Beiträge von Christian Biskup

    Schön, dass ihr ein so zufriedenstellendes Konzert erlebt hat. Besonders gut, da Frau Schirmer offenbar die Kurve gekriegt hat. Ich erinnere mich, dasselbe Klavierkonzert mit ihr einmal in Braunschweig gehört zu haben, und dass sowohl einige Musiker des Orchesters als auch ich entsetzt über ihre Schludrigkeit waren - es funktionierte einfach zu wenig. Seitdem habe ich die Pianistin, die doch schon öfter auch mal in der Region auftritt bewusst gemieden. Vielleicht ist es Zeit für einen neuen Versuch...


    LG
    Christian

    Liebe Taminos,

    Zitat

    von Joseph II.

    Alfvén gilt wohl zurecht als der bedeutendste schwedische Komponist neben Franz Berwald und auf alle Fälle als der wichtigste der Spätromantik in Schweden

    ist dies wirklich so? Als ich in Schweden war, hatte ich vielmehr den Eindruck, dass Wilhelm Stenhammar als bedeutendster Komponist angesehen wird. Am beliebtesten ist Peterson-Berger, am unbeliebtesten wohl Atterberg aufgrund seiner deutschen Vergangenheit.

    Aber von der schwedischen Einstellung abgesehen, so mochte ich am Anfang die Musik Alfvéns sehr gerne und hielt ihn ebenfalls für das Größte, was Schweden in der Romantik hervorgebracht hat. Heute ist dies ein wenig anders. Wenn ich seine Sinfonien höre, habe ich immer das Gefühl, dass es ihm nicht gelingt seine Themen sinnvoll zu verarbeiten. Formal scheint mir alles eher rhapsodisch angelegt zu sein, seine zweite Sinfonie ist da ein wenig die Ausnahme, die ich anlässlich des Threads noch einmal gehört habe (dazu später nochmal). Ansonsten gleicht er natürlich so manches Defizit - besonders in der 5 - durch eine geniale Instrumentation aus, wenn die Inspiration nachlässt. Nichtsdestotrotz ein sicher sehr hörenswerter Komponist.


    Die zweite Sinfonie habe ich mir gestern unter Swetlanow angehört und war von der Sinfonie mehr angetan als erwartet. Sie war immer die Sinfonie, die ich am wenigsten von Alfvén mochte. Besser als Neeme Järvis, ist die Aufnahme alle Mal, aber von meiner anfänglichen Järvi-Begeisterung bin ich nach wenigen Alternativaufnahmen mittlerweile abgerückt. Tatsächlich eine sehr wuchtige und gewaltig-mitreißende Interpretation! Auf jeden Fall besser als die Schärensage unter seiner Leitung, die ich für vollkommen missglückt halte (ich weiß, dass Du Joseph II. diese sehr gerne hast!). Den Bergakungen kenne ich noch nicht unter seiner Leitung - auch ein sehr lohnenswertes Werk, welches Alfvén neben seiner 4. Sinfonie für seine Hauptwerke hielt!


    LG
    Christian

    Lieber Joseph II.,


    schön, dass mal wieder ein recht unbekannter skandinavischer Meister einen Thread hier bekommt. Von Sigurd Lie habe ich ein paar Klavierstücke in meiner nordischen Notensammlung, die mir allerdings nicht nahe gelegt haben, mich weiter mit dem Komponisten zu beschäftigen. Sehr interessant fand ich die Biografie - vielen Dank dafür. Solch tragisch jung gestorbene Musiker finde ich - warum auch immer?! - interessant und ich habe mir heute die Sinfonie sowie das Konzertstück für Violine angehört. Letzteres hat einen sehr melancholischen Ton, lässt im Mittelteil aber typisch nordische Fiedler-Musik erklingen. Mir hat er sehr gut gefallen, obgleich ich sagen muss, die Konzertstücke von Ludolf Nielsen, Wilhelm Stenhammer und anderen Zeitgenossen sind schon deutlich interessanter.

    Die Sinfonie hinterließ bei mir keinen großen Eindruck, ich muss allerdings gestehen, dass ich sie neben der Uniarbeit gehört habe und ihr gewiss nicht mein ganzen Ohr geliehen habe. Das Finale machte auf mich einen stärkeren Eindruck, aber vielleicht magst Du auch etwas zu Deinen Eindrücken schreiben?


    Beste Grüße

    Christian

    Lieber Stimmenliebhaber!

    An dieser Stelle einen herzlichen Dank für Deine Beiträge hier im Thread - für mich das lesenswerteste, was es seit langem hier im Forum gab. Bei allen Dingen, die man eventuell gegen Dich einbringen kann, solche Beiträge zeigen, weshalb Du dem Forum unersätzlich bist. Ich jedenfalls habe durch die Ausführungen sehr viel über Stimmen gelernt.

    Es würde mich jedoch interessieren, was Du zu diesem hier sagst, sicher keine optimale Aufnahme, aber vielleicht magst Du ja trotzdem. Der Anfang wird Dir wahrscheinlich jedoch missfallen...


    LG
    Christian

    Lieber Rheingold,


    Tata:

    Zitat


    Dann noch eine Frage für die Experten: Sowohl in der großen Winifred Wagner Biografie von B. Hamann, der Siegfried Wagner Biografie von Pachl als auch in der (m.E. beschämend unseriösen) Winifred-Wagner Biografie von Schertz-Parey wird das Verhältnis von Winifred Wagner zu den Werken Siegfrieds thematisiert. Im letztgenannten wird das Aufführungsverbot der Wagner-Werke durch Winifred kurz durch den Spruch "besser keine Aufführungen als schlechte" abgetan. Da das Buch jedoch alles im Zusammenhang Siegfried-Winifred beschönigt (seine Homosexualität wird mit keinem Wort erwähnt), frage ich mich weshalb es wirklich diese Zurückhaltung Winifreds gab. Weiß da jemand (z.B. Rheingold ;) ) etwas?


    LG
    Christian

    Lieber Fiesco,


    zugegeben - auch wenn ich Stimmenliebhaber nicht immer zustimme - genau das war auch mein Gedanke als ich Dein Posting las. Wenn man ein Komponistenjubiläum begeht, sollte man dies an der Musik des Jubilares tun. Allerdings halte ich die hier gestelle Auswahl wenig dem Komponisten gerecht - Ich habe mich seit dem letzten Jahr sehr intensiv mit Siegfried Wagner auseinandergesetzt - abgesehen von seiner persönlichen Geschichte, die ich hochinteressant finde, schätze ich auch seine Musik immer mehr, allerdings halte ich seine sinfonischen Dichtungen für sehr unbedeutend und wenig inspiriert.

    Die Siegfried Wagner Gesellschaft, deren Mitglied ich auch geworden bin, bietet in diesem Jahr zahlreiche Veranstaltungen an - von Konzerten in der Berliner Philharmonie bis hin zur Opernaufführung in Bayreuth - ein Blick lohnt auf diese Seite.

    Besonders gerne mag ich die Ouvertüre zu "Bruder Lustig" sowie die Ouvertüre zu "Das Flüchlein, dass jeder mitbekam". Wer sich für eine komplette Oper interessiert, dem sei Sonnenflammen nahe gelegt - eine Oper zwischen Fin de siecle, derber Volkstümlichkeit und auch ein wenig Richard Wagner schwingt da mit - eine gute Mischung!

    LG
    Christian

    Liebe Taminos,


    nachdem ich nun von dem beglückenden Hannoveraner Schreker-Erlebnis berichtete, wollte ich mir heute mal die Schatzgräber anhören. Neben Christophorus, die Oper Schrekers, die ich noch nicht durchgehört habe. Ich besitze die alte Albrecht-Aufnahme, musste aber schon nach 8 Tracks aufhören - die Tonqualität ist ja zum Grausen. Vom Orchester hört man fast nix, Els ist so hallig...es ging gar nicht, zumal ich den Klavierauszug mitgelesen habe und bereits hier zig Seiten gestrichen wurden.


    Kennt jemand von euch die neue Albrecht Aufnahme? Lohnen sich die knapp 40€ auszugeben? Hier der Link zu JPC:


    Beste Grüße

    Christian

    Lieber Bertario!

    Das ist ja eine erfreuliche Nachricht! Wenn Du magst treffen wir uns mal in der Pause! Die Lage des Hauses direkt am Bahnhof ist für mich als Wolfsburger auch ideal. Den Zug um 22.48 schaffte ich bisher immer!

    Auch Dir Amfortas vielen Dank für die Antwort! Das Stück an sich ist ja auch nicht kurz, allerdings wirkten die Cuts doch sehr organisch, zumindest ist mir kein harter Schnitt aufgefallen. Ist der Mitschnitt aus dem Opernhaus noch irgendwo abrufbar?


    Beste Grüße

    Christian

    Liebe Taminos,


    vielen Dank für Eure zahlreichen Antworten auf meine Rezension! Vielen Dank besonders an Caruso, Deine ausführliche Antwort hat mich gefreut. Deine Meinung schätze ich stets sehr und es freut mich, dass wir zu dem gleichen Eindruck gekommen sind. Zu Karine Babajanyan - ob mich die Schärfen der Stimme wirklich störten, kann ich nicht mal sagen, weshalb ich dies auch oben unkommentiert gelassen habe. Der Gesamteindruck war ja besonders durch die durchgehend wirklich hoch zu wertenden Sängerleistungen und dem Orchester geprägt, weshalb es mir fern lag sie in irgendeiner Weise musikalisch zu kritisieren. Da es meine bereits zweite besuchte Vorstellung war, habe ich auch den Bariton aus Hawaii gehört. Deine Erleben seiner Gestaltung kann ich auch nur zustimmung - er strotzte wahrlich vor Männlichkeit, darstellerisch als auch stimmlich.

    @ Amfortas - was wurde den außer dem Chorauftritt des 3. Akten gestrichen? Mehr ist mir nicht aufgefallen...aber so gut kenne ich das Werk nun auch nicht.

    Holger - wenn Du es einrichten kannst, besuche diese Vorstellung. Ich habe ein paar Aufnahmen vom Werk und kein Alviano kommt an die Darstellung Künzlis ran!


    Vielen Dank auch an die anderen Schreiber und beste Grüße! Ich freue mich auf die nächste Aufführung am kommenden Sonntag!
    LG
    Christian

    Liebe Taminos,


    nachdem ich letztes Jahr spontan zum ersten Mal an der Staatsoper zu einem Tristan zu Gast war, bin ich mittlerweile Stammgast an dem Haus geworden. Soeben komme ich von der bereits zweiten besuchten Vorstellung von Franz Schrekers "Die Gezeichneten" zurück. Schon beim ersten Besuch war ich sehr begeistert, und auch heute erlebte ich einen rundum beglückenden Opernabend.

    Franz Schrekers "Die Gezeichneten" nach einem eigenen Libretto ist ein wahrhaft packender Operthriller, psychologisch höchst interessant zu lesen, dramatisch packend und nicht zuletzt auch textlich mit Poesie und starker Symbolik gespickt! Stark wie das Textbuch ist auch die Musik, die ich ungemein faszinierend finde. Diese schillernden Klangteppiche, die eruptiven Ausbrüche des Orchesters, die feingewebte Motivik aber auch die unmotivierten Harmonierückungen rühren die Affekte des Zuhörers schon sehr stark an. Mir hat es wieder sehr viel Spaß gemacht diesem gewaltigen Farbenreichtum und der leidenschaftlichen Melodik zu folgen. Die enorme Sogwirkung, die schon das geniale Vorspiel mit sich bringt, setzt sich bis zum grausamen letzten Orchesterausbruch fort - Spannung von Anfang bis Ende.

    Dies ist besonders dem sehr versierten Dirigenten Mark Rohde zu verdanken, der das Orchester sehr gut zügeln, genauso aus ausbrechen lassen konnte. Es ist schon erstaunlich, wie transparent teilweise kleinste Motive in der Riesenbesetzung (Holz mind. 3fach + 6 Hörner + 6 Schlagzeuger + Pauke) durchhörbar waren, wie gut die Kommunikation zwischen Bühne und Orchester verlief, wie sehr er auch die Musik im Textbezug zu gestalten wusste. Obgleich die Sänger beste Arbeit lieferten, war es Mark Rohde und das Orchester die den größten Beifall des Publikums erhielten!

    Als Alviano Salvago stand der Haustenor Robert Künzli, den ich schon als Tristan begeistert erleben durfte, zur Verfügung. Seine Darstellung des sich selbsthassenden Krüppels kann nur als genial bezeichnet werden. Wie er mit den Krücken über den als Hügel angelegten Bühnenboden wackelte, wie er seine Mimik ganz der Rolle unterwarf, die Darstellung der Inneren Zerrissenheit - das Rollenportrait war ungemein intensiv und absolut glaubhaft. Gesanglich ist diese eher für Sprechgesang angelegte Rolle natürlich etwas undankbar, jedoch konnte er in den lyrischen Floskeln (z.B. Mein Eiland Elysium...) seine tenorale Glanzkraft bestens entfalten, wie er auch sonst hochexpressiv und höhensicher die Figur geradezu erschreckend authentisch wiedergab.

    Sein Konkurrent Tamare wurde heute von Brian Davis dargestellt. Stark kontrastierend legte er die Figur als agilen Macho an. Auch er war ein Sängerdarsteller wie er im Buche steht. Obwohl Jordan Shanahan, der die Rolle in den ersten beiden Vorstellungen verkörperte, einen noch eindrücklichen Eindruck machte, so strotzte auch Davis von Männlichkeit, posierte wo es nur ging selbstverliebt auf der Bühne umher. Auch er stellte den gesanglichen Schönklang zugunsten der Expressivität etwas zurück, und konnte besonders durch seine exaltierte Darstellung des Schlussauftrittes überzeugen. Manchmal ging sein doch nicht vollends durchdringender Bariton jedoch im Orchester unter, was den anderen Sängern nicht passierte.

    Als Objekt der Begierde, Carlotta, agierte die armenische Sopranistin Karine Babajanyan. Babajanyan verfügt über eine vollmundig-wohlklingende Tiefe, wird jedoch in der Mittellage und Höhe schnell etwas scharf im Klang. Auch ihr gelang ein überzeugendes Rollenporträit, wobei sie gesanglich besonders im zweiten Akt, in der Liebesszene zwischen ihr und Alviano mit sanft-lyrischen Ausdruck überzeugen konnte. Darstellerisch blieb sie jedoch eher statisch, was aber evtl. auch an der Konzentration auf den Konflikt zwischen Alviano und Tamare gelegen haben könnte.

    Als Antonio Adorno war Stefan Adam mit vollem Bariton dabei. Obgleich Adam über eine Stimme verfügt, die einem Herrscher würdig ist, so gilt's hier wie beim Tristan - mir persönlich scheint, dass er sie zu grob und unkultiviert einsetzt. Anders Tobias Schabel als Podesta. Sein sonorer Bass wird sehr differenziert geführt - es ist bedauerlich, dass er dem neuen Ensemble der kommenden Spielzeit weichen muss.

    Alle weiteren Partien waren sehr adäquat aus dem Ensemble und Chor besetzt. Besonders die adligen Herren konnten als gut aufeinander abgestimmtes Ensemble punkten. Der Opernchor für den dritten Akt war bestens disponiert und in der Anklageszene erstaunlich wortklar wie perfekt zusammen!


    Die Inszenierung von Johannes von Matuschka mit Bühnenbild von Christof Hetzer erinnert in seiner Kargheit schon etwas an Neu-Bayreuther-Inszenierungen. Mittelpunkt der Bühne bildet ein Hügel, der je nach Bild mit einer Raumandeutung (Akt 1), einem riesigen Keilrahmen (Akt 2) oder einer Deckenöffnung samt ausströhmenden Nebel und Licht (Akt 3) versehen ist. Die Inszenierung in sich wirkt sehr stimmig. Matuschka konzentriert die Handlung auf das Verhältnis Alviano-Tamare, wobei Tamare als sein Gegenssatz und Idealbild (Hässlich/schön, Selbsthass/Selbstverliebt) als innerer Teil von ihm, ihn in verschiedenen Situationen, so in der Malstube Carlottas stumm begleitet. Besonders der dritte Akt gelingt Matuschka bestens. Aus dem Bühnenraum strömt das Volk Genuas auf das Eiland Elysium, d.h. unter die Öffnung. Sie atmen die betörenden Düfte der Sommernacht, wunderliche Lichter und räkeln sich leicht rhythmisiert zu einem großen Chor zusammen, die Sommernacht preisend. Das Zwischenspiel zum letzten Bild wird als Bühnenorgie und Horrorszenario Alvianos inszeniert. Mehrere stilisierte Carlottas treten auf, alle werden sie von den Adligen misshandelt - ein starkes Bild und gar nicht so aufreizend (wer weiß, was Bieito daraus gemacht hätte witzelt ein Rezensent...). Zum Schluss tanzt Alviano, verrückt den Hügel hinunter.


    Liebe Taminos, ich denke man merkt, dass ich einen sehr beglückenden, intensiven Opernabend hatte. Die Ohrwürmer flimmern noch ein wenig nach, und ich freue mich, dass ich nächsten Sonntag das Werk noch einmal erleben darf! Ich kann einen Besuch nur empfehlen!


    Beste Grüße und gute Nacht!

    Christian

    Wenn das Aida-Bühnenbild schon reicht um die Herzen höher schlagen zu lassen, so möchte ich euch auf die La Boheme Produktion in Braunschweig hinweisen. Sie wird im November wiederaufgenommen. Die Inszenierung ist herrlich, weshalb ich - und das ist ein Unikum in Braunschweig, da meist ziemlich leer - erst für überhaupt eine Vorstellung eine Karte in der Spielzeit 2018/2019 erhalten habe

    https://www.youtube.com/watch?v=9FWQ0JsARoU

    LG
    Christian

    Liebe Taminos,


    wie vor einiger Zeit angekündigt, zog es mich Anfang der Woche nach Dänemark, um dem Gastspiel der "Den Jyske Opera" in der alten Oper Kopenhagen beizuwohnen. Sowohl am Dienstag 12.03 als auch am Mittwoch 13.03 wurde das erste Stück der "Dänischen Serie" vorgestellt - August Enna's dreiaktige Oper "Kleopatra" von 1894. Opernintendant Philipp Kochheim hat schon in Braunschweig einen guten Riecher für vergessene Stücke gehabt (z.B. Hubay - Anna Karenina, Atterberg - Aladdin), und umso erfreulicher ist es, dass er seine Ausgrabungsserie in Aarhus fortsetzt. Mit Ennas Kleopatra hat er einen richtigen Glückgriff gelandet, wie auch die dänischen Zeitungen berichten. Enna war einst einer der berühmtesten Komponisten Dänemarks. Seine Werke wurden im ganzen Europäischen Raum gespielt, sogar in Amerika. Neben der Oper Heksen, war es Kleopatra, die ihn berühmt gemacht hat.

    Die Handlung kurz: Harmaki wird von der Sklavin Charmion, sowie seinem Vater Sepa dazu gedrängt das ägyptische Volk vom griechischen Einfluss zu befreien - kurz: Kleopatra soll sterben. Er erliegt aber ihrem Charm und sie verlieben sich ineinander. Charmion liebt jedoch auch Harmaki. Als diese die Liebschaft zwischen Kleopatra und Harmaki entdeckt, verrät sie Kleopatra von Harmakis Mordabsichten, welcher daraufhin verhaftet wird. Er bringt sich dabei um, Kleopatra siegt.

    Das Libretto von Einar Christiansen ist alles, aber kein großer Wurf. Es wird einseitig erzählt und das Publikum machte sich schon nach wenigen Wörtern über die Sprache lustig. Dennoch wurde der Abend ein voller Erfolg - was zum einen an der gesanglichen Leistung lag, zum größten Teil jedoch an Ennas Musik.

    Eine große Stärke der durchkomponierten Oper ist der natürliche Fluss der Melodien, die durchweg ungemein funkelnde Orchestrierung, die dankbare Führung der Gesanglinien. Obgleich Wagner Einfluss unverkennbar ist, so lässt auch Puccini teils stark grüßen, obgleich Enna wohl kaum seine Musik kannte. Im großen und ganzen ist die Musik jedoch eines - originell und nicht wirklich vergleichbar. Zu den großen Momenten gehört die Arie der Charmion im ersten Akt

    , Kleopatras erster Auftritt, sowie das Finale des ersten Aktes. Wenn auch das meiste dem Schönklang geweiht ist, dass man am Ende etwas überzuckert aus der Vorstellung geht, so gelingt im Finale des zweiten Aktes eine dramatische Sogkraft, die in dissonanten Blechattacken endet. Anders als erwartet, gibt die Oper nur wenig Platz für Exotismus. Lediglich die Balletmusik im dritten Akt hat einen exotischen Teint. Leider wurde die Ouvertüre nicht gespielt.

    Da bei beiden Aufführungen verschiedene Sänger mitwirken, möchte ich die Darsteller der zweiten, deutlich besseren Vorstellung vorstellen. Als Kleopatra stand die dänische Sopranistin Elsebeth Dreisig zur Verfügung. Sie konnte sowohl durch ihr ausdrucksstarkes Spiel, als auch durch eine in allen Lagen sichere Stimme beeindrucken. Obgleich sie m.E. über keine besondere Klangfarbe verfügt, so konnte sie sowohl die verschiedenen Ausdrucksregister bestens bedienen - sowohl die würdevolle Königen, die Verführerin, aber auch die hochdramatische Rolle stellte sie stimmlich glaubhaft dar. Ebenso gelang es Magnus Vigilius als Harmaki. Sein strahlender Heldentenor, sowie seine ungemein lebhafte Darstellung machten ihn zum Publikumsliebling des Abends. Der Sepa von Lars Møllers war nicht weniger eindrucksvoll. Sein in Tiefe und Höhe volltönender Bariton besaß die richtige Größe, um die Rolle des Anstachlers zum Königinnenmord voll auszufüllen. Bei der Gefangennahme am Schluss, konnten auch seine gebrochenen Töne sehr überzeugen. Der einzige Wehrmutstropfen war die Charmion von Ruslana Koval. Zwar verfügte sie über eine strahlende Stimme, jedoch war sie der dänischen Sprache nicht im geringen gewachsen. Selbst mein dänisch ist dänischer...und das heißt schon was. Da war Tanja Kuhn aus der ersten Vorstellung viel überzeugender. Ihr samtig weicher Sopran hatte eine ungemeine Strahlkraft, der auf dem verlinkten Ausschnitt leider nicht so wahrnehmbar ist, wie es live war.

    Auch der Chor der Den Jyske Opera konnte überzeugen, besonders die Männer im Vorspiel. Als sie den Tempelgesang "Hathor, heilige Hathor" anstimmten, lief es einem eiskalt den Rücken runter! Und wie schon in Schweden, bin ich überrascht über welch tollen Sänger hier selbst die kleineren Häuser verfügen. Wie ich hörte, schaffen sie es oft nicht in unsere Lagen, da das Lohnniveau- und damit die Lohnforderung - in skandinavien deutlich höher ist als hier. Schade.

    Begleitet wurde das Ensemble durch die Copenhagen Phil unter der Leitung von Joachim Gustafsson. Obgleich das Orchester manchmal etwas roh und undifferenziert musizierte, so brachten sie doch die Partitur zum Funkeln. Die Tempi waren eher flott, wenn nötig jedoch auch sehr weihevoll - einen Vergleich habe ich ja nicht. Im Parkett schien das Orchester oft etwas zu laut, im 4. Rang wirkte es hingegen als würden die Sänger geradezu getragen.

    Die Inszenierung von Ben Bauer, der in Braunschweig gerade eine wunderbar werktreue, sehr poetische Boheme inszenierte, war schlichtweg langweilig. Die Bühne zeigte einen runden, tempelartigen Saal. Dieser wird jedoch oft nur zum Rampensingen benutzt, Tempo kommt selten auf, aber schön anzusehen wars. Die Kostüme hatten durchaus ägyptischen Touch und die Lichtregie unstrich die Atmosphäre der jeweiligen Situationen bestens. Das Ballet wurde leider getanzt...von einer Mumie, die wild mit den Armen durch die Gegend schlackert und anschließend Kleopatra oral verwöhnt...

    Insgesamt hatte ich einen tollen Opernabend, den ich mit der Hoffnung verbinde, dass das Werk nicht wieder für knapp 100 Jahre von der Bühne verschwindet.

    LG
    Christian

    Verrückt, erst gestern habe ich nach Julius Bittner hier im Forum gesucht und den verwaisten Thread gefunden. Im Theater wo ich arbeite wird nun nach 300 Jahren endlich das Opern- und Konzertmaterial richtig katalogisiert. Von Bittner war nur Opernmaterial zu "Der Musikant" und seinem Opernhit "Das höllische Gold". Ich habe mal in einen Klavierauszug reingespielt - das ist tolle Musik wie auch ein Youtube-Schnipsel unter Erich Kleiber zeigt. Den Bergsee habe ich auch in der Sammlung und lässt musikalisch wie Joseph II. sagt wahrlich auch aufhören - natürlich sehr wagnerisch...aber wer ist das nach Wagner nicht?

    Die Aufnahme der Sinfonie werde ich bestellen - eine sehr interessante und lobenswerte Ausgrabung!

    LG

    Christian

    Liebe Taminos,


    die Semesterferien haben begonnen und vielleicht schaffe ich es nun auch mal wieder öfter hier im Forum aktiv zu sein. Dieser Thread, einst von mir gestartet, liegt seit einiger Zeit brach. Und wie es manchmal so ist - den ersten freien Tag habe ich heute zum Hören genutzt. Im Player lag heute das Klavierkonzert in Cis-Dur vom Schweden Natanael Berg, ein Komponist, der von mir hier im Forum schon viel Kritik erfahren mussten.

    Zuerst zum Werk: Natanael Berg schrieb das Werk 1931, 1932 wurde es von der französischen Pianistin Nathalie Radisse in der Stockholmer Konzertvereinigung unter dem Dirigenten Adolf Wiklund uraufgeführt und wurde von der Pianistin auch in Frankreich nachgespielt, was einem Klavierprofessor zu der Äußerung hinriss, dass das Konzert in einer Klasse mit dem neusten von Ravel sei. Pierre Monteux hingegen meinte, es sei zu unmodern für das Spielplan des Orchestre Symphonique de Paris.

    Das Werk hat einen mit rund 14 min Spielzeit (gegenüber 5min/4min/9min in den anderen Sätzen), sehr groß dimensionierten Kopfsatz "Andante-Allegro energico-Andante, quasi fantasia". Dieser hat es aber auch in sich und ist meiner Meinung nach der stärkste Satz des Konzertes. Er wirkt sehr rhapsodisch, allerdings findet Berg doch immer wieder thematische Zusammenhänge, die Verbindungen schaffen. Zeitweise gibt es wirklich großartig komponierte Holzbläser-Klavier-Dialoge voller Poesi und Ausdruckskraft. Die Stimmung ist irgendwo zwischen meditativ-religiös und kraftvoll-entschieden, jedoch im Grunde sehr nach innen gekehrt. Plakative, ordinär laute Momente findet man gar nicht - alles ist sehr elegant gelöst. Dies zieht sich durch die weiteren nicht minder hörenswerten Sätze "Andante, quasi lento" und "Andante con moto". Der letzte Satz, ein "Allegro" ist das Gegenteil des monumentalen Finales seines Freudes und Kompositionskollegen Kurt Atterberg. Berg schreibt einen verspielten, niemals aufdringlichen Finalsatz, der das Konzert mit einer dezenten humoristischen Note beendet.

    Der Klavierpart scheint mir sehr anspruchsvoll, ist aber wie das ganze Konzert nicht auf äußeren Effekt ausgerichtet. Besonders hevorhebenswert ist das breite Thema des ersten Satzes.

    Die meines Wissens einzige Aufnahme stammt aus dem Label Sterling. Jacob Moscovitz spielt mit dem Swedish Radio Symphony Orchestra unter Leitung von Stig Westerberg, was sie sehr gut machen. Die Tonqualität ist auch ganz passabel, nicht erste Sahne, aber bei Sterling habe ich schon viel schlimmeres gehört. Meine Empfehlung gibt es! Die Aufnahme ist bei JPC momentan auf 7,99€ reduziert.


    LG
    Christian

    Liebe Taminos,


    auch ich möchte hier auf zwei Raritäten hinweisen, deren Aufführungen ich besuchen werde.

    Das dänische Opernhaus "Den Jyske Opera" startet eine Reihe mit Opern dänischer Komponisten - dies ist etwas ganz besonderes, werden doch dänische Werke selbst in Dänemark so gut wie nie gespielt. Die Reihe beginnt mit August Ennas "Cleopatra". Enna war seinerzeit der erfolgreichste Opernkomponist Dänemarks und wurde sogar in Deutschland viel gespielt. Man kennt vielleicht seine wirklich schöne Kurzoper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" oder von einer deutschen Aufführung seine "Heiße Liebe". Nun wird die Cleopatra wiederentdeckt und in insgesamt 9 Orten in Dänemark aufgeführt. Premiere hat das Stück am 1. März in Aarhus. Die Tournee geht weiter nach Kopenhagen, Hilleröd, Albertslund, Sönderburg, Esbjerg, Flensburg, Vejle und Odense. Ich werde wahrscheinlich die Aufführung in Kopenhagen besuchen. Weitere Infos: https://jyske-opera.dk/kalender/kleopatra

    Für die nächste Saison ist Paul von Klenaus Michael Kohlhaas nach Kleists Vorlage angekündigt! Ich bin sehr gespannt!


    Dieses Jahr ist zudem der 150. Geburtstag Siegfried Wagners zu feiern. Aus diesem Grund veranstaltet die Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft drei Festaufführungen zur Festspielzeit. So wird seine Märchenoper "An allem ist Hütchen Schuld" am 9. und 10. August aufgeführt. Ein Konzert am 17. August ist seiner Sinfonie sowie seinem Violinkonzert gewidmet. Die Oper "An allem ist Hütchen-Schuld" ist eine Märchencollage, insgesamt 40 Märchen verwebt Wagner als sein eigener Librettist zusammen und tritt sogar als Figur selbst in der Oper auf. Ich bin sehr gespannt auf die Aufführung, werde aber nur die Darbietung am 9. August besuchen. Zeitgleich ist eine Ausstellung im Alten Schloss. Vielleicht mag ja der ein oder andere dem Werk die Gunst erweisen, wenn er eh schon in Bayreuth ist. Weitere Infos: http://www.siegfried-wagner.org/html/termine2019.html


    Beste Grüße
    Christian

    Liebe Taminos,


    heute war ich nun ein zweites Mal in Hannover um die letzte Vorstellung dieser Spielzeit noch zu erleben. Die Vorstellung war nahezu ausverkauft und der Jubel für das Sängerteam und Orchester erneut ohrenbetäubend.

    Ich kann nur wiederholen auf welch hohem Niveau diese Aufführung war. Kelly God als Isolde war wieder atemberaubend - welch eine Bühnenpräsenz und welch eine Intensität im Ausdruck. Tobias Schabels Marke war heute noch beeindruckender als bei der Premiere. Der Rest war gleichbleibend erfreulich. Leider fand jedoch eine Umbesetzung (Ersatz?) in der Rolle des Tristan statt. Statt des heldischen Robert Künzlis sang Bryan Register. Warum er so stark zum Schluss gefeiert wurde ist mir ein Rätsel. Wenn es auch zum Schluss besser wurde, war er eigentlich eine Zumutung. Bereits beim ersten Auftritt brach ihm mehrfach die Stimme weg, Ausdruck gabs da auch nicht, aber er fand im Laufe des Abends mehr und mehr seine Stimme wieder. Ich hätte nicht gedacht, dass er die große Szene im 3. Akt stemmen kann, aber er kam durch. So lasch wie der Gesang war leider auch sein Spiel....enttäuschend. Sein übermäßiges Vibrato führte manchmal gar zu ziegenartigen Tönen...naja.

    Das Orchester wurde diese Vorstellung nicht von Will Humburg geleitet. Statt seiner dirigierte Dirk Kaftan. Bis auf kurze Koordinationsschwierigkeiten zwischen Chor und Orchester zu Ende des ersten Aktes gelang ihm ein ebenso furioser Abend wie Will Humburg, konnte dem Vorspiel zudem mehr dynamische Zugkraft verleihen als Humburg.

    Bis auf den Tenor war es also erneut ein beglückender Abend. Besonderes Lob gilt auch noch der hervorragenden Lichtregie - das Farbkonzept war m.E. vollkommen stimmig. Es bleibt zu hoffen, dass die Inszenierung zur kommenden Spielzeit wieder aufgenommen wird.

    LG und schöne Weihnachten!

    Christian

    Liebe Taminos,


    rund sieben Jahre ist es her, dass hier etwas zu Siegfried Wagner geschrieben wurde. Dies möchte ich ändern, denn seit geraumer Zeit fasziniert mich der Mensch und Komponist Siegfried Wagner immer mehr. Durch eine Hausarbeit über Richard Strauss Wirken und Ansehen in Bayreuth bin ich überhaupt erst auf Siegfried Wagner gestoßen. Die große Biografie von Peter P. Pachl ist sicher die umfangreichste und z.Z. beste Biografie auf dem Markt, obgleich sie mir doch auch beschönigend vorkam (davon abgesehen, dass er teils mit Horoskopen argumentiert...). Dennoch vermittelt sie ein großes Bild des Mannes, der es als Sohn Richard Wagners sicher schwerer hatte als manch anderer seiner Zeitgenossen.


    Als im August im Rahmen der Spielplanvorstellung zum Auftakt Siegfried Wagners Sonnenflammen Ouvertüre erklang, die vom Publikum auch sehr warm aufgenommen wurde, war auch mein musikalisches Interesse an ihm entdeckt und ich besorgte mir einige Opernaufnahmen sowie die komplette Aufnahme der Orchesterwerke von CPO. Mitlerweile bin ich auch Mitglied in der Siegfried-Wagner-Gesellschaft.

    Das, was man zu hören bekommt ist zu großen Teilen wirklich sehr interessant. Die Musik reicht von naiv-derber Volkstümlichkeit über schwelgende Romantik bis hin zu impressionistischen Ansätzen, teils (so in Sonnenflammen), scheinen auch Schreker und Mahler nicht ohne Einfluss gewesen sein. Dies alles ist m.E. eine reizvolle Kombination. Oft wird kritisiert, dass seine Musik zu wenig greifbare Themen hätte, ihr die richtige Konsistenz fehle. Die Kritik kann ich nachdem ich doch einige Werke jetzt gehört habe, nur wenig nachvollziehen. Wenn man sich das breite, herrliche zweite Thema der Sonnenflammenouvertüre, das Zwischenspiel Kupalo-Fest aus dem Heidenkönig oder die wirklich großartige Bruder Lustig Ouvertüre anhört, kann man schnell feststellen, dass Wagner nicht nur ein äußerst virtuoser Maler der Orchesterfarben war, sondern auch großes Talent in der Melodiefindung und in der Satzgestaltung hatte. Und trotz des Übervaters kann man Siegfried einen eigenen Stil nicht absprechen.

    Von der bisher gehörten Opern scheint mir Sonnenflammen von 1912 die stärkste zu sein. Hier ist die Fin de Siècle-Atmosphäre sehr deutlich spürbar, hier und da flimmert das Orchester wie bei Schreker und Wagner schreibt eine wirklich inspirierte Musik. Neben der Ouvertüre, die jedoch recht unfokussiert potpourriehaft die wichtigsten Themen des Stückes präsentiert, ist besonders der Sonnengesang der Iris hervorzuheben. Mir gefiel die Oper insgesamt gut, müsste sie aber nochmal hören für ein differenziertes Urteil. Ich glaube fast, dass sich die Schönheiten der Wagnerschen Musik nicht umbedingt beim ersten Hören komplett erschließen lassen.

    Vielleicht haben ja auch andere Taminos Erfahren mit Siegfried Wagner gemacht? Ich freue mich jedenfalls auf das Jubiläumsjahr 2019. In Bayreuth und Berlin wird es jeweils einen kompletten Siegfried Wagner Abend geben, in Bayreuth zusätzlich sein Oper "An allem ist Hütchen Schuld" - ich warte nur noch darauf, dass man Tickets ordern kann. Wann bekommt man sowas schon nochmal zu hören.


    Dann noch eine Frage für die Experten: Sowohl in der großen Winifred Wagner Biografie von B. Hamann, der Siegfried Wagner Biografie von Pachl als auch in der (m.E. beschämend unseriösen) Winifred-Wagner Biografie von Schertz-Parey wird das Verhältnis von Winifred Wagner zu den Werken Siegfrieds thematisiert. Im letztgenannten wird das Aufführungsverbot der Wagner-Werke durch Winifred kurz durch den Spruch "besser keine Aufführungen als schlechte" abgetan. Da das Buch jedoch alles im Zusammenhang Siegfried-Winifred beschönigt (seine Homosexualität wird mit keinem Wort erwähnt), frage ich mich weshalb es wirklich diese Zurückhaltung Winifreds gab. Weiß da jemand (z.B. Rheingold ;) ) etwas?

    LG
    Christian

    Hallo zusammen!

    Vielen Dank für eure positiven Reaktionen auf meinen kleinen Bericht. Besonders hat es mich gefreut, dass Du Amfortas zu einem gleichen Urteil über die Aufführung gekommen bist. Die Striche habe ich nicht bemerkt, aber so gut kenne ich den Tristan auch noch nicht. Ich muss mir mal den Klavierauszug vornehmen. Weshalb allerdings Hamburg im Titel steht ist mir ein Rätsel...vielleicht kann es ja jemand aus der Moderation ändern? Das wäre toll!

    Zur üblichen Regietheaterfrage...hmmm...bis auf das Bühnenbild und die Tänzer wurde wie gesagt sehr aus dem Libretto und der Musik heraus inszeniert. Ich kannsie wirklich nur empfehlen. An einem Sonntag werde ich nochmal hinfahren. Wenn kommendes Jahr Schrekers "Die Gezeichneten" gespielt wird, werde ich gewiss auch noch mehrfach dort Gast sein.

    LG
    Christian

    Liebe Taminos,


    eigentlich wollte ich am Sonntag eine Gastveranstaltung mit Gounods Faust im Wolfsburger Theater sehen, aber da diese ausfallen musste, bin ich kurzentschlossen in den Zug nach Hannover gestiegen, um die Premiere des Tristans dort zu erleben - mein erster Besuch in Hannover. Da ich erst im August den Tristan bei den Bayreuther Festspielen sah, konnte ich nun gut vergleichen - ein Vergleich der Zugunsten der Staatsoper ausfällt. Wie mir meine Sitznachbarin verriet, war die ganze Oper mit Ensemblemitglieder besetzt (habe dies nicht überprüft), was angesichts der Gesangleistung für ein qualitativ hochwertigen Haus spricht.


    Alle Figuren waren vorzüglich besetzt. Vom vielleicht etwas zu exaltierten Schöngesang des Steuermanns durch Byung Kweon Jun, zum mächtig auftrumpfenden Melot von Gihoon Kim, waren die kleinen Rollen bestens besetzt. Der Kurwenal von Stefan Adam war stimmmächtig, zu Beginn etwas undifferenziert und zu vulgär in der Ausgestaltung, jedoch vermochte er im letzten Akt an der Seite seines sterbenden Freundes doch zu rühren. Tobias Schabel als Marke war umwerfend. Anders als in Katharina Wagners Inszenierung, wird er nicht als diktatorischer Machthaber, sondern als gebrochener Mensch gezeichnet, der von der Untreue Tristans im Mark erschüttert ist. So trumpfte er stimmlich zwar mächtig auf, zog sich aber immer in einen gebrochenen Ausdruck zurück, der besonders im letzten Akt zu bedrückend leisen Tönen fand. Auch die beiden Hauptdarsteller reihen sich in die wirklich gute Qualität des Hauses ein. Robert Künzli, der als noch von einem Infekt kurierend angekündigt wurde, sprengte die Erwartungen. Sein eindrucksvoller Heldentenor, teils mit strahlender Kraft, konnte in allen Belangen überzeugen. In den trumpfenden Höhen setze er klug akzentuierten Ausbrüche, konnte aber auch in den breiteren Phrasen mit klaren Linien die lyrischen Elemente überzeugend darbringen. Die Diktion war hervorragend, er war absolut textverständlich, wie auch der Rest des Ensemble und zudem ein richtiger Sängerdarsteller im besten Wagnerschen Sinn. Sein gehauchtes "Isolde" nach dem Trank jagte mir einen gewaltigen Schauer über den Rücken. Großartig!


    Wenn ich mich schon hier kaum im Lob bremsen kann, so muss man sagen, dass die Rollendebütantin Kelly God, die schon optisch etwas an Birgit Nilsson erinnert, trotzdem alle an die Wand sang. Die hochdramatische, vor Kraft strotzende Stimme konnte sowohl die Verzweiflung im ersten Akt als auch im großen Liebesduett mit Momenten voller Zärtlichkeit und Lyrik mit ihrem tollen Stimmmaterial überzeugen. Was mir besonders gefiel - viele Soprane werden in den Höhen klanglich offen und unklar, Kelly God hat jedoch eine strahlende, treffsichere Höhe, aber auch eine sehr resonante Tiefe. Die Spitzentöne saßen 1a. Und auch hier - eine tolle Sängerdarstellerin, bei der man jedes Wort verstand! Isoldes Verklärung zum Schluss wurde zu einem Fest der Sinne! Großartig.
    Mit Recht, wurden alle Sänger einhellig, besonders Kelly God mit vielen Bravos vom Publikum gefeiert!


    Die Orchesterleistung hatte Will Humburg inne. Auch wenn, wie ich erfahren habe, die Einstudierung mit ihm recht problematisch war - er ist wohl ein ziemlicher Pultdiktator - so kann ich mich kaum beschweren. Während das Vorspiel noch recht leidenschaftslos war und mich Schlimmes ahnen ließ, so wurde doch auch über die Akte hervorragend musiziert. Humburg ließ den Sängern viel Raum zur Klangentfaltung, entfesselte das Orchester an den richtigen Stellen und konnte mit klugen Tempi doch mitreißend durch die Vorstellung leiten. Sehr eindrucksvoll gelang das Finale des ersten Aktes mit dem bestens einstudierten Chor. Das Vorspiel zum dritten Akt war mir persönlich zu zäh, das hat Thielemann in Bayreuth besser gemacht, aber im Grunde war die ganze Vorstellung ein musikalischer Hochgenuss! Von zwei Buhs abgesehen, war das Publikum hörbar beglückt vom musikalischen Teil. Wie das Orchester jedoch dem wilden herumgefuchtel Humburgs folgen konnte, bleibt mir wohl ein Rätsel...


    Nachdem ich bezüglich der Inszenierung schon viel Böses über Hannover gehört habe, wurde ich auch hier sehr angenehm überrascht. Stephen Langridges Inszenierung ist sehr schlicht. Im ersten Akt hängt eine Brücke über der Bühne, darunter ein Röhrengang, davor ein kleines Schiff, welches sich bis zur Ankunft bei Marke von linken zum rechten Bühnenrand bewegt. An der Decke befinden sich Lamellen, die farblich angestrahlt werden, es sieht wolkig aus - ich fand es sehr reizvoll. Der zweite Akt befindet sich vor der gleichen Decke, es steht nun ein Bett auf der Bühne, der Röhrengang hängt von der Decke herab. Der dritte Akt spielt auf der chaotischen Burg Karneol. Wieder ein paar Betten, eine Brücke, die an Land führt und wieder die Röhre.


    Die Röhre hat eine besondere Funktion - für die Inszenierung wurden zwei Butoh-Tänzer eingeladen, die in weiß offenbar die Seelen Isoldes und Tristans verkörpern und je nach Musik bzw. Text hinter den Figuren agieren und zu sehr poetischen Bildern finden. Sie erscheinen jeweils aus den Röhren. Zu Tristans Fiebertraum liegt die Seele beispielsweise auf dem Bett, während Tristan im Fieberwahn seine große Szene singt. Mir erschien die Dopplung schlüssig und angenehm anzusehen.


    Ansonsten inszenierte Langridge erstaunlich nah am Libretto und an der Musik. Es gab keine symbolische Aufladung - er ließ einfach der Text spielen - und dies funktionierte bestens, auch da die Sänger so spielfreudig ihre Rollen verkörperten. Die Personenführung war toll, Rampensingen gab es nie und langweilig war es keine Sekunde. Ich muss sagen - das war einfach gut inszeniert!


    Im Vergleich zu Bayreuth muss man einfach sagen - die Staatsoper verfügt über bessere Sänger, auch wenn die Namen noch nicht so groß sind - die Inszenierung ist viel überzeugender und auch das Orchester bewegt sich auf einem ähnlich gutem Niveau. Für mich war der Besuch in Hannover eine meiner Sternstunden - und es wird nicht mein letzter sein.


    LG
    Christian

    Liebe Melomane,

    vielen Dank für die Info! Ich hatte bei der Ansage etwas von Iwan verstanden...Vincent Wolfsteiner sang also den Tristan im dritten Akt - wie gesagt, ich fand es gut. Zwar verfügt er nicht über einen solchen Stimmenschönklang wie Stephen Gould, aber musikalischer war er allemal! Das Publikum dankte dem sichtlich erfreuten Sänger auch lauthals.

    @ La roche: Für die Karte zahlte ich 190€ p.P, mit Übernachtung und Zug/Bus für etwa 70€ lag das ganze bei etwa 260€. Klar, das ist viel Geld, gerade auch für einen Studenten wie mich. Es ist auch schwer zu bewerten, ob es das wert war - ich kann nur sagen, es tut mir nicht weh ;) Wir saßen in einer ganz guten Vorstellung, haben eine schöne Stadt besucht, toll gegessen, Wahnfried und das Opernhaus besucht. Du wirst mich bestimmt für bekloppt halten, dass ich dafür nach Bayreuth fahre, aber ich kann auch mit modernen Inszenierungen leben (obgleich mich ein "originaler" Wagner auch sehr reizen würde). Ich kenne es aber auch fast nicht anders.

    LG
    Christian

    Liebe Taminos,

    vergangenen Freitag ging es zum zweiten Mal zu den Bayreuther Festspielen. Während damals Parsifal auf dem Programm stand, so war es dieses Mal der Tristan. Nachdem ich mich letztes Mal in der Galerie etwas über die Akustik beschwert hatte, so riet mir Rheingold zu einem Parkettplatz, den ich mir auch leistete - und es war eine deutlich akustische Verbesserung zu vernehmen! Danke für den Tipp!!!

    Zur Aufführung. Die Regie von Katharina Wagner kommt hier im Forum ja nicht gut weg - so schlecht fand ich sie nicht. Jemand hier im Forum schrieb, dass sie nicht störte...dem kann ich nur zustimmen.

    Der erste Akt zeigt ein großes Treppenwirrwar, welches zumindest optisch interessant ist. Durch verschieben der Elemente und abbrechen von Treppenteilen konnte tatsächlich auch eine Personenführung, wenn auch nicht eine originelle, entstehen. Deutlich wurde dadurch jedoch, dass Tristan die Wege zu Isolde verstellen möchte, bzw. er eigentlich zu ihr gelangen möchte, dies aber nicht möglich ist. Gut gelöst war die Liebestrank-Szene. Dieser wurde nicht getrunken, sondern über die Hände, der Hand in Hand stehenden Hauptpersonen gegossen.

    Der zweite Akt spielt auf einem Gefängnishof, und erschloss sich mir offengestanden nicht wirklich. Es wird mit Symbolik gearbeitet. Es befinden sich zahlreiche Metallringe auf der Bühne, deren Sinn fragwürdig blieb. Zum Liebesduett verbanden sich welche...naja. Immerhin etwas, denn die Sänger mussten das Duett starr gegen die Wand singen. Insgesamt eher unästhetisch und sinnlos.

    Der dritte Akt hingegen wurde meine Meinung nach sehr ästhetisch und ansprechend inszeniert. Die ganze Bühne ist in einen Nebenschleier gehüllt, nur die kleine Gruppe um Tristan ist sichtbar, die Stimmung seiner Treuen deutlich auch durch das fahle Licht, den Nebel. Als Tristan wieder erwacht, werden verschiedene Isoldes scheinbar projiziert, jeweils in hellen Pyramiden, die immer mehr zunehmen, sofern auch sein Wahn zunimmt. Als Marke erscheint, ist die Bühne hell, Tristan wird auf einen Leichenwagen gehoben und Isolde verklärt sich an seiner Seite.

    Wie die Regie durchwachsen war, so war es auch die musikalische Seite. Die Isolde von Petra Lang empfand ich als eine Zumutung, was jedoch der Rest des Publikums offenbar anders sah - Beifallsstürme. Davon abgesehen, dass man kein einziges Wort von ihr verstand, waren ihre Höhen zu offen, wirkliche Spitzentöne gab es nicht, insgesamt empfand ich ihren Vortrag als geleiert. Schade, denn ihre Stimme ist ideal für Wagner, erinnert mich an Gwyneth Jones. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass die Rolle deutlich über ihren Kapazitäten liegt. Ebenfalls schwach war der Tristan von Stephen Gould. Während er im ersten Akt sehr schwach war, steigerte er sich (nach der Ansage, dass er unter eine Luftröhrenentzündung leide), im zweite Akt jedoch merklich. Doch auch hier - vom Text verstand man nahezu nichts, die Spitzentöne blieben aus, der Rest war reiner Schöngesang ohne einen Funken Expressivität. Im Spiel ist er sehr starr, kommt Wagners Idee vom Sängerdarsteller nicht sehr nah. Im dritten Akt gab es einen Einspringer, dessen Namen ich leider nicht in Erfahrung bringen konnte - er machte alles besser!

    Die restlichen Rollen waren besser besetzt. Großen Jubel gab es für René Pape als Marke, der einen wirklich stattlichen König darbot. Großartige Diktion, volltöniger Bass, tolles Spiel! Das war ganz großes Kino. In die Anlage als unerbittlicher Machthaber durch Katharina Wagner, steigerte sich Pape geradezu ins dämonische. Ich fand es toll. Die Bragäne von Christa Mayer ließ sich auch sehen. Wenn auch nicht immer verständlich, lag ihr die Rolle bestens, die Höhen als auch die Tiefen saßen, ihr Gesang - hochexpressiv. Auch Ian Paterson als Kurwenal, besonders jedoch Raimund Nolte als Melot konnten in ihren Rollen brillieren.

    Das Highlight des Abends war jedoch zweifellos das Dirigat von Christian Thielemann, auf das ich sehr gespannt war. Was dort aus dem Orchestergraben kam, war irre. Diese Natürlichkeit, mit der musiziert wurde, die Wucht der Dramatik, aber auch die Präzision im Orchester als auch mit der Bühne - es war wunderbar. Allein das Vorspiel war so großartig ausmusiziert worden. Die Klangpalette reichte von extrem leisen, geradezu kammermusikalischen Tönen z.B. im Liebesduett, bis hin zur mitreißenden Klangwoge in Tristans Monolog im dritten Akt. Es fällt mir schwer es in Worte zu fassen - daher: Großartig! Dafür hat es sich schon gelohnt nach Bayreuth zu kommen. Der Applaus, der ihm galt, war ohrenbetäubend! Insgesamt hatten meine Freundin und ich einen sehr schönen Abend, sowie den Entschluss: Wiederkommen!

    Zitat

    WoKa: Parallelen zu Tristan und der Götterdämmerung, wie sie in manchen Texten erwähnt werden, kann ich leider nicht herausarbeiten, da ich die Werke zu wenig kenne. Ebensowenig habe ich die Kompetenz, die Lieder im Detail zu analysieren. Vielleicht finden sich andere Taminos, die hier einen Beitrag leisten wollen.


    Wenn ich mich nicht irre ist ein großes Stück des Treibhauses (mein Favorit) nahezu identisch mit dem Vorspiel zum 3. Akt des Tristans. Auch die Träume haben deutlich im Liebesduett Spuren hinterlassen. Bei den restlichen Stücken bin ich mir nicht sicher, aber oft werden die Lieder ja als Vorstudien zum Tristan angesehen. Weiteres werde ich am Freitag hören - da gehts nämlich nach Bayreuth!
    Die Lieder liebe ich alle sehr, führte sie auch mehrfach schon auf. Meiner Meinung ist der Klaviersatz schon sehr orchestral geprägt, es würde mich nicht wundern, wenn Wagner eine Orchestrierung selber geplant hätte. Es ist jedenfalls wunderbar spielbar und gehört sicher zu Wagners schönsten Schöpfungen.


    LG
    Christian

    Liebe Taminos,

    am vergangenen Freitag besuchte ich die letzte Vorstellung der Elektra am Staatstheater Braunschweig. Leider schaffte ich erst die letzte Aufführung zu besuchen, was ich enorm bedauer. Insgesamt habe ich einen fantastischen Opernabend erlebt, der sowohl szenisch, gesanglich, als auch orchestral komplett überzeugte.

    Für die Produktion wurde mal wieder die Drehbühne des Theater genutzt, die die meisten Regiesseure nicht wirklich sinnvoll einzusetzen vermögen. Anders bei Adriana Alteras. Sie setzt die Handlung der Elektra zum einen auf einen von hohen Mauern begrenzten Platz - im Hintergrund ist ein riesiger Kleiderhaufen, Assoziationen mit den Haufen der letzten Eigentümer jüdischer KZ-Gefangener setzen ein...manchmal fallen neue Kleidungsstücke herab. Sicher ein Hinweis auf den mordenden Königshof. Ein weiteres Bild zeigt das Zimmer Chrysothemis. Ein Bett ist zu sehen, genauso wie zahlreiche Brautkleider, stets bereit der Palastgefangenschaft zu entfliehen und den Traum eines Frauenlebens zu führen. Das dritte Bild zeigt das Schlafzimmer Klytämnestras inmitten des Kleiderberges - auch ein starkes Symbol. Alteras führt die Personen hervorragend, es war keine Sekunde Langeweile zu spüren - die Figuren werden durch ihr Handeln und agieren vollständig charakterisiert. Elektra wird als verbohrte, verzweifelte, sich sehnende aber auch nicht zu stoppende, männlich, vermummte Frau dargestellt, was durch ihr stetes Umherwandeln und ihre starken, manchmal fast animalischen Gesten verstärkt wird. Klytämnestra hingegen ist nicht als alte Frau dargestellt - vielmehr als Dame in den besten Jahren. Orest tritt als Kriegsreporter auf. Starke Symbole und viel Bewegung prägen die Bühne, oft auch direkt auf die Musik inszeniert. Das letzte Bild nach der Ermordung Aegisths und Klytämnestra wird durch das Drehen der Bühne ins blutbesudelte Schlafzimmer zu einem sehr intensiven Erlebnis!

    Musikalisch war die Aufführung ein Hochgenuss! Maida Hundelings Elektra war grandios. Der Hass gegenüber der Mutter, ihr ganzer Rachewahn wurde hochdramatisch mit ihrem ungemein klangvollen Sopran dargeboten und auch ausgesungen - die Spitzentöne füllten das ganze Haus! Umso erstaunlicher, wie lyrisch, lieblich und sanft diese Stimme in der Orest-Szene geführt wurde. Eine große Leistung, zurecht umjubelt. Edna Prochniks Klytämnestra musste da nicht zurückstecken - sie war mein persönliches Highlight. Ihr tiefer, warmer und sehr tragfähiger Mezzosopran füllte die Rolle in ihren ganzen Hoffnungen und der Verzweiflungen aus - ihr Spiel als auch Gesang waren ungemein expressiv, oft auch gekonnt effektvoll als Sprachgesang umgesetzt. Textverständlichkeit und Diktion waren hervorragend. Ebenfalls bestens disponiert erwies sich Karen Leiber als Chrysothemis. In ihrer großen Szene blühte sie geradezu auf, ihr starker Sopran schwankte zwischen expressiver Verzweiflung und lieblichem Wunschdenken. Ihre Orest-Rufe am Schluss nahmen Welten ein! Etwas blass im Vergleich blieb Franz Hawlata als Einspringer für den Orest. Relativ lustlos, schönstimmig aber ohne wirklich großen Ausdruck, konnte mich seine Darbietung nicht wirklich packen. Die Rollen der Mädge, des Aegisth und des Pflegers waren mit Ensemblemitgliedern weiterhin auch hervorragend besetzt.

    Eine große Rolle zum Gelingen des Abend trug auch das Staatsorchester unter Leitung von Christopher Lichtenstein, bei. Er übernahm das Dirigat von GMD Srba Dinic und leitete das Orchester sicher durch den Abend. Besser habe ich das Orchester schon lange nicht mehr gehört. Die gespielte, von Strauss autorisierte reduzierte Fassung, erlaubte auch durch das Dirigat eine gute Durchhörbarkeit. Das Orchester war ungemein präzise, die Klangbalance hervorragend, ständig jedoch auf Hochspannung, und doch größtenteils sängerfreundlich - da wurde vom - von mir bisher sehr kritisch gesehenen - neuen GMD Dinic große Vorarbeit geleistet. Der Blechbläserteppich jagte nicht nur einmal einen Schauer über mich. Es war großartig und die Kommunikation zwischen Bühne und Orchestergraben funktionierte auch einwandfrei.

    Insgesamt kann ich von einem fantastischen Opernabend berichten, der vom Publikum auch frenetisch gefeiert wurde! Ich bedauer es sehr, dass es bereits die letzte Aufführung war...

    LG
    Christian

    Liebe Taminos,

    ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass in Mainz derzeit Rued Langaards Oper Antikrist in der deutschen Erstaufführung gezeigt wird. Ich habe das Werk vor zwei Jahren beim Langgaard-Festival im Ribe gehört und war tief beeindruckt von dem Werk. Es ist keine Oper im eigentlichen Sinn, vielmehr werden verschiedene apokalyptische Allegorien auf die Bühne gebracht, unterstützt von bester spätromantischer Musik. Leider gibt es nur insgesamt fünf Vorstellungen, von denen ich leider keine schaffe zu besuchen. Allein die deutsche Übersetzung wäre schon interessant zu hören...von der szenischen Umsetzung ganz zu schweigen. Die letzten Termine sind 10.06.2018, 12.06.2018, 19.06.2018. Vielleicht schafft es ja ein Tamino und kann davon berichten!

    LG
    Christian




    Lieber Ralf,

    herzlichen Dank für Deinen Bericht zum Rheingold. Insgeheim habe ich gehofft, dass Du oder MSchenk ebenfalls etwas dazu sagen können! Es freut mich, dass wir im Wesentlichen übereinstimmen. In Bezug zu Deiner Frage, was die jungen Leute meinen...da ich mit 24 Jahren einer der Forumsjünglinge bin, so hoffe ich, dass mein Urteil zumindest etwas Deine Frage beantwortet. Wenn wir mit der Schule im Theater waren, waren meine Mitschüler immer von Regietheatervorstellungen maßlos enttäuscht. Ich bin da etwas anders eingestellt,ich meine, es gibt gutes und schlechtes Theater, ich habe auch schon gute Regietheatervorstellungen erlebt...leider gehört das Rheingold nicht dazu...eigentlich war es echt viel Klamauk...

    LG
    Christian

    Ich bin ja Stimmenliebhaber dankbar, dass er nicht meine ganzen Fehler im Eröffnungsbeitrag bemängelt hat...schon erstaunlich was man nachts so zusammenschreibt...

    Stimmenliebhaber : Ich kannte Frau Soffel bisher noch nicht - im dritten Rang hat meine eh schon leicht eingeschränkte Sehfähigkeit nicht das Alter der Dame abschätzen können. Aber ich würde Deiner Ausführung zustimmen. Meine Freundin sagte "Altweibergesang", und mir missfiel es leider auch sehr. Schade. Vielleicht war es aber auch nur ein schlechter Tag, ich hörte sie zum ersten Mal und habe natürlich keinen Vergleich.

    @Rheingold: Danke für Deine Nachfragen. Ich mag den Schluss des Rheingolds auch sehr gerne - und es war einer der spannenderen Momente nachdem Mittendrin die Spannung verflogen war. Tatsächlich sind Froh, Freia und Donner in der Inszenierung sehr untergegangen, weshalb ich ganz konkret zu denen auch nichts sagen möchte. Insgesamt jedoch fiel mir die gute Durchhörbarkeit und Artikulation auf. Der Text wurde ja über der Bühne angeworfen und mir ist tatsächlich nie ein falsches Wort aufgefallen. Die ganze Männerriege fiel insgesamt sehr positiv auf - Oleksiy Palchykov, aber auch Jürgen Sacher als Loge verfügten über sehr strahlende Stimmen. Ich kann nichts bemängeln. Kay Stiefermann als Donner fiel mir auch nur zum Heda! Hedo! auf, aber das war eindrucksvoll gesungen.

    Zu Palchykov noch ein Wort. Heute habe ich mir zur Rekapitulation das Rheingold des Jahrhundertsrings angehört. Im Gegensatz zu Donald McIntyre muss ich im Nachhinein schon sagen, dass Palchykov doch etwas vulgär singt...zur Aufführung gefiel es mir aber, ein wenig passt es m.E. ja auch zur Rolle - und Volumen hat er zweifellos.

    Letztendlich habe ich aber keine große Ahnung von Stimmen und kann nur sagen was mir gefiel und was nicht. Zum Vergleichshören fehlt mit leider doch oft die Zeit. Aber es war bestimmt nicht meine letzte Rheingoldvorstellung. Im August bin ich wieder in Bayreuth - Tristan. Nachdem ich mich in der Galerie vorletztes Jahr an den akustischen Verhältnissen gestört habe, gabst Du den Tipp einen Platz im Pakett zu beschaffen. Gesagt - getan! Ich bin gespannt!

    Liebe Grüße

    Christian

    Liebe Taminos,

    gestern verschlug es mich zum ersten Mal nach Hamburg in die Staatsoper! Abgesehen von es durchaus beachtlichen Sängerleistung und dem wirktlich schönen Opernhaus war es jedoch kein sonderlich beglückender Opernabend.

    Die Inszenierung von Claus Guth fand bei mir keinen Beifall, obgleich es einige interessante Ansätze gab. Die erste Szene spielt - so würde ich sagen - tatsächlich unter Wasser. Die Rheintöchter tummeln sich auf einem Bett, welches offenbar achtlos in den Rhein geworfen wurde. Im Hintergrund sind weitere Dinge wie eine Lampe zu sehen. Alberich kommt und wird von den Nixen zum Narren gehalten, was darin gipfelt, dass die Nixen von einer höheren Stelle Papierflieger auf den Zwerg werfen. Bisher kann man nicht klagen. Als die Rheintöchter die aufgehende Sonne besingen, wird der Meeresgrund sogar athmosphärisch áusgeleuchtet, was insgesamt sehr eindrucksvoll gelingt.

    Der Rest hingegen misslingt m.E. bis auf wenige Ausnahmen völlig. Die zweite Szene spielt in einer großen Holzhütte, in der ein Gebirgsdarstellung mit einem weißen Monopoly-Haus herumrotiert, davor stehend die Agierenden. Abgesehen vom Auftritt der Riesen, die durch eine geschickte Lichtregie in gigantischen Schatten auftreten wird der Rest der Lächerlichkeit preisgegeben. Spannende Personregie ist hier nicht zu finden. Loge wird als mit billigen Tricks herumzaubernder Feuergott dargestellt. Es zaubert ständig Blumen, Tücher, etc aus seinem Ärmel und lässt Qualm aufpuffen. Nach dem Raub der Freia liegen alle Götter legtharisch am Boden rum, Loge filmt dies samt Selfie-View...

    Dann nach Nibelheim (mit eingespielten Ambossen...irgendwie haben für mich Lautsprecher in der Oper nichts zu suchen...). Man befindet sich in einem dreckigen Keller. Statt am Tarnhelm, schmiedet Mime an einem Gasbehälter...Mit ausgeklügelten Effekten (Nebel und Pyroeffekten) wird letztlich aber der unsichtbare Alberich dargestellt. Die Verwandlungen Alberichs werden allerdings besonders zur Lächerlichkeit. Die große Schlange ist ein leuchtender Gummischlauch, der Frosch ein hüpfender Beutel...beider wird vom Publikum als Lachnummer aufgenommen.

    Die letzte Szene wieder in der Holzhütte...Wotan kommt mit dem Hort zurück und alle tanzen Ringelreih...der Gewitterzauber wird zur Nebenorgie...Donner schwingt wie bekloppt den Hammer und schließlich steigen alle auf ner Leiter zu einer Empore und wackeln die letzten Minuten des Stücken irgendwie herum...

    Bis auf ein paar eindrucksvolle Theatereffekte...war es echt langweilig...und ich liebe dieses Stück eigentlich. Spätestens in der zweiten Szene schaute ich öfter mal auf die Uhr.

    Zur musikalischen Umsetzung. Rheingold kenne ich seit diversen Vorbereitungen auf Aufnahmeprüfung zum Teil auswendig, und so hatte ich doch eine gewisse Vorstellung vom Werk. Christoph Prick am Pult konnte mich nicht begeistern. Im großen und ganzen führte er die Musik recht gedehnt auf... knapp 2 Stunden 45 Minuten benötigte er. Das ist länger als die länge Aufführung unter Knappertsbusch in Bayreuth mit 2 Stunden 42 Minuten. Schon zum Vorspiel legte er ein recht ruhiges Tempo vor...erstaunlich wie oft die Bläser in der Aufführung kieksten. Auch im Stück gelang es Prick oft nicht Sänger und Orchester zusammenzuhalten, wirkliche Spannung kam aus dem Orchester nicht hervor. Alles wurde routiniert und sängerfreundlich begleitet, mehr nicht. Selbst die Verwandlungsmusiken wurden nicht so wuchtig aufgespielt wie erwartet...insgesamt auch eher enttäuschend. Ich würde jetzt nicht sagen, dass sie besser als meine Braunschweiger sind.

    Sie Sängerleistung hingegen empfand ich fast durchweg als hervorragend. Besonders überrascht war ich von der guten Durchhörbarkeit und Verständlichkeit, die im Zusammenklang mit Orchester gewährleistet war. Man verstand fast jedes Wort.

    Der Wotan Vladimir Baykows war wuchtig, eines Gottes würdig, und gerne auch mal expressiv im Ausdruck, was mir sehr gefiel, in den Höhen für meinen Geschmack jedoch manchmal etwas zu offen im Klang. Der Alberich von Werner van Mechelen war zu Beginn etwas schwach, steigerte sich jedoch im dritten Bild zu eindrucksvolle Dämonie. Der Loge von Jürgen Sacher war auch ein Highlight. Mit einem strahlenden, flexiblem Tenor ausgestattet, konnte der intendierte spielerische Charakter auch gesanglich gut umgesetzt werden. Neben den hervorragend disponierten, mit spielerische leichtigkeit agierenden Rheintöchtern Katerina Tretyakova, Jenny Carlstedt und Nadazhda Karyazina ist auch die Fricka von Katja Pieweck zu bemerkten, die stimmstark mit einer gewissen stahlkraft ihre Rolle ausfüllte. Ein Totalausfall war Dorris Soffels Edda. Schlecht intoniert, gefühltes Vibrato von gut einer Terz, einfach nur alt im Klang...das war nichts.

    Trotz sehr guter Sängerleistungen, war mit keine große Freude am Rheingold vergönnt. Zu sehr zog die Inszenierung das Stück ins Lächerliche, zu neutral war alles aus dem Orchestergraben - schade!

    Beste Grüße
    Christian