Beiträge von Johannes Roehl

    Hurwitz ist sehr unterhaltsam und ich höre und lese sehr gerne von ihm.

    Er hat mir in einigen Dingen auf erfrischende Art die Augen geöffnet.

    Er hat hauptberuflich nicht mit Musik zu tun.

    Ist das so? Meines Wissens (und lt. wikipedia) hat er Musik studiert (wenn auch einen Abschluss in Geschichte), jahrelang in kleineren lokalen Orchestern zumindest ausgeholfen (Schlagzeug), jahrzehntelang als Kritiker für etablierte Zeitschriften geschrieben, darunter ein dutzend Bücher und macht seit etwa 20 Jahren Classics Today, dessen Hauptbetreiber (executive editor) er ist. Was macht er denn hauptberuflich noch?

    Auf Wuorinen als einen besonders entscheidenden Komponisten des 20. Jhds. wäre ich nun spontan nicht gekommen, v.a. aber sind doch weder er noch Cage Emigranten?


    Wenn das die Kernfrage ist Wieso wird so wenig Musik vergessen und als Konsequenz so wenig neue gehört?

    muss man m.E. erstmal gucken, wie die Kausalzusammenhänge und historischen Entwicklungen sind. Musik ist ja insofern eine Ausnahme, dass in anderen Künsten es schon viel länger eine Klassikeretablierung gab, also einen Kanon der zumindest in der Ausbildung klares Übergewicht über neuere/zeitgenössische Produktionen hatte. D.h. die musikgeschichtliche Situation bis etwa zur Zeit Mozarts, als nur wenige Liebhaber Musik kannten und schätzen, die mehr als eine Generation alt war, ist kulturhistorisch eher ein Extremfall. Denn zB an Kirchen und Palästen wurde zwar renoviert und angebaut, aber da standen natürlich immer welche rum, die schon recht alt waren, ebenso gab es Sammler älterer bildender Kunst und in der Literatur bedeutetet "Klassiker" bis vor 150 Jahren, dass das Werk eher 2000 Jahre alt war als bloß 1000.

    Andererseits ist es sicher auch ein umgekehrter Extremfall, wenn 2020 ein 100 Jahre altes Stück von Schönberg vielen als "unanhörbar modern" gilt, Musik der letzten 50 Jahre und stattdessen ältere Musik, genauer ein relativ eng umrissenes Repertoire zwischen ca. 1720 und 1920 mit einigen Ausreißern nach vorher und nachher, den Löwenanteil der meistgespielten und hochgeschätzen Werke ausmacht.

    Wie angedeutet halte ich die Idee überhaupt nicht für abwegig, dass das zum Teil schon damit zusammenhängt, dass es heute "weniger" gute Komponisten gibt bzw. genauer, dass die historische Verlaufskurve der abendländischen Kunstmusik und besonders ihrer gesellschaftlichen Bedeutung heute andere Werte hat als vor 150 oder 250 Jahren. (Extreme Beispiele verdeutlichen die Grundidee: Niemand wird ernsthaft behaupten, dass im späten 20. Jhd. oder auch im 19. Jhd. Versepen von der Qualität und Bedeutung der Odyssee oder der Göttlichen Komödie geschrieben worden wären. Die Gattung hatte ihre Höhepunkte schlicht nicht in dieser Zeit. Daher ist es nicht von vornherein abwegig zu meinen, dass 1870 bis 1920 mehr bedeutende Opern komponiert wurden als genau 100 Jahre später.)


    Die zweite These ist doch nicht hoffnungslos. Die technische Reproduzierbarkeit hilft und erweitert die Möglichkeiten ja nicht nur der populären Musik. Aber natürlich wird es ohne extremen zivilisatorischen Zusammenbruch keine Situation mehr geben, in der populäre Musik auf Leierkasten und Schmierentheater angewiesen ist, während der Kunstmusik die Hofoper zur Verfügung steht ;), letztere also immense Status- und Infrastrukturvorteile hat. Die Massenmedien sind wohl schon eine zentrale Ursache für die überwältigende Dominanz der Populärmusik/kultur, aber ich bin mir gar nicht sicher, ob sie auch so entscheidend für die Dominanz der Klassik (im weiten Sinne von Barock bis ca. Ravel) ggü. der Avantgarde sind.

    Schon vor der techn. Reproduzierbarkeit und den Massenmedien stieg der Anteil der nichtzeitgenössischen Musik an den Konzertprogrammen. Sicher hat das mal jemand untersucht, ich kann jetzt nicht mit Zahlen aufwarten, aber ich schätze, dass ca. 1880-1900 im Konzertbetrieb schon ein Drittel oder so nichtzeitgenössische Musik (v.a. Wiener Klassik + etwas Bach, Händel, Gluck) dabei war.

    Ohne halbwegs ernsthafte Nachforschung sind für mich die Ursachen nicht so leicht zu sortieren und zu gewichten (und sie sind auch nicht voneinander unabhängig!) Denn wir haben in den 20er und 30er Jahren mindestens drei Faktoren, die alle ungefähr dann virulent werden:

    1. seit etwa den 1820ern ein stetig wachsendes Bewusstsein für "Klassiker" und ein langsam zunehmender Anteil älterer Musik am Musikbetrieb2. seit den 1890ern eine zunehmende Entfremdung eines Teils des Publikums von einem Teil der Avantgarde (mit den entsprechenden Polemiken und Skandalen)

    3. die technische Reproduzierbarkeit und die zunehmenden Massenmedien, damit auch wachsender Einfluss der "Massenkultur", also der Populärmusik, die zunehmende Ersetzung von Theater durch Film (oft mit Musik/Liedern).


    All das hat sich in den letzten 100 Jahren eher nochmal verstärkt, meine ich.

    Einer der bekanntesten und erfolgreichsten Komponisten des 20. Jhds. war Olivier Messiaen. Seine Musik hat beinahe durchweg religiöse Thematik, d.h. (fast?) überhaupt keinen direkten Bezug zu Zeitgeschichte oder eigenen Biographie oder Nostalgie, sondern haben Titel wie "Les couleurs de la Cité Céleste". Und so ähnlich gibt es noch weitere Beispiele. Stockhausen drückt m.E. auch weder Protest noch Nostalgie noch Zeitläufte aus.

    Zitat

    1. Es gibt heute nicht mehr und nicht weniger gute Komponisten als damals (jede Zeit ungleich der Jetztzeit ;))

    2. Es gibt neue Medien, die die Reproduzierbarkeit von Interpretationen garantieren, anders als im 19. Jahrhundert und davor.

    3. Das 20. Jahrhundert hat eine schon spezielle Geschichte.

    Die erste These ist für den Rest deiner Argumentation weitgehend egal, daher würde ich sie der Einfachheit halber weglassen. Ich halte allerdings die Idee, dass es kulturgeschichtliche Verläufe mit Höhepunkten und "dürren" oder "dekadenten" Abschnitten gibt, für nicht von vornherein abwegig (im Gegenteil). Oder fast ohne Wertung: Es ist m.E. schlicht falsch, dass zeitgenössische Kunstmusik in den letzten 40 Jahren die allgemeinkulturelle und gesellschaftliche Bedeutung hat, die sie 1860 bis 1900 (oder in etlichen anderen Perioden der Vergangenheit hatte). Wagners Musik hat "Wahnsinn" bei Bürgertöchterchen ausgelöst und zwei oder mehr Generationen Künstler, darunter auch Literaten, stark beeinflusst. Niemand kann ernsthaft meinen, dass das für Ligeti, Stockhausen oder Henze in ähnlich breiter Form gelten würde. Die haben Einfluss in einer Szene, aber für die (Selbst)wahrnehmung der Gesellschaft in einer gewissen Breite sind sie praktisch irrelevant. Das haben sie allerdings mit fast allen Künstlern und Schriftstellern, selbst den meisten Filmregisseuren gemeinsam. Ich habe Zweifel, dass irgendein "hohes" Kunsterzeugnis (im Ggs. zur Populärkultur) seit den 70ern einen Einfluss auf das gesellsch. Bewusstsein in einer Weise hat wie das bis Anfang oder Mitte des 20. Jhds. der Fall war. D.h. die Irrelevanz der neueren Kunstmusik ist gar nicht so viel deutlicher als in anderen Kunstsparten (zumal m.E. bei der bildenden Kunst die Tatsache, dass das halt ein gutes Geschäft ist die Irrelevanz kaschiert.)


    Die alles entscheidende These ist die 2. Die Medien ermöglichten sowohl Aufstieg und Dominanz der populären Musik als auch die Konservierung des Repertoirestands des frühen/mittleren 20. Jhds. und dessen Ergänzungen durch Wiederentdeckungen und vereinzelte neuere Musikstücke.


    Den Einfluss von totalitären Systemen im 20. Jhd. auf die globale Musikgeschichte halte ich dagegen für vernachlässigbar. Die Nazis waren viel zu kurz an der Macht, um die deutsche Musik zu prägen, auch nicht durch reine Blockade der Unerwünschten. Mendelssohn hat es nichts geschadet und Mahler war vorher umstritten, brauchte aber nur eine Generation, um sich dann in den 60ern/70ern durchzusetzen. Zumindest ein Teil der "kontrollierten Musik" der Sowjetunion (Schostakowitsch, Prokofiev, Khatchaturian) wird heute im Westen durchaus geschätzt, währen die "wilde" Musik der ganz frühen SU eher vergessen wurde. (So lokal gesehen haben die Totalitären natürlich Einfluss: Wenn Mosolov nicht eingewiesen worden wäre, hätte man sicher mehr Werke einer interessanten Stilmixtur, aber das ist ja in der Gesamtschau vernachlässigbar.)

    Dass Emigranten in den USA in den 40ern und 50ern eine für die Musik des 20. Jahrhundert wichtigere Rolle gehabt hätten, als die Entwicklungen im ersten Drittel des Jhds. oder die (egal ob migrierten oder eingeborenen) Komponisten ab der Nachkriegszeit halte ich für sehr wenig plausibel.

    Hm, vielleicht ist es doch von Vorteil, intelligent zu sein, weil man dann lernfähig ist und auch die Freude an schwierigem Material "erzwingen" kann. Ob das aber insgesamt einen glücklicheren Menschen produziert - na, da bin ich auch skeptisch.

    Lieber ein unglücklicher Sokrates als ein glückliches Schwein, aber das sehen heute viele andersum...

    Trotzdem, da ist ein Unterschied. Die Anregung kam jetzt aus einem Forum für klassische Musik für die ich mich sowieso schon sehr lange interessiere. Wie kommt jemand an eine Anregung, der dieses Forum gar nicht besucht?

    Es mag sein, dass im Zeitalter von streaming und youtube, in dem sich jeder sein eigenes Programm zusammenstellt, man Klassik nicht so leicht begegnet wie das bis vor wenigen Jahrzehnten mit drei Fernseh- und meist auch nur wenigen Radioprogrammen der Fall war. Sie ist aber dennoch in so vielen Filmen u.ä. präsent (spontan fällt mir zB Allens "Match point" mit durchweg historischer Opernmusik ein, ein extremes Beispiel, aber doch ein sehr populärer Mainstream-Film), dass man auch ohne zu suchen, darüber stolpern kann. Wohingegen andere Kulturgüter wie Petrarcas Sonette oder Hegels Phänomenologie des Geistes einem vermutlich weniger oft in Populärkultur oder beim zufälligen Zappen über den Weg laufen.

    Früher war mir das relativ egal, da habe ich nichts vermisst bei Oper ohne Bühne, aber seit Jahren höre ich weit weniger Oper und da ich leider auch selten in die Oper gehe (was eben meine bevorzugte Form wäre, DVD ist auch nicht so recht mein Fall), verstärkt sich das ein bißchen selbst. Was ich häufiger höre gefällt mir besser, höre ich dann auch wieder häufiger usw. Ich höre Musik natürlich oft auch nebenbei, während das früher eher die Ausnahme war.

    Ich habe über Jahre auch zu viel Musik angeschafft, so dass ich trotz vielen Hörens mit dem Verdauen nicht immer nachgekommen bin. Seit zwei Jahren oder so, arbeite ich ganz langsam eniges davon auf und schaffe jedenfalls auch viel weniger an.

    Mit dem Musizieren habe ich vor über 30 Jahren, vielleicht ein Jahr oder zwei, nachdem ich Klassik als Hörer entdeckt hatte, angefangen und dann einige Jahre Klarinettenunterricht genommen (zuerst etwa von 16-17 bis zum Abitur, dann fast 10 Jahre später nochmal einige Jahre, aber nun seit bald 20 Jahren leider auch nicht mehr gespielt). Ebenso habe ich zu Schulzeiten und kurz danach sporadisch im Chor mitgesungen (also eher noch länger her). Bringt jedenfalls Spaß und zumindest mir auch mehr Verständnis als Hörer, selbst auf diesem extrem bescheidenen Anfänger/Laien-Niveau.

    Hast Du Dir mal die Urfassung von Brahms' op.8 angehört? Wurde inzwischen mehrfach aufgenommen u.a. vom Trio opus 8 (sic!) auf Arte Nova, Abegg-Trio u.a. Es ist ein "ungezähmtes", stellenweise etwas lang geratenes Stück, aber jedenfalls interessant zu hören.

    Das Credo bekäme ich wohl am ehesten halbwegs komplett hin, wenn ich versuchen würde, mir Beethovens Missa solemnis im Kopf vorzusingen. Habe aber in den letzten Jahren dieses Stück bzw. insgesamt nicht genügend Messen gehört, daher gäbe es vermutlich Gedächtnislücken (und auf deutsch kann ich das Nicänum erst recht nicht komplett :untertauch:).

    (Fahrstuhlmusik ist übrigens auch ein Kulturgut, genauso wie Tapeten (ohne besondere künstlerische Ambitionen) ebenso ein Kulturgut sind wie ambitionierte Ölgemälde. ;)


    Ich bilde mir ein, nicht so abhängig von guter Tonqualität zu sein, u.a. weil ich als Teenager mit recht bescheidenen Mitteln hören musste. Auch später aus unterschiedlichen Gründen viel über Kopfhörer (was nicht unbedingt schlechte Qualität bedeutet, aber doch einen etwas anderen Eindruck). Ich musste die ersten paar Jahre auch auf der "Familienanlage" hören, d.h. ich habe normalerweise nicht stundenlang im Hintergrund Musik laufen lassen, sondern das, was ich gehört habe, habe ich relativ konzentriert gehört. Wobei man dieses Konzentrieren und Fokussieren auch erst lernen muss bzw. es mit mehr Hörerfahrung eben auch leichter wird. Ich habe, bevor ich Klassik hörte, kaum Musik gehört, was ich ebenfalls nicht für einen Nachteil halte. Als ich ein kleines Kind war, hatten meine Eltern ein paar "Wunschkonzertplatten" (und auch ein bißchen "ernsthafte" bekannte Klassik), aber da erinnere ich mich hauptsächlich an einige Opernchöre. Meine Lieblingsplatte mit 6 war von Ivan Rebroff ;) Dann natürlich Peter und der Wolf, Nussknacker. Irgendwann bekamen wir den alten Plattenspieler ins Kinderzimmer, wo man dann solche Späße machte, wie Platten/Singles mit falscher Geschwindigkeit abzuspielen. Popmusik habe ich natürlich bei Mitschülern oder im Fernsehen mitgekriegt, aber das hat mich recht wenig interessiert, selbst wenn mir vielleicht einzelne Sachen gefallen haben. Mit ca. 13-14 habe ich dann zB ganz gerne Reinhard Mey gehört, weil meine Eltern das hörten, da geht es aber fast mehr um die Texte, würde ich sagen. Wenig später habe ich dann begonnen, Klassik zu entdecken, und als ich dann irgendwann auch in recht engen Grenzen Populärmusik, Jazz, Weltmusik wahrgenommen habe, war immer klar, dass Klassik im Mittelpunkt bleibt. Für mich war nie ein 3-5minütiges Stück mit Gesang das typische Musikstück, da weitgehend instrumentale Klassik die erste Musik war, die ich bewusst und häufig gehört habe und die ein ganz anderes emotionales Erlebnis bieten konnte als die wenige Musik, die ich vorher gehört hatte.

    Die Menuette könnten in der letzten Folge der Sinfonien dabei gewesen sein; wenn nicht, definitiv ein Kandidat für eine der unbek. Folgen! Doppel-LP Decca 6.35.355 ist vermutlich die originale Ausgabe.


    Vielleicht war auch Entremont für die Klav.konzerte verantwortlich

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    Wirklich "verschwunden" ist allerdings nur wenig dieser Edition. Die Sinfonien (Dorati), Klaviersonaten (Buchbinder), Messen (Guest u.a.), Oratorien, Bläserdivertimenti, Streichquartette gab es allle (teils mehrfach) auf CD. Wenn nicht auf Decca/Universal, dann bei Teldec/Warner. Evtl. in Kombinationen mit neueren Aufnahmen aus dem Digitalzeitalter. Noch nie auf CD gesehen habe ich die Trios mit dem Haydn-Trio Wien, aber die frühen mit Schröder u.a. gab es (außer in der abgebildeten noch in einer etwas größeren Box zum Haydn-Jahr 2009)


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    Ich weiß es nicht, aber ich vermute stark, dass eine der beiden Folgen Konzerte waren, evtl. auch nur Klavierkonzerte. Es ist aber auch möglich, dass diese Folgen nicht erschienen sind. Wirklich abgeschlossen in dem Sinne, dass alle Werke Haydns aufgenommen wurden, wurde die Edition jedenfalls nicht. Vermutlich sind bis heute nicht alle Werke Haydns aufgenommen, schon gar nicht von einem Label. Seither wurden die frühen gemischten Divertimenti von Manfred Huss für koch/schwann und sämtliche Werke mit Baryton von Brilliant Classics aufgenommen.


    Eine Anzahl Opern Haydns (oder alle?) unter Dorati erschienen bei Philips und Klavierkonzerte und frühe Concertini mit Dorati und seiner Frau Ilse von Alpenheim (die lebt anscheinend noch, *1927) gab es ebenfalls, aber anscheinend bei einem anderen Label (Vox? das könnte auch eine andere Aufnahme sein?).

    Der einzige andere mir bekannte Pianist, der, wie Serkin, die besagte Wiederholung spielt, ist Andras Schiff. Dessen Einspielung überzeugt mich aber sonst nicht so wie Serkin (letzterer ist einfach viel dramatischer). Allerdings ist Schiffs "Mondscheinsonate" op.27,2 mein Favorit unter "modernen" Aufnahmen, da er ein flüssiges Tempo für den ersten Satz wählt und die Basslinie gut herausbringt. (Mein Favorit insgesamt für op.27,2 ist aber Schnabels historische Aufnahme.)

    Bei op.13 "Pathetique" (zugegeben nicht unbedingt ein großer Favorit meinerseits) empfehle ich unbedingt Rudolf Serkin (es gibt eine historische Mono- und eine Stereoaufnahme), da er einer der wenigen Pianisten ist, die die (philologisch umstrittene) Wiederholung des Grave (mit der Expositionswiederholung spielen). Aber auch abgesehen davon passt der ausdrucksstarke (manchmal sogar ins grob-wilde fallende) Stil Serkins gut zu dem Stück. Die Stereo-Aufn. mit attraktiven Kopplungen ist sogar günstig erhältlich. Die Music & Arts CD enthält die historische von 1945.


    Wenn ich recht erinnere, hatte Beethoven für die Diabellis vorübergehend auch mal eine Einleitung geplant. Staier improvisiert eine (oder hat sie komponiert) zwischen seiner Auswahl der Variationen anderer Komponisten und Beethovens.

    Eine Einleitung wäre eine weitere Parallele zu den Eroica-Var. gewesen. Denn in denen ist die "Finalgestaltung" schon im wesentlichen vorgezeichnet: Mollvariation (nur sind es eben drei hintereinander in op.120 und #31 sehr langsam und verziert, während in op.35 eine verzierte Durvariation auf das Minore folgt) Fuge (nur ist die in op.120 nicht in der Haupttonart) und als letzte Variation eine sehr koloristische in mäßigem/langsamen Tempo.

    Zwar ist die Idee, zumindest den Abschluss einer Variationenreihe in einer Art Steigerung zu gestalten nicht neu, aber Beethoven hat hier, wie auch sonst häufig, sehr deutlich zu einer Dramatisierung dieser Form beigetragen.

    Was ich wirklich faszinierend finde, daher habe ich sie abgebildet, ist, dass man eine "Festival of Hits" LP (anscheinend auch günstiger) herausgebracht hat. Im Zeitgeist der 1970er scheint Stockhausen vorübergehend beinahe populär gewesen zu sein, oder warum so eine Wunschkonzertplatte?

    Was sollen denn die Totenschädel bedeuten? ;)


    Ich besitze eine absurde Anzahl von Aufnahmen; Katchen, Anda, R. Serkin in Boxen, Schnabel, Gulda, Rosen, Sokolov, Ugorski, Anderszewski, Mustonen, Kovacevich, Staier, Buchbinder (mit denen der anderen Komponisten), Brendel. Vgl. einige Anmerkungen oben. Die eigenartigsten sind Ugorski (u.a. stellenweise ultra-langsam) und Mustonen ("pointilistisch" und staccatissimo in einer Weise, die Gould in den Schatten stellt). Sehr individuelle, aber weniger provokante Lesartern sind Sokolovs und Anderszewskis. Die beiden letztgenannten würde ich durchaus empfehlen. Serkin und Schnabel sind zu recht Klassiker.

    Das Alban-Berg-Quartett hat meines Wissens Anfang der 1970er bei Telefunken direkt hintereinander als ihre ersten zwei LPs eine mit dem Namenspatron Berg (natürlich damals nicht mehr zeitgenössisch, aber als 40-50 Jahre alte Musik noch als "modern" geltend) und eine mit Haydns "Reiter"- und "Kaiserquartett" eingespielt.

    Praktisch alle halbwegs bekannten Streichquartettensembles seit dem frühen 20. Jhd. haben (auch) zeitgenössische Musik gespielt. Auch das Amadeus Qt, das eine enge Beziehung zu Britten hatte. Konzertaufzeichnungen aus de 50ern bis 80ern, die heute mitunter bei Orfeo oder beim SWF-Label erscheinen, zeigen relativ häufig gemischte Programme (wobei die vielleicht auch eher für die CDs ausgewählt wurden, da viele der Ensembles zB Beethoven eh nochmal komplett im Studio gemacht haben).


    Umgekehrt gab es außer vielleicht dem Arditti-Quartett (die zumindest auf Tonträgern meines Wissens nur op.133 an Musik vor dem 20. jhd. gespielt haben), auch kein bedeutendes Quartett, das nicht die Klassiker gespielt und aufgenommen hätte. Juilliard schon gar nicht, die hatten schon um 1960 wichtige Werke von Schubert, Mozart, Beethoven, Haydn aufgenommen und in ihrer langen Geschichte natürlich vieles mehrfach. Das LaSalle Qt. war auf Tonträgern etwas mehr auf die Moderne fokussiert, weil die DG schon Amadeus, Tokyo, Melos dabei hatte, aber das gilt für Konzerte nicht in dem Maße und sie haben auch späten Beethoven, Brahms komplett, einzelne Werke Mendelssohns, Ravel/Debussy... eingespielt


    Stockhausen bzw. die Erben verwalten heute seine Aufnahmen selbst. Aber zu LP-zeiten in den 1970ern erschienen sie zuerst bei der Deutschen Grammophon! (Diese LPs sind oder waren vorübergehend gesuchte Sammlerstücke) Die hatte ganz klar den Anspruch, auch zeitgenössische Musik zu präsentieren, wenn natürlich nicht in der Breite wie Wergo o.a. spezialisierte Labels.

    Ich habe leider vergessen, wo ich das gelesen habe, aber man kann die Variationen in einige Gruppen gliedern, die jeweils gewisse "Abschlüsse" haben. Da ich Quelle und Details nicht mehr präsent habe und es da unterschiedliche Vorschläge gibt, kann ich nur so vage auf die englischsprachige Wikipedia verweisen, die Analysen u. Einteilungen von Solomon (4 Abschnitte) und Kinderman (3 Abschnitte) referiert. Es gibt obendrein vielfache "Anspielungen", natürlich das Leporello-Zitat in #22, #23 karikiere angeblich Cramer-Etüden. #14 erinnert an den langsamen Teil einer barocken franz. Ouvertüre. #31 ist ziemlich sicher eine Hommage an Goldbergvar. 25.

    Geringer Pegel wäre bei einer frühen Digitalaufnahme nicht so verwunderlich. Wie gesagt, kann ich die konkrete Frage, ob mit zweierlei Methoden aufgezeichnet wurde, nicht beantworten. Nur darauf hinweisen, dass Denon als Digital-Pionier fast 10 Jahre Vorsprung hatte und schon mitte der 1970er viel digital aufgenommen hat, während die meisten anderen Klassiklabels erst um 1980 nachgezogen haben. Wie oben gesagt, gab es aber 1980 anscheinend auch schon Digitalaufnahmen aus der DDR ohne japanische Kooperation. Das wäre für mich ein weiteres Indiz dafür, dass bei der Suitner-Aufnahme ein parallel digital-analog Aufnehmen unwahrscheinlich ist.


    Bzgl. Kooperationen generell unabhängig von analog/digital gibt es meines Wissens zwei unterschiedliche "Modelle": echte Kooperationen und Übernahmen. Soweit ich weiß, hatte zB mit "Bach auf Silbermannorgeln" oder den Kantaten unter Rotzsch usw. keine Westfirma unmittelbar bei Aufnahme und Produktion zu tun. Sie erschienen aber (teilweise?) dann zB unter dem Label Capriccio (Delta Music) im Westen, nicht nur als importierte DDR-Platten. Dann gab es echte Koproduktionen mit zB "Westdirigenten" und ostdeutschen Orchestern/Sängern bzw. bei den Sängern oft eine internationale Mischung wie Dresdner Meistersinger oder Freischütz. Ob die technischen Teams hier gemischt waren, weiß ich nicht, vermute aber, dass es für die Aufnahme jedenfalls die lokalen Techniker waren. (Was die spätere Mischung betrifft, ob es da ggf. sogar Unterschiede gab, keine Ahnung.)

    Was meinst Du mit "umgetüftelt"? Es mussten ja in den Jahren, in denen schon digital aufgenommen, aber (hauptsächlich) Schallplatten veröffentlicht wurden, diese Digitalaufnahmen alle analog für LPs gemischt werden. Das gilt für die gesamten 80er Jahre, teils schon späte 70er und auch noch frühe 90er, da bis dahin noch viele Aufnahmen auch als LP erschienen. Ich kann es für die besagte Suitneraufnahme nicht sagen, aber ich vermute, dass nur digital aufgenommen wurde. Wobei es bei einer relativ frühen Digitalaufnahme auch nicht ausgeschlossen ist, dass auch noch analoge Bänder mitliefen. Andererseits hat Denon seit Anfang/Mitte der 1970er digital aufgenommen, auch bei Kooperationen, zB Smetana-Quartett, die auch bei Supraphon erschienen, daher glaube ich nicht, dass die normalerweise diesen doppelten Aufwand betrieben haben.

    Ich habe hier zB eine LP einer Delta (Capriccio) VEB Dt. Schallplatten Koproduktion mit Bachs Gambensonaten (Pank), die 1980 digital aufgenommen wurde.


    Es gab ja sogar vereinzelte Eterna CDs. Die wurden meines Wissens in der Tschechoslowakei gepresst, denn die DDR hatte kein Presswerk.


    Die Gesamtzahl der Ost-West-Produktionen ist kaum überschaubar. Die ältesten sind aus den 1950ern wie die gezeigten Oistrakh-Aufnahmen und es gab sie bis in die späten 1980er.

    "akzeptabel" würde ich normalerweise auch nicht kaufen. Ich habe ein paar erwischt, die ich so einordnen würde, aber das waren dann wirklich so niedrige Beträge oder "Pakete", dass sich eine Beschwerde kaum lohnte. Und meistens ist es auch nur optisch bzw. auf die Verpackung bezogen und die Scheiben selbst waren völlig i.O. Da "gut" eben so stark schwankt bzw. der Unterschied gut - sehr gut oft nicht erkennbar ist, gehe ich bei gut das geringe Risiko auch mal ein. Bei 10 EUR will ich mich auch nicht ärgern bzw. ärgere ich mich eh überproportional bei solchen Kleinigkeiten. Aber tatsächlich ist bei hunderten oder gar tausenden von solchen Transaktionen die Enttäuschungsrate bei mir sehr niedrig gewesen.

    uniqueplace ist ein professioneller Anbieter und zumal über Amazon ist der Schlimmstfall eigentlich, dass man Geld zurück erhält, weil man mit der Ware unzufrieden ist. Ein Risiko, hintergangen zu werden und keine Erstattung zu bekommen, ist hier inzwischen praktisch ausgeschlossen (anders als bei anderen Plattformen und früher war es am Marketplace auch anders). Bei Beschreibungen/Einordnungen sind vielle Anbieter aber recht nachlässig. "gut" ist ja eigentlich schlecht (weil es mindesten zwei oder gar drei höhere Kategorien (neu, wie neu, sehr gut) gibt, aber ich habe schon als "gut" eingestufte Sachen erhalten, die für mich "wie neu" waren und als "sehr gut" eingestuft", die ich eher zwischen "gut" und "noch akzeptabel" gesehen hätte. Da es sich typischerweise um einstellige Euro-Beträge handelt, ist das aber ein tragbares Risiko.

    Die (sehr seltenen) "Hämmer", die ich erlebt habe, waren komplett fehlende Booklets/Libretti ohne entsprechenden Hinweis (da habe ich auch einmal was zurückgeschickt), falsche CD (es gibt vereinzelt doppelt vergebene Barcodenummern) und eine dreiste Kopie, die immerhin mit so viel Aufwand, einschl. farbigen Covern gemacht war, dass sie dem Händler bzw. seinem 5 Euro Job Studenten vermutlich wirklich nicht aufgefallen ist.

    Das interessante ist ja nicht in erster Linie, wie bestimmte Mechanismen in der DDR funktioniert haben. (Obwohl das natürlich interessant und erforschenswert sein kann.) Sondern wie sie zumindest im Prinzip fast immer und fast überall funktionieren. Und diese Erkenntnisse sollte man dann tunlichst auf Aktuelles, nicht bloß Historisches anwenden. Ein eher einfacher, aber wirksamer Mechanismus ist zB sich obsessiv mit Mißständen der Vergangenheit bzw. eines untergegangenen System oder eines geographisch entfernten Landes zu befassen, um sich dabei ständig auf die Schulter zu klopfen und sich zu versichern, dass man davon ja meilenweit entfernt sei und es ganz ausgeschlossen sei, dass ähnliche Strukturen oder subtile und weniger subtile Beeinflussung und Indoktrination im besten aller historischen oder gar aller möglichen deutschen Staaten, stattfinden könnten. Oder es gibt die umgekehrte Masche, anhand von Mißständen oder Strukturen eines vergangenen oder entfernten Systems, ungeachtet gravierender Unterschiede, zu behaupten, dass sei ja hier und heute im Grunde genauso bzw. ganz kurz davor und um das Fürchterliche zu vermeiden, müssten unbedingt drastische Maßnahme x getroffen, Institut z gefördert, eine wohlbestallte y- (oder anti-y-)Beauftragte angestellt werden usw.

    Ich würde den Klang (und ich habe "mittelalte" Ausgaben der Royal oder der darauffolgenden LB Edition) des NY Bernstein auch nicht als dünn bezeichnen. Aber es ist ein etwas "grober", u.a. auch durch multimiking recht direkter Klang, der sich natürlich deutlich von den "satter", wärmer und "integrierter" klingenden Liveaufnahmen aus Wien unterscheidet. Letztere sind gut, aber mir eher zu gepflegt philharmonisch. Das "hemdsärmelig-aufsässige" (das bei den New Yorker Aufnahmen auch durch den Klang vermittelt wird, allerdings auch meist zügigere Tempi etc.) fehlt oder ist jedenfalls doch sehr stark gemildert.