Beiträge von Uwe Schoof

    Das klingt sehr schön. Ich habe es gerne, wenn ich in Kunstwerken das Gefühl einer "abgerundeten" Geschlossenheit habe und die einzelnen Teile der Festigkeit des Gesamten dienen.


    Uwe

    zu Zemlinsky: Sein 2. Quartett ist nicht nur ein "Riesenquartett", sondern ein riesiges "Riesenquartett". Es ist bestimmt so, dass es gegenüber den genannten "Vorwerken" wie auch den wesensverwandten beiden ersten Streichquartetten Schönbergs und dem Sextett keine wesentlichen Erneuerungen vorweisen kann, aber ich denke, dies soll nicht das alleinige Kriterium für die Aufnahme in dem Kanon sein. Ansonsten müssten wir wohl mehr als 95 % der vorgeschlagenen Werke streichen und z.B. einen Vertreter der "Minimal Musiv" wie Philip Glass hinzufügen - wieso eigentlich nicht, z.B. das 4. oder 5. Ja, Zemlinsky wollte das harmonische Gerüst nicht verlassen, aber er bewegte sich innerhalb der tonalen Grundlagen sehr weit bis kurz vor der Grenze. Wenn wir für diesen Kanon nicht nur Werke, die musikgeschichtlich wesentlich Neues in sich tragen, aufnehmen wollen, sondern auch unabhängig davon Werke, die etwas anderes "Besonderes" darstellen, gehört der Zemlinsky für mich dazu. Es gibt Künster, die hauptsächlich neues Material für ihre Werke suchen und solche, die mit bereits vorhandenem Material arbeiten. Ist beides wichtig und beides kann Großes und "Unverzichtbares" hervorbringen.


    zu Richter: mir fällt nichts ein, warum er in den Konon gehört.


    zu Arriaga: Ich habe ihn zwar vorgeschlagen, würde mich aber nicht unbedingt für die Aufnahme in den Kanon bemühen (wenngleich für mich stärker als Grieg, Faure und Wolff)


    zu Stenhammar: Ist der einzige der genannten Komponisten, deren Streichquartette ich überhaupt nicht kenne.


    Uwe

    Ganz eindeutige Übereinstimmung mit JR und lutgra bei diesen Empfehlungen:


    Zemlinski 2 muss rein; trägt Brahms nach Schöneberg rüber; großes emotionales Werk


    Lutoslawski muss rein; eines der beliebtesten Werke der Zeit nach Schöneberg; spielerische Freiheiten der einzelnen Ausführenden im klar strukturiertem Rahmen


    Nono muss rein; absolut anerkanntes Werk in der Fachwelt; Erweiterung der spieltechnischen Möglichkeiten durch Kratzen etc., wird gelegentlich noch aufgeführt


    Uwe

    Gut, dann greife ich anfangs mal Deine roten Streichvorschläge auf. Bei Verdi fällt es mir leicht, ich würde das Quartett ebenfalls nicht in den Kanon aufnehmen. Das ist zwar technisch solide Musik, aber seit Mozart und Haydn ist da nichts hinzugekommen, was interessant oder neu wäre. Außerdem ist es nicht sonderlich elegant. Dem Stück fehlt m.E. das Besondere.


    Uwe

    Habe heute endlich mal viel Zeit und höre pausenlos Musik, was leider sehr selten vorkommt. Deshalb nun genießen und alte Platten auflegen, die ich längere Zeit nicht gehört habe. Heute Vormittag war Ernest Bloch-Zeit. Die beiden abgebildeten Aufnahmen habe ich gehört, also die beiden ersten Streichquartette sowie die Sinfonie "Israel", was mich daran erinnert, dass Bloch ein zumindest bei uns sehr unterschätzter Komponist ist. Seine Musik wird viel zu selten gespielt.



    Uwe


    Garade habe ich die Bestellung für diese CD aufgegeben. Das noch sehr junge Juilliard Quartett spielt alle Quartette von Bartok, Schönberg, Berg und Webern ein. Das wirkt irgendwie erfrischend. Ich hatte davon einige Einspielungen auf Schallplatte, nun rüste ich nach.


    Uwe

    Das Berner Streichquartett taucht bei bei meinen "Unverzichtbaren" nun zum zweiten Mal auf, was nicht nur daran liegt, dass es ein gutes Ensemble ist, sondern auch daran, dass es gelegentlich Werke aufnimmt, an die sich die meisten anderen renommierten Formationen wohl nicht herantrauen oder dies aus anderen Gründen ablehnen. So bin ich erfreut, das (erste; zwischenzeitlich hat Holliger ein zweites geschrieben) Streichquartett Holligers auf Tonträger zu finden. Auch ein Chorstück und ein kurzes Solo für Violoncello sind beinhaltet.



    Mein Lieblingswerk dieser CD ist das Streichquartett.


    Die eingespielten Werke:
    1. Streichquartett
    "Die Jahreszeiten" - Vier Lieder nach Gedichten von Scardanelli für gemischten Chor
    Choconne für Violoncello solo


    Aufnahmen: 1977 und 1979


    Die Ausführenden:
    Berner Streichquartett mit Alexander van Wijnkoop und Eva Zurbrügg, Violinen; Henrik Crafoord, Viola; Walter Grimmer, Violoncello (Streichquartett)
    Schola Cantorum Stuttgart, Leitung: Clytus Gottwald (Die Jahreszeiten)
    Walter Grimmer, Violoncello (Chaconne)


    Zur Komposition: Das fast halbstündige Streichquartett beginnt in hohen Tonbereichen hektisch und wild, beruhigt sich allmählich fast linear und endet tieflagig in Erstarren. Es ist eine äußerst emotionale Beschreibung des Zustandes von "energiebeladen" zu "ausgepumpt", die bei konzentrierter Hörteilnahme auf den Hörer übergeht. Holliger verwendet bei diesem Werk eine Vielzahl von Geräuschen, die aus den Streichinstrumenten herauszuholen sind, wie Kratzgeräusche, Klopfen und Streichen mit verschiedenen Drucktechniken an den verschiedensten Stellen der Instrumente. Alles wirkt jedoch keineswegs unkontrolliert oder chaotisch, sondern tatsächlich fein gestaltet und irgendwie schön.


    Zur Interpretation: Die "Berner" spielen sehr lebendig, aber auch deutlich. Dadurch verstärkt sich der Eindruck eines fein durchkomponierten Musikverlaufs. Ich kann mir bei der Intensität der Musik gut vorstellen, dass die Musiker am Ende des Werkes ebenso platt sind wie die im Verlauf des Schlusses bis zum Durchhängen herabgestimmten Saiten der Instrumente.


    Sonstiges: Im Wergo-üblichem Stil gestalteten Begleitheft werden die Musikwerke sowie die Musiker in deutscher Sprache kurz vorgestellt. Auch die Texte der vertonten Gedichte für Chor sind Bestandteil des Heftes.


    Uwe

    Möglicherweise macht es ja Sinn, die Kammermusik nicht allzusehr aufzuspalten und in zwei wesensunterschiedliche Bereiche zu teilen: Kammermusik ohne Klavier und Kammermusik mit Klavier. Durch das meist akkordische Spiel des Pianisten unterscheidet sich der Charakter dieser Ensembles doch sehr von Gruppierungen, in denen jeder Spieler gewöhnlich einzelne Töne spielt.

    Ja, die Ausgestaltung des großen Bogens scheint ein wesentlicher Aspekt dafür zu sein, ob ein Stück spannend oder langweilig wirkt bzw. ob und wie es in seiner Gesamtheit erfasst wird. Ich sehe es wie Alfred: "Übertriebene Detailarbeit, sowohl an einem musikalischen Werk als auch an einem Gemälde (hier besser sichtbar für den Laien) kann dazu führen, daß der Ausführende die großen Bezüge zueinander (eben den "Großen Bogen") aus den Augen verliert." Selbstverständlich ist es möglich, im Kleinen zu faszinieren, sei es durch überbetontes Spiel, durch technische Rafinessen, durch Betonungen oder sonstwie, aber letztendlich wird dies meist nur von kurzer Dauer sein und das Gefühl des Gesamtzusammenhangs in Gefahr bringen. Alfred Hitchcock, der Filmregisseur und Meister der Spannung, hat stets betont, dass das Einzelne immer dem Gesamten dienen muss, aber dennoch immens wichtig ist, kann man den Zuschauer mit Kleinigkeiten doch emotional gut beeinflussen und lenken.


    Ich möchte diesen Abstecher in den Film nutzen, um ein gelungenes Beispiel für das Zusammenspiel von Einzelnem und Gesamtheit zu erwähnen. Im Film "Die Vögel" lernt Mitch Melanie kennen; beide möchten sich näherkommen. Gefühlte 20 Minuten sind keine bedrohlichen Vögel gemäß dem Titel zu sehen, alles ist nett, die Geschichte der beiden Liebenden schreitet locker voran. Dann kam Hitchcock, wie er später schreibt, auf die Idee, mal einen aggressiven Vogel zu präsentieren, damit der Zuschauer auch bestätigt wird, das er im richtigen Film ist und ohne Ablenkung dem Geschehen folgen kann. Es ist schönes Wetter, Mitch hilft Melanie aus dem Boot. Dann kommt, aus besagtem Grund, eine Möwe vom Himmel und pickt ihr auf den Kopf, sodass Melanie blutet. Der Vogel verschwindet wieder; insgesamt eine Szene von Sekunden. Die anwesenden Leute schütteln verwundert die Köpfe, aber schon geht die Geschichte der Liebenden weiter, alles ist vergessen. Fast. Was zweifellos bleibt, ist eine Steigerung des Erregungszustands, der Emotion. Man beginnt zu fühlen, dass da noch was mit den Vögeln kommt. Kurzum: Die kurze gut gedrehte Szene ist für sich genommen allerdings fast eine Lapalie und bindet die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht mehr lange auf sich. Sie dient allerdings dazu, die emotionale Ergriffenheit weiter nach vorne zu bringen.


    Wieder zur Musik: Gerrit Stolte hat gut beschrieben, dass der große Bogen aus vielen kleinen besteht und es darum geht, Bezüge zueinander herzustellen: "Für mich gehören zum großen Bogen auch unendlich viele kleine Bögen :D Und da gehört dann alles dazu: Rhythmus, Dynamik, Phrasierung. Ist der Bogen nicht da, höre ich nur aneinander gereihte Noten, ohne Bezug zueinander...Ist der Bogen da, spielt der Musiker die erste Note einer Melodie mit der letzten Note im Bewusstsein: mit der richtigen Lautstärke, der richtigen Phrasierung etc - die erste Note ist ohne die letzte Note nicht denkbar." Genauso sehe ich das auch.


    Aber was kann der Dirigent / der Interpret tun, um einen Spannungsbogen herzustellen und zu halten? Wie kann er die Herstellung von Bezügen zwischen musikalischen Bausteinen in dem Werk angemessener Weise kreieren? Wie kann er beim Geflecht kleinerer und größerer Bögen einerseits jede Einheit für sich ausarbeiten, aber gleichzeitig in den Dienst des übergeordneten Gesamten stellen? Es wurden bereits einige technische Parameter genannt, aber ich glaube, dass besonders kleine Nuancen, kaum bemerkbare und messbare Dinge, die in der Partitur nicht ersichtlich sind, ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Interpretation spielen können. Gefragt sind hier einerseit bestimmt die Persönlichkeit der Interpreten und der Fähigkeit zu "erzählen", andererseits muss das das unter Verwendung von psychologischen "Tricks" aber auch gelernt und eingeübt werden. Insofern glaube ich, dass es nicht reicht, ein technisch absolut versierter Dirigent zu sein, wenn man nicht gleichzeitig auch ein gerissener Geschichtenerzähler ist und etwas zaubern kann.


    Uwe

    Die Idee des Kanons finde ich gut. Allerdings glaube ich, dass diese, je länger die Liste ist, desto uninteressanter wirkt. Das Interessante liegt ja nicht darin, etwas hinzuschreiben, sondern darin, etwas wegzulassen. Wenn jemand nach Orientierung sucht und erst einmal die wesentlichen Werke kennenlernen möchte, wird er, wie ich glaube, kaum in Listen von 100 oder gar 150 Positionen hineinschauen, da er nicht "alles", sondern nur das Wichtigste sucht. Zumindest mir würde es so gehen, nach dem Motto: Masse macht müde. Aus diesem Grund denke ich, dass 50 die obere Grenze sein sollte. Ich meine, für die gesamte Kammermusik.


    Uwe

    Das dritte ist mir eines der liebsten Streichquartette Schostakowitschs. Das Werk empfinde ich als dermaßen erfrischend, elegant und kurzweilig, dass ich es durchaus einem "Einsteiger" in die Kammermusik des Komponisten empfehlen würde.



    Alfred hat recht; es wurde in den Nachschlagewerken viel in das Werk hineininterpretiert. Insbesondere geht es da um die Leichtigkeit und vermeintliche Einfachheit, die das Werk ausstrahlt. Demzufolge soll der Komponist damit die Gefühle der "kleinen Leute" und deren "kleine Freuden" nach Beendigung des Krieges angesprochen haben. Ich kann diese Folgerung gut nachvollziehen, weiß mangels Kenntnis der Biographie aber nicht, ob DSCH dies konkret im Sinn gehabt hat.


    Er selbst war mit diesem Quartett, wie bereits erwähnt, sehr zufrieden und schrieb seinem Schüler Edison Denissow: "Das dritte Quartett halte ich für eines meiner gelungensten Werke. Wenn Sie es durchsehen, beachten Sie, dass der 1. Satz nicht forsch, sondern zart gespielt werden muss". Es scheint vielleicht, als habe er für die einfachen Dinge des Lebens viel übrig gehabt. Aber so ist ja wohl häufig in Schostakowitschs Musik zu vernehmen: Die einfachen leisen Melodiestellen hat er mit herzlicher Eleganz umgeben, die pompösen eher mit bedrohlicher Einfachheit. Vielleicht höre ich die Streichquartette Schostakowitschs deshalb noch inniger als seine Sinfonien.


    In einer Sache bin ich mir allerdings (noch?) nicht sicher: Die Fuge im ersten Satz (anstatt ausgedehnter Durchführung) finde ich, für sich genommen, fantastisch und faszinierend. Aber es wirkt auf mich beim Hören stets so, als hätte DSCH sie so in seiner geschlossenen Gesamtheit in den Verlauf "einfach so" hineingesetzt. Wie soll ich es sagen, es wirkt etwas wie ein Fremdkörper, ist nicht so gut eingebunden.


    Wahrscheinlich irre ich mich aber, und das Gefühl wird sich legen. Insgesamt nimmt mich das dritte Quartett emotional immer mit und steckt bei aller (in wohl jedem Kammermusikwerk des Komponisten vorhandenen) Wehmut mitten im Saft des Lebens und der Lebendigkeit.


    Uwe

    "hart" hat die Schwetzinger Festspiele bereits erwähnt. Kann jemand von Euch ansonsten etwas über diese Festspiele berichten, über die Atmosphäre oder sonstige Erfahrungen? Ich überlege, dieses Jahr erstmalig dorthin zu fahren, möchte aber, bevor ich mich entscheide, abwägen, da dies einen größeren Aufwand bedeuten würde.


    Uwe

    Und noch einmal Streichquartett:


    ich habe jetzt meine Karten für ein Konzert mit dem Pavel Haas Quartet im Konzerthaus Dortmund. Am 9. März spielen sie folgendes Programm:


    Arvo Pärt »Fratres«
    Béla Bartók Streichquartett Nr. 5 Sz 102
    Bedřich Smetana Streichquartett Nr. 1 e-moll »Aus meinem Leben«


    Das ist ja wieder exakt was für meinen Geschmack, wobei meine besondere Aufmerksamkeit dem wunderbaren Bartokquartett gilt.


    Uwe

    Zwar nicht den größten Hit, aber die größte mir bekannte Musik von Schostakowitsch (ich glaube, dass ich fast alles von ihm kenne) und überhaupt konnte ich vor wenigen Tagen in der Essener Philharmonie hören, nämlich sein 15. und letztes Streichquartett. Das Borodin Quartett spielte dieses unglaubliche Werk, nachdem das Quartett op 132 von Beethoven verklungen war. Es waren also zwei äußerst innige Spätwerke zweier Komponisten, die kurz vor ihrem Tod noch einmal richtig ans Eingemachte gingen.


    Ich denke, da muss und kann man als "Normalhörer" nicht viel sagen. Die gespielten Werke und Interpreten gehören zum Feinsten, was die Musikwelt zu bieten hat, und die dadurch entstandenen Erwartungen wurden bestätigt. Es war klasse, wahrscheinlich mein Konzerthöhepunkt des Jahres. Besonders das Schostakowitschquartett hat mich durch das fantastische Spiel der Borodiner derart in den emotionalen Bann gezogen, dass die Zeit nur so dahinstrich.


    Gleichzeitig will ich bemerken, dass ich mich in der Essener Philharmonie immer sehr wohlfühle, da sie fein ist und gleichzeitig locker wirkt.


    Uwe

    Vorgestern sind die bestellten Karten für folgendes Konzert angekommen:


    13.Januar um 20:00 Uhr in der Philharmonie Essen


    Borodin Quartett
    Ruben Aharonian, Violine
    Sergei Lomovsky, Violine
    Igor Naidin, Viola
    Vladimir Balshin, Violoncello


    Ludwig van Beethoven: Streichquartett Nr. 15 a-Moll, op. 132
    Dmitri Schostakowitsch: Streichquartett Nr. 15 es-Moll, op. 144


    Das wird für mich wahrscheinlich der Höhepunkt der Konzertsaison werden.


    Nebenbei möchte ich erwähnen, dass in Essen ein einigermaßen interessantes Saisonprogramm zu finden ist, zumindest ein wenig ordentliche Kammermusik. In den Städten im Umkreis finde ich dieses Jahr fast gar nichts.



    Uwe

    Da das Interesse an Kammermusik hier ja nicht sehr groß ist, habe ich von dem von mir besuchten Konzert im Mai bisher nicht berichtet. Aber ich machs jetzt einfach mal schnell in Kürze, war es doch ein sehr gelungener Abend.


    In der Philharmonie Essen gastierten das Arcanto Quartett mit dem Klarinettisten Jörg Widmann mit Beethovens Quartett op. 132 sowie dann dem Klarinettenquintett von Brahms. Dabei hatte ich Glück, war doch in Essen die Auswahl der gespielten Werke genau auf meinen Geschmack zugeschnitten, während mich das Programm an den vielen anderen Auftritten in diversen weiter gelegenen Spielstätten nicht gelockt hätten.


    Zuerst einmal folgender Aspekt: In Berichten und Vorankündigungen über das Arcanto Quartett drängt sich der Name "Tabea Zimmermann" häufig doch etwas in der Vordergrund, als bestehe die Formation aus einem schillernden Stern und einem Anhängsel von drei weiteren Musikern. Dies macht einen sonderbaren Eindruck auf mich, und ich habe somit in Essen eine Diva im Mittelpunkt erwartet. Aber so war es nicht. Es musizierte ein homogenes Quartett, sowohl äußerlich wie auch musikalisch. Das gefiel mir sehr gut.


    Die größte Vorfreude betraf das Beethovenquartett, während mich Darbietungen des Brahmsquintetts zwar stets interessieren, meist wegen der beiden letzten Sätze nicht so vom Hocker hauen. In diesem Konzert wurde ich jedoch überrascht, war das Ergebnis umgekehrt. Die späten Beethovenquartette habe ich gefühlt schon 100 Male in Konzerten von ausgezeichneten Formationen gehört, und da reihte sich auch die gute Interpretation des Arcanto Quartetts an diesem Abend ein. Es war sehr gelungen, der Klang war fein, der Variationensatz wirkte lebendig und - nun, eine sehr gute Darbietung.


    Wider Erwarten aber folgte für mich der Höhepunkt nach der Pause. Über das ausgezeichnete Spiel Jörg Widmanns war ich natürlich nicht überrascht, kenne und schätze ich ihn als Klarinettist und Kammermusiker schon lange. Aber der Gesamtklang und das homogene Zusammenspiel der fünf Musiker waren schon erste Sahne. Ich greife hier z.B. beim Brahms den Aspekt heraus, wie die von der Klarinette eingefügten einzelnen Töne im klanglichen Gesamtzusammenhang wirken. Es ist ja immer so eine Sache: Einerseits soll die Klarinette sich nicht zu sehr von den Streichern abgrenzen, um nicht mit den "Fülltönen" in der Vordergrund zu gelangen und vom Fluss abzulenken. Andererseits darf sie auch nicht zu sehr veschmelzen, damit der Gesamtklang nicht breiig wirkt. Ehrlich gesagt habe ich bei diesem Konzert mit Zweitem gerechnet, da doch Widmann einen sehr feinen Ton spielt. Aber so war es überhaupt nicht. Das klare und akzentuierte Spiel aller Musiker verhinderten die Suppe, die Balance zwischen Zurücknahme und Präsenz gelang ausgezeichnet. Selbst die beiden letzten Sätze, die auf mich sonst häufig etwas plump wirken und die in den meisten Interpretationen meinen Gesamteindruck etwas trüben, waren äußerst fein und elegant und führten den Charakter der ersten Hälfte fort. Ich bin mir sicher, dass diese Interpretation des Brahmsquintetts zu den 3 oder 2 besten gehört, die ich jemals gehört habe.


    Uwe


    Zurzeit lese ich, nach ungefähr 10 Jahren, Thomas Manns "Der Zauberberg" zum zweiten Mal. Wahrscheinlich ist es mein Lieblingsroman.


    Meine Freunde schauen mich schräg an, wenn ich von diesem Roman erzähle und schwärme. Aber ich liebe zum Einen die Atmosphäre dieser Krankenhausbeschreibung sehr, zum Anderen auch den "todernsten" Humor wie auch natürlich die äußerst elegante Sprache. Und, ehrlich gesagt: ich finde diesen Roman sehr spannend.


    Ich habe den starken Eindruck, dass ich mich in 10 Jahren wieder an dieses großartige Werk heranmache...


    Uwe

    (ich mag die 9-5er Silbenführung nun mal gerne, auch wenn der Rhythmus daran glauben muss)


    Es war mal ein Geiger aus Hessen,
    der hatte die Fiedel vergessen.
    S´Konzerthaus war voll,
    so dachte der Troll:
    "Dann gehe ich halt etwas essen".


    Da wurde der Maestro ganz sauer
    und sprach: "Was sind Sie für ein Bauer?
    Die Zeit, mein Bester,
    in dem Orchester
    ist sicher von ganz kurzer Dauer".


    Bald suchte er ´ne neue Stelle
    in einer anderen Kapelle,
    vom Fehler gelernt
    (sein Name war Bernd)
    spielt nun im Orchester von Celle.


    Moral:


    Beim Blackout keinesfalls verzagen,
    denk' dann nicht nur an Deinen Magen.

    Morgen Abend werde ich in die Philharmonie Essen fahren. Endlich in meiner Nähe wieder mal etwas so richtig nach meinem Geschmack:


    Arcanto Quartett
    Antje Weithaas, Violine
    Daniel Sepec, Violine
    Tabea Zimmermann, Viola
    Jean-Guihen Queyras, Violoncello
    Jörg Widmann, Klarinette


    Ludwig van Beethoven
    Streichquartett Nr. 15 a-Moll, op. 132
    Johannes Brahms
    Klarinettenquintett h-Moll, op. 115



    Uwe

    Kommentare unkritisch als Wahrheit stehen zu lassen bringt nicht allzu viel, es sei denn, man sucht verkrampft nach Bestätigung einer ohnehin fixen Idee. Mein Tipp: Cool bleiben. Zeitungsredakteure leben vom Schlechtmachen. Was denkt Ihr: wenn der Redakteur jede Woche schreiben würde, dass alles super und perfekt ist, könnte er sich nach einem neuen Aufgabenbereich umsehen (s. Billy Wilder: Extrablatt). Also: erst einmal Kritik lesen, dann selber rein in die Oper und eigenes Urteil bilden, dann in Tamino eigenes Urteil reinschreiben und eine musikalische Diskussion beginnen. Ach toll, welche Möglichkeiten des Austauschs wir in einem solchen Forum haben.


    Uwe

    Selbstverständlich kann sich Frau Gilles nicht verteidigen bzw. Aussagen relativieren. Ich denke, dass hier keine Reaktionen gegen sie selber gerichtet sind. Die kritischen Bemerkungen (besonders die von Holger, die ziemlich genau auch meine Empfindungen ausdrücken) beziehen sich und können sich nur beziehen auf das wohl aus einem Zusammenhang gerissenen Zitat, das so, wie es da steht, wirklich übel ist. Aber so steht es nun mal da. Und dies noch verknüpft mit dem Aufruf, sich der Initiative anzuschließen.


    Die Reaktion war also quasi vorprogrammiert. Wenn keine kritischen Reaktionen erwünscht sind, ist ein solches Zitat in einem Meinungsforum möglicherweise fehl am Platz. Und wenn keine heftigen Reaktionen erwünscht sind, sollten vielleicht auch keine heftigen Aussagen zitiert werden. Und was natürlich neben den Inhalten zusätzlich provoziert, ist der Umstand, dass nicht nur ein Zitat wiedergegeben wird, mit man sich befassen kann, sondern dass vorher noch klargestellt wird, dass das Zitat von einer kompetenten, verdienstvollen u.s.w. Persönlichkeit stammt, was wohl suggerieren soll, dass die Meinung somit wahr und nicht anzuzweifeln ist, so als müsse man Musiker sein, um ein Recht auf Ohrenschmerzen zu haben.


    Vielleicht kommen wir alle weiter, wenn wir uns nicht selbstdefinierte Wahrheiten an den Kopf schmeißen, sondern eher Meinungen austauschen, wozu natürlich eine gewisse Offenheit notwendig ist.


    Uwe

    Gerade höre ich die schöne Einspielung von Debussys "La Damoiselle Elue" auf dieser CD, die 2 frühe kantable Orchesterwerke des Komponisten beinhaltet. Wie ich finde, ist die "Damoiselle" ein wirklich schönes Stück, das bestimmt vielen Taminos gut gefällt bzw. gefallen würde, sofern bekannt.



    Uwe