Beiträge von Engelbert

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    Erich Wolfgang Korngold [1897-1957]
    Der Ring des Polykrates


    Heitere Oper in einem Akt und zehn Bildern


    Libretto vom Komponisten
    in Anlehnung an das Drama gleichen Namens von Heinrich Teweles


    Uraufführung am 28. März 1916 in München


    Op 7, entstanden 1914,


    Dauer ca. 70 Minuten


    Darsteller:
    Wilhelm Arndt, Hofmusikdirektor
    Laura, seine Frau
    Florian Döblinger, Paukenschläger und Notenkopist
    Lieschen in Lauras Diensten
    Peter Vogel, Wilhelms Freund.


    Schauplatz ist eine kleine sächsische Residenz im Jahre 1797



    HANDLUNG



    Erste Szene:


    Es gibt zwei Kategorien von Menschen: Herrschaften und Dienstpersonal. Während Lieschen im Hause des Musikdirektors als Mädchen für Alles ihren Dienst verrichtet, ist Florian bei einem Sinfonie-Orchester als Schlagzeuger fest angestellt. Davon allein kann er aber nicht leben. Er ist befähigt, Notenblätter zu kopieren. Diese bekommt er von Herrn Haydn aus Wien, fertigt eine Abschrift und bringt diese dem Musikdirektor Arndt. Diesen Gang macht er ganz besonders gern, weil Lieschen seine Liebste ist. Es macht ihm Freude, Herrn Arndt, der gerade seine Beförderung zum Hofmusikdirektor hinter sich hat, zu Diensten zu sein und fühlt sich fast als Hausgeist. Für den Opernbesucher ist es nicht schwer, die beiden als Liebespärchen auszumachen. Sie kommt durch die linke Tür und stellt das Tablett mit dem Kaffeegeschirr zur Seite, er kommt durch die rechte Tür und legt das Notenpaket auf den Fußboden. Man trifft sich in der Mitte der guten Stube, schiebt das Mäulchen vor und dann wird geschnäbelt, sofern man sich ohne Aufsicht weiß.


    Der Herr Hofmusikdirektor ist schon zwei Jahre mit seiner Laura glücklich verheiratet. Lieschen möchte von Florian wissen, wann es mit ihnen so weit ist, den Anfang zu machen. In Wien möchten beide leben, in Wien wohnt Herr Haydn und Wien ist ihre Sehnsucht. Aber können sie es fertig bringen, ihre Herrschaft zu verlassen?



    Zweite Szene:


    Die Angehörigen der unteren Gesellschaftsschicht ziehen sich zurück, um den Höhergestellten Platz zu machen. Auch Wilhelm und Laura sind ineinander verliebt, verhalten sich aber nicht ganz so vulgär wie das Personal, weil sie wissen, was sie ihrem Stand schuldig sind. ‚Geliebtes Weib - geliebter Mann’ beginnen sie ihren Dialog, dass soviel Glück es geben kann. Zwei Jahre schon im holden Bund und sie besiegelt es mit ihrem Mund. Er nimmt sie in den Arm und drückt sie an seine Weste. Dann trinkt man gemeinsam den Kaffee. Dem lieben Gott sind sie dankbar, denn ein Hagelsturm von Segen prasselt auf sie hernieder, die Tante ist gestorben und die Nachricht von der Erbschaft ist eingetroffen. Wilhelm würde es gar nicht wundern, wenn er Perlen auf dem Grund der Kaffeetasse finden würde. Er bedauert, dass der liebe Freund in Weimar ist und er seit langem seine Anwesenheit entbehren muss. Das Glück, welches nach ihm gegriffen hat, möchte er zu gern vorführen. Erneut gehen sie dazu über, sich Artigkeiten zu sagen. Er schenkt ihr mit sich die Welt und ist im trauten Heim ihr Held. Beide leben für sich selbst in seliger Treu - Glück umschwebt sie immerzu.



    Dritte Szene:


    Der Postillion hat einen Brief gebracht. Wilhelm findet darin die Ankündigung eines unerwarteten Besuches. Wer kommt? Er kommt! Florian soll ihn abholen. Er wartet auf der Post. Peter schreibt, er hat steife Füße und er braucht gleich Geld. Man hat ihm die Börse gestohlen. Ausweispapiere und Fahrkarte sind ebenfalls weg. Grüßen lässt er auch. Der Peter hat aber auch ein Pech! Der Freund darf im Erkerzimmer logieren. Nun muss Wilhelm eilen, um die Orchesterprobe zu verlegen. Die Musiker haben gegen den freien Tag gewiss nichts einzuwenden. Vor dem Verlassen des Hauses bekommt Laura selbstverständlich den üblichen Kuss.



    Vierte Szene


    Laura blättert in ihrem Tagebuch und singt den Monolog: ‚Er kommt! Vergangenes dringt ins Heut’.
    Der Opernbesucher erfährt, dass Peter ursprünglich Lauras Freund war, wurde aber dann zugunsten Wilhelms fallengelassen, weil der Herr Kapellmeister eine bessere Zukunft anzubieten hatte. In der Tanzstunde hatte sie Peter kennengelernt. Er hatte ihr auf das Kleid getreten und alle hatten ihn ausgelacht. Seine linkische Art gefiel ihr und Mitleid schlich sich in ihr Herz. Dann kam Wilhelm und der Puls schlug schneller. Mitleid muss der Liebe weichen. Der Geliebte sprach: Hochzeit sei - noch im Wonnemonat Mai. Laura klappt das Tagebuch zu. Alles liegt weit zurück. „Kann’s heut nicht fassen, nicht versteh’n. Jetzt will sie oben nach der Stube seh'n“!



    Fünfte Szene


    Peter ist mit der Postkutsche endlich angekommen. Er betätigt den Klingelzug an Arndts Haustür so heftig, dass er abreißt. Lieschen kann nur den Kopf schütteln und verstaut Mantel und Tasche in der Garderobe. Peter meint, er muss alles was er sieht auch anfassen. Die Bewegungen sind linkisch und der Neid unverhohlen. Artiger Hausrat, Kissen, Seide, Spitzen – und er musste in der öden Poststube sitzen! Gardinen, Silber, feine Bohlen – und er ward auf der Reise bestohlen. Ein neues Spinett, Lorbeerkranz - ein Brief von Glück, ja Künstlerglanz. Vom Schreibtisch nimmt er das Bild von Laura in die Hand. Sein ward sie einst und sein ihr Leben. Sie ging davon - einsam ist er geblieben.



    Sechste Szene


    Wilhelm begrüßt seinen Freund herzlich. Mein lieber Freund – mein lieber Musikus! Wilhelm beginnt sogleich mit Protzen. In Jubilo und Gloria! Wie soll er es dem lieben Freund sagen. An verzauberte Küsten hat es ihn verschlagen. Schaut er links, schaut er rechts, nach vorn oder zurück: Glück, Glück, nur blühendes Glück. Peter Vogel freut es. Doch nun soll auch er erzählen, wie es ihm ergangen ist. Bei ihm verfing sich ein ganz anderer Wind in den Segeln. Verzaubert schienen zunächst auch seine Küsten, doch was dann kam, war nicht nach seinen Gelüsten. Schaut er rechts, schaut er links, schaut er hin, schaut er weg: Pech, Pech, festklebendes Pech. Wilhelm Arndt schmerzt es. Hat er Frau und Kinder? Nein, das minder. Er befand sich in Ausbildung zum Sekretär. Doch sie konnte nicht warten, bis er es endlich geschafft hat. Immer hat man zu ihm gesagt, er sei ein Pechvogel. Doch ein Pechvogel passt nicht zum Ehestand.



    Doch der Freund hat so viel Glück.
    Hell leuchtet ihm Fortunas Blick.
    Als Glücklichster aller Musikanten
    beerbte er die jüngste aller Tanten,
    gewann viel Mäzenaten
    und Ehre mit seinen Sonaten.
    Nach Laune spielt er das Cembalo,
    dem hohem Adel wie dem Publico.
    Treu ergeben hängt ihm an
    in Haus und Amt sein Florian.
    Die beste aller Zofen
    hat in Lieschen seine Frau getroffen.
    Und Laura, was sag’ ich dir von ihr.
    Ein Schatz fiel ihm zu – die herrlichste Zier.
    Ein reizendes Kindlein liegt in der Wiege.
    An Lauras Liebe, an ihren Küssen
    Entzündet sich des Künstlers Wissen
    Zu höchstem Phantasieflug.....


    Genug, genug, zu viel der Chancen. Peter zieht einen rot eingebundenen Almanach aus der Tasche.
    Der Hofrat Schiller hat eine Ballade verfasst, in der von einem König die Rede ist, der auch ein Glückskind wie er war. Übertrieben schwatzhaft erzählte der König seinem Gast aus Ägypten von der Fülle seines Glücks bis diesem schlecht wurde und sich verzog. Er warnte den König. Zu viel Glück erregt der Götter Neid, um diese zu versöhnen, zu einem Opfer sei bereit, ergeht Peters Aufforderung auch an Wilhelm. Der Literaturkenner enträtselt in Peters Vergleich die Schiller-Ballade


    DER RING DES POLYKRATES


    Wilhelm möge opfern und sei es nur das Glück einer Stunde. Ein Kleinod, ein kostbares Ding, dem Götterneid werfe er es in den Rachen. Dunkle Macht gilt es zu versöhnen, die eifersüchtig wacht. Soll er etwa seine Frau auf den Altären den Göttern zum Opfer bringen? - Hatte er jemals einen Streit mit ihr? Nie! Hatte er wirklich niemals Zank? Nein, Gott sei Dank! Dann soll er Händel suchen, Streit anfangen und Disharmonie produzieren. Wettre! Klage! Frage! Stelle beherzt die Schicksalsfrage, verlangt Peter. Was heißt das genau? Hat sie nichts vor ihm zu verbergen? Die Vergangenheit soll er sieben. Gab es jemanden, den sie vor ihm geliebt hat. Sie würde ihn auslachen. Ihm etwas verhehlen? Längst hätte sie begonnen, ihm davon zu erzählen! Peter wird immer nachdrücklicher. Wie es in der Ballade der König tat, er soll den Ring ins Meer werfen. Wilhelm bedankt sich bei dem Spaßvogel. Er behält sein Glück und auch den Ring.


    Ein sinniges Spiel ist’s.
    Folge dem Wink!
    Dein Glück zu bewahren,
    das Opfer bring’!


    Wilhelm ist so liebenswürdig, bringt ein Opfer und zahlt die Transportgebühr für das Gepäck. Peter zieht es nun fort. Er möchte auf das Amt gehen und Anzeige wegen des Diebstahls erstatten. Der Freund soll den Streit mit der Gemahlin nicht vergessen und die Schicksalsfrage stellen, schärft er dem Gastgeber noch ein. Wilhelm übt Nachsicht. Das Herz des Freundes ist verbittert. Ist der Besucher charakterlos oder wurde er über das Maß provoziert, fragt sich der Zuschauer.



    Siebte Szene


    Peter hat gesät, nun geht die böse Saat auf. Laura klagt, dass sie ihren Mann lange nicht zu Gesicht bekommen hat. Doch die Begrüßungszeremonie ist nach wie vor die gleiche: Mein liebes Weib – mein lieber Mann, dass soviel Glück es geben kann. Schon geht das Gezänk los. Völlig harmlos erklärt Laura, dass sie das Gästezimmer gerichtet hat, ihm zum Dank. Wieso, ihm zuliebe, Peter ist doch auch ihr Gast. Er kam und ging kurz danach in Hast. Muss es eigentlich sein, dass der Freund ins Haus kommt? Wie soll Wilhelm den Spruch nun verstehen. Will das Täubchen vielleicht nicht so wie der Gemahl will? Nur Du und ich und Ich und Du, Laura wünscht sich keinen Dritten dazu. Wilhelm denkt, nun macht er die Probe, er wirft den Ring. Peter wohnt im Haus, weil er sein Freund ist. Er will es so haben. Natürlich, gewiss doch, ganz wie der Maestro will. Laura hat nachgegeben. Wie soll er nun den Dialog fortsetzen. Wilhelm ist ein bisschen ratlos, dann ein neuer Ansatz. Aus ihrem „Ja“ hört er das „Nein“, fügt sie sich etwa nur zum Schein? Wo denkt der Liebste hin. Leicht fällt es ihr, sich zu fügen. Was ihn freut, macht auch ihr Vergnügen. Ach, die Frauen denken nur ans Vergnügen. So sind die Frauen nun einmal, aber sie will sich bessern, häuslich sein, am Spinett mehr üben, schön sticken, alles was ihn freut. Denkt er noch an die Bräutigamszeit? Sein Rollenspiel fällt Wilhelm wahrlich schwer. Er möchte sie küssen und nie sein Glück getrübt sein wissen. Solche Gedanken sind bedenklich, opfere, opfere sagte doch der Freund.


    Was hat sie gestickt, wertloser Tand.
    Not täte mehr dem Haus die Hand.
    Die Stube ist in üblem Stand.
    Lieschen war wohl nicht zur Hand?


    Was Wilhelm auch sagt, Laura spielt die Unterwürfige und nimmt ihm ständig den Wind aus den Segeln. Wie süß, eine Heilige! Erhaben! Nie wird er locken des Unglücks Raben. Zur Probe will es nicht kommen. Die Sonne des Glücks scheint zu heiß. Er sei der beste, sagte sie zu ihm. Wahrscheinlich Ironie. Sie soll es zurücknehmen. Er befiehlt es ihr. Was ist mit Wilhelm. Sie erkennt ihn nicht wieder. Sie hat ihn nie gekannt und hielt ihn für eine Puppe oder gar für eine Marionette. Sie macht sich sogar lustig über ihn. Nun will er auf eigenen Füßen stehen. Er ist das Oberhaupt. Sie soll es sich merken. Wilhelm kann vor Rührung seine Rolle kaum weiterspielen.


    Laura breitet die Arme aus. Nein Schatz, jetzt muss sie ihn küssen. Was sie vermisst, nicht will sie es weiter missen. Endlich hat sie ihn männlich gesehen. Heldengleich strahlen im Zorn! O wie schön! Sein starkes Wort, wie schlürft es an ihr Ohr. Nun blickt sie in Demut zu ihm empor. Jetzt weiß sie, sie hat nicht nur den besten, sondern auch den stärksten Mann. Der letzte Zweifel schwand dahin. Erst jetzt fühlt sie, dass sie richtig glücklich ist. Damit wäre das Spielchen zuende. Peters Intrige hat nicht funktioniert. Unverhofft kommt Florian ins Zimmer und sieht wie die Herrschaften sich küssen. Ei, Ei! Schau, Schau, die Zärtlichkeit. Da er offenbar den lautstarken Dialog vorher mitbekommen hat, entzieht sich die plötzliche Wandlung des Paares seiner Logik. Wilhelm ist sich nicht schlüssig, ob er dem Freund danken oder seine Einmischung verübeln soll. Nun sind sie erst recht im Glück vereint.


    Der Freund riet es. Er zankte nur zum Schein, nur zur Probe. Kann sie ihm verzeihen. Töricht war er, doch tut er es kund. Niemals trübt sich ihrer Seelen Bund. Der Freund meinte, er soll die Schicksalsfrage stellen, welche keine Frau verträgt, weil sie Begrabenes aus den Särgen holt. Laura will mehr wissen.


    Es ist die Frage, die Vergangenes siebt. Konkret lautet sie: Hast du vor mir schon einmal geliebt? Laura ist empört, dass ausgerechnet Peter ihren Mann animiert, diese Frage zu stellen. Ihre Entrüstung ist echt. Laura kann nicht lachen. Geht ihr die Schicksalsfrage etwa doch nah. Sie sagt nicht nein, sie sagt nicht ja. Sie soll doch sprechen, aber das Auge weicht aus und das Haupt ist gesenkt. Hat Wilhelm etwa doch zu fest an sie geglaubt?


    Nun ist es an Laura, den Spieß umzudrehen und beginnt einen handfesten Streit. Dahin hat es der Freund gebracht. Welch krankender Verdacht. Wie garstig, wie schmerzlich, wie nieder. Wilhelm kennt sein Weib nicht wieder. Hat er sie dann je gekannt? Hielt er sie für willenlos, eine schwache Puppe bloß? Fügsam ohne Widerstand? Überhaupt, er stellt ihr Fallen. Lässt verführen sich vom Freund Zwist zu schüren. Welch ein garstiges Ränkespiel – was zu viel ist, ist zu viel. Überhaupt – Offen ist der Liebe Sprach’, er gab bösem Argwohn nach. Was für schönen Zorn ich hielt war nicht echt, war nur gespielt. Er hat den Glauben ihr geraubt an das Haupt, das Oberhaupt, überhaupt. Wilhelm ist tödlich erschrocken. O Himmel, wie wird ihm zu Mut? Jetzt hat er’s. Nun wird es nimmer gut! Er weiß jetzt als geschlagener Mann, er verlor und nicht gewann. Zwietracht und Unheil ihn umrauscht. Die beste, die Sanfte ist wie ausgetauscht. Ein Spiel bitteren Ernst gebar. Erst jetzt fühlt er wie glücklich er war.


    Nun ist Laura an der Reihe: Schon dauert sie der arme Mann. Sie ging zu weit. Was hat sie nur getan. Ein törichtes Spiel hat bitteren Ernst nach sich gezogen. Sie holt ihr Taschentuch hervor, um sich die Augen zu wischen. Wilhelm schließt sie in seine Arme. Laura denkt, er spielt Theater. Nein sie will nicht unterliegen. Diesmal kann sie sich nicht fügen. Wilhelm denkt genau so. ‚Laura, bitte sprich! Lös' von allen Zweifeln mich’. Sie soll ihm Wahrheit geben, sie soll ihm Klarheit geben. Soll Laura ihm ihr Tagebuch zeigen. Zunächst kehren sie sich erst einmal den Rücken und jeder verlässt den Raum durch eine andere Tür.



    Achte Szene:


    Der verwaiste Kampfplatz bevölkert sich wieder. Florian hat den Dialog der Herrschaften in den falschen Hals bekommen. Nun möchte er Lieschen auch für die Schicksalsfrage interessieren. ‚Zu viel Glück bringt nur Malheur, werfen wir den Ring ins Meer’. Lieschen versteht kein Wort, steht offen nicht die Flasche dort?


    Florian will mit Lieschen Hochzeit machen. Sie soll es der Herrin erklären und er wird es dem Maestro sagen, dass sie den Wohnort wechseln möchten - zu Herrn Haydn nach Wien. Bevor sie sich betätigen, gilt es eine Sache noch zu erledigen. Die Schicksalsfrage muss gestellt werden. Kommt er schon wieder mit der Plage? An schöne künftige Tage am Donaustrand und an das traute Kämmerlein in Wien soll er denken. Lieschen sorgt für Tisch und Töpfchen und er malt seine Notenköpfchen. Lachend dann mit frohem Sinn, erkennt er schon die neue Wienerin.


    Ha welch ein Glück! Doch just darum, kommt Lieschen um die Frage nicht herum. Die Frage, die das Vergangene siebt. Hat Lieschen schon vor ihm geliebt? Tat sie in Sachen Liebe sich betätigen? Lieschen wird wütend. Sie begreift den Dummian, ihre Tugend ficht er an. Das gute Herz will er bezichtigen und forscht sorgsam nach dem Richtigen. Lieschen zählt an den Fingern ab, dass es mindestens vier waren. Zur Bekräftigung gibt es eine Maulschelle. (Blondchen und Pedrillo lassen grüßen). Unbeobachtet haben Laura und Wilhelm den Raum wieder betreten. Sie bekommen mit, dass sie parodiert wurden. Die Situation entkrampft sich. Zu viert beschäftigt man sich nun mit dem Almanach und zitiert aus der Ballade


    DER RING DES POLYKRATES


    Lieschen wird weich und beginnt zu beichten. Er war ein braver Kanonier und diesen Ring, den schenkte er ihr. Wie sie ihn liebt, den Florian. Fort mit dem Ring, hoffentlich nehmen die Götter ihn auch an.



    Neunte und zehnte Szene:
    Der Ring reicht den Göttern nicht. Deshalb wird Peter als Opfer noch nachgeschoben, denn Herr Schiller schreibt zum Schluss, dass der Gast sich mit Grauen wenden muss.



    © 2010 TAMINO - Engelbert

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    Murad Kaschlajef (geb. 1934)


    Gorianka
    Tochter der Berge


    Ballett
    nach dem Gedicht von Rasul Gamsatov


    Uraufführung am 20. März 1968, Kirov-Akademie-Theater von St. Petersburg


    Charaktere:
    Asiat, junges Mädchen aus den Bergen Daghistans
    Osman, ihr Bräutigam
    Vater Goriankas


    Dokumentation:
    LABEL: Melodia (Stereo - etwa 60er Jahre)
    Einspielung der ersten Suite vom Moskau RSO.
    unter Leitung des Komponisten



    HANDLUNG


    Seit früher Zeit leben die Frauen Daghistans rechtlos und unterwürfig und folgen resigniert den uralten Gesetzen der Berge. Die neue Zeit bricht an und eine Gruppe junger Mädchen wacht auf. Gorianka, stolz und freiheitsliebend, willensstark und resolut, setzt auf eine glänzende Zukunft. Heftig widersetzt sie sich der Tradition und den mächtigen Gesetzen der Berge Kaukasiens.


    Viele Jahre liegen zurück, als das Neugeborene von Asiats Vater dem Sohn des Nachbarn zur Frau versprochen wurde. Die Kinder wuchsen gemeinsam auf, und es war nun an der Zeit, Osman zu heiraten, so wie die Eltern es miteinander ausgemacht hatten. Aber Gorianka liebte ihn nicht und Tränen der Betrübnis tropften auf ihren Brautschleier, den sie dem Bräutigam wütend vor die Füße warf. Die Freiheitsliebende verlässt die Berge, geht in die Stadt und arbeitet in einem Etablissement.


    Eine neue Art zu leben, steht ihr jedoch nicht offen. Ohne Kampf lassen sich alte Traditionen nicht beiseite räumen. Osman sucht Vergeltung. Er kommt in die Stadt und versucht Gorianka zu überzeugen, zu ihm zurückzukehren. Sie weigert sich unerbittlich, denn sie hat für sich einen anderen Weg gewählt. Ein Dolch blitzt in der Hand des Bräutigams auf und beendet des Mädchens Traum vom süßen Leben.


    Anmerkung:


    Das Ballett Gorianka schildert ein typisches Frauenschicksal, welches sich in den orientalischen Ländern, in denen das Patriarchat das gesellschaftliche Leben dominiert, in vielfältigen Variationen täglich wiederholt. Fast immer bleibt die Frau, die ihr beklagenswertes Los verändern möchte, dabei auf der Strecke. In seiner Klangsprache folgt die Musik, sich auf Elemente der heimischen Folklore stützend, dem Vorbild des Armeniers Aram Kharchaturian. Folklore-Instrumente der Region werden in die Instrumentation einbezogen und sorgen für Rhythmus und Dissonanz.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Bohuslav Martinů 1890-1959


    Istar
    Ischtar - Ishtar


    Ballett in drei Akten und fünf Bildern
    nach einer altsumerische Überlieferung


    Uraufführung im Jahr 1924 am National-Theater Prag
    Neueinstudierung im Jahr 1964 zum 'Prager Frühling'


    Choreographie: Jiří Blažeks
    Bearbeitung: František Bartoš , der Freund des Komponisten richtete 2 Ballett-Suiten ein:


    1. Tammuz Tod
    2. Kampf um den Schatten Tammuz
    3. Die Liebe der Königin Istar


    1. Istars Sieg und wiederfinden des königlichen Gatten
    2. Rückkehr Istars, Wiedergeburt des Frühlings
    3. Finale


    Charaktere:
    Ishtar, Sumerische Göttin der Liebe
    Tammuz, Gott des Frühlings
    Irkalla, Göttin der Unterwelt


    Dokumentation:
    LABEL: Supraphon 1974, Einspielung der beiden Suiten,
    Orchester der Staatlichen Philharmonie, Brünn
    unter dem Dirigenten Jiří Waldhans



    HANDLUNG


    Ischtar, die Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit, herrscht mit ihrem Gatten Tammuz über ihr blühendes Reich. Aber die Liebe Der beiden erweckt den Neid der Göttin Irkalla, einer finsteren Macht der Unterwelt. Tammuz wird von ihr in ins Totenreich entführt. Die unglückliche Ischtar macht sich auf den Weg, den geliebten Mann zu suchen. An der Schwelle zur Unterwelt, wo ihre Macht endet, legt sie die Symbole ihrer königlichen Hoheit ab und tritt zu Irkalla als Bittende. Die beiden setzen sich auseinander und es gelingt Ischtar das Herz der Herrscherin der Unterwelt zu erweichen. Ihre Liebe hat gesiegt. Sie kehrt mit ihrem Gemahl auf die Erde zurück und bringt den Menschen erneut Wohlbefinden und Glück.


    Anmerkung:


    Das abendfüllende Ballett ist im Jahre 1921 entstanden und gehört damit zu den Frühwerken Martinus. Er war auf der Suche nach originellen Stoffen und vertiefte sich mit Begeisterung in die Welt des Gilgamesch-Epos. Musikalisch hatte es ihm der Impressionismus eines Claude Debussy angetan und entsprechend richtete er seine Partitur aus. Die Tonsprache ist einfallsreich und die Klangfarben reichhaltig, Holzbläser und Harfe kommen immer wieder solistisch zum Einsatz. Die gefälligen Melodien prägen sich ein und nehmen unmittelbaren Bezug zum Handlungsablauf. Das Werk kommt nur selten zur Aufführung, was sehr zu bedauern ist. Vincent d’Indy hat sich des altorientalischen Stoffes ebenfalls bemächtigt und eine Istar komponiert. Sein op. 42 trägt die Bezeichnung Variations symphoniques. Das einsätzige Werk des Franzosen dauert etwa 15 Minuten.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Claude Debussy (1862-1918 )


    KHAMMA
    Ballett-Szene


    Libretto von W. L. Courtney in Zusammenarbeit mit Debussy
    Choreographie: Maud Allen
    Uraufführung: posthum im Jahre 1947


    Charaktere:
    Khamma, eine Tänzerin
    Oberpriester im Tempel des Amon-Ra


    Das Geschehen spielt im Alten Ägypten vor unserer Zeitrechnung


    Handlung:


    Vor der Kolossalstatue des Gottes Amon-Ra fleht der Oberpriester, die von einer Feuersbrunst bedrohte Stadt zu retten. Da das Götterbild stumm bleibt, muss eine Verlockung angeboten werden. Die Tänzerin Khamma kommt zum Einsatz, um die Gottheit den Wünschen des Oberpriesters gefügig machen. Der Beleuchter sorgt für effektvolle Bestrahlung der Skulptur und Khamma beginnt zu tanzen. Nach dem dritten Tanz bewegt die Figur die Hand, welches bedeutet, dass die Darbietung ihr gefallen hat. Das Mädchen ist verblüfft und möchte testen, ob die Statue vielleicht auch die Füße bewegen kann. Sie legt jetzt erst richtig los und verfällt in Verzückung bis sie tot zusammenbricht. Unbedingt wichtig, die Stadt ist gerettet! An der Spitze seines Gefolges betritt der Hohepriester das Heiligtum und lobt Leistung und Einsatzfreude seiner Ballerina.


    Anmerkung:


    Die Ballerina Maud Allen hatte die Tanzlegende 'Khamma' im Jahre 1912 bei Claude Debussy bestellt. Der Komponist schrieb die Klavierfassung nieder, war aber nicht geneigt, diese selbst zu orchestrieren. Das besorgte Charles Koechlin nach Anweisung des Komponisten. Das Resultat kann sich sehen lassen. Gespielt oder gar aufgeführt wird das Werk äußerst selten, was zu beklagen ist. Die Musik ist hinreißend und huldigt einem Exotismus, wie er in Frankreich um die Jahrhundertwende besonders beliebt war.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

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    Pasquale Anfossi (1722-1797)
    La Maga Circe

    Die Zauberin Circe


    Farsa in un atto
    In italienischer Sprache


    Charaktere:
    Circe, eine Magierin (Sopran)
    Lindora, ihre Kammerzofe (Sopran)
    Brunoro, ihr Diener (Bariton)
    Monsieur Petit, ein Inselgast aus Frankreich (Tenor)
    Barone di Nocesecca, ein Inselgast aus Neapel (Bariton)


    Das Geschehen spielt auf einer Mittelmeerinsel unbekannten Namens zur Reisezeit



    HANDLUNG


    Die Zauberin Circe ist der Nachwelt als Person mit bösartigem Charakter überliefert. Die Gefährten des edlen Dulders Odysseus verwandelte sie seinerzeit in Schweine, weil sie sich ungehobelt aufführten und den Frieden ihrer Insel störten. Genutzt hat es wenig, denn es ist ihr nicht gelungen, den listigen Griechenhelden langfristig zu becircen. Dieser hatte nichts anderes im Sinn, als die Heimkehr zur treu ergebenen Gemahlin Penelope. Als Tochter der Sonne – ihre edle Abkunft bildet sie sich wahrscheinlich nur ein – ist Circe jedoch unsterblich und quält sich nun schon durch drei Jahrtausende. Das Unglück, mit den Männern nur Pech zu haben, ist ihr treu geblieben. Bei der Wahl ihrer Dienstboten hat sie ebenfalls kein Glück. Circe ist eine Frau, die zuerst das Gute im Menschen sieht, und wenn sie diese gelegentlich auf eine andere Daseinsebene abgleiten lässt, sollte man der Schalkhaften ihrer Kunstfertigkeit auch die gebührende Wertschätzung zollen.


    Schon in seiner munteren Ouvertüre, die an den jungen Mozart erinnert, macht Pasquale Anfossi erste zaghafte Versuche die Schulbücher Lügen zu strafen und die in Verruf geratene zu rehabilitieren. Im weiten Mittelmeer hat die Magierin ein neues Eiland auserkoren, um sich dort angemessen einzurichten. Den Erfordernissen der Neuzeit, eine Landungsbrücke für kleinere Kreuzfahrtschiffe zu installieren, hat sie Rechnung getragen.


    Erste Szene:


    Lindora findet das Gelände furchtbar. Es ist ein steiniger dorniger Platz und die Wege steigen vom Ufer aus steil an. Bären, Schlangen und Wölfe finden hier vermutlich Unterkunft und Schutz – so ist die Auffassung von Brunoro. Warum um alles in der Welt will die Signora hier bleiben? In erster Linie, so lautet die Antwort, sucht Circe Ruhe und keinen Trubel. Alles andere wird sich finden. Ihre Macht und ihre starken Seiten werden die beiden schon noch kennen lernen. Nun, die Zurechtgewiesenen sind durchaus fähig, still zu sein und vorerst den Mund zu halten. Sie haben mitbekommen, dass sie an eine Herrin geraten sind, mit der es eine besondere Bewandtnis haben muss. Im vorgefundenen Zustand gefällt der Anspruchsvollen die Insel auch nicht, und sie beschwört nun die Geister des Erebeus, ihr gehorsam zu sein. Die Luft bewölkt sich und füllt sich mit Donner. Erste Anzeichen von Vulkanismus setzen Lindora und Brunoro in Furcht, so dass ihre Zähne beginnen, hörbar zu klappern. Unbeeindruckt fährt Circe in ihren Beschwörungen fort. Der düstere Platz möge sich in Baugelände verwandeln und einen königlichen Palast hervorbringen. Die Götter von düsterem Schrecken sollen sich nicht zieren, sondern dem Befehl Folge leisten. Welch ein Wunder, welcher Zauber tut sich vor den Augen der Erstaunten auf und wie schnell alles gegangen ist. So viel Wonne, die beiden sind verblüfft. Circe ist zufrieden und freut sich, dass sie ihr Talent von einigem Wert vorstellen konnte. Tatsächlich ist der Palast ein Juwel königlicher Architektur, so dass selbst der Liebesgott ihn nicht verschmähen würde. Sogar die Qualität der Luft hat sich erheblich verbessert.


    Diese Frau geht mit den Dämonen sehr familiär um. Möglicherweise ist mit ihr nicht gut Kirschen essen. Wohin hat man sie eigentlich gebracht? Sie erinnern sich noch an einen furchtbaren Sturm, bevor sie hier abgesetzt wurden. Die Herrin ist gebürtig aus Kolchis, ein Landstrich, in dem auch die Zauberin Medea zu Hause war! Nun, sie befinden sich jetzt in Italien, dem nobelsten Teil der Welt. Aber einsam ist es hier. Kann die liebste Herrin sich eigentlich daran gewöhnen, ohne Männer zu leben? Oh, viele davon werden herkommen! Lindora kann sicher sein! Wie kommt sie nur auf solche absurden Gedanken, dass auf Männer verzichtet werden muss? Eine vollkommen unpassende Bemerkung bringt nun Brunoro. Ja, er weiß Bescheid. Anschließend werden alle in Bären, Schnecken und Drachen verwandelt. Circe ist schlagfertig. Der Vorlaute wird einer der ersten sein, den sie in einen Esel transformieren wird. Die illustre Circe soll es dazu niemals kommen lassen! Aber wer wird sie verteidigen, wenn von den Tricks der Männer Gefahr droht, wirft Lindora vorsorglich ein. Selbstverständlich werden sie ohne Palastwache nicht auskommen! Brunoro stellt fest, dass sich Circe eine feine Art zu eigen gemacht hat. Großzügig verspricht die Mächtige, dass ihre beiden treuen Diener von ihrer Kunst profitieren werden und es herrlich sein wird, in Frieden und Freiheit hier zu leben.


    Zweite Szene:


    Lindora möchte am liebsten vor dieser Frau fliehen. Auch Brunoro fragt sich, warum sie ihr überhaupt dienen. Zweifellos ist sie eine große Zauberin. Das Wort Hexe findet Brunoro passender. Er soll sich nicht töricht verhalten. Möchte er etwa in einen Wolf oder in eine Großkatze transformiert werden? Zum Teufel, absolut nicht! Aber er lebt ständig in großer Aufregung, und manchmal kommt es ihm vor, selbst ein großer Zauberer zu sein. Lindora will dem männlichen Kollegen in nichts nachstehen. Eine halbe Zauberin ist sie auch schon. Aber haben nicht alle Mädchen einen magischen Blick, mit dem sie in der Lage sind, Männer in Idioten zu verwandeln? Es gehört einfach zu ihrem Naturell. Selbst die Mutter, angefüllt mit Güte, sagte, mehr als tausend Stürme können magische Pupillen bei Männern in Bewegung setzen. Ihre eigenen Augen liebt sie in Bescheidenheit, sie provoziert nicht, während sie schaut. Sollte sie aber auf die Person treffen, die sie liebt, würde sie ihre Augen einzusetzen wissen, wenn etwas nicht nach Wunsch abläuft. Bruno wendet seine Gedanken wieder der handfesten Zauberkunst zu. Am liebsten würde er fliehen. Circe erfüllt sein Herz mir Furcht und er sieht und hört überall Geister.


    Dritte Szene:


    Ein Kleines Kreuzfahrtschiff hat die Insel angelaufen. Der Baron – der Librettist hat ihm keinen Namen gegeben, denn offenbar lieben es die Neapolitaner mit ihrem gesellschaftlichen Rang angesprochen zu werden – und Monsieur Petit machen einen Inselrundgang. Welch frische Luft gibt es hier zu schnuppern und wie nett die kleine Insel ist. Gesegnet sei der Sturm, welcher verursachte, hier einen kleinen Zwischenstopp einzulegen. Petit fühlt einen süßen Zephir über seine Wangen streichen und der Baron vermutet gar, die Elysischen Gefilde betreten zu haben. Sie sehen seltene Blumen sprießen, die bevorzugt auf den Inseln des Tyrrhenischen Meeres beheimatet sind. Welches Entzücken erfasst die beiden! Kennt der Baron vielleicht den Namen der wunderschönen Insel? Sie ist lieblich, in der Tat!


    Der Baron verspürt einen gelinden Hunger. Gibt es auf der Insel keine Gastronomie? Hoffentlich sind nicht alle Plätze belegt! Monsieur Petit ernährt sich von der Luft. Die Chamäleons machen es auch so, Luft und Fliegen sind ihre Nahrung. Der Baron nimmt den Geruch von gebratenem Geflügel wahr. Süße Vögel sind überall und lassen ihren Gesang ertönen. Die beiden setzen sich hin sind beeindruckt und genießen die Umgebung. Dann werden sie müde, der Hunger hat sich verzogen, es naht der Schlaf. Eine milde Süße bringt das Herz von Petit zum Erschlaffen.


    Vierte und fünfte Szene:


    Lindora und Brunoro treffen auf die beiden Schlafenden. Mit lieblicher Stimme spricht Lindora die Eingeschlummerten an. Die Fremden zeigen sich erfreut, und man macht sich artig Komplimente. Sie mögen bitte mitkommen, Lindora wird beide der Inselherrin vorstellen. Man erkundigt sich, wem das herrliche Eiland gehört. Sie befinden sich auf Circes Insel. Ach, ist das die Zauberin, welche zu ihrem Vergnügen die Männer in Tiere verwandelt? In der Tat, es verhält sich so, klärt Brunoro auf. O Teufel! Das Unglück ist ihnen auf den Fersen. Die beiden beratschlagen, schleunigst zu ihrem Schiff zu rennen. Oh, das Schiff ist abgefahren, ohne sich nach ihnen umzusehen! Nun sind sie ohne jede Hilfe und ohne Freunde. Lieber ertrinken, als in ein Tier verwandelt werden! Gegen einen Molukken-Kakadu hätte der Herr Baron allerdings nichts einzuwenden. Er beliebt natürlich zu scherzen.


    Weiß Brunoro keinen Rat? Er bringt nur dann Sinn, wenn er auch befolgt wird! Alles werden die beiden tun, wenn er sie aus ihrer unglücklichen Lage befreien wird. Brunoro profitiert von seiner Schulweisheit. Sie sollen gut zuhören! Circe transformiert nur unbedachte und alberne Liebhaber, auch solche, die sie abgelegt hat. Folglich sollen sie sorgsam acht geben, ihrer Schönheit nicht zu verfallen. Dann kann nichts passieren. Auf Ehre, auf die Weisung von Brunoro können sie sich unbedingt verlassen. Am besten hilft es, ein gleichgültiges Gesicht zu zeigen und Hochmut zur Schau zu stellen. Es nützt auch, einfach in eine andere Richtung zu blicken! Er selbst hat gesehen wie sie Tausende von Liebhabern in Hunde, Schlangen und Bären verwandelt hat, die ihrer lodernden Schönheit erlegen waren.


    Der Baron traut sich zu, standhaft zu bleiben, aber sein „caro francesino“ wird den seelischen Stress nicht durchhalten. Man weiß doch schließlich, wie die Franzosen veranlagt sind. Wie eine Reife Birne wird er zu Boden fallen, wenn die Verführerin in Spitzenhäubchen und Bademantel vorbeitrippelt. Monsieur Petit protestiert heftig. Er verachte die Schönheit der Buhlerin. Der Baron empfiehlt seinem Gefährten, sich an seiner Unerschrockenheit ein Beispiel zu nehmen.


    Sechste bis achte Szene:


    Circe weiß nicht, woher das Vergnügen kommt, Verehrer zuerst anzulocken, um sie danach zu verachten. In ihrer wundervollen Halle sitzt sie auf dem Thron und wartet. Sind die Gäste noch nicht angekommen? Brunoro hält sie mit seinem Geschwätz auf, aber sie werden gleich hier sein. Lindora glaubt zu wissen, dass einer der beiden ein Franzose sei. Die Signora wird ihn lieben. „L'altro è per me“ „Parti“ Lindora hat gemeint, der andere sei für sie. Doch die Herrin schickt die Erwartungsvolle fort. Weiß die Herablassende eigentlich, dass Lindora ihre Feindin ist?


    Signora, hier sind zwei Gäste, die von allein hergefunden haben, stellt Bruno die Neuankömmlinge vor. „Madame, ich bin ihr Diener“. Es fehlt Monsieur nicht an Gewandtheit. Auch der Baron verbeugt sich und trägt sein Sprüchlein vor. Keine Formalitäten, die Gäste sollen willkommen sein!
    „Wie schade, dass diese Frau eine Zauberin ist“, entfährt es dem Neapolitaner. Monsieur spricht sich Courage zu. Welch liebliches Gesicht, welche Grazie! Circe weist ihren Diener an, dafür zu sorgen, dass die Besucher prunkvolle Zimmer erhalten und die Plumeaus mit Reiherfedern gefüllt sind. Die Gäste sollen sich wohlfühlen. Gleich bei seinem Erscheinen hat Circe den Franzosen an seiner Spontanität und seiner Lebhaftigkeit erkannt. Von Neapel weiß sie zu erzählen, dass es ein hübscher Platz sei. Das französische Volk liebt Circe ganz besonders. Es ist extrem umgänglich und freundlich. Was hat der Herr Baron an seinem Auge? Ist das ein Monokel? Die Gäste schauen ein wenig bestürzt. Sie sollen lachen und an nichts denken! Sind sie vom Glanz der Umgebung etwa ein bisschen geblendet? In der Tat, Circe empfängt hier in der Regel fünf Könige, fünfzehn Herzöge und zweiundzwanzig Grafen. Die beiden Gäste können ihr Erstaunen nicht verbergen. Sie machen sich gegenseitig Zeichen. Circe scheint sich bewusst zu sein, dass ihr Leumund in der Welt negativ belegt ist. Von sich aus kommt sie auf das Thema, welches in der Luft liegt, zu sprechen. Durch die Jahrtausende geht ihr der Ruf voran, ihre Liebhaber zu transformieren, aber ihre Gäste sollen keine Angst vor irgendeinem Betrug verspüren und vollkommen unbefangen sein. An diesem Platz finden sie eine Frau, welche allen Besuchern Respekt und Ehre zollt. Von ihrem liebenden Herzen wissen nur die Wenigsten. Das Organ, welches in ihrer Brust schlägt, ist so gütig wie nichts auf der Welt, dazu voller Ehrlichkeit. Was sagt der stattliche Italiener nun und was meint der liebenswürdige Franzose? Die Umworbenen beteuern, dass sie die Aufrichtigkeit und den Ernst ihres Vortrages zu schätzen wissen. Circe kann nicht mehr an sich halten. Ihr Herz hat der Franzose zum Glühen gebracht. Vorläufig verabschiedet sie sich von ihren Gästen, und Brunoro geleitet die beiden ins prunkvolle Gästezimmer. Dem Franzosen flüstert Circe noch zu, dass er der Einzige auf der Welt sei, der sie wahnsinnig macht. Sie schaut ihm nach und seufzt.


    Ihrem milden Blick kann der Franzose nicht standhalten. Er hat das Gefühl, dass seine Haare, seine Kleider und sein Herz brennen. Wunderschöne Circe! Monsieur Petit wird ihr folgen. Nun, wenn der Kumpel nicht hören kann und den Rat Brunoros in den Wind schlägt, wird er bekommen, was er verdient. Milde ausgedrückt, Circe wird ihn in einen Windhund verwandeln.


    Neunte bis zehnte Szene:


    Lindora ist ein Biest! Sie hat sich in den Kopf gesetzt, den Baron zu ehelichen. Hierzu muss er erst einmal geschmeidig gemacht werden. Sie macht sich an ihn heran und fragt ihn, ob er schweigen könne. Circe habe ihr etwas Furchtbares erzählt. Sie zittert vom Kopf bis zu den Füßen. Der Baron zittert von den Füßen bis zum Kopf und kann für nichts garantieren, weil er im Traum alles ausplaudert. Sie soll es kurz machen. Was hat Circe gesagt? Lindora ziert sich noch ein bisschen und rückt dann mit der Sprache heraus. Also: Circe wird es einrichten, dass beide zu ihr in Liebe verfallen. Anschließend wird sie den einen in einen Drachen und den anderen in einen Löwen verwandeln. Pardon wird nicht gegeben! Selbst setzt sie sich großer Gefahr aus, wenn Circe erfährt, dass sie ihre Opfer gewarnt hat. Doch Lindora achtet nicht auf ihre Sicherheit, weil sie den Baron liebt und um seinen Freund besorgt ist. Der Schutzbefohlene zieht in Betracht, dass die Eifrige selbst eine kleine Hexe sein könnte. Doch die Angst vor künftigem Unheil überwiegt. Kann sie helfen? Natürlich, aber es muss mit großer Geschicklichkeit vorgegangen werden, um dieser Frau die magische Kraft zu nehmen. Ähnlich wie bei Samson liegt diese in ihren Haaren. Nachts, wenn sie schläft, soll er sich heranschleichen und ihr den Zopf abschneiden, mit dem sie ihren Kopf umwickelt hat. Dann wird sie ihre Zauberkräfte verlieren. Hat er ein Beil oder ein großes Messer im Reisegepäck? Der Baron will es nicht dabei belassen, ihr den Zopf wegzurasieren, sondern er möchte der Verworfenen den Kopf ein für allemal vom Rumpf trennen. Sein Kumpel wird ihm dabei assistieren. Sie soll jetzt gehen und verschwiegen sein. Wird der Baron sie aus Dankbarkeit, dass sie ihm das Leben gerettet hat, auch heiraten? Notfalls auch zweimal, scherzt der Angebetete, ist aber im Prinzip nicht abgeneigt.


    Die Zauberin verdient für ihre tückische Absicht in der Tat eine harte Bestrafung. Der Opernbesucher befürchtet, dass die Verhältnismäßigkeit der Mittel überschritten werden könnte. Schließlich will Circe die beiden nicht umbringen, sondern nur in einen anderen Zustand verwandeln, der durchaus auch Annehmlichkeiten haben kann. Das Gastrecht ist schließlich heilig und Lynchjustiz verboten. Das Geschwätz einer Kammerzofe sollte für ein Todesurteil nicht ausreichen. Aber was tut ein Mensch nicht alles, wenn die Angst ihn bewegt und er den Verstand verliert. Monsieur Petit lässt sich zur Beihilfe beschwatzen. Ein Wenn und Aber steht nicht zur Debatte. Der Ängstliche hat ein Schwert in seinem Rucksack. Es wurde allerdings noch nie benutzt. Dem Baron ist er dankbar, weil er ihn gerettet hat und die Bestrafung der Übeltäterin ausführen wird.


    Elfte und zwölfte Szene:


    Circe fühlt sich gesundheitlich nicht auf der Höhe. Sie weiß nicht, was es ist. Wie lästig! Plötzlich überkommt sie eine große Schläfrigkeit. Die liebe Herrin ist einfach müde, nichts anderes ist es! Die alberne Zofe soll verschwinden. Lindora fleht die Götter an, dass die dem Unternehmen des Barons Wohlwollen erweisen und er nicht als zähnefletschende Bestie zukünftig sein Leben fristen muss. Welch grausames Gift dreht sich in ihrer Brust. Ein böser Verdacht taucht in ihr auf. Circe ist unglücklich und verspricht sich von dem Schlaf, der sich auf sie senkt, Erquickung. Ein süßes Konzert soll Herz und Seele entführen. Pasquale Anfossi macht es möglich und hat an dieser Stelle ein schönes Hornsolo vorgesehen.


    Sie ist eingeschlafen, der richtige Moment ist jetzt gekommen. Lindora hat die beiden Meuchelmörder ins Schlafgemach hereingelassen. Leise sollen sie auftreten und unnötigen Lärm vermeiden. Verzückt stehen die beiden Bewaffneten vor der Schlafenden. O welcher Mund! Dazu die herrlich geformte Nase! Sie bringen es nicht über das Herz, zum tödlichen Streich auszuholen, und wollen unverrichteter Dinge wieder davonschleichen. Lindora geht nicht konform und flüstert, dass sie sich beeilen sollen. Jeden Moment kann die Eingeschlummerte aufwachen. Courage! Der Kopf muss endlich vom Rumpf geholt werden. Der Baron hebt die Axt und will zum Schlag ausholen, aber in diesem Moment öffnet Circe die Augen. Lindora versteckt sich blitzschnell und die beiden drehen sich zur Seite. „Wer hat mich geweckt?“ donnert Circe die beiden an, und ehe sie antworten können hat die Zauberin sie bewegungslos wie eine Statue gemacht. Immerhin, Kiefer und Kehlkopf sind nicht in Mitleidenschaft gezogen, denn noch können sie singen. Lindora kommt herbei und tut so, als ob sie von nichts wüsste. Von der Signora will sie wissen, was vorgegangen ist. Die beiden Männer sollen es ihr selbst erzählen. Circes Herz zerspringt vor Unruhe und Ärger. Die in ihrer Bewegungsfreiheit behinderten Eindringlinge klagen, dass sie nicht laufen können und ihnen die Eingeweide sich vor Furcht drehen. Lebt der Baron noch oder ist er tatsächlich zu Stein geworden? Die beiden Halunken verdienen diese Strafe. Über eine angemessene Rache wird Circe noch nachdenken.


    Dreizehnte Szene:


    Die beiden Missetäter haben vorübergehend ihre Bewegungsfreiheit zurückerhalten, denn offenbar mag Circe keine lebenden Statuen in ihrem Schlafzimmer. Keineswegs dürfen die beiden hoffen, dass die Sache nun vom Tisch ist, denn Brunoro hat mitbekommen, dass die Erboste sich die Zöpfe rauft und fortwährend mit dem Fuß aufstampft. Lindora kann den Unglücksraben den Vorwurf nicht ersparen, zu lange Circes Gesicht studiert zu haben, um ein Werturteil über den aktuellen Zustand von Mund und Nase abgeben zu können. Die böse Absicht lässt sich nicht leugnen, denn Circe hat beide mit der Waffe in der Hand ertappt. Man könnte die Sache vielleicht so darstellen, dass die beiden Rivalen sich, während Circe schlummert, duellieren wollten, um gemeinsam zu sterben und tot zu ihren Füßen niederzusinken. Ein Versuch wäre es wert, denn schließlich ist die Magierin in Monsieur Petit verliebt und wünscht nichts sehnlicher als eine halbwegs plausible Erklärung für die bodenlose Entgleisung, welche die Undankbaren sich zuschulden kommen ließen. Wer weiß, vielleicht lässt die Aufgebrachte sich becircen. Es kann nicht schaden, gemeinsam um Vergebung zu bitten.


    Vierzehnte Szene:


    Fast wäre die Romanze, die sich zwischen Lindora und dem Baron anbahnt, in Vergessenheit geraten. Lindora möchte vom Baron gern hören, dass er sie liebt. Wenn die Schurkin wüsste, was in seinem Herzen geschrieben steht? „Hier lebt Lindora“, lautet die Besitzurkunde. Ist sein Herz etwa ein Haus? Ganz richtig, mit Halle, Audienzraum und Schlafzimmer. Ach, muss das Spaß machen, darin zu wohnen! Ohne Miete zu bezahlen, darf die Herzenskönigin alleinige Nutznießerin sein. „Tutta per voi“ beginnt die folgende Arie, in welcher der verliebte Baron die gefällige Immobilie ausführlich und eindrucksvoll beschreibt.


    Lindora hat eine teuflische Idee. Sie will ihrer Herrin den Zauberring stehlen, den diese allerdings sorgsam bewacht. Ein bisschen Zaubern hat die Zofe von ihrer Herrin gelernt, und mit dem Ring will sie das Schiff herbeihexen, mit dem der Baron und Monsieur Petit die Insel angesteuert haben. Der Opernbesucher glaubt, dass die kleine Zofe ihre Fähigkeiten überschätzt. Kann sie die Zaubersprüche wirklich fehlerfrei aufsagen? Werden die mächtigen Geister ihr wirklich gehorchen oder ihren Schabernack mit der Unscheinbaren treiben?


    Fünfzehnte und sechzehnte Szene:


    Circe ist glücklich, den kleinen Franzosen um sich zu haben. Sie schätzt sein sanftmütiges Wesen, mutmaßt aber zu Unrecht, dass er eifersüchtig auf seinen Reisegefährten sein könnte. No Signora, er fürchtet keinen Rivalen! Von Brunoro will sie wissen, wo der Italiener sich gerade aufhält. Ach, der arme Teufel zittert noch am ganzen Körper. Sie soll ihm nichts Weiteres antun. Ihn in eine unschuldige Statue zu verwandeln war genug. Brunoro soll dem Italiener ausrichten, dass sie ihm nichts tun werde, er aber auf ihre Liebe nicht hoffen darf. Jeden Gedanken daran soll er fallen lassen, sie liebt einzig und allein den Monsieur aus der Seine-Stadt.


    Warum ist Petit so ernst? Hat er vielleicht eine andere Schöne im Sinn? Aber nein! Lindora bedient sich der Zeichensprache, dass Monsieur auf der Hut sein und ihre Warnungen nicht in den Wind schlagen solle. Circe fragt den kleinen Franzosen direkt, ob er sie liebe. Monsieur weiß es nicht! Welch befremdende Antwort! Welche Kühle! Ist ihm nicht klar, dass sie ihm eine königliche Hand anbietet? Gewiss weiß er es, aber ihr Geist sei so launisch, versucht Monsieur zu mäkeln. Sie verspricht, sich zu bessern. Petit bezweifelt es. Begreift er nicht? Der Thron der Insel wird ihm gehören und das milde Herz, welches in ihrer Brust schlägt, bekommt er als Zugabe. Circe bietet ihm ihre rechte Hand, in die er einschlagen soll. Jetzt wird Petit energisch. Er will ihre Hand nicht haben, er akzeptiert sie nicht. Anschauen soll er sie - der undankbare Mann beleidigt sie in einem fort. Warum macht er das? Wie kann Circe ahnen, dass ihre Dienerschaft die Form der üblen Nachrede bis zum Überdruss angewandt hat?


    Petit befindet sich in einer fatalen Lage. Was er wirklich empfindet, darf er nicht sagen. Die Angst begleitet ihn, eines Tages transformiert zu werden. Wie lange kann er sich ihrer süßen Liebe noch widersetzen? Wie lange kann er seine Leidenschaft noch zügeln? Circe ist der Verzweiflung nahe. Wohin ging ihre Macht? Die Tochter der Sonne wurde von einem Sterblichen zurückgewiesen. Unruhe und Qual wüten in ihrem Innern.


    Siebzehnte Szene:


    Lindora erzählt dem verblüfften Monsieur Petit, dass sie der Herrin ihren Zauberring entwendet hat. Wenn sie den Reif am Finger trägt, kann sie mit ihm jeden Bann brechen. Jetzt braucht Monsieur nicht mehr wegrennen, denn nun ist sie unter Umständen mächtiger als Circe. „O meine Süße, mein Leben!“ Der Baron warnt den Verzückten, er solle mit seiner Lindora nicht so schnell familiär werden. Ach, er äußerte doch nur seine Dankbarkeit an die liebe Befreierin.


    Wenn der Ring tatsächlich die Eigenschaften besitzt, die Lindora an ihm lobt, möchte er auf dem schnellsten Wege nach Neapel zurückreisen, um den Vesuv zu küssen. Aber wo wird er ein Schiff finden? Nun, der Ring wird es ermöglichen! Zunächst muss nun Brunoro informiert werden, damit man gemeinsam fliehen kann. Monsieur Petit ist eine ängstliche Natur. Er möchte nicht länger an diesem Platz verweilen und zieht es vor, sich zu entfernen. Die Ambitionen Lindoras sind ihm nicht geheuer. Die Symptome in ihrem Kopf geben tatsächlich zu Bedenken Anlass, meint auch der Baron. Nun, man wird sehen, was der Ring alles kann. Der Baron möge sie aber unterstützen und die Zauberformeln, die sie aufsagt, mit kräftiger Stimme nachsprechen. Lindora reibt den Ring und hebt an: „Astaroth und Zoroaster! Eilt herbei aus dem Cocytus.“ (Man muss davon ausgehen, dass die Herrschaften hier wohnen.) Die Nacht ist ein Geflügel. Es kommt aus der Küche und ist gut gebraten, setzt der Baron die Ansprache fort. Lindora ist unzufrieden. Der Baron soll nicht ulken, sondern die Betonung richtig setzen. Wenn die Dämonen kommen, werden sie ihn schrammen, so wie er es verdient. Der Gemaßregelte bittet die Zauberkundige, ihn vor Ärger zu bewahren. Sie soll zusehen, wie sie allein mit den Dämonen klar kommt. Er wird seinen Mund nun nicht mehr öffnen. Die Opernbesucher sind gebeten, vorübergehend das Husten einzustellen, um die Dämonen nicht zu irritieren.


    Lindora schließt die Augen, konzentriert sich und beginnt von vorn: „Zoroaster und Astaroth, kommt aus dem Cocytus! Holt die See zu ihrem ehemaligen Status zurück damit das Schiff, welches wegging, wieder zu sehen ist und zurückkommt!“ Kann der Baron schon etwas erkennen? Nun, die See ist unruhig geworden, aber ein Schiff ist noch nicht zu sehen. Lethe und Pluto werden nun zur Verstärkung herangezogen, weil möglicherweise Astaroth und Zoroaster für das Mittelmeer nicht zuständig sind. Sie warten ein Weilchen und plötzlich taucht das herbeigesehnt Schiff am Horizont auf. Die Schiffsmannschaft steht an der Reling und winkt. Welche wunderbare Metamorphose. Alles verdanken sie dem lieben Ring. Einer großen Stimme hat er den schuldigen Gehorsam geleistet. Jetzt muss alles sehr schnell gehen. Hoffentlich sind Brunoro und Monsieur Petit bald zur Stelle.


    Achtzehnte Szene:


    Circe ist es nicht verborgen geblieben, dass der schöne Zaubergarten verschwunden ist und die alte Wildnis aus dem ersten Bild wieder vorherrscht. Die Weisungen an die Zaubermächte, die bekanntlich nur das tun, was ihnen gesagt wird, hatte Lindora unvollständig vorgebracht. Oh grausame Götter! Wie sehr wurde Circe enttäuscht? Welche Leiden und welcher Verdruss erwartet sie schon wieder! Wo ist ihr Idol? Will der Geliebte etwa davonlaufen? Fühlt er kein Mitleid mit ihr? Bruno entbietet sich, nach ihm zu suchen. Wenn er den Franzosen findet, bringt er ihn her. Petit hatte sich im Gebüsch versteckt und kommt nun hervor. „Ah da bist du ja mein lieber Schatz.“ Als er merkt, dass sie nach ihm greift, will er sofort wieder davonrennen. Der Treulose soll anhalten! Circe weiß nun überhaupt nicht mehr, wie sie sich dem wankelmütigen Franzosen gegenüber verhalten soll. Unschlüssig und völlig durcheinander ist auch Petit. Er hört sein Herz nicht mehr schlagen. Was soll er tun?


    Nun ist es an Brunoro, das Fluchtvorhaben aufzudecken. Was sagt der Diener da? Er wollte doch auch mitkommen! Man beschuldigt sich gegenseitig des Verrats. Circe reicht es. Sie wird kurzen Prozess machen und alle transformieren. Sie ruft bereits nach den Furien, hat aber offenbar noch nicht festgestellt, dass sie nicht mehr im Besitz des Zauberringes ist. Trotzdem fällt man vor der mächtigen Signora auf die Knie und bittet im Chor um Verzeihung. Circe verkündet ihren Hass auf die Menschheit! Die Angst steht allen ins Gesicht geschrieben. Der Baron möchte nicht wieder in eine Statur verwandelt werden und Brunoro keinen Esel abgeben. Die Freunde sollen doch nicht so erschrocken sein! Lindora hat den Ring, mit dem sie jeden Zauber wieder neutralisieren kann. Ach, die gute Zofe hat doch nicht einmal ein Semester in dieser Grenzwissenschaft absolviert. Woher nimmt sie ihr Selbstbewusstsein? Nun ruft Circe die Geister herbei! Sie sollen ihr schnell gehorchen, aber Lindora schickt sie kraft des Ringes sofort wieder weg. Die Anwesenden beobachten die beiden Frauen beim Kräftemessen. Das Blut hat längst aufgehört zu zirkulieren, die Gesichter sind bleich. Circe weiß nicht, wen sie alles herbeirufen soll, den Regen, die Wellen, den Wirbelwind, um das Fluchtvorhaben zu vereiteln. Sie möchte sich am liebsten selbst töten. Nichts funktioniert! Lindora mag das Thema nicht ernsthaft mit ihr diskutieren, Circe muss es hinnehmen, dass sie von ihrer Dienerin ausgelacht wird. Gut, dass die Erboste es nicht regnen lassen kann, denn der Baron hat keinen Regenschirm dabei.


    Das Schiff hat angelegt. Die Landebrücke wird ans Ufer geschoben. Bitte Beeilung! So ganz ohne Abschied mag Monsieur Petit die Angebetete aber nicht zurücklassen. Addio, mein wunderschönes Idol. Der grausame Mann! Was hat sie ihm getan? Der Liebling soll nicht fortgehen. Circe fasst ihn am Ärmel. „Tut mir Leid, mein Liebling, aber es muss sein!“ Die Gefährten drängen. Nun, wenn der Franzose nicht endlich kommt, gehen sie allein weg. Er kann gern bleiben, hinterher wird er sehen, was er davon hat. Die lieben Freunde sollen nicht solchen Unsinn erzählen. Natürlich kommt er mit! Circe sieht ein, dass sie den Liebling nicht halten kann. Nun, weit werden sie nicht kommen! Aeolos wird den Sturm loslassen und Neptun die Wogen entfesseln. Nein, ohne Ring kann Circe ihnen keinen Schaden zufügen. Aber wird Lindora in Zukunft verantwortungsvoll mit dem Juwel umgehen können?


    Ganz ohne Trost wollen wir die betrogene Circe, die am Strand zusammengesunken ist, nicht zurücklassen. Ihre Zauberkunst dürfte nicht allein von einem Ring abhängen. Kreuzfahrtschiffe werden die Insel anlaufen und Männer kommen. Wer kann es der enttäuschten Circe verdenken, wenn sie sich auf ihre Fähigkeit besinnt, Unliebsames zu transformieren?


    © 2010 TAMINO – Engelbert

    Hallo Theophilus,


    Exakt geraten!


    Aus dem Jahre 1971 fand ich unter meinen LP-Schätzen ein Porträt des Belcanto-Sängers unter dem Label RCA.
    Alle fünf Bravour-Arien sind dem Komponisten Donitetti gewidmet.


    1. Roberto Devereux mit der Kerkerszene des dritten Aktes "Ed ancor; A te diró negli... (13.28 Min.)
    2. L'Elisir d'Amore: Zweiter Akt: Una furtiva lagrima... (5.25 Min.)
    3. La favorita: Vierter Akt: Favorita del re... (5,07 Min.)
    4. Lucia de Lammermoor: Grab-Szene, dritter Akt: Tombe degli avi miei... (16.31 Min.)
    5. Don Paquale: Zweiter Akt: Povero Ernesto... (6.48 Min.)


    Es dirigiert Argeo Quadri das Orchester der Wiener Volksoper.



    Mein Plattencover zeigt Barry Morell, etwa Anfang 40, im Schottenlook mit Karomuster. Die Waden bleiben im Fotoausschnitt unsichtbar; die Stimme ist kräftig und baritonal eingefärbt. In Muße dehnt er die angefangenen Phrasen und lässt sie gelassen ausklingen. Das rrr wird im Auslaut stark gerollt. Die Stimme ist angenehm, aber die seelische Beteiligung ist kalkuliert.


    Renato Cioni schluchtzt als Edgaro doch ein bisschen heftiger und Robert Ilosfalvy ist seelisch mehr beteiligt und hat in der EMI Einspielung das Knarren der Kerkertür noch als Zugabe. Jedem so, wie er es gern möchte!


    Das Cover gibt Auskunft, dass Barry Morell an der Wiener Staatsoper, der Covent Garden Oper, der Berliner Staatsoper, der Römischen Oper sowie in Amtsterdam und Stuttgart gesungen hat. Oft war er in Lateinamerika unterwegs: Mexico-City, Santiago de Chile und auf Einladung von Fidel Castro auch in Havanna. Verheiratet war er mit Joan Wilder, die im Metropolitan Opera ballett mitwirkte. Mit ihr hatte er fünf Kinder und die Familie hatte ihr Domizil in Rom.


    Barry Morell ist für eine Donizetti-Collektion eine wertvolle Bereicherung.


    Engelbert


    Ferdinand Hérold (1791-1833)


    La fille mal gardée
    Das schlecht gehütete Mädchen


    Der historische Titel lautet: La Ballett de la Paille, ou il n’y a qu’un pas du mal au bien - Das Ballett von Stroh oder: Es ist nur ein Schritt vom Bösen zum Guten.“


    Ballett in zwei Akten und drei Szenen

    Libretto von Jean Daubervall
    Übernahme französischer Volksweisen in die Partitur


    Uraufführung am 1. Juli 1789, Grand Théâtre in Bordeaux, Paris 1828, London 1791
    Wiederaufnahmeam 28. Januar 1960, Covent Garden in London


    Choreographie (hist.) Jean Dauberval
    Choreographie (1960) Frederick Ashton
    Ausführende: Mlle. Théodore (Lise), Eugène Hus (Colas), M. Brochard (Simone)


    Zeitdauer: etwa 90 Minuten


    Charaktere:
    Simone (Ragotte), Gutsbesitzerin
    Lise (Lisonne), ihre Tochter
    Colas, Lises Geliebter
    Thomas (Michaud), vermögender Landwirt
    Alain, sein einfältiger Sohn
    Erntehelfer und Erntehelferinnen


    Das Geschehen spielt in Frankreich zu Ende des 18. Jahrhunderts




    HANDLUNG


    Erster Akt:


    Erste Szene:


    Die französische Revolution hatte mit den alten Strukturen aufgeräumt und Grafen und Gräfinnen hinweggefegt. Ein neues Lebensgefühl breitet sich aus und auch die Musik hat sich von ihren antiken Heroen verabschiedet und gelangt zu neuen Ufern.


    Auf der Bühne zeigt der Hahn im Kreise seiner Hennen, wie glücklich es sich auf dem Lande leben lässt. Madame Simone, eine wohlhabende Gutsbesitzerin, will für ihre Tochter nur das Beste, ohne darüber nachzudenken, was Lise darunter versteht. Diese sieht ihr Glück in einer Verbindung mit dem jungen Colas, einem hübschen Erntearbeiter - aber leider ohne Vermögen. Die Mutter besteht darauf, Lise mit Alain, dem Sohn des reichen Nachbarn zu verehelichen, und hat bereits erste Kontakte geknüpft, damit Geld zu Geld kommt.


    Alain, in seiner geistigen und körperlichen Entwicklung ein wenig zurück geblieben, findet keinen rechten Spaß an Lise und ist daher auch kein ernsthafter Rivale für Colas. Im Komplott mit Thomas, Alains Vater, möchte Simone – auf der Bühne von einem Vertreter des männlichen Geschlechts getanzt – sich durchsetzen. Damit Colas ihre Pläne nicht durchkreuzen kann, wird er kurzerhand vom Hof verjagt. Alain missbilligt die Taktik der beiden Alten und Lise versucht, sich dem Willen der dominanten Mutter zu widersetzen.



    Zweite Szene:


    Die Schnitterinnen sind guter Dinge. Sie tanzen einen Holzschuhtanz und ziehen auf das Feld, um das Getreide zu mähen. Lise und Colas bekräftigen ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und der einfältige Alain wird ihre Zweisamkeit nicht stören. Bei dem Picknick im Freien sieht man Simone mit dem Nachbarn flirten. Wenn es ihr gelingt, ihr garstiges Wesen ein bisschen einzudämmen, kann sie Thomas vielleicht für sich begeistern. Ränke und Manipulationen mit den Kindern aus wirtschaftlichen Erwägungen könnten entfallen. Die Jugend tanzt um den Maibaum. Ein Gewitter zieht auf und man sucht nach einem Unterschlupf.



    Zweiter Akt


    Dritte Szene:


    Madame Simone macht ihrer Tochter einen Brautschleier zum Geschenk und studiert mit ihr einen Hochzeitstanz ein. Doch ihre Bemühungen dürften vergeblich sein, denn Lise weiß ganz genau, was sie nicht will.


    Die Sehnsucht zieht Colas in ihre Nähe. Sie schmuggelt den Geliebten ins Haus und versteckt ihn. Lisa soll das Brautkleid anprobieren und begibt sich mit dem Tüll ins Schlafzimmer. Inzwischen ist der Ehekandidat mit seinem Vater unvermutet angerückt. Mehrere Notare - bei der Opera buffa ausgeliehen - sollen den ordnungsgemäßen Ablauf der Zeremonie beurkunden. Die Mutter gibt Alain den Schlüssel zum Schlafzimmer ihrer Tochter, damit sich die beiden vor der Hochzeit noch ein bisschen beschnuppern können.


    Es ist nicht schwer zu erraten, welche pikante Situation sich dem Zukünftigen bei Betreten des Bettgemachs bietet. In inniger Umarmung findet er die beiden Verliebten! – Wen wundert es? Die Einsicht kommt bei Mutter Simone noch rechtzeitig. Man soll nicht zusammenschweißen soll, was nicht zusammen passt.


    Zur Zufriedenheit des Besuchers haben Liebe und Standhaftigkeit gesiegt und führen zum Finale eines grandiosen Ballettabends.



    Anmerkung:


    Der historische Titel lautet: „Le Ballett de la Paille, ou il n’y a qu’un pas du mal au bien - Das Ballett vom Stroh oder: Es ist nur ein Schritt vom Bösen zum Guten.“ Nicht alles, was dem Zuschauer an Musik in dem Ballett von der schlechtbewachten Tochter vorgeführt wird, stammt von Ferdinand Hérold. Schon der Komponist unterzog sich nicht der Mühe, alte Volksweisen zu bearbeiten, sondern übernahm sie in die Partitur, wie er diese vorfand. Auch scheute er sich nicht, Anleihen bei Rossini zu machen, was in der damaligen Zeit wenig störte. Deshalb kann man es John Lanchbery auch nicht verübeln, wenn er die Musik Hérolds als Rohmasse betrachtet und arrangiert, den Platz verändert, streicht und hinzufügt, wie er es für richtig hält. Der Fassungen von Hérolds Ballett gibt es viele.


    Das Resultat ist zufriedenstellend. Die Musik ist witzig und gefällig, sie stellt keine gehobenen Ansprüche an den Zuhörer. In der Partie der Lise – damals noch Lisonne – brillierten berühmte Tänzerinnen, vor allem Fanny Elssler, Virginia Zucci und Tamara Karsavina. Eine Travestie-Rolle ist die Partie der dominanten Mutter. Das Ballett erfreut mit einen markanten Holzschuhtanz.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    Cesare Pugni (1802-1870)


    Die Tochter des Pharao
    La Fille du Pharaon
    Dotch Faraon


    Ballett in 3 Akten und sieben Szenen
    mit einem Prolog und einem Epilog

    Libretto von Jules Henri Vernoy de Saint Georges und Marius Petipa
    Quelle: Théophile Gautier: “Le Roman de la Momie“
    Uraufführung am 18. Januar 1862, St. Petersburg


    Choreographie: Marius Petipa
    Bühnenbild: Roller und Wagner
    Ausführende: Rosati - Petipa – Stukalkin - Goltz


    Charaktere:
    Aspicia, Tochter des Pharao
    Ramze, Freundin Aspicias
    Ta-Hor / Lord Wilson, Geliebter Aspicias
    Passifont / John Bull, sein Diener
    Pharao König von Nubien
    König des Unterwasserreichs
    Schwarzer Sklave
    Hofstaat
    eine Kobra, - ein Löwe, - ein Affe


    Prolog und Epilog spielen in der Gegenwart, Das Geschehen führt den Zuschauer in ein Pseudo-Ägypten vor unserer Zeitrechnung,



    HANDLUNG


    Prolog:


    Lord Wilson und sein Butler John Bull sind in Ägypten unterwegs und werden von einem Sandsturm überrascht. Mit anderen Reisenden flüchten sie in eine kleine Pyramide, in welcher der Fremdenführer ihnen den Sarg einer Mumie zeigt. Angeblich sei sie einst die Lieblingstochter des Pharao gewesen. Um sich die Zeit zu vertreiben, raucht man ein wenig Opium. Die beiden Europäer lassen sich verleiten, nehmen ein Pfeifchen und fallen in Halluzination.


    Erster Akt:


    Die Mumie hat sich ausgewickelt und ein schickes Ballettröckchen angezogen, um den beiden Engländern zu gefallen. Es ist tatsächlich Aspicia, die Tochter des Pharao, dazu noch mit magischen Kräften begabt. Sie legt ihre Hand auf den Körper der Fremden und unter dem Einfluss des Opiums bekommen die beiden Globetrotter gar nicht mit, dass sie eine Zeitreise in die Vergangenheit antreten und sich leicht bekleidet im Alten Ägypten als Ta-Hor und Passifont wiederfinden.


    Am Anfang der Liebesbeziehung von Ta-Hor und Aspicia steht eine Heldentat. Obwohl der Hofstaat mit Pfeil und Bogen ausgestattet ist, bleibt es Ta-Hor vorbehalten, die Pharaonentochter vor der Fresslust eines Löwen zu bewahren.


    Zweiter Akt:


    Aus Dankbarkeit nimmt sie den Fremden mit nach Hause und stellt ihren Lebensretter vor. Ablehnung und Anerkennung folgen im Wechsel. Als Belohnung für den Helden hält die Gerettete Liebesgunst bereit. Wie ärgerlich, dass der Vater sie schon dem König von Nubien versprochen hat. Die Flucht der beiden aus dem Pharaonenpalast durch eine Geheimtür ist die Lösung. Der Zorn des Pharao kennt keine Grenzen und die Feierlichkeiten werden abgebrochen. Der verschmähte Bewerber entdeckt den Fluchtweg.


    Dritter Akt:


    Der Geprellte spürt die Entwichnen in einer Fischerhütte auf. Nein, Aspicia möchte den Nubier nicht heiraten. Drohungen nutzen absolut nichts. Trotzig stürzt sich die Widerspenstige in den Nil, um ihr Leben zu beenden.


    Glück im Unglück! An der Absturzstelle befindet sich auf dem Grund des Nils der Palast des Herrschers über das Gewässer. Er freut sich über den hohen Besuch und lädt die Ströme der Erde als Gäste ein, denn er möchte zu Ehren der Prinzessin ein Fest geben. Fesche Tanzpartner reichen die Pharaonentochter im Kreis herum, werfen sie sich zu oder in die Luft. Der Geliebte und das Vaterland sind einstweilen vergessen. Es macht Vergnügen, so viele Verehrer zur gleichen Zeit zu haben und von ihnen herumgewirbelt zu werden. Doch irgendwann hört jeder Spaß auf und der Ausreißer möchte wieder nach Hause. Der freundliche Nilkönig stellt eine Muschel als Taxi nach oben kostenlos zur Verfügung.


    SZENENWECHSEL


    Ta-Hor ist in Bedrängnis geraten. Kommt Aspicia nicht bald heim, soll er von einer Schlange tot gebissen werden. So befiehlt es der ergrimmte Pharao. Die Kobra hat ihren Wohnsitz in einem Pflanzenkübel. Da die Behausung sehr eng ist und es sich nicht richtig winden kann, ist das Reptil ausgesprochen aggressiv. Einen schwarzen Sklaven, der sich zu Füßen der Vase nun in Schmerzen windet, hat es durch unverhofftes Vorschnellen im Genick erwischt und ihr tödliches Gift beendet sein Leben. Ta-Hor sieht, was ihm blühen kann, doch das Schicksal ist ihm wohlgesonnen.


    Unverhofft tanzt die Geliebte herein und der glückliche Pharao fängt die tot geglaubte Tochter in seinen Armen auf. Sie behauptet der Nubier habe sie ins Wasser geworfen, und wenn man sie zwingt, ihn zu heiraten, wird sie sich von der Schlange, die aus dem Pflanzenkübel hervorlugt, beißen lassen. Eine solche gewaltige Drohung rührt das Herz des Pharao und er gibt die Zustimmung zur Verbindung zweier Herzen, die sich in Liebe gefunden haben. Der Nubier wird nach Hause geschickt, nachdem dieser den Ehekontrakt aus Wut zerrissen hat.


    Eine Wolke kommt herbei und entführt die Liebenden zu Osiris in den Himmel.


    Epilog:


    Bevor sie dort ankommen, trennt das Schicksal das Paar. Ta-Hor beendet durch fremde Gewalteinwirkung seine Zeitreise und ist wieder Lord Wilson. Zu seiner Überraschung findet er auch seinen Diener in der Pyramide wieder. Der Opiumrausch hat sich verflüchtigt und die Mumine sind an ihre Plätze zurückgekehrt.


    Anmerkungen:


    Der überwältigende Erfolg der Uraufführung war vor allem der grandiosen Ausstattung zuzuschreiben. “Die Tochter des Pharao“ stand in der Gunst des Publikums ebenbürtig neben der „Bayaderska“ von Ludwig Minkus. Die „Aspicia“ war die Lieblingsrolle der Ballerina Matilde Kschessinskaja. Anna Pawlowa kreierte die Partie in der Moskauer Erstaufführung. Seit 1928 wurde es still um das Ballett. Die Ursachen sind nachvollziehbar. Die Komponisten Prokofieff, Strawinsky, Ravel und andere warteten mit ihren Produktionen auf, die dem Hörer eine ganz neue Klangwelt offenbarten. Die Musik Cesare Pugnis – damals hochgelobt - kann man aus heutiger Sicht bestenfalls als anmutig bezeichnen. Trotzdem ist es zu begrüßen, dass das Moskauer Bolschoi-Theater die Produktion neuerdings wieder ins Programm genommen hat.


    Arenskys „Ägyptische Nächte“ haben mit dem Libretto und der Musik Pugnis nichts gemeinsam.


    © TAMINO – Engelbert

    Liebe Marnie,


    ich finde des auch nicht in Ordnung, wenn eine verwaltungstechnische Schlamperei oder gar Absicht vorliegt, um den Konsumenten zu locken oder zu täuschen, sich eine Auffürhung anzuschauen, in die er sich sonst nicht gehen würde.


    Kartenrückgabe gibt es in Hamburg auch nicht. Man kann versuchen, die Eintrittskarte anderweitig zu verscherbeln, das ist aber in jedem Fall mit Verdruss verbunden.


    Ich beiße eher in den sauren Apfel, und bin nicht gleich verdrießlich. Mein Gradmesser ist nicht so sehr eine mindere Stimmqualität, sondern die Inszenierung. Wenn mir eine Oper absolut nicht gefällt und ich meine für das Geld genug gesehen zu haben, gehe ich nach dem ersten Akt einfach nach Hause. Mir fällt es ohnehin schwer, länger als drei Stunden zuzuschauen und die Aufmerksamkeit wach zu halten. Bei DVD habe ich diese Einbußen nicht und freue mich über Bild- und Tonqualität und die Kamera-Einstellungen.


    Viele Grüße
    Engelbert

    Liebe Marnie,


    es muß nicht immer zwingend schief laufen, wenn die Umstände einen Ersatz aus der zweiten Reihe erforderlich machen. Manchmal wird einer Debutantin eine Chance geboten, sich zu präsentieren und man ist überrascht.


    Mein konkreter Fall: In Berlin wurde Nabucco gegeben und gebucht hatte ich Ghena Dimitrova. Angekommen werfe ich einen Blick auf den Besetzungszettel im Aushang: An die Stelle der Dimitrova war Linda Roark Strummer getreten - einen Namen, den ich noch nie gehört hatte. Deshalb war ich nicht nach Berlin gefahren. Doch ich sehe mir die Vorstellung in aller Gelassenheit an und war maßlos überrascht. Wohlklang in ein unwahrscheinliches Volumen gebettet, Abgedunkeltes Timbre umschmeichelte meine Ohren. Ich habe geglaubt, die Souliotis zu hören. Besser wäre die Dimitrova auch nicht gewesen.


    Nun, inzwischen habe ich überraschenderweise Linda Roark Strummer als Odabella (Attila) bei GALA auf CD bekommen. Die Amerikanerin hatte ihre Glanzzeit in den 1980ern und hat alle lyrisch-dramatischen Partien, auch die slawischen, quer durch den Garten gesungen.


    Deswegen meine ich, man sollte sich nicht unbedingt versteifen, und sich nicht selbst den Abend vermiesen, sondern Wohlwollen walten lassen.


    Mit freundlichen Grüßen
    Engelbert

    .


    Fritz Kreisler (1875-1962)
    Sissy


    Singspiel in zwei Akten und vier Bildern
    Libretto von Ernst und Hubert Marischka
    nach einem Lustspiel von Ernst Decsey und Gustav Holm
    Uraufführung am 23. Dezember 1932 in Wien


    Charaktere:
    Franz Joseph, Kaiser von Österreich
    Prinzessin Elisabeth, genannt Sissy
    Erzherzogin Sophie, Mutter des Kaisers
    Herzog Max in Bayern
    Ludovica, genannt Luise, seine Gemahlin
    Der Prinz von Thurn und Taxis
    Helene, genannt Nené, Sissys ältere Schwester
    Oberst Theodor vom Kempen, Leiter der Gendarmerie
    Ilona Varady, Ballett-Tänzerin
    Baron Hrdlicka, Zeremonienmeister
    Petzelberger, Wirt zum 'Goldenen Ochsen'
    Weitere Kinder der Herzoglichen Familie sind:
    Karl Theodor, genannt Gackl, Sophie, genannt Spatz sowie
    Ruprecht, Annemarie und Maximilian,
    Ballgäste, Kneipengäste und ein Gesangverein


    Das Geschehen spielt in Possenhofen und Ischl im August 1853



    VERZEICHNIS DER GESANGS-NUMMERN (in Auswahl):


    > Ich hab' dich lieb, unsagbar lieb Duett Helene – Thurn und Taxis)
    > Ich glaube, das Glück hält mich heute im Arm (Sissy)
    > Ein stilles Glück (Max)
    > Ja, so fahren die bayerischen Soldaten (Max)
    > Dein Kuss hat mir den Frühling gebracht (Thurn und Taxis - Helene)
    > Mädl, wenn mich dein Mund küsst (von Kempen - Ilona)
    > Ich wär so gern einmal verliebt (Sissy)
    > Warum bist du so fürchterlich bös auf mich (Ilona – vom Kempen)



    HANDLUNG


    Erster Akt


    Erstes Bild: TERASSE AUF SCHLOSS POSSENHOFEN AM STARNBERGER SEE



    Im idyllischen Possenhofen am Starnberger See lebt Herzog Max mit seiner großen Familie auf seinem Landsitz sorglos in den Tag hinein. Mit den Regierungsgeschäften hat er nichts zu tun, denn er ist im Gegensatz zu seinem Bruder lediglich Herzog in Bayern und nicht von Bayern – ein kleiner, aber feiner Unterschied. Höfisches Leben passt nicht zu ihm und kommt daher nicht in Betracht, aber er kümmert sich stattdessen um die Pflege der bayrischen Volksmusik. Der Klang der Zither kann sein Herz zum Schmelzen bringen. Ein Naturfreund ist er, leutselig und zum Leidwesen der Frau Gemahlin hin und wieder auch weinselig.


    Der Wildfang der Familie ist Sissy. Sie versteht mit ihren 16 Lenzen zu reiten wie der Teufel. Häufig begleitet die Lieblingstochter den Vater auf die Jagd. Wenn ihm ein kapitaler Hirsch vor die Flinte kommt, macht sie ein Geräusch und scheucht ihn weg, bevor es knallt. Herzog Max ist seinen sieben Kindern ein herzensguter Vater und seiner Frau ein widerspenstiger Gemahl. In Fragen der Kindererziehung gibt es oftmals Zoff, denn sie ist der Ansicht, dass der Vater zu wenig auf gutes Betragen achtet und den Kindern kein gutes Beispiel vorlebt. Bei ihrem Mann darf die Rasselbande an der langen Leine laufen, während sie Wert auf Manieren und Förmlichkeit legt, schließlich ist sie die Tante des österreichischen Kaisers. Ruhm und Wertschätzung bedeuten ihr alles.


    Ihr selbst war es wie ihrer Schwester Sophie in Wien nicht gelungen, in ein Kaiserhaus einzuheiraten. Deshalb hat sie auch ständig Migräne. Nun pflegt sie aber begründete Hoffnung, dass ihrer hübschen Tochter Helene der junge Kaiser Franz Joseph ins Netz geht, wenn man die Sache raffiniert einfädelt. Mit ihrer Schwester Sophie, des Kaisers Mutter, ist sie ein Herz und eine Seele. Die beiden alten Damen haben sich einen Plan zurecht gelegt, von dem Herzog Max aber nichts wissen darf.


    Ihre Tochter Helene hat Ludovia über die Einladung der Erzherzogin Sophie informiert und betont, dass ihnen die Ehre zuteil geworden sei, am Geburtstag des Kaisers zum Hofball eingeladen zu sein. Gescheit soll sie sich dem fügen, was man sich von ihr erhofft. Die kaiserliche Karosse wird stündlich erwartet und für Helene wurde ein prächtiges Hofkleid bestellt. Der Umschmeichelten ahnt nichts Gutes und sie fürchtet um ihre Liebe zum Prinzen von Thurn und Taxis. Die jungen Leute haben sich gefunden und das Operettenpublikum auf ihre Seite gezogen, nachdem das Blaublut versichert: „Ich hab dich lieb, unsagbar lieb,“ bevor es nach Hause fährt.


    Die Familie begibt sich zum Frühstück auf die Terrasse. Der Lärm, den die Kinder machen, erinnert Luise - wie sie statt Ludovica in vertrautem Kreise genannt wird – an ihre Migräne. Herzog Max weiß nicht, dass er in einer wichtigen Familienangelegenheit hintergangen werden soll und begibt sich mit den Kindern zum Angeln an den See. Sissy fühlt sich pudelwohl, denn das herrliche Wetter und die gute Laune der Geschwister bringt sie selbst auch in Hochstimmung. Sie singt das Lied: „Ich glaube, das Glück hält mich heute in seinem Arm und tanzt einen Walzer mit mir.“


    In der Zwischenzeit ist die Kutsche aus Österreich eingetroffen und in Windeseile haben Mutter und Tochter Nené ihr Reisegepäck in der Kutsche verstauen lassen und sich klammheimlich davon gemacht.
    Der ein wenig trottelige Oberst vom Kempen ist für die Sicherheit der beiden Damen verantwortlich.


    Sissy ist traurig, dass ihr Vater und sie selbst bei der Einladung nach Bad Ischl übergangen wurden.
    Unter dem Siegel der Verschwiegenheit hatte Nené sie über die mutmaßlichen Hintergründe eingeweiht,
    dass sie dem jungen Kaiser als Braut unter die Weste gejubelt werden soll und über die Ehre gefälligst glücklich zu sein habe. Ihrem geliebten Prinzen will Nené noch eine Nachricht zukommen lassen. Die impulsive Sissy hetzt ihren Vater auf, dass er sich das Sorgerecht nicht aus der Hand nehmen lassen und tatenlos zusehen soll, wenn es um das Glück seines Kindes geht. Sie selbst möchte mitkommen, um ihrer lieben Schwester das silbrig schimmernde Hofkleid nachzubringen, welches in der Hast zu Hause liegen geblieben ist. Es gelingt ihr, den Vater zu bewegen, anspannen zu lassen, um den beiden Ausreißern nachzujagen. Der Herzog lässt sich seine gute Laune nicht verderben uns hat ein fröhliches Lied auf den Lippen: „Ja, so fahren die bayerischen Soldaten.“



    Zweites Bild: DIE KAISERLICHE VILLA IN ISCHL


    Kaum hat Oberst vom Kempen seine kostbare Fracht aus Possenhofen abgeliefert, hat er auch schon ein kleines Problem auf dem Hals. Ein Fräulein Ilona will ihn sprechen. Es ist eine Dame vom Ballett, seine Geliebte, von der er sich aber offenbar kompromittiert fühlt. Wenn er mit ihr allein ist, vergisst er den Standesunterschied und jubelt: „Mädel, wenn mich dein Mund küsst ...“ Es wäre angezeigt, wenn Ilona etwas diskreter auftreten würde. Wenn der Zeremonienmeister, Baron Hrdlicka, davon etwas der Erzherzogin erzählt, kann es sein, dass sein Job weg ist und auch seine Pension. Und vielleicht verliert er sogar seinen Kopf.


    Die beiden Erzherzoginnen begrüßen sich in alter Vertrautheit. Ludovica neidet Sophie ihre Machtfülle. Aber die Schwester soll doch nicht von Fülle sprechen, während sie eine Diätkur plant. Sophie rügt den Zeremonienmeister, weshalb er noch kein Verbotsschild im Garten aufgestellt hat, um das Betreten der Rosenrabatte zu untersagen. Die Blumen sind für den Geburtstag des Kaisers bestimmt und deshalb soll vorher niemand daran riechen.


    Wer rechnet schon damit, dass Sissy und Herzog Max aus Bayern inzwischen auch eigetroffen sind. Sissy hat die schönen Rosen im Garten entdeckt und überlegt, wie herrlich es sei, damit eine Blumenvase zu dekorieren. Der Kaiser hört am Fenster wie im Garten ein Mädchen ein wunderschönes Lied singt: „Ich wär' so gern einmal verliebt ...“ und gibt Auftrag ihm die liebreizende Diebin vorzuführen.


    Herzog Max versucht schon die ganze Zeit zum Kaiser vorzudringen, bekommt aber Probleme mit dem argwöhnischen Baron Hrdlicka, der seine kurzen Lederhosen unpassend findet und seine Identität anzweifelt. Mit List und Tücke gelingt es Max schließlich doch bis zu Franz Joseph vorzudringen, der ihn ihm aber auch nicht sogleich den lieben Onkel erkennt. Max muss es intensiv beteuern bis die Missverständnisse beseitigt sind. Beide sind leidenschaftliche Jäger und haben schnell ein gemeinsames Thema gefunden. Jetzt möchte Max ein kühles Bier trinken und Oberst vom Kempen erhält Auftrag, ihn in die Dorfgaststätte „Zum Goldenen Ochsen“ zu begleiten Max hat ganz vergessen, dass er sich mit ihm eigentlich über Helene unterhalten wollte.


    Nach etlichen Mühen ist es dem Zeremonienmeister gelungen, die „Rosenabreißerin“ einzufangen. Sie ist schwer bepackt, denn sie hat die ganze Rabatte geplündert. Einen Karton, aus dem der Zipfel eines Kleides herausschaut, trägt sie unter dem anderen Arm, so dass Franz Josef sie für eine Schneiderin hält.


    Wieviel Rosen hat sie denn abgerissen? „Sind es nur zwei?“ „Nein, zweiundzwanzig, Majestät!“Nur zum Schein behandelt der Kaiser sie streng, um sich dann aber doch zu entschließen, von seinem „Begnadigungsrecht“ Gebrauch zu machen. Den Strauss darf sie in einer Blumenschale auf seinem Schreibtisch arrangieren.


    Von ihrer Munterkeit gefangen, versucht er die Unterhaltung auszudehnen und kann von der liebreizenden „Schneidermamsell“ nicht genug bekommen. Das Kleid sei für die Schwester Helene bestimmt, erzählt sie, die vergessen habe es einzupacken und am Abend zum Hofball eingeladen ist.
    Das Operettenpublikum schaut gern zu, wie geschickt der Kaiser flirten kann, obwohl das bei seiner strengen Erziehung niemand vermutet hätte.


    Doch nun muss er die Kleine ziehen lassen, denn die Mutter möchte ihm Nené vorstellen. Vorher hat er sich noch ausbedungen, dass die Rosendiebin ihm unter einem Decknamen ein Telegramm schickt. Nené wird am Abend seine Gesellschaftsdame sein. Doch der Funke der Sympathie springt bei der Vorstellung weder von der einen, noch von der anderen Seite über. Der Kaiser weiß noch nicht, dass das Mädchen ihm als Braut zugedacht ist.



    Zweiter Akt:


    Drittes Bild: IM LOKAL ZUM GOLDENEN OCHSEN


    Den Kontakt zu den Dorfbewohnern hat Herzog Max schnell hergestellt. Er hat sich als kaiserlicher Leibjäger ausgewiesen und mit seinem Frohsinn sogleich die Herzen der Anwesenden erobert. Er kennt die Lieder, die zu den Feierlichkeiten am Abend gesungen werden sollen und schließt sich dem Sängerbund an. Oberst vom Kempen möchte sich mit dem Volk nicht gemein machen und zieht es vor, im Nebenzimmer bei einem Glas Milch zu verweilen.


    Unerwartet nimmt eine kaiserliche Kutsche Kurs auf das Gasthaus und die beiden Erzherzoginnen steigen aus. Angeblich hat Ludovia einen Migräneanfall. Gemäß vorbereitetem Plan lassen sie das junge Paar allein weiterfahren, damit die Kinder Gelegenheit haben, sich zu beschnuppern. Ludovica ängstigt sich, dass ihr Plan, die Kinder miteinander zu verkuppeln, doch noch schief laufen könnte. Doch Sophie beschwichtigt, sie wird an das Trinkglas klopfen und die Verlobung einfach verkünden. Franz Josef hat es noch nie gewagt, einen Wunsch seiner Mutter nicht zu respektieren.


    Im Lokal angekommen fragt Sophie förmlich, ob sie hier richtig im 'Goldenen Ochsen' seien. Jawohl, der goldene Ochse sei er in Person, bestätigt der Wirt. Die Ankommenden fallen aus allen Wolken, als sie die Anwesenheit von Herzog Max im Lokal feststellen. Wie unverantwortlich von ihm, die Kinder zu Hause allein zu lassen! Er sei gekommen, um nach dem Rechten zu schauen. Offenbar scheint Herzog Max das Glück, welches seinem Hause winkt, nicht zu schätzen. Das Glück seines Kindes sei ihm das Wichtigste.
    Als Sissy auch noch hinzukommt und ihrem Vater verbal zur Seite steht, um ungerechtfertigte Vorwürfe abzuwehren, steigert sich der Ärger auf den Höhepunkt. Das Mädchen soll auf seinem Zimmer eingesperrt werden, damit es am Abend nicht stören kann. Sissys Vater protestiert und Sophie vermisst den gebotenen Respekt, den er der Mutter des Kaisers entgegenzubringen hat. Die Sangesbrüder verschieben ihren Übungsnachmittag auf später und verschwinden von der Bildfläche.


    Von dem „Milchmixgetränk“ leicht benommen taucht Oberst von Kempen auf und Erzherzogin Sophie will wissen, was das für komische Geräusche sind, die er ständig von sich gibt. „Kaiserliche Majestät, das sind innerliche Böllerschüsse“ kommt die Erklärung zu den Fakten und zu den Mutmaßungen, dass man ihm etwas ins Glas geschüttet hat. Der Oberst erhält Weisung, eine neue Kutsche zu ordern, damit die Damen einen Ortswechsel vornehmen können.


    Viertes Bild: IM PARK DER KAISERLICHEN VILLA


    Das eigentliche Familiendrama beginnt im Park. Auch nicht alles gefallen lässt sich Thurn und Taxis. Er ist ebenfalls angereist und hat schon eine Postkutsche bestellt, um Nené zur Flucht über die Grenze zu überreden. Noch Nené bezweifelt, dass das Problem so gelöst wird. In jedem Fall bleibt Zeit für ein schönes Liebesduett: „Dein Kuss hat mir den Frühling gebracht“, bevor die Mama ihr krakeeliges Organ ertönen lässt. Erschrocken hat sie festgestellt, dass das schöne Abendkleid im Tumult in Possenhofen liegen geblieben ist. Au fein, dann gibt es vielleicht gar keine Verlobung. Das könnte ihr so passen!


    Doch Sissy ist es gelungen, über den Zeremonienmeister zum Kaiser vorzudringen und händigt diesem das Festkleid für die Schwester aus. Darf Sissy eine Frage an ihn richten? „Natürlich“ „Ist es war, dass kaiserliche Majestät sich heute Abend verloben wird?“ Wer sagt den so etwas? Ganz Ischl redet bereits darüber. Der Kaiser dementiert und beruhigt seine schöne Fragestellerin. Er denke gar nicht daran, sich den Wünschen seiner Mutter unterzuordnen.


    Erzherzogin Sophie will vom Zeremonienmeister wissen, wer die schönen Rosen auf den Schreibtisch des Sohnes gestellt hat. Das Verhör wird eng, und bald weiß die Mama, dass eine Diebin die Blumen aus dem Garten gestohlen, der Kaiser ihr aber die Unregelmäßigkeit verziehen hat. 13 ½ Minuten habe die Versöhnungsgeste gedauert. Die Information reicht, um Oberst vom Kempen mit der Spurensuche nach dem Mädchen zu betrauen, welches sich in die Villa eingeschlichen hat. Es kommt zu einem Missverständnis, die den Eifersüchtigen vermuten lässt, dass seine Ilona sich dem Kaiser um den Hals 'geringelt' hat. Er macht der Bedauernswerten ein Szene, der sie sich mit weiblichem Geschick aber entwinden kann. „Warum bist du so fürchterlich bös?“ Das gute Einvernehmen ist schnell wieder hergestellt.


    Sissy beeilt sich, die Frohbotschaft ihrer Schwester mitzuteilen, wird dabei aber von der Mutter überrascht, die sie eine Intrigantin schilt. Sie sei neidisch auf das Glück der Schwester. Ihrem Mann wirft sie ebenfalls vor, dass er störe. Nun ist es aber mit dessen Gutmütigkeit vorbei. Er schimpft lautstark und als Franz-Josef hinzukommt erfährt er nun endlich was man mit ihm im Sinn hat und wer die „Schneidermamsell“ überhaupt ist, die ihm so gut gefällt.


    Der Zeremonienmeister erklärt, dass der Eröffnungstanz beginnen kann. Der Kaiser wählt Sissy und nicht Helene. Beim Tanz können die beiden sich nun endlich erklären, was an Emotion ansteht. Franz Josef verkündet seine Verlobung mit Sissy. Das beste, was die beiden Mütter tun können ist, Gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Man lässt es sich nicht anmerken, dass nicht alles nach Wunsch gelaufen ist und lässt gelten, was nicht mehr zu ändern ist. Nené ist nun glücklich, ihren Thurn und Taxis zu bekommen.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    .


    Marcos Portugal (1762-1830)


    Lo Spazzacamino
    Der Schornsteinfeger - The Chimney-sweeper


    Dramma giocoso
    Komödie mit Musik in einem Akt
    Libretto Giuseppe Foppa
    Uraufführung 1794 am Teatro San Moisè in Venedig


    Charaktere:
    Pierotto, Schornsteinfeger
    Il Marchese di Monte Albore
    Donna Flora, zum Marchese in Liebe entbrannt
    Rosina, ihre Kammerzofe, Pierottos Leckerbissen
    Don Fabio, Sekretär des Marchese, intrigant
    Giannino, Kämmerer des Marchese
    Balsamino, ein Zahnarzt
    Fabrizio, der Hauslehrer, abwesend



    INHALTSANGABE


    SINFONIA


    Erste Szene:
    Wahrlich, die Liebe ist ein Teufel, der es sich vorgenommen hat, die Menschen verrückt zu machen. Donna Flora wird von dem kleinen Unhold ganz besonders geplagt. Sie hat sich nämlich vorgenommen, ganz allein das Herz des Marchese zu regieren und das schafft Probleme. Schon früh am Morgen hüpft sie aus dem Bett, denn die Liebe mahnt sie, ihrem Opfer einen Besuch abzustatten. Viel zu früh ist sie in die weißen Seidenstrümpfe geschlüpft, denn der Marchese schläft noch und sein Kammerdiener sieht es als seine Aufgabe an, Störenfriede fern zu halten. Donna Flora hat ein robustes Organ und Don Giannino gibt sich alle Mühe, sie zu veranlassen, die Lautstärke zu senken. „Sprich leise! Noch leiser!“ Donna Flora macht viel zu viel Getöse. Sie soll in Ruhe erklären, was sie am frühen Morgen schon auf den Plan gerufen hat. Wenn der Marchese durch ihren Lärm wach wird, kann er sehr ungehalten werden und für ihn gibt es dann Ärger. Sie soll ihm jetzt zuflüstern, welches ihre Wünsche sind. Nun, sie möchte lediglich, seinen Sekretär sprechen. Wenn es weiter nichts ist, er kann ihn herbei holen. Aber sie möge bitte ihr Temperament zügeln, der frühe Morgen ist nicht die Zeit, es loszulassen.


    Die Schönste der Schönen ist gekommen, in größter Ehrerbietung verbeugt sich Don Fabio vor ihr. Ohne Umschweife steuert die Besucherin auf ihr Ziel zu. Sie weiß, dass er Einiges für sie tun kann und nun hat sie eine Aufgabe für ihn. Don Giannino muss nicht unbedingt zuhören, er soll verschwinden! Selbstverständlich steht Don Fabio der vornehmen Dame zu Diensten. Die Sache ist ebenso delikat wie ernst und fordert große Entschlossenheit, aber sie weiß, dass er sie zufriedenstellen wird. Sie soll doch an seiner Fähigkeit nicht zweifeln, Don Giannino hält Wache und niemand wird sie stören. Donna Flora wird in ihm einen dankbaren Mann finden.


    Doch der Störenfried ist schon unterwegs. Im Nebenzimmer hört man ein furchterregendes Gepolter, als ob eine Schießerei im Gange wäre, doch dann wird es wieder still. Don Giannino steckt seinen Kopf zur Tür herein und mahnt die beiden, doch etwas leiser miteinander umzugehen. Aber der Kammerdiener taxiert falsch, denn Donna Flora will vom Sekretär nicht Liebe, sondern Geld. Wenn der Marchese sie liebt, wie dieser behauptet, möge er ihr doch bitte 100 Dublonen leihen. Selbst will sie ihn nicht fragen, weil es eine kleine Unstimmigkeit gegeben hat. Der Marchese habe sich frech an ihre Kammerzofe herangemacht. Das ist zu viel, Don Fabio versteht. Es wird ihm eine Ehre sein, ihr zu dienen. Wenn Donna Flora erst die Frau des Marchese ist, soll es sein Schade nicht sein. Im Moment habe sie genug gesagt und es war ihr eine Genugtuung, ihr Herz erleichtert zu haben. Er soll sie in allem, was im Hause geschieht, auf dem laufenden halten. Don Fabio verspricht es.


    Zweite Szene:


    Don Fabio ist ein Spitzbube und macht sich Gedanken, wie er aus der Situation für sich Vorteil ziehen kann. Wenn er die hundert Dublonen erst einmal in Händen hält, findet sich dafür eine bessere Verwertung, als sie Donna Flora zu geben. Die Idee, die eitlen Wünsche der Dame zu unterstützen, dünkt ihm dagegen nicht schlecht. Zeit ist nicht zu vergeuden. Einen feinen Trick wird er spielen. Ausführlich diskutiert er seine Idee mit Giannino, mahnt diesen aber ausdrücklich, nichts zu verraten und auch Donna Floras Erscheinen zu verheimlichen, denn sonst gehe es ihm schlecht. „Einen schlauen Fuchs haben wir da“, kommentiert, unbeeindruckt von der Drohung Giannino Don Fabios Pläne. Der Kammerdiener ist nun damit beschäftigt, die Kleidungsstücke auszulegen, welche der Marchese heute tragen wird.


    Dritte Szene:


    Zwanzig Jahre bevor Giacomo Rossinis Barbier die Welt eroberte, hat Marc'Antonio Portogallo seinen Spazzacamino auf die Menschheit losgelassen. Der Schornsteinfeger ist ein kleiner Unglücksrabe und nicht besonders geschickt im Klettern. Wenn er im Kamin fegt, stürzt er häufig ab und wie das Unglück es will, schlägt er mit dem Kopf zuerst auf. Der Radau im Nebenzimmer war die Ursache dieser kleinen Ungeschicklichkeit. Immerzu stellt das Schicksal ihn vor Situationen, denen seine Intelligenz nicht gewachsen ist. Doch er ist eine grundehrliche Haut und sein Frohsinn ist umwerfend und hilft ihm über alle Fährnisse hinweg. „Oh spazzacamin! Oh spazzacamino! Donette son qua. Son bravo, son lesto. Tan tantan rá – meine Damen hier bin ich, ich bin gut, ich bin schnell.“


    In welch feinem Raum ist er gelandet? Er hatte gedacht, er würde in der Küche herunterkommen. Sieh an, welche schönen Kleider hier achtlos herumliegen. Maestro Pierotto würden sie gut sitzen, exakt seine Größe. Der Mantel aus Brokat mit den goldenen Litzen gefällt ihm am besten – ein großartiges Stück. Wie weich der Stoff sich anfühlt – wie entzückend. Dazu weiße Beinlinge und schöne Schlappen. Die Perücke auf dem Ständer duftet wie frisch gepudert. Wehe, man würde ihn in diesen Kleidern finden! Alle schlafen noch, man hört keine Geräusche. Die Welt ist überall schlecht.


    Was sieht er im Spiegel? Er ist doch nicht hässlich! Keine Macht der Welt kann ihm verbieten, sein Gesicht zu waschen. In diesen Kleidern würde seine Figur vorteilhaft zur Geltung kommen. Courage, Don Pierotto! Das Schlimmste was ihm passieren kann: man wird ihn fürchterlich verhauen, wenn er sich erwischen lässt. Vielleicht wird man ihn sogar töten! Doch sobald Gefahr droht, wird er schnell den Kamin hochsteigen. Pierotto kann der Versuchung nicht widerstehen. „Evviva, Evviva ... Wie nett ist es ein Marchese zu sein!“ Pierotto weiß sich vor Vergnügen nicht zu lassen. Jetzt muss er noch in der Waschschüssel das Antlitz vom Ruß befreien. Die Perücke über die schwarzen Zotteln gestülpt, schaut er aus wie edel geboren. Ein Unterschied zu Leuten niedrigen Standes ist nicht auszumachen. Sieht er nicht fast aus wie der Marchese selbst? Welche Grazie, welcher Schneid? Ist er nicht ein wirklicher Prachtkerl? Noch sauberer und schöner als er, ist keiner! Ein wirklich entzückender Amor! „Tan tan tan tan. Beeilt euch Mädchen!“ Kommt und bewundert all diese Schönheit. Zum Teufel, wer könnte jetzt noch sagen, dass er nicht von edlem Blut sei. Die offene Tür veranlasst ihn, einen Raum weiterzugehen. Allzu gern möchte er nun wissen, welchen Eindruck er auf andere macht.


    Vierte Szene:


    Der Marchese tritt auf. „Veninzette donne belle, fide ancelle dell’amore - Charmante junge Schönheiten! Ergebene Mädchen der Liebe!“ Er kränkte das edle Herz von Donna Flora und findet daran noch Gefallen. Der Schatz soll ihm vergeben, wenn er ihn zeitweilig schmäht. Die Signale der Liebe soll man fürchten. Ach, was ist das nur für ein Leben. Sein Herz ist schon immer ein Zappelphilipp gewesen. Eine andere Zofe wird sich heute vorstellen. Das alte Dienstmädchen hat er entlassen müssen und das neue muss erst noch trainiert werden. Es ist das Mädchen von Donna Flora. Noch heute wird er mit ihr sprechen. Verwicklungen wird es geben. Er hofft, dass sie ihm nicht über den Kopf wachsen werden.


    Fünfte Szene:


    Welche Furcht hatte Pierotto und welches Glück, sich rechtzeitig verstecken zu können. Nun hat er Gelegenheit, den Selbstgesprächen des Marchese zu lauschen und - nur für das Publikum hörbar - Kommentare zu geben. Der Adelige verspürt den dringenden Wunsch, den Grandeur einmal weglegen zu können und würde sogar bereit sein, Lumpen anzuziehen, um seine Person zu verwandeln. Welche unerhörte Chance bietet sich ihm? Er entdeckt die schwarze Kluft Spazzacaminos und verspürt die gleichen Gelüste wie er, die Tracht einmal anzuprobieren. Oh weh! Pierotto registriert, dass seine textile Ausrüstung gefunden wurde. Nun will er aber sehen, was er damit macht. Der Marchese beeilt sich die Sachen anzulegen, bevor der Besitzer sie ihm streitig machen kann. Der Marchese soll aufpassen, dass er die wertvolle Berufskleidung nicht ramponiert! Der Tausch ist schnell vollzogen und der neue Schornsteinfeger betrachtet sich kritisch im Spiegel. In dieser Verkleidung wir ihn niemand identifizieren. Doch, zumindest Pierotto traut sich zu, ihn wiederzuerkennen.


    Wie ein Blitz kommt dem Marchese eine Idee. Er wird in diesen Klamotten zum Haus von Donna Flora eilen und ein bisschen spionieren, was die Dame treibt. Pierotto wäre es recht, wenn der Marchese die Klamotten für immer tauschen möchte. Durch den geheimen Treppengang wird er das Haus verlassen. Wie seine Beine zittern. Hoffentlich merkt es keiner. Der Marchese fasst sich ein Herz. Soll er die übrige Ausrüstung auch mitnehmen?


    Sechste Szene:


    Unbemerkt kommt der Schlossherr in seiner Verkleidung nicht weit. Giannino läuft ihm in die Quere und schimpft ihn übel aus. Was er hier zu suchen habe? Wer gab ihm die Erlaubnis, das Haus zu betreten? Er soll sich beeilen und schleunigst verschwinden. An Dieben bestehe kein Bedarf. Davon gäbe es im Haus schon genug. Recht hat er, kommentiert Pierotto aus seinem Versteck. Der Marchese möchte entgegnen, dass sein Verhalten nicht zu tolerieren sei. Doch er bekommt das Wort abgeschnitten. Er wagt es, den Mund aufzumachen? Wie ist er überhaupt ins Haus gekommen? Den Stock wird er gebrauchen, wenn er nicht sogleich verschwindet. Er solle nur nicht denken, dass er dazu nicht imstande sei. „Warte, Bürschchen!“


    Nun hält es Pierotto doch für angemessen, dem Marchese in seiner Verkleidung zur Hilfe zur eilen. Während der Mann mit dem Stock einen Disput mit ihm beginnt, nimmt der Schlossherr die Gelegenheit wahr, den Ort der Gefahr schleunigst zu verlassen. Zufrieden stellt Pierotto fest, dass der Diener irritiert ist. Er weiß nicht, wen er vor sich hat und tut so, als ob er ihn für seinen Herrn halte. Ah, der Marchese möchte heute seine Zweitperücke tragen, völlig in Ordnung! Er wird sich jetzt beeilen, den Stock wegzulegen und ihm eine Tasse Schokolade holen. Man muss nur korrekt gekleidet sein und schon wird man hofiert, hat Pierotto herausgefunden. Bald ist Giannino zurück: „La cioccolata per vostr’eccellenza!”


    Siebte Szene:


    Pierotto trinkt die Schokolade viel zu hastig und hat nicht bedacht, dass sie zu heiß sein könnte. Um weiteren Schaden für seine Zunge zu vermeiden, taucht er Brot in die süße Suppe, anstatt einen Schluck Wasser zu nehmen. Er findet es unverschämt, dass man einem Mann gleich ihm gewöhnliches Wasser anbietet. Die Audienz beginnt, die Besucher kommen. Don Fabio kündigt sich als erster an. Was kann er wollen? Sein Rang befindet sich unter seinem Status, Pierotto atmet daher auf. Wie befohlen, hat Don Fabio der Geldkiste hundert Dublonen entnommen, damit Donna Flora ihr Geschenk bekommen kann. Wie kann das angehen? Hundert Dublonen für eine Frau und nur ein mageres Trinkgeld für einen Kaminfeger? Pierotto steckt das Geld zunächst erst einmal ein, vermeidet einen Disput, so dass Don Fabio denkt, der Marchese habe Zahnschmerzen. Er bedauert zutiefst, aber noch mehr, dass von den hundert Dublonen für ihn nichts abfällt.


    Achte Szene:


    Als nächstes hat Don Fabrizio, der alte Hauslehrer, seinen Besuch angekündigt. Hoffentlich kommt nicht die ganze Stadt und will ihn heute sehen. Der Lehrer lebt in bitterer Armut und will den Marchese wahrscheinlich anbetteln. Armut muss man lindern. Was es bedeutet, arm zu sein, davon weiß Pierotto ein Lied zu singen. Werden hundert Dublonen für den armen Mann ausreichen? Oh, Don Fabrizio soll ein anderes Mal wiederkommen. Don Fabio wird ihm sagen lassen, dass Durchlaucht furchtbare Zahnschmerzen plagen.


    Neunte Szene:


    Donna Floras Mädchen ist die nächste Besucherin und bittet darum empfangen zu werden. Wird der Marchese trotz seiner „furchtbaren Schmerzen“ in der Lage sein, sich dem Besuch zu widmen? Pierotto hat jetzt genug gehört von seinen angeblichen Zahnschmerzen. Rosina soll hereinkommen und ihren Respekt erweisen. Mit einem Knicks und einem wahren Herzen verbeugt sie sich vor dem Signore. Sie schätzt sich glücklich, dass der Marchese ihr seine Gunst zuwendet. Dem Publikum verrät Rosina jedoch ihre wahren Gedanken. Der kleine Fuchs schaut zu ihr herüber. Sie könnte einen Versuch machen, ihn für sich einzunehmen. Hoffnung erfüllt ihr Herz.


    Welch hübscher kleiner Leckerbissen. Da muss man nicht erst lange werben, als Feudalherr steht es ihm zu, einfach zuzugreifen. Rosina behauptet, dass sie sich sehr geehrt fühle. Pierotto weiß nicht, wie man die Phrasen in solchen Situationen drechselt und sagt einfach „Heh! Heh!“ Immerhin etwas! Die Besucherin erzählt nun, dass sie Dinge gesehen habe, die andere nicht wahrnehmen wollen. Sie habe aber zuvor eine Frage: Hat der Marchese etwa eine Erkältung? „Ja, ja!“ Die Wissbegier der Zofe ist gestillt und nun möchte Rosina loswerden, was sie zu erzählen hat. Der Marchese muss wissen, dass Donna Flora versuche, ihn auszutricksen und Don Fabio bestehle ihn mit ihrer Billigung nach allen Regeln der Kunst. Weiß Donna Flora nicht, dass er von Adel ist und man sich gegenüber Menschen von hoher Geburt redlich zu verhalten hat? Sie weiß es, aber die beiden halten sich nicht daran.


    Der Dialog ist nun in der Sackgasse gelandet, aber der Funken der Liebe ist schon übergesprungen. Rosina übermittelt dem Publikum, dass der Vogel bereits in ihrem Netz zappelt, er aber die Courage nicht findet, offen zu reden. Also muss die Gangart geändert werden. Der Husten ist schlimm und wegen der Ansteckungsgefahr soll er nicht allzu nahe an sie herankommen. Der Kater will jetzt die Sahne schlecken. Pierotto ist der Ansicht, dass er an seinem gesellschaftlichen Status gemessen viel zu hoch über ihr stehe, als dass ein kleiner Husten sich als Störfaktor erweisen könnte. Noch ein bisschen „Hi! Hi!“ und ein bisschen „Ha! Ha!“ und der Spatz ist gepackt. Der Eheschließung mit einem Ring als Zugabe steht im Prinzip nichts mehr im Wege. Pierotto hat feste Zusage gegeben. Er sieht in ihr eine süße Verlockung – Liebe schimmert in ihrem Blick - und sie vermutet in ihm ein Unterpfand an Treue. Das sind zwei Voraussetzungen, die ein dauerhaftes Glück zweifellos gewährleisten könnten.


    Zehnte und elfte Szene:


    Rosina soll jetzt den Raum verlassen, denn Donna Flora hat Ihren Besuch angekündigt. Nur ungern gehorcht sie und argwöhnisch mahnt sie: „Was getan ist, kann nicht mehr ungetan gemacht werden.“


    Donna Flora betritt den Raum, doch Pierotto tut so, als ob er sie nicht sähe, denn er hat Angst, dass er ihrem Dialog nicht gewachsen ist. Giannino schaltet sich tröstend ein und erwähnt die furchtbaren Zahnschmerzen des Marchese. Nun ergreift Donna Flora die Initiative. „Soll sie so unglücklich gemacht werden, dass der Marchese ihr keinen Blick gönnt?“ Sie mutmaßt, dass sie verleumdet wurde, aber sie sei eine loyale Frau. Pierotto wird der Boden unter den Füßen zu heiß. „Heh! Heh!“ Er zieht den Ring von seinem Finger, der allerdings dem Marchese gehört und überreicht ihn ihr, um sie los zu werden. „Einen Ring für Donna Flora? Welche Freude! Ist es möglich? Sie wagte nicht zu hoffen? Ist das gar ein Hochzeitspfand?“ Pierotto reagiert mit „Ha ha!“ Noch einen Blick möchte sie erhaschen. Donna Flora wird dann aber ernst und erwähnt, dass sie eine ungeduldige Frau sei. Sie hoffe, dass er verstanden habe und nicht zögert, die Wünsche ihres Herzens zu erfüllen. „Hi, hi!“


    Zwölfte und dreizehnte Szene:


    Ab durch den Schornstein! Nichts wie weg! Pierotto hat zwei Eheversprechen abgegeben, zwei kostbare Ringe verschenkt und hundert Dublonen veruntreut. Der Marchese ist von seinem Ausflug zurückgekehrt, hat Donna Flora nicht angetroffen, aber erkunden können, dass sie untreu ist und mit seinem Sekretär gemeinsame Sache macht. Traurig ist die Wahrheit! Auf ein maßloses Durcheinander ist er gestoßen. Letzteres sieht Pierotto in seinem Versteck genau so. Auch Giannino gerät nun in Bedrängnis. Der Marchese hat die Spazzacamino-Bekleidung von sich geworfen und fragt nun nach seinem Mantel und seiner Perücke. Der Kammerdiener hat die Dinge nicht zur Hand und der Marchese verliert langsam die Geduld. Wer von beiden hat nun den Verstand verloren? Der Marchese möchte sich ankleiden! Versteht der Diener das nicht? Wenn er die zuletzt getragenen Sachen nicht finden kann, soll er andere herbeiholen.


    Don Fabio und Giannino müssen nun Rede und Antwort stehen. Wo sind Perücke und Mantel geblieben? Wo ist der Ring? „O erzähle mir, Meister Fabio: Was hast du mit den 100 Dublonen gemacht? Ich warte auf deine Antwort.“ Die beiden versuchen, sich herauszureden, begreifen die Zusammenhänge aber selbst nicht und stiften noch mehr Verwirrung als schon vorhanden ist. Zumindest tun sie so und sehen ihre Rettung darin, den Marchese als verrückt hinzustellen, eine versteckte Unterstellung, die dieser zurückweist. Das Durcheinander ist perfekt.


    Vierzehnte und fünfzehnte Szene:


    Rosina wird von Giannino verdächtigt, den Ring des Marchese gestohlen zu haben, weil sie ihn am Finger trägt. Rosina beschuldigt im Gegenzug den Marchese, ihr Herz geraubt zu haben, und der Ring sei sein Geschenk. Hier saß sie an seiner Seite und er nannte sie seine Braut. Er schenkte ihr den Ring und mit einem Tanz war die Sache beschlossen. “L’anello mi donaste e poi con un balletto la cosa terminó.”


    Donna Flora kann auch einen Ring vorweisen und besteht darauf, geheiratet zu werden. Sie berichtet von den Einzelheiten der Übergabe. Wenn er seine Liebe nun leugnet, bedeutet das eine schroffe Härte. Ohne ihn kann sie nicht leben. Sie behauptet, dass er sich ihr zudrehte, ihre Hand hielt und mit sanften Worten sie mit dem Titel „Braut“ beehrte:


    „La mano mi stringeste
    A poi con quest’ anello
    Di sposa il dolce nome
    Da voi si pronunziò.”


    Seinen Kammerdiener will er vom Balkon werfen, wenn er weiterhin behauptet, der Marchese selbst habe den beiden Frauen die Ehe versprochen. Hinter allem muss ein großes Geheimnis liegen. Pierotto würde gern Klärung schaffen, weiß aber nicht, wie er die Dinge richtig setzen soll. Im Geiste sieht er einen großen Stock auf sich niedersausen.


    Sechzehnte Szene:


    Der Marchese sieht ein, dass er nur noch mit Humor weiterkommt. Den braucht er auch, denn nun wird ihm der Zahnarzt Doktor Balsamino gemeldet. Dieser ist natürlich informiert, dass der Patient sich widerspenstig erweisen könnte und aus Angst vor Schmerzen behaupten wird, keine Zahnschmerzen zu haben. „Wer zum Teufel ist das?“ will der Marchese wissen. Balsamino gibt seiner Freude Ausdruck „sua eccellenza“ behandeln zu dürfen, um ihn von seiner großen Pein zu befreien. Er soll seiner nicht spotten und ihm sagen, ob es der obere oder der untere Zahn ist, der er behandeln soll. „Andate dico!“ Er soll abhauen, hat er gesagt. Alles sei nur ein Missverständnis. Balsamino lässt nicht locker. Der Marchese möge ihn doch bitte in den Mund schauen lassen, ob eine Füllung vonnöten ist oder ob der Zahn gezogen werden muss. Der Marchese wird staunen, wie schnell er es herausfinden wird. Der Marchese schwört, keine Zahnschmerzen zu haben und versucht, den auf ihn eindringenden Dottore mit den Händen abzuwehren.


    Pierott fühlt sich ungemütlich in seiner Haut. Im tiefsten Innern grundehrlich, kann er es nicht zulassen, dass dem Marchese aus Jux ein gesunder Zahn gezogen wird. Er gibt sein Versteck preis und opfert sich der Wahrheit zuliebe, ohne auf seine Sicherheit acht zu haben. „Hey, wen haben wir da? Wer bist du und wo kommst du her?“ wird Pierotto sogleich mit Fragen überschüttet.


    Pierotto wehklagt, dass er ein armer Teufel sei. In diese Welt kam er als Waisenknabe und als solcher wird er sie wieder verlassen. Heute kam er durch den Kamin, habe die schönen Kleider liegen gesehen und nicht widerstehen können, sie einmal anzuprobieren. Die Möglichkeit, sich in den Spazzacamino zurückzuverwandeln, sei ihm verwehrt gewesen, weil der Marchese seine Berufsklamotten an sich genommen habe. Diese Tat sei genau so zu tadeln wie seine Anmaßung. Der Marchese möge ihm vergeben, aber auch verstehen. Immer war er eingeschlossen in sein dummes Gesicht und nun bot sich endlich die Gelegenheit, einmal ein feiner Herr zu sein. Die Schokolade habe vorzüglich geschmeckt und er möchte von hier nicht weggehen. Der Marchese gibt sich keine Mühe, sein Lachen zu verbergen. „Was ist mit den Frauen?“ Nun, er habe sich nicht entschließen können und beiden die Ehe versprochen. Die Ringe habe er den Damen nur geliehen und die Dublonen seien an Don Fabrizio weitergereicht worden. Der Signore möge ihm bitte vergeben. Aber wie eine Ratte weggeschoben werden, möchte er nicht. Zu viele bösartige Katzen lauern in der Welt. Gewiss hat der Marchese in Form einer Anstellung Verwertung für ihn. Alle vorgekommenen Ungereimtheiten wird er aufklären. Das Publikum ist erstaunt, welche rhetorische Geschicklichkeit der Spazzacamino an den Tag legt. Den schmalen Pfad zwischen Schmeicheln, Bitten und Argumentieren legt er zurück wie ein Seiltänzer.


    Finale:


    Was ist nun mit den beiden Frauen? Eine Dame beansprucht Pierotto für sich und keine Dame möchte leer ausgehen. Noch einmal legt Pierotto sich mit dem Grafen an und macht ihm seinen Rang als Marchese di Monte Albore streitig, weil er diesen Titel für sich beansprucht. Pierotto, das ist zu kess. Überziehe den Bogen nicht, sonst reißt die Sehne!


    Das Finale des Dramma giocoso beansprucht eine Viertelstunde, bis alle emotionalen und wirtschaftlichen Aspekte zur Zufriedenheit der Akteure und des Publikums geregelt sind. Doch Rosinas Herz hat der Spazzacamino erobert, sie wird ihn auch ohne Titel beherrschen. Donna Flora verbindet sich mit dem Marchese und darf - wie es sich immer gewünscht hat - sein Herz allein regieren. Das gräfliche Paar finanziert den beiden Bürgerlichen eine prachtvolle Aussteuer und beide finden eine feste Anstellung im Schloss. Was will das Publikum mehr?


    Anmerkungen:


    Bemerkenswerter als die Uraufführung in Venedig ist die Inszenierung am königlich-herzoglichen Hoftheater in Parma zum Karneval des Jahres 1800 mit bedeutenden Sängern unter dem Schutz der Königlichen Hoheiten. Die Sinfonia, die der Buffo-Oper vorangestellt wird, lässt aufhorchen und bietet höchstes Niveau. Seine kompositorisch fruchtbarste Zeit erlebte Marc’Antonio Portogallo in Neapel, der Stadt, in der Domenico Cimarosa den Ton angab.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    .


    Franz Liszt (1811-1886)


    Mayerling


    Ballett in drei Akten mit Prolog und Epilog


    Uraufführung 1978 in London


    Dokument 1994 als Videofilm


    Szenario von Gillian Freeman
    in Anlehnung an die historischen Fakten der Tragödie
    um Rudolf, Kronprinz von Österreich-Ungarn,
    gestorben 1889


    John Lanchbery arrangierte die Musik nach Klavierwerken von Franz Liszt


    Choreographie: Keneth MacMillan
    Design: Nicholas Georgiadis
    Beleuchtung John. B. Read


    Ausführende: Irek Mukhamedow - Viviana Durante - Lesley Collier - Darcey Bussel - Jane Burn -
    Derek Rencher – Nicola Tranah – Lesley Collier,
    The Royal Ballett
    The Royal Orchestra of the
    Royal Operahouse Covent Garden,
    Dirigent: Barry Wordsworth


    Personen:
    Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn
    Baronin Maria Vetsera, seine Geliebte
    Prinzessin Stephanie, seine Frau
    Kaiser Franz Josef von Österreich-Ungarn, sein Vater
    Kaiserin Elisabeth, seine Mutter
    Gräfin Marie Larisch, Hofdame der Kaiserin, Rudolfs ehemalige Geliebte
    Bratfisch, Rudolfs Kutscher und Adjutant
    Erzherzogin Sophie, Mutter von Franz Josef
    Prinzessin Louise, Stephanies Schwester
    Mitzi Caspar, Edelprostituierte, Rudolfs formelle Mätresse
    Katherina Schratt, Schauspielerin, Geliebte Franz Josefs
    Eduard Taaffe, österreischer Ministerpräsident
    Vier ungarische Offiziere
    Loschek, Hoyos und Philipp, Rudolfs Freunde


    Schauplätze:
    Erste Szene: Ballsaal in der Hofburg
    Zweite Szene: Gemächer der Kaiserin in der Hofburg
    Dritte Szene: Rudolfs Schlafgemach


    Vierte Szene: Eine berüchtigte Taverne
    Fünfte Szene: Außerhalb der Taverne
    Sechste Szene: Das Haus der Vetseras
    Siebte Szene: Die Hofburg
    Achte Szene: Rudolfs Gemächer in der Hofburg


    Neunte Szene: Ländliche Umgeburg
    Zehnte Szene: Rudolfs Gemächer in der Hofburg
    Elfte Szene: Jagdschloss Mayerling


    Prolog und Epilog: Friedhof Heiliegenkreuz


    Das Geschehen spielt Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Wien und Mayerling


    HANDLUNG



    1
    An seiner Hochzeit mit Prinzessin Stephanie ist Kronprinz Rudolf wenig gelegen. Eine Herzensneigung liegt nicht vor, und deshalb verhält der Heiratskandidat sich ausgesprochen taktlos. Zuerst macht er in aller Öffentlichkeit Prinzessin Louise, der Schwester seiner Braut, Komplimente, um sich dann seiner ehemaligen Geliebten, der Hofdame Larisch, zuzuwenden. Kaiser Franz Josef und seine Mutter zeigen ihr Missfallen – Rudolf stört es nicht. Zum Abschied von seinem Junggesellenleben fühlt er sich ganz als Casanova und seine tänzerischen Verrenkungen sind ausgesprochen affektiert. Ein wenig zwielichtig wirken auch vier ungarische Offiziere, die Freundschaft simulieren, aber in Wirklichkeit nur ihr patriotisches Süppchen kochen wollen. Baronin Vetsera mit ihrer siebzehnjährigen Tochter Maria gehört ebenfalls zu den geladenen Gästen. Die attraktive Stephanie hat das Gefühl, in der Hofburg ihrem Gemahl nicht willkommen zu sein.


    2
    Bevor Rudolf das gemeinsame Schlafgemach aufsucht, macht er noch einen kurzen Besuch bei seiner Mutter. Kaiserin Elisabeth ist ihrer Mutterrolle niemals gerecht geworden. Erneut appeliert er an ihre Gefühle, doch ihr Mienenspiel verrät, dass er im Moment stört, denn sie möchte in ihrem Buch weiterlesen.


    3
    Gekränkt begibt der Abgewiesene sich in seine Gemächer, in der die Angetraute auf ihn wartet. Seinen Frust lässt er nun an ihr aus, indem er mit einem Totenschädel herumspielt und an seiner Schusswaffe hantiert. Die bedauernswerte Stephanie hat solches Fehlverhalten nicht verdient. Ihre lebhaften Sprünge verraten echte Leidenschaft für den Gatten. Rudolf pariert ihre Liebessehnsucht mit brutaler Gestik und das Publikum hat Angst, dass er seiner Partnerin die ausgestreckten Arme ausrenkt.


    Zweiter Akt:


    4
    Das Etablissement, in welches Rudolf seine Frau Gemahlin mitgenommen hat, ist nicht ihre Welt. Sein Adjutant Bratfisch versucht vergeblich, die Entrüstete in Stimmung zu bringen, bis der Kronprinz ihr mit ausgestreckter Hand klar macht, wo der Weg nach draußen ist.


    Endlich ist Rudolf mit seinen ungarischen Freunden und mit Mitzi, seiner Mätresse, allein und kann sich ungeniert gebärden. Die Liebesmädchen sind mürrisch, weil sie sich in Anwesenheit des Kronprinzen gehemmt fühlen und mit ihren Freiern nicht unbefangen verkehren können, so wie sie es gewohnt sind. Doch Mitzi und Rudolf fühlen sich pudelwohl und Ihre ausgelassene Tanzkunst signalisiert beste Laune. Diese hält an, bis die Polizei kommt und eine Razzia veranstaltet. Rudolf und seine Freunde verstecken sich, während die Ordnungshüter ein paar Leute festnehmen und wieder verschwinden. Die ständige Überwachung durch die Obrigkeit geht Rudolf auf die Nerven. Deprimiert fragt er bei Mitzi an, ob sie mit ihm nicht Selbstmord begehen möchte. Die Lebenslustige nimmt ihn nicht ernst und zeigt ihm 'Vögelchen'. Der österreichische Ministerpräsident hat in Verkleidung das Lokal betreten. Rudolf versteckt sich erneut, aber Mitzi verrät Taafe die Anwesenheit des Gesuchten, um dann am Arm des neuen Begleiters von der Bildfläche zu verschwinden. Rudolf fühlt sich verraten.


    5-6.
    Die Gräfin Larisch hat den Kontakt zu den Vetseras hergestellt. Nicht ganz uneigennützig, fädelt sie eine Intrige ein und versucht zwischen der siebzehnjährigen Maria und Rudolf einen Kontakt zu arrangieren. Sie findet die verträumte Jugendliche bei ihrer Mutter vor und beobachtet, wie sie in ein Porträt des Kronprinzen gedankenverloren vertieft ist. Wie wie alle österreichischen jungen Mädchen himmelt die Heranwachsende den stattlichen jungen Thronerben an und kann ihre Affinität für ihn nicht verbergen. Die Larisch gibt vor, etwas von Kartenlesen zu verstehen, und weissagt Maria Glück in der Liebe. Sie schleicht sich in das Vertrauen der Kleinen ein und verspricht, den ihr anvertrauten Brief an Rudolf weiterzuleiten.


    7-8
    Der Kaiser hat Geburtstag und boshaft schenkt Elisabeth dem Gemahl ein Porträt auf dem er mit seiner Freundin Katharina Schratt abgebildet ist. Die Künstlerin ist zum Geburtstag ebenfalls eingeladen und singt dem Kaiser hochprofessionel ein Lied vor. Die Historiker erzählen, dass Kaiserin Elisabeth die Mätresse toleriert, damit sie ungestört auf Reisen gehen kann.


    Zum ersten Mal treffen Maria und Rudolf sich zu einem Stelldichein heimlich in der Hofburg. Ein Verhalten, wie der Kronprinz es der ängstlichen Stephanie zumutet, lässt Maria sich nicht bieten. Resolut nimmt sie den Totenschädel vom Schreibtisch und drückt ihn liebkosend an sich. Seinen eigenen Revolver drückt sie dem Inhaber der Waffe an die Schläfe und Rudolf weiß nicht, ob Maria ernst macht, aber Spaß meint.


    9.
    Am Ende des Tages endet ein fröhlicher Jagdausflug tragisch. Rudolf hat mit einem Gewehr wild herumgespielt. Es löst sich versehentlich ein Schuss und trifft einen Hofbeamten tödlich. Fast wäre der Kaiser getroffen worden.


    10
    Die Gräfin Larisch versucht ihre Liebschaft zu Rudolf aufrechtzuhalten. Sie besucht ihn in seinen Gemächern, obwohl draußen Maria wartet. Kaiserin Elisabeth kommt mißbilligend hinzu und wird in Gegenwart Rudolfs, der in Trance auf seinem Stuhl kauert, von der Larisch ins Gesicht geschlagen. Elisabeth hatte ihr zuvor den Dienst als Hofdame gekündigt.


    Bei Rudolf und Maria kommt der Gedanke auf, gemeinsam dem Leben ein Ende zu machen.


    11
    Der Kronprinz fühlt sich nicht wohl und bittet seine Freunde Loschek, Hoyos und Philipp, sich zurückzuziehen. Bratfisch soll kommen und mit seinen Spässen unterhalten. Da der Alleinunterhalter sieht, dass seine beiden Zuschauer unaufmerksam werden, zieht er sich taktvoll zurück.


    Auch Rudolf hat wie Ludwig II. von Bayern eine Gemütskrankheit, die sich in Wahnsinn äußert, über die Dynastie der Wittelsbacher vererbt bekommen. Durch Alkohol und Morphiumspritzen versucht der Geplagte verzweifelt, die wahnsinnigen Kopfschmerzen auszuschalten. Tänzerisch drückt der Versuch sich so aus, das der Betroffene am Boden kniet und die Handflächen im Nacken verschränkt und ihn zusammenpresst. Noch einmal umarmt er Maria und erschießt sie dann. Ihr stummes Einverständnis kann man unterstellen, da beide emotional aufeinander eingestimmt waren. Von dem hehren Gefühl, aus Liebe in den Tod zu gehen, zehrte das Zeitalter der Romantik zwischen Goethe und Wagner. Die herbeieilenden Freunde, die den Knall gehört haben, kann der Todesschütze beschwichtigen. Allein gelassen, macht der seinem Leben durch einen Schuss in die Schläfe ebenfalls ein Ende.


    Der Prolog endet wie der Epilog mit einem Friedhofsbesuch.


    Anmerkung:


    Die „Tradödie von Mayerling“ und die Umstände, die dazu führten, ist ein Kapitel nationaler österreichischer Geschichte. Diese in ein Ballett zu verpacken und historisch glaubwürdig zu interpretieren, ist die überragende Leistung von Keneth MacMillan und seinem Team. Es stimmt einfach alles: Die Story, Die Dekoration, die Kostüme und die sorgfältig ausgesuchten Darsteller, die neben großartiger tänzerischer Leistung jeder für sich mimisch eine hervorragende Charakterstudie anbieten.


    Die Geschichte ist mit den Personen der Realität weitaus härter umgesprungen, als die Ballettaufführung vermittelt.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    Hallo, lieber Musikwanderer,


    ich habe mich im Geiste mit dieser seltsamen Oper auch schon auseinandergesetzt und bin mir nicht sicher, was Dukas ausdrücken will. Will er sagen, dass den Frauen ein tätiger Blaubart lieber ist, als ein gefangener. Schließlich brauchen sie einen Ernährer. Was nützt die Freiheit, wenn man hinterher obdachlos ist. Die Damen verhalten sich ein bisschen hilflos und trauen sich nicht, den Weg zur Emanzi pation zu beschreiten.


    Vielleicht kommen aus dem Forum noch einige Meinungen.


    Freundlichen Gruß
    Engelbert

    Hallo, Monteverdi 13


    Es freut mich, dass Du Dich gemeldet hat. Ich dachte schon Du bist im Forum nicht mehr aktiv.
    Dann bin ich mal gepsannt, was von Dir kommt.


    Mit freundlichen Grüßen


    Engelbert

    .


    Walter Piston (1894-1976)


    The Incredible Flutist
    Der unglaubliche Flötenspieler


    Ballettmusik

    Libretto vom Komponisten und seinem Choreographen
    Uraufführung am 30. Mai 1938 durch das Boston Pops Orchester unter Arthur Fiedler
    Zeitdauer: 25 Minuten


    Personen:
    Der unglaubliche Flötist
    Der reiche Kaufmann
    Die prüde Witwe
    Die vier Töchter des Kaufmanns
    Zirkusleute
    Marktvolk



    HANDLUNG


    Die heiße Mittagszeit geht zu Ende. Mit einem herzhaften Gähnen schütteln die Bewohner eines kleinen Dorfes im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten ihre Verschlafenheit ab, um sich den Verrichtungen des Alltags zu widmen. Der Geselle zieht die Jalousien hoch und öffnet das Geschäft. Die Töchter des Kaufmanns bieten ihre Waren an. Die Arbeit in Vaters Laden macht Spaß und die Mädchen tanzen nach einen Tango.


    Plötzlich ertönt Marschmusik. Eine Zirkusband hält Einzug in das Dorf, gefolgt von den Schaustellern. Es gibt den Jongleur, den Clown, die Schlangentänzerin sowie den Affen mit seinem Trainer. Die Hauptattraktion im kleinen Wanderzirkus ist der Flötist mit unglaublichen Fähigkeiten, die den Ballettbesucher noch in Erstaunen versetzen werden.


    Mit seinem Musikinstrument behext er nicht nur die Schlange und ihre Beschwörerin, sondern auch des Kaufmanns Töchterlein. Zur abendlichen Vorstellung hat er sie eingeladen, pünktlich zum Glockenschlag acht Uhr beginnt das Programm.


    Die Zelte sind schnell aufgebaut und in Erwartung der Vorstellung zerstreuen sich die jungen Paare auf dem Platz. Liebe liegt in der Luft und selbst die prüde Witwe kann sich der Werbung des Kaufmanns nicht widersetzen. Vor zwei Jahren hat er sie um einen Kuss gebeten, den sie heute nun bewilligt. Der Schmatz ist so feurig, dass die Ausgehungerte davon bewusstlos wird. Der Flötist eilt herbei und ihm gelingt es, durch sein aufmunterndes Flötenspiel die Witwe, welche in den Armen ihres beschwipsten Freundes ausharrt, wieder zum Leben zu erwecken. Ein kleines Tänzchen, ein kleines Spielchen und die Beglückte steht wieder auf eigenen Füßen.


    Die Turmuhr schlägt acht und der unglaubliche Flötist tanzt mit dem Töchterlein des Kaufmanns zum Abschied eine Siziliana. Der Bann ist gebrochen und die Planwagen verlassen unter lautem Jubel das Dorf. Wird der unglaubliche Flötenspieler wiederkommen?


    Anmerkung:


    Die Choreographie und Ausstattung des Balletts besorgte Hans Wiener und inszenierte mit eigener Tanzgruppe. Eine abwechslungsreiche Musik, die sich eng an die Story anlehnt, gibt den Tänzern die Möglichkeit, ihr Talent voll zu entfalten. Die melancholische Weise der Flöte kontrastiert gegen die lebhaften Rhythmen, die das Milieu eines Zirkus veranschaulichen. Die Tonsprache Pistons ist im positiven Sinn gefällig-konservativ und erklärt die Begeisterung, die das Ballett nach seiner Uraufführung hervorrufen konnte.


    Die Suite enthält alle bedeutsamen Nummern des Balletts und dauert etwa 17 Minuten. Die Erstaufführung erfolgte am 22. November 1940 durch das Pittsburgh SO. unter Fritz Reiner


    Auftritte:


    1. Introduction – Siesta in the Market-Place (Mittagszeit auf dem Marktplatz)
    2. Entrance of the Vendors (Auftritt und Tanz der Warenanbieter)
    3. Entrance of the Costumers (Auftritt der Kunden)
    4. Tango of the Merchant’s Daughters (Tango der vier Kaufmannstöchter)
    5. Arrivel of the Circus (Ankunft der Zirkusleute)
    6. Circus March (Zirkusmarsch)
    7. The Flutist (Der Flötist)
    8. Minuet (Menuett)
    9. Spanish Waltz (Spanischer Walzer)
    10. Eight o’clock Strikes (Die Turmuhr schlägt acht Uhr)
    11. Siciliana (Siziliana), Tanz des Flötisten mit der Tochter des Kaufmanns
    12. Polka – Finale



    © 2011 TAMINO - Engelbert

    Für das laufende Jahr 2011 habe ich mir vorgenommen, die Tanzkunst in den Vordergrund zu stellen und und einige der zahlreichen Libretti nachzuerzählen. Vielleicht kann das Interesse gesteigert werden.


    Freundlichen Gruß
    Engelbert

    Da für viele Forianer der Komponist Richard Wagner die Leib- und Magenspeise ist, hat es mich gewundert, dass im Opernführer der 'Fliengende Holländer' in den letzten fünf Jahren noch nicht beschrieben wurde.


    Statt dessen hält man sich seitenlang darüber auf, wie korpulent ein Wagner-Tenor sein darf, wenn er in Bayreuth auftritt.


    Ich habe mit meinem Eintrag heute nun die klaffende Lücke geschlossen und auf eine eigene Interpretation des Reports verzichtet, weil Richard Wagners Philosophie mir nicht gefällt, seine Dichtkunst nur teilweise akzeptiere und die Musik mühelos das Wonnegefühl passiert.


    Person und Komponist finde ich maßlos überbewertet, seine Werke sehe ich nicht als zeitlos an; sie dienen vielfach lediglich dem Zweck, damit herumzualbern.


    Die Qualität der Aufführungen wird immer minder, weil jedes kleine Theater sich in Zugzwang fühlt, Wagner aufführen zu müssen. Die wenigen kompetenten Solisten verkleckern sich auf viele Bühnen, so dass an die gültige Aufführung seiner Werke, meistens an der Unterbesetzung guter Interpreten scheitert und den Bach herunter geht. Als Nebeneffekt ergibt sich Affentheater oder Rattentheater.


    Selbst in Bayreuth wird nur mit Leitungswasser gekocht. Hat man einmal einen guten Heldentenor gefunden – so beurteilen die mäkeligen Taminoraner als zu dick.



    Engelbert

    Die Schuld der Tonträger-Industrie ist es jedenfalls nicht, wenn in Vergessenheit geratene Werke nicht ausreichend gewürdigt werden.


    In den letzten beiden Monaten habe ich zehn Opern notiert, die der Vergangenheit entrissen und aufgelegt wurden.


    1. Johann Adolf Hasse: Marc Anton e Cleopatra
    2. E.T.A. Hoffmann: Liebe und Eifersucht
    3. Eugen d'Albert: Der Golem
    4. Aribert Reimann: Melusine
    5. Johann Nepomuk Hummel: Mathilde von Guise
    6. Michael Balfe: Das Mädchen von Artois
    7. William Wallace: Lurline (Loreley)
    8. Pierre-Alexandre Monsigny: Le Deserteur
    9. André Gretry: Céphale et Procris
    10. Déodat de Sévérac: Le Coeur du Moulin


    Die Produktionsplanung ist vom Verkaufserfolg abhängig. Es erfordert viel Mut, sich auf ein fragwürdiges Risiko einzulassen.


    Der Schwarze Peter liegt beim Konsumenten. Wenn diesem nichts anderes als Mozart und Verdi einfällt und sich krampfhaft an Wagner und Weber klammert, wird die Chance in andere Gefilde vorzustoßen, klein bleiben.
    Wozu also jammern, wenn der Käufer nicht mitzieht. 'Le nozze di Figaro' ist gar zu schön


    Der TAMINO-Opernführer darf seine Aufgabe darin sehen, den User mit Ausgrabungen und neuen Werken bekannt zu machen und tut das auch.



    Engelbert

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    Herbert Baumann (geb. 1925)
    Rumpelstilzchen


    Ballett in zwei Teilen


    entstanden 1986
    Auftragswerk der Städtischen Bühnen Augsburg



    Darsteller:
    Der König
    Die Königin
    Prinz Heinrich
    Der Haushofmeister
    Der Müller
    Marie, seine Tochter
    Stephan, Mariens Bruder
    Rumpelstilzchen
    Die russische Prinzessin
    Die Sarazenen-Prinzessin
    Die kastilische Prinzessin


    Hofdamen, Kavaliere, Paten, Bedienstete,
    Boten, Soldaten, Narren, Gaukler, Müllerburschen, Mägde
    Goldmädchen, Elfen und Sonstige



    HANDLUNG



    EINLEITUNG


    I. IM SCHLOSS: DER MELANCHOLISCHE PRINZ


    Der Prinz ist traurig und keiner weiß was ihm fehlt. Der König und die Königin versuchen ihn aufzuheitern, aber es gelingt ihnen nicht. Zu was hat der Herrscher einen Hofnarren in Dienst genommen? Seine Späßchen verfehlen ihre Wirkung vollkommen. Dem Prinzen ist nicht einmal ein mitleidiges Lächeln zu entlocken. Fehlt es Heinrich vielleicht an Geselligkeit? Vielleicht könnte ein hübsches Mädchen seinen Trübsinn verscheuchen? Vermögend sollte es allerdings sein, denn die Staatskasse ist leer und bedarf der Sanierung.


    II. BRAUTSUCHE IN ALLER WELT: DREI PRINZESSINNEN


    Den Haushofmeister hat der König mit der Aufgabe betraut, auf Kundschaft zu gehen, um nach einer geeigneten Prinzessin Ausschau zu halten. So sehr er sich auch bemüht, Misserfolge sind das Ergebnis seiner Reise. Die russische Prinzessin kommt nicht infrage, weil sie ständig Wodka trinkt. In Sibirien ist es nämlich kalt und gegen Kälte muss man etwas trinken, das aufwärmt. Die sarazenische Prinzessin ist zu dick. Der Pascha hat selten Zeit für sie und aus Frust futtert sie den ganzen Tag Pralinen. Ihr ständiges Drängeln nach Zuwendung ist ihm lästig und er möchte sie veräußern. Die Prinzessin aus Kastilien hat zu viel Temperament. Der Prinz ist eine zaghafte Natur und würde mit ihr nicht im Gleichklang schwingen.


    III. AUF DEM LANDE, NICHT WEIT VOM SCHLOSS


    Zufrieden, wieder daheim zu sein, arrangiert der Haushofmeister unter dem Bauernvolk einen Tanzabend. Ein Hofball käme zu teuer. Warum überhaupt in die Ferne schweifen, wenn man die heimischen Ressourcen noch nicht ausgeschöpft hat. Marie dreht sich beim Tanz wie das Mühlrad ihres Vaters. Heinrich kommt von der Jagd und sieht Marie, die ihn durch ihre Munterkeit sofort für sich einnimmt. Die Fixierte signalisiert Entgegenkommen. Im Müller reift ein Plan. Sollte es ihm gelingen, die Tochter bei Hofe einzuschmuggeln, könnte er vielleicht Höfling werden und in prächtigen Kleidern stolzieren. Wenn Marie Stroh zu Gold spinnen könnte, wäre das etwas, um dem Haushofmeister zu imponieren. Vielleicht kann sie es sogar und hat es bloß noch nicht versucht! Das Jagdhorn ruft den Prinzen zum fröhlichen Jagen. Heinrich entfernt sich und der Haushofmeister fordert Marie auf, in seiner Begleitung den Weg zum Schloss anzutreten, um ihre Fertigkeiten am Spinnrad unter Beweis zu stellen.


    IV. SAAL IM SCHLOSS


    Die Königin ist wütend. Um die Staatskasse aufzubessern, hat man ohne ihr Wissen ihren Schmuck versetzt. Weder Perlen noch Juwelen werden zukünftig ihren Kragen schmücken. In wildem Tanz wirbelt sie durch die Halle und lässt ihrem Unmut freien Lauf. Der Haushofmeister stellt in Audienz die Müllerstochter vor. Doch da sie einfach gekleidet ist und ihre Bewerbung nicht ordentlich vortragen kann, verspricht man sich von ihren Künsten nicht viel. Sie soll beweisen, dass sie kann, was der Vater behauptet, nämlich Stroh zu Gold spinnen.


    V. IM VERLIES


    Ausflüchte nützen Marie nichts. Sie wird in einen Raum gesperrt und der Haushofmeister befiehlt ihr, mit der Arbeit zu beginnen. Das Mädchen ist verzweifelt, denn sie hat keine Ahnung, wie sie zu Werke gehen soll. Ein kleinwüchsiges Männchen erscheint und ihm gelingt es, Marie zu beruhigen. Es wird die gewünschte Arbeit an Ort und Stelle verrichten und erbittet sich ihren Fingerring als Lohn. Der Kleine setzt sich an die Arbeit und Marie schläft ein. Als sie aufwacht, sieht sie das Goldstroh in annehmbarer Präsentation vor sich. Ballettmädchen tragen es als Röckchen am Körper, ähnlich wie die Afrikanerin ihr Baströckchen, wenn sie zum Wasserschöpfen zum Brunnen schreitet. Sie ist guten Mutes und hat nun keine Angst mehr, für die Großspurigkeit des Vaters bestraft zu werden.


    VI. IM SCHLOSS


    Weit gefehlt, wenn Marie denkt, sie sei nun wieder frei. Die Königin hat sich von ihrer Fertigkeit, Gold spinnen zu können, überzeugt. Ihre Gier ist erwacht und sie zwingt Marie in der folgenden Nacht, mit ihrer Tätigkeit fortzufahren. Nur so kann die Handelsbilanz des kleinen Königreiches wieder in Ordnung gebracht werden. Gold und Silber liebt ihre Majestät sehr!


    VII. ZWISCHENAKT


    Rumpelstilzchen hat Marie ein zweites Mal aus der Verlegenheit geholfen und sich als Lohn eine Halskette ausbedungen.


    VIII. IM VERLIES


    Keineswegs ist die Königin nun zufrieden. Diesmal stapelt sich das Stroh, welches Marie zu Gold spinnen soll, bis zur Decke. Der Gnom ist bereit, sie auch ein drittes Mal vor drohendem Unheil zu erretten. Mit einer Halskette ist das Männchen aber nicht mehr zufrieden. Es möchte, das Marie ihr erstes Kind an ihn zur Adoption freigibt und lässt sich seinen Wunsch auch nicht ausreden. Was bleibt der Verängstigten anderes übrig, als zunächst erst einmal nachzugeben. Sie ist viel zu verzweifelt, um über Alternativen überhaupt nachzudenken. Während Marie der Schlaf überkommt, macht der Waldgeist sich wieder an die Arbeit. Die tanzenden Goldmädchen wecken Marie aus ihrem Schlummer. Es klopft an die Tür. Diesmal ist es der Prinz, der sein Erstaunen nicht verbergen kann. Diese Frau ist Gold wert und um ihr Herz zu erfreuen, tanzt er einen Pas de deux mit ihr.


    IX. GÄNGE UND SÄLE IM SCHLOSS


    Der Bühnenbildner ist ebenfalls zum Hexen verurteilt. Während das Paar seinen Pas de deux unermüdlich fortsetzt, versinken die Mauern des Verlieses, so dass der Betrachter sich in die wechselnden Räume und Korridore des Schlosses versetzt fühlt.


    X. IN DER SCHLOSSKÜCHE


    Schließlich findet man sich in der Schlossküche zwischen Löffeln und Gabeln, Tellern und Schüsseln wieder. Das Geschirr hat menschenähnliche Gestalt angenommen und steckt das Küchenpersonal mit ihrer Tanzlust an. Als dann auch noch der Gänsebraten und die Weinflaschen zu tanzen beginnen, fühlt sich das Publikum durch Herrn Baumann doch ein bisschen überfordert. Der fallende Vorhang bereitet den Auswüchsen ein Ende.


    ZWETER TEIL


    XI. SAAL IM SCHLOSS/ DIE TAUFE


    Ein Jahr ist vergangen. Heinrich hat sich seine Zeugungsfähigkeit beweisen müssen. Um den Fortbestand der Dynastie müssen König und Königin sich theoretisch keine Sorgen mehr machen. Die Taufgesellschaft hält ihren Einzug. Gemäßigten Schrittes wird ein Wiegenlied getanzt. Geschenke werden überreicht.


    Unvorhergesehen erscheint Rumpelstilzchen und möchte den Lohn für seinen Fleiß in Empfang nehmen. An das Männchen hat Marie überhaupt nicht mehr gedacht und fleht inständig, ihr das Kind zu lassen. Auch Prinz Heinrich setzt seine Rhetorik in Gang, um den Waldgeist von seinem Anliegen abzubringen. Er überzeugt den ihn, dass er mit der Säuglingspflege Probleme haben wird. Wenn er absolut auf die Erfüllung der Abmachung besteht, so war diese an keinen Zeitplan gebunden. Vielleicht kann er später noch einmal erscheinen, wenn der Kleine die ersten Zähne bekommen und die Masern überstanden hat. Das Flennen der Mutter und die Argumente des Vaters bewegen den Wicht zum Nachdenken. Gut, wenn man innerhalb von drei Tagen seinen Namen errät, wird er vom Vertrag zurücktreten. Unauffällig wie er gekommen verschwindet der Besucher wieder. Das Wiegenlied erklingt noch einmal.


    XII. ZWISCHENAKT


    Boten bringen dem Hausmeister die Gästeliste, damit man sehen kann, wen man vergessen hat, einzuladen und wen man am besten wieder wegstreichen sollte.


    XIII. IM WALDE


    Die gewöhnlichen Sterblichen haben keine Ahnung, dass es im Walde nächtens freudig bewegt zugeht. Wenn der Vollmond auf die Lichtung scheint, tanzen die Elfen, die Pilze und die Blumen.


    Auch Rumpelstilzchen hat sich unter seinesgleichen gemischt und hüpft im Tanz.


    „Heute back ich, morgen brau' ich,
    Übermorgen mach ich der Königin ein Kind.
    Ach wie gut, dass niemand weiß
    Dass ich Rumpelstilzchen heiß!“


    Prinz Heinrich und der Haushofmeister, die sich hinter einem Baum versteckt halten, haben alles mitbekommen. Auf keinen Fall lassen sie sich anmerken, dass sie nun wissen, was der kleine Angeber mit Marie im Schilde führt. Den Namen des Unholds haben sie in Erfahrung gebracht und können damit den Anschlag auf die Ehre der Prinzessin abwehren.


    XIV SAAL IM SCHLOSS


    Alle sind erleichtert, nachdem die Kundschafter zurück sind und erklären den Namen des Gnoms zu wissen. Rumpelstilzchen taucht auf, um die Wiege zu entführen. Er ist sich sicher, dass die Prinzessin seinen Namen nicht erraten hat. Für seine lockeren Vorstellungen wird sie den Kleinen ein bisschen verschaukeln. Heißt er etwa Hinz? Der Kleinwüchsige quittiert mit höhnischem Gelächter. Oder heißt er gar Kunz? Die Heiterkeit nimmt an Phonstärke zu. Rumpelstilzchen dreht sich abwartend im Tanz. Einmal darf die Mutter noch raten. Die Taufgesellschaft wartet selbst mit Spannung auf Maries Offenbarung. Die Musik bricht ab. „Heißt du etwa....“ – Marie macht eine Kunstpause – „Rumpelstilzchen“?


    Der Teufel muss ihr den Namen gesagt haben! Rumpelstilzchen verschwindet unter Blitz und Donner, als habe ihn der Erdboden verschluckt.


    © 2011 TAMINO - Engelbert

    .


    Zdenĕk Fibich (1850-1900)


    Die Braut von Messina
    The Bride of Messina - Nevĕsta Messinská


    Tragische Oper in drei Akten
    tschechisch gesungen
    Libretto von Otakar Hostinský nach Schillers Tragödie
    Uraufführung am 28. März 1884 am Prager Nationaltheater
    unter der musikalischen Leitung Adolf Čzechs


    Charaktere:
    Donna Isabella – Fürstin von Messina (Mezzosopran)
    Don Manuel – ihr erster Sohn (Bariton)
    Don Cesar – ihr zweiter Sohn (Tenor)
    Beatrice – ihre Tochter (Sopran)
    Diego – ihr Diener (Bass)
    Kajetan – Anführer von Manuels Gefolge (Bass)
    Bohemund – Anführer von Cesars Leuten (Tenor)
    ein Page – als Späher (Sopran)
    Adelige und Höflinge von Messina


    Das Geschehen spielt im mittelalterlichen Messina




    HANDLUNG


    Erster Akt


    OUVERTÜRE


    Erster Auftritt:


    Das stille Witwengemach hat Fürstin Isabella heute verlassen. Heilige Pflicht, nicht der eigene Antrieb, veranlasst sie, sich in die Mitte der Vornehmen und Ältesten von Messina zu begeben. Ihr Gemahl hat vor kurzer Zeit den Weg in eine andere Welt angetreten, wo er nun in Herrlichkeit thront. In seinen beiden heldenhaften Söhnen, die der Mutter und des Landes Stolz sind, lebt er auf Erden weiter. Allerdings hat brüderliche Eintracht in deren Herzen nie gewohnt. Nur die Liebe zur Mutter hat ein Fiasko bisher verhindert, denn in Wirklichkeit herrscht zwischen beiden Streit und Trotz. Nachdem nun der Vater das Zeitliche segnete, hat das Land sich in zwei Parteien gespalten. Selbst im Thronsaal wurde schon Blut verspritzt. Doch das liebende Mutterherz brachte den Mut auf, zu flehen und zu beschwören, um den Streit ihrer Söhne zu bändigen. Beide haben ihr Wort verpfändet, dass sie sich gesittet benehmen, wenn sie auf ihres Vaters Schloss zu Besuch erscheinen, um sich einmal wieder in die Augen zu sehen.


    Heute ist der Tag der endgültigen Versöhnung angesagt und bald werden die beiden Streithähne hier erscheinen. Die Versammelten sollen sich auf ihre Ankunft freuen und ihre Herrscher so empfangen, wie es sich geziemt. Der ewige Zwist hat dem Land Verderben gebracht. Eine Versöhnung wird sich vorteilhaft auswirken und allen das ersehnte Heil bringen.


    Man hat der Fürstin andächtig zugehört, verneigt sich und verschwindet protokollgemäß.


    Zweiter Auftritt:


    Ihr treuer Diener soll näher treten. Messinas Fürstin hat eine Spezialaufgabe für ihn. Immer war er bereit, ihrem Kummer zuzuhören und jetzt soll er auch ihr Glück teilen. Diego kennt ihr Geheimnis und heute soll er es der ganzen Welt enthüllen. Geschwind hat er sich in das stille Kloster zu begeben, in dessen Schutz ihr Liebling aufwuchs. Jetzt soll er ihr zurückbringen, was er vor vielen, vielen Jahren auf seinen Armen dort hingetragen hat, um nun ihr Glück zu ergänzen.


    Von weitem erklingen Fanfaren. Der Diener soll seine Lauscher anspannen und dann seinen Schritt beflügeln, damit alles nach Plan läuft. Die lieben Söhne sind bereits im Anmarsch und die glückliche Mutter wird ihnen entgegeneilen.


    Dritter Auftritt:


    „Vítej mi, pyšná ty síni knížecí,
    vítej mi, kolébko slávy pánů mých!“


    Diese Phrase formuliert nicht „Dich, teure Halle, grüß' ich wieder, froh grüß' ich dich, geliebter Raum.“, sondern steht für: „Sei mir gegrüßt du stolze Fürstenhalle, du Wiege meiner Herrscher, sei gegrüßt!“ Jeder der beiden Fürstensöhne hat seinen eigenen Opernchor, der im Wechselschritt langsam vorrückt – der erste ist friedlich gestimmt, während der andere seine innere Unruhe nicht verbergen kann. Der Chor, welcher dem eher friedfertigen Don Manuel sein Vertrauen schenkt, richtet seine Aufforderung nicht an die Militärs, sondern an die Waffen direkt:


    „Ruhet in Frieden hier, tödliche Waffen! Dem Drachen des Streits sei das Überschreiten der Schwelle untersagt!“


    Weniger friedfertig reagiert die andere Seite:


    „Die Glut des Hasses brennt in meinem Herzen,
    die unruhige Hand greift nach dem Schwert!
    Mir ist, als ginge ich wieder
    in ein grausames blut'ges Gefecht“


    Die beiden Söhne sind viel zu hochnäsig, um selbst miteinander zu sprechen – sie schicken ihre Chorführer Kajetan (in Italien würde er Gaetano heißen) und Bohemund vor. Wer soll den Anfang machen? Nun, der Weisere gibt nach. Es ist Kajetan der Führer des Chores, der Manuel zugeordnet ist. Zündende Worte sollen eine löbliche Absicht vorbereiten:


    „Seid willkommen, tretet näher,
    ich reiche euch eine friedliche Hand!
    Dort wo der Friede dem Fürsten gefiel,
    sei er auch euch und uns vergönnt!“


    Bohemund schränkt ein, dass es nur dies eine mal so sein soll. Wenn das Schicksal sie woanders zuammenführt, mag der blutige Kampf sich erneuern! Die Chöre stehen einander streitlustig gegenüber, die beiden Führer an der Spitze.


    Vierter Auftritt:


    Donna Isabella erscheint mit ihrem Gefolge. Die beiden Söhne stehen im Hintergrund – einer schaut stolz nach rechts und der andere nach links. Die Chöre retten die Situation.


    „Preis sei Dir, erhabene Mutter,
    du glänzende Sonne!
    Preis sei Euch, ihr tapferen Helden,
    ihr klaren Sterne!
    Preis sei euch! Preis sei euch.“


    In tschechisch heißt das:


    „Sláva tobě, vznešená matko,
    ty slunce spásné!
    Sláva vám vy rekové statní,
    dvě hvězdy jasné!
    Sláva vám! Sláva vám!“


    Fürstin Isabella hat ihren temperamentvollen Auftritt. Sie Königin des Himmels soll herniedersehen und ihre Hand auf ihr Herz legen, damit sie ihr Glück in Demut tragen kann. Seit langer Zeit ist es ihr wieder vergönnt, ihre beiden Söhne um sich zu haben. Ihre ganze Liebe galt ihnen schon immer, aber die beiden Trabanten stritten sich um ihre mütterliche Zuneigung.


    Forschend sieht sie die beiden an. Dem Manuel gibt sie die Hand und entschuldigt sich bei seinem Bruder. Er soll sagen, wenn sie die Hand des Bruders drückt, ob sie damit seinem Herzen auch nicht weh tut. Cesar bekommt die andere Hand. Doch im Gegenzug beschwichtigt sie den Manuel. Wird er auch nicht neidisch auf jedes liebe Wort, welches sie nun zu dem anderen sagt? Er will etwas entgegnen, doch die Mutter lässt ihn überhaupt nicht zu Wort kommen, sondern legt los:


    Der Neid soll nun begraben sein und der Streit auf ewig ausgetilgt. Sie sollen sich nun die Hände reichen und sich ohne Hass ins Angesicht sehen. Dem alten Streit soll ein Ende gemacht und die alten Rechnungen vernichtet werden. Die angelaufene riesenhafte Schuld soll durch gegenseitige Liebe und Verzeihung verrechnet werden. Die Hände sollen sich die beiden reichen und sich ohne Hass ins Angesicht sehen. Beide Chöre unterstützen das Anliegen der Mutter. Die Söhne sollen ihre Herzen öffnen, die Fehde beenden und die Schuld durch Versöhnung tilgen.


    Die beiden Kontrahenten haben dazu aber keine Lust und blicken schweigend zu Boden. Isabella klagt, dass sie keine weiteren Worte mehr hat, erschöpft ist ihre Kehle und der Bitten Kraft zeigen keine Wirkung. Ihretwegen können sie jetzt machen, was sie wollen. Gern hätte sie die beiden im Glanz des Glücks gesehen, doch die Enttäuschung wird ihr nun den Tod bringen.


    Fünfter Auftritt:


    Die beiden Chöre stehen mit ihrer Ansicht auf Seiten der Mutter. Tatsächlich konnte sie überzeugen und die Chöre setzen die beiden Söhne, die tief gerührt sind, nun unter Druck: Die alte Fehde sollen sie endlich beenden, denn einen triftigen Grund gibt es nicht. Ihr Blut, welches aus der gleichen Quelle stammt, soll sie zur Eintracht mahnen, damit ein schlimmes Ende ihnen erspart bleibt. Es erklangen nur die Worte eines Weibes, trafen aber die männliche Brust, behaupten die Chöre.


    Endlich bequemen sich die beiden und Cesar eröffnet den Dialog, dass sein Bruder zuerst sprechen möge, denn er sei der Ältere und er selbst sei durchaus geneigt, ihm zu weichen. Manuel gibt sich bescheiden: Der andere soll zuerst ein edles Wort sprechen und dann wir er ihm auch folgen. Der Anfang ist gemacht.


    Keineswegs fühlt Cäsar sich schwach oder gar schuldig. Manuel bestätigt, dass sein edler Stolz ihm wohl bekannt sei. Cesar wiederum beklagt, dass man ihm die Wahrheit nie gesagt habe, wie gütig und großmütig Manuel in der Tat sei. Dieser weiß zu parieren: Hätte er sein versöhnliches Herz gekannt, wäre vieles ungeschehen geblieben. Cesar glaubt, dass es noch nicht zu spät sei, ihm die Hand zur Versöhnung zu reichen. Beide schreiten zur Tat und schauen sich das erste Mal an.


    „Mně ze všech nejdražší!“ „Jet' mocný srdce bratrského hlas!“ - Mein liebster Bruder!“ „ Wie mächtig ist des Bruderherzens Stimme!“ Kaum zu fassen: Die beiden singen ein Duett überschwenglichen Inhalts, dass der Phönix sich aus der Glut erhoben und die todbringenden Funken des Streits zum Erlöschen brachte. Gesegnet sei die glückselige Stunde, die sie näher zueinander gebracht hat. Beide schütteln sich noch einmal die Hände, um sich dann zu umarmen. In den Chorführern und im Gefolge erwacht der Nachahmungstrieb. „Die Versöhnung unserer Fürsten sei uns Vorbild und Gebot“ kündet Kajetan


    Die Fürstin hat einen diplomatischen Erfolg verbucht und kann sich zufrieden in ihre Gemächer zurückziehen.


    Sechster Auftritt:


    Der Kundschafter, den Don Cäsar losgeschickt hatte, kehrt mit positver Botschaft zurück. Manuel beobachtet, dass das Auge des Bruders vor Wonne strahlt und seine Wangen sich freudig röten. Der Edelknabe soll ihn zur Dame begleiten, von der er berichtet, dass sie nicht weit entfernt von hier wohnt. Erzählen will er dem Bruder sein Geheimnis, sobald er zurück ist. Das Glück soll seine Schritte begleiten, wünscht ihm Manuel. Bevor Cesar sich mit dem Knaben als Führer entfernt, werden die Chöre ohne jeden Anlass gemaßregelt.


    „Euch allen sei mein Wille jetzt bekannt:
    der Streit ist beigelegt für ewige Zeiten,
    der zwischen mir und meinem Bruder einst getobt.
    Wer den erloschenen Funken dieses Zwists
    aufschüren wolle zu erneutem Streit,
    der ist mein Todfeind und es wird ihm hart
    die strenge Strafe meines Zornes treffen!“


    Siebter Auftritt:


    Kajetan kann sich den versonnenen Blick seines Herrn nicht erklären, doch er erkennt, dass ihn kein Leid bedrückt. Vielmehr dünkt es ihn, dass er von unverhofftem Glück begünstigt wurde. Obwohl der alte Diener die Quelle dessen Seligkeit nicht kennt, ist er gern bereit, sein Glücksgefühl mit ihm zu teilen. Manuel reicht dem Teilnahmsvollen die Hand und erklärt, dass er sich plötzlich von Bruderliebe durchdrungen fühlte, als er sah, wie der Zorn aus der Seele Cesars schwand. Nun freut er sich an dem schönen Wandel.


    Hass hatte er schon nicht mehr im Gepäck, als er die Fürstenhalle betrat, vielmehr schwebte seine Seele auf Freudenflügeln hoch empor in überirdische Gefilde. Im Schloss des Vaters blickt er um sich und sieht im Geist das freudige Erschrecken der ahnungslosen überraschten Braut. Noch heute will er sie als seine zukünftige Ehefrau und Fürstin von Messina allen vorstellen.


    Der Herr soll sich doch seinen Getreuen anvertrauen, bittet man. Wer ist die Auserwählte und wo ist sie? Alle wollen sich vor ihr verneigen, ihr huldigen und sie feierlich begrüßen. Dichter Flor hat das Geheimnis bisher verborgen gehalten, doch heute zur Feier des Tages wird er es lüften. Der Chor tritt näher und spitzt die Lauscher.


    Fünf Monate sind es her – der Vater lebte noch – als er auf der Jagd einer weißen Hirschkuh nacheilte. Durch Täler und Klüfte, Wald und Dickicht, ging die Hatz und er geriet in eine Gegend, die er zuvor noch nie gesehen hatte. Das scheue Tier verschwand in einem Klostergarten. Er band sein Pferd an einen Baum, nahm seinen Speer und folgte der Hindin. Er wollte zum Wurf ansetzen, um die Beute zu erledigen. Doch was bemerkt er? Das zitternde Tier sinkt erschöpft zu Füßen eines Mädchens nieder und wird von zarten Händen liebkost. Beide, Mensch und Wild, werfen einen flehenden Blick auf ihn und er konnte nicht anders, als das Tier zu verschonen, um das Mädchen an sein Herz zu drücken. Schon bimmelte die Glocke zum Gebet, Die Eroberte erschrak, besann sich auf Tugend und Sittsamkeit und floh aus seinen Armen in die Sicherheit des Kreuzgangs. Gesehen hat es keiner, nur der blaue Äther über ihnen war Zeuge ihres Glücks.


    Kajetan ist bestürzt und in aller Bescheidenheit gibt er seinem Herrn Auskunft über den begangenen Frevel. Eine Himmelsbraut hat er in den Armen gehalten und die Heiligkeit eines Klosters verletzt. Ach, was! Der vorlaute Gefolgsmann soll sich beruhigen: sein Glück ist nicht auf Sünde aufgebaut. Seine Braut ist durch keinen Eid gefesselt. Keineswegs ist sie eine Braut Christie, sondern nur eine Adelige, die im Kloster unter Verschluss gehalten wurde. Kajetan entschuldigt sich erschrocken, wie sich das gehört.


    Ein Geheimnis umschwebt das Mädchen trotzdem, denn es weiß nichts über seine Herkunft. Doch kürzlich sei ein alter Mann zum wiederholten Male zu ihr gekommen. Dieser behauptete alles über sie zu wissen und frohe Nachricht von der Mutter habe er dabei. Die Zeit im Kloster sei bald vorbei und dann darf sie nach Hause. Die Kleine freut sich auf eine strahlende Zukunft.


    Eile tat Not, denn heute sollte der Tag sein, an dem sie das Kloster verlassen würde. Manuel entschloss sich, dass Mädchen zu entführen, um es kurzfristig in Messina in einem Versteck verborgen zu halten. Sie weiß nicht, wer er ist und ahnt nicht, was sie heute erwartet.


    Seine Leute sollen ihr Wissen einstweilen noch nicht ausplaudern, sondern in den Basar laufen und kostbaren Schmuck kaufen, der ihrer Herrin würdig ist. Was kann sie gebrauchen? Manuel stellt einen Warenkatalog zusammen. Da wäre zunächst kostbares Geschmeide aus Gold, Perlen und Edelgesteine. Es folgen Gewänder aus edlem Stoff, weiß wie der Schnee hoch auf dem Ätna, ein purpurner Mantel mit Goldfäden durchwirkt. Dazu noch einen Schleier, leicht wie der Atem des Windes, der sie vor neugierigen Blicken schützt. Das Textil soll vom Myrtenkranz herabfallen und die zarte jungfräuliche Gestalt umhüllen. Von solidem Schuhwerk ist beim Dichter nicht die Rede, denn Schuhe hat sie an.


    Manuel hat noch weitere Wünsche auf dem Herzen und befiehlt einem Mann aus dem Gefolge, dass er mit raschem Schritt zu seinen Ställen eilen soll und unter allen Pferden das allerschönste aussuchen soll.


    „Weiß soll seine Farbe sein,
    herrlich auch sein Geschirr,
    denn tragen soll es meine Königin
    mit Glanz und Stolz ins väterliche Schloss.“


    Der Chor bestätigt, dass alles so geschehen wird, wie Fürst Manuel es befohlen hat. Feierlich wollen sie die neue Fürstin von Messina begrüßen. Man beeilt sich, die gewünschten Wertsachen einzukaufen, bevor der Basar, dem Ladenschlussgesetz gehorchend, zumacht.


    Zweiter Akt


    OUVERTÜRE


    Achter Auftritt:


    Ihr Aufenthaltsort ist ein schöner Garten, der zur Besinnung einlädt. Trotzdem läuft Beatrice unruhig hin und her, als ob sie jemanden erwarte. Inzwischen bereut sie, dass sie ihre ruhige Klosterzelle verlassen hat, um sie gegen ein wechselhaftes Leben einzutauschen. Hätte sie seinen Schwüren nicht getraut, wäre ihr diese Unrast erspart geblieben. Der Wind säuselt durch das Laub und sie glaubt, seine Schritte zu hören, aber langsam zweifelt sie daran, ob ihr Entführer überhaupt wiederkommt.


    Nun hat sie die heiligen Bande zerrissen und kann ins Kloster nicht mehr zurück. Wo war ihr Pflichtgefühl, als der Verwegene sie in seine Arme nahm und sie ihm erlaubte, sie zu küssen? Doch der Zauber war ganz schön heftig, als der Verführer in seiner männlichen Schönheit vor ihr stand. Er war der erste in ihrem Leben, der ihr wahre Liebe gab. Doch das Antlitz der Mutter lebt als Traumbild ihrer Kindheit auch in ihrem Herzen. Das strenge Schicksal, welches sie von ihr trennte, ist ihr ein Rätsel, so wie sie sich selbst ein Rätsel ist.


    Nun soll die liebe Mutter ihr verzeihen, wenn sie eigene Wege geht. Sie hat sich ein neues Leben nicht erkoren, sondern das Leben hat sie gesucht und gefunden. Ihre Freiheitsdrang ist nun entfesselt und sie kann nicht mehr zurück. Vorwärts geht es, und den Wonnen der Liebe will sie sich ergeben. Wird es in dieser lärmenden Stadt auch eine Oase der Ruhe für sie geben oder werden vielleicht Angst und Schrecken auf sie warten? Schon damals, als der fremde Jüngling in der Kirche auf sie zukam, traf sein heißer Blick sie ins Herz, als sie vor dem Sarg des Landesfürsten standen. Von Liebe hat er auch zu ihr gesprochen, allerdings nur ganz leise, weil Leute in der Nähe waren. Im Herzen war sie tief erschrocken – eine böse Ahnung lähmte sie.


    Wenn Manuel nun doch endlich kommen wollte. Den geliebten Mann will sie beschwören, mit ihr aus dieser kalten Stadt zu entfliehen, um sie an einen stillen Ort zu führen. Ihrer Liebe soll schließlich höchstes Glück erblühen. Es nahen Schritte, Beatrice hört Stimmen im Garten, nein, es ist kein Trugbild, diesmal sind es nicht die Blätter – Don Cesar und sein Edelknabe stehen in der geöffneten Gartenpforte – hinter ihm eine Schar Bewaffneter „Hier bin ich, meine Geliebte, ich eile in deine Arme!“ Beatrice läuft den Ankommenden entgegen und stockt.


    Neunter Auftritt:


    „Ha! Weh mir… das ist nicht er… und eine fremde Schar in Waffen... O, welch ein Graus erfasst mich!“ „Krásná dívko, zdráva bud'! - Schöne Jungfrau, sei gegrüßt!“ Ohne den Blick von ihm zu wenden, weicht Beatrice zurück. Sie soll nicht ängstlich sein und nicht fliehen! Mächtige Liebe führt seine Schritte. Sein ganzes Glück legt er nun in ihre Hände. Was soll Beatrice nun anfangen? Alle guten Geister haben sie verlassen. Don Cesar herrscht seine Leute an, dass sie zurücktreten sollen - das kleine Mädchen habe Angst vor ihren Waffen. Die Hellebardiere weichen ehrerbietig zurück und Cesar entschuldigt sich für sein plötzliches Auftreten. Selbstverständlich ist die Keuschheit ihrer Schönheit ihm heilig. Wo blieb sie die lange Zeit verborgen? Er suchte und forschte stets nach ihr. Vergebens! Ihre Spur war ihm entschwunden. Das kalte Entsetzen macht sich in Beatrices Gesicht breit. O hätte er die Spur doch niemals gefunden! - Was schreckt sie nur so sehr, sie soll sich doch bitte beruhigen. Er versucht ihre Hand zu nehmen, aber sie dreht den Blick weg und lässt es nicht zu. Cesar bleibt in respektvoller Entfernung stehen und weiß als geübter Liebhaber, dass nun ein Vortrag fällig ist.


    Er nimmt den Bezug zu ihrer ersten Begegnung auf: In der altberühmten Kirche, in der feierlichen Stunde
    der zutiefst empfundenen Trauer, an dem Sarg des Landesfürsten, ist ihr engelhaftes Antlitz erstmals seinem Blick erschienen. Die Sehnsucht im Auge brannte, das Flüstern der bebenden Lippen, das Zittern seiner kühnen Hand, die zärtlich ihre Hand berührte, waren die Symptome, die klare Worte sprachen. Sie konnte, sie musste sie verstehen! Doch mehr durfte er an dem weihevollen Ort nicht verraten.


    Um der liebsten Maid zu sagen, was er an jenem Tag verschweigen musste, suchte er lange Zeit nach ihrer Spur und hatte ein Netz von Spähern ausgebreitet, an allen Kirchen und an allen Pforten. Doch erst heute brachte ihm sein Bote Nachricht, dass er endlich ihr Versteck entdeckt hatte. Der Liebe Sehnsucht gab den Schritten Flügel. Cesar eilte her, um zu ihren Füßen kniend, ihr Herz und Hand zu bieten. Nicht forschen will er, wer sie in Wahrheit ist. Der erste Blick hat ihm bereits verraten, dass ihre Herkunft ohne Tadel ist - genau so rein, wie ihre Seele. Selbst, wenn sie von niederem Strande wäre, käme keine andere für ihn in Betracht, sein Herz hält die Liebste fest umschlossen.


    Beatrices reagiert zwar betroffen, ist aber ehrlich zu sich selbst: Schon wieder brennt in seinem Blick die Glut, die kalt wie Eis ihr Herz durchschauert. Ihre grauenvolle Ahnung geht in dieser Stunde in Erfüllung.


    Cesar merkt, dass er endlich andere Seiten aufziehen muss, wenn er ein Resultat erzielen will. Er erhebt sich und stellt nun auf Prahlerei um. Recht und Macht habe er, um ihren Ruhm in die Nähe der Sonne zu rücken. Er sei Don Cesar, der Herrscher in dieser Stadt. Keinen Größeren gäbe es über ihm.


    Beatrice schreit verzweifelt auf und erstarrt dann regungslos mit dem Ausdruck höchsten Entsetzens.


    Da steht sie nun, staunt und schweigt, aber Cesar ehrt die Scham und das Zögern ihrer Mädchenseele. Nun überlässt er sie erst einmal sich selbst, damit sie ihre Ruhe wiederfindet. Seinen Leuten erklärt er, dass seine Braut vor ihnen stehe. Sie sollen ihr die Ehre erweisen, wie sie einer Fürstin zusteht. Vor dem Gartentürchen sollen sie Wache halten zu ihrem Schutz bis er zurückkommt, um sie ins Schloss zu führen. Vor Beatrice verneigt Cesar sich nun auffallend lässig: „Bis auf bald - zur nahenden seligen Stunde. Tschüss, Auf Wiedersehen!“ Der Chor verhält sich, wie befohlen.


    „Preis sei dir, liebliche Fürstin,
    unseres Herrn erwählte Frau;
    in der herrlichen Stunde des Friedens
    begrüßen wir dich mit Freude und Jubel.
    Wir stellen uns vor deine Schwelle
    und warten deine Befehle ab.
    Wir schützen dich mit Schwer und Schild
    bis zum letzten Tropfen unseres Blutes.“


    Doch Beatrice befindet sich in höchster Verzweiflung, denn sie ahnt, was die Zukunft bringen wird. Oh, wehe! In wessen Hände ist sie geraten. Der Fluch des brüderlichen Hasses beruht auf dem Geschlecht, ihr ganzes Glücke wird er zerstören.


    Zehnter Auftritt:


    Der Szenenwechsel führt den Zuschauer ins Schlafgemach der Fürstin. Isabella plant, ihren beiden Söhne nun die Schwester vorzustellen und hat keine Ahnung, was auf sie zukommen wird:


    „Nun endlich ist mir der erwünschte Tag,
    der langersehnte festliche, erschienen!
    Euch beide sehe ich versöhnt,
    Hand, in Hand, das Antlitz zugewandt.
    Und nun darf auch die tiefe Mutterliebe
    getrost und ohne Zeugen zu euch sprechen!
    Nun wisset, dass der selige Augenblick,
    der jedem von Euch einen Bruder gab,
    auch eine Schwester bringt in unsern Kreis.
    Ihr seid erstaunt? Die Nachricht mach euch stutzig?“


    Cesar lässt sich vernehmen, dass er von einer Schwester nie gehört hat. Manuel weiß etwas mehr und glaubt, dass es zwar eine kleine Schwester gab, die aber schon in der Wiege verstorben sei. Nein, das stimmt nicht, Isabellas Tochter lebt. Wenn sich das so verhält, soll die Mutter ihnen sagen, wo sie ist.


    Nicht so eilig! Die Fürstin möchte auch den Vorspann der Geschichte erzählen. Dem Vater träumte eines Tages, dass aus seinem ehelichen Bett zwei Lorbeerzweige sprossen und sich mit ihrem Geäst ineinander verflochten, nachdem sie zu zwei starken Bäumen herangewachsen waren. Doch eine zarte weiße Lilie, die zwischen den beiden Bäumen erblühte, verwandelte sich in eine Flamme, welche zuerst die beiden Bäume verschlang und danach sprang das Feuer dann auf die ganze Burg über. Der Fürst ließ einen arabischen Sterndeuter herkommen, der ihm erklärte, dass seine Frau einer Tochter das Leben schenken würde. Das Vorkommnis würde den Untergang der beiden Brüder bedeuten und die Dynastie zum Erlöschen bringen. Die Tochter kam zur Welt und der Vater befahl, sie gnadenlos unverzüglich ins Meer zu werfen. Doch sie selbst brachte das kleine Mädchen heimlich an einen anderen Ort und gab es in sichere Hände. Hallo, gesegnet sei die Mutterliebe!


    Nein, widerspricht die Fürstin, es war nicht allein die Mutterliebe, Sie hatte nämlich auch einen Traum: Ein göttlich schönes Kind spielte ruhig auf einer Wiese. Plötzlich bricht ein Löwe aus dem Gebüsch hervor und legt seine erjagte Beute vor dem Kind nieder. Dann schoss ein Adler plötzlich aus den Wolken zur Erde und legte ein erbeutetes Reh daneben. Ein christlicher Mönch konnte entschlüsseln was dieser Traum bedeutet. Er hatte sie schön öfter in ihrem Kummer getröstet und auch diesmal goss er Balsam auf ihre Seele. Das Raubtier und der Adler seien die streitenden Gemüter ihrer beiden Söhne, doch das kleine Mädchen würde die beiden zu unteilbarer Liebe zusammenführen.


    Nun ist der Opernbesucher aber gespannt, wer recht behält, der arabische Gelehrte oder der christliche Mönch. Die Fürstin selbst kennt das inzwischen zur blühenden Jungfrau herangewachsene Kind noch nicht, denn sie hat sich nicht getraut, es zwischen zwei feindlich gesonnene Brüder zu stellen. Nun, nachdem beide Söhne beschlossen und geschworen haben, und jeder das wahre Wesen des anderen erkannt hat, will sie das Risiko eingehen. Ihr treuer alter Diener soll sich beeilen, das Mädchen zu ihr zu bringen.


    Doch nun wirft Manuel ein, dass es nicht das einzige Mädchen ist, welches sie heute ans Herz drücken wird. Sie gab ihm eine Schwester und im Gegenzuge kann er mit einer zukünftigen Schwiegertochter aufwarten. Die Mutter soll ihn segnen und ebenfalls die Lebensgefährtin, die sein Herz gewählt hat. Noch bevor der Tag zu Ende geht, wird er sie ihr als Gattin zu Füßen legen. An ihre Brust will sie die neue Tochter drücken, wenn sie seine Zuversicht ist. Freude soll seinen zukünftigen Weg schmücken.


    Nun will Cesar aber nicht länger zurückstehen. Die Mutter soll ihres Segens Fülle nicht nur an ihren Ältesten verschwenden. Auch er hat die Macht der Liebe erfahren, und er ist durchaus in der Lage, ihr seine zukünftige Gattin zu Füßen zu legen. Jetzt wird Cesars Gesicht an das Herz der Mutter gedrückt.


    Salbungsvoll gibt Isabella ihren Gefühlen Ausdruck. Die göttliche, allmächtige Liebe soll heute, dem Tag an dem sie die lieben Söhne durch zarte Bande in Eintracht miteinander verbindet, dreimal gesegnet sein. Isabella kalkuliert, um das Glück voll zu machen, werden ihr in Zukunft nun drei blühende Töchter zur Seite stehen. Manuel und Cesar wiederholen, was die Mutter empfindet und preisen die allmächtige Liebe als Königin der Seelen.


    Elfter Auftritt:


    Weshalb kommt Diego allein zurück? Wo hat er ihre Tochter Beatrice? Nach langem Schweigen antwortet Diego, dass er ihr die Tochter nicht bringt. Was ist geschehen? Auch Don Cesar will wissen, wo der Unglückselige sie gelassen hat. Diego kämpft mit sich selbst, ob er mit der Wahrheit herausrücken soll. Sie wurde entführt auf einem Räuberschiff, behaupteten die Klosterfrauen. „Mein teures Kind“ Isabella sinkt fassungslos in einen Sessel. Manuel fasst den alten Diener am Handgelenk und will wissen, was das für ein Piratenschiff gewesen sein soll. Es sei ein maurischer Segler gewesen. Am Abend sei es in die Bucht eingelaufen und am Morgen habe es sie wieder verlassen, vollgepackt mit Beute. Isabella erregt sich: „O meine Söhne, Cesar, Manuel! Seht, eine Schwester wollte ich Euch geben und jetzt erbitte ich sie von euch!“ Die beiden sollen nicht zögern, ein Schiff auszurüsten, um auf allen Meeren nach der Schwester zu suchen und sie wilden räuberischen Händen entreißen. Wo hatte die Mutter die Tochter verborgen? Diego weiß Bescheid, sie sollen ihn mitnehmen. Die Mutter soll neuen Mut schöpfen! Manuel hat eine Idee und beeilt sich, sie umzusetzen. Cesar ist verwundert. Weshalb macht Manuel sich allein auf den Weg? Zwei Hofdamen kümmern sich um die bewusstlose Fürstin. Cesar forscht Diego aus, wo die Schwester verborgen gehalten wurde und erfährt, dass es am Fuß des Ätna, nicht weit vom Meeresstrand, ein einsam gelegenes Kloster gibt, welches der Heiligen Cecilia geweiht ist. In diesem fand das Mädchen bei den Nonnen Zuflucht. Cesar ist zuversichtlich, dass diese Information ihm weiterhelfen wird und stürmt davon. „S Bohem. Synu můj – Lebe wohl, mein Sohn!“


    Dritter Akt


    OUVERTÜRE


    Zwölfter Auftritt:


    Der Fluss der Handlung führt den Opernbesucher an das Gartentor zum Haus, in dem Beatrice einen vorübergehenden Aufenthalt gefunden hat. Wie befohlen, bewachen die Leute Don Cesars den Zugang. Nun nähert sich die Gesandtschaft von Don Manuel mit den Hochzeitsgeschenken für seine Braut und denkt, sie kann ungehindert passieren. Es kommt zum Wortwechsel zwischen den beiden Chorführern. Kajetan vertritt die Sache Manuels und fordert seine Gefährten auf, einfach durchzugehen, schließlich sind sie in einer ernsten und wichtigen Sache hier erschienen. Doch Bohemund will sie nicht passieren lassen, denn Don Manuel habe ausdrücklich Weisung gegeben, das Mädchen zu bewachen. Nun, dann wird es wohl so sein, dass der jüngere traditionsgemäß dem älteren Bruder weichen muss. Jeder der beiden Chöre fordert den anderen auf, sich fortzuscheren. Es mag ja sein, dass Manuel an Jahren älter ist, doch das ältere Recht hat derjenige, der zuerst hier war. Welch freche Rede führt der Chorführer von Cesars Leuten? Kajetan proklamiert: was Fürst Manuel ihnen befohlen hat, wird auch geschehen – er kennt schließlich seine Pflicht. Und Bohemund kennt die Sprache seines Schwertes. Kajetan behauptet, keinen Schrecken zu empfinden. Er und seine Leute ziehen ebenfalls die Schwerter. Es wird nun mit den Fechtwaffen herumgefuchtelt. Markige Worte begleiten die Drohgebärden. Die eine Gruppe will die andere zähmen, aber diese denkt nicht daran, nachzugeben. „Hoho! Jen blíž!“ „Tu ji máš! A ty též!“ - „Nur näher ran!“ „Da hast du es! Und du auch!“


    Dreizehnter Auftritt:


    Don Manuel erscheint an der Pforte und befiehlt, einzuhalten. Es gelingt ihm, sich Respekt zu verschaffen. Nun will er wissen, wer den Streit angefangen hat und fordert Kajetan auf, zu erzählen. „Wir kamen her, mein Herr, mit Hochzeitsgaben, wie du es befohlen, und deiner Braut wollten wir huldigen – doch diese da vertraten den Weg.“ Unsinn, soll Eure blinde Wut erneut den Frieden Eurer Fürsten stören?“ Dem zweiten Chor erzählt Manuel, dass hier ein Geheimnis walte, dessen Hintergründe sie nichts anginge. Im Namen ihres Herrn gebietet er ihnen, sich zurückzuziehen, aber in der Nähe zu bleiben und zu warten.


    Vierzehnter Auftritt:


    Beatrice bleibt der Tumult nicht verborgen. Sie tritt aus dem Haus und freut sich, als sie Don Manuel sieht. Gott sei Dank, dass er zur Stelle ist. Der Liebste ist ihre einzige Rettung. In seinen Armen fühlt sie sich geborgen. Doch er soll ihr sagen, wie sie ihren Bewachern entfliehen können. Der Weg ist nun frei. Sie wollen sich beeilen. Beatrice will fort und zwar sofort an einen Ort, an dem ihre Liebe wonnig blühen kann. Er nimmt ihren Kopf in seine Hände. Das liebste Mädchen soll ruhig sein und nichts fürchten. Wenn Manuel nur wüsste, wer hier der höchste Herrscher ist? Nun, das ist er! Wer sonst? Messina erkennt in ihm seinen höchsten Fürsten. Ist er etwa Don Cesars Bruder? Wieso erschreckt sie das? Offenbar weiß sie mehr über seine Familie, als er ahnt. Kennt Beatrice das Geheimnis, welches ihre Herkunft verhüllt? Kennt sie ihre Mutter? Ihren Namen hat sie nie gehört und ihr Antlitz nie gesehen. Es ist nur das Traumbild ihrer Kindheit welches sie umschwebt.


    Hinter der Szene tönt plötzlich die Stimme Cesars, dass nur sein Wille und sein Befehl hier gelte. Beatrice drängt, sich durch die Flucht zu retten. Zuerst soll sie antworten, woher sie seinen Bruder kennt. Oh, in heißer Leidenschaft entflammte er, als er sie am Sarg des Fürsten in der Kirche sah. Manuel wundert sich, dass sie in Messina war. An der Seite Diegos hielt sie sich auf. Er ist der Mann, der ihr immer Botschaft von der Mutter brachte. O Grauen, dann ist Beatrice seine eigene Schwester. Er hüllt sein Antlitz in seinen Mantel, um die innere Bewegung nicht zu zeigen. Plötzlich steht Cesar in der Begleitung Bohemunds in der Gartenpforte.


    Fünfzehnter Auftritt:


    „Viz tam, můj pane!“ „V jeho náručíi!“ - „Siehe dort, mein Herr!“ Bohemund zeigt in die Richtung, in der es etwas Interessantes zu sehen gibt. „In seinen Armen!“ Ist das seine Liebe und seine Versöhnung, die er vorgegaukelt hat. Nun soll die Schlange den Dank für ihre Falschheit bekommen. Bevor Manuel sein Schwert ziehen kann, hat Cesar ihn erstochen. „Pomozte!“ erschallt Beatrices Hilferuf, bevor sie besinnungslos zu Boden gleitet.


    Manuel haucht in den Armen seines Gardekapitäns sein Leben endgültig aus. Kajetan meint, dass es Mord gewesen sei. Bohemund ist erleichtert, dass der alte Streit nun für ewig beigelegt ist. Nur ein Fürst wird zukünftig über Messina herrschen. Kajetan findet es korrekt, dass nur mit Blut die Schuld Cesars abgewaschen werden könne. Chor I droht, dass Cesar ihrer Rache nicht entgehen wird und Chor II bekräftigt, dass sie ihren Fürsten beschützen werde. Dem Charisma Cesars gelingt es, Waffengewalt zu verhindern. Nicht seinen Bruder, sondern seinen Feind habe er getötet. Die Bruderliebe war von Manuel nur geheuchelt. Die Tat zeigt ein grässliches Antlitz, doch das Urteil war gerecht. Cesar gibt Weisung, dass dem Mädchen unverzüglich Hilfe zuteil werden soll. Seine Leute sollen sie in die Obhut der Mutter bringen und der Fürstin sagen, dass Cesar ihr das Mädchen schickt. Chor I kümmert sich um die Leiche Manuels und Chor II befasst sich mit Beatrices Abtransport.


    Kajetan lässt einen poetischen Vers vernehmen:


    Des tiefen Schlummers finstere Wolke
    verhüllt für immer das klare Auge.
    Nie wird ihn erwecken die Stimme der Braut.
    Die Zeit irdischer Freuden ist vorbei.


    „V roucho smutku, Messino, se hal,
    bratr bratru zhoubnou ránu dal! -


    In Trauer hüllt sich Messina,
    der Bruder gab dem Bruder den Tod!“


    Běda, běda, běda!


    TRAUERMARSCH


    Sechzehnter Auftritt:


    Fürstin Isabella erkundigt sich bei ihrem Diener, ob vom Aufenthalt der Tochter noch keine Kunde eintraf.
    Von böser Ahnung sei ihr Glück vergiftet, doch Diego versteht es, seine Fürstin zu trösten: Auf den Mut ihrer Söhne soll sie hoffen und sich an dem ausgebrochenen Frieden erfreuen. Isabella erinnert sich wie sie sich Hand in Hand gegenüberstanden und sich in die Augen schauten. Doch man soll das Schicksal niemals vor der Zeit loben. Der Raub der Tochter zeugt davon, dass der böse Genius nie schlummert. Es ist kein Trug, Diegos scharfer Blick hat wahrgenommen, dass vom Gefolge ihrer beiden Söhne umgeben, die Tochter sich von weitem nähert. Die Fürstin will ihrem Kind entgegeneilen, doch ihre Füße straucheln und Diego muss sie stützen. Sie soll sich beruhigen und gefasst ihrem Glück entgegensehen. Der allmächtige Gott soll ihr vergeben, dass sie an seiner Gnade gezweifelt hatte.


    Siebzehnter Auftritt:


    Von Cesars Leuten in einem Sessel getragen nähert sich Beatrice, gefolgt von Hofdamen und Edelknaben. Bohemund erklärt seinen Auftrag, er solle die Jungfrau hier abliefern. Die Fürstin bedankt sich und der Sessel mit Beatrice wird in die Mitte der Bühne geschoben. „O Himmel, ist die tot.“ schreit die Fürstin erregt auf. Nein, beruhigt Bohemund, nur von dem, was sie überstanden hat, ist sie noch überwältigt. Die Mutter kniet neben ihrer Tochter und verleiht ihren Emotionen Töne:


    „O Beatrice, du Kind meiner Schmerzen! So ziehst du ein in deines Vater Haus, so sieht dich deine Mutter wieder!“


    Ihre Freudentränen kann sie nicht sehen und sie kann auch nicht hören, wie sie Cesar segnet, der ihr diesen schönen Augenblick schenkt. Beatrice soll doch bitte ihre Augen öffnen und sie ansehen. Isabella küsst ihrer Tochter die Stirn. Diego hat festgestellt, dass die Bewusstlose sich schon geregt hat. Der Chor soll doch bitte zurückweichen, damit der Tochter Blick zuerst auf die Mutter fällt. Beatrice ist plötzlich hellwach und verlässt den Sessel, der von den Edelknaben zur Seite geschoben wird. Wo ist sie? Wer ist die fremde Frau? Ach, stimmt ja. Das ist ihre allerliebste Mutter. Die beiden Frauen umarmen sich.


    „Mé sladké dítě! Mám tě opět, mám
    a k svému srdci sním tě přivinout! -


    Mein süßes Kind! So habe ich dich wieder
    und darf dich endlich in die Arme schließen.“


    Diego fragt vorwurfsvoll, ob Beatrice geruht auch ihn zu kennen? Sie reicht ihm freundlich die Hand, die er küsst. Mutter und Tochter rekonstruieren, dass die Ältere nach wie vor als Fürstin von Messina zu bezeichnen ist und die beiden Männer, Manuel und Cesar, die Brüder Beatrices sind.


    Achtzehnter Auftritt:


    Messina soll sich in Trauer hüllen und Jammer und Klage hören lassen: „Běda, běda, běda!“ Beatrice gibt sich hysterisch und fleht den zweiten Chor an, dass er Erbarmen mit ihr haben soll. Isabella will wissen, was der Grabgesang zu bedeuten habe. Der erste Chor hat sich vermummt und transportiert eine mit schwarzem Tuch bedeckte Totenbahre. Die Fürstin will wissen, was das schwarze Tuch ihr verhülle. Bohemund rät, stark zu sein und es mit Fassung zu tragen. Böse Ahnung schreckt sie. Isabella ruft nach ihren Kindern. Sie will nicht länger warten und lüftet das Geheimnis selbst. Sie hebt das schwarze Tuch und erkennt – o Himmel – die Physignomie ihres Kindes. Wie sich das in der Oper gehört, bricht sie mit einem Aufschrei neben der Leiche zusammen. „O Manuel, mein geliebtes Kind.“ Isabella verflucht den Mörder und seine ganze Sippe. Die Chöre reagieren mit: „Běda, běda, běda!“


    Neunzehnter Auftritt:


    Im Hintergrund gewahrt Isabella ihren Sohn Cesar, ahnt aber nicht, dass dieser es war, der seinen Bruder umgelegt hat. Sie umarmt ihn und weist dann auf den Leichnam und artikuliert, dass der Eintracht aufgehende Blüte als Knospe früh zugrunde ging. Cesar beteuert, dass beiden ehrlich an Frieden gelegen gewesen war, doch dann sprach der Himmel das blutige Urteil. Die tapfere Hand, die ihr die Tochter glücklich wiedergab, soll die Mordtat rächen. Im Moment von ihrer Bitte wenig beeindruckt, flucht Cesar ihrer Heimlichkeit, die schuld am schrecklichen Geschehen ist. Sie soll wissen, dass Manuel durch seine Hand fiel. Beatrice hatte er zur Braut erwählt und er überraschte sie in seinen Armen. Soll das etwa heißen, dass er ein Mörder ist? Hat ihr eigen Blut ihr liebes Kind getötet? Die Mama hat es erfasst!


    Nun endlich findet Cesar seine Tat auch gräulich und reumütige Buße wird sie nicht sühnen können. Die Schuld wird ihn quälen und der Fluch der ganzen Sippe verfolgen. Doch er tat es aus Liebe! Der Blick der Schwester bringt ihm kein Heil, sondern wird ihn ewig an seine Schuld erinnern. Cesar besteigt die Stufen des Thrones, weil er das Recht des Herrschens ein letzten Mal ausüben will. Messina soll sich in Trauer hüllen, um den Bruder feierlich zu ehren. Einen Teil ihrer Tränen beansprucht Cesar aber auch für sich, ein gemeinsames Grab soll beide umschließen. Was hat Cesar bloss im Sinn? Will er den Schrecken des Tages noch erhöhen? Welcher neuer Kummer steht ihr denn nun schon wieder bevor, fragt Isabella Beatrice. Der Atem des Todes weht aus seinen Worten. Er antwortet: Dem Bruder bringt er sein Blut zum Opfer. Er hat geschworen, sein Schicksal ist entschieden. Alle versuchen ihn umzustimmen, sogar die Edelknaben legen sich ins Zeug: „Bedenke, hoher Fürst, den ernsten Schritt, bevor du tust, was danach nicht mehr zu ändern ist.“


    Die beiden Frauen gönnen sich das letzte Wort: Cesar soll für seine Mutter leben, seiner Schwester ein Trost sein und den Suizid aussetzen! Obwohl es einem Mörder nicht geziemt, vergnügen zu empfinden, sieht Cesar es als höchste Wonne an, sich zu erdolchen. „Hrůzyplný č – Schreckensvolle Tat!“ Diego beugt sich über den am Boden Liegenden und stellt den Tod fest. Kajetan weiß nicht, ob der den Toten nun glücklich preisen oder beklagen soll. Der Opernbesucher weiß es auch nicht.



    © 2011 TAMINO - Engelbert

    Hallo Musikwanderer, hier ein Original-Cover der Glyndbourne -Einspielung unter der LPO, dirigiert von Raymond Leppard




    Ormindo: John Wakefield
    Amida: Peter-Christoph Runge
    Nerillo: Isabel Garcisanz
    Sicle: Hanneke van Bork
    Melide: Jean Allister
    Erice: Hugues Cuenod
    Erisbe: Anne Howells
    Mirinda: Jane Berbie
    Ariadeno Federico Davia
    Osmano: Richard van Allan


    Umfangreiche Textbeilage und das komplette Libretto auch in deutscher Sprache!


    Mit freundlichen Grüßen
    Engelbert

    .


    Gabriel Pierné (1863-1937)


    Cydalise et le chèvre-pied
    Cydalise und der Faun


    Ballett in zwei Akten und drei Bildern
    Libretto von Gaston Arman de Caillavet und Robert de Flers
    Komponiert 1914/1915
    Uraufführung am 15. Jan. 1923, Opéra Paris
    Choreographie: Léo Staats
    Ausführende: Carlotta Zambelli und Albert Aveline
    Zeitdauer: ca. 75 Minuten


    Charaktere:
    Cydalise, Schauspielerin und Ballerina am Hof von Versailles
    Styrax, Junger Faun, musisch begabt und in Cydalise verliebt
    Die Grottennymphe, Trinkwasserspenderin
    Der Alte Faun,Musiklehrer und Erzieher
    Mnesilla, Kleine Nymphe, Tanzpartnerin von Styrax
    Dryaden, Baumgeister, Nymphen und Faune;
    Ballettmeister, Tänzer, Darsteller und Handwerker;
    Verehrer und Bedienungspersonal Cydalises;
    Der kleine Blackboy


    Ort und Zeit: Frankreich 17. Jahrhundert,



    INHALTSANGABE


    Erster Akt:


    Zur Gestaltung des Schlossparks von Versailles haben die Landschaftsgärtner sich einiges einfallen lassen. Es gibt dort nicht nur breite Alleen und verschnörkelte Blumenrabatten, sondern auch lauschige Winkel. Letztere werden nachts gern von Wesen frequentiert, von denen der Sterbliche annimmt, dass es sie überhaupt nicht mehr gibt.


    Ein besonders schönes Plätzchen ist ein ornamental eingefasster See mit einer malerischen Felsgrotte in der Mitte. Große weiße Marmorvasen stehen auf dem Rasen und die Statue des Cupido mit goldenem Pfeil und Bogen vor einer Hecke ist teilweise bereits mit Efeu überwuchert.


    Der Mond scheint hell und wirft seinen milden Schein auf die Lichtung, die sich bald mit Leben füllen wird. Dryaden und Hamadryaden sind durstig und wollen trinken. Erklärend sei eingefügt, dass eine Hamadryade sich von der gewöhnlichen Dryade durch ihre Sesshaftigkeit unterscheidet. Die Erstgenannte streunt nicht umher, sondern hat festen Wohnsitz in einem Baumstamm. Als Baumgeist teilt sie Freude, Leid und Ableben mit ihrem Herbergsvater.


    In der Grotte wohnt die Quellnymphe, die nun mit einem großen Tonkrug und einer Muschel als Schöpfkelle ihre Unterkunft verlässt, um die Flehenden mit köstlichem Nass zu laben. Die Grottennymphe genießt hohes Ansehen und als Gönnerin die gute Laune ihrer Gäste, die sich im Tanz frei entfalten kann.


    Es sind neue Gäste angekommen. Ferienkinder einer Musikschule aus dem fernen Griechenland wollen mit ihrem Lehrer ihren Bildungsurlaub so richtig genießen. Sie gehören zu den Spezies der Faune, zeigen sich tagsüber den Franzosen nicht, weil ihre Füße ein bisschen ungewöhnlich geformt sind. Ludwig XIV., dem das schöne Schloss gehört, weiß nichts von ihrer Anwesenheit, weil die bunte Schar schwarz über die grüne Grenze gekommen ist.


    Ganz ruhen darf der Schulunterricht auch in den Ferien nicht und der „Alte Faun“ erläutert den Schülern, wie man die Panflöte effizient benutzt. Alle sitzen im Halbkreis, wenn Theorie gelehrt oder auf dem Instrument geübt wird.


    Die einheimischen jungen Nymphen sind auch nicht ohne Aufsicht. In einer Prozession kommen sie heran und werden durch die begleitende Erzieherin mit ihren Tanzpartnern bekannt gemacht. Diese haben sich nach Körpergröße sortiert in einer Reihe aufgestellt – die Kleinsten bilden den Schluss


    Der „Alte Faun“ hat es schwer, Disziplin zu garantieren, denn die Jungen sind übermütig und springen beim Tanz wie die Ziegenböcke. Der junge Styrax muss vom Erzieher immer wieder getadelt werden. Die kleine Mnesilla hat darunter zu leiden, denn sie kann sich seinen tänzerischen Kapriolen überhaupt nicht anpassen.


    Das Maß ist voll, denn Styrax hat nach dem Gurt des Alten gegriffen, wo dieser seinen Weinvorrat versteckt hält. Der Ungezogene leert den Behälter in einem Zug und kann auf seinen wackeligen Ziegenfüßen kaum noch stehen. Der Alte Faun beschließt den Frevler zu bestrafen. Mit Efeugirlanden von den Mitschülern umwickelt, wird er seiner Freiheit beraubt und an einen Baum gebunden. Mnesilla fleht, die harte Vergeltung zu mildern, aber Strafe muss nun einmal sein. Der Tag bricht an, die Schule wird geschlossen und Dryaden, Nymphe und Faune räumen ihre Sachen zusammen. Der Platz wird überstürzt verlassen, denn bald werden die ersten Spaziergänger kommen. Styrax wird völlig vergessen. Mnesilla kommt noch einmal zurück, um den Gefesselten zu befreien. Dieser weigert sich jedoch, mitzukommen. Fasziniert von dem anbrechenden Morgen, wünscht Styrax nun Freiheit und Abenteuer kennenzulernen. Die kleine Nymphe eilt ohne ihn fort und hört aus der Ferne noch die Weise seiner Flöte, die wie Abschied klingt.


    Allein zurück geblieben, sammelt Styrax Blumen und riecht daran. Er betastet die lieblichen Früchte, ohne sie zu pflücken oder blinzelt einfach nur in die Sonne. Hinter den Weidensträuchern wirft er einen Blick auf die Statue Cupidos, die ihm aus der Erinnerung bekannt vorkommt. Er biegt die Büsche zur Seite, um die Figur zu enthüllen. Soll er näher treten oder den Ort wechseln? Nachdem seine Scheu ihn verlassen hat, hebt er ein paar Kastanien auf und wirft nach der Marmorskulptur. Ein Geschoss trifft den Bogen und der vergoldete Pfeil fällt zu Boden. Styrax schaut herum, ob es auch niemand gesehen hat. Dann geht er näher, zögert und berührt die Spitze mit dem Finger. Leicht verletzt überkommt ihn eine unbekannte Emotion. Den Pfeil nimmt er an sich, Strafgericht scheint von keiner Seite zu drohen. Styrax hebt das Geschoss in die Höhe, tanzt im Triumph und freut sich seiner Freiheit.


    Völlig unbemerkt, ist eine goldene Karosse den Gartenweg herangerollt. Styrax schaut erstaunt, denn ein solches Gefährt hat er noch nie gesehen. Schöne junge Frauen stecken ihre Köpfe aus den Fensteröffnungen. Die bunten Kostüme lassen vermuten, dass die Insassen aus einem anderen Land oder gar aus einer anderen Zeit angereist sind, wie er selbst. Die Glöckchen, mit denen die Pferde geschmückt sind, machen lustige Geräusche, während die Karosse den Hügel hinaufrollt. Styrax kann natürlich nicht wissen, dass es sich um Mitglieder der Ballettgruppe des Sonnenkönigs handelt. Der hintere Teil der Karosse ist mit Gepäck und Körben behangen. Styrax erstarrt in Anbetung und dann ein Entschluss und ein Satz nach vorn. Styrax springt auf und hängt an der Kutsche, sich an den heraushängenden Textilien festhaltend und sich darin versteckend.


    Zweiter Akt:


    Im Schloss von Versailles soll im Freiluft-Theater am Abend eine Ballettaufführung stattfinden. Der Titel wird auf einem Spruchband mit


    LA SULTANA DES INDES


    angekündigt. Arbeiter sind noch damit beschäftigt, die Plattform zu errichten und den Baldachin aufzubauen, unter dem der Sultan die Huldigungen seiner Untertanen entgegennehmen wird. Körbe, gefüllt mit Kostümen und Stützen für die weiten Röcke der Damen, werden hinter die Bühne gebracht. Der Ballettmeister gefolgt, von Tänzern und Ballerinen, gibt letzte Anweisungen. Die Darsteller verschwinden hinter der Bühne, um in ihr Kostüm zu steigen und die Handwerker verziehen sich zu einem Drink in die Schlosskantine. In Abwesenheit des Dauphins, zu dessen Ehren die Aufführung am Abend stattfindet, soll eine letzte Probe stattfinden. Die Bühne ist leer.


    Styrax nähert sich neugierig dem Schauplatz, sucht ständig Deckung hinter Sträuchern, um nicht gesehen zu werden. Ein verwaister Korb steht noch im Vordergrund und ein besonders prächtiges Kostüm mit vielen Litzen und Borten ist nicht richtig verstaut und erregt die Aufmerksamkeit des Wissbegierigen. Unser Faun wagt sich aus seinem Versteck hervor, sieht das kostbare Gewand und im Konflikt zwischen Scheu und Neugier siegt das Begehren. Flugs hat er das Kleidungsstück angelegt. Plötzlich hört er jemanden kommen. Geschwindigkeit ist für ihn keine Hexerei! Rasch springt er in den Korb und klappt den Deckel zu.


    Der Ballettmeister ist beunruhigt und aufgeregt. Cydalise ist wieder einmal zu spät. Endlich kommt sie mit ihrem Gefolge, wirft den Überhang von sich und enthüllt ihr kostbares Kostüm als Sultana. Der Ballettmeister runzelt die Stirn, weil sie mit Schminken noch nicht fertig ist und von dem einen dies und von dem anderen jenes Requisit erbittet. Als Primaballerina darf sie selbstverständlich Allüren produzieren. Eine Zofe hält den Spiegel, bis sie mit ihrem Aussehen endlich zufrieden ist. Styrax hält es in seinem engen Käfig nicht. Mehrmals lugt er hervor und lässt den angehobenen Deckel wieder fallen.


    Jetzt ist es so weit. Der Ballettmeister klopft mit seinem Taktstab dreimal auf den Boden und achtet darauf, dass er nicht versehentlich seinen Fuß trifft. Die Aufführung beginnt.


    Der Sultan fühlt sich krank und ist gelangweilt. Er konsultiert seine Doktoren, welche die Apotheker rufen. Es folgt der Tanz der Apotheker. Ihnen gelingt es nicht, den Sultan zu kurieren, denn er leidet unter Depression. Trompetenfanfaren erklingen und Piraten unterbreiten dem Sultan ihre Beute. Eine Gruppe von Sklaven unterschiedlicher Herkunft macht ihre Aufwartung und soll dem Haushalt eingegliedert werden.


    Der Sultan möchte liebenswürdig zur Gemahlin sein und sucht ihre Nähe. Offenbar hat er einen schlechten Zeitpunkt gewählt, denn Sie reagiert ungnädig, schlägt mit dem Fächer nach dem Gebieter und lacht ihm ins Gesicht. Ein Skandal ohnegleichen. Die Erhabenheit des Sultans wurde von einer Frau missachtet. Alle fallen auf die Knie. Von ihrer Schönheit gefangen, wird Cydalise Vergebung für ihr schlechtes Betragen zuteil. Alle jubeln.


    Der Ballettmeister ist mit der Probe zufrieden und für Cydalise ist Beifall nichts besonderes. Ihr ist kalt und sie verlangt nach einem Mantel. Ein Verehrer denkt, dass in dem ungeöffneten Korb ein wärmendes Kleidungsstück verborgen ist und hebt den Deckel an. Heraus springt Styrax. Mit einem Satz ist er in Cydalises Nähe, um sie zu küssen.


    Alle sind perplex und der Ballettmeister will wissen, wer er ist, weil er sich nicht erinnert, ihn als Tänzer engagiert zu haben. Dass Styrax die Tanzkunst beherrscht, stellt er sogleich unter Beweis. Erstaunen erfasst die Zuschauer und Cydalise kann nicht anders, als einen Pas de deux mit der wildfremden Person zu tanzen. Dabei geraten die Körper so nah aneinander, dass es den Verehrern der Primaballerina allzu aufdringlich erscheint und versuchen, sie ins Abseits zu drängen. Sie wirft dem Tänzer noch eine Rose zu und er kann ihr noch Cupidos Liebespfeil zustecken, den sie in dem breiten Stoffgürtel an ihrer Taille unterbringt.


    Styrax schwingt die Rose wie eine Trophäe und tanzt einen Solo. Alle sind hingerissen, versuchen den Faun zu imitieren und eine Variation beschließt das erste Bild des zweiten Aktes


    SZENENWECHSEL


    Als Primaballerina des Königs besitzt Cydalise ein vornehm ausgestattetes Appartement im Schloss. Die Fensteröffnungen an der Seite sind kreisrund und gewähren Ausblick auf den Park. Ihre enthusiastischen Bewunderer, die ihr auf Schritt und Tritt folgen, hat sie alle fortgeschickt. Sie ist übermüdet und lässt sich von ihren Zofen für die Nacht herrichten. Der kleine Blackboy hat ihr einen Korb neuangekommener Liebesbriefe gebracht, in denen sie ein bisschen liest, während ihr die Frisur zurechtgerückt wird. Viele Blumen sind gekommen. Die meisten werden an das Personal weiterverschenkt.


    Nachdem die Mädchen gegangen sind, zerreißt Cydalise die Briefe in kleine Stücke und lässt sie aus dem Fenster tanzen, wo sie fliegen wie die Schmetterlinge. Den Liebespfeil, den Styrax ihr zum Abschied gegeben hat, legt sie gedankenverloren auf die Frisierkommode und sich selbst in die weichen Kissen.


    Styrax springt in den Raum, das angelehnt gewesene Fenster hinter sich schließend. Sofort sieht er den goldenen Pfeil, nimmt ihn in die Hand und genau wissend, was er tut, piekst er Cydalise damit in den Arm. Diese erwacht, die Müdigkeit ist von ihr gewichen, stellt keine Fragen und tanzt sogleich mit dem Ankömmling einen „Pas de deux“. Styrax ist verwundert von allem was er sieht. Er spielt mit den Toiletten-Accessoires, unwissend zu was sie benutzt werden. Es macht ihm einen Heidenspaß eine ihm unbekannte Welt zu entdecken.


    Den Korb mit den Liebesbriefen entdeckt er auch. Cydalise bittet ihn, auch einen Liebesbrief zu schreiben und hält Ausschau nach einem Federkiel. Aber Styrax kann nicht schreiben! Er soll einen Brief aus dem Körbchen nehmen und ihn ihr vorlesen. Styrax kann auch nicht lesen! Was kann er eigentlich? - Flöte spielen! Er führt sein Talent vor und Cydalise beginnt, sich nach der Musik im Takt zu wiegen. Es dauert nicht lange und der kleine Blackboy, der gelauscht hat, sieht die beiden in inniger Umarmung. Sie schwört, ihn für immer zu lieben und er leistet einen Eid bei der Rose, die sie ihm gegeben hat, die Geliebte nie zu verlassen.


    Der Morgen dämmert und die Stimmen des Waldes erwachen. Styrax steht am Fenster und ist vom Schauspiel der Natur tief beeindruckt. Cydalise versucht, ihn vom Fenster wegzuziehen, doch er widersetzt sich. Sie merkt, wie die Natur ihn zurückruft und legt die Hände auf seine Lider Beide atmen die frische Morgenluft und bewundern den Sonnenaufgang.


    Styrax ist von den Seinen vermisst worden. Plötzlich wimmelt es im Zimmer von Faunen und kleinen Nymphen. Sie haben Gräser und Wildrosen mitgebracht, nicht für Cydalise, sondern für Styrax. Sie lassen ihn daran riechen, damit er den duftenden Puder auf der Frisierkommode vergisst. Styrax kommt wieder zu sich selbst und weiß, wohin er gehört.


    Mit Cydalise werden die munteren kleinen Geister schnell fertig. Sie halten ihr Schlafmohn unter die Nase, bis sie ermattet auf ihr Bett sinkt und ihre Umgebung nicht mehr wahrnimmt. Styrax steht am Fenster, bläst ihr einen Handkuss zu und springt hinaus.


    Anmerkungen:


    Mit seinem Poem choreographique „L’Après midi d’un Faune“ hatte Claude Debussy den Impressionismus eingeläutet und einen Meilenstein der Musikgeschichte gesetzt. Ein Faun auf der Ballettbühne war etwas Ungewöhnliches und regte den Nachahmungstrieb von Gabriel Pierné an. Mit „Cydalise et le chevre-pied » schuf er ein Meisterwerk der Ballettkunst, welches dem Sketch von Debussy allein wegen seiner abendfüllenden Länge, gleichzusetzen ist. Das feinsinnige Libretto, welches nicht der Groteske entbehrt, setzte er in Musik um, die den Zuhörer berauscht. Pierné ist kein Epigone, er findet seine eigene überwältigende Klangsprache. Zündende Einfälle, die als Leitmotiv immerzu wiederkehren, bleiben auch dem oberflächlichen Zuhörer im Ohr haften. Mit Styrax modelliert er eine Bühnenfigur, die in ihrer Scheu, Neugier und Unbekümmertheit anrührt und die Herzen des Publikums erobert, weit mehr als die Kapriolen der launischen Cydalise.


    Die beiden Suiten folgen der Chronologie des Balletts, wobei die zweite sich allein auf das zweite Bild des zweiten Aktes beschränkt.


    © 2010 Tamino - Engelbert

    .



    Lukas Foss (geb. 1922)
    Griffelkin


    Oper in drei Akten


    Libretto: Alastair Reid
    Englisch gesungen
    Uraufführung: 6. Aug. 1956 in Tanglewood


    Charaktere:
    Devils' Grandmother
    Griffelkin
    Statue
    Letterbox
    First Lion
    Second Lion
    A Boy
    A Girl
    Their Mother
    Policeman
    Shopkeeper
    First Housewife
    Second Housewife
    Third Housewife
    Oldest Devil
    Eight Young Devils, Children, Toys etc.



    Einführung:


    Die Hölle ist ein Schauplatz, der den Opernkomponisten nicht geheuer ist und deshalb von ihnen nach Möglichkeit gemieden wird. Bei Wolfgang Amadeus Mozart klingt am Schluss die Höllenfahrt des Don Giovanni nur kurz an – ein bisschen Qualm, ein bisschen Schwefel - und schon schließt der Schlund sich wieder. Von Anton Dvorak erfahren wir etwas mehr. Katinka landet in der Unterwelt als Entführungsopfer und macht den Teufeln die Hölle heiß. Ein gebürtiger Berliner, es ist Lukas Foss, räumt mit alten Vorurteilen gründlich auf. Dem unterirdischen Aufenthaltsort kann er wirklich etwas abgewinnen. Nein, die Hölle ist kein Gelände auf dem Bösewichter bei hohen Temperaturen unter Verschluss gehalten werden, sondern dort wird auch teuflischer Nachwuchs gezielt ausgebildet. Oberste Lehrherrin ist des Teufels Großmutter. Sie hat die kleinen Schlingel fest im Griff.



    INHALTSANGABE


    Erster Akt: DIE KINDERSTUBE IN DER HÖLLE


    1
    Die kleinen Teufel werden mit Verstand, Liebe und Umsicht erzogen. Eine Teufelei macht erst dann richtig Spaß, wenn sie auch von Humor begleitet wird. Der Chorgesang wird gepflegt und steht dem der Regensburger Domspatzen an Qualität nicht nach. Die Oper beginnt mit einer Ballade. Zuerst ist die Bühne ganz dunkel, dann geht langsam die Beleuchtung an bis eine Schar frohsinniger Teufelchen zu erkennen ist, die ihren Schabernack treiben. Es ist nicht schwer, sie als Höllenkinder auszumachen, denn alle haben extrem dunkle Haut, einen zackigen Schweif und Hörner auf der Stirn wie ein kleiner Ziegenbock. Der Text des Liedes ist nicht besonders anspruchsvoll. Von quakenden Kröten und zitternden Vogelscheuchen sowie von lachenden Fröschen und einer schielenden Krähe ist die Rede. Viel Sinn ergibt der Gesang nicht und jeder Vierzeiler endet mit dem Refrain „Devil all night till day.“ Faul am Tag und die Nacht für das Spiel...


    2
    Plötzlich erscheint die Großmutter und sorgt für Disziplin. Sie fragt, ob ordentlich saubergefegt wurde und erklärt sich zufrieden. Sie beschimpft die Kleinen als potthässlich. Um die Vollständigkeit der ihr Anvertrauten zu überprüfen, ruft sie alle Zöglinge beim Vornamen auf: Lustige Bezeichnungen haben die kleinen Kerle. Sie heißen: Dunkelschweif, Splitterkram, Onkel Polter, Schotterkopf, Stachelkerl, Plemperstock, Schmuddel usw. Natürlich hat Lukas Foss dafür gesorgt, dass die kleinen Unholde auch mit englischsprachige Namen wie Dominuckle, Dick in the Dark, Splinterkit, Uncle Skelter, Rubblehead, Prodbody, Fritterstick oder Scruff ausgestattet sind. Der Aufgerufene hebt den Finger und meldet sich in der Sprache, die ihm am besten gefällt. Aus der Offenbach-Operette „Orpheus in der Unterwelt“ weiß der Theaterbesucher, dass in der Hölle das Französische sehr beliebt ist. Die Teufelskinder melden sich deshalb nicht mit „hier“ oder „here“, sondern auch mit „présent“. Einer, welcher nicht reagiert, ist ‚Griffelkin’. Alle rufen nach ihm und dann kommt er plötzlich unter Großmutters Unterrock hervor. Nun soll er sich schnell zu den anderen gesellen, damit der Unterricht beginnen kann. „Nun meine verdreckten Kinderchen, sagt mir, welche Teufeleien habt ihr heute angestellt?“ Lukas Foss hat im Walzertakt komponiert, ein Rhythmus, in dem die kleinen Schlingel auch antworten.


    Es sind keine Geringfügigkeiten, die ausgeheckt wurden – man ist erstaunt zu welchen Dingen, die kleinen Unholde schon fähig sind. Mit Autosaufbrechen oder Graffitischmierereien geben sich die Kinderteufel gar nicht ab. Der eine hat einen Jungen in eine Flasche gesteckt, der andere hat eine Katze im Kessel gekocht und ein weiterer hat dreizehn Babys geklaut. Eine Königin wurde vergiftet und Plemperstock hat einem großen Elefanten einen Knoten in den Schwanz gemacht. Die Großmutter will mehr hören. Besonders schalkhaft verhielten sich die kleinen Gesellen, welche an diesem schrecklichen Morgen aus einem Gefängnis alle Gefangenen befreit haben. Keine schlechte Idee war es, auf einem Bauerhof alle Milchkannen umzukippen.


    Und nun kommen wir zum kleinen Griffelkin. Was hat er gemacht? „Oh’ Großmutter, bitte, ich habe gar nichts angestellt“ „Nichts, einfach nichts!“ Das darf doch nicht wahr sein! Großmutter hat noch nie von einem Teufelchen aus der Hölle gehört, welches gar nichts angestellt hat. Hat die Oma vergessen, dass er heute zehn Jahre alt wird, versucht Klein-Griffelkin sich zu verteidigen. Zum Teufel auch, sie hat es tatsächlich vergessen. Schnell muss nun eine kleiner Feier improvisiert werden. Zehn Jahre alt wird Griffelskin an diesem schrecklichen Morgen. Hurra! Hurra!


    3
    Mit zehn Jahren wird ein Teufel in der Hölle mündig. Spinnweben werden über den Tisch gelegt und die Großmutter selbst stellt sich an den Herd, um für die kleine Gesellschaft etwas zu kochen. Die Kobolde helfen ihr dabei. Sie sollen Feuer machen und im Kessel rühren. So ein Festmahl besteht aus Schweineschwänzen, fetten Fröschen, Krokodilaugen, Eselsohren und weiteren leckeren Zutaten. Hoch lebe Griffelskin! Um die Kontrolle nicht zu verlieren, sitzt Großmutter später selbst im Kochtopf, ohne mitgekocht zu werden. Für Temperaturen hat sie ein feines Gespür.


    4
    Um dem Opernpublikum die Zeit angenehm zu gestalten und den kleinen Griffelkin zu erfreuen, singt Großmutter eine Ballade, in der vorkommt, was der Knirps schon alles beherrscht.


    „You have learned to bewitsch,
    You have learned to be gruff,
    You have learned, you have learned
    To be wicked enough.


    You have learned to turn children
    To fossils and frogs
    You have prectied your deviltry
    Lessons on dogs.


    You can say all your riddles
    Spells and rules,
    You have been to the best
    Devils’ schools


    Er hat gelernt zu verärgern, und gelernt wüst und wild zu sein. Da Griffelkin nun zehn Jahre alt geworden ist, wird es Zeit, damit anzufangen, alle Teufeleien, die er beherrscht, auch professionell anzuwenden. Es ist etwas ganz besonderes zehn Jahre alt zu sein. Nie wieder wird er die Kinderstube betreten. Probeweise wird er zunächst für einen Tag in die richtige Welt hinaus geschickt. Zur Feier des Tages wird der Schweif frisch gestutzt und gezackt. Griffelskin ist überglücklich!



    5-6
    “Oh Grandmother, you mean I can play in the world for une whole day?” Großmutter erlaubt es bis die Uhren der Welt Mitternacht schlagen. Aber Griffelkin muss schwören, dass er jeden Tag eine schlechte Tat begehen wird. Er verspricht: garstig, schrecklich und böse zu sein, dazu gierig, dreckig, mürrisch und schroff. Nun kann er sich auf die Reise begeben, um die Welt kennen zu lernen. Etwas Plempe aus dem Kessel wird in eine Thermosflasche gefüllt und von der Großmutter mit magischer Wirkung versehen. Die Flasche mit der zauberhaften Flüssigkeit ist ihr Geburtstagsgeschenk und soll ihm die neue Tätigkeit erleichtern. „Eine Flasche voll Zauber für Dich mein Junge. Damit kannst Du die Welt auf den Kopf stellen, Steine zum Leben erwecken und Leben zu Stein werden lassen. Es genügt bereits ein Tropfen!“


    Mit Gewalt drängt es Griffelskin nun nach oben, um die Probe auf das Exempel zu machen.


    „I must run at once
    And begin to bewitch
    My pulses are jumping,
    My tail is atwitsch.”


    „Our Griffelkin! Just look at him,“ jubeln die kleinen Kobolde.


    „I sprinkle my bottle
    And nag and niggle
    And tickle the fat fellows’ feet
    Till they giggle.”


    Griffelskin zählt in seinem Lied auf, was er alles anstellen wird. Die Fantasie geht mit ihm durch, denn er will auch seinen Namen an den Himmel kritzeln. Eine riesige Leiter, die bis zur Decke der Bühne reicht, entführt Griffelkin in die wirkliche Welt, die er bisher nur als schäbige Fiktion kannte. Ein Orchesterzwischenspiel beendet den ersten Akt, der als Prolog zu verstehen ist..



    Zweiter Akt: MARKTPLATZ EINER MALERISCHEN KLEINSTADT


    7
    Der Gülledeckel hebt sich und Griffelskin betritt die Welt. Eine malerische Kleinstadt hat er als Aktionsfeld vorgefunden. Auf dem Marktplatz plätschert ein Brunnen, flankiert von zwei mächtigen Steinlöwen. Griffelkin hat das Bedürfnis, sich seiner neuen Umgebung zu erklären. Bald wird er die ganze Welt in der Hand haben. Er mag zwar klein sein, aber er wird es allen zeigen. Zehn Jahre sind ein schreckliches Alter. Entsetzen und Verderben wird er auslösen. Griffelkin schaut sich staunend um. Der strahlend blaue Himmel macht ihn sprachlos. Viel Zeit hat er nicht zu vergeuden. Er muss der Welt zeigen, aus welchem teuflischen Holz er geschnitzt ist. Im Grunde ist er von so viel Schönheit fasziniert. Immer wieder suchen seine Augen den blauen Himmel. Bisher waren ihm vorzugsweise die Farben dunkelgrau und grelles orange geläufig.


    8
    Doch für schöngeistige Überlegungen ist jetzt keine Zeit. Eingedenk seines Auftrages und seines gegebenen Versprechens hat er Schrecken und Verderben zu bringen. Er will damit beginnen, die Luft zu schwärzen. Doch vorher möchte er sich Rat holen. Er bespritzt die Brunnenfigur mit der Flüssigkeit aus der Flasche und fragt:


    „Wesen, Wesen, sage mir.
    Wie schaff’ ich die Hölle hier!“


    Tatsächlich erwacht die Statue und hebt den Kopf, denkt aber nicht daran, Griffelkins Frage zu beantworten, sondern klagt der Luft von ihrem anhaltenden Missvergnügen: Es sei soweit ganz schön, mit Magie besprüht zu werden, denn es sei tragisch aus Stein zu sein. Ständig sieht sie, wie Fremde kommen und gehen. Sie stellt fest, wie die Kinder, die sie besuchen, größer werden. Sie hat genug davon, ständig unter der Dusche zu sitzen, während die Leute sie durch ihr Wasserkleid anstarren. Seit vielen Jahren sitzt sie hier, ihre Tränen sind schon zu Fontänen geworden. Sie hat kein Privatleben und es wäre ihr am liebsten, wenn man sie in Ruhe ließe. Die Jahre kriechen neblig an ihr vorbei und sie weiß schon gar nicht mehr, ob heute Donnerstag oder Dezember ist. Griffelkin wiederholt seine Frage, die aber nicht zur Kenntnis genommen wird, weil die Brunnenfigur mit ihrem Missmut nicht zurechtkommt. Ständig soll sie aus Fontänen Luft spinnen. Dazu hat sie einfach keine Lust mehr und möchte auch von ihm in Ruhe gelassen werden.


    9-10
    Griffelkin ist erbost, dass ihm keine Beachtung geschenkt wird. Er verschwendet keine weitere Mühe mehr und wendet sich dem Briefkasten auf der anderen Straßenseite zu. Ein paar Tropfen aus der Flasche bringt ihn zum Reden. Nun ertönt die Briefkasten-Arie:


    Good morning. Good gracious,
    You look like the devil.
    I’m a chatterbox,
    I mean letterbox;
    Delivery three times a day,
    I know all the addresses,
    I’ve read all the messages,
    I’ll tell you what all of the envelopes say.


    Der Briefkasten ist äußerst schwatzhaft und fragt den Gast aus der Hölle, ob er länger als nur einen Tag bleiben wird. Der Briefkasten gibt mächtig an. Er kenne alle Alleen und alle Plätze. Er kennt die Richtungen. Wenn der Fragesteller den Weg wissen will, braucht er sich nur an ihn wenden. Angeblich weiß der Briefkasten, wohin er gern gehen möchte.


    To Russia, to Prussia
    To Thailand, to Long Island
    To Kanada or Granada
    To Timbuktoo or to the zoo.


    Alle Briefe mit den genannten Adressen wirft er Griffelkin vor die Füße. Dieser hebt sie beflissen auf und steckt sie in den Schlitz zurück. Zum Dank klärt ihn der Briefkasten noch auf, wie er sich im Straßenverkehr zu verhalten hat. Bei ‚grün’ darf er über den Zebrasteifen laufen und bei ‚rot’ muss er stehen bleiben.


    Griffelkin gebietet mit einer Handbewegung zu schweigen, denn der Briefkasten will wieder von vorn anfangen zu plappern. Er hustet bereits und ist völlig außer Atem. Griffelkin wendet sich genervt ab.


    11-12
    Auf der anderen Seite steht ein Gruppe von Jungen. Griffelkin sucht mit ihnen den Dialog und will wissen, weshalb sie ihn so anstarren. Über seinen ungewöhnlichen Aufzug machen die Vorlauten dumme Bemerkungen und wollen ihn am Schweif ziehen. Wenn er ein Teufel sei, wie er behaupte, soll er es beweisen. Griffelkin überlegt, ob er die Bande grün einfärben soll, hat aber plötzlich eine bessere Idee. Wenn er die beiden steinernen Löwen zum Leben erweckt, würden sie ihm dann glauben, dass er direkt aus der Hölle kommt? Ohne eine Antwort abzuwarten, besprüht er die Skulpturen mit seinem Zaubermittel. Die Kinder weichen erschrocken zurück, nur ein kleines Mädchen hat die Situation nicht sofort begriffen und sucht bei Griffelkin Schutz. Die Raubtiere sind weder hungrig noch angriffslustig und beklagen sich, weshalb man sie nicht in Ruhe träumen lassen kann. Jeder Besucher kommt, zieht sie an der Mähne oder tritt ihnen auf den Schweif. Dazu dieser Lärm, den die Menschen machen. Er kommt ihnen lauter als Löwengebrüll vor. Zuerst war Griffelkin auch erschrocken, aber nachdem die Tiere sich träge und desinteressiert verhalten, tut er ihnen den Gefallen und gibt ihnen die gewünschte Ruhe zurück.


    13
    Das Mädchen ist erstaunt, hat aber Angst, weil die Freunde davongelaufen sind. Immerhin wissen sie nun Bescheid, mit wem sie es zu tun haben. „Zaubert er oft?“ „Hin und wieder, aber wann immer sie möchte, kann er ihr etwas vorzaubern.“ Kann er auch ihre Mutter wieder gesund machen? Nun erwacht in Griffelkin der Schalk. Soll er einen Tiger herbeirufen oder ihr einen Pferdekopf wachsen lassen. Nein, er soll das Fieber heilen und sorgen, dass sie wieder zu Kräften kommt.


    14
    Die Mutter ängstigt sich, dass jemand die Tochter entführen könnte und ist ihr auf die Straße gefolgt. Es hilft nichts, dass die Elfjährige ihr erklärt, dass der Teufel ihre Gesundheit wieder herstellen will. Der wilden Gestalt mit Hörnern und Schweif traut sie keine Heilkünste zu, lamentiert und will die Tochter wegzerren. Während Griffelkin am anderen Arm zieht, sagt er einen Zauberspruch auf, der ihn selbst und das Mädchen unsichtbar macht.


    15
    Die Mutter schaut nach, ob die beiden sich versteckt haben. Hinter der Brunnenstatue sind sie nicht, bei den Löwen und neben dem Briefkasten auch nicht. Ein Polizist und eine Ladenbesitzerin kommen hinzu. Die Mutter klagt, dass sie ihre Tochter verloren hat und der Polizist fertigt ein Protokoll an. Sie sagt aus, dass das Mädchen sich in Luft aufgelöst habe und mit ihrem Begleiter in einer Dunstwolke entschwunden sei. Die Ladenbesitzerin mutmaßt, dass die Frau im Kopf fiebrig sei, und der Ordnungshüter schlägt vor, sie zu Bett zu bringen. Die Mutter lässt sich jedoch nicht beirren und bleibt bei ihrer Aussage, dass ein Teufel frei herumlaufe, einen Zauber ausgesprochen und ihre Tochter entführt habe. Die Ladenbesitzerin bringt der Aufgeregten ein Glas Wasser.


    16
    Ein Teufel verschwindet nicht in den Wolken, sondern unter die Erde. Der Gülledeckel wird angehoben, ein gehörntes Wesen schaut hervor und zieht das Mädchen nach. Die Kleine macht sich Vorwürfe, die Mutter verlassen zu haben und dem Unbekannten gefolgt zu sein. Griffelkin will nicht, dass sie unglücklich ist, möchte sie vor Freude zum Singen bringen und seine Zauberkunst beweisen.


    „I’ll terrify frogs
    Turn eggs into dogs
    Anything, anything
    I’ll make you sing.
    I’ll turn needles into nails
    And snow into snails,
    Anything to bring back your joy.”


    Das Teufelchen zeigt auf einen Verkaufsstand mit Spielsachen. Doch die Ladenbesitzerin gibt sich energisch und droht dem Dieb mit einer Tracht Prügel, wenn er ihre Auslegware auch nur anrührt. Der Bedrohte macht kurzen Prozess, sprüht die unliebsame Person an und diese wird unverzüglich stocksteif. Allerdings kann sie noch protestieren, weil Griffelkin die Spielsachen mit einem Spritzer aus der magischen Flasche zum Leben erweckt.


    „A sprinkle for you,
    Toys come true!
    How do you do Sailor!
    How do you do Teddy bear!”


    Die Spielsachen erwachen, grüßen ihren Befreier und freuen sich des neuen Lebens. Griffelkin ist sich nicht bewusst, dass er mit seiner Zauberflüssigkeit unachtsam umgeht.


    ERSTE CHOREOGRAPHISCHE SEQUENZ


    17
    Griffelkin beginnt mit den Puppen zu tanzen, zunächst zaghaft und dann immer wilder. Das kleine Mädchen drängt es nach Hause, weil die Mutter krank ist und es vermisst. Griffelkin setzt seine ganze Überredungskunst ein, damit die Kleine bei ihm bleibt. Er malt ihr aus, welche Freude er ihr mit seinen Zauberkunststücken machen kann. Alles wird er für sie tun, wenn sie mit ihm durch den Tag tanzt. Für den Moment lässt sie sich überreden.


    ZWEITE CHOREOGRAPHISCHE SEQUENZ


    18
    Das Mädchen ist begeistert und glücklich und Griffelkin ist gerührt. Nun legt er sich erst recht ins Zeug und lässt die Puppen tanzen was die Beine hergeben. Doch einmal ist jeder Spuk vorbei und die Tänzer und Tänzerinnen werden in ihre Spielzeugschachteln zurückgeschickt.


    19
    Drei Hausfrauen haben die Szene beobachtet „Seht seinen Schweif! Oh je! Oh je! Wer hätte das gedacht? Hilfe, Hilfe! Es wird doch nicht der Teufel sein!“ Griffelkin ist abgelenkt und kontrolliert, ob mit seinem Schweif vielleicht etwas nicht in Ordnung ist. Unbemerkt entwischt das Mädchen. Wo ist sie? Die Hausfrauen lärmen, bis ein Polizist erscheint. „Der Teufel sei los!“ Der Polizist zückt sein Notizbuch und vernimmt den Ruhestörer: „Now young fellow, name and age?“ „I’m Griffelkin Sir and I’ve just turned ten.“ Die Hausfrauen beantragen unverzüglich Ordnungshaft, aber der Polizist ist irritiert, weil der Briefkasten dauernd dazwischen plappert. Besprühen aus der magischen Flasche ist nicht angezeigt, weil Griffelkin den spärlichen Rest für teuflische Fälle aufheben muss. Er rennt fort und alle hinterher. Die Löwen sind wieder frei und einer setzt seine Tatze auf den Fuß des Polizisten, so dass dieser nicht mitrennen kann. Was kann ein gut ausgebildeter Polizist schon ausrichten, wenn die Löwen und der Teufel los sind? Die Raubkarzen melden sich zu Wort:


    „Now it’s enough. Now it’s enough.
    Now it’s our turn to be rough,
    Now it’s our turn to grumble and grunt.
    Now we’re off on a policeman hunt!
    Now… Now…”


    Griffelkin sucht verzweifelt sein Mädchen. Die Hausfrauen jagen ihn:


    Catch him quick! Catch him quick!
    Quick, he’ll make the buildings fall.
    After him! After him!
    Quick, or he’ll bewitch us all.”


    Der Briefkasten sagt, dass Griffelkin das Mädchen finden wird, wenn er die dritte Straße links und die erste Straße rechts einbiegt, dreimal um den Platz läuft - danach findet er sie in der Mitte. Fehlanzeige! Der Briefkasten lügt. Die Puppen erwachen wieder zum Leben. Die Hausfrauen sind unerbittlich. Die Turbulenzen steigern sich, während die Liedtexte sich unermüdlich wiederholen. Das Finale zum zweiten Akt nimmt die Ähnlichkeit mit einer Rossini-Oper an.


    Dritter Akt: DIE KLEINSTADT BEI NACHT


    20
    Griffelkin hat die Menschen in der beschaulichen Kleinstadt auf Trab gebracht. Die Nacht hat sich herabgesenkt, aber die Gemüter konnten sich noch nicht beruhigen. Zu ungewöhnlich waren die Erlebnisse des vergangenen Tages. Selbst die Brunnenfigur, die schon viel erlebt hat, kann sich an sprechende Briefkästen und tanzende Spielwaren nicht erinnern. Wind und Regen gab es reichlich, Sommer und Winter wechselten sich ab, aber es war das erste Mal, dass der Leibhaftige persönlich zu Besuch kam. Der Polizist ist völlig verwirrt, denn sprechende Brunnenfiguren kannte er bisher noch nicht und mit dem Einfangen von ausgebrochenen Raubtieren aus dem Zoo ist er völlig überfordert. Der Briefkasten hat die größten Schwierigkeiten mit dem Verstehen. Alles, was vorher blau war, ist jetzt rosa und was viereckig war, ist jetzt rund. Die Letterbox ist besorgt um ihre Post und hofft, dass der Schalk sich wieder in die Hölle zurückziehen wird.


    Die Löwen helfen den Hausfrauen, den Teufel zu finden. Ihre Tatzen sind wund und Griffelkin hat den Katzen die Schwänze zusammen geknotet. Nun soll der Taugenichts kommen und sie wieder in Steine verwandeln. Der Polizist möge ihn doch endlich einsperren. Verhext, verteufelt, verwirrt verrückt und verzweifelt ist die ganze Stadt! Die Löwen können nicht mehr brüllen, weil sie heiser sind.


    21
    Griffelkin sitzt ebenfalls völlig erschöpft auf der Gehsteigkante, weiß aber nicht, dass es zufällig das Haus ist, in welchem sein Mädchen wohnt. Er ist müde und hungrig und wartet, dass es Mitternacht schlägt, damit er endlich in die Hölle zurück kann.


    I’m tired, I’m hungry,
    Oh what a day!
    What would my brothers
    And Grandmother say?
    How hard I tried.
    I wished I were worse.


    Der Verlassene verzweifelt daran, für einen Teufel nicht schlecht genug zu sein. Flüche kann er sich überhaupt nicht merken. Die Welt um ihn herum ist viel schlechter als er. Vielleicht ist er noch zu klein, denn es fehlt ihm noch der Durchblick. Alle haben Angst vor ihm und laufen davon. Nur eine hat es gewagt, sich mit ihm vernünftig zu unterhalten, doch auch sie ist weggelaufen.


    22-23
    Jungen und Mädchen kommen und klagen. Teilnahmsvoll erkundigt sich Griffelkin nach der Ursache ihres Kummers. Die Mutter sei gestorben, kalt ist sie bis auf die Knochen! Nie wird sie wieder zurückkehren. Sein Mädchen ist unter den Anwesenden. Griffelkin nimmt es wahr und springt sofort auf sie zu. Den ganzen Tag hat er sie gesucht. Seine Verfolger, die ihn ins Gefängnis stecken wollten, hat er abgeschüttelt. Er wusste, dass er sie wiederfinden würde. Kennt sie ihn nicht wieder? Sie soll doch seinen schönen Schweif anschauen. Griffelkin ist er! Weshalb sagt sie nichts? „Der Tod ist gekommen und hat die Mutter mitgenommen.“


    24


    Um zu verstehen, lässt sich Griffelkin einige Grundbegriffe erklären, denn mit Wörtern wie „Trauer“, „Tod“, „Liebe“ und „Mutter“ kann er nichts anfangen. Der Tod ist einsam und schließt allen die Augen. Der kleine Teufel wird ganz wehleidig, denn eine Mutter, die dunkle Dinge nicht an ihn heranlässt, und seine Sorgen und Ängste beschwichtigt, hat er nie gehabt. Dann ist er in der Tat ein armer Teufel, stellt man allgemein fest. Das Bruderherz soll doch ganz einfach die Trauer um die fremde tote Mutter mit ihnen teilen. Leider kehrt sie nicht zurück.


    25
    Der kleine Teufel wird von Mitleid geschüttelt. Als gewandter Kletterer macht er einen Satz durchs Fenster und mit dem letzten Tropfen aus der Flasche bespritzt er die tote Mutter. Er hat ein schlechtes Gewissen, denn er weiß, dass ein richtiger Teufel Mitleid nicht zu empfinden hat.


    Plötzlich hören die Kinder die Stimme der Mutter, die nun aus dem Haus tritt. Die Dunkelheit hat sich ihr geöffnet und sie ist froh, wieder wach zu sein. Die Kinder jubeln. Niemals wird sie wieder fortgehen und für immer bei ihnen bleiben.


    Griffelkin hat sich entfernt, schaut aus der Ferne zu und fragt sich, was er empfindet. Es läuft etwas die Nase herunter und er denkt, dass es eine Träne ist. Unter seiner Haut bewegt sich etwas von Kopf bis Fuß. Er fühlt sich teuflisch unwohl, denn er weiß ganz genau, dass er nicht so gehandelt hat, wie es seinem Status entspricht. Er hat angefangen, gut zu sein.


    SZENENWECHSEL: DAS TRIBUNAL


    26
    Wenn die Hölle über eines ihrer unbotmäßigen Mitglieder Gericht hält, findet die Verhandlung auf der Erde statt. Tempo ist geboten, denn nach ungeschriebenem Gesetz ist es Geistern nur zur Mitternacht zwischen zwölf und ein Uhr erlaubt, auf der Erde Gestalt anzunehmen, in Rudeln zu erscheinen und als Tribunal zu agieren. Der Opernbesucher kann sich die Betretenheit Griffelskins vorstellen – schließlich ist er selbst tödlich erschrocken - als die Dunkelheit plötzlich durch einen Blitz erhellt wird und unter viel Getöse die Großmutter mit ihrer Belegschaft erscheint. Der Gefangene möge sich erheben, damit die Verhandlung beginnen kann. Alle Teufel sind gegen ihn aufgebracht und sie fordern, den armen Griffelkin zu richten und furchtbar zu bestrafen. „Ruhe, zum Teufel“, brüllt die Frau Vorsitzende, damit die Anklage ordnungsgemäß verlesen werden kann. Die Amtssprache ist englisch:


    “It is charged that Griffelkin,
    Our youngest devil,
    Did in this first devil trip
    After a day of respectable devilry
    Do at the end of it
    One good deed.”


    Also, der jüngste Teufel wird nach einem respektablen Auftakt verdächtigt, am Ende eine gute Tat begangen zu haben. Gerügt wird ferner, dass der Übeltäter gegen alle Regeln der Vernunft und des Teufelshandwerks eine menschliche Träne geweint habe. „Schrecklich! Eine menschliche Träne! Wirklich schrecklich.“ Als Beweis gilt die Träne auf Griffelkins Backe, die sich nicht wegwischen lässt und wie eine Medaille festklebt. Der Täter wird schuldig befunden und soll zur Strafe in den heißen Kessel geworfen werden. Ein Strafverteidiger ist nicht vorgesehen, aber immerhin hat der Angeklagte das letzte Wort. Er entschuldigt sich, dass er nur ein schwacher Teufel gewesen, sich aber redlich bemüht habe, schlecht zu sein. Allerdings habe er vieles vergessen, was Großmutter ihn gelehrt habe. Der Reumütige bittet um Milde, die aber nicht gewährt wird. Nein, in den Kessel wird man ihn nicht werfen! Großmutter hält eine viel schlimmere Strafe für ihn bereit. Seinen höllischen Anzug muss er abgeben und aller höllischen Attribute beraubt, soll er aus der Unterwelt ausgewiesen werden. In Zukunft wird er als Mensch unter Menschen leben, denn in der Hölle ist für ihn kein Platz mehr. Seine Geschichte soll in der Unterwelt als Warnung und zur Abschreckung für alle anderen kleinen Teufel herumerzählt werden. Noch vor Morgengrauen wird die Abschiebung vollstreckt.


    „Wash him, rub him
    Cut off his tail,
    Scrape him, scrub him,
    Cut off his tail.
    Now look at him
    Our Griffelkin!”


    Die Kirchturmuhr schlägt „eins“ und bereitet dem Höllenspuk ein Ende.



    27
    Griffelkin hat menschliche Gestalt angenommen und ist verzweifelt. Er weiß nicht mehr ein noch aus und beschreibt auf abgedunkelter Bühne sein elend. Er kann nicht Teufel und nicht Engel sein. Was soll er tun? Niemand antwortet ihm.


    „O, dark winds will haunt me.
    O, storm in my ear.
    I can’t be a devil,
    Can’t be an angel.
    What can I do?
    Where can I do?
    I don’t know.
    Nobody answers.
    Sit by myself and
    Cry forever
    Tears like a river.”


    FINALE


    28-29
    “Guten Morgen, Griffelkin! Wo bist Du gewesen?“ Aufgeregt erzählen ihm die Jungen und Mädchen, dass ein Wunder passiert sei. Sie hatten gedacht, die Mutter sei gestorben und plötzlich stand sie äußerst lebendig wieder unter ihnen. Griffelkin wendet sich ab. Die Kinder fragen ihn, wohin er gehen will und laden ihn ein, bei ihnen zu bleiben. Erfreut akzeptiert er, denn er hat keinen Ort, wohin er gehen könnte. Die Hausfrauen und der Polizist erscheinen. Sie sind froh, dass der Teufel fort und die Luft wieder rein ist. Der Wachtmann mustert den Jungen argwöhnisch, denn er ist sich sicher, das Gesicht schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Er hat keine Zeit, Gedanken zu verschwenden, denn er muss noch die beiden Löwen in den Zoo bringen. Die Mutter der Kinder ist freundlich zu ihm, aber sie meint diesen Blick aus den Augen auch schon einmal gesehen zu haben. Jetzt, wo der Teufel seinen Rückweg in die Hölle angetreten hat und die Sonne wieder lacht, ist sie in aufgeräumter Stimmung und einverstanden, dass der verlassene fremde Junge in ihrem Haushalt leben darf. Griffelkin beschließt, für immer zu bleiben.


    Entzückt stimmen die Kinder den Schlusschor an. Das kleine Mädchen, erzählt dem Neuling, dass sie ihn im Traum als Teufelchen gesehen hat. Griffelkin erklärt, dass er aber kein Teufelchen sei, denn ein wohlmeinendes Schicksal hat seine schaurige Vergangenheit aus dem Gedächtnis gelöscht.


    What a strange, round world,
    Full of magic, full of magic,
    Full of number, full of names,
    Full of guesses an games.


    Who am I?
    Who are you?
    Who is anyone?
    Who I everyone?


    One, two, three,
    We are the world.


    © 2010 TAMINO - Engelbert

    .


    Lieber Operus,


    ich danke Dir für Deine freundlichen Worte!


    Vorsätze und Pläne für das neue Jahr wird es viele geben, aber ich unterscheide nicht nach guten und bösen Aktivitäten, weil Reaktionen meistens der Situation angepasst werden müssen, die sich plötzlich auftut. Auf Missgunst treffe ich immer wieder und bin dann genötigt, mich zur Wehr zu setzen, woraus ein schiefes Bild von Person und Charakter entsteht. Die Meinung der Menschen, die sich kritiklos beeinflussen lassen, ist mir egal - ich gehe wie Alfred immer meinen Weg und bin nicht Sklave meiner Prinzipien.


    Ich kenne die Koordinaten, welche die Astrologie mit zuweist, (Venus und Merkur im Sextil und den Pluto im 12. Haus) und in diesem Radius bewege ich mich. Ich weiß wo ich Erfolg haben werde und wo ich scheitern muss.


    Von christlicher Tradition halte ich gar nichts. Meine Wurzeln liegen in der Symbolsprache des Nordens und nicht im Wüstensand.
    Historisch betrachtet wurde der Bevölkerung unserer Breiten das Christentum mit Gewalt aufgezwungen, feiner ausgedrückt: wir wurden missioniert. Auseinandersetzung zwischen Karl dem Großen und Herzog Widukind bilden den Kern. Es wird Zeit Auferzwungenes abzuschütteln und die Werte unserer Vorgahren neu zu definieren und zu kultivieren.


    Einen besinnlichen Jahreswechsel wünschr Dir und Deiner Familie
    Engelbert

    Aus den Lautsprechern erklingt leise Musik, welche die Kundschaft kauflustig stimmen soll. Eine schon etwas betagte Kundin steht am Selbstbedienungsstand, wo die Körbchen mit Erdbeeren aufgestellt sind. Einige Früchte sind schon überreif, und die Frau beginnt zu sortieren. Sie holt ein sauberes Tempotaschentuch aus ihrem Handtäschchen und entfernt aus dem gewählten Körbchen alles, was schon ein bisschen matschig oder mutmaßlich von Schneckenfraß befallen war. Die Lücken werden aus einem anderen Körbchen mit Trockenware nachgefüllt und die neu entstandenen Leerräume mit dem Matsch vom Taschentuch wieder verschlossen.


    Ich stehe hinter einem Pfeiler und beobachte, wie lange die Prozedur wohl anhalten wird, ohne dass von befugter Seite Protest kommt. Auf einmal ist es so weit. Ein Kaufhausmoderator erscheint im weißen Kittel und rügt die alte Dame energisch: „ Gute Frau!“ sagt er. „Sie dürfen sich gern ein anderes Körbchen nehmen, aber Umpacken – das geht bei uns leider nicht!“

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    Jean Baptiste Lully (1632-1687)


    Ballet royal de la nuit
    Königliches Ballett von der Nacht -
    Ballet de cour
    in vier Teilen und 43 Auftritten


    unter Mitwirkung der Komponisten
    Jean de Cambefort 1605-1661
    Jean Baptiste Boësset (1614-1685) und
    Michel Lambert


    Libretto: Isaac de Bensérade


    Uraufführung am 23. Februar 1653 in Paris, Salle du Petit Bourbon,
    in Anwesenheit der Königin und des Kanzlers Mazarin
    Choreographie: Pierre Beauchamp, Jean Baptiste Lully und andere
    Bühnenbilder, Maschinerie: Giacomo Torelli
    Ausführende: Beauchamp – Lully – Lambert - Robichon – Moliére
    sowie Louis XIV. und zahlreiche Mitglieder des Hofes
    Weitere Aufführungen am 25. und 27. Februar sowie am 2. 4. und 16. März 1653




    INHALTSANGABE


    Das Ballett überrascht den Zuschauer mit Begebenheiten, die in einer einzigen Nacht passieren können. Seine Struktur besteht aus vier Abschnitten, die zeitlich exakt gegliedert sind.


    DER ERSTE TEIL
    umfasst die Zeit von 18.00 bis 21.00 Uhr und besteht aus 14 Szenen.


    1
    Offenbar ist Winterzeit, denn die erste Szene beginnt bereits um 18.00 Uhr mit dem Auftritt der Nacht. Diese ist personifiziert, schon sehr alt und sitzt in einem Karren, der von Eulen gezogen wird.


    2
    Proteus ist ein Angestellter des Meeresgottes Poseidon, gewissermaßen eine Art Schäfer, die auch die Position des Hausmeisters einschließt. Tagsüber hütet er die Robbenherden und sobald die Dunkelheit hereinbricht muss er die Meeresungeheuer hereinbringen und in ihren Käfig sperren. Keine leichte Aufgabe! Die Reptile sollen angemessenen Schlaf bekommen und gehören pünktlich ins Bett.


    3
    Nachdem die Monster entfernt sind kommen fünf Néréiden, um Weisung für den nächsten Tag entgegen zu nehmen. Im Moment wäre damit dem mythologischen Teil des Balletts Genüge getan.


    4-5
    Fünf müde Jäger haben einen Hirsch erlegt. Schäfer kommen flötespielend von den Weiden.


    6
    Zwei Banditen überfallen einen Kaufmann, der sich auf dem Heimweg befindet


    7-10
    Einige Boutiquen haben auch abends geöffnet. Zwei Kavalieren in Begleitung von zwei leichten Mädchen kaufen bunte Bänder und Konfitüre. Sogar Menschen aus Ägypten besuchen den kleinen nächtlichen Marktplatz. Messerschleifer bieten ihre Dienste an. Gegen 21.00 Uhr ist Ladenschluss und die Stände werden geschlossen


    11
    Die Gaslaternen werden angezündet


    12-13
    Zwei Filous greifen zwei brave ältere Bürger an. Die Polizei sorgt für Ordnung.


    14
    Im Hof der Wunder wird dem Ortsvorsteher ein Ständchen gebracht. Die Einlage ist ein wenig grotesk, damit die Leute im Theater auch lachen können.



    DER ZWEITE TEIL:
    Die Zeit von 21.00 bis Mitternacht und umfasst sechs Szenen


    15-16
    Eine Allegorie der Traurigkeit und des Alters tanzen ihre Variation und beklagen das Chaos der Nacht. Von Venus werden die beiden unansehnlichen Damen verscheucht, denn sie benötigt den Platz für eine eigene Darbietung


    17-18
    Pagen preparieren die Szenerie. Bekannten Figuren aus der gängigen Romanliteratur wie Bradamante, Medor und Angelique tagen ihre Liebeshändel aus. Richard und Fleur d’Epigne
    lassen nicht lange auf sich warten.


    19-20
    Die turbulente Hochzeit der Thetis war schon immer ein beliebtes Thema. Das Verwechslungsspiel
    von Zeus mit Amphitryon, um Alkmene zu täuschen, erheitert.



    DER DRITTE TEIL
    umfasst die Zeit von Mitternacht bis 3 Uhr und besteht aus dreizehn Auftritten


    21-22
    Der Mond, begleitet von den Sternen, bewundert die Schönheit Endymions. Er steigt vom Himmel hernieder und verliebt sich in ihn.
    Abweichend vom Libretto bezeichnet die griechische Mythologie den Endymion präzise als Liebling der Mondgöttin Selene, die den schönen Jüngling in einer Höhle versteckt hält, ihn jede Nacht aus seinem Schönheitsschlaf weckt und ihm fünfzig Kinder schenkt.


    23-26
    Ptolemäus und Zarathustra beobachten den Himmel und sind erstaunt, den Mond dort nicht mehr zu sehen. Vier Heiden sorgen sich und konsultieren die beiden Astrologen. Sechs Priester der Göttin Cebele haben den Himmelskörper an der Seite Endymions ausgemacht. Sie ersuchen den Verliebten, den Jüngling zu verlassen und seinen alten Platz wieder einzunehmen. Es treffen noch weitere Berater ein.


    27-28
    Ein neues Kapitel beginnt mit einem Riesen, der auf einen Ziegenbock klettert und acht kleinen Dämonen befiehlt, den Zauberer des „Sabat“ herbeizubringen. Vier kleinwüchsige Monster kriechen aus einem Schneckenhäuschen, halten es an der frischen Luft aber nicht lange aus und verschwinden sogleich wieder.


    29-31
    Eine Magierin und vier alte Hexenmeister betreten die Szene. Sechs Werwölfe kommen noch hinzu.
    Drei Neugierige – gespielt vom König, von Moliére und von Beauchamp – wollen sehen, was es gibt. Sie haben wenig Glück, denn die Anwesenden verschwinden unverzüglich, weil sie sich beobachtet fühlen. Das Thema ist erschöpft und wird gewechselt.


    32
    Ein Haus brennt. Man läutet die Sturmglocke. Männer und Frauen werfen Einrichtungsgegenstände aus dem Fenster. Mütter bringen ihre Kinder in Sicherheit.


    33
    Zwei Einbrecher wollen von der Dunkelheit der Nacht profitieren, werden aber festgenommen und abgeführt.


    DER VIERTE TEIL
    umfasst den Rest der Nacht bis morgens sechs Uhr


    34
    Die Dämonen des Feuers, der Luft, des Wassers und der Erde repräsentieren die vier Temperamente des Menschen: den Choleriker, den Sanguiniker, den Phlegmatiker und den Melancholiker


    35-36
    Der Traum des Cholerikers wird über die Furien vorgeführt (dargestellt durch den König und durch Moliére). Als Gleichnis wird der gleiche Traum auch als Abenteuer zwischen Christen und Türken, die sich bekämpfen, gebracht.


    37
    Die heftige Leidenschaft des Ixion zur Göttin Juno, an die er sich im Weinrausch heranmacht, wird durch Zeus vereitelt, indem er einer Wolke die Gestalt seiner Gemahlin gibt, mit der Ixion sich amüsieren kann. Die Neigung zu Exzessen soll angeblich den Sanguiniker kennzeichnen.


    38-40
    Während der Phlegmatiker durch das ominöse Geschick zweier Schatten beurteilt wird, obliegt es einem Poeten und einem Philosophen den verträumten Melancholiker zu symbolisieren.
    Damit ist das oft strapazierte Thema von der Vier-Säfte-Lehre abgehandelt


    41-42
    Drei falsche Falschmünzer verschwinden in einer Höhle und sechs Schmiede schlagen auf einen Amboss.


    43
    Im letzten Bild hat der Sonnenkönig seinen großen Auftritt. Aurora kommt mit ihrem Wagen, umgeben von den 12 Stunden des Tages, begleitet von der Dämmerung, die eine Urne mit Morgentau bringt. Die Sonne zerstreut die Wolken und verspricht einen schönen Tag. Es kommen noch Genien hinzu und alle Darsteller formatieren sich zum, großen Finale.


    Anmerkung:


    Das „Königliche Ballett von der Nacht“ ist eine Gemeinschaftsarbeit eines Teams von Darstellern. Technikern und diverser Komponisten und stellt einen früheren Höhepunkt der französischen Ballettgeschichte dar. Ludwig XIV. sammelte frühe Lorbeeren als Tänzer und war als Darsteller der Sonne unvergleichlich. Noch fehlte es an professionellen Tänzern und den Höflingen fiel die Aufgabe zu, am Spektakel mitzuwirken – ein Vergnügen, dem sie sich mit Begeisterung unterzogen. Die Ballettkunst entwickelte sich jedoch weiter und Amateure konnten später die geforderten Leistungen nicht mehr erbringen.


    In heutiger Zeit erstaunt es, mit welcher Unbefangenheit die Libretti entworfen wurden. Die Begeisterung überwog das Können und ein schlüssiges Konzept war offenbar unwichtig. Im Handlungsablauf ging es von Hölzchen auf Stöckchen. Die prächtigen Dekorationen vernebelten kritisches Bewerten.


    © 2010 TAMINO - Engelbert

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    Sylvano Bussotti (geb. 1931)


    Bergkristall


    Ballett in einem Akt und sieben Szenen für großes Orchester
    Libretto nach der Erzählung von Adalbert Stifter


    Entstehungszeit von November 1971 bis März 1973; Begonnen in Berlin, beendet in Rom
    Kompositionsauftrag des Norddeutschen Rundfunks


    Die Szenen:


    1. Heiliger Abend in den Bergen – Die Kinder empfangen Geschenke
    2. Der Weihnachtsbaum im Hause der Großeltern
    3. Der Unglücksfall des Bäckerjungen
    4. Abirren vom Weg - der Schneesturm
    5. Im ewigen Eis
    6. Bergkristall
    7. Die Arme der Mutter – Morgenröte




    HANDLUNG


    Die Menschen des Hochgebirges feiern das Weihnachtsfest. Man besucht sich, begegnet einander unterwegs, plaudert über alles mögliche und hat Geschenke dabei.


    Die Kinder des Schusters wollen ihre Großeltern besuchen. Der Vater kommt mit, und zusammen steigen sie ins Tal. Die Großmutter empfängt sie mit offenen Armen. Es herrscht munteres Leben und Oma hat viele Geschenke bereitgestellt, die Konrad alle in seinem Rucksack verstaut. Der Weihnachtsbaum ist schön geschmückt, aber die Kinder sollen sich bald wieder auf den Weg machen, die Nacht wird schnell hereinbrechen. Großmutter, ein wenig wetterkundig, hat am Himmel einen düsteren Schatten gesehen.


    Gefahren lauern überall im Hochgebirge. Ein armer Bäckerjunge, der das Brot von einem Dorf ins andere tragen sollte, verunglückte und wurde tot aufgefunden. Man hat an der Stelle ein kleines Kreuz mit einem roten Licht aufgestellt. Konrad kann den verzweifelten Kampf des Bäckerjungen gegen die eisige Kälte innerlich nachempfinden.


    Er hat keine Angst und die Kinder machen sich auf den Heimweg. Es hat bereits zu schneien begonnen, und der Wald längs des Weges scheint kein Ende nehmen zu wollen. Dann schließt er sie plötzlich von allen Seiten ein. Alle Trittspuren sind verschwunden. Konrad geht voraus, damit das Schwesterchen in seine Fußstapfen treten kann. Der Schneesturm wird immer dichter und die Kinder verlieren den Weg. Die Nacht ist hereingebrochen und es wird unerträglich kalt Konrad Zieht seine Jacke aus und legt sie Sanna um die Schulter.


    Die Kinder haben die Richtung völlig verloren. Das Mädchen kann nicht mehr weitergehen und kauert sich in einen Winkel an den Fels. Versehentlich sind sie ins ewige Eis hinaufgestiegen, auf einen unwegsamen Gipfel, wo vielleicht noch niemand gewesen ist. Hier oben ist man dem Himmel so nahe, dass man ihn fast mit den Händen greifen kann. Konrad muss immerzu an den unglücklichen Bäckerjungen denken.


    Das unermessliche Eis baut sich auf, wie ein phantastisches Schloss aus Kristall. Schneegeister führen einen Zug von Kometen an. Der sternenübersäte Himmel entfaltet sich wie ein großer Mantel aus Samt, aus dem der Bergkristallgeist hervortritt. Konrad hat Sanna überredet, aus der Kaffeeflasche, die eigentlich für die Mutter bestimmt ist, einen Schluck zu nehmen, weil beide unbedingt wach bleiben müssen, um nicht zu erfrieren. Von dem Wunder der Natur eingefangen, beginnt der Junge mit den Geistern des Himmels und der Nacht zu tanzen und erinnert sich dabei an eine Erzählung der Großmutter.


    Die Faszination des Universums hat die Kinder wach gehalten, so dass sie die Nacht unbeschadet überstanden haben. Die Bergbauern haben die Kinder gesucht und in der Morgenfrühe gefunden, beide eng umschlungen. In dicke Pelzdecken werden sie gepackt und auf einem Schlitten ins Tal geführt. Die Mutter drückt ihren Konrad an sich. In einem riesigen Feuerball geht die Sonne auf. Der Schein legt sich auf den unendlichen Schneeteppich und bringt ihn zum Erglühen.


    © 2010 TAMINO - Engelbert

    @ Wolfram


    Hinter dieser Aufnahme bin ich hinterher wie der Teufel hinter der Seele. Die Hamburger Antiquariate kämme ich regelmäßig durch
    und habe da schon oft Erfolg gehabt.


    Bei der Übernahme von einem Label ginge das Original-Cover allerdings verloren, weil von Philips nichts mehr kommt. Die Chance, dass Angehörige im Sterbefall Sammlungen auflösen und die Wunsch-CD dabei ist und im Antiquariat landet, ist realistisch. Damit sie aus dem Gedächtnis nicht verschwinden, speichere ich alle Wunsch-CD Covers in einer Excel-Datei und schaue auch regelmäßig bei Amazon. Monsterpreise zahle ich allerdings nur bis 60 Euro und nicht 260 Euro.


    :angel:
    Engelbert