Beiträge von Johannes Roehl

    Schubert: Nachtgesang im Walde D 913



    Schumann: Sehnsucht nach der Waldgegend aus op.35


    Vorromantisch:

    William Byrd: The woods so wild


    John Bull: The King's Hunt


    Nachromantisch (oder sehr spät)


    Roussel: Symphonie Nr. 1 op.7 "Le poème de la forêt"


    Koechlin: Tondichtungen (es gibt noch mehr) nach Kiplings Dschungelbuch


    Impressionismus finde ich in der Musik ein sehr zweifelhaftes Attribut, besonders wenn man es nicht als einen Aspekt einiger Stücke (das ist eher unproblematisch, findet sich aber in vielen Epochen und Stilen, zB vielleicht Tschaikowsky mit dem textlosen Chor am Ende des ersten Nussknacker-Akts), sondern als "Schule" oder einigermaßen fest umrissene Stilrichtung (wie es in der Malerei angemessen sein mag) verwendet. Und die Anwendung auf Ravel noch zweifelhafter.


    Stimmung und Klang vor Form stimmt vielleicht bei Delius, aber wahrscheinlich in kaum einem Stück Ravels, sicher in keinem Kammermusikstück und auch in keinem der beiden Klavierkonzerte. Bei Daphnis und Chloe kann man vielleicht streiten, aber beim Ballett ist es dann auch nichts besonderes, nicht die rein-musikalische Form in den Vordergrund zu stellen.


    Auch in Ravels Klaviermusik habe ich weit häufiger den Eindruck des "gemeißelten", "kristallenen" als den der vagen, flirrenden Stimmungen.

    Mal abgesehen von den grundsätzlichen Problemen, "homosexuelle" Aspekte in instrumentaler Musik (anders als etwa in der Literatur) nachweisen zu wollen, passte diese Hypothese doch überhaupt nicht zur historischen Entwicklung. Dann hätte Tschaikowsky ab den 1970ern, als Homosexualität weitestgehend entkriminalisiert, entpathologisiert und enttabuisiert wurde, doch eher einen Boom erleben müssen und wäre eher vorher, zumindest von manchen Interpreten oder Hörern aufgrund der "anrüchigen Gerüchte" gemieden worden.

    Wenn es angeblich genau umgekehrt ist, dass PIT in den letzten 40 Jahren "außer Mode" gekommen wäre, bestünde eine Antikorrelation mit der Akzeptanz von Homosexualität.

    Die frühen Fricsay-Aufnahmen von 4-6 (von 6 gibt es noch eine späte) gehören zu den "härtesten" und trockensten (auch befördert durch den trockenen Mono-Klang) Einspielungen dieser Werke. Fast ein bißchen zu viel des Guten, aber wem Tschaikowsky sonst zu schmalzig ist, der findet hier eine Alternative (ähnlich bei Klemperer, nur eben mit schnellen Tempi).

    Das war eines der ersten 10 oder so Klassik-Stücke, das ich gehört habe und ich mochte es damals mit ca. 14-15 eine Zeitlang sehr gern. Ich habe gar nichts grundsätzlich gegen Potpourris; die Fledermaus-Ouvertüre oder auch etliche von Suppé, die man grob so einordnen könnte, mag ich sehr. Selbst einige der Lisztschen ungarischen Rhapsodien und der Opernparaphrasen, die im Grunde virtuose Potpourris sind kann ich ertragen. Aber das Stück dauert eine geschlagene Viertelstunde! Es ist einfach viel zu lang, gut halb so lang wäre es vermutlich ein unterhaltsames brillantes Stück geworden, so geht es mir bald nur noch auf die Nerven.

    (Der Schlager ist grauenhaft, den hatte ich bisher aber kaum je gehört, ich kannte das Capriccio definitiv vorher!)

    Ich habe die zweite nun gestern oder vorgestern mal wieder angehört (Muti EMI). Das Finale verkörpert exemplarisch, was ich an Tschaikowsky nicht leiden kann: (an sich schöne) Volksmelodie ad nauseam wiederholt in wechselnder Instrumentation mit leider viel zu viel Tschingderassabum. Gegen diese Finale ist das der 4. bei dem mich ähnliche Aspekte stören, ja noch Gold...

    Habe neulich gesehen, dass ich vor Jahren mal hier im Forum die 2. immerhin noch vor die 3. gesetzt habe; das würde ich heute auf jeden Fall umkehren.

    Meinem Eindruck nach hat sich an der weiter oben schon mal festgestellten Situation nicht viel geändert, nämlich dass eine relativ kleine Zahl von Werken Tschaikowskys extrem dominiert. Man hat ja kaum einen Begriff vom Umfang seines Werks. Klar, manches wie ein großer Teil der Klaviermusik (bei Lisitsa 10 CDs voll, einschl. einiger Bearbeitungen!) mag zu Recht in den Hintergrund geraten sein. Aber der Unterschied zwischen zB ersten und zweiten Klavierkonzert, Sinfonien 4-6 ggü. Sinf. Dichtungen und Suiten ist schon extrem. Auch die Streichquartette haben es immer noch nicht recht "geschafft".

    Schubert 9 finde ich zB nicht sehr geheimnisvoll. Diese Einleitung ist sehr schöne Musik, aber mir nicht "einleitend" genug. Das könnte auch der Beginn eines Andante-Mittelsatzes sein. Die nicht abgetrennte "Einleitung", also der Anfang der "Unvollendeten" ist m.E. sehr viel origineller und beeindruckender. Fast noch genialer, da sofort mit dem Hauptthema beginnend, aber dennoch geheimnisvoll, Mendelssohns "Hebriden".

    (Ketzerischerweise finde ich auch die ziemlich sicher von Schubert 9 beeinflussten Anfänge von Schumanns "Frühlingssinfonie" und Brahms' 2. KK als Einleitungen bzw. Anfänge überzeugender als Schuberts "Original".)


    Ouvertüren noch: Freischütz, Coriolan


    Symphonien mit langsamer Einleitung: Schumann 4., Brahms 1., Mahler 1.

    ohne separate langsame Einleitung: Beethovens 9., Brahms 3., Bruckners 7. und 9.

    Verglichen mit dem von Alfred Schmidt erinnerten Vergleichszeitraum (60er/70er Wien) ist die Beliebtheit sehr deutlich gestiegen! Beim Concertgebouw jedenfalls auch nicht gesunken.


    Ohne Zweifel ist das symphonische Repertoire in den letzten 50 Jahren deutlich erweitert worden. Ich könnte mir gut vorstellen, dass selbst bei Beschränkung auf Tschaikowsky die 6. etwas eingebüßt hat, weil nicht mehr fast nur die drei letzten (und von denen am meisten die 6.) gespielt werden. Aber Bruckner (den spielte man früher fast nur in Wien), Mahler, Sibelius, dann auch Nielsen, Vaughan Williams, Orchesterwerke der klass. Moderne von Debussy, Ravel, Bartok usw. werden heute viel mehr gespielt. In den 50er/60ern galten Ravel und Debussy teils noch als was für "Spezialisten".

    Zwar habe ich diese Sinfonie schon sehr früh als Klassik-Anfänger kennengelernt, aber ich schätze sie nicht sehr hoch und es ist m.E. die unbedeutendste von allen sechsen. Zwar ganz unterhaltsam, aber eher eine "Sinfonietta". Die relative Beliebtheit liegt wohl an der Eingängigkeit und relativen Kürze ggü. 1 + 3. Aber da ziehe ich die Streicherserenade vor.

    Die extreme Überfülle an Aufnahmen des Repertoires von Klassik bis klassische Moderne in den letzten 20 Jahren verschleiert m.E. einiges. In den 1980ern war zB Haitinks Mahler und Bruckner bei den "Standardempfehlungen", vermutlich auch Brahms und etliches mehr. Der Schostakowitsch-Zyklus war der erste überhaupt, der im Westen und in entsprechender Tonqualität produziert wurde. Haitink war natürlich kein schillernder Typ, die Medien fokussierten eher auf Karajan vs. Bernstein.

    Man ist ja heute weniger als noch in den 1990ern an die EMI-Studioaufnahmen gebunden, da auch ältere Funkaufnahmen aus den 1950ern aus diversen Quellen (zB "Documents"box, evtl. auch weniger "graue") zur Verfügung stehen. Klanglich natürlich oft etwas schlechter, gibt es hier eine sehr energische Bruckner 8. vom WDR. Die Studioaufnahmen der 4., 6. und 7. sind aber jedenfalls auch sehr gut.

    Märzendorfers Haydn ist meinem Eindruck nach schon zu LP-Zeiten "untergegangen", war nicht sehr verbreitet. Bzgl. der CD-Ausgabe habe ich einige recht kritische Kommentare gesehen; man sollte jedenfalls schauen, ob man einiges davon evtl. vorher als Downloads oder auf youtube testen kann. (Es gab sie schonmal aus etwas dubioser Quelle als Bezahl-downloads, glaube ich).

    Haydn-Sinfonieaufnahmen sind eine unendliche Geschichte mit vielen unvollendeten oder sehr durchwachsenen Projekten. (Das vielleicht interessanteste HIP-Projekt mit Solomons (CBS) in den 80ern wurde nie vollendet, ein ausgewiesener Spezialist wie Manfred Huss hat überhaupt fast nur "Nebenwerke" aufgenommen...) Ich bin hier gesättigt und werde Märzendorfer sicher nicht auf CD anschaffen.

    "Deutsche" Aufstellung hört man m.E. deutlicher anderswo als im Pizzicato-Scherzo (wobei ich das gerade nicht testen kann). Immer wenn sich erste und zweite Geigen abwechseln (es gibt einige markante Passagen im Finale von Beethovens 7.) erhält man einen "Stereo"-Effekt. Außerdem sind die hohen Streicher, wenn sie gemeinsam spielen, besser verteilt, das gesamte Klangbild tendenziell "weiter". (Eine interessante Passage ist hier das Hauptthema? aus dem letzten Satz von Tschaikowskys 6. Das ist nämlich auf beide Violinen verteilt, soll aber anscheinend doch wie eine Melodie wirken. Bei der "amerikanischen" Aufstellung merkt man gar nicht, dass sich hier die Violinen abwechseln.)


    Klemperer, Kubelik und Gielen haben meines Wissens in fast allen ihren Aufnahmen die "deutsche" Aufstellung verwendet.


    Gezeigte Klemperer "Romantik"-Box besitze ich auch, allerdings den Tschaikowsky ewig nicht gehört (ist nicht so mein Fall).

    Das "trotzdem" bezog sich auf meine Nennung, nicht darauf, dass Leonore III "eigentlich" eine Konzertouverture ist. Eigentlich ist es natürlich eine Opernouverture, sogar Leonore I, wobei die historisch wirklich nie für die Oper gespielt wurde (außer vielleicht mal in einem Experiment im 20./21. Jhd.) Sommernachtstraum ist auch keine Konzertouverture, sondern für ein Schauspiel, ebenso Coriolan, wobei es hier keine weitere Schauspielmusik gibt (jedenfalls nicht von Beethoven). Es gibt keine echte Konzertouverture von Beethoven. Auch "Namensfeier" oder "Weihe des Hauses" waren für bestimmte Gelegenheiten, also eher "Festmusiken" (wie Händels zu Royal Fireworks) als Konzertouverturen. (In der Praxis sind es heute freilich Konzertouverturen, daher finde ich diese Einschränkung ohnehin nicht besonders hilfreich.) Ich weiß nicht, wer die erste "Konzertouverture" komponiert hat. Webers sind eigentlich auch alle zu Bühnenwerken (wenn auch manchmal allein übrig geblieben) bzw. die "Jubel" eine anlassbezogene Festmusik. Vielleicht Schubert mit den zwei italienischen Ouverturen?


    Beethoven war so pragmatisch, dass er dem Verleger vorschlug, bei der Hammerklaviersonate als erleichterte/verkürzte Version das Finale wegzulassen und die Sätze in der Folge 1-3-2 zu spielen... (daraus wird aber hoffentlich niemand ableiten, dass das mehr als eine Notversion wäre).

    Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Oper nie den Namen gewechselt, sondern immer "Leonore" geheißen.


    Alle die historischen Komplikationen ändern aber nichts daran, dass es heute (und vermutlich seit über 100 Jahren) eindeutige Bezeichnungen für alle vier Ouverturen gibt und ich habe eigentlich noch nie ein Missverständnis derart erlebt, dass jemand eine der Leonoren als Fidelio-Ouverture bezeichnet hätte oder die E-Dur-Ouverture als "Leonore".

    Bei Aufnahmen mit dem Cembalo hat schon Leonhardt um 1970 (oder ein paar Jahre vorher) eine solistische Streicherbesetzung gewählt, weil das Instrument sonst eher untergebuttert wird. Die Aufnahmen mit Musica Alta Ripa (MDG) sind auch alle solistisch besetzt.

    Und genau das stimmt nicht. Die Oper ist bereits 1805 unter dem Titel "Fidelio" uraufgeführt worden.


    Man hat also nicht nur die Wahl zwischen drei unterschiedlichen Fassungen, sondern auch zwischen vier Ouvertüren. Der hier von einigen so geschätzte Herr Barenboim dirigiert zum Beispiel seit Jahrzehnten bei jeder von ihm geleiteten "Fidelio"-Vorstellung am Beginn die Ouvertüre "Leonore II".

    Das ändert aber nichts daran, dass heute nur eine einzige der vier Ouverturen als Fidelio-Ouverture bekannt ist. Das so genannte Werk, das 1805 aufgeführt wurde, unterschied sich, wie Du weißt, erheblich vom heutigen Fidelio, nicht nur in der Ouverture (u.a. hatte es noch drei Akte). Die Endfassung der Oper hat genau diese Ouverture, nicht eine der "Leonorenouverturen".

    Stellt Barenboim dann auch die Musiknummern um? Die Fidelioouverture ist ja als einzige in E-Dur statt C-Dur, was anscheinend auf das folgende Duett (Jetzt Schätzchen) abgestimmt ist. Ich habe mal eine ärgerliche Aufführung erlebt, die mit einer gekürzten Version von Leonore II oder III begann, dann folgte aber immerhin konsequenterweise zuerst Marzellines Arie und das Duett war entweder auch gestrichen oder (glaube ich) kam dann danach.


    Bzgl. Leonore II vs. III gibt es von D.F. Tovey einen recht ausführlichen Vergleich, in dem der zu zeigen versucht, warum #III überzeugender ist, aber nicht als Vorspiel, sondern als eigenständige "Tondichtung". Witzigerweise hat Paul Bekker in seinem Beethovenbuch beinahe umgekehrt argumentiert, dass Beethoven mit der Überarbeitung die #II verschlimmbessert habe...


    Ich bin hier klar auf Toveys Seite. Ebenso meine ich, dass in der Oper die letzte (E-Dur) Ouverture am überzeugendsten ist, auch weil sie das kürzeste und "bescheidenste" Stück von allen vieren ist, nicht die ganze Oper nach Art einer Tondichtung schon vorwegnimmt und auch nicht die ersten eher leichten Musiknummern aufgrund ihres Gewichts und Dramas "erschlägt", wie das bei Leonore II und III m.E. der Fall ist.


    Daher kann ich, wenn wie hier im Thread "Konzertouverturen" ausgeschlossen werden sollte, die Leonore III eigentlich nicht als Favorit nennen. Sie ist es aber trotzdem ;)

    Wie oben schon angedeutet, handelt es sich vermutlich bei fast allen "Clavierkonzerten" Bachs um Bearbeitungen von Konzerten für andere Instrumente. Bei einigen sind die Originale erhalten, bei anderen gibt es unterschiedliche Rekonstruktionen. Das einzige wohl fraglos original für Tasten konzipierte Werk ist das C-Dur für zwei Claviere, davon ist die Fassung ohne Orchester vermutlich die ältere. (Und das 5. Brandenburgische als Tripelkonzert f. Violine, Flöte und Cembalo. Das a-moll-Tripelkonzert 1044 ist ebenfalls eine Bearbeitung älterer Sätze.)


    BWV 1052 d-moll vermutlich ursprgl. Violinkonzert (vielleicht eines anderen Komponisten), dann Orgel (Kantatensätze aus BWV 146), es gibt Rekonstruktionen f. Violine und f. Orgel

    1053 E-Dur vermutlich Oboe D-Dur oder Es-Dur, vielleicht auch Orgel.

    1054 D-Dur <- Violine E-Dur 1042

    1055 A-Dur vermutlich Oboe d'Amore A-Dur

    1056 f-moll Oboe? es gibt auch Rekonstruktionen f. Violine bzw. Flöte (meist g-moll)

    1057 F-Dur <- 4. Brandenburgisches Konzert F-Dur (Violine + 2 Blockflöten) 1049

    1058 g-moll <- Violine a-moll 1041

    1060 c-moll Violine + Oboe oder zwei Violinen c-moll oder d-moll

    1061 C-Dur 2 Cembali

    1062 c-moll <- 2 Violinen d-moll 1043

    1063 d-moll unklar, vielleicht zwei oder drei Violinen, Rekonstruktionen u.a. f. Violine, Oboe, Flöte

    1064 C-Dur vermutlich 3 Violinen

    1065 a-moll <- h-moll f. 4 Violinen von A. Vivaldi (op.3/10)


    In den Fällen, in denen eine Vorlage erhalten ist, bevorzuge ich die normalerweise (freilich ist besonders 1042/1054 so gut, das höre ich auch gern mit Klavier oder Cembalo). Auch bei 1060 bevorzuge ich klar Violine+Oboe. (Rekonstruktionen von 1053 und 1063 habe ich noch nie bewusst gehört.) Den Klang von mehr als 2 Cembali oder Klavieren mag ich eh nicht besonders. Allerdings muss man natürlich einräumen, dass in den anderen Fällen die Clavierversionen eben die einzigen erhaltenen sind. Bleiben also hauptsächlich die Konzerte 1052, 1053, 1055 und 1056, die ich gern als Klavierkonzerte höre. Allerdings besitze ich nicht viele Einspielungen. Auf dem Cembalo habe ich nur die erste CD mit Mortensen auf jpc, dazu zwei ältere Aufnahmen des d-moll mit Leonhardt. Auf dem Klavier habe ich Goulds (1057 fehlt dort), Katsaris mit d-moll, D-Dur, F-Dur und f-moll, Feltsman mit A-Dur, f-moll und g-moll, sowie noch einige historische mit Edwin Fischer.



    Wenn ich mich nicht irre, war er mit dieser Einspielung der Vierten selbst nicht zufrieden und verhinderte gar ihre Veröffentlichung. Es gab offenbar Meinungsverschiedenheiten mit dem Produzenten Culshaw. Das London Symphony Orchestra genügte zudem Szells Anforderungen nicht. So wechselten die Orchestermusiker ständig bei den Proben, was Szell zunehmend frustrierte, da er das bereits Geprobte mit anderen Musikern dann nochmal proben musste. Der letzte Satz wurde auf Szells Drängen noch einmal eingespielt. Hundertprozentig zufrieden war Szell aber auch danach nicht. Die Aufnahme erschien zu seinen Lebzeiten nie auf LP.

    Das entspricht auch meiner Erinnerung. Ich meine mich sogar vage an eine Rezension im Radio zur ersten? CD-Veröffentlichung Ende der 1980er Jahre zu erinnern. Diese Aufnahme besitze ich in der Box mit Szells Decca-Aufnahmen (diese Box ist leider vergriffen/teuer, aber das meiste? kriegt man vermutlich einzeln). Klanglich meiner Erinnerung nach besser als die CBS-5. (die gibt es in mehreren of günstigen Ausgaben).


    Spieldauernvergleich beim Kopfsatz des Violinkonzerts bringt nicht so viel, weil unterschiedliche Kadenzen gespielt werden. Es stimmt allerdings schon, dass ähnlich wie beim Beethovenkonzert es hier zuweilen Neigungen zu überbreiten Tempi gibt. (Fast noch schlimmer beim Doppelkonzert, da kann man auch eher vergleichen, weil die "Kadenz" ja am Anfang kommt und ausgeschrieben ist.)


    Für straffe Interpretationen ist Heifetz hier jedenfalls sehr empfehlenswert, zumal weder Koussevitzky (1939 rum) noch Reiner bei der Stereo-Aufnahme sich (wie manch anderer Begleiter) "unterkriegen" lassen. Beim Doppelkonzert ist die grandiose Aufnahme mit Feuermann leider ziemlich historisch im Klang, aber die mit Piatigorsky auch noch sehr gut.


    Bernstein/Kremer schätze ich auch (wobei das meine erste CD des VK war), besonders wegen des ungarisch-fetzigen Finales. Eine Eigenheit ist hier, dass Kremer statt üblicher Kadenzen (Kreisler, Auer, Joachim, was es noch so gibt) ein Solostück von Reger spielt (das tonartlich, aber sonst m.E. nicht so toll passt). Und Kremer hat halt einen etwas drahtigen Ton, kein Vergleich mit Oistrakh o.ä.

    Das Doppelkonzert (mit Maisky) ist mir allerdings zu lahm, wobei man das bei diesem eher melancholischen Werk auch mal vertragen kann. Aber die Heifetz-Aufnahmen zeigen, dass es auch ganz anders geht. (Eine moderne zügig-straffen Aufn. des Doppelkonzerts ist die wohl schwer zu findende mit Kaplan/Geringas/Gielen.)

    Klemperer ist sehr langsam und wuchtig. Sicher beeindruckend, aber eher eigen. Bernstein/NY ist auch einer meiner Favoriten. Immer noch zu langsam, aber in der richtigen Richtung und sehr dramatisch. (Die späte Wiener Aufnahme ist nicht so überzeugend.) Der Hammer ist immer noch Scherchen 1958 mit dem nach wie vor schnellsten Kopfsatz. Einige neuere wie Gielen, Järvi oder Norrington u.ä. sind zwar vom Tempo her ähnlich (und im Trauermarsch schneller), aber dabei ein bißchen zu nüchtern für meinen Geschmack. Traditionelle, breite "philharmonische" Einspielungen wie Böhm begeistern mich weit weniger.

    Davis/Boston kenne ich nicht (wusste nicht mal, dass es sie gibt). Davis/Dresden ist m.E. sehr traditionell (außer dass alle Wdh. gemacht werden, was bei den älteren traditionellen Aufnahmen normalerweise nicht der Fall ist), keineswegs so ungewöhnlich wie Giulini. Ich habe jetzt nicht nochmal reingehört und momentan auch keine Lust für solche Vergleiche, aber das "Problem" der Einleitung besteht nach wie vor. Es ist keine Beschleunigung vorgeschrieben, daher lag nahe, dass der Hauptteil in direktem Verhältnis zur Einleitung steht, also zB Halbe des Allegro = Viertel der Einleitung. So macht es Giulini. Verkompliziert wurde das dadurch, dass ältere Ausgaben nicht 2/2 für beide Teile, sondern 4/4 für Einleitung und 2/2 für Hauptteil haben, was ein langsameres Tempo für die Einleitung nahelegt. Achtel= Halbe hat aber, glaube ich, niemand gemacht. Ungeachtet dessen sind die Unterschiede erheblich (ich habe vor Jahren mal welche verglichen) und Giulini ist sehr besonders, da ungewöhnlich zügige Einleitung und ein eher langsamer Hauptteil. Was gleichzeitig zeigt, dass die Relation auch bei vielen "schnellen" wieder nicht Viertel = Halbe ist.

    Meine langsamsten Einleitungen waren Furtwängler 1951 und Barbirolli 1964 mit je ca. 4:15, die schnellsten Gielen (2:37), Weil (2:41) und Mengelberg (2:47). Giulini braucht 3:09, also auch ganz klar auf der schnellen Seite. Davis 3:54, also sehr langsam. Ohne nochmal geprüft zu haben, sieht man schon an den Spieldauern, wie langsam Giulini im Hauptteil ist. Nach der in #129 oben verlinkten Übersicht braucht Giulini ca. 11:17 für das Allegro ohne Wdh. Dagegen Weil (der schnellste meiner Sammlung) etwa 9min., Furtwängler (mit vielen Tempowechseln) etwa 9:30 im 1942er Mitschnitt bzw. 10:30 in der 1951er Studioaufn.

    D.h. wenn Giulini die korrekte Proportionalität hat, sind die Tempounterschiede bei fast allen anderen zu groß, da selbst die mit zügigen Einleitungen wie Weil im Verhältnis noch schneller im Allegro sind. Extrem z.B. Szell mit einer auch damals schon eher langsamen Einleitung (3:48)

    Allerdings steht zwar kein accelerando in der Partitur, aber auch keine strikte Proportionalität wie Viertel=Halbe. Wobei das durch die Wiederkehr des Einleitungsthemas in der Coda (ohne neue Tempoangabe) in doppelten Notenwerten schon stark nahegelegt wird.

    (Habe spaßeshalber mal die MM-Angaben für Einleitungen und Hauptteile bei Beethovensinfonien nachgeguckt. Da gibt es nie proportionale Tempi, sondern immer Beschleunigungen des Grundpulses zwischen Einleitung und Hauptteil (zB 88a - 112h in der 1. und 84a - 100h in der 2.) . Aber da kehrt auch nie die Einleitungsmelodie später als Höhepunkt wieder; es sind also keine direkt vergleichbaren Fälle, wenn auch Belege dafür, dass es zumindest nicht Standard war, den Hauptteil in exakter Proportion zur langsamen Einl. zu haben.

    Ja und? In dem verlinkten Thread steht nicht alles drin, was ich oben bzgl. Giulini geschrieben habe, nur die Spielzeiten.

    Der interessante Punkt, auf den auch die zitierte Rezension Schreibers besonders abhebt, ist die Relation von Einleitung und Hauptteil im Kopfsatz. Da ist Giulini als einer von sehr wenigen Interpreten konsequent ohne Beschleunigung (sondern Viertel = Halbe). Die HIPisten haben zwar teils noch zügigere Einleitungen, aber dann eben auch noch schnellerer Hauptteile.

    Aus irgendeinem Grunde liest man immer wieder, bei Giulini/Chicago seien alle Wdh. Das ist zumindest in meiner Ausgabe nicht der Fall. Hier sind nur im Scherzo! alle Wdh. wodurch das 16 min. lang wird. :sleeping: In Kopfsatz und Finale fehlen die Wdh.

    Ich habe das aber so oft gelesen, dass ich mich frage, ob es vielleicht unterschiedliche Mixe/Schnitte gibt (wobei das vermutlich bedeuten würde, dass die Wdh. einfach kopiert wären).

    Es ist ein sehr seltsame Aufnahme, deren guter Ruf mich etwas verwirrt. Giulini hat das Werk angeblich lange nicht dirigiert, weil er die Tempo-Relation zwischen Einleitung und Allegro im Kopfsatz nicht schlüssig fand. Seine "Lösung" ist dann ein sehr zügiges Tempo der Einleitung und ein breites Tempo des schnellen Teils, so dass keine Beschleunigung notwendig ist. Mir ist der Hauptteil bei ihm aber viel zu langsam, dazu kommt eine seltsame legato-Artikulation des Hauptthemas. Sicher eine originelle, aber mich nicht überzeugende Interpretation.