Beiträge von novecento

    Wir sind nun mal im Theater und da sollten und müssen wir schon gegenüber der Realität Zugeständnisse machen und unser Wunschdenken etwas hinten anstellen. Der Gesang und die Interpretation stehen hier nun mal absolut im Vordergrund und haben Priorität.

    Soso. Aber bei modernen Inszenierungen darf das 'Wunschdenken' jedes einzelnen sehr wohl jederzeit als Keule geschwungen werden....
    Wenn Gesang und Interpretation so sehr im Vordergrund stünden, dürften einem die zeitliche Transposition oder merkwürdige Ausstattung doch eigentlich relativ kalt lassen.


    Doch da dem, wie mir scheint, nicht so ist, handelt es sich bei der Oper doch um ein synästhetisches Kunstwerk, und da funktioniert es einfach nicht, den einen oder anderen Aspekt zu übergehen. Bei einer konzertanten Aufführung stimme ich zu, dass die Besetzung einzig nach besten stimmlichen Leistungen gewählt werden kann.
    Aber Oper ist eben auch Theater, mithin die Sänger Schauspieler. Und als solche agieren sie auch mit ihrem Äußeren. Folglich gehört für mich etwa eine Montserrat Caballé als Violetta oderähnliche Besetzungsfehlgriffe auch in den Thread 'Absurde und lächerliche Inszenierungsideen'.


    Sorry...

    Ich bin froh, dass ich die Kategorie Mahler und Beethoven nie bedienen musste. Dort ist man, vor allem, wenn man nicht im Sopran singt, doch eher die geschäftige Chorameise. Und deshalb mag ich den 4. Satz der 9., die Chorfantasie und die Missa solemnis einfach nicht; und ich kenne sehr viele Sänger, die auch keine Lust haben sowas zu hören, geschweige denn zu singen.


    Hätte sich Beethoven bei seinen Werken von derartigen Befindlichkeiten irgendwelcher Sänger leiten lassen, so wäre er wohl heute zu recht vergessen.
    Wie viele Violinkonzerte - und nicht zuletzt auch Beethovens Violinkonzert - galten zu ihrer Entstehungszeit als 'unspielbar'?


    Beethoven suchte in seiner Komposition einen Ausdruck zu erreichen, den es in dieser Form noch nie gegeben hatte, weder grobformal als Gattung noch in seiner expressiven Dimension. Hierzu er aus allen klanglichen Mitteln, die seiner Einschätzung nach zu Gebote standen, was eben in mancher Hinsicht eine Überschreiten bisheriger Grenzen bedeutete. Dass die Anforderungen hierdurch enorm hoch, ja vielleicht kaum so ohne weiteres erfüllbar wurden, hat Beethoven sicher einkalkuliert, er musste es einkalkulieren, um den intendierten Ausdruck zu erreichen.


    Hierbei gar davon zu sprechen, es sei "schlecht komponiert", ist freilich kein Snobismus mehr, sondern bodenlose Anmaßung. Ob einem das Finale von Beethovens Neunter gefällt, ist jedem selbst überlassen, dies kundzutun ebenso. Aber wenn sich jemand zu der unfassbaren Aussage versteigt, das sei eine schlechte Komposition, kann man das beim besten Willen nicht mehr ernstnehmen.


    Von Herzen, möge es wieder zu Herzen gehen.
    Das gab Beethoven seiner Missa solemnis bei.
    Leider ist diese Freude wohl nicht allen vergönnt.

    Ziel einer Aufführung sollte es doch wohl sein, das die Musik eben nicht heruntergeleiert wird, trotz schwieriger Metronomangaben.

    Gegen ein 'Herunterleiern' der Musik wendet sich auch explizit der Autor der zitierten Zeilen. Nur dass er dies durch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den Temporelationen erreichen will und nicht mit sklavischem Festhalten an Vorgaben.


    Ich glaube schon die Erwiederung zu lesen, in der behauptet würde, dies ginge der Komposition zuwider. Daher sei hier nocheinmal eine entscheidende Bedingung wiederholt: [...] innerhalb dieser Freiheit mit unumstößlicher Notwendigkeit aufgebaut ist


    Es ist also nicht die bloße Willkür, die Beliebigkeit, gemeint, sondern eine Auseinandersetzung mit dem Werk und die Reflexion dessen in einem eigenen, in sich stimmigen und dabei dem Werk verpflichteten Konzept, einer Haltung, die einzunehmen ein Dirgent geradezu gezwungen ist, will er die Musik eben nicht nur 'herunterleiern'



    Wenn man solche Aussagen als Gesetz, als Grundlage eines schöpferischen Schaffens nimmt, so ist das doch fast eine Kapitulation vor Vorgaben aus der Musikliteratur.

    Die Kapitulation vor den Vorgaben wäre das unfreie, stoische, ja störrische Abarbeiten eben dieser Vorgaben, ohne der Musik ihre Freiheit zu lassen, im Moment ihrer Aufführung jeweils einzigartig und unwiederholbar neu zu enstehen.



    Darum ist so etwas sehr fragwürdig, ob man solche Aussagen als grundlegende "Gesetze" in der Musik heranziehen sollte, besonder als Hörer.

    Inwiefern es für den Hörer fragwürdig sein kann, derartige Reflexionen über die Interpretationskunst heranzuziehen, ist wohl eher irrelevant. Ist der Hörer doch auf die Position des Rezipenten reduziert, ohnmächtig, das musikalische Geschehen, die Richtung der Deutung, die eine Aufführung eines Werkes nur sein kann, zu beeinflussen. Dies ist die Sache des Interpreten, und darin, dessen Anastz zu verstehen, kann ich nichts fragwürdiges erblicken.
    Fraglos fragwürdig ist, die Gedanken eines Gustav Mahler [sic!] als letztlich belangloses Lamentieren ob scheinbar nicht zu lösender handwerklicher Probleme beim Interpretieren eines Stückes abzutun und sich dabei gegenüber einem der künstlerisch einflussreichsten und wohl in seinen Interpretationen begeisterndsten Dirigenten der Musikgeschichte ständig zwischen den Zeilen anzumaßen, besser zu wissen, wie die Tempi in der Wiedergabe einer Beethoven-Symphonie zu handhaben sind.

    Kein leichter Stand für die Großorchester!


    Diese Befürchtung muss ich wohl kein Musiker eines großen Klangkörpers allzusehr zu Herzen nehmen.


    Dies wäre lediglich der Fall, wenn eine Symphonie eine rein additive Reihung einzelner, präzis gespielter Details wäre, wenn die Behandlung der einzelnen Instrumente ähnlich dialogisch-solistisch angelegt wäre wie etwa in einem Streichquartett.
    Nun geht es aber in der symphonischen Gattung auch um große Bögen, um Klangbilder, die nicht aus dem gleichberechtigten Spiel der Instrumente, sondern aus der Vermischung zum Flächigen hin entstehen.


    Doch es geht hier auch nicht um Besetzungsgrößen, sondern um den Willen des Dirigenten.



    Ich denke nicht, dass ein Dirigent gänzlich ohne Inszenierung, ohne subjektivischen Schaffensdrang auskommt. Und dies bitte ich ganz getrennt von charakterlichen Aspekten, etwa im Umgang mit den Musikern, zu verstehen. Mariss Jansons etwa ist mit Sicherheit niemand, der sich des Rufs eines Pultdiktators verdächtig machen würde. Und dennoch zeugen seine Interpretationen von einem enormen, keineswegs immer objektivierbaren Gestaltungswillen.
    Die Vorstellung, ein Dirigent würde einem Werk 'seinen Willen aufzwingen', lässt einen natürlich eher mit Abngeigung reagieren, ist es doch die Kompoisition, die der eigentliche Gegenstand der Interpretation sein sollte. Und dennoch: Furtwänglers Beethoven- und Brahms- Exegesen, Celibidaches Bruckner-Zeremonien, selbst die durch ihre scheinbar selbstverständliche Richtigkeit bannenden Strenstunden eines Carlos Kleiber sind zutiefst subjektive Sichtweisen, in denen der Willen des Dirigenten untrennbar den des Komponisten durchdrungen hat.


    Solang das Werk dabei nicht als Gegenstand hohler Selbstinszenierung missbraucht wird, sondern der Interpret das Werk mit der gegebenen Ehrfurcht schöpferisch durchdringt, ist dieser Wille des Dirigenten aus meiner Sicht unerlässlich, um die Musik in dem Moment ihrer Aufführung immer wieder zu einem Kunstwerk werden zu lassen und nicht nur zu einer toten Reproduktion.

    Auch bei mir einiges an Mahler, aus dieser neuen Box:


    Ich habe daraus in den letzten beiden Tagen die 1.,2. und Fünfte gehört. 3 & 6 werden im Laufe der Woche folgen, sodann werde ich kurz in einem pasenden Thread berichten.


    Der erste Eindruck ist etwas zwiespältig: Sehr schöne Details, mitunter mit höchstem Klanggefühl, jedoch, vor allem bei 1 & 5, ohne großen Bogen, ohne kontinuierlichen Fluss. Bei den breiten Tempi scheint manches zu sehr zu zerfallen, wirkt fragmentarisch.


    Die Erste reicht jedenfalls nicht annähernd an Bruno Walter - durchwegs excellent - oder Chailly - überragender Finalsatz - heran.


    Naja, immerhin sieht die Box sehr schön aus... ;)

    Man kann Fazil Say nur wünschen, dass die türkischen Richter noch einen letzten Funken der laizistischen Ideale ihres Staatsgründers in sich tragen.


    In diesem Prozess urteilt das türkische Rechtssystem in jedem Fall auch ein Stück weit über einen möglichen EU-Beitritt dieses Landes.

    Bei den von Dir verlinkten Interpretationen handelt es sich um Ein und Dieselbe, nämlich einen Livemitschnitt eines Strauss-Programmes von den Salzburger Festspielen 2011.


    Die oben abgebildete CD entstand wesentlich früher, sie ist das Debut Thielemanns bei den Wienern 2001. Diese findet sich auch in meiner Sammlung und war Grundlage meines Beitrags

    Hallo Yorick,


    über Thielemanns Pose vor dem Secessionspavillon kann man sich sicher streiten...


    Aber die Interpretation finde ich großartig!
    Ich muss zwar gestehen, dass mir ein wenig der Vergliech fehlt, da ich ansonsten nur Kempe vorzuweisen habe (diesen Sommer konnte ich mir endlich die schöne türkisfarbene EMI-Box sichern :love: ).
    teleton kann da sicher Fundierteres zu der Vielzahl an Aufnahmen sagen.


    Ich persönlich finde Thielemann sehr gut, er spielt Strauss sehr detaillreich und kostet die verschiedenen Stimmungen (für mich bei der Alpensinfonie äußerst wichtig) voll aus. Gleichzeitig ist das Stück unter seinem Dirigat auch sehr kraftvoll, wo geboten. Die Musik stürmt drängend vorwärts, besonders etwa beim Eintritt in den Wald, oder auch am Ende der Alm. Andere Passagen, etwa die blumigen Wiesen oder der Ausklang, werden mit viel Ruhe und Klangschönheit erspürt. Leider habe ich die Aufnahme nicht zur Hand (schrecklich, wenn sich die Musikbibliothek auf zwei Wohnsitze verteilt - was man gerade braucht, ist nie da... :evil: ). Daher kann ich jetzt keine wirklich belastbare Detailanalyse geben; im Vergleich zu Kempe ist lediglich zu sagen, dass ich diesen mit Thielemann in etwas gleichauf sehe. Beide haben herausragende Stellen und sind im Gesamten sehr gute Aufnahmen.


    Die Tatsache, dass ich bis zum Kauf der Kempe-Box (die ich nicht explizit wegen der Alpensinfonie erwarb) mit Thielemann so zufrieden war, dass ich nicht das Bedürfnis nach einer anderen Aufnahme verspürte, spricht jedenfalls für die Interpretation...


    Auf jeden Fall würde ich sie empfehlen, bin aber nun doch auch an teletons Empfehlung zur Mehta-Aufnahme interessiert. Live mit den Bayern war seine Sinfonia domestica sehr gut und sehr effektvoll.

    .
    Ein Zitat des großen Humoristen und Analytikers der bayerischen Seele, Karl Valentins.
    (Und momentan der Titel einer Münchner Ausstellung, die sich dem Wirken von Kuratoren, Restauratoren, Historikern etc. im Hintergrund einer Gemäldesammlung widmet)


    Man verzeihe mir dieses lässig hingeworfene Bonmot, das dem Thema nicht unbedingt mehr Substanz verleiht, aber mir bei dem Titel doch sofort in den Sinn kam und so ungemein gut passt...

    ich bin froh,
    das das Gefummel mit den Hüllen, das Staubfangen der Platten und "Sauberhalten müssen" ein Ende hat.Man bekommt heute völlig problemlos jede gewünschte Musik über den Computer, herrlich.


    Gerade das ist vielen ein Grund, sich nicht von der Schellack-Platte zu trennen. Die Haptik, der Zauber des physisch vorhandenen, die Aura von Wertigkeit, die so einen komplizierten, empfindlichen Tonträger umgibt. (Ich höre selbst nur CDs, spüre aber immer eine gewisse Begeisterung, wenn ich zugegen bin, wenn Musik von einer Schellackplatte erklingt)
    Letztlich ist es mit rein digital vorhandener Musik ähnlich, wenn auch bei weitem nicht so extrem wie mit den sogenannten e-books.
    Mir erscheint die Vorstellung, dass das Buch, das über die Information, die es trägt, hinaus ein mit allen Sinnen wahrnehmbarer Gegenstand ist, durch nichtssagende, uniforme Datenträger und Wiedergabemedien ersetzt werden könnte, reichlich dystopisch.

    Das in heutiger Aufnahmetechnik, wäre der Hammer! Aber das ist ja das altbekannte Thema ....

    Tja, das denke ich mir bei Furtwängler oft. Aber dann wäre er ja konkurrenzlos... ;)
    Ich bevorzuge an sich auch besser klingende Aufnahmen, aber bei Stücken, die ich bestens kenne, kann ich diesbezügliche Unzulänglichkeiten recht gut ausblenden und mich auf die Interpretation konzentrieren. Und da hört man bei Furtwängler eben oft Sachen, die so gut sind, dass man es kaum fassen kann!



    Wenn es hier um Beethovens wunderbare Ouvertüren geht, darf meine liebste Aufnahme der Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 nicht fehlen.
    Die Wucht und das Pathos, mit dem Knappertsbusch das angeht, sind einfach sagenhaft. Die Coda habe ich nie feuriger gehört. Diese Blechbläser! Es gibt noch mindestens drei weitere Aufnahmen von ihm, aber München 1959 live mit dem Bayerischen Staatsorchester schlägt sie m. E. alle (übrigens am selben Tag entstanden wie das auf Orfeo erschienene 5. Klavierkonzert mit Backhaus und die 8. Symphonie, als Einleitung des Konzerts). Ansonsten gibt es von Kna leider nur noch die Ouvertüren zu Fidelio, Coriolan und zur Weihe des Hauses. Egmont wäre spannend.

    Wahnsinn, danke für den Hinweis. Die CD mit den beiden anderen Programmpunkten habe ich auch und finde diese gewagt langsame Achte grandios, da sie trotz der extrem breiten Tempi eine ungeheure innere Spannung hat.


    Die Leonoren-Ouvertüre ist aber einfach pure Extase! :jubel::jubel::jubel:
    Manchmal scheinen sich die einzelnen Instrumentengruppen im ungezügelten Vorwärtsstürmen geradezu zu überschlagen. Und toll auch, wie Knapperstbusch bei aller Wildheit immer wieder innige, lyrische Momente gelingen. Das sollten sich die heutigen Metronom-Fetischisten mal zum Beispiel nehmen, die soetwas in einem undifferenzierten Geschwindigkeitsrausch einfach überrennen.


    P.S. ich werde wohl demnächst auf die Suche nach mehr von Knappertsbuschs Beethoven gehen müssen. Ist da ewas zu bekommen - und was ist empfehlenswert?


    Hervorragend. Dem späten Bernstein werden ja oft arg langsame Tempi angelastet, doch mein Eindruck bei dieser Interpretation war, dass Bernstein sets genaus das "richtige" Tempo spielen lässt. Auch von den Klangfarben und der Gewichtung der einzelnen Instrumente ganz vorzüglich, die Pauken im Finalsatz sind sehr prägnant und gut gesetzt.


    Vielleicht nicht ganz so 'auf der Kante' musiziert wie Furtwängler 1951, bei dem man immer mal wieder vor Spannung die Luft anhält, aber dafür oftmals einfach traumhaft schön, etwa bei der Überleitung von der eröffnenden Adagio-Passage zum Allegro-Hauptteil im Finale.


    Und heute Abend gibt's das Ganze live mit Haitink... :jubel::jubel::jubel:

    Denn heutzutage werden auch in der Oper von den meisten Regisseuren, die auch nur die von dir angesprochene Bildung genossen haben, nur die billigen Bedürfnisse der Masse befriedigt. Die Masse will, [...]
    nur "Action" und interessiert sich nicht für geistige Genüsse.


    Das glaube ich allerdings nicht.


    Zuerst einmal geht 'die Masse' ohnehin nicht in die Oper.


    Das dortige Publikum ist meiner Ansicht nach letztlich eine Mischung aus jenen Leuten, die sich ernsthaft für die Oper interessieren und solchen, die aus Gründen gesellschaftlicher Repräsentanz meinen dort auftauchen zu müssen. Letztere kann man getrost vergessen, sie sind weder der eigentlichen Elite noch der Masse zuzurechnen.
    Insofern dürften die Regissuere kaum auf Massenwirksamkeit aussein, denn egal, was sie machen, es findet in einem Opernhaus statt, welches jene Leute, die Du als potenzielle Zielgruppe ausmachtest, ohnehin nicht betreten.
    Dass eine Inszenierung von 2000 etwas freizügiger oder auch frivoler sein kann als eine von 1800 hat nicht unbedingt etwas mit einer expliziten, pornographischen Zurschaustellung von sex zu tun, sondern einfach mit dem freieren Umgang, den unsere heutige Gesellschaft bei dem Thema Körperlichkeit pflegt.
    Und dass man in Sachen crime mitunter drastischer vorgeht als vor hundert Jahren, hat veilleicht auch mit der allgemeinen Präsenz von Gewalt, etwa in den Medien, zu tun. Es braucht wohl einfach heute mehr, um zu schockieren, so traurig da auch ist.


    Das hat nichts mit billigen Erwartungen einer Masse zu tun, sondern eher mit einer mal mehr, mal weniger subtilen Dosierung von Emotion, die der jeweilige Regisseur seiner Inszenierung beigiebt.
    Und dass er die Ausdrucksformen unserer Zeit wählt, ist nur legitim.
    Denn während die Musik in den meisten Fällen aufgrund ihrer vornehmlich ästhetischen Konzeption die Zeiten überdauerte, sind die Themen der Opern oft in ihrer Brisanz, in ihrer Aktualität von der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung überholt worden.
    Hier muss der Regisseur dann ansetzen, will man nicht den szenischen Teil des Musiktheaters auf einen netten Hintergrund reduzieren, der letztlich entbehrlich wird.

    [...] nicht über emotional-sensitive Eigenschaften verfügen würde [...]


    Das habe ich keineswegs gemeint. Eine Unterstellung solcher Determination ginge schnell in eine Richtung, die sehr gefährlich ist und von der ich mich in voller Überzeugung distanziere.
    Allerdings sind diese sensitiven Eigenschaften, die zweifelsohne IMMER als Anlage vorhanden sind, immer im Zusammenhang mit äußeren Einflüssen zu sehen. Wenn jemand nie in Kontakt mit klassischer Musik kommt und stattdessen in einem Umfeld lebt, in dem diese negativ konnotiert ist, so werden die sensitiven Eigenschaften dieses Jemands natürlich auf völlig andere Eindrücke konditioniert.
    Kultur bedarf eben auch einer gewissen Anerziehung. Und ist wer erst einmal verdorben, so wird es sehr schwierig...

    Das die Overtüren für große Orchester geradezu prädistiniert sind, liegt in der Natur der Sache.


    Hierzu hätte ich sehr gerne eine umfassende Erklärung, zumal von Seiten des Autors ja immer wieder der beethoven'schen Symphonie, mithin der orchestralen Großform schlechthin in seinem Schaffen, die Eignung für große Besetzungen abgesprochen wird.


    Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich nicht zu den kategorischen Gegnern des Regietheaters gehöre. Im Gegenteil, erheitere ich mich gelegentlich ganz gern ob deren Engstirnigkeit und gewissen geistigen Bequemlichkeit. ;)


    Völlig übeinstimmen kann ich aber mit Joseph II. in seiner Kritik an der Urteilsfähigkeit der breiten Masse.
    Ich fürchte, dass es einfach erst einer nicht zu bewältigenden universalen kulturellen Bildungsunternehmung bedürfte, ehe man tatsächlich dieser breiten Masse wahrhaft die Kompetenzen zugestehen kann, die traditionell eher immer in den Händen bestimmter Eliten lagen. Nur eine Masse, die auf einem durchgängig hohen Bildungsnivaeu wäre, das jenem der Eliten nahesteht, wäre zu solchen Urteilen in der Lage. Doch nicht nur die Bildung alleine, auch die individuelle Urteilskraft des einzelnen - also in letzter Konsequenz die Auflösung der Masse - wäre vonnöten.
    Hier sei auf den französischen Theoretiker Gustave LeBon verwiesen, dessen »Psychologie der Massen« ein großartiges Werk zum Verständnis vieler Misstände der allermeisten Gesellschaften darstellt.


    (Ehe hier auf dessen Rezeption durch die Nationalsozialisten verwiesen wird, sei schon im Vorfeld erwähnt, dass dies eine eklatante Fehlrezeption war, die zahlreiche zentrale Theoreme LeBons negierte. Letztlich gründete die Macht der NS-Diktatur sogar - wohl eher unbewusst - gerade auf der konstatierten Unfähigkeit der Masse zum freien Urteil. Folgende zwei Zitate seien als hinreichender Beleg beigegeben:


    Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären versucht, ihr Opfer.
    und
    Die großen Führer aller Zeiten, die der Revolution hauptsächlich, waren sehr beschränkt und haben deshalb den größten Einfluss ausgeübt.


    Gottfried Semper etwa forderte eine umfassende ästhetische Erziehung aller ein, die ihm als Grundlage für eine Verbreitung wahrhaft schöner, qualitätvoller Architektur galt. So müsste es in jedem Teilbereich dessen erfolgen, was unsere Kultur darstellt.
    Allein, daraus wurde nichts: Wohl noch nie war das Bauen in der breiten Masse von so miserabler Qualität wie heute. Auch wenn manche Konzepte der klassischen Moderne, wie sie bis in die 1970er Jahre verfolgt wurden, mitunter ziemlich danebengingen, sowohl in sozialer wie auch gestalterischer Sicht, so waren doch Ambitionen und geistige Konzepte dahinter. Heute hingegen bedient eine rein kommerzielle Immobilienindustrie, die von Leuten ohne Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihrer gebauten Umwelt, gegenüber dem öffentlichen Raum geführt wird, die unreflektierten Wünsche einer sich aus der Masse rekrutierenden Kundenklientel ohne legitimierten Anspruch und ohne die dafür notwendige spezifische Bildung. Die völlige ungestaltete Belanglosigkeit, die unsere Städte und Landschsaften verunstaltet, ist die traurige Folge.
    Und auch von einer Identitätsstiftenden Elite entfernen wir uns immer weiter. Die Abkehr von der universitären Ausbildung im Wortsinne ist nur der letzte Schritt zur Schaffung jenes akademischen Prekariats, das zwar über ein tiefes, eng umgrenztes Fachwissen verfügt, aber jeder breiten, kulturellen Bildung entbehrt. Da sich aus diesen Leuten aber die ökonomische Oberschicht rekrutiert, mithin ein Großteil jener Privatleute, die Kultur finanzieren könnten, drastisch gesprochen, ein Haufen reicher Proleten ist (man betrachte - wieder Architektur - was heutzutage so in Sachen "Villen" verbrochen wird), sind schöpferische kulturelle Impulse heute kaum noch in ausreichendem Maße zu erwarten.


    In dem die Masse nun auch noch, durch ein immer gravierenders Elitenproblem, ihre geistige Führung verliert (die wahre geistige Elite unserer Tage wird kaum mehr wahrgenommen; viele von jenen, die heute als Vorbilder erachtet werden, mithin die wahrgenommene Elite darstellen, sind der Masse hingegen in ihrem kulturellen Unvermögen nahezu ebenbürtig), verschlimmert sich natürlich die allgemeine kulturelle Verwahlosung umso mehr.


    Natürlich, es gibt immer wieder ein hoffnungsvolles Streben auch vieler jüngerer Leute, aber deren Zahl wird kaum ausreichen, die anderweitige flächige Erosion von Kultur zu kompensieren. Zumal der 'Output' (dieser scheußliche Anglizismus beschreibt treffend die renditetauglichen, geistig ungefestigten Absolventen heutiger verschulter Studiengänge, in denen der Blick über den Telllerrand irgendwo zwischen Faulheit und untragbarem Revoluzzertum angesiedelt wird) unserer 'Universitäten' kaum Besserung erwarten lässt. Anstatt jungen Menschen eigene Wege zu eröffnen, wie dies die Universitäten des Abendlandes jahrhundertellang taten, werden diese schon von Anfang an in Richtung standartisiertes Mittelmaß gelenkt, abgesehen von jenem winzigen Anteil an Wissen, der dem jeweiligen Studiengang noch zugestanden wird. Und so unterscheidet sich Akademiker außer durch sein eng umgrenzetes Fachwissen heute in seiner Persönlichkeit mitunter überhaupt nicht mehr von einem Hauptschüler. In Sachen klassischen bildungsbürgerlichen Kulturguts ist sicher in mancher Vorstandsetage nicht mehr zu finden als bei den einfachen Arbeitern in der Produktionshalle.


    Wir leben somit wohl in einer Zeit, in der sich die Masse immer mehr vergrößert, indem sich die einstige Elite ihr angleicht. Umso wichtiger ist es, der Mehrheit, so diese den Unverstand repräsentiert, den Sieg zu verweigern. Auch das antike Athen konnte nur zur Wiege der Demokratie werden, weil die Mehrzahl seiner Bewohner einer guten Bildung anteilig werden konnte und die Gesellschaft damit zu einer Summe mündiger Individuen wurde. Ein Haufen Ungebildeter mit unreflektierten, uniformen Ansichten würde niemals zu einer Demokratie führen sondern stets nur zu einer ephemeren Diktatur der Masse, die sich doch sogleich wieder blind ihrem Führer anvertrauen will.


    So, das passte nun gar nicht zum eigentlichen Thema, doch Josephs Schiller-Zeilen brachten mich einfach spontan dazu, meine diesbezügliche Meinung kundzutun.

    Ich beurteile Musik nicht nach dem Preis, eher sind solche Beiträge wie der von Yorick oder Glockenton Abschreckung genug.


    Es ist sicher auch eine große Dummheit, Musik nach ihrem Preis zu beurteilen, zumal in Zeiten, in denen großartige Aufnahmen in billiger Aufmachung verschleudert werden, während gleichzeitig die ersten Gehversuche sogenannter 'Stars' im Hochpreissegment landen.
    Was allerdings sollte, wenn doch diese Einsicht vorherrscht, der Hinweis auf den Preisverfall der Thielemann-Aufnahme?


    Eine allerdings noch weitaus berechtigtere Frage ist, inwieweit Glockentons umfassende und sachliche Analyse, die in diesem von geschmäcklerischen Plattitüden beileibe nicht ganz freien Thread so angenehm heraustritt, abschreckend sein kann.


    Es ist ja durchaus legitim, sich ausschließlich auf einen straffen, durchsichtigen Beethoven zu verlegen und andere Ansätze abzulehnen. Es spricht für Beethovens Musik, dass sie so viele Sichtweisen zulässt. Aber insofern ist Glockentons Beitrag doch wohl eher hilfreich, weil man durch ihn feststellt, dass Thielemann nicht der eigenen Präferenz entspricht.


    Aus dem abschreckend aber spricht dieselbe Haltung wie aus dem durchsichtigen Verweis auf den billigen Thielemann im Gegensatz zum wertigen Chailly: Hier wird aus einer persönlichen Einseitigkeit heraus etwas, was einem nicht gefällt, schlechtgemacht.


    Mir persönlich liegt Thielemann weitaus mehr als Chailly, ich habe ihn oft live gehört, desöfteren mit Beethoven live gehört - und er vermochte mich meist zu begeistern. Chaillys Beethoven - den ich noch nicht live gehört habe, was vielleicht die Wahrnehmung auch verfälscht - löst in mir weit weniger Begeisterung aus. Aber ich würde ihn deswegen keineswegs als 'schlecht' oder 'falsch' apostrophieren. Ich kann nur nichts damit anfangen, übrigens genauso wenig wie mit Thielemanns Mozart, den ich todlangweilig finde.


    Aber dieses strändige Sticheln gegen großbesetzte Beethoven-Interpretationen, die einem romantischen Klangbild näherstehen als einem noch im Barock verwurzeltem frühklassischen, ist einfach platt und überflüssig.
    Beethoven legte den Grundstein für eine Entwicklung der Symphonik in eine Richtung, die etwa ein Furtwängler in seine Interpretationen stark einfließen lässt. Das ist aber erst mal genauso legitim, wie Beethovens Ursprünge in kleinbesetzten, noch mehr dem leichten Klang des Menuetts als der mächtigen Ausdruckskraft des Scherzos verpflichteten Klangbildern nachzuzeichnen. Ursprünge mithin, die Beethoven vermittels seiner Schöpfungskraft hinter sich ließ, um ein Tor in neue musikalische Welten aufzustoßen.



    Thielemann zeigt sich ohnehin von den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis nicht völlig unbehelligt. Er lässt ja nicht Furtwängler wiederauferstehen, sondern präsentiert seine eigene Sicht auf Beethoven, die keineswegs immer deckungsgleich mit der spätromantischen Tradition ist. Er geht vieles mit kammermusikalischer Feinheit an, agiert schnell und macht den Klang transparent, wo gegeben. Dass er sich dennoch auch der Freiheiten bedient, etwa bei Tempovariationen, die die Aufführungspraxis des 19. Jhdts. geprägt hat, ist eben der andere Teil seiner Sicht.


    Diese Freiheiten sind aber eben auch eine Errungenschaft der interpretatorischen Tradition, die die Sicht auf Beethovens Werk erweitert haben. Wer sie rundweg ablehnt, verschließt seinen Blick vor dem, was Beethovens Musik jenseits aller ideologischen und vor allem auch modischen Scheuklappen inhärent ist.


    Es ist auf jeden Fall ein großes Verdienst von Thielemanns Zyklus (den ich übrigens beileibe nicht unbedingt durchgängig unter meine persönlichen Referenzen reihen würde), dass er sich jener Mode widersetzt, der die Beethoven-Deutung momentan unterliegt. Ich wage keine große Prophezeiung, wenn ich sage, dass spätere Zeiten jenen schlanken, vermeintlich metronomgenauen, unverzierten Beethoven als Ausdruck des Zeitgeschmacks sehen werden und keineswegs als den einzig wahren Beethoven.

    Meine begrenzte Freizeit erlaubt mir momentan nicht allzuoft, mich länger bei Tamino aufzuhalten oder gar regelmäßig Beiträge zu verfassen.


    So möchte ich auch jetzt nur kurz dieses tolle Hörerlebnis kundtun:



    Robert Schumann
    Symphonie Nr. 2 op. 61
    Cleveland Orchestra
    George Szell

    Lugano, 31. Mai 1957

    Noch mitreissender als die berühmten CBS-Aufnahmen , weil vielfach spontaner und noch feuriger musiziert. Die Tonqualität ist für 1957 grandios und ist abgesehen von einem leichten Grundrauschen in Sachen Dynamik und Klangtreue jener der genannten Aufnahmen sogar vorzuziehen.


    Überhaupt finden sich in der gezeigten Box großartige Aufnahmen, etwa eine Neunte Dvorak unter Karel Ancerl, eine großartige Furtwängler-Pastorale oder auch Beethovens Fünfte unter Scherchen. Alles als Live-Mitschnitte von Schweizer Festivals, die aufnahmetechnisch ein gutes Beispiel Schweizer Präzision abgeben.


    Ein wundervolles Werk, bei dem es nicht nachvollziehbar ist, dass es doch eher unbekannt ist.


    Die elegische Melodie im Kopfsatz, über die so grandios die Figuren der Solovioline gelegt sind, ist ein ganz besonderes Kleinod. Toll auch, wie über diese bittersüße Intimität dann die Vehemenz des Vivace-Mittelsatzes hereinbricht.
    Und das fast viertelstündige Passacaglia-Finale zeigt in seiner Komplexität und subtilen Größe nochmals deutlich, dass es sich hier um ein Violinkonzert handelt, das nicht nur innerhalb des 20.Jhdts. einen wichtigen Platz einnimmt, sondern das meiner Meinung nach durchaus auch neben Beethoven, Mendelssohn, Schumann und Brahms seinen Platz verdient. Es ist für mich auch der überzeugende Versuch, den Typus des symphonischen romantischen Violinkonzerts bruchlos in die Moderne hinein zu führen.


    P.S. Das Werk verdiente seinen eigenen Thread. Da ich ungern Eröffnungsbeiträge für ein Stück schreibe, die sich in den ersten zwei Zeilen des zugehörigen Wikipedia-Artikels erschöpfen, fehlt mir momentan die Zeit für dergleichen. Doch lege ich den Gedanken den im Forum vorhandenen Expereten für das 20. Jhdt. wärmstens ans Herz...
    Ansonsten hoffe ich, bald Zeit und Muße dafür zu finden.