Beiträge von novecento

    Bis vor kurzem als Liveübertragung auf BR Klassik:


    Johannes Brahms
    Klavierkonzert Nr. 1 d-moll

    Helene Grimaud, piano
    Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
    Andris Nelsons


    Gestern im Konzert, heute nochmal im Radio - wunderbar.
    Im zweiten Satz ist die Hingabe der Solistin an die Musik unbeschreiblich. Aber auch der junge Lette Nelsons, der hier das Orchester seines großen Landmannes und Lehrers dirigiert, sorgt für bemerkenswerte Momente.

    dann beschreibe uns mal, warum Böhm bei Dir Karajan (DG, 1984) ablösen konnte !??!

    Ich glaube, die Antwort auf diese Frage geben zahlreiche vorangegangene Beiträge zur hiesigen Diskussion.
    Es definitiv keine Frage objektiver interpretatorischer Qualität, sondern eine subjektiver Erwartungen an die Pastorale



    Die Unterschiede beider Aufnahmen sind erheblich. Für mich ist diese Ablösung unverständlich - Karajan der Zupackende gegen Böhm den mehr Nüchternen. Welche Punkte gefallen Dir (der Karajan eigendlich verinnerlicht hatte) bei Böhm besser? Für mich steht für die Pastorale eigendlich nur eine Aufnahme auf der Favoritenliste. Und das ist eine, die zu den straffsten und unromantischsten gehört:
    Ich möchte gerade die langsamen Sätze der Sechten gar nicht so beseelt und langsam hören, kein romantisches Geplänkel am Bach und kein Bauerntheater auf dem Lande, sondern eben genau so flott wie Karajan diese rüberbringt.

    Damit sind die Charakteristika von Karajans Interpretation - man kann hier generalisierend von all seinen Interpretationen der Sechsten sprechen - klar umrissen. Karajan taucht nicht tief in Stimmungen ein, verliert sich nicht in diesen, sondern liefert eine straffe Musik, die durchaus den Noten (HIP-Jünger mögen es mir verzeihen), aber weniger den Worten, die der Komponist diesen beigab, Rechnung trägt. Die Emotion kommt bei Karajan nicht aus dem Einfühlsamen, sondern eher aus oberflächlicher Klangdramaturgie. Dass ihm dies, insbesondere beim Gewitter, meisterhaft gelingt, ist der große Wert dieser Aufnahme.


    Allerdings ist eine solche Sicht nicht jedermanns Sache, auch die meine keinesfalls.
    Meinen Eindruck hierzu hat Glockenton bereits trefflich in Worte gefasst, interessanterweise die selbe Metapher bemühend, die sich auch mir immer aufdrängte: Karajan im Sportwagen... Vermutlich tragen einschlägig bekannte Tiefpunkte der Covergestaltung bei der DG zu diesem Bild bei :D



    Karajans Ansatz wirkt geradezu Gegensätzlich hierzu.
    Statt die Strukturen der Klangrede aufzudecken malt er sie mit dem Legatopinsel und einer eher flächigen Detaildynamik zugunsten der großen Linie zu. Sein Tempo ist mir einfach zu schnell. Verglichen mit seiner grandiosen Fünften oder der ebenso begeisternden Eroica ( 1982) scheint es mir so, als ob ihm hier der innere Zugang zu diesem Landidyll irgendwie fehlte. Es hört sich so an, als wenn er salopp gesagt froh ist, wenn er mit seinem Sportcabrio durch die sicherlich schönen, aber doch auch für ihn etwas langweiligen ländlichen Gegenden mit wehender Mähne endlich hindurch gebraust ist. Wahrscheinlich hätte er dies als Unterstellung zurückgewiesen, aber man kann schon diesen Eindruck beim Zuhören bekommen.

    Böhm hingegen lässt sich auf die Stimmungen ein, mithin erscheinen die Sätze bei ihm auch ungleich differenzierter als bei Karajan. Das Kunststück seiner Interpretation ist es denn aber letztlich, dass es Böhm gelingt, die immanente Romantik von Beethovens Sechter entsprechend zur Geltung zu bringen und dennoch ein klasssiches Ebenmaß zu wahren; scheinbar ohne einen der beiden Aspekte auf Kosten des Anderen zu schmälern.


    Ähnliches gelingt auch Abbado in Wien, der ebenfalls eine großartige Deutung liefert, allerdings eine Spur mehr in Richtung Romantik tendierend als Böhm.

    Jaaaa! Das ist Mahler!!!


    Gerade das Rondo-Finale.... :thumbsup:


    Hier hört man, dass Bernstein nicht irgendein abstraktes musiktheoretisches Mitteilungsbedürfnis hatte, sondern sich bedingungslos dem Moment hingab, in welchem er Mahlers geistiges Wirken für eine kurz umrissene und unwiederbringliche Zeitspanne sinnlich erfahrbar machen konnte.

    Verfolgt man die sog. öffentlichen Reaktionen, so zeigt sich, dass viele bereits reflexartig die Antisemitismus-Keule zur Hand genommen haben - gerade damit aber verhelfen sie einer seiner Behauptungen zur Wahrheit. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich in solchen Fällen die Kritiker ins Abseits schießen, anstatt mit objektiver Bedachtsamkeit die Argumente, so gegeben, zu widerlegen.


    Ähnlich dumm verfuhren einst die marodierenden muslimischen Horden, die mit gewalttätigen Ausschreitungen und Verwüstungen dem in Form von Karikaturen erhobenen Vorwurf einer verbreiteten Gewaltbereitschaft im Islam zu entgegnen suchten.


    Zitat

    [der] Einfluss von Rabbis und Mullahs, die mir das eigentliche Problem darstellen


    So ist es. Und das gilt in gleicher Weise für fundamentalistische Vertreter jedweder anderen Religion. Es ist aus intellektueller Distanz durchaus unterhaltsam, was gewisse amerikanische Präsidentschaftskanditaten in Sachen religiös gefärbter Weltanschauung von sich geben, doch die Perspektive, dass solchgeartete Individuuen dereinst mit umfassenden weltlichen Machtbefugnissen ausgestattet sein könnten, lässt einen bange werden.


    Nun will ich mich aber aus dieser einem den schönen Künsten gewidmeten Forum wenig zu Gesicht stehenden Diskussion mit Stefan Zweigs Worten zurückziehen:


    "Aber Politik ist allezeit die Wissenschaft des Widersinns"

    Nachdem die CD mit dem Brahms-Requiem unter Schuricht aus der letzten Bestellung defekt war und kein Ersatz möglich war, habe ich die Gutschrift umgehend in meine jüngste Entdeckung investiert:




    Die Orchestersuiten von Jules Massenet, deren Vierte mich beim Hören im Radio augenblicklich begeisterte.
    Näheres werde ich zur gegebener Zeit an gegebener Stelle berichten.


    Desweiteren Altbekanntes:




    Eine herrliche Aufnahme von Brahms 3. unter Karl Böhm. Ähnlich wie bei seiner Pastorale nichts spektakuläres, auch nichts gewollt perfektes, sondern einfach sehr schöne, niemals langweilige, nicht unnötig pathetische und doch - wo gegeben - monumentale Musik.


    Einen ähnlichen und ebenfalls sehr schlüssigen Ansatz bei Brahms liefert übrigens auch Sawallisch, dessen Dritte ebenfalls sehr empfehlenswert ist.

    Erst mal danke!


    In der Tat ist es wohl so, dass in der Gardiner-Box nicht alle Suiten enthalten sind.
    Desweiteren habe ich nun doch versucht, mir mit den Hörproben einen Eindruck zu verschaffen, und falls mich dieser nicht aufgrund der limitierten Aussagekraft solch kurzer Ausschnitte gänzlich trügt, werde ich wohl die Naxos-Aufnahmen bevorzugen.
    Ossonce - Landsmann von Massenet - interpretiert mit unüberhörbarer Spielfreude und auch sehr einfühlsam, was die Stimmung der einzelnen Sätze angeht.
    Bei Gardiner hingegen klingt manches perfekter, aber, wie so oft bei ihm, manchmal auch irgendwie steif und aufgesetzt korrekt.
    Zumal sich die Orchester in Sachen Professionalität wenig schenken (das monegassische Opernorchester ist ja nicht gerade in der ersten Riege europäischer Klangkörper), werde ich zu den Naxos-CD's greifen.


    Hm, "interessant" wäre es, hieße das Stück "Aus Schottland" und nicht "Aus Italien". Und abgesehen davon, dass ich den Zusammenhang dieser beiden Dinge nicht so recht erkenne, ist die Komposition deutlich älter als die Strauss-Aktivitäten zur finanziellen Besserstellung der Komponisten.


    Endlich hört mal wieder jemand dieses tolle Werk! :jubel::jubel:


    Ich finde Accuphans Interesse an dem Fall mit dem abgekupferten Lied durchaus berechtigt und denke, dass ein Zusammenhang mit dem Engagement für die Gründung der GEMA nicht per se von der Hand zu weisen ist.
    Strauss war sich damals wohl gar nicht einer unerlaubten Melodieverwendung bewusst (siehe auch den entsprechenden Werkthread), hatte dann aber einen Prozess am Hals und durfte seine erste größere Komposition nicht so ohne weiteres aufführen.
    Dass finanzielle Absichten hinter der GEMA stecken, will ich ja gar nicht in Abrede stellen, aber ein Bemühen um Rechtssicherheit und klare Regelungen in solchen Fällen darf man angesichts des unangenehmen Jugenderlebnisses durchaus ebenfalls annehmen.

    Zweimal hörte ich in letzter Zeit mir unbekannte, faszinierende, bunte, spannende, facettenreiche spätromantsiche Orchesterstücke, die mich auf Anhieb begeisterten und von denen ich mir sicher war, sie nie zuvor gehört zu haben.
    Und beide Male erfuhr ich am Ende, dass es sich um eine Orchestersuite von Jules Massenet gehandelt hatte, der mir bisher nur über seine Opern ein Begriff war.


    Ebenso unbekannt, wie sie mir sind, scheinen diese herrlichen Stücke auch den Plattenfirmen zu sein, denn es gibt kaum Aufnahmen.


    Einzig Naxos, deren umfangreiche Diskographie manch interpretatorische Dürftigkeit mitunter wettmacht, bietet eine GA aller sechs Suiten an, deweiteren existiert wohl eine unter John Eliot Gardiner mit einem Orchester aus Monaco.



    Man mag es kaum für möglich halten, aber auch das sonst so allwissende Tamino-Forum hilft im Falle von Massenets Suiten nicht weiter.
    Da ich diese Musik, die ich schon beim ersten Mal so großartig fand, unbedingt haben will, wäre ich nun sehr froh über eine Empfehlung, für welche der beiden Möglichkeiten (beide zusammen schließt mein derzeit sehr beschränkter Etat aus) ich mich entscheiden solle.
    Ich hoffe, es gibt wenigstens jemanden hier im Forum, der zumindest eine davon loben kann, auf einen Vergleich wage ich gar nicht zu hoffe....

    Zitat

    Also irgendwann wacht man in Deutschland auf,wenn man den Trend verschlafen hat.


    Silenzio! Ich möchte bitte weiterschlafen...

    [...] und der Tristan fast allen Komponisten der späteren Epochen als [...] Vorbild diente (sogar dem Italiener Puccini),


    Dann muss es mit dem Romantik-Schmalz wohl doch etwas auf sich gehabt haben... :baeh01:


    Nein, ich mag Puccini ja sehr gerne, aber ich muss doch zugeben, dass ich ihn mitunter gerade DESWEGEN mag.



    Lieber teleton,
    wenn ich Dich vom Lohengrin-Vorspiel überzeugen konnte, freut mich das. Eine wirklich gute Interpretation in frischer Tonqualität liefert da übrigens Thielemann auf dieser allerdings nicht durchgängig guten Zusammenstellung von Wagner-Vorspielen.
    Beim Lohengrin dirigiert er aber gekonnt und effektvoll das Stück genau auf den Kulminationspunkt hin, der ihm besonders strahlend und prächtig gelingt.



    In der Tat ein bildredaktionelles Meisterstück. Der Maestro auf der Vorfahrt des Hotels Rossya (übrigens ein wertvolles Zeitdokument, musste dieses monströse sozialistische Vorzeigeprojekt doch jüngst einer ebenso monströsen innerstädtischen Brache weichen) und blickt vergeistigt auf das alte Moskau, das sich mit den Kremltürmen im Hintergrund abzeichnet, wohl gerade über Tschaikowskys Wirken in dieser Stadt sinnierend...


    Noch weitaus subtiler scheinen die Bezüge freilich bei Brahms zu sein:



    Karajan mit Partitur (?) im großzügigen verglasten Dachraum (s?)eines Landhauses. So subtil, dass sich mir der Bezug gar nicht mehr zu erschließen vermag. :no:



    P.S. Aber der Tschaikowsky ist an sich nicht schlecht gelungen!

    Ich denke per se ist vielleicht die Idee, dass es etwas von Tschaikowskis Homosexualität in diese Oper mit eingeflossen sein könnte gar nicht so abwegig [...]


    Eine derartige Verfremdung des Stoffes durch Tschaikowsky selbst?
    Damit hätte er aber die Puschkin-Vorlage arg mißbraucht und verfälscht zugunsten einer neuen Sichtweise, einer untergeschobenen Sozialkritik - mithin in bester Regietheatermanier!

    So richtig reisst mich auch dass nicht.


    Wirklich?
    Gilt das auch beispielsweise für das Vorspiel zum ersten Akt des Lohengrin?


    Diese aus dem Nichts sich erhebende, nicht endenwollende Steigerung, die mit atemloser Spannung und unglaublicher Kraft in einem strahlenden Höhepunkt kulminiert, um dann sich dann geheimnisvoll wieder aufzulösen?



    Ich habe, wenn nicht live in der Oper, auch desöfteren Probleme, über die ganze Länge der Wagner'schen Werke durchzuhalten.
    Doch viele Teile seiner Musik, und besonders die Orchestervorspiele haben etwas rauschhaftes, berauschendes, dem ich mich nicht entziehen kann.

    Vielen herzlichen Dank an Euch für die Fülle an Ratschlägen. Ich sehe, dass wohl beide Aufnahmen ihre Meriten haben, insofern müsste ich wohl Rheingolds Tipp folgen...


    ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    Könnte man eigentlich von Alfred verlangen, einen Rettungsschrim für zahlungsunfähige Mitglieder aufzulegen, die wegen der vielen Empfehlungen jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt haben?
    ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------


    Interessant auch der Hinweis auf eine deutsche ORIGINALfassung. Dies wusste ich nicht und werde versuchen, einmal hinein zu hören.


    Ansonsten hege ich eine naive Liebe zu den slawischen Sprachen, naiv insofern, als ich keiner davon mächtig bin, gleichwohl schätze ich dieses ganz eigene Gepräge, welches sie Musik zu verleihen vermögen sehr.
    So gesehen reduziere ich diese Sprachen natürlich auf einen rein klanglichen Aspekt, indem ich den Hauptzweck jeder Sprache, die Informationsvermittlung ganz außer Acht lasse(n muss).


    Doch das Vergnügen, das mir beispielsweise ein russischer Onegin bereitet, ist mit einer deutschen Version einfach nicht zu vergleichen.
    (Ohnehin bereut man hier in zweifacher Weise, des Russischen nicht mächtig zu sein. Im Vergleich zu einem deutsch gesungenen Tschaikowsky ist der Verlust bei Puschkins hochspeziellen Versen wohl ein ungleich größerer.)

    Ein Ersuchen opernkundiger Forumsmitglieder um fundierten Rat lässt mich diesen lange brachliegenden Thread zurück ans Licht holen.
    Und wie mein Übertitel schon impliziert, geht es mir ausschließlich um eine tschechische Aufnahme, da ich - man mag mir diese Unart verzeihen - stets die Musik der Handlung weit vorziehe und somit an authentischer Sprachmelodik mehr interessiert bin als an Textverständlichkeit.


    Nun drängt sich mir die Frage auf, zu welchen der zwei Zdeněks - Ancerl ist mir zu historisch - nun greifen soll:


    Košler oder Chalabala?



    Über Letzteren wurden weiter oben schon lobende Worte verloren, aber auch die Košler-Aufnahme mit Beňačková fand schon Erwähnung. Anhand der Hörproben zu entscheiden, ist schwierig, beide Aufnahmen machten einen sehr guten Eindruck, doch welche ist vorzuziehen?

    Wenn der Thread "Was hört Ihr gerade jetzt" so überflüssig wäre, wie das immer wieder behauptet wird, dann hätte er nicht die höchste Einschaltquote von allen Threads [...]


    Was ja auch im Fernsehen stets ein untrüglicher Indikator für Qualität ist... ;)


    Bei Aufnahmen, die man selbst besitzt, ist ja eine kommentarlos eingestellte CD insofern dienlich, als es eine willkommene Anregung sein kann, diese auch mal wieder selbst zu hören.
    Und niemand erwartet in diesem Rahmen eine umfassende Rezension, dafür gibt es hier im Forum andere Orte. Aber eine kurze Anmerkung, ein prägnantes Wort zur Aufnahme wäre schon sehr wünschenswert, denn was nützt eine Information, die man nicht einordnen kann?



    Eine jener Aufnahmen, die es völlig ungerechtfertigt erscheinen lassen, dass Maazel oftmals nicht den besten Ruf genießt. Die Feste romane sind hier eine farbiges, detailreiches und mitreißendes Spektakel, fernab von jeglicher Routine und Oberflächlichkeit.

    Pardon, Pierre Boulez hatte ich unachtsamerweise der falschen Kategorie zugeschanzt. :whistling:


    Diese Verfehlung schmälert aber den Kern meiner Aussage nur marginal, das müßige Aufrechnen einer unwiederholbaren Vergangenheit gegen das Hier und Heute.

    Obgleich ich mir nicht anmaße, besonders kundig in Sachen Wagner zu sein, glaube ich ehrlich gesagt kaum, dass Thielemanns Interpretationen wirklich 'weit entfernt von den ganz großen Ring-Dirigenten' sind.
    Gesunde Skepsis gegenüber dem Urteil der Masse (im Falle von Wagners Musik freilich ohnehin ein gewählterer Kreis) ist mir durchaus zu eigen, aber die Einhelligkeit, mit der ihn mitunter selbst jene, die etwa seine Deutungen der Wiener Klassik arg kritisieren, als DEN Wagnerdirigenten unserer Zeit bezeichnen, ist wohl kaum wegzuleugnen und sicher nicht nur ein Ausbund kollektiver Unkenntnis.


    Ob man Thielemanns Tempi bzw. deren oft enorme Varianz schätzt, ist mitunter durchaus Geschmackssache, ich persönlich mag dieses kraftvolle, intuitive Akzentuieren, diesen euphorisierenden Impetus sehr gerne. Dass Thielemann allerdings auffallend oft Details überspielt, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, mein Eindruck - ich weiß nicht mehr genau, welcher der Ringe es war - war genau gegenteilig, dies deckt sich auch mit meinen zahlreichen Liveerlebnissen in München.


    Angesichts einer fast achtzigjährigen Tradition von Tondokumenten ist es nahezu unvermeidbar, dass sich Thielemann einer mächtigen, wenn nicht übermächtigen Konkurrenz gegenübersteht. Vor diesem Hintergrund, das sehe ich auch so, relativiert sich die Qualität seiner Dirigate natürlich.
    Allein - es geht ja um Wagnerinterpretation im Jetzt, alljährlich in Bayreuth. Und hier sehe ich persönlich, subjektiv ebenso wie zahlreiche, wesentlich versiertere Wagnerianer Thielemann als weitgehend konkurrenzlos an.


    Ein Blick auf obenstehende Liste überzeugender Ringe offenbart, dass es vor dem Hintergrund der HEUTIGEN Riege hervorragender Wagnerdirigenten mangels Altenrnativen nicht besonders zweckdienlich, Thielemann abzukanzeln. Denn abgesehen vom Maazel weilt keiner der Genannten mehr unter den Lebenden.

    Neuer Versuch mit der Sechsten:


    Bei mir auch gerade! 8o



    NYP, Bernstein


    Allerdings kein Versuch...


    Super! Bernstein gelingt das Werk einfach großartig, die Herdenglockenstelle im Andante (an dritter Stelle, die einzig richtige Satzreihenfolge!!!) ist bei Bernstein ein wundervolles, emphatisches Naturerlebnis, auch klanglich vollendet und schlüssig präsentiert.

    Heute vormittag, inspiriert durch das herrliche Frühlingswetter am Rhein:
    Robert Schumann: Sinfonie Nr. 1 B-Dur
    Leonard Bernstein und die Wiener Philharmoniker. Die nicht unbedingt naheliegende Kombination von Wiener Tradition mit Bernsteinscher Genialität hat so oft zu überwältigenden Resultaten geführt, so auch hier.


    Bernsteins Wiener Schumann ist durchwegs großartig, bei den Symphonien 2-4 gibt es jedoch stets noch die eine oder andere Aufnahme, die ich vorziehe.
    Die Frühlingssymphonie ist jedoch derart vortrefflich, dass ich sie als einsame Referenz ansehe. Die Tempi sind, im Gegensatz zu vielen anderen späten Bernstein-Aufnahmen keineswegs ausgefallen, die Gestaltung ansonsten kraftvoll und hochspannend. Die herben Bläserakkorde der Einleitung des Kopsatzes sind unerreicht und klingen in ihrer Schroffheit auch erst mal gar nicht so nach Wiener Philharmoniker.

    Es ist schon richig, dass die Klassikauswahl in den Elektronikfachmärkten sehr dürftig ist. Ausnahmen stellen da nur Filialen in den Großstädten dar, so etwa in München, wo vor ein paar Jahren eine durchdesignte KlassikJazzLounge im Saturn eingerichtet wurde.
    Man hat wohl versucht, der Klassikabteilung bei Beck irgendwie Paroli zu bieten, denn ein lukrativer Markt ist hier mehr als offensichtlich vorhanden.


    Aber ich fürchte, abseits der wichtigen Kunst- und Musikstädte ist die Nachfrage so gering, dass es sich nicht lohnt, ein entsprechend breitgefächertes Angebot vorzuhalten, ist dieses jedoch nicht vorhanden, so ist der Laden für die einigen wenigen Musikkenner natürlich uninteressant, eine weitere Angebotsreduzierung die Folge.
    Und dass ein Unternehmen, welches mit sinnfreien Slogans wie 'Geil ist geil' oder 'Soo! muss Technik' in Erscheinung tritt, nicht gerade als selbstloser Wahrer der schönen Künste handeln dürfte, bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung

    Und diese Sammler wollen natürlich INIVIDUELLE Deutungen hören - die "überinterpretation" ist ein Kind der Tonträgerindustrie......


    Der subjektiv-geniale Dirigent, der Künstlerheros als Produkt nüchternen materiellen Gewinnstrebens?


    Eine entsetzliche Vorstellung, die ich als naiver Idealist (freilich nur in Kunstfragen ;) ) brüsk zurückweisen muss.
    Allein, welcher Künstler arbeitet schon einzig aus Idealismus - vermutlich hat auch Canova seine drei Schönen nur deshalb aus dem harten Marmor geschaffen (und das gleich zweimal... 8| ), weil er gutes Geld dafür bekam.
    Aber der polarisierende Orchesterleiter ist nicht erst eine Erfindung der Tonträgerindustrie. Schon vor Beginn der Tonaufzeichnungen lockten gefeierte Dirigenten (es gab da mal einen, ich glaube er hieß Mahler, oder so ähnlich) das Publikum durch ihre außergewöhnlichen interpretatorischen Fähigkeiten.
    Kunst lebt immer auch von der Begeisterung der Rezipienten, sei diese nun eher intellektueller oder emotionaler Art, und das Außergewöhnliche ist gemeinhin mehr im Stande, diese Begeisterung zu evozieren als das Gewohnte.


    Der bescheiden im Hintergrund agierende Dirigent ist leider, leider nur sehr eingeschränkt begeisterungsfähig.


    Kannst Du zwecks Vergleich Abbado-Karajan ein Stück vorschlagen, bei dem man anhand der Probehäppchen auf jpc zu Erkenntnissen kommen kann?
    :hello:


    Warum denn um alles in der Welt Abbado und Karajan? Die würde ich weder in einen Topf werfen noch als Antagonisten ansehen.
    Aber Abbado und Gardiner kann durchaus erhellend sein, man vergleiche den Kopfsatz der Pastorale. Hier liegen nicht nur beim Tempo Welten dazwischen. Abbado präsentiert sich hier durchaus eher als Emotionsmusiker, der bestimmten Aspekten im Werk nachspürt, die so nicht explizit in der Partitur stehen. Gardiner hingegen mit mustergültiger Strenge: