Es ist schon sehr interessant, auf welch unterschiedlichen Wegen die einzelnen Forumsteilnehmer ihre Liebe zur klassischen Musik entwickelt haben. Man sieht, dass nicht nur Kinder aus dem sogenannten "Bildungsbürgertum" mit Vorbild der Eltern, erstem Klavierunterricht u.a., den Weg zur "Klassik" gefunden haben !
Bei mir war der Weg wie folgt:
Geboren im Krieg in Breslau kam meine Familie 1946 nach Ostwestfalen (Wiedenbrück). Wie bei vielen Schicksalsgenossen, herrschte bittere Armut, daher kam gar kein Gedanke auf, dass mein älterer Bruder und ich evtl. ein Instrument erlernen konnten. Mein Vater - aus einer bürgerlichen Beamtenfamilie war zwar mit klass. Musik, Klavier usw. aufgewachsen, meine Mutter kam aus einer Handwerkerfamilie mit vielen Geschwistern, dort wurde sehr viel gesungen. Sie hatte eine sehr schöne Sopranstimme - sogar durch den Lehrer einer Freundin kostenlos etwas geschult - und wir sangen den ganzen lieben Tag.
Unsere Nachbarn sagten immer - entweder sie singen , oder sind nicht zu Haus ! So begann für mich alles mit Gesang. Ein Freund der Eltern spielte Laute und die Familien sangen gemeinsam Volkslieder , Baladen und auch mal Kunstlieder.
Meine erste Berührungen mit dem Theater hatte ich , da mein Vater für die Regionalzeitungen Kritiken schrieb, mit dem Gütersloher Theater, das in der Umgegend gastierte. Die Künstler landeten nicht selten bei uns zu Haus - in der Einzimmerwohnung ! Daher schon früh meine Begeisterung für Kunstausübende.
Nach einiger Zeit wurde ein - gebrauchtes - Rundfunkgerät angeschafft und wir hörten den NWDR. Da eine Tante persönlich mit Franz Marszalek und seiner Frau bekannt war (Breslauer) wurde natürlich besonders häufig "Herr Sanders" oder auch die Unterhaltungsmusik mit ihm am Dirigentenpult gehört. Da ich mich damals noch mehr für Schlager interessierte, war ich erstaunt, als ich einige Namen von bekannten Schlagersängern dann auch bei Operettensendungen im Rundfunk hörte, wie z.B. Gitta Lind, Lonny Kellner, Gehard Wendland, Rudi Schurike, Maria Mucke u.a. - Dadurch animiert, hörte ich häufiger diese "gehobene" Unterhaltungsmusik und lernte dann auch die bekannten Klassik-Sänger dieser Zeit, wie Rothenberger, Anders, Schock, Rosel Schwaiger, U. Schirrmacher, R. Glawitsch, H.E. Groh u.v.a. kennen. Wenn ich dann Ankündigungen von Opernkonzerten im Rundfunk mit diesen Namen hörte, wurde ich neugierig. So kam dann auch die Freude an Opernmusik - natürlich erst einmal die deutsche Spieloper, dann Mozart, Puccini, Verdi usw.
Mein erster Opernbesuch fand im Gütersloher Theater (einem umgebauten Kino) mit einer Aufführung des Detmolder Landestheaters "Zar und Zimmermann" statt. Ich fand es großartig !
Bald wurde vom Jugendkulturring eine Abbonement am Bielefelder Stadttheater angeboten, mit Busfahrt, welches ich sofort begeistert aufnahm. Dort wurde ein gemischtes Programm mit Oper, Operette, Balett und Schauspiel geboten. Da es damals noch ein richtiges Ensemble gab, hatte man auch bald Favoriten unter den Sängern, auf die man sich besonders freute. Es wurden damals auch die großen Opern von Wagner und Strauss dort gespielt, die mir dann nach und nach immer besser gefielen.
Mit zunehmendem Alter - und besserem Verdienst - leistete ich mir dann auch schon Reisen in die umliegenden Großstädte des Ruhrgebiets, nach Köln und Düsseldorf oder Hannover. Später - als ich auch meine Frau mitnehmen konnte - wurde das auf Hamburg, Berlin, Paris, Verona, London, New York , Mailand usw. ausgeweitet.
In den frühen 80ern kam dann Salzburg und Bayreuth dazu und vor allen Dingen München. Dort sang eine Freundin im Ensemble, durch die wir viele Sänger, Orchestermusiker , Dirigenten und auch Mitarbeiter des Hauses kennenlernten, durch die war dann auch an Karten für Bayreuth kamen oder den verschiedenen Opernhäusern, an denen sie auch sangen, Besuche abstatteten.
Inzwischen hatte ich auch in verschiedenen Chören gesungen und durch die Frau des Chorleiters "meines" Stammchores , ein großer Oratorienchor, auch privaten Gesangsunterricht erhalten. Sie weckte meine Liebe zum Lied und zur Klaviermusik. Inzwischen hatten wir auch ein Abbonement für "Meisterkonzerte" in der Bielefelder Oetkerhalle, wodurch das Interesse und die Liebe zur Instrumentalmusik ebenfalls geweckt und gefördert wurde.
Die große Liebe ist aber nach wie vor die Vokalmusik, wobei der Schwerpunkt auf Klassik, Romantik und gemäßigter Moderne liegt.
Da ich für meinen Chor die Engagements der Gesangssolisten verantworte nehme ich regelmäßig an Wettbewerben teil (als Hörer !), gehe in die Abschlusskonzerte der Hochschulen und habe zu vielen Sängern mittlerweile jahrelange Kontakte.
Da meine Chorstimme (Tenor) immer gefragt ist, habe ich mit den verschiedensten Chören schon sehr schöne Chorreisen nach Italien, Frankreich, Polen und auch innerhalb Deutschlands unternommen und viele interessante , gleichgesinnte Menschen kennengelernt.
Durch all diese Erfahrungen erlaube ich mir dann auch meine Meinung hier im Forum zu äußern, obwohl ich weder ein Instrument spiele noch eine wirkliche Musiktheoretische Ausbildung habe. Ich hoffe aber, dass ich trotzdem die richtigen Worte finde und die anderen Teilnehmer hier nicht langweile !
In diesem Sinne -