Beiträge von tukan

    Nun habe ich den Zyklus abgeschlossen.

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    Die Ahnen 6 – Aus einer kleinen Stadt / Schluss der Ahnen

    Der letzte Band der „Ahnen“ von Gustav Freytag erschien 1880, spielt in einer kleinen fiktiven Stadt in Schlesien und umfasst die Zeit der Eroberungskriege Napoleons bis nach der Völkerschlacht bei Leipzig, 1805 bis nach 1813.

    Ernst König, der Enkel von Friedrich König aus dem zweiten Teil der „Geschwister“, kommt als junger Arzt in die Stadt, um dort eine Praxis zu eröffnen. Mit dem Zolleinnehmer, einem unangepassten liberalen Geist und großem Jean Paul-Verehrer, erlebt er die Zeit der Besatzung durch napoleonische Truppen und den murrenden Gehorsam der Bevölkerung angesichts von Ausbeutung und Truppenwillkür.

    In einem Pfarrdorf der Umgebung, dem gleichen wie dem von Judith aus dem ersten Teil der „Geschwister“, verliebt er sich in die Tochter eines Landgeistlichen, Henriette. Diese wird fast ein Opfer von bayerischen Besatzungstruppen im Gefolge Napoleons und nur durch das Eingreifen eines französischen Offiziers, Dessalle, vor einer Vergewaltigung gerettet. Dieser jedoch benennt sie gegenüber den Bayern als seine Verlobte und tauscht mit ihr gegen ihren Willen Ringe. Henriette fühlt sich dadurch an ihren Retter gekettet, obwohl sie den Arzt liebt. Der enttäuschte und patriotische Ernst schließt sich dem unbenannten Grafen (Friedrich Wilhelm von Götzen), dem Anführer noch unbesetzter Gebiete mit drei Festungen um die Stadt Glatz an und betreut die widerständigen Truppen ärztlich. Dem Grafen gelingt es, das Gebiet für Preußen zu halten.

    Der von vielen als schmählich empfundene Friedensschluss Frankreichs mit Preußen, der Frieden von Tilsit (1807), und das darauf folgende Bündnis gegen Russland prägen die nächste Zeit und führen dazu, dass Ernst König schließlich, nach dem misslungenen Russlandfeldzug Napoleons, als Aktiver an der Völkerschlacht bei Leipzig teilnimmt. Dort trifft er auch auf Dessalle und in der Folge löst dieser die Verlobung mit Henriette auf. Die beiden Liebende heiraten und nehmen nun wieder das ruhige, wenn auch an anstrengende Leben in einem Arzthaushalt auf.

    In dem Appendix „Schluss der Ahnen“ erleben wir aus der Sicht des Sohnes Viktor die Studentenzeit im Berlin der 1830er Jahre und das anschließende Aufblühen des Widerstands gegen Zensur und Unterdrückung bis zur Märzrevolution 1848. Die Familie König reist mit Schwiegersohn Henner von Ingersleben, dessen Abstammung wohl auf den thüringischen Teil der Saga anspielt, zur Festung Coburg, im ersten Band noch ohne Festung der Ort von Ingos Burg und Tod aus dem ersten Band. Ein in der Festung vom Schwiegersohn aus dem Nachlass einer Tante übergebenes Buch weist auch auf die Zeit der Begegnung von Markus König aus dem vierten Band mit Martin Luther zurück.

    Mit einer pathetischen und idealistischen Beschwörung der Kraft des Volkes endet der Romanzyklus.


    Mit „Aus einer kleinen Stadt“ kommt Freytag seiner Lebensgeschichte sehr nahe, denn auch er engagierte sich um 1848 als Journalist politisch gegen Repressalien z.B. gegen die schlesischen Weber und musste daher politische Verfolgung hinnehmen.


    Auf uns Heutige wirkt die Anrufung der deutschen Widerstandskraft und der Kraft des Volkes befremdlich und sogar gefährlich, ist aber wohl den Zeitumständen des Vielvölkerstaates aus der Lebenswirklichkeit des jungen und mittelalten Freytags zu schulden.

    Insgesamt fand ich diesem Band zwar wieder von der Schilderung der historischen Umstände her sehr interessant, aber doch auch recht zopfig und an manchen Stellen sehr an den „Gartenlauben“-Ton erinnernd.

    Momentan gibt es hier in Dortmund auch eine moderne Adaption der Bakchen von Euripides. Was man dazu liest und hört, wirkt aber ziemlich grauslich. Ich gehe eh nicht gerne ins Theater außer zum Ballett.

    Die Vielfalt der Vertonungen, die du, Orfeo, oben aufzählst, zeigt auf jeden Fall, wie wichtig vielen gerade im 20. Jahrhundert dieses sehr archaisch wirkende Drama war. Könnte bei den frühen Adaptionen auch mit Nietzsches "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" zu tun haben, der sich wohl ausdrücklich auch auf diese Tragödie bezieht.

    „Die Bakchen“ sind die letzte, mehr oder weniger vollständige überlieferte Tragödie des Euripides (485/480 bis 406 v.u.Z.). Sie wurden neben der „Iphigenie in Aulis“ als dritter Teil einer Tetralogie 405 posthum von seinem Sohn oder Neffen gleichen Namens in Athen uraufgeführt und gewannen den ersten Preis.

    Pentheus, König von Theben, geht gegen den neuen Dionysos-Kult in seinem Land vor, dessen von ihm als ausufernd angesehene Bacchanalien nach seiner Meinung gegen die Sittlichkeit verstoßen. Der Gott, dessen Mutter Semele zur Königsfamilie von Theben gehörte und ihn seinem Vater Zeus gebar, ist sowieso schon gegen Theben aufgebracht, weil die Königsfamilie seine Göttlichkeit verleugnet und unterstellt, Semele habe ihn als Bastard geboren.

    Er bringt daher Pentheus‘ Mutter Agaue mit ihren zwei Schwestern durch seinen göttlichen Einfluss dazu, eine Schar thebanischer Bacchantinnen auf den Berg Kithairos, südlich von Theben, zu führen und dort seinem Dienst zu leben. Mit einer anderen Schar von Bacchantinnen kommt er getarnt als deren Anführer nach Theben, um den Dienst an seiner Göttlichkeit von den Thebanern und Pentheus einzufordern. Dieser aber lässt ihn verhaften und einige Frauen seines Gefolges einsperren. Gleichzeitig rüstet sich der König zu einem Zug auf den Kithairos, um die Frauen notfalls mit Gewalt zurück in die Stadt und ihren gewohnten Beschäftigungen zurückzuführen.

    Dionysos, der sich aus seiner Haft befreit hat, legt zur Strafe mit Gewitter und Feuer den Königspalast in Trümmern und erscheint dann dem König, immer noch als Mensch getarnt. Trotz seiner Warnung hält Pentheus daran fest, den Dionysos-Kult zu beenden. Der Gott stürzt ihn in Wahn, kleidet ihn als Bacchantin und begleitet ihn auf den Berg. Dort lässt er den größenwahnsinnig gewordenen König auf der Spitze einer Fichte sitzen, wo ihn die Bacchantinnen erblicken. Sie werden von dem Gott verblendet und aufgehetzt, den König zu töten. Seine Mutter Agaue an der Spitze ihrer Schwestern und der anderen Bacchantinnen schütteln Pentheus von der Fichte und zerreißen seinen Körper. Die Mutter spießt den Kopf ihres Sohnes im Wahn, einen jungen Berglöwen getötet zu haben, auf ihren kultischen Stab und zieht damit an der Spitze der Bacchantinnen zum Königspalast, um ihn triumphierend ihrem Vater Kadmos und Sohn Pentheus zu zeigen. In Rede und Gegenrede befreien der Chor und ihr Vater sie von ihrem Wahn. Zutiefst erschüttert vernehmen die Königsfamilie und die Thebaner die Strafe des sich nun offenbarenden Dyonisos: Das Volk wird in die Sklaverei verkauft, die drei Schwestern verbannt und Kadmos muss den Rest seines Lebens auf Kriegszügen durchs Land ziehen.

    „Die Bakchen“ verwirrten schon immer die Literatur- und Theaterwissenschaftler, denn Euripides ist von dem großen klassischen Dreigestirn - Aischylos, Sophokles und eben ihm - am meisten dafür bekannt, die Existenz der Götter eher anzuzweifeln und die Autonomie der Menschen gegenüber den Göttern zumindest in ihren Reflexionen zu stärken.

    Hier aber waltet ein Gott in großer Grausamkeit und bestraft sogar die, die ihm dienen. Es gibt außer bei Pentheus bei keiner anderen Person irgendein Zeichen des Aufbäumens gegen das göttliche Handeln. Gleichzeitig ist dieses Drama die formal einheitlichste und klassistische aller auf uns überkommenen griechischen Tragödien.

    Auch mir bleibt sie, wie wohl vielen Menschen der heutigen Zeit, trotz ihrer formalen Schönheit inhaltlich doch sehr fremd und die extreme Grausamkeit der Handlung trägt auch nicht gerade zu einem großen Lesegenuss bei.



    Unter anderem Hans–Werner Henze hat die Tragödie unter dem Titel „Die Bassariden“ 1964/65 als Oper vertont. Dabei hat er aber wohl den Stoff gegen den Strich gebürstet und die Aussage ziemlich verändert.

    Dr. Pingel,wenn du des Englischen gut mächtig bist, wie ich dem von dir angeführten englischen Titel des ersten Barchester-Romans entnehme, ist das natürlich gut möglich: Auf Deutsch sind leider nur der erste, zweite und vierte Band und noch eine alte Übersetzung des vorletzten vielleicht antiquarisch erhältlich. Da ich zu faul bin, um auf Englisch zu lesen, hoffe ich sehr, dass Manesse seine nun auch schon vor längerer Zeit begonnenen Neuübersetzungen von Trollope fortsetzt.

    Anthony Trollope: Die Türme von Barchester („Barchester Towers“ 1857)


    Dieser in der Manesse-Ausgabe über 850 Seiten starke Roman ist der zweite in der Romanreihe der „Barchester Chronicles“ und knüpft inhaltlich an das Geschehen im ersten „Septimus Harding, Spitalvorsteher“ („The Warden“ 1855) an.

    Nach dem Tod des Bischofs von Barchester, dem Vater von Septimus Hardings älterem Schwiegersohn, Erzdiakon Grantly, wird das Amt nicht an diesen, einen Vertreter der traditionellen Hochkirche vergeben, sondern, weil gerade ein Regierungswechsel zu den Liberalen stattgefunden hat, an Dr. Proudie, Vertreter einer reformerischen Richtung, die Elemente der Low Church und strengere Regeln, so z.B. Sonntagsschulen für die jungen Menschen, einführen will. Dr. Proudie hat allerdings selbst kaum etwas zu sagen, sondern wird geführt einerseits durch seine willensstarke Frau, die auch in allen bischöflichen Fragen ungefragt mitbestimmt, sowie durch seinen Bischofskaplan Slope, einen kleinbürgerlichen Karrieristen, der unter dem Deckmantel reformerischer Absichten vor allem sein eigenes Vorankommen sichern will.


    Dieser letztere ist der natürliche Feind des Erzdiakons, weiß aber viele Damen der Bischofsstadt durch einschmeichelndes Benehmen und scheinbar sinnvolle Forderungen auf seine Seite zu ziehen. So geht es auch Eleanor Bold, der jüngeren Tochter Hardings, die sich im letzten Band mit dem aufstrebenden Journalisten und Aktivisten Bold verheiratet hatte, der jedoch sehr früh verstarb, so dass er sie als vermögende Witwe mit kleinem Sohn zurücklassen musste. Eleanor gibt aber Slope nur eine Chance als Reformer, ohne ihn ansonsten, der auch abstoßend genug von Trollope geschildert wird, attraktiv zu finden. Dies aber ahnt ihre Familie nicht, die nun fest annimmt, dass sie Slope heiraten werde, der ihr Avancen macht, die sie nicht erkennt.


    Grantly sucht Hilfe gegen die reformerischen Ansätze in Barchester in seiner geistigen Heimat Oxford, das wohl zu jener Zeit ein Gral der Hochkirche war. Er installiert seinen Freund im Geiste, Mr. Arabin, einen 40jährigen Geistlichen und guten Redner, auf einer freigewordenen Pfarrstelle des Bistums.

    Gewürzt wird diese Ausgangslage durch die zugezogene Familie des Domherrn Stanhope und seiner Familie, die für viele Jahre in Italien gewohnt hatten und deren Mitglieder ausgesprochene Egoisten in verschiedenen Seinsvarianten darstellen. Wichtig für die Romangeschichte ist insbesondere Madeline Neroni, die zweite Tochter, mit einem Wüstling verehelicht und anscheinend im Rahmen einer ehelichen Züchtigung so schwer verletzt, dass sie nicht mehr gehen kann. Von ihrem Mann getrennt und von außerordentlicher Schönheit und großer erotischer Anziehungskraft gelingt es ihr, die Männer von Barchester um sich zu scharen und an sich zu fesseln.


    Nach der Aufstellung der gegnerischen Linien gipfelt der Roman in zwei gesellschaftlichen Ereignissen, in denen die verschiedenen sozialen und geistigen Elemente aufeinanderprallen.


    Zunächst zeigt auf einem Empfang Mrs. Proudies anlässlich der Installation ihres Ehemanns als Bischof Madeline ihre Macht, indem sie ihre Verehrer um ihr Sofa schart, damit Mrs. Proudie gesellschaftlich ins Abseits drängt und diese dann auch noch lächerlich macht, indem ihr Bruder Bertie durch das Verschieben des Sofas, auf dem Madeline reizvoll arrangiert Hof hält, die Spitzen der Tournüre vn Mrs. Proudies Galarobe abreißt. Mrs. Proudie kann danach nur noch in ohnmächtigem Zorn beobachten, wie ihr Günstling Slope der Macht ihrer Rivalin anheimfällt, was sich später als sein Todesstoß erweist.


    Der zweite Höhepunkt ist das über mehrere Kapitel ausgedehnte Landfest der Thornes auf Ullathorne, eines äußerst konservativen adeligen Geschwisterpaares, das noch an die angelsächsischen Traditionen der vornormannischen Zeit anknüpft. Hier gibt es köstliche Szenen mit als original sächsisch empfundenen Ritterbräuchen, die Miss Thorne unter der adeligen und der Stadtjugend wieder modern machen will, womit sie natürlich scheitert.

    Hier wird Eleanor nun gleich von zwei Freiern bedrängt, Mr. Slope bestraft sie mit einer Ohrfeige für seinen Antrag und Bertie Stanhope, der ihr freimütig erzählt, dass er ihr Geld braucht und sie ihn lieber nicht erhören solle, öffnet ihr die Augen dafür, dass die Freundschaft, die sie von seiten der Stanhopes genoss, nur ein Mittel zum Zweck war.


    Am Ende bekommt Mr. Arabin die offene Dekanatsstelle, auf die sich Slope Hoffnungen gemacht hatte, heiratet Eleanor Bold und alles scheint wieder in den traditionell festgelegten und beruhigenden Schienen zu verlaufen.


    Der Roman ist stark satirisch angelegt mit ausgedehnten Erzählerkommentaren, die den Leser immer wieder davon abhalten, sich allzu sehr mit den Figuren zu identifizieren. Dabei geht Trollope mit den meisten Figuren eher sanft ins Gericht, nur Slope und Mrs. Proudie werden durchgängig unsympathisch dargestellt, wenn er auch ihren Handlungsgründen Raum gibt. Allerdings darf man von diesem Roman keinerlei emanzipatorischen Einsatz für die Frauen erwarten, hier argumentiert Trollope streng chauvinistisch, so dass das vielleicht schon wieder ungewollt satirisch ist. Eleanor Bold kann froh sein, dass sie nun nach ihrer zweijährigen Witwenzeit sich wieder wie Efeu um einen stabilen Kirchturm winden kann. Vorher wird ihre übertriebene Verhätschelung ihres kleinen Sohnes immer wieder satirisch beleuchtet. Mrs. Proudie ist ein böses Mannweib, die ihrem Mann jede Freiheit raubt, und Madeline wird als leicht teuflische Verführerin dargestellt, die wie die Schwarze Witwe in ihrem Spinnennetz sitzt und den Männern auflauert.


    Aber abgesehen von diesem viktorianischen Frauenbild der Mitte des vorletzten Jahrhunderts kann man sich an wunderbarer Gesellschaftssatire delektieren und findet in den kirchlichen Intrigen den Abklatsch auch mancher heutiger Auseinanandersetzungen unter Honoratioren jeglicher Art. Trollope geht es dabei wohl weniger um tiefgreifende gesellschaftliche Reformen, sondern darum, dass allen Lesern klar ist, wie wenig Entscheidungen von Moral und wie sehr von Egoismen und der Sicherung von Privilegien bestimmt sind.


    Eine lohnende Lektüre für alle, die an Gesellschaftsromanen ihren Spaß haben, welche mit satirischem Finger deutlich auf verzerrte gesellschaftliche Strukturen und die wahren Hintergründe hinter vorgeschobenem moralischem Denken zeigen.

    Und wieder hat es einige Zeit gedauert:


    „Die Ahnen“, Band 5 „Die Geschwister“ von Gustav Freytag ist der vorletzte Band des Romanzyklus und wie der erste Band ein Doppelroman, dessen beide Handlungen ca. 70 bis 100 Jahre auseinanderliegen.


    In der ersten Hälfte geht es um den „Rittmeister von Altrosen“ Bernhard König, der in den letzten Jahren des Dreißigjährigen Krieges als Offizier eines Regimentes dient, das, nachdem sein Feldherr, der Herzog von Weimar verstorben ist, den Franzosen zugeschlagen wurde. Damit unzufrieden setzt das Regiment seine bisherigen adeligen Offiziere ab, wählt seine eigenen, wie eben jenen Bernhard König, und sucht sich selbstständig einen neuen Feldherren, zunächst den Bruder des Verstorbenen, der aber ablehnt, dann den deutschen General in schwedischen Diensten, Königsmarck. Bernhard hat eine Schwester, die er im Tross mit sich führt und die aus der Vergangenheit für ihre scheinbar prophetischen Gesichte bekannt ist, die sie im Schlaf hat. Aufgrund dessen kommt sie bei dem Herzog von Sachsen-Gotha unter, wenn dieser auch das Kommando über das Regiment seines verstorbenen Bruders ablehnt. Auf dem Weg zu diesem Herzog treffen die beiden Geschwister auf vor marodierenden Soldaten und Kriegsplünderern geflüchtete Bewohner eines thüringischen Dorfes. Eine der Bewohnerinnen, die mit den Geschwistern in ihr Dorf zurückkehrt, ist Judith, selbst mit ihrem Vater aus dem Erzgebirge vertrieben. Zwischen der heil- und kräuterkundigen Judith und Bernhard entspinnt sich eine Liebesbeziehung, weshalb ein abgewiesener Verehrer Judith der Hexerei beschuldigt. Sie kann in letzter Sekunde durch Bernhard gerettet werden, doch nachdem sie geheiratet und einen Sohn bekommen haben, werden sie durch die Kugeln eines militärischen Konkurrenten Bernhards beide zu den letzten Opfern des Dreißigjährigen Krieges. Das Kind kommt zu der Schwester, die inzwischen einen Pastor im Herrschaftsgebiet von Sachsen-Gotha geheiratet hat.


    Der Enkel dieses Kindes wiederum hat zwei Söhne, die sich mit den harten Sitten und Ungerechtigkeiten des Militärs unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm von Preußen und dem Sachsen- und Polenkönig August dem Starken herumschlagen müssen. Der jüngere Sohn August wird aus erzieherischen Gründen vom Vater zum preußischen Militär geschickt, wo er charakterlich geformt werden soll. Allerdings kann der rasch zum „Freikorporal bei Markgraf Albrecht“ Aufgestiegene sich nicht wieder vom preußischen Militär lösen, als sein Vater stirbt und die Mutter ihn zur Verwaltung ihres Gutes braucht, weil der preußische König ihm den Abschied verweigert. Nachdem alle Fürsprachen nichts nützen, versucht es sein groß gewachsener älterer Bruder Friedrich, der die geistliche Laufbahn eingeschlagen hat, der aber bei dem König Begehrlichkeiten für die Verwendung bei seinen langen Kerls weckt. Nur im Tausch ist dieser bereit, August ziehen zu lassen. So kommt es dann auch, aber Friedrich schafft es durch seinen Mut und seine Standhaftigkeit gegenüber dem König, dass er nicht in den aktiven Dienst kommt, sondern zunächst wie sein Vater zum Feldprediger wird und später eine märkische Pfarre bekommt. Natürlich gibt es auch wieder zwei Liebesgeschichten mit reizenden Jungfrauen für die beiden Geschwister, aber sie spielen für das Fortlaufen der Handlung eine untergeordnete Rolle. August schließlich fällt in sächsischen Diensten im Konflikt zwischen Kursachsen-Österreich auf der einen und Preußen auf der anderen Seite 1745 in der Schlacht bei Kesselsdorf. Auch hier nimmt wieder das Geschwister, nämlich der ältere Bruder, Witwe und Kinder bei sich im märkischen Pfarrdorf auf.


    Zunächst finde ich diesen Doppelband von allen bisher gelesenen „Ahnen“-Romanen am schwächsten und am schwierigsten zu lesen, letzteres insbesondere bezogen auf den ersten Band, weil diese ganzen Regiments- und Hoheitskonflikte sehr verwirrend sind und nur für ausgewiesene Militärhistoriker ohne intensive Begleitlektüre verständlich, ersteres weil die ganzen Liebesgeschichten Gartenlaube-Niveau haben und der Kontrast zwischen strammen Kerls beim Militär und züchtigen, frommen Jungfrauen für heutiges Verständnis schwer zu schlucken ist.

    Andererseits habe ich viel über die militärischen Strukturen, politische Überlegungen der Feldherren und die Ungerechtigkeiten der Militärhierarchien mit dem unbedingten Gehorsamsgebot gegenüber Vorgesetzten, insbesondere, wenn sie adelig sind, erfahren. Was mir dabei gut gefallen hat, ist, dass Freytag im ersten Teil die Überlegungen der Feldherren, denen das Regiment des verstorbenen Fürsten angetragen wird, sehr klar und deutlich vermittelt werden und man genau wie die Bedürfnisse der einfachen Soldaten auch durchaus versteht, mit welchen Entscheidungen und deren Konsequenzen sich die Machthaber herumschlagen müssen. Im zweiten Teil fand ich die Willkür der Soldatenkönigs, wenn es darum geht, seinen Besitzstand an militärischem Personal zu wahren, sehr gut und eindrücklich dargestellt, ebenso wie die Willkür Augusts des Starken, der für die Zufriedenstellung seiner Mätresse seinen Leutnant zur Schnecke macht, obwohl der völlig richtig nach Dienstvorschrift gehandelt hatte.


    Fazit also: Die Lektüre hat weniger Vergnügen gemacht als die der vorherigen Bände, aber ich habe einen – wie ich glaube – recht authentischen Einblick in die politischen und militärischen Verhältnisse der beiden dargestellten Zeiträume bekommen. Die kitschigen Verschnörkelungen mit den Liebesgeschichten hätte sich der Autor gerne sparen können.

    Dieses Buch lese ich auch schon seit einiger Zeit. Mir hat der Anfang nicht so recht gefallen, wo t'Haart sehr minutiös der Legendenbildung über Bachs Charakter nachspürt und dabei unterschiedliche Biografien über den Meister miteinander vergleicht. Das fand ich zum Teil überflüssig, weil viel zu wenig über Bachs Leben überliefert ist, um da wirklich zu stimmigen Aussagen zu kommen.
    Deshalb habe ich es eine Zeitlang weggelegt und anderes dazwischengeschoben. Aber nun, wo es um 't Haarts eigene Faszination für Bach und insbesondere sein Kantatenwerk geht, ist der Funke übergesprungen und ich habe einen schönen Nachmittag mit den Einspielungen der Netherlands Bach Society auf Youtube verbracht, mit BWV 104, 42 und 151.

    Gabriele Tergit: Effingers – ein grandioser Zeitroman



    Der fast neunhundertseitige Familienroman von Gabriele Tergit (d.i. Elise Hirschmann., verh. Reifenberg, 1894-1982) erschien zum ersten Mal nach langen Schwierigkeiten bei der Verlagssuche stark gekürzt 1951 und wurde zuletzt 2019 bei Schöffling & Co. in der ungekürzten Form wieder aufgelegt.


    Was für ein Roman!

    Die Autorin knüpft explizit an die „Buddenbrooks“ an, und sie braucht den Vergleich keineswegs zu scheuen. Ihr Thema ist die Geschichte zweier assimilierter jüdischer Kaufmannsfamilien zwischen 1878 und 1948. Die spannend erzählte und gleichzeitig sprachlich, motivisch und szenisch kunstvoll und sehr modern anmutende Geschichte um den jüdischen Beitrag zum deutschen Wirtschafts- und Kulturleben und seinen Untergang im Holocaust und dessen Vorbereitern beginnt bei einer Uhrmacherfamilie im fiktiven Kragsheim in Süddeutschland und führt uns mit einer der Hauptpersonen, dem jungen Paul Effinger, nach Berlin, denn in Kragsheim kann er seine unternehmerischen Pläne im konservativen Herzogtum nicht durchsetzen. Paul gründet mit seinem lebenslustigen Bruder Karl zunächst eine Schraubenfabrik, aus der später eine bekannte Autofabrik wird, wie sie der Vater der Autorin auch gegründet und aufgebaut hatte. Tergit baut sehr viele autobiografische Elemente aus ihrer und der Familie ihres Mannes ein, weshalb der Roman sehr authentisch wirkt. Die beiden Brüder heiraten in eine jüdische Bankiersfamilie, die Goldschmidt/Oppners ein, die den zweiten personalen Pfeiler des Romans stellen. Nun erleben wir mit den zahlreichen Mitgliedern dieser Familie (ein vorgesetzter Stammbaum erleichtert die Orientierung) die Gründerzeit, den Abstieg Bismarcks und die chauvinistische Regierungszeit Kaiser Wilhelms Zwo, die Jugendbewegung um die Jahrhundertwende, Jugendstil, Expressionismus, Frauenbewegung, den Ersten Weltkrieg, die schwierigen Jahre der Reparationszahlungen und der Inflation und schließlich das Aufkommen des Nationalsozialismus mit seinem später auch staatlich organisierten Antisemitismus bis hin zum Holocaust.


    Lotte Effinger, die Tochter Pauls kann in den Zehner Jahren studieren und wird dann eine erfolgreiche (Film)schauspielerin, an ihr wie an anderen weiblichen Romanpersonen wird das erstarkende Selbstbewusstsein der Frauen gezeigt, die doch immer wieder mit dem Chauvinismus des zunächst preußischen Militarismus, dann aber auch der zum Teil bereits ins Nationalpathetische überdriftenden Jugendbewegung konfrontiert werden.

    Schließlich erleben wir Leser die grausame Demontierung und Verdrehung aller Leistungen der deutschen Juden mit, und ein großer Teil des noch lebenden Romanpersonals wird schließlich deportiert. Doch gibt es auch Fluchten sowie den Staat Israel, dessen damaligen zionistischen Bestrebungen aber auch kritisch beleuchtet werden.


    Diese Kritik erfolgt aber nie auktorial und fast nie im Erzählerkommentar, sondern die Charakterisierung der Personen und ihrer Einstellungen zeigt sich überwiegend in den Dialogen und der detailreichen Schilderung ihrer Umgebung. So wird uns auch das Interieur und die Mode jener Zeiten nebenbei vor Augen geführt.


    Trotz des Umfangs und der hohen Komplexität wird einem hier auf keiner Seite langweilig und keine hätte weggekürzt werden dürfen. Ich kann diesem Roman und seiner Autorin nur wünschen, dass er endlich in unserem literarischen Bewusstssein ankommt und eine breite Rezeption erfährt. Uns entginge sonst nicht nur ein großartiges Stück deutscher Literatur, sondern auch ein sehr wichtiger Beitrag zur deutsch-jüdischen Geschichte.

    Nach längerer Zeit habe ich wieder einen Band geschafft:




    "Markus König", den vierten oder nach Handlung fünften Band des Romanzyklus.

    Die Handlung verlagert sich nun von Thüringen, in dem, zumindest hauptsächlich, die ersten vier Bände spielten, an die Weichsel, in die deutsche Stadt Thorn, die früher dem Deutschorden und nun, zu Beginn der Handlung, dem polnischen König untersteht.

    Markus König, ein angesehener Kaufmann und Mitglied des "Artushofes", einer Art Ehrengemeinschaft der Honoratioren von Thorn, trauert auch in seinen reifen Jahren den Zeiten nach, in denen Thorn dem Deutschherrenorden unterstand, und will diese Herrschaft mit Geld wieder herstellen, das er dem derzeitigen Hochmeister, Albrecht von Brandenburg-Ansbach, zur Verfügung stellt und für das ihm dieser den Eid leistet, sich auf keinem Fall dem polnischen König unterzuordnen. Die kriegerischen und diplomatischen Auseinandersetzungen enden dennoch mit der Machterhaltung des polnischen Königs, der dafür Albrecht als weltlichem Herzog über das alte Ordensland das Lehensrecht überträgt.

    Zornig und zutiefst verbittert begibt sich der alte Markus König auf eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela, kann aber auch so nicht den inneren Frieden finden.

    Parallel zu dieser Handlung geht es um das Umsichgreifen der Reformation in Deutschland, und Freytag setzt mit diesem Roman Martin Luther ein großes Denkmal.

    Noch während des Konflikts des Hochmeisters mit dem polnischen König spielt die Handlung um den Sohn Markus Königs, den jungen Georg, der ein Brausekopf ist und viel Unsinn macht, der ihn zum wiederholten Male vor den Thorner Stadtrat führt und seinen Vater erzürnt. Dies besonders, nachdem sich Georg mit seinem Lateinlehrer und dessen Tochter angefreundet hat und die beiden, als der Lehrer, weil er die in den Augen der katholischen Priester und Mönche Thorns ketzerischen Schriften Luthers weiter verbreitet, angegriffen werden, gegen einen polnischen adeligen Katholiken verteidigt und diesen dabei schwer verwundet.

    Georg wird aus der Stadt verbannt, gerät bei einem Schiffsüberfall ebenso wie der Lateinlehrer und Anna, seine Tochter, in die Gewalt von Landsknechten, von denen einige dem Hochmeister, andere dem König von Polen dienen. Um Anna vor Übergriffen zu schützen und weil er sie seit langem liebt, heiratet Georg sie, wird von dem Hauptmann der Landsknechte als Fähnrich gewonnen, weil ihm in seinem rechtlosen Zustand nichts anderes übrigbleibt.

    Zum Schluss kommen alle, nachdem es unter Luthers Einfluss zu einer Versöhnung zwischen Vater und Sohn gekommen war und der alte Markus von seinen Wallfahrten zurückkehrt, kurz vor dessen Tod auf der Festung Coburg in Thüringen, die alte Idisburg aus den ersten Bänden der "Ahnen", und Luther kann endlich dem Vater seine Verbitterung nehmen und ihn dazu bringen, dem Herzog seinen Eidbruch zu verzeihen.


    Mir hat dieser Band bisher am wenigsten gefallen: Er beinhaltet - neben dem interessanten Konflikt zwischen Reformation und Restauration im Weichselland - viel frommes Geschwurbele, Deutschtümeleien, und die Liebesgeschichte zwischen Anna und Georg zieht sich nach Courths-Mahler-Manier züchtig in die Länge, bis endlich der Knoten platzt. Danach wird es interessanter. Aber die ersten hundert Seiten waren ein echte Prüfung.

    Nach lämgerer Pause, bedingt durch saisonale Arbeitsspitzen, bin ich wieder bei den "Ahnen" gelandet und habe den dritten Band - nach Zählung der Einzelerstveröffentlichungen - "Die Brüder vom Deutschen Haus" gelesen.

    Darin geht es um einen der letzten reichsfreien Adeligen Thüringens, der sich unter Friedrich II. in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gegen die Übernahme seines Eigentums durch mächtige Territorialfürsten wehrt, spätter an einem Kreuzzug und dann, als er sein Anwesen schließlich doch verliert, an der Landnahme des Deutschen Ordens im Osten teilnimmt, eien Bruderschaft, die der Autor sehr positiv darstellt. Ich bin nicht fit in der Geschichte der deutschen Ostkolonisation, glaube aber nicht so recht, dass diese "Brüder vom Deutschen Hause" wirklich soviel besser waren als die Templer und Johanniter.. Auch
    hier kommt der Professorenroman aus dem 19. Jahrhundert ein wenig heimat- und deutschtümelnd rüber. Aber die Menschen anderen Glaubens, denen die Hauptperson Ivo beim Kreuzzug begegnet und deren Gegner, die Kreuzzugsteilnehmer, werden differenziert beschrieben und auch die Greueltaten und die egoistischen Motive vieler Kreuzzugsteilnnehmer werden nicht verschwiegen: Kann man also auch heute noch gut lesen und ist darüber hinaus auch noch spannend. Nebenher spielt im ersten Teil des Romans auch die Zeit der Minnesänger eine Rolle: Ivo besingt eine hochrangige Adelige, eine Cousine des Kaisers Friedrich, heiratet aber später die Tochter eines freien Bauern. Mit diesem Roman steigt die Dynastie auch aus dem Adel aus. Wir erfahren am Ende noch, dass der tapfere Kämpfer und Ostsiedler Ivo von seinen Nachbarn und Bewunderern "König" genannt wird, ein Ehrentitel und zugleich eine Reminiszenz des Autors an Ivos Vorfahren des ersten Bandes, den vandalischen Königssohn Ingo. Im vierten Band geht es dann mit dem bürgerlichen "Markus König" weiter.
    Auch hier liegen mir keine Informationen über eine Vertonung vor.

    William Makepeace Thackeray (1811-1863): Die Memoiren des Barry Lyndon (1856) 220px-William_Makepeace_Thackeray_by_Jesse_Harrison_Whitehurst-crop.jpg

    Dieser vergleichsweise kurze Roman des berühmten Satirikers und Gesellschaftskritikers Thackeray ist eine Zeitreise ins 18., das sogenannte „galante“ Jahrhundert.
    Redmond Barry ist ein Antiheld reinsten Wassers.


    Geboren in eine heruntergekommene irische Familie mit Verbindungen zum niederen Landadel, aber Ansprüchen mindestens auf die Abstammung von den irischen Königen, wenn nicht überhaupt von dem ältesten Adelsgeschlecht der Welt, ist schon Redmonds Vater ein Aufschneider und Filou reinsten Wassers, der seinen älteren Bruder um dessen Erbe bringt, indem er zum protestantischen Glauben übertritt und dadurch in der Erbfolge in dem von den protestantischen Engländern besetzten Irland vor den katholischen Bruder tritt. Sehr schnell hat er aber dieses Erbe durch Spiel- und Geltungssucht durchgebracht und stirbt früh, nicht ohne eine adelsstolze Frau und einen Sohn zu hinterlassen, der sehr erfolgreich in seine Fußstapfen tritt. Redmond Barry tritt mit sechzehn Jahren in einem Duell gegen einen Hauptmann an, der seine Cousine Nora, in die er leidenschaftlich verliebt ist, heiraten will und verletzt diesen scheinbar tödlich. Von den Verwandten, die den lästigen Heißsporn loswerden wollen, zur Flucht gezwungen, fällt er in Dublin in die Hände von Berufsspielern, verliert das wenige, was ihm die Mutter mitgeben konnte und verdingt sich als Gemeiner bei der englischen Armee. Verschiedene Abenteuer im Siebenjährigen Krieg (1756-11763) stoßen ihm auf dem europäischen Festland zu, treiben ihn durch Belgien nach Preußen, wo er nach der Desertion aus der britischen Armee sogleich von einer preußischen Werbertruppe gepresst wird und vom Regen in die Traufe kommt. In diesem Zusammenhang erhält man ein ganz anderes, sehr viel kritischeres Bild von den militärischen Praktiken des in Deutschland doch immer noch in recht hohem Ansehen stehenden Friedrich des Großen.
    In Berlin trifft Redmond Barry seinen Onkel, den älteren Bruder seines Vaters, von diesem um sein Erbe betrogen, wieder. Dieser ist inzwischen ein recht erfolgreicher Berufsspieler geworden, der Spitz auf Knopf in scheinbarem Luxus lebt und Redmond, dem er wegen des Vergangenen nicht gram ist, in seinen Broterwerb einweist. Gemeinsam ziehen beide durch die Fürstentümer Deutschlands und Europas mit wechselndem, doch zumeist großem Spielglück.
    Schließlich eröffnet sich Redmond die Möglichkeit einer traumhaften Heirat mit der reichen Witwe Gräfin Lyndon, der besten Partie der britischen Inseln.

    Soweit so gut, kommen wir nun zu Redmonds Charakter. Er ist der Ich-Erzähler dieser Lebensbeschreibung, die er als Greis im Rückblick erzählt, wie man im Laufe der Handlung beiläufig erfährt, als gesundheitlich und finanziell ruinierter Säufer im Schuldgefängnis zu London. Redmond Barry verkörpert so ziemlich alle verabscheuungswürdigen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, die man sich vorstellen kann. Er ist maßlos überheblich, jähzornig, geht über Leichen, ist bindungsunfähig, beutet Bedienstete und jeden, der es sich gefallen lässt, aus und blickt dabei weinerlich auf sein ach so hartes Schicksal zurück, das er sich in jeder Einzelheit selbst eingebrockt hat. Alles Geld, zu dem er kommt, gibt er unverzüglich wieder aus, ob an Spieltischen oder um auf protzigste Art zu renommieren. Seine Frau, deren Namen er seinem hinzufügt, behandelt er sehr grausam, macht sich über sie lustig, schlägt sie, wenn ihm danach ist und hält sie am Ende sogar gefangen.
    Es fiel mir zu Anfang schwer, diesen Ich-Erzähler zu ertragen. Er entlarvt sich jedoch durch naive Anmerkungen über seine Reinfälle, kurze Anfälle von Ehrlichkeit und seine maßlose Angeberei immer wieder selbst und ist gleichzeitig das Sprachrohr von Thackerays Gesellschaftssatire, so dass ihm Beobachtungen zu den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen gelingen, die eigentlich nicht zu seiner intellektuellen Ausrüstung passen. Natürlich ist die Handlung auch sehr farbig und durchaus spannend, sodass man diesem Roman, wenn man sich mit dem ekligen Helden abgefunden hat, doch einiges an Lesevergnügen abgewinnen kann.


    Von der Klassifikation her sind „Die Memoiren des Barry Lyndon“ einzuordnen als ein Beispiel für den Schelmenroman (wobei der Schelm hier ein ausgesprochener Schuft ist), für den negativen Bildungsroman und natürlich für die Gesellschaftssatire, die Thackeray in allen seinen großen Romanen unternimmt, normalerweise allerdings auf die zeitgenössischen Verhältnisse gemünzt.

    Stanley Kubrick hat den Roman als Vorlage zu seinem meisterhaften Kostümfilm „Barry Lyndon“ von 1975 benutzt. Der Soundtrack dieses Films kommt gelegentlich auch in Konzerthäusern zur Aufführung.

    Der zweite Band der „Ahnen“ – nach „Ingo und Ingraban“ – „Das Nest der Zaunkönige“ erschien 1873. Ca. 250 Jahre sind seit der Handlung des „Ingraban“ verstrichen, und wir befinden uns nun im Jahr 1003, zur Zeit der beginnenden Herrschaft Kaiser Heinrichs des Zweiten, der zu dieser Zeit aber erst König war, kurz vor seinem ersten Italienzug.

    Immo, ein Nachfahre Ingos und Ingrabans – man bemerke die Is, erinnert ein wenig an ein Stutbuch – ist der älteste von sieben Söhnen aus dem gleichen alten freien thüringischen Adelsgeschlecht und von den Eltern zur Buße einer Schuld der Kirche versprochen worden. Dafür eignet sich der wilde Immo aber gar nicht und versetzt als fast fertiger Schüler das hessische Kloster durch Streiche und kriegerische Unternehmungen in ziemliche Aufregung. Schließlich weist ihn der Abt aus dem Kloster, bedient sich seiner aber gleichzeitig als Boten zu König Heinrich. Es ist die Zeit, in der Adelige und auch hohe Geistliche versuchen, möglichst viel von der Königsmacht abzuknapsen und sich selbst einzuverleiben. Heinrichs Regierungszeit ist eine der Konsolidierung der Königsmacht und des Einsetzens der Geistlichkeit zu Verwaltungszwecken.


    Immo nun mausert sich unter Heinrich und später unter dem Sachsenherzog zu einem großen Kriegshelden, von dem überall im Lande die Spielleute singen. Seine Brüder, ihm zuerst feind, weil er das Ältestenrecht für sich fordert, obwohl er ja eigentlich als Geistlicher aus der Erbfolge gefallen war, versöhnen sich mit ihm und helfen ihm, seine geliebte Hildegard, die Tochter eines intriganten Grafen, die er noch auf seinen Eskapaden als Klosterschüler kennen gelernt hat, vor dem Schleier zu retten, den sie auf Geheiß ihres Vaters und des Königs als Genugtuung für die Sünden des Grafen nehmen soll. Im Finale des Buches entscheidet sich endlich vor einem großen Königsgericht, wie es für die „Zaunkönige“ – die sieben freien, noch nicht einmal dem König lehenspflichtigen Brüder – weitergeht und ihre Mühlenburg, dem „Nest“.


    Dieser Roman folgt wieder einem ähnlichen Schema wie die beiden vorigen: Es zeichnet sich ab, dass Freytag kriegerische Helden mit goldenem Herzen als Protagonisten liebt, die sich mit den Problemen der Zeit – hier mit der Auseinandersetzung zwischen Geistlichkeit, Erbadel und Königtum – arrangieren müssen und dabei natürlich noch eine schöne Frau gewinnen. Dennoch hat auch dieser Band wieder viele Farben, viel Lokalkolorit, das vor allem Lesern gefallen dürfte, die sich in Thüringen auskennen, und große Fabulierlust. Immo ist mir noch sympathischer als seine Vorgänger, weil er diesen jugendlichen Überschwang hat und durch seine naive Gradlinigkeit für die hohen Herren zu einer echten Seelenprüfung wird. Und wieder habe ich eine interessante Epoche in einer Region kennen gelernt, über die in den modernen historischen Romanen wenig zu finden ist. Außerdem hat man bei Freytag das Gefühl, dass er uns die Denkweise der Epoche, insbesondere die Ängste in Bezug auf das Jenseits und die diesen entgegenstehenden weltlichen Interessen, sehr einfühlsam schildert.


    Zu einer musikalischen Umsetzung dieses Bandes habe ich leider gar nichts gefunden.

    Lange nicht mehr so gelacht! Vielen Dank, hasiewicz, für deinen Gernhardt-Tipp! Heute kam der Flaubert-Rabe, und sobald ich Zeit fand, habe ich mir den Artikel "Flaubert lesen und lachen?" zu Gemüte geführt. Eine wunderbare Satire, in der Gernhardt einfach nur Textstellen mit einigen Kommentaren kombiniert. Z.B. als er zitiert, wie Hamilkar sich gegen die Verdächtigungen durch die Honoratioren, seine Tochter habe Unzucht mit Matho geetrieben, wehrt, indem er wilde Schwüre schwört, dass diese lügen und sich dabei fast selbst entfleischt, und wie will er das beweisen? Zitat Gernhardt /Flaubert: Man erwartet Entsetzliches, doch er fuhr mit lauter und ruhiger Stimme fort: 'Dass ich mit ihr noch nicht einmal daürber reden werde!' Bumsti!"

    Ach, waren das nette Leseminuten!

    Danke für die gute Darstellung. Es gibt in „Der Rabe“, Nummer 47, der ausschliesslich Flaubert gewidmet ist, einen herrlichen Essay von Robert Gernhardt über Salammbo - „Flaubert lesen und lachen?“. Er weist dort auf das unfreiwillig Komische so mancher Passagen und Wörter hin, und stellt die berechtigte Frage, ob nicht die sich von Flaubert selbst gesetzte Aufgabe, einerseits ein unglaublich detailverliebtes, um Realismus bemühtes Bild zu malen zu einer Epoche, zu der zu seiner Zeit denkbar wenig überliefert war, zugleich aber einen rauschhaften Traum zu erzeugen, ein letztendlich paradoxes Unterfangen ist. Ich konnte dem gut folgen, und in Gegensatz zu „Madame Bovary“, die ich weiterhin für eine der Perlen der Weltliteratur halte, und auch zur „Erziehung der Gefühle“, halte ich „Salammbo“ für kein gelungenes Werk.

    Vielen Dank für diesen interessanten Hinweis auf Robert Gernhardts Essay. Ich werde versuchen, mir ihn zu beschaffen. Im Netz und bei anderen Literaturfreunden stieß ich bisher immer eher auf hymnische Begeisterung für den Roman.

    Vielen Dank, JLang für deine Stellungnahme und den interessanten Hinweis auf die Kinderbegräbnisstätten. Selbstverständlich wirst du einen anderen Zugang zu dem Roman haben, wenn du mit der antiken Geschichte und sogar speziell der von Karthago beschäftigt bist / warst. Man sagt dem Roman ja auch nach - und Flaubert war selbst darauf stolz, dass er sich sehr detailgenau an die zu seiner Zeit bekannten Fakten gehalten hat, was aber eben manchmal zu dem von mir kritisierten professoralen Stil führt.


    Ich glaube dir gerne, wie schwierig es ist, mit literarisch tradierten "Fake News" fertig zu werden, genauso wie heute mit den über das Internet verbreiteten Scheinnachrichten.

    Flaubert schildert in seinem historischen Roman von 1862 einen Söldneraufstand gegenüber Karthago, der nach dem Ersten Punischen Krieg in der Mitte des dritten Jahrhunderts v.u.Z. tatsächlich stattgefunden hat.


    Zum Inhalt:


    Hamilkar Barkas (der Vater jenes Hannibal, der später mit seinen Elefanten die Alpen überquerte) ist nach dem Scheitern der Karthager im Punischen Krieg, in dem er einer von zwei Heerführern war, noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Die Söldner, die unter seinem Befehl kämpften und die aus allen Gegenden des Mittelmeerraumes und der benachbarten Länder stammen, warten indessen vor Karthago auf den ihnen versprochenen Sold. Um sie zu besänftigen und die Zahlung herauszuzögern, richten ihnen die Karthager im Park von Hamilkars Palast ein großes Festessen aus. Im Zuge zunehmender Alkoholisierung werden die Söldner immer enthemmter, zerstören die Parkanlagen und essen die heiligen Fische der Familie Barkas. Nun erscheint die (fiktive) Tochter Hamilkars – Salammbô – die jungfräuliche Hohepriesterin der Stadtgöttin Tanit – und bringt die Söldner durch ihr hoheitliches Gebaren und indem sie den libyschen Söldnerführer Matho durch das Angebot eines Weinpokals auszeichnet, zur Raison. Dieser jedoch missversteht das Angebot und verliebt sich in die schöne Frau.


    Später werden die Söldner durch einen Trick von der Stadt weg gelockt und man macht ihnen völlig unzureichende Angebote bezüglich ihres Soldes. Schließlich verbünden sie sich alle gegen Karthago und belagern zuerst zwei Nachbarstädte, dann Karthago selbst. Während der Belagerung und auch während der Kriegshandlungen geschehen auf beiden Seiten immer wieder entsetzliche Greueltaten, die Opferung von Kindern, die Verstümmelung und Hinrichtung von Tieren und Menschen. Matho dringt eines Nachts heimlich in das belagerte Karthago ein und raubt den Schleier der Tanit. Diese symbolische Entblößung raubt den Karthagern weiter den Mut, und Salammbô macht sich – aufgehetzt durch ihren Erzieher und Hohepriester – verkleidet auf ins Lager der Söldner und Mathos Zelt, um den Schleier wiederzuerhalten. Dort kommt es zu einer intimen Begegnung mit Matho, aber Salammbô kann danach mitsamt dem Schleier ins Heerlager ihres inzwischen zurückgekehrten Vaters Hamilkar fliehen.


    Nach wechselndem Schlachtenglück werden die Söldner schließlich unter entsetzlichen Qualen vollständig aufgerieben,und nur Matho wird gefangengenommen. An Salammbôs Hochzeitstag mit dem Überläufer Naravas, einem numidischen Fürsten, wird Matho auf einen rituellen Spießrutenlauf durch die Straßen Karthagos geschickt und bricht schließlich vor den Brautleuten sterbend zusammen. Salammbô, die ihm wohl doch stärker zugetan war, nimmt sich daraufhin mit Gift das Leben.


    Wirkung:


    Flauberts Roman war nach seinem Erscheinen ein echter Skandal, häufte er doch Greueltaten noch und nöcher an und erzählte das Ganze völlig kühl, ohne sich mit einer der Seiten zu identifizieren und irgendetwas zu bewerten. Alle Personen handeln aus Egoismus, auch Gefühle sind ich-bezogen und nie selbstentäußernd. Wenn auch Flaubert eher konservativ war und sich sonst nicht besonders gegen die Politik seines Landes wehrte, kann der Roman doch als Kritik am hemmungslosen Imperialismus seiner Zeit gewertet werden.


    Meine Meinung:


    Ich musste mich durch das Werk ziemlich durchquälen, nur das letzte Drittel hat mich überzeugt.


    Flaubert breitet vor dem Leser einen überaus reichen, ja überreichen Bilderrausch aus, gespickt mit den entlegensten Fremdwörtern, die selbst Altphilologen zum Teil überfordern würden und die auch nicht zielführend sind. Für viele Einrichtungsgegenstände, architektonische Details, Rüstungs- und Schlachtenschilderungen werden Fachbegriffe verwendet, die nur zum kleineren Teil im Glossar der Haffmanns-Ausgabe, in der ich den Roman las, erklärt werden. Insgesamt finde ich, dass Flaubert hier zu detailverliebt vorgeht und den Leser damit überfordert, der immer wieder von der eigentlichen Geschichte abgelenkt wird. Seitenweise werden Interieurs, Rüstungsdetails und Kriegsstrategien geschildert. Ich mag eigentlich einen langsamen, auf Einzelheiten eingehenden Erzählfluss, der einem das Setting nahebringt, aber hier geht Flaubert zu kunsthandwerklich vor, berauscht sich zu sehr an gekünstelt wirkenden Details. Das gilt auch für die zahlreichen Szenen größter Grausamkeiten: Sie erschlagen sich gegenseitig und lassen einen deshalb kalt. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen. So kommt mir der Roman eher wie ein literarischer Vorgänger des späteren Art déco /Jugendstils oder auch der Präraffaeliten vor: Die Schilderungen von Salammbôs Aufmachung hätten diese Maler eins zu eins in ihre Bilder umsetzen können, haben es auch getan:

    Salambo

    Carl Strathmann (Salambo, um 1894)


    Der Roman liefert dennoch viel Farbigkeit und spannende Handlung. Besonders im letzten Drittel wird die Handlung fortgetrieben, ohne sich ständig in dieser Ornamentik zu verlieren. Insofern ist er auch als Opernstoff verwendet worden: von Modest Mussorsky (nur als Fragment) und Joseph Matthias Hauer.

    Ich habe gestern Abend bereits mit der Lektüre auf meinen Kindle begonnen. Die Akteure sprechen wahrlich bühnenreif - man könnte es direkt als Textvorlage eines Heldendramas nehmen. Gefällt mir aber.

    Es wird aber irgendwann ein bisschen viel, wenn sich alle kriegerisch ausgebildeten Männer als "Helden" ansprechen. Über die vielen erwachsenen, teilweise schon ergrauten "Knaben" - von Freytag ethymologisch richtig als Stamm der Bezeichnung "Knappe" benutzt - habe ich mich dagegen immer wieder amüsiert. Allerdings hat er hier den Stand des (Schild-)Knappen aus dem Hochmittelalter in die Vor-Völkerwanderungszeit versetzt, ob das so ganz hinkommt, ist eine andere Frage.

    Doch ein Schlückchen oder ein unablehnbares Angebot, hasiewicz ?

    Übrigens habe ich, @Rheingold, auch keine Schwierigkeiten mit der Fraktur, nach einer kurzen Eingewöhnungszeit kommt es auch nicht mehr zu lustigen Missverständnissen wegen der Ähnlichkeiten des kleinen s und f und des großen K und R.

    Ach, das freut mich aber, dass der gute alte Freytag auf solches Interesse stößt. Ich bin durch ein Geschenk daran gekommen, vor ca. zehn Jahren hat mir ein Freund eine antiquarische Ausgabe der Werke Freytags geschenkt. Bei mir muss alles erstmal gut abhängen, aber ifür dieses Jahr habe ich mir die ersten beiden Bände vorgenommen. "Soll und Haben" interessiert mich auch sehr. Ich finde es, wie du @Rheingold, unschön, Klassiker überhaupt zu kürzen und erst recht problematisch unter der Vorgabe, heute politisch nicht Korrektes herauszukürzen. "Soll und Haben" hat Passagen, die als antisemitisch zu verstehen und sicherlich auch sind, im Rahmen der Vorurteile, die auch im 19.Jahrhundert leider - wie in den Jahrhunderten zuvor - gegenüber den Juden geherrscht haben. Das finden wir aber in vielen Romanen dieser Zeit, z.B. auch bei dem Mundartschriftsteller Fritz Reuter. Dennoch sind gerade Freytag und Reuter des aggressiven Antisemitismus unverdächtig, da sie sich in ihrem Leben vor allem für freiheitliche Ziele eingesetzt haben. Man sollte also solche Werke mit historischem Verständnis lesen und auch auf die Nuancen achten, dann sieht man, dass keineswegs alle Vertreter des Judentums über einen Kamm geschoren werden.

    Ich würde mich sehr freuen, wenn es hier zu einem Austausch über "Die Ahnen" und in einem anderen Thread vielleicht über "Soll und Haben" kommen würde, Garaguly, Bertarido und @Rheingold.

    Danke, @Rheingold. Der Roman steht auf meiner Vorhabenliste, zehn klassische historische Romane dieses Jahr zu lesen. Allerdings kann ich den Freytag wegen seiner manchmal doch arg zopfigen Sprache nicht am Stück lesen. Aber die Einzelromane bringen ein unter anderem hohes Anregungspotential, sich mal mehr mit der dargestellten Epoche zu beschäftigen.