Beiträge von novecento

    Eine absolute Referenz mit diesem Orchester ist für mich die Aufnahme des Brahms-Requiems unter Furtwängler von 1948:



    Nun kann man - gewiß etwas despektierlich, aber sicher nicht ganz falsch - in diesem Falle davon sprechen, dass hier das Orchester ein einer absoluten Sternstunde der Interpretationsgeschichte des Requiems quasi eher bloß teilnehmen durfte; der Hauptakteur war es sicher nicht. Aber doch ein würdiger Ausführender, der handwerklich umzusetzen in der Lage war, was ein großer Musiker hier beabsichtigte.


    Wie dem auch sei - man muß ungemein dankbar sein für dieses Dokument.
    Was hier etwa musikalisch im dritten Teil passiert, wenn die bange Frage "Oh Herr, wes soll ich mich trösten" aufgeworfen wird, ist einfach nur unfassbar. Furtwängler führt die Musik erst in einen verzweifelt-wütenden, schmerzhaften Ausbruch, um die Frage dann nicht minder schmerzhaft, aber ungemein zurückhaltend, zaghaft-verloren zu wiederholen. Die Musik löst sich hierbei buchstäblich auf, zerfällt, entschwindet. Und die Pause, die dann folgt, ist bei Furtwängler nicht einfach nur Pause, sondern ein tiefes, schwarzes, verstörendes Nichts, das viel weiter geht als die bloße Abwesenheit von Klang dies normalerweise vermag, ein Nichts, wie ich das sonst nirgends in der Musik kenne. Erst, wenn man in diesen Abgrund geblick hat, erhebt sich aus der Antwort "Ich hoffe auf dich" die Musik quasi völlig von Neuem, ensteht völlig neu.


    Dies ist für mich mit das Berührendste, was ich musikalisch kenne.
    Nicht im eigentlichen Sinne eine Referenz für dieses Orchester, sondern eine interpretatorische Referenz an sich.

    Nachdem ich letzte Woche auf BR Klassik begeistert Dvoraks Streicherserenade hörte, ohne sie zu erkennen, habe ich mich nun aus diesem Anlass gleich mit weiteren kleineren Orchesterkompositionen eingedeckt, die ich bislang nur fragmentarisch als Lückenfüller auf den Symphonie-CD's besaß:



    Von Libor Pešek mit tschechischem Temperament musiziert, wobei die Aufnahmen mit dem Orchester aus der Heimat für mich tatsächlich noch eine Spur leidenschaftlicher und authentischer wirken.


    Es mag von jedem dieser Werke die eine oder andere Aufnahme geben, die Pesek in den Schatten stellt. Aber die Zusammenstellung finde ich sehr reizvoll.

    Vielleicht sollte man sich einmal die Noten der missa besorgen,um dann festzustellen,dass diese den Laien einfach über fordert(den Durchschnitts Dirigenten ebenfalls).


    Ich bin zwar (leider) des Notenlesens nicht wirklich mächtig, doch entspricht diese Über-Forderung genau meinem Eindruck.
    Dies wollte ich auch zum Ausdruck bringen durch meine Ausführungen, Beethoven hätte solche praktische Belange wie problemlose Aufführbarkeit schlichtweg seinem gestalterischen Konzept untergeordnet.
    Und zum Erreichen des intendierten Ausdrucks sind eben die Anforderungen an die Ausführenden so hoch, dass es häufig als Überforderung wahrgenommen wird.
    Der Qualität der künstlerischen Substanz tut das meines Erachtens in diesem Fall aber nicht den geringsten Abbruch; auch wenn ich ansonsten solchen "Vergewaltigungen" des "Materials" im Sinne einer subjektiven Verwirklichung schon eher kritisch gegenüberstehe.

    Aus gegebenem Anlass (Konzertbesuch; SOdBR nebst Chor unter Haitink) beschäftige ich mich derzeit intensiver mit der missa, einem Werk, das mir eine Zeit lang abweisend hart und unzugänglich erschien.
    Inzwischen freilich werden die Worte, die Beethoven diesem Monument, dem Ergebnis eines intensiven Ringens beigab, auch bei mir Wirklichkeit: Diese Musik geht wahrhaft zu Herzen.
    Es ist in jeder Note zu hören, wie sehr Beethoven nach Form und Ausdruck seines geistlichen Bekenntnisses in der Musik gesucht hat. Keine selbstverständliche Leichtigkeit wie bei Mozart, sondern ein mit unerhörtem Willen regelrecht herausgemeißeltes Fanal menschlicher Schöpfungskraft. Das macht die Musik für mich so ergreifend, denn die Schönheit liegt in ihrer Größe, die dennoch frei von jeder pathosbeladener Großtuerei ist. Sondern eben von Herzen kommt.


    Interessant fand ich unten stehenden Satz, den ich nachvollziehen kann, freilich aber nicht im Geringsten teile:

    Daneben fällt die Chormusik von Beethoven doch stark ab, was aber nicht sein darf. Ich keine keinen Sänger aus einem Vokalensemble, der Lust hätte, eines dieser Chorwerke von Beethoven zu singen, es sei denn, familiäre Bande oder eine vorgehaltene Pistole würden ihn dazu zwingen.


    Dass ein Sänger "Lust" hätte, dieses Werk zu singen, das mag wohl tatsächlich selten vorkommen. Es ist weder ein Werk, das es der Stimme leicht macht, ihr entgegen kommt, noch ihr Gelegenheit gibt, zu brillieren.
    Mitunter mag man, so man auf Kritik aus ist, sicher das Gefühl haben, Beethoven hätte geradezu gegen die menschliche Stimme ankomponiert; dies freilich wäre eine unsinnige Verdrehung der zugrundeliegenden Absichten.
    Es war schlichtweg wohl so ziemlich Beethovens letzte Intention, hier ein Werk zu schaffen, das die Sänger lieben werden. Um etwas zum Ausdruck zu bringen, was für Beethoven zu Anfang des Kompositionsprozesses noch nahezu unausprechlich schien, brachte er Klänge in eine Form, die - so wirkt dieses Stück auf mich - einzig einem genialischen Schöpfungswillen verpflichtet war, dem sich natürlich auch die Befindlichkeiten des Sängers unterordnen mussten, um etwas Gestalt werden zu lassen, das für mich eine einzigartige Verbindung von Innigkeit und Größe darstellt.

    Für mich sind unpassende Darsteller das gleiche wie Regietheater[...]


    Danke für diesen Satz!
    Interessanterweise sind es die größten Regietheatergegener, die sich hier gegen eine Beurteilung von Sängern AUCH nach Äußerlichkeiten aussprechen.
    Wieso eine Caballe als Violetta bei einer szenischen! Aufführung in Ordnung sein soll, eine zeitliche Transposition des Don Giovanni ins 21. Jahrhundert aber mit einem Sakrileg gleichgesetzt wird, wüsste ich freilich zu gerne mal.


    Natürlich wäre es nicht wünschenswert, wenn das Äußere von Sängern wichtiger ist als die Stimme. Aber das andere Extrem ist bei einer synästhetischen Angelegenheit wie einer Oper ja wohl auch nicht sonderlich beglückend.

    Manchmal verschwinden Werke bei mir nach einer intensiven Phase so vollständig aus der aktuellen Wahrnehmung, dass sie fast nur noch als ferne Erinerrung dahindämmern - um dann mit umso mehr Begeisterung "wiederentdeckt" zu werden.



    Momentan ist Cesar Francks Symphonie nach langer Abstinenz wieder in den Fokus gerückt. Furtwänglers Lesart (in hervorragender Tonqualität!) ist sehr detailreich und überrascht immer wieder mit Eigenheiten in Tempi und Akzentuierung, die bei meiner Prägung durch Giulini ganz neue Sichtweisen auf das Werk beifügen.

    Auf diverse Empfehlungen im Forum hin jüngst erworben:



    Eine ungemein straffe und präzise Deutung, die dennoch ein intim-zartes Auskosten von ruhigen Binnenmomenten kennt.


    Wie eine Bergtour in freudig-raschem Schritt an einem frischen, klaren Tag, wo gelegentliches Innehalten die Schönheit der ungestörten Natur offenbart.

    Nachdem der Tonfall nach wie vor schulmeisterlich und - besonders was die Hervorhebung der eigenen Kompetenz im vorangegangenen Beitrag - auch ein wenig selbstgefällig bleibt, so erlaube ich mir, einige besonders unhaltbare Thesen und Beweisführungen zu untersuchen:


    Anders als etwa J. W. von Goethe, der Franz Schubert zu herrlichen, auch übrigens im Faksimile käuflichen, Liedern anregte, dann aber, was ich ihm grollend verüble, Schuberts Widmung unbeantwortet ließ (die Zeitgenossen Mozart, Beethoven, Zelter haben, wie bekannt, ebenfalls Goethe-Gedichte vertont), wusste der um 1600 verortete sog. Mr. Shakespeare überhaupt nicht bzw. er konnte in jener frühen neuzeitlichen Kulturepoche nicht wirklich damit rechnen, dass seine Texte jemals die Vorlage von - zweifellos hochgenialen - Opern und Schauspielmusiken werden würden.

    Der hier ins Feld geführte Aspekt kontemporärer Rezeption ist doch völlig unbedeutend. Hätte es zwischen Goethe und einem der genannten Komponisten eine Interaktion, d.h. ein unmittelbares Reagieren Goethes auf das Musikschaffen seiner Zeit gegeben, so wäre dies ein Punkt. Aber ob nun eine einseitige Rezeption (eine Widmung wird ja wohl niemand als schöpferischen Austausch ansehen) zu Lebzeiten des Autors oder wesentlich später stattfindet, ist insofern völlig unerheblich, als ja ohnehin der Musiker mit dem Vorgefundenen, bereits Abgeschlossenen arbeitet - und sei auch die Tinte noch feucht.



    Auch von daher steht Shakespeare der klassischen Musik um Lichtjahre ferner als jeder der genannten vier Komponisten.

    Oh, welch conclusio!
    Den Dichter nenne mir, der der Musik näher steht als der Komponist!



    [...] der Weltliteratur, einer recht eindimensionalen Wortkunst [...]

    Muss man subjektive Rezeptionsschwierigkeiten auch kommentieren?
    Nun, ich lasse es mal bleiben.



    Wenn dieser Themenfaden (auch ich mag keine sinnlosen Anglizismen) nur die eine Folge haben sollte, dass er zum Nachdenken darüber anzuregen vermochte, mit wichtigen Jubiläen hierzulande zukünftig sensibler umzugehen, damit sich so etwas wie am 1. Mai in Berlin nach Möglichkeit nicht wiederholt, dann hätte er sich aus meiner Sicht schon gelohnt.
    So gehet hin in Frieden ...

    Die Predigt hat gfallen, sie bleiben wie alle...


    Nachdem das Nachdenken der anderen ja eingefordert wird, alle Reflexionen über Sinn und Zweck eines Europakonzerts und Proporzdenken in Sachen Jubliäen offenbar keinerlei eigenes Nachdenken evozierten, bleibt nur einmal mehr zu fragen, ob eine Formulierung wie "damit sich so etwas wie am 1. Mai in Berlin nach Möglichkeit nicht wiederholt" der Sache angemessen ist.


    Amen!

    Und nochmals: Shakespeare, der identitätsunklare Theaterautor des späten 16. Jhd., hat überhaupt NICHTS unmittelbar mit Musik zu tun!
    Es ist völlig idiotisch, wenn ein Sinfonieorchester, ganz gleich welcher Herkunft, in einem multiplen Musik-Gedenkjahr einem Literaten anstatt einem von mindestens 4 Komponisten huldigt.
    Wer das anders sieht, sollte mir bitt'schön erklären, was ihn eigentlich mit dem Tamino-Klassikforum verbindet. Meines Wissens geht es hier um Musik, ansonsten hätte ich einiges falsch verstanden.


    Wenn der geistige Horizont im Forum immer so eng gesteckt sein müsste, so, dessen seien alle versichert, würde mich sicher NICHTS mit dem Forum verbinden.
    Schon der geforderte UNmittelbare Bezug Shakespeares zur Musik zeigt doch, wie unerlässlich ein Blick über den Tellerrand wäre: Alle von seinen Werken inspierierten Musikstücke zu versammeln, wäre fruchtbarer Inhalt für einen neuen Thread.


    Beim letzten Europakonzert in Prag wurde übrigens auch nur ein tschechisches Werk (Dvorak) gespielt, ansonsten kamen die Beiträge des Abends aus Deutschland/Österreich (Beethoven) und England (Vaughan Williams).


    Wenn es bei der Veranstaltung nur um nationaltümelnde Anbiederei ginge, könnte man sich ein "Europakonzert" auch sehr gut schenken.
    Denn wer sich den wundervollen Gedanken eines geistigen Bandes und einer befruchtenden Synthese zwischen allem künstlerischen Streben der Völker Europas verinnerlicht, dem werden nationale Schranken und Befindlichkeiten ohnehin nur kleinlich und engend vorkommen.

    Ja, teilweise.


    Ich habe meine Aufnahmen momentan nicht greifbar, aber ich erinnere mich, dass einige Symphonien MONO aufgezeichnet wurden. Allerdings ist die Klangqualität wie so oft bei sehr spätem MONO sehr gut, also weitgehend rauschfrei und ohne jegliche nennenswerten Verzerrungen.

    Und eine weitere Symphonies-Edition der Deutschen Grammophon,
    diesmal Beethoven, Brahms und Bruckner mit Eugen Jochum.



    Die Beethoven-GA kann ich nur empfehlen. Eine großartige Fünfte und eine Neunte, die von überraschender Qualität war.


    Ich hatte Jochum nicht unter den üblichen Verdächtigen für eine herausragende Neunte, aber die Aufführung mit seinem Symphonieorchester des BR ist wirklich große Kapellmeisterkunst im besten Sinne. Das Blech im Freudenchor kenne ich nicht besser.

    Vielleicht etwas überspitzt und auch ein bisschen gemein, aber darob nicht weniger schlüssig wäre es, hier das vom regietheatergeplagten Teil der Menschheit so gern angeführte Argument der Werktreue einzustreuen.


    Warum ein Holländer im Fitnesstudio nicht, eine Caballe als Violetta hingegen schon funktionieren soll, bedürfte durchaus einer Erklärung...

    Meine Neuerwerbung:



    Daraus die Erste. Sehr gute Klangqualität und nicht die schlechteste Interpretation, sofern man das nach dem ersten Satz überhaupt schon beurteilen darf. Wobei ich am Ende dieses Satzes ja ein deutliches Accelerando sehr schätze, da ist Blomstedt etwas brav. Aber ich bin auch völlig furtwänglerverdorben.

    "Die besten kommerziell auf CD erhältlichen Aufnahmen dieses Werkes wurden schlichtweg im 20. Jahrhundert gemacht" ist einfach nur eine Behauptung.


    Das sehe ich auch so. Zumal einfach die zu beurteilenden Zeiträume auch schon von vornherein das Bild verzerren.
    Ich glaube, wenn man sich beliebige 13 Jahre des 20. Jhdts. herausnuimmt und da nach den wirklich großen Aufnahmen schaut, dürfte die Ausbeute auch nicht viel besser sein als im noch jungen 21. (Es sei denn, man trifft ausgerechnet auf eine Häufung großer Aufnahmen, weil etwa die drei großen konkurrierenden Plattenfirmen zeitgleich Einspielungen auf den Markt gebracht haben).
    Aber über den Gesamtzeitraum gesehen, denke ich ich nicht, dass die daraus folgende Erkenntnis Anlass gibt, sich voll Gegenwartspessimismus in die Vergangenheit zu sehnen.


    Ich gebe zu, keine einzige "frische" Brahms- Einspielung zu besitzen, was aber vor allem damit zu tun hat, dass ich lebende Dirigenten lieber live höre.
    Und wenn ich an Brahms's Dritte mit Jansons vor ein paar Jahren im Herkulessaal denke, so wird mir nicht bange, dass auch unsere Zeit Referenzen hervorzubringen vermag.


    So etwas wie Furtwängler-Aufnahme der Ersten mit dem NDR-Orchester fällt eben nicht alle Tage vom Himmel. Vielleicht muss man sich auch einfach noch ein wenig gedulden.


    P.S.: Andris Nelsons kann auch guten Brahms - auch wenn man hier über seine KK geteilter Meinung ist.

    Normalerweise ist es mir in diesen einschlägigen Threads ein Anliegen, pro Regietheater zu argumentieren, da mir eine einseitige, vielfach nicht hinterfragte Fixierung auf das Gewohnte missfällt.


    Aber wenn unter dem Motto Oper neu denken zwanghaft versucht wird, etwas noch nie Dagewesenes als reinen Selbstzweck zu kreieren, so wird hier meines Erachtens das Ziel, neue Betrachtungsweisen zu einem konkreten Sujet, nämlich der zu inszenierenden Oper aufzuzeigen, völlig aus den Augen verloren.


    Der symbolistische Ansatz mit den Drehmechanismen spricht mich zwar ästehtisch an, jedoch würde mich schon sehr interessieren, wie man mit einer letzlich standbildhaften Bühnenbespielung die ganze Oper bestreiten mag, ohne in belanglose Monotonie zu verfallen.
    Was auch immer man macht, es braucht konstruktive Ansätze.
    Und der dritte Inszenierungseinfall mit den parallelen Handlungssträngen und den atonalen Störungen [sic!] der Musik ist meines Erachtens nur destruktiv. Hier wird die Oper nicht weitergedacht, der künstlerische Stoff einem schöpferischen Prozess unterworfen; nein, meines Erachtens wird hier nur gegen die Oper angekämpft.
    Ich liebe moderne Inszenierungen, weil sie mich oft über das Bekannte hinaus inspirieren. Aber dieses Beispiel ist eher desillusionierend.

    Hier gehen unsere Meinungen etwas auseinander. Es kommt darauf an "wer" das macht und in welcher überragender, außergewöhnlicher Qualität dies geschieht, ob es für Ohr und Seele ein Genuß ist


    Und schon sind wir an genau dem Punkt, dessen Verständnis auf Seiten der RT-Gegner die ganze leidige Diskussion wenn schon nicht obsolet, so doch wenigstens fruchtbar machen könnte.


    Wenn Regietheater gut gemacht, oder meinetwegen in überragender, außergewöhnlicher Qualität gemacht ist und für Aug und Seele ein Genuß ist - und hier bitte keine subjektiven Geschmacksurteile ausgießen, die sind in einem Diskurs mit der immer wieder betonten Grundsätzlichkeit nämlich schlichtweg irrelevant - nun, dann ist es doch selbstverständlich, dass es seine Berechtigung hat.
    Genauso wie ein Sänger, der sich selbst über die bloße vornotierte Rolle hinaus eigenmächtig schaffend in die Aufführung des Werkes einbringt.


    Man kann nicht, je nach Gusto, das eine gutheißen und das andere verteufeln, wenn man die eigene Meinung gern als Gesetzeswerk zur Aufführungspraxis von Opern kundtut. Was ja eigentlich für fast alle hier gilt, denen jede freie Deutung des Stoffes ein Dorn im Auge ist - ungeachtet der jeweiligen Sinnhaftigkeit, der jeweiligen Ästhetik etc.

    Mein lieber Scholli, das ist hart! Verbaler Protest soll nicht ausreichen dürfen?


    Was die Polemik von Rheingold zum Ausdruck bringen sollte, ist doch lediglich, dass es nichts bringt, hir im Forum immer wieder mit Kampfrhetorik Stimmung gegen das Regietheater zu machen.


    Das kommt doch überhaupt nicht an bei den verantwortlichen Stellen. Und gesetzt den Fall, irgendein Regissuer oder Intendant liest mit: Bei dem pauschalisierenden Urteil über das Regietheater, bar jeglicher sachlicher Argumentation, wird sich doch jeder bestätigt fühlen, dass man es hier mit einem Teil des Publikums zu tun hat, bei dem es problemlos zu rechtfertigen ist, gegen ihn zu inszenieren.

    Zitat

    Zitat von »Rheingold1876«
    Nur halte den Schnabel.


    Also wirklich Leute. Bei einem Blick auf den Avatar der angesprochenen Person muss man doch hier etwas Humor an den Tag legen...


    P.S.: So eine Haltung hilft bisweilen auch bei schlechtem Regietheater. Und bei gutem hilft einfach ein wenig Weltoffenheit.

    Zitat

    - falsch in der Zeit (etwa: besungen wird eine heile Welt, die es nicht gibt)


    Ich hab's ja schon immer gewusst:
    Das ganze Kiunst des 19. Jahrhunderts ist Kitsch!

    Kunstvoll ja, und ich wollte damit auch nicht sagen, dass diese Stücke stets in lauten Gelagen untergingen.
    Aber dennoch ist schon kompositorisch ein grundsätzlich anderes Rezeptionsverständnis vorhanden, als es einem etwa später in Beethovens Symphonien begegnet.


    Aber es sind eher kompositionstechnische Finessen als Teil des seriellen Charakters, die man hier würdigen kann; weniger eine besondere inhaltliche Dichte.

    Man vertreibt eine Menge Zuschauer - und ich kenne viele davon - aus dem Opernhaus. Erst vor ein paar Tagen traf ich einen Bekannten, den ich jahrelang nicht mehr gesehen hatte und von dem ich wusste, dass er mit seiner Frau früher viele Jahre ein Abonnement hatte. Auf meine Frage, ob er noch ins Theater ginge, entgegnete er: " Wir haben unser Abonnement schon lange gekündigt. Das kann doch kein Mensch mehr ansehen"


    Ich glaube kaum dass es Sinn macht, beim Beiziehen von Belegen der eigenen Theorie immer denselben Irrweg zu beschreiten. Ich darf miich in diesem Zusammenhang selbst zitieren:


    Zitat

    Vermutlich bewegt sich einfach jeder von uns in der Regel in "Kreisen", deren Meinung zumindest im Wesentlichen mit der eigenen kohärent ist. Insofern erbrächte ein Gespräch in RT-freundlichen Kreisen ein ähnlich undifferenziert-homogenes Meinungsbild.
    Das ist ungefähr so repräsantativ wie eine Wahlumfrage auschließlich in der CDU-Parteizentrale durchzuführen.


    Die Meinung von jemandem anzuführen, der erwartungsgemäß dieselben Positionen wie man selbst vertritt, ist einfach ohne Aussagekraft. Ich will niemandem vorschreiben, seinen Freundeskreis im Hinblick auf ein möglichst breites Meinungsspektrum auszuwählen - auch ich könnte das von mir natürlich nicht behaupten. Aber ich hüte mich, dort gesammelte Stimmungsbilder derart apodiktisch zu präsentieren, wie das hier ständig geschieht, und sie nochdazu zur Vox populi hochzustilisieren.


    Im übrigen möchte ich beide Seiten auf die wunderbar trefflichen Worte von operus im Opernwelt-Thread hinweisen, die hoffentlich in all diesen Debatten dereinst Früchte tragen mögen.

    Ob derartige Konzepte angemessen sind, hängt ganz von der jweiligen Musik ab.


    Ich denke, bei einer Mahler-Symphonie erübrigt sich jeder Gedanke an eine Auffürhung außerhalb einer konzentrierten, nur auf die Musik gerrichteten Athmosphäre ebenso wie etwa bei einer Oper Wagners.
    Diese Werke wurden für die bewußte und auschließliche Rezeption geschaffen.


    Bei manchen Barock-Opern, die damals durchaus im Rahmen einer Festivität gegeben wurden, bei der gewandelt, gegessen und getrunken wurde, sieht das sicher schon wieder anders aus.


    Und etwa bei Telemanns Tafelmusiken würde ich sogar soweit gehen zu sagen, dass deren Aufführung in einem abgedunkelten Konzertsaal, während das Publikum schweigend und nur auf die Musik fixiert auf den Plätzen verharrt, ein Musterbeispiel an Fehlrezeption darstellt.
    Diese Musik ist in ihrer rationellen Kompositionsweise und ihrer inhaltlichen Dichte so sehr auf die Einbettung in einen Kontext angelegt, in dem die Musik zwar integraler Teil ist, jedoch nie die volle Aufmerksamkeit der Teilnehmer genießt, dass ein "bloßes" Anhöhren dieser Stücke, zumindest bei mir, immer den Eindruck hinterlässt, hier würde etwas fehlen - es erscheint mir, hart gesagt, einfach mitunter zu trivial, als dass ich mich ganz darauf konzentrieren möchte.


    Hier wäre die angesprochene Konzertform für mich eine klare Bereicherung - und eigentlich doch die conditio sine qua non für alle Verfechter der historischen Aufführungspraxis...


    P.S.: Ich sah gerade, dass sich die Hauptlinie meiner Argumentation mit Teilen des kurz vorher eingestellten Nachtrags von PeterP deckt. Aber ein wenig Redundanz kann nie schaden...)

    Er hatte aber einen untrüglichen Instinkt für publikumswirksame Effekte: Menschen auf dem Scheiterhaufen, Hexen, Pseudohistorischer Pomp [...]


    Das unterscheidet ihn ja nicht gerade von manchem Exponenten des modernen Regietheaters...


    Tempora mutantur.
    Was damals Hexenverbrennungen, sind heute vielleicht eben jene Ekelbilder, wie sie in einschlägigen Threads als vermeintliche pars pro toto für die Verachtenswürdigkeit moderner Inszenierungen angeführt werden. Wenn es etwa darum geht, menschliche Abgründe aufzuzeigen, so ist der Authentizität meines Erachtens weit mehr gedient, indem man Bilder wählt, die uns heute zu verstören wissen als jene Umsetzung zu kopieren, die zur Entstehungszeit der Oper eben dies vermochte, heute aber nur noch als historisch-beschauliches Kostümfest empfunden wird.

    Zum Zweiten vergaß ich zu erwähnen, daß der "kleine Kreis" später durch 21 Damen des Münchner Opernkreises ergänzt wurde. Auch da gab es kein anderes Ergebnis.


    Wen wunderts?
    21 Damen des Münchner Opernkreises... Warum muss ich da bloss an Monaco Franze denken...


    Vermutlich bewegt sich einfach jeder von uns in der Regel in "Kreisen", deren Meinung zumindest im Wesentlichen mit der eigenen kohärent ist. Insofern erbrächte ein Gespräch in RT-freundlichen Kreisen ein ähnlich undifferenziert-homogenes Meinungsbild.
    Das ist ungefähr so repräsantativ wie eine Wahlumfrage auschließlich in der CDU-Parteizentrale durchzuführen.

    Don Carlos. Es ist richtig, daß Schiller ein arger Verfälscher der Geschichte war und seine Dramen ganz deutlich seine politischen Präferenzen widerspiegeln - um nicht zu sagen schamlos. Hier war Herrn Schiller jedes Mittel recht. Seis drum , er ist schon lange tot.
    Die Stücke sind wie sie sind -und durch die Umarbeitung auf ein Libetto wurden sie auch nicht historisch getreuer.
    Aber die Handlung spielt nun mal in einer gewissen Zeit - und das ist aus verschiedenen Gründen zu respektieren. Man hat hier - ebenso wie bei Maria Stuart eine genaue Vorgabe der Zeit.

    Nun, ich denke, gerade dieses Beispiel offenbart schon sehr deutlich die ganze Problematik von Deutungen des ursprünglichen Stoffes - besser gesagt dessen, was wer auch immer dafür hält.
    Die Tatsache, dass schon Schiller den historischen Kontext seiner intendierten politischen Aussage unterwarf - die RT-Gegner würden hier wohl von "missbrauchen" oder "verunstalten" sprechen - zeigt, dass es immer das Bedürfnis der subjektiven Stellungnahme gab, die Anpassungen am Material erforderte. Nun lebte Schiller in einer Zeit, deren polistische Systeme noch im großen und ganzen jener Epoche ähnelten, in der der Stoff spielt. Mithin waren die politischen Botschaften noch sehr nahe an der Lebensrealität des damaligen Publikums - auch ohne umfangreichere Transpositionen konnte der politisch interresierte sich mühelos damit identifizieren.
    Dies ist heute, knapp hundert Jahre nach dem faktischen Ende der europäischen Monarchien und über 150 Jahre nach dem Untergang feudaler Strukturen - nicht mehr ohne weiteres der Fall - es bedarf also der Entscheidung, ob man sich der historischen Korrektheit oder vielmehr der Vermittlung der politischen Botschaft verpflichtet fühlt. Dass beides zusammen ohne Abstriche beim jeweils Anderen zu machen, unmöglich ist, ist freilich eine Binsenweisheit



    Diese Stoffe wurden ja zum Teil ausgewählt, weil man prunkvolle Kostüme und ebensolche Architektur auf die Bühne bringen konnte.

    Ja, sicherlich. Aber in welcher Zeit denn?
    Es war die Epoche des Historismus. Gebäude entstanden in prunkvollen Gewändern - mitunter war es wirklich nur "Verkleidung" - vergangener Epochen, man rekonstruierte längst zerfallene Burgen - nicht nach historischem Befund, sondern nach einem romantischen, also "modischen" Geschichtsbild. Und doch sind es gerade diese Bauten (Carcassonne; Wartburg; Hohenzollern, Stolzenfels...), die unser heutiges Mittelalterbild mehr prägen als all das, was wirklich Mittelalter ist.
    Diese Ästhetik des Historismus nun zur überzeitlich "Richtigen" zu erheben halte ich für sehr fragwürdig. Auch wenn heute - fast hundert Jahre nach deren Beginn - die Moderne noch immer von einigen nicht wirklich akzeptiert ist und vor allem nicht als "historisch" anerkannt ist und der Rückgriff auf Historisierendes so vertraut und passend scheinen mag, muss man sich im klaren sein, dass man hiermit eine Modeströmung der Kunst zum ewigen Ideal erhebt. Mit historischer Authentizität hatte das jedenfalls nie so viel zu tun.



    Die Illusion ist die wahre Triebkraft des Theaters - nicht die versteckte oder weniger versteckte Gesellschaftskritik.

    Wirklich?
    In dieser Sicht manifestiert sich vielleicht der Blickwinkel von Teilen des Publikums - aber mit Sicherheit nicht die Intention der jeweiligen Autoren. Theater war schon immer jene Kunst, die das Erste Medium aller politischen und gesellschaftskritischen Aussagen war. Bei der Oper mag das ein wenig abgeschwächt sein, da sich die Musik vielleicht ein wenig unter Winckelmanns Kunstbegriff des Zweckfreien subsummieren lässt. Aber die Handlung des Librettos dann schon nicht mehr; und das Theater ohne Musik war noch nie Selbstzweck, sondern stets Aussage.