Beiträge von martello

    Und wenn ich wieder mal (fast) der einzige bin, aber ich fand's insgesamt großartig.


    Natürlich ist diese Produktion nicht repertoiretauglich (das sollen Festspielproduktionen aber auch nicht unbedingt sein) - dafür passen Inszenierung, Besetzung und musikalische Gestaltung perfekt zusammen. Gerade die extremen Tempi verstärken den emotionalen Ausnahmezustand der Personen wunderbar.


    Röschmann hat mir im übrigen gut gefallen - eine "klassische" Contessa wie die Schwarzkopf oder die üblichen Strauss-Sängerinnen wäre an der Charakterisierung dieser Rolle völlig fehlbesetzt gewesen.


    Der Cherubim symbolisierte die Leidenschaften der Handelnden, agiert dabei trotz Unschuldsengerl-Optik mitunter geradezu sadistisch (Arie des Grafen im 3.Akt). Dann hält er gewissermaßen die Zeit an, etwa in der ungemein poetischen "Einrad"-Sequenz in der Gerichtsszene, wo alle Personen ja tatsächlich kurz nur für sich singen.
    Wunderbar auch das Finale, wo sich praktisch alle gewaltsam von diesem Quälgeist losreissen und in ihre konventionellen Beziehungsschemata zurückpressen - ein wirkliches "Unhappy End".


    Natürlich darf dabei jeder "Themenverfehlung" brüllen.
    Ich halte diese Inszenierung aber für problemlos mit dem Stück vereinbar (wie elegisch muss eine Contessa sein? wie mies oder sympatisch darf der Graf agieren? - wo steht das alles detailgetreu festgeschrieben). Guth bringt viel Ehe- und Beziehungsdrama des 20. Jhdts. ein - na und?
    Mit derselben Berechtigung wie jene, die Mozart vor solchen Inszenierungen in Schutz nehmen wollen, behaupte ich, diese hätte ihm besser gefallen, als die völlig biedere flache Komik, die seinen Werken jahrzehntelang inszenatorisch zu Teil wurde.



    Und weils mir grad einfällt:
    Die Staatsbürgerschaft der Netrebko als Reklamegag zu verunglimpfen (vor allem mit Schäfer als Gegenbeispiel) zeugt von unreflektierter Bösartigkeit gegen eine Person oder von gänzlicher Ahnungslosigkeit. Es ging ihr um einen EU-Pass, da sie als Russin fast überall umständliche Visa-Prozeduren zu durchlaufen hatte (ein Problem das sich für die deutsche Schäfer nie gestellt hat).
    Österreich hat zugegriffen, um sie sich an die Brust zu heften - na, wo soll da PR oder ein Problem sein?
    (und Künstler mit Staatsbürgerschaftswechsel oder Doppelstaatsbürgerschaft gab's und gibt's zu Hauf)

    Lieber Edwin,


    wenn Du "persönlich" die Stimme nicht magst, ist das für mich kein Problem - dann tu aber nicht so, als wäre hier eine fünftklassige Sängerin durch eine hinterhältige Marketingmaschine in den Opernbetrieb eingeschmuggelt worden. Es mag schon sein, dass es für viele Partien bessere (iS technisch sauberer) Sängerinnen gibt, schlecht ist sie deswegen ja nicht zwingend.


    Mir gefällt an der Stimme (ähnlich wie Austria) die Natürlichkeit und das Timbre - besonders aber in Kombination mit einer großen Bühnenpräsenz, der Bereitschaft, szenische Herausforderungen anzunehmen (Traviata) und einem zumindest ordentlichen schauspielerischen Talent (insbesondere mit entsprechenden Partnern). Eine große Tragödin wird sie vielleicht nie - aber das darf ja wohl auch sein.


    Was eventuelle Fehler in der Intonation oder in der Höhe betrifft:
    Da ist ja die Musikgeschichte reich genug an SängerInnen die technisch fast perfekt, aber unendlich fad und ausdruckslos waren oder - umgekehrt - Fehler geradezu zu Markenzeichen kultiviert haben.


    Nur eine Frage noch:
    Hast Du nicht genug Alternativen im Klassikbereich, um einer aktiven Auseinandersetzung mit diesem "Marketingprodukt" zu entgehen?
    (Du scheinst ja alles von ihr zu hören , um dann sagen zu können: "Ich hab's ja immer schion gesagt, wie schlecht sie ist!")

    Einer meiner absoluten Lieblingssänger!


    Eine wunderbare, wandlungsfähige Stimme kombiniert mit herausragender Bühnenpräsenz und großem schauspielerischen Talent.


    Für mich derzeit praktisch unschlagbar als Falstaff (ein Naturereignis), Jochanaan, Wotan und "die Bösewichte" im Hoffmann. Allein das zeigt seine unglaubliche künstlerische Spannbreite. Dazu kommen noch gute Leistungen bei Mozart (Figaro) und Rossini.


    Darüber hinaus ist Terfel auch ein sehr guter Liedsänger, sowohl auf Deutsch, noch mehr aber im englischen Repertoire (von Klavier- über Orchesterlieder bis zu Oratorien gibt's einiges zu entdecken).

    Die Thielemann-Aufnahme habe ich bisher noch nicht gehört, allerdings die zugrundeliegende Aufführung und einige Folgevorstellungen mit Frau Voigt live miterlebt.


    Da war sie sehr verständlich und hat mit einem sehr lyrischen Zugang zu dieser Rolle eine interessante Alternative zur Hochdramatik aufgezeigt.


    Zum Abnehmen:
    Grundsätzlich sollt's ja egal sein, aber SängerInnen mit zumindest normaler Statur sind einfach netter anzusehen (und szenisch glaubwürdiger) - ganz abgesehen davon, das frühere Gewicht der Voigt hochgradig gesundheitsschädlich war. In zwanzig Jahren wird sie dem Regisseur dankbar sein.

    Offenbar löst die Nennung des Namens "Netrebko" bei einigen Forianern geradezu pawlowsche Reflexe aus. Vielleicht sollten Liebestraum, Ewin u.a. einfach ein entsprechendes "ceterum censeo" fix an ihren Postings anbringen (evtl. mit Verweis; erspart das ständige Wiederholen von Bekanntem).


    Ich persönlich mag ihre Stimme (und - soweit beurteilbar - auch den Menschen; besser etwas oberflächlich als ein Psychowrack oder eine überkandidelte Diva) - wie übrigens auch Eleonore Bühning, die sich fachlich wohl mit Herrn Kesting messen kann (und sich vermutlich auch nicht der Gefahr aussetzt, mit den Augen zu hören).


    Das Konzert war so, wie diese Konzerte sein sollen - schwungvoll, eingängig und mit einer Besetzung, bei der Spaß am Auftritt und an der Zusammenarbeit persönliche Eitelkeiten weit verdrängt. Da darf auch mal outriert werden oder der Tenor zum Bariton mutieren (Perlenfischer-Duett).
    Wer hier heiligen Ernst oder das ultimative künstlerische Ereignis sucht, hat schlicht den Sinn solcher Veranstaltungen nicht kapiert.

    ... sind für mich die Grundvoraussetzungen.
    Es ist einfach toll, Neues zu entdecken. Motivation war für mich idR eine beteiligte Person (Interpret, Dirigent, Komponist) mit der ich bereits etwas verbinden konnte oder auch nur ein "ansprechender" Titel - zB "Lieder und Tänze des Todes" von Mussorgsky, "Das Buch mit sieben Siegeln" von Schmidt.


    Als Wiener habe ich hier natürlich den Vorteil, keine Anreisekosten zu Konzerten und zudem jede Menge günstige Stehplätze (früher auch Studentenkarten) bekommen zu können - und 2 - 6 € kann man relativ leicht riskieren.
    Bei Platten/CD's hängt viel davon ab, ob mir die Interpreten bereits (positiv) bekannt sind - bei Abverkäufen/Räumungsaktionen riskiere ich aber auch gerne Blindkäufe. In den seltensten Fällen hat mich dabei meine Intuiton so getäuscht, dass ich mich wirklich geärgert hätte.


    Vom Partiturenlesen würde ich musikpraktischen Laien eher abraten (und spätestens bei Xenakis ist es damit ohnehin vorbei). Besonders wichtig: an bestimmten Epochen konditionierte Hörgewohnheiten und Erwartungen unbedingt vergessen, wenn man neues probiert. Hilft insbesondere bei Alter Musik und Zeitgenossen.

    Die Harnoncourt/Bartoli - Aufnahme kann ich uneingeschränkt empfehlen.


    Eine unglaubliche Titelheldin in einem perfekt abgestimmten homogenen Ensemble - besser war nur das live-Erlebnis, wo man Cecilias Emotionsausbrüche auch noch optisch perfekt vermittelt bekam. Man musste fast befürchten, sie würde bei "Odio, furor, dispetto" das Notenpult durch den Saal werfen.


    P.S.: Jedenfalls live war auch der "Orlando Paladino" (frisch herausgebracht von Harnoncourt bei DHM - noch nicht gehört) ein tolles Erlebnis.

    Den Empfehlungen bezüglich Callas und Scotto kann ich mich anschließen - zumal beide Aufnahmen auch noch (sehr) günstig zu bekommen sind.


    Ergänzend möchte ich hier eine der jüngsten Einspielungen empfehlen:


    Pappano - Georghiu, Alagna, Raimondi (EMI)


    Großartige Interpreten und Darsteller, weshalb insbesondere auf grandiose filmische Umsetzung, also die gleichzeitig entstandene DVD, hingewiesen werden soll.

    So - Wien hat eine zweite Entführung.
    Nach einer primär humoristischen (wenngleich nie platten) Inszenierung an der Volksoper nun eine ziemlich radikale Ausdeutung durch Karin Beier am "Uraufführungsort" Burgtheater.


    Musikalisch ist das Ganze allerdings etwas durchwachsen geraten:
    Dirigent P. Jordan bevorzugt eher getragene Tempi und lässt es - für meinen Geschmack - ein wenig an Attacke fehlen. Unbestrittener Star ist Diana Damrau als Konstanze, stimmlich wie darstellerisch ausgezeichnet. Franz Hawlata bestätigt als Osmin seine Fähigkeiten als ausgezeichneter Sänger-Darsteller (beeindruckende Wortdeutlichkeit). Der Sänger des Belmonte (Name schon wieder vergessen) ist hingegen eher ein Ausfall. Undifferenziert mit unschönem Timbre.


    Bemerkenswert dafür Nikolaus Ofcarek als Bassa Selim. Ein lebendiger Mensch mit echten Gefühlen (die er nicht immer unter Kontrolle bringen kann) und damit verbunden Limits im finalen Verzeihen. Sein Abschied von Konstanze pendelt zwischen ohnmächtigem Verlangen und Abscheu/Enttäuschung über ihren "Verrat". Mir gefällt dieser menschelnde Bassa - der auch Erotik ausstrahlt und Konstanze damit ziemlich zusetzt (ihre Verweigerung wirkt extrem erzwungen) - besser als die oft üblichen rezitierenden Greise.


    Karin Beiers Inszenierung nimmt die "Türkei" so symbolistisch, wie bei Mozart intendiert - allerdings aus heutiger Sicht. Damit sind Anmwerkungen zum EU-Beitrittswunsch und der Situation der Frauen unumgänglich. Auch zeigen sich die "zivilisierten" Europäer zwischendurch als ziemlich präpotent und rassistisch. Insgesamt wird das Werk zu einer Oper über Frauen und Männer, in dem Belmonte, Pedrillo und Osmin jeweils für eine frauenfeindliche Facette "typisch" männlichen Verhaltens stehen und selbst Selim letztlich nicht fähig ist, sich davon völlig zu lösen.


    Insgesamt absolut sehenswert und - mit Einschränkungen - hörenswert.
    (und wer sich über die Inszenierung negativ erregt, hat ja die Volksoper)


    P.S.: Tamino-Forum - schneller als die Tagespresse

    "Messerscharf" ist beinahe euphemistisch - ich muss immer ein wenig an einen Kreissäge in einem Industriebetrieb denken.
    - Das soll aber hier gar nicht negativ sein, ich mag persönlich "Charakterstimmen" sehr gern. Im Übrigen finde ich, dass sie gerade in "dämonischen" Partien (Ortrud - zB die Bayreuther Live-Aufnahme unter Sawallisch, Klytämnestra) auch rein akkustisch wunderbar zur Geltung kommt.


    Auf der Bühne habe ich sie (aus Altersgründen) leider nie gesehen - allerdings gibt es eine Salome-Verfilmung (mit Stratas) in der sie die Herodias singt (eigentlich keift). Da stiehlt sie fast allen Beteiligten die Show.

    Grundsätzlich finde ich Abwechslung im Programm besser, vor allem, wenn es eine gemeinsame (thematische) Klammer gibt.


    Ungeschickt finde ich jedoch einen "Kraut und Rüben"-Mix. Beim angesprochenen Konzert passte Schirmer mit Mozart eigentlich nicht dazu (zwei Solisten sind ohnehin eher eigenartig) - offenbar wollte man unbedingt auch Mozart machen. Interessanter wäre zB das Klavierkonzert von Britten gewesen (haben Gergiev-Schirmer schon gemacht). Die Klammer "Jahresregenten" ist eher dürftig.


    Programme wie Harnoncourts Mozart-Trippel (Symphonien 39,40,41 an einem Abend) sollten prinzipiell besonderen Anlässen vorbehalten werden.


    Übrigens - wer Ordnung hält ist nur zu faul zum Suchen.

    Schlecht gespielt war es nicht - aber schlecht geplant.


    In diesem "Sandwich" hat gewissermaßen das Brot die Füllung an die Wand gespielt, denn der Shostakovitch (insb. das Violinkonzert mit einem sensationellen Vadim Repin) war wirklich großartig. Schade für Schirmer, aber da ist er unter die Räder gekommen.


    Jedenfalls gibt's am Sonntag die Matinee auf Ö1 - unbedingt anhören!
    (und wer zufällig in Wien ist - hingehen!)

    Eleonore Bühning (FAZ)


    ganz generell ziehe ich im Printbereich deutsche Medien (FAZ, SZ) den heimischen vor, weil dort einfach Platz genug gegeben wird, um substanziell auf die wichtigsten Beteiligten und (wenn gegeben) auch auf die Inszenierung einzugehen.


    Hanslick ist tatsächlich witzig zu lesen (vor allem, wenn ihm die Musikgeschichte regelmäßig einen Streich spielt und den "Mist" zum Meisterwerk erhebt)
    - tragisch nur, dass mitunter aktuelle Kritiker ähnlich verständnislos aber mit wesentlich schwächerer Polemik agieren.

    Eleonore Bühning (FAZ)


    ganz generell ziehe ich im Printbereich deutsche Medien (FAZ, SZ) den heimischen vor, weil dort einfach Platz genug gegeben wird, um substanziell auf die wichtigsten Beteiligten und (wenn gegeben) auch auf die Inszenierung einzugehen.


    Hanslick ist tatsächlich witzig zu lesen (vor allem, wenn ihm die Musikgeschichte regelmäßig einen Streich spielt und den "Mist" zum Meisterwerk erhebt)
    - tragisch nur, dass mitunter aktuelle Kritiker ähnlich verständnislos aber mit wesentlich schwächerer Polemik agieren.

    ...hab' ich leider wirklich nicht gewusst, dass der gute Simon sich in Bournemouth herumgetrieben hat, als ich in der Wiege lag.


    Abgesehen davon mag ich den "Wischmopp" sehr und halte ihn auch grundsätzlich für einen sehr guten Dirigenten (wie bei allen anderen nicht für alles und jedes) - sein "Pelleas" in Salzburg hat mir gut gefallen. Damit bin ich offenbar nur hier im Forum in der Minderheit, beim Publikum offenkundig nicht (ja,ja - wieder ein Beweis, dass es mit der Kultur den Bach runtergeht).


    Irgendwie vermute ich aber auch, dass Rattle hier ein Problem hat wie viele aktuelle SängerInnen - sie werden abgelehnt, weil sie als Persönlichkeiten in den heutigen Medienbetrieb passen und dessen Möglichkeiten nutzen.
    Zudem dürfte er jünger sein, als die meisten Forianer - auch das spielt möglicherweise mit (anerzogener Glaube an einen notwendigen Habitus in Ausübung einer bestimmten Funktion).

    Rattle in Bournemouth?! oder doch Bristol?


    Mazur? vielleicht: Kurd Mazur?


    zweiteres mag als Druckfehler durchgehen, ersteres nicht mehr (Bournemouth hat allerdings ein durchaus passables Orchester und einige bemerkenswerte Aufnahmen).


    Persönlich würde ich keinen wirklich bekannten Dirigenten für rundweg verzichtbar halten. Bei bestimmten Komponisten freilich schon (Muti und Mozart, dafür ist sein verdi aus den 70ern sensationell).


    Anderes Beispiel:
    Levine - ziemlich selten ein Ereignis, aber durchwegs solide und verlässlich. Auch solche Dirigenten sind wichtig.

    Für mich liegt ein wesentlicher Grund darin, dass auf Grund der Person Mahler einfach ein Zeitabstand notwendig wahr.
    Als Operndirektor hat er geradezu revolutionäre Reformen durchgesetzt, wurde darum in der Wiener Gesellschaft angefeindet. Dazu kommen Konflikte mit den Zensurbehörden (u.a. wegen "Salome") und den Philharmonikern (wegen seines Temperaments) - das ganze wurde dann noch der Zeit entsprechend antisemitisch gewürzt. Da nach 1945 in Österreich - gerade im Kunstbereich - kaum ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit vollzogen wurde, bedurfte es des Anstoßes von außen - im wesentlichen also Bernstein.


    Das wurde übrigens vor Jahren schon in einer Fernsehdokumentation vom Philharmoniker Peter Schmidl bestätigt, der erklärte, die (damals) alten Philharmoniker hätten Mahler als Komponisten vehement abgelehnt - und seine Generation hätte das einfach übernommen.


    Mahlers Musik ist von einer unglaublichen Leidenschaft gekennzeichnet, von einem geradezu paradoxen Zusammenspiel von Trauer (keine Symphonie ohne - verkappten - Trauermarsch) und Ekstase - insbesondere unter Bernstein. Mich haben dieser musikalische Reichtum und die teils aberwitzigen Instrumentierungsexzesse von Anfang an fasziniert - und offenbar sind seit geraumer Zeit die Zuhörer soweit vorurteilsfrei (oder haben diese auf andere Komponisten verschoben), dass sie diese Musik auch unbefangen aufnehmen können.

    Für mich eine sensationell gelungen Aufnahme:


    2002 Colin Davis: Petra Lang, Michelle deYoung, Ben Heppner (LSO 0010)


    - Teil des zweiten Berlioz-Zyklus von Davis im Eigenverlag des LSO, daher zu einem bemerkenswert günstigen Preis.

    ... damit tut man weder den "Vorlagen" noch den aktuellen SängerInnen und schon gar nicht Hörer-Neueinsteigern etwas Gutes - man könnte sonst glauben es laufen nur noch unvollkommene Kopien einer großen Vergangenheit herum.


    Außerdem wünsche ich keiner Sängerin, eine "neue Callas" zu sein, wenn dies die gleiche devastierte Psyche mitbedingt.


    Frau Voigt ist eine (sehr) gute Interpretin für Wagner und Strauss - das sollte eigentlich ausreichen. Wenn unbedingt Vergleiche gewünscht werden, erinnert mich ihre Stimmstilistik aber eher an Margaret Price als an Birgit Nilsson.

    Was bitte ist ein "kompletter Tenor"?


    Das müsste wohl einer sein, der genreübergreifend alle Tenorpartien zumindest tadellos singen kann - und das halte ich für ausgeschlossen. Vielleicht kommt Domingo diesem Begriff noch am nächsten, der zumindest seine Rollen weitgehend nach den stimmlichen Möglichkeiten ausgesucht hat (und aussucht), wobei viele mit der Zeit einfach gestrichen wurden.


    Viele großartige Tenöre hatten nur eine Handvoll Partien - was aber über die Qualität des Sängers nichts aussagt. Florez gehört für mich eher in diese Kategorie und sollte versuchen so lange wie möglich in seinem aktuellen Genre zu bleiben; da ist er fast konkurrenzlos.


    Leider glauben viele Intendanten/Manager/Hörer (und leider auch Sänger) man müsse aus einem großartigen Belcantisten einen mittelmäßigen Dramatiker machen, weil das die "ruhmreicheren" Partien sind.

    Neben den bereits genannten Bartoli, Genaux und Quasthoff fallen mir noch ein:


    Die Countertenöre Andreas Scholl und David Daniels,


    der Tenor Ian Bostridge


    sowie Jessye Norman und Agnes Baltsa


    nicht mehr wirklich aktiv aber eine der unverwechselbarsten Stimmen der jüngsten Vergangenheit: Mara Zampieri (was den "Genuss" betrifft, bin ich mir hier allerdings nicht ganz sicher).

    Grundsätzlich finde ich es positiv, wenn sich KünstlerInnen nicht auf ein Genre oder eine eng begrenzte musikhistorische Epoche beschränken.


    Auch wenn manches nicht optimal verläuft (Waltraud Meier ist als Liedsängerin sicher Geschmackssache) profitiert in fast allen Fällen das Stammfach von den Ausflügen - einfach, weil die Differenzierungsfähigkeit erhöht wird.


    Beim Wiener Parsifal standen neben Quasthoff ja auch noch der (primär) Lied- und Oratoriensänger Robert Holl und - für die Kundry extrem zartstimmig - Angela Denoke auf der Bühne. Durchaus sinnvoll, hier im Orchester nicht (nur) auf Klangwucht zu setzen - und übrigens bestens zur Inszenierung passend.


    Ärgerlich ist dann allerdings, wenn ein großartiger Sänger wie Robert Holl dafür kritisiert wird, dass er (rollenadäquat!) kultiviert und extrem wortdeutlich singt. Aber solange Zuseher "wissen", dass "ein Wagner-Bass ganz anders klingt"...


    Ich habe allerdings das Gefühl, diese extreme Differenzierung gibt es ohnehin nur im deutschen Sprachraum, während zB in England (Langridge, Keenlyside, Janet Baker) jeder imer schon sang, was ihn interessierte. Und die jüngere Garde (Terfel, Bostridge, Maltman) bringt tatsächlich Spitzenleistungen ungeachtet musikalischer Epochen oder Kategorien - vielleicht sollten wir unser striktes Schubladisieren etwas lockerer angehen.

    Ich persönlich mag derartige Musikfilme generell.


    Etwas befremdlich erscheint mir allerdings, dass hier den Filmemachern Sachen unterstellt werden, die diese gar nicht beabsichtigt haben.


    So ist "Amadeus" die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Peter Shaffer, das - wie der Film - niemals den Anspruch einer authentischen Biographie erhoben hat. Hauptmotiv ist der Konflikt zwischen einem harten Arbeiter und einem Genie in der gleichen Profession - die Personenwahl erfolgte aus Gründen der Popularität der Musik und weil Mozart-Salieri als plakatives Antipodenpärchen gewissermaßen kunstgeschichtlichen Kultstatus hatten.


    Die großartigen Filme "Farinelli" und "Die siebente Saite" sind eigentlich kunst- bzw. musikphilosophische Essays, zur besseren Veranschaulichung aufgehängt an Lebensstationen von Künstlern.
    Gelegentlich schadet es nicht, wenn sich auch Musikfreaks genau auf Sprechtexte eines films konzentrieren - dann klären sich viele Missverständnisse von selbst.

    Zumindest beim "Figaro" kann von Frauenfeindlichkeit keine Rede sein. Auch wenn das Libretto gegenüber der Vorlage drastisch entschärft wurde, wird doch deutlich gegen mehrere Konventionen verstoßen.


    So ist Susanna die mit einigem Abstand cleverste Person der Oper - eine wohl völlig unzeitgemäße Rolle (eigentlich eine emanzipierte Frau der Gegenwart) für damalige Opern. Zudem reißt sie die Gräfin aus dem Selbstmitleid, worauf diese sich ihrer Vergangenheit (Rosina!) erinnert und ihren Gatten öffentlich richtig ausrutschen lässt. Das Verzeihen am Ende ist eigentlich der Gipfel der Revanche. Das Gärtnerstöchterlein kassiert den flatterhaften Pagen bevor der wirklich kapiert wie ihm geschieht und Marzellina knallt ein - (deshalb?) leider oft gestrichenes - geradezu feministisches Pamphlet auf die Opernbühne; wohl zur Sicherheit wurde dieser Text einer Schreckschraube und nicht Susanna oder der Gräfin zugewiesen.


    Die Männer kommen da deutlich schlechter weg. Selbst der eigentlich gewitzte Figaro erweist sich im entscheidenden Moment als selbstmitleidiger, eifersüchtiger Pfau. Der Rest der Männerwelt ist triebgesteuert oder intrigant.


    Meiner Ansicht nach resultiert der (Irr)Glaube an die Frauenfeindlichkeit Mozarts aus einer ahistorischen Wortbeurteilung und aus der Aufführungspraxis. Je mehr ich diese Opern in musikalischen Zuckerguss und szenischen Puderperücken-Kitsch hülle, nehme ich den Rollen Charakter und Schärfe. Damit rücken zwangsläufig Frauen in die Kategorie "lieblich, harmlos, mädchenhaft".


    Fazit: Die Beurteilung von Frauenrollen korrespondiert mit der szenischen Ausgestaltung der Männerrollen. Wenn Figaro zum dominierenden Helden gemacht wird, bleibt für Susanna als aktive und intelligente Frau kaum Platz.
    (Beispiel aus einer anderen Oper: Nur wenn man Daland in Wagners "Holländer" als gierigen Kaufmann zeigt, bekommt man wirklich mit, dass er seine Tochter glatt verhöckert und später anpreist wie ein Pferd - ja , das mag damals normal gewesen sein, frauenfeindlich ist es aber trotzdem).

    Wie erwartet tolle Leistungen in Wozzeck und Salome!


    Sein Herodes ist pänomenal - was hier an Ausdruck in den Text gelegt wird; ein Charakterportrait der Extraklasse. Auch darstellerisch eine beeindruckende Leistung (trotz der elenden Nicht-Inszenierung an der Staatsoper), erinnert Schmidt doch in Diktion und Gestus auffallend an Peter Ustinovs Nero ("Quo vadis").

    Ich halte die Varese-Box für absolut empfehlenswert. Ein Komponist den zu entdecken (oder zumindest zu probieren) sich wirklich lohnt. Es gibt - hoffentlich noch - auch eine ausgezeichnete Aufnahme der großen Orchesterwerke mit dem Chicago Symphonie Orchestra unter Boulez (Sonderlob im Ürigen für das Jackson-Pollock-Coverbild; es passt wunderbar zur Musik und ist ein optisches Gustostück).


    Nicholas Maws "Sophie" an der Volksoper habe ich ebenfalls gesehen. Sehr gut besetzte Hauptrollen; eine stimmige Musik (vielleicht ein etwas geschwätziges Libretto), die insbesondere in den Rückblenden und den Zwischenspielen sehr eindringlich wird. Vom Klangbild her völlig unproblematisch (zumindest für HörerInnen, die mit Berg oder Britten keine Schwierigkeiten haben).
    Insgesamt eine gelungene, solide Arbeit, die das Thema musikalisch adäquat und ohne übertriebenes Pathos behandelt - sehens- und hörenswert (wenn's denn mal wiederkommt).

    Wunderbar, ich oute mich auch gleich als Cecilia-süchtig!


    Mal abgesehen von den stimmlichen Fähigkeiten ist die Emotion und Begeisterung die sie ausstrahlt einfach sensationell. Ich empfehle deshalb die DVD (auch die CD) ihres "Vivaldi" Programmes mit Il Giardino Armonico - Leidenschaft pur.


    Übrigens:
    Am 15.12. live im Wiener Musikvereinssaal mit dem neuen Programm - Vorverkauf hat gestern begonnen.

    Als Herodes habe ich ihn vor nicht allzu langer Zeit in einer Fernsehübertragung (Dresden?) gesehen - und fand ihn ausgezeichnet. Live kenne ich ihn als Tambourmajor im "Wozzeck" letztes Jahr an der Staatsoper (und jetzt wieder) - da war er phantastisch.


    In Wagner-Partien habe ich ihn nie gehört, will dazu also nichts sagen. Aber in den oben genannten Rollen finde ich an ihm nichts auszusetzen .

    Dieser Empfehlung möchte ich mich gerne anschließen - eine wirklich ausgezeichnete Aufnahme (und zur Abwechslung auch vollwertiges "Füllmaterial").


    Die spektakulärsten Shakespeare-Umsetzungen verdanken wir zweifellos Giuseppe Verdi, allen voran der "Otello". Nicht zu vergessen natürlich "Macbeth" und der - so im Drama nicht existierende - "Falstaff".


    Am "werknächsten" - im Sinne der geringsten textlichen Eingriffe - ist aber wohl Brittens "Midsummernights Dream", wobei der Text von Britten und Pears zwar auf Librettoformat gestutzt, aber kaum verändert wurde (insbesondere sprachlich also "echter Shakespeare" ist).
    Erhältlich ist dieses tatsächlich zauberhafte Werk in Brittens eigener Aufnahme mit Alfred Deller als Oberon (Decca) sowie unter Richard Hickox (Virgin) mit dem wunderbaren James Bowman (den ich in dieser Rolle dem doch schon in die Jahre gekommenen Deller vorziehe). Dazu zumindes eine DVD (aus Glyndebourne).
    Möglicherweise gibt es bald auch Robert Carsens Inszenierung aus Barcellona (unlängst auf arte und mit David Daniels) auf DVD; leider gestrichen ist derzeit die Einspielung von Colin Davies (Philips).


    Ebenfalls gestrichen ist - Schande über die DG!! :angry: - eine der jüngsten Shakespeare-Bearbeitungen:
    Aribert Reimanns "Lear" - für und mit Dietrich Fischer-Dieskau
    (wenn der schon ein rundes Geburtstagsjubiläum hat, könnte man ruhig dieses Werk wieder in Erinnerung rufen - so viele Sachen wurden nun auch wieder nicht deklariert für ihn geschrieben)

    Die Kombination Komponist-Dirigent-Interpret (wobei ein "halt auch machen" zu wenig ist) kommt ja relativ selten vor.


    Wie bereits angesprochen geradezu prototypisch (weil auch zeitgleich) bei Leonard Bernstein und selbstverständlich Benjamin Britten (mag den niemand, weil er bisher nicht erwähnt wurde?); aktuell würden mir Previn (seine Oper "A Streetcar named Desire" nach T. Williams ist sicher nicht klanglich revolutionär, aber eine ausgezeichnete Umsetzung der Vorlage und schlichtweg schön anzuhören) und mit Einschränkungen Maazel und Lukas Foss einfallen.


    Häufiger gibt es Komponisten, die gleichzeitig gute bis hervorragende Dirigenten sind, etwa Boulez oder auch Esa-Pekka Salonen, der hier bislang nicht erwähnt wurde. Hans Zender würde auch passen, wenngleich mit beschränkterem Repertoire.


    Bei der Kombination Dirigent/Solist will ich mich auf jene beschränken, die beides auf hohem Niveau und getrennt voneinander machen:
    Barenboim, Ashkenazy, Christophe Rousset, Rostropowitsch.
    Solisten, die nur "vom Instrument aus" dirigieren (Buchbinder, Mutter), da habe ich so meine Zweifel was die tatsächliche Leistung "vom Pult" betrifft. Zudem neigen diese Künstler oft dazu, dass Orchester vom Dialogpartner zum Begleiter zu degradieren.


    Künstlern auf dem Niveau der oben genannten, dürfen und sollen beides gleichzeitig machen - ich finde das wunderbar (so wie letzen Sommer in Wien: Boulez dirigiert Mahler - Barenboim dirigiert Boulez - Boulez dirigiert Schönberg mit Barenboim als Solist; und das innerhalb von rund einer Woche).
    Mit Künstlern die einen eindeutigen Schwerpunkt haben, aber auch zeigen wollen, dass sie anderes auch können, habe ich solange kein Problem, als sie Repertoire wählen, das sie nicht restlos überfordert.