Und wenn ich wieder mal (fast) der einzige bin, aber ich fand's insgesamt großartig.
Natürlich ist diese Produktion nicht repertoiretauglich (das sollen Festspielproduktionen aber auch nicht unbedingt sein) - dafür passen Inszenierung, Besetzung und musikalische Gestaltung perfekt zusammen. Gerade die extremen Tempi verstärken den emotionalen Ausnahmezustand der Personen wunderbar.
Röschmann hat mir im übrigen gut gefallen - eine "klassische" Contessa wie die Schwarzkopf oder die üblichen Strauss-Sängerinnen wäre an der Charakterisierung dieser Rolle völlig fehlbesetzt gewesen.
Der Cherubim symbolisierte die Leidenschaften der Handelnden, agiert dabei trotz Unschuldsengerl-Optik mitunter geradezu sadistisch (Arie des Grafen im 3.Akt). Dann hält er gewissermaßen die Zeit an, etwa in der ungemein poetischen "Einrad"-Sequenz in der Gerichtsszene, wo alle Personen ja tatsächlich kurz nur für sich singen.
Wunderbar auch das Finale, wo sich praktisch alle gewaltsam von diesem Quälgeist losreissen und in ihre konventionellen Beziehungsschemata zurückpressen - ein wirkliches "Unhappy End".
Natürlich darf dabei jeder "Themenverfehlung" brüllen.
Ich halte diese Inszenierung aber für problemlos mit dem Stück vereinbar (wie elegisch muss eine Contessa sein? wie mies oder sympatisch darf der Graf agieren? - wo steht das alles detailgetreu festgeschrieben). Guth bringt viel Ehe- und Beziehungsdrama des 20. Jhdts. ein - na und?
Mit derselben Berechtigung wie jene, die Mozart vor solchen Inszenierungen in Schutz nehmen wollen, behaupte ich, diese hätte ihm besser gefallen, als die völlig biedere flache Komik, die seinen Werken jahrzehntelang inszenatorisch zu Teil wurde.
Und weils mir grad einfällt:
Die Staatsbürgerschaft der Netrebko als Reklamegag zu verunglimpfen (vor allem mit Schäfer als Gegenbeispiel) zeugt von unreflektierter Bösartigkeit gegen eine Person oder von gänzlicher Ahnungslosigkeit. Es ging ihr um einen EU-Pass, da sie als Russin fast überall umständliche Visa-Prozeduren zu durchlaufen hatte (ein Problem das sich für die deutsche Schäfer nie gestellt hat).
Österreich hat zugegriffen, um sie sich an die Brust zu heften - na, wo soll da PR oder ein Problem sein?
(und Künstler mit Staatsbürgerschaftswechsel oder Doppelstaatsbürgerschaft gab's und gibt's zu Hauf)
