Beiträge von Engelbert

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    Maria Antonia Walpurgis, (1724-1780)
    Kurfürstin von Sachsen und Prinzessin von Bayern


    Talestri
    Regina delle Amazzoni


    Dramma per Musica in drei Akten
    italienisch gesungen
    entstanden 1753


    Libretto von der Komponistin
    Uraufführung 1760 in Nymphenburg
    Dauer über 70 Minuten


    Charaktere:
    Talestri – Königin der Amazonen
    Antiope – ihre Schwester, Verteidigungsministerin
    Oronte – ein skythischer Prinz, von Talestri geliebt
    Learco – skytischer Feldherr, Freund des Oronte
    Tomiri – Oberpriesterin der Diana


    Das Geschehen spielt in mythischer Zeit in Temiscira, der Hauptstadt des Amazonenreiches


    Dokumentation:
    LABEL: KammerTon 1998
    Die Batzdorfer Hofkapelle spielt auf historischen Instrumenten
    Es singen:
    Jana Frey, Cassandra Hoffmann, Jeanne Pascale Schulze, (Sopran)
    Oleg Bezinskikh, Gerson Luis Sales, (Counter-Tenor)



    HANDLUNG


    SINFONIA: Allegro – Andantino – Allegro


    Erster Akt:


    1
    Am Morgen ihres Krönungstages ist Talestri sich nicht schlüssig, ob sie die Stufen des Thrones tatsächlich erklimmen soll. Sie liebt den Oronte und will sich der Prozedur, den Hass auf alle Männer zu geloben, so wie die Verfassung es erfordert, nicht schuldig machen. Doch Tomiri und Antiope drängen, jetzt keine Faxen zu machen – den lästigen Kerl kann man immer noch erledigen – und der Feier des Tages den schuldigen Respekt zu erweisen. Doch es gelingt der Königin nicht, den Zwiespalt zwischen Pflicht und Gefühl zu verdrängen:


    „Ich gehe, doch das Herz, oh Gott,
    fühl ich mir im Busen zittern.
    Ich gehe, doch heiterer
    erhoffe ich mir nicht den Himmel.
    Meine alte Tapferkeit
    find ich nicht mehr wieder.
    Zu viel ist die Qual, die ich fühle,
    zu grausam ist sie für mich.“


    2.
    Antiope sitzt im gleichen Boot – auch sie hat den Wunsch, sich in einen Mann zu verlieben, obwohl sie sich bewusst ist, dass der Hass auf Männer den Grundfeiler der Staatsmoral bildet. Ihrer Schwester gibt sie den Rat, die Liebe zu Oronte zu verbergen, auch wenn es ihrem Herzen schwer fällt. Gelüste kann man auch heimlich pflegen, ohne es allen Leuten gleich auf die Nase zu binden. In der Tat wird die Neigung in dem Augenblick gefährlich, wenn sie bekannt wird. Möchte sie etwa zur Verräterin werden? Doch wie lange kann sie sich selbst ihrer Freiheit noch rühmen? Auch sie könnte sich vorstellen, mit Wonne, Amors Sklavin zu werden. Man soll über den Steuermann nicht spotten, der das Ufer verlässt, um das tückische Meer zu durchfurchen.


    3.
    Im Tempel der Diana fleht der Chor der Amazonen die Gunst der Göttin auf das Haupt der neu gekrönten Königin. Möge das Reich vom Betreten der Männer unversehrt bleiben und ihr einmaliges Staatswesen erblühen. Alles Böse kommt von den Männern! Die Göttin der Wälder, die bogentragende Diana, soll der den Tag segnen und der Königin gewogen sein


    4.
    Ohne ein Visum beantragt zu haben, war Oronte in weiblicher Kleidung in die Hauptstadt eingedrungen, hat sich erwischen lassen und soll nun geschlachtet und der Diana als Opfer angeboten werden. Zum Opfern war bisher nicht der rechte Zeitpunkt gekommen, denn man musste sich der eindringenden Skythen erwehren. Talestri gibt Strenge vor, aber die Tränen kullern ihr die Wangen herunter.


    5.
    Learco, der Freund Orontes, stellt sich als Feldherr dumm an, wird mit dem Weibervolk nicht fertig und wird selbst gefangen genommen. Von Antiope wird er dem Rat vorgeführt, doch was war passiert? Während der Schlacht hatten sich beide ineinander verliebt. Ein Orchestermarsch illustriert das Tempo.


    6.
    Seinen Galanterien begegnet Antiope zunächst einmal abweisend, erlaubt Learco aber ein Wiedersehen mit seinem Freund Oronte. Beide Prinzen wollen sich im gleichzeitigen gemeinsamen Opfertod ihre Freundschaft beweisen und vereinbaren, sich in der Unterwelt zu treffen.


    Zweiter Akt:


    7
    In jedem Fall ist Oronte als Angehöriger des männlichen Geschlechts und als Skythe ein Feind des Vaterlands. Tomiri drängt darauf, dass er sterben soll. Doch Talestri möchte sein Leben schonen und will sein Schicksal vom Amazonenrat entscheiden lassen. Der Oberpriesterin droht sie mit ihrem königlichen Zorn. Der Amazonenrat handelt jedoch nicht erwartungsgemäß und spricht das Todesurteil aus.


    „Der freche Liebhaber soll sterben,
    man töte den Verräter!
    Hier gefällt nur Strenge,
    hier duldet man keine Liebe.“


    An dieser Stelle muss eingefügt werden, dass Talestri Kenntnis hat, dass Oronte von mütterlicher Seite kein Skythe, sondern der Sohn einer Amazone ist, die vom Skythenkönig geraubt und zur Konkubine gemacht wurde. Nach der Geburt des Kindes hat der Vater die Amazone verstoßen, aber ihr Kind wuchs ohne Mutter bei den Skythen auf.


    Tomiri sieht sich nun einem Problem gegenüber, denn sie weiß und gesteht, dass sie die verstoßene Amazone ist. Trotzdem soll Oronte verfassungsgemäß sterben, auch wenn sie selbst mit dem Dolch zustoßen müsste. Es bedeutet Gefahr für das Amazonenreich, wenn sie der Liebesbeziehung zwischen den beiden Verrätern zustimmen würde. Ihren Status würde sie verlieren.


    8
    Unbekümmert gesteht Talestri dem Schatz ihre Liebe. Dieser sieht darin die Erfüllung des erträumtes Glücks, auch wenn es möglicherweise nicht lange andauern wird. Talestri beabsichtigt an seiner Seite sterben. Was soll's? Im Jenseits sieht man sich wieder.


    Dritter Akt:


    9
    „Von mir trennst du dich geliebter Freund? Ach, ich fühle, wie die Seele mir aus der Brust gerissen wird. Niemals sah ich einen Tag, schwärzer als diesen. Welch trauriger Tag. Welch harte Qual!“ Learco verabschiedet sich von Oronte im Gefängnis. Der Letztgenannte will den Tod gern auf sich nehmen, um von der Schuld des Vaters, der seine Mutter schmählich verstoßen hat, ein wenig abzutragen. Gleichzeitig kann er Talestri aus ihrem Konflikt erlösen, die sich zwischen Neigung und Staatsräson entscheiden müsste.


    10
    Die beiden Freunde erwarten den Tod auf dem Opferaltar. Doch Antiope weiß von einem Geheimgang, der aus dem Gefängnis ins Freie führt. Dem Geliebten ermöglicht er die Flucht. Doch Oronte ist nicht mehr erreichbar. Die Oberpriesterin erklärt, dass sie es nicht erwarten konnte, ihrer Pflicht zu genügen. Sie klagt die Königin an, am Tod ihres Sohnes schuldig geworden zu sein und ihn durch ihre dumme Liebe
    ins Verderben gestürzt zu haben. Tomiri geifert:


    „Du wirst mich stets vor Augen haben,
    ich werde stets um dich sein,
    um dich an diesen traurigen Tag
    allezeit zu erinnern.
    Da ich schon keinen Sohn mehr habe,
    sollst du keinen Frieden mehr haben.
    Die Fackel der Allekto werde ich dir allzeit
    im Herzen entzünden.“


    11
    Talestri ist dem Wahnsinn nahe, denn der Geliebte erscheint ihr im Traum. Sie kündigt ihm die Wiedervereinigung an, sobald sie das irdische Leben aufgegeben hat. Der bleiche Schatten, der ringsum betrübt irrend umher geht, soll einen Augenblick verweilen, bittet sie. Auch sie wird kommen, um ihm für immer nahe zu sein.


    12
    Dem Learco hatte Talestri in ihrer Verzweiflung aufgetragen, Nägel mit Köpfen zu machen und mit seinem Heer den Amazonenstaat dem Erdboden gleichzumachen. Talestri droht der Prozess wegen Hochverrat, doch sie entscheidet, sich der Schmach entziehen und sucht den Heldentod in der Schlacht.


    Doch das Schicksal hat etwas anderes mit ihr im Sinn. Oronte taucht plötzlich auf und trennt die feindlichen Linien. Die Mutterliebe hat es nicht fertiggebracht, ihn auf dem Opferstein zu erdolchen,
    ihn verschont und ihm die Freiheit gegeben. Man kommt zur Einsicht, dass Kriegsführung unsinnig ist
    und das Geschlecht der Amazonen weiter dezimieren würde. Man setzt sich an den runden Tisch und beschließt, die Verfassung zu ändern und gesellig nebeneinander zu leben. Eine Doppelhochzeit beschließt das musikalische Drama.


    „Unter uns herrsche ewiger Friede,
    man spreche nicht von Strenge.
    Und der Liebe alleinige Fackel
    entzünde nun unser Herz!“.



    Anmerkungen:


    Die Amazonenkönigin Talestri hat mit der männerfleischessenden Penthesilea nichts gemeinsam, denn sie lebte noch nicht zur Zeit des Trojanischen Krieges, sondern agierte zur Zeit der Alexanderfeldzüge. Die Emanze hatte sich in den Kopf gesetzt von Alexander von Makedonien zur Mutter gemacht zu werden, damit wertvolles Erbgut miteinander verschmelzen kann. Offensives Vorgehen führt nicht immer zum Resultat, deshalb erzählt der französische Dichter Sieur de la Calprenède die Geschichte etwas anders und fügt statt Alexander einen Skythen-Prinzen ein. Eine Oper 'Die großmächtige Talestri' des Komponisten J. Förtsch hatte bereits 1690 in Bayreuth ihre Premiere. Maria Antonia stellte einige Jahzehnte später ihre Version, in der sie selbst die Titelpartie sang, in Nymphenburg vor.


    Geschult von Johann Adolf Hasse, war sie nicht die einzige Dame aus dem Hochadel, die sich an die Komposition einer Oper heranmachte. Das heutige Publikum kann zugreifen auf Wilhelmine, der Markgräfin von Bayreuth (1709-1758 ) mit der Oper 'ARGENORE' sowie auf Anna Amalia, der Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach, deren Singspiel 'ERWIN UND ELMIRE' im Jahre 1776 nach einem Text von Goethe aufgeführt wurde.


    Das handwerkliche Rüstzeug wurde wurde den hochgebildeten Damen von etablierten Komponisten beigebracht und mutig ging es ans Werk. Die Ausführung der Aufgabe bleibt schlicht, verdient es aber zur Kenntnis genommen zu werden.


    © 2011 TAMINO - Engelbert


    Salvatore Fisichella ist gebürtiger Sizilianer. Sein Musikstudium begann er in Catania um es später in Rom fortzusetzen. 1970 gewann er in Spoleto den Adriano-Bellini-Wettbewerb und im selben Jahr debütierte er dort in Massenets Werther. Die Römische Oper durfte ihn oft erleben. Er hat dort in Rigoletto, I Puritani und Margarethe die tragenden Tenorpartien gesungen. Palermo und die Festspiele in Edinburg reservierten sich den Sänger für Rossinis'Elisabetta'. In Italien hat er in fast allen Opernhäusern gesungen. Im Jahre 1977 war er in Hamilton/Kanada als Edgardo zu hören. (Quelle: Textbeilage Philips, Otello)



    Natürlich ist es zu bedauern, dass nicht mehr Scheibchen mit ihm eingespielt wurden. Seine Glanzzeit wir in den 1970 er Jahren. Jetzt ist es zu spät, hinterherzutrauern. Vielversprechende Nachwuchstalente schmücken heute die Programmzettel am Sternenhimmel der lyrischen Tenöre.

    Ich habe mir den polnischen Film sogar zweimal angesehen. Mir hat das Freilicht-Spektakel, welches von Robert Satanowski dirigiert wurde, ausgezeichnet gefallen. Das schwungvolle Ballett versprühte eine Heiterkeit, die herzerfrischend war. Die historisierenden Kostüme waren farblich unaufdringlich. Soweit nicht im Garten gespielt wurde, passte die Bühnendekoration sich der Zeit, in der die Handlung stattfand, hervorragend an.


    Der Simon trug ein Schöheitspflästerchen auf der Backe, was mich belustigte, dem superschlanken Hübschling aber gut stand. Aufseher Enterich wirkte so, wie er heißt. Von der Besetzungsliste, alles polnische für mich unbekannte Namen, war Iwan Rebroff die Ausnahme. Sein kohlschwarzer orgelnder Bass, den er manchmal bewusst exhibitionistisch herausstellte, hat mir imponiert. Die Szene des stampelnden Ollendorf auf dem in drehende Schwingungen gebrachten Billardtisch, fand ich allerfdings ein wenig klamottenhaft, lasse den Gag aber durchgehen. Gesungen und gesächselt wurde durchaus passabel. Der Simon hat mir am besten gefallen, weil er die tenoralen Höhenflüge mühelos meisterte. Der Regisseur ließ die Darsteller unbefangen reagieren ohne durch aufgesetze Einfälle unangenehm aufzufallen. Wenn ansonsten keine markante Bassstimme zur Verfügung steht, muss man ganz einfach eine Anleihe bei der Folklore machen. Iwan Rebroff kann singen, grimassieren und spielen - was erwartet man mehr.
    Man muss nicht aus Voreingenommenheit gleich die Nase rümpfen. Der Film - life aus dem Opernhaus Breslau (?) - ist in jedem Fall zu empfehlen.


    :angel:
    Engelbert

    Ein hochinteressanter Vorschlag des Forenmitglieds Dr. Pingel!


    Ich führe die Liste einmal fort:


    11. "Sadko" von Rimsky-Korsakow, 4. Bild, das Hindulied des indischen Kaufmanns


    12. "Tosca" von Puccini, 3. Akt, das Hirtensolo


    13. "Zar und Zimmermann, 2. Aufzug, Arie des Chateauneuf 'Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen'


    14. " Un ballo in Maschera" von Verdi, 3. Akt, Arie des Oscar 'Saper vorreste'


    15. " Der fliegende Holländer" von Richard Wagner, 1. Akt, Arie des Steuermanns 'Mit Gewitter und Sturm'


    16. " Die Trojaner" von Berlioz, 5 Akt, Das Lied des Hylas 'Vallon sonore'

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    Igor Strawinsky (1882-1971)


    Petruschka
    Pétrouschka


    Burleske Szenen in vier Bildern für Orchester
    Komponiert: 1010/11
    Libretto vom Komponisten und Alexandre Benois
    Dauer der Aufführung etwa 40 Minuten
    Uraufführung: 13. Juni 1911, Théâtre du Chátelet


    Choreographie: Michel Fokine
    Ausstattung: Alexandre Benois
    Ballettgruppe: Serge Diaghilews Ballets Russes
    Ausführende: Waslaw Nijinsky – Tamara Karsawina – Alexandre Orlow – Enrico Cecchetti


    Charaktere:
    Petruschka
    Die Ballerina
    Der Mohr Der
    alte Zauberer
    Der Polizist


    Das Geschehen spielt in St. Petersburg zur Karnevalszeit im Jahre 1930




    HANDLUNG


    Der Platz der Admiralität in St. Petersburg ist genau der richtige Ort, um Volksfeste zu feiern. Zur Fastnacht geht es besonders hoch her. Ein Marionettentheater mit lebensgroßen Puppen erregt Aufmerksamkeit, weil dort Petruschka auftritt, der sich lustig gibt, aber seine Traurigkeit unter Gesichtsbemalung und bunter Kostümierung versteckt. Angelockt durch das Flötenspiel des Gauklers, der auch die Strippen zieht, strömt die Menge herbei, um die altbekannten Geschichten, erneut zu bewundern. Bauern und Bürger, Kaufleute, Kutscher und Kindermädchen, Trunkenbolde, Zigeuner und Bärenführer, alle sind gekommen, um in der „Butterwoche“ nach der ausgedehnten Fastenzeit einmal wieder so richtig ausgelassen zu sein.


    Petruschka, bei den Italienern als Arlecchino und in deutschen Breiten als Kasper bekannt, ist der Held des Tages, obwohl es bei ihm nicht viel zum Protzen gibt. Ständig ist er der Verlierer und es nimmt sogar ein schlimmes Ende mit ihm.


    ERSTES BILD


    Der Personenkreis erweitert sich um die Ballerina und den Mohren. Diese drei verbindet ein gemeinsames Schicksal. Petruschka ist in die Ballerina verliebt. Von ihm will diese nichts wissen und bevorzugt den stupiden Schwarzen. Die Eifersucht plagt den Abgewiesenen. Er randaliert und greift seinen überlegenen Widersacher tätlich an. Dafür muss er ins Gefängnis.


    ZWEITES BILD


    Obwohl seine Bestrafung eigentlich zu Recht erfolgte, protestiert Petruschka lautstark und bekundet, dass er auch Anspruch auf Gefühle habe. Die Menge teilt seine Ansicht. Petruschka drückt seine Freude aus, als die Ballerina ihn besuchen kommt. Immerhin etwas - doch von Liebe will die Kaltherzige nichts wissen und lässt den Betrübten bedrückt zurück. Allein mit sich selbst, denkt er über Ursache und Wirkung und seine Chancenlosigkeit nach. Die Zuschauer identifizieren sich mit seiner Gefühlswelt. Unerfüllte Wünsche beeinträchtigen seine Lebensqualität. Geht es nicht vielen so?


    DRITTES BILD


    Dem Mohren geht es gut. Er liegt auf seinem prunkvollen Ruhebett und spielt mit einer Kokosnuss. Die Ballerina tanzt herein, verhält sich aufreizend und affektiert und nimmt die Bewunderung des Paschas entgegen. Er steht auf und versucht, seine Tanzschritte den ihren anzugleichen. Dabei kommt es zu Tuchfühlung und Zärtlichkeit.


    Petruschka ist aus seinem Kerker ausgebrochen und stürmt ins fremde Schlafzimmer. Der Mohr sieht seine Intimsphäre bedroht und wird verständlicherweise zornig. Er gebärdet sich mordlustig und der Einbrecher gibt Fersengeld.


    VIERTES BILD


    Das Geschehen verlagert sich von der Puppenbühne in die Menge. Petruschka ist auf der Flucht vor seinem dunkelhäutigen Widersacher. Körperlich unterlegen, wird er von seinem Verfolger, der mit der Ballerina endlich ungestört seine Zweisamkeit genießen möchte, mit dem Säbel niedergehauen. Die Menge ist entsetzt und glaubt einem Verbrechen beigewohnt zu haben. Ein Polizist wird gerufen, der den Magier verhört. Dieser klärt die Situation auf, indem er die Marionette schüttelt. Kein Blut fließt, sondern Sägemehl rieselt aus dem Korpus.


    Die Anteilnahme der Menge am Schicksal Petruschkas ist groß. War er wirklich nur eine Puppe oder ein Mensch aus Fleisch und Blut und die Puppe eine Täuschung? Musikwissenschaftler und Psychoanalytiker schürfen tief und werden sogar fündig. Die Marionetten stehen stellvertretend für die menschliche Natur und damit erfüllt das Libretto zum Petruschka-Ballett intellektuelle Ansprüche.



    Anmerkungen:


    Ursprünglich existierte Petruschka nur als Klavierverfassung. Es war jedoch nicht schwer Diaghilew zu begeistern, das Sujet als Ballett zu planen. Man erstellte ein Libretto und Strawinsky orchestrierte die Klavierfassung. Die Geschichte von der Puppe mit den menschlichen Zügen wurde von Publikum liebevoll aufgenommen und sollte sein volkstümlichstes Werk werden.


    @ 2011 TAMINO - Engelbert

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    Manfred Gurlitt (1890-1972)
    Wozzeck


    Musikalische Tragödie in 18 Szenen und einem Epilog op. 16 -
    Text nach Georg Büchners Fragment „Woyzeck“ -
    Einrichtung vom Komponisten -
    Uraufführung am 22. April 1926 in Bremen


    Personen:
    Wozzeck (Bassbariton)
    Marie (Sopran)
    Hauptmann (Bassbariton)
    Tambourmajor (Bariton)
    Doktor (Tenor)
    Andres (Tenor)
    Margaret (Mezzosopran)
    Jude (Tenor)
    Alte Frau (Alt)
    Kind (Stumme Rolle)


    Das Geschehen spielt in einer kleinen deutschen Garnisonsstadt im 19. Jahrhundert



    INHALTSANGABE


    Erste Szene: ZIMMER


    Wozzeck leistet Dienst beim Militär. Vielseitig begabt, gehört es auch zu seiner Aufgabe, seinen Hauptmann zu rasieren. Dieser ist äußerst leutselig und kümmert sich sogar um die Lebensweise seiner Leute. Die moralische Haltung des Untergebenen kritisiert er, denn dieser hat seiner Geliebten ein Kind verpasst, ohne zuvor den Segen der Kirche in Anspruch zu nehmen. Er mache einen verhetzten Eindruck, welches auf ein schlechtes Gewissen schließen lasse. Trotzdem sei er ein guter Mensch, obwohl er keine Moral habe. Der liebe Gott wird für den armen Wurm schon sorgen! Tugend habe der Dienstverrichtende auch nicht. Wenn er ein feiner Herr wäre und Geld hätte, würde er sich Tugend zulegen. Außerdem denke Wozzeck zu viel, dass zehre an der Substanz. Wozzeck bestätigt, was mühsam ist, zu widerlegen. Der Chor wiederholt immerzu den gleichen Spruch „Wir arme Leut!“ Eigentlich ist ein Chor in dieser intimen Kammerszene völlig unangebracht.


    Zweite Szene: FREIES FELD


    Seinem Kameraden Andres ist Wozzeck nicht geheuer, denn der liebe Kumpel hat öfters spaßige Visionen. Einmal sei ein Kopf vorbei gerollt. Als er ihn aufheben wollte, war es ein Igel. Auf einem Feld vor der Stadt schneiden die beiden Stecken. Zu was diese Tätigkeit gut sein soll, wird nicht erklärt. In Kombination mit Wozzecks absonderlichen Sprüchen wirkt das Abendrot auf Andres unheimlich. Er möchte, dass beide jetzt endlich nach Hause gehen.


    Dritte Szene: DIE STADT


    Marie liebt schmucke starke Männer, die auf den Füßen stehen wie ein Löwe. Sie steht am Fenster und wiegt Ihr Kind, als die Nachbarin sich unliebsam bemerkbar macht. Maries Augen glänzen, wenn die Soldaten vorbei stolzieren. Die Nachbarin tauscht mir ihr Gehässigkeiten aus. Sie behauptet, sie selbst sei eine ehrenwerte Person, was man von Marie leider nicht sagen könne. Mit ihrem Blick gucke sie sieben Paar lederne Hosen durch. Margaret soll doch ihre Augen zum Juden tragen, damit er sie einmal gründlich putze. Die Glotzer bekämen dann endlich Glanz, so dass man sie als Knöpfe handeln könnte. Dann schlägt die sich Unterlegenfühlende das Fenster wütend zu und beschäftigt sich mit ihrem Kind. Sie singt ihm ein Liedchen vor, welches von Hansel handelt, der seine sechs Schimmel anspannen soll. Das arme Hurenkind muss noch nicht verstehen, weshalb Mama gut drauf ist, obwohl sie wirtschaftlich Not leidet. „Eia popeia, mein Bub juchu!“ Kein Mensch gibt ihr ein bisschen Geld dazu. Stimmt nicht ganz! Wozzeck kommt auf einen Sprung vorbei und bringt ihr ein paar Groschen, schaut allerdings das Kind nicht an. Mit seinen Wahnvorstellungen kann Marie nichts anfangen. Der Mann ist ihr nicht geheuer. Er habe Rauch aufsteigen sehen, wie von einem Ofen. Möglicherweise ist Franz übergeschnappt.


    Vierte Szene: STRASSE


    Der Tambourmajor macht Marie den Hof. Sie ist stolz, von ihm vor allen anderen Weibern favorisiert zu werden. Hat er nicht eine Brust wie ein Rind und ein Bart wie ein Löwe? Wenn er erst am Sonntag den großen Federbusch aufsetzt und seine weißen Handschuh anzieht, gibt seine Erscheinung noch mehr her. Marie ist doch auch nur ein Weibsbild. Der Angehimmelte schlägt vor, mit ihr eine Zucht von Tambourmajoren zu eröffnen. Zum Schein ziert sich Marie noch ein bisschen, dann gibt sie grünes Licht. Schaut ihr der Teufel nicht aus den Augen?



    Fünfte Szene: STUBE


    Marie hat ihr Kind auf dem Schoß und einen Spiegel in der Hand. Sie singt von einem Zigeuner, der sie ins Zigeunerland entführen wird. Einen roten Mund hat Marie und sie findet sich viel schöner als die hochgestellten Damen, doch ihre soziale Minderwertigkeit bedrückt sie. Der Bub soll endlich die Augen zumachen.


    Wozzeck kommt auf einen Sprung vorbei und gibt ihr seinen Monatslohn. Woher hat sie die schönen neuen Ohrringe? Gefunden hat Sie den Schmuck. Ist sie deshalb ein schlechter Mensch? Wozzeck reagiert misstrauisch. Gleich zwei Ringe auf einmal will sie gefunden haben. Schweißtropfen stehen auf seiner Stirn. Der tägliche Beruf ist schon anstrengend!


    Sechste Szene: STRASSE


    Der Hauptmann und der Doktor begegnen sich zufällig auf der Straße und tauschen Gehässigkeiten aus. Verbale Verletzungen sind beabsichtigt. Die Art und Weise, wie die beiden Herren miteinander umgehen, kann man schon als plump bezeichnen. Wozzeck will rasch vorbeigehen, doch die beiden Vorgesetzten reagieren sich nun an ihm ab. Er soll nicht wie ein offenes Rasiermesser durch die Welt laufen. Man könnte meinen, dass er Katzenschwänze zu rasieren habe. Hat er nicht ein Haar von einem Tambourmajor in seiner Suppe gefunden. Wenn er sie nicht in der Suppe findet, dann vielleicht auf den Lippen seiner braven Frau! Wozzeck bittet, ihn mit Späßen zu verschonen, er sei ein armer Teufel.


    Siebte Szene: MARIENS STUBE


    Die bösen Sprüche haben gezündet. Vollkommen aufgelöst kommt Wozzeck zu Hause an und weiß nicht wie er seinen Ärger wieder los werden soll. Eine Sünde, die so dick und breit wie Marie daher komme, müsse eigentlich stinken, dass man damit die Engelchen aus dem Himmel hinausräuchern könnte. Aber sie hat auch einen roten Mund und keine Blasen drauf. Wirklich nicht? Marie sagt, dass ihr im Moment ein Messer im Leib lieber sei, als dass er sie anrühre. Die Atmosphäre ist explosiv.


    Achte Szene: WACHSTUBE


    Andres kennt ein Lied von Frau Wirtin, welche eine Magd hat, die Tag und Nacht in ihrem Garten sitzt und schaut, welche Soldaten vorbeigehen. Es ist schönes Wetter und am Abend ist Musik und Tanz vor der Stadt. Viele Weibsbilder wird man dort antreffen. In welchem Lokal wird er Marie finden? Wozzeck ist denkbar beunruhigt, weil er befürchtet, dass sein Mädchen sich dort vergnügen könnte. Vergeblich macht Andres einen zaghaften Beschwichtigungsversuch.


    Neunte Szene: WIRTSHAUS


    Ein Jäger aus der Pfalz ritt einst durch einen grünen Wald. Halli! Halloh! Immerzu, immerzu dreht und wälzt sich Marie. Wozzeck ist es ein Rätsel, weshalb Gott nicht die Sonne auslöscht. Alles wälzt sich in Unzucht übereinander! Mann und Weib und Mensch und Vieh! Wie er an ihr herumgreift und wie schrill sie dazu lacht! Wozzeck wird es rot vor den Augen.


    Zehnte Szene: FREIES FELD, NACHT


    Wozzeck fasst den Plan, die Zickwölfin totzustechen. Die Stimme kommt aus dem Boden, die es ihm befiehlt und die Pappeln sagen es auch.


    Elfte Szene: KASERNE, NACHT


    Wozzeck klagt Andres, dass er nicht schlafen kann. Wenn er die Augen zumacht, sieht er sie immerzu. Er hört die Geigen und die Stimme spricht jetzt auch aus der Wand. Der Wahnwitzige sieht in einer dunklen Gasse ein Messer auf einem Ladentisch blitzen. Wenn er es an sich nimmt, gehört es ihm! Der Herr soll ihn nicht in Versuchung führen.


    Zwölfte Szene: KASERNENHOF


    Der Tambourmajor brüstet sich vor Andres mit seiner Potenz. Ein Weibsbild besitze er, welches ungewöhnliche Attribute vorzeigen könne. Busen und Schenkel sind prächtig entwickelt. Zur Zucht von Tambourmajoren wird er die Bereitwillige heranziehen. Augen hat sie wie glühende Kohlen. Den Wozzeck soll er fragen, wer sie ist. Andres schürt in seiner Einfalt noch die Eifersucht seines Kameraden, der sich darauf besinnt, was er in der Nacht geträumt hat. Sie war sein liebes Madel. Doch bald wird sie nicht mehr sein. Jetzt geht er für den Hauptmann Wein holen.


    Dreizehnte Szene: MARIENS STUBE


    Marie quälen düstere Vorahnungen und sie sucht Ablenkung in der Bibel. Ein ausführlicher Monolog beschreibt ihren Seelenzustand. Die Ehebrecherinnen lässt sie Revue passieren und beruhigt sich mit der Erkenntnis, dass alle noch einmal schadlos davongekommen sind. Für sich selbst erhofft sie Ähnliches. Es beunruhigt sie, dass Wozzeck zwei Tage lang nicht nach Hause gekommen ist. Sie macht sich Sorgen um ihren Buben und liest ihm eine Geschichte vor. Ein König hatte eine goldene Krone, eine Königin und einen kleinen Sohn. Alle aßen Leberwurst! Marie fühlt instinktiv, dass sie an ihrem Lebensgefährten nicht korrekt handelt und theoretisch Buße fällig wäre. Die Religion soll ihr einen Ausweg aus dem Dilemma zeigen.


    Vierzehnte Szene: KRAMLADEN


    Wenn man jemanden töten will, empfiehlt sich zur Tatausführung eine Waffe. Das Pistölchen ist zu teuer. Dem Ladenbesitzer ist es egal, er sieht zwei Möglichkeiten, entweder entscheidet sich der Interessent dafür oder dagegen. Zwei Gulden für das Messer! Will er sich damit den Hals abschneiden? Er weiß mit einem Messer mehr anzufangen, als nur damit ein Brot zu zerlegen. Den Juden interessiert das Geld, welches er dafür bekommt. Mit dem Messer kann er selbstverständlich machen was er will. Hihi! Hihi!


    Fünfzehnte Szene: STRASSE


    Die Ruhe vor dem Sturm wird durch einen Kinderchor markiert. Wie schön steht doch das Korn in Blüte und wie prächtig scheint die Sonne. Es folgt ein unzusammenhängendes Liedchen von einem Pfeiffer und einem Geiger in roten Schuhen. Von der Großmutter wollen die Kinder wissen, warum die Sonne scheint. Die Alte ist nicht in Stimmung und singt ein trauriges Lied von einem armen Kind, welches weder Vater noch Mutter hat. Marie kritisiert, dass Großmutter ihr das Herz schwer macht.


    Sechzehnte Szene: KASERNE


    Wozzeck verteilt seine Habseligkeiten an Andres. Er redet wirr. Dreißig Jahre ist er alt. Er soll einen Schnaps trinken, damit das Fieber weg geht.


    Siebzehnte Szene: WALDWEG AM TEICH, ES WIRD DUNKEL


    Wozzeck und Marie machen einen Spaziergang. Sie möchte den Weg in die Stadt nehmen. Ihr Begleiter verwehrt es ihr. Sie setzen sich auf eine Bank.


    „Bist weit gegangen Marie.
    Sollst Dir die Füße nicht mehr
    wund laufen. Es ist still hier!
    Und so dunkel!“


    Weiß Marie noch wie lange es jetzt her ist, dass sie sich kennen? Zu Pfingsten sind es drei Jahre. Was meint sie, wie lange es noch dauern wird? Marie fürchtet sich. Es wird kalt und die Nacht fällt. Wer kalt ist, friert nicht mehr. Beim Morgengrauen wird sie nicht mehr frieren. Marie hätte diesen Spruch gern erläutert. Der Mond geht rot auf wie ein blutiges Eisen. Er setzt ihr das Messer an die Kehle. Durch den Chor wird das Publikum informiert, dass Marie nun tot ist, denn die Sänger benutzt zweimal den Ausdruck „Mörder“.


    Achtzehnte Szene: WALDWEG AM TEICH, NACHT


    Wozzeck hat versehentlich sein Messer bei der Leiche zurückgelassen. Er kehrt zurück und wundert sich über das rote Halsband, welches Marie am Hals trägt. Sie hat es sich mit ihrer Sünde ehrlich verdient. Das Messer könnte ihn verraten. Bestimmt liegt es im Teich. Wenn die Leute im Sommer dort nach Muscheln tauchen, könnten sie es finden. Blutige Flecken findet er an seiner Kleidung – überall. Wozzeck verspürt das Bedürfnis, zu baden und erleidet bei dieser Gelegenheit einen Badeunfall.


    Zwei Bürger kommen vorbei und hören im Teich ein Geräusch. Jemand ächzt. Es ist schon lange her, dass hier jemand ertrunken ist. Doch gerade eben passiert es. Der Mond ist rot und der Nebel grau.


    DER EPILOG ist eigentlich überflüssig.


    Anmerkung:


    Die Musikwissenschaft geht davon aus, dass Manfred Gurlitt die etwas früher entstandene Version des „Wozzeck“ von Alban Berg nicht gekannt hat, denn diese erlebte ihre Premiere erst vier Monate zuvor in Berlin. Das Psychodrama vom beruflich wie privat geschundenen Menschen hat Anspruch auf Allgemeingültigkeit und weckt Anteilnahme am Schicksal des Antihelden, weil der Zuschauer der heutigen Zeit Episoden und Reaktionen seines eigenen Lebens wiedererkennt.


    Die Abschnitte des knapp gefassten Texte stehen hart nebeneinander und provozieren eine Musik, die in ihrer Kompromisslosigkeit dem Handlungsgeschehen gleichkommt. Der rote Mond, der in das Handlungsgeschehen einbezogen wird, erinnern an die Anwendungsbeispiele der Neuen Wiener Schule. Die Kompositionstechnik gleicht sich an.


    Die Vertonung des Büchner-Textes durch Alban Berg hatte den eindeutig größeren Erfolg. Die massiven Anfeindungen des dritten Reiches, die in ihren Ausläufern auch in der Nachkriegszeit noch Wirksamkeit zeigten, mögen die Ursachen gewesen sein, das Schaffen von Manfref Gurlitt, der in Japan eine neue Heimat gefunden hatte, zu ignorieren. Ein Tondokument aus dem Jahre 1995 revidiert alte Vorurteile und wertet den Komponisten gewaltig auf.


    © 2010 TAMINO - Engelbert

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    Magret Wolf (geb. 1960)


    Kirisk – Der Junge und das Meer
    Der scheckige Hund, der den Strand entlang läuft


    Oper in drei Akten


    Libretto in deutscher Sprache von Magret Wolf
    nach der Erzählung von Tschingis Aitmatow
    in der Übersetzung von Charlotte Kossuth
    Uraufführung im März 2000 am Pfalztheater in Kaiserslautern
    Dauer ca. 150 Min.


    Charaktere:
    Kirisk, ein Junge vom sibirischem Stamm der Nivchen
    Emraijin, sein Vater
    Myglun, Robbenjäger
    Organ, Senior unter den Robbenjägern
    Dorfbewohner



    HANDLUNG


    OUVERTÜRE UND EINLEITUNG


    Entlang der Ochotskischen Seeküste dringt das gewaltige Rauschen des Meeres durch die Nacht und begleitet den Schlaf der Bewohner des Dörfchens, welches von dem Volkstamm der Nivchen bewohnt wird. Die Brandung stürmt gegen die Klippen und immer wieder werden die Wellen zurückgeworfen. So tobt seit Anbeginn der Kampf der Elemente und wird niemals enden.


    Am Urbeginn der Zeiten gab es keine Erde, nur Wasser - nichts als Wasser. Woge um Woge rollte an und verlor sich dann wieder, um sich neu zu bilden. Der Schöpfungsmythos hat sich im Kollektivbewusstsein der Bewohner tief verankert. Der Chor berichtet von der Ente Luwre, der es gelang, Festigkeit zu schaffen. Ihr Blick schweifte über die Weite des Wassers und sie sah nichts, aus dem sich ein Nest bauen ließe. Sie schrie, denn sie befürchtete, ihr Ei zu verlieren, ohne zuvor einen festen Platz gefunden zu haben. In höchster Bedrängnis rupfte sie sich Federn aus ihrem Kleid, baute daraus ein Nest und ließ es auf den Wellen schaukeln. Das kleine Nest war die Urzelle festen Bodens. Schöpfergottheiten sorgten dafür, dass die Substanz sich veränderte und vermehrte. Zu den Tieren gesellten sich Menschen. Sie lernten Skilaufen und ein Boot zu rudern. Das Leben auf dem Lande war hart. Schicksalhaft stand der Erdbewohner zwischen den Elementen. Das Meer liebte ihn nicht, aber der Mensch zwang es, ihn mit seinem Reichtum zu ernähren. Der Kampf gegen das Meer wurde zum Lebensinhalt.


    Kirisk, der Held der Geschichte, fand keinen Schlaf in dieser Nacht, denn er spürte, dass ein neuer Abschnitt seines Lebens beginnen würde. Seine Sinne registrierten den Anprall der Wogen gegen das Riff. Angestrengt lauschte er in die Nacht.


    Erster Akt


    Erste Szene


    Die Sonne steht schon hoch zwischen den Pappeln, als das Kajak aus der ‚Bucht des scheckigen Hundes’ hinausgleitet und Kurs auf die offene See nimmt. Im Boot befinden sich drei Männer und ein Junge. Es ist sein großer Tag, denn es ist das erste Mal, dass Kirisk zum Robbenfang mitgenommen wird. Für ihn bedeutet es, dass er zukünftig zu den Erwachsenen gehören wird. Die gesamte Siedlung ist informiert, dass ein zukünftiger Ernährer auf seine tragende Rolle im Clan vorbereitet wird. Als Mann geboren, muss er lernen, wie mit dem ungebärdigen Meer Freundschaft zu schließen ist. Das Meer lernt ihn kennen und er hat das Meer zu respektieren. Erfolg und Misserfolg wird es bescheren.


    Der Senior unter den Männern ist Organ, er bedient das Steuerruder und zieht hin und wieder gemächlich an seiner Pfeife. Schon oft ist er auf das Meer hinausgerudert. Dies könnte seine letzte Ausfahrt sein! Die beiden übrigen - die besten Jäger des Clans - sind Emraijin, der Vater des Jungen, und Myglun, ein naher Verwandter. Mit kräftigen Ruderschlägen lenken sie das Boot auf das offene Meer. Myglun hatte schon gemeint, dass Kirisk nicht mitkommen würde, weil die Mutter das Söhnchen nicht freigibt. Kirisk empört sich – nicht mit ihm! Aber Kirisk, Myglun hat es doch nur scherzhaft gemeint, über irgend etwas muss man auf dem Wasser schließlich reden.


    Der Kajak nimmt Kurs auf die Inseln, die der Küste vorgelagert sind, um Robben zu jagen. Es wird eine Zweitagestour werden und man hat ein Fässchen Trinkwasser mitgenommen, dazu Dörrfisch als Proviant. Kirisk ist die Aufsicht anvertraut, er darf den Proviant auch zum Boot transportieren. Viel zu früh ist er in Gedanken schon bei der Rückfahrt. Er stellt sich vor, wie das Dorf den in der Männergesellschaft Angenommenen feiern wird. Es bedeutet das Ende seiner Kindheit. Mit Liedern wird man die Großzügigkeit des Meeres rühmen. Fische aller Art bevölkern es und in des Meeres unergründlicher Tiefe haust noch sonstiges Getier. Den starken und kühnen Jäger wird man loben, vorausgesetzt die Ausbeute war lohnenswert. Das Tamtam der Trommeln erdröhnt unter ihren Schlägen und der allwissende Schamane wird mit der Erde und dem Wasser seinen Dialog führen. Wo schwimmt die große Fischfrau? Der stärkste der Männer soll auf sie zuschwimmen und sich mit ihr vereinen.


    Über Kirisk wird der Schamane auch sprechen. Eine große Nachkommenschaft soll er zeugen und das Glück möge immer an seiner Seite sein. An Beute soll es nie fehlen und man wird sie gerecht verteilen. Der Schamane wird Kirisks Schicksal einem Stern anvertrauen, der sein individueller Begleiter sein und über ihn wachen wird. Fasziniert schaut er auf das Wasser, wie es sich bewegt und wie unergründlich seine Tiefe ist. Über ihm die Schwerelosigkeit der wandernden Wolken! Die ‚Bucht zum scheckigen Hund’ ist seinen zurückschauenden Blicken entschwunden. Eine leichte Unruhe erfasst den Jungen. Instinktiv spürt er die Gefahr, die prinzipiell vom Meer ausgeht.


    „Der scheckige Hund ist nach Hause gegangen“, beginnt der Vater den Dialog, nachdem er das Mienenspiel des Jungen beobachtet hat. „Er wird wiederkommen, wenn wir zurückkehren“ erwidert Kirisk. Ist ihm nicht ein wenig bange, will Organ wissen. Zuerst meint man immer, dass es einem nichts ausmacht, aber dann wird es doch ein bisschen mulmig. Tapfer behauptet Kirisk, keine Angst zu haben. Gut so! Er soll die beiden Männer auch fragen, wie sie das erste Mal erlebten. Organ, von dem Jungen ehrfurchtsvoll mit Atkyschch angeredet, unterweist den Jungen in Navigation. Wenn der Wind sich dreht, wo ist dann der ‚Scheckige Hund’ geblieben? Kirisk gibt klare bestimmte Antworten. Nun soll der Junge ihm noch sagen, wonach er die Richtung bestimmt, wenn nichts anderes, als Wasser zu sehen ist. Nun, Kirisk hat doch Augen! Welche Augen? Wo hat er sie? Kirisk weiß es nicht, entweder im Kopf oder im Bauch! Wo ist die Küste? Wo ist der scheckige Hund? Der Wald? Das Flüsschen? Die Häuser? Die Hühner? Die Mutter? Das Schwesterchen? Wo ist Musluk, seine Musluk?


    Organ empfindet eine unerfüllte mystische Verbundenheit zur Fischfrau, die sich in drei Traumerzählungen in der Oper niederschlägt. Seinen Gedanken lässt er freien Lauf. (Zitat von M.W.:) ‚Der Mensch im Boot, in dieser Welt ein Nichts! Aber dem Denken sind keine Grenzen gesetzt. Deshalb ist der Mensch geistig so mächtig wie das Meer, so endlos wie der Himmel. Wenn er stirbt, wird ein anderer seine Gedanken weiterdenken. Der Tod ist unentrinnbar. Sein Leben geht zur Neige. Alles löscht der Tod aus. Er wünscht sich, seine großen Träume würden bei ihm bleiben. Die Träume von der Fischfrau. Sie dürfen nicht verschwinden! Die große Fischfrau ist unsterblich, also auch die Träume von ihr. Warum sollte der Mensch nicht seine Träume hinübernehmen in die andere Welt, damit er ewig sieht, für alle Zeit.’


    Es ist Nachmittag geworden. Einige Male war die Sonne hinter Wolken verschwunden, um dann plötzlich wieder hervorzubrechen. Jedes Mal verfinsterte sich der Anblick des Meeres und wurde düster. Tauchte die Sonne wieder auf, war das Meer mit unendlich vielen Lichtpünktchen übersät, die das Herz wieder fröhlich stimmten. ‚Kleine Zitze’ heißt die Insel, die sich plötzlich zeigt und die sie ansteuern werden. Kirisk soll sich die Seite genau merken, an der sie anlegen, um wieder zurückzufinden ‚zum scheckigen Hund’. Wenn es finster ist, wird ihnen das Sternbild der Ente Luwre den Rückweg zeigen.


    Zweite Szene


    Organ bleibt beim Boot zurück und behält es im Auge. Die beiden Männer und der Junge bewegen sich behutsam auf den Lagerplatz der Robben zu. Niemals im Leben wird Kirisk diesen herrlichen Frühlingstag vergessen. Diese kalte steinige Insel mit den dunkelrötlichen zerklüfteten Felsbrocken auf der noch nicht abgetauten Erde übt eine stille Faszination auf den Jungen aus. Die kleine Robbenherde liegt ganz in der Nähe und hat noch keine Witterung aufgenommen. Myglun und der Vater ducken sich in einer Mulde und bereiten sich auf den ersten Schuss vor. Es dünkt Kirisk, dass selbst der Himmel auf den ersten Schuss wartet.


    Einmal mehr drehen sich die Gedanken des Erwartungsvollen um Ruhm und Ehre, die seiner zu Hause harren. Seine Eitelkeit setzt ihm zu! Wie stolz wäre die Mutter, wenn sie jetzt neben dem zukünftigen Ernährer der Sippe stehen würde, um seine Anstrengungen zur Kenntnis zu nehmen. Mit Musluk wird er zukünftig nicht mehr spielen, denn jetzt ist er kein Spielkamerad mehr, sondern ein großer Jäger. Vielleicht sieht sie jetzt vor ihrem inneren Auge, wie er fern vom ‚Scheckigen Hund’ an einer unbekannten tosenden Küste entlang läuft.


    Dritte Szene


    Die Arbeit ist getan. Ein Tier wurde mit einem gezielten Schuss erledigt und mit vereinten Kräften ins Boot gezerrt. Die ‚Kleine Zitze’, ließ man einsam und verwaist zurück. Der Mittleren der drei Inseln gilt nun die Aufmerksamkeit. Aber die Männer müssen sich mächtig in die Ruder legen, um noch vor Anbruch der Dunkelheit an Land gehen zu können. Ringsum nichts als Wasser und Neuland nicht in Sicht. Der Seegang wird plötzlich stürmischer, der Wind schlägt um und die Wellen bewegen sich in eine andere Richtung. Das Boot wird kräftig geschaukelt. Der Himmel hat sich abrupt verändert. Das bedeutet nichts Gutes. Dunstschwaden tauchen plötzlich auf und keiner weiß, woher sie plötzlich kommen. Sie wirken wie der Rauch von entfernten Waldbränden. Organ ist sichtlich beunruhigt. Obwohl sein Leben an meteorologischen Wahrnehmungen reich ist, macht er die Erfahrung, dass er noch nicht ausgelernt hat. Mit jedem Ruderschlag erwartet man nun sehnsüchtig das Auftauchen der ‚Mittleren Zitze’ aus den Fluten. Die Sonne schickt sich an, am Horizont zu verschwinden und wirft einen rötlichen Schimmer. Kirisk hat Durst! Der Verzehr der Leber hat alle durstig gemacht und man gönnt sich ein Schlückchen aus dem Fässchen.


    Kirisk hat es zuerst gesehen! Das drohende Tosen einer gewaltigen Welle bricht unter dem Nebelschleier hervor. Das Brausen schwillt an und das aufgewühlte Wasser nähert sich dem Boot. Die Ruderer manöverieren, damit die Woge das Fahrzeug nicht von der Seite erfasst und umwirft. Die Welle rast durch und hat eine aufgewühlte See im Gefolge. Unheilverheißend rückt eine Nebelwand näher. Sie stürzt herab wie eine Lawine und versenkt alles in Dunkelheit. Nun gibt es weder Meer, noch Himmel, noch Boot. Nicht einmal gegenseitig kann man sich erkennen. Befinden sie sich in einer anderen Welt? Das Meer ist in Aufruhr. Das Boot wird hochgerissen und in die Schlucht zwischen zwei Wellenbergen hinab gestoßen und erneut hochgewirbelt. Das Fahrzeug ist nicht mehr steuerbar. Entscheidungen, was als Nächstes unternommen werden muss, erübrigen sich. Die Elemente übernehmen die volle Befehlsgewalt. Es geht nur noch darum, auf gut Glück das Boot über Wasser zu halten. Wie lange wird der Spuk noch dauern? Organ ruft Kirisk zu, sich an ihm festzuhalten.


    Der Sturm wird immer wütender. Unaufhaltsam tragen die Wellen das Boot in die dunkle Nacht. Es ist ein ungleicher Kampf zwischen Mensch und Natur. Es bleibt nur die verzweifelte Hoffnung, dass der Sturm sich urplötzlich legt, wie er begonnen hat. Einmal war es fast so, als ob die Hoffnung sich erfüllen würde. Doch dann brachen in der Dunkelheit die Wellen wieder voll über sie herein. Der Kajak wirbelte zwischen den Wogen und wurde rücksichtslos hin- und her geschleudert.


    Das Boot füllt sich langsam mit Wasser und sackt mehr und mehr ab. Organ sagte zu Kirisk, dass er sich in dieser Situation auf nichts und niemanden verlassen kann. Er soll das Trinkwasserfässchen fest umklammert halten. Kirisk weint laut vor Angst, doch niemand hat Zeit, sich um den Jungen zu kümmern. Keiner hörte ihn! Er kommt sich grenzenlos verlassen vor und verkriecht sich unter dem Hecksitz. Dass Fässchen hält er fest umklammert. Es ist ihm klar, dass es in dieser Situation nichts Wichtigeres zu tun gibt. Myglun rudert wie wahnsinnig, während Emraijin und Organ damit beschäftigt sind, Ballast abzuwerfen. Ballast ist eigentlich alles, die Waffenausrüstung, die Harpune, die Teekanne, die Leinen und schließlich auch die Beute, wegen der sie eigentlich ausgefahren waren. Ein hartes Stück Arbeit, die schwergewichtige tote Robbe wieder den Fluten zurückgeben zu müssen. Man brüllt, man flucht und man schimpft. Aber das Boot ist sichtlich erleichtert, nachdem der schwere Brocken ins Wasser geglitten ist. Vielleicht war es die Rettung!



    Zweiter Akt:


    Erster Tag


    Das Unwetter hat sich gelegt. Man musste nicht mehr kämpfen und war irgendwann eingeschlafen. Der große Nebel konnte sich unumschränkt und reglos ausbreiten. Organ erwachte und musste sich erst einmal besinnen, wo er überhaupt war. Schließlich erkannte er die Konturen des Bootes. Myglun und Emraijin lagen erschöpft hinter ihren Rudern. Das Unwetter und die Anstrengung hatten sie arg mitgenommen. Das Wasserfässchen war Kirisk vor die Füße gerollt. Der Junge zitterte vor Nässe und Kälte. Die Umgebung war in Reglosigkeit erstorben. Der Alte schlief wieder ein und wurde von Kirisk schließlich aufgeweckt. Er hatte Durst und wollte trinken. Organ bot ihm an, sich zu ihm zu setzen, damit er es etwas wärmer habe. Er kündigte an, dass von nun an er entscheiden wird, wann und wie viel getrunken wird. Emraijin gibt der Hoffnung Ausdruck, dass man sich vielleicht dem Land nähere. Myglun setzt dagegen, dass es sich auch genau umgekehrt verhalten könne. Hoffentlich wird der Nebel sich bald zerstreuen, damit man die Sterne sehen kann. Man hätte etwas, an was man sich halten könnte. Der Wind soll endlich kommen und den verfluchten Nebel verjagen.


    Der weise Organ hatte von dem gesalzenen Dörrfisch nichts gegessen, so wurde er von Durst auch nicht in dem Maße gequält, wie die anderen. Jeder genehmigte sich nur zweimal einen Schluck, aber jedes Mal war der Durst größer als vorher. Erneut legte sich die eiskalte Nacht auf die Schiffbrüchigen. Hoffnungslosigkeit erfasste die Männer. Kirisk verspürte einen unbändigen Drang, die Lieben zu Hause wieder zu sehen.


    Zweiter Tag


    Am folgenden Morgen war der Nebel etwas durchlässiger geworden. Das Wasser war reglos wie Quecksilber. So etwas hatte Kirisk noch nie gesehen. Kein Lüftchen bewegte sich. Man konnte die Konturen der Gesichter ausmachen und auch die Augen erkennen. Der Junge beobachtete, dass sich die Gesichter der Erwachsenen unvorteilhaft verändert hatten. Von Bartstoppeln überwuchert wirkten die Gesichter grau und eingefallen. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Der sonst selbstsichere Vater war kaum wiederzuerkennen. Die Lippen wirkten zerbissen und schwarz. Besonderns hatte es den alten Organ getroffen. Seine Haltung war gebückt und der Hals schien länger geworden zu sein.


    Für jeden war ein Schluck Wasser vorgesehen. Organ wollte nicht trinken. Aus Solidarität entschied Emraijin auch nicht trinken zu wollen. Auch Kirisk beabsichtigte, sich den anderen anzuschließen. Doch Organ argumentierte, dass er in seinem Leben schon genug Wasser getrunken habe, aber Kirisk noch ein Weilchen leben wird. Das Gefühl für Ehre und Aufopferung scheint bei dem Stamm der Nivchen größer zu sein, als der Selbsterhaltungstrieb.


    Myglun fragt, wohin er das Boot lenken soll. Hat es überhaupt Sinn, sich von der Stelle zu bewegen, wenn man die Richtung nicht weiß. In Myglun regen sich nun doch Zeichen der Aggressivität. Er will fahren, und wenn der verfluchte Kajak umkippt, werden die Fischer etwas zu fressen bekommen. Myglun und Emraijin ruderten wie verrückt ohne Ziel. Das Wasser rauscht und spritzt in die Höhe bis die beiden erschöpft innehalten. Nebel vor ihnen, Nebel hinter ihnen! Ringsherum nichts als Nebel! Organ rät, in den Himmel zu schauen, ob ein Agukuk vorbeifliegt, denn in der Richtung, in welche er abbiegt, liegt Festland. Myglun bringt den Einwand was ein wird, wenn sie sich nicht mehr zwischen Insel und Küste befänden. Dann wird man auch keinen Agukuk sehen! Myglun verliert die Nerven, flucht und schimpft, weil der Schamane keinen Wind schickt, wirft dann das Ruder ins Wasser und beginnt hemmungslos zu weinen. Alle schweigen! Emraijin versucht den Gefährten zu beruhigen. Kirisk will von Organ wissen, weshalb die Ente im Nebel zu den Inseln fliegen kann. „Sie hat Augen, die durch den Neben hindurch sehen“. Solche Augen hätte Kirisk auch gern. Organ versucht den Jungen aufzumuntern. Am Abend verteilt der Alte nochmals Wasser. Er selbst nimmt wieder keinen Schluck. Er sitzt auf seiner Heckbank entrückt wie ein einsamer Falke. Offenbar ist er an dem Punkt angekommen, wo die Qualen des Durstes ihn nicht mehr erreichen können. Wo schwimmt die große Fischfrau?


    Kirisk erinnert sich an die Situation, als er einmal im Fieber lag und trinken wollte. De Mutter sagte zu ihm, dass er die kleine Blaue Maus bitten soll, damit sie ihm Wasser bringen möge. Endlich kam sie gelaufen. Sie huschte über seinen Körper, sein Gesicht und seinen Hals und verschaffte ihm durch ihre Bewegung Kühlung. Blaue Maus, gib Wasser!


    Emraijin ahnt, was im Innern Organs vorgeht. Als kluger Mann soll er sich überlegen, was er vorhat. Sie sitzen alle in einem Boot und alle sollten das gleiche Schicksal erleiden. Organ ist der Ansicht, dass niemand seinem Schicksal entrinnt, aber er kann es beschleunigen oder verzögern. Das Leben der anderen kann von einem Schluck Wasser abhängen, wenn die Küste urplötzlich in Sichtweite kommt. Ein Weilchen könnten die anderen sich noch halten. Organ wartet die Nacht ab, um sein Vorhaben auszuführen.


    Dritter Tag.


    Kirisk wacht auf und ruft: „Atkytschch, ich will trinken“. Kirisk soll nicht so schreien, „Atkytschch ist nicht mehr da“. Wo ist er? „Auf dem Weg zur Fischfrau“ versucht der Vater ihn zu beruhigen. Er habe zum Abschied gesagt, dass Kirisk Wasser bekommen soll, aber zuerst muss er mit Weinen aufhören. Die Blaue Maus soll Wasser bringen! Jetzt sind sie nur noch zu dritt im Boot. Die Zeit verrinnt. Mal treibt das Boot von allein, mal kommt es zum Stillstand.


    Auch Myglun erfasst Todessehnsucht. Der Nebel soll verschwinden, denn einmal möchte er noch den Sonnenstrahl sehen. Kirisk kann nicht glauben was er sieht. Myglun beugt sich über die Bordwand, schöpft mit der Kelle Meerwasser und trinkt es. Emraijin beobachtet es und will es ihm verwehren. Doch Myglun warnt ihn, er solle ihm nicht zu nahe kommen, sonst würde er ihn erschlagen. Dem Unbesonnene sieht man an, dass er die salzige Brühe mit Widerwillen die Kehle passieren lässt, seine Ärmel werden nass, und es rieselte durch das geöffnete Hemd über seinen Körper. Dann wirft er sich auf den Boden und krümmte sich vor Schmerzen, weil der Magen rebelliert. Emraijin ist ratlos, nimmt das Ruder und steuert es in den Nebel irgendwohin. Myglun liegt auf dem Boden, mal ist er still, dann schüttelte es ihn wieder. Innerlich drohte er zu verbrennen. Ein paar gequälte Abschiedsworte an Vater und Sohn, nachdem er gedroht hatte, das Boot umzukippen. Dann wälzte der Todgeweihte sich über die Bordkante und stürzte ins Meer. Das Boot legt sich zur Seite, um aber bald in seine ursprüngliche Lage zurückzufinden. Kirisk fleht umsonst: „Ach Myglun, bitte nicht“! Bald hat der Nebel ihn verschluckt. Man hört den letzten Schrei des Ertrinkenden und dann herrscht Stille, als ob nichts geschehen sei. Myglun! Myglun! Emraijin kehrt mit dem Boot noch einmal zurück, aber es ist schwer, die Stelle auszumachen, wo Myglun ertrunken war.


    Nun sind Vater und Sohn allein übriggeblieben. Beide weinen und kommen sich unendlich verlassen vor. Der Tag vergeht. Der Nebel saugt sich mit der abendlichen Feuchtigkeit voll. Ein einsames Boot kreist auf dem Wasser. Emraijin bietet dem Jungen zu trinken, und verschließt das fast leere Fässchen wieder mit dem Stöpsel. Nun muss auch der Junge das für sein Alter viel zu schwere Ruder bewegen. Da man die Richtung nicht kennt, hatte die Übung lediglich therapeutischen Wert.


    Emraijin fühlt, dass es nun an ihm sein wird, das Boot zu verlassen. Heftige Zweifel quälen ihn ob es korrekt sei, den Jungen allein im Boot zurückzulassen. Vielleicht gibt es ein Fünkchen Hoffnung, dass es ihm vergönnt sein wird, den Nebel zu bezwingen und die Fischfrau ihn an die ‚Küste des scheckigen Hundes’ zurückgeleiten wird. Andernfalls würde er im dunklen Nebel in völliger Einsamkeit an Hunger und Durst zugrunde gehen. Die Blaue Maus soll kommen und Wasser bringen! Wie soll Emraijin dem Jungen erklären, dass er sich seinetwegen opfern wird. Bald wird es völlig finster. Pechschwarze Nacht breitet sich aus und das Boot schaukelt auf der Stelle. Vater und Sohn verbringen die Nacht eng aneinander gepresst auf dem Boden des Bootes. Schlaf finden sie nicht, sondern grübeln, wie lange das Schicksal noch zögern wird, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Emraijin ruft sich den Tag ins Gedächtnis zurück, an dem Kirisk geboren wurde und erinnert sich der Zeit seiner Kindheit.


    Dritter Akt


    Vierter Tag


    Kirisk erwacht und merkt, dass jemand ein Kleidungsstück auf seinen Körper gelegt hat, welches ihm Wärme gibt. Er stellt fest, dass es das Fellhemd des Vaters ist. Doch der Vater ist nicht mehr im Boot. Der einsame Schrei des Entsetzens und des Schmerzes gellt durch den stillen Morgen. War es tatsächlich richtig, dass der Vater freiwillig aus dem Leben schied und seinen Jungen allein zurücklässt? Das Vertrauen in das Schicksal hätte vielleicht doch so groß sein sollen, dass es beide am Leben lässt oder beide dem Untergang weiht. Allein zurückgelassen kann Ursache ausreichen, das Leben auszuhauchen. Nun, der Vater hat in seiner Verzweiflung anders entschieden. Wahrscheinlich hat er seine Hoffnung in die mystische Fischfrau gesetzt, die wenigstens dem Jungen zur Hilfe kommen wird. Kirisk gleitet auf den Boden des Bootes zurück und hält die Augen krampfhaft geschlossen. Vorwürfe macht er sich! Wäre er nicht eingeschlummert, hätte er sich an den Vater festklammern können, um ihn am Verlassen des Bootes zu hindern.


    Gegen Mittag haben sich die Nebel ein bisschen gelichtet, aber noch immer liegt eine gewaltige Dunstmasse über dem Ozean. Kirisk nimmt einen großen Schluck aus dem Fässchen. Jetzt reicht es nur noch für ein einziges Mal, den Durst zu löschen. Der Hunger hat sich gelegt. Kirisk fühlt im Magen nur ein dumpfes Gefühl des Schmerzes. Das Boot treibt steuerlos im Kreis, aber plötzlich hat sich zaghaft ein bisschen Strömung gebildet. Gegen Abend überfällt den zu Tode erschöpften erneut der Durst. Tränenüberströmt, am ganzen Leib zitternd, schläft er schließlich ein. Sogar im Schlaf spürt er wie der Durst ihn peinigt. Er trinkt den Rest des Fässchens fast leer, ohne sich dabei etwas zu denken. Die verklebten Lippen lösen sich und der Krampf in der Kehle auch. Die Hand hält er sich vor das Gesicht und erschrickt. Wahrscheinlich ist er zusammengeschrumpelt wie ein Erdhörnchen. Nun überlegt Kirisk ebenfalls, ob er sich nicht ins Meer stürzen sollte. Er robbt vorwärts, hat aber nicht mehr die Kraft, den Körper über den Bootsrand zu heben. Er liegt auf dem Boden und ruft nach seiner durststillenden Maus.


    Vom Schaukeln des Bootes wacht Kirisk in der Nacht plötzlich auf. Über ihm leuchtet ein strahlender Sternenhimmel. Wolken eilen dahin, sogar der Mond lässt sich hin und wieder blicken. Der große Nebel ist in Fluss geraten und hat sich aus seiner Erstarrung gelöst. Vom Wind gejagt beginnt er, sich zu zerstreuen. Die Kraft nach den Rudern zu greifen hat er nicht mehr. Die Sterne zu deuten, hat er noch nicht gelernt, um zu wissen wohin er hätte rudern sollen.


    Die Strömung nimmt die Entscheidung ab. Das Boot schwimmt immer flinker mit dem Sog ohne Steuer und ohne Ruder. In weiter Ferne kann man erkennen, wo Meer und Himmel aufeinander treffen. Die Wasseroberfläche funkelt, wenn der Mond hin und wieder sein Licht gibt. Der Zauber verschwindet, wenn Wolken die Mondsichel bedecken. Kirisk weint vor Freude. So könnte er das Leben lieben! Wäre er doch mit dem Trinkwasser etwas sorgsamer umgegangen. Doch die Euphorie verschwindet bald wieder. Er trinkt den Rest des fauligen Wassers und legt sich an den Platz, wo zuvor Atkytschch gesessen hatte. Ihm ist nun alles egal Kirisk erwartet den Tod. Halb im Fieberwahn, halb im Schlummer döst er vor sich hin.


    Plötzlich hört er über sich Flügelrauschen. Er zuckt zusammen. Es ist ein großer kräftiger Vogel, der seine breiten Schwingen schlägt. „Agukuk“ entfährt es seinen bebenden Lippen. Plötzlich wird er munter, nimmt das Steuerruder in die zitternden Hände und lenkt mit letzter Kraft die Bootsnase in die Richtung, welche der Vogel genommen hat. Der Wind soll nicht fortgehen! Er soll sein Bruder sein. Er wird ihn Organ nennen. Der Stern, der so hoch am Himmel steht, soll nicht erlöschen! Kirisk errät, dass er die Bootsspitze genau auf diesen Himmelskörper lenken muss und lässt ihn nicht mehr aus den Augen. Den hellen Stern nennt er Emraijin, nach seinem Vater. Der Junge spürt den Wind im Nacken. Die Wellen nennt er Myglun. Sie sollen nicht vom Weg abirren und ihn nicht im Stich lassen.


    Fünfter Tag


    Der Morgen graut. Die Sterne erlöschen. Der Stern Emraijin begleitet ihn noch eine Weile als heller weißer Fleck. Als letzter verlässt er das Himmelsgewölbe. Am Horizont geht die Sonne auf. Der Rückenwind verlässt ihn nicht. In weiter Ferne sieht er plötzlich einen Küstenstreifen. Am Meer entlang läuft der „scheckige Hund“. Der Wind Organ, die Wellen Myglun und der Stern Emraijin haben ihn heimgeleitet! In seinem Kopf dreht sich alles. Das Licht verschwimmt vor seinen Augen. Bewusstlos gleitet der Junge auf den Boden des Fahrzeuges.


    Tschak, taschak... Huwah, huwah... stürmen die Wellen gegen die Klippen und zerschellen.



    Anmerkung


    Magret Wolf hat sich für ihre Oper ein ungewöhnliches Thema ausgesucht. Drei Robbenjäger und ein Junge treiben im dichten Nebel auf dem Ochotskischen Meer. Das Trinkwasser wird weniger und bei den Männern kommt es nacheinander zum Suizid, um dem Jungen eine fragwürdige Überlebenschance zu geben. Abseits jeglicher Folklore dringt das Geschehen in die mystischen Bereiche der Fischfrau, der Blauen Maus und des Vogels Agukuk vor und erzählt von dem ewigen Kampf des Menschen mit den Naturgewalten.


    Die Komponistin schuf aus der Erzählung des kirgisischen Dichters Tschingis Aitmatow ein Libretto, welches den Inhalt der Novelle in Prosaform dichterisch nacherzählt, um dem ausgiebigen instrumentalen Anteil der Oper ein Fundament zu bieten. Die sorgfältig ausmultiplizierten Effekte folgen dem Stimmungsgehalt der wechselnden Situationen klangmalerisch unter erheblichen Einsatz des Schlagzeugarsenals. Eingehende Kenntnis des Librettos hilft dem Betrachter das Handlungsgeschehen auszuloten, welches nicht prinzipiell durch Gesang gekennzeichnet ist. Der deutschsprachige Wortlaut ist der nomadischen Sprachmelodie angepasst, bleibt in der Melodienführung aber immer textverständlich. Inhaltlich sind die Dialoge äußerst knapp gehalten und begleiten das überwiegend orchestrale Geschehen oder lockern es auf.


    Mit der Oper Kirisk gelang der Komponistin zum Auftakt des dritten Jahrtausends der ganz große Wurf. Einem geschickten Beleuchter und einer intelligenten Lichtregie dürfte es keine Schwierigkeit bereiten, das ungewöhnliche Geschehen auf der Bühne ansprechend zu visualisieren. Das Pfalztheater Kaiserslautern hatte die Ehre, sich mit einer anspruchsvollen Oper von gewaltigen geistigen Dimensionen in der Musikgeschichte der Gegenwart einen angemessenen Platz zu sichern.


    © 2010 TAMINO - Engelbert

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    Igor Strawinsky (1882-1971)


    Le Sacre du Printemps
    Vesna Svyaschchennaya
    The Rite of Spring - Die Weihe des Frühlings


    Ballett in zwei Teilen (Tableaux de la Russie Paienne en deux parties)
    Bilder aus dem heidnischen Russland


    Komponiert: 1911-1913
    Libretto von Nicholas Roerich in Zusammenarbeit mit dem Komponisten
    Dauer der Aufführung etwa 35 Minuten


    Uraufführung
    am 29. Mai 1913, Théâtre des Champs-Elysées, Paris
    Choreographie: Waslaw Nijinsky


    Ausstattung: Nicholas Roerig
    Formation: Serge Diaghilews Balletts Russes
    Ausführende: Maria Piltz als die Erwählte


    Charaktere:
    Die Auserwählte
    Der Weise
    Gruppen der jungen Männer, Gruppen der Mädchen



    Szenenablauf:


    Teil I L’ADORATION DE LA TERRE (DIE ANBETUNG DER ERDE)
    Introduction (Einleitung)
    Les augures printaniers (Die Vorboten des Frühlings)
    Dances des adolescentes (Tanz der Heranwachsenden Jungen und Mädchen)
    Jeu du rapt (Das Spiel der Entführung)
    Rondes printanières (Frühlingsreigen)
    Jeux des cités rivales (Kampfspiele der rivalisierenden Gruppen)
    Cortège du sage (Auftritt des Weisen)
    Adoration de la terre (Anbetung der Erde)
    Danse de la terre (Tanz der Erde)


    TEIL II LE SACRIFICE
    Introduction (Einleitung)
    Cercles mistérieux des adolescentes (Geheimnisvoller Kreis der Jugendlichen)
    Glorification de l’élue (Verherrlichung der Auserwählten)
    Evocation des ancêtres (Anrufung der Ahnen)
    Action rituelle des ancêtres (Ritual der Ahnen)
    Danse sacrale de l’élue (Tanz der Auserwählten)


    Vorbemerkung:


    Der Mensch der Frühzeit war den Kräften der Natur schutzlos ausgeliefert. Nicht immer bot seine Unterkunft ausreichend Sicherheit vor dem Wechsel von Witterung und Klima. Nahrung musste durch Sammeln und Jagen mühsam beschafft werden. Außerirdische Mächte bestimmten Glück und Pech bzw. den Erfolg oder Misserfolg einer Mission. Diese Abläufe prägten sein Bewusstsein und er versuchte, sein Glück zu manipulieren. Er stellte sich vor, dass die Opferung wertvoller Dinge sich für ihn günstig auswirken könnte. Um einen Ansprechpartner zu haben, erfand er Gottheiten oder personifizierte Naturkräfte, denen er unterstellte, an seinen oftmals abstrusen Opfergaben Interesse zu haben. Die Einbuße geht meistens zu Lasten Einzelner, die sich der tödlichen Prozedur zu unterziehen hatten, um sich gefragt oder ungefragt dem Gemeinwohl zu opfern.



    INHALTSANGABE


    ERSTES BILD: Die Anbetung der Erde


    Das Bühnenbild versetzt den Zuschauer in eine Welt, die ihn in Unruhe versetzt. Sie führt ihn ins alte Russland und lässt ihn an einem heidnischen Opferritus teilnehmen. Die dämonischen Kräfte der Natur werden durch Symbole dargestellt. Jünglinge und Mädchen bilden einen Reigen und erwarten die Vorboten des Frühlings. Die Stimmung ist zunächst lyrisch, schlägt aber um, sobald die Entführung der Mädchen simuliert wird. Zwei männliche Gruppen rivalisieren miteinander. Die Alten, denen man Weisheit unterstellt, versuchen zu schlichten. Sie empfehlen, die Erde anzubeten, die sie trägt und ernährt. Diese freut sich über die fromme Gesinnung, dass sie selbst anfängt, zu tanzen.


    ZWEITES BILD: Das Opfer


    Man besinnt sich auf die Ursache, weshalb man eigentlich zusammen gekommen ist und diskutiert über den Ritus einer Opferhandlung. Jungfrauen sind offenbar wertvolle Geschenke und eines der Mädchen wird überredet, sich der Mutter Erde als Opfer anzubieten. Angst nützt ihr gar nichts. Durch wilde Tänze wird ihr drastisch klar gemacht, worin ihre Pflicht besteht. Die Tanzerei ist für die Kleine so anstrengend, dass sie tot zusammenbricht. Sie wird zum Opferstein getragen, wo man ihr unter Aufsicht des Weisen den Rest gibt.



    Anmerkungen:


    Strawinskys „Frühlingsweihe“, ein Meilenstein in der Musikgeschichte, erregte bei seiner Uraufführung totales Unverständnis und rief Massentumulte unter den Zuschauern hervor. Zu ungewohnt war die Musik und zu barbarisch die Inszenierung. Die Ballerina Maria Piltz hatte Mühe, ihren Part konzentriert zu Ende zu bringen; der Dirigent Pierre Monteux blieb gelassen und Serge Diaghilev versuchte das aufgebrachte Publikum durch Zurufe aus der Loge zu beruhigen. Der erste Weltkrieg kam erst ein Jahr später, und so hatte man noch die Muße, sich über Entgleisungen im Musiktheater aufzuregen. Das Ballett hatte sich von Romantik und Tutu verabschiedet und sah seiner Erneuerung entgegen. Die Menschen haben es schnell begriffen, außergewöhnlich freizügige Bühnenwerke häuften sich, denn Strawinsky war nicht der einzige Musiker seiner Zeit, der für Umwälzungen sorgte und einen neuen Geist heraufbeschwor.


    © 2010 für TAMINO - Engelbert

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    Nicolae Bretan (1887-1968)
    Arald


    Oper in einem Akt und einem Prolog


    in rumänischer Sprache
    Libretto vom Komponisten nach dem Gedicht „Die Geister“ von Mihael Eminescu
    Fertigstellung 1939, Aufführung am 12. Mai 1982 an der Rumänischen Oper in Iaşi



    Charaktere:
    Arald - König der Awaren
    Maria - seine Geliebte
    Der Magier - Herrscher über die Elemente
    Der Poet (Stellt die Oper vor)


    Um etwa 600 n.Chr. zur Zeit der Volkerwanderung,
    Schauplatz ist die Unterwelt



    INHALTSANGABE


    Der Dichter tritt vor den Vorhang und stimmt den Besucher auf die Oper ein: Auf schwarzem Ross reitet Arald. Über Berge und Täler fliegt er wie ein Traumbild dahin. Der weite schwarze Mantel hüllt ihn ein. Im Gewölk spielt der Mondschein. Die Blätter auf den Wegen wirbeln auf und der Polarstern weist ihm seine Wege.


    Der Vorhang öffnet sich zu einem uralten Pinienwald in einem Felsengebirge. Eine Quelle murmelt und der Vollmond scheint in sternklarer Nacht. Harald ist in der Unterwelt angekommen. Unter dem Mantel führt der Awarenkönig eine Leiche mit sich.


    Völlig unbeweglich mit aschfahlem Gesicht sitzt auf einem Felsen ein uralter Greis. Seit Ewigkeit befindet er sich schon dort, vom Tode vergessen. In der Hand hält er einen Stab. Auf seiner Stirn und auf seiner Brust wächst Moos. Der Bart reicht ihm bis zur Erde und die Augenbrauen reichen bis zur Brust. Zwei Raben, ein schwarzer und ein weißer, flattern im Kreis um ihn herum.


    Arald steigt vom Pferd, legt den toten Körper seiner geliebten Maria dem Bärtigen zu Füßen und kniet vor ihm nieder. Zum Magier der Vorzeit ist er gekommen, weil er ein Anliegen hat. Er soll die Tote wieder zum Leben erwecken, dann will er für den Rest des Lebens ihm und seinen Göttern dienen.


    Der Magier scheint über die Abwechslung in seinem Alltag erfreut zu sein. Er steht auf und gibt sich kooperativ. Sogleich begibt er sich an die Arbeit und öffnet seinen zahnlosen Mund. Zunächst spricht er vom Erwachen des Lebens auf der Erde allgemein. Der Tod entsteigt dem Herzen der Erde als Leben. Als erstes leuchten die Augen im milden Sternengeflimmer. Das Haar sodann glänzt im Vollmondschimmer. Dann wird der Geist eingehaucht. Das besorgt Zamolxis mit seinem Atem, der mal heiß und mal kalt ist. Anschließend wendet sich der Seher direkt an Harald und spricht von den vier Elementen, die ihm dienen werden. Es ergeht die Aufforderung: Durchwandert die Erde, geht durch ihre Gluten, macht aus Steinen Gold, verwandelt Eis in Dämpfe, zu Blut lasst Wasser werden, zu Erz den Stein der Erde. Ein umfangreiches Aufgabengebiet für einen Ungeübten. Die jungfräuliche Seele sollen sie mit Blut ernähren.


    Auf ein Zeichen des Magiers erheben sich die beiden Raben mit ausgebreiteten Schwingen und verschwinden. Im Hintergrund der Bühne erscheinen vier Flammen, verlöschen aber gleich wieder, weil es windig geworden ist. Die Elemente sind erschienen, um die Befehle des Magiers auszuführen. Dieser redet Arald unmittelbar an und erzählt ihm seinen Lebenslauf: Als er noch ein Knabe war, kam er aus den Wäldern und nahm die Welt mit durstigen Augen in sich auf. Er träumte von Königreichen und sah sich als Herr der Erde. Stolz und jugendlich befahl er seinem Heere, und das ganze Universum erschrak vor seinem Schritt. Die Völker flohen nach Süden und mit Angst und Schrecken erfüllte er den Norden. In den Wäldern war Ruhe und Frieden, aber die ergrauten Priester scheuchten die Völkerscharen, um gegen Rom zu ziehen.


    In Nistru war dann endlich das Lager, wo sie zur Ruhe kamen. Dann begegnete er Maria im Kreise ihrer Räte. Wie weißer Marmor schien sie mit weichem goldenen Haar. Vor ihrer Schönheit Strahlen schlug er die Augen nieder. Er war irrsinnig verlegen, so dass er sich wünschte, die Erde möge sich unter ihm öffnen. Die Umstehenden waren taktvoll und ließen ihn mit Maria allein. Dann schaute er sie an und fragte sie, weshalb die Fremde hierher gekommen sei, ins öde Land der Barbaren, so fern der Heimat.


    Gedankenverloren nimmt Harald den Faden auf und wendet sich an die Tote. Am Uferstrand der Donau ließ er halten. Arald, das Königskind, vergaß des Weltalls Walten. Das Ohr hörte auf einmal die tiefinnere Stimme und so hatte die Jungfrau den Sieger besiegt. Von nun an kam sie, blond wie ein Ährenfeld, in seine Nächte. Heimlich, damit keiner es sah, umschlang sie seinen Nacken mit ihren Armen, weiß wie Schnee. Ihre warmen Lippen öffneten sich und sagten: Zu Dir komme ich mein Arald und er fühlte sich ihrer nicht wert.


    Erneut fleht Harald den Magier an, ihm die Tote zum Leben zu erwecken. Dieser lässt sich nicht lange bitten. Die Prozedur ist scheinbar eine seiner leichtesten Übungen. Der Beflissene nimmt einen Kelch in Form einer Muschel füllt diesen mit Wasser an der Quelle und reicht ihn Arald. Dieser trinkt und verwandelt sich dabei in einen Geist. So geht das!


    Auf diese Weise hat der Magier das anstehende Problem gelöst. Er spart nicht mit Belehrungen, damit Arald sich auf der neuen Daseinsebene auch zurecht finden möge. Jetzt kommt Maria an die Reihe. Der Magier sprengt dreimal Wasser auf Maria. Die Flammen kommen und verschwinden, weil es abermals windig geworden ist. Die beiden Raben sind auch wieder da. Maria erwacht zum Leben. In ihren Haaren stecken Rubine und ihre Lippen sind blutrot. Sie erhebt ihre Stimme: Harald möge seine Stirne an ihren zarten Busen legen. Wie wunderschön ihre schwarzen Augen sind. Seinen Hals umschlingt sie mit ihrem goldenen Haar. Ihr Leben ist verwandelt in Glück, wie es niemals war. Auch er verspürt neues Leben in seinen Armen. Von nun an wird er immer bei ihr bleiben. Ihre zarte Seele gibt der seinen Glut. Seinen Hals soll sie umschlungen halten mit ihren Armen, weiß wie Schnee.


    Es kommt zu einem leidenschaftlichen Liebesduett. Sie finden sich in einem nichtendenwollenden Kuss. Plötzlich kräht ein Hahn. Maria wird unruhig: Harald, ich berge mein Gesicht. Der Hahn hat schon gekräht. Hörst du es nicht? Sieh den Schein des Morgenlichtes, der schon im Osten winkt, die erste Morgenröte in meine Seele dringt. Maria fällt in Haralds Arme. Der Hahn verschwindet und beide werden von der Erde verschlungen. Die Ewigkeit der Nächte umschließt sie nun im Grab. Der Magier nimmt seinen Platz wieder ein und die beiden Raben umkreisen ihn.


    Anmerkung:


    Die Erzählung ist deshalb so makaber, weil dem Bittenden keine Chance gegeben wird, sein Risiko abzuschätzen. Nach langem Ritt kommt Arald in der Unterwelt an und landet ohne Umschweife sogleich an der richtigen Adresse. Einen uralten Mann, der von zwei Raben umkreist wird, bittet er, dass man die geliebte Maria, deren Leichnam er in seinen schwarzen Mantel eingewickelt mitgebracht hat, wieder zum Leben erwecken möge. Der König der Awaren muss keine Hindernisse überwinden, keine Konditionen erfüllen und auch nicht verhandeln. Zynisch erfüllt man seinen Wunsch, ohne ihm zu sagen, dass der Preis für die kurzfristige Erfüllung seines Begehrens das eigenen Leben ist. Ein Schluck Wasser aus der Quelle des Todes hebt ihn auf die Ebene, die es ermöglicht, Wesen unterschiedlicher Substanzen miteinander kommunizieren zu lassen. Ein krähender Hahn in der Morgenfrühe entscheidet, wie lange das Vergnügen dauern darf. Gemeinsam und unwiderruflich verschwinden die Akteure für ein bisschen Spaß im unendlichen Nichts.


    Diese schaurige Sage konnte nicht an den lichten Küsten des Mittelmeeres entstehen, sondern sie trägt die Attribute uralten Empfindens aus dem hohen Norden, wo helles Licht plötzlich in die Unendlichkeit der Nacht versinkt.


    Der Komponist Nicolae Bretan bedient sich der Mittel des klassischen Sinfonieorchesters und holt an Emotion heraus, was überhaupt vorstellbar ist. Die Oper, getragen von einem hochpoetischen Libretto, überwältigt durch die Unfassbarkeit seiner Handlung und dringt psychologisch tief in das Kollektivbewusstsein der menschlichen Seele vor.


    © 2010 für Tamino - Engelbert

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    Sebastiano Moratelli (1640-1706)


    DER VERLORENE KÖCHER
    La Faretra Smaritta - The Lost Quiver


    Opernserenade


    italienisch gesungen
    entstanden um 1690
    Libretto: vermutlich Giorgio Maria Rapparini
    Uraufführung: um 1690 in Düsseldorf


    Charaktere:
    Mercurio
    Amore
    Echo
    Africano – Asiatico – Americo – Europeo



    HANDLUNG


    Amor bedauert sich selbst - sein Köcher mit den goldenen Pfeilen ist ihm abhanden gekommen. Sein Selbstwertgefühl ist auf dem Nullpunkt angelangt. Das Weinen und Lachen der Liebenden wurde von ihm dirigiert. Ohne seine Liebespfeile ist er machtlos. Was nutzt der Bogen, wenn man die Botschaft nicht mehr ins Ziel bringen kann. Der kleine Gott ist blind und hat als einzigen Besitz noch seine Flügel. Seine Glut werden Götter und Menschen in Zukunft verlachen.


    Doch unter den Göttern hat Amor einen selbstlosen Freund. Es ist Merkur, der Bote des Zeus und der Gott der Kaufleute. Nachdem das Vorspiel verklungen ist, bietet der Hilfsbereite sich an, nach dem in Verlust geratenen Köcher zu suchen. Von Sphäre zu Sphäre, von Kreis zu Kreis, von Pol zu Pol eilt er, um im Fluge zu erforschen, wo das Wertstück geblieben sein könnte. Er bläst zuvor seine Trompete – doch hören wir, was er verkündet:


    „Wenn jemand einen goldenen
    Köcher gefunden hat,
    ausgestattet mit Pfeilen,
    die schicksalhafte Spitzen aus
    Gold haben,
    soll er ihn liebenswürdigerweise
    zu Gott Amor
    bringen.


    Zunächst besucht der Gott mit seinem Schützling die Wüsten und Küsten des Schwarzen Erdteils und trifft dort auf Africano. Der große Sohn des Jupiter wird belehrt, dass er am falschen Ort suche. Er selbst sei in Afrika wohl bekannt, aber der kleine Amor sei hier eine unbekannte Gottheit. Einen Köcher besitze hier jeder, aber die Pfeile haben keine goldenen Spitzen und trügen auch keine Namen wie Reinheit, Würde, Anmut, und Schönheit.


    Merkur sieht ein, dass er ohne nähere Information nicht weiterkommt. Er fragt den Kleinen, ob er sich erinnern kann, an welchem Ort er den Köcher mit den allmächtigen Pfeilen das letzte Mal benutzt hat. Um ihm Mut zu machen, schmeichelt er ein bisschen, dass der Mutige zwar blind sei, trotzdem die Augen aber immer wach halte für die Stunden, wenn er das Feuer der Liebe entfacht.


    Amor erklärt, dass er kürzlich mit einer Schar Nymphen an einer silbernen Quelle arglos gespielt habe. Wahrscheinlich haben diese ihm aus Hinterlist den Köcher mit den goldenen Pfeilen entwendet. Aber selbst wenn die Nymphen Verkleidungsspiele mit ihm vorgenommen haben, muss er doch wissen, wo er den Köcher abgelegt hat. Amor glaubt „Am Ufer der schmeichlerischen Quelle, an der es viele Blumen gibt, die sich durstig zum Bach neigen, um begierig zu trinken – dort verbergen sich seine Pfeile wie fliegende und gefährliche Schlangen unter den Rosen.“ Recht geschieht dem hochmütigen Kind. Allen barbarischen und wilden Schützen soll es so ergehen! Warum ist Merkur so wütend und seine Stimme so scharf? Er durchbohrt einen Wehrlosen! Amor schlägt vor, sich in die Hände der freundlichen Winde zu begeben, um das Rote Meer zu überqueren. Vielleicht kann man dort Auskunft über den Verbleib der verhängnisvollen Wurfgeschosse geben. Merkur bläst in die Trompete und stellt anschließend seine Frage im bekannten Wortlaut. Es antwortet Asiatico:


    Verlange nach Perlen oder Schätzen,
    nach Balsam, Schminke, Düften!
    Was du auch willst, wirst du finden
    Aber fragst du nach Liebe,
    wirst du nichts herausfinden,
    welche den Namen Amors überschattet.


    Hier glaubt man, Liebe sei ein Märchen aus Griechenland, wo Verrückte ihre Wohnstatt haben. Die Fantasien eines Wachenden werden dort Liebe und Natur genannt. Amor habe in Asien einen schlechten Ruf. Er besitze Fesseln und Fackeln. Er sendet Pfeile zum Herzen, weil es ihm gefällt, da er ein Gott ist, um zu quälen. Wälder gibt es hier in großem Ausmaß mit Hölzern, aus denen sich Pfeile schnitzen lassen. Aber von keinem einzigen Pfeil hat man je gehört, dass er außer Krieg und Tod den Seelen Anmut oder Pracht bringt.


    Ob solcher Worte fühlt Amor sich gekränkt. Aus barbarischem Herzen kommen ungerechte und verächtliche Worte, aus den Äußerungen lieber Freunde dagegen spreche Großmut und Tugend. Nur einer großen Seele und einem Herzen, welches Edelmut hat, ist Amor bekannt.


    Vielleicht sollte man sich dem öden Amerika zuwenden, welches weniger rau und grausam ist. Dort werden sie die Information bekommen, wo der unsterbliche Köcher versteckt wurde. Man nimmt wie üblich den Weg durch die Luft. Amor kündet von dem Rohmaterial seiner Pfeile. Unfruchtbares gewöhnliches Holz entzündet sich nicht an seiner Flamme. Nur eine Pflanze mit Duft entflammt sich wie ein edler Docht zu seiner glücklichen Hitze - nicht jeder Schmetterling wird ein Phönix.


    Schließlich sind die beiden in Amerika angekommen, damit an einer unwirtlichen Küste die kündende Trompete vernommen werden kann. Überraschenderweise hat man hier tatsächlich eine blasse Ahnung, wer der Bestohlene ist. Von dem Sohn der Venus mit der Augenbinde, dem Bezwinger der Götter und Menschen, weiß man, dass er verhängnisvolle Pfeile aussendet. Die Triebfedern seines Handelns seien Wildheit, Grausamkeit, Hass und Zorn. Der Kleine ist erschüttert, wie schlecht man hierzulande von ihm denkt. Der Name Amors sei die Einladung zu sterben. Merkur will den Kleinen ein bisschen erziehen, damit er mit seinen Pfeilen in Zukunft etwas bedachtsamer umgeht. Er sieht doch, dass ein bitterer Ruhm ihm von diesem Himmel widerhallt. Kurz gesagt, es besteht keine Hoffnung, von Americano das Versteck der goldenen Pfeile zu erfahren. Es ist keine Zeit zu verschwenden. Man begibt sich zurück ins Alte Europa, um dort die Gegenden zu durchstreifen. In seiner angestammten Heimat gibt es viele große Seelen, denen Amor immer willkommen ist.


    Merkur kann es nicht lassen, dem Kleinen eine Standpauke zu halten. Hat Venus Erziehungsfehler begangen, ihn ständig gewähren zu lassen, um selbst von seiner Auswahl zu profitieren? Verletzungen sind Amors Prüfungen, Grausamkeit seine Trophäen. Die Liebenden beschweren sich im Verbund und keine Nymphe will ihn in ihrer Brust festhalten. Er bringt Leid und macht sich durch seinen Hochmut verhasst. Amor schwört Besserung, wenn es Merkur gelingt, den Verbleib seiner Waffen nebst Behälter auszukundschaften. Die Seelen sollen wieder in Ruhe leben und die Seufzer wieder normaler Atem werden. Europeo lädt den kleinen Gott ein, zurückzukommen. Voller Verehrung werden die bebenden Herzen ihn grüßen. Aber das Versteck seines goldenen Köchers kann auch er ihm nicht verraten. Amor verzweifelt: ohne Köcher mit den goldenen Pfeilen ist er seiner Macht beraubt und klinisch tot.


    Doch völlig unerwartet meldet die Nymphe Echo sich zu Wort. Ihr Schicksal ist es, dass man immer nur die letzten beiden Silben eines Satzes verstehen kann. Die Göttin Hera hatte die Plaudertasche einst aus gegebenem Anlass verflucht. Der Verzweifelte will überhaupt nicht zuhören, wenn sie lediglich zu künden hat, dass er sterben werde. Wenn sie ihm tatsächlich etwas zu sagen habe, soll sie ihm die Schuldigen nennen, die den Frevel begingen, sich seiner Liebespfeile zu bemächtigen. War sie es etwa selbst, die seine Glückspfeile geraubt hat und mit tyrannischer Macht zurückhält? Nein, Echo ist doch keine Diebin! Immerzu hört Amor sie den Namen: „Anna“ rufen. Wer um Himmels Willen ist Anna? Oder haben seine Ohren falsch gehört. Ist Anna etwa eine Nymphe oder der Name eines Halbgottes? Heißt eine Grazie so oder befindet sich die Person unter den Jägerinnen der Göttin Diana? Wo hält sie sich versteckt? Echo lässt als Antwort eine weitere Silbe vernehmen: „Arno“. Ist Arno Annas Freund oder meint die Nymphe „Anna vom Arno“ Arno ist doch der Fluss, der durch Florenz fließt, in dem die Familie der Medici residiert.


    Asiatico und Europeo haben sich zugesellt. Sie sind in der Geschichte der europäischen Herrscherhäuser bewandert und kennen ihre Familienmitglieder.


    Asiatico hat den richtigen Tipp:


    Die Reinheit eines so schönen Gesichtes
    ist dieselbe, die Lilien formen.
    Sie ist ein Widerschein des Himmels,
    der sich schön in sich selbst spiegelt.


    Euopeo kennt sich noch besser aus!


    Dieses schöne Gesicht hat solche Anmut,
    dass es auch in seinem Schweigen spricht.
    Es sagt jeder zu ihr: Gib mir dein Herz!


    Amors Gesicht hellt sich auf. Nun weiß er, wer den Köcher mit den Pfeilen stibitzt hat:


    Oggi quest 'oggi
    Oppunto è 'l bel giorno sereno
    Che del ciel mediceo
    Nel rico seno
    Germogliò questo perla


    Anna ist die charmante Diebin, die schöne Perle der Medici, welche heute Geburtstag hat.


    Anmerkung:


    Die Opernserenade ist eine in Volumen und Gehalt reduzierte Form der Oper. Sie erfolgte fast immer dem Auftrag des Fürsten, zu einem bestimmten Ereignis einen festlichen Rahmen zu liefern. Im vorliegenden Fall sollte Anna Maria Luisa de Medici - einer Tochter Cosimos III. - der Gattin des Fürsten Johann Wilhelm von der Pfalz am Hof zu Düsseldorf zum Geburtstag gehuldigt werden. Ein bisschen Aufwand konnte nicht schaden, da die reiche Verwandtschaft Jan Willems Kriegskasse aufbessern sollte.


    Die musikalische Hinterlassenschaft des in Vicenca geborenen Komponisten galt bis vor kurzem als verschollen. Das Auffinden der Partitur zu „La Faretra Smaritta“ in der Bibliothek des Grafen Toerring-Jettenbach glich einer Sensation.


    © 2010 TAMINO - Engelbert

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    José María Usandizaga (1887-1915)


    Mendi Mendiyan
    Hoch in den Bergen


    Eine baskische Volksoper in drei Akten


    Libretto von José Power, Übersetzung ins Baskische von José Artola
    Uraufführung: 1910 in Bilbao, eine weitere Aufführung 1914 in Madrid


    Charaktere:
    Andrea, Schäferin
    Joshe Mari, ihr Geliebter
    Txiki, Andreas jüngerer Bruder
    Juan Cruz, beider Großvater
    Kaiku, Freund des Großvaters
    Gaitzo, Übeltäter aus reicher Familie


    Das Geschehen spielt im 19. Jahrhundert im Baskenland



    INHALTSANGABE


    Erster Akt:


    Andrea, eine junge Schäferin liegt schlafend neben ihrem jüngeren Bruder Txiki unter einem Baum in unmittelbarer Nähe ihrer Berghütte. In der Mitte eines Albtraumes, in dem sie nach Vater und Mutter ruft, wird sie wach, weil ein Wolf ihre Schafe angreift. Txiki wird ebenfalls wach und fragt, was los sei. Sie erzählt ihm von ihrem Traum und der Junge wird ganz traurig, weil er seine Eltern niemals kannte. Andrea schickt ihn zur Hütte, um seinen Großvater zu finden. Allein zurückgeblieben, singt sie ein Loblied auf die Sonne, welche Dunkelheit und böse Träume wegscheucht. Dann wendet sie sich ihren Schafen zu und schaut verträumt auf den gegenüberliegenden Berghang, denn dort hat sie die schlanke Figur des jungen Schäfers Joshe Mari ausgemacht.


    Ihr Großvater, Juan Cruz, kommt mit Txiki aus der Hütte und fragt, warum sie zu solch früher Stunde schon auf den Beinen seien. Der Junge erzählt ihm nun, nachdem sie die Hütte sehr früh verlassen haben, seien sie plötzlich wieder müde geworden und haben sich inmitten der Herde ein bisschen hingelegt. Juan rät, nicht zu weit zu wandern, aber die beiden Enkel setzen dem entgegen, dass sie nach der Herde schauen mussten.


    Juan bleibt allein zurück und betet zur Jungfrau Maria, wie er das jeden Tag tut. Er bittet darum, dass sie ihm seine Fehler nachsieht und ihm immer Lebenskraft gibt, damit er weiterhin für seine beiden Enkelkinder sorgen kann.


    Kaiku, Juans bester Freund - von Andrea gern gesehen - tritt ein. Er befindet sich in guter Verfassung, und als Juan nach der Ursache seiner Fröhlichkeit fragt, antwortet dieser, dass er all sein Vieh dem Vater von Gaitzo, einem reichen Herdenbesitzer, zu vorteilhaften Bedingungen verkauft habe. Zusätzlich wurde ihm angeboten, in dem Haus des reichen Mannes sein Leben fortsetzen zu dürfen.


    Kaiku ist wegen Andreas Zukunft beunruhigt, weil sie irgendwann allein zurückbleiben wird. Er weist Juan Cruz darauf hin, dass sie doch den Gaizto heiraten könnte. Solche Sprüche hört Juan nicht gern, dass seine Enkelin aus dem Haus gehen könnte, um den Sohn seines alten Feindes zu heiraten, auch wenn er noch so mächtig sein mag.


    Andrea kehrt zurück. Sie war auf der gegenüberliegenden Hangseite und berichtet, dass Joshe Mari Spuren von einem Wolf gefunden habe. Juan fragt nach Txiki. Dieser ist zurückgeblieben und glücklich, mit seinem Gewehr Vögel geschossen zu haben, die er alle Joshe Mari gegeben hat. Der Großvater ist es zufrieden, dass sein Enkel die Leidenschaft zur Jagd von ihm geerbt hat.


    Allein mit Kaiku zurückgeblieben, bittet sie diesen, ihm eine Geschichte zu erzählen, wie er das schon so oft getan hat. So erzählt er ihr eine Story, die er sich selbst ausgedachte. Es geht um ein verlassenes Schäfermädchen, welches den ganzen Winter über auf ihren Liebsten gewartet hat, der aber dann doch nicht gekommen ist. Die Geschichte füllt Andrea mit Traurigkeit.


    Während sie über die Geschichte nachdenkt, tritt Joshe Mari ein und sagt ihr Lebewohl, weil er losgehen will, um den Wolf zu jagen. Andrea hofft, dass er schnell zurück sein wird. Gaizto und Kaiku erscheinen. Joshe Mari, der im Begriff war, zu gehen versteckt sich, um sie zu beobachten. Andrea realisiert nicht, was vorgeht, verschwindet in der Küche, um ein Mahl zu bereiten. Die beiden Besucher scherzen mit ihr. Danach geht der Ältere los, um nach seinem Freund Juan Cruz zu schauen. Gaizto nähert sich nun Andrea, um ihr den Hof zu machen. Er sagt ihr, die Herde würde jemand bekommen, der sie zur Königin der Berge machen möchte, so dass alle sie beneiden würden. Andrea weist ihn jedoch zurück, als er versucht, sie gewaltsam am Arm zu halten. Joshe Mari springt aus seinem Versteck und zwischen den beiden Gockeln kommt es zum Kampf. Andrea ruft ihren Großvater, der herbeieilt, um die Streitenden zu trennen. Sie sollen den Frieden der Berge respektieren.


    Zweiter Akt:


    Joshe Mari preist den glücklichen Teil der Berge, als den Platz, an dem Andrea lebt. Er singt ein Lied, wie er von ihr denkt, als er durch den Forst wandert und an die letzten Worte, als er sich gestern zur Ruhe begab: Andrea ich liebe dich.


    Nachdem er gegangen ist, fragt der Großvater seine Enkeltochter, ob sie wegen einiger vorgefallener Dinge besorgt sei. Er beobachte, dass sie versuche, ihre Tränen zurückzuhalten, aber sie behauptet, alles sei in Ordnung. Txiki weiß zu berichten, dass Joshe Mari die Führung übernommen habe, um gemeinsam mit den benachbarten Schäfern den Wolf zu jagen. Nur Gaizto sei der einzige, der nicht mitgekommen sei. Sie erinnert ihren Bruder daran, wie stark Joshe Mari ist, und wie sie Gaitzo hasst.


    Joshe Maris Stimme ist zu hören, um seine Lieben zu warnen. Die Hunde haben den Wolf ausgemacht und man weiß nicht, in welche Richtung er sich bewegen wird. Sie ist erschrocken, aber die Schäfer sagen ihr, sie solle sich nicht ängstigen. Nun wartet man, dass der Wolf erscheint. Txiki und Andrea begeben sich in ein sicheres Versteck, von dem sie aus der Höhe beobachten können, wie das Tier sich verhalten wird. Plötzlich erkennen sie, wie sich in der Herde etwas bewegt und Txiki feuert einen Schuss ab. Juan Cruz erscheint, um nachzufragen, weshalb geschossen wurde. Joshe Mari und Kaiku tragen den toten Wolf herbei. Txiki entdeckt ein totes Schaf aber Juan stellt fest, dass es nur verwundet ist, Die Verletzung steht mit dem erschossenen Wolf nicht in Zusammenhang. Inzwischen findet Kaiku auch ein blutbeschmiertes Messer, welches einwandfrei zum Töten benutzt wurde, und von dem er weiß, dass es dem rachsüchtigen Gaizto gehört. Joshe Mari, der Hüter von Recht und Ordnung in der Region, schreckt hoch und erklärt Andrea, dass er Gaizto suchen wird.


    Dritter Akt:


    Ein geschmückter Dorfplatz an einem Festtag! Singend und tanzend vergnügt sich die heimische Bevölkerung. Der Herbst geht dem Ende entgegen und man dankt in der kleinen Kirche für die Gaben, die er gebracht hat. Nachdem die Feierlichkeiten vorbei sind, bittet Joshe Mari Andrea für einen Moment zu bleiben. Sie sagt, ihr Großvater würde besorgt sein, weil es dunkel wird, aber Joshe Mari besteht auf seinen Wunsch. Dann erklärt er ihr seine Liebe und erinnert sie daran, dass sie schon von Kindheit an gemeinsam auf die Herden achteten. Wenn der Winter kam, waren sie getrennt und sie sagten sich Lebewohl, aber ihre Augen drückten tiefe Zuneigung aus. Waren sie nicht wie füreinander geschaffen? Andrea kann nicht antworten, aber auch ohne Worte signalisiert sie, dass er immer in ihrem Herzen war. Sie geloben sich gegenseitig ewige Liebe, und selbst wenn die Lippen schweigen, sprechen ihre Herzen zueinander. Dann gehen sie zusammen zu Andreas Hütte.


    Gaitzo erscheint und sinnt bekümmert, wie seine Zuneigung sich in Rache verwandelt hat. Alle haben ihn verlassen. Einsamkeit ist sein Begleiter, Eifersucht seine Qual! Joshe Mari, auf seinem Weg zurück ins Dorf, kreuzt seinen Weg. Er fragt ihn, weshalb er bei den Festlichkeiten im Dorf nicht dabei gewesen sei. Gaizto antwortet, er könne den Gedanken nicht ertragen, Andrea mit einem anderen Mann zusammen zu sehen. In seiner Einfalt antwortet Joshe Mari, dass er in Zukunft das Mädchen nur noch mit ihm sehen werde, weil sie sich immerwährende Liebe geschworen haben. Der Provozierte kann diese Demütigung nicht ertragen, schwingt seine Axt und streckt den Rivalen nieder. Schwer verwundet fällt der Getroffene zu Boden und ruft nach Andrea. Grauen erfasst den Täter und er flieht in den Wald.


    Epilog:


    Andrea kniet weinend an der Stelle, an dem Joshe Mari starb. Es ist der gleiche Platz, an dem sie sich einst ihre Liebe gestanden. Sie wünscht sich ebenfalls zu sterben. Nun da der harsche Winter gekommen ist und Joshe Maris süße Musik nicht mehr erklingt wie die Lieder der Singvögel, die wegen der Kälte nach Süden gezogen sind. Juan Cruz kommt in Begleitung von Txiki, um nach ihr zu suchen. Sie versuchen, sie zu beruhigen, und erklären, dass es selbst auf dem Ozean hin und wieder Stürme gibt. Jedes Leben hat Zeiten der Betrübnis zu bewältigen. Schnee ist gefallen und hat den Pfad zur Hütte bedeckt. Andrea will nicht mit ihnen kommen, sie sei unfähig nach Hause zu gehen, aber ihr Großvater besteht darauf. Er hofft, dass mit der Zeit die Freude wieder in ihr Herz einkehren wird. Schließlich stimmt sie zu, mit ihnen zu kommen und richtet letzte Worte an den abwesenden Gaizto: Wo immer er sein mag, ihr Gram und ihr Schmerz werden ihn immer heimsuchen. Sie weiß, die Berge werden für sie nie mehr das gleiche sein, als sie die Umgebung mit Joshe Mari durchstreifte. Aber sie hofft, dass die wilde Landschaft sie immer an die Zeit erinnern wird, in der sie ihre Gefühle mit ihrem Liebsten teilte. Ihre letzten Worte sind ein Lebewohl an den Geliebten. Ihr Herz wird ihm für immer gehören.


    © 2010 für TAMINO - Engelbert

    Nun sieht alles schon viel besser aus, nachdem die Unebenheiten korrigiert wurden.


    Im Schnitt hat jede Seite etwa 30 Einträge, wenn man mit den Seiten multipliziert, hat man die Anzahl der fertigen Opern in etwa. Aber, es sind noch etwa 30 Einträge dazwischen, welches keine Opern sind, sondern Berichte von Kritiken, reine Szenenfolgen oder Kopfdaten. In den nächsten Tagen mache ich eine Übersicht, um zur Diskussion zu stellen, ob umsortiert, angehängt oder gelöscht werden soll.


    Uns soll keiner vorwerfen, dass wir mit gezinkten Karten spielen.


    :angel:
    Engelbert

    @ Reinhard u. Theophilus


    So, ich bin wie gewünscht heute Nachmittag mit Argusaugen alle Positionen durchgegangen nachstehende Unstimmigkeiten bzw. Diskussionspunkte ergaben sich.


    1. CHABRIER, Emmanuel: LE MALGRÉ LUI (Korrektur: Betonungszeichen)


    2. CAVALLI, Pier Francesco: (Einheitliche Schreibweise des Vornamens bei allen Einträgen: Vorschlag wäre in Anlehnung an übliche Gepflogenheiten nur 'Francesco'. Bitte mit Musikwanderer ausdiskutieren und gegebenenfalls auch im Beitrag ändern)


    3. DARGOMYSCHSKY. Alexander (Korrektur: aus 'sh' ein 'sch' machen, um in einem russischen Wort die englische Umschreibung zu vermeiden.)


    4. MASCAGNI (Korrektur: Die Lebensdaten im Suchbegriff bitte streichen


    5. MERCADANTE, Severio: ANDRONICO (Großbuchstaben im Titel anwenden)


    6. MONTEVERDI, Claudio: L'INCORAZIONE DI POPPEA (Buchstaben an das Auslassungszeichen anrücken)


    7. DVOŘÁK, Antonín (Tschechische Sonderzeichen im Titel anwenden)


    8. GLUCK: IPHIGÉNIE EN AULIDE (Bitte Betonungszeichen einsetzen, weil die franz. Version beschrieben wird.)


    9. HÄNDEL: FARAMONDO (Titel bitte in Großbuchstaben)


    10. ROSSIN: ( Bitte alle Kommas setzen)


    11. TSCHAIKOWSKy, Piotr Iljitsch (Bei Mazeppa und Orleanska Dewa: den Peter bitte gegen 'Piotr Iljitsch' auch im Text austauschen)


    12. WOLF-FERRARI (Im Suchbegriff bitte überall die Lebensdaten löschen)


    DANKE
    :angel:
    Engelbert


    Der bürgerliche Name des Komponisten lautet: Pier Francesco Caletti-Bruni.
    Der Künstlername - wie er vermutlich auch signiert - ist Francesco Cavalli (ohne Pier oder Pietro)
    Nun habe ich 8 Tonträger von Cavali: Decca, MRF, HMC, Naive, Naxos und ERATO nennt ihn: Francesco Cavalli - nur bei VOX heißt er Pier Francesco Cavalli. Aus meiner Sicht würde ich grundsätzlich in allen Fällen auf den Rattenschwanz von Taufnamen verzichten.


    Daß Pier eine Verballhornung von Pietro ist, glaube ich nicht - vielleicht aber eine Koseform. Nur soll man bei Namen auch im Deutschen nicht urteilen und ändern wollen. Wenn jeman Jupp heißt, dass ist das sein Name und nicht Joseph. Fritz ist eine Abart von Franz. Da kann man nicht willkürlich umbauen.


    ^^


    Die Welt am Sonntag nennt Mubarak 'Husni', das Hamburger Abendblatt sagt zu Herrn Mubarak 'Hosni'. Sollte er mir demnächst in Heidelberg über den Weg laufen, würde ich 'Horst' zu ihm sagen, falls er entmachtet ist, wenn das willkürliche Umgestalten von Namen erlaubt ist.


    Bei TAMINO sollte der Name einheitlich gehandhabt werden, damit die Leser nicht denken, dass der Zufallsgenerator waltet. Deshalb habe ich auch meinen Cavalli den Vorgaben von Musikwanderer angepasst. Plädieren würde ich für 'Francesco Caval'i, aber dann mussen auch die Titel im Beitrag selbst angepasst werden.


    X(



    @ Reinhard und Theophilus


    Es ist überhaupt schon einmal ein Schritt nach vorn, dass gleich zwei Moderatoren sich des Operführers annehmen und sich damit Arbeit machen. Also Reinhard, vielen Dank an Dich, ich werde heute oder morgen Korrektur lesen und dann mit weiteren Anliegen bezüglich Umbetten und Verlagern kommen. Schließlich wollen wir doch mit den Resultaten der Unvergleichlichkeit und Einmaligkeit (Alfreds Vorgabe) protzen können und dann müssen zumindest die Ausgasngspositionen stimmen und die Torsos weichen. Ich melde mich.


    @ Musikwanderer


    Es ist vollkommen korrekt, wenn der Titel zweimal erscheint. Das erste ist der Suchbegriff, statistisch zu definieren: CAVALLI, Francesco: XERSE. Graphisch sieht es ein bisschen witzig aus, wenn mit Groß- und Kleinschreibung balanciert wird. Aber es ist schon notwendig, die Überschrift aus grammatikalischen Sicherheits-Erwägungen restlos in Großbuchstaben zu setzen. Beim zweiten Eintrag des Titels ist dieser farbig in größeren Lettern mit vorangestelltem Vornamen Bestandteil des Beitrages. Ein etwas größerer Abstand zwischen den Zeilen macht den Unterschied klarer.


    Ansonsten bin ich sehr erfreut, lieber Musikwanderer, dass Du sorgfältig recherchierst, mit vielen Raritäten aufwartest kurz und bündig - perfekt arbeitest.


    Mit freundlichen Grüßen
    :angel:
    Engelbert

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    Ludwig Minkus (1826-1890)


    Don Quichote
    Don Kikhot


    Ballett in einem Prolog und vier Akten


    Libretto von Marius Petipa nach dem Ritterroman von Miguel de Cervantes
    Uraufführung am 14. Dezember 1689 am Bolschoi-Theater, Moskau


    Choreographie: Marius Petipa
    Bühnenbild: Pawel Isakow
    Ausstattung: Pawel Isakow
    Darsteller: Anna Sobeschanskaja (Kitri) Sergej Sokolow (Basil)



    Personen:
    Kitri, ein hübsches Mädchen
    Basil, ein junger Mann, in Kitri verliebt
    Lorenzo, Kitris Vater
    Gamache, der Heiratskandidat
    Espada, ein Freund Basils ein Torero
    Don Quixote, ein etwas seltsamer Ritter
    Sancho Pansa, sein Diener
    Zigeuner - Blumenverkäuferinnen Gäste der Schenke und weitere



    HANDLUNG


    PROLOG


    Don Quichote ist ein Ritter ohne Furcht und Tadel, dazu starrköpfig und durch nichts zu belehren. Die Welt macht sich über ihn lustig, doch das beirrt ihn überhaupt nicht. Stets an seiner Seite befindet sich sein Diener Sancho Pansa, dessen Sinn auf Realitätsnähe ausgerichtet ist. Die Sehnsucht nach dem Ideal seiner imaginären Geliebten hat Don Quichote stets vor Augen und er verfolgt das Phantom ein Leben lang, ohne seiner Dulcinea jemals nahe zu kommen.


    Erster Akt:


    Die Handlungsträger des Balletts sind die schöne Kitri und ihr Schatz Basil, der ständig eine Gitarre mit sich herumträgt. Ihr Glück ist nicht ungetrübt, denn Der Vater will Kitri mit dem reichen, aber trotteligen Gamache verheiraten. Deshalb planen Kitri und Basil die Flucht. Eilig haben sie es damit nicht. Dafür ist das Leben in Barcelona zu schön. Die Menschen lieben Blumen, deshalb gibt es hier auch so viele Blumenverkäuferinnen. Wenn der Torero nicht gerade in der Arena gegen einen wütenden Stier kämpft ist er auf dem Blumenmarkt zu finden. Natürlich sucht er Streit. Streit verursacht auch Don Quichote, der sich einbildet Kitri sei seine heißgeliebte Dulcinea, die er endlich gefunden hat und die es zu beschützen gilt. Eine törichte Verwechselung!


    Zweiter Akt:


    ERSTE SZENE


    Auf der Flucht vor den väterlichen Absichten sind die Liebesleute in einem Zigeunerlager gelandet. Da Don Quichote ständig auf Reisen ist, kommt er mit seinem Diener auch bald bei den Zigeunern an. Eine bizarre Windmühle ziert das Landschaftsbild. Auf unseren Ritter wirken die sich drehenden Windmühlenflügel aggressiv. Unverzüglich ist er kampfbereit. Seine Waffe richtet er gegen die vermeintlichen Angreifer, bleibt aber mit der Waffe stecken und wird angehoben. Aus beachtlicher Höhe stürzt er und fällt auf den Hinterkopf, was einen Traum auslöst, wie Amor sich mit schönen Mädchen vergnügt. Die Vision einer antiken Gottheit passt eigentlich gar nicht ins mittelalterliche Spanien, doch Träume kann man nicht lenken. Der abgewiesene Liebhaber und Kitris Vater haben den Aufenthaltsort der Liebenden ausfindig gemacht. Don Quichote will sich den Liebenden nützlich erweisen und schickt die Vewrfolger in die falsche Richtung.


    ZWEITE SZENE


    In einer Schenke sind Kitri und Basil fröhlich beisammen bis die beiden unliebsamen Herren wieder auftauchen und das Vergnügen trüben. Die Liebenden versuchen es nun mit einem Trick. Basil tut so, als ob er im Sterben läge und Kitri fleht den edlen Don Quichote an, sich für sie beide einzusetzen. Bevor der Geliebte das Zeitliche segnet, möchte er sie heiraten. Es sei unverantwortlich, einem Sterbenden seinen letzten Wunsch abzuschlagen. Der Plan gelingt. In Windeseile wird die Verbindung abgesegnet und anschließend geht es Basil wieder besser, so dass sich der letzte Atemzug erübrigt.


    Dritter Akt:


    Jetzt muss die Eheschließung noch tüchtig gefeiert werden. Wenn in einem Ballett Hochzeit stattfindet, ist das der Anlass, dem Publikum Zerstreuung aller Art anzubieten, die mit dem Handlungsablauf nichts zu tun haben, das Bühnenspektakel aber in die Länge ziehen.


    Anmerkungen:


    Die vorliegende Beschreibung folgt der Inszenierung an der Metropolitan Oper New York. Es gibt andere Versionen, in denen Don Quichote noch mehr Abenteuer an unterschiedlichen Schauplätzen zu bewältigen hat.


    Die Musik von Ludwig Minkus ist anspruchslos, entspricht aber dem, was das Publikum seinerzeit von einem abendfüllenden Handlungsballett erwartete. Dann ging der Stern von Peter Tschaikowsky auf und es schlug mit ihm und Adolphe Adam die Stunde des großen romantischen Balletts.


    © 2011 TAMINO - Engelbert



    SZENENFOLGE:


    PROLOG


    Erster Akt:
    DER MARKTPLATZ IN BARCELONA


    1.Kitris Auftritt
    2.Vorstellung von Basil
    3.Kitri, Basil mit Gitarre
    4.Kitris Vater
    5.Gamaches Auftritt
    6.Seguidilla
    7.Auftritt der Straßensängerin, Espadas und des Torreros (Tanz und Variation)
    8.Don Quichote betritt den Markt
    9.Auftritt der Blumenmädchen, nebst Basil und Kitri
    10.Basil und die Blumenmädchen
    11.Coda für die Blumenmädchen und Coda für Basil und Kitri


    Zweiter Akt:
    SZENE I
    EIN ZIGEUNERLAGER


    12.Einleitung
    13.Don Quichotes Auftritt, Zigeunertanz für Basil und Kitri
    14.Kampf gegen die Windmühlen
    15.Traum - Mädchen und Amor
    16.Dryaden-Variation, Amor-Variation, Kitri-Variation
    17.Ende des Traums, Gamache und Kitris Vater


    SZENE II
    IN DER SCHENKE


    18.Auftritt der Gäste in der Schenke
    19.Basil und Kitri betreten die Schenke
    20.Espadas Variation, Eintritt von Don Quichote, Sancho und Gamache
    21.Basils angeblicher Tod
    22.Ende des zweiten Aktes


    Dritter Akt:
    DIE HOCHZEIT


    23.Marsch
    24.Gamache und Basils Freunde - Divertissement
    25.Auftritt der Mädchen
    26.Pas de deux
    27.Basils Variation, Kitris Variation
    28.Coda und großes Finale


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    Henri Darondeau (1779-1865)


    Die beiden Kreolen
    Les deux Creoles


    Ballettpantomime in drei Akten
    Libretto von Jean Aumer
    Uraufführung am 28. Juni 1806 am Théâtre de la Porte St. Martin, Paris
    Choreographie Jean Aumer
    Ausführende: M.me Queriau - M.lle Caroline - M.me Lefèbre - M.me de Sénange - M.me Descuillé - M. Robillon


    Personen:
    Théodore und Zoe, Sklaven auf einer Zuckerrohrplantage
    Aline, Entflohene Sklavin mit ihrem Kind
    Dominguo, Besitzer der entflohenen Sklavin
    Der Gouverneur der Insel Ile de France (heute Martinique)


    Zeit und Ort: Die Karibik: Insel Martinique im 17. Jahrhundert



    HANDLUNG


    Erster Akt:
    Auf der Ile de France, einer Insel in der Karibik unter französischer Oberhoheit, wird Zuckerrohr angebaut. Der Besitzer der Plantage ist ein aufgeschlossener Patron. Im Gegensatz zu anderen Herren behandelt er seine Sklaven human und lässt ihnen angemessene Bewegungsfreiheit. Théodore und Zoe, die auf der Plantage arbeiten, sind ineinander verliebt und necken sich.


    Die Sklavin einer auswärtigen Plantage ist ihrem grausamen Herrn entflohen und fleht um Unterschlupf. Zoe und Théodore, die auf der Plantage machen können was sie wollen, haben die Betrübte ein bisschen aufgemuntert und sind im Begriff sie zu verstecken. Schon kommt der Besitzer herangestürmt, um die Entflohene mit ihrem Säugling wieder einzufangen. Zoe gelingt es, den Empörten zu beschwatzen, damit er auf seinen Besitzanspruch verzichtet.


    Ein Brief des Onkels trifft ein, dass Zoe sofort mit dem Schiff nach Frankreich reisen soll. um einen neuen Arbeitsplatz als Hausmädchen anzutreten. Die beiden Kreolen sind in Not und planen zu heiraten, damit man sie nicht trennen kann. Sie sind schon auf dem Weg zur Kirche, als der Gouverneur erscheint, um vom kolonialen Gewaltmonopol Gebrauch zu machen, und Zoe mitzunehmen.


    Zweiter Akt:
    Zoe befindet sich auf dem Schiff ins Mutterland. Théodore ist ganz einfach mitgekommen. Das Schiff gerät in Seenot und Zoe fällt ins Wasser. Ihr Liebster ist ein guter Schwimmer, springt hinterher, um sie zu retten. Unter den Mitreisenden breitet sich Besorgnis aus, doch schon tauchen die beiden Krausköpfe aus den Wellen auf. Zu allem Überfluss brennt jetzt auch noch das Schiff. Rettungsversuche bringen kein Resultat. Das Schiff sinkt. Der Vorhang sinkt auch, so dass der Ballettbesucher über den weiteren Verlauf der Ereignisse im Unklaren bleibt.


    Dritter Akt:
    Das Paar konnte gerettet werden. Dem Himmel sei Dank! Jetzt wird geheiratet, bevor weiteres Unheil sich hindernd in den Weg stellt. Der Gouverneur hat die Genehmigung zur Hochzeit erteilt und für die Festlichkeiten sein Schloss zur Verfügung gestellt. Viele Divertissements ziehen das Ereignis in die Länge, damit das Ballett abendfüllend wird.


    Anmerkung:
    Der Handlungsablauf ist als Parodie zu verstehen. Die Verlockung, das Ballett aufzuführen ist einzig die exotische Kulisse und die farbenprächtigen Kostüme. Die belanglose Musik entspricht dem Zeitgeschmack


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Aarre Merikanto (1893-1958 )
    Juha


    Oper in drei Akten


    entstanden 1922
    finnisch gesungen
    Libretto von Aino Ackté-Jalander
    nach dem gleichnamigen Roman von Juhani Aho
    Uraufführung in Helsinki 1963
    Dauer: knapp 2 Stunden


    Charaktere:
    Juha – Einödsbauer aus der Landschaft Savo (Bassbariton)
    Marja – Juhas junge Frau (Sopran)
    Schemeikka – karelischer Handelsmann (Tenor)
    Kalamatti - Ein Fischer (Bass)
    Kaisa – Magd auf Juhas Hof (Sopran)
    Anja - Schemeikkas erstes Sommerliebchen (Sopran)
    Zwei weitere verflossene Sommerliebchen (Sopran + Alt)
    Anoppi - Mutter Juhas (Alt)
    Emäntä - Schemeikkas Mutter, Altbäuerin (Mezzosopran)
    Zwei Köhler aus der Landschaft Savo (Bass + Bariton)


    Das Geschehen spielt zu Ende der achtziger Jahre des 19, Jahrhunderts an der finnisch russischen Grenze
    zu Karelien.



    HANDLUNG


    Erster Akt


    Erstes Bild:


    1
    Das Leben auf dem Bauernhof von Juha Karhunen findet seine junge Frau Marja freudlos und eintönig. Um versorgt zu sein hatte das Waisenmädchen den wesentlich älteren Landwirt geheiratet und ist zu ihm in die Einöde gezogen. Mangel an Geselligkeit und Abwechslung, sowie der trennende Altersunterschied macht sie mürrisch und unlustig. Die Enttäuschte lässt nun ihren Verdruss an ihrem Mann aus, obwohl er sie über alles liebt. Sie belegt ihn mit Schimpfwörtern, was ihn sehr schmerzt. In früheren Zeiten entschuldigte sie sich nachträglich und suchte die Verständigung, aber das ist längst vorbei. Im Kampf mit einem übermütigen Braunbären hatte die Bestie ihm mit seiner Pranke die Hüfte traktiert, so dass Juha sich für den Rest seines Lebens nur noch hinkend fortbewegen kann. Es hat sich in seinem Bewusstsein verankert, dass er nicht mehr attraktiv ist. In Gedanken versunken flickt er seine Netze und fragt sich, ob es sich gehört, dass Marja ihren Launen freien Lauf lassen und ihn beschimpfen darf. Fremde könnten den Eindruck gewinnen, dass sie seiner Gegenwart überdrüssig ist. Ein gemeinsames Kind haben sie nicht. Seine väterliche Liebe für die wesentlich Jüngere weist die Uneinsichtige schroff zurück.


    2
    Marja sitzt grübelnd auf der Bank vor der Haustür als ein Fremder auf sie zukommt. Dieser gibt sich als durchreisender Händler aus und stellt sich als Schemeikka vor. Er besitze in der benachbarten Provinz Karelien einen Hof, der in seiner regelmäßigen geschäftlichen Abwesenheit von seiner Mutter bewirtschaftet wird. Der Fremde fragt, ob er die Sauna benutzen darf und erbittet ein Nachtlager, welches ihm gewährt wird.


    Juha kommt hinzu und der Durchreisende eröffnet ihm, dass er Roggen kaufen möchte. Der Bauer geht, um die Säcke zu füllen. An den Stromschnellen in unmittelbarer Nähe arbeiten ein paar Köhler, die den Fremden gern ausrauben würden, weil ihnen angeblich vor Jahren von diesem die Getreidespeicher geplündert worden seien. Die Prozedur würde ganz einfach sein. Man packt den Fremden, schnürt ihn mit einer Kordel zusammen und jagt ihn die Stromschnellen hinunter – kein Hahn würde mehr nach ihm krähen. Doch Juha ist eine ehrliche Haut und untersagt unter Hinweis auf das Gastrecht jede Gewalttat auf seinem Grund und Boden.


    Schemeikkas Gesinnung ist weniger edel. Er denkt, dass Marja eine Magd oder die Tochter des Hauses ist und ist er staunt, als er erfährt, dass sie mit dem Alten verheiratet ist. Das darf doch nicht wahr sein, eine junge blühende Frau an der Seite eines alten Hinkefußes. Im Kopf Schemeikkas arbeitet es, wie er sich den appetitlichen Happen angeln und sichern kann. Zunächst holt er eine Flasche Schnaps aus dem Rucksack. Da will Juha, der die Getreidesäcke inzwischen gefüllt hat, nicht nein sagen und Marja nimmt auch einen kräftigen Schluck. Einen prächtigen Seidenschal holt der Fremde aus seinem Rucksack und die kostbare goldene Spange, die das Schultertuch vorn zusammenhalten soll, kauft Juha großzügig hinzu.


    Juha kommt in Stimmung und freut sich über den Gast, der unvermutet aufgekreuzt ist. „Bist ein guter Gast, das bist du, bist ein prachtvoller Bursch', das bist du! Aufrecht stehst du wie eine Eiche, gehst wie ein Elch.“ Marja soll ihm schnell ein Mahl bereiten – vom Besten was ihre Küche zu bieten hat. Den Schlafplatz soll sie ihm im Speicher richten. Juha bestätigt, dass er sein lieber Hausgast ist.



    Zweites Bild:


    3
    Der Bauer verlässt am frühen Morgen den Hof, um seine Mutter Anoppi vom gegenüberliegenden Ufer abzuholen und lässt die beiden jungen Leute allein zurück. Schemeikka nutzt die Situation unverhohlen aus und stellt Marja ein angenehmes Leben vor, welches sie mit ihm in Karelien führen könnte, wenn sie ihm als seine Braut folgen würde. Er girrt:


    „Du glänzt im Goldgeschmeide, wandelst im Seidenkleide.
    Groß und reich ist der Hof, den ich dort besitze.
    Dort lebt auch mein Mütterchen, sie ist allen von Herzen gut.
    Nach Karelien komme mit mir!“


    „Kullassa kuhajaisit, silkissä sihajaisit.
    Talo minulla siellä venha ja rikas.
    Vanha äiti minulla ylen hyvä ja herttainen.
    Tule Karjalaan emäntä. Päivä koskia, toinen tyyniä vesiä!“


    klingt seine Strategie auf finnisch. Einen Tag dauert die tolle Fahrt und am zweiten gehe es durch stille Seen.


    Was sie in Karelien machen soll, will Marja wissen. Nun, das Gleiche, was sie hier auch tut. So schön wie sie ist, so zierlich und so anmutig, habe sie es nicht nötig, hier zu bleiben und zu warten, bis ihr Mund das Lächeln aufgibt. Wenn sie weiterhin durchhält, wird ihr Gang bald nicht mehr so aufrecht sein und die Glieder krümmen sich - auch der allerliebste Fuß. Anschließend beschimpft der Gast ihren Mann ausgiebig, bis es ihr zu bunt wird und sie ihm den Mund verbietet. War das jetzt das falsche Liedchen, welches er dem süßen Vögelchen gesungen hat?


    Sie hat ebenso misstrauisch wie belustigt zugehört, weist den Aufdringlichen aber zurück, als er die falschen Töne anschlägt und entzieht sich seinen Zugriff. Ihr fehlt ganz einfach der Mut, sich auf das vorgeschlagenen Abenteuer einzulassen. Armer Schemeikka - es sind nicht alle Frauen gleich!


    4
    Verärgert, weil sein Annäherungsmanöver fehlgeschlagen ist, nimmt der Abgewiesene seinen Rucksack und begibt sich zur Abreise ans Ufer. Seine beiden Gefährten, die offenbar die Nacht im Boot verbracht haben, sind damit beschäftigt, die Säcke mit dem gekauften Korn zu verstauen.


    Marja schaut ihm sehnsüchtig nach. „Was habe ich nur getan. Einmal, einmal kam der Schönste, der Allerschönste, schenkte ihr Seide und gab ihr eine Spange. Mit Gewalt wollte er sie wegschleppen. Und den hat sie weggeschickt. Fort ist er und wird wohl niemals mehr zurückkehren.“


    Der Bauer ist mit seiner Mutter soeben eingetroffen. Mit ihr stößt Marja fasst zusammen, als sie zum Sprung ansetzt, um Schemeikka nachzueilen. Wer der fremde Mann gewesen sei, den sie soeben hier gesehen hat? Die Schwiegermutter hat nicht einmal guten Tag gesagt und schon fängt sie an zu zanken. Was gesagt werden muss, will sie nicht ungesagt lassen. Dann wird es wohl das Beste sein, dass nur Juhas Mutter bleibt, und dass sie geht. Die Elende soll sich zum Teufel scheren. Hier hat man sie nie gebraucht! Der Mann, der eben hier war, wollte sie nach Karelien mitnehmen, entgegnet Marja. Eine schöne Lüge. Gerade dort frage man nach ihr; selbst ihre Mutter habe sie nicht haben wollen. Wer hätte sie denn nehmen wollen, wenn nicht Juha sich ihrer unvernünftigerweise angenommen hätte. Nun, von Schemeikka wird sie ja wohl schön gehört haben?


    5
    Blitzschnell fasst Marja ihren Entschluss. Die Schwiegermutter kann sie nicht leiden, weil die Jugendliche ihr gemäß ihrer Auffassung den Sohn weggenommen hat. Der Wortwechsel lässt Marja die unerfreuliche Gegenwart mit einer unsicheren Zukunft vergleichen. Sie bereut ihre Entscheidung, den aufdringlichen Schemeikka zurückgewiesen zu haben, eilt im letzten Moment ans Ufer, um auf seiner Heimreise an seiner Seite zu ein. Zu allem Überfluss kommt ihr im letzten Moment Juha über den Weg gelaufen. Wohin stürzt sie in solcher Eile, ruft ihr nach. Anoppi befindet sich in Erklärungsnotstand und behauptet, dass die Ehrlose mit Freuden gegangen sei, worauf Juha wütend auf sie zuschreitet. Die Magd Kaisa behauptet gesehen zu haben, wie der Fremde ihre Herrin gewaltsam ins Boot gezogen hat.


    Zweiter Akt


    Drittes Bild:


    6
    Auf einer abgelegenen Insel besitzt Schemeikka eine Fischerhütte, vor die er Marja abgeladen hat. Es sagt, dass er seine Mutter zuvor vorbereiten müsse, denn eine Braut würde ins Haus kommen. Nun wartet Marja schon die dritte Woche, aber Schemeikka hat sich noch nicht blicken lassen. Immerzu schaut sie auf den See, aber sein Boot kommt nicht. Noch ist sie voller Hoffnung und nimmt seine Abwesenheit immer wieder in Schutz. Morgen wird er bestimmt zur Stelle sein! Einen ganzen Tag waren sie damals über Stromschnellen, einen weiteren über stille Wasser gefahren. Marja ruft sich die wilde Bootsfahrt ins Gedächtnis und erfreut sich ihres Glücks. Sich macht sich klein und ihn macht sie groß.


    Groß wie der Waldgeist im nebelschweren Abendhauch trug er sie zärtlich ans Land. Wird sie noch einmal neben dem wunderbaren herrlichen Mann liegend dürfen? Eine Namenlose ist sie, eine Gefundene, aber kaum als sie ihn gesehen hatte, war es um sie geschehen. Königlich ist er, der berühmte karelische Held. Auf sein stattliches Gut wird er sie bringen. Dort wartet die liebe Mutter auf sie. Hoffentlich ist das Boot im Wasserfall nicht gekentert. Warum hat er sie nicht gleich in sein Haus mitgenommen? Wahrscheinlich wird die Hochzeit schon vorbereitet. Hoffentlich hat sie sich nicht allzusehr aufgedrängt und er zieht sich jetzt zurück. Sie ist nur schlecht und er ist nur gut!


    7
    Plötzlich kommt unerwarteter Besuch. Marja fragt den Alten wer er sei und woher er komme. Er sei hier zu Hause, komme gelegentlich vorbei, um nach dem Fischereigerät zu sehen, aber im Winter wohne er immer hier, erhält Marja zur Antwort. Kalamatti, wie der Fischer heißt, habe das Häuschen selbst gebaut und die Sauna auch. Marja will wissen, was ihn in diese Gegend verschlagen habe. Nun zuerst habe man sein Haus abgefackelt und ihn dann mit all seinen Sachen hierher gebracht. Aber, wer macht denn so etwas? Das war der alte Schemeikka, von dem Jungen der Vater mit seinen Leuten. Kennt er den Weg zu Schemeikkas Haus? Wie sieht es dort aus?


    Das Dorf sei groß wie eine Stadt. Schemeikka und seine Mutter besitzen das schönste Haus. Er lebt vom Handel und vom Brandschatzen und anderem dunklen Gewerbe. Meistens ist er unterwegs und im Hause herrscht die Mutter über die Weibsleute dort. Doch zu allen ist sie gut und bestimmt auch zu ihr. Sie muss nicht furchtsam sein.


    8
    Plötzlich hört Marja vom Strand her fröhliches Gelächter. Die Mädchen erklären, dass sie vom Hof Schemeikkas kommen, um ihre Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Es hieße, Schemeikka habe sich ein neues Mädchen genommen und alle wollten sie gern in Augenschein nehmen. Es wird hohe Zeit, dass er sich endlich eine Frau nimmt. Sie sei also die Glückliche, die ihn gekriegt hat. Marja klagt, dass sie Schemeikka schon wochenlang nicht zu Gesicht bekommen habe. Ach, irgendwann wird er schon kommen. Im Moment ist er bei anderen Leuten zum Feiern gegangen. Seine Mutter habe die Mädchen hergeschickt. Anja, die Wortführerin will wissen, ob sie freiwillig hergekommen oder gezwungen worden sei. Gut sei sie anzuschauen – die Mädchen hatten Schlimmeres befürchtet. „Ihr seid wohl die Mägde vom Hof?“? Das seien sie jetzt – früher seien sie etwa anderes gewesen. Alle haben Schemeikka eine neue Frau gewünscht. Anja ist sehr herzlich und will wissen, wer sie sei und wie sie heiße.


    „Marja on mimemi“ „Ai, Marja, kaunispa om mimesi, ai kuinka sinulla on totiset silmät – ja pitkä olet ja solakka, semmoista Shemeikka on aina halunut.“ - „Marja so nennt man mich.“ „ Ach Marja! Dieser Name ist sehr schön! Und du hast, finde ich, so tiefernste Augen. Wie groß du bist und wie fein gebaut! Eine wie dich hat Schemeikka sich stets gewünscht.“


    Die Mädchen sind neugierig und Marja offenbart, dass sie keine Eltern mehr habe, ein Waisenkind sei und jetzt kein Zuhause ihr eigen nennt. Die Mädchen wiederholen. „Einhän sillä maamoa, taatoa, kun on orpo. - Sie hat weder Vater noch Mütterlein, sie ist Waise.“ „Auch kein Bruderherz?“ Nein, aber sie hat einen sehr viel älteren Mann, fast wie einen Vater, an den sie gebunden war. Ist sie eine Witwe? Nein, ihr Mann lebt noch.


    Die Mädchen sind ganz traurig. Schemeikka hat wieder keine Frau mitgebracht, nur ein Mädchen für den Sommer. Oh, weh! Meint Marja etwa, dass der Priester die traut, wenn sie noch verheiratet ist? Nie und nimmer, bestätigen die Mädchen.


    So macht Schemeikka das, uns hat er auch so hergebracht. Ein Weilchen sind wir wir gut für ihn, aber meistens nur bis zum Herbst, dann hat er uns der Mutter übergeben. Nein, ein Sommerliebchen ist Marja nicht, dann wird sie nie auf seinen Hof kommen. Und wohin will sie gehen, wenn sie keine andere Bleibe hat?


    Marja begreift, dass nach dem Abenteuer eines einzigen Sommers aus ihr ebenfalls eine Magd in Schemeikkas Haus werden wird.


    9
    Unerwartet trifft Schemeikka mit seinen Männern auf der Insel ein. Die Mädchen hören das Geräusch von Ruderbooten und verstecken sich in der Nähe der Hütte, weil sie aus Erfahrung wissen, dass die Männer sogleich über sie herfallen würden. Wieso kommt die Hausfrau ihrem Liebling nicht entgegen? Schemeikka fragt, was mit den herumstehenden Körben sei. Nun, die früheren Bräute haben etwas zu essen gebracht. Die neue Sommerbraut soll leben. Gemäß rustikalem Brauch werfen die Männer Marja zweimal in die Luft. Marja versucht wegzulaufen, aber Schemeikka holt sei ein und fasst sie am Ellenbogen. Marja soll hier bleiben, denn jetzt gäbe es ein Freudenfest. Hat sich seine Liebste überhaupt nicht nach ihm gesehnt? Er konnte leider nicht früher kommen. In Frieden lassen soll er sie. Sie möge jetzt in ihrer Eigenschaft als Inselherrin für alle bitte etwas zu essen machen. Die Leute sollen sich ihr Essen selber herrichten. Sie wird jetzt das Essen machen, herrscht Schemeikka sie an. Hat sie das verstanden?


    Während die Männer in der Sauna sind, bittet Marja den Fischer, ihr mit seinem Boot bei der Flucht behilflich zu sei. Sie macht ihm Vorwürfe, weshalb er ihr von den herrschenden Zuständen nichts gesagt hat. Aber sie hat ihn doch nie danach gefragt. Sie habe nicht geglaubt, dass sie danach fragen müsse. Der Fischer erklärt ihr ganz offen, dass er sich nicht traut, ihr bei der Flucht zu unterstützen. Wenn Schemeikkas das erfährt, bricht er ihm jeden Knochen einzeln. Er rät ihr, dass sie tun soll, was Schemeikka will. Die anderen Mädchen haben das auch so gehalten. Aber sie wird nicht so reagieren, trotzt Marja.


    10
    Schemeikka kommt aus der Sauna und ruft nach ihr. Wo steckt das Liebchen? Es soll endlich kommen. Kann sie sich nicht ein bisschen beeilen? Los jetzt! Er will nach ihr greifen. Doch Marja stößt ihn so heftig, dass er strauchelt. Schemeikka wird wütend. Was soll das? Ist sie toll geworden?


    Er soll sie gehen lassen. Jeden Sommer und jedes Jahr hat er eine andere. Glaubt sie etwa sie sei sein erstes Mädel? Sie wird auch nicht die letzte sein. Warum hat er sie überhaupt hierher gebracht? Wieso hier hergebracht? Sie selbst ist doch von ganz allein in sein Boot gestiegen. Marjas Trotz erlahmt. Sie weint. Was soll jetzt aus ihr werden? Nun, sie Mutter wird sich ihrer annehmen, so wie sie das mit den anderen Mädchen, die er mitbrachte, auch gemacht hat. Aber sie wird nicht dort hingehen, um sich den Verflossenen zugesellen. Möchte sie lieber, dass er sie in sein Boot nimmt und sie dorthin zurück trägt, von wo sie gekommen ist? Möchte er lieber, dass Juha für das Kind sorgt? Sie kann ihm doch sagen, dass es von ihm ist, antwortet Schemeikka ungerührt. Das geht nicht, antwortet Marja. Dann soll sie Juha doch einfach sagen, dass sie sich den Balg von ihrem Beschützer eingefangen hat. Will Schemeikka wirklich sein Kind verschenken? Ach, das hat er früher auch schon gemacht und die Mutter dazu gegeben.


    Dann besinnt sich Schemeikka eines anderen und lenkt ein. Marja soll bitte nicht weggehen. Es war nur Spaß. Wenn sie selbst es nicht will, braucht sie auch nicht fortzugehen. Irgendwann wird er sie zur Bäuerin machen. Beizeiten wird Juha sterben und dann ist der Weg zum Pfarrer frei. Auf ein Kind mehr oder weniger kommt es nicht an. Es wird mit den anderen Buben spielen. Wenn Marja weint, sei sie noch schöner, als sie ohnehin schon ist. Das Schlenkerbein soll nur aufhören mit seinen Sprüchen. Ihr Kind wird er nie seine Hammelherden hüten sehen. Es steht ihr ganz gut, wenn sie ein bisschen wütend ist und auf ihn einschlägt. Marja lässt sich nicht zweimal auffordern und schlägt hart zu.


    Solche Behandlung ist Juha von seinen Mädchen nicht gewohnt und er schreit vor Schmerz. Der Vorhang ist im Begriff sich zu senken und Marja lässt von ihm ab, nachdem die Vernunft sich regt.



    Viertes Bild:
    11
    Marja hat sich dem Leben auf Schemeikkas Hof schließlich doch gefügt, doch immer wieder muss sie den inneren Aufruhr niederkämpfen.Tatsächlich hat sei ein Söhnchen zur Welt gebracht und die Bäuerin kümmert sich liebevoll um beide. Marja sitzt auf der Bank und strickt. Mit dem Fuß bewegt sie die Wiege. Die Bäuerin bietet an, auf das Kind aufzupassen, während sie sich zum Mittagessen zu den Mädchen setzt. Emäntä weiß, dass sie sehr stolz ist und der Zorn in Marja immer noch weiterschwelt. Sie verbittert ihr armes Herz und das Kleine weint immerfort. Wie könnte es anders sein? Der Kleine weint nach dem Vater. Es wird nicht mehr lange weinen, denn bald wird der Vater kommen. Gewiss wird er reichlich Beute mitbringen. Marja behauptet, sie würde es am Liebsten sehen, wenn er ganz wegbliebe.


    Schemeikkas Mutter erklärt der Aufsässigen, dass sie ihrem Sohn Unrecht tue. Wäre sie nicht die Frau eines anderen, könnte sie längst ihre Schwiegertochter sein. Obwohl sie sich für ihren Sohn immer ein Mädchen von vornehmer Abkunft aus einem feinen Haushalt gewünscht hat, ist sie akzeptiert. Sie soll jetzt gehen, bevor das Essen kalt wird, denn sie passe auf das Kind auf. „Heia, ja, ja Heia! Jetzt kommt der Kleine zur Omama.“ Gewiss wird er einmal ein guter Holzfäller werden. Marja bricht in verzweifeltes Weinen aus. Auf Finnisch heißt diese Regieanweisung:“Marja heittäytyy penkille ja puhrskataa hillittömään epätoivoiseen itkuun.“ Ewig der gleiche Zirkus. Was hat sie eigentlich? Es geht ihr doch gut. Sie hat zu Essen und ein Dach über dem Kopf. Immerzu weint sie. Emäntä kann es bald nicht mehr hören. Die Bäurin verlässt das Zimmer und Marja betrachtet liebevoll ihren Sohn: Nie wird er seines Vaters Knecht. Das schwört sie jetzt. Wie ihr es auch ergehen mag - in diesem Haus bleibt sie nicht.


    Auch Anja fühlt sich ihrer Nachfolgerin freundschaftlich verbunden und mahnt sie, nicht immer so trübselig zu sein. Marja sagt, dass sie sich wundere, weil sie nicht niedergedrückt sei. Sie habe er doch auch sitzen lassen! Anja ist nicht so stolz wie Marja. Wenn er sie satt hat und zu einer anderen geht, so denkt er doch oft an sie und kommt gern zurück. Und damit sei sie ganz zufrieden? Sie lässt sich streicheln als wäre sie eine Hündin. Natürlich, wenn er kommt schlingt sie die Arme sogleich um seinen Hals, weil er dann jedesmal ganz lieb zu ihr sagt, dass es keine gäbe, die so zärtliche Arme habe wie sie. Marja fängt wieder an zu weinen. Genau dasselbe hat er zu ihr auch schon gesagt.


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    Anja wird nach draußen gerufen. Marja soll auf sie warten, denn sie wird nicht lange fortbleiben. Von draußen ertönt Hundegebell. Eine männliche Stimme versucht, die Tiere zu beruhigen. Marja schaut durch das Fenster und gewahrt Juha. Bitzschnell schließt sie das Fenster wieder und sinkt fassungslos auf die Sitzbank. Hat er nach ihr gesucht? Was hat er im Sinn? Will er sie erschlagen? Sie überlegt, ob sie das Kind vorher in Sicherheit bringen muss. Anja kommt hereingestürmt und erklärt, dass Juha hier sei. Hat sie erfahren können, was er will? Nein, Keineswegs! In weiser Voraussicht hat die Bäuerin allen verboten, im Fall des Falles etwas zu verraten. Marja bittet die Freundin, wenn Juha sie entdeckt, zu sagen, dass der Kleine von ihr sei und sie damals mit Gewalt weggeführt wurde.


    Die Verängstigte brauche nichts zu fürchten. Ihr Mann habe seine Skier wieder angeschnallt und jage den Hang hinunter. Anja liest der Freundin nun die Leviten: Der Mann könne einem Leid tun. In jedem Haus des Ortes habe der Unglückliche nach ihr gesucht. Auch er habe für sie ein Haus gebaut und sie bringe es fertig, ihn zu verlassen. Kaltschnäuzig erklärt die Zurechtgewiesene, dass sie sich schon oft gewünscht habe, dass Juha tot wäre, damit sie etwas Besseres kriegen könne. Aber Sie war doch sein ganzes Glück.


    13
    Nun besinnt Marja sich eines anderen und eilt zur Tür. Fast wäre sie mit der Altbäuerin zusammenstoßen. Man soll sie fortlassen! Sie will dahin zurück, von wo sie gekommen ist. „Talven selkään? Tuskin kuukautisen lapsen kanssa? Lumisille saloille sen kera nääntymään? - Jetzt im tiefen Winter, mit dem Kind, das keinen Monat alt ist? In den tiefen Schnee hinaus? Erfrieren werdet ihr!“ Die Altbäuerin entrüstet sich, denn Marja erklärt, was es schon mache, wenn sie beide sterben würden. Nun versperrt Emäntä ihr den Weg und spricht Klartext, denn sie will sich den Schwachsinn nicht länger anhören. Selbst mag sie gehen, wohin sie will, doch der Junge bleibt hier und damit basta! Nein, Es sei ihr Kind! Die Oma widerspricht: Das sei Schemeikkas Kind. Sie solle so etwas nicht noch einmal sagen. Andernfalls wird ihr das Kind weggenommen, und man wird dafür sorgen, dass sie eingesperrt wird.


    14
    Von draußen dringt Lärm in die Stube. Juha und seine Männer kehren von ihrem Beutezug zurück. Anja freut sich, dass Schemeikka heute besonders aufgeräumt ist und sie herzlich an sich gedrückt habe. Sie beeilt sich, es Marja zu berichten. Diese soll sich mit dem Umziehen ein bisschen beeilen. Die Bäuerin habe den Mädchen frische Gewänder zugeteilt – alle von gleichem Stoff und einheitlichem Schnitt, damit keine sich einbildet, etwas Besseres zu sein. Marja nimmt ihr Kind und begibt sich bitter lachend in ein Nebenzimmer.


    Die Männer sind froh, wieder daheim zu sein. Wo sind die Mädchen, wo die Getränke und wo die Spielleute? Schemeikka verkündet, dass jeder sich sein Schätzchen holen soll, denn jetzt wird gefeiert. Schemeikka hat sich wieder ein neues Sommerliebchen erobert. Diesmal ist es eine Russin. Man sieht es an der Kleidung und hört es an der Sprache. Serafina nennt sie sich und blickt hochnäsig auf die Weißmeer-Karelier herab. Ein stattliches Paar der junge Herr und die Fremde! Schemeikka wirbelt sie ausgelassen im Kreis. Er ist erhitzt, nimmt einen kräftigen Schluck und tritt hinaus, um sich ein wenig den Abendwind um die Schläfen streichen zu lassen.


    Marja tritt in zerrissenen Kleidern auf ihn zu und redet ihn an: „Tässä olen, tunnetko vielä – So, da bin ich! Kennst du mich wieder?“ Im Dunkeln erkennt er Marja nicht sogleich und nimmt eine Fackel von der Wand. Er mustert sie zunächst abschätzend und dann will er sich desinteressiert abwenden. Marja blickt trotzig zurück und schlägt ihm dann die Fackel aus der Hand, dass sie verlöscht.


    Dritter Akt


    Fünftes Bild:


    15
    Der Sommer zeigt sein freundliches Gesicht. Anoppi missbilligt, dass Juha ständig am Fenster steht und Ausschau hält, ob Marja nicht doch den Weg nach Hause zurückfindet. Kann doch sein, dass sie eines Tages von dort zurückkommt, wohin sie so gern gewollt hat, höhnt am Spinnrad sitzend die zynische Alte. Mag sein, dass sie nie zurückkommt, aber Juha versichert seiner Mutter, dass beide keine Nacht gleichzeitig im Haus verbringen werden, wenn das Wunder doch geschieht. Dann wird sie am besten gleich gehen. Erbost schiebt Anoppi den Spinnrocken in die Ecke und knallt die Tür hinter sich zu. Kaisa sucht vergeblich, Juha zu beschwichtigen. Sie kann es sich auch nicht vorstellen, beruhigt sie ihn, dass die Entschwundene ohne Gewaltanwendung dem Hof den Rücken gekehrt hat. Wahrscheinlich hat sie deshalb nicht um Hilfe gerufen, als sie ins Boot gedrängt wurde, weil sie vor Schrecken stumm war. Kaisa könne nichts dafür, wenn andere behaupten, dass sie ihm gar nicht so ungern ins Boot gefolgt sei. Nun Kaisa soll nicht weinen! Als die Magd das Zimmer verlassen will, prallt sie fast mit der schimpfenden Anoppi zusammen. In zerrissenen Kleidern ist Marja tatsächlich zurückgekehrt und die Schwiegermutter versperrt ihr den Zugang in die Wohnung. „Weißt du, was Du bist? Eine elende Russenhure!“ wird die Ankommende auf das Übelste beschimpft. In äußerster Erregung packt Juha die Alte und wirft sie aus dem Haus.


    16
    Juha geht Marja langsam entgegen: „Kä-käy sisään, Käyhän siään.“ Sie solle bitte kommen. Die Schwiegermutter wird ihr ab heute nichts mehr tun, denn sie wird den Hof verlassen. Marja reagiert kaum hörbar. Ihretwegen sei es nicht notwendig, dass die Schwiegermutter gehen muss. Kaisa wird gerufen, sie soll aufhören mit Weinen und etwas zu Essen machen, denn Marja habe gewiss Hunger. Ist Marja es wirklich? Wie viel Böses haben die Menschen ihr angetan? Juha befiehlt der Magd, sich zu beeilen, nimmt Brot und Fleisch aus dem Schrank und setzt es Marja vor.


    Marja möchte sich zuvor lieber ein bisschen hinlegen, denn zum Essen sei sie zu erschöpft. Wie hat sie den beschwerlichen Weg nur ertragen? Das war schon ein Problem. Zunächst irrte sie umher und sah dann plötzlich das ihr vertraute Anwesen. Juha ist innerlich tief bewegt: So zeigte ihr sein Hügel ihre Heimat! Marja bestätigt es. Juha fühlt sich schlecht, weil er sie nicht geholt hat. Doch, einmal sei er gekommen! Woher will sie das wissen? Nun, Sie selbst sah ihn kommen und gehen. Und warum hat sie nicht nach ihm gerufen, als sie ihn sah? Sie habe es nicht gewagt, denn die Anderen hätten sie beide gewiss sofort erschlagen. Juha ist bestürzt – sie war dort und er hat es nicht ahnen können.


    Marja denkt sich blitzschnell eine Geschichte aus. Sie sei besorgt um das Kind eines anderen Mädchens gewesen, welches zum Hof gehöre und schlecht behandelt wurde. Das Mädchen war immer gut zu ihr und hatte gefleht, mit ihrem Kind mitkommen zu dürfen. Marja ist sicher, dass sie eines Tages trotzdem herkommt, um in ihrer Nähe zu sein und das Kind mitbringt.


    Selbstverständlich darf sie kommen, wenn sie gut zu seiner Marja war. Juha ist die Güte selbst, ergreift Marjas Hand und bittet, ihm noch einmal zu verzeihen. Er ahnt nicht, dass Marja ihm eine Geschichte aufgetischt hat. Juha schluchzt, er habe zuerst geglaubt, was die Leute sagen, dass sie gern fortgegangen wäre. Einige Opernbesucher ziehen nun ihre Tempo-Taschentücher, um sich zu schnäuzen.


    Wie hat der Bösewicht sie nur in sein Boot bringen können? Aber für einen Mann ist es doch nicht so schwer, ein schwaches Weib zu packen! Das ist richtig und später hat er ihr dann Gewalt angetan. Ach, glaubt der liebe Juha etwa, Schemeikka hätte auf so etwas verzichtet? Dafür wird Juha den gemeinen Verbrecher umbringen!


    Marja wirft sich ängstlich an Juhas Brust und bittet ihn, sie leben zu lassen. Wieso denkt sie, dass er ihr etwas tun könnte? Um Vergebung muss sie ihn bitten! Er versteht nicht, was sie meint. Er soll sie gehen lassen. Sie will sich in den Wasserfall stürzen oder sich sonst etwas antun. Er umarmt sie aufs Neue. Eine Lügengeschichte habe sie ihm erzählt. Was für eine? Nun, das Kind sei nicht von der anderen. Marja weint herzzerreißend. Um Himmels Willen! Ursprünglich wollte sie ihr Kind heimlich herbringen lassen. Aber jetzt will sie nicht mehr, selbst wenn sie es nie mehr zu Gesicht bekommt.


    Juha schlägt vor, dass sie demnächst gemeinsam losgehen, um es zu holen. Ach nein, das könnte er doch niemals tun, auch wenn er es sagt. Es ist nämlich Schemeikkas Kind. Ach, du lieber Himmel! Marja soll nicht weinen, denn sie sei sein ganzes Glück. Juha will seine unsägliche Rührung nicht vorführen und sagt, er gehe jetzt in die Küche, die Milch holen.


    Marja wird von Gewissensbisse gequält, während der Vorhang sich schließt.



    Sechstes Bild


    17
    Anja, Schemeikka und Marjas Kind haben eine kleine Familie gebildet und sich auf der Insel mit der kleinen Fischerhütte, auf der Marja damals abgesetzt wurde, einquartiert. Schemeikka befindet sich in der Sauna, während Anja überrascht feststellt, dass die Haustür zur Wohnung offensteht. Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, als Marja ihr entgegenkommt. Oh, ist das eine Überraschung, hat Marja ihren Besuch im Hof auch vorher angemeldet? Wie hat sie nur hergefunden? Anja spricht von ihrem schlechten Gewissen, weil sie die Freundin nie besucht hat. Aber Schemeikka hatte es ihr verboten, denn sein Kind wollte er nicht verlieren und sie auch nicht. Den ganzen Sommer waren sie auf der Insel und haben zu dritt eine glückliche Zeit verlebt. Marja fragt höhnisch, ob er sich für diesen Sommer denn kein neues Mädchen ausgesucht habe.


    Der arme Schemeikka hat solch ein Pech gehabt. Die Menschen sind wirklich extrem bösartig. Das Russenweib ist ihm im letzten Winter davongelaufen. Serafina hat ihn ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Für die übrigen Mädchen ist nichts übrig geblieben – kein schöner Stoff und keine Spange. Schemeikka hat sich den Verrat der Russin sehr zu Herzen genommen. Es fiel ihm schwer, zu glauben, dass er hereingelegt wurde, da er in Serafina sehr verliebt war. Auch als Marja ihn damals verließ, sei er sehr traurig gewesen. Mit seinem Hund hat er ihre Spur aufgenommen, aber der Vorsprung sei wohl doch zu groß gewesen.


    Marja soll einmal schauern, wie süß ihr Söhnchen geworden ist. Der Kleine ist Papas Liebling. Er nimmt ihn immer auf den Schoß und redet mit ihm. Sie geht jetzt zu Schemeikka um ihm zu verkünden, dass sie nun doch endlich zurückgekommen sei.


    Marja erklärt, dass sie Schemeikka überhaupt nicht sehen will. Sie wird ihr Söhnchen nehmen und dann sofort wieder gehen. Anja ist erschrocken. Warum will sie wieder gehen? Denkt sie etwa, sie sei ihr im Wege. Sie gibt ihn ihr von Herzen, damit er glücklich mit ihr ist. Sie möchte nur gern auch in der Fischerhütte in der Nähe bleiben, ihre Dienerin sein und auf das Kind aufpassen. Ihr Bett wird sie in der Sauna aufschlagen. Wenn sie es jedoch ausdrücklich wünscht, kann sie auch ganz weggehen.


    Anja kann den Kerl gern behalten, denn sie hat jetzt einen anderen, der für sie sorgt. Ach, ist sie immer noch böse auf Schemeikka - glüht der Hass immer noch? „Das muss wohl so sein!“


    18
    Schemeikkas kommt aus der Sauna, ist verblüfft und bleibt dann fröhlich lächelnd in der Tür stehen. „Marja, Tulit sentään!“ In diesem Moment kommt Juha den Weg vom Strand herauf. Schemeikka ist irritiert und mustert ihn. „Ach, hallo, wir haben weit gereiste Gäste im Haus!“ Aufgeräumt heißt er Juha willkommen. „Oder soll es heute noch weitergehen?“


    Kurz und bündig stellt Marja klar: Sie seien lediglich hergekommen, um das Kind zu holen. „Das Kind zu holen?“ Zu Juha gewandt fragt Schemeikka, ob er das auch will. Juha bestätigt, dass es es sich so verhält! Schemeikka ist zuerst verdutzt und weiß sich dann vor Lachen kaum zu halten. Und Ihr Mann – weiß er es? „Er weiß es!“


    Schemeikka kann sich nicht beherrschen und lacht gröhlend lauf auf. Juha will wissen, weshalb er lacht und geht drohend einen Schritt auf ihn zu. „Schau, Schau, zu zweit sind sie gekommen! Dann nimmt Dir, Du blöder Alter, was Dir gehört!“ Anja sieht die drohende Gefahr und zieht Schemeikka warnend am Ärmel.


    Doch es ist bereits zu spät. Juha hat plötzlich eine neben ihm stehende Saunabank ergriffen und stürzt sich mit Urgewalt auf das Lästermaul. Der Bedrohte versucht mit der Hand sein Gesicht zu schützen, doch der Schlag mit der handlichen kleinen Bank zerschmettert seinen Arm. Schemeikka will in der Sauna Schutz suchen, doch ein zweiter Schlag zertrümmert ihm das Bein. Der Getroffene windet sich vor Schmerzen und erwartet nun den Todesstoß, doch Juha haut nicht zu. Das Opfer liegt keuchend am Boden und schlägt vor, ihn doch endlich zu töten. Juha sagt, dass er es damit nicht eilig habe. Der Werwolf soll seine Zähne fletschen und seine Fratze zeigen. Anja kommt nun herbei und will ihren Abgott mit ihrem Körper abdecken, um weitere Beschädigungen fernzuhalten. Doch Juha schiebt sie einfach zur Seite.


    Nun ist es an Juha zu höhnen. Hakennase und schlapper Krummfuß, habe er ihn genannt. Als sein Gast habe er ihm am hellen Tage die Gattin von Hof gestohlen. Da liegt er nun, der prächtige Karelier. Hat er noch einmal Lust auf eine Umarmung?


    Anja zieht Juha am Arm und bettelt, dass er dem Schwerverletzten nichts mehr tun und ihn leben lassen soll, er habe ihm doch gar nichts Böses getan. Was sagt sie da? Schamlos habe der Unhold ihm das Liebste geraubt, was er hat.


    Schemeikka hat offenbar noch nicht genug. „Raubte ich sie?“ fragt er höhnisch. Jawohl, es war Raub und mit Gewalt habe er sie genommen. Sachlich richtig sei das nicht, korrigiert der körperlich Unterlegene. Ganz von selbst sei sie ihm in die Arme gelaufen.


    Juha hebt nun die herumliegende Axt vom Boden auf, doch Anja wirft sich erneut schützend vor den Bedrohten. Sie erklärt, dass Marja aus eigenem Willen ihm gern folgte. Sie liebte Schemeikka und ihr Mann sei ihr verhasst und widerwärtig gewesen. Marja habe sich gewünscht, dass er sterben möge. Sie hat auch gesagt, dass sie niemand so lieb hat wie Schemeikka!


    Dieser liegt am Boden, verzieht vor rasendem Schmerz das Gesicht und fällt in Bewusstlosigkeit.


    „Oh weh, der Mörder hat ihn zum Krüppel geschlagen“, kommentiert Anja. Marja steht regungslos vor Schmerz. Juha will eine Erklärung. „Oh, was habe ich Dir angetan, verzeih mir!“ Die Entschuldigung ist diesmal echt.


    Er hat sie also nicht gezwungen und ihr auch keine Gewalt angetan. Kaum hörbar bestätigt Marja, dass es sich so verhält. Juha möchte alles von ihr bestätigt haben, was Anja behauptet hat. Marja kann nur mutlos den Kopf hängen lassen und weinen. Juha wirft die Axt von sich und schickt sich an, sich zu entfernen. Sie soll es sich wohl ergehen lassen, er gehe jetzt zum Wasserfall, sein Leben sei nicht mehr heilzumachen. „Juha!“ ruft Marja ihm verzweifelt nach. Anja nimmt den Jungen in der Arm, der völlig eingeschüchtert, nicht versteht, was vorgeht.


    Anmerkungen:


    Die Librettistin bot das Libretto von Juha zunächst Jean Sibelius an, der die Vertonung aber ablehnte. Aarre Merikanto bekam schließlich den Zuschlag, musste aber bis 1963 auf die Uraufführung seines fertigen Werkes warten. Die Finnische Oper brachte den Einwand, dass die Instrumentierung zu kühn und zu kompliziert sei, um dann schließlich das Wagnis doch einzugehen. Unverständlicherweise bot Aino-Ackté das Libretto Leevii Madetoja ebenfalls an, der den Stoff dann ebenfalls vertonte. Darüber war Aare dermaßen gekränkt, finnische Musileben mit drei Opern. Inzwischen gehört Aarres wie auch Madetojas 'Juha' zum eisernen Bestand des finnischen Opernhauses.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    Ich mag es auch sehr, wenn kleine Theater sich an große Stücke wagen. Es muss nicht immer die kalte Perfektion dabei herauskommenn, sondern es genügt, wenn ein wenig bekanntes Werk einem Publikum näher gebracht wird. Mit ganz wenig optischem Aufwand kann durchaus Überragendes vermittelt werden. Es ist völlig in Ordnung, wenn eine slawische Oper in deutscher Sprache realisiert wird, falls die Übersetzung akzeptabel ist. Ich habe es mir längst abgewöhnt, die großen Ansprüche zu stellen und bin schon beglückt, wenn ich sagen kann, dass es ein netter Abend war.


    Vor Jahrzehnten habe ich die Katja Kabanova am Theater in St. Gallen gesehen, als ich noch in der Region wohnte. In meiner Sammlung befindet sich die viel gelobte Einspielung von Mackeras.



    Es gibt eine Reihe von Alternativen auf Tonträgern - Janacek ist überhaupt gut vertreten. Die Titel sind: Sárka (1887), Jenufa (1904), Fatum (1904), Die Ausflüge des Herrn Broucek (1920), Katja Kabanova (1921), Das schlaue Füchslein (1924), Die Sache Makropoulus (1926), Aus einem Totenhaus (1930).


    Die Jenufa scheint bei den Tschechen nicht sehr beliebt zu sein. Schuld ist das Thema - man befürchtet, dass die Gesellschaft verallgemeinern und falsche Schlüsse ziehen könnte - bezüglich der nationalen Mentalität in ländlicher Umgebung.


    :angel:
    Engelbert

    .


    Franz Schreker (1878-1934)
    IRRELOHE


    Oper in drei Aufzügen


    deutsch gesungen
    Komponiert: 1919-1924
    Libretto vom Komponisten
    Uraufführung: 1924 in Köln unter Otto Klemperer
    Zeitdauer: etwa 130 Min.


    Charaktere:
    Heinrich, Graf von Irrelohe
    Eva, Tochter des Försters
    Lola, Schankwirtin
    Peter, ihr Sohn Christobald, Lolas ehemaliger Verlobter
    Fünkchen, Vagabund
    Strahlbusch Vagabund
    Ratzekahl Vagabund
    Anselmus Diener des Grafen
    Der Förster
    Der Pfarrer
    Der Müller


    Das Geschehen spielt in Österreich im 18. Jahrhundert


    Dokumentation:


    Label: SONY 1995 – aufgenommen im Großen Musikvereinssaal Wen im März 1989
    Es spielen die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Peter Gülke;


    Darsteller:
    Graf Heinrich – Michael Pabst (Tenor)
    Eva – Luana de Vol (Sopran)
    Die alte Lola – Eva Randova (Mezzospran)
    Peter – Monte Pederson (Bassbariton)
    Christobald – Heinz Zednik (Charakter-Tenor)
    Der Förster – Goran Simie
    Der Müller – Sebastian Holececk
    Fünkchen – Helmut Wildhaber
    Strahlbusch – Neven Belamarie
    Ratzekal – Sebastian Holecek
    Anselmus – Goran Simie
    Ein Lakai – Helmut Wildhaber



    HANDLUNG


    VORSPIEL


    Erster Akt:


    Lola war jung und schön. Viele Verehrer bemühten sich um sie, doch Lola ließ sie zappeln. Einem schenkte sie jedoch Gehör und wollte ihn heiraten. Am Tage ihrer Hochzeit kam ein anderer, der fragte erst nicht, sondern nahm sich mit Gewalt, was ihm gefiel und gefallen hat ihm Lola. Nun sitzt Lola in ihrer Schenke, die sie mit viel Flitterkram und Erinnerungsstücken aus der Vergangenheit ausgestattet hat. Als Blickfang durch das große Fenster im Hintergrund des Lokals bietet sich dem Besucher das Schloss „Irrelohe“ das architektonische Kleinod des Dorfes.


    Mit der Geschichte dieses Schlosses fühlt sich Lola auf seltsame Weise verbunden. Peter liebt es nicht, wenn die Gedanken der Mutter sich ständig mit diesem Thema beschäftigen. In alter Zeit hatte der Herr Graf von „Irrelohe“ ein Verhältnis mit einer Nixe. „Sie liebten sich krank, sie liebten sich tot, da grüßte ein Knäblein das Morgenrot“. Feuer und Wasser sind zwei Elemente, die einander ausschließen. Zu Lande regiert das Feuer. „Die Flammen lockten, sie fraßen den Knaben, es muss das Schicksal sein Opfer haben“. Die Herrschaften auf dem Schloss werden selten alt. Das geht nun schon seit hundert Jahren so. Die Flammen fressen sich in Herz und Hirn und schließlich die ganze Person.


    Selbst den Grafen Heinrich werden die Flammen eines Tages verschlingen, obwohl er es gar nicht verdient hat. Er lebt still und bescheiden, meidet die Dörfler und beschäftigt sich mit seinen Büchern.


    Eine Nixe gehört nun einmal ins Wasser und hat auf einem Schloss nichts zu suchen, weil es Unglück bringt. Auf rätselhafte Art hat die Nachkommenschaft unter dem Fehlverhalten des Vorfahren zu leiden. Lola will ihre Ahnung dem Sohn nicht verheimlichen. Das Schloss wird vom Feuerteufel regiert. Peter will mehr wissen. Was hat die Mutter mit der ganzen Sache zu tun? Vor allem, wer ist sein Vater? Die Eva, des Försters Töchterlein will nichts von ihm wissen, weil er keinen Erzeuger vorweisen kann. Morgen wird die Mutter ihm den Namen nennen. Der Opernbesucher hat es längst erraten, wer der Vater ist! Der Graf von „Irrelohe“ - wer sonst?


    Christobald ist ein fahrender Spielmann. Mit einer Feder am Hut und einer Fidel unter dem Arm, betritt er Lolas Gaststätte. Geld hat er keines, aber ein Gläschen Landwein gibt es zur Begrüßung umsonst. Der Alte will wissen, dass auf dem Schloss bald Hochzeit gefeiert wird. Er hat davon geträumt und seine Träume werden wahr, behauptet der seltsame Kauz. Nun, wenn das so ist, kann er doch mit seiner Fidel auf der Hochzeit erscheinen und zum Tanz aufspielen, meint Peter dazu. Der Besucher hatte ihn merkwürdig angestarrt, als ob sich die beiden schon einmal begegnet seien. Dem Alten geht es wie Lola. Auch ihn lassen die Erinnerungen nicht los, und auch er verspürt eine seltsame Bindung zum Schloss. Ein Gläschen Alkohol reicht aus und der Alte plaudert über Dinge, die er besser für sich behalten würde.


    Die Grafen von „Irrelohe“ sind vom Schicksal dazu verurteilt, junge Bräute zu entehren. Sie warten, bis die Hochzeitsglocken läuten und während das Volk tanzt und fröhlich ist, kommt der Herr Graf mit seinem Pferd angeritten, stürzt sich mit hochrotem Kopf auf die Braut und bemächtigt sich des verdutzten Mädchens an Ort und Stelle. Christobald weiß, wovon er redet, denn sein Schicksal hat sich so zugetragen, und als es passierte, ist er passiv geblieben, hat feige die Flucht ergriffen und sein Mädchen im Stich gelassen. Will Peter wissen, wer seine Braut war? Die rote Lola! Peter reicht es und wird bewusstlos. Die Mutter kommt herbeigestürzt und will die Ursache ergründen. Nach langer Zeit der Trennung erkennt man sich wieder. Der Christl sieht ganz schön alt aus, stellt Lola an ihrer einstigen Liebe fest. Man beschnuppert sich und geht ins Nebenzimmer.


    Eva rüttelt an der Tür. Peter soll aufmachen, sie hereinlassen und dann die Tür gleich wieder verschließen. Ein Kerl ist hinter ihr her, schon seit Tagen. Der Opernbesucher weiß Bescheid. Gewiss ist es Graf Heinrich. Hat er ihr schon die Kleider vom Leib gerissen und sie zu Boden geworfen? Nein, so weit ist es noch nicht gekommen. Jedoch hat sein Blick ganz irre geflackert und sein Keuchen hat sie gehört, wie er hinter ihr hergelaufen ist, aber sie hatte die flinkeren Beine. Peter soll ihn nicht gleich umbringen, vielleicht kann der Unglückliche für seinen Trieb nichts und leidet eventuell sogar darunter. Ach, er quält sich durch ihre Träume und sie nimmt ihn auch noch in Schutz. Ähnlichkeiten im Wesen mit Peter hat sie auch schon festgestellt. Jetzt bleibt dem verzweifelten Peter nur noch der Selbstmord!


    VORSPIEL


    Zweiter Akt:


    Der Pfarrer begegnet dem Müller an der Wegkreuzung und lobt das prächtige Korn, welches er geladen hat. - Malen kann er es leider nicht mehr. Die Mühle ist in der Nacht einem Brand zum Opfer gefallen. Jedes Jahr am 13. Juli brennt in dem Ort ein Gebäude ab. Es ist wie verhext.


    Die Brandstifter sind Fünkchen, Strahlbusch und Ratzekahl, drei Vagabunden auf der Durchreise, die der Jugend auf der Tenne zum Tanz aufspielen. Zu ihnen gesellt sich noch ein Vierter; es ist Bruder Christobald. Er ist der große Meister und angefüllt mit wildem Grimm. Es geht nicht um Geld, es geht um die Ehre. Gestern die Mühle und heute Nacht wird das Schloss an die Reihe kommen. Fachwerk brennt gut! Wenn es ihm nach ginge, stünde bald die ganze Welt in Flammen. Eva hatte sich hinter dem Wegkreuz versteckt und die wilden Gesellen belauscht. Der Herr Graf ist in Gefahr und ahnt es nicht einmal. Sie muss sofort zum Schloss eilen und ihn warnen.


    Der Christl soll es lassen. Lola ist gegen den Plan. Was geschah, ist lang her und der junge Graf Heinrich kann nichts für die Schuld seines Vaters. Doch Christobald meint, nur Feuer kann die Schmach wegfressen, die man beiden angetan hat. Es ist sein Traum seit dreißig Jahren, den Herrensitz anzuzünden. Er wird nicht noch einmal feige sein.


    VERWANDLUNGSMUSIK


    Anselmus, der Diener des Grafen soll Eva ein Briefchen und einen Blumenstrauß zustellen. Durchlaucht möchte, dass sie zu einer Aussprache ins Schloss kommt.


    In einem Monolog erklärt Heinrich dem Opernpublikum seine Ängste, seine Einsamkeit und seine Lebenserwartungen. Er ist es Leid, schweigend zu dulden und von der Welt ausgesperrt zu sein. Er sehnt sich nach Glück und Liebe. Eine irre Lohe kann kommen und seinetwegen alles niederbrennen. Auf Schlossgespenster kann er gern verzichten.


    Eva ist ihrer Eingebung gefolgt und ins Schloss geeilt, um Heinrich zu warnen. Dieser ist über den Besuch entzückt, plündert die Vasen und streut die Blumen im Halbkreis um Eva. Artig entschuldigt er sich, falls er sie in seinem Ungestüm letzten Abend erschreckt haben sollte.


    Was nun folgt, ist das große Liebesduett zwischen dem Herrn Grafen und der Försterstochter. An Intensität reicht es an die Leidenschaft, die einst Tristan und Isolde ergriff, ohne weiteres heran. Es endet damit, dass sich sehnend Mund zu Mund findet.


    Die Tür stand offen und überraschend taucht Christobald auf. Er fragt nach dem Hochzeitstermin und ob er zum Tanz aufspielen darf. Er wird auch für ein prächtiges Feuerwerk sorgen, doch Eva warnt. Anselmus kommt unverrichteter Dinge zurück. Zu seiner Verwunderung wird ihm die neue Schlossherrin vorgestellt. Was wird Peter dazu sagen?


    VORSPIEL


    Dritter Akt:


    Peter ist nicht in Stimmung, hat Kopfschmerzen und die Mutter muss ihn aufmuntern. Eva befindet sich in der Verlegenheit, die Entwicklung der aktuellen Situation zu erklären. War es nicht so, dass sie beide von Kindheit an nur Gespielen waren? Gut, ein bisschen Liebe war auch vorhanden. Aber so richtig geknistert hat es nicht. - Peter sieht die Sache völlig anders. Das Feuer der Liebe hat in seinem Innern gelodert, nur hat er sich mühsam beherrscht. Er warnt Eva nachdrücklich, auf keinen Fall soll sie zur Tenne gehen und mit Heinrich tanzen. Doch Eva ist nicht geneigt, sich nötigen zu lassen und erklärt, dass Heinrich ihr Mann sein wird.


    Förster und Pfarrer sind innerlich tief beunruhigt. Heute sollen Heinrich und Eva miteinander vermählt werden. In Festtracht und mit zahlreichen Blumensträußen erscheinen die Dörfler zum Gottesdienst.


    Jeder kennt den Fluch der auf den Herren von „Irrelohe“ lastet. Genau dreißig Jahre sind es her, dass Peters Mutter Böses angetan wurde. Das Verbrechen blieb bis heute ungesühnt. Unheil liegt in der Luft.


    Die Trauung in der Kirche ist vollzogen. Hoch lebe Graf Heinrich und die Gräfin Eva. Wie es Brauch ist, soll nun der Hochzeitsreigen getanzt werden. Die Musik erklingt bereits. Auch Lola ist auf dem Kirchplatz erschienen und singt ihr bekanntes Liedchen: Einst war ich jung einst war ich schön... . Christobald wird von der Erinnerung an die Vergangenheit überwältigt und musiziert immer hektischer.


    Das Spiel des Musikanten und das Lied der Mutter machen Peter rasend. Auch in ihm fließt das Blut der Grafen von „Irrelohe“, mit seiner Beherrschung ist er am Ende.


    Peter erklärt dem Grafen, dass er sein Bruder sei und der gemeinsame Vater in der Hölle schmore. Ein Vorschlag zur Güte: Er will teilen. Heute bekommt das Evchen derjenige, wer die älteren Rechte hat, und ab morgen darf der Ehemann die Frau dann für immer behalten. Die Situation eskaliert, Peter erfasst maßlose Begierde und gerät verbal außer Kontrolle. Der Förster versucht vergeblich, den Rasenden zu beruhigen. Heinrich ist ohne Waffe, niemand hilft ihm, kampfsporterprobt erwürgt er den hitzigen Nebenbuhler mit bloßen Händen. – Lola weint und Eva ist verstört.


    „Irrelohe“ steht in Flammen. Christobald und seine Zündler haben ganze Arbeit geleistet. Man betrachtet das prächtige Schauspiel und hofft, dass der Fluch, der über dem Dorf lastet, damit ein Ende gefunden hat. Eva und Heinrich gehen einem neuen Anfang entgegen.


    Anmerkungen:


    Anekdotisch sei vermerkt, dass die Oper nach einer Ortschaft benannt wurde. Der Komponist reiste nachts mit dem Zug durch die Lande. Mit lauter Stimme ruft der Bahnwärter die Bahnstation „Irrloh“ aus und weckt den prominenten Passagier. Abrupt aus dem Schlaf gerissen, schaut Franz Schreker aus dem Abteilfenster und registriert in seinem Gedächtnis den Namen der Station. Ein paar Tage später ist das Libretto zur Oper“ Irrelohe“ fertig.


    Die Komposition dauerte etwas länger. Franz Schreker (geboren in Monaco) hat sich vom Expressionismus abgewandt und nutzt in seinem Libretto auf naive Weise die Zutaten und Stilmittel der Romantik: Unheilstiftende Nixen, Dämonisierung des Adels, Schlossbrände, Erbflüche, Bruderzwiste und Spielleute beleben die Szene; die Försterstochter Eva heiratet den Grafen Heinrich. Trotz allem: Das Libretto ist schlüssig und spannend und der Zuschauer folgt der Handlung mit steigendem Interesse. Die Musik gibt sich klar und verständlich. Sie folgt den dramatischen Situationen und ist von betörender Klangpracht


    © 2010 TAMINO - Engelbert

    Lieber Theophilus


    ich habe über Deine Ansicht nachgedacht. Sie hat etwas für sich, weil WIKIPEDIA Deine Ansicht teilt.


    Allerdings wie würdest Du mit Honoré de Balzac verfahren und wie bei allen anderen, die ein Verhältnbiswort
    dem Namen voranstellen. Konsonant und Vokal wären des einzige Unterscheidungsmerkmal, ändern den Sachverhalt aber nicht.


    Der WESTERMANN-Opernführer registriert d'Albert unter dem Buchstaben 'A'. Wie macht es Könemann oder die anderen.
    X(


    Unerfreulicher ist, dass die Opern sich nicht durchnummerieren lassen. Oder lässt das System es zu.
    Es befinden sich etliche Fremdkörper zwischen den Inhalten, wie Operkritiken und Szenenfolgen oder
    nur Kopf-Ausführungen. Hier sollte ebenfalls über eine Umnettung oder Löschung nachgedacht werden,
    damit auf Anhieb festgestellt werden kann, wieviel Opernbeschreibungen wir exakt überhaupt haben
    Bitte, lieber Theophilus, mach Dir hierzu Gedanken.


    :angel:
    Viele Grüße
    Engelbert

    .


    Werner Egk (1901-1983)
    Joan von Zarissa


    Ballett in vier Bildern
    Libretto vom Komponisten
    Uraufführung am 20. Januar 1940 in der Berliner Staatsoper,
    Inszenierung: Heinz Tietjen
    Choreographie: Lizzie Maudrik
    Ausstattung: Josef Fennecker
    Tanzsolisten: Bernhard Woisin – Ilse Meudtner – Rolf Jahnke,
    Sinfonieorchester, Chor und Sprecher


    Charaktere:
    Joan von Zarissa
    Der Eiserne Herzog
    Isabeau, die Herzogin
    Lefou, der Narr
    Die Schönste der gefangenen Maurinnen
    Ein gefangenes Fürstenpaar
    Ein hünenhafter Ritter
    Perette, eine Magd
    Zwei Küchenmädchen
    Ein Ungeheuer
    Florence, Futter für das Ungeheuer
    Ein mutiger Ritter, der das Mädchen befreit


    Das Geschehen spielt in Spanien im 16. Jahrhundert



    HANDLUNG



    ERSTES BILD


    Wenn man Vorfahren hat, die große Heldentaten begangen haben, ist man stolz. An Gedenktagen wird zum Bankett geladen und den Gästen standesgemäße Zerstreuung geboten. Der ‚Eiserne Herzog’ heißt so, weil er ständig in eiserner Rüstung herumläuft und bei seinen militärischen Operationen eisernen Willen beweist. Es werden die Gefangenen vorgeführt. Die wilden struppigen Kerle sind angekettet, damit sie nicht entweichen können. Das gefangene Fürstenpaar ist für die Theaterbesucher nicht so interessant wie die hübschen Maurinnen, die ihre Heimat verloren haben und darüber traurig sind. Die Schönste kreiert einen Bauchtanz, um im christlichen Abendland die Kultur ihrer Heimat bekannt zu machen und die Gefährtinnen schließen sich an. Mit bunten Schleiern wird gewedelt und am Ende der Vorstellung lässt die Favoritin sogar die Gardine herunter, damit man auch das Gesicht sehen kann.


    Ein langer roter Teppichläufer wird in der Mitte der Halle ausgerollt, was darauf schließen lässt, dass hoher Besuch zu erwarten ist. Es ist Joan von Zarissa, der von Lefou seinem schrägen Diener mit lauter Stimme angekündigt wird. Der ‚Eiserne Herzog’ und seine Gemahlin Isabeau begrüßen den Ankömmling mit einem huldvollen Kopfnicken. Ohne Veranlassung wird Don Joan von einem hünenhaften Rüpel, der unerwartet auf der Bildfläche erscheint, zum Zweikampf aufgefordert. Der Angerempelte gewinnt, weil er nicht der Stärkere, sondern der Flinkere ist. Als Belohnung gibt es eine Siegestrophäe, die von der Herzogin höchstpersönlich überreicht wird. Isabeau nähert sich und Joan fasst das gespitzte Mäulchen als Einladung zum Küssen auf. Der ‚Eiserne Herzog’ ist erzürnt und geht mit dem Degen auf den Gast los. Was erdreistet sich Don Joan eigentlich? Auch diesmal ist der Tapfere der Siegreiche. Der alte Herr kann nicht mehr so, wie er gern möchte. Das Blut sickert aus seinem eisernen Ringeltrikot und er legt sich kampfesmüde auf den roten Teppich.


    ZWEITES BILD


    Die Herzogin hat sich schwarze Trauerkleidung übergezogen, um am Katafalk ihres getöteten Mannes zu beten. Während sie dieser Notwendigkeit nachkommt steht plötzlich mit liebenswürdigem Schnäuzer-Lächeln Joan von Zarissa neben ihr. In gereizter Stimmung versucht sie, den Mörder ihres Gatten zu erwürgen. Die Mordtat scheitert an ihren mangelnden Körperkräften und der Frauenkenner zieht die Widerstandslose in seine Arme. Das Praktische verbindet er mit dem Angenehmen und erklärt der Herzogin seine Liebe. Weshalb sollte sie ablehnen? Der Gatte ist tot und der Thron verwaist.


    DRITTES BILD


    Jetzt ist Joan der Burgherr und die strahlende Witwe neben der wertvollen Immobilie sein Eigentum. Lefou ist weniger erfolgreich in seinen Bemühungen. Von der Magd Perette, die er umwirbt, erhält er eine Abfuhr, aber die beiden hübschen Küchenmädchen sind zutraulich. Die Herzogin verdirbt ihm den Spaß und macht der Affäre abrupt ein Ende. Was eigentlich gar nicht zu ihrem vornehmen Wesen passt, sind ihre sadistischen Gelüste.


    In ihrem Burgverlies hält sie ein Ungeheuer gefangen, welches sich von Menschenfleisch ernährt. Man bietet dem Untier Früchte an, die aber verschmäht werden, weil der Magen vegetarische Nahrung nicht verträgt. Im Rahmen einer höfischen Zirkusvorstellung wird der zähnefletschenden Bestie eine Jungfrau zum Fraß vorgeworfen. Mordlustig flackern die Augen und gierig sperrt das Untier seinen Rachen auf, weil es Hunger hat und seinen Appetit stillen möchte. Doch es gibt noch mutige Ritter auf dieser Welt. Ein solcher eilt herbei und verjagt das Ungeheuer mit seiner Stichwaffe. Aus Dankbarkeit tanzt das Mädchen mit ihrem Retter einen Pas de deux. Dieser wird von Joan, dem das Mädchen auch gefällt, gestört. Er reißt die beiden auseinander, um selbst mit der Schönen zu tanzen. Der mutige Lebensretter lässt sich die Kränkung nicht gefallen und setzt sich zur Wehr. Doch Joan schlägt ihm den Degen brutal aus der Hand zerbricht die Waffe in Stücke. Isabeau kann es nicht ertragen, dass ihr Gatte einer anderen Dame huldigt und befiehlt den Wachen, das Paar gewaltsam zu trennen. Doch diese sind nicht geneigt, sich in die zärtlichen Angelegenheiten ihres Herrn einzumischen und verweigern den Gehorsam. Die Herzogin bekommt einen Nervenzusammenbruch und stürzt zu Boden. Joan trägt die verzweifelte Florence weg vom Ort unliebsamen Geschehens und verlässt die Halle, um sich seiner gewaltsamen Eroberung in Ruhe widmen zu können.


    VIERTES BILD


    Joan von Zarissa und sein Diener sind Saufbrüder. Der erste verliert beim Würfelspiel und seine Barschaft reicht nicht aus, um die Spielschulden zu begleichen. Trotzdem möchte der Trunkenbold gern weiterspielen und verspricht dem höhnisch grinsenden Narren mangels glaubhafter Kreditwürdigkeit sein Mädchen zur Begleichung seiner Schulden. Lefou geht auf den Handel ein, gewinnt erneut und versucht, seinen Spielgewinn gewaltsam an sich zu reißen. Florence ist nicht geneigt, ihren Gebieter, den sie abgöttisch liebt, aufzugeben und stößt sich das Messer in ihr unschuldiges Herz.


    Es wird Zeit, dass der Himmel sich einschaltet, um die begangene Freveltat zu rächen. Den ‚Eisernen Herzog’ schickt er als Todesboten und Vollstrecker göttlichen Willens mit dem flammenden Richterschwert. Joan sieht, dass die Vergeltung für böse Untat in Folge unausweichlich ist und sinkt vor Schreck tot zu Boden. Zur spektakulären Höllenfahrt reicht der jüngste Strafbestand nicht aus, weil eine aktive Beteiligung an dem Blutopfer des Mädchens nicht angelastet werden kann.


    Anmerkungen:


    Werner Egk entwirft eine eigenwillige Variante des Don-Juan-Themas. Die Figuren aus der Mozart-Oper sind teilweise wiederzuerkennen, haben ihren Charakter allerdings ein bisschen verändert. Joan von Zarissa ist ein Ausstattungsballett und hatte in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg großen Erfolg. Es knüpft an die Ballette wie La Bajadere, Scheherazade und Die Fontäne von Bachtschissarai an, ist aber in der Tonsprache ein Kind des zwanzigsten Jahrhunderts. Erst mit den Komponisten Richard Strauss, Werner Egk, Wolfgang Fortner, Boris Blacher, Gottfried von Einem und Werner Henze fand der deutsche Kulturraum den Anschluss an die Ballettszene der Dänen, Franzosen und Russen.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Adolphe Adam (1803-1856)


    La filleule des fées
    Das Patenkind der Feen - The Fairies’ God-Daughter


    Ballett in zwei Akten und einem Prolog


    Das Buch stammt von Jules-Henri Vernoy, Marquis de Saint-Georges und Jules Joseph Perrot.
    An der Komposition war Alfred de Saint-Julien beteiligt.


    Uraufführung
    am 8. Oktober 1849 an der Opéra Paris
    Choreographie: Jules Joseph Perrot
    Ausstattung: Cambon, Thierry und Desplechien
    Aufführung unter Einsatz elektrischer Beleuchtung und verschiedener Wasserspiele
    Kostüme: Lornrnier und d’Orschwiller
    Besetzung: Carlotta Grisi als Ysaure, Lucien Petipa als Prinz Hugues de Provence, Jules Joseph Perrot als Alain, Celeste Emarot als die weiße Fee, Marie Taglioni als Rosen-Fee, Louise Marquet als die Schwarze Fee


    Darsteller:
    Ysaure, das liebe Patenkind
    Die Rosen-Fee
    Die Weiße Fee
    Die Schwarze Fee
    Prinz Hugues de Provence
    Alain, Verehrer Isaurens
    Jobin, Zeremonienmeister
    Guillaume, Ysaures Vater
    Berthe, die Amme
    Ferner: Bauernburschen, Kirchendiener, ein Notar, zwei Zeugen, eine Vertraute, eine Patin. zwei Wildhüter, Dorfbewohner, Freunde, Bedienteste, noch weitere Feen, Geister und Adelige



    HANDLUNG


    PROLOG:


    Die Geschichte, die wie das Märchen von Dornröschen beginnt, spielt diesmal nicht in einem Schloss, sondern trägt sich auf dem Lande zu. Auf einen Prinzen muss das Bauernmädchen trotzdem nicht verzichten, denn Prinz Hugo wird es umwerben. Das Kind wurde gerade erst geboren, deshalb wollen wir nicht vorgreifen. Soeben wurde es getauft und wird in aller Zukunft, wenn es gerufen wird, dem Namen Ysaure lauschen. Der Prolog enthält bereits mehr erzählende Substanz, als ihm gut tut. Schreiten wir also gemächlich voran, um Wichtiges nicht zu verpassen.


    Mägde schmücken die Gute Stube eines Bauernhauses mit Feldblumen und Girlanden. Vater Wilhelm, die Franzosen nennen ihn Guillaume, denn die Handlung spielt in Frankreich, trägt das Kind in Begleitung einer Gruppe von Dorfbewohnern auf seinen Armen feierlich den Hügel herunter, auf dem die Taufkapelle steht. Offenbar ist er Witwer und ein bisschen verschroben, denn die Ballettbesucher durften bei der Taufe nicht dabei sein. Angeführt wird die Prozession von den Taufpaten und der Amme Berthe, die dem Vater das Kind abgenommen hat, weil er es an Behutsamkeit fehlen ließ. Guillaume lädt seine Freunde zum Festmahl ein. Die Mutter tritt nicht in Erscheinung. Entweder kann sie vor Erschöpfung noch nicht aufstehen oder sie ist im Kindbett verstorben. Letzteres würde die Anwesenheit einer Amme erklären, denn der Täufling muss schließlich gestillt werden. Die Gäste nehmen an der Festtafel platz. Die Mädchen unterhalten sich oder tanzen mit Jobin, dem Seneschal. Die anderen jungen Männer tanzen nicht, weil Jobin in seinem Protokoll das nicht vorgesehen hat. Höfische Etikette und traditionelle Bauernkultur gehen widerwillig eine Synthese ein.


    Plötzlich klopft es energisch an die Tür. Eine alte Frau begehrt Einlass. Sie ist hungrig und wird am unteren Ende der Tafel platziert. Es klopft schon wieder. Abermals bittet eine alte Frau um eine warme Mahlzeit, die sie auch bekommt. Der schmissig-rustikale Orchesterklang ebbt nicht ab, wenn es klopft, unbekümmert lässt das Orchester die unbedeutende Störung über sich ergehen. Das kann doch nicht wahr sein, es klopft schon wieder und abermals steht eine alte Frau vor der Tür, die um Gastfreundschaft bettelt. Jobin hat seinen guten Tag und sie darf hereinkommen. Jobin benutzt immer seine Finger, wenn er zählen muss, ohne sie könnte er nicht bis zehn zählen. Heute ist er besonders gefordert, denn es sitzen dreizehn Leute an der Tafel. Eine Person muss verschwinden. Dreizehn ist eine Unglückszahl und wer zuletzt kommt, geht zuerst und zwar sofort. Da die Alte freiwillig den Platz an der Tafel nicht verlassen, sondern ihren Teller leer essen und auch auf den Nachtisch nicht verzichten will, befördert der Herr der Etikette mit einem Fußtritt die Alte gewaltsam vor die Tür. Besser wäre es gewesen, zu warten, bis eine vierzehnte Person klopft, um die Unglückszahl wegzuwischen. Aber so weit hat Jobin nicht gedacht und der Rabiate wird schon noch sehen, was er in seiner Brutalität angerichtet hat. Jedenfalls, an Etikette hat er es fehlen lassen. Auf die Gesundheit des Kindes wird kräftig gebechert und am späten Abend ist das Fest zu Ende.


    Guillaume küsst das Kind und legt es in die Wiege. Die beiden alten Frauen dürfen über Nacht bleiben und sich am Kamin wärmen. Mit dem Fuß schaukelt die Amme die Wiege, bis das Kind schläft und sie selbst auch eingeschlafen ist. Die beiden alten Frauen, sind natürlich nicht das, was der Augenschein wahrnimmt, sondern kommen aus dem Feenreich. Sie treten nacheinander an die Wiege und jetzt wird das Neugeborenen beschenkt. Die weiße Lilie, die sie auf die geklöppelte Handarbeit legt, bedeutet, dass das Kind ein Leben lang vornehme Blässe zur Schau stellen wird. Den Kontrast bietet die rote Rose, welche die Blässe wieder aufhebt, um neben adeliger Zurückhaltung wonnigen Liebreiz zu signalisieren. Weitere Gesellschaft aus dem Feenreich ist hinzugekommen und versprechen, auf das Kind aufzupassen. Ausgelassen tanzen sie um die Wiege herum. Auch wenn die Beflügelten Unglück nicht verhindern können, besteht doch die Möglichkeit, die Quelle möglichen Übels festzustellen.


    Übel ist bereits im Anzug. Diesmal wählt die böse Dreizehn nicht die Haustür, sondern den Weg durch den Kamin, um das Kinderzimmer zu betreten. Sie hat sich in ein schwarzes Gewand gehüllt, damit die Lilien-Fee nicht erkennen soll, dass sie total verrußt ist. Über der Wiege bildet sich eine schwarze Wolke und das Kind fängt an, zu husten. Ein Geschenk hat sie nicht dabei, angemessen wären schwarze Orchideen, aber der Blumenladen ist nachts geschlossen und so soll die Kleine ihr Geschenk erst an ihrem fünfzehnten Geburtstag bekommen. Alle sind erschrocken. Welche Teufelei führt die Alte im Schilde? Beim Verlassen der Wohnung nimmt sie wieder den Weg durch den Kamin. Dazu muss man schlank sein wie ein Schornsteinfeger. Neiderfüllt schaut die Lilien-Fee ihr nach, denn die Fee, welche für die weiße Farbe steht, isst gern süße Sachen, am liebsten Sahnetorte. Ein wenig pummelig ist sie geworden, sie hat mehr Gewicht, als der Ballettmeister ihr zugestehen will. Zartgliedrige Tänzer können sie nicht mehr heben und schon gar nicht werfen. Erst neulich ist ein Sylph unter ihrem Gewicht zusammengebrochen.


    Erster Akt


    ERSTE SZENE


    Ysaure ist fünfzehn geworden, bewohnt in idyllischer Landschaft ein winziges Häuschen neben einer Quelle. Im Hintergrund sieht man die Ritterburg von Prinz Hugues de Provence. Die Dorfbewohner treffen Vorbereitungen für das Frühlingsfest und üben sich in Spiel und Tanz. Alain ist in das Geburtstagskind verliebt, will nur sie und verschmäht alle anderen. Da er ein hübscher Junge ist und sich etwas darauf einbildet, weist er die Annäherungsversuche der Dorfmädchen von minderer Qualität zurück. Doch Ysaure kennt ihren Stellenwert ebenfalls und gibt Alain zunächst erst einmal einen Korb. Sie will es mit ihm aber nicht verderben und man einigt sich, dass man Freundschaft füreinander empfindet. Berthe will ihre Schutzbefohlene für das Frühlingsfest herausputzen und verschwindet mit ihr im Häuschen. Alain ist über die Absage, die er von Ysaure erhalten hat, betrübt. Zurückweisung tut weh, selbst hat er fleißig davon Gebrauch gemacht, ohne sich etwas dabei zu denken. Plötzlich steht ihm eine alte Frau gegenüber, die ihn nach der Ursache seiner Traurigkeit befragt. Im Tausch gegen einen Kuss, verspricht sie ihm Glück. Nachdem er sich überwunden und ihr den Gefallen getan hat, verwandelt die Geküsste sich in eine attraktive Fee. Der Ballettbesucher erkennt sie als die Schwarze Fee wieder. Eigentlich ist sie gar nicht grundsätzlich böse, sondern nur verärgert, weil der Seneschal nicht freundlich zu ihr war. Die schwarze Farbe ist in der Meinungsbildung der Landbevölkerung negativ belegt, man spricht vom Schwarzen Peter, von Schwarzmarktpreisen, von Schwarzmalerei und von schwarzen Schafen. Um ihrem Ruf durch das Tragen nachtschwarzer Kleidung keinen weiteren Schaden zuzufügen, wäre die ungerecht Behandelte gut beraten, eine dicke Bernsteinkette tragen, um mit der Farbe gelb positive Effekte zu erzielen. Der pompöse Schmuck würde natürlich auch bald schwarz sein, wenn die Unbedachte von ihrer Angewohnheit nicht ablässt, menschliche Wohnungen durch den Schornstein zu betreten.


    Ein junger Jägersmann ist müde von der Jagd, setzt sich auf einen Baumstumpf, um sich ein bisschen auszuruhen. Schon stehen zwei alte Frauen neben ihm und betteln um eine milde Gabe. Nachdem sie ein paar Goldstücke erhalten haben, zeigen sich die Damen erkenntlich und weissagen ihm, dass er sich schon bald verlieben wird. Das Mädchen befinde sich im Häuschen gegenüber und wird gerade angekleidet. Von Urinstinkten geleitet, will der Jägersmann sogleich zu ihr. Die beiden Frauen – es sind die Rosen-Fee und die Dicke mit der Lilie - schwingen ihren Zauberstab und schon werden die Wände der Bretterbude durchsichtig. Doch es gelingt dem Jäger nicht, sich wie ein Jagdhund auf seine Beute zu stürzen, denn die Schwarze Fee ist mit ihrem Zauberstab zur Stelle und macht die Wände wieder dicht, um der Unmoral zu wehren. So leicht lässt der Blaublütige sich nicht austrixen. Er klopft an die Tür, doch niemand fordert ihn auf einzutreten, denn die Schwarze Fee, die Alain als Liebeskandidaten favorisiert hat, bewirkt durch ihren Zauber, dass das Klopfen nicht gehört wird. Von innen ist die Tür verriegelt, sonst wäre der Zudringliche ohne anzuklopfen eingetreten. Es wäre doch gelacht, wenn es ihm nicht gelingen würde, das kleine Mädchen vor dem Spiegel zu überraschen. Er bläst ins Jagdhorn und seine Spießgesellen sind bald zur Stelle. Einen Baumstamm benutzen sie als Rammbock, um die Tür aufzubrechen. Doch die schwarze Fee lässt den Gewaltakt nicht zu, die Hütte wird per Magie auf den benachbarten Hügel versetzt. Der Waidmann, es ist Hugues de Provence – der Ballettbesucher hat es längst erraten – fühlt sich genarrt, doch die beiden Feen beruhigen ihn und mahnen zur Geduld.


    Ysaure und Berthe haben nun einen kleinen Fußweg vor sich, um sich in den Kreis der Mädchen zu begeben, die von Jobin angeführt werden. Alain ist grenzenlos überrascht, dass die Hütte des geliebten Mädchens nicht mehr am alten Platz steht, tippt aber richtig, dass seine Gönnerin ihre Hände und ihren Zauberstab im Spiel hat. Die rivalisierenden Feen möchten mit ihrer Zauberkunst nicht ins Hintertreffen geraten und genau in dem Moment, als Jobin Ysaure zur Maienkönigin krönen will, wird er kurzerhand ausgetauscht und Hugues de Provence steht an seinem Platz, um den Krönungsakt vorzunehmen. Seine Jäger blasen ins Jagdhorn und Ysaure bekommt vor Ergriffenheit ganz rote Bäckchen. Ein kluger Schachzug, Alain für sich einzunehmen, denn Hugues fordert ihn auf, mit Ysaure einen Pas de deux zu tanzen. Man tanzt bis in die Nacht hinein. Genau wie die anderen, ist Hugues fröhlich und am Abend geht es bei Fackelschein zurück zu seiner Burg. Der Prinz versucht, mit Ysaure ein Stelldichein zu vereinbaren, doch Alain fährt energisch dazwischen, greift sein Mädchen beim Arm und zieht es mit sich fort. Es ist die Spezialität aller drei Feen, mit ihrem Zauberstab Menschen mit oder gegen ihren Willen an einen anderen Ort zu versetzen. Die Jagdgesellschaft sucht nach dem Prinzen, aber dieser hat sich in Ysaures Schlafzimmer versteckt, wohin die weiße und die rote Fee ihn beordert haben.


    ZWEITE SZENE


    Ysaure träumt von ihrer Liebe, Alain ist sich jedoch nicht sicher, dass er das Objekt ihrer Sehnsucht ist, obwohl die schwarze Fee es ihm versprochen hat. Erneut versucht er sein Glück bei seiner Angebeteten mit einem Blumenstrauß, doch Ysaure gibt ihm wieder Saures. Niedergeschlagen zerpflückt er das Bouquet und reißt die Blumenköpfe von ihrem Stängel. Der Junge tut ihr leid und die Launische erklärt, einen anderen Strauß zu akzeptieren.


    Jetzt kommt der Prinz hinter dem Vorhang hervor und zelebriert, was er in den Ritterromanen gelesen hat. Er kniet vor Ysaure nieder und bittet sie um ihre Hand zum ehelichen Bunde. Da ihr besseres, als einen Prinzen von Geblüt mit all seinen Gütern zu ehelichen, nicht passieren kann, willigt sie ohne sich zu zieren ein. Alain soll sich zum Teufel scheren und sie berichtet Berthe was sich zugetragen hat. Ihre schäbige Geraderobe bereitet ihr Kopfzerbrechen, doch wozu hat man zwei Feen als beste Freundinnen? Das Dirndel verwandelt sich in ein Hochzeitskleid. Hochhackige Schuhe und Juwelen am Hals, an den Handgelenken und am Ohrläppchen gibt es gratis dazu. Sie betrachtet sich im Spiegel, der urplötzlich auf Riesengröße anwächst. Feenmusik erklingt im Raum, der sich in einen prächtigen Saal verwandelt hat. Es dominieren die Farben weiß und goldgelb, die Kristalllüster kommen bestimmt aus Böhmen.


    Trompeten erschallen und Ysaure schickt sich an, dem Prinzen die Tür zu öffnen. Doch es ist nicht der Prinz, der eintritt, sondern die Schwarze Fee. Das versprochene Geschenk zu ihrem fünfzehnten Geburtstag möchte sie abliefern, sagt sie der tödlich Erschrockenen mit einem honigsüßen Lächeln. Die Weiße Fee und die Rosen-Fee eilen hilfreich herbei, können den tückischen Zauberspruch aber nicht abwenden. Was nützen schöne Kleider, wenn das Gesicht damit nicht harmoniert. Die schwarze Fee bewerkstelligt Ysaurens Aussehen so schön zu gestalten, dass jeder Mann, der zu ihr in Minne verfallen ist, den Verstand verlieren muss. Das ist zuviel des Guten. Die Freundinnen sind ratlos und wissen nicht, wie man den Zauber in ihrer Wirkung herabsetzen kann, ohne dass Kind völlig zu verunstalten. Adolphe Adam legt sich mächtig ins Zeug und widerlegt, dass er nicht nur schmissig-rustikale Walzer und Märsche komponieren kann, sondern hochdramatischen Szenen durchaus gewachsen ist. Er lässt das Orchester in seiner ganzen Fülle zur Höchstform auflaufen, um sein Publikum an der Erregung der handelnden Personen emotional zu beteiligen.


    Erneut erklingen Fanfaren und die Herolde des Prinzen treten auf. Ysaure flüchtet sich angsterfüllt in ein anderes Zimmer. Der Prinz kommt herein, doch weder Berthe noch die Feen wollen ihm sagen, wo die Gesuchte zu finden ist. Verschaukeln lässt der Prinz sich nicht und befiehlt seinen Begleitern, nach ihr zu suchen. Nach kurzer Zeit wird sie hereingeführt, doch Ysaure hält sich die Hände vor das Gesicht. Vorsichtig versucht der Prinz, die Hände wegzuziehen. Sie wendet den Kopf zur Seite und sieht Alain, der mit einem frischgepflückten Blumenstrauß zurück gekommen ist. Als er sie erblickt, verliert er den Verstand. Die Erschütterte erkennt die Wirkung des verhängnisvollen Geschenks und versucht, fortzulaufen. Alain hält den Prinzen, der ihr folgen möchte, gewaltsam zurück. Zweikampfgeübt, kann dieser den Jüngling jedoch beiseite stoßen. Bevor es jedoch so weit ist, die Widerspenstige in seine Arme schließen, ist diese aus dem Fenster gesprungen. Von vielen geflügelten Wesen, welche die Patentanten in weiser Voraussicht positioniert haben, wird der Sturz abgefangen. Ysaure wird auf sanften Schwingen an einen unbekannten Ort entführt.


    Das orchestrale Zwischenspiel, dient dazu, die überbeanspruchten Nerven der Ballettbesucher mit sanftem Streicherklang zu beruhigen.


    Zweiter Akt


    DRITTE SZENE


    Ein bewaldeter Park, Springbrunnen von weißen Marmorstatuen eingesäumt, ein von Nebeldunst verhangener See im Mondschein, ist der Ort, in dem Geistwesen und Feen sich gern aufhalten. Die guten Feen warten auf Ysaure, die in einem von Schwänen gezogenen Boot sich aus dem Dunst löst. Der Ballettbesucher macht sich um das Mädchen ernsthafte Sorgen, vielleicht war der Fenstersturz gar nicht so harmlos, wie er aussah und Ysaure ist mit dem Kopf aufgeschlagen.
    Menschen sind in einem Umfeld, in dem Feen unablässig ihren Zauberstab schwingen, um die Brunnenfiguren tanzen zu lassen, normalerweise nicht anzutreffen.


    Ysaure hat Sehnsucht nach ihrem Prinzen, doch man rät ihr, ihn nicht anzuschauen, damit er das Schicksal seines Vorgängers nicht teilen muss. Sie soll doch mit Alain vorlieb nehmen, denn hier kann nicht mehr viel zerstört werden, die meiste Zeit befinde er sich im Delirium. Ihm ist es erlaubt, sie als Schatten wahrnehmen zu dürfen. Sein Leid bekümmert Ysaure sehr. Sie selbst ist zur Nymphe geworden und besitzt sogar einen eigenen Zauberstab, das Begrüßungsgeschenk der Feen. Um sie von ihrem Kummer abzulenken, tanzen die Weiße Fee und die Rosen-Fee eine Variation.


    Mit ihrem Los ist Ysaure nicht zufrieden und sie besteht darauf, ihren Prinzen zu sehen. Die Feen zeigen ihr ihn schlafend. Ysaure schwingt den Zauberstab und die Störenden verschwinden, so dass sie mit Hugues allein ist. Sie tanzt um ihn herum und streut Rosenblätter um seine Lagerstätte, damit er beim Aufwachen mitbekommt, dass ein liebendes Wesen seiner gedacht hat. Solange er die Augenlider gesenkt hält, kann nichts passieren, hebt er jedoch die Jalousien, geht es ihm wie Alain. Der Eifersüchtige ist ihr gefolgt, denn die Schwarze Fee hat ihm den Weg gewiesen. Er entwindet Ysaure den Zauberstab, um Hugues damit in die Rippen zu stoßen; er soll aufwachen und wahnsinnig werden, wie er. Voller Furcht versucht die Geliebte davonzueilen, doch was macht der wahnsinnige Spielgefährte? Er berührt sie mit dem Zauberstab und verwandelt die zur Nymphe gewordene nun in eine Statue.


    VIERTE SZENE


    Nichts bleibt so heiß, wie es gekocht wird. Die guten Feen haben Ysaure wieder lebendig gemacht und gemeinsam statten sie den Brunnengeistern einen Besuch ab. Diese residieren in der Grotte, in der die Quelle entspringt, aus der der See gespeist wird. Da Liebe bekanntlich Berge versetzt, konnten Hugues und Alain in die Grotte eindringen. Der irre Alain nimmt körperliche Anstrengungen auf sich, um den Prinz in die Richtung zu ziehen, in der Ysaure eine Rose zerpflückt. Bevor Unwiderrufliches passiert, lassen die guten Feen den Prinzen erblinden. Die Schwarze Fee ist erbost, weil die Rivalinnen ihre Pläne ständig scheitern lassen. Ysaure greift aktiv in das Geschehen ein und probiert, mit ihrem Zauberstab Hugues das Augenlicht wiederzugeben. Beim Hantieren zerbricht der Zauberstab.


    Die Schwarze Fee ist Argumenten zugänglich. Sie willigt ein, Ysaure dem Prinzen zu überlassen, wenn er - blind wie er ist - durch Betasten sein Mädchen aus den anwesenden Nymphen und Feen herausfindet. Hugues lässt sich Zeit und genießt die kostbaren Augenblicke, die das Schicksal ihm gönnt. Alain gebärdet sich weiterhin gehässig, doch Ysaure setzt alles daran, den Geliebten in ihre Richtung zu lenken. Er bekommt sie zu fassen. Nicht am Körpergewicht, sondern am Gleichklang der hämmernden Herzen hat er sie erkannt und lässt sie nicht mehr los.


    FINALE


    Die Prüfung ist bestanden. Das Patenkind der Feen darf mit ihrem Prinzen Hochzeit halten. Ein schöner Palast nebst Personal, welches die Gärten, die Fußböden, die Vorhänge und die kostbaren Möbel zu pflegen hat, ist das Hochzeitsgeschenk der Tanten aus dem Feenreich. Die Schwarze Fee stellt den Gesundheitszustand von Alain wieder her. Dieser ist so erfreut, dass er von Ysaure, die sein Unglück verursacht hatte, nun nichts mehr wissen will.


    © TAMINO - Engelbert

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    Antonín Dvořák [1841-1904]


    Dimitrij
    Dimitri


    Oper in 4 Akten,


    op. 64, entstanden 1882 -
    in tschechischer Sprache -
    Libretto: Marie Tscherniková-Riegrová -
    Uraufführung: am 8. Oktober 1882 am Neuen tschechischen Theater in Prag -
    Dauer der Handlung etwa 3 Stunden


    Dokumentation: Einspielung auf CD aus dem Jahre 1991 mit der Tschechischen Philharmonie unter Gerd Albrecht und dem Prager Rundfunkchor unter Pavel Kühn,
    CD von Supraphon (Jahr 2004), Nr. SU 3793-2, 3 CDS


    Charaktere:
    Dimitri Iwanovitsch, abgeblicher Sohn Iwan des Schrecklichen
    Marfa Iwanowa, Zarin, Witwe Iwan des Schrecklichen
    Marina Mnischkowa von Sandomir, Dimitris polnische Gemahlin
    Xenia Borisowna, Tochter des Zaren Boris Godunow, in Dimitri verliebt
    Peter Fjodorowitsch Basmanow, Kommandant der Arme des Zaren
    Fürst Wassilij Schuiski, Anwärter auf den Zarenthron
    Hiob, Patriarch von Moskau
    und weitere


    Das Geschehen spielt in Moskau in den Jahren 1605-1606




    HANDLUNG


    Erster Akt


    OUVERTÜRE


    Erste Szene


    Der gerechte Gott und Vater soll auf die Tränen von Mütterchen Russland schauen und Zeuge ihrer Not sein, klagt das Volk nach alter Gewohnheit, denn der Zar ist tot. Den Arm des Landesvaters hat der Todeskampf erlahmt und bitterer Harm drückt nun die armen Kinder. Jeder wünscht sich Frieden, doch das Polenheer rückt immer näher. Bald steht es vor Moskaus Toren. Der Erbe aus Iwans Blut soll zu ihrem Schutz herbeieilen. Nur Gottes Auge kann erkennen, ob es kein Scharlatan ist. Wem sollen sie noch trauen? Wer wird die Armen schützen? Gottvater, stark und mild, soll sie ein Wunder schauen lassen.


    Der Patriarch von Moskau in Begleitung seiner Priesterschaft tritt in ihre Mitte und ersucht um Gehör.
    Die edlen Bojaren haben dem Zaren Boris und seiner Familie Treue geschworen. Jetzt sei es an diesen, den Zarenkindern beizustehen und ihnen ihre Ergebenheit zu beweisen. Die Drachensaat, von der die Unschuld bedroht wird, muss vernichtet werden. Der Priesterchor meint, dass die Edlen nicht ruhen sollen, bevor der Feind nicht ausgelöscht ist.


    „Glaubt nicht mehr an Iwans Erben,
    wehrt dem Unheil ohne Verzug,
    Polen reißt uns ins Verderben,
    ächtet diesen frechen Trug!“


    Nachdem der Klerus seine Meinung geäußert hat, mach er dem Fürsten Schuiski Platz. Selbst wenn Dimitris Behauptung sich bestätigt, ein Nachkomme Iwans zu sein, so besteht seine militärische Macht aus Feinden Russlands, die das Verderben ins Land tragen. Polenblut und Polensitte darf keineswegs im Lande herrschen.


    Das Volk ist sich nicht einig, ob die Gnade Gottes nun den kleinen Feodor tatsächlich umschweben soll. Doch Boris war ein Missetäter; von Höllenglut erfasst, trägt er nun an seiner Sünden Last. Keine Gnade für seinen Sohn. Doch den Bojaren ist Dimitri auch nicht recht. Dem frechen Hohn soll das Volk ein Ende setzen und den Verräter mit Waffengewalt einfangen. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, weil jede Gruppe ihre Ansicht, wer auf dem Thron sitzen soll, durchsetzen möchte.


    Zweite Szene


    Basmanow hat sich mit seinen Soldaten in den Vordergrund gedrängt. Russland soll auf bessere Zeiten warten und zunächst Dimitri als Herrscher ehren. Er findet es nicht gut, dass Moskau sich gegen Dimitri sperrt. Wenn er herrscht, wird er nicht zulassen, dass ein blinder Haufen mit des Landes Zukunft spielt.


    „Dimitri der Krone Segen,
    ihn hält seiner Mutter Arm.
    Marfa kommt ihm froh entgegen,
    fort ist all ihr Schmerz und Harm.“


    Das Volk zweifelt. Soll man dem Zeugnis der Zarenmutter glauben? Basmanow besteht darauf, dass Dimitri der neue Zar wird.


    Dritte Szene


    Schuiski sieht es nicht gern, dass man den toten Zaren schmäht. Seine Haltung richtet sich gegen Dimitri und er beklagt die Uneinsichtigkeit des Volkes. Es soll dem Scharlatan nur huldigen und seinem Schwindel zum Raub fallen. Wo bleibt ihr Stolz? Dem Thronräuber ist ein großer Wurf gelungen und hat sich des Volkes Sinn zum Nachteil der Godunows arglistig zunutze gemacht. Von Hass getrieben wird Boris nach Gutdünken geschmäht. Undank folgt ihm nach, aber allein Gottes Wille lenkt die Welt. Wenn das Volk die falschen Entscheidungen trifft, wird es schon sehen, was es davon hat. Zum besseren Verständnis der Situation sei erklärt, dass Schuiski adeliger Abstammung ist und aus dem Geschlecht der Fürsten von Susdal abstammt. Die Herrschaft des militärisch starken Dimitri ist das Letzte, was er sich wünscht. Seine greisen Hände werden dessen Macht in Trümmer fallen lassen, prophezeit er.


    Vierte Szene


    Die Zarenkinder hatten im Haus Schuiskis eine Zuflucht gefunden. Der Mob hat bei einem Überfall den kleinen Feodor ermordet. Der Himmel hat ein furchtbares Strafgericht gehalten. Xenia weiß den Grund nicht und ihr Gemüt befindet sich in Aufruhr.


    „Frech drang der Pöbel bei uns ein,
    sein Ziel war Raub und Mord allein.
    Der Narrenbrut Verderben,
    Feodor der Zar soll sterben.“


    Der Bruder und die Mutter sind tot. Hinter der Bühne tönt des Volkes Stimme: „Untergang der ganzen Sippe.“ Schuiski verspricht der verängstigten Xenia, sie mit seinem Schwert zu schützen.


    Auf seinen Arm gestützt, verlässt Xenia den Schauplatz.


    Fünfte Szene


    Des Volkes große Sehnsucht ist die Einkehr von Ruhe und Frieden im ganzen Land. Im goldenen Sonnenglanz soll das Heil kommen. Wenn erst der wahre Erbe sich auf den Thron setzen wird, darf er auf das Vertrauen des Volkes bauen. Die Menschen Russlands hoffen, dass Dimitri der ersehnte Messias ist. Der Segensspruch der Mutter wird seine Kraft stärken.


    Endlich erscheint der heiß Ersehnte in Person. Ehrfürchtig begrüßt er den erhabenen Kreml, in dem die Helden vergangener Zeiten wandelten. Auch er wird nun die Pforte durchschreiten, die ihm den Weg zum Ahnensitz freigibt. Im Volk kommt Rührung auf, denn seine zur Schau gestellte Demut kommt gut an. Demut zeigt die wahre Größe eines Herrschers! Jede Tat, die er vollbringt, soll dem Volk zum Wohl gedeihen, verspricht er. Wenn des Himmels Gnade ihn unterstützt, wird er sein höchstes Ziel erreichen. Der Thronanwärter hat sich geschworen, tapfer zu kämpfen. Er ist bereit, dem Land immer zu dienen. Ganz Moskau soll seinen Eid hören: Den Ruhm Russlands will er vermehren. Falls er träge wird und den Arm sinken lässt, soll Gottes Zorn ihn treffen und sein Name verflucht sein.


    Die Zarenmutter erscheint mit ihrem Frauengefolge, um ihn zu legitimieren. An seiner Demut erkennt sie den rechtmäßigen Zarenspross. Die Ahnung sagt ihr, dass es ihr Kind ist, welches sie so lange vermisst hat. Freude durchglüht sie und der Sohn soll ihr willkommen sein. Basmanow erklärt dem Volk, dass der Himmel sich dem Ankömmling zugewandt habe. In seinem Herzen glühe das heilige Gebot, das Vaterland zu retten. Die Leute sollen jetzt verschwinden und den Sohn mit der Mutter allein lassen. „Seht, Marfa traf schon ein!“ „Sie sei mit ihm allein!“


    Sechste Szene


    Marfa fühlt sich angeschwindelt. Sie schaut Dimitri kurz ins Gesicht und stellt fest, dass dieser Mensch unmöglich ihr Sohn sein kann. Der Verschmähte spielt seine Rolle nicht schlecht. Er fällt Marfa zu Füßen und gibt vor, sich zu freuen, dass liebe Mutterherz endlich wiedergefunden zu haben. Sie soll ihn in ihre Arme schließen. Marfa kämpft mit ihrer Enttäuschung. Der süßen Hoffnung, ihr Kind jemals wieder zu Gesicht zu bekommen, wird sie nun endgültig abschwören. Ihr totgequältes Herz soll endlich Ruhe finden. Dimitris Enttäuschung ist nicht minder groß, denn von Marfas Bereitschaft, ihn als Sohn anzuerkennen, hängt seine Mission ab. Beide kämpfen mit ihren innersten Gefühlen. Dimitri hat sich tatsächlich in die Vorstellung hineingesteigert, dass die Frau vor ihm seine leibliche Mutter sei. Basmanow versteht es, den Sinn der Zarenmutter zu lenken und rät, Hass und Enttäuschung zum Schweigen zu bringen. Wenn die Mutter dem Kind sich liebend neigen würde, kehre wieder Ruhe ein. Dem Volk würde es nutzen und die Stimme der Zwietracht zum Schweigen gebracht. Marfa ist zunächst ratlos und entschließt sich dann, Liebe vorzutäuschen, der Vernunft zu folgen. Mutter und Sohn umarmen sich.


    Schuiski sieht es mit Wut:


    „Recht und Wahrheit sind verbannt,
    falscher Sohn wird anerkannt!
    Weibertücke Spott und Hohn
    sind des leichten Glaubens Lohn!
    Trug und Diebstahl drang hier ein,
    nimmer soll er Herrscher sein.“


    Dimitri hat sein Ziel erreicht:


    „Mutter, Mutter, süßes Wort!
    Wonnetaumel zieht mich fort!“
    Aller Sehnsucht höchstes Ziel!
    Reines Wunder das Gefühl!
    Sonnenstrahl zerriss den Trug,
    junger Adler, auf zum Flug!“


    Marfa ist erleichtert:


    „Frohe Regung wärmt mein Blut,
    siedend heiß brennt diese Glut!
    Mein entzücktes Auge schaut,
    träumend neue Welten baut!“


    Basmanow hält zu Dimitri:


    „Sie hat ihr Kind nun anerkannt,
    sinnlos aller Widerstand!
    Er ist Iwans wahrer Sohn,
    ihm allein gebührt der Thron!
    Russlands Söhne sind bereit
    ihm zu folgen alle Zeit!“


    Hiob, das Volk, die Priester und die Bojaren fühlen sich in ihrem Streben bestätigt.


    „Marfa hat ihn anerkannt,
    alle Zweifel sind gebannt
    Er ist Iwans wahrer Sohn,
    ihm gesichert ist der Thron!
    In den Kreml ziehe ein,
    unser Herrscher sollst du sein!“


    „Marfa hat ihn anerkannt,
    heilig ist der Liebe Band!
    Marfa hat ihr Kind erkannt,
    Iwans Erbe ist im Land
    Russlands Söhne sind bereit,
    ihm zu folgen alle Zeit!“


    Gegensätzliche Empfindungen und Erwartungen vereinen sich zum großartigen Finale des ersten Aktes.



    Zweiter Akt


    OUVERTÜRE


    Erste Szene


    Im Kreml wird für den Krönungsball alles vorbereitet. Dimitri ist in Marina unendlich verliebt, was ihn allerdings nicht daran hindert, ihren modischen Auftritt zu kritisieren. Wenn sie auf dem Zarenthron sitzen möchte, darf sie sich nicht wie eine Polin kleiden! Wie sollen ihr die Herzen des Volkes zufliegen, wenn sie sich wie eine Okkupantin aufführt.


    Noch hat das Glück die Oberhand und der Tag lacht ihm voller Wonne. Ihrer Schönheit wird er die Zarenkrone aufsetzen. Er erwartet von ihr, dass sie sich stets als sein eigen betrachtet. Ihre Liebe sei ihm wichtiger, als der Thron und wenn er ihr in die Augen schaut, sei seine Seele trunken. Sie erscheint ihm wie ein Traum und er hat nur den einen Wunsch, stets in Liebe mit ihr verbunden zu sein.


    Allerdings sollte sie sich angewöhnen, sich wie eine Russin zu verhalten. Genau das lehnt Marina ab. Ihr Blut sei von höchstem Adel und auf ihre Herkunft wird sie stets achten, weil alle Polinnen es so machen. Sie soll bitte nicht vergessen, des Volkes Mutter zu sein, mahnt der zukünftige Zar. Beabsichtigt er etwa, sich von der Menge tyrannisieren zu lassen? Des Volkes Grollen findet sie lächerlich. Mit Nachdruck betont sie, dass der Polen Kraft und Mut, ihm die Zarenkrone als Geschenk ausgehändigt habe. Dimitri ist gekränkt. Wenn sie nur Polens Herrlichkeit und ihren eigenen Stolz im Sinn hat, bezweifelt er, dass der Gatte ihr überhaupt etwas bedeutet wird. Marina weicht aus:


    „Dem Herrscher bin ich zugesellt,
    auf dass sein Weg stets höher führt;
    vor Dir soll knien die ganze Welt,
    dir huldigen, wie sich's gebührt!“


    So wie Dimitri sich Marinas Liebe vorgestellt hat, trifft sie nicht ein. Macht und Ruhm ist ihre Welt und sein Herz wird kaltgestellt. Die Hochmütige lässt ihn einfach stehen - er empfindet Leere und fühlt sich dem Druck eisiger Kälte ausgesetzt. Wo sind der Liebe Wundergaben, Liebe und Zärtlichkeit sind von Marina nicht zu haben.



    Zweite Szene


    Marina ist an einer friedlichen Koexistenz zwischen Russen und Polen überhaupt nicht interessiert. Ihr liegt daran, das russische Reich zu unterwerfen und trinkt ihren Landsleuten freudig zu. Einzig der Ruhm Polens ist ihr wichtig und die Interessen des Gemahls sind ihr gleichgültig. „Wohlvertraut tönen Polens Tänze und Weisen; wonnige Erinnerung schenkt ihnen ihr Klang. Das Heimatland möchte sie preisen, wo die Freiheit blüht, der Tanz und der Gesang.“ Die Polen stimmen ein, aber die Russen lassen sich diese Überheblichkeit nicht bieten. Sie schimpfen auf die freche Meute, die ihr Land als Beute sieht. Wollen die Russen etwa Streit anfangen? Endlich kommt Dimitri, um die Streitenden zu trennen und versucht, die Flammen des gegenseitigen Hasses zu löschen, nachdem Marina den Hochzeitsball verlassen hat.


    „Dunkle Wolken sind gezogen, alle warten auf den Sonnenschein, freundlich strahlt der Regenbogen und der Mensch will heiter sein!“


    Dritte und vierte Szene


    In der Gruft Iwans hat Dimitri meditiert, um Frieden zu finden. Er denkt darüber nach, dass Feinde in der Nähe lauern und Verräter versuchen könnten, sich einzuschmeicheln. Die Stille soll seine wunde Seele heilen, denn er fühlt sich ungeliebt, einsam und verlassen. Als er aus der Krypta hochsteigt, trifft er auf Xenia, die am Grab ihres Vaters einen Blumenstrauß deponieren will. Sie befindet sich auf der Flucht und schaut sich furchtsam um. Die Verängstigte befürchtet, dass die grölende Menge die Heiligkeit des Ortes nicht achten und sie vor Gewalt und Grausamkeit nicht sicher sein wird. Dimitri beobachten und bewundert sie, denn sie trägt ihr unendliches Leid mit Fassung. Zwei Verfolger sind in den Dom eingedrungen und werben aufdringlich um Xenias Gunst, die sich im Gebet hilfesuchend an den toten Vater wendet. Doch zu ihrer Rettung erscheint Dimitri, der die beiden zudringlichen Polen in die Flucht schlägt. Der Vatergeist hat sie beschützt. Xenia preist das göttliche Wunder.


    Fünfte Szene


    Dimitri verliebt sich sofort in Xenia und spricht zu ihr von seinen hehren Gefühlen. Sie wäre der willkommenen Ersatz für Marina, doch Xenia findet es ungehörig, ihr in der Kirche eine Liebeswerbung vorzutragen. Sie quittiert mit Seligkeit, dass er zur Stelle war, um sie aus arger Bedrängnis zu erlösen. Das Mädchen soll ihm doch bitte sagen, wo er sie finden kann. In Schuiskis Haus habe sie Schutz gefunden. „Ach, Du lieber Gott!“


    Sechste Szene


    Schuiski hat sich ausgerechnet die Gruft Iwans des Schrecklichen für eine Zusammenkunft ausgesucht, winkt die Verschwörer heran und ahnt nicht, dass Dimitri in der Nähe lauscht, nachdem Xenia sich verabschiedet hat. Der Fürst plant, Dimitri beiseite zu räumen, und dabei sollen die Bojaren ihm helfen. Doch diese sind davon nicht begeistert und wollen wissen, wer der rechtmäßige Zar sei und wo er sich aufhalte. Nun berichtet Schuiski davon, was er einst in Uglitsch sah:


    „Voller Blut war jene Kammer,
    überall nur Furcht und Jammer,
    eine Gruseltat geschah!
    Wer das Kind war, will ich sagen,
    das man dann zum Grab getragen,
    des Gewissens Stimme ruft!
    Zarewitsch fand dort sein Ende,
    fiel den Mördern in die Hände,
    schwöre ich in Iwans Gruft.“


    Dimitri kommt in seinen Mantel gehüllt hinter dem Grabmal vor und rät vom Eid ab. Die Verschwörer sind erschrocken und glauben an ein Gespenst. Dimitri gibt sich als Zar zu erkennen. Schuiski würde ihn am liebsten an Ort und Stelle gleich umbringen lassen, doch seine Begleiter sind sich nicht einig und aus der Bluttat wird nichts. Sie fürchten Gottes Zorn und sind nicht zu bewegen, dem Befehl ihres Anführers zu gehorchen, der sie als Feiglinge beschimpft. Dimitri kann die Bojaren auf seine Seite ziehen. Eine formelle Entschuldigung schützt sie vor Strafe.



    Dritter Akt


    Erste Szene:


    Die Begegnung mit Xenia an der Gruft ihres Vaters hat auf Dimitri einen tiefen Eindruck gemacht. Eingedenk der Kälte Marinas suchen seine Gefühle einen neuen Weg und haben sich nun am lieblichen Wesen Xenias entzündet. Er sah sie an und reinste Wonne trank sein Sinn in stiller Seligkeit. Unvergesslich, wie sie vor ihm stand. Ein süßer Feuer war in ihm sogleich entbrannt und ein Blick genügte, dass die Welt vor ihm versank. Er dachte, ihm sei nur Traurigkeit beschieden und nun kommt ein Frühlingshauch nach langer Winterszeit.


    Der Opernbesucher ahnt es bereits. Dimitri hat kein Problem das Hemd zu wechseln, falls Marina ihm Ärger schafft.


    Zweite Szene:


    Unter Bezugnahme auf die Verschwörungsszene in der Gruft Iwans bekommt Schuiski nun Verdruss, weil ihm Hochverrat angelastet wird. Basmanow erklärt:


    „Jetzt hört, damit ihr alle wisst,
    dass Schuiski nun des Todes ist!
    Wir wollen einig sein,
    dem Zaren Treue halten,
    das Unkraut gehe ein,
    Gerechtigkeit soll walten.“


    Der Klerus und Marfa halten zu Dimitri. Doch Marina ehrt weder die Bräuche noch das Land. Die Zarin lässt sich die Messe in lateinischer Sprache lesen, aber der orthodoxe Patriarch erklärt, dass Götzendienst nicht gelitten wird. Im Bedarfsfall erwägt er die Möglichkeit, die Ehe zwischen Dimitri und Marina auf Wunsch wieder zu lösen.


    Dritte Szene:


    Der Opernchor bedauert Xenia. Das arme Kind steht ganz allein auf der Welt, wenn Schuiski hingerichtet wird. Verzweifelt wendet sich die Verlassene an Marina und bittet diese um Fürsprache, damit die Hinrichtung ihres Wohltäters, in dessen Haus sie lebt, annuliert wird. Doch Marina bedauert, Gnade und Milde kann nur der Zar spenden, sie möge sich doch bitte an diesen wenden. Nun erkennt Xenia, dass Dimitri und der Zar ein und dieselbe Person sind. Die Verwirrung auf beiden Seiten ist komplett. Dimitri und Marina geben ihren Empfindungen Ausdruck: „Wie soll ich den Kampf bestehen, dieses Engels nun gewahr.“ „Zweifel sind ihm anzusehen, sein Verrat wird offenbar.“ Basmanow drängt auf die unverzügliche Hinrichtung Schuiskis. Der Henker mit dem Schwert soll seines Amtes walten. Doch der Zar erfüllt Xenia ihren Wunsch und winkt aus dem Fenster, dass die Hinrichtung Schuiskis ausgesetzt werden soll. Marfa heißt die Entscheidung gut: „Gnade, Gnade seht nur an! Dimitri hat recht getan.“ Marinas Eifersucht erwacht, denn sie erkennt, dass der Zar sein Verhalten an der Liebe zu Xenia orientiert. Den Polen missfällt die Entscheidung, dass Schuiski frei kommt. Marina und Marfa stehen in Opposition zueinander, Die Polen und die orthodoxe Priesterschaft ebenfalls. Neuer Streit bahnt sich an: Sie Anhänger Marinas kritisieren den Zaren und argumentieren:


    „Schnöder Verräter du!
    Das steht Dir nimmer zu!
    Die angetane Schmach
    ruft Stolz und Ehre wach!
    Gerecht ist unsere Wut,
    solch Undank schreit nach Wut!“


    Vierte Szene:


    Dimitri trifft nun die endgültige Entscheidung, dass er sich von Marina und den Polen trennen wird. Die Liebe Xenias und der Zuspruch Marfas reichen ihm, seinen Herrschaftsanspruch auf die Zarenkrone zu zementieren.


    Marina möchte zunächst das Geständnis erwirken, dass Dimitri Schuiski frei ließ, um Xenia gefällig zu sein. Doch Dimitri lehnt es ab, sein Handeln zu rechtfertigen. Marina schimpft ihn einen Verräter und halte, denn der Throns seiner Väter gehöre nur ihm. Maria wird wütend und reklamiert seine legitime Herkunft: Der eitle Tor soll seine Väter ruhen lassen, sie hatten mit der Zarenkrone nichts zu tun. Nicht vornehme und ehrwürdig sei sein Haus, sondern er sei ganz einfach nur Grischa Otrepjew! Der wahre Zarewitsch verlor das Leben und lediglich polnischen Ränken verdanke er es, dass er sich aufspielen darf. Dimitri glaubt ihr nicht. Sie solle schweigen und ihn nicht furchtbar kränken. Kalte Berechnung sei ihr Liebesschwur gewesen. Sie sei eine giftige Schlange voller Größenwahn - ihr glaube sowieso keiner.


    Beide machen sich mit ihren Vorwürfen die Stunde zur Hölle. Er fühlt sich nun minderwertig und Marina leidet an ihrer Eifersucht. Selbst wenn er kein Zarenspross sein sollte, wird er sich die Macht erkämpfen, denn das Schicksal sieht er auf seiner Seite. Marina erkennt, dass ihre Enthüllungen ihr keinen Nutzen bringen werden und wechselt die Taktik. Erneut beschwört sie ihre Liebe, bemerkt aber auch, dass er ihr nicht mehr glaubt. Nun backt sie die 'kleinen Brötchen' und erklärt, dass er über ihren Hochmut gesiegt habe. Niemals würde sie ihn betrügen. Er solle sie umarmen und ewig ihr gehören.


    „Du zögerst, glaubst mir gar nicht mehr?
    Du weist mich ab, das kränkt mich schwer!
    Lass wissen, was dich überzeugt:
    Es ist mein Stolz, der sich gebeugt?
    Geopfert sei, was wert auf Erden!
    Jetzt höre mich: Ich will Russin werden!“


    Doch Dimitri quittiert Marinas Rückzug mit Gleichgültigkeit und lässt sich nicht betören. Falsche Reue verachte er! Zuwider sei ihm ihre Liebesglut, denn andere Möglichkeiten haben sich ihm erschlossen. Einem Bild, welches himmlisch rein auf ihn herabschaue, gebe er den Vorzug. Marina weiß genau, was er meint und erwidert „Dimitri, denk nicht allzu hoch! Ein Otrepjew, das bleibst du doch!“



    Vierter Akt


    Erste und zweite Szene:


    Xenia versinkt in Todessehnsucht, denn der Geliebte hat sich nicht mehr gemeldet. Mit sich selbst im Widerstreit, erfasst sie uferlose Traurigkeit. Es quält sie eine Wunde, die nicht heilt und verspürt bitteres Leid, das niemand teilt. Man soll ihr Totenblumen bringen, denn sie steht bereits am Abgrund. Doch Plötzlich steht der Heißersehnte vor ihr und mach Xenia eine Liebeserklärung, die sich hören lassen kann.


    „Falsche Bande will ich trennen,
    sei es noch so schwer für mich,
    endlich werd' ich frei bekennen:
    Xenia ich liebe dich.


    Dunkle Mächte lass nur wüten,
    Dir zu Füßen ist mein Platz,
    deine Liebe möcht' ich hüten,
    niemand raubt mir diesen Schatz.“


    Nach anfänglichem Zögern nimmt die Unentschlossene die Werbung an und es kommt zum Liebesduett. Es naht ein neuer Morgen und in seinen Armen ist sie nun geborgen. Doch plötzlich besinnt Xenia sich anders. An allem Übel, welches über sie gekommen ist, sei Dimitri schuld und den Tod des kleinen Feodor habe er auf dem Gewissen. Dimitri erklärt seine Unschuld, doch Xenia lässt sich nicht belehren. Die Toten aus dem Schattenreich wollen ihr Glück nicht und sie bittet Dimitri, sie zu verlassen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als die Verstörte allein zu lassen.


    Dritte bis fünfte Szene:


    Vermummte Männer erscheinen, und töten Xenia mit dem Dolch. Die Anstifterin ist Marina, doch nachdem die Untat geschehen ist, bereut sie, voreilig gehandelt zu haben. Zu Tode getroffen wankt Xenia auf die Bühne. Marina bedeckt sie mit ihrem Schleier und versucht zu fliehen, doch an der Tür läuft sie Schuiski in die Arme. „Todesschreie immer wieder, böse Ahnung lähmt die Glieder!“ Volk strömt zusammen und beklagt Xenias Tod. Dimitri ist plötzlich auch wieder zur Stelle und sieht die Leiche der toten Geliebten. „Was ist gescheh'n.“ „Ein Mord war es, grauenvoll anzuseh'n!“


    Sechste Szene:


    Die flüchtende Marina wird von Schuiskis Begleitern im Garten aufgegriffen. Erschreckt erkennt das Volk die Zarin, die sich in ihrer Ausweglosigkeit schuldig bekennt. Dimitri will sie vor Gericht stellen, doch sie verspricht ihm hasserfüllt, dass er sie in den Tod begleiten werde. Sie entdeckt den Umstehenden das Geheimnis, dass Dimitri nicht der ersehnte Zar ist, sondern Grischa Otrepjew heißt. Schuiski dominiert die Szene: Zu Ende sei es jetzt mit dem Regieren. Auch die Mörderin soll Rang und Freiheit sogleich verlieren. „Rechenschaft fordert Volk und Reich. Der Polen Günstling stirbt jetzt gleich. Erneut ist Marfa zu befragen, Sie soll dem Volk die Wahrheit sagen.“


    Siebte Szene:


    Marfa erfüllt Schuiskis Begehren nicht und bestätigt angstvoll Dimitris Legitimität.


    „Hört, sie hat ihn anerkannt.“
    „Unsinn, Angst allein hat sie übermannt,
    ums junge Leben ist's ihr Leid!
    Aufs heilige Kreuz leiste sie den Eid!“


    Marfa betet, dass Gott auf ihre Not blicken soll. Alle warten auf ihren Schwur, doch Marfa kann ihre Unsicherheit nicht verbergen. Dimitri rät ihr selbstlos, vom Schwur abzulassen, selbst wenn es seinen Untergang bedeute. Marfa wird bewusstlos und Schuiski schießt spontan auf Dimitri, der tot zu Boden sinkt. „Des Volkes Weg verdüstert sich, wo edler Geist der Machtgier wich.“ Der himmlische Vater soll sich erbarmen.


    Anmerkung:


    Mit seiner Oper 'Dimitrij' besorgt Antonin Dvorak aus literarischer Sicht die Fortsetzung von Mussorgskys 'Boris Godunov'. Die Historie ist in Wirklichkeit weitaus turbulenter als die Oper und lässt zwei falsche Dimitris agieren. Schuiski besteigt den Zarenthron und regiert vier Jahre. Er bemüht sich in 'Zeiten der Wirren' mit schwedischer Hilfe ein passabler Herrscher zu sein und stirbt 1612 in polnischer Gefangenschaft.


    Das Libretto ist vorzüglich gearbeitet und schafft selbst in der deutschen Nachdichtung noch einen unvergleichlichen Eindruck. Nicht ganz so populär wie die 'Rusalka' hält man den 'Dimitrij' doch für Dvoraks bedeutendstes Bühnenwerk.



    © 2011 TAMINO - Engelbert

    .


    Franz Berwald ( 1796-1868 )
    Estrella de Soria


    Oper in 3 Akten
    schwedisch gesungen
    Entstanden 1841-1848
    Libretto: Otto Prechtler
    Uraufführung: 9. April 1862 an der Königlichen Oper in Stockholm


    Personen:
    Estrella, Gräfin von Soria
    Salvaterra, kastilianischer Feldherr
    Zulma, eine schöne Maurin
    Muza, ein Maurenfürst
    Sambrano, Freund Salvaterras
    Diego, Hofnarr
    Der König von Spanien


    Das Geschehen spielt in Kastilien während des 15. Jahrhunderts



    LABEL: MUSICA SVECIAE 1993
    Es spielt Helsingborgs Symfonieorchester unter Stig Westerberg
    Es singen:
    Lena Nordin (Estrella)
    Katarina Dalayman (Zulma)
    Stephen Smith (Salvaterra)
    Anders Lorentzson (Muza
    Ulric Andersson (Sambrano)
    Per Erik Martenson (Diego)
    Clas Sköld (König von Kastilien)
    und weitere



    HANDLUNG


    OUVERTÜRE



    Erster Akt:


    1
    Salvaterra kann den Jubel seiner Getreuen nicht genießen und sich an nichts mehr erfreuen. Der Liebe süßer Zauber plagt ihn. Ausgesandt wird der magische Strahl von der schönen Maurin Zulma, die sich als Kriegsgefangene im spanischen Lager befindet. In entscheidender Feldschlacht hat Salvaterra den Maurenfürsten Muza besiegt. Der spanische Feldherr pflegt seinen Stolz und kennt seine Pflichten. Deshalb muss er sich damit begnügen, dass ein Traumbild ihm nahe stand. Noch heute trennt sie das Geschick, trotz allem, Zulma war sein ganzes Glück.


    2
    Dabei stehen seine Aktien gar nicht schlecht. Die schöne Feindin gratuliert ihm zu seinem Sieg und macht aus ihren zarten Gefühlen keinen Hehl. Im Geiste hat sie gesehen, dass sich um seine Schläfen ein grüner Lorbeerkranz windet. In bangen Stunden webte sie eine Schärpe, die sie ihm nun als Geschenk überreicht. Entzückt nimmt der Überraschte die Gabe an, das Textil wird ihm stets teuer sein. Er soll die Gabe getrost an sich nehmen, denn seine Anwesenheit hat den Schmerz ihrer Gefangenschaft deutlich gelindert.


    Selbst wenn ihr Mund noch verschweigt,
    dass ihr Herz sich zu ihm neigt,
    kündet doch ihr süßer Blick
    ihm der Liebe goldenes Glück.


    Seine Augen bergen nicht,
    was sein Herz in Liebe spricht.
    Wie fühlt Zulma sich beglückt,
    dass sein Wesen sie entzückt.


    Beim wilden Schwerterklang hat sie stets an ihn gedacht. Edel, wie sie vor ihm steht, kann man sie nur mit einer Göttin vergleichen. Doch schon vergeht der süße Traum, zerrinnt des Glückes Bild wie Schaum. Zulma versteht nicht, weshalb ihr Liebling zögert. Er soll ihr kundtun, weshalb er nicht zugreift. Salvaterra hat Bedenken, weil er glaubt, dass Muza ihr ebenfalls teuer ist. Blanker Unsinn, zu dem Landsmann war sie nur zutraulich, weil ihr Vater es so bestimmt hat. Nun ist der Erwähnte in der Schlacht gefallen und das Mädchen zeigt sich dem Himmel dafür dankbar. Zulma formuliert ihr Stoßgebet auf schwedisch: „Jag fri! O gud hur jag tackar dig!“ Freude schwellt die trunkene Brust. Ach, er ist sich dessen kaum bewusst.


    4
    Muza drängt auf Einhaltung des gegebenen Versprechens, die Geliebte und ihn selbst nach Beendigung des Krieges gegen Lösegeld freizugeben. Das Theaterpublikum fragt sich natürlich, weshalb der Krieg überhaupt begonnen wurde. Ein bisschen Lösegeld kann die Ursache wohl nicht gewesen sein. Klirrte man mit den Waffen nur zum Scherz oder war die Kriegskasse plötzlich leer? Salvaterra verkündet prahlerisch, dass er sein Wort noch nie gebrochen habe. Der König hat Frieden verliehen und nun werden die Fesseln gelöst. Muza muss zu seinem Ärger feststellen, dass Zulma ihn nicht nach Hause begleiten will. Der Enttäuschte wird nachdrücklich:


    „Zulma zögre länger nicht!
    Lass uns eilen, folge mir.
    Denk o Teure deiner Pflicht,
    dein Verlobter spricht zu dir.“


    Das Vaterland kann ihr gestohlen bleiben. Zulma rührt sich nicht vom Fleck. „Jag stanna här.“ Salvaterra kämpft zwischen Pflicht und Liebe. Er fühlt, dass sein Geschick sich hier enthüllen wird.
    Muza kleidet seine Empörung in schöne Verse:


    „Min död, allt hopp är släckt.
    Var sorgen för bestämd?
    Mitt ursinne är väckt,
    det ropar efter hämmd.


    Der Endreim ist gut vorweggenommen:


    Die Hoffnung ist zerstört.
    Wo treibt die Wut mich hin?
    Mein Innerstes ist empört,
    vor Rache glüht mein Sinn.


    Salvaterra nimmt den Mohren nicht weiter ernst. Sein tiefster Wunsch wurde erhört und er hofft, dass er bald Erfüllung finden wird. Kein Wahn hat Zulma betört - es ist das höchste Glück, dass ihr Herz nun ihm gehört. Die beiden sollen vor ihm erbeben, denn Muza wird nun den Eingebungen der Hölle folgen. Salvaterra und Zulma sollen nicht denken, dass nun Freude in ihr Herz einziehen wird. Der stolze Held soll sich hüten. Muza wird ihm Zulma entreißen.



    SZENENWECHSEL


    5
    Es gibt noch jemanden auf der Welt, der den siegreichen Helden verzweifelt liebt. Es ist die Titelheldin, ihres Standes Gräfin von Soria und Verwandte des Königs. Estrella hat von der neuen Liebschaft ihres Favoriten Wind bekommen. Nun steht sie am Rande des Abgrundes. Das kranke Herz möge seine Schläge mildern. Heiße Qualen schüren den Brand der Eifersucht. Die Wände ihres Schlosses sollen Antwort geben und bestätigen, dass er sie nicht vergessen hat und noch liebt. Welches Los ist ihr beschieden? Sie braucht dringend Gewissheit. Bald wird der Verräter vor ihr stehen.



    Zweiter Akt:


    6
    Sambrano erklärt Zulma, dass sie nichts zu befürchten hat und sie soll ihm vertrauen. Zulma hat Muza gesichtet und denkt, dass sie nun beide verloren sind. Sie soll ihm mit ihrem Gefolge schnell in die dunkle Höhle folgen. Er weiß Rat. Doch Muza ist bereits vor der Höhle angekommen und rät seinen Leuten, leise zu sein. Der Chor ist zuversichtlich: „Jetzt ist die Schöne sicher dein, des Ritters Ende soll es sein.“ Die Freunde sollen Fackeln bringen, damit sie in die Höhle eindringen können. Muza wird gleichzeitig von Liebe und Hass geplagt, doch der Chor rät zur Besonnenheit. Die Höhle hat einen geheimen Ausgang. Sambrano und Zulma gelingt die Flucht. Muza hat das Nachsehen:


    „Auf fremdem Pfad in dunkler Nacht
    Nicht finden kann ich sie,
    noch wilder ist mein Zorn entfacht,
    so heiß tobt er noch nie.
    Mein Leben selber setzt ich ein,
    mein muss die Ungetreue sein.
    Ja! Fest ist mein Wille, mein Entschluss,
    die Rache nur bringt mir Genuss!“


    Sie hat das Herz verachtet, das Lieb und Treu’ ihr schwur; hat seinen Sinn umnachtet, die Flamme zuckt empor. Er eilt ihr nach, wohin es sei. Wohlan, die Hölle steht ihm bei.


    Es muss nachgetragen werden, dass Sambrano Salvaterras Freund ist. Ihm wurde aufgetragen, die Geliebte auf Umwegen in sein Schloss zu bringen. Muzas Opposition blockiert den ungehinderten Ablauf der Entführung. Offenbar denkt Salvaterra nicht daran, Zulma zu ehelichen, sondern er betrachtet sie als seine Mätresse.



    SZENENWECHSEL


    7
    Estrella hängt in der Warteschleife. Wird das Liebesglück ihr nun lachen oder auf ewig vor ihr fliehen.


    „Die Qualen toben wilder
    in meinem kranken Herzen.
    Der Hoffnung süßer Bilder,
    sie weichen finsteren Schmerzen.
    Lass ab, du bittere Qual,
    stoße ganz den Stahl
    in meine Brust
    es floh schon lange
    der Liebe süße Lust.“


    Es ist das Schicksal der Gräfin von Soria, dass der Geliebte nichts mehr von ihr wissen will. Unaufhörlich bedauert sie sich und ihre Klagen finden kein Ende.



    SZENENWECHSEL


    8
    Der König von Spanien hat die Hochzeitsfeierlichkeiten arrangiert. Es strahlt das Entzücken aus allen Blicken. Die Harfe klingt zum vollen Chor und Jubel dringt ringsum empor. Zum Gatten Estrellas ist Salvaterra vorgesehen. Doch der verräterische Hofnarr Diego macht Estrella auf die Schärpe, die er trägt, aufmerksam und verrät ihr, dass es ein Geschenk ihrer maurischen Nebenbuhlerin sei.


    Salvaterra durchschaut die Intrige nicht und gibt sich verständnislos. Doch Estrella hat begriffen.


    „Schmählicher Verrat,
    mich erdrückt der Schmerz!
    Zulmas Schärpe
    schmückt sein falsches Herz.“


    Auf Schwedisch klingt der dramatische Ausbruch so:


    Sländlighet och skam!
    Et förräderi!
    Se på skärpet !
    Det med Zulmas färger.


    9
    Diegos Schadenfreude ist grenzenlos: „Zulmas Schärpe, schön gestickt, ist es das, was sie entzückt?“ Woher soll der König wissen, welche Vorbehalte sich Estrellas bemächtigen. Er gibt Befehl, das Fest zu beginnen.


    10
    Die Polonaise wird durch einen Tumult abgebrochen. Muza erscheint und tritt als Ankläger auf. Er behauptet, Salvaterra habe ihm die Braut geraubt. Ist das wahr? Muza zieht das Schwert hervor, hat aber mit der Waffe wenig Übung und verliert den Zweikampf. Der tödliche Ausgang erzürnt den König und ohne zureichende Aufklärung über die Hintergründe bricht ein Strafgericht über den armen Schlachtenlenker herein.



    Dritter Akt


    11
    Am schönen Meeresstrand wartet Zulma auf ihren Salvaterra, um mit ihm in ihre Heimat zu entfliehen. Estrella hat einen Energieschub bekommen und ist ihnen mit einer Schar bewaffneten Männer auf den Fersen gefolgt. Ihr Geist ist ein wenig umnebelt, denn sie flüstert ihren Leuten gute Ratschläge zu:


    „Leise folgt mir nach.
    Euer Blick sei wach
    und lauscht auf jeden Hauch
    Ja, späht in jeden Strauch.“


    Nun ist es das Herz Zulmas, welches verzagt. Es kommt zum Dialog zwischen den verfeindeten Damen. Estrella erkennt die Maurin nicht sogleich, weil sie verschleiert ist. Wer mag das Mädchen sein, welches vor Angst nicht reden kann? Estrella nimmt ihr die Gardine vom Gesicht und erkennt die Rivalin.


    Der Tag der Rache kam,
    es ist ein süßes Fest.
    Er lindert ihren Gram,
    der nicht vom Herzen lässt


    Umsonst fleht Zulma um ihr Leben. Ihrer harrt der Tod. Estrella soll doch ihrer Angst gnädig sein. Nein, die Rache fordert Blut! Zulma sinkt der letzte Mut.


    Ein Bewaffneter Estrellas führt Zulma auf die nächstliegende Felsspitze. Er hat die Aufgabe, die Flehende dort herunter zu schubsen.


    12
    Estrella kann von ihrer Eifersucht nicht lassen: „Schlägt die Glocke siebenmal, trifft Zulma ihrer Rache Stahl.“ Ein Gewitter zieht auf. Die Naturgewalten sind offensichtlich mit der Lynchjustiz nicht einverstanden.


    Der Chor hält zu den Liebenden und fleht, dass der Himmel rechzeitig einen Blitz senden möge. „Himmel! Himmel! Hämnas detta däd! För hennes brott finns ingen näd.“


    Salvaterra kommt rechtzeitig hinzu, macht aber keinen Versuch, die Geliebte aus ihrer miesen Lage zu befreien. Er klagt, dass sein Geschick sich erfüllt und der Traum vom Glück zu Ende sei. Doch Diego wechselt urplötzlich den Charakter und bekommt Gewissensbisse. Nein, nicht länger will er Schurke sein und soll es kosten Hals und Bein! Der Hofnarr klettert auf den Felsen und sticht den Henker nieder. Zulma sagt dem Himmel Dank, denn sie ist gerettet. „Tack gode Gud! Du var min räddning.” Salvaterra geleitet Zulma vom Felsen schließlich herunter und legt sich mit Estrella an. Ihr böses Herz soll ihr Strafe und Qual werden, schreit er der Verstoßenen ins Gesicht. Salvaterra nimmt Zulma bei der Hand und schifft sich ein. Der Kapitän nimmt Kurs auf den Horizont.


    Der Opernbesucher hat die Orientierung ein bisschen verloren, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden fällt ihm schwer. Wer ist nun der wirkliche Übeltäter? Kommt der Kavalier mit seiner Fregatte davon oder läuft das saubere Pärchen auf Grund?


    Die Verlassene fordert die Rachegeister der Hölle an, damit das Schiff und das Glück des Verräters an der Felsenklippe zerschellt. „Ha, wie rollt ihr wilder Blick umher, wie schallt ihr Fluch ins weite Meer“, entrüstet sich der Opernchor.


    Estrella nimmt sich das Leben und stößt sich aus Verzweiflung den Dolch ins Herz.



    Anmerkung:


    Die schwedische Übersetzung, die anlässlich der Uraufführung zum Tragen kam, besorgte Ernst Wallmark. Für eine moderne Fassung zeichnet Ture Rangström. Er ging behutsam vor, um den dramatischen Fluss, wie er im 19. Jahrhundert üblich war, nicht zu gefährden.


    Berwald hatte die Ambition sich an die französische Grand Opéra anzulehnen, ohne indes seinem Ideal wesentlich nahe zu kommen. Die Geschichte vom siegreichen Eroberer, der eine hochstehende Dunkelhäutige liebt und in Opposition zu seiner bodenständigen Geliebten gerät, vertonte schon Meyerbeer in seiner „Afrikanerin.“ Mit der „Königin von Golconda“ zog Berwald nochmals nach.


    Die Uraufführung an der Königlichen Oper in Stockholm fand international Beachtung. Doch ein dauerhafter Erfolg war dem Werk nicht beschieden, denn schon nach fünf Aufführungen wurde sie vom Spielplan abgesetzt. In jüngster Zeit hat man das Werk wieder aus der Versenkung geholt, denn Schweden hat musikgeschichtlich auf dem Gebiet der Oper wenig anzubieten.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    Vorgestern hatte ich das Vergnügen, von einem bevorzugten Platz in der ersten Reihe direkt hinter dem winkenden Dirigenten die Vorstellung bewundern zu können. Der breite Abstand des Orchestergrabens schloss aus, selbst ins Handlungsgeschehen einbezogen zu werden. Die irrsinnig teure Karte hatte ich von einer Gönnerin, die verhindert war, geschenkt bekommen.


    Die Inszenierung war eine zeitgemäße, aber kein verunglücktes Regietheater. Die gewaltige Breite und Tiefe der Hamburger Bühne lässt eine spektakuläre Hydraulik zu, die es ermöglicht, einen gewaltigen Wohnblock als gigantischen Aufzug gemächlich auf- und absteigen zu lassen. Diesen Vorteil nutzte der Regisseur, um im ersten Akt eine Wohnwand mit neun Zimmern erstehen zu lassen, die von verschiedenen Leuten bewohnt war und dort hantierten. Den zentralen Mittelpunkt bildete die Intimität
    des Ateliers in dem sich unsere vier Freunde aufhielten, die später Besuch von Mimi aus dem Zimmer darüber bekamen. Rechts im zweiten Stock wohnte der Vermieter und die übrigen Räume wurden von Leuten bewohnt, die mit Puccini nichts zu tun haben. Die Gestik unserer männlichen Protagonisten war sehr lebhaft und das Ensemble - gut aufeinander abgestimmt - balgte sich und sang einen herrlichen Puccini. Bevor es mit dem ersten Akt zu Ende gehen sollte, versank der Wohnblock langsam
    aber sicher im Boden, während Mimi und Rodolfo ihre Gesänge direkt an der Rampe fortsetzen konnten – über ihnen die sternklare Nacht.


    Das Café Momus hatte gewaltige Ausmaße, die Inschrift war in großen Lettern als Spiegelschrift zu erkennen. Jongleure hantierten mit ihren Kegeln und der Tresen war so gewaltig, dass Musetta ihre Tanzdarbietung ausgiebig gestalten konnte, ohne Gefahr zu laufen abzustürzen. Das Gesicht des riesigen Weihnachtmannes ähnelte mit seinem Fenster ein wenig einer Kuckucksuhr. Ein mordsmäßiges Spektakel an Menschen bevölkerte den Vordergrund mit Blaskapelle und Alsterspatzen. Unsere Freunde hatten ein reserviertes Tischchen ganz links.


    Das dritte Bild bestand aus einer quaderförmigen Lagerhalle mit Verladerampe, unter der Mimi sich verstecken konnte. Wenn die Tür aufging strahlte rotes Licht heraus, welches den Umbau des Gebäudes in ein Bordell signalisieren sollte. Ein unförmiger Schneemann und niedertaumelnde Schneeflocken symbolisierten eisige Kälte. Marcello und Musetta stritten links und Rodolfo und Mimi zelebrierten ganz in die Sutuation versunken ihren Liebesschmerz rechts.


    Zum vierten Akt wurde der Wohnblock wieder hochgefahren, der aber sein wohnliches Aussehen verändert hatte und auf abrissfähig getrimmt war. Die Leute waren ausgezogen und ein großes Loch in der Wand zu den Räumen des ausgezogenen Vermieters erlaubte den problemlosen Durchgang, so dass unsere Freunde die ganze Abrissbude nutzen konnten. Bei der Szene in Mimis Schlafzimmer senkte sich das Haus so tief, dass man bequem über die Rampe ins oberste Stockwerk gelangen konnte.


    Über den philosophischen Gehalt, weshalb jeder der Beteiligten den Tod Mimis allein für sich in einem Zimmer des Hauses erlebt, kann man witzeln oder auch sich gar keine Gedanken machen.


    ^^


    Die Kostümierung aller Beteiligten war milieugerecht. Die Anzüge waren ein wenig zerschlissen und farbe-bekleckert. Mimis sorgfältiges make up wirkte ein bisschen zu vornehm für die Partie und signalisierte keineswegs soziale Bedürftigkeit. Rodolfo, an Wuchs einen halben Kopf kleiner als Mimi, erfreute mit seinem wirkungs- und liebevollen Lächeln (wenn er nicht sang), welches er nach Belieben an- und ausknippste. Die übrigen Freunde wirkten milieustimmig optisch ein wenig bieder.


    In gesanglicher Hinsicht blieben keine Wünsche offen. Geboten wurde eine herrliche Ensemble-Leistung an der keine Abstriche zu melden waren. Liebling des Publikums war jedoch Teodor Ilincai, der am Schluss auch den größten Beifallssturm erntete. Ursprünglich war Massimiliano Pisapia für die Partie vorgesehen. Die übrige Besetzung: Mimi: Mirjam Tola, Schaunard: Victor Rud, Marcello: George Petean, Colline: Diogenes Randes, Benoit: der in Hamburg altbewährter Frieder Stricker. Katerina Tretyakova spielte die Musetta reichlich überdreht – aber sie kann auch nur das machen, was der Regissuer von ihr verlangt.


    Der Dirigent, Alexander Soddy (mir völlig unbekannt) hielt im Kontrast zu Simone Young das Orchester dezent zurück. Da ich ganz vorn saß, konnte ich beobachten, welche Gruppe gerade an der Reihe war. Die Text-Hilfestellung von Display ganz hoch oben war wie immer, unzulänglich. Höhepunkt des Abends: Puccinis herrliche Musik in optimaler Umsetzung. In der Premiere sang die Mimi Alexia Voulgaridou.


    :(


    Die Platzbelegung des Hauses war nicht ausgeglichen. Gerade bei den teuren Plätzen klafften große Lücken. Ich denke aber das es mit den Inszenierungen nicht zusammenhängt, sondern mit der allgemeinen Geldverknappung. Die Hamburger Boheme ist für Kinder geeignet, weil besonders die Turbulenzen im zweiten Akt viel Kurzweil bieten.


    Es freut mich, dass vielversprechende Gesangstalente – die großen Stars von morgen – Hamburg nicht länger meiden.


    :angel:
    Engelbert

    Lieber Reinhard,


    Vielen Dank, dass Du Dich der Sache annehmen willst. Es ist wirklich notwendig.


    Auch die vielen Torsos von Krakhofer sollten herausgenommen werden, damit man die tatsächliche Summe
    der Titel erkennen kann. Ich mache hierzu Vorschläge.


    So ist es kosmetisch richtig:


    1. Nachnahme des Komponisten in Großbuchstaben mit angeschlossenem Komma
    2. Vornname in Normalschrift in Kleinschrift mit angeschlossenem Duppelpunkt
    3. Operntitel wieder in Großbuchstaben


    ALBERT, Eugene d': TIEFLAND


    Danke


    Engelbert

    Bitte an die Moderation:


    Im Register des Opernführers stehen die Titel nicht überall in der korrekten Reihenfolge. Das kommt daher, weil hinter dem Nachnamen des Komponisten oftmals kein Komma steht. Während ein Leerraum vom System ignoriert wird, gilt das angeschlossenen Komma als Zeichen.


    Im Prinzip kann es egal sein, aber bei Komponisten mit viel Volumen z.B. ROSSINI und DONIZETTI ordnen sich die Titel falsch ein.
    Die Auffindbarkeit und Übersicht geht verloren. Titel, die schon vorhanden sind, könnten ein zweites Mal eingetragen werden.
    Das Thema wurde bereits angesprochen. Bitte ändern! Wenn nicht alles auf einmal geht, dann stufenweise. Grammatikalisch richtig ist, das ein Komma nach dem Nachnamen gesetzt wird. Ohne ein Ordnungsfanatiker zu sein, führt es innerhalb des Alphabetes zu Chaos, wenn man glaubt, auch eine andere Ansicht vertreten zu können.


    Bei Donizetti steht 'Alfredo, il Grande' hinten an. Das darf ja wohn nicht wahr sein, dass man Alfred nicht auffinden kann.


    Danke im voraus
    :angel:
    Engelbert

    .


    Poul Rovsing Olsen (1922-1982)
    Belisa

    Oper in vier Bildern


    dänisch gesungen -
    Entstanden zwischen März 1963 und August 1964
    im Auftrag des Königlichen Theaters Kopenhagen
    Libretto von Paul la Cour
    nach dem Theaterstück von Federico Garcia Lorca
    'Amor de Don Perlimplin con Belisa en su jardin' -
    Uraufführung am 3. September 1966 am Königlichen Theater in Kopenhagen



    Charaktere:
    Don Perlimplin
    Belisa
    Marcolfa
    Die Mutter
    Geist 1
    Geist 2


    Das Geschehen spielt in Spanien im 19. Jahrhundert




    HANDLUNG


    Erstes Bild:


    Die Magd Marcolfa ist ihrem Herrn Don Perlimplin zugetan und macht sich Sorgen um seine Zukunft. Drastisch klärt sie ihn auf, dass er älter wird und allmählich ans Heiraten denken muss. Wer soll sich um ihn kümmern, wenn sie eines Tages nicht mehr lebt? Ganz allein wird er auf der Welt sein. „Zwanzig und zwanzig ist vierzig und zehn dazu macht fünfzig“. So macht Marcolfa ihrem gnädigen Herrn begreiflich, dass endlich gehandelt werden muss. Das ist wahr! – Jawohl!


    Aus der Ferne hört man eine Frauenstimme ein obszönes Liedchen singen. Jawohl, Belisa wäre die richtige für ihn. Die Magd zerrt den gnädigen Herrn auf den Balkon und drängt ihn, der liebreizenden Nachbarin sogleich einen Heiratsantrag zu machen. Diese ruft ihre Mutter herbei und informiert sie, dass Don Perlimplin sich mit ihr vermählen will. Was soll sie tun?


    Die Mutter ist sofort Feuer und Flamme und plappert los: Einen recht schönen Abend Herr Nachbar. Ihrem armen kleinen Mädchen hat sie immerzu erzählt, dass es Anmut und gutes Benehmen von ihrer Mutter geerbt hat. Er wird ein entzückender Gatte sein. Sie sei befugt, die Entscheidung für ihre Tochter zu treffen. Der Verwirrten flüstert sie zu, dass sich Schönheit immer auf das Geld zubewegt und Don Perlimplin ist reich. Die Männer begehren die Schönheit.


    Sie schickt Belisa ins Haus, weil es sich nicht schickt, dass unerfahrene junge Mädchen bei wichtigen Verhandlungen zuhören. Belisa ist eine Lilie, kerzengerade Haltung und wenn man erst einmal unter den Rocksaum schaut, alles aus Zucker. Eigentlich steht es ihr gar nicht zu, einem modernen sachverständigen Mann wie ihn, sich in dieser Form lobend zu äußern.


    Die Dankbarkeit seines Herzens und seiner Person, Belisa zu bekommen, reichen als Gegenleistung für Belisas Bereitschaft zu einer dauerhaften Verbindung vollkommen aus. Sie selbst hat seit zwanzig Jahren mit keinem Mann gesprochen. – Marcolfa mischt sich ein und fragt, wann die Hochzeit sein soll. - Wann immer der gnädige Herr es wünscht. – In welche Welt will Marcolfa Don Perlimplin entführen? - In die Welt der Ehe! So, das wäre es.


    Belisa singt im Hause wieder ihr bizarres Liedchen von der Sonne, die wie ein Fisch zwischen ihren geschlossenen Beinen schwimmt. Lauwarmes Wasser steht im Schilf. – Don Perlimplin hat Durst und möchte ein Glas Wasser trinken. Marcolfa bestätigt, ein schönes reizendes Mädchen, innen weiß wie Zucker. – Aber die Kandidatin selbst hat sich gar nicht äußern können. – Jede Frau ist schwach, wenn man sie rechtzeitig einschüchtert, meint die Beflissene. Don Perlimplin sieht der Zukunft beunruhigt entgegen.


    ZWISCHENSPIEL


    Zweites Bild:


    Marcolfa wünscht dem Herrn eine glückliche Hochzeitsnacht. Dieser hat bereits durch das Schlüsselloch in den Umkleideraum geschaut. Belisa kommt im Nachthemdchen herein. Ist sie es wirklich? O welch eine Nacht. Von draußen hört man fünf Pfeifftöne. Sie sind zu fünft!


    Don Perlimplin macht Belisa schüchtern das Geständnis, dass er sie liebe. - Das sei seine Pflicht! – Vor seiner Heirat mit ihr hat er noch nie geliebt. – Die Liebe hat ihn erst richtig erwischt, als er vorhin durch das Schlüsselloch sah. Er spürte die Liebe wie einen Dolchstoß tief in seiner Kehle.


    Er soll ruhig sagen, was mit den anderen Frauen ist, die er vor ihr hatte. Beide sind verblüfft, dass es keine andere Frauen gab. Es ist Zeit zu schlafen. Darf er seine Jacke ausziehen? Natürlich darf der kleine Gatte die Jacke ausziehen und bitte auch das Licht ausmachen. Er ist verliebt in sie und betet sie an.


    Die Dunkelheit hat Hausgeist 1 und Hausgeist 2 mobil gemacht. Jeder erkundigt sich zunächst nach dem Befinden des anderen. Hausgeist 2 fragt, ob es schön sei, die Fehler anderer zu decken. – Die Entlarvung von Fehlern sollen die Leute vor Ort vornehmen. – Wenn manche Begebenheiten nicht mit äußerster Sorgfalt versteckt würden, dann würden sie niemals aufgedeckt. – Würde man die Dinge nicht verschleiern und entschleiern, wäre die Menschheit arm dran. – Keine Ritze darf offen bleiben, denn das Licht von heute ist das Dunkel von morgen. – Wenn die Dinge klar sind, bilden die Leute sich ein, sie brauchten sie nicht zu entdecken. – Dann suchen sie in den trüben Dingen nach Geheimnissen, die sie schon kennen.


    Die Hausgeister wollen Perlimplin nichts Übles zufügen. Es ziemt sich nicht, das Unglück eines armen Mannes vor aller Augen auszustellen. – Das ist wahr! Es ist nicht das gleiche, ob man sagt: Ich habe es selbst gesehen oder ob man sagt: Es soll sich angeblich so ereignet haben. – Morgen weiß es die ganze Welt. - Der Klatsch hält die Welt zusammen. – Endlich sind die beiden fertig mit Blödeln und schlendern davon.


    Don Perlimplin erwacht und ruft nach Belisa. Was will er? Was soll sie ihm sagen? Ist sie nicht lange vor ihm eingeschlafen? Wieso stehen die Balkontüren offen? - Weil der Wind in der Nacht stärker als gewöhnlich geweht hat! Warum stehen fünf Leitern vor den Balkonen? – Weil das in der Heimat ihrer Mutter so Sitte ist! Und wem gehören die fünf Hüte, die unten im Garten liegen? – Das waren Saufbrüder, die zufällig vorbeigekommen sind. – Komm jetzt, mein Geliebter! – O Belisa, sie hat alles wunderbar erklärt! Warum sollte es sich nicht so verhalten, wie sie sagt hat? Belisa ist doch keine Lügnerin. Mit jeder Minute, die vergeht, liebt er sie mehr. – So soll es auch sein!


    Zum ersten Mal in seinem Leben ist er glücklich. Der kleine Perlimplin will wissen, ob ein anderer sie auch geküsst hätte. Nein, wo denkt er hin? Er soll jetzt die Balkontüren zumachen, weil die Leute jeden Moment aufstehen könnten. - Warum? Sie könnten doch gemeinsam den Sonnenaufgang genießen. Belisa hat keine Lust auf Sonnenaufgang und ist schon wieder eingeschlafen. Er deckt sie mit einem roten Umhang zu. Perlimplin sitzt auf der Bettkante und singt ein tieftrauriges Lied von der Liebesglut, die bitterlich verwundet. Die Nachtigall hat ihn hierzu erkoren. Nach einem Messer mit vier Schneiden sehnt er sich, welches ihn tödlich verwunden soll. Gestorben ist er aus Liebe, wird man sagen!


    ZWISCHENSPIEL


    Drittes Bild


    Don Perlimplin und Marcolfa frühstücken wie immer gemeinsam. Aber warum weint Marcolfa? Das weiß er doch. In der Hochzeitsnacht kamen fünf Männer zu den Balkontüren herein. Er will es nicht bemerkt haben? Den Europäer mit Bart, den Indianer, den Neger, den Gelben und den Nordamerikaner. – Das hat nichts zu bedeuten. Seine junge Frau interessiert sich für Völkerkunde. Gestern kam noch einer. – Ach wirklich?. - Belisa hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich vor ihr zu verstecken. Der Herr liebt sie zu sehr. - Nicht so sehr wie sie es verdient.


    Belisa ist misslaunig. Als sie in der Allee spazieren ging, ist ihr ein Mann aufgefallen, von dem sie gern gehabt hätte, dass er ihr nachgegangen wäre. Bestimmt schmecken seine Küsse nach Safran und Gewürznelke. Manchmal geht er unter ihrem Balkon vorbei und hebt die Hand zum Gruß. Dann fangen ihre Brüste an zu zittern.


    Don Perlimplin tritt ins Zimmer, aber Belisa will in Ruhe gelassen werden. Sie will nicht spazieren laufen und sie will nicht mit ihm in die Konditorei gehen. Ein Briefchen mit einem Stein beschwert wird durch den Balkon ins Zimmer geworfen. Beide streiten sich, wer es öffnen darf. Perlimplin soll die Botschaft nicht lesen! - Aber er weiß doch, dass sie untreu ist und es immer sein wird. - Nicht doch, Sie hat nie einen anderen Mann gekannt, als den kleinen Perlimplin. Sie nimmt den Brief an sich und versteckt ihn in ihrem Halsausschnitt. Verhält es sich so, dass die Gattin ein Muster an Tugend und guter Sitte ist?


    Er hat schon verstanden: Sie ist jung und er ist alt. Daran kann man nichts ändern. Der Einsichtige fragt, ob er öfters hier vorbeigehe. Ja zweimal, aber er benimmt sich sehr respektlos und das tut ihr weh. - Macht nichts. Er hat ihn auch schon gesehen und festgestellt, dass Grazie und Männlichkeit harmonisch miteinander verschmelzen. – Sie behauptet, sein Gesicht hat sie noch nie betrachten können. – Nachdem er signalisiert hat, dass Perlimplin nicht eifersüchtig ist, wird sie zutraulich. – Der andere schreibt ihr Briefe, aber er zeigt sich selbst nicht. – Ist das nicht merkwürdig? – Es sieht schon fast so aus, als ob er sie verachten würde. – Wie naiv sie ist! – Er schreibt ihr, dass er sich für ihre Seele überhaupt nicht interessiere, sondern nur den weißen zitternden Körper begehrt. Keiner ihrer Freundinnen kennt ihn. - Perlimplin hat den jungen Mann soeben vom Balkon aus gesehen. Gerade ist er um die Ecke gebogen (!)


    ZWISCHENSPIEL


    Viertes Bild:


    Marcolfa und Perlimplin sind im Garten in ihren Dialog vertieft. Die Dienerin hat ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Herrn an ein unpassendes Mädchen verkuppelt hat. - Er denkt an Dinge, an die er früher nicht gedacht hat. Früher war alles so einfach. Sie brachte den Kaffee, die Milch und die Trauben. Perlimplin kommt sich vor, als ob er plötzlich hundert Jahre alt geworden sei. Seine Vorstellungen haben sich geändert. Feen sind wunderbar, sie sind so klein, dass sie auf der Spitze seines kleinen Fingers tanzen können.


    So wie der Herr es befahl, hat Marcolfa seine Frau informiert, dass heute in der Nacht pünktlich 10 Uhr der junge Anbeter, in seinen roten Umhang gehüllt, in den Garten kommen wird. Sie ist rot geworden, wie eine Garanie und hat tief geseufzt, berichtet die Magd. Ihre Liebe muss an Wahnsinn grenzen. - Perlimplin weiß es! – Seine Worte machen ihr Angst. Wie ist es möglich, dass der Gemahl selbst seine Frau zur schlimmsten aller Sünden anregt?


    Don Perlimplin hat keine Ehre. Er wird sich amüsieren. Heute Nacht kommt Belisas neuer Liebhaber und morgen wird Marcolfa frei sein, wie ein Vogel. Die Magd versteht nicht, was er meint. An den nassen Ufern des Flusses badet die Nacht ihr Dunkel.


    Die Zweige bewegen sich. Ein Mann in rotem Umhang flattert vorbei macht Belisa ein Zeichen und verschwindet wieder. Die Enttäuschte ruft hinter ihm her. Statt seiner erscheint Don Perlimplin. Was macht Belisa hier? Geht sie spazieren in der sternklaren Nacht? Ob sie immer noch hofft, dass der von ihm avisierte Liebhaber noch kommt. – Sie liebt ihn inniger denn je. – Dann wird er auch kommen. - Warum verhält der Gemahl sich so komisch? Schließlich hat er sie doch ermuntert. – Jeden Moment kann er kommen und in seinem roten Umhang, der rot ist wie sein Blut, über die Mauer springen. - Don Perlimplin zieht seinen Dolch. Er wird ihn erstechen, weil er es nicht ertragen kann, dass der Fremde Belisa jemals verlässt, nachdem sie diesem ihre grenzenlose Liebe beteuert hat.


    Er will nachsehen, wo er bleibt. In sein unbeständiges Herz wird er den Dolch stoßen. Er reißt sich los und die Erzürnte droht, wenn er dem Liebsten ein Leid zufügt, sind seine Tage auch gezählt.


    Der Opernbesucher wird mitbekommen haben, dass der fremde Liebhaber und Don Perlimplin ein und dieselbe Person sind. Diese kommt nun im roten Umhang herangewankt. Belisa denkt es sei der Liebhaber und umarmt ihn. Dabei stellt sie fest, dass ein Dolch in seiner Brust steckt und stellt die alberne Frage, wer die Adern geöffnet habe, damit er den Garten mit Blut fülle? Jetzt will sie endlich sein Gesicht sehen. Das ist ja Don Perlimplin.


    Man verschaukelt sich gegenseitig noch ein bisschen bis Perlimplin seinen Geist aushaucht. Belisa begreift immer noch nicht, bis Marcolfa ihr erklärt, dass sie den schönen Jüngling, den sie erwartet niemals zu Gesicht bekommen wird! Ja, wo ist er?


    Anmerkungen:


    Unerfahren und weltfremd gerät der ältere aber reiche Junggeselle, der unter der Bevormundung seiner Hausmagd steht, an eine junge Frau, die er spontan heiratet. Die Beziehung muss zwangsläufig scheitern, weil beide wenig miteinander verbindet. Der Ältere fühlt sich erotisch angezogen und sie, von seinem Vermögen angelockt, lässt sich von der Mutter zur Hochzeit beschwatzen. Ein ewiges Thema, mit dem sich tagtägliche viele Paare auseinander zu setzen haben. Belisa ist nicht bösartig, sondern animalisch und doof und folgt ihren Trieben. Fünf Männer, unterschiedlicher Nationalität, in der Hochzeitsnacht neben sich, waren dem gutmütigen, aber nicht trotteligen Caballero einfach zu viel. Zwei Hausgeister kommentieren unter sich schwatzhaft das Geschehen zur mitternächtlichen Stunde. Der Betrogene zerbricht unter der Last ihrer Untreue und folgt dem Hang der Selbstzerstörung, wobei er eine extrem bizarre Linie beschreitet.


    Das surrealistische Drama Federico Garcia Lorcas zeigt sich in der Wortgestaltung erstaunlich knapp und präzise. Rovsing Olsen komponierte hierzu eine phantasievolle und einfallsreiche Begleitung die auch exotische Klangwelten und Tonleitern einbindet.


    Das Ergebnis ist eine Oper der ersten Güteklasse, von der Musikwelt weltweit mit Erstaunen zur Kenntnis genommen und in hervorragender Besetzung auf Tonträger dokumentiert.


    © 2011 TAMINO - Engelbert