Beiträge von Johannes Roehl

    das ist doch auch eine Frage der Ausgestaltung, man wird hoffentlich nicht einfach Tablets an die Schüler austeilen und sie dann wild im Netz surfen lassen. Wenn ich an Tafeln, Kreide und Tageslichtprojektoren denke ist eine Digitalisierung im Schulalltag mehr als überfällig. Abgesehen von diesen Basics wäre es auch kein Fehler zu vermitteln, wie man eine zielgerichtete Recherche im Netz anstellt und wie man die Ergebnisse anschließend bewerten muss. Dass es gerade bei letzterem bis ins Erwachsenenalter zum Teil gewaltig hapert erleben wir im Moment täglich und schmerzlich....


    Die Argumentation erinnert mich an Prof. Dr. Dr. Spitzers Vortrag "Digitale Demenz", in dem er sämtliche Medien einschließlich TV bis ins Jugendalter komplett ablehnt. Ich weigere mich aber schlicht zu glauben, dass es auf einen, sagen wir 14-Jährigen, die selbe Wirkung hat wenn er sich "DSDS" anschaut oder Prof. Dr. Harald Lesch in "Terra X". In dieser Debatte fehlt mir zuweilen eine differenzierte Betrachtung....

    Wenn die entsprechenden Warner von Neil Postman vor 40 Jahren bis zu Spitzer u.a. heute recht haben, ist es eben nicht in erster Linie eine Frage der Ausgestaltung. Sondern für Menschen unter ca. 16 sind elektronische Medien tendenziell immer neurophysiologisch und psychologisch schlecht.

    Jemand wie Postman würde vermutlich sogar sagen, dass Lesch in mancher Hinsicht schlimmer ist als Bohlen. Denn Bohlen ist relativ klar als trashige Unterhaltung zu erkennen, während Lesch etwas, mit dem man sich eigentlich länger als 20 min befassen müsste, um es halbwegs zu verstehen, in Unterhaltung verwandeln muss, weil das Fernsehen alles tendenziell in Unterhaltung verwandelt. (Das würde ich nicht ganz so ernst sehen, aber es ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen.)

    Nun kann ich natürlich nur bedingt beurteilen, inwieweit die recht haben. Ich merke aber an mir selbst, was für ein Konzentrationskiller Internet usw. ist. Und das als jemand, der bevor er 17 war keinen Computer hatte, noch mit sehr begrenztem Computereinsatz in den 1990ern studiert hat usw., also in den mutmaßlich prägenden Jahren fast nur mit Büchern, Stiften, Kreide bzw. eben menschlicher Interaktion gelernt hat.

    Und so ähnlich wie beim Klimawandel sind die Folgen, die Spitzer u.a. prophezeien, so schädlich, dass man lieber vorsichtiger sein sollte. Zumal die kommerziellen Interessen an der "Digitalisierung" ja transparent sind. Aufgrund der schnellen Obsoleszenz von Computern etc. ist das eine öffentliche Unterstützung der entsprechenden Branchen auf Jahre. Und wie viele Lehrkräfte oder Psychologen für die Verhaltensgestörten könnte man stattdessen von dem Geld einstellen?!?

    Zumal 90 nun wirklich nach jedem Maßstab als gesegnetes Alter betrachtet werden muss. Demus verdient jedenfalls nicht nur als "Begleiter" wahrgenommen zu werden. Ähnlich wie Badura-Skoda war er auch ein Pionier historischer Klaviere.

    Leider ist, wie bei Pionierleistungen kaum verwunderlich, der Klang mitunter gewöhnungsbedürftig. Besonders ärgerlich ist aber, dass sehr viele dieser Aufnahmen (oft mit Mitgliedern des Collegium Aureum) nie oder schon lange nicht mehr auf CD (oder überhaupt außer auf alten LPs) erschienen sind.

    Wer auch immer die Rechte an den Eurodisc/Ariola/harmonia mundi Aufnahmen besitzt, sollte mal eine Box der Kammermusikaufnahmen des Coll. Aureum herausbringen, m.E. konkurrenzfähiger als viele ihrer Orchesteraufnahmen, die eher durch die HIP-Entwicklungen der letzten 30-40 obsolet geworden sind.


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    Gebäude wurden und werden schon immer restauriert. Die Idee eines "Originals" ist hier meistens eine realitätsferne Idealisierung. Die unschätzbaren Fensterrosetten haben es anscheinend überstanden.


    Was den Schock betrifft, ist es normal, dass Menschen unterschiedlich empfinden. Ich kann zB fast nie nachvollziehen, wie betroffen Leute sich geben, wenn ein berühmter Künstler in fortgeschrittenem Alter stirbt und frage mich dann immer, ob die erwarten, dass alle 100 werden... Oder selbst bei Popstars, die zwar jünger sind, aber schon 10-20 Jahre über ihrem Lebensstil. (Ich muss daher wohl annehmen, dass mich manche Gebäude eher tangieren als Menschen...)

    Kirchen sind numal typischerweise unter den bedeutendsten und ältesten Gebäuden der Welt. Wenn das Taj Mahal oder die Alhambra oder der Louvre brennen würde, würde mich das ähnlich schockieren (und weit mehr, als wenn morgen Mick Jagger stirbt). Gerade Nichtreligiöse sollten das "Welterbe" hoch schätzen. Sonst haben sie ja gar nichts außer den eigenen Bauch.


    Vergleiche oder Gegeneinander Ausspielen sind selten hilfreich. Dass "der Westen" den Krieg im Jemen weiter indirekt mit Waffenlieferungen unterstützt, ist eine Schande, aber das ist ja völlig unabhängig von Notre Dame (wenn man nicht mit göttlichen Strafgerichten argumentieren will...).


    Meiner Ansicht nach sollte man sich heutzutage, da einen Nachrichten von Katastrophen, Kriegen, Mißständen aus der ganzen Welt erreichen, häufiger ein Subsidiaritätsprinzip vergegenwärtigen: Erstmal sollten Probleme lokal gelöst werden, wenn es irgend möglich ist. Die Franzosen sehen zu, dass sie Notre Dame wieder aufbauen (und rauskriegen, wie so ein Desaster geschehen konnte) und die Leute auf der arabischen Halbinsel sehen zu, dass dort Frieden einkehrt. (Letzteres ist wohl leider illusorisch, aber die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte mit internat. Militäreinsätzen stimmen nicht gerade optimistisch, dass ein Eingreifen solche Krisen oder Kriege typischerweise beendet.)

    Spitzfindigkeit: Machauts "Messe de Nostre Dame" hat erstmal nichts mit Notre Dame de Paris zu tun und anders als die auf der o.g. CD enhaltenen anderen Stücke auch nichts mit der nach der Pariser Kathedrale benannten ersten historisch greifbaren Schule abendländischer Mehrstimmigkeit (Leonin, Perotin etc.), sondern wurde ca. 100-150 Jahre später für Reims komponiert (was ja sogar auf dem Cover steht).


    Schmidts Oper war mir zwar dem Namen (und durch das Intermezzo) nach bekannt, aber ich war mir tatsächlich nicht wirklich bewusst, dass sie auf dem Roman Hugos basiert. Eigentlich erstaunlich, dass es nicht noch mehr und bekanntere Opern zu diesem "Reißer" gibt.

    Dem wird jetzt mit der Digitalisierung der Schulen "entgegengewirkt" (für negative Werte von "entgegen"). Da die Konzentrationskiller sich am "freien Markt" durchgesetzt haben, müssen sie ja etwas "richtig" machen. D.h. man muss ein paar Milliarden in die Hand nehmen, damit die sich noch weiter und mit offizieller Segnung der Bildungsinstitutionen verbreiten.

    (Und die, die es sich leisten können, schicken die Kinder auf elektronikfreie Privatschulen. Honi soit qui mal y pense.)

    Ich will den Thread nicht ganz entgleisen lassen. Aber ich bin in der Zeit des Waldsterbens und Tschernobyls aufgewachsen, als überdies selbstverständlich war, dass Kinder und Teenager nicht mit dem Elterntaxi, sondern mit dem Rad in Sport, Musikunterricht, Schule gefahren sind. Als Flugreisen selbst bei wohlhabenden gutbürgerlichen Familien eine absolute Rarität waren (wir waren mindestens eine Stufe drunter und Flugreisen praktisch undenkbar). Als man gemaßregelt wurde, wenn man zu lange warmes Wasser hat laufen lassen. Als im Sommer bei Oma das Obst geerntet und eingeweckt wurde. Ich brauche keine Schulschwänzer, die mir Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit nahebringen.

    Kinder sind sehr leicht beeinflussbar ("Kinder an die Macht" ist das dümmste Lied dieses Krächzers. Kinder an der Macht gab es bei Pol Pot...). Es ist absurd, sie wesentlich über Lehrinhalte (oder gar irgendwas wesentliches) entscheiden zu lassen.


    Aber es geht ja um Kultur. Das Problem zu großer Offenheit des Musik/Kulturunterrichts gegenüber der Populärkultur ist folgendes: Es besteht einfach keine "Waffengleichheit". Fast niemand kann heute halbwegs unbeeinflusst zwischen Pop- und Hochkultur wählen. Die Populärkultur beherrscht nahezu jede Sekunde der Freizeit heutiger Menschen. Sobald man sich an "neutrale" öffentliche Orte begibt, die Startseite im Netz aufruft, eine Zeitung oder Zeitschrift aufschlägt, Fernsehen oder Radio anschaltet, wird man mit Popkultur zugedröhnt. Es stehen billionenschwere Konzerne und handfeste Interessen dahinter. Die braucht keine zusätzlichen Kanäle, um die Kinder zu erreichen. Sicher kann man manches davon auch mal im Schulunterricht behandeln. Aber wenn man die Hochkultur erhalten will, muss man sie in den Vordergrund stellen und "offensiv" an den Mann bringen.

    Naja, Kinder müssen halt noch was lernen. Man erwartet daher mit jedem Recht von ihnen, dass sie sich belehren lassen sollen. Bei Erwachsenen (von denen viele sicher auch noch viel lernen könnten) ist es zumindest weniger eindeutig, inwieweit sie sich belehren lassen sollten oder sogar müssen. Aber die Unterscheidung ist bei uns sowohl kulturell als auch legal (Schulpflicht, Geschäftsfähigkeit, Strafmündigkeit usw.) relativ gut etabliert, daher muss man m.E. nicht immer gesondert begründen, warum man Kinder als Kinder behandeln darf.

    Das Problem bei der "kulturellen Identität" ist, dass wenn das überhaupt explizit zum Thema gemacht werden muss, schon etwas "faul" ist.

    Die meisten Aspekte sollten selbstverständlich und (im Alltag) unhinterfragt sein. Platt gesagt, wenn ich überhaupt anfangen muss, zu verteidigen, dass Goethe und Beethoven usw. ein selbstverständliches kulturelles Erbe sind, bin ich schon auf der Verliererseite. Das Peinliche an der sog. "Leitkulturdebatte" ist, dass anscheinend keinem klar ist, dass man nicht äußerlich erzwingen kann, was implizit selbstverständlich sein sollte.

    Das nächste Problem ist, dass man viel scheinbar Selbstverständliches für stabil und voraussetzbar gehalten hat, während man gleichzeitig permanent daran sägt (um das nicht in einen unerwünschten Politikthread zu verwandeln, belasse ich es mal dabei).

    Wer kann denn im Ernst glauben, dass bei weitgehend gleichbleibenden oder sinkenden Mitteln und Personal man einen doppelt so hohen Schüleranteil wie vor 30 Jahren zum Abitur bringen kann, wenn die Schülerschaft gleichzeitig immer inhomogener, verhaltensauffälliger usw. wird? Das fängt in der Grundschule an. Ich bin da zwar nicht direkt dran, habe aber Lehrer in der Verwandtschaft und meinem Eindruck nach ist man heute glücklich, am Ende der 4. Klasse ein Level in vielen Dingen (sowohl beim Sozialen wie bei den schulischen Fertigkeiten) zu haben, das zu meiner Zeit um 1980 ein bis zwei Jahre früher selbstverständlich (jedenfalls bei den meisten Kindern) gewesen ist.

    D.h. sowohl Hochkultur wie höhere Mathematik scheinen da eher ein "Luxusproblem"... Was natürlich nicht heißen soll, dass das nicht weiter gelehrt und gelernt werden sollte. Wieviel "Druck"? Keine Ahnung. Viele Pädagogen würden vermutlich sagen, dass ganz unabhängig von Fach idealerweise möglichst wenig Druck ausgeübt, sondern Begeisterung geweckt werden sollte. Ohne sanften Druck geht aber in der Praxis vermutlich sehr wenig...

    Was reitet den dt. Musikrat diesen Katalog "Fuck you 1falt" zu nennen? Haben da jetzt Ghetto-Rapper die Schriftführung? Oder vermutlich eher welche, die so einen pseudocoolen Tonfall lusting finden?

    (Die in den 1980ern "bockstarke Klassiker" in "Jugendsprache" (einem von Journalisten? fabrizierten Kunstprodukt, das mit wirkliche Jugendsprache eher zufällige Gemeinsamkeiten aufwies) herausbrachten...)

    Noch mal eine Anmerkung zu den "Autoritäten". Wie soll man denn überhaupt den Stellenwert eines Kunstwerks bewerten und einorden?


    Das geht m.E. überhaupt nur, indem man den Erfolg bei Publikum und Experten und den Einfluss auf andere Kunstschaffende als Maßstab nimmt. Welcher überzeitliche "rein rationale" Bewertungsmaßstab (den es vielleicht in der Physik geben mag, wobei jeder, der sich nur ein bißchen mit Wissenschaftsgeschichte befasst hat, da skeptisch werden wird) sollte denn in Konkurrenz zu den unterschiedlichen "Autoritäten" treten? Die Relevanz eines Kunstwerks ist nunmal kaum ganz unabhängig vom kulturell-geschichtlichen Kontext zu fassen. Für diesen Kontext sind aber auch die Autoritäten maßgeblich. Daher sind die Autoritäten eben keine "Abkürzung" oder Vermeidung einer besseren alternativen Begründung.

    Bleiben wir doch mal bei simplen empirischen Fakten, die auch bei völliger Betriebsblindheit gegenüber unterschiedlichen wissenschaftlichen oder anderweitig wissensgewinnenden Methoden kaum strittig sein dürften.


    - Die Zauberflöte ist seit der Premiere praktisch durchgehend im Repertoire. Vielen ist evtl. nicht klar, wie außergewöhnlich das ist. Es gibt vor Mozarts Figaro kaum eine Oper, auf die das zutrifft. Nur Gluck mit Einschränkungen, weil keines seiner Werke heute noch annähernd die Präsenz der Opern Mozarts hat (und wohl auch im 19. Jhd. nicht hatte). Die vorhergehende Opera seria wurde völlig vergessen. Bachs Chorwerke über Jahrzehnte irrelevant (ein paar von Händels haben, freilich meist in starker Bearbeitung, sich ebenfalls durchweg gehalten).

    Selbst von Mozarts Opern ist etwa Cosi fan tutte fast im gesamten 19. Jhd. verworfen worden, weil das Sujet nicht mehr "ging". Das scheinbar alberne Märchen Schikaneders hat dagegen funktioniert, selbst in ganz anderen Zeiten und Kontexten.


    - Wenn die Musik und generelle Machart der Zauberflöte einem simplen Singspielschema folgen bzw. sich in dem erschöpfen würde, wäre dieser Erfolg sehr rätselhaft. Alle anderen Singspiele von Rousseau bis Reichardt waren im wesentlichen Eintagsfliegen (was, wie gesagt, in der Oper der historische Normalfall gewesen ist, auch in Werken wie Rameaus oder Händels, die wir heute weit über Rousseau u.ä. stellen). Es ist außerdem anhand der Musik völlig klar, dass sie weit über das Singspiel hinausgeht, sondern, wie oben schon an Beispielen ausgeführt, nahezu alle Musiktheatergattungen (und sogar eine Art Sakralmusik) ihrer Zeit einbindet. Das ist noch kein absolutes Qualitätsmerkmal, aber die "Integrationskraft" Mozarts, die sich ja auch darin zeigt, dass dem "naiven" Hörer die stilistische Vielfalt kaum bewusst wird, ist erstmal anzuerkennen. Es besteht hier auch ein klarer Vorbildcharakter, besonders für Beethovens Fidelio und seine 9. Sinfonie, die ebenfalls "triviale Marschmusik" und erhabene Quasi-Sakrale, opernhafte Kadenzen ("wo dein sanfter Flügel weilt" in der Coda) sowie gelehrte Fugen in EINEN Zusammenhang bringt. (Wiederum natürlich im Kontext des universalistischen Textes, der das gesamte Universum einbindet (Würmer, Gestirne, Engel.)


    - Man findet immer irgendeinen Kritiker, der auch an breit anerkannten und einflussreichen Meisterwerken etwas auszusetzen hat (zB Nabokov über Dostojewskij). Insgesamt dominiert aber bei der Zauberflöte die positive Resonanz. Und wenn man das eh alles für subjektives Geschwätz hält (keine geometrische Demonstration, nicht mit der Schieblehre messbar!), warum sollte man Nägelis Kritik ernster nehmen als Goethes Begeisterung?

    D.h. wenn man überhaupt mit Expertenmeinungen gehen will, dann doch wohl eher mit Goethe, Herder, Beethoven, Assmann usw. als mit Nägeli und Dr. Ing. Bachianer? Der Punkt beim Hinweis auf Expertenmeinungen ist doch nicht, dass die ex cathedra die absolute Wahrheit verkündigen. Sondern dass man vielleicht ein bißchen stutzig werden sollte, wenn der große Dichterfürst ein banales Märchen einer Fortsetzung für würdig hält.

    Die Variationen in op.111 sind in gewisser Weise "radikaler", da sie das Verkleinerungsprinzip + Rhythmik ins Extrem treiben. Es gibt von Ch. Rosen einen Aufsatz mit dem Titel "Radical conventional Mozart". Das passt ein bißchen auf op.111: Konventionelle Prinzipien wie die Auflösung in immer kleinere Notenwerte auf die Spitze getrieben (und so ähnlich könnte man auch beim Kopfsatz sagen, dass dort für Beethoven paradigmatische c-moll-Gesten und -affekte, also etwas "Konventionelles" radikalisiert werden).

    Das vorliegende Werk ist unkonventioneller, aber vielleicht nicht ganz so zugespitzt. Jedenfalls kann es bei einem von vornherein so unkonventionellen Stück die besagte Spannung so nicht geben. Die Variationen sind (abgesehen davon, dass sie natürlich pianistischer sind) eher wie in den späten Quartetten op.127 und 131 mit teils abrupten "Stimmungswechseln" und "scherzando"-Variationen. Die 3. Var. Allegro Vivace ist für manchen vielleicht ein "Stimmungskiller".

    Ja, der Variationensatz steht meinem Eindruck nach ein bißchen im Schatten der Arietta aus op.111, obwohl er viel schöner ist. Es gibt die Vermutung, dass es sich bei den Variationen um eine kleine Hommage an die Goldberg-Variationen handeln könnte. Das Thema ähnelt ebenfalls einer Sarabande, es gibt ein wörtliches Dacapo am Ende und die Abwechslung der Reihe mit unterschiedlichen Charakteren und Tempi, dazu die dritte Variation nach Art einer zweistimmigen Invention und die 5. mit Fugato wären weitere Indizien. (Es ist allerdings wohl keine so offensichtliche Reverenz wie zB. die 31. Diabelli <- 25. Goldbergvariation.)

    Die ersten beiden Sätze liebe ich auch sehr. Das Erstaunliche an dem Stück ist auch, dass es ungeachtet der scheinbar außerordentlichen Satzfolge (vgl. oben zum ersten Satz) ganz "natürlich" wirkt.

    Die Zauberflöte verbindet und zwar auf eine so gelungene Weise, dass es dem "naiven Betrachter" kaum aufstößt und ungeachtet der Disparartheit so erfolgreich, dass das Werk nie "wiederentdeckt" werden musste (verglichen mit viel Bach und allen seinen Söhnen, Schülern und Enkelschülern, die bis heute die durch Mozart verdorbenen Hörer kaum interessieren), sehr unterschiedliche stilistische Merkmale:


    - populäre Vorstadtkomödie (hauptsächlich Papageno)

    - Singspiel und Opera buffa (Monostatos, allg. Ensemble-Stil)

    - Opera seria (Königin der Nacht)

    - quasi-sakraler "ernster Stil" mit (Priesterchöre, Szene der Geharnischten (Choralvorspiel))

    - Freimaurerelemente (Drei Akkorde, Knaben, Proben)


    Diese Elemente kommen manchmal relativ "rein" vor, wie bei den genannten Beispielen. Die Hauptpersonen wie Tamino, Pamina, Sarastro sind aber nicht so klar einzuordnen. Man kann die sicher auch die stilistische Landschaft des späten 18. Jhds. einordnen, aber ich würde sagen, dass Mozart gerade hier in Stücken wie der Bildnis- oder der Hallenarie den Stil der deutschen Oper des frühen 19. Jhds., also Beethoven und Weber vorprägt. (Bei Harry Goldschmidt? (oder jedenfalls in meinen alten DDR-Musikführern) steht bei Beethoven oft der Ausdruck "Humanitätsmelos". Das ist natürlich auch nur ein Wort. Aber die Idee ist wohl eine Kombination von Erhabenheit und Einfachheit, die eine Art nichtreligiöse Andacht hervorrufen, sozusagen die aufklärerische-säkulare Ersetzung geistlicher Musik.)


    Die Ouverture als Bach-Kopie ist natürlich absurd. (Mozart konnte solche "Pastiches", die wie in einigen Sätzen der c-moll-Messe sehr eng am Barockstil sind). Ein Fugato ist nun nichts, wofür man vom WTK abschreiben müsste. Das ohnehin floskelhafte Haupthema findet sich angeblich auch in einer Clementi-Sonate. Der Witz ist hier wiederum die Kombination der würdevoll-symbolischen "Drei Akkorde" und im Hauptteil des "gelehrten" mit dem Buffa-Stil. Keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal, es findet sich so ähnlich in der Cosi-Ouverture, in der Prager und Jupiter-Sinfonie. Allerdings wie auch im "Schauspieldirektor" ein eigentlich "zu gewichtiges" Stück für eine simple Komödie (was die Zauberflöte ja auch nicht ist, erst von Ignoranten 200 Jahre später wird sie so wahrgenommen, aber von kaum einem Zeitgenossen).

    Die Zauberflöte ist so ein Mist, dass der größte deutsche Dichter eine Fortsetzung dafür skizziert hat. Vermutlich war er besoffen...


    Mozarts "Satztechnik" ist den meisten Komponisten sowohl seiner Zeit wie auch des 19. Jhds. überlegen und wurde von nahezu allen späteren Komponisten studiert und bewundert. Es gibt eine Anekdote, wonach der junge Zemlinsky dem alten Brahms ein Kammermusikwerk, an dem er arbeitete, zeigte und Brahms war mit einigem nicht zufrieden, schlug ein Streichquintett Mozart auf, wies auf die Stimmführung in einer Passage und sagte: "Sehen Sie, so macht man das, von Mozart bis zu mir."

    Nein. Und genau das ist es, was mich an dieser Neuproduktion ärgert und weshalb ich nicht vor habe, sie zu besuchen. An der Komischen Oper Belrin bekam man 2002 vor der Pauser die "Florentinische Tragödie" und nach der Pause den "Zwerg".

    Die habe ich etwas später (könnte so 2003-04 gewesen sein?) gesehen. Hat mir damals zwar gut gefallen, allerdings muss ich zugeben, dass mir der "Zwerg" nach der Pause doch ein wenig lang wurde. Das mag sicher auch daran gelegen haben, dass ich keines der Stücke vorher kannte, aber die Florentinische Tragödie ist ein sehr kompaktes und intensives Stück, da ist es einfach auch als Hörer ein bißchen schwierig, sich danach mit gleicher Konzentration auf ein Neues einzulassen.

    Obwohl ich knapp anderthalb Stunden auch etwas dürftig für einen Opernabend finde, kann ich daher verstehen, dass man den "Zwerg" mal allein zur Geltung kommen lassen möchte.

    (Die Kombination mit Schönbergs kurzem Instrumentalstück wage ich nicht zu beurteilen; ich habe im Radio eine Rezension gehört, die das weniger überzeugend fand und meinte, wenn schon, dann sollte man eben wirklich nur "Der Zwerg" aufführen.)

    Von selbst passiert zwar manches, aber nicht besonders viel und meistens das Falsche... :D


    V.a. und da bin ich leider Kulturpessimist, hat man halt nicht "mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen" (Eph. 6,12)


    Oder etwas gröber: Der Mist, egal ob von MTV, McD***lds usw. wird mit Millionenbudgets und viel fehlallozierter Intelligenz massiv beworben, dabei gerade auch mit Kindern im Blick usw., so dass man auf ganz vielen Gebieten erstmal davon ausgehen muss, gegen den Strom rudern zu müssen. Wenn man nichts macht, gewinnen MTV, Xbox, Milchschnitte und McD etc. Und dieser "Geist" ist ja viel subtiler gegenwärtig, vgl. etwas "Digitalisierung" der Schulen, eine Maßnahme, die zahlreiche Pädagogen und Hirnforscher für eine katastrophale Fehlentscheidung halten (Stimmen dazu kann man sich ergooglen, ich will den Thread nicht ganz zum Entgleisen bringen). Aber ein paar "Leistungsträger" werden da sehr gut dran verdienen und die Politiker können sich eine Bildungsmaßnahme auf die Fahnen schreiben.

    Zum ersten Absatz gibt es natürlich Statistiken. Da habe ich zwar nun keine aktuellen nachgeschlagen, meine mich aber aus ähnlichen Debatten in der Vergangenheit zu erinnern, dass sich da in den letzten Jahrzehnten nicht so viel verändert hat. Außer dass natürlich mehr Schlagzeug, E-gitarre usw. dazugekommen ist. (Nicht ganz dasselbe, aber aber auf präprofessionellem Niveau hat "Jugend musiziert" anscheinend überhaupt keine Nachwuchsprobleme). (Die 70% sind ohne Basis, es geht ja ums Prinzip, ob das nun 60 oder 85% sind, ist zweitrangig.)


    Der Rest ist eher anekdotisch. Ich habe/hatte Bekannte und Freunde mit (semi)professioneller Musikausbildung. Fast alle davon haben/hatten mehr Interesse am Musikmachen als am Musikhören. Kaum einer hatte etwa eine CD-Sammlung, die mit meiner vergleichbar gewesen wäre oder ist gar Operninszenierungen hinterhergereist. Und ein paar Jahre Instrumentalunterricht in der Kindheit und Jugend hatte zu meiner Schulzeit in den 1980ern beinahe jeder ab kleinbürgerlichem Hintergrund. Also keineswegs nur die Professorentöchterchen. Das Interesse an klassischer Musik war aber damals auch schon überschaubar, wenn auch in dem entsprechenden Umfeld sicher höher als im Gesamtdurchschnitt und vermutlich auch etwas höher als heute.

    Das relativ geringe Interesse an Musik außerhalb des eigenen Instruments ist ebenfalls anekdotisch, ebenfalls von einzelnen Aussagen von Musikern und Studenten.

    Meines Wissens war etwa in Deutschland (meist privater) Instrumentalunterricht (davon nicht alles, aber natürlich sehr viel "klassisch") schon lange recht stabil, ist jedenfalls nicht geschrumpft. Das ist aber natürlich einerseits sehr eng an die Eltern (deren eigene Vorlieben oder jedenfalls sozioökonomischen Status) gekoppelt und bringt daher den 70% oder so, die auf den oft erbärmlichen Musikunterricht öffentlicher Schulen angewiesen sind, relativ wenig. Andererseits korreliert Instrumentalunterricht auch nicht so stark damit, als Hörer Klassik zu bevorzugen oder Opern zu besuchen, wie man erwarten würde.


    Natürlich gibt es immer Ausnahmen und mancher mag durch Instrumentaluntericht zum (hörenden) Klassikfreund werden. Ich habe aber mehrfach schon gehört, dass selbst auf den Musikhochschulen erstaunlich viele Instrumentalisten wenig Interesse an klassischer Musik jenseits ihres Instruments haben. Also grob gesagt: Der Trompetenstudent hat häufig (oder sogar typischerweise) nahezu Null Interesse an Chopin, Skrjabins oder Schumanns Klaviermusik und auch nicht an Beethoven-Quartetten.

    Selbstverständlich haben Musik/Instrumentalstudierende mehr (passives) Klassikinteresse als der Durchschnitt. Aber eben nicht so viel, wie man erwarten könnte.

    Es gibt eine anscheinend ältere Decca-CD-Ausgabe, die könnte der ursprgl. LP entsprechen, und hat den Scarlatti und Soler ohne Händel. Der Händel (E-Dur-Suite) stammt vermutlich aus einem gemischten Recital (1987 aufg.) Soler hat sie etwa genauso viele (aber nicht exakt dieselben) Sonaten schon in der Hispavox/EMI in dern 1960ern aufgenommen, also auch nicht wesentlich mehr.

    Die Es-Dur-Sinfonie ist offenbar eine Hommage an Mozarts Es.Dur KV 543. (Ich dachte, ich hätte davon eine CD, finde aber gerade nichts...) Ich kenne zwar sonst nur noch das Klaviertrio E-Dur, aber insgesamt scheint mir Hoffmann Mozart noch näher als Beethoven zu stehen. Das Trio gibt es mit dem Trio Jean Paul (moderne Instrumente + Beethoven) bei Ars Musici.

    Auch Intercord und Hänssler sind zwar keine Majors, aber auch keine grauen oder Billig-Label. Mal ganz abgesehen davon, dass musikhistorisch ziemlich sicher bleibender ist, die Uraufführung der "Soldaten" dirigiert zu haben, als viele blanke Scheiben bei einem Premium Label. Da kann man ja oft heute, 50 Jahre später, schon sehen, wie viel oder wenig von manchen übriggeblieben ist.

    Etwa in der Mitte des Gesprächs wird leider von Moderator und Dirigent eine Falschaussage getroffen: Wellingtons Sieg war nicht das Stück zum Wiener Kongress, sondern vorher. Das Stück zum Kongress war die Kantate "Der glorreiche Augenblick".


    Die beiden Hauptstationen Gielens waren die Frankfurter Oper von 1977-87 und danach beim Südwestfunk (bis 1999).

    "Gleichzeitig war er von 1978 bis 1981 Erster Gastdirigent des BBC Symphony Orchestra in London, dessen Ehrendirigent er seitdem war, und von 1980 bis 1986 Leiter des Cincinnati Symphony Orchestra." https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Gielen


    In Frankfurt entstanden anscheinend kaum/keine Aufnahmen. Es gab bei Sony einen klanglich problematischen Live-Mitschnitt von Mahlers 8. (Neueröffnung der Alten Oper). Aus Cincinnati gab es eine der ersten "schnellen" Aufnahmen der Eroica (leider etwas trocken geraten, habe die vor ewigen Zeiten mal bei einem Freund gehört).


    Beim SWF/SWR enstanden zahlreiche Aufnahmen, die auch bei Intercord und teilweise EMI auf CD erschienen. Später bei Hänssler. Schon vor den SWR-Boxen der letzten Jahre, in denen noch mehr Ausgrabungen enhalten sind, gab es (wenn auch oft nicht leicht zu finden, da manchmal vergriffen) alle Beethoven-, Brahms- und Mahler-Sinfonien, sowie Bruckners 3-9. Außerdem Schuberts C-Dur, Tschaikowsky 6., einige Mozart- und Haydn-Sinfonien, sogar Bachs Magnificat, Beethovens Missa solemnis und Janaceks Glagolitische Messe. Das sind zwar mit dem SWF produzierte Aufnahmen, die aber seit den 1990ern ganz normal als CDs erschienen waren.

    Abgesehen davon war Gielen schon in gewisser Weise ein Spezialist für Zweite Wiener Schule und Neue Musik. Premiere von Zimmermanns "Die Soldaten", eine der verbreiteteren Einspielungen von "Moses und Aron", Schönbergs Klavierkonzert mit Brendel usw. Bei den Einzelausgaben der Mahlersinfonien auf Hänssler sind oft moderne Werke als "Füller" dabei.

    Es gibt noch eine etwas prominenter besetzte Einspielung, die ich besitze, sie ist aber anscheinend vergriffen. Es ist ein ziemlich seltsames Stück; ich habe es letztes Jahr oder so mal wieder gehört, weil ich überlegte, die CD vielleicht auszusortieren, sie dann aber doch wieder zurück ins Regal gestellt.


    Die Aufnahme der 4. Sinfonie von Felix Mendelssohn-BArtholdy war richtig gut. Nun die Nr. 5, die Reformationssinfonie. So richtig bewusst habe ich sie noch nicht gehört und entdecke gerade zu meinem Erstaunen den Chroral "Ein feste Burg ist unser Gott" und Parisfal-Zitate. Hier dürfte wohl klar sein, wer da von wem abgekupfert hat (Wagner hat sich ja auch bei der "Schönen Melusine" für sein "Rheingold-Vorspiel" bedient). Hier also das Mendelssohnsche Original, auch hier wunderbar von den Bostonern und Charles Munch gespielt.



    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Fairerweise muss man sagen, dass das Motiv, das sowohl an Anfang der "Reformationssinfonie" als auch im Parsifal vorkommt, nicht von Mendelssohn stammt, sondern als "Dresdner Amen" aus der Reformationszeit? oder noch älter ist.

    Klar, aber die Stücke der Grand Opéra, die bis ins frühe 20. Jhd. verbreitet waren (Meyerbeer, Halevy etc.) hatten sich ja auch für Jahrzehnte gegenüber anderen durchgesetzt.

    Wir haben da ja schon etliche Threads dazu; es ist immer irgendwie zu erklären, aber meist nicht zwingend. "Verschwörungstheorien" sollte man m.E. aber als letztes bemühen. Das Phänomen scheint in der Oper deutlicher ausgeprägt, aber vielleicht liegt das auch nur daran, dass hier die Fans der anscheinend obsolet gewordenen Werke stärker enttäuscht sind. Mir fällt allerdings in der Instrumentalmusik spontan kein (größeres) Werk ein, dass in den 1950er-60ern zum Standard gehört hätte und seither nahezu verschwunden ist.

    Es ist ganz normal, dass manche Stücke aus dem Repertoire herausfallen. Die Gründe dafür scheinen vielfältig und ganz unterschiedlich zu sein. Ich kenne dieses Stück nicht, aber vor knapp zwei Jahren habe ich den "Barbier von Bagdad" (40 Jahre älter, daher wohl doch stilistisch und überhaupt recht anders als Kienzl) gesehen und mich eher gewundert, dass das Stück überhaupt jemals beliebt war. Fast kein Stück ist ganz ohne Meriten und es gibt normalerweise sowohl gute Gründe dafür, dass es mal populär war, aber ebenso auch dafür, warum es wieder verschwindet. Mehr als ab und zu mal einen Versuch zu wagen, ob es wieder geht, kann man nicht machen. Und obwohl ich manche Vorbehalte ggü. dem sog. Regietheater verstehen kann, bieten dessen Freiheiten m.E. gerade bei "verschwundenen" eher neue Chancen. Jedenfalls im Prinzip, wie gesagt, manches ist einfach heute nicht mehr attraktiv. Das kann sich auch wieder ändern. Niemand hätte um 1900 Händel-Opern eine Chance auf ein Comeback eingeräumt und selbst die Bemühungen bei den Festspielen ab den 1920ern haben erstmal nicht viel gefruchtet. In den letzten 30 Jahren hat sich das dann geändert, warum auch immer.