nur selten wurden dänische Kompositionen für Streichquartett von internationalen Künstlern gespielt, doch das dritten Quartett von Ludolf Nielsen wurde vom 1917 bis 1967 bestehenden, höchst bekannten, Budapester-Streichquartett am 13. Oktober 1920 uraufgeführt. Eine Aufnahme des Labels cpo mit dem Aros Quartett präsentiert dieses - für Nielsen - besondere Werk.
Wie aus dem Nichts, beginnt der erste Satz "Allegretto pastorale" mit dem Pastoralrhythmus im Bass, auf den sich in bitonaler Weise die Stimmen nach und nach aufbauen und das doch recht ländliche Hauptthema bilden. Dieses setzt sich sich rondoartig mit anderen, unruhigeren Teilen abwechselnd, zu einem pompösen Schluss fort, bei dem der Hauptgedanke nochmal in vollem Glanz erklingt, bevor dieser in die Ferne entschwindet. Bemerkenswert ist die wahrlich gelungene Stimmführung des Satzes, die Dialoge zwischen den Instrumenten, die Ludolf Nielsen als erfahrener Quartettspieler hochinteressant, modern und kontrastreich zu zeichnen weiß.
Durchaus ähnlich im Charakter, jedoch mehr als Volkstanz gestaltet, ist der zweite Satz "Allegro moderato grazioso", der als Scherzo agiert und über eine herrliche Melodie im Cello zu Beginn verfügt. Der Mittelteil imitiert eine typisch dänische Fidelmelodie, wie sie LN in seiner Jugend auf dem Land häufig gehört haben mag. Diese versieht er mit lustigen bitonalen Effekten, die nach einem kontrapunktischen Höhepunkt, in die "nordisch"-offenen Quinten laufen und wieder in den Anfangsteil einleiten, der mit einer fernen Erinnerung an den Fidler beendet wird.
Das "Adagio con dolore" zeugt von der Trauer des Komponisten anläßlich der Todes seiner beiden Eltern. Der Satz beginnt als Fugato, angeführt vom Cello, auf den sich nach jeweils acht Takten das nächste Instrument hinzufügt. Mit dem Einsatz der Violine ändert sich die Stimmung zu einer liebevollen - sehr typisch Nielsenschen - Hymne auf, die all die schönen Momente zu gedenken scheint. Ein schmerzvoller Trauermarsch löst die schönen Empfindungen ab, und gipfelt in einem dissonanten Höhepunkt, bis jedoch die Gewissheit der schönen Erinnerung zurückkehrt.
Der letzte Satz "Allegro" beginnt mit einem flüssigen Thema, welches Fragmente der vergangenen Sätze aufzugreift. Eine tänzerische Melodie erscheint, aber längst nicht mehr so sorgenfrei wie dies im zweiten Satz der Fall war. Ein furioser, stark rhythmisierter Abschnitt schreitet brutal und fast gewaltätig ein. Kurze Trauermarsch-Einwürfe wirken als retandierendes Moment, doch das Fugato steigert sich zu einem dramatischen, geradezu endgültig tragischen Höhepunkt. Nach einer weiteren Ruhepause wieder der drastische Einschnitt, doch - wie bei Nielsen üblich - ist alles Unheil nur vorhanden, um überwindet zu werden. Das Quartett endet in strahlendem C-Dur.
Tatsächlich scheint dieses Quartett autobiografische Züge zu tragen (Nielsen selbst, äußerte sich nur einmal zu seiner 3. Sinfonie - sonst sind seine Gedankengänge im unklaren). Während der zweite Satz deutlich auf Nielsens Jugendtage als "Hochzeitsfidler" und Mitglied der dänischen Landbevölkerung verweist, so ist der dritte Satz als Gedenken an seine Eltern gedacht. Beiden starben 1920 kurz hintereinander an der spanischen Grippe - ihnen ist das Quartett gewidmet. Der letzte Satz kennzeichnet Nielsen als Pazifisten - in Interviews bekannte er, dass ihn der Ausbruch des 1. WK tief bedrückte und es ihm unmöglich machte, Großes zu komponieren. Der Furioso-Ab(bzw. Ein-)schnitt ist durchaus als dieser empfundene Wertezusammenbruch zu verstehen. Doch LN gab die Hoffnung auf einen geläuterten Menschen nie auf, auch seine Werke Babelstaarnet, sowie seine dritte Sinfonie zeugen davon, weshalb diese - wie auch das Quartett - in strahlendsten Tönen enden. Obgleich das Quartett deutlich retrospektive Züge trägt, so ist es doch eines von Nielsens fortschrittlichsten Werken und fällt stilistisch aus dem Rahmen seines restliche Oevres. Gerade zu exzessiv reizt er die Möglichkeiten der Bitonalität aus, schafft eine ungemein spannungsvolle, teils ja sogar brutale Musik, die dieses Werk zu einem seiner faszinierendsten und besten macht.
lutgra: Hast Du diese Aufnahme?
LG
Chrissi