Beiträge von tukan

    Ach, das freut mich aber, dass der gute alte Freytag auf solches Interesse stößt. Ich bin durch ein Geschenk daran gekommen, vor ca. zehn Jahren hat mir ein Freund eine antiquarische Ausgabe der Werke Freytags geschenkt. Bei mir muss alles erstmal gut abhängen, aber ifür dieses Jahr habe ich mir die ersten beiden Bände vorgenommen. "Soll und Haben" interessiert mich auch sehr. Ich finde es, wie du @Rheingold, unschön, Klassiker überhaupt zu kürzen und erst recht problematisch unter der Vorgabe, heute politisch nicht Korrektes herauszukürzen. "Soll und Haben" hat Passagen, die als antisemitisch zu verstehen und sicherlich auch sind, im Rahmen der Vorurteile, die auch im 19.Jahrhundert leider - wie in den Jahrhunderten zuvor - gegenüber den Juden geherrscht haben. Das finden wir aber in vielen Romanen dieser Zeit, z.B. auch bei dem Mundartschriftsteller Fritz Reuter. Dennoch sind gerade Freytag und Reuter des aggressiven Antisemitismus unverdächtig, da sie sich in ihrem Leben vor allem für freiheitliche Ziele eingesetzt haben. Man sollte also solche Werke mit historischem Verständnis lesen und auch auf die Nuancen achten, dann sieht man, dass keineswegs alle Vertreter des Judentums über einen Kamm geschoren werden.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn es hier zu einem Austausch über "Die Ahnen" und in einem anderen Thread vielleicht über "Soll und Haben" kommen würde, Garaguly, Bertarido und @Rheingold.

    Danke, @Rheingold. Der Roman steht auf meiner Vorhabenliste, zehn klassische historische Romane dieses Jahr zu lesen. Allerdings kann ich den Freytag wegen seiner manchmal doch arg zopfigen Sprache nicht am Stück lesen. Aber die Einzelromane bringen ein unter anderem hohes Anregungspotential, sich mal mehr mit der dargestellten Epoche zu beschäftigen.



    Der Romanzyklus "Die Ahnen" von Gustav Freytag gehört zu den sogenannten Professorenromanen der Mitte des 19. Jahrhunderts wie zum Beispiel auch "Ein Kampf um Rom" von Felix Dahn. Hier will Freytag am Beispiel einer thüringischen Familie 1500 Jahre deutsche Geschichte vermitteln, und zwar nicht aus der Sicht auf die Reichen und Mächtigen, sondern indem er die Geschicke von Einzelmenschen darstellt, die wichtige historische Bruchstellen durchleben und sich darin orientieren müssen.




    Die ersten beiden Bände beschäftigen sich mit dem Geschick einer thüringischen Adelsfamilie durch die Jahrhunderte.

    Im ersten Band "Ingo" geht es um einen vandalischen Königssohn, den es nach Kämpfen mit anderen Germanenstämmen gegen die Römer ins Thüringische verschlägt, wo er sich ein neues kleines Königtum gründen kann. Das Ganze spielt, kurz bevor die sogenannten Völkerwanderung Ende des vierten Jahrhunderts beginnt, der Hunneneinfall steht noch bevor. Aber die Bedingungen, unter denen die Germanen in dieser Zeit lebten, erfasst Freytag den historischen Quellen folgend recht genau und beschreibt am Beispiel Ingos die Unbehaustheit jener Zeit und das Streben danach, sich irgendwo neu zu verankern.


    Der zweite Band "Ingraban" spielt im 8. Jahrhundert. Ingraban, ein Nachfahre Ingos, ist ein schlachtenerprobter Krieger, der im Thüringischen den Rabenhof besitzt und dort Kriegsrosse züchtet, wenn er nicht auf Heerfahrt ist. Er, der treu dem alten Glauben der Germanen anhängt, wird als Begleiter für den angelsächsischen Winfried angeworben, als Bischof Bonifatius genannt, eine historische Person, die später heiliggesprochen wurde und viel für die Verbreitung des Christentums unter den germanischen Stämmen geleistet hat. Obwohl er dessen Glauben ablehnt und ihn sogar als Feind empfindet, befreit Ingraban in seinem Auftrag später verschleppte Frauen und Kinder aus sorbischer Gefangenschaft, unter denen sich auch seine heimliche Liebe Walburg befindet. Später bekehrt er sich auch zum Christentum und findet zusammen mit Bonifatius bei einer Bekehrungsfahrt zu den heidnischen Friesen den Märtyrertod. Hier steht der Umbruch vom Heiden- zum Christentum im Mittelpunkt und wird in den inneren Konflikten Ingrabans lebendig.


    Freytags Deutsch in diesen beiden Bänden ist sehr altertümelnd und zeitgebunden äußerst patriarchalisch orientiert: Die Menschen leben auf einer "Männererde" und Frauen haben eine deutlich untergeordnete Stellung, welches Letztere ja nun aber leider auch so war und wahrscheinlich realistischer ist als die ganzen unwahrscheinlich emanzipierten Frauen in den historischen Romanen aus unserer Zeit. Dennoch nervt der Ton manchmal, wenn von den Männern stets als Helden gesprochen wird und die Kinder der Germanen stets blondgelockt daherkommen. Aber Freytag war ein Liberaler, der am Vormärz und der Revolution von 1848 viel Anteil nahm. Ich fühlte mich gut unterhalten und habe einiges über die dargestellten Epochen dazu gelernt, weil mich solche Lektüren auch immer zu weiteren Recherchen anhalten.


    Heutige historische Romane der Massenware sind deutlich schwächer.


    Die Handlung von "Ingo" lag zwei Opern zugrunde:

    - einer "großen Oper in vier Akten" (op. 35) von Philipp Bartholomé Rüfer, als Klavierauszug von Max Reger veröffentlicht 1895
    - einer "Oper in zwei Teilen - vier Aufzügen" von Bernhard Scholz, Libretto veröffentlicht im Selbstverlag 1898


    Ob diese Werke jemals aufgeführt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.


    Ich werde in loser Folge hier die weiteren Bände des Romanzyklus vorstellen.

    Es ist schon neunzehn Jahre her, dass ich diesen Roman las. Schön, @Rheingold, dass du mir die wunderbaren Landschaftsbeschreibungen ins Gedächtnis gerufen hast. Neben der intensiven und bedrückenden Geschichte sind mir diese besonders im Gedächtnis geblieben.

    Ich möchte aber auch für den Roman "Transit" von der gleichen Autorin eine Lanze brechen, der neben Lion Feuchtwangers "Exil" mit am besten und intensivsten die Umstände der Exilsuchenden im Zweiten Weltkrieg in Frankreich und darüber hinaus beleuchtet. Das ist auch heute noch ein aktuelles Thema, was wir uns angesichts heutiger Entwicklungen häufiger wieder in Erinnerung rufen sollten, ebenso wie die Unmenschlichkeit der Nazi-Schergen.

    Euripides, der jüngste unter den drei großen Tragödiendichtern der Antike hat dieses Drama, dessen Handlung zeitlich nach derjenigen von "Iphigenie in Aulis" liegt, ca. fünf bis sechs Jahre vor dem letzteren geschrieben und aufführen lassen. Datei:Feuerbach_Iphigenie1.jpg

    Iphigenie wurde, anstatt geopfert zu werden, im letzten Moment von der Göttin Artemis ins "Barbaren"land zu den Taurern (Skythen) in der Nähe der Halbinsel Krim am Nordrand des Schwarzen Meeres entrückt. Dort dient sie in einem Artemis-Tempel als Hohepriesterin und hat die grausame Aufgabe, alle Griechen, die das Land betreten, zu töten und der Göttin zum Opfer zu bringen.
    Eines Tages nun werden Orestes, ihr jüngerer Bruder, und sein treuer Freund Pylades an der taurischen Küste von Hirten aufgegriffen und zum Tempel geführt. Die beiden sind mit dem Schiff hierher gekommen, um das Artemis-Bild des Tempels zu stehlen und nach Attika zu bringen. Dieses hat der Gott Apollo Orest aufgetragen, damit er endlich von den Erynnien erlöst wird, die ihn seit dem Mord an seiner Mutter Klytaimnestra verfolgen.
    Iphigenie, die sich zuvor vor dem Chor der griechischen Jungfrauen, die hier auch gegen ihren Willen zum Tempeldienst festgehalten werden, sehr unglücklich über ihr Schicksal als menschenopfernde Priesterin geäußert hatte, träumte in der Nacht zuvor davon, ihr Bruder Orest sei gestorben und sie habe ihn dem Tod geweiht.
    Nun werden die beiden jungen Männer von den Häschern vor sie geführt und es kommt zu einem lebhaften, bald schon komödiantischen Dialog, da Iphigenie sich bei den Landsleuten nach ihrer Familie erkundigt, ohne allerdings ihren Bezug dazu zu verraten und Orest grimmig die Nennung seines Namens ablehnt. Iphigenie will einen der beiden in ihre Heimat mit einem Brief an ihre Familie zurückschicken und nur den anderen opfern. Edelmütig verzichtet Orest zugunsten seines Freundes Pylades. Dieser bringt nun durch einen Trick die Wahrheit ans Licht. Indem er Iphigenie davon überzeugt, ihm nicht nur den Brief, sondern auch dessen Inhalt anzuvertrauen, falls der Brief wegkäme, erkennen sich die beiden Geschwister und die Freude ist groß.kauffmann_iphigenie.jpg

    Mit einem listenreichen Täuschungsmanöver gelingt den dreien samt dem Götterbildnis die Flucht, doch dann scheint das Meer das Schiff wieder an die Küste zurückwerfen zu wollen und der ob der Täuschung erzürnte Landesherr Thoas befiehlt, die drei wieder aufzugreifen. Doch dann erscheint Athene als dea ex machina auf dem Dach des Tempels und befiehlt dem Landesherrn, die drei entweichen zu lassen und sich mit der Situation abzufinden.

    Auch hier, trotz der starken Einbindung der Götter in die Geschichte, geht es nicht eigentlich um den Konflikt göttliche Forderung - menschliches Schicksal, sondern die Protagonisten setzen sich mit den ihn gegebenen Schicksalsparametern eher vernunftbetont auseinander und schauen, wie sie aus ihrer Lage entkommen. Von der Handlung her ist dieses Drama kurzweiliger und temporeicher als die aulische Iphigenie, wenn es auch weniger einheitlich einen Konflikt von mehreren Seiten beleuchtet wie dort. Das jüngere Drama erscheint mir tiefer, aber die taurische Iphigenie ist sicherlich die bühnenwirksamere.


    Deshalb ist dieser Dramenstoff auch viel häufiger später wieder aufgenommen worden. Literarisch am bedeutsamsten ist sicherlich Goethes "Iphigenie auf Tauris".


    Auch aus der Musikgeschichte ist der Stoff nicht wegzudenken: Neben Glucks bekannter "Iphigénie en Tauride", die 1779 in Paris uraufgeführt wurde, hatte Tommaso Traetta 1763 bereits eine Oper gleichen Themas veröffentlicht, die recht populär wurde und auch Händels "Oreste" von 1734 nimmt Motive der Geschichte um die taurische Iphigenie auf.

    Quellen: Wikipedia, Nachwort von Hans Strohm zur Reclam-Ausgabe des Dramentextes von 1999



    Ich habe auch in diesem Jahr die Sinfonien von Krommer - in den schönen cpo-Einspielungen entdeckt, mit großer Hörfreude. Durchaus den Wiener Klassikern an die Seite -vielleicht in die zweite Reihe - zu stellen. Und Beethoven hat ja Krommer auch ernsthaft als Konkurrenten empfunden.
    Vorher kannte ich nur die kammermusikalischen Bläserkomposititionen und war im Vergleich zu ihrer Anzahl und relativen Bekanntheit erstaunt, dass Krommer von der Ausbildung her Geiger war. Ich finde, man merkt auch den Sinfonien zum Teil an, dass er die Bläser sehr schätzt: Ich weiß jetzt nicht in welchen, aber es gibt einige sehr schöne Melodien für die Oboe, was ihn auch ein bisschen zu Beethoven stellt, der diesem Instrument ja auch sehr geneigt war.

    Auch ich fand den Film recht gelungen. Von Deutschen produzierte Biopics historischer Persönlichkeiten und Künstler wirken ja des öfteren recht hölzern oder künstlich. Aber diese Verfilmung wirkte glaubhaft, es wurde auch nicht um des Effektes willen übertrieben. Schön fand ich die Szene mit den Kammermusikern, die eines von Beethovens späten Streichquartetten (? ich hab es nicht erkannt, weil ich mich mit Beethovens Kammermusik überhaupt nicht beschäftigt habe) mit den zahlreichen Dissonanzen spielen sollten. Die Kommentare passten sehr schön zu denen heutiger Konzertbesucher bei Aufführung von Werken der Moderne oder gar Zwölftonmusik. Da ich bei Bonn aufgewachsen und dort zur Schule gegangen bin und studiert habe, fand ich den Dialekt jetzt nicht so ganz getroffen, er wirkte aber auch nicht slapstickhaft.

    Auch die Einflüsse revolutionärer Gedanken auf Beethoven durch diesen Schauspieler war gut dargestellt, ist das in seiner Biografie verankert?

    800px-Euripides_Pio-Clementino_Inv302.jpgEuripides lebte von ca. 480 bis 406 v.u.Z. und ist neben Aischylos und Sophokles einer der drei großen Tragödiendichter der griechischen Klassik.

    Im Verhältnis zu den beiden anderen spielt beim jüngeren Euripides nicht mehr so sehr die Auseinandersetzung des Menschen mit den göttlichen Forderungen die Hauptrolle, sondern er verlegt die tragischen Entscheidungen eher in die Psychologie seiner Protagonisten, die daher nahezu „moderne“ Gewissensentscheidungen je nach den äußerlichen und ethischen Anforderungen fällen.


    „Iphigenie in Aulis“ wurde posthum auf Veranlassung seines Sohnes gleichen Namens bei den Dionysien des Jahres 405 aufgeführt. Überliefert ist der größte Teil der Tragödie, nur im Prolog scheinen kleine Teile zu fehlen, und der Botenbericht am Ende ist eine Zugabe späterer Zeit, die aber wohl die grundsätzlichen Ideen des Euripides widerspiegelt.


    Diese „Iphigenie“ ist eines der besten Beispiele für die Motivierung der Helden bei Euripides, wie oben angedeutet.

    Die Handlung greift ein Element der Artriden-Sage und des trojanischen Krieges auf.

    Paris, der trojanische Königssohn, hat Helena, die Ehefrau des Menelaos, der wiederum Bruder des mykenischen Herrschers Agamemnon ist, nach Troja entführt. Unter Agamemnons Führung will nun von Aulis ein gesamthellenisches Heer aufbrechen, um Helena zurückzuholen und Troja zu bestrafen. Aber Windstille verhindert seit Wochen den Aufbruch. Die Göttin Artemis verlangt durch den Priester Kalchas, dass Agamemnons älteste Tochter Iphigenie ihr geopfert werden müsse, damit die Hellenen Fahrtwind erhalten und den Krieg gegen Troja gewinnen.

    Durch eine List lockt Agamemnon seine Tochter und unbeabsichtigt auch deren Mutter Klytaimnestra ins Heerlager. Er behauptet nämlich, sie mit dem berühmten Helden Achill vermählen zu wollen, der allerdings davon gar nichts ahnt.

    Doch gleich nachdem er die Botschaft abgeschickt hat, überfällt ihn sein schlechtes Gewissen und er sendet seinen alten Diener mit der Absage des Plans hinterher. Dieser wird aber von seinem Bruder Menelaos abgefangen, und nun beginnen die Dialoge und Monologe, innerhalb derer sich das dramatische Geschehen entfaltet. Agamemnon, Menelaos und Iphigenie ändern jeweils in ihren Dialogen, motiviert durch äußere Geschehnisse, aber auch politische und ethische Zwänge ihre Meinungen. Zusätlich treibt Achill, der von der Verschwörung erfährt und sich auf die Seite der Frauen stellt, den Konflikt an. Wie es nun für Iphigenie endet, sollte man sich selbst erlesen.

    Die nächste Dramenvorstellung wird zeigen, dass das Ende eine ganz überraschende Wendung bringt.


    Euripides' aulische Iphigenie hat über den Umweg der Adaption durch Racine Christoph Willibald Gluck zu seiner ersten Pariser Oper „Iphigénie en Aulide“ inspiriert, die 1774 in der Pariser Oper uraufgeführt wurde. Sie wurde ein großer Erfolg, von dem Marie Antoinette begeistert berichtete.


    Hier kann man eine Aufführung von 1992 mit Peter Schreier in der Hauptrolle hören.


    Quellen: Wikipedia, Kindlers Literatur Lexikon, Albin Lesky: Die griechische Tragödie

    Ich finde es auch schade, dass so ein schönes Projekt dadurch in Frage gestellt wird. In Literaturforen, wo ich oft unterwegs bin, gibt es auch Threads zu klassischer Musik und bildender Kunst. Hier im Forum existieren auch verschiedene solcher Themen. Wir müssen das Ganze ja nicht so hoch hängen, aber warum soll man nicht ein klassisches Werk, das vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten ist, hier kurz vorstellen? Daraus soll ja kein wissenschaftliches Lexikon entstehen. Über Suchmaschinen geraten vielleicht auch Forumsfremde auf diese Seiten, die sich im Anschluss daran vielleicht hier auch bei den Musikthemen umschauen, und das ist doch auch eines der Ziele dieses Forums, dass es Interesse wecken soll.
    Außerdem gibt es viele Synergien zwischen den Künsten, d.h. sie inspirieren sich untereinander. Wenn ich solche Musik-Rezeptionen bei einem von mir gelesenen Werk aufspüre, würde ich das bei der Vorstellung selbstverständlich einfließen lassen.

    @Alfred, vielen Dank für das Erstellen des Schauspiel-Threads. Ich werde gerne morgen dafür eine Vorstellung schreiben, sofern sich hier die Diskussionen nicht verhärten.

    Ich denke ja nicht, dass so viele Klassiker vergessen sind. Es gibt immer Personen, die gerne und viel Klassiker lesen, und durch die Foren hat man seit ca. 20 Jahren auch die Chance, sich mit anderen darüber auszutauschen, was vor Ort, selbst in der Großstadt, schon schwierig ist. Nicht-virtuelle Lesezirkel beschäftigen sich nach meiner Erfahrung eher mit anspruchsvollerer Belletristik, die neu erschienen ist, als mit den Klassikern. Ansonsten müsste man schon an die Uni, um Gleichgesinnte zu treffen und Austausch zu pflegen.

    Ich fände es aber schön, wenn wir hier auch literarische Klassiker vorstellen würden, mit der Möglichkeit eines Austausches. Da dies mehr in meine Kompetenz fällt als die klassische Musik, die ich nur als Laie genieße, kann ich hier auch mehr beitragen.

    Dieser Faden wird ja aktuell nicht bespielt. Aber gerade habe ich in einem ganz anderen Zusammenhang etwas gelesen, das die Meinung vieler von euch bestimmt stützt. Es geht um die Aufführung antiker Dramen zu ihrer Entstehungszeit und heute:

    "Wichtiger noch ist die Erkenntnis, dass der szenische Effekt immer dem Ganzen des Stückes dient. Inszenierung als Selbstzweck stand dieser Zeit noch fern. Sie ist allemal ein untrügliches Kennzeichen für den Bankerott des Eigentlichen im Leben der Kunst."


    Albin Lesky: Die griechische Tragödie, 1938 zuerst erschienen

    Dennoch bin ich von einer Sache völlig überzeugt: Kultur - und damit Literatur - ist nicht zuletzt hinter- und untergründig einflussreich auf unser aller Leben. Literatur kann kollektive Wahrnehmung, Perspektivität und dadurch auch gesellschaftliche Diskurse verändern, ohne dass dies im Einzelnen immer nachzuverfolgen wäre und dies auf ihre Leser beschränkt bliebe. Was wiederum heißt: Du kannst "Das Schloss" und "Der kleine Prinz" niemals mehr ganz aus der Welt schaffen. Stattdessen bildet sich von ihnen ausgehend ein immer komplexeres Labyrinth lebendiger Spuren. Das ist für meine Begriffe schon mal nicht wenig.

    Das hast du sehr schön ausgedrückt. Ich gehöre zwar zu denjenigen, die nicht müde werden, auch entlegene Klassiker hervorzukramen und zu lesen, aber da ist man Teil einer sehr kleinen Gemeinde. Dennoch gibt es viele Kulturschaffende, denen es immer wieder gelingt, totgesagte Klassiker wiederzuerwecken und zu aktualisieren. Um zur Musik zurückzukommen, die Alfred im Eröffnungsthread eingebunden wissen wollte, haben wir hier in Dortmund zum Beispiel einen berühmten chinesischen Choreografen, der immer wieder bild- und tanzgewaltig Klassiker in Szene setzt, von dem großen chinesischen Roman "Der Traum der roten Kammer" über Schnitzler-Dramen, Thomas Manns "Zauberberg" und Goethes "Faust" bis hin zur Dantes "Göttlicher Komödie": Wenn auch die Interpretation natürlich sehr subjektiv ist, entstehen eindrucksvolle Rückbezüge auf archetypische Situationen, die in den zugrundegelegten Werken zeitlos dargestellt wurden und die dadurch Menschen wieder anregen, zu diesen Büchern zu greifen. Dazu werden Musikstücke ganz unterschiedlicher Provenienz gestellt, die aber ungemeine Wechselwirkungen erzielen, z.B. Dantes Inferno zu industrieller Musik.

    Und so kommen durch Film, Musik, Fernsehen usw. immer wieder die Klassiker durch die Hintertür herein und ziehen weiter auch durch triviale Erzeugnisse ihre Spuren.

    Momentan beschäftige ich mich ein wenig mit der Französischen Revolution und lese begleitend zu Sachbüchern und -magazinen Hilary Mantels frühen historischen Roman "Brüder" - eine Art parallele Romanbiografie über Danton, Desmoulins und Robespierre. Ein sehr intelligent geschriebenes Buch, das nichts mit der Dutzendware historischer Romane zu tun hat, mit denen die Buchhandlungen zugekleistert werden.



    Man muss sich allerdings Zeit nehmen, der Roman ist 1100 Seiten dick. Ich habe inzwischen 200 Seiten gelesen und bin am 14. Juli 1788, also genau ein Jahr vor dem Sturm auf die Bastille.

    hasiewicz schrieb:

    Zitat

    Ich möchte vielleicht ergänzen, dass ich John Jarndyce für eine der liebenswürdigsten aller Romangestalten halte. Seine Güte und Mitmenschlichkeit sind wirklich beispielhaft, und sein schließlicher Verzicht ist anrührend.

    Das sehe ich ähnlich. Gerade durch die Möglichkeit der Ehe mit Esther und seinen schließlichen Verzicht wirkt er auch nicht so abgehoben: Er ist zwar eine Lichtgestalt, aber eine geerdete, die einen wieder mehr an die Menschheit denken lässt. An "Bleak House" finde ich aber auch die Darstellung dieser geradezu absurden juristischen Welt grandios.
    Ich habe einmal gelesen, dass einige Dickens sogar mit Kafka vergleichen: Im Allgemeinen sehr weit hergeholt, aber dieser Roman und "Der Prozess" haben schon einiges gemeinsam.

    euer beider Beiträge habe ich interessiert gelesen und möchte mich an dieser Stelle auch als glühender Bewunderer von Charles Dickens "outen". Was und wie er es verstand, mit Buchstaben und Worten Figuren Leben einzuhauchen, sucht seinesgleichen und macht in Kombination mit seinem Humor eine einzigartige Mischung aus. "Bleakhouse" gehört auch zu meinen Favoriten, auf Augenhöhe mit "Nicholas Nickleby" (eines der wenigen Bücher, bei dem mir die Augen feucht wurden) und dicht gefolgt von den "Pickwickiern". Merkwürdigerweise sind es die bekannten Stücke "Oliver Twist" und "Die Weihnachtsgeschichte" (großartig: die Version der Muppets mit Michal Caine als Scrooge), die mich nicht vollends überzeugen konnten. Ob es an der Länge bzw. ihrer Kürze liegt? Für eine baldige Lektüre bereitgelegt habe ich "Harte Zeiten", mal sehen, ob es noch in diesem Jahr klappt.

    Da möchte ich mich Rheingold, hasiewicz und Lynkeus doch gleich anschließen. Auch ich mag Dickens sehr, und ähnlich wie dir, Lynkeus, gefallen mir nur die "Weihnachtsgeschichten" nicht und Passagen aus "Oliver Twist": Allerdings liegt das nicht an der Textlänge, sondern an der zu dick aufgetragenen Sentimentalität. Als letztes las ich auch "Harte Zeiten", das sich mit keinerlei Sentimentalität abgibt, sondern knallhart die - manchen Auswüchsen der Industriellen Revolution zugrundeliegende - egoistische Version des Utilitarismus geißelt. Dickens ist hier zwar in einigem schwächer als in vielen anderen Romanen, was die Charakterzeichnung und den Humor angeht, aber dafür sehr scharf und poinitert. Lohnt sich schon!
    Mein Lieblings-Dickens ist aber eindeutig "Bleak House"! Daneben mag ich auch die "Pickwickier" sehr gern: Das ist der humorvolle Dickens im Schongang, der dann in "Bleak House" die Zügel fahren lässt.

    Gerade höre ich Spohrs zwölftes Violinkonzert.



    Ich stimme dem zu, was WolfgangZ weiter oben zu den Klarinettenkonzerten schreibt: elegante Virtuosität und Melancholie, die hört man auch bei den Violinkonzerten heraus. Aber manchmal wird mir Spohrs Stil zu opernhaft-kitschig, gerade wie in diesem 12. Konzert, 3. Satz.

    Zitat

    Bei der Werbung für Zigaretten dürfte es doch wohl (wie bei den meisten Produkten) nicht in erster Linie darum gehen, jemand überhaupt zum Rauchen (Autofahren, Schokolade essen usw.) zu bringen, sondern darum, genau diese Marke zu kaufen.
    Da Nikotin ein Suchtmittel ist und Menschen schon Jahrhunderte geraucht haben, bevor es überhaupt Werbung gegeben hat, ist das ein ganz schlechtes Beispiel für gelungenes Marketing. Wenn man einmal süchtig ist, ist das ein echtes Bedürfnis, kein künstlich erzeugtes. Vielleicht gibt es ja inzwischen Daten, wie viel weniger Leute rauchen, seit die Werbung verboten ist. Wenn es die Werbung machen würde, dürfte es kaum noch Raucher geben... Es ist also Unsinn zu behaupten, es sei ein Marketingerfolg, dass Menschen rauchen, weil das so sinnlos wäre und sie nur der Werbung wegen rauchen würden. Marketing ist vielleicht dafür verantwortlich dass mehr Marlboro als Gauloises rauchen (oder umgekehrt).

    Das trifft wohl nur zum Teil zu. Du hast sicher Recht: Wenn jemand erstmal an der Droge hängt, braucht man keine Werbung mehr, um ihn an der Ware an sich zu halten
    Allerdings ist es in Bezug auf Jugendliche wohl wirklich so, dass das Verschwinden von Nikotinwerbung aus großen Teilen der öffentlichen Wahrnehmung und auch die Antiwerbung auf den Packungen sowie der Preis zu einer signifikanten Abnahme der jugendlichen Raucher geführt hat. Das kann ich jeden Tag an meinem Arbeitsort feststellen. Und da ich das sonstige Konsumverhalten unseres Nachwuchses auch recht gut kenne, bin ich sicher, dass Geld nur eine mindere Bedeutung hat.

    Witzig, gerade als ich den Thread-Titel las, dachte ich automatisch an das "Poème de l'extase". Ich hörte es das erste Mal als Jugendliche in der Bonner Beethovenhalle und habe es nie vergessen, aber leider den Titel doch. Bei meinen ausufernden Kenntnissen des Französischen hatte ich es als "Irgendwas mit pomme", also Apfel, abgespeichert und Skrjabin ganz vergessen. Also hatte ich den Traum von diesem Stück jahrzehntelang, bis es letztes Jahr in Dortmund zur Aufführung kam und ich es sofort wiedererkannte. Es ist wirklich ein Stück, bei dem es einem heiß und kalt über den Rücken läuft, am genialsten natürlich live!



    tukan

    In Dortmund ist er in der kommenden Spielzeit "Künstler in residence" - unter dem dämlichen Titel "The Yannick-Experience"- und wird vor allem viele Romantiker; Mendelssohn, Schumann und Bruckner spielen.
    Zuletzt hörte ich ihn Mitte April im Konzerthaus mit einer grandiosen Aufführung der 5. von Shostakovitch,http://www.konzerthaus-dortmun…b7c58b5cf5b96fe579e1be31b.


    Er wirkt auf mich sehr temperamentvoll, aber auch einfühlsam. Mit dem Orchester (London Phiharmonic) harmonierte er sichtlich gut.


    tukan


    tukan

    heute vor 130 Jahren wurde er geboren:


    Jaroslav Hašek (* 30. April 1883 in Prag; † 3. Januar 1923 in Lipnice nad Sázavou), tschechischer Schriftsteller, der vor allem durch seine literarische Figur des „braven Soldaten Schwejk“ berühmt wurde.

    Wobei die Lektüre des Roman eben wegen dieses Schweyks auch heute noch lohnt. Er verkörpert weiterhin aufs Schönste den passiven Widerstand des kleinen Mannes gegen die menschenverachtenden Entscheidungen der Machthaber.



    tukan

    Mir geht es so mit Beethovens Kammermusik. Obwoh ich alles andere von Beethoven liebe und oft höre, kann ich mir seine Kammermusik nicht erschließen. Ich hoffe aber, dass es nicht daran liegt, dass der Funke nicht überspringt, sondern dass ich - trotz fortgeschrittenen Alters - noch immer nicht die nötige Reife dafür habe - und sicherlich auch nicht genug musikalisches Wissen. Mein Vater kam erst mit über siebzig zu Beethovens Kammermusik und übrigens auch zu Reger, der mich auch noch nicht anspricht, da habe ich noch ein wenig Zeit!

    Mal wieder einen Ausflug in die deutsche Klassik der literarischen Art:



    Eine Art Schilda oder Lalenburg der Antike: Hier wird den Zeitgenossen Wielands und auch uns der Spiegel vorgehalten!


    Den liebenswürdigen Wieland mit seiner toleranten und humorvollen Art, die menschlichen Schwächen zu nehmen, ohne sie zu übersehen, lese ich immer wieder mal gerne.
    Hier zusätzlich eine schöne Beigabe: Man begegnet einigen Persönlichkeiten der Antike und hat Spaß, sich (wieder mal) über deren Denken und Wirken zu informieren.


    tukan