Beiträge von Engelbert

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    Béla Bartók (1881-1945)


    Der wunderbare Mandarin
    A Csodálatos Mandarin
    The Miraculous Mandarin


    Ballett-Pantomime


    Libretto von Menyhért Lengyel
    Uraufführung am 27. November1926 in Köln
    Spieldauer etwa 30 Minuten


    Personen:
    Der Mandarin
    Das Mädchen
    Älterer Freier
    Jüngerer Freier
    Drei Strolche



    HANDLUNG


    Drei Ganoven zwingen ein hübsches Mädchen zur Prostitution. Im Rotlicht-Milieu am Rande einer Großstadt steht es am Fenster und soll Freier anlocken. Diese müssen nicht nur ihren Liebeslohn bezahlen, sondern sollen auch ausgeraubt werden. Das erste Objekt ist ein heruntergekommener Playboy, der durch eindeutige Gesten seine Wünsche kundtut, aber kein Geld dabei hat und deshalb wieder fortgejagt wird. Nach einer Weile erscheint ein junger Mann, der leidenschaftliche Gefühle signalisiert, was dem Mädchen gefällt. Für einen Raubüberfall erweist sich seine Barschaft als unergiebig und er wird von den Strolchen ebenfalls brutal hinausgeworfen.


    Es erscheint ein geheimnisvoller Asiate, der dem Mädchen unheimlich ist und es ängstigt. Trotzdem versucht die Liebesbotin einen zaghaften erotischen Tanz, bewirkt damit aber lediglich, dass der Geforderte sie unentwegt anstarrt und seine inneren Gefühle zusammenpresst. Der Tanz des Mädchens wird lebhafter und löst endlich die Blockade des Besuchers, der sich nähert und die Bewegungen seiner Partnerin pariert. Die Pantomime wird immer orgiastischer, mal schmiegt das Mädchen sich an, dann stürmt es in wilder Panik davon. Schließlich stürzt der unheimliche Freier sich voller Begierde auf sein Opfer. Dieses ist genau so entsetzt wie der Oberbürgermeister von Köln, der das Stück in Übereinstimmung mit Fraktion und Klerus nach seiner Erstaufführung am 28.11.1926 sofort verbieten lässt.


    Aber der Horror geht noch weiter. Die drei Räuber stürzen aus ihren Verstecken und dringen im Kollektiv auf den wildgewordenen Lüstling ein. Sie proben verschiedene Mittel, den reichen Chinesen unschädlich zu machen. Würgen und Stechen bringen kein Resultat. Aufhängen klappt auch nicht, der wunderbare Mandarin zappelt weiter. Voller Begierde schaut er unentwegt auf das schöne Straßenmädchen. Seine vitale Sinnlichkeit ist ihr ein Rätsel und sie ist bereit, seine Begierde zu stillen. Damit ist das Problem gelöst. Erstmals hat er, anstatt zu raffen auch gelebt. Nun wird seine Seele Frieden finden. Der Erlöste blutet aus.


    Anmerkung:


    Die Tanzpantomime „Der wunderbare Mandarin“ stellt als Meilenstein der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, Béla Bartók als einen führenden Komponisten der Moderne in das Bewusstsein einer aufgeschlossenen Zuhörerschaft. Ähnlich seinerzeit Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ löste die Kompromisslosigkeit und Brutalität seiner Tonsprache eine Woge berechtigten Entsetzens und maßloser Entrüstung aus. Die bildhafte Darstellung des Geschehens, expressionistisch übersteigert, angeheizt durch eine Wahnsinnsmusik, waren an Zumutung für die Gemüter der damaligen Zeit doch ein bisschen zu viel, Auch bei einer Aufführung in Prag war der Misserfolg des Stückes nicht zu leugnen, obwohl Richard Strauss mit seiner Salome (1905) und Elektra (1909), beidesmal im benachbarten Dresden, mit seinem Publikum auch nicht gerade zimperlich umgegangen ist.


    Sehr schnell hat aber die Musikgeschichte den Wert von Bartóks Musikschöpfung, radikal und kompromisslos in der Verarbeitung musikalischen Materials, erkannt und ein Machtwort gesprochen. Die Aufführung an der Mailänder Skala 1942 war ein grandioser Erfolg und das Startzeichen für eine glänzende Karriere, die bis heute anhält.


    Zunächst war es allerdings erforderlich gewesen, das Publikum schonend auf die ungewohnte Klangwelt einzustimmen. Die optische Auslotung wurde fortgelassen und das Stück zu einer Suite in sechs Teilen für den Konzertsaal geschrumpft.


    Eine weitere Komposition, die Tanz-Suite von 1923, schuf Bartók um mit wesentlich zahmeren Klängen um sein offenbar verstörtes Publikum wieder zu versöhnen.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Béla Bartók (1881-1945)


    Der holzgeschnitzte Prinz
    A fából faragott kiralyfi
    The Wooden Prince

    Tanzspiel in einem Aufzug


    Werkverzeichnis: op. 13, entstanden 1916 -
    Textfassung: József Újfalussy
    Quelle: Bela Balázs
    Uraufführung am 12. Mai 1917 in Budapest
    Charaktere: Der Prinz - die Prinzessin - die Fee



    HANDLUNG


    Zwei Schlösser schmücken eine hügelige Landschaft; in dem ersten wohnt ein Prinz, in dem anderen eine Prinzessin unter der Aufsicht einer Waldfee.


    Der Prinz möchte zur Prinzessin – wie könnte es anders sein - stößt aber dabei auf Hindernisse, welche die Fee sich ausgedacht hat. Da ist zum einen der bedrohliche Wald und zum anderen der reißende Bach. Die Prinzessin tanzt auf der Wiese zwischen all den Blumen und findet die volle Aufmerksamkeit des Prinzen. Dieser sucht Annäherung, wird aber von der Fee daran gehindert. Die Missgestimmte haucht den Bäumen Leben ein, damit sie dem Jüngling den Weg versperren. Dieser dringt trotzdem bis zum Fluss vor, der unverhofft anschwillt.


    Von den Trieben der Liebe und der Fortpflanzung in Bewegung gesetzt, denkt der Prinz sich etwas aus, um das Wohlwollen des holden Mädchens auf sich zu lenken. Der geniale Einfall: er schnitzt aus Holz eine Puppe, der er seine Kleider anzieht und ihr seine Krone auf den Kopf setzt. Sogar die Locken schneidet er sich ab, um sein Schnitzwerk damit auszustatten. Die List gelingt! Die prunkvoll geschmückte Puppe, lässt die Prinzessin den Bach mit Hilfe der Fee überwinden. Allerdings hat sie nur Augen für die geschmückte Statue und wendet sich ihr in voller Aufmerksamkeit zu. An dem Königssohn, der sich intensiv um sie bemüht, hat sie jedes Interesse verloren. Ohne seine Attribute und Utensilien schaut dieser recht bescheiden in die Landschaft. Der Bewerber stellt sich dem Mädchen vor, aber die Anspruchsvolle ist von seinem Auftritt überhaupt nicht angetan und lässt ihn das fühlen.


    Jetzt wird der Fee, die auf Moral hält, die Sache zu dumm und wechselt ähnlich der launischen Fortuna die Partei. Nun ist es der Prinz, dem sie Gunst und Tatkraft schenkt. Die Zauberin erweckt die Puppe zum Leben, die sofort groteske und abstoßende Charaktereigenschaften zeigt. Ihr furchterregender dämonischer Tanz ändert zunächst Einstellung und Zuneigung der Prinzessin nicht. Beide tanzen einen Pas de deux und versuchen sich aneinander zu gewöhnen.


    Der grenzenlos enttäuschte und seelisch gebrochene Prinz versteht die Welt nicht mehr. Die Natur hat Mitleid mit ihm und nimmt sich seiner an. Auf Veranlassung der Fee stattet sie den unwürdig Gekleideten mit ihren Gaben aus. Ein wunderschönes Blätterdiadem soll sein Haupt krönen und ein aufwendiger Mantel aus Blumengirlanden seinen Körper umflattern.


    Das Uhrwerk der Holzpuppe ist mittlerweile abgelaufen. Sie stolpert unkontrolliert umher, bis die Prinzessin der Spaß an ihrem Spielzeug verleidet ist. Jetzt erst nimmt sie den Königssohn zur Kenntnis und es drängt sie zu ihm hin. Die Bäume verhindern es.


    Nun ist es die Prinzessin, die sich etwas ausdenken muss. Sie legt ihr schmuckes Krönchen und ihr liebreizendes Gewand auf den Rasen und möchte genau so gekleidet sein, wie das Objekt ihrer plötzlichen Zuneigung. Auf gleicher gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene ist sie nun seiner würdig und die Mächte, die sich ihnen in den Weg stellten, lassen eine emotionale Verbindung zu.


    Anmerkungen:


    Béla Bartók war sich selbst darüber im Klaren, dass seine einzige Oper „Herzog Blaubarts Burg“ nicht ausreichen würde, um einen vollständigen Opernabend auszufüllen. Deshalb kam ihm die Idee, ein weiteres Werk nachzukomponieren, welches sich zum Kombinieren eignen würde. Später betonte der Komponist, dass die Pantomime vom „holzgeschnitzten Prinzen“ seinem Herzen genau so nahe stehe, wie die einaktige Oper.


    Der Theaterzettel der Uraufführung besagt allerdings, dass Christoph Willibald Gluck mit einem so gegensätzlichen Werk wie „Der betrogene Kadi“ das zeitliche Defizit ausfüllen musste und dem holzgeschnitzten Prinzen vorangestellt wurde. Zu allem Überfluss bildete Wolfgang Amadeus Mozart das Schlusslicht mit seinen „Les petit riens“ des dreigeteilten Abends. Ein Vorgang, der sich niemals wiederholte.


    Die Einstudierung der Uraufführung nahm der italienische Dirigent Egisto Tango vor, der zur vollen Zufriedenheit des Komponisten arbeitete und die anspruchsvolle Musik den Orchestermusikern schmackhaft machte. Graf Miklós Bánffy stellte die Dekoration her und konnte seine künstlerischen Vorstellungen voll entfalten. Der Dichter der Textvorlage, Béla Balász, löste seinen Vorgänger ab, leitete die Choreographie und führte auch Regie.


    Das Ballett selbst kündet von der Moral, dass in dieser Welt der Schein häufig im Vordergrund steht und wichtiger ist, als das Sein und erst ein gutmütiges Schicksal eingreifen muss, damit die wahren Werte ins rechte Licht gerückt werden.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Henri Sauguet (1901-1989)


    Les Forains
    Die Schausteller


    Ballett


    Libretto von Boris Kochno


    STRUKTUR:
    Prolog
    Einzug der Schausteller
    Exercices
    Parade
    Die Präsentation
    Das kleine Mädchen und der Stuhl
    Vorstellungen von Kunst
    Der Clown
    Die Siamesischen Zwillingen
    Der Magier
    Der Magier und die Puppe
    Galop Final


    Das Werk ist dem Komponisten Erik Satie, (1866-1925) dem Autor der „Parade“ gewidmet.



    INHALTSANGABE


    Die Schausteller erreichen den Dorfplatz und dekorieren fantasievoll ihre Bühnen und Stände in der geheimen Hoffnung, für ihre Darstellung ein paar Münzen zu ernten. Nach einer Parade, welche lediglich einige missmutige Passanten anzieht, beginnt die Show. Das kleine Mädchen mit seinem Stuhl, der Clown mit seinem Bemühen, die Leute zum Lachen zu bringen, die siamesischen Zwillinge, alle Zeigen ihre Talente, um die Zuschauer zu erheitern. Die Kunstfertigkeit eines Geisterbeschwörers verblüfft die Menge. Wie ein neuzeitlicher Coppelius bringt der Magier eine Puppe zum Leben, um anmutig mit ihr zu tanzen. Als die Vorstellung zu Ende ist, stellen die Schausteller fest, dass die Einnahmen sehr gering waren. Sofort bauen sie ihr winziges Theater ab, um ihr Glück anderen Orts zu versuchen. Als sie fortziehen kommt das kleine Mädchen noch einmal auf den nun schon fast dunklen und verlassenen Dorfplatz zurück, um ihren Vogel zu suchen, ihren einzigen Trost.


    Anmerkung:


    Henri Sauguet komponierte „Les Forains“ innerhalb von drei Wochen. Die Musik fand sofort weltweite Beachtung. Seine Absicht erklärt Sauguet selbst: „Ich denke an das bunte Treiben auf dem Jahrmarkt von Bordeaux. Im Gironde-Distrikt wimmelt es von Zigeunern. Bei den kleinen Spielen auf dem Dorfplatz durfte ich als Kind oftmals assistieren. Ich habe versucht, eine Synthese zu ziehen, zwischen all dem Glimmer des Theaters und dem ärmlichen Leben, welches die Leute in Wirklichkeit führten. Meine ursprünglichen Vorstellung von Kirmes und Zigeunerauftritten sowie mein Mitgefühl für die sich abmühenden Spieler, welche unter schäbigen Gewändern Träume von Glanz und Glimmer verkaufen, versuchte ich miteinander in Einklang zu bringen und in meine Musik einzubinden.“


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Wilhelm Killmayer (geb. 1927)


    Yolimba
    oder Die Grenzen der Magie


    Musikalische Posse in einem Akt und vier Lobgesängen
    in deutscher Sprache
    entstanden 1962/1963
    Libretto: Tancred Dorst und Wilhelm Killmayer


    Uraufführung: 1964 in Wiesbaden
    Neufassung 1970, Aufführung am Gärtnerplatztheater in München
    Dauer: etwa 70 Minuten


    Charaktere:
    Möhringer, ein Magier
    Yolimba, sein Geschöpf, bewaffnet
    Drei Herren, die alles kommentieren
    Drei Polizisten, die nach Yolimba fahnden
    Drei Postbeamte, die Professor Wallenstein eine Kiste bringen
    Professor Wallerstein, ein Archäologe
    Die Gattin, fürsorglich
    Drei Söhne, im Kindesalter
    Zwei Töchter und das Nesthäkchen Erika
    Gerda, das Hausmädchen (vom Lande)
    Ein Operntenor, kurzlebig
    Sechs liebeshungrige Witwen, gierig nach Herbert
    und Herbert, ein Plakatankleber


    DOKUMENTATION:


    Label: ORFEO 1991
    Das Münchner Rundfunkorchester dirigiert Peter Schneider,
    es singt der Chor des Bayrischen Rundfunks
    Darsteller:
    Möhringer – Alan Titus (Bass-Bariton)
    Yolimba – Maria Venuti (Sopran)
    Professoer Wallenstein – Wolf Euba
    Seine Gattin – Regine Herrmann
    Herbert – Heinrich Weber
    und weitere




    STRUKTUR:


    I. IM PARK
    II. DIE MACHT DER MAGIE
    III. MÖHRINGER
    IV. YOLIMBA ENTSTEHT
    V. YOLIMBA SCHIESST
    VI. GROSSER LOBGESANG AUF DIR POST
    VII. DAS FRÜHSTÜCK
    VIII. VERFÜHRUNG DES PROFESSORS
    IX. MORD IN DER OPER
    X. EIN LOHNENDER ABEND
    XI. DIE POLIZEI GREIFT EIN
    XII. GROSSER LOBGESANG AUF DIE POLIZEI
    XIII. DIE VERFÜHRUNG DER POLIZISTEN
    XIV. MÖHRINGERS TRIUMPH
    XV. DIE SECHS WITWEN
    XVI. JETZT KOMMT HERBERT
    XVII. GROSSER LOBGESANG AUF DEN EHESTAND
    XVIII. DER WILDE WIND
    XIX. ERLÖSUNG
    XX. GROSSER LOBGESANG AUF DIE MÜLLABFUHR, DIE GRENZEN DER MAGIE UND FINALE



    INHALTSANGABE


    1.
    Es darf geblödelt werden. Wie schön ist der Mai, wie schön ist der Juni; der September ist schön und der Oktober ist es auch. Die Amsel sitzt im Busch und singt ein Frühlingslied. Auch die anderen Vögel singen hell und klar. Ja, die Welt ist wunderbar! Eine Dame erzählt dem Publikum, dass sie jeden Morgen im Bett frühstücke. Ein Herr berichtet von einer Frau, dass sie einen schönen Tod hatte - man fand sie auf der Rasenbank. Ein Kind erklärt die Zusammensetzung seines sozialen Umfelds: Der Chauffeur ist Deutscher, der Diener Schweizer, seine Mutter ist Witwe und der Bruder Architekt. Der Turm des Straßburger Münsters sei ein Meisterwerk der Baukunst. Hat der Herr am Ufer das Segelboot liegen gesehen? Sind sie zufällig Fräulein Monika?


    Der Besucher wird darauf eingestimmt, dass ihm nicht große Oper, sondern zwanglose Unterhaltung bevorsteht. Alle Zusammenhänge wird er nicht verstehen. Das hängt damit zusammen, weil kein Zusammenhang vorhanden ist. Ohnehin plappern die meisten Leute zusammenhangloses Zeug. In dem folgenden Stück wird der wohlwollende Besucher Zusammenhänge selbst konstruieren müssen.


    2.
    Drei Herren schwärmen von der Magie. Wie wunderbar sie doch ist und wie dunkel! Selbst am lichten Tag ist sie unergründlich, dazu noch geheimnisvoll und rätselhaft. Zu allen Zeiten wurde mit ihr experimentiert. Alexander, der durch den Bosporus schwamm, gewann seine Kraft nur durch Magie. Mit Circe, die Männer in Schweine verwandelte, verhielt es sich genau so. Betrachten wir Cleopatra vom Blauen Nil, durch Magie erreichte sie sehr viel. Es ist nicht so, dass der Chor zum Schweigen verurteilt ist. Auch er kennt sich aus, denn bei Heloise und Abälard, Magie im Spiele ward. Die drei naseweisen Herren lassen sich nicht abdrängen. Fürst Pückkler, der das Eis erfand, nahm ein magisches Rezept zur Hand. Herr Paganini durch seine Violine wohl bekannt, hat durch Magie sein Publikum gebannt.


    Hierzu wollen wir aber den wahren Sachverhalt - die Zusammenhänge sind Herrn Killmayer offenbar abhanden gekommen - vervollständigen. Auf ganz natürliche Weise lässt sich erklären, wie der faule Zauber zustande kam. Nicolò hat seine Geliebte umgebracht – wow. Den Innereien hat er den Dickdarm entnommen und in der Räucherkammer, wo auch der Schinken hängt, luftgetrocknet – wow. Passend in Streifen geschnitten, hat Nicolò aus dem Material des Eingeweides die Saiten geformt und damit seine Violine bespannt. Sie verursachte den diabolischen Klang und den schrillen Triller. Verzeihung - der Teufelstriller ist von Tartini.


    3.
    Kommen wir jetzt zur Handlung, die Herr Killmayer in die Kategorie Oper einsortiert hat. Die Hauptfigur, ein Mann der Ordnung, nennt sich Möhringer. Er heißt deshalb so, weil sein Urahn immerzu Karotten gegessen hat. Herr Möhringer hat sich in den Kopf gesetzt, ein weitverbreitetes Laster, allgemein unter dem Namen ‚Liebe’ geläufig, mit Stumpf und Stängel auszurotten. Im Widerspruch zur abendländischen Sittengeschichte vermutet er die Wurzel allen Übels nicht bei der Frau, welche die Unzucht gepachtet hat, sondern beim Mann. Dem maskulinen Besucher – die Stühle sind nur spärlich belegt – schaut Möhringer hypnotisch in die Augen. „Herr Doktor Fischer, fühlen sie sich eigentlich wohl auf ihrem Platz dort hinten und sind sie gespannt auf unsere Geschichte? Doch was macht ihre linke Hand auf dem Knie der Nachbarin?“ Der Ertappte errötet. Möhringer spricht die Leute einzeln an und bringt sie in Verlegenheit. Der Herr Amtsgerichtsrat schläft gewiss bald ein. Hatte er einen anstrengenden Tag? Das Licht geht aus und die Bühne ist ihm fern. Per Magie ordert Möhringer den Stuhl mit dem daraufsitzenden Herrn Amtsgerichtsrat direkt auf die Bühne. Das Opernglas ist dem Verschlafenen aus der Hand gefallen. Sind die Scheiben auch noch klar? Gewiss müssen die Gläser einmal gründlich geputzt werden. Der Magier zieht dem Beamten einen Damenstrumpf aus der Nase, Verzeihung - aus der Tasche. Man sieht, das Laster breitet sich unter der Bevölkerung aus. Es versteckt sich an allen möglichen Orten. In der Tasche, unter dem Tisch, im Blumenbouquet, überall ist es zu finden. Es wartet auf dem Bahnsteig. Es fährt bei Nacht mit dem Taxi in die Vorstädte. Selbst von der Kanzel predigt der Pfarrer über das Laster. Sie Leute hören zwar zu, aber von Besserung sieht man keine Spur. So geht das nicht weiter.


    „Darum soll töten das Wörtchen Liebe
    durch Eine Kugel ins Herz!
    Sterben soll wer es ausspricht.
    Das schwöre ich hier feierlich!
    Mit magischer Kunst schaffe ich Yolimba, ein Mädchen,
    Geschöpf des Lasters und der Magie!“


    Möhringer wird sie ausschicken, um die Lasterhaften zu entlarven und die Liebe zu töten – Verzeihung - den Mann zu töten, der das Wort ‚Liebe’ auch nur ausspricht. Damit die Ordnung erhalten bleibt, jetzt und in Zukunft.


    4.
    Man nehme: Die Wunschträume eines sechzehnjährigen Mädchens, verrühre sie gut und lasse sie durch einen Blick in den Spiegel rasch kristallisieren. Darauf setze man das Gemisch mit Katzenschnurren in Vibration und lasse es in unvorbereiteten Klavierstunden sieden. Die Maschine beginnt zu arbeiten. Schon entsteht eine herrliche Kunstfigur, ohne die Natur bemüht zu haben. Doch Yolimba ist noch unbeseelt! Hundert abgedroschene Liebesworte aus dem Repertoire eines Schauspielers zuzüglich dreizehn Tränen aus den Liebesaffären eines Grafen wird mit viel Witz delikat zum Erglühen gebracht und in Sonntagsvormittagslangeweile abgeschmeckt. Die drei Herren kommentieren.


    Schon entsteht sie, kein Werk der Natur.
    Yolimba die herrliche Kunstfigur.
    Doch sind wir noch nicht am Ziel.
    Yolimba hat zuviel Gefühl.


    Die Prozedur wird fortgesetzt: Fünf Schüsse aus einem Detektivroman, die Figur der Dame dort rechts im Parkett - leicht retuschiert - und die verweichlichten Killerhände von dem Herrn neben ihr, etliche gebrochene Eheversprechen, dazu die passenden Stoßseufzer werden der Masse zugefügt und destilliert. Die Maschine wird unter Dampf gesetzt und arbeitet.


    Yolimba ist fertig, gefährlich und schön,
    Bald wird sie die Männer im Staube seh’n.
    Yolimba, Yolimba, Yolimba, Ah!


    Der Physiker Spalanzani und der Optiker Coppelius besitzen auch ein Mädchenlabor. Sie bringen allerdings nur Puppen zustande, sie erst lebendig werden, wenn der Betrachter eine Zauberbrille aufsetzt. Wie eine Armbanduhr müssen die Puppen schon nach kurzer Zeit aufgezogen werden, sobald die Metallfeder nicht mehr gespannt ist. Das Schlüsselloch befindet sich auf der Rückenseite. Olympia kann nicht schießen, dafür aber wunderbar singen. „Phöbus stolz im Sonnenwahahahahagen, Nachtigall ick hör dir schlahahahahagen... „ Verzeihung - das war jetzt Rita Streich.


    5.
    Der Magier gibt Yolimba eine Pistole und befiehlt: „Töte jeden, das ist deine Pflicht, der das Wörtchen Liebe spricht!“ Möhringer gaukelt seinem Geschöpf diverse Phantome von Liebestrunkenen vor. Sie Worte, die den Schuss auslösen sollen, heißen: Liebe, Love, Amour und Amore. Yolimba knallt alle ab. Bravissimo, die Generalprobe hat Yolimba bestanden. Gut aufgelegt, hat der Opernchor mitgemacht - er wälzt sich nun in seinem Blut.


    Jetzt wird Yolimba in eine Kiste gepackt und versandfertig gemacht. Adressiert wird das Gepäck an den Archäologen Dr. Wallenstein in der Parkallee 64. Dem Paketdienst wird gemeldet, dass bei Möhringer eine Kiste abzuholen ist. Es erscheinen drei Postbeamte die dem Paketschein entnehmen, welcher Inhalt sich in der Kiste befindet.


    Bliebe diese Kiste in Möhringers Behausung stehen, blieben viele Ehebrüche, Morde und Sensationen ungeschehen. Doch ihr Herren und Damen atmet auf und seid getrost: Etwas wunderbares gibt es auf der Welt - das ist die Post.


    GROSSER LOBGESANG AUF DIE POST


    6.
    „Die Post, die Post ist unvergleichlich. Briefe bringt sie, Karten reichlich. Todesfälle, Liebesschwüre bringt sie an die Wohnungstüre. Ob zur Freude oder Pein, morgens um halb neun stellt sie sich als Schicksal ein. Die Post, die Post ist unvergleichlich!“ Die gelbe Farbe des Postwagens, der die Pakete bringt, ist einfach wunderbar. Freude weckt sein schöner Anblick. Erwartungsvoll blicken 1000 Augen aus den Fenstern. Wird der Postmann dreimal klingeln oder geht er heute vorüber?


    „Freude bringt sie Postwurfsendung, guten Rat bringt sie für alle: Bleib gesund durch Vitamine! Kauf ein Los, es ist dein Glück! Postwurfsendung! Wichtig! Öffnen! Die Post ist wunderbar! Die Post ist wunderbar! Die Post, die Post ist unvergleichlich.“ Ohne Unterschied des Ranges, glücklich macht sie jung und alt! Der Opernchor hat sich aus Nachwuchskräften neu formatiert. Neue Besen kehren gut und von den drei Herren temperamentvoll angefeuert stimmen sie in das Lob auf die Post ein. Damit das Beförderungsinstitut nicht eingebildet wird, unterlassen wir es, die witzigen Stabreine, Endreime, Schüttelreime und Limericks zu wiederholen, der Zuhörer würde in Vibration geraten.


    7.
    Mit Wortwitz und zaghafter Ironie beschreibt das Libretto die Familie Wallenstein am Freitag morgen um halb 9 am Frühstückstisch. Alle sind zufrieden und glücklich seufzt die Gattin. An der Seite ihres lieben Mannes entfaltet das Leben ihr seinen ganzen Sinn. Gerda, ein Mädchen vom Lande, ist die Perle des Hauses und für das Wohlergehen der Familie zuständig. Diese besteht aus sechs Kindern, den Söhnen Thomas, Stefan und Michael und den Töchtern Hilda, Mathilda und dem Nesthäkchen Erika. Die Namen wurden sorgfältig ausgewählt. Nicht Mutti, sondern Vati ist das beste Stück, darüber sind sich alle einig. Beruflich macht der Herr Professor in Sachen Archäologie.


    Wo bleibt nur die Post? Nicht so ungeduldig, Herr Professor, sie ist schon da und hat neben vielen Grußkarten und Briefen auch eine Kiste, groß wie ein Sarg, anzuliefern. Der Absender ist ein ihm unbekanntes archäologisches Institut. Wahrscheinlich schicken sie ihm eine Mumie. Vielleicht ist die Umwickelte sogar eine Königsmumie, Wallenstein ist neugierig und möchte, dass man ihn ungestört auspacken lässt, Gerda darf nicht einmal assistieren. Das Libretto vermerkt lakonisch: Der Professor packt die Kiste aus und Yolimba springt heraus.


    8.
    Die drei Herren im Abendanzug lassen es sich nicht nehmen, die Situation zu kommentieren. Eine wirklich heikle Situation für einen Professor von seinem Ruf. Die junge Dame ist genau der Typ auf den beleibte ältere Herren fliegen. Schon einmal vom Lolita-Syndrom gehört? Sollte der Professor nicht doch lieber um Hilfe rufen? Tatsächlich gibt es gewisse Situationen, in denen sich sogar der kluge Mann vergisst. Auch der angesehene Professor Wallenstein ist nur ein Mensch. Im voraus kann man nie wissen was passiert. In seiner Stellung ist es schon ein bisschen peinlich. Aber es bleibt doch in seinen vier Wänden. Böse Zungen gibt es immer. Auf keinen Fall sollte er zu weit gehen. Schließlich ist er Familienvater. Ach, die drei Gentlemen sind doch keine Puritaner. Einfach ’mal zuschauen, wie die Situation sich entwickelt. Die Kleine ist ganz schön raffiniert. Sie weiß, wie man es anstellen muss. Schließlich siegt bei den drei Moralisten die Empörung über die Neugierde. Der ansonsten sittsame Familienvater erkundigt sich bei der Kleinen, was ansteht, seine Lippen bringt er in Fragestellung und sie formulien das verhängnisvoll Wörtchen. Yolimba erschießt den Professor. Der Opernchor ist mit der Situation völlig überfordert. Helfend eingreifen war aussichtslos, so kann er nur noch mahnen. Was nicht recht ist, das lässt man besser sein, drum endet tragisch Herr Professor Wallenstein.


    9.
    Ohne Schwierigkeiten findet Yolimba aus der Wohnung, denn der Kulissenschieber leistet flinke Arbeit. Es wurde schon erwähnt, dass Yolimba wie Olympia koloraturfähig ist. Wir finden das Geschöpf von Herrn Dorst und Herrn Killmayer in der Oper. Sie ist im Begriff, mit dem italienischen Tenor das Liebesduett zu proben. Zum Auftakt vokalisiert Yolimba den ersten Buchstaben des Alphabetes. Der Tenor ist so unvorsichtig und vervollständigt ihn zu dem Wörtchen „Amore“. Yolimba erschießt den Tenor und das Publikum ist begeistert. Der Vorhang geht wieder auf. Yolimba verbeugt sich und der Tenor bleibt liegen.


    10.
    Der Chor der Musikkritiker, lobt die Aufführung überschwänglich. Bravo! Bravo! Bravo! Eine ungewöhnliche Stimme. Nein, diese herrlichen Koloraturen! Der Zauber des Belcanto hat die Herzen erobert. Diese Frau ist ein Erlebnis. Wirklich ein lohnender Abend. Ein beglückendes Erlebnis. Eine runde Leistung! Diese Frau ist unvergesslich! Welch ein Timbre!


    11.
    Drei Polizisten mit Polizeihund erscheinen auf der Bühne und untersuchen den Toten. Er ist tatsächlich tot. Die Polizeibeamten finden ein Taschentuch. Das ist bestimmt von ihr. Sie halten es dem Hund vor die Nase, damit er Witterung aufnehmen kann. Der Bühnenbildner hat die Szene in einen Park verwandelt. Ein Gebüsch aus dem schmatzende Geräusche kommen biegt die Polizei behutsam auseinander. Ein Liebespaar! Die Polizei ist diskret und entschuldigt sich. Der Hund muss weitersuchen. Ist sie hier? Nein! Ist sie dort? Auch nicht! Plötzlich heult der Hund freudig auf. Der Polizei ist klar, die Täterin hält sich im Park auf. Sie hat es längst geahnt, denn sie denkt zielbewusst. Sie findet ein Handtäschchen, darin fehlt das Taschentuch. Der Hund nickt. Kein Zweifel. Es gehört der Täterin. Durch die Fingerabdrücke wird man sie überführen. Die Polizei klärt jeden Fall.


    GROSSER LOBGESANG AUF DIE POLIZEI


    12.
    Die drei inzwischen hinreichend bekannten Herren leisten Überzeugungsarbeit. Alles sieht die Polizei, alles hört sie, alles weiß die Polizei, jeden kennt sie, nichts kann ihr entgehen. Gönnt sich keine Ruhe, selbst bei Nacht. Wachsam ist sie, prüft genau die Personalien, fragt nach Herkunft, letztem Wohnsitz, Religion und Augenfarbe, dass der Nachbar nebenan ohne Furcht vor seinem Nachbarn schlafen kann.


    Die Bürger singen in ihren Betten: Wunderbar ist diese Sicherheit, die die Polizisten dem braven Bürgersmann verleiht. Jeder lobt die Polizei, sie dressiert die Schäferhunde, dass sie keck durch Reifen springen, schnuppern nicht nach Fleisch und Würsten, sondern nach der Spur des Mörders, den sie nachts am Waldrand stellen. Überall auf dieser Erde, Orient und Okzident, auf dem Meer und in der Wüste schreckt sie dunkle Elemente, weckt Vertrauen bei den Guten. Hilfreich ist die Polizei. Jeder lobt die Polizei.


    13.
    Die Polizei versucht, Yolimba auf die Spur zu kommen. Sie entwischt ihnen immer wieder und versucht nun ihrerseits, die Beamten gegeneinander auszuspielen. Beamte sind auch nur Menschen und durchaus in der Lage, in Einzelfällen, Nachsicht zu üben. Gefühle sollten bei der Abschätzung des Strafbestandes keine Rolle spielen. Doch von was sprechen unsere drei Untersuchungsbeamte? Was sind ihre Beweggründe, beide Augen zuzudrücken? Welches Wörtchen benutzen sie, um ihre Großzügigkeit zu rechtfertigen? Der Opernbesucher ahnt es. Yolimba erledigt alle drei auf die gewohnte Art und Weise.


    14.
    Möhringer trägt die von Yolimba gefällten Männer in ein Notizbuch ein. Von ihrer Arbeit lässt er sich jeden Abend berichten. Quer durch alle Schichten findet die Tatendurstige ihre Opfer: Augenärzte, Kunststudenten, Dirigenten, Hürdenspringer, Scheidungsrichter, Fensterputzer, Theologen (aus Versehen), Sanskrit-Forscher, Kommunalbeamte, Studienräte (humanistisch gebildet), Förster, Masseure und so weiter. Taxichauffeure sind besonders anfällig. Allerorts ist Yolimba anzutreffen, in Gymnasien, in Hutläden, in Supermärkten. In einem Altersheim erledigt Yolimba 200 Greise, einschließlich Personal. Mit einer Kugel streckt sie alle nieder. Keiner wird von ihr verschont. Möhringer eilt von Triumph zu Triumph.


    15.
    Im Städtchen hat es sich herumgesprochen, dass ein geheimnisvoller Serienmörder im Begriff ist, die männlichen Einwohner durch einen gezielten Schuss in die Schläfe zu reduzieren. Sechs Witwen sind in arger Bedrängnis, denn sie müssen um ihre regelmäßige Betreuung ernsthaft bangen. Doch wählen wir die zweite Witwe aus und lassen sie stellvertretend für alle anderen selbst sprechen:


    Ich meine, hier ist doch immer
    ein Mann vorbeigekommen,
    ein junger Mann auf einem Fahrrad.
    Kommt er heute nicht?
    Es ist schon zehn nach fünf.
    Ach käme er doch endlich.
    Ist etwas passiert?
    Ich warte und warte ...
    Ich höre ihn kommen.
    Ja das ist er!
    Herbert! Herbert! Herbert! Herbert!


    Eine Fahrradklingel ertönt und Herbert steigt von seinem Drahtesel. Herr Killmayer verrät nicht wie Herbert es fertig bringt, Pünktlichkeit und körperliche Präsenz in Einklang bringt, bei allen Damen gleichzeitig zu sein. Wohnen diese etwa alle im gleichen Haus?


    16.
    Wer ist Herbert? Herbert ist der Beste, der Stärkste, der Schönste, der Größte und der Klügste. Alle rufen Herbert. Ja, sie sind verrückt nach Herbert, denn Herbert versteht etwas von ... Wirklich Herbert versteht etwas davon. Was macht Herbert eigentlich beruflich?


    Wenn um fünf der Wecker klingelt
    und die Leute alle schlafen,
    Herbert ist als erster munter.
    Herbert kommt auf seinem Fahrrad,
    kommt mit Leiter, Leim und Pinsel,
    froh beginnt er dann sein Werk.


    Alles kann er, alles macht er. Herbert ist nämlich Plakatankleber. Die Plakate sind sein Leben.
    Herbert, komm doch, mach mal, sing mal, spring mal! Herbert, Herbert, mach mal einen Salto, Bravo!


    Jetzt geht es ans Plakate kleben. Auf dem Plakat steht ‚Mord aus Liebe’ Herbert will es gerade laut vorlesen. Doch vor dem letzten Wort stockt er. Denn er sieht Yolimba kommen. Die Pistole hat sie bereits in Anschlag gebracht. Die sechs Witwen eilen fort. Doch schon hat Herbert das Plakat angeklebt, ohne den begonnen Satz zu vollenden. Auf dem nächsten steht: Süden, Sonne, Luft und ... Das letzte Wort bleibt ihm im Hals stecken, als ob eine geheimnisvolle Macht ihn schütze. „Ferienglück und Badefreuden, Sommernächte unter Palmen, ewig lockt der Süden schon ab neunzig Mark.“ Yolimba hat keinen Grund zur Feuern. „Hundebad – Auch dein Hund braucht mehr ... Wasser.“ Wieder hat es nicht geklappt. Ach die braven kleinen Hunde, treu begleiten sie den Menschen, warten still, bis das Frauchen wiederkommt. Jetzt entrollt Herbert ein Zahnpasta-Plakat und liest: Jugend und Frische! Das Lächeln der ... Yolimba hat schon auf ihn angelegt. Ist es etwa eine Eigenart von Herbert, Sätze nicht bis zum Schluss auszusprechen? “Lächle morgens, lächle abends, denn dein zauberhaftes Lächeln beglückt und entzückt.“ Er hat natürlich abgelesen.


    Yolimba ist mit ihren Nerven fast am Ende. Noch nie hat sie so lange warten müssen. „Stadttheater: Einmaliges Gastspiel: Kabale und .... Yolimba, ist nicht dumm, denn die Träume einer Sechzehnjährigen hat man bei ihr eingebaut. Nun will sie Herbert beweisen, dass etwas in ihr steckt und sie spricht das verhängnisvolle Wörtchen selbst aus. „Liebe“ sagt sie und stürzt in Herberts Arme. Mit dieser Pleite hat Möhringer nicht gerechnet.


    GROSSER LOB AUF DEN EHESTAND


    17.
    Dieser Gesang passt dramaturgisch nicht so recht ins Gefüge, also lassen wir ihn weg. Die drei Herren meinen, sie müssen mit ihrem törichten Geschwätz allgegenwärtig sein.


    18.
    Der wilde Wind weht. Was will der wilde Wind? Der erste Herr kann den dritten Herrn des Windes wegen nicht verstehen. O weh, der Wind, der zweite Herr wird weggeweht und der dritte auch.
    Möhringer wurde durch den Wind herbeigeweht. Hat er ihn? Mit einem Faustschlag schickt er Herbert zu Boden. Yolimba bekommt er nicht zu fassen. Sie hat sich auf Herberts Fahrrad geschwungen und radelt davon. Was soll er machen. Er hat eine Idee und versteckt sich in einer Mülltonne, um Yolimba aufzulauern, die nach ihrer verlorenen Pistole suchen wird.


    19.
    Damit hat Möhringer überhaupt nicht gerechnet. Die Müllabfuhr kommt vorbei und sammelt die Tonne ein. Der Inhalt wird in den Müllwagen gekippt und der Zerkleinerungsmechanismus erledigt Möhringer. Ein Knall, ein Schrei und der zaubermächtige Ingenieur ist nicht mehr existenzfähig.


    GROSSER LOBGESANG AUF DIE MÜLLABFUHR, DIE GRENZEN DER MAGIE UND FINALE


    20.
    Die Bürger der Stadt gruppieren sich um den Müllwagen. Wie schön ist der Mai, wie schön ist der
    Juni, der September ist schön und der Oktober ist es auch.



    Anmerkung:


    Killmayer selbst lässt in einem Vorwort anklingen, dass er nach Vorbildern gesucht habe und erwähnt Komponisten der Opera comique. Richtig ist jedoch, dass sein Humor und der von Tancred Dorst sehr eigenständig sind, Vergleiche nicht nötig hat und vorzügliches Kabarett abgibt. Das Ironisieren von Post und Polizei muss man nostalgisch nehmen. Musikalisch nimmt Killmayer den Orchesterapparat auseinander und lässt einzelne Instumentalgruppen Charaktere und Situationen psychologisch auswalzen. Der Chor kommentiert und das Ensemble der drei Herren moralisiert.


    © 2010 TAMINO - Engelbert

    Lieber Operus,


    vielen Dank für Deinen wertvollen Hinweis an die Forianer, dass in Heilbronn Ausschnitte aus dem beschriebenen Ballett konzertant gegeben werden.


    Wer am Neckar wohnt, wird die Gelegenheit bestimmt wahrnehmen und hingehen.


    Die DVD mit den Entwürfen von Picasso haben inzwischen historischen Stellenwert und zeigen den Künstler von einer völlig unvermuteten Seite.


    Freundlichen Gruß
    :angel:
    Engelbert

    .


    Manuel de Falla (1876-1946)


    El Amor Brujo
    Liebeszauber

    Ballettpantomime in einem Akt mit Gesang


    Libretto von Grigorio Martinez Sierra in Anlehnung an die andalusische Folklore
    Komponiert: 1915
    Uraufführung am 15. April 1915 im Teatro Lara, Madrid
    Choreographie: Pastora Imperio


    Charaktere:
    Candelas, Zigeunermädchen
    Carmelo, ihr neuer Geliebter
    Lucia, Freundin Candelas
    Geist des ehemaligen Liebhabers



    HANDLUNG


    Der Geist eines Verstorbenen wird von Eifersucht geplagt und findet keine Ruhe im Grab. Dem Zigeunermädchen Candelas entsteht das Problem, dass ihre neue Verbindung mit einem jungen Mann unaufhaltsam gestört wird. Der Geist des ehemaligen Verlobten meldet sich zu unpassender Zeit am unpassenden Ort, und hindert die Liebenden bei ihren Spielen.


    Nachts in der Höhle gelingt es nicht, durch magische Kreise und rituellen Feuertänze den Geist auf andere Gedanken zu bringen. Dieser genießt die temperamentvolle Komposition von Manuel de Falla und wirkt beim Tanz des Schreckens aktiv mit. Das „Lied des gebrochenen Herzens“ hat wenig Eindruck auf ihn gemacht.


    Carmelo denkt nach und hat den ausgezeichneten Einfall, dem Phantom ein anderes Mädchen zu besorgen, um ihn auf diese Weise abzulenken. Er geht davon aus, dass dieser seine charakterlichen Missbildungen wie Eifersucht und Untreue aus seinem irdischen Dasein in die Welt der Geister mitgenommen hat.


    Lucia, Candelas Freundin hat Spaß an Liebesabenteuern mit Geistern und lässt sich überreden, als Lockvogel zu dienen. Mit ihrer Tanzkunst will sie den lästigen Störenfried verführen. Dieser lässt sich nicht lange nötigen, sondern findet Gefallen an der Ersatzlösung. Schließlich besitzt Lucia Temperament und sieht dazu noch gut aus. Das Experiment gelingt und nun hat das Phantom einen neuen Zeitvertreib, so dass die beiden Liebenden sich endlich den erlösenden Kuss geben können.


    Anmerkungen:


    Das Ballett hat sich viele Fassungen gefallen lassen müssen, was seine außerordentliche Beliebtheit bestätigt. Die Welt der Zigeuner aller Nationen hat das Musiktheater von jeher fasziniert, bietet sie doch mit ihrer Abenteuerlichkeit und ihrer geheimnisvollen Spiritualität einen lebhaften Kontrast zur Welt der „Sesshaften“ Unzählige Komponisten von Bizet bis Verdi brachten dem „fahrenden Volk“ die Aufmerksamkeit und Rehabilitation entgegen, die der Gruppe im täglichen Leben häufig versagt bleibt.


    Manuell de Falla zieht alle Register seines Könnens und vertieft sich in die geheimnisvolle Spiritualität einer unbekannten Welt. Rhythmisch betont und vokal unterstützt ergreift das Werk den Zuhörer und bringt ihn emotional zum Erglühen. Insbesondere mit seinen beiden Ballettmusiken stieg de Falla zum bekanntesten und bedeutendsten spanischen Komponisten des 20, Jahrhundert auf.


    © 2011 TAMINO - Engelbert



    SZENENFOLGE:


    Bild 1: Introducción y escena, (Introduction und Szene)
    Bild 2: En la cueva, (In der Höhle)
    Bild 3: Canción del amor dilido, (Das Lied eines gebrochenen Herzens)
    Bild 4: El aparecido (Die Erscheinung)
    Bild 5: Danza del terror, (Tanz des Schreckens)
    Bild 6: El circulo mágico, (Der magische Kreis)
    Bild 7: A media noche, (Mitternacht)
    Bild 8: Danza ritual del fuego, (Ritueller Feuertanz)
    Bild 9: Escena, (Szene)
    Bild 10: Canción del fuego fatuo, (Das Lied des Irrlichts)
    Bild 11: Pantomina, (Pantomime)
    Bild 12: Danza del juego amor, (Der Tanz des Liebesspiels)
    Bild 13: Final: Las campanas del Amanecer, (Die Glocken der Morgendämmerung)

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    Franz Schmidt (1874-1939)
    Notre Dame


    Romantische Oper in zwei Aufrügen


    komponiert 1904, deutsch gesungen
    Libretto von Leopold Wilk und Franz Schmidt
    nach dem Roman 'Notre Dame de Paris' von Victor Hugo
    Uraufführung: am 1. April 1914 an der Wiener Hofoper
    Deutsche Erstaufführung 1918 Berlin


    Charaktere:
    Esmeralda, ein Zigeunermädchen (Sopran)
    Phoebus, Königlicher Gardeoffizier (Tenor)
    Gringoire, Dichter und Philosoph, Gatte Esmeraldas (Tenor)
    Der Archidiakonus von Notre Dame (Bariton)
    Quasimodo, Der Glöckner von Notre Dame (Bass)
    Ein Offizier (Bariton)
    Die alte Falourdel (Mezzosopran)


    Ort und Zeit: Paris, Ende des 15. Jahrhunderts



    HANDLUNG


    Erster Aufzug


    Erste Szene:


    Es ist Karneval in Paris und alle freuen sich auf die junge Zigeunerin Esmeralda, die für sie tanzen wird. Phoebus kann an dem bunten Spiel, welches sich immer froher entfaltet, nicht so recht Gefallen finden. Er ist verliebt in das schöne Zigeunerkind, welches Rosenketten um sein Herz geflochten hat. Allerdings befürchtet er, nicht unbedingt auf Gegenliebe zu stoßen. Esmeralda ist nämlich nicht nur schön, sondern auch tugendhaft und - wie sich später herausstellt - verheiratet. Ein anderer Gardist meint, dass dem Eitlen die Schüchternheit gut zu Gesicht stehe. Allerdings der Fall, dass ein Weib einen Gardeoffizier verschmäht, sei etwas ganz Neues. Tatsächlich lächelt Esmeralda ihn manchmal süß und verheißungsvoll an, aber im nächsten Augenblick wird einem anderen das gleiche Glück zuteil. Es ist wie mit dem Sonnenlicht. Es lacht und leuchtet allen gleich, von Gunst kann da niemand sprechen. Phoebus möchte allerdings bevorzugt behandelt werden und verlässt sich auf seinen Bonus. Vor zudringlichem Gesindel hat er sie Schöne einst mit seinem Degen bewahrt, aber er will dafür nicht Dankbarkeit, sondern Liebe. Heiß ist sein Verlangen, und sollte es mit ihrer Anhängerschaft zum Streit kommen - mit fünfzehn Lumpenkerlen wird er schon fertig, prahlt der herrliche Phoebus. Allerdings ein Dolchstoß, ausgeführt in dunkler Nacht, kann das Lebenslicht schnell zum Erlöschen bringen.


    Das hübsche Zigeunermädchen hat einen Herold, der ihren Auftritt als Tänzerin und die Qualität ihrer Darbietung wie ein Marktschreier ankündigt. Es ist Gringoire, der unterwürfige Gatte, eine Mischung aus Philosoph und Vagabund. Phoebus kann es nicht glauben, dass Esmeralda diesem Individium die Treue hält. In holder Anmut, stolz und hoheitsvoll, schreitet sie wie eine Königin. Durch ein leichtes Kopfnicken erwidert sie lächelnd den feurigen Gruß des Gardeoffiziers. Ein unliebsamer kleiner Zwischenfall lenkt die beiden ab. Die Menge will Quasimodo, den körperbehinderten Glöckner von Notre Dame, zum Narrenpapst krönen. Der Gefoppte lässt sich dies jedoch nicht gefallen und setzt sich zur Wehr. Er verfügt über Bärenkräfte, erworben beim Läuten der schweren Glocken, und wenn seine Fäuste niedersausen, denkt der Getroffene, ein Pflasterstein habe ihn am Kopf getroffen. Nein, mit Quasimodo ist nicht zu spaßen. Rippen wird er brechen und diese zu Mehl zermahlen. Den Würmern, die ihn angreifen, will er das Hirn auspressen. Der Klotz hat wirklich alle gegen sich aufgebracht. „Schaut nur, wie diese Bestie die Zähne fletscht“, rufen sie sich zu. Sogar mit dem Gardeoffizieren legt Quasimodo sich an. Den herrlichen Phoebus beschimpft er als Kleiderpuppe und will ihn auf das nächste Dach werfen. Für diese Frechheit soll der Ungehobelte mit dem Leben bezahlen. Phoebus zieht seinen Degen, aber es ist Esmeralda, die Partei für den Unbewaffneten einnimmt und gegen ihr Lächeln und ihre Vorhaltungen kommt Phoebus nicht an. Quasimodo hat in seinem Kopf registriert, dass es noch ein zweites Wesen auf dieser Welt gibt, welches ihm zugetan ist.


    Die erste Person, die ihm Zuwendung erwiesen hat, ist sein Chef, der Archidiakon von Notre Dame. Der Geistliche drängt sich durch die Menge und erscheint rechtzeitig, um seinem Schützling beizustehen. Er rügt den Pöbel, mit ihres lieben Nächsten Hässlichkeit Hohn und Spott zu treiben und unterbindet unter Strafandrohung die Wahl von Narrenpäpsten für die Zukunft. Warum hat Quasimodo am schnöden Spiel des Pöbels teilgenommen? Ihm war verboten, an diesem Tag überhaupt auf die Straße zu gehen. Auch Phoebus bekommt einen Teil der Strafpredigt ab. Er soll Mut und Schwert für ernsthafte Angelegenheiten reservieren. Der Archidiakon versteht es, sich mit gesetzter Rede Respekt zu verschaffen. Esmeralda hat sogar Angst vor ihm und teilt ihre Befürchtungen Phoebus mit. Ist der hohe Herr ihr etwa zu nahe getreten? Noch nicht, aber was nicht ist, kann noch kommen.


    Gringoire drängt Esmeralda, sich für ihren Auftritt fertig zu machen. Das Geschwätz mit dem Laffen – er meint Phöbus – sei überflüssig. Dieser hat jedoch ein Stelldichein mit seiner Angebeteten vereinbart. Im Haus der alten Falourdel will er das Objekt seiner Begierde um acht Uhr treffen. Den unscheinbaren Ehemann übersieht er vollkommen. Wenn sie ihn liebt, wird sie kommen! Die Leute wollen jetzt ihre Tanzvorstellung und rufen nach ihr. Esmeralda! Esmeralda!


    Zweite Szene:


    Den königlichen Gardeoffizier soll der Abgrund verschlingen! Gringoire, einst bester Theologie-Schüler des Archidiakonus, klagt diesem sein Leid. Die Liebe hat ihn ins Elend gestürzt. Wenn sein Auge ihn ärgert, soll er es ausreißen! Leider zu spät, Esmeralda ist sein Weib. Allerdings zur intimen Zweisamkeit ist es nie gekommen. Der Archidiakon will es nicht glauben und der Zerknirschte erzählt ihm seine Geschichte. Bei einem Überfall wollte er dem Zigeunermädchen zur Hilfe eilen, ist aber gegen die Übermacht nicht angekommen, sondern niedergeschlagen worden. Zum Glück kam zufällig ein Gardeoffizier vorbei, der die Angreifer mit seiner Waffe vertrieb. Irrtümlich wurde er, Gringoire, für einen der Übeltäter gehalten und vom Klan zum Tode verurteilt. Gemäß Brauch unter den Zigeunern, kann ein Verurteilter freikommen, wenn eine Frau des Stammes sich bereit erklärt, ihn zu heiraten. Da sich niemand meldete, war Esmeralda in ihrer Nächstenliebe so freundlich, ihm aus der Schlinge zu helfen. Er wurde mit ihr verehelicht, aber die Lust auf Liebe konnte er schon am Hochzeitstag beerdigen. Ihre Kammer sperrt sie jeden Abend ab. Der Sinn steht ihr nach dem Lebensretter, dem strahlenden Phoebus. Heute Abend gegen acht Uhr werden seine Wünsche voraussichtlich in Erfüllung gehen und der Ehemann geht wieder leer aus. Gringoire ist todunglücklich. Begreift der Archidiakon überhaupt die Größe seines Elends? Ein anderer darf jubelnd genießen, was ihm so schnöde verwehrt. Im Kopf des Archidiakons arbeitet es und Gringoire weiß nicht, welches Süppchen der Arglistige kocht. Er bekommt den Rat, Esmeralda, deren Gesang aus der Ferne zu vernehmen ist, nicht von der Seite zu weichen und wenn sie im Schlaf liegt, sich ganz leise aufzumachen, und ihn zu holen.


    Der Plan geht nicht auf. Als Gringoire auf den Platz kommt, ist Esmeralda nicht mehr da. Irgendwo im Festzug, der sich gerade formiert und durch die engen Gassen zieht, wird sie sein. Es lebe der Prinz Karneval, der Bacchus, Frau Venus und der Wein. Maskengruppen mit Fackeln und Lampions ziehen über den Platz, bis die Bühne leer ist. Das Abendrot beleuchtet die Silhouette von Notre Dame.


    VERWANDLUNG


    Für die Opernbesucher gibt es jetzt das sehnlich erwartete Wunschkonzert: „Zwischenspiel aus der Oper NOTRE DAME von Franz Schmidt“ Die sphärenhaft erhabenen Musik leitet über zur


    Dritten Szene:


    Das Rattennest ist leer und für Beleuchtung hat die alte Faroundel nicht gesorgt. So kann Gringoire sich in aller Ruhe verstecken, bevor Phoebus in Begleitung Esmeraldas eintrifft. Die Vermieterin bekommt ein paar Münzen für Wein und Beleuchtung, damit die beiden Gäste ihr Liebesduett nicht im Dunkeln singen müssen. Das Täubchen soll keine Furcht empfinden. Er ist bei ihr und die zu vernehmenden Geräusche macht der Wind auf dem morschen Dach. Zunächst tut Esmeralda schamhaft, aber dann bricht die Leidenschaft doch aus ihr heraus. Sie liebt seinen Heldenmut und seinen Degen, nachdem er sie aus Räuberhänden gerettet hat. Die süße Schwärmerin! Um die Gegensätze zwischen Edelmann und Zigeunerkind auszugleichen, hat Gott die Liebe eingesetzt.


    Esmeralda trägt als Amulett einen kleinen Schuh bei sich. Sie selbst ist eigentlich keine Zigeunerin, sondern wurde – wie es oftmals passiert - von Zigeunern gekidnappt. Der Schuh, den sie bei der Entführung trug, ist das Andenken an ihr Elternhaus. Das Leder wurde von einer alten Zigeunerin verflucht. Sobald sie einem Mann ihre Gunst schenken wird, verliert der Schuh seine Zauberkraft und sie wird nie mehr nach Haus zurückkehren. Deshalb hat auch der Ehemann bisher nicht die kleinste Gunst erfahren. Esmeralda will davonstürzen, doch Phöbus hält das Kleinod fest und taktiert: Wenn sie bleibt und nicht entflieht, will er vor ihr im Staube liegen. Faroundel, die alte Schlampe, hat den Fußboden nicht gekehrt. Gringoire hat seinen Empfindungen zu viel zugemutet. Hass und Unterlegenheit beflügeln seine Körperkräfte. Er zückt den Dolch und trifft den Liebhaber mit voller Wucht in sein Wams. Die Revanche wartet er nicht ab, macht einen Satz aus dem Fenster und stürzt kopfüber in die Seine. Der Tisch kippt um und das Licht verlöscht. Die alte Faroundel ist wach geworden. Hilfe, ein Mord, ein Mord in ihrem Haus! Die Zigeunerin, die alte Hexe, ist die Schuldige!


    Zweiter Aufzug


    Vierte Szene:


    Esmeralda hat den Ernst ihrer Lage nicht erfasst. Nur eine Hexe kann dem Tod so friedlich entgegenschlummern. Kommt sie aus dem Himmel oder aus der Hölle? Der Archidiakon, der Esmeralda im Kerker besucht, um sie auf das Ende vorzubereiten, weiß es nicht und steht gedankenverloren vor der Schlafenden. Böse Gelüste hat sie durch Gesang, Tanz und verführerisches Auftreten in dem Sohn der Kirche geweckt. Den Weg zu Gott und seine Seelenruhe von früher wird er erst wiederfinden, wenn der Henker die Schuldige vom Leben zum Tode befördert hat. Solange die Zigeunerin seine Sinne verwirrt, kann er seinen Schülern den Weg zur Wahrheit nicht mehr weisen. Esmeralda soll jetzt beichten, ihre Schuld bekennen und bereuen. Vor den Richtern hat sie geschwiegen, aber der Archidiakon möchte jetzt die Wahrheit hören. Hat sie etwa ihren Mann Gringoire verleitet, die grausige Tat zu begehen. Esmeralda klagt, dass Gringoire auf dem Grund der Seine liegt und als Zeuge für ihre Unschuld nicht mehr in Betracht kommen kann. Die Todgeweihte hofft, den Geliebten im Reich der Schatten wiederzutreffen. Eine kleine Stichverletzung haut einen Gardeoffizier nicht um. Der Hauch des Todes hat ihn nur gestreift, korrigiert der Beichtvater die Wissenslücke der Todgeweihten


    Der mächtige und edle Herr soll sich doch bitte für sie einsetzen und sie zum Geliebten bringen, wenn auch nur ein Hauch von Menschlichkeit in ihm ist. Unmöglich, er kann ihr nur den Pfad ins Jenseits weisen. Hat sie das Sterben schon vergessen? Der Archidiakon zeigt ihr die Eisentür, aus der sie aus dem Leben schreiten wird. Esmeralda will nicht sterben. Der Gutherzige soll den Richtern sagen, dass sie unschuldig sei. Seine Macht ist so groß wie seine Weisheit! Zu spät erkennt der Archidiakon, dass man einen Engel verdammt. Die Söldner sind bestechlich! Er hält ihr die Hand entgegen, damit sie ihm folgen soll. Aber sind seine emotionalen Probleme mit einer Geste der Milde gelöst. Er verwirft die positiven Regungen, welche die Unschuldige dem Leben zurückgegeben hätte. Im Zwiespalt seiner Gefühle und in Anbetracht seiner Position als ehrwürdiger Theologe und moralisches Vorbild schleudert er die Bittende von sich. Zur Hölle soll sie fahren, wo die Teufelin ohnehin zu Hause ist. Die Verzweifelte gibt das Spiel verloren.


    Fünfte Szene:


    Esmeralda hat kein Verbrechen begangen und will deshalb auch nicht bereuen, nicht büßen, nicht beten, sondern Phoebus besuchen. Im Büßerhemdchen mit einer Kerze in der Hand steht sie auf den Stufen der Kathedrale und wartet, was man mit ihr machen wird. Der Archidiakon gestaltet das Programm in lateinischer Sprache und betet um einen reibungslosen Ablauf der Prozedur. Nun ist Quasimodos große Stunde gekommen, um dem geliebten Wesen, welches ihm einst aus der Verlegenheit geholfen hat, seine Dankbarkeit zu bezeugen. Behände stößt er aus dem Hauptportal hervor, klemmt sich seine Wohltäterin unter den Arm und schreit aufgeregt: „Asyl! Asyl!“ Mit der Geretteten verschwindet er in der Kathedrale und das Portal knallt zu. Die Bevölkerung, platt vor Erstaunen, lobt die Tat eines braven Mannes.


    Letzte Szene:


    Sinnend steht Esmeralda auf der Plattform der Kathedrale zwischen den beiden Türmen. Zu viel ist in den letzten Tagen auf sie eingedrungen und sie kann nicht einschlafen. Es ängstigten sie der Totengesang der Priester und sie erinnert sich der Faust, die sie unvorhergesehen packte und durch die Lüfte trug. Denkt Phoebus noch an sie? Quasimodo ist rührend um sie besorgt und versucht sie zu trösten, so gut es geht. Er macht seinem Schützling aber auch begreiflich, dass er trotz der frischen Luft, die er hier oben atmet, ein Gefangener ist, der das schützende Asyl auf keinen Fall verlassen darf. Jeder Schritt nach draußen kann das Grab bedeuten. Hier oben ist ihre Unversehrtheit garantiert. Der Weg zum Versteck kann nur einzeln betreten werden und jeden der es wagen sollte, das Asylrecht zu verletzen, schlägt Quasimodo nieder. Doch Esmeralda will nicht bleiben. Der Glöckner weiß für den Notfall einen unterirdischen Geheimgang, der an den historischen Gräbern vorbei zum Fluss führt. Der Fluchthelfer öffnet die Turmpforte und die beiden sehen sich, von Soldaten umgeben, dem Archidiakon gegenüber. Esmeralda sinkt vor Schreck bewusstlos zu Boden. Das Asylrecht hat der Hausherr durch Königswort außer Kraft setzen lassen und fordert nun die Soldaten auf, ihre Pflicht zu tun. Des Volkes Stimme hat sich gewandelt. Sie ruft: Zum Galgen mit der Hexe. Quasimodo verlegt sich aufs Bitten, handelt sich aber von seinem Herrn und Meister nur Schelte ein. Er bricht einen Gesteinsbrocken aus der Ballustrade und wirft ihn auf die tobende Menge – eine Geste der Verzweiflung und der Ohnmacht. In seiner religiösen Verbohrtheit sieht der Archidiakon die Rettung seiner Seele im Tod von Esmeralda. Die Vorhaltungen des Glöckners, das Asylrecht entweiht zu haben, welches einer Unschuldigen Schutz gewährte, stößt auf geistige Abwesenheit. Der Dialog entgleitet, Herr und Diener verlieren die Kontrolle über ihre Äußerungen. Es kommt zum Ringkampf, bei dem der Archidiakon über das Geländer in die Tiefe stürzt. Die Hexe tanzt nicht mehr, die Strafe hat sie ereilt! Der Retter blieb fern und der Teufel ließ sie im Stich! Die beiden einzigen Menschen, die Quasimodo je geliebt, sind tot. Sie sollen ein Grabgeläute bekommen, wie es die Welt noch nicht erlebt hat. Möge der Riesenbau in seinen Grundfesten erzittern und ihn mit seiner Verzweiflung begraben.




    ANMERKUNGEN


    Das vorzügliche Libretto ist dramaturgisch geschickt aufgebaut und reduziert sich auf das Wesentliche aus dem Roman von Victor Hugo. Die Sprache entbehrt nicht der Poesie, ist aber für romantische Begriffe erstaunlich kühl und sachlich.


    Franz Schmidt war Cellist der Wiener Philharmoniker und hatte kein gutes Verhältnis zu Gustav Mahler. Dieser war zu jener Zeit Operndirektor und verschleppte eine Aufführung um ein Jahrzehnt. Das berühmte Zwischenspiel wurde jedoch vorher schon konzertant aufgeführt, so dass die hochgesteckten Erwartungen sich bestätigten und der Uraufführung ein glänzender Erfolg beschieden war.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Manuel de Falla (1876-1946)


    Der Dreispitz
    El sombrero de tres picos



    Ballett in einem Akt


    Vokaleinlagen in spanisch
    Libretto von Gregorio Martinez Sierra
    nach Pedro de Alcarcón


    Uraufführung am 22. Juli 1919 im Alhambre Theatre, London, unter dem Dirigenten Ernest Ansermet
    Choreographie: Léonide Massine
    Kostüme und Dekor: Pablo Picasso
    Leitung: Serge Diahlilew, Ballets russes
    Ausführende: Tamara Karsawina - Léonide Massine – Stanislas Idizkowsky
    Zeitdauer: etwa 40 Minuten


    Personen:
    Der Corregidor -
    Der Müller -
    Die Müllerin -
    Ordnungshüter -
    Dorfbewohner -Das Geschehen spielt in Andalusien, etwa 18. Jahrhundert




    HANDLUNG


    Weitaus reizender als die pittoreske Mühle in einem Tal in der Nähe von Granada ist die kleine Müllerin selbst. In Liebe und Eintracht lebt sie mit ihrem Gatten, ohne das Böse zu ahnen, welches das Schicksal für sie bereithalten könnte. Der Ballettbesucher ist vorgewarnt, denn im Prolog bei geschlossenem Vorhang hat eine dunkle Frauenstimme im Anschluss an die Trompetenfanfare verkündet, dass der Teufel immer dann auftaucht, wenn man ihn gar nicht erwartet.


    Die Fiesta des Heiligen Johannes rückt näher und traditionsgemäß will der Müller dem Bischof ein paar Setzlinge seines Weinberges zum Geschenk machen. Zärtlich verabschiedet er sich von seiner Frau und reitet auf seinem Esel davon.


    Der Corregidor, der in diesem herrlichen Landstrich die Staatsgewalt verkörpert, hat längst ein Auge auf die kesse Molinera geworfen und nutzt den günstigen Augenblick, der Mühle einen Besuch abzustatten. Er will kontrollieren, ob die Gewerbevorschriften eingehalten werden, was sich am besten durchführen lässt, wenn der Patron nicht zu Hause ist.


    Die Müllerin ist erfreut über den hohen Besuch, bietet sich doch Gelegenheit, Wünsche vorzutragen, ohne erst das Amt aufsuchen zu müssen. Den Statthalter des Königs in dieser verlorenen Gegend plagt heißes Begehren, welches er bisher verborgen halten konnte. Mit den Vorstellungen der Müllerin sind die Erwartungen, die der Gockel an sie richtet, nicht in Einklang zu bringen. Im Moment beschließt die Begehrte allerdings unter Einhaltung gewisser Grenzen, Aufgeschlossenheit zu heucheln, denn mit der Obrigkeit darf man es sich nicht verscherzen.


    Autorität durchzusetzen fällt dem Corregidor nicht schwer und er lässt in aller Heimlichkeit den Müller wegen eines nichtigen Vorwandes einsperren. Nun hat der Caballero freie Bahn und erscheint in Person nach Einbruch der Dunkelheit erneut in der Mühle, doch der Willkommensgruß fällt reichlich kühl aus. Die göttliche Ordnung gebietet die Einhaltung der ehelichen Treue, welches der erwartungsvolle Magistrat nicht wahr haben möchte. Auf dem Steg, der zur Mühle führt, kommt es in reduzierter Form zu einem Kampf zwischen Staat und Kirche, bei welchem der erhitzte Liebhaber ins Wasser plumpst. Mit Bestürzung sieht die Täterin, was sie angerichtet hat, holt den zweiten Esel aus dem Stall und flüchtet in die Dunkelheit.


    Der Müller konnte aus der Haft entweichen, findet die Mühle unverschlossen und sieht im Eingangsbereich auf dem Fußboden verstreut, einen Stock, einen Hut mit drei Ecken und weitere angefeuchtete Kleidungsstücke einer unbekannten Amtsperson herumliegen. Seine Eitelkeit gebietet ihm, die textilen Prachtstücke anzulegen, um zu sehen, welchen Eindruck er damit bei seiner Frau machen kann. Flugs eilt er in die Schlafkammer und entdeckt einen wildfremden Mann in seinem eigenen Nachthemd im Ehebett.


    Zum massiven Gewaltausbruch kommt es erst gar nicht, denn die Ordnungshüter hatten das Entweichen des Müllers aus dem Kerker sofort bemerkt, erscheinen in der Mühle und nehmen die Person fest, die sie im Bett des Müllers vorfinden. Ihren ersten Schrecken hatte die flüchtige Müllerin schnell überwunden und die Dorfbewohner mobil gemacht.


    Nun nehmen die Dinge ihren geordneten Lauf. Die korrupte Obrigkeit wird gescholten. Zu Recht verdient die eheliche Treue der tugendhaften Molinera über die Maßen gelobt zu werden, dass die Fidelio-Leonore fast neidisch werden könnte. Der Müller freut sich seines ungetrübten Eheglücks. Mit einem pompösen Finale klingt das Ballett aus.



    Anmerkung:


    Die Urfassung hatte als Tanzpantomime ihre Erstaufführung in Madrid bereits im Jahre 1917 unter dem Titel „ El Corregidor y la Molinera“


    Die Musik von Manuel Maria de Falla y Matheu - so lautet der vollständige Name des Komponisten – ist außerordentlich spektakulär. Die Folklore ist dick aufgetragen, so dass der Sturmangriff auf das Gemüt nicht ausbleiben kann. Das war damals so, ist heute so und wird immer so bleiben.


    Der Verfasser der Novelle gleichen Namens nach dem Volksstück „El Corregidor y la Molinera“ hatte es untersagt, aus seiner Prosa ein Opernlibretto zu formulieren. Der Österreicher Hugo Wolff hat sich an die Weisung nicht gehalten. Seiner Oper war kein dauerhafter Erfolg beschieden.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Gaetano Donizetti (1797-1848 )


    L'ajo nell'imbarazzo
    Schulmeister in Verlegenheit


    Mellodramma giocoso in zwei Akten


    italienisch gesungen
    Libretto von Jacopo Ferretti
    basierend auf der Komödie von Giovanni Giraud
    Uraufführung am 4. Februar 1824 in Rom, Teatro Valle
    Dauer: weniger als eine Stunde


    Charaktere:
    Marchese Giulio Antiquati: (Bariton)
    Marchese Enrico, sein ältester Sohn (Tenor)
    Marchese Pippetto, sein zweiter Sohn (Tenor)
    Madama Gilda Talemanni, Enricos heimlich Angetraute (Sopran)
    Gregorio Cordebono, Hauslehrer (Bass)
    Leonarda, Hausmädchen (Sopran)
    Simone, Kammerdiener des Marchese (Bass)


    Das Geschehen spielt im Hause des Marchese in Rom im 18. Jahrhundert



    HANDLUNG


    Erster Akt:


    Der Marchese Antiquati vertritt die Ansicht, dass das weibliche Geschlecht auf die Männerwelt grundsätzlich verderblichen Einfluss ausübt. Als liebender Vater will er seine beiden Söhne Enrico und Pippetto vor unersättlicher Gier schützen und versucht, die beiden bösem Einfluss fernzuhalten. Sein Hauslehrer Grigorio darf ihn unterstützen. Die äußerst strenge Erziehung soll Amüsements ausschließen und weibliche Annäherungsversuche absolut unterbinden. Vollkommene Entaltsamkeit gegen Küsse und dergleichen wird als Selbstverständlichkeit angesehen.


    Der Pädagoge betrachtet Weisungen und erlassene Verbote als wenig sinnvoll und stellte sich auf die Seite seiner Zöglinge. Da er sein Arbeitsfeld nicht verlieren will, muss er aber den Schein wahren und sich unterwürfig verhalten. Doch die beiden Söhne setzen den Werten des Vaters Widerwillen und Ungehorsam entgegen, trauen sich aber nicht, offen zu opponieren. Besonders der Älteste läuft ständig mit einem schlechten Gewissen herum, dass man denken könnte, mit ihm stimme etwas nicht.


    Zweiter Akt:


    Tatsächlich hat ein Mädchen, welches schräg gegenüber wohnt, ihn auf dem Gewissen. Sie hat ihn zur Lust verleitet und ihm ein Söhnchen geboren. Heimlich hat er sie dann geheiratet, weil es nicht anständig wäre, ein Mädchen sitzen zulassen und eine Vaterschaft nicht zuzugeben. Nun hat Enrico das Anliegen an der Hauslehrer, dem Großvater die Veränderung des Familienstandes schonend beizubringen. Heimlich trifft er sich mit seiner Gilda in der Wohnung des Hauslehrers, die inzwischen gewohnt ist, hier auch ihr Baby zu wickeln. Unter dem Mantel muss der Hauslehrer es verstecken, wenn er es hinüber und herüber holt.


    Pippetto konnte seine Liebesgefühle ebenfalls nicht unterdrücken und das schon etwas ältere Hausmädchen hat sich des Heranwachsenden bereits lustvoll angenommen. Leonarda war es auch, die dem Alten bereits zugeflüstert hat, dass es in seinem Haushalt ein Wickelkind gäbe.


    Der Marchese hat mit seinem Angestellten etwas zu besprechen, als Gilda unvermutet mit ihrem Baby das Zimmer betritt, um es trockenzulegen. Der Hauslehrer wird vom Grafen missverständlich als Kindesvater betitelt und ist nun ratlos, auf welche Weise er sich zur Wehr setzen soll, ohne seinen Schützling zu verraten. Eine offene Aussprache aller Beteiligten – von Turbulenzen begleitet - ist unausweichlich, aber alles wendet sich zum Guten. Einsicht und Vergebung offenbaren den guten Kern eines Querdenkers.


    Anmerkung:


    Die fünfzehnte Oper Donizettis ist eine Liebenswürdigkeit kleineren Formats von knapp einer Stunde Dauer noch ganz im Stile Rossinis. Eine erweiterte Fassung hatte zwei Jahre später unter dem Titel 'Don Grigorio' am 11.6.1926 am Tatro del Fondo in Neapel seine Uraufführung.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Nikolai Rimsky-Korsakoff (1844-1908 )


    Scheherazade
    Scheherazada - Shéhérazade


    Ballett in einem Akt
    op. 35, komponiert: 1888
    Libretto von Alexander Benois und Léon Bakst
    nach den Geschichten der Scheherazade aus dem Zyklus 'Tausend und eine Nacht’.


    Uraufführung am 4. Juni 1910, durch Diaghilews Balletts Russes an der Pariser Oper
    Choreographie: Michel Fokine
    Ausstattung: Léon Bakst
    Ausführende: Ida Rubinstein (Zobeide) -,
    Waslaw Nijinsky (Lieblingssklave) –
    Alexis Bulgakow (Sharyar) –
    Basil Kissilew (Shah-Zeman) –
    Enrico Cecchetti (Der Großeunuch)


    Charaktere:
    Schariar, Sultan,
    Zobeide, Erste Frau des Sultans
    Schah Zeman, Bruder des Sultans
    Lieblingssklave der Sultanin,
    der Großeunuch
    Hofleute, Wachen, Haremsdamen, Eunuchen, Negersklaven und weitere


    Das Geschehen spielt im Orient in frühislamischer Zeit



    HANDLUNG


    Sultan Schariar ist sich nicht sicher, ob seine Lieblingsfrau Zobeide ihm tatsächlich die Treue hält. Zu nachsichtig und liebevoll hat er sie behandelt, und nun hat man ihm zugetragen, dass sie seiner Liebe unwürdig sei. Seinen Argwohn teilt er seinem Bruder Zeman mit und dieser rät, Gerüchten nicht zu trauen, sondern der Sache selbst auf den Grund zu gehen und die Verdächtigte zu überführen


    Ist es tatsächlich wahr, dass Zobeide und einige Palastfrauen in seiner Abwesenheit geheime Liebschaften mit gutaussehenden kräftigen Negersklaven unterhalten? Die Verdächtigung ist ungeheuerlich. Kein Sultan würde sich auch nur in den Ansätzen solches bieten lassen! Wird der Harem unter der Aufsicht des Obereunuchen nicht streng bewacht?


    Es gelingt Zobeide nicht, den Unmut ihres Gebieters, dessen Ursachen sie nicht kennt, durch Schmeichelei und gespielter Unterwürfigkeit zu zerstreuen. Ihre Tanzkünste im Kreis der Odalisken zur Musik von Nikolai Rimsky-Korsakow besänftigen den Herrscher nicht, sondern bewirken in Ausgelassenheit und Überschwang eher das Gegenteil.


    Dem Sultan werden die Waffen und die Jagdkleidung gebracht, dass es so aussieht, als ob er mit seinem Gast aufbrechen und längere Zeit fortbleiben würde. obeide weiß, dass der Schah Zeman, der Bruder des Sultans, ihr Feind ist. Die erste Gemahlin ahnt nicht, welches Schicksal die Zukunft für sie bereithält. In aller Unbefangenheit glaubt sie, in Abwesenheit des Gatten schamlos Orgien feiern zu können, welche die Majestät des Sultans und das moralische Empfinden des Ballettpublikums verhöhnen. Dieses ist nämlich neidisch, weil es an den Vergnügungen der Sklaven und Favoritinnen, die nun folgen werden, nur passiv teilhaben darf.


    Die dekorativen blauen Türen zur festlich geschmückten Halle haben sich geöffnet und gutaussehende Schwarzafrikaner - zu Liebesdiensten abgerichtet oder veranlagt - erscheinen, um mit ihren Sprüngen zu erfreuen. Den schönsten Schwarzen, ganz in Gold gekleidet, erwählt Zobeides zu ihrem Liebsten und tanzt mit ihm einen Pas de deux. Die verführerische Musik steigert die Leidenschaft und pantomimisch gibt man sich verbotenen Spielen hin.


    Der Obereunuch, der das verurteilungswürdige Treiben bisher geduldet hat, wird unruhig, aber seiner Angst vor gerechter Strafe weiß die Sultanin durch Überreichung einer kostbaren Halskette zu begegnen. Plötzlich öffnen sich die blauen Türen erneut und der Hausherr – schon etwas früher von der Löwenjagd zurückgekehrt – steht zornerfüllt im Türrahmen. Leugnen nützt nichts, Flennen auch nicht! Auf frischer Tat ertappt, erfolgt die Bestrafung unverzüglich. Die Wachen erscheinen mit Dolch und Krummschwert, um die wertvollen Teppiche zu besudeln. Der dekorative Liebhaber setzt sich mutig zur Wehr, unterliegt aber der Übermacht und muss sein Leben lassen. Zobeide wirft sich weinend über seine Leiche. Nachdem sie ausgiebig geschluchzt hat, zückt sie ihren Dolch mit dem juwelenbesetzten Knauf und gibt sich selbst den Todesstoß.


    Untreue und Undankbarkeit lohnen nicht! Der Sultan ist wieder Herr im eigenen Palast und seine Ehre strahlt in neuem Glanz. Dem Laster wurde Paroli geboten und die Gerechtigkeit hat gesiegt



    Anmerkungen:


    Die Rahmenhandlung zu dem Novellenzyklus „Tausend und eine Nacht“ beginnt mit der Überzeugung des enttäuschten Sultans, dass alle Frauen falsch und treulos seien. Deshalb leistet er einen Schwur, die Ehekandidatinnen nach der Hochzeitsnacht dem Richtschwert zu überantworten, denn einem erneuten Verrat seiner Liebe möchte er sich nicht aussetzen. Es kommt die Reihe an Scheherazade, mit dem Sultan vermählt zu werden. Doch das kluge Mädchen versteht es, einen fesselnden Report hinzulegen, so dass die Zeit einer Nacht nicht ausreicht, die Handlung zu Ende zu führen. Der Sultan wünscht den Ausgang der Geschichte jedoch zu erfahren und verschiebt die Hinrichtung der geschickten Erzählerin um eine Nacht. Scheherazade nutzt die Gelegenheit, eine neue Story zu beginnen, die aber auch diesmal bis zum ersten Hahnenschrei nicht abgeschlossen ist. Erneut erreicht das kluge Mädchen einen Aufschub des Urteils und berichtet dem Sultan von wundersamen Dingen. Dieser kann von den Legenden nicht genug bekommen und Scheherazade bewirkt die endgültige Aufhebung des Urteils.


    Das Libretto des Balletts schließt die Rahmenhandlung aus und hält sich auch sonst nicht an die Erzählungen Scheherazades, sondern formt im Sinne von „Tausend und einer Nacht“ einen eigenen Handlungsfaden, welcher choreographierbar ist und dem Wesen des Balletts entgegenkommt.


    Der Partitur liegt Rimsky-Korsakows Sinfonische Dichtung gleichen Namens zugrunde, verzichtet allerdings auf den dritten Satz. Das beigegebene literarische Programm von Sindbad, vom Prinzen Kalender und vom Schiff, welches am Magnetberg zerschellt, wird ebenfalls verworfen. „Das Fest in Bagdad“ des vierten Satzes lässt sich dagegen wunderbar choreographieren und in den neuen Handlungsverlauf einpassen.


    Die sinnliche Musik, die exotische Handlung und die grandiosen Leistungen der Tänzer garantierten einen glänzenden Erfolg der Uraufführung. Eine Folge von Aufführungen brachten der Ballettkompanie und seinem Impresario Diaghilew noch jahrelang Ruhm und Brot. Ida Rubinstein und Waslaw Nijinsky profilierten sich in ihrer Ausstrahlung als die ideale Besetzung für das Traumpaar auf der Bühne.


    Auch in heutiger Zeit ist das Ballett fester Bestandteil der großen Häuser und wird in der Regel abendfüllend mit den „Polowetzer Tänzen“ in eigener Choreographie unabhängig von der Oper „Fürst Igor“ aufgeführt.


    © 2011 TAMINO - Scheherazade

    Das Tanztheater Wuppertal hat häufig in Veneg gastiert. Pina Pausch choreographierte dort im Jahre 1985


    > Le Sacre du Printemps
    > Bandoneon
    > Nelken
    > Kontakthof
    > Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört


    Ihre Kreationen sind so eigenwillig wie die gewählten Themen. Sie verarbeitet innerhalb eines Werkes das musikalische Material unterschiedlicher Komponisten.(Ausnahme das Strawinsky-Ballett). Quelle: Großbildband Gran Teatro La Fenice - Benedikt Taschen Verlag


    http://www.amazon.de/Gran-Teat…ziano-Arici/dp/3822871230


    Ob ihre Produktionen von einer breiten Masse bejubelt wurde, müsste ein Wuppertaler erklären. Ich glaube gelesen zu haben, daß ihre Arbeit in Wuppertal wegen wirtschaftlicher Effizienz infragegestellt war.


    http://www.google.de/images?hl…&gbv=2&aq=f&aqi=&aql=&oq=


    :angel:
    Engelbert

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    Luigi Cherubini (1760-1842)


    Médée
    Medea


    Oper in drei Akten


    Libretto von François-Benoit Hoffmann
    Quelle: Corneilles Tragödie ‚Medea’ nach Euripides
    Uraufführung der französichen Version am 13. März 1797 am Théâtre Feydeau, Paris

    Charaktere:
    Médée, Priesterin und Zauberin vom Schwarzen Meer
    Jason, Führer der Argonauten
    Créon, König von Korinth
    Dircé. seine Tochter
    Neris, Dienerin Medées
    Zwei Dienerinnen Dircés
    und weitere



    HANDLUNG


    OUVERTÜRE


    Erster Akt:


    1


    Beide Dienerinnen versuchen alle ihre Wünsche zu erfüllen, doch die Traurigkeit will von Dircé nicht weichen. Der Himmel überschüttet sie mit Wohltaten, aber in ihrem Gesicht zeigt sich kein Jubel. Sobald die Morgenröte den neuen Tag angekündigt, präsentiert ihr Hymen den Helden, dem sie ihre Zuneigung entgegenbringt. Traurige Farben beunruhigen ihr Gemüt. Was ist, wenn der Hochzeitsgott sich nicht zeigen wird? Dircé soll die bösen Vorahnungen verjagen, es sind nutzlose Wolken. Ihr lacht die Liebe und nichts soll die Glut eines schönen Tages verdunkeln.


    Jason hat ihr gesagt, dass er sie liebt, und dass er ihr treu sein wird. Das gleiche hat er Médée auch versichert. Doch wenn er sie nun ihretwegen verlässt, wird er ihr nicht eines Tages das gleiche antun? Nein, denn Jason sieht sich genötigt, vor einer barbarischen Gemahlin aus fremden Landen zu fliehen. Die Tugend hat er in der Tochter des Créon gefunden. Das Schicksal wird den Knoten knüpfen und niemanden wird es gelingen, ihn zu lösen. Der Stimme der Tröstung will Dircé nachgeben, süße Freundschaft erleichtert ihr Herz. Die Freundinnen versprechen ihr ein Schicksal, welches sie bezaubern wird. Liebe, nicht Betrug soll ihre zuversichtliche Seele erfüllen. Zurückweisen wird sie die barbarische Fremde und die Frau aus ihrem Gedächtnis verbannen, die mit ihrem Zauber einen Helden verführte.


    2


    Die dicken Mauern des Königspalastes von Korinth und des Königs Leibwache beschützen Jasons Kinder. Weitere Maßnahmen von Jasons Seite sind überflüssig. Dircé will wissen, welche Unruhe seinen Geist alarmiert. Psychologisch ziemlich ungeschickt erklärt Créon seiner Tochter, dass der Sohn des Pélias Anschläge seines Vater befürchtet. So wird auch Médée den Liebesentzug des Gatten nicht hinnehmen und sie es in die Nähe ihrer Kinder drängen. Dem König stellt sich die Frage, ob er nicht vorbeugend Médées Blut vergießen sollte. Jason zeigt sich sichtlich beruhigt. Wenn die Götter und Créon die Kinder schützen, wird Jason sich ganz der Zärtlichkeit eines Vaters widmen können.


    3


    Zur Hochzeit von Jason und Dircé sind auch die Gefährten geladen, die am Argonautenzug beteiligt waren. Während des Aufmarsches erklingt der Chor ‚Belle Dircé, L’invincible Jason’ Schöne Dircé, unbesiegbarer Jason, euch zu Füßen legen wir die Trophäe, die der Held als Preis für seinen Sieg erbeutet hat. Lorbeeren und Glorie hat er im fernen Kolchis errungen und das brillante Wollgewebe soll den Estrich des königlichen Gemaches schmücken, um ihn stets an seine Heldentat zu erinnern. Der Chor freut sich und wiederholt seinen Vers, hat aber keine Vorstellung, welchen Schrecken das Geschenk in Dircés Befinden auslöst. Kolchis! Welch fataler Name!. Auch Jason ergreift böse Vorahnung, als er das Goldene Vlies vor sich ausgebreitet sieht. Wo ist er? Eine schattige Wolke umnebelt seine Augen! Dircé steigt von ihrem Thron, um den Festsaal zu verlassen. Verstört folgen ihr Jason und Créon. Reden soll Dircé über den schwarzen Schatten, der auf ihrer Seele ruht. Der König billigt es nicht, dass sie ihre Ängste dem Volk offenkundig macht.


    Dircé reagiert sehr förmlich: Mein Vater! Mein Mann! Verzeiht die Tränen, die das Glück trüben, welches die Götter versprochen haben. Unablässig beunruhigt sie dunkle Vorahnung und versetzt ihre Seele in Aufruhr. Fortuna ist eifersüchtig und will das ihr gewährte Glück zerstören. An Jason wendet sie sich: Mein Herr hat bereits eine Frau. Allein ihr Name beflügelt ihre Furcht. Den glühenden Blick ihres Zorns wird Dircé nicht ertragen können, wenn sie kommt und von ihr den Gatten zurückfordert. Das gesamte Universum kennt die Furcht vor Médées Zauberkünsten.


    Jason unternimmt einen linkischen Beschwichtigungsversuch. Den machtlosen Zorn Médées soll Dircé nicht fürchten. Unglücklich wird die Verworfene als Beute ihrer Reue rastlos umherziehen und all ihre Sünden abbüßen. Ihr Missgeschick wird ihren Kampfesmut lahm legen. Dircé fühlt sich schuldig und argumentiert, dass Medée die Frau Jasons auch dann ist, wenn die Verbindung sich nachträglich als unglücklich herausstellt. Gewiss wird die Verlassene Schritte einleiten, ihre berechtigten Forderungen durchzusetzen. Es ergibt sich die Frage, ob die Götter nicht für die Betrogene Partei ergreifen und am Ende ihr eigener Tod steht. Die Elemente der Unterwelt unterwerfen sich dem Charme Medées und stehen ihr devot zu Diensten. Ihre Tränen, ihren Zorn und ihre Zauberkunst wird sie einsetzen, um in ihre alte Position zurückzufinden. Alles hat Dircé zu befürchtet, wenn sie sich mit Jason vereint.


    Entfernt hat Jason sich für immer von der grausigen Gefährtin, die sein Unglück verursacht und Schande über ihn gebracht hat. Die Erinnerung an einen langen Irrtum will er hinter sich lassen, damit der Lauf seines Lebens eine Wende bekommt. Eine neue Hochzeit soll es sein, die seine Tortur beendet. Dircés Liebreiz und Tugend umschmeicheln sein Herz. Zerbrechen wird Jason seine widerwärtigen Ketten und schwört, der lieblichen Dircé die positiven Kräfte seines Herzens uneingeschränkt zu Füßen zu legen. Nichts wird sie trennen können. Créon legt nach: Die Tochter erwartet die Fülle himmlischer Güte. Die glücklichste Frau unter der Erde wird sie sein und er selbst ein glücklicher Großvater. Der Chor sieht die Situation ebenfalls rosig. Hymen wird sich den flehenden Bitten des Volkes nicht verschließen können und die Linien der beiden Liebenden zusammenziehen. Den Frieden soll der Hochzeitsgott in die Seelen des glücklichen Paares transportieren.


    4


    Médée hat sich in einen langen Schal eingewickelt, als sie am Eingang des königlichen Palastes erscheint und mit lauter Stimme Einlass begehrt. Hier ist also der Palast des berühmten Jason, in dem er seine Lorbeeren und das Goldene Widderfell ausbreitet! Die Palastwache wagt es nicht, Medée den Einlass zu verwehren. Dircé überfällt die kalte Furcht. Noch besteht kein Grund, in Panik auszubrechen, denn Medée gibt sich dialogfähig, Créon dagegen nicht. In ruhigem Ton und völlig korrekt wendet Medée sich zunächst an die anwesenden Hochzeitsgäste und den König. Sie sei nicht hergekommen, um Schrecken zu verbreiten und gelassen soll man ihr zuhören. Ihr Zorn ist nicht gegen die Menschen von Korinth gerichtet, sondern ihr Geschick führt sie her. Sie nimmt es nicht hin, dass Jason sie in der Öffentlichkeit als perfide bezeichnet. Den Schleier hat Medée von ihrem Gesicht genommen, dass alle erkennen können, wer sie ist.


    5


    Jason tut entrüstet und Créon ereifert sich. Mit welchem Recht, fremd und schuldig, dringt Medée hier ein, um die Feier zu stören. Er drohe einer Unglücklichen, von der Fortuna sich abgewandt habe. Glaubt Medée etwa, dass sie für Ihren Überfall mit Straflosigkeit davonkommt? Ihre Vorahnung hat Dircé nicht getäuscht. Ihr flehenden Blick ist auf den Vater gerichtet. Die Tochter soll sich vor dem machtlosen Zorn der Besucherin nicht fürchten, ihre Feindschaft geht ins Leere. Noch bevor die Sonne sich versteckt, hat sie aus der Stadt zu verschwinden. Créon soll sich mäßigen. Wenn Dircé und Jason lieb an seinem Herzen liegen, soll er die fatale Hochzeit unterbinden. Wenn er zulässt, dass Jason seinen Eid bricht, den er ihr geschworen und ihrem Groll weiteren Verdruss hinzugefügt hat, wird er den schwarzen Humor, den ihre Seele besitzt, kennen lernen. Zittern soll er vor Medées Hass. An der barbarischen und gottlosen Frau sei es, zu zittern. Sie soll der Qualen gedenken, welche die Hölle für sie vorbereitet hat. Der letzte Tag ihres Aufenthaltes in der Stadt neigt sich dem Ende entgegen. Für Dircé ist nun der Zeitpunkt gekommen, ohnmächtig in die Arme ihrer Dienerin zu sinken.


    6


    Hallo, Jason! Du sagst gar nichts und bewahrst deine Ruhe. Der Beunruhigte dreht die Augen weg und flieht ihren Anblick. Gestaltet sich so das Wiedererkennen nach allem was sie für ihn getan hat? Wie gefallen ihm seine Lorbeeren und das superbe Widderfell, welches nun in seinem Bettgemach seinen Glanz ausstrahlt. Endlich rafft Jason sich auf. Tatsächlich hat er mit ihrer Hilfe einen großen Sieg vollbracht. Doch sein Herz weist diese Wohltat zurück, weil sie seinen Ruhm mit Schande bedeckt hat. Medée setzt sich zur Wehr. Für ihn allein verriet sie ihr Volk, verließ sie den armen alten Vater und zerriss ihren Bruder. Der Leser möge sich erinnern, dass das Schiff der Argonauten auf der Flucht mit dem Goldenen Widderfell – es war der Tempelschatz von Kolchis – an Geschwindigkeit verlor. Um die Verfolger abzuschütteln, zerhackte Medée ihren kleinen Bruder in Stücke und warf die Körperteile ins Wasser. Die Verfolger waren genötigt, die Leichenteile einzusammeln und wie ein Puzzle wieder zusammenzusetzen, um ihrem Totenkult zu genügen. Den Zeitverlust nutzten die Griechen, um zu entkommen. Nun stellt Jason die Sache so dar, dass Médée ihre Verfehlungen auf ihn übertragen möchte, er sich aber entschuldigt sieht und es gegen sie spreche, ihn anzuklagen. Für seine Kinder hat er in Korinth um Asyl nachgesucht und erhalten, eine kriminelle Mutter kann er den Kleinen nicht zumuten. Beschämt muss er nun dem Hochzeitsgott unter die Augen treten, weil er die Verbindung entzwei brach, aber gegen ihr Verbrechen ist seine Ordnungswidrigkeit gering. Er ängstigt sich nicht und bereut es nicht und hofft, dass Hymen an seiner neuen Verbindung keinen Anstoß nimmt. An ihm allein soll sie sich rächen, wenn sie ihm seine neue Wahl vorwirft, gegen Jason soll sie donnern, sein Herz wird ihr vergeben. Die ganze Welt schaut mit Abscheu auf sie und demütig soll sie sein, damit sie ihr Asyl in Korinth behalten darf.


    7


    Sie besaß ein Vaterland und hatte auch einen Vater. Von Jasons Kindern ist sie die unglückliche Mutter. Kriminell wurde sie durch ihn. Den Menschen hat sie sich entfremdet. Alles hat sie für ihn geopfert. Aber die Liebe ist seinem Herzen nicht entflohen. Sein Gefühl gehört jetzt nur einer anderen. Bevor sie Jason kannte, war Dircé tugendhaft. Ihr Herz ignorierte den Kummer, ihre Tage waren friedlich und nachts schlief sie ruhig. Médée will nicht, dass er isoliert ist. Abschwören will sie ihrem Zorn. Médée appelliert: Er sieht sie in Tränen. Sie will ihn kniend umarmen. Er soll wertschätzen alles, was sie für ihn getan hat. Jason soll zu seiner Frau zurückkehren.


    Jason bedauert, es sei zu spät und schiebt die Schuld Créon zu, dessen Zorn sie hochgeputscht habe. Nun, wenn der König zornig ist, kann man ein anderes Asyl suchen. Er soll mit ihr fliehen, so wie sie mit ihm geflohen ist. Er wird den König nicht in Verlegenheit bringen. Er könnte glauben, dass er der Komplice ihrer Schandtaten sei und seinen Kindern würden die Vergehen der Mutter vorgehalten. Er kennt ihren Zorn und ihren perfiden Charme, der aber nicht ausreicht, um eine Wiedervereinigung zu bewirken.


    8


    Médée sieht ein, dass weiteres Flehen nutzlos ist. Sein feiges Herz ist habgierig. Er sieht das angenehme Leben neben Dircé im Palast des Königs, dem sie nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Kein Wort der Klage wird mehr über ihre Lippen kommen. Kalt stellt sie ihn vor die Alternative. Jason soll wählen zwischen ihrer Liebe und ihrer Feindschaft. In seinem Herzen hat Créon ihm ein Asyl angeboten. Médée soll verschwinden und nicht länger seinen Palast beschmutzen. Der Schlag, eines mächtigen Königs wird sie treffen und sie soll seinen Zorn fürchten. Médée flieht nicht und fürchtet sich nicht! Ihr Vater regierte ebenfalls und sie hat ihn verlassen. O Kolchis! Die Liebe ist ein fatales Geschenk und kostet Blut und Tränen. Jason hat gewählt, nun gibt Médée ihm ihren Hass.



    Zweiter Akt:


    9-10


    Die Hölle hat sie vereinigt und die Hölle wird sie trennen. Sie wird Jason verlassen, wie sie ihn heiratete. Ihre Kinder wird sie nie mehr umarmen können. Doch der König von Korinth und seine freche Tochter werden für alles büßen. Ihr Schlag wird furchtbar sein. Als sie eilig die Stufen von Créons Palast hinabsteigt, kommt ihre treue alte Dienerin ihr aufgeregt entgegen gelaufen. O furchtbarer Tag, o bedauerliches Schicksal! Eine Gruppe von Menschen hatte das Gebäude umzingelt und forderte Medées Tod. Das Volk ist gegen sie. Neris hat sie verzweifelt gesucht, um sie zu warnen. Mit der höchstmöglichen Schnelligkeit soll sie entfliehen. Jeden Moment kann es zu spät sein. Die Zeit drängt. Den König sieht Médée kommen, sie will ihn erwarten.


    11


    Ah, da ist die Verworfene, den Blick scheu und den Mund gottlos. Die Schiffbrüchige soll das Land verlassen, bevor Créon die Geduld verliert. Ihr Leben sei im Prinzip verwirkt, doch der Mann seiner Tochter hat Gnade für sie erfleht. Dem humanen Helden gelang es, Créons Herz zu erweichen und Rettung für sie zu erwirken. Créon erhofft, dass Médée seine Milde nicht falsch auslegt. Er weiß, dass sie sich früher oder später rächen wird. Ihre Tränen und ihren dunklen Zauber fürchtet er nicht. Sie wird keinen Vorteil erlangen. Médée fleht, ihr das Asyl in Korinth nicht wegzunehmen. Einsam und ruhig wird sie ihre Tage beenden. Glücklich wird sie sein, wenn sie hin und wieder ihre Kinder bekommt. Sie wird dann vergessen, dass Jason seinen Eid gebrochen hat. Ihr Jammern rührt ihn überhaupt nicht. Denkt sie etwa, sie kann ihn erwischen, wenn sie Schmerz vortäuscht? Die kriminelle Schwester, die gottlose Tochter soll das Land verlassen und ihn nicht länger anspannen. Neris bekommt es mit der Angst zu tun. Médée soll den mächtigen König nicht reizen, denn sein Zorn ist bedrohlich. Eines Tages, auf den ihr armes Herz sich vorbereitet, wird die Situation sich verändern. Auf welches kriminelle Niveau wird die Rachsüchtige sich herablassen? Médée verlegt sich aufs Verhandeln. Sie nimmt zur Kenntnis, dass der König ihr eine dauerhafte Bleibe verweigert, aber einen Tag für ihre Schmerzen soll er ihr gewähren. Nun Créon ist kein Tyrann, da ihm hierzu die Härte fehle. Auch wenn er das Opfer seiner Güte wird, einen Tag will er der Flehenden nicht verwehren. Der Himmel soll es ihm lohnen, wirft Neris schnell ein. Wenn der König die Säumige jedoch am folgenden Tag noch antrifft, wird sie grausam sterben. O Kolchis, wie Médée sich nach ihrem lieben Vaterland und ihrem verlassenen Vater sehnt. Nach Kolchis soll sie zurückkehren, es ist das Land welches sie verraten hat. Das glückliche Klima Griechenlands bekomme ihr nicht, behaupten Créons Wachen. Jupiter soll notieren, welchen Schmerz man ihr zufügt. Der Chor hat böse Vorahnungen. Jupiter möge den unmenschlichen Zorn Médées einhüllen und abwenden.


    12


    Nun ist es an Neris ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Die unglückliche Prinzessin, die elende Frau, vom Gatten verstoßen, von den Göttern verlassen. Wie viele Schmerzen bleiben ihr, die sie noch zu erdulden hat? In ferne Wüsten wird sie ihr Unglück schleppen und unter freiem Himmel wird sie sterben. Fliehen wird sie von Küste zu Küste. Kein Haus wird sie gastlich aufnehmen. Ohne einen Freund zu treffen, der ihr hilfreich die Hand gibt, wird das Unglück der Versklavung ihr Los sein. Doch alle Qualen werden sie gemeinsam ertragen. Ein zartes Interesse vereint sie mit der Gefährtin ihres Schicksals. Folgen wird sie der lieben unglücklichen Prinzessin bis in den Tod und niemals mit Weinen aufhören. Aber was beobachtet Neris. Die Stirn der Herrin ist zerfurcht. Der Blick ist verlaufen und der Geist abwesend. Unruhe bewegt ihren Busen. Sie seufzt. Ohne Zweifel meditiert die Verlassene über einen Entwurf, ihrem Schicksal zu begegnen. Médée zu sich selbst: Von dem Tag, den er ihr lässt, wird sie gut profitieren. Alle werden sterben und der Schlag wird in seiner Art grausam sein. Nicht genug kann ihr eifersüchtiger Zorn sich an dem kriminellen Gatten rächen. Den Busen wird es seiner neuen Gefährtin zerreißen. Sie hat ihren Bruder verloren und Jason wird keine Söhne mehr haben. Über was hat die unglückliche Herrin in ihrem Herzen nachgedacht. O Neris, die Schmerzen sind beendet, der Tatendrang ist erwacht, die Glut kommt zurück und der Sieg ist gewiss. Aus dem Palast kommt Jason.


    13


    Jason höhnt, ob sie den Effekt von ihrem blinden Zorn und ihrer Wut in ihrer Tragweite erkannt hat. Er weiß, dass sie seinen Tod wünscht, aber trotz allen Hasses ist die Bereitschaft ihn zu lieben ihr nicht abhanden gekommen. Er wertet diese Regung positiv und er ist nicht abgeneigt, ihr für den Aufenthalt im Exil Erleichterung anzubieten. Nachdem das Gewitter nachgelassen hat, ist sie zur Nachgiebigkeit bereit. Sie bittet ihn, von seinem Reichtum etwas abzugeben. Wovon spricht sie? Jason soll gerecht sein und als Abgeltung für ihre Schmerzen ihr die Kinder überlassen. Ihr die Kinder überlassen? Welch schlimme Lästerung! Sie soll aufhören, ihn darum zu bitten, er kann nicht zustimmen. Versteht Jason nicht? Medée reklamiert ihre Kinder! Sollen die Kinder ihr etwa in die Verbannung folgen? Niemals wird er sie weggeben. Sie sind sein Blut und sein Leben. Médée jammert herzzerreißend. Die Götter sind Zeugen von Jasons sensiblen Herzen. Er verweigert nicht aus Rachsucht, aber er kann es nicht zulassen. Médée weint und nimmt Abschied. Es ist der Gang der Dinge, dass sie die lieben Kinder verlassen wird. Für immer hat sie die Kleinen verloren, der Vater hat es so bestimmt. Weit weg von ihnen wird sie sterben. Sie wird sie nicht mehr sehen. Jason ist gerührt und fasst einen plötzlichen Entschluss. Bis zu ihrer Abreise darf sie die holde Anwesenheit der beiden noch genießen. Er lässt sie ihr für einen Tag. Welche Wohltat umfängt Médée. Sie sind die Früchte ihrer Liebe zu Jason. Oft wird sie sich die glücklichen Stunden ins Gedächtnis zurückrufen. Auch Jason überkommt die Erinnerung an die gemeinsam verbrachte Zeit, sperrt sich aber sofort, weil die Gedanken peinigend sind.


    Jason muss jetzt gehen. Er sieht die Priester aus dem Tempel kommen und zum Palast eilen. Gemeinsam mit dem König will er mit ihnen die Opfergaben besprechen, die erforderlich sind, damit die Götter seinen Kindern wohlgesonnen sind. Auch für Médée will er bitten, die Olympier sollen sich auf ihrem zukünftigen Lebensweg zu ihr von ihrer vorteilhaften Seite zeigen. Der Vater ihrer Kinder verlässt sie tatsächlich. Oh schlimmer Abschied! Wie schrecklich, dass sie ohne ihn sein muss. Vergiss dein Unglück liebe Frau und ertrage dein Schicksal friedlich! Lebe wohl! Jason hat sein Herz zum Erlöschen gebracht und ignoriert die Tränen, die Médée weint.


    14


    Neris zeigt sich erfreut, dass man Médée erlaubt hat, ihre Kinder wiederzusehen. Sie soll sich beeilen und es genießen, sie zu umarmen. Doch der Sinn Médées hat sich gewandelt. Sie hasst ihre Kinder, sie besitzen den gleichen Blick wie der Vater. Wo wird sie die Kinder sehen dürfen? Neris soll zum Palast Créons eilen und schöne Gaben mitnehmen. Da ist einmal die brillante Robe und ein mit Juwelen reichverziertes Krönchen, einst zauberhaftes Geschenk ihres Vorfahren. Den Kindern soll sie erneut von der Mutter Liebe sprechen. Neris ist sprachlos! Will Medée etwa ihre Rivalin selbst verzieren? Das Verzieren hat Pluto besorgt! Sobald Dircé sich in die fatale Robe einhüllt, wird sie von ihr verschlungen werden. Wie gedenkt Médée nach diesem furchtbaren Exzess davonzukommen?


    15


    Das Finale des zweiten Aktes wird akustisch von einer Tempelszene gekrönt. Bacchus soll herabsteigen und Hymen Gefallen an den Opfergaben finden. Ach, wie der liebliche Gesang zu Médées Herzen drängt! Die schönste Braut trägt die schönste Krone. Die Spenderin beklagt, dass sie das Diadem der Braut nicht selbst ins Haar stecken konnte. Hymen hat einen schönen Tag beschert, der sich allerdings noch nicht dem Ende zugeneigt hat. Die Solisten, vom Chor der Hochzeitsgäste und der Priester begleitet, tragen ihre Wünsche vor. Hymen soll nicht nur die Wünsche Dircés zur Kenntnis nehmen, sondern auch die Stimme Médées vernehmen, denn sie beklagt das Schicksal welches Jason ihr bereitet hat. Diesem liegt daran, dass die Götter über die Sicherheit seiner Kinder wachen mögen. Der Chor unterstützt seine Bitten und fleht, das ihre Tage vom Glück geformt sein sollen. Die Unbeständige ist von der Schönheit des Chorgesanges angetan und kann nicht anders, als die Götter anzugehen, ihrer Rachegedanken zu lächeln. Der Brautzug mit dem glücklichen Paar kehrt zum Palast zurück.


    Dritter Akt:


    16-17


    Neris ist den Wünschen ihrer Herrin nachgekommen, hat die verhängnisvollen Geschenke abgeliefert und wandelt mit den Kindern am Strand von Korinth, um sie der Mutter zuzuführen. Das Vorspiel zum dritten Akt, von drohenden Naturgewalten unterstützt, künden das kommende Unheil bereits an. Es ist die Tragödie Médées, dass sie sich ständig im Wechselbad der Gefühle befindet, mal ist sie aufbrausend und von Hass erfüllt, dann dreht sich ihre Welt um einhundertachtzig Grad und sie gibt sich ergeben und liebevoll. In schlimmer Vorahnung zu welcher verhängnisvollen Tat das Schicksal ihr die Hand reicht, hat sie sich angemessen gekleidet. Sie trägt eine blutrote Tunika und hat einen herabhängenden schwarzen Schleier, mit Silberpaletten im Haar befestigt, Die Arme nackt, hält sie einen spitzen Dolch in der Hand.


    Der Engel des Todes hat über den Palast Créons seine Flügel ausgebreitet. Kommt, Kinder des Jason, ihr werdet mein schönstes Opfer! Neris will nicht wahrhaben, in welcher Umnachtung sich Médée befindet, schiebt die Kinder der Mutter zu und fordert die Kleinen auf, sie zu umhalsen. Erschrocken weicht die Geforderte zurück und mahnt ihre Kinder, dass sie fliehen sollen. Neris entscheidet, sie sollen auf die Mutter zulaufen und sich an sie schmiegen. Doch die Erzürnte warnt, sie nicht anzurühren mit ihren unschuldigen Händen. Erst jetzt sieht Neris, dass Médée in der erhobenen Hand einen Dolch hält. O Götter, welchen gotteslästerlichen Plan hält die Unglückliche in ihrem Innersten verborgen.


    Abrupt kommt in Médées unberechenbarem Verhalten die Kehrtwende. O Kinder, meine lieben Kinder. Wie sehr die Mutter euch bewundert und mit welcher Inbrunst sie an ihnen hängt. Niemals könnte sie ihre Herzen mit dem Dolch durchbohren. Die heilige Gerechtigkeit hat ihren Arm besänftigt und sie vor einer verabscheuungswürdigen Gotteslästerung bewahrt. Den treulosen Gatten, der ihr Schicksal in die Wildnis lenkt, sollen die Götter verderben. Sein Name erweckt maßlosen Zorn in ihr und sein Blut soll die Beunruhigung, die sich ihrer bemächtigt und zu verschlingen droht, zum Stillstand bringen. Doch wenn sie die Kinder anschaut und den Blick Jasons in ihnen erkennt, putscht der Hass wieder nach oben.


    Neris lenkt die aufkommende Gewaltbereitschaft in andere Bahnen und ruft Médée in Erinnerung, dass doch ihr Hass bereits triumphiert habe. Im Moment tut das furchtbare Gewand an Dircé Wirkung und die Morgenröte des kommenden Tages dürfte die Verhasste nicht überleben. Nun soll die unglückliche Mutter den Groll sterben lassen und ihre Seele der Milde ausliefern. Anschließend wird sie die Kinder ihrem Mann zurückbringen. Médée kocht vor Zorn. Wenn die Kinder der Dienerin lieb sind, möge sie diese sogleich von ihr entfernen. Sie soll sie vor ihr verstecken, bevor ein Unglück passiert. O Götter, an welchen Ort soll sie die Kleinen bringen. Im Palast Créons wird der Tod sich vor ihren Augen zeigen. Neris drängt die Kinder, ihr zu folgen. Dort wo die Götter ihnen nahe sind, werden sie Schutz finden. Die Dienerin entfernt sich mit ihnen und begibt sich zum Tempel der Juno.


    18


    Kaum sind sie fortgegangen, kehrt Milde in ihr Herz zurück. Sie empfindet süßes Beben und lauscht der Stimme natürlichen Empfindens. Ihr Auge sieht sie nicht mehr - im Moment ist das gut so. Nein, sie will den Kleinen nichts zuleide tun. Die Kinder sind in Sicherheit, aber nicht ist es der Vater. Sie wendet sich an die unerbittliche Tisiphone, welche ihr helfen soll, die Feigheit ihres Herzens zu überwinden. Offenbar missversteht Médée den Auftrag der Rachegöttin, die Mordtaten nicht decken, sondern verfolgen soll.


    Furchtbare Schreie ertönen aus dem königlichen Palast. O Verbrechen! O Verrat! Bedauernswerte Prinzessin! Wie süß das Geschrei in Médées Ohren klingt. Gesänge des Frohsinns machen sich in ihrem Herzen breit. Jason ahnt die Zusammenhänge. Welch fürchterlichen Vorteil nahm die Verworfene von seiner Milde. Ach, Jason weint um seine Dircé und seiner Kinder erinnert er sich nicht? Ein langes Stöhnen ist ihnen reserviert. Hat Jason überhaupt eine Ahnung wie weit Médée in ihrem Hass gehen wird? Die Eumeniden sollen ihr vorangehen und ihr die Opfer ausliefern. Sie nimmt den Dolch, der ihr entfallen war, wieder an sich und flüchtet vor der aufgebrachten Menge in den Tempel. Entreißt ihr das Leben, hetzt Jason.


    19


    Tumult entsteht. Das Volk bittet die Erinnyen den monströsen Frevel zu bestrafen. Jason bangt um seine Kinder. Er bittet die Götter, ihm seine Söhne zu geben. In ihrer Güte sollen die Olympier die Kinder beschützen. Neris kommt aus dem Tempel mit der größten Niedergeschlagenheit, bewegt sich auf Jason zu und hebt an, ihm das grauenvolle Geschehen im Tempel zu übermitteln. Médée hat das Herz ihrer Kinder mit dem Dolch durchbohrt. O kriminelle Mutter! Vielleicht ist Rettung noch möglich und ihr Zorn lässt sich einhüllen.


    20-21


    In diesem Moment öffnet sich das Portal des Tempels und in der erhobenen Hand hält Medée den Dolch mit der blutigen Klinge. Die Mörderin ist nicht allein, umringt ist sie von den Racheengeln, den drei Erinnyen. Jason hält entsetzt an und das Volk weicht zurück. Médée ergreift das Wort: Jason, erkenne deine gewalttätige Frau! Jason fragt entsetzt die Barbarin, wo sie seine Kinder gelassen hat. All ihr Blut habe sie gerächt. Jason stellt ein zweites Mal die gleiche Frage. Nie werden sie zu ihm zurückkehren. Der verzweifelte Vater bricht zusammen. fällt auf die Knie und hebt die Hände zum Himmel. Médée soll ihm seine Kinder geben. Sie sind ihrem kleinen Bruder ins Reich der Schatten gefolgt. Sein Unglück soll er von Küste zu Küste schleppen, an allen Orten wird man ihn verabscheuen. Er soll bereuen, damit seine Seele nicht für immer verloren geht. Den Weg in den Hades wird sie ihm vorangehen. Ihr ist der Weg bekannt, ihm steht er offen. Nach tausend Torturen wird ihr Schatten ihn an den Ufern des Styx erwarten.


    Die Erde bebt, der Boden öffnet sich und Médée schreitet mit den Racheengeln hinab. Die herausschlagenden Flammen verschlingen den Tempel und den schönen Palast. Der Chor rät, den grauenvollen Ort fluchtartig zu verlassen.



    Anmerkung:


    Durch die gesprochenen Dialoge unterscheidet sich die französische Urfassung wesentlich von der nachfolgenden deutschen Version. Georg Friedrich Treitschke übertrug die Rezitative in Verse, die von Franz Lachner fünfzig Jahre später ‚nachkomponiert’ wurden. Den deutschen Text übertrug Carlo Zangarini ins Italienische und diese Version erlebte ihre Uraufführung erst am 30. Dezember 1909 an der Mailänder Skala. Die Medea ist eine der wichtigsten Opern des 18. Jahrhunderts, orientiert sich an den Reformopern Glucks und weist den Weg zur Romantik. Vorübergehend in Vergessenheit geraten, brachte Maria Callas mit der Ausdrucksfähigkeit und der dramatischen Wucht ihrer Stimme die Oper in den fünfziger Jahren wieder in Erinnerung. Gwyneth Jones und Leonie Rysanek verweigerten den Leckerbissen nicht und boten ebenfalls eine überragende Gestaltung der Titelpartie. Die italienische Version der Oper wirkt opulenter, obwohl sie stilistisch auch ein bisschen befremdet. Die französische Urfassung ist reizvoll und wurde der Weltöffentlichkeit im Jahre 1995 anlässlich des Festival della Valle d’Itria in Martina Franca vorgestellt. Die Tochter des Créon nennt sich nicht Glauce, nicht Kreusa, sondern Dircé. Abweichend ist auch das Finale der Oper. Auf den feurigen Zauberwagen, mit dem Medea entschwindet, wird aus Kostengründen und fehlender Fahrpraxis allgemein verzichtet.


    Der Medea-Stoff hat auch in heutiger Zeit von seiner Aktualität nichts eingebüßt. Wie oft geschieht es, dass der Ehemann sich einer Jüngeren Partnerin zuwendet und der Ehestreit auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Ihr seelisches Leid wird nicht beachtet, wenn es der Rachsucht der Verlassenen dient, den ehemaligen Partner zu treffen.


    (MEDEA-Einspielungen beider Versionen auf Tonträger gab und gibt es im Überfluss.)



    © 2010 TAMINO - Engelbert

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    Jacques Offenbach (1819-1880)


    Le Papillon
    Der Schmetterling


    Ballettpantomime in 2 Akten und 4 Tableaus

    Libretto von Marie Taglioni und Vernoy de Saint Georges
    Uraufführung am 26. November 1860 an derOpéra Paris
    Choreographie: Marie Taglioni
    Bühnenbild: Cambon, Thierry, Despléchin, Nolan, Rubé und Martin
    Ausführende: Emma Lyvri – Louise Marquet – Louis Mérante – Berthier
    Dauer: etwa 60 Minuten


    Charaktere:
    Hamza, Eine etwas betagte Fee
    Farfalla, Ihre flatterhafte Zofe
    Djalma, Ein Prinz, in Liebe zu Farfalla entbrannt
    Der Emir, Vater der einst geraubten Farfalla Patimate,
    Ein Gärtner, in Diensten Hamzas
    Die Diamanten-Fee - die Perlen-Fee - die Blumen-Fee - Die Ernte-Fee -
    Hauslehrer des Prinzen
    Ein Teufelchen,
    Ein Fackelträger und viele bunte Schmetterlinge




    INHALTSANGABE


    ERSTER AKT:


    Erste Szene:


    Die Fee Hamza hat das Problem, dass ihren durchaus passablen Zauberkünsten Grenzen gesetzt sind. Gern wäre sie wieder jung und schön wie einst, doch hierzu bedarf es in Ergänzung Ihrer Hexenkünste des zärtlichen Kusses eines stattlichen jungen Prinzen.


    Ein Versuch kann nicht schaden und es ist ihr gelungen, einen jungen hübschen Prinzen zumindest erst mal herbeizuzaubern; ob er kussbereit ist, wird die Mühewaltung ergeben. Die Jagdhörner erschallen bereits. Schnell eilt die Eitle noch vor den Spiegel, um sich ein bisschen zurecht zu machen, soweit die Natur keine Grenzen setzt. Kokett tanzt sie vor dem Spiegel, wiegt sich hin und her und legt sich eine Strategie zurecht, wie der Prinz einzuwickeln sei. Ihre Kammerzofe steht der alten Hexe an Bosheit in nichts nach und tut so, als ob sie ihre Herrin bewundere. Hinter Ihrem Rücken imitiert sie jedoch ihr gespreiztes Getue und wird dabei auch noch vom Hausgärtner Patimate unterstützt. Die beiden unterschätzen die Alte gewaltig. Besonders Farfalla wird sich über deren Einfallsreichtum noch wundern.


    Prinz Djalma naht mit Gefolge und ist sichtlich entzückt von der liebreizenden Farfalla, welche eine kleine Mahlzeit vorbereitet hat. Die erwartungsvolle Fee besinnt sich auf ihre Künste, berührt den Tisch mit ihrer Zauberkrücke und verwandelt die aufgetragenen Speisen in ein festliches Bankett. Viel Tafelsilber und juwelengeschmücktes Besteck sollen den Prinzen erfreuen und ihr seine Aufmerksamkeit zuwenden. Der herrliche Tischwein ist allzu süffig.


    Dem Hauslehrer des Prinzen kommen die Gesichtszüge der Fee bekannt vor. Zeitlich liegt die Szene weit zurück, als die kleine Tochter des Emirs gewaltsam entführt wurde. In seiner Fantasie konstruiert er einen Zusammenhang zwischen dem kleinen Mädchen und der Gastgeberin. Kann es vielleicht sein, dass sie es war, welche die Kleine dem ruhmbedeckten Onkel wegnahm, um sich in ihrem Haushalt dann an sie zu gewöhnen. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge Farfalla mit der damals Geraubten lassen riskante Schlüsse zu.


    Der Prinz jedenfalls ahnt nichts von den Ambitionen der Fee, die auf einen Kuss von ihm aus ist und vielleicht sogar noch viel mehr von ihm will. Dieser wendet sich naturgemäß der zauberhaften Farfalla zu. Eine Mazurka tanzt er mit ihr und zum Schluss erhält die reizende Partnerin einen fetten Kuss. Dieser Schmatz hätte die Fee von ihren Nöten befreit und Neid und Ärger der Betrogenen kennen keine Grenzen. Mit ihrer Krücke holt sie aus und will der Begünstigten einen Schlag versetzen, trifft aber aus Ungeschicklichkeit den Gärtner.


    Der süße Wein tut seine Wirkung. Die Alte hat ihm reichlich zugesprochen und nickt ein. Während sie schlummert, kitzelt Farfalla sie fortwährend mit einer Blume an der Nase, damit sie niesen soll. Die Übermütige schwirrt und tändelt um sie herum wie eine Motte, nein, wie ein Schmetterling. Die Gutmütigkeit der Zauberkundigen hat ihre Grenzen; der erlittene Verdruss addiert sich zur Eifersucht hinzu. Sie gerät über das kesse Verhalten der Zofe in Rage und wartet, bis sich ihr eine gebückte Haltung anbietet. Mit voller Wucht zieht die Erzürnte ihr die Krücke über die Gräten. Diesmal hat sie ihr Ziel nicht verfehlt. Die Zauberkraft beginnt zu wirken und sie verwandelt Farfalla in einen schönen Schmetterling, der seiner Flatterhaftigkeit nun wirklich keinen Zwang mehr antun muss und ihren wahren Charakter voll entfalten kann. Von weit her fühlen sich andere Schmetterlinge durch den Duftstoff des soeben entstandenen Wesens angelockt. Durch Tür und Fenster, sogar durch den Schornstein schaukeln Butterflys in die Wohnung. Es werden immer mehr und die Fee verliert allmählich die Kontrolle über ihr trautes Heim.


    Zweite Szene:


    Dem Prinzen und seinem Gefolge bleibt nichts anderes übrig, als sich auf einer Lichtung im benachbarten Wäldchen niederzulassen, gefolgt von dem Schwarm der Schmetterlinge. Die Hofdamen machen sich einen Spaß daraus, die Insekten einzufangen. Eine von ihnen hat ein besonders schönes Exemplar erwischt. Es sieht aus wie eine Elfe und die Jägerin macht es dem Prinzen im Austausch gegen einem kostbaren Ring zum Geschenk. Ein Entweichen der kostbaren Gabe soll verhindert werden. Der Erfreute sucht sich einen zugespitzten Stecken, um den aufgeregten Schmetterling an einen Baumstamm zu spießen. Nun geschieht das Unfassbare, das Insekt verwandelt sich vorübergehend zurück in ein tränenüberströmtes Mädchen. Der Prinz ist überwältigt von ihrem Liebreiz und zieht den Stab blitzschnell aus der Tänzerin heraus. Unter Schockeinwirkung stürzt das Mädchen ohnmächtig zu Boden. Er beugt sich liebevoll über sie und Djalma erkennt in den Gesichtszüge die Tanzpartnerin vom vergangenen Abend. Während er versucht, Klarheit über seine Gefühle zu bekommen, flattert die Zurückverwandelte mit ihren trauten Gefährtinnen davon – er natürlich hinterher.


    Farfalla hat ihre Freundinnen um sich versammelt, denn alle finden Gefallen daran, nach der Musik von Jacques Offenbach zwischen Licht und Schatten zu taumeln. Ein Pas de deux zwischen dem zauberhaften Schmetterling und dem Prinzen kann natürlich nicht ausbleiben. Der Gefoppte sucht natürlich den schönen Schmetterling zu haschen, was sie aber nicht zulässt.


    Die alte Fee erscheint plötzlich mit ihrem Gärtner und hält Ausschau nach ihrer entwichenen Zofe. Mit Hilfe ihrer Zauberkrücke macht sie die zwischen Bäumen versteckte Farfalla ausfindig und fängt sie mit ihrem Netz ein. In ihrem Jubel über ihren Erfolg lässt sie die Zauberkrücke versehentlich auf dem Waldboden liegen. Patimate ergreift den Stock und hält ihn an das Schmetterlingsnetz, welches sich öffnet, so dass die Gefangene entweichen kann. Begeistert über diesen kleinen Anfangserfolg in der Zauberei berührt er mit der Krücke auch die Hexe, die daraufhin durch ein Nervengift gelähmt, handlungsunfähig wird. Der Diener wusste allerdings nicht, dass er von einem Teufelchen observiert wurde. Aus Unachtsamkeit lässt der Überraschte den Stock fallen und blitzschnell greift der kleine Genius zu, um mit der Zauberwaffe zu entschwinden. Die Schmetterlinge haben das Netz nicht aus den Augen gelassen und in Gemeinschaftsarbeit wickeln sie die bewegungslose alte Hexe darin ein. Farfalla, die ihr neues Leben als Schmetterling genießen will, verspotten die gefangene Hamza, die nun das Los erleidet, was ihr zugedacht war. Patimate der die Geheimnisse der Alten kennt und sie hasst, informiert nun den Prinzen, dass der schöne Schmetterling in Wahrheit die Tochter des Emirs und seine Cousine ist.


    ZWEITER AKT:


    Dritte Szene:


    Im Palast des Emirs hat die Entführerin sich nun für ihre verruchte Tat zu verantworten. Ohne Zauberstab ist sie machtlos und sie kann es nicht verhindern, dass man sie ins Gefängnis stecken will. Doch in diesem kritischen Moment erscheint das kleine Teufelchen und bringt reumütig den gestohlenen Zauberstab zurück. Jetzt kann wieder gezaubert werden, was das Zeug hält!


    Eine goldene Karosse fährt vor - von einer feierlichen Prozession begleitet. Die Vorhänge werden beiseite geschlagen und Ihr entsteigt Farfalla, die liebliche Tochter des Emirs.


    Prinz Djalma ist hocherfreut und umarmt Farfalla, welche ihn allerdings überraschenderweise abweist. Sie erinnert sich der Wunde, die er ihr zugefügt hat, als er sie aufspießen wollte. Er schließt die Augen und versucht sie zu küssen. Die alte Hexe hat diesen Moment genau abgepasst. Blitzschnell wirft sie sich dazwischen und bewirkt, dass der Farfalla zugedachte Kuss in ihrer verbeulten Visage landet. Endlich! Jetzt erfolgt eine Metamorphose der ganz besonderen Art. Graue Haare und tiefe Falten sind verschwunden und ein zweites schönes Mädchen steht vor dem verblüfften Prinzen.


    In der Absicht, die Eifersucht des geliebten Wesens anzustacheln, macht nun der Prinz der schönen Hamza den Hof. Die List gelingt und Farfalla wirft sich, bevor das Glück entschwindet, in seine Arme. Jetzt wird die schöne Fee wütend und schwört Vergeltung, weil sie den Prinzen nach all den Anstrengungen für sich behalten will.


    Genau in dem Moment, als der Emir die Hochzeit seiner Tochter mit seinem Neffen bekannt geben will, nimmt die Verjüngte ihren Zauberstab und verwandelt die Nebenbuhlerin zurück in einen Schmetterling. Von ihrer Fähigkeit, zaubern zu können, kann Hamza gar nicht genug bekommen und wagt sich auch an größere Immobilien heran. Den Prinzen versetzt sie zunächst in einen künstlichen Schlaf. Der Palast des Emirs verschwindet und statt dessen erscheint eine völlig neue Wohnanlage mit gepflegten Parkanlagen, in denen das Sonnenlicht badet.


    Vierte Szene:


    Djalma erwacht aus seinem Scheinkoma. Im Mittelpunkt eines Schwarmes bunter Schmetterlinge erkennt er Farfalla. Sogleich tanzt er mit ihr einen Pas de deux. Die beflissene Hamza erscheint in Begleitung ihrer Schwestern, der Diamanten-Fee, der Perlen-Fee, der Blumen-Fee und der Ernte-Fee, um ihre Eroberung vorzustellen. Sie denkt bereits an Hochzeit. Zur Generalprobe hat sie handverlesene Gäste um sich versammelt und die Hauskapelle, die hauptsächlich aus vergoldeten Harfen besteht, ist fleißig am Zupfen. Farfalla verliert die Nerven und startet ein gewagtes Experiment. Vom Licht angezogen stürzt sie sich in die Flammen eines Fackelträgers. Ihre Schwingen fangen Feuer und lösen den Zauber ihrer Metamorphose. Wieder Mensch geworden, führt ihr erster Weg schnurstracks in die Arme des schönen Prinzen.


    Die Schwestern Hamzas sind gerührt und ergreifen für das Paar Partei. Sie zerbrechen die Zauberkrücke und verwandeln die Ränkesüchtige in eine Statue. Eine unliebsame Überraschung für die Betroffene und ein Beweis, wozu Geschwisterneid fähig ist!


    Ihre schönen Kleider, die bis auf das Hemd nicht mitversteinert wurden und neben der Skulptur liegen, erwecken das Begehren Farfallas, die sich zur Verwunderung der Ballettbesucher unverzüglich neu einkleidet.


    Anmerkungen:


    Das Ballett hatte bei seiner Premiere einen überwältigenden Erfolg, welcher in erster Linie auf die herausragende Leistung der jungen Ballerina Emma Lyvri zurückzuführen war. Die kurze Laufbahn der Tänzerin endete durch einen tragischen Bühnenunfall. Während einer Opernprobe fing ihr Tutu Feuer und sie starb an den Verbrennungen.


    Das handlungsreiche Libretto bot der Choreographin Gelegenheit, ihren Ideenreichtum voll auszuschöpfen. Jacques Offenbach maß dem Stück eine Musik an, die dem Witz und Charme der Handlung gerecht wieder. Es ist sein bedeutendstes Werk für das Ballett-Theater und biedert sich nicht als zweiter Aufguss einer seiner Operetten an.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Italo Montemezzi (1875-1952)


    L’amore dei tre Re
    Die Liebe der drei Könige


    Oper in drei Akten


    komponiert etwa von 1910-1913
    italienisch gesungen
    Libretto von Sem Benelli
    Uraufführung am 10. April 1913, Teatro alla Scala unter Tullio Serafin,
    Amerikanische Erstaufführung am 2. Januar 1914 an der Metropolitan Opera unter Arturo Toscanini
    Zeitdauer: ca. 120 Min.


    Personen:
    Archibaldo, König von Altura (Bass)
    Manfredo, sein Sohn (Bariton)
    Fiora, seine Schwiegertochter (Sopran)
    Avito, Fioras Geliebter (Tenor)
    Flaminio, Vertrauter des Königs (Tenor)
    und weitere


    Die Handlung spielt in Italien im 10. Jahrhundert



    INHALTSANGABE


    Erster Akt:


    Für die Barbarenvölker aus dem Norden war der italienische Stiefel im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung das Land der Sehnsucht und der Verheißung. Archibaldo, der greise König von Altura, erinnert sich. Vierzig Jahre liegen nun zurück, dass er hinabstieg von den Bergen in das wundervolle Land der Blumen. Er fühlt wie seine Nasenlöcher sich weiten bei dieser stolzen Erinnerung. Leidenschaftliche Jungens waren sie, gut trainiert für die Eroberung und in allen war ein Wille stark wie Eisen. Einige waren zurückgekehrt, hatten dort die harte metallische Sprache seines Volkes geführt und berichteten nun von dem kostbaren Juwel, welches sich jenseits der Alpen unter dem Himmel dehnt und der wunderschöne Name Italien drang zu ihnen wie die Verlockung eines Militärmarsches. Schließlich wählte der König die besten unter ihnen aus. Die Kompanie glitzerte in silber, grün und gold. Wie eine monströse Schlange, die erwacht ist, windet sie sich aus dem Schatten vorwärts der Sonne entgegen. Die Pferde sind auf das Äußerste angespannt; die Männer steigen in den Sattel und ihre Sinne sind wachsam, ausgerichtet auf wundervolle Beute. Diese Göttin Italien, umflutet von zwei Meeren, schien ihnen zu gehören und sie setzten sich dort fest. Und sie blieben dort, sie liebten dort und niemals werden sie das Land wieder verlassen.


    Flaminio, sein Diener, ist ein Angehöriger des unterdrückten Volkes und befindet sich im Zwiespalt zwischen Patriotismus und der Obhut für den erblindeten alten König. Solchen Vortrag hört er nicht gern. Wenn der König nicht schlafen kann, tobt er, betet er, oder er erinnert sich. Nun will der Alte von ihm wissen, ob er ihn hasst. Flaminio möchte natürlich seinen Platz als Befehlshaber in der Burg und Vertrauter des Königs nicht verlieren, ist aber auch nicht feige und stolz wirft er dem alten König vor, dass er die Region versklavt habe. Auf den Hügeln von Altura kam er, Flaminio, zur Welt, dort wo auch die geliebte Prinzessin geboren wurde. Ausschließlich um den Frieden zu erhalten, übereignete man Fiora dem Eroberer. Avito ein Prinz seines Volkes war vorgesehen, sie zu heiraten. Jetzt ist sie auf Befehl die Gemahlin Manfredos. Gegen ihren Willen wurde sie mit dem Königssohn verheiratet und Prinz Avito um seine Braut geprellt.


    Dieser lässt sich jedoch nicht abschütteln, ist unbemerkt über die Mauer geklettert und treibt Kurzweil mit der Prinzessin in deren Gemächern, während Manfredo im Felde versucht, kriegerischen Notwendigkeiten nachzukommen. Flaminio hat nun Sorge zu tragen, dass der alte König den Übergriff auf die Familienehre nicht mitbekommt - eine heikle Aufgabe. Träume sind dem Alten verweigert und der Schlaf flieht ihn. Gleich einer lästigen Biene spielt er mit seinen Lidern, seitdem das Schicksal die Sehkraft seinen Augen genommen hat. Der Tag graut, die Laterne, welche dem heimkehrenden Manfred in der Nacht leuchten sollte, erlischt.


    Die warnende Flöte ertönt schon eine ganze Weile, aber die Verzückung dauert an und die beiden Wonnetrunkenen können mit ihrem Liebesduett kein Ende finden. Er behauptet, sie konsumiere ihn mit ihrem Feuer vollständig, dass er sich wie neugeboren fühlt. Sein glühendes Herz ist eine Herbstzeitlose, die sie kontinuierlich pflücken möchte, meint sie nun wieder. Ohne seine Lippen habe sie keinen wirklichen Frieden.


    Nun aber nichts wie weg! Der Alte öffnet seine Kammertür, greift sich Fiora und will von ihr wissen, mit wem sie soeben gesungen habe. Er bemerkt, wie aufgeregt sie ist und wie sie zittert. Sie behauptet, ein Selbstgespräch geführt zu haben. Das kann nicht sein. Der Alte will die Wahrheit wissen und sagt ihr, dass sie sich wie ein Kind verhalte, welches lügt wegen nichts. Weshalb zittert sie, wenn sie die Wahrheit sagt. Nun, er zittert doch auch und lügt nicht. Sie konnte nicht schlafen und ging auf die Terrasse, weil sie an ihren Ehemann Manfredo denken musste. Falsch ist sie und verlogen, sie soll nicht mit Ausreden kommen. Er hat bemerkt, wie ein Schatten über die Terrasse die Burg verlassen hat. Er weiß, dass sie betrügt und es ist der Terror eines Kindes, aber er muss ihre Lügen umarmen, um nicht gezwungen zu sein, seinem Sohn die Wahrheit zu künden.


    Flaminio hat beobachtet, dass Manfredo eingetroffen ist und sich bereits auf der Zugbrücke befindet. Der König bittet ihn, den Prinzen zu empfangen. Traurig erwartet ihn der König auf der Terrasse, seine Emotion verbergend. Mit ihm kommt das Licht – Vater und Sohn umarmen sich. Für ein paar Tage hat er sich aus dem Feldlager entfernt und will ein wenig bleiben, um an der Seite der heißgeliebten Gemahlin auszuruhen. Wenn er doch für immer bleiben könnte! Die Belagerung gestaltet sich andauernder, als erwartet.


    Schläft Fiora noch? Wie kostbar ist diese Rückkehr für ihn. Nach heißem Schlachtgetümmel nun endlich die verdiente Belohnung! War das ein Gemetzel! Fiora wird ihn noch mehr lieben, wenn sie erst erfährt, wie tapfer er gekämpft hat und wie ein Fels in der Brandung gestanden ist. Sie wird es lernen, ihn heiß zu lieben. Hat der Vater das Lamm der Unschuld während seiner Abwesenheit auch gut bewacht?


    Fiora, Fiora, kleine Blume, wirf dich an die Heldenbrust! Seine Arme werden sie zu dem schönen Bett aus Elfenbein tragen. Wie ein verirrtes Lamm soll sie sich in den schützenden Falten seines Herzens bergen. Fiora zittert - natürlich vor Wonne. Merkt der König nun, dass der Sohn sein wahres Glück gefunden hat. Viel Sonne geht von seinem Herzen aus und multipliziert sich mit dem parfümierten Licht, welches der geliebte Schatz ausströmt. Archibaldo dankt seinem Gott, dass er ihn hat erblinden lassen und bittet darum, dass dieser Zustand anhalten möge.


    Zweiter Akt:


    Manfredos Gesicht zeigt tiefe Betrübnis und er möchte von Fiora wissen, warum sie ihm mit Zurückhaltung entgegentritt. Einmal mehr muss er sie verlassen und er ist niedergedrückt, denn er empfindet, dass es ein Abschied für immer sein wird. Fiora ist um Ausflüchte nicht verlegen. Sie sagt, dass die Freude, die sie über das Wiedersehen mit dem Gemahl empfunden habe, durch die Ankündigung seiner plötzlichen Abreise untergraben wurde und deshalb sei sie ohne Worte. Sie kennt ihn – immer ist er weit weg und immer, wenn er zurückkehrt, erzählt er, dass er bald wieder abreisen wird.


    Nein, so ist es nicht, seine Gemahlin spricht zu ihm, als ob sie einen Feind vor sich habe. Versteht Fiora, versteht sie seine Betrübnis? Sie soll ihm doch erzählen, was sie grämt. Garnichts betrübt sie, sie sei nur ungehalten, dass er sie schon wieder verlässt. - Aber er wird doch zurückkommen und er hat nichts anderes im Sinn, als ihr teures Leben rundherum mit Liebe aufzufüllen. Sie soll ihm etwas geben, ein kleines Geschenk, welches er an sein Herz drücken kann, wenn er weit weg von ihr ist. Sie soll etwas auswählen, was sie ihm geben könnte. Es würde ihm Frieden geben. Er bittet inständig.


    Die Stunde der Abreise ist verkündet. Die mutigen Kameraden erwarten ihn auf der Brücke, die Pferde werden ungeduldig, Mit jugendlichem Elan stürmt die Truppe vorwärts und schäumt vor Lebenslust. Manfredos Stimmung ist düster. Fern von aller Menschlichkeit weint sein Herz bittere Tränen. Ohne jede Freude ist er und er denkt mit Angstgefühlen an seine Liebe, die er zurück lässt. Aber warum ist in ihm so viel Liebe und warum wird er sich zum Abschied umdrehen zu dieser herrlichen Festung, die in der Abendsonne rot aufleuchtet. Ohne das komfortable Gefühl, geliebt zu werden, wird er davon reiten über den Weg, der sich durch das Tal schlängelt, bis er den Fluss kreuzt. Die Bäume verdecken die Festung und nur der Turm wird in der Ferne zu erkennen sein.


    Eine letzte Bitte hat er an die geliebte Fiora. Seine Seele, sein Trost soll noch verweilen und dann auf den Wall steigen und mit ihrem Schleier winken und einen Gruß senden zu ihrem Mann, wenn er scheidet und am Horizont entschwindet. Sie soll die Tränen trocknen von seinem nackten Herzen. Um das bittet er sie - um nichts mehr. Fiora ist sichtlich gerührt und verspricht es. Noch einmal küsst er sie und eilt dann schluchzend davon.


    Langsam steigt Fiora die Stiege empor, die zur höchsten Spitze des Walles führt. Gekleidet wie ein Burgwächter tritt Avito aus der Tarnung. Er hat Manfred hinterher geschaut und sieht nun Fiora auf sich zukommen. Wie ist seine Anwesenheit zu erklären. Flaminio steht auf seiner Seite und hat ihm die Verkleidung verschafft. Avito ist unerkannt immer in ihrer Nähe gewesen, mit seiner Seele und seinem besorgten Geist hat er sie beobachtet. Eine plötzliche Verzweiflung wallt in Fiora auf. Sie will Avito nicht wiedersehen und kann ihn nicht länger lieben. Möge seine Stimme in ihren Ohren niemals mehr widerklingen. Sie bittet ihn, zu gehen. Ist es Fiora, die so zu ihm spricht, so verzweifelt? Will sie nicht sagen, dass sie sein ist, auf immer. Fiora wurde vom Mitgefühl erobert. Eine düstere Ruhe durchdringt ihre Seele. Sieht Avito nicht, dass ihr Mann soeben gegangen ist? - Warum sagt sie nicht, dass ihr Mann gekommen ist? - Er soll sie in Frieden verlassen. -Fiora verlassen? Wo soll er sein Leben suchen? Gehen, niemals!


    Man hört jemanden kommen. Avito soll weggehen. Fiora steigt die Stufen hinab und die Dienstmagd stellt eine kleine Truhe auf die Bank. Manfredo habe ihr ein Geschenk hinterlassen und als sie die Truhe öffnet, findet sie einen langen weißen Schleier. Sie erinnert sich ihres Versprechens, nimmt den Schleier heraus und steigt die Stiege wieder empor. Die Männer sieht sie fortreiten. Sie schwenkt den Schleier dreimal und dann, schwächer werdend, noch zweimal.


    Avito ist zurückgekommen. Er möchte Fiora noch einmal sehen. Er wird sie verlassen, für immer. Wenn sie ihm einen letzten Kuss nicht gönnen will, möchte er doch einmal den weißen Schleier berühren der so herrlich von ihrem süßen Parfüm duftet. Fiora verweigert es ihm. Hat sie ihm nichts mehr zu sagen. Ihre Stimmung wechselt. Die Kraft der Liebe ist stärker als Durst und Hunger, sogar stärker als das Leben.


    Fiora bekennt, dass sein Leben ihr Leben ist. Sie beklagt das Missgeschick, welches ihre Zusammengehörigkeit verhindert. Er bittet, sich auf ihn zu besinnen, aber sie versucht standhaft zu bleiben und wedelt erneut mit dem Schleier, um Manfredo Lebewohl zu winken. Nun schickt er sich an, zu gehen. Fiora ruft ihn zurück. Er soll nicht fragen, sondern den goldenen Saum ihres Gewandes küssen. Damit ist Avito aber nicht zufrieden. Er will auch die Hand küssen, welche die Nadel hielt, um den goldenen Saum zu besticken. Der Weg vom Rocksaum zu den Knien ist nicht weit. Ah, die erfrischende Stimme von Fiora, wie sie ihn entzückt. Er hat das Gefühl, dass er ein Bouquet süßester Blumen an sein Herz presst. Er fühlt seinen Kopf eintauchen in die Blumenblätter. Jetzt ruft er nach ihrem Mund. Avito! Avito! Lass das!. Avito ist durstig, er küsst sie hingerissen. Ihre Arme umschließen ihn, so dass sie das Winken mit dem Schleier zwangsläufig unterbleibt. Wie im Traum gleiten die Liebenden durch den Äther in den Himmel.


    Der Aufenthalt im Himmel ist allerdings nur von kurzer Dauer. Archibaldo vermisst die Schwiegertochter. Fiora, Fiora, wo bist Du? Flaminio behauptet, dass er niemanden sehe. Avito verschwindet, aber nicht leise genug. Flaminio schaut über die Mauer und bemerkt, dass Manfredo zurückgekommen ist. Archibaldo ist erstaunt über die unerwartete Rückkehr des Sohnes und Flaminio soll ihm entgegengehen.


    Nun ist er mit seiner Schwiegertochter allein, die sich schließlich doch zu Wort melden musste. Ihre lügnerische Stimme sticht ihm in den Ohren. Mit wem ist sie zusammen gewesen? Fiora leugnet, und behauptet, dass niemand anwesend war, aber der Alte hat sich entfernende Fußtritte gehört und beharrt auf die korrekte Beantwortung seiner Frage. Fiora wird die Situation zu dumm und plötzlich richtet sie sich auf wie eine Viper. Nun, wenn er es unbedingt wissen will, ihren Freund, ihren Liebsten, hat sie geküsst. Sie verunglimpft ihren Schwiegervater und ist nicht länger bereit, sich jagen und tyrannisieren zu lassen. Hass empfinde sie und sie sehne sich nach Vergeltung.


    Sie soll ihm den Namen des Verführers nennen. Doch Fiora verlangt mit Manfredo zu sprechen, der gleich kommen wird. Der Alte greift nach ihr und hält sie gewaltsam fest. Sie soll den Namen sagen! Manfredo lässt sich betören und wird ihre Schuld vergeben - der König nicht, außer wenn sie spricht. Also, sie soll sagen, wie der Verräter heißt. ‚Süßer Tod’ ist sein Name. Gut, wenn sie gestorben ist, wird der König ihren Liebhaber zu greifen wissen. - Dann soll er sie doch leben lassen, damit sie ihn verteidigen kann, wenn er angeklagt wird. Damit ist das Maß voll. In einer Aufwallung von Zorn drückt Archibaldo der Aufsässigen die verlogene Kehle zu. Ein letzter Seufzer und Fiora haucht ihr junges Leben aus.


    Ruhe, tiefe Nacht umgibt die brutale Tat. Die Grausamkeit des Blutes ist der einzige Atem um ihn herum. Manfredo kommt. Der verlorene Sohn wird zittern nach der Überraschung, die er ihm bereitet. Mit seinem massigen Körper stellt sich der Alte vor die Leiche und erwartet die Ankunft des Sohnes.


    Man hört seine Stimme von weitem nach Fiora rufen. Er fragt den Vater, ob Fiora vielleicht von der Mauer gefallen ist, weil plötzlich das winkende weiße Tuch nicht mehr zu erkennen war. Archibaldo bittet den Sohn um sein Schwert, damit er es in sein Herz stoßen kann. Er soll nicht näher kommen. Fiora hat er töten müssen. Was ist passiert? Die Liebste existiert nicht mehr? Gibt es einen schlimmeren Schrecken auf dieser Welt, der dieser Abscheulichkeit von ihrer Abwesenheit gleichkommt? Was sagt der Vater da? Fiora ist unrein geworden vor Anbruch der Nacht?


    Sie betrog den Gatten in seinem eigenen Haus. Während sie betrügerisch mit dem Schleier winkte, ergab sie sich einem anderen. Deshalb wurde das Wedeln vorzeitig eingestellt. Uneinsichtig wollte Fiora den Namen des Verräters nicht nennen und hatte nur Hohn und Spott für das Verhör des zornigen Vaters. Seine rächenden Finger bekamen die Abscheuliche zu fassen und drückten die Gurgel zu. Ein anhaltender Seufzer beendete ein unwürdiges Leben.


    Manfred kann es nicht fassen. War das kindgleiche Herz tatsächlich einer großen Liebe fähig. Nicht er war der Begünstigte, sondern ein anderer. Weinen möchte er an ihrer Brust. Das kann er natürlich ungehindert tun. Er kann seine Lippen auf ihren schmutzigen Mund drücken, so wie der unbekannte Verräter es kurz vor ihm getan hat, um sich mit seinem Speichel zu vereinigen. Der Vater soll ihm erzählen, wer der Unbekannte war. Er weiß es nicht, denn er ist blind, aber er wird nach seinem Schatten suchen und es wird dem Schurken nicht gelingen, sich zu verstecken - man wird ihn ergreifen zu seiner Freude.


    Er soll nachsehen, an ihrem Nacken wird er die Spuren des Todes sehen, verursacht durch die väterlichen Finger. Manfredo soll ihm den Weg durch den Klang seiner Fußtritte anzeigen. Stumm geht Manfredo in seinem intensiven Gram voraus. Der Alte hebt den toten Körper Fioras auf und legt ihn sich über die Schulter. Schlurfenden Schrittes folgt er ihm in das Innere der Burg.


    Dritter Akt:


    In der Krypta der Burgkapelle liegt Fiora festlich ganz in weiß zur letzten Ruhe gebettet. Jung und Alt nehmen letzten Abschied von ihrer geliebten Fürstin. Eine junge Frau ist von weit her angereist, um sie ein letztesmal zu sehen. Die Lilie wurde getötet im Lebensfrühling inmitten der Blumen. Manche Frauen wollen erkennen, dass ihre Augen nach Rache rufen. Erzählen möchte die Tote, dass der alte Mann – wahrscheinlich war er es – sie abgeschlachtet hat, bevor Manfredo kam. Schreckliche Tat, zerquetschtes Herz! Fiora muss gerächt werden. Die Männer ermahnen die Frauen zur Andacht – schließlich befindet man sich in einer Kirche.


    Nacht fällt herab. Alle gehen und einer kommt. Es ist der Prinz von Altura. Nun mit der geliebten Frau allein. Fiora soll jetzt sprechen - er wartet. Er wird nicht aufschauen, bevor die geliebte Seele etwas gesagt hat. Sie schweigt und nun begreift Avito, dass sie tatsächlich tot ist. Ihre Hände sind kalt. Jetzt will er noch einmal den Mund küssen, den er so oft begehrt hat. Dieser ist auch kalt und steif. Sein armes Leben! Welche Qual, nicht mehr für sich zu haben, was ihm gehört hat. Ja, immer hat er sie geliebt und er liebt sie noch, selbst im Tod. Er wünscht sich von ihr einen letzten Seufzer ihrer Seele. Avito klettert auf ihren Körper und küsst inbrünstig ihre Lippen. Dann bäumt er sich auf. Er fühlt, wie ihm eiskalt wird, aber sein Herz zu tanzen beginnt. Wie herrlich nach all dieser Pein. Plötzlich fühlt er sich beobachtet.


    Der Ankömmling ist Manfredo: ‚Na, da bist du endlich. Nun haben wir dich gefangen.’ Ist es Avito, den Fiora erhörte? Was will Manfredo von ihm? Kann er nicht sehen, dass er kaum noch sprechen kann? - ‚Das ist in Ordnung so. Du bist bereits so gut wie tot.’ Mit Gift von machtvoller Wirkung sind die Lippen der Toten bestrichen worden. Er hat sie geküsst, er hat sie entweiht und jetzt muss er sterben. Avito ist der Ansicht, dass derjenige ein Sakrileg begeht, der einen fremden Mund mit todbringender Masse bestreicht.


    Manfredo erklärt, die Tat selbst nicht begangen zu haben, der Papa hat es angeordnet. Es freut ihn aber, nun seinen Rivalen kennen zu lernen. Er möchte doch gern von ihm wissen, ob Fiora ihn tatsächlich geliebt habe. Manfredo soll sich mit seiner Rache beeilen und ihn töten, bevor sein Schicksal ihn ereilt. Er versucht ein paar Schritte zu gehen und fällt dann hin.


    Zu einem feierlichen Abschied vom Leben ist ein Opernchor unentbehrlich. Er singt, dass Liebe hoch springt wie eine Fontäne; der Schöpfer hat sie erfunden, um seinen Kreaturen Licht zu geben. Manfredo ergreift ein tiefes Bedauern mit dem Rivalen. Er klagt, dass Gott ihm die Gabe, hassen zu können, nicht verliehen habe. Aber Fiora soll ihn in seiner Düsternis und seiner tiefen Einsamkeit nicht allein lassen. Er möchte zu ihr zurückkehren und zu seiner letzten Stunde auf dieser Welt soll sie ihm behilflich sein. Für immer will er bei ihr ruhen. Er küsst ihre Lippen und geschwind kriecht der Tod durch seine Adern. An ihrer Seite bleibt er leblos liegen.


    Archibaldo kommt geschlurft. Hat er den Schuft endlich gefasst! Er möchte das kalte Herz fühlen, wie es im Tode zuckt. Es ist sein Sohn, den er betastet! Manfredos letzte Worte klären den Blinden über seinen Irrtum auf. Archibaldo will ihm ins Reich der Schatten folgen. Ob er auch vom Gift nascht, erfährt der Opernbesucher nicht, weil der Vorhang vorzeitig fällt.


    Anmerkungen:


    Ursprünglich als Literaturstück für das Sprechtheater konzipiert, gelangte das Werk Sem Benellis im Jahre 1910 erstmalig zur Aufführung. Italo Montemezzi erkannte den praktischen Wert für das Musiktheater. Der Dichter straffte es zu einem Libretto zu dem der Komponist – sich an den Verismo anlehnend - eine dramatische melodienreiche Musik komponierte. Die einzelnen Charaktere waren sorgfältig ausgefeilt und wurden von Montemezzi mit dankbaren gesanglichen Aufgaben betraut.


    Einen eigentlichen Schuldigen gibt es in dem konfliktreichen Drama nicht. Jeder handelt zwangsläufig zu dem das Schicksal die Vorgabe gibt. Die Verstrickungen sind unausweichlich. König Archibaldo, von Norden kommend, hatte vierzig Jahre zuvor das Land erobert. Später hat er verfügt, dass die Prinzessin, die dem Thronfolger der einheimischen Dynastie zur Frau versprochen war, seinen Sohn Manfredo zu heiraten habe. Manfredo liebt die schöne Fiora aufrichtig und verzweifelt, dass er keine Gegenliebe findet. Durch einen Feldzug abgehalten, muss er ständig von ihr getrennt leben. Avito lässt sich nicht so ohne weiteres die Braut wegnehmen. Die beiden treffen sich heimlich und setzen ihre alte Liebesbeziehung fort. Archibaldo ist inzwischen erblindet und kann seine Umgebung nur bedingt wahrnehmen. Er erinnert sich unablässig an die Zeit, als er ein junger Krieger war und zur Eroberung fremder Gebiete auszog. Sein Vertrauter Flaminio schwankt zwischen Patriotismus und seiner Sorgepflicht für den alten König. Also nicht die übliche Schablone, sondern sorgfältig erarbeitete Charaktere tragen einen Konflikt aus, für den es keine Lösung gibt und in der Tragödie endet.


    Ezio Pinza und Cesare Siepi nahmen sich mit ihren voluminösen Bässen des greisen Archibaldo an. Lucrezia Bori, Grace Moore und Rosa Ponselle waren berühmte historische Darstellerinnen der Fiora. In jüngerer Zeit fand Anna Moffo Gefallen an der Partie der Frau, die schicksalhaft zwischen zwei Männern wählen muss und vom Schwiegervater erwürgt wird.


    © 2010 TAMINO - Engelbert

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    Peter Iljitsch Tschaikowski (1840-1893)


    Dornröschen
    Spjaschtschaja Krasawitsa
    The Sleeping Beauty - La Belle au bois dormant


    Ballett in einem Prolog und drei Akten


    op. 66, entstanden 1888/89

    Libretto von Iwan Wsewoloishki und Marius Petipa
    nach dem Märchen von Charles Perrault


    Zeitdauer über zwei Stunden


    Uraufführung am 3. Januar 1890, Marijnskij-Theater, St. Petersburg


    Choreographie: Marius Petipa
    Bühnenbild: Andrejew, Botscharow, Iwanow, Lewgt, Schischkow
    Kostüme: Iwan Wsewoloishki
    Ausführende: Carlotta Brianza - Pawel A. Gerdt - Maria M. Petipa - Enrico Cechetti - Warwara Nikitina - F. I. Kschessinsky - Giuseppina Cecchetti


    Charaktere:
    Prinzessin Aurora, unser Dornröschen
    Prinz Desiré, auch Florimund genannt
    Die Fliederfee, gutmütig geartet
    Carabosse, die böse Fee, unheilstiftend
    König Florestan XXIV. und die Königin Catalabutte,
    Zeremonienmeister, trottelig
    Vier Prinzen, Bewerber um Auroras Hand Vier Feen: Die Diamant-Fee, die Saphir-Fee, die goldene und die silberne Fee


    Das Geschehen spielt in Frankreich im 16. Jahrhundert



    HANDLUNG



    Prolog: DIE TAUFE


    Obwohl es nur ein Mädchen geworden ist, wird im Palast König Florestans die Kindtaufe der Prinzessin Aurora mit allem Pomp gefeiert. Die aufgestellten Gabentische biegen sich unter der Last der Geschenke. Die Hochzeitsgäste bringen nicht nur Babykleidung und Spielsachen, sondern das Neugeborene bekommt auch immaterielle Werte wie Liebreiz, Schönheit und Begabung in die Wiege gelegt.


    Dem Ballettpublikum muss erklärt werden, dass König Florestan diplomatische Beziehungen zum Geisterreich unterhält und der Zeremonienmeister Catalabutte hat anstelle des Pfarrers schöne Feen zum Wiegenfest eingeladen. Sie sollen dem Kind beistehen, das Lebensschicksal zu meistern und rechtzeitig zur Stelle sein, wenn Unheil droht.


    Gefahr ist bereits im Anzug. Es mag dahin gestellt bleiben, ob die Fee Carabosse absichtlich oder aus Versehen nicht eingeladen worden ist. Die Missachtete kommt in einer von Ratten gezogenen Kutsche vorgefahren und begehrt Einlass. Wieso steht ihr Name nicht auf der Gästeliste? Der Zeremonienmeister entschuldigt sich vielmals, dass die Einladungskarte auf dem Postweg verloren gegangen sein könnte. Jedoch die Erboste lässt sich nicht verschaukeln, rupft dem Pflichtvergessenen unter dämonischem Gekicher die Haare büschelweise aus und verstreut sie auf dem Parkett. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich sodann auf die Wiege. Der unschuldigen kleinen Prinzessin flucht sie, dass sie sich an ihrem sechzehnten Geburtstag in den Finger stechen und sterben werde. Ohne die Buttercremetorte auch nur angerührt zu haben, braust die Rachsüchtige mit ihrem merkwürdigen Gefolge davon.


    Die königlichen Eltern sind tief bestürzt, doch die Fliederfee beschwichtigt: An einem Nadelstich in den Finger stirbt man nicht, sofern keine Blutvergiftung vorliegt. Neutralisieren kann sie den Fluch ihrer unangenehmen Kollegin nicht, aber auch sie sei eine mächtige Fee. Die Prinzessin wird nicht sterben, sondern lediglich ins Koma fallen, aus dem der feurige Kuss eines jungen Prinzen sie erlösen wird. Alle sind erleichtert und die anwesenden Damen – jung wie alt – wünschen sich, dass der junge Prinz anschließend auch einmal bei ihnen vorbeikommen möge.


    Erster Akt: DER ZAUBER


    Die Prinzessin ist sechzehn geworden und feiert Geburtstag. Strahlend schön, zieht sie die heiratsfähigen Prinzen aus allen Himmelsrichtungen an den königlichen Hof. Es wird getanzt und gefeiert und jeder der jungen Prinzen möchte die Begehrenswerte mit nach Hause nehmen und den Eltern vorstellen. Aber auch die Bauern aus dem Dorf sind guter Dinge und dürfen mit ihrer Prinzessin feiern. Trotz aller Verlockungen des Hoflebens ist Aurora naiv und bescheiden geblieben und erfreut sich am Anblick einer duftenden Rose mehr, als an kostbarem Geschmeide. Diese Neigung ist allgemein bekannt und die vier Thronfolger, die nachdrücklich bei den königlichen Eltern um ihre Hand angehalten haben, kommen preiswert davon, denn jeder schenkt der Prinzessin eine Rose. Von der Gabe angetan, tanzt die Naturverbundene mit allen Bewerbern nacheinander einen Pas de deux.


    Alle Nadeln, darunter fallen Nähnadeln, Stricknadeln, Stecknadeln und Sicherheitsnadeln, sind aus dem Königreich verbannt worden. Kleidungsstücke werden mit Gürteln zusammengehalten, weil Knöpfe nicht mehr angenäht werden können. Der Haushofmeister Catalabutte hat erhebliche Probleme, für die Einhaltung der königlichen Bestimmungen zu garantieren.


    Eine alte Frau hat sich Zutritt zum Bankettsaal verschafft. Die Personenkontrolle war nachlässig und bemerkte nicht, dass die Unbekannte eine Spindel in ihrem Gepäck mit sich führt. In bunte Girlanden eingewickelt überreicht sie der Prinzessin das Geschenk. Diese kann mit dem Spielzeug nichts anfangen, weil der Nutzwert des Gegenstandes nicht zu erkennen ist. Die gefährliche Spitze übersieht die Unaufmerksame und sticht sich in den Finger, aus dem ein Blutstropfen hervorquillt. Von Schmerz gepeinigt, wirbelt Aurora um die eigene Achse und sinkt bewusstlos zu Boden. Unter ihrer bäuerlichen Kleidung erkennen nun alle die triumphierende Carabosse. Man erinnert sich an ihren furchtbaren Fluch und die vier Prinzen wollen sich mit gezogenem Degen auf die Missetäterin stürzen. Diese kann dem Druck der öffentlichen Meinung nicht länger standhalten und zieht es vor, in einer Rauchwolke schleunigst zu verschwinden.


    Jetzt muss sich die Fliederfee etwas einfallen lassen, wie dem armen Kind zu helfen sei. Die Gutwillige hat ihre Zauberkünste nicht so recht im Griff und wenig Augenmaß für die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Sie erhebt ihren Zauberstab und völlig unsinnig entsteht zum Erstaunen des anwesenden Publikums um den Palast ein dichter Wald. Aufsteigender Bühnennebel lässt das Ausmaß des wuchernden Naturwunders nicht in vollem Umfang erkennen.


    Unter magischem Einfluss bleiben alle Schlossbewohner plötzlich wie angewurzelt stehen. Jeder behält die Pose inne, die er zuletzt eingenommen hat und schlummert ein. Der Ballettbesucher sollte den überflüssigen Zauber als Missgeschick einer geistig Überforderten abtun. Es hätte völlig ausgereicht, nur Aurora in Schlaf zu versenken, aber offenbar war die Dosis zu stark, so dass der Zauber sich automatisch in weitem Radius verteilte. Keinesfalls ist zu befürchten, dass bei der herrlichen Musik von Peter Tschaikowski der Ballettbesucher auch einschläft.


    Zweiter Akt: DIE ERSCHEINUNG


    Hundert Jahre sind ins Land gezogen und die Geschichte von dem verwunschenen Schloss haben sich nicht alle gemerkt. Die Fliederfee bemüht sich redlich, ihre Zusagen einzuhalten, ist aber bisher zu keinem Resultat gekommen. Listig versucht sie, mit allen Tricks einen geeigneten Prinzen für die geplante Heldentat zu begeistern


    Prinz Desiré, der mit seinen Gefährten auf einer Waldlichtung lagert, ist das Opfer ihres jüngsten Experiments. In einem Boot aus Perlmut, von Schmetterlingen gezogen, nähert sich die Magierin dem Jüngling. Um ihr Ziel zu erreichen verlegt sie sich aufs Gaukeln und stachelt durch die Vorführung von Traumbildern sein männliches Begehren an. Eine schlafende Schöne liege in ihrem Himmelbett und sehne sich nach dem erlösenden Kuss, der sie aus ihrem Dämmerschlaf befreien soll. Die Vision zerfließt, doch immerhin hat die Fliederfee den Feigling so weit gebracht, dass er zum Schloss geführt werden möchte.


    Im Widerspruch zum Literaturmärchen muss Florimund - wie sein Nickname lautet - das Dornengestrüpp nicht selbst mit seinem Schwert beseitigen, sondern die Fliederfee nimmt ihm zum Verdruss von Caraboss, die sich auf die Lauer gelegt hat, die Gartenarbeit ab. Florimund ist auch nicht gefordert, am Spalier hochzuklettern, denn das Baldachin-Bett steht nicht mehr im Turmzimmer, sondern im Schlosshof. Der Prinz macht einen Hechtsprung und schon liegt er auf Dornröschen. Ein wilder Kuss aufs Mäulchen erlöst die Schöne aus ihrem Koma. Mit Wohlgefallen betrachtet Prinzessin Aurora den neuen Bettgefährten und damit ist der Bann, der das Schloss seit hundert Jahren lähmt, gebrochen. Die Schlossbewohner sind in der Zwischenzeit nicht gealtert, fühlen sich munter und der Küchenchef kann dem Lehrbuben endlich die zugedachte Ohrfeige verpassen.


    Dritter Akt: DIE HOCHZEIT


    Natürlich ist Prinz Desiré für seine Heldentat angemessen zu entlohnen. Er bekommt Prinzessin Aurora zur Gemahlin und wird eines Tages neben ihr die Thronfolge antreten, weil Aurora ein Einzelkind ist und es keine weiteren Anwärter auf den Thron gibt. Die bevorstehende Hochzeit wird pompös gefeiert.


    Carabosse ist auch diesmal nicht eingeladen und der Sicherheitsdienst wurde sorgfältig instruiert, die Einfahrt einer Rattenkutsche in den Schlosshof abzublocken und die Verkehrsschranke unten zu lassen.


    Der Zeremonienmeister hat für ein aufwendiges Unterhaltungsprogramm gesorgt, welches der König und die Königin vom erhöhten Thronsitz aufmerksam verfolgen. Die Märchenfiguren aus der Kollektion „Contes de la mère l’Oie“ des Dichters Charles Perraults - es sind Harlekin und Colombina, Pierrot und Pierrette, der gestiefelte Kater, Rotkäppchen, Cinderella, ein Zwerg und ein Menschenfresser und viele andere - formen sich zu einer Polonaise.


    Den Höhepunkt bildet jedoch ein Pas de quatre, der von vier Feen aus dem Reich der Mineralien und Edelmetalle getanzt wird. Im Pas de Charactére tanzt der gestiefelte Kater mit einer weißen Katze. Ein weiterer Auftritt, von Holzbläsern getragen, ist zwei blauen Vögeln gewidmet, die einen weiteren Höhepunkt des Abends darstellen.


    Selbstverständlich hat Peter Tschaikowsky zum Schluss des Balletts einen Pas de deux für das Hochzeitspaar vorgesehen, damit den Besuchern die Geschichte von der Prinzessin, die durch den Mut eines Prinzen aus einem hundertjährigen Schlaf wieder mobil gemacht wird, in Erinnerung bleibt.



    Anmerkungen:


    „Dornröschen“ ist die totale Verkörperung des Ideals eines abendfüllendes Balletts, welche die Romantik hervorgebracht hat, ein Markstein der Geschichte des Tanztheaters. Es hat viele neue Fassungen gegeben, die sich aber fast alle an die Choreographie Petipas anlehnen. Die großen Ballerinen haben sich gedrängt, die Partie der „Sleeping Beauty“ tanzen zu dürfen.


    Diaghilews Balletts Russes wurde durch die spektakulären Aufführungen in London fast an den Rand des Ruins gedrängt. Erstaufführung im Londoner Alhambra Theater fand 1921 statt. Titel: „The Sleeping Princess“.


    Vom dritten Akt, der aus wenig Handlung und vielen Divertissements besteht, gibt es eine eigene Fassung unter dem Titel „Le Mariage d’Aurore“ (Die Hochzeit Auroras)


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Licinio Refice [1883-1954]
    Margherita da Cortona


    Legende in einem Prolog und drei Akten


    Libretto von Emidio Mucci


    Uraufführung am 1. Januar 1938 in Mailand, am Teatro alla Scala,
    unter dem Dirigenten Franco Capuana


    Charaktere:
    Margherita (Sopran) Büßerin und Nonne
    Ihr Vater (Bass)
    ihre Stiefmutter (Mezzo-Sopran)
    Arsenio, (Bariton) ein Adeliger
    Uberto (Tenor) ein Adliger
    Chiarella (Sopran) eine Hirtin
    Ein Jagdaufseher (Bass)
    Ein Richter (Bass)
    und weitere


    Das Geschehen spielt im 13. Jahrhundert in Italien



    HANDLUNG


    Prolog


    Margherita hat das elterliche Haus verlassen, weil der Vater wieder geheiratet hat. Die Stiefmutter ist ihr nicht wohlgesonnen ist und die Kleine bekommt ständig Prügel.


    Erster Akt:


    Wenn die Natur ein armes Mädchen mit Schönheit gesegnet hat und es seine Chance nutzt, kann es durchaus überleben. Ein begüterter Adeliger greift die Verlassene auf und macht die zu seiner Konkubine. Moralische Bedenken verschwinden schnell, wenn man Hunger hat und ein Dach über dem Kopf in Aussicht gestellt wird.


    Doch das Schicksal schlägt zu, denn Arsenio wird ermordet. Der Tod ereilt ihn auf der Jagd. Die Zurückgebliebene unternimmt einen Versuch, zu ihrem Vater zurückzukehren. Doch die Stiefmutter blockt ab und die Tochter wird nicht mehr ins Haus gelassen.


    Der Verdacht des Mordes fällt auf Chiarella und ihren Bruder. Die Hirtin war von Arsenio ebenfalls verführt und dann abgeschoben worden. Margherita hatte sie unabsichtlich verdrängt und ihren Platz eingenommen.



    Zweiter Akt:


    Der Nächste bitte! Ein Anderer bietet seine Hilfe an und Margherita wechselt das Lager. Der Begünstigte ist Uberto, ein politischer Gegner Arsenios.


    Das Schoßhündchen Margheritas findet die Leiche Arsenios, die schon halb verwest ist. Margherita ist gänzlich schockiert und flüchtet sich in den religiösen Wahnsinn. Schon bald findet ihre Spürnase heraus, dass Uberto der Mörder ihres verflossenen Liebhabers ist.


    Chiarella und ihr Bruder werden zum Tode verurteilt. Margherita regt sich wahnsinnig auf und bietet dem
    Richter stellvertretend ihr Leben an, wenn er die beiden frei lässt. Sie nennt den Namen des Täters, doch Uberto unterstellt ihr Schwachsinn. Der Richter ist ein gütiger, weiser Mann und setzt die Vollstreckung des Urteils aus.



    Dritter Akt:


    Margherita ist nach Cortona umgezogen und Franziskanerin geworden. Der Adel schart sich um Uberto.
    Die Nonne engagiert sich auch politisch. Mit einem mächtigen Kreuz tritt sie aus dem Kirchenportal
    und verhindert einen Bürgerkrieg.


    Wie einst Thais von Alexandria tut die Reumütige fleißig Buße. Zur Messe erscheint sie immer mit einem Strick um den Hals. Bei der einfachen Bevölkerung macht es Eindruck, wenn jemandem seine Sünden Leid tun. Margherita wehrt sich gegen jede Art von Verehrung und behauptet, sie sei eine Unwürdige.


    Vergeblich, denn die Kirchenmaler späterer Jahre verleihen ihr einen Heiligenschein. Keiner versäumt es, sie mit Hündchen abzubilden, damit jeder Gläubige sogleich weiß, welche Heilige auf dem Votivbild zu sehen ist.



    Anmerkung:


    Licinio Refice ist in erster Linie Komponist von geistlichen Werken. Er studiert am Liceo die Santa Cecilia in Rom und wurde 1910 zum Priester geweiht. Neben Lorenzo Perosi (1872-1956) gilt er als Reformator der Sakralmusik und bekleidet von 1911-1947 die Position des Dirigenten an der Capella Liberiana an Santa Maria Maggiore in Rom.


    Seine Liebe zur Oper konnte der Geistliche nicht verheimlichen. Er komponierte in späten Jahren zwei Werke dieser Gattung. Gegenstand der Beschreibung waren Personen der kirchlichen Ikonographie. Als Hauptwerk gilt 'Margherita da Cortona'. Der Komponist starb in Rio de Janeiro während der Vorbereitungen für eine Aufführung seiner Oper 'Cecilia'. Renata Tebaldi sollte die Titelpartie übernehmen.


    © Oktober 2010 – Engelbert Hellen

    Lieber Operus


    Ich habe fast 20 Jahre in Konstanz am Bodensee gewohnt, mich aber nie dazu verleiten lassen, Kutteln zu essen. Allein der Name hat mich abgeschreckt. Dagegen Schwäbischer Wurstsalat mit Zwiebelscheiben gibt es hier in Hamburg ebenfalls nicht und der hat mir gutgeschmeckt. Allein der Name ist schon schmackhaft. Genau so wenig den Gewürztraminer zum Trinken. Saumagen habe ich auch noch nie gegessen.


    Freundlichen Gruß
    :angel:
    Engelbert

    Lieber Operus,


    Was sind Kutteln? Sind das geschnetzelte Kuheuter. Als ich in Marokko in Urlaub war, habe ich abgeschnitte behaarte Ziegenköpfe an den Ziegenbärten gebündelt auf dem Fleisch- und Gemüsemarkt gesehen. Die Fliegen hatten ihren Spass daran. Für die Eimischen ist gesottener Ziegenkopf möglicherweise ein Leckerbissen.


    Muss ich das respektieren und hochachten oder darf ich auch missbilligend weggehen. Wo kommen wir dahin, wenn wir uns jeden Unfug und kommentarlos einverleiben. Ich habe meine positive Meinung zu Richard Strauss gesagt ohne zu erwearten, dass alle anderen sie teilen und genau so erklärt, dass ich eine Abneigung gegen Halleluja-Musik habe. Es darf doch jeder wählen oder nicht. Im Prinzip lasse ich jedem Tierchen sein Pläsierchen, möchte aber bei der Wertschätzung schon differenzieren.


    :angel:
    Engelbert

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    Serge Prokofieff (1891-1953)


    Romeo und Julia
    Romeo i Dschuljetta


    Ballett in vier Akten

    Werkverzeichnis: op. 64
    Libretto: Radlow, Pjotrkowsky, Lawrowsky und Prokofieff nach William Shakespeare
    Uraufführung am 11. Januar 1940, Kirov-Theater, St. Petersburg; vorab 30. Dezember 1938 in Brünn


    Choreographie:
    Leonid Lawrowski
    Ausstattung: Pjotr Williams
    Ausführende:Galina Ulanova – Konstantin Segejew – A. Lopuchow - S. Karen


    Charaktere:
    Romeo - Junger Mann aus dem Hause Montecchi (Montague)
    Julia - Junge Dame aus dem Hause Capulet
    Mercutio - Freund Romeos
    Tybalt - sein Widersacher
    die Amme - Julias Vertraute
    Bruder Lorenzo - Beistand in geistlichen und weltlichen Dingen
    Die Eltern Julias - Wohlhabende Veroneser
    Paris - Wunschkandidat der Eltern für Julia
    Der Herzog - zuständig für den Strafvollzug
    Volk von Verona zur Karnevalszeit.


    Das Geschehen spielt in Verona im 16. Jahrhundert



    HANDLUNG


    VORSPIEL


    Erster Akt:


    In der schönen Stadt Verona liegen die beiden vornehmen Familien, der Montecchi und der Capulet miteinander in Fehde, welche sich in Erbfolge durch die Generation quält. Man erinnert sich nicht mehr, wie es angefangen hat - es gefällt aber beiden ehrbaren Familien, Zwist und Blutrache zu pflegen. Die Vernunftbegabten wissen aber auch, dass aus sinnlosem Hass nur Unheil entstehen kann. Deshalb sind die Familienoberhäupter doch ein bisschen bemüht, die Emotionen in Grenzen zu halten und Lust auf Tätlichkeiten in den Anfängen zu ersticken, zumal der Herzog bei Übergriffen beiden Familien mit drakonischen Strafen gedroht hat.


    Romeo, der Jüngste aus dem Hause der Montecchis, macht einen Spaziergang durch die Straßen Veronas, um die Morgenstimmung zu genießen und seiner Rosalinde ein Ständchen zu bringen. Die Stadt erwacht und die Menschen freuen sich auf den neuen Tag. Die Capulets sind auch schon auf den Beinen – und wie der Teufel es will, gibt es sogleich eine Rauferei zwischen den hitzigen jungen Leuten. Das Volk von Verona kennt diese Szenen zur genüge, ist vorbereitet und läutet die Sturmglocke. Der Herzog erscheint und beeilt sich, unter Androhung von Verbannung, die Streithähne auseinander zu bringen.


    Es ist Karnevalszeit und bei den Capulets bereitet man sich auf den abendlichen Ball vor. Die Amme hilft Julia beim Ankleiden und die Tochter des Hauses fühlt sich in die Zeit zurückversetzt, als sie noch ein Mädchen war. Fein herausgeputzt treffen die ersten Gäste ein und gruppieren sich zum Tanz.


    Wer nun auf dem Fest der Capulets überhaupt nichts zu suchen hat, ist Romeo. Sein Gesicht durch eine Maske verdeckt, hat er sich mit seinen Kumpanen Mercutio und Mervolio eingefunden, um das prickelnde Abenteuer zu genießen, die Gepflogenheiten der feindlichen Familie aus der Nähe zu studieren. Die schöne Julia tanzt mit Paris, den die Eltern ihr zum Gemahl auserkoren haben. Sie gewahrt Romeo, ein einziger Blick reicht und die jungen Leute fühlen sich voneinander angezogen und verlieben sich unsterblich ineinander.


    Mercutio verhält sich auffällig, erzählt unangebrachte Witzchen und wird von Tybalt erkannt. Während Romeo und Julia bereits heftig miteinander flirten, will der Tybalt den ungebetenen Montecchi hinauswerfen, doch dem Familienoberhaupt gelingt es, den Hausfrieden zu bewahren. Alle Gäste haben sich jedoch verzogen.


    Verliebten Mädchen fällt immer ein verschwiegenes Plätzchen ein, um ungestört mit dem Schatz plaudern zu können, selbst wenn es der Balkon ist. Für den Pas de deux wird es allerdings ein bisschen eng. Die Gefühle der beiden haben rasch Orkanstärke erreicht.


    Zweiter Akt:


    Volksfeststimmung auf dem großen Platz in Verona! Romeo denkt unentwegt an Julia. Die Amme Julias hat ihn ausfindig gemacht und steckt ihm ein Briefchen mit einem Ring zu. Wenn das kein Versprechen ist? Es ist ein Versprechen! Heimliche Hochzeit der beiden Verliebten! Schlechten Gewissens verbindet Bruder Lorenzo sie in seiner Klause fürs Leben.


    Das Volksfest hat seinen Höhepunkt erreicht. Tybalt und Mercutio mögen sich absolut nicht leiden und geraten in Streit. Es kommt zu Waffengeklirr und Romeo, der frisch Verheiratete, will die beiden auseinanderbringen, stellt sich dazu aber ungeschickt an. In der Hitze des Gefechts tötet Tybalt den Mercutio, was Romeo veranlasst, das Lebenslicht Tybalts auszulöschen. Die Capulets beweinen ihren toten Familienangehörigen. Der Herzog wendet die Härte des Gesetzes an und Romeo soll am nächsten Morgen aus der Stadt verbannt werden. Ohne gerichtliche Untersuchung des Sachverhaltes - ein mildes Urteil!


    Dritter Akt:


    Romeo stiehlt sich ins Haus der Capulets und verbringt mit seiner jungen Frau die Brautnacht. Die Amme ist ihnen wohlgesonnen und bewacht das Schlafgemach der Liebenden. Die Eltern erscheinen und haben den Schwiegersohn ihrer Wahl gleich mitgebracht. Julia versucht sie umzustimmen und will den Rat von Bruder Lorenzo einholen.


    Der Franziskaner ist um Ränke nicht verlegen, diesmal stellt er sie in den Dienst einer guten Sache. Er denkt, dass eine Ehe zwischen zwei Mitgliedern der verfeindeten Familien endlich den ersehnten Frieden bringt. Ein merkwürdiges Tränklein hat der Kräuterkundige in der Klosterküche gebraut. Es enthält ein Nervengift, welches die Bewegungsfähigkeit von Julia vorübergehend lahm legen wird. Als Scheintote wird sie eine vorübergehende Bleibe in der Familiengruft finden, und es wird vom handwerklichen Geschick Romeos abhängen, die Erstarrte unbemerkt dort herauszuholen. Kommunikationsprobleme lassen das Unterfangen scheitern.


    Julia tut zum Schein so, als ob sie der Hochzeit mit Paris zustimmen würde. Die ahnungslosen Eltern bereiten die Hochzeit vor, während Julia absprachegemäß das Tränklein zu sich nimmt und wie geplant das Bewusstsein verliert. Bestürzung bei den Eltern und bei der Amme. Die Tränen fließen. Belebungsversuche scheitern. „Die Mädchen von den Antillen“, ursprünglich als Brautjungfern vorgesehen, übernehmen die Totenklage.


    Vierter Akt:


    Romeo hat man die Nachricht vom Tod Julias überbracht. Sein Schmerz kennt keine Grenzen und dabei benötigt er keine Zuschauer. Er ersticht mit seinem Degen kurzerhand den armen Paris, der an der Bahre Julias ebenfalls seinem verlorenen Glück nachtrauert. Sodann legt der gute Romeo Hand an sich selbst.


    Als Julia aufwacht, sieht sie neben sich zwei frische Leichen. Von beiden Kadavern wählt sie den Geliebten aus, um ihn ein letztes Mal innig zu umarmen. Sodann ist die Reihe an ihr, sich zu entschließen ihrem unwert gewordenen Leben ein gewaltsames Ende zu setzen.


    Fünf Tote reichen aus, um Shakespeare sein Drama beenden zu lassen. Die Liebenden von Verona haben sich im Kollektivbewusstsein der Menschen festgesetzt und stehen symbolisch für verliebte Zweisamkeit junger Menschen, die wie Romeo und Julia ebenfalls mit Jugend und Schönheit reich gesegnet sind.


    Anmerkungen:


    Vom Kirow-Theater in St. Petersburg wurde das Ballett ohne Angaben von stichhaltigen Gründen zurückgewiesen, so dass Moskau den Zuschlag bekam. Auch hier gab es Probleme und die Realisierung des Projektes verzögerte sich. Die eigentliche Premiere fand dann in Brünn statt. Sie hatte den Charakter des Provisorischen, so dass die Einstudierung unter Lawrowski – St. Petersburg hatte sich endlich bequemt – in den Ballettführern der 11. Januar 1940 als Premierendatum genannt wurde.


    Es folgten viele Umarbeitungen, in London von Frederick Ashton und in Stuttgart 1962 - von John Cranko inszeniert - hatte das Ballett dauerhaften Erfolg.


    Die Komposition knüpft an Glasunov und die großen Ballettmusiken Tschaikowsky an. Die Musik selbst enthält eine Serie zündender Einfälle, die im Ohr haften und sich als Variation häufig wiederholen, so dass der Zuhörer den Ablauf von mehr als zwei Stunden Dauer mühelos durchstehen kann.


    Es hat sich stets als praktisch erwiesen, umfangreiche Partituren zu stutzen, um auch im Konzertsaal gehört zu werden. Bevor das Ballett aufgeführt wurde, kannte man die Musik im Jahre 1936 bereits aus den Rundfunkprogrammen, verteilt auf drei Suiten.


    © 2011 TAMINO - Engelbert





    SZENENFOLGE


    01 .Ouvertüre


    ERSTER AKT


    02. Romeo
    03. Die Straße erwacht
    04. Morgentanz
    05. Der Streit
    06. Der Kampf
    07. Der Herzog gebietet Einhalt


    08. Zwischenspiel


    09. Vorbereitungen zum Ball
    10. Julia als junges Mädchen
    11. Ankunft der Gäste
    12. Masken
    13. Tanz der Ritter
    14. Variation der Julia
    15. Mercutio
    16. Madrigal
    17. Tybalt
    18. Gavotte
    19. Balkonszene
    20. Variation des Romeo
    21. Liebestanz


    ZWEITER AKT


    22. Volkstanz
    23. Romeo und Mercutio
    24. Tanz der fünf Capulets
    25. Tanz mit Mandolinen
    26. Die Amme
    27. Die Amme gibt Romeo einen Brief
    28. Romeo bei Pater Lorenzo
    29. Julia bei Pater Lorenzo
    30. Das Volksfest geht weiter
    31. Ein weiterer Volkstanz
    32. Tybalt stößt auf Mercutio
    33. Tybalt und Mercutios Kampf
    34. Mercutio stirbt
    35. Romeo rächt Mercutios Tod
    36. Finale


    DRITTER AKT


    37. Introduction
    38. Romeo und Julia
    39. Romeo trennt sich von Julia
    40. Die Amme
    41. Julia weigert sich, Paris zu heiraten
    42. Julia allein
    43. Zwischenspiel
    44. Zelle von Pater Lorenzo, Vermählung
    45. Zwischenspiel
    46. Erneut in Julias Kammer
    47. Julia allein
    48. Morgenständchen
    49. Tanz der Brautjungfern
    50. An Julias Bett


    VIERTER AKT – EPILOG


    51. Julias Begräbnis
    52. Julias Tod


    ;)

    Lieber Hammel,


    ich würde auch im Traum nicht auf die Idee kommen, die Opern von Richard Strauss als wenig wertvoll anzusehen.
    Die Erkennungsszene aus 'Elektra', der Schlussgesang aus 'Daphne' oder die Überreichnung der 'Silbernen Rose' gehören für meine Begriffe zum Schönsten, was jemals komponiert wurde.


    ;)


    Für mich ist liturgische Musik (Messen) ein Ärgernis, würde sie aber nicht mit dem Prädikat 'Mist' belegen, sondern gehe einfach auf Distanz.


    :angel:
    Mit freundlichen Grüßen

    'KRITIK' ist ein hartes Wort - 'Bewertung gefällt mir' etwas besser! An mir prallen fremde Gutachten eigentlich alle ab.


    Bei Tonträgern verlasse ich mich auf Erfahrungswerte und Fingerspitzengefühl. Ich schraube meine Ansprüche nicht sehr hoch, weil ich meistens froh bin, eine Rarität überhaupt zu bekommen. Ich weiß, dass eine Einspielung von vielen Fakten abhängt und naturgemäß 'nicht alles in Butter' sein kann. Bei Standardwerken ziehe ich Youtube zu Rate. Geistlose 'Kostümklamotten' weise ich ebendo zurück wie 'krampfhaft Originelles'. Ich bin genötigt, Zugeständnisse in beide Richtungen zu machen und es enttäuscht mich nicht, wenn die negativen Aspekte manchmal überwiegen. Das Licht gehört zum Tag und die Dunkelheit zur Nacht.


    :angel:
    Engelbert

    Ich weiß von drei Einspielungen mit Ruth Welting, die sich alle in meiner Sammlung befinden:







    Die hochkarätige Stimme betört durch Mühelosigkeit und Leichtigkeit mit der sie der Philine an der Seite von Marilyn Horne als Mignon unverwechselbares Profil verleiht.


    :angel:
    Engelbert

    .


    Igor Strawinsky (1882-1971)


    Der Feuervogel
    Zhar’-Ptitsa - L’Oiseau de Feu


    Ballett in drei Szenen
    Entstanden: 1910
    Libretto nach einem russischen Volksmärchen
    Uraufführung am 25. Juni 1910, Opéra Paris unter Serge Diaghilews Ballets Russes
    Choreographie: Michael Fokine
    Bühnenbild und Kostüme: Golowin und Bakst


    Charaktere:
    Iwan Zarewitsch
    Der Feuervogel
    Der Zauberer Kastschei
    13 Prinzessinnen
    Monster als Bewachungspersonal
    Entzauberte Kavaliere


    Das Geschehen spielt in Russland zur Märchenzeit



    STRUKTUR:


    Erstes Bild :


    1. Kastscheis Zaubergarten
    2. Iwan Zarewitsch verfolgt den Feuervogel
    3. Tanz des Feuervogels
    4. Iwan Zarewitsch fängt den Feuervogel ein
    5. Flehen des Feuervogels


    Zweites Bild:


    6. Die Prinzessinnen spielen mit den goldenen Äpfeln
    7. Überraschendes Auftreten des Prinzen Iwan
    8. Reigen der Prinzessinnen


    Drittes Bild:


    9. Morgengrauen
    10. Schrillen der Glocken, Auftritt der Monster und Iwans Gefangennahme
    11. Auftritt Kastscheis, Dialog und Fürsprache der Prinzessinnen
    12. Erscheinen des Feuervogels, Höllentanz von Kastscheis Kreaturen unter
    dem Zauber des Feuervogels
    13. Wiegenlied des Feuervogels
    14. Kastscheis Untergang
    15. Dunkelheit, Verschwinden des Zaubergartens und Neubelebung der
    verzauberten Steine
    16. Allgemeiner Jubel



    HANDLUNG


    Erste Szene:


    Iwan Zarewitsch hat sich auf der Jagd verirrt und ist in den geheimnisvollen Obstgarten des Zauberers Kastschei eingedrungen. Dieser hat die Angewohnheit, alle schönen Prinzessinnen, die sich verlaufen haben, in seinen Palast einzusperren und ihre Begleiter in Steine zu verwandeln. Die Mädchen haben keine weiteren Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, als mit den goldenen Äpfeln zu spielen, die an den Bäumen im Garten hängen.


    Iwan sieht einen schönen Fasanenvogel mit rotgoldenen Federn im Garten herumhüpfen, hascht nach ihm und fängt ihn ein. Dieser nutzt die Gebärdensprache und bittet den Prinzen, ihn wieder freizulassen. Sein gutes Herz belohnt der Feuervogel mit einer Schwanzfedern, die er sich ausrupft und dem Prinzen als Souvenir schenkt. Die Feder hat – wie sich später herausstellt – magische Kräfte. Wenn man damit wedelt, hält sie bösartige Angreifer auf Distanz.


    Zweite Szene:


    Zur Zeit hat Kastschei 13 Prinzessinnen inhaftiert, die nachts Ausgang haben. Von ihrem Liebreiz ist der Prinz begeistert. Natürlich sucht er sich die Schönste aus dem Angebot heraus und lässt sich von ihr erzählen, was der böse Zauberer so alles anstellt. Ihre Kavaliere hat er gefangengenommen und in Steine verwandelt, um sie in seine Mineraliensammlung einzufügen. Alle Mädchen müssen wieder ins Haus, sobald die Sonne aufgeht. Der Prinz soll ihnen nicht folgen, bitten sie, weil das viel zu gefährlich ist. Bei Hausfriedensbruch kennt der Gebieter keine Nachsicht.


    Dritte Szene:


    Einem Prinzen steht es gut an, wenn er mutig ist und sich nicht einschüchtern lässt, damit er später etwas zum Prahlen hat. Sein männlicher Instinkt lässt Iwan Zarewitsch nicht ruhen. Er folgt den Mädchen nach und löst dabei unbeabsichtigt die häusliche Alarmanlage aus.


    Mit einem Heer von bösartigen kleinen Monstern nähert sich der Hausherr persönlich, um dem unbefugten Eindringling die Rechtslage zu erläutern. Hat er das Schild „Betreten des Grundstücks verboten“ nicht gelesen? Iwan schwenkt die Zauberfeder und kann die unmittelbaren Angriffe auf Leib und Leben zunächst abwehren, verhindert aber schließlich seine Gefangennahme nicht. Die Prinzessinnen versuchen zu beschwichtigen und legen vergeblich Fürbitte für den Prinzen ein. Der Feuervogel wird durch den Tumult angelockt und zwingt die Brut mittels Zauberkraft bis zum Umfallen zu tanzen


    Kastschei verfügt über ein Geheimnis, welches der Feuervogel allerdings kennt. Die Seele des mächtigen Zauberers, gleichzeitig sein Lebensmotor, ruht in einem Ei und das Ei liegt in einem Kästchen und das Kästchen ist verschlossen. Iwan Zarewitsch findet den Behälter und zerschlägt das Ei. Der bösartige Zauberer verzieht das Gesicht, verrenkt seine Glieder und gibt seinen Geist auf. Mit dem Magier verschwindet auch der Zaubergarten, die Obstbäume mit den goldenen Äpfeln und die Villa. Eigentlich schade!


    Die Prinzessinnen sind nun frei und ihre Begleiter auch. Man hat jetzt das logistische Problem auf dem kürzesten Weg wieder nach Hause zu finden. Der Feuervogel kümmert sich um nichts, sondern flattert grußlos davon.



    Anmerkungen:


    Die Vertonung wurde zunächst Anatol Liadow, einem Schüler Rimsky-Korssakows, vorgeschlagen, der jedoch ablehnte. Daraufhin bekam der junge Igor Strawinsky von Diaghilew den Zuschlag. Das Libretto entstand im Zusammenwirken aller Künstler.


    Erwartungsgemäß hat das Ballett mehre Fassungen, die nach Gutdünken des Ballettmeisters unterschiedlich zusammengestellt werden.


    Eine futuristische Version stammt von John Neumeier und wurde in Frankfurt aufgeführt. Iwan ist hier ein Weltraumflegel und Kastschei hat ein Monitorgesicht.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    .



    Serge Prokofieff (1891-1953)


    Die steinerne Blume
    Kamenni swetok - The Stoneflower


    Ballettmusik in 4 Akten und einem Prolog
    (Eine andere Version hat 3 Akte)


    Werkverzeichnis op. 118
    Libretto: Mira Mendelssohn-Prokofjewa und L. Lawrowski
    nach den Erzählungen aus dem Ural “Die Malachitschatulle” von Pawel Bazhow
    Uraufführung am 12. Februar 1954 in Moskau, Bolschoi Theater



    Charaktere:
    Danilo, Steinschnitzer
    Katharina, Seine Verlobte
    Die Herrin des Kupferberges
    Severjan, Besitzer der Kupfermine
    Der Feuergeist


    Das Geschehen spielt im 19. Jahrhundert in Russland in der Region des Ural



    HANDLUNG

    Die Kunstfertigkeit des Steinschnitzens entwickelt der junge Danilo zur Meisterschaft. Er hat eine schöne Malachitvase hergestellt, die er seiner Verlobten Katharina am Vorabend ihrer Hochzeit schenken möchte. Er erstrebt das vollkommene Kunstwerk und ist auf der Suche nach der steinernen Blume, um damit sein Gefäß zu veredeln. Katharina ist ihm gefolgt und beide tanzen einen Pas de deux. Sie sind heftig ineinander verliebt und bringen dies durch ihre Bewegungen zum Ausdruck.


    Der Grubenbesitzer Severjan hat jedoch ebenfalls ein Auge auf Katharina geworfen und umwirbt diese. Er will dem Leibeigenen beides wegnehmen, das Mädchen und die Vase. Danilo behauptet, die Vase sei noch nicht fertig. Das Mädchen erteilt dem aufdringlichen Bewerber eine Abfuhr. Danilo ist ärgerlich, weil ihm seine Schnitzerei nicht gelingen will, zerstört die Vase und flüchtet in den Wald. Er verirrt sich in das Reich der Herrin des Kupferberges, die ihm ihre Schätze zeigt und ihn umwirbt, was er sich gern gefallen lässt.


    Danilo ist verschwunden und Katharina wartet am Hochzeitsmorgen vergeblich auf ihn. Severjan unternimmt erneut Annäherungsversuche und das Mädchen setzt sich mit einer Sichel zur Wehr. Nun entschließt die Verlassene sich, den Bräutigam zu suchen.


    Im Dorf herrscht Jahrmarktstreiben. Eine Gruppe von Zigeunern taucht auf. Severjan wird durch eine Zigeunerin, die es auf ihn abgesehen hat, abgelenkt. Die Herrin des Kupferberges erscheint ebenfalls auf dem Fest und kommt Katharina zur Hilfe. Auf der Verfolgungsjagd lässt sie den zudringlichen Freier im Erdboden versinken.


    Katharina sucht weiterhin nach ihrem Bräutigam. Sie hält Unterstützung durch das Funkenmädchen Ognewuschka-Poskakuschka, welches aus dem Feuer springt, als sie sich wärmen will. Beide machen sich gemeinsam auf die Suche und finden den Vermissten im Kupferberg. Danilo hat sich sehr nach ihr gesehnt, aber jedes Mal wenn er fliehen will, verwandelt ihn die Hausherrin in Stein. Katharina will den Geliebten von ihr zurück erhalten, was diese zunächst verweigert. Entgegenkommend schlägt sie vor, dass Danilo sich zwischen beiden selbst entscheiden soll. Er wählt Katharina und der Rivalin bleibt nichts anderes übrig, als die Entscheidung anzuerkennen. Nun kann Hochzeit gefeiert werden.


    Anmerkungen:


    Der Komponist erlebte die Uraufführung seiner “Steinernen Blume” nicht mehr, weil seine Widersacher die geplante Uraufführung jahrelang verhinderten. Das Ballett hatte zunächst keinen Erfolg, gehört aber heute weltweit zum festen Bestandteil des Ballett-Theaters. Der Handlungsablauf passt sich der jeweiligen Choreographie an.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    .


    Jacques Ibert (1890-1962)


    Das Einhorn
    oder der Triumph der Keuschheit


    La Licorne ou Le Triomphe de Chasteté


    Ballett
    Entstanden 1950
    Angeregt durch Ruth Page
    Uraufführung 1973
    Gewidmet dem Chikago Ballett



    INHALTSANGABE


    Das Einhorn, welches nur von einer Jungfrau gebändigt werden kann, tanzt auf den Mondbergen. Eine Schar Jäger und Jägerinnen jagen es vergeblich, bis ein junges Mädchen versucht, es zu besteigen. Die Jäger kehren zurück und verstärken ihre Anstrengungen, das Einhorn zu fangen. Diana, die Göttin der Keuschheit interveniert und erlaubt dem Einhorn zu entkommen – mit seiner Reiterin.


    Anmerkungen :


    Flämische Webkunst mag Pate gestanden haben, als Jacques Ibert seinen Klangteppich für die Partitur dieser reizvollen Ballettmusik zauberte. So wie die Backgrounds der Tapisserien schillert und trillert das Tongemälde in gleicher Lebhaftigkeit und passt sich exakt dem Handlungsablauf an. Zuweilen wirkt die Musik rhythmisch, oft getragen, mal verträumt, selten dissonant. Die einzelnen Gruppen des Orchesters, ob es nun die Holzbläser oder die Streicher sind, behandelt der Komponist mit gleicher Wertschätzung und überlässt von Fall zu Fall auch dem einzelnen Instrument die Dominanz. Die individuelle Handschrift Iberts verleiht der Ballettkomposition den Status eines Meisterwerks, nachzuvollziehen in einer Einspielung des Philharmonischen Orchesters von Nizza Ende der siebziger Jahre. „Die Dame mit dem Einhorn“ war ein beliebtes Motiv für mittelalterliche Wandbehänge. Ritter, welche sich ihrer Dame in unartiger Absicht näherten, liefen Gefahr, vom kräftig entwickelten Horn des Huftieres aufgespießt zu werden.


    Für den Konzertsaal hat der Komponist eine Suite zusammengestellt, die etwa 20 Minuten dauert und folgende Satzbezeichnungen führt: Einleitung – Tanz des Einhorns – Marsch – Tanz der Jäger – Tanz des jungen Mädchens – Tanz der Jägerinnen – Walzer – Rumba – Andante nobile et Postlude


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    Wenn man in die kürzlich erschienene DVD hineinhört, lässt sich sich durchaus eine Entscheidung fällen, ob man sich der Einspielung aus München mit Simone Young zugeneigt fühlt oder nicht. Mein erster Eindruck von der Inszenierung war extrem positiv, obwohl lindgrün gewandete Haubentaucher mir auf dem Jungfernstieg noch nie begegnet sind. Sie lockern den spröden Text ein wenig auf und bringen frischen Wind in Pfitzners liturgisches Gedönse. Endlich berkommt man Regie-Theater auch einmal von der angenehmen Seite zu spüren und Christopher Ventris scheint der Partie des Palestrina durchaus gewachsen zu sein. Unfreiwilliger Humor sorgt für Ablenkung und lässt den Zuschauer die anstrengenden Textpassagen unbeschadet bis zum Schluss durchstehen. War die Sixtinische Kapelle einer Damengesellschaft auch untersagt, so so darf Palestrina in seinem privaten Palais grün angestrichene Kanarienvogelweibchen so viele halten wie er will – der Ausstatter freut sich und das Publikum genießt es.




    Einstweilen ist die Anschaffung der Kubelik-Kassette als Standardwerk des 'Palestrina' dem Opernfan eine Pflichtübung. Das Erscheinen in den siebziger Jahren wurde sehnsüchtig erwartet und der DGG gelang es sogar, sich Nicolai Gedda für die Titelpartie von der EMI auszuleihen. Die Bezeichnungen auf der Besetzungsliste zergehen auf der Zunge. Namen wie Fischer-Dieskau (Borromeo) – wie immer er auch phrasiert -, Morone (Weikl), Prey (Graf Luna!), van Kesteren (Patriarch von Assyrien), lassen das Herz höher schlagen.


    Die beiden Jungen wurden als Hosenrolle von Fassbaender und Donath optimal begriffen. (Zu dieser Zeit habe ich in der Hamburger Staatsoper die Fassbaender life erlebt, als sie den Ochs von Lerchenau zusammenbrüllte.) „Wunder ist Möglichkeit“ lautet auch eine Headline in der sorgfältig ausgestatteten Kassette – damals herrschten noch LP-Zeiten. Heute wird zum Nutzen des Verbrauchers der Inhalt dieser Kassette von einem Billigpreis-Label zum Spottpreis verramscht.



    Der User ist hart gefordert, sich die ausufernden Monologe von Borromeo und Palestrina im Detail zu Gemüte zu führen. Zugeflogen kommt nichts. Es handelt sich um den ewigen Generationskonflikt: Die alten wollen im Gewohnten verweilen und die Jugend drängt es zu neuen Ufern. Man muss nicht religiös orientiert sein, um die Oper zu genießen, man kann ganz einfach die Sache nur von der psychologischen Seite betrachten. 'Palestrina' ist schlechthin das Meisterwerk, welches abgewandt vom Wagner- und Strauss-Rummel der deutschen Opern-Romantik den krönenden Abschluss verlieh, bevor mit Zemlinsky und Schreker die Klassische Moderne der neuen Zeit ihren Stempel aufdrückte.


    Ich würde dem Kauflustigen jetzt den Rat geben, sich die DVD in jedem Fall als Lockmittel anzuschaffen, aber die CD zusätzlich wegen des dokumentarischen Wertes hinzuzukaufen. Das Libretto ist zum Studium unumgänglich! Die meisten Sammler besitzen wahrscheinlich die LP aus den siebziger Jahren noch und dürfen sich glücklich schätzen.


    Wer gern in die Tiefe gehen möchte, kann sich den historischen Müll von Lorenz und Patzak nocheinmal hochkochen. Wie Sven Godenrath ganz richtig sagt, erübrigt sich die Einspielung mit Schreier. Frick ist ebenfalls nebensächlich, weil es sich bei der Partie von Pius IV. lediglich um eine Wurze handelt.



    Die Inhaltsangabe der Oper von Raphael bitte im Opernführer von TAMINO nachschlagen!


    Freundlichen Gruß



    Engelbert

    .


    Leonard Bernstein (1918-1990)
    Fancy Free


    Ballett in sieben Bildern


    Uraufführung: 18. April 1944 an der Metropolitan Opera New York unter der Leitung des Komponisten
    Choreographie: Jerome Robbins




    HANDLUNG


    Das Ballett konzentriert sich auf die Zeit kurz nach Eintritt Amerikas in den ersten Weltkrieg im Jahre 1944. Hinter dem Vorhang plärrt eine Musikbox, die den Blues „Bigg Stuff“ herunternudelt.


    Die Szene zeigt eine Straßenecke mit einem Laternenpfahl und einer Bar am Anfang einer Nebenstraße. New Yorker Wolkenkrater bilden den Hintergrund und schwankende Lichterketten simulieren ein swingendes Bühnenbild.


    Drei leicht angetrunkene Seeleute stolpern herein. Sie befinden sich auf einem 24stündigen Heimaturlaub in der Stadt und durchstreifen die Gegend nach Mädchen. Die Geschichte, wie sie erst ein Mädchen und dann ein zweites aufgabeln und um sie rangeln. Wie beide kein Resultat erzielen und sich schließlich an ein drittes Mädchen heranmachen, ist der Inhalt des Balletts.


    Anmerkung:


    Die Musik zu „Fancy Free“ ist nicht zwingend an eine Choreographie gebunden. Ursprünglich waren die sieben symphonischen Stücke für den Konzertsaal gedacht, wurden dann aber später vom Komponisten als Ballett eingerichtet. Wie in vielen Werke Bernsteins wird die Stadt New York verherrlicht, zu der Lenny eine besondere Affinität empfand. Das Werk entstand im Jahre 1944. Auftraggeber war das American Ballett-Theater. Die Partitur ist Adolph Green gewidmet. Eine sinngemäße Übersetzung des Titels könnte sein: „Phantastische Freiheit“ Die Aufführungsdauer beträgt etwa eine halbe Stunde.


    Die Inhaltsangabe erfolgt in Anlehnung an das Programmheft des New York City Symphony Orchestra von 1946



    Struktur:
    Anfang: Big Stuff (Blues)
    Erstes Bild: Opening Dance (Eröffnungstanz)
    Zweites Bild: Scene at the Bar (Szene an der Bar)
    Drittes Bild: Enter two Girls (Zwei Mädchen treten auf)
    Viertes Bild: Pas de deux
    Fünftes Bild: Competition Scene (Wettkampf)
    Sechstes Bild: Variation I (Galopp)
    Variation II (Walzer)
    Variation III Tanz)
    Siebtes Bild: Finale
    Schluss Big: Stuff (Blues)


    :angel:
    © 2011 TAMIN0 - Engelbert

    .


    Ludwig van Beethoven (1770-1827)


    Die Geschöpfe des Prometheus
    oder Die Macht der Musik und des Tanzes


    The Creatures of Prometheus - Les Créatures de Prometheus


    Heroisch allegorisches Ballett in zwei Aufzügen
    Widmung: Fürstin Maria Christine Lichnowsky


    Choreographie und Libretto: Salvatore Viganò
    Bühnenbild: Plasser
    Uraufführung am 28. März 1801 am Hoftheater in Wien


    Ausführende: Cesari (Prometheus) - Salvatore Viganò und Maria Casentini (Geschöpfe)


    Dauer etwa 60 Minuten


    Charaktere:
    Prometheus, Titan
    Geschöpf, weiblich
    Geschöpf, männlich
    Apollo, Gott der Dichtkunst und der Musik
    Musen: Terpsichore, Thalia, Melpomene
    Bacchus
    Pan



    HANDLUNG


    Das Vorspiel schildert geräuschvoll den heftigen Zorn des Himmels. Prometheus kommt aus dem Wald gelaufen und eilt zu seinen beiden Tonstatuen, denen er eiligst die himmlische Flamme ans Herz bringt. Danach legt er sich müde und bekümmert auf einen Felsen. Gemächlich fangen die Statuen an, sich zu bewegen. Prometheus sieht es mit Freude, kann aber keine Gefühle in ihnen erwecken. Seine Worte verstehen sie nicht und seinen Streicheleinheiten drehen sie den Rücken zu. Der Titan versucht durch Drohungen Wirkung zu erzielen, kommt aber keinen Schritt weiter. Er stellt fest, dass er Murks vollbracht hat und will die beiden Tonfiguren zerstören. Eine innere Stimme rät jedoch ab. Prometheus hat plötzlich eine Idee, nimmt die Geschöpfe bei der Hand und führt sie mit sich fort.


    Apollo und seine Musen haben ihren Wohnsitz auf dem Parnass. Die Szene ist strahlend erleuchtet. Prometheus kommt zu Besuch, um seine Geschöpfe vorzustellen. Diese brauchen Unterricht in Kunst und Wissenschaft. Apollo ist in guter Stimmung und die Musen sind geneigt, dass Ansinnen des seltenen Besuchers zu unterstützen. Euterpe, die Muse der Musik beginnt ihre ausdrucksvolle Weise. Apollo ergreift die Kithara, Amphion die Lyra, Arion und Orpheus stimmen ein. Das Experiment klappt, die beiden seltsamen Geschöpfe geben Zeichen von Vernunft und Überlegung von sich. Die Schönheiten der Natur gefallen ihnen. Sie erkunden die Umgebung und bleiben vor Prometheus stehen. Sie erkennen ihn ihm den Gegenstand ihrer Dankbarkeit und Liebe, fallen vor ihm nieder und umarmen ihn leidenschaftlich.


    Nun kommt Terpsichore, die Muse der Tanzkunst mit den Grazien, zusammen mit Bacchus und den Bacchanten führen sie einen heroischen Tanz auf. Die beiden Geschöpfe tanzen mit. Da aber tritt Melpomene, die Muse des Trauerspiels dazwischen und spielt den erstaunten Wesen eine tragische Szene vor, indem sie mit dem Dolche zu erkennen gibt, wie der Tod die Tage des Menschen beschließt. Sie stürzt mit dem Dolch auf Prometheus zu und tut so, als ob sie ihn töten will. Fassungslos und voll tiefer Trauer werfen sich die Geschöpfe über den Scheintoten. Pan versucht deren Trauer mit einer lieblichen Pastorale zu lindern. Bacchus erscheint erneut mit seinem Gefolge und es folgt sein ausgedehnter Solotanz. Thalia, die Muse des Lustspiels erklärt den beiden, dass alles nur Spaß war und tanzt mit den beiden einen Pas de trois. Pan an der Spitze seiner Faune ruft den Titanen wieder ins Leben zurück. Alle freuen sich und die mitwirkenden Götter Musen und Faune vereinen sich ausgelassen zum großen Finale.


    Anmerkung:


    Der Theaterzettel fasst anlässlich der Uraufführung in Wien zusammen, dass ein erhabener Geist, der die Menschen seiner Zeit in einem Zustand von Unwissenheit antraf, sie durch Kunst verfeinerte und ihnen Sitten beibrachte. Von diesem Grundsatz ging man aus und stellte zwei Statuen ins Ballett, die zu beleben waren. Durch die Macht der Harmonie sollten sie für alle Leidenschaften des menschlichen Lebens empfänglich gemacht werden.


    Der italienische Choreograph und Tänzer Salvatore Viganó (1769-1821) gab die Anregungen zu dem Ballett. Fast dreißig Aufführungen in den Jahren 1801/02 belegen die Beliebtheit des Werkes, obwohl man fand, dass die Beethovensche Musik nicht zwingend ballettgeeignet sei, weil das tänzerische Element weitgehend fehle. Joseph Haydn fand freundliche und beschwichtigende Worte.


    Das originale Textbuch ist verschollen, doch schon zur damaligen Zeit konnte der Handlungsablauf über die Schilderung des Tänzers Viganó rekonstruiert werden.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    Leopold I. (1640-1705)


    Il Lutto dell’Universo
    Die Trauer des Weltalls


    Oratorium - Heilige Handlung für das Grab des Herrn,
    italienisch gesungen


    Libretto von Francesco Sbarra,
    Deutsche Version von Richard Bletschacher
    Uraufführung am 29.03.1668, Wiener Neustadt


    Charaktere:
    Die Göttliche Barmherzigkeit -
    Die Göttliche Gerechtigkeit -
    Das Element des Feuers -
    Das Element der Luft -
    Das Element des Wassers -
    Das Element der Erde -
    Die Menschliche Natur -
    Der Heilige Petrus -
    Der Heilige Johannes -
    Die „Seligste Jungfrau“ -



    INHALTSANGABE


    Die Welt ist böse und hat Jesus von Nazareth ans Kreuz geschlagen. Gewissensbisse haben die vier Elemente, weil sie unfreiwillig zu Mittätern bei einer schweren Straftat herangezogen wurden.


    Zuerst beklagt sich das Wasser aus dem Jordan. Einst hatte es dem Erlöser den lichtbringenden Scheitel benetzt und seine Hände, die nie nachlassen wollten, göttliche Gnade zu spenden, gekühlt. Nun wird es gezwungen, dem ruchlosen Juda die unreinen Füße zu waschen.


    Die Erde, die einst als Werkstoff dem höchsten Meister diente die Wohnstatt der Menschen zu schaffen, soll nun das Blut vermischt mit Schweiß der lieblichen Sonne trinken, die im Kampf mit der Hölle den Sieg davongetragen hat.


    Das Feuer, welches als Säule in der Wüste den Menschen bei Nacht den Weg gewiesen hat, will dem wilden Volk nicht länger leuchten, welches in Hochmut daherkommt, um einen Gott zum Tode zu schleppen.


    Die Luft fühlt sich genötigt, das Schreien, Toben, Hohnlachen und Schmähen in alle Himmelsrichtungen davonzutragen, was nicht ihrer Berufung entspricht. Sie ist in erster Linie zum Einatmen gedacht.


    Die vier Elemente entrüsten sich, was das Zeug hält! Die Schuld befindet sich in Freiheit und die Unschuld liegt in Fesseln.


    Wieso vergeht die blinde Welt nicht in endlosem Schmerz ob solcher Schandtat, und warum hüllt der Himmel sich nicht in dunkle Schleier und duldet solchen Frevel? Die Krone aus Dornen durchbohrt die göttlichen Schläfen. Die wohltätige Hand hält ein schales Sumpfrohr als Zepter umklammert. Mit scharfer Beobachtungsgabe registrieren die Elemente jedes Detail der schrecklichen Geschehnisse und geben sich gegenseitig ihren Kommentar.


    „Die Menschliche Natur“ stimmt überein, dass Bestrafung der Missetat vonnöten sei und ist der Ansicht, dass die Elemente nicht klagen, sondern handeln sollen. Sie nimmt wahr, dass Sonne und Mond von Schrecken umzingelt werden und der Himmel sich verdüstert. Trauervoll und blutfarben verschwindet der Mond schließlich ganz. Voll unheilbringender Blässe ziehen die Planeten unlustig ihre Bahn. Die erhabene Halle des Himmels erbebt unter der Last fürchterlichen Geschehens. Nun wäre es an der Zeit, dass die Erde aus finsterer Mitte erzittert und die Pole sich entwurzeln sollten. Theoretisch müsste dies der letzte Tag sein für die ruchlose Welt.


    In hellem Schrecken, in düsterem Grausen, in wilder Qual und in bitterem Schmerz friert, seufzt, klagt und stöhnen die Erde, das Feuer, das Wasser und die Luft. „Die Menschliche Natur“ hetzt die Elemente auf nicht länger zu zaudern, sondern hart durchzugreifen, denn Tatenlosigkeit und Milde seien unangebracht. Tatsächlich lassen die Elemente sich mitreißen. Sie wollen verderben, verschlingen, versengen und verschlucken - alles, was sich bewegt.


    Doch nun meldet sich „Die Göttliche Barmherzigkeit“ zu Wort, weil sie sich in ihrer Kompetenz bedroht sieht. Wer hier zu sagen hat, bestimmt nur sie allein. Sie ist der donnernde Richter und wird jeden Arm entwaffnen, der es wagt, Blitze zu streuen. Der ewige Schöpfer will die Welt nicht vernichtet sehen – dafür hat er sie nicht geschaffen - sondern dem Menschengeschlecht, welches sich in Irrsal verfangen hat, Heilung bringen. Die Feuerschlünde der Hölle hatten sich bereits geöffnet und das unschuldige Blut des Himmelssohnes, ergab sich als einziges Mittel, die Übel der Welt zu waschen. Die Elemente sollen zu sich zurückkehren und sich an die zugewiesenen Pflichten erinnern, damit Chaos vermieden wird.


    So gelang es, der „Göttlichen Barmherzigkeit“ Frieden zu stiften und die aufgebrachten Kontrahenten zu beschwichtigen. In der zerbrechlichen Welt befand sich jede Seele in Gefahr, die dem Himmel lieb ist, wäre nicht von ganz oben Gottes einziger Sohn, Rettung bringend, hernieder gekommen. In den Abgrund, in die schlimmste Pein, wäre die Welt gestürzt, wenn nicht die „Ewige Liebe“ sich eingeschaltet hätte und der Menschensohn unmenschlichen Menschen nicht Hilfe gebracht hätte. Die „Göttliche Gerechtigkeit“ ist es zufrieden, dass nun wieder aufgeatmet werden kann und dem Pluto das grässliche Feuermaul gestopft wurde


    Der Heilige Petrus erinnert sich seiner unrühmlichen Vergangenheit und stellt die bange Frage, warum nicht ihn, den sündenbeladenen Mann, damals im nächtlichen Garten der Blitz getroffen, nachdem er den Erlöser dreimal verraten habe. Die beiden göttlichen Attribute schlagen vor, dass er nachträglich weinen soll, dann ist alles wieder in Ordnung gebracht. Was stellen die beiden unzertrennlichen Gefährten Gotte sich nun vor, wie es in der Welt weitergehen soll? Lohn und Strafe soll gleichmäßig verteilt werden. Dabei ist die Reue ein wichtiger Faktor. Auf die Reue folgt die Buße! Wer Gelübde nach oben sendet, wird den Himmel immer offen finden. Die Blume der Verzeihung ist um vieles lieblicher, wenn sie aus Tränen erwächst, sagt die „Göttliche Barmherzigkeit“ und die Blume der Gnade um vieles erquickender, wenn sie von Tränen genährt wird, urteilt die „Göttliche Gerechtigkeit“


    Der Heilige Johannes kommt noch hinzu und trauert, weil er damals davongelaufen sei. Als Lieblingsjünger hätte er den wilden Horden mehr Standfestigkeit entgegenbringen sollen. Die „Allerseligste Jungfrau“ nimmt seine Gewissensbisse nicht besonders wichtig.


    Es musste alles so kommen, wie es gekommen ist, sonst hätte das Heilswerk nicht vollbracht werden können. Vor allem muss das Gemüt sich ändern. Heiterkeit, Freude und Sanftmut, sind die geeigneten Weggefährten des Menschen, damit die Welt weiterhin existieren kann.



    Anmerkungen:


    Was den Ernst und die Tiefe der Inspiration angeht, war seine Kaiserliche Majestät, Leopold I., in seinen Musikwerken den Hofkomponisten überlegen. Unter diesen befand sich kein Geringerer als Antonio Cesti, des Schöpfers der monumentalen Oper „Il pomo d’oro“ und der „Orontea“, das sarkastische Gegenstück.


    Die Chronik berichtet, dass der Komponist Antonio Cesti bei der Uraufführung des Oratoriums die Bassparti des „Elementes der Erde“ gesungen haben soll. Verbürgt sind Aufführungen des Oratoriums an den Karfreitagen vom 23. März 1674 und 27. März 1682 in Anwesenheit der kaiserlichen Familie.


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