramey
    5. Adrian Eröd
    6. Boaz Daniel
    7. Bernd Weikl
    8. Placido Domingo
    9. Michael Schade
    10. Matti Salminen
    11. Piero Cappuccilli
    12. Martti Talvela


    ...ja, könnt schon sein, dass ich leicht bass/bariton-lastig bin... (sind doch eh zwei Tenöre dabei! :))


    Liebe Grüße! :hello:
    Renate