Beiträge von tukan

    Momentan beschäftige ich mich ein wenig mit der Französischen Revolution und lese begleitend zu Sachbüchern und -magazinen Hilary Mantels frühen historischen Roman "Brüder" - eine Art parallele Romanbiografie über Danton, Desmoulins und Robespierre. Ein sehr intelligent geschriebenes Buch, das nichts mit der Dutzendware historischer Romane zu tun hat, mit denen die Buchhandlungen zugekleistert werden.



    Man muss sich allerdings Zeit nehmen, der Roman ist 1100 Seiten dick. Ich habe inzwischen 200 Seiten gelesen und bin am 14. Juli 1788, also genau ein Jahr vor dem Sturm auf die Bastille.

    hasiewicz schrieb:

    Zitat

    Ich möchte vielleicht ergänzen, dass ich John Jarndyce für eine der liebenswürdigsten aller Romangestalten halte. Seine Güte und Mitmenschlichkeit sind wirklich beispielhaft, und sein schließlicher Verzicht ist anrührend.

    Das sehe ich ähnlich. Gerade durch die Möglichkeit der Ehe mit Esther und seinen schließlichen Verzicht wirkt er auch nicht so abgehoben: Er ist zwar eine Lichtgestalt, aber eine geerdete, die einen wieder mehr an die Menschheit denken lässt. An "Bleak House" finde ich aber auch die Darstellung dieser geradezu absurden juristischen Welt grandios.
    Ich habe einmal gelesen, dass einige Dickens sogar mit Kafka vergleichen: Im Allgemeinen sehr weit hergeholt, aber dieser Roman und "Der Prozess" haben schon einiges gemeinsam.

    euer beider Beiträge habe ich interessiert gelesen und möchte mich an dieser Stelle auch als glühender Bewunderer von Charles Dickens "outen". Was und wie er es verstand, mit Buchstaben und Worten Figuren Leben einzuhauchen, sucht seinesgleichen und macht in Kombination mit seinem Humor eine einzigartige Mischung aus. "Bleakhouse" gehört auch zu meinen Favoriten, auf Augenhöhe mit "Nicholas Nickleby" (eines der wenigen Bücher, bei dem mir die Augen feucht wurden) und dicht gefolgt von den "Pickwickiern". Merkwürdigerweise sind es die bekannten Stücke "Oliver Twist" und "Die Weihnachtsgeschichte" (großartig: die Version der Muppets mit Michal Caine als Scrooge), die mich nicht vollends überzeugen konnten. Ob es an der Länge bzw. ihrer Kürze liegt? Für eine baldige Lektüre bereitgelegt habe ich "Harte Zeiten", mal sehen, ob es noch in diesem Jahr klappt.

    Da möchte ich mich Rheingold, hasiewicz und Lynkeus doch gleich anschließen. Auch ich mag Dickens sehr, und ähnlich wie dir, Lynkeus , gefallen mir nur die "Weihnachtsgeschichten" nicht und Passagen aus "Oliver Twist": Allerdings liegt das nicht an der Textlänge, sondern an der zu dick aufgetragenen Sentimentalität. Als letztes las ich auch "Harte Zeiten", das sich mit keinerlei Sentimentalität abgibt, sondern knallhart die - manchen Auswüchsen der Industriellen Revolution zugrundeliegende - egoistische Version des Utilitarismus geißelt. Dickens ist hier zwar in einigem schwächer als in vielen anderen Romanen, was die Charakterzeichnung und den Humor angeht, aber dafür sehr scharf und poinitert. Lohnt sich schon!
    Mein Lieblings-Dickens ist aber eindeutig "Bleak House"! Daneben mag ich auch die "Pickwickier" sehr gern: Das ist der humorvolle Dickens im Schongang, der dann in "Bleak House" die Zügel fahren lässt.

    Gerade höre ich Spohrs zwölftes Violinkonzert.



    Ich stimme dem zu, was WolfgangZ weiter oben zu den Klarinettenkonzerten schreibt: elegante Virtuosität und Melancholie, die hört man auch bei den Violinkonzerten heraus. Aber manchmal wird mir Spohrs Stil zu opernhaft-kitschig, gerade wie in diesem 12. Konzert, 3. Satz.

    Zitat

    Bei der Werbung für Zigaretten dürfte es doch wohl (wie bei den meisten Produkten) nicht in erster Linie darum gehen, jemand überhaupt zum Rauchen (Autofahren, Schokolade essen usw.) zu bringen, sondern darum, genau diese Marke zu kaufen.
    Da Nikotin ein Suchtmittel ist und Menschen schon Jahrhunderte geraucht haben, bevor es überhaupt Werbung gegeben hat, ist das ein ganz schlechtes Beispiel für gelungenes Marketing. Wenn man einmal süchtig ist, ist das ein echtes Bedürfnis, kein künstlich erzeugtes. Vielleicht gibt es ja inzwischen Daten, wie viel weniger Leute rauchen, seit die Werbung verboten ist. Wenn es die Werbung machen würde, dürfte es kaum noch Raucher geben... Es ist also Unsinn zu behaupten, es sei ein Marketingerfolg, dass Menschen rauchen, weil das so sinnlos wäre und sie nur der Werbung wegen rauchen würden. Marketing ist vielleicht dafür verantwortlich dass mehr Marlboro als Gauloises rauchen (oder umgekehrt).

    Das trifft wohl nur zum Teil zu. Du hast sicher Recht: Wenn jemand erstmal an der Droge hängt, braucht man keine Werbung mehr, um ihn an der Ware an sich zu halten
    Allerdings ist es in Bezug auf Jugendliche wohl wirklich so, dass das Verschwinden von Nikotinwerbung aus großen Teilen der öffentlichen Wahrnehmung und auch die Antiwerbung auf den Packungen sowie der Preis zu einer signifikanten Abnahme der jugendlichen Raucher geführt hat. Das kann ich jeden Tag an meinem Arbeitsort feststellen. Und da ich das sonstige Konsumverhalten unseres Nachwuchses auch recht gut kenne, bin ich sicher, dass Geld nur eine mindere Bedeutung hat.

    Witzig, gerade als ich den Thread-Titel las, dachte ich automatisch an das "Poème de l'extase". Ich hörte es das erste Mal als Jugendliche in der Bonner Beethovenhalle und habe es nie vergessen, aber leider den Titel doch. Bei meinen ausufernden Kenntnissen des Französischen hatte ich es als "Irgendwas mit pomme", also Apfel, abgespeichert und Skrjabin ganz vergessen. Also hatte ich den Traum von diesem Stück jahrzehntelang, bis es letztes Jahr in Dortmund zur Aufführung kam und ich es sofort wiedererkannte. Es ist wirklich ein Stück, bei dem es einem heiß und kalt über den Rücken läuft, am genialsten natürlich live!



    tukan

    In Dortmund ist er in der kommenden Spielzeit "Künstler in residence" - unter dem dämlichen Titel "The Yannick-Experience"- und wird vor allem viele Romantiker; Mendelssohn, Schumann und Bruckner spielen.
    Zuletzt hörte ich ihn Mitte April im Konzerthaus mit einer grandiosen Aufführung der 5. von Shostakovitch,http://www.konzerthaus-dortmun…b7c58b5cf5b96fe579e1be31b.


    Er wirkt auf mich sehr temperamentvoll, aber auch einfühlsam. Mit dem Orchester (London Phiharmonic) harmonierte er sichtlich gut.


    tukan


    tukan

    heute vor 130 Jahren wurde er geboren:


    Jaroslav Hašek (* 30. April 1883 in Prag; † 3. Januar 1923 in Lipnice nad Sázavou), tschechischer Schriftsteller, der vor allem durch seine literarische Figur des „braven Soldaten Schwejk“ berühmt wurde.

    Wobei die Lektüre des Roman eben wegen dieses Schweyks auch heute noch lohnt. Er verkörpert weiterhin aufs Schönste den passiven Widerstand des kleinen Mannes gegen die menschenverachtenden Entscheidungen der Machthaber.



    tukan

    Mir geht es so mit Beethovens Kammermusik. Obwoh ich alles andere von Beethoven liebe und oft höre, kann ich mir seine Kammermusik nicht erschließen. Ich hoffe aber, dass es nicht daran liegt, dass der Funke nicht überspringt, sondern dass ich - trotz fortgeschrittenen Alters - noch immer nicht die nötige Reife dafür habe - und sicherlich auch nicht genug musikalisches Wissen. Mein Vater kam erst mit über siebzig zu Beethovens Kammermusik und übrigens auch zu Reger, der mich auch noch nicht anspricht, da habe ich noch ein wenig Zeit!

    Mal wieder einen Ausflug in die deutsche Klassik der literarischen Art:



    Eine Art Schilda oder Lalenburg der Antike: Hier wird den Zeitgenossen Wielands und auch uns der Spiegel vorgehalten!


    Den liebenswürdigen Wieland mit seiner toleranten und humorvollen Art, die menschlichen Schwächen zu nehmen, ohne sie zu übersehen, lese ich immer wieder mal gerne.
    Hier zusätzlich eine schöne Beigabe: Man begegnet einigen Persönlichkeiten der Antike und hat Spaß, sich (wieder mal) über deren Denken und Wirken zu informieren.


    tukan

    Erstaunlicherweise hat mein Mann, der sich sonst nur randständig mit klassischer Musik auseinandersetzt und lieber Jazz und Blues hört, Christoph Graupner für sich entdeckt.
    Ich hatte schon öfter die Flötenkonzerte in der Interpretation von Sabrina Frey gehört:


    Als er letztens mithörte, war er so angetan, dass er gleich noch zwei CDs von Graupner orderte:


    und ..


    Wir hören auch jetzt gerade wieder die letztere dieser beiden CDs. Das Tänzerische des Barocks und gleichzeitig eine Musiksprache, die schon weiter zu gehen scheint.


    tukan

    Das System funktioniert fraglos, ich frage mich nur, wie man ohne elektronische Datenbank etwas finden soll.


    Das ist genau das, was ich weiter oben meinte. In dem System, das ich beschrieb, hätten nur interpretenbezogene CDs keinen Platz, die sich um bestimmte Dirigenten oder Orchester drehen. So eine Box habe ich bisher nur eine, einen 3 CD-Schuber von der Jungen Deutschen Philharmonie. Aber den habe ich bei moderner Klassik eingeordnet, weil fast alle eingespielten Stücke dazu gehören.
    Solche Tonträger kann man ansonsen aber auch extra stellen und hätte damit ein weiteres inhaltliches Merkmal.



    tukan

    Ich möchte doch nochmal eine Lanze brechen für die inhaltliche Sortierung. Bei der nach Nummern, ob nun von den Herstellern oder selbst vergeben, ist das Problem, dass man seinen, meist digitalen, Katalog braucht, um eine selten gehörte CD zu finden. Bei mir sind solche Medien aber nicht immer an und es dauert mir zu lange, bis ich sie hochgefahren habe, und auch auf meinen handschriftlichen Katalog, den ich altmodischerweise immer noch für meine Klassik-CDs führe, möchte ich nicht immer zurückgreifen müssen, wenn ich eine bestimmte CD suche.
    Im Klassikbereich habe ich - wie so viele hier - nach Komponisten und dann nach Werkgruppen geordnet.


    Schwierigkeiten bieten ja eigentlich nur, wie schon öfter herausgestellt, die CDs mit mehreren Komponisten. Da komme ich mit folgender Methode recht gut klar.
    Wenn ein Instrument im Vordergrund steht, ordne ich nach diesem, beginnend mit Tasten-, dann Streich- und Zupf- sowie Bläserinstrumenten, gefolgt von Stimmen. Innerhalb dieser sortiere ich chronologisch und/oder nach Interpreten, je nachdem, wie viele CDs ich davon habe.
    Alles mit mehreren Komponisten, was sich so nicht einordnen lässt, steht nach Epochen sortiert.


    Bisher klappt es - bei ca. 950 Klassik-CDs - mit diesem System. Ich habe noch jede CD wiedergefunden, ohne auf meinen Katalog zurückgreifen zu müssen. Aber natürlich haben die meisten von euch viel größere Sammlungen, vielleicht wird's da schwieriger.


    tukan

    Hallo, im Moment arbeite ich an einer Zusammenstellung meiner Lieblingsbarockmusik für Auto und Urlaub und habe dabei u.a. Albinonis 3. Konzert (für Oboe) aus opus 7 aufgenommen. Mir liegt eine ältere Aufnahme



    (CD 2) Anthony Camden - Oboe; The London Virtuosi /John Georgidas

    und eine Version für Sopranflöte mit Michaela Petri/ I solisti veneti vor.



    Obwohl ich sonst ein großer Flötenfan bin, ziehe ich hier eindeutig die Version für Oboe vor. Den ersten Satz nehmen die "I solisit di veneti" mit Petri viel zu schnell, das Adagio ist besser, jedoch passt die Oboe viel besser zu dem elegischen Thema als die Sopranflöte.


    Was mir neben dem schönen Adagio besonders gefällt, ist die Kombination Oboe - Solovioline.


    Habt ihr noch einen besonders hörenswerten Tipp aus Op. 7 und 9 für Oboe?


    tukan

    Ich habe einmal einen Krimi gelesen, der in Graz spielte. Über das Buch braucht man keine weiteren Worte verlieren, aber die Tatsache, dass man selbst eine intime Kenntnis des Schauplatzes hat, lässt den Leser ganz anders in die Geschichte eintauchen, als wenn man sich anhand der Beschreibung eine abstrakte Vorstellung schaffen muss. Für mich war es deswegen nicht spannender, aber sehr wohl konkreter, ich war mehr in der Erzählung drinnen als bei anderen Romanen.

    Hallo,


    Das geht mir so mit Dortmund-Krimis: Die Krimis von Sabine Deitmer und Gabriella Wollenhaupt sind ebenfalls sehr gut recherchiert, besonders im Falle der letzteren auch sehr aktuell lokalpolitisch orientiert. Wenn man in der gleichen Stadt wohnt oder lange gewohnt hat, hat man einfach noch mehr Spaß beim Lesen, obwohl beide Krimiautorinnen auch viel Lesefreude für Nicht-Ruhris bieten.


    tukan

    Obwohl ich sonst kein großer Opernfan bin, erfreue ich mich immer an den prächtig ausgestatteten Booklets vieler Cecilia Bartoli-Alben. Da findet man wirklich viele interessante Informationen, z.B. über die Kastratenarien des Barock.
    In letzter Zeit informativ fand ich das Booklet der Emanuel-Pahud-Aufnahmen von Flötenkonzerten und -stücken am Hof Friedrich des Großen. Nur bei dem Cover muss man wirklich die Augen wegen akuten Kitschalarms schließen :thumbup: .



    tukan

    Danke Harald,


    das klingt spannend und amüsant. Ich notier's mir für meinen nächsten virtuellen Buchhandlungsbesuch.


    Habe gerade einen Krimi der norwegischen Autorin Anne Holt gelesen: "In kalter Absicht", aber den fand ich nicht so toll. Sie hat sonst als Kommissarin Hanne Willemsen, ein Charakter, der in den Bänden der Reihe konsequent weiterentwickelt wurde und interessiert. In dem o.g. Krimi dagegen tritt ein anderes Ermittlerduo an (allerdings ist der Krimi auch schon älter, von 2001), da springt bei mir der Funke nicht so über.


    Zu empfehlen von Anne Holt zum Einstieg:



    tukan

    Mich zieht es im Winter literarisch immer in den Norden. Diese Saison wird von dem isländischen Nobelpreisträger Halldór Laxness beherrscht, der in diesem Jahr 110. Geburtstag hat. Aus diesem Anlass hat der Steidl-Verlag sein Hauptwerk in 13 Taschenbänden zu einem Spottpreis (48 €) herausgebracht:



    Im Moment ist der Roman "Weltlicht" dran, 1939 erschienen, das Schicksal eines Dichters, der nur für seine Kunst lebt und in der bäuerlichen Gesellschaft Islands zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen schweren Stand hat. Laxness umgibt auch das kargste Milieu einerseits mit Ironie, andererseits mit großer Einfühlsamkeit, so dass auch dieses faszinierende kalte Land am Rande des Polarmeers eine reiche Kulisse menschlichen Handelsn bietet.




    tukan

    Hallo Alfred,




    vielen Dank für den schönen Nachruf!
    Jetzt ist mir - dank deines Hinweises auf Naxos - auch wieder eingefallen - welche Aufnahmen u.d.L. von Müller-Brühl ich so sehr schätze. Er hat eine Reihe von unbekannteren Haydnkonzerten eingespielt, die zu meinen liebsten CDs gehören.





    tukan