Beiträge von Johannes Roehl

    Schade dass Svjatoslav Richter zu früh gestorben ist, um sich im Tamino-Klassikforum über die richtigen Tempi bei Schubert zu informieren. Er hätte dann zweifellos auf seine falschen verzichtet.

    Ich glaube nicht, dass irgendein Dirigent bspw. die Große C-Dur Sinfonie auch nur annähernd so langsam dirigiert hat, wie Richter u.a. in seiner Nachfolge einige Sonatensätze spielen. Das hat schon auch was mit den konkreten Stücken zu tun. Die Sonatensätze, die ultralangsam gespielt werden, hauptsächlich die jeweils ersten von D 894 und 960 sind ja auch ziemlich anders als der Kopfsatz der Sinfonie.

    Schubert ist halt auch in der 9. (wie in den frühen) sehr "flächig", besonders in den schnellen Sätzen. Noch viel mehr natürlich in den früheren, die Unvollendete würde ich ein wenig ausnehmen, aber auch hier zeigt das "Motto" am Anfang im Bass, das in ganzen Takten geht, dass man nicht zu sehr schleppen sollte. (Ein Satz, bei dem viele Interpreten m.E. ein unplausibel breites Tempo nehmen, weil sie nicht die nächstgrößere Einheit als Maß nehmen, ist das Finale der 6.)

    Grob kann man sagen, dass die Große C-Dur als Vorbild Beethovens 7. nimmt, aber in den Ecksätzen mit noch einfacheren, manchmal obsessiv wiederholten, kleinen, oft rhythmisch bestimmten Motiven arbeitet. Die Beethovensinfonien, jedenfalls zB Eroica, Pastorale, 9. vertragen m.E. eher breitere Tempi, weil da einfach "mehr passiert". Die Musik ist nicht so breitflächig angelegt. Andererseits ist Beethoven meistens auch dramatischer, daher passen auch schnelle Tempi.

    Bei Schubert gibt es m.E. schon einige Sätze, wie etwa das Finale der 9. (noch mehr die Finali der Quartette d-moll und G-Dur), die "gehetzt", atemlos wirken können/sollen. Vieles andere scheint mir aber besser als "flüssig statt hektisch", zB der Kopfsatz der 9. Zu breit kann aber auch tödlich sein.

    Ich habe vermutlich schon ein paar mal geschrieben, dass ich die 9. für ein sehr schwierig zu treffendes Werk halte.

    Falls das die ähnlich gestaltete Ausgabe ist wie meine, ich habe nicht Poppea mit Jacobs/hm, aber Ulisse und evtl. Marienvesper in dieser Aufmachung als festes Buch mit den CDs in Papphüllen, ist die dt. Übers. dabei.

    In einem Musik-Konzepte Band zu Schubert (s.u.) hat Leibowitz in einem Text aus den 1950ern? sich zu Schuberts Sinfonien, besonders auch den frühen geäußert (ebenso zum Grand Duo bzw. dessen Orchestrierung als Sinfonie). Es geht da auch viel um Tempi und wenn ich recht erinnere, argumentiert Leibowitz dafür, dass sehr viele der schnellen Sätze in größeren Einheiten, also ganzen Takten zu verstehen sind (wie offensichtlich beim Finale der 9. ebenfalls), was zu sehr zügigen Tempi führen kann. AFAIK hat Leibowitz aber keine frühere Sinfonie aufgenommen.

    Mir ist Leibowitz (soweit ich erinnere) auch zu schnell und zu "drahtig". Am nächsten von neueren mir bekannten kommt dem vermutlich Bruno Weils Einspielung auf alten Instrumenten (Sony Vivarte)

    Ich bin aber nicht auf dem Laufenden, was neuere Einspielungen betrifft. Da kann es in den letzten 20 Jahren nochmal drei ähnlich flotte HIP-nahe Aufnahmen gegeben haben.

    Meine Favoriten sind ältere, Furtwängler live auf den 1940ern (dagegen weniger die berühmte Studioaufnahme von 1951) und Charles Munch/Boston.



    Autor/in: Metzger, Heinz-Klaus und Rainer Riehn (Hrsg.)
    Titel:

    Franz Schubert. Musik-Konzepte. Sonderband.

    ISBN:

    3883770191

    (ISBN-13: 9783883770192)
    Zustand: gebraucht; sehr gut
    Verlag:

    München: Edition Text und Kritik

    Gewicht: 550 g
    Sprache: Deutsch
    Beschreibung: 305 Seiten. Originalbroschur.
    Gebraucht, aber gut erhalten. - Inhalt: Frank Wolff, Schubert kaputt? Über die Schwierigkeiten, seine Musik noch zu hören -- Walther Dürr, Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen? Gedanken über die Beziehungen Schuberts zu Beethoven -- Ulrich Dibelius, Ein Musiker der Unöffentlichkeit. Schubert und das soziale Klima seiner Klang-Erfindung -- Franz Liszt, Schuberts Alfons und Estrella -- Eduard Birnbaum, Franz Schubert als Synagogen-Komponist. Ein Gedenkblatt zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages -- Dieter Schnebel, Auf der Suche nach der befreiten Zeit. Erster Versuch über Schubert -- Dieter Schnebel, Klangräume - Zeitklänge. Zweiter Versuch über Schubert -- Peter Gülke, Zum Bilde des späten Schubert. Vorwiegend analytische Betrachtungen zum Streichquintett op. 163 -- René Leibowitz, Tempo und Charakter in Schuberts Symphonien -- Peter Gülke, Neue Beiträge zur Kenntnis des Sinfonikers Schubert. Die Fragmente D 615, D 708 A und D 936 A -- René Leibowitz, Eine verlorene Symphonie Schuberts -- Norbert Nagler, Reflexionen zum Klischeedenken in der gegenwärtigen Schubert-Literatur -- Rudolf Frisius, Strukturelles bei Schubert -- Leo Karl Gerhartz / Hartmut Höll / Helmuth Rilling / Frieder Reininghaus / Manfred Wagner / Frank Wolff, Schubert-Rätsel -- Rainer Riehn, Werkverzeichnis. ISBN 3883770191

    Die Klavierkonzerte sind beide eigentlich überhaupt nicht schräg, die würde ich dem Einsteiger empfehlen (obwohl ich das zweite nicht mag). Noch mehr das 1. Violinkonzert, das ist zugänglich und sehr ausdrucksstark. (Die Cellokonzerte dagegen spät, eher distanziert und schwierig). Letztlich höre ich vermutlich am häufigsten die Kammermusik, besonders Klaviertrio (Nr. 2), Quintett und Streichquartette (mit 3, 5, 8 oder 9 beginnen). Von den Sinfonien sind mir die meisten zu lang, selbst die beiden vielleicht besten, #4 und #8, zu anstrengend. 1, 5, 9, evtl. 11 (für Film- und Programmmusikfreunde) würde ich wohl von den Sinfonien als erstes nahelegen.

    Positiv und für mich eher Proto- oder "Früh-HIP" sind dagegen für mich zB die Bach-Aufnahmen unter Raymond Leppard. Für mich nicht nur aus historischen Gründen, sondern einfach so gut anhörbare Bach-Lesarten. (Bei der h-moll-Flötensuite bevorzuge ich allerdings Solo-Besetzung, der folgen aber auch nicht alle HIP-Aufnahmen.) Eine eher unübliche kreative Abweichung ist die Einfügung eines langsamen Satzes in das 3. Brandenburgische Konzert (auf der Basis eines Kammermusiksatzes).


    (Ich habe die preiswerte Box unten oder eine Variante davon, aber es gab das alles in unterschiedlichen Kombinationen einzeln auf CD, bei den Violinkonzerten mit Grumiaux ist evtl. die spätere Aufnahme attraktiver, weil das Doppelkonzert dabei ist, das hier leider fehlt)


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    Tatsächlich habe ich die von Harty (und evtl. obendrauf noch von Szell?) bearbeiteten Wasser- und Feuerwerksmusiksuiten bei mir gefunden. Solche Fassungen lassen einen verstehen, warum selbst Maazel vor knapp 60 Jahren beinahe als Quasi-HIP aufgefasst werden kann, sicher jedenfalls Richter, Wenzinger, Leppard u.a. Die ohnehin extrovertierten blechdominierten Sätze, sind bei Szell ganz o.k. Keine Ahnung, warum La rejouissance ganz gestrichen ist, vielleicht weil zu ähnlich der Ouverture. Siciliano/La paix streicherdominiert und schmalzig, gefällt mir überhaupt nicht. Die "Wassermusik" ist, wie schon mal geschrieben, höchstens ein Drittel des heute in den üblichen drei Suiten (oder eben anders sortiert) präsentierten Materials. Die "langsamen" Sätze wirken einigermaßen grotesk, weil diese Stücke nach heutigem Verständnis gar nicht langsam sind, mindestens einer davon wird inzwischen als Tanz gespielt.

    Dem Verschwinden dieser Fassungen weine ich keine Träne nach. Die Mozartsinfonie 34 auf derselben CD is ausgezeichnet, aber dass überhaupt jemand sich für Händel in diesen "viktorianischen" Gewändern interessiert hat, wundert mich beinahe.



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    Boulez hat, glaube ich, die Wassermusik sogar zweimal aufgenommen, einmal schon in den frühen 1960ern und dann in New York, auch zusammen mit mindestens einem der doppelchörigen Concerti. (Ich vermute, dass Boulez in New York Konzerte mit unterschiedlichen "Raumklang" oder mehrchörigen Stücken von Renaissance bis Moderne gemacht hat.) War mir auch zu "cool".

    Ein Problem bei der "Wassermusik" ist, dass das eher eine Anthologie ist; selbst die Ordnung nach Tonarten in drei Suiten ist strittig und es gibt einige Aufnahmen, die die Stücke neu sortieren und als eine sehr lange Suite spielen (zB Tafelmusik/Sony, vielleicht mein HIP-Favorit).

    Die Feuerwerksmusik funktioniert m.E. relativ besser mit modernem Orchester, u.a. weil etliche HIP-Aufnahmen einfach zu "klein" klingen. Mein Favorit ist Leppard, mit ausreichend Bombast aber keiner Bearbeitung/Kürzung wie in einigen älteren Aufnahmen).

    Ich fürchte, um jemanden zu motivieren, sich etwa die in #5 oder #10 angeführten, seit Jahrzehnten vergriffenen und nie auf CD erschienenen LPs zuzulegen, müsstet ihr ein bißchen eloquenter trommeln...

    Daher halte ich meinen Vorschlag, nicht nur schöne alte Cover zu zeigen, sondern ein bißchen Realitätssinn walten zu lassen, für durchaus angebracht. Außerdem war es ja als Frage formuliert, da ich im Prinzip auch nichts gegen 60 Jahre alte Coverabbildungen habe.

    Ich fürchte halt, dass ein Focus auf 60 Jahre alte LP-Cover mehr von den überflüssigen Meta-Kommentaren a la Pingel provoziert und weniger ein Gespräch über Aufnahmen, die sich tatsächlich mehr als einer hier vor weniger als 30 Jahren mal angehört hat ;)

    Mir ist der Zweck dieses Threads nicht so ganz klar. Soll es

    a) eine Parade von alten Covern sein, um zu sehen, was es alles so gibt/gab

    oder

    b) Einspielungen nennen, die mindestens, aber vielleicht nicht nur historischen Wert besitzen und die dem heutigen Hörer daher empfohlen werden und vielleicht auch kurz sagen, warum, angesichts neuerer Konkurrenz aus 50 oder gar 70 Jahren?


    Ich habe bisher ein bißchen den Eindruck, dass es etwas durcheinander geht und würde anregen, um es einigermaßen übersichtlich zu halten, sich mehr auf b) zu konzentrieren.


    Und sollte das Alter überhaupt eine Rolle spielen? (Laut Titel wäre das eigentlich egal) Zwar dürften viele der Interpretationen auf modernen Instrumenten der letzten 30 Jahre mindestens ein wenig HIP-beeinflusst sein, aber es gibt ja, besonders bei Bach oder Scarlatti auf dem Klavier sicher etliche recht neue, die sich kaum um historisierende Praxis scheren...

    Das hübsche g-moll Menuett hat in der B-Dur-Suite nix verloren. Zwar entspricht das dem Text, aber mich wundert, dass Borgstede das noch so spielt. Pinnock auf DG Archiv (in den 80ern oder so) schon nicht mehr. Man darf natürlich alles. Händel und seine Zeitgenossen haben geklaut, umgearbeitet, zusammengeworfen, wie es ihnen passte. Hier (also HWV 434 bzw. die gesamte 1733 Sammlung) hat wohl zumindest teilweise der Verleger die Stücke zusammengestellt.

    Das 1720 set hatte Händel ja selbst veröffentlicht, nachdem unautorisierte Drucke seiner Tastenmusik in England erschienen waren. Die Stücke selbst stammen wohl zum Teil, zumindest in Erstfassungen noch aus Händels Hamburger Zeit, einige aus Italien, wie die berühmte 2. Suite F-Dur, vermutlich eines der ersten Werke für Cembalo, das dem Kirchensonatenschema folgt. Hat Händel anscheinend so nie wiederholt und auch bei Bach findet sich das meines Wissens nur in Bearbeitungen (etwa einer der Violinsonaten).

    Wenn man ein "Landowska-Cembalo" in besserem Klang hören, empfiehlt sich diese CD eines ihrer Schüler, Paul Wolfe (er hat mehr aufgenommen, aber wenig wurde auf CD herausgebracht)


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    Es gab halt zahlreich (Vor)Stufen. Interesse an alten Instrumenten wie Cembalo, Blockflöte, Gambe etwa schon zu Beginn des 20. Jhds. In den 40ern und 50ern war Landowska mit einem Cembalo, das wir heute eher als unhistorisches Monstrum sehen, "HIP", während andere Bach auf dem Klavier spielten. Bzw. war es "HIP" überhaupt den originalen Text und nicht Fassungen von Liszt, Busoni, Uminstrumentierungen der Oratorien etc. zu präsentieren.

    Selbst als ich als Teenager ca. 1987 begann, klassische Musik zu hören, waren alte Instrumente meiner Erinnerung nach noch leicht exotisch (definitiv bei allem nach Barock). Selbst wenn damals die ersten entsprechenden Aufnahmen schon fast 30 Jahre alt waren und ziemlich sicher die meisten Neuaufnahmen historisierend waren, dominierte meinem Eindruck nach bei vielen Hörern Einspielungen, die zwar Kammerorchester und Cembalo, vereinzelt vielleicht auch Blockflöten, aber doch moderne Instrumente verwendeten, also zB Richter, Marriner, Leppard, I Musici, die Bachaufnahmen aus der damaligen DDR usw.

    Na, dann höre ich da doch gleich mal rein, denn das F-Dur-Konzert mag ich sehr. Über den Fetzen bei jpc hinaus fiel mir ein, dass mein Abo beim Streamingdienst ja auch auf dem Rechner auf dem Schreibtisch funktioniert... Läuft!

    Das klingt gut, sehr schön gespielt. Knackig, rhythmisch etwas zackiger als z.B. Böhm und Pollini.

    Pollini/Böhm war meine erste Aufnahme dieses Konzerts (sowie des A-Dur KV 488), daher sentimental favorite, aber dort ist es schon ein bißchen zu sehr marmornes Denkmal... Zumal der Kopfsatz des F-Dur sogar alla breve Vorzeichnung hat, der sollte einen Tick schneller gehen als bei den vorhergenden KV 453, 456 mit ähnlichem punktierten Rhythmus. Weiß nicht, ob die Streamer die haben, aber meine Favoriten sind hier Kocsis (auch Dir.) und Peter Serkin/Schneider.

    Ich bevorzuge "HIP" bis zur Wiener Klassik, dann eher moderne Instrumente. Ich könnte aber mit etlichen mir bekannten "Prä-HIP"-Aufnahmen mit modernen Instrumenten ziemlich gut leben, zB Leppards Bach-Konzerte und -suiten. (Manches geht aber sehr schlecht, zB moderne Flöte + ahistorischem Cembalo)

    Und Bachs "Clavierwerke" bevorzuge ich meistens auf dem modernen Klavier, andere Barockmusik eher auf dem Cembalo; Clavichord klingt für mich auf Aufnahmen meistens furchtbar, sehr schön dagegen (manchmal) Virginal oder Lautenclavier.


    Das "Hammerklavier" des späten 18. u. frühen 19. Jhds. ist m.E. ein problematisches Instrument, das eher für Solo- und Kammermusik geeignet ist. Ich habe Aufnahmen von Mozarts Klavierquartetten o.ä. gehört, wo man den Eindruck hat, der Pianist muss permanent "voll reinhauen", aber es kommt nicht mehr als mf und ganze drei Streicher drohen das Tasteninstrument (das hauptsächlich wegen des perkussiven und "scharfen" Klangs durchdringt) untergehen zu lassen. (Dagegen scheint mir eine Legende, dass bei Kammermusik der Klassik auf modernen Instrumenten das Klavier alles "erschlägt"; ich habe nicht genügend Konzerte mit alten Instrumenten gehört, aber mit modernen und das war nie der Fall.) Die eher kammermusikalischen Mozart-Konzerte gehen zur Not, aber die "groß" besetzten wie die Mollkonzerte, KV 467, 482, 503 eher nicht mehr.

    (Auf CD habe ich dennoch alle Mozartkonzerte, die wesentliche Kammermusik mit Klavier von Mozart, Haydn, Beethoven, teils auch von Schubert u.a. Komponisten des frühen 19. Jhds. in Aufnahmen mit histor. Instrumenten, da ich den Zugang a) interessant finde und b) mir viele davon eher *trotz" als wegen des histor. Tasteninstruments sehr gut gefallen.


    M.E. spricht auch die relativ zügige Entwicklung des Hammerklaviers zwischen ca. 1780 u. 1830 (wohingegen Cembali von 1650 problemlos für 100 Jahre spätere Musik einsetzbar sind) dafür, dass die Musiker eben gerade nicht mit den vorhandenen Instrumenten "vollauf zufrieden" waren. Und soweit ich sehe, ging diese Entwicklung praktisch immer in eine Richtung: lauter, tragfähiger und gleichmäßiger (dynamisch und klangfarblich) in den Registern, eben bis zum modernen Konzertflügel. Damit will ich natürlich nicht bestreiten, dass es manche klanglichen Möglichkeiten gab, die bei späteren Instrumenten so nicht mehr möglich waren (für Details kenne ich mich zu schlecht mit Klavierspielen und -technik aus), aber die historische Entwicklung zeigt eben, dass das letztlich den o.g. Vorzügen untergeordnet wurde.


    Bei Streichern ist es mir ziemlich egal (außer bei so etwas wie Gamben-Consort, das es fast nur "HIP" gibt) bei (Holz)bläsern kommt es drauf an. Hier sind für mich die besonderen Klangfarben oft ein Bonus. Das Argument der historischen Weiterentwicklung gilt hier allerdings fast genauso. Ebenfalls waren den Musikern und Instrumentenbauern anscheinend Intonationssicherheit, chromatische Spielbarkeit, Gleichmäßigkeit etc. wichtiger als angeblich besondere Klangcharakteristika, die minimiert wurden oder verschwanden (wobei besonders Klarinette und Fagott, aber auch andere Bläser, auch in der heutigen Form noch klanglich distinkte "Register" besitzen). Mit der viel leichteren Spielbarkeit muss man sich als Hörer ja nicht rumschlagen...

    In der Klavier- und Kammermusik von Debussy und Ravel gibt es eben auch den Aspekt der klassizistischen Klarheit oder gar Strenge, des Anknüpfens an Couperin, Rameau. Daher bin ich auch etwas skeptisch/kritisch ggü. Orchestrierungen. Wobei man bei den meisten von Debussys Werken schon einräumen muss, dass sie aus dem (weiteren) Umfeld des Komponisten stammen und, soweit ich sie gehört habe (nur als Beifang oder "Füller", Fan davon bin ich nicht), recht "geschmacks-" und stilsicher sind. Dagegen habe ich eine starke Abneigung gegen diese Ballette mit "Chopiniana" und "Schumanniana", die von russischen? Komponisten erstellt worden sind; da sind eher Travestien der intimen Klavierstücke herausgekommen.

    KV 466 ist mit 177 (!) Aufnahmen das am besten dokumentierte Mozart-Klavierkonzert überhaupt, noch vor KV 488 (136) und KV 467 (131). Die erste Einspielung datiert auf 1933 und ist jene von Edwin Fischer in Personalunion mit dem London Symphony Orchestra (EMI). Ein Abreißen der Popularität ist durch die Jahrzehnte in keiner Weise feststellbar.

    Da hätte ich tatsächlich vermutet, dass das C-Dur oder A-Dur knapp "gewinnen", wobei ich vermute, dass die vielleicht doch ein bißchen beliebter beim Publikum sind. Das d-moll war vor über 30 Jahren als Teenager vermutlich mein absoluter Favorit, in der Gulda/Abbado-Aufnahme. Inzwischen ehrlich gesagt nicht mehr und ich finde Gulda/Abbado auch nicht mehr ideal, wie viele andere zu langsam im Kopfsatz. Funktioniert zwar auch, aber ich bevorzuge etwas mehr Sturm und Drang.

    Habe die zwar länger nicht mehr gehört, aber meine histor. Favoriten sind Serkin/Ormandy (NICHT die spätere Serkin/Szell) und Casadesus/Szell (leider meiner Erinnerung nach die am schlechtesten klingende dieser Kombination) und von neueren Argerich/Rabinovitch? (gekoppelt mit KV 459 und Doppelkonzert auf Teldec).

    Rubinstein hat nur eine offizielle, die oben gezeigte mit Wallenstein, die auch in der Box ist (dagegen 3x Prelude, Choral, Fuge). Keine Ahnung, ob es noch live-Mitschnitte gibt.


    Es ist jedenfalls bemerkenswert, dass dieses Stück bis in die 1960er ein Standarwerk gewesen zu sein scheint, aber heute eine Randexistenz führt.

    (Ich habe es auch nur als "Beifang" in Boxen oder Kompilationen, nie bewusst angeschafft.

    Dabei wäre es aufgrund der längeren CD-Spieldauern mit einer guten Viertelstunde Spielzeit zumindest auf Tonträgern als Füller tauglich. Für Konzerte sind diese kürzeren Konzertstücke immer etwas undankbar, weil die Probenzeit und -aufwand im Verhältnis steigen. Das Publikum will den Pianisten nicht nur für 15 min sehen, daher müsste er zwei Stücke spielen... (Das Argument galt früher natürlich im Grunde genauso; ich vermute, dass einfach weniger Perfektionismus und weniger Zeitdruck herrschte.)

    Die Beethoven-Kadenzen für das d-moll sind vermutlich die häufigst gespielten "fremden" Kadenzen in einem Klavierkonzert. Manchmal sind sie leicht überarbeitet (Edwin Fischer hat das getan), aber mir ist unter 10-12 Aufnahmen von KV 466 nur eine mit komplett eigenen Kadenzen begegnet (Bilson mit Gardiner, habe es nicht nachgehört, aber es steht so im Beiheft).

    Bernstein war hier in Doppelfunktion Pianist und Dirigent, und zu dem Konzert steuerte er eine eigene Kadenz für den Kopfsatz bei. Sie fügt sich organisch ein, und ist eine Neuentdeckung, denn fast alle Pianisten spielen hier Mozarts Original-Kadenz. Bernstein hatte sicher nicht die Absicht, den Komponisten zu verbessern, aber solche Freiheiten sind durchaus erlaubt, und wenn sie so genutzt werden wie hier, bereichern sie den Horizont des Hörers.

    Das ist m.E. ein Irrtum. Es gibt keine Originalkadenz für den Kopfsatz von KV 503, deswegen spielen fast alle eigene Kadenzen bzw. welche von anderen berühmten Pianisten. (Angeblich gibt es eine Aufnahme Richters ohne jegliche Kadenz ?!?!)

    Ich kann es momentan nicht genau überprüfen, aber meines Wissens liegen für die Konzerte KV 466, 467, 482, 491, 503, 537 keine Kadenzen Mozarts vor. Es ist eher überraschend, dass wir überhaupt so viele originale Mozart-Kadenzen haben...

    Ein Vorteil des jungen Alters. Also der Zwanzig- bis Achtzigjährigen. Ich habe zum ersten Mal mit etwa 45 die Winterreise komplett gehört - bin kein soo großer Liedfan (jetzt allenthalben ein viel größerer als früher), andererseits aber Germanist. Also auch nicht zu entschuldigen.


    Hin und wieder wünschte ich mir, zum Beispiel die Turangalila oder Ives' Vierte oder was weiß ich erst kennenzulernen ... :)


    KV 183 war schon früh für mich eine echte Entdeckung.

    Tja, obwohl ich noch vor dem Streaming und Youtube-Zeitalter aufgewachsen bin, hatte ich so viele Sachen schon mit Mitte 30 "durch", dass ich durch Internetforen auf rara & obscura gelenkt wurde ;) Wovon ich mich aber auch erholt habe, so dass ich nun die bekannten Sachen neu entdecken oder endlich verdauen kann. :D

    Tatsächlich war die "kleine g-moll" eine der ersten Mozart-Sinfonien, die ich je gehört habe, jedenfalls (kurz) VOR der "großen g-moll" und der Jupiter (allerdings muss es anhand der LPs etwa gleichzeitig mit der A-Dur" KV 201 sowie KV 504 und 543 gewesen sein) und auch vor den meisten Beethoven-Sinfonien. Ich mochte sie sofort, was sich auch in 35 Jahren nicht geändert hat. Ich glaube auch nicht, dass man dem Werk durch "Entschärfen" hilft. (Der "großen" g-moll hilft man damit zwar auch nicht, aber die kann eher noch als sanft-melancholisches Werk funktionieren.)

    Wenn auch eine "elegantere" Interpretation wie etwa Marriner (eine von seinen wurde in "Amadeus" verwendet) nicht gefällt, muss man das Stück vielleicht "abhaken"...

    Serkin ist jenseits der bekanntesten "üblichen Verdächtigen" (meist Brahms, Beethoven) bei den Sony-Wiederveröffentlichungen nicht so gut repräsentiert. Die Reger-Aufnahmen waren ja lange fast alternativlos, da ist es wirklich bedauerlich.


    Ich bin kein bedingungsloser Serkin-Fan. Die Kammermusik mit den Buschs und Casals würde ich jedenfalls empfehlen, ebenso die Beethoven-Konzerte (wobei ich hier nur die frühen Stereo mit Bernstein/Ormandy kenne), Brahms 1 mit Szell, Mendelssohn.

    Wie ich schon mal in einem anderen Thread schrieb, fand ich bei den Beethoven-Sonaten besonders die, die er nicht mehrfach aufgenommen (und daher wohl auch regelmäßig gespielt hat) eher enttäuschend (zB op. 2/1, op. 22, 27/1...wenn ich recht erinnere, wurde ein Teil davon auch gar nicht zu Lebzeiten veröffentlicht). Ich habe auch keinen so großen Unterschied zwischen den 1940er/50er Aufnahmen und den späteren in Stereo wahrgenommen, der die klanglichen Mängel offensichtlich aufwiegen würde.

    Serkins essentielle Beethoven-Solo-Aufnahmen sind m.E. die Pathetique und die Diabelli-Variationen. Dann Appassionata und die späten Sonaten. Und die eigenartige Fantasie op.77.

    Serkin war mit Buschs Tochter verheiratet und hat über Jahrzehnte mit Busch und dem Streichquartett bzw. als -trio zusammengearbeitet.

    Die späten DG-Aufnahmen kenne ich nicht; die Rezensionen waren ziemlich durchwachsen; von den anderen Mozart-Konzerten fand ich die stereo-Aufnahme von KV 459 u. 466 (mit Szell) eher enttäuschend, eine etwas frühere Mono-Aufnahme des d-moll (IIRC mit Ormandy) erheblich besser. Leider sind bei Serkin die Mono-Aufnahmen oft kaum zu finden, und ich bin auch nicht der größte Fan (selbst seine Beethoven-Aufnahmen finde ich nicht alle auf der gleichen Höhe), daher treibe ich keinen Aufwand, die alten Aufnahmen zu finden.


    Gestern habe ich die CD mit Kovacevich/Davis in KV 503/467 gehört und die ist hervorragend, besonders im ersten Satz; beide sind sich über den grandiosen sinfonischen Charakter einig, aber ohne zu schleppen. Ich habe sie in einer älteren günstigen Philips-Reihe, eher lieferbar ist anscheinend eine Ausgabe der Penguin Rosette (quasi deren Diapason d'or oder dt. Schallplattenpreis) Kollektion.

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    Pays dürfte eine der ersten Einspielungen auf historischen Instrumenten gewesen sein, es sei denn Deinzer mit dem Collegium aureum ist noch etwas älter (allerdings ist Hogwood/Pay meiner Erinnerung nach klar besser). Seit den 1980ern folgten dann auch Aufnahmen auf modernen Bassettklarinetten, evtl. als erstes Charles Neidich/Orpheus chamber orchestra, später zB auch Sabine Meyer u.a.

    Auf einer gewöhnlichen A-Klarinette müssen sonst einige Passagen geändert werden, weil die tiefsten Töne eben fehlen (typischerweise werden die in die nächsthöhere Oktave verlegt, was zu uneleganten Sprüngen führen kann). Das ist ein Nachteil vieler älterer Aufnahmen, wobei ich Leister/Kubelik aber immer noch sehr mag.

    Die "legendären" Aufnahmen Bernsteins von Mozart-Konzerten sind wohl KV 450 und 453, die ich aber nicht kenne (es gibt wohl schon eine frühe Mono-Aufnahme (in der oben gezeigten Box) und dann welche mit den Wiener Philharmonikern). Das KV 503 habe ich in einer älteren 3er-Box, die ich ingesamt recht gemischt in Erinnerung habe (+ Beethoven 1, Ravel, Schostakowitsch, Gershwin, sowie Mozart und Schumann mit dem Juilliard Q). KV 503 ist aber nicht schlecht, wenn auch sehr breit im ersten Satz. In der Kadenz zitiert Bernstein m.E. u.a. aus Mozarts c-moll-Konzert ;)


    Es ist das letzte der regelmäßig komponierten Wiener Konzerte (die letzten beiden sind Nachzügler, wobei KV 537 ja für auswärts/unterwegs komponiert wurde) dabei ein seltsames Werk, oszilliert zwischen "Sperrigkeit" (eher rhythmisch bestimmte "Allerweltsthemen" im langen Kopfsatz) und teils recht eingängiger Melodienseligkeit besonders im Finale.


    Eine ungewöhnliche und faszinierende Einspielung ist Kocsis/Rolla. Kocsis ist in allen Mozartkonzerten, die er eingespielt hat, eher zügig unterwegs, aber kein anderes sticht so heraus. Vermutlich ist das nicht mehr "maestoso", aber das Stück erhält so eine ganz neue Geschlossenheit und Dynamik. Unter konventionellen Aufnahmen schätze ich auch Kovacevich/Davis (+ KV 467). Ich muss aber zugeben, dass das Werk keines meiner großen Favoriten geworden ist.