Beiträge von BigBerlinBear

    Prokofiews Sinfonie Nr. 1, die sogenannte "Klassische" halte ich eher für eine Vorstudie zum eigentlichen Werk, das dann insgesamt vielschichtiger und auch interessanter ist. Die Beliebtheit der Komposition auch bei einem Publikum, das mit Klassik sonst eher nichts am Hut hat, macht mich misstrauisch, denn ich halte den Massengeschmack nicht für einen Gradmesser, den souveränen Umgang mit Klassik zu lernen, was ja wohl jeder muss, der vom Elternhaus diesbezüglich nicht "vorbelastet" ist. Möglicherweise ist aber das Werk geeignet (zusammen etwa mit "Peter und der Wolf"), Kindern als Einstieg in eine Klangwelt ausserhalb von Rock und Pop zu dienen. Prokowjefs "Klassische" ist ein artiger Kratzfuß vor Meister Haydn: mehr nicht!



    Die Aufnahme unter Rostropowitsch bemüht sich, das alles nicht ZU harmlos klingen zu lassen: deshalb meine Empfehlung.

    Zitat

    Uwe schrieb:Gibts noch was empfehlenswertes?


    Aber gewiss: da wären erst einmal die Lieder mit Gisela May, ein sogenannter "Eisler-Klassiker":



    auch die Fiimmusik-CD hier schätze ich sehr:






    aber unabhängig von alledem solltest du unbedingt mal in die Eisler Material CD hineinhören !

    Hallo Uwe,


    stimmt, Maria Kliegels Aufnahme könnte Referenzcharakter haben, wenn da nicht das Orchester wäre, das die Leistung der Solistin nicht einmal ansatzweise in der Lage ist, zu stützen; aber ohne das Orchester gehts nun mal leider nicht.

    Die Hanns-Eisler-Interpretationen des Komponisten Heiner Goebbels sind ein überzeugendes Plädoyer für einen der großen, immer noch unterschätzen Komponisten des 20.Jahrhunderts. Das, was Goebbels hier "Eisler-Material" nennt, macht betroffen und begeisterte mich.
    Grund Genug, mich wieder einmal intensiver mit seinen anderen Kompositionen zu beschäftigen und meine Empfehlung für all jene, die ansonsten "Berührungsangst" bei Musik der Klassischen Moderne haben: auf diesem (umgekehrtem) Weg könnte sich für den Einen oder Andern
    der bislang nicht geglücke Zugang zu Schönberg, Berg und Webern
    öffnen :beatnik:




    :

    Marc Antoine Charpentier


    Messe a 4 Choeurs H. 4
    +Salve Regina;Salut de la veille es 'O';
    La Reniement de St. Pierre
    Ex Cathedra Choir & Orchestra, Skidmore


    Wundervolle Werke in großartiger Interpretation und allerbestens geeignet, den Komponisten einmal unabhängig von der allgegenwärtigen "Eurovisionsfanfare" des Te Deum zu hören. Auch die Aufnahmetechnik
    lässt keinen Wunsch offen :D



    Dem einen gilt es als das letzte, große Vitruosenkonzert des 19. Jahrhunderts, obwohl es erst 1918 abgeschlossen wurde, dem andern ist es ein verstaubter Schmachtfetzen aus der spät-victorianischen Rumpelkammer: fest steht jedenfalls, daß es sich seinen Platz in den Konzerten erobert hat. Die Herangehensweise an das Werk durch die Solisten sind so verschieden wie nur irgend möglich: Da gint es auf der einen Seite die introvertierte, retrospektive aber trotzdem leidenschaftliche Interpretation Jaqueline Du Prés; im krassen Gegensatz zu ihr die rhythmusbetonte Einspielung durch Heinrich Schiff, die sich an Elgars Metronomangaben hält und auf ihre Weise ebenfalls mitreissend ist. Welche Erfahrungen habt ihr mit diesem Werk ? Welche ist eure Lieblingsaufnahme ?




    hallo Alfred! eigentlich gehört diese Aufnahme in den Thread "Die großen Aufnahmen des 20.Jahrhunderts", aber die alleine reicht aus, um Walters "überleben" auch bei künftigen Generationen zu sichern !




    Ich glaube mich zu erinnern, daß du mal auf nach einer guten 9. von Mahler auf der Suche warst.
    Eine der Aufnahmen, die dem komplexen Werk besonders gerecht werden, findest du hier. Die kan immer noch mühelos neben sehr vielem "Neuen" bestehen.



    Seine Mozart-Interpretaionen liegen mir weniger, aber das liegt nicht nur an Walter.

    Jens Malte Fischer: Gustav Mahler- Der Fremde Vetraute. Biografie


    Rezensionen - Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.11.2003


    Als "überaus kluges, souveränes, wundervoll liebevolles Buch", durch welches die Mahler-Literatur reicher geworden sei, feiert Rezensent Hans Wollschläger diese Biografie. Als "faktenbiografische Arbeit" sieht er sie sogar Adornos Mahlermonografie von 1960 an die Seite treten. Autor Jens Malte Fischer habe das "inzwischen riesige Material" sorgfältig studiert und kompiliert, "ja, in glänzender Weise eingeschmolzen". Und zwar nicht zu einem "Urkundenkatalog" sondern zu einem wirklichen Text. Wollschläger rühmt nicht nur Fischers "Verfügung über das Material" sondern auch dessen geschmeidigen, intensiv beredten, dabei ganz und gar lesbaren Stil. Besonders die Fähigkeit "zu fein gebosselten Charakterschilderungen" bezeichnet Wollschläger als "glänzendes Handwerk. Auch am "Phrasengarten der Musikwissenschaft" sieht er den Biografen sicher vorübergehen. Leise Kritik äußert der Rezensent nur an Fischers Neigung, "bei Gelegenheit sogar das Schicksal selbst zu zensieren". Gleichzeitig hat ihm das Kapitel über Mahlers Sterben und Tod aber auch gezeigt, "zu welcher ideal verfassten Distanz dieser Biograf fähig ist".


    Dieses Werk macht die Arbeiten, die sich vor allem mit der Musik Mahlers (Blaukopf,La Grange) nicht überflüssig, aber selten war ich von der Lektüre einer Biografie so gefesselt, wie in diesem Falle.
    Den Preis von 45,00 ? ist das Buch allemal wert !!





    Im Reisegepäck hatte er immer wenigstens 2 Dispositionen (eine teure und eine preiswertere), einen Packen in Auftrag gegebener Lobgedichte auf sich selbst und seine Arbeit und den Willen, den Auftrag, koste es, was es wolle, zu bekommen. Also machte sich Gottfried Silbermann (1683-1753), dessen 300. Geburtstag im vergangenen Jahr ausführlich befeiert wurde, in Sachen Orgelbau als Reisender durch sächsische Lande auf den Weg.
    Wohlgemerkt: es gab bedeutendere Orgelbauer auch unter seinen Zeitgenossen. G.H. Trost sei hier stellvertretend für alle anderen genannt, aber es gab keinen, der es besser verstanden hat, sich selbst und seine Arbeit in ein verkaufsförderndes Licht zu rücken. Mit diesem Geschäftsgebaren hätte er auch gut in unsere Zeit gepasst. Nur einer flößte ihm Angst ein: deren landauf landab gefürchtete Orgelprüfer Johann Sebastian Bach.
    Jedoch jenen verstand Silbermann, mit Geschick und anderen Mitteln von der Abnahme seiner Orgeln fernzuhalten. Bach, dem vor allem daran gelegen war, auf der Orgel in allen verfügbaren Tonarten spielen zu können,
    missbilligte die die sogenannte Silbermannsche Stimmung, die dem Spieler nur begrenzte Möglichkeiten bei der Auswahl der spielbaren Tonarten lassen. Wer bis hierhin glauben sollte, dass ich mich daran begebe, eine "Legende" zu demontieren irrt sich !
    Silbermanns Verdienst besteht in erster Linie darin, die bis zu seinem Auftauchen eher als beiläufig und stiefmütterlich
    behandelte Kirchenorgel zu einer KÖNIGIN gemacht zu haben. Durch einige "Extras" und vor allem dank grundsolider Verarbeitung wurden diese Instrumente gewaltig aufgewertet und damit kostbar. Wenn man heute von Freiberg in Richtung des mittleren Erzgebirges fährt, gibt es kaum ein Dorf am Wege, in dem Silbermann nicht seine Spuren hinterlassen hätte. Davon gibt die Einspielung des Labels "Querstand"
    eine Vorstellung, wo, auf 8 CDs verteilt, sämtliche erhaltenen Orgeln Silbermanns vorgestellt werden;
    ein klingendes Wunder und ein Sieg über die Vergänglichkeit.



    Uwe schrieb:


    [Zitat]ich hätte da noch zwei bis drei Tips:
    Dietrich Buxtehude:[/Zitat]


    Hallo Uwe: Harald Vogels Aufnahme der Buxtehude-Werke empfiehlt sich vor allem wegen der
    verwendeten Instrumente (Grotrian-Orgel, "kleine" Stellwagen-Orgel in Lübeck usw. Harald Vogels Spiel jedoch ist mit oft zu akademisch trocken.
    Meine persönliche Empfehlung für die Darstellug dieser Werke ist die Einspielung mit Helga Schauerte, die unter anderen auch die Donat-Orgel in Luckau (1674) spielt und deren Interpretation von großer Farbigkeit und einer sehr glücklichen Hand für die Registrierung geprägt ist.



    Alfred schrieb:


    [Zitat]Hingegen ist mir klar, daß Tschaikowskys Sinfonien
    in jeder Sammlung vertreten sein sollen.[/Zitat]


    Hm also nur um der Vollständigkeit halber die Tschaikowski-Sinfonien kaufen ? Dazu ist mir mein Geld zu schad ! Ich habe im "klassischen" Sinn auch keine Sammlung, aber dafür z.b. 4 Gesamteinspielungen der Mahler-Sinfonien und unabhängig davon 6 Einspielungen der 3. von Mahler.
    Also in sofern bin ich schon "Konsument" und ich lasse aussen vor, was mir als unverdauliche Kost bekannt ist. Alternativ habe ich jedoch 3 Aufnahmen der 5.Tschaikowskis, ein Werk was mich persönlich berührt und das ich sowohl von den Ideen UND von der Instrumentierung als meisterhaft umgesetzt betrachte.

    cliowa schrieb:


    [Zitat]Aber jetzt mal im Ernst: Wieso denn nicht?[/Zitat]


    Muss jeder alles mögen ? ich kenne viele Leute, die z.b.selbst unter Gewaltandrohung keine Wagner-Aufführung besuchen würden und andere gibt es, denen man mit einem Billet für die "Matthäus-Passion" mehr zumutet, als sie bereit sind, ertragen zu wollen. Ich persönlich mag einfach keine Musik, die sich in nicht endenwollenen Selbstbespiegelungen ergeht. Die sechste von Tschaikowski in der Interpretation durch Bernstein ist so ziemlich das furchtbarste, was ich mir in dieser Hinsicht vorstellen kann.Natürlich gönne ich jedem von Herzen, sich an deratigem zu ergötzen,doch für mich wäre dergleichen das Purgatorio....

    Uwe schrieb:


    [Zitat]zu meiner Schande muß ich gestehen, dass ich die Abbado-Aufnahme bisher noch gar nicht kannte,[/Zitat]


    Vollständig habe ich nur das "Est incarnatus est" mit Arleen Auger gehört, die ich sehr schätze...
    Allerdings konnte sie, und derzeit wohl niemand, nicht mit dem "himmlischen" Timbre einer Syliva McNair konkurrieren. Möglicherweise bewahrheitet sich hier, daß das Gute der Feind des Ausserordentlichen ist.

    Uwe schrieb:


    [Zitat]Leider kenne ich die Aufnahme Gardiners nicht. Scheint wohl eine echte Lücke in meinem Regal zu sein.[/Zitat]


    Hallo Uwe, an der Gardiner-Einspielung kommt man aus zweierlei Gründen nicht vorbei: zum einen wegen der Ergänzungen, die Gardiner selber mit gebotener Erfurcht vorgenommen hat, zum andern wegen Sylvia McNair, die man einfach gehört haben muss...
    Ich kenne aber jemand, der auf die Abbado-Aufnahme schwört, die ich nicht besitze. Die Harnoncourt-Einspielung ist gediegen, aber nicht bewegend; die Aufzeichung unter Fricsay dagegen ist
    ausserdordentlich, wie fast alles, was uns dieser Dirigent hinterließ. Leider kann die akustische
    Seite der Einspielung nicht mit der künstlerischen mithalten, was schade ist, denn auch damals vermochte Tontechnik bedeutend mehr, als hier geboten wird.


    Nachdem Mozart im jahr 1781 aus dem Dienst des salzburger Erzbishcofs ausgeschieden war, schuf er, abgesehen von "Ave verum corpus" (1791) kein vollständiges liturgisches Werk mehr.
    Mozart hatte von jeher die Absicht, geistliche Werke im sogenannetn "strengen" Kirchenstil zu schaffen, doch der persönliche Geschmack seines Salzburger Dienstherren stand diesem Wunsch entgegen...
    Wenige Tage vor seinem Tode erreichte Mozart die Nachricht, daß er zum Kapellmeister an St. Stephan in Wien ernannt worden sei. Sein bitterer Kommentar dazu war :"Jetzt,nach dem ich eine Position übertragen bekommen habe, in der ich nach Belieben schreiben könnte und fühle, daß ich imstande wäre, Großes zu vollbringen, jetzt muss ich sterben...
    Diese Messe ist, neben dem Requiem, die bedeutendste Kirchenkomposition des Meisters und zählt, trotz ihrer
    Unvollendung, zu seinen vollkommensten Schöpfungen. Mozart hatte die Absicht, das Werk in Salzburg 1783 fertig zu stellen und aufzuführen. Ausserdem wollte er bei dieser Gelegenheit seine Frau Constanze Weber, die er im Jahr vorher geheiratet hatte,
    seinem Vater Leopold, der gegen diese Verbindung war, vorstellen. Beides mislang: Leopold Mozart schnitt die Frau seines Sohnes weiter und Mozart sah sich wahrscheinloch aufgrund der dadurch entstandenen Spannungen nicht mehr in der Lage, die Komposition zu vollenden. In welcher Form dann das Werk am 25. 08. 1783 in der Salzburger Peterskirche erklang ist nicht mehr rekonstruierbar,aber das Constanze eine hervorragende Sängerin gewesen sein muss, steht anhand der exorbitanten Schwierigkeiten der Sopran-Partien ausser Frage. Stilistisch ist die Messe ein Werk voller Kontraste:
    Das ausführliche Studium der Werke Bachs und Händels ist allgegenwärtig; im doppelchörigen "Qui tollis" wird das berühmte
    "Crucifixus" des Venezianers Antonio Lotti zitiert, das kein Geringerer als Bach für würdig befand, es von eigener Hand abzuschreiben... An anderen Stellen werden Hasse und die Meister der Neapolitanischen Schule (Hasse,Pergolesi, Leo) angerufen, aber aufgrund seiner starken Kontraste und einem aus´drucksvollem Helldunkel in der Gesamtanlage, ist das Werk reifster, unverwechselbarer Mozart.
    Wahrscheinlich hat John Eliot Gardiner mit seiner Einspielung aus dem Jahr 1986 auf Jahre hinaus die Rezeption dieser Komposition maßstäblich geprägt, wobei auch dem hinreissenden Sopran Sylvia McNairs ein Großteil der Wirkung anzurechnen ist. Hier haben wir eines der wirklich großen Werke der Musikliteratur in einer wahrhaft vollendeten Einspielung,
    eine CD für die ominöse "einsame Insel, eine Aufnahme, die ich seit fast 20 jahren wieder und immer wieder höre.



    Hallo Alfred, mit den "weltlichen" Bach-Kantaten tu ich mich, ehrlich gesagt, schwer ! Wären sie nicht auf uns gekommen, ich würde den Verlust, gelinde gesagt, gering achten. Es gibt aus Bachs Zeit und auch aus seinem unmittelbarem Umfeld in Dresden weitaus interessantere weltliche Werke (z. b. von Hasse oder Fasch) Sowohl Bauern wie auch Kaffeekantate, ebenso wie die Huldigungsmusiken an diverse Augste oder Leopolds gäb ich gerne dafür her
    für ein weiters Werk etwa in Art des "Musikalischen Opfers" oder der "Johannes-Passion" ! Einzige Ausnahme in diesem Werkkomplex bildet lediglich die eher schon geistliche "Trauer-Ode" nach einem Text Gottscheds auf die "Betsäule Sachsens", die von den Landeskindern und wohl auch Bach verehrte Kurfürstin
    Christine Eberhardine aus dem Jahr 1727: die Kurfürstin hatte es abgelehnt, um einer Krone willen, katholisch zu werden.Diesem traurigen Anlas ist eines der schönsten und unbekanntesten Werke Bachs gewidmet, dessen exemplarische Einspielung ich hiermit sehr gerbne einem hoffentlich geneigtem Publikum vorstelle:


    Hendrik schrieb


    [Zitat]Ich denke da z.B. an Karl Richter, dessen Bachspiel ich i.A. sehr mag und meistens auch "aktuelleren" oder "historisierenden" Interpreten vorziehe.[/Zitat]


    Hallo Hendrick, das Cemablospiel Richters (historische Aufführungspraxis hin oder her) ist mir persönlich einfach zu fett. Es kommt mir vor, wie Kammermusik von einem Wagner-Orchester gespielt.
    Wenn es schon was "altes" für Cemabalo sein soll, versuch es doch einmal mit Kirkpatrick:



    etwas jüngeren Datums (und ausserdem sehr preisgünstig ist die Aufnahme der Goldberg-Variationen mit Kenneth Gilbert von 1986:



    mein ganz persönlicher Favorit in Sachen Bach/Cembalo ist jedoch Trevor Pinnock, wobei es allerdings gut sein kann, daß dir dessen Spiel "zu trocken" erscheinen könnte:


    Ich hatte Gelegenheit, Horowitz 1986 in Berlin zu hören und diese eine gute Stunde Klavierspiel werde ich niemals vergessen. Der ganz persönliche Charme des Künstlers ließ vergessen, daß er mehr als einmal "neben" die Tasten griff. Ich nahm das hin, wie ich auf Glen Goulds Einspielungen den "Gesang" hinnehmen muss, der nun einmal zum Ganzen dazugehört.
    Jewgeni Kissin sagte einmal, daß es völlig gleichgültig sei, wie oft Horowitz sich verspiele, denn seine ausgeprägte Personalität und die reiche Facette an Klangfarben für das Klavier, über die er in dieser Weise nur ganz allein verfügte, machten ihn und sein Spiel über jeden Zweifel erhaben. Diesen Satz kannn ich gerne unterschreiben. Ein Blender ist für mich jemand, der mehr versucht zu scheinen, als er wirklich ist. Das kann man von Horowitz wirklich nicht behaupten! Von seinen Aufnahmen schätze ich besonders die Scarlatti-Sonaten aus den 60gern und die Aufnahmen der 80ger DGG/Sony, die sich weitgehend mit dem Programm deckten, das ich damals hörte.
    Wenig später erlebte ich übrigens zum ersten Mal Alfred Bredel live in Concert. Himmel, was ein Unterschied. Der heitere, quirlige Horowitz, dem man anmerken konnte, daß ihm das Musikmachen unbändig Freude bereitete und dann der mit Blicken das Publikum abstrafende Brendel, der sich wie ein verwundeter Amfortas an den Steinway schleppte, (mit pflasterverklebten Fingerkuppen!) und bei jedem Griff in die Tasten ein Gesicht machte, als würde er während des Spieles sterben wollen... Brendel ist sicher ein großartiger Künstler, sein Schubert ist anbetungswürdig, aber ZUSEHEN kann man da nicht, zumindest würde ich es keinem empfehlen....

    Alfred schrieb spöttelnd:
    [Zitat]Klassik muß "spannend" , "spritzig", "impulsiv" sein. Man ignoriert die Tatsache, daß "Schönklang"
    (wie auch immer man das definieren mag) auch ein Aspekte der "Klassischen Musik" ist oder war.


    Brahms war übrigens nicht der "legitime" Nachfolger
    Beethovens. So es denn einen gibt, dann war das Ferdinand Ries[/Zitat]


    Hallo Alfred: dann hätte ich doch gerne mal deine persönliche "Definition von Schönklang" ! Zählt dann z.b. der berühmte "Tristan-Akkord" für dich nicht mehr dazu ? Ich empfinde z.b. das Bergsche Violinkonzert als geradezu berückend "schön" !
    Der Satz über Brahms mit der legitimen Nachfolge Beethovens stammt übrigens nicht von mir, sondern von einem anderen Wiener, dem gute alten Eduard Hanslick. Ferdinand Ries ist der Nachfolger Beethovens gewiss in der zeitlichen Abfolge; als Komponist jedoch, daran ändern auch die Neuseinspielungen seiner Sinfonien nichts, bleibt er im Vergleich zu Beethoven ein Stern zweiter Größenordnung ! Berlioz, Schubert und selbst in Maßen Mendelssohn greifen Beethovens Ansatz einer
    Neudefinierung und dialektischen Durchdringung des musikalischen Materials
    inspirierter auf. Lediglich Brahms besteht in sofern, daß er hinter den von Beethoven gesetzten Maßstäben nicht zurückbleibt. Dem ist u.a. zu "danken", daß wir von ihm leider nur 4 Sinfonien haben !. Für Bruckner wiederum war dieser Weg nicht mehr gangbar und er wurde der erste, der die Türen in eine bis dahin wirklich "ungehörte" Zukunft aufstiess. Gedankt hat man es ihm zu Lebzeiten nicht
    und noch in meiner Jugend hatte eine Bruckner-Aufführung durchaus etwas Exotisches.

    Alfred schrieb:


    [zitat]Weil Brahms eher ein "Konservativer" Komponist ist.[/Zitat]


    Hallo Alfred: dazu NEIN NEIN und NEIN 8o


    hast du einmal aus Brahms op.122 (Orgelchoräle)
    "O Welt, ich muss dich lassen" (die 2te) gehört ?
    Schreibt so ein konservativer Komponist ?
    Seine Beliebtheit bei einem großen Teil des Publikums beruht wohl eher auf dem oft (unter anderen durch Eduard Hanslick) kolportiertem Missverständnis, Brahms sei der "legitime" Nachfolger Beethovens. Ich denke aber, daß er seine
    Wurzeln ganz woanders hat, bei Palestrina und Heinrich Schütz. Was er allerdings meisterhaft beherrschte, war die norddeutsche Understatetment-Tugend des "Weniger ist oft mehr".
    Genau das ist es , was bei ihm selbst komplizierteste musikalische Verläufe für (fast) jedermann nachvollziehbar macht. Dafür liebt ihn das Publikum. Ein Kritiker bemerkte nach dem Anhören der 1. Sinfonie ein wenig pikiert, daß nach satztechnisch äusserst vertracktem Bau alles dahin kulminiere, daß am Schluss des Werkes das Lied "Alle meine Entchen" stehe, und jeder frohgemut mitträllern könne. Also der Mann verstand was von seinem Beruf ! 8)

    Reinhard schrieb:


    [Zitat]Von der 5. habe ich leider nur den 4. Satz auf einem Sampler (mit Rostropowitsch), das wird meine nächste Anschaffung. Welche Aufnahme empfehlt Ihr?[/Zitat]


    Hallo Reinhard: eine ähnliche Haltung zu Schostakowitsch stellte ich bei vielen Freunden aus der ehemaligen DDR fest, was wohl vor allem daran lag, daß der Komponist da wohl zur "Gallionsfigur des sozialistischen Realismus (lol)" erhoben wurde.
    Von der 5. gibt es viele gute und aus unterschiedlichen Gründen referenzverdächtige Aufnahmen. Meine Empfehlung der Einspielung unter Rostropowitsch, der mit dem Komponisten befreundet war, beruht vor allem auf der Gestaltung des Finalsatzes, der hier so garnichts von verordneter sozlialistischer Lebensfreude hat. Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken...


    Uwe schrieb:


    [Zitat]..und natürlich erwarte ich auch keinen Melodiereigen herkömmlicher Sinfonik im Mozart'schen o.Ä. Sinne, das war sicher von mir schlecht formuliert, aber ich möchte, um mich einem Stück zu nähern, wenigstens etwas herausgreifen, spüren, etwas, das hängenbleibt.[/Zitat]


    Dann versuchs doch einmal mit Sinfonie Nr. 5 unter Rostropowitsch als Dirigenten: der langsame Satz
    hinreissend und von großem Wiedererkennungswert auch für jemanden, der mit der Tonsprache von DSch nicht so vertraut ist:



    voll berstend-bohrender Intensitaet ist die 8. unter Mrawinski, der mit Recht zu den großen Schostakowitsch-Interpreten zaehlt.



    jede Menge wierderkennbarer Melodien zum "mitsummen" findest du im Klavioerkonzert Nr.2



    ich sehe die 14. Sinfonie als den eigentlichen Gipfel im Schaffen von DSch an: selten wurde eindrucksvoller als hier die Macht des Todes und die Unmöglichkeit, im Angesicht dessen Hoffnung zu empfinden, in Musik verwandelt.



    Benjamin Britten, dem das Werk gewidmet ist, ist hier auch der Dirigent.

    uwe schrieb:


    [Zitat]Genosse Schostakowitsch bereitet mir bei der Rezeption seiner Werke nicht unerhebliche Schwierigkeiten. Zwar wurde er mir aus allen Richtungen als legitimer Nachfolger Mahlers, den ich sehr schätze, anempfohlen, doch vermag ich seiner (Orchster)Musik - egal, wer dirigiert, nicht viel abzugewinnen: unmelodiös und ohne Spannung[/Zitat]


    Nach der Auführung seiner 10. Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern im Jahr 1973 sagte Schostakowitsch in einem Interwiev, er "empfinde sich als Epigone Gustav Mahlers"! Insofern hat er wirklich diesen Stellenwert, weil er die Verwerfungen, Verstörungen und das Leiden an seiner Zeit in genialer Weise aufgreift und damit zum großen "Bekenntnis-Komponisten" des mittleren 20. Jahrunderts wird. "Meldodiös" wäre wirklich das allerletzte, was ich von einem solchen Opus erwarten würde und das wäre in anbetracht dessen, was der Komponist erlebte (ihn zähle ich zu den wenigen Musikern, wo eine Kenntnis der Biografie hilfreich für die Rezeption ist) einfach verlogen und heuchlerisch.Ich kenne wenige Werke der Sinfonik, die derart attakierend und voller Binnenspannung sind wie seine erst 1962 uraufgeführte 4. Sinfonie.
    Allerdings muss man sich darüber im Klaren sein, daß er kein Komponist ist, den man "beiläufig" oder "nebenbei" hören kann. Hier ist voller Einsatz auch des Hörers gefordert! Ich persönlich schätze ganz besonders die 13. und 14. Sinfonie, aber auch die 5.,8., 10. höre ich immer wieder. Die Liederzyklen sind immer noch unterrepräsentiert, jedoch liegen auch sie alle in Aufnhmen vor, die Referenzcharakter haben. Für "Einsteiger" in Sachen Schostakowitsch
    empfehle ich folgende Boxen von Brilliant, die das wenige Geld, was sie kosten, wirklich wert sind:





    Holger schrieb:


    [Zitat]Nun, welche ist denn Deine M9 ?[/Zitat]


    Hallo Holger, also ich hab deren gleich 3, die ich hiermit gerne vorstellen will:


    Otto Klemperer / Philharmonia Orchestra / EMI (1965)


    Bruno Walter / Columbia Symphony Orchestra / Sony
    (16. Jan. 1938 Musikvereinssaal, Wien)


    Carlo Maria Giulini, Chicago Symphony Orchestra, DG ca. 1978


    Die Klemperer-Aufnahme besticht durch die unsentimentale, stellenweise etwas harsche Herangehensweise des Dirigenten, die dem Werk jedoch nichts von seiner Größe nimmt.


    Walters Aufzeichnung aus dem Jahr 1938 ist zeitlich am nächsten an Mahler selber dran: man beachte vor allem die Tempi im 4. Satz ! Klang der immerhin über 60 Jahre alten Konserve: erstaunlich gut durchhörbares Mono.


    Giulinis Aufnahme vermag es, riesige Bögen zu schlagen, ohne die Binnenspannung des Werkes zu verletzen. Sie ist exemplarisch dafür, wie dicht bei Mahler Schmerz und Glückserfahrung beieinander liegen und sich immer wieder durchfluten, durchdringen... Diese sehr bewegende Einspielung ist
    (im Gegensatz zu jenen des Herrn Bernstein) gänzlich uneitel.


    Die von dir erwähnte Einspielung Abbados (ich bin übrigens "bekennender" Abbado-Fan,bewegt sich in die Richtung Giulinis, bleibt aber dennoch hinter dieser zurück.


    Die von Franz erwähnte 9. des Heiligen John Barbirolli ist mir zu spannungsarm: ich halte sie entschieden für überschätzt. Um die wesentlichen Facetten dieses Werkes kennenzulernen, sind Klemperer und Giulini geeigneter.

    Holger schrieb:


    [Zitat]Diese Aufnahme bringt mir regelmäßig Schauer auf dem Rücken und eine Gänsehaut.
    Für mich eine absolute "Referenzaufnahme des Werkes.[/Zitat]


    Hm, wenn du offensichtlich schon die äusserste Verzückung dank der erwähnten Abbado-Einspielung gefunden hast, dürftest du Argumenten gegen diese Aufzeichnung bzw. Plädoyers für andere Einspielungen des Werkes kaum zugänglich sein, oder seh ich da was falsch ? Ich gebe bei alledem nur zu bedenken, daß es VOR Abbado Referenzeinspielungen dieses Werkes gegeben hat und das es ganz gewiss auch NACH ihm welche geben wird....


    Einer, der wohligen Schauern und Gänsehäuten aus tiefster Seele misstraut :rolleyes:

    Eine sehr lebendige Einspielung des "King Arthur" ist die unter William Christie bei Erato 1995 erschienen. Die Aufnahme unter Pinnock (1991, DGG) kann sich ebenfalls hören lassen.
    Entscheidend wird letztendlich sein, was du von der Einspielung erwartest: Mir ist eine deutlich erkennbare "Live"-Atmosphäre bei diesem Werk, das ich auch schon mehrfach auf der Bühne sah, wichtig.

    Reinhard schrieb:


    Zitat

    Die USA-Tournee des Gewandhausorchesters könnte da wichtiger gewesen sein. Die soll - so sagte zumindest ein Schulfreund, der dabei war - gigantisch gewesen sein.


    Ja, das ist gut möglich, habe ich Masur doch sowieso eher als "Live"-Dirigenten in respektabler Erinnerung. Ich lebte in den späten 80gern eine Zeit lang in NYC und eruire lebhaft, wie damals der in Europa bis zur Geschmacklosigkeit geschmähte Klaus Tennstedt von seinem New Yorker Publikum "auf Händen" getragen wurde. Sanderling und Kegel mussten hier Erwähnung finden, um die Konstellation zu umreissen, die in der DDR der mittelbaren Vorwende-Zeit herrschte. BEIDE sind als Interpreten so bedeutend, daß ihnen eigene Threads gewidmet werden sollten. Grüsse aus dem Berliner Tropenhaus 8o