Beiträge von Antracis

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    Original von Fairy Queen


    Wer Netrebko für die ideale Violetta hält, schreibt zumindest nicht hier im Forum ?(


    Mir ging es darum aufzuzeigen, dass eine Netrebko heutzutage der Sängertypus ist, der diese Partien als erste Wahl singen darf, an den größten bedeutensten Häusern. Sie darf auch die entsprechenden Produktionen machen, ebenso wie Villlazon. Die neue Jahrhundertboheme ist ja grad erst kürzlich erschienen und wird sicher alle älteren Aufnahmen locker schlagen, die man eh nicht braucht. Gleichfalls die Traviata. Was hier bei Tamino kritisiert wird, wirkt sich demnach wohl kaum breit auf den Markt aus.
    Die Callas ist übrigens ein wunderbares Beispiel für das, was ich meine. Man braucht sie nicht zu sehen, um ihre Größe zu erkennen. Weil sie ihre Figuren zu allererst vokal erfasst.


    Ich bin weder ein Feind der Schauspielerei, noch einer des Regietheaters. Aber das eine so stetige interpretatorische Neuausrichtung, wie sie die letzten 70 Jahre mit sich gebracht haben, ohne Verluste abgeht, kann ich mir kaum vorstellen und es deckt sich auch nicht mit dem Eindruck, den ich von Tonträgern habe. Ergänzt wird das Szenario durch den niedrigen Wert, den das Singen (ich meine nicht DSDS) in der breiten Gesellschaft genießt. Dadurch wächst der Nachwuchs nicht auf jedem Baum.
    Ich bezweifle auch nicht, das es heutzutage großartige Sänger gibt, die darüberhinaus technisch so versiert sind, dass sie mit Sängern der vorletzen Jahrhundertwende nicht konkurrieren könnten. Aber bessere Chancen auf eine Karriere hat heutzutage in der Tat das "Bühnentier". Fraglich, ob ein Alfredo Kraus oder ein Renato Bruson heute nochmal so eine Karriere machen würde.


    Ich wollte hier allgemein nur der Auffassung entgegen treten, dass eine systematische Beschäftigung mit den historischen Aufnahmen nicht nur ein nostalgischer Zeitvertreib für unflexible Geister ist. Zu weiterem Streiten fehlt mir aber leider die Zeit.

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    Original von Johannes Roehl
    Ich muß gestehen, daß ich Antracis' Hypothese für wenig wahrscheinlich halte. Regietheater mit "Herumturnen" gibt es vielleicht seit 30 Jahren und nicht mal sehr verbreitet.


    Das Regietheater ist nur die Extremform, die Belastung durch die Bewegung in der Tat nur ein Aspekt. Tatsache ist aber, dass seit Anfang des letzten Jahrhunderts die schauspielerische Präsenz (und zwar nicht in einer stilisierten Form der Operngeste!) zunehmend wichtiger wurde. „Nicht mal sehr verbreitet“ mag eine Extremform des Regietheaters sein, eine stetig wachsende Bedeutung der optischen Aspekte finden sich aber mittlerweile sogar in New York und Wien.
    Das entscheidende ist ja gerade, dass beispielsweise ein Sänger wie Melchior die gesamte Rolle in Ihrer vokalen Signatur erfasst hat, so dass man Ihn gar nicht zu sehen braucht. Der Hinweis „Ja, aber den muss man auf der Bühne sehen“, zieht sich als roter Faden zunehmend durch die Rezensionen neuerer Opernaufnahmen – eben als Substitution vokaler Defizite durch visuelle Aspekte. Das hat aber mit dem „Singen“ an sich nix zu tun.
    Und dieser Ansatz wird immer häufiger.


    Eine Netrebko wird als neue Idealverkörperung der Violetta gefeiert. Bezeichnend ist aber, dass sie den Gefühlsgestus im „Sempre libera“ nicht durch die Koloraturen machen kann, dafür fehlen ihr schlicht die sängerischen Mittel. Sie reduziert sich auf einen schönen, voluminösen Ton, die klanglichen Schattierungen sind ebenfalls beschränkt. Dem Text wird sie nur gerecht mit Mimik, Gestik und Ihrem Aussehen.
    Das ist im Übrigen bei Greindls Osmin wenig anders. Er behilft sich vor allem – was er brilliant beherrscht – mit histrionischen Effekten, und auch hier sollte man ihn angeblich zusätzlich auf der Bühne gesehen haben. Die extreme Virtuosität für die Rolle , Mozart schrieb sie ja einem Sänger eigens auf den Leib, hat er nicht. Und die wenigsten interessiert halt heute, ob er einen Triller überhaupt singt oder gar – und das ist das wichtigste - als musikalischen Ausdrucksgestus nutzt.
    Man setzt die Rollen vielmehr aus einer stimmlichen Signatur und anderen Komponenten zusammen, die wenig bis gar nix mit dem Singen zu tun haben.



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    Es ist auch eine Binsenweisheit, daß Bühnenpräsenz und überzeugende Darstellung sehr viel wettmachen können, daher scheint mir der Vergleich von Tonaufnahmen mit Dingen, die eben nur im performativen Gesamtkunstwerk funktionieren, nicht unproblematisch.


    Nicht unproblematisch erscheint mir aber auch, dass nach allem, was wir aus der Frühzeit der Schallaufzeichnung schließen können, früher deutlich andere Schwerpunkte in der Interpretation gesetzt wurden. Aus einer Tradition, die an Uraufführungen viel näher dran ist, als viele heutige Sänger.



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    Überdies gibt es ja auch immer noch genügend Sänger(innen), die ähnliche Wuchtbrummen sind wie die übliche Karikatur einer Diva, und es gab auch damals schlanke und bewegliche Sänger(innen).


    Diese Aussage ist nur möglich in Unkenntnis der historischen Aufnahmen. Denn beispielsweise eine Netrebko wäre nie am Anfang des 20. Jahrhunderts oder noch in den 30er Jahren zum Star an der Met geworden. Das ergibt sich aus der Rezension der entsprechenden Zeit, die Anforderungen hervorheben, die sie nie erfüllt hätte. Und so ist es mit vielen aktuellen Sängern. Unbeweglichkeit und gutes Aussehen ist eine Sache, die möglichst vollständige Erfassung der Rolle durch vokale Mittel eine ganz andere. Beides kann zusammen auftreten oder isoliert. Aber das Vokale bleibt die Grundlage, sofern man Oper nicht mit dem Theater verwechselt.


    Wie gesagt, man kann über den angeblich gesunkenen Standard des Gesanges viel philosophieren – oder man kann einfach nur die Livemitschnitte beispielsweise der MET aus den 30-40er Jahren hören und mit den aktuellen Livemitschnitten vergleichen. Für mich ergibt sich da ein eindeutiges Bild.
    Aber das scheint niemand nötig zu haben. Man kann das anscheinend schon beurteilen allein aus der Einschätzung, dass es sich bei Leuten, die sich mit der Historie des Kunstgesanges auf Tonträgern beschäftigen, eben um eine nostalgische, “kauzige Minderheit" handelt. Mit den technischen Aufnahmegegebenheiten und den Aufnahmen an sich muss man sich erst gar nicht auseinander setzen, da reicht offenbar die Spekulation aus.
    Das es Leute gibt, die jene Teile des Opernforums, die sich primär mit Interpretation und dem Gesang beschäftigen, für den intellektuellen Bodensatz von Tamino halten, wurde ja schon in anderen Threads deutlich. Aber auch so etwas muss es geben.


    Ich gestehe in der Tat zu, dass es mittlerweile in der Interpretation eher ein „anders“ als ein besser oder gar schlechter gibt. Das bezieht sich aber auf die künstlerische Gesamtleistung. Und da solche Veränderungen aber unzweifelhaft mit Verlusten behaftet sind, plädiere ich schon dafür, dass man die akustische Vergangenheit ernst nimmt. Das sie eben Beachtung deshalb verdient, weil der vokale Gestus nicht nur ein Teil der Oper ist, sondern einer, der nur ihr eigen ist.


    Wir leben im Zeitalter der Regisseure, folglich glaube ich, dass sich später aus diesen Jahren primär optische Zeugnisse erhalten werden, die interpretatorische Beachtung unter Sammlern, Fachleuten und Liebhabern (oft, aber nicht immer Deckungsgleich :D) erlangen. Der Stuttgarter Ring ist ein großartiges Beispiel. Nehmen wir nur mal die Walküre: Visuell großartig, aber wer wird sich in 50 Jahren noch einen Wotan wie Rootering oder gar eine Brünhilde wie Renate Behle rein akustisch antun wollen ?
    Das Projekt zeigt aber auch die Ausnahmen: Denokes Sieglinde könnte auch auf CD überleben.



    Gruß
    Sascha

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    Original von Alviano


    Dass "Singen heute eigentlich nur noch eine Nebenrolle" spielen würde, kann ich nicht erkennen. Gewiss, die Anforderungen an die Sängerinnen und Sänger sind gewachsen - das "nur" gut Singen sollte heute auch durch darstellerische Fähigkeiten ergänzt werden. Aber die Begeisterung für eine toll gesungene Live-Aufführung, die gibts doch heute auch noch.


    Klar gibt es die, und ich habe das natürlich überspitzt formuliert. Dennoch scheint mir der singende Schauspieler der gefragte Held unserer Tage zu sein, nicht der schauspielernde Sänger.
    Die Frage ist, ob es die eierlegende Wollmilchsau überhaupt gibt. Kann ein Osmin, dem auf der Bühne während seiner Arie vom Regisseur allerhand an Bewegung zugemutet wird, überhaupt jederzeit einen akkuraten Gesangston produzieren und alle Verzierungen der immens schweren Partie gerecht werden ? Kann ein Alfredo eine Cabaletta vollendet singen, wenn er sich dabei umkleidet ? Ganz früher gab es da aus meiner Sicht andere Bedingungen, wo ein stilisierter Ausdruck andere Voraussetzungen des Singens schuf.
    Und wenn ich eine Opernaufnahme nur höre, habe ich halt wenig von der Regie.


    Insofern kaufe ich bei neueren Aufnahmen auch meist DVDs, da habe ich dann meist einen Kompromiss, dass die Sängerleistungen nicht so gut sind, die ich auf CD habe, dafür habe ich aber halt den Ausdruck in Kulisse und Spiel.



    Aber um das vielleicht nochmal zu präzisieren: Ich bin keineswegs der Ansicht, dasss man beispielsweise mit "historischen" Aufnahmen auskommt. Nicht umsonst habe ich viele neuere Opernaufnahmen im Schrank, meist aber HIP und das hat durchaus Gründe, die hier schon erwähnt wurden. Das beschränkt sich aber nicht nur auf Händel und Monteverdi, sondern trifft beispielsweise auf Mozart zu. Die "Entführung" beispielsweise sollte man schon in einer HIP-Aufnahme kennen. Den Osmin allerdings wird man sängerisch versierter in älteren Aufnahmen finden. Was auch nicht zuletzt daran liegt, dass es eine Sängerrolle ist. Sprich, die Arien reüssieren ihren musikalischen Wert nur unter Mitwirkung eines Virtuosen, nicht durch die Partitur. Und letztlich ist ein Großteil der Opern, vor allem aber auch einzelne Arien gerade aus diesem Grunde überhaupt erst konzipiert worden. Und wer nun meint, das Ganze wäre nur als Komposition interessant, unterschlägt aus meiner Sicht wichtiges. (Es gab Zeiten, da hätte man es absurd gefunden, darüber zu diskutieren, ob der Gesang an sich der raison d´être der Oper ist, oder nicht).
    Wenn man beispielsweise meint, dass einem Johannes Weisser alles vermitteln kann, was sängerisch in der Rolle des Don Giovanni - und damit auch in der gesamten Oper steckt, dann soll er sich halt auf die aktuellen Aufnahmen beschränken. Ich würde jedoch die Empfehlung abgeben, es nicht zu tun.
    Aber natürlich muß man das nicht. Man kann und muß sich halt irgendwie beschränken und wie man das tut, ist halt für jeden eine ganz persönliche Entscheidung.


    Gruß
    Anti

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    Wenn irgendwo von einem Verfall die Rede sein kann, dann bei den großen Stimmen, die von den populären Werken Verdis, Wagners und deren Nachfolgern gefordert wurden. Selbst da würde ich aber eher auf die Folgen des enorm gewachsenen Verschleißes bei den Jetset-Stars oder einen allgemeinen Geschmackswandel etwa beim Verismo oder der leichten Muse als Ursache tippen, als auf eine allgemeine Mutation der Stimmbänder.


    Es ist aus meiner Sicht einfach eine Sache der Nachfrage. Wir leben im Zeitalter des Regietheaters. Die schauspielerischen Anforderungen an die Sänger sind enorm, und ganz andere, als beispielsweise in den 30er Jahren, oder gar am Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals war die Oper noch eine stilisierte Kunst, der Ausdruck folglich stilisiert, die Erwartungen noch nicht mit der Lupe des Fernsehens geschürt.
    Das Singen spielt eigentlich nur noch eine Nebenrolle. Ein professioneller Zeitungskritiker schreibt heute vielleicht höchstens einen Satz zu einem Sänger. Vor 70 Jahren waren es einige Spalten, mit objektiven Gesangsparametern überfrachtet, die heute kein Chefredakteur mehr auf in seinem Feuilleton sehen möchte. Da regelt die Nachfrage bei den Sängern das Angebot.

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    Original von Kurzstueckmeister


    Da kommen dann Furtwängler oder Gould wohl kaum in Frage.


    Ja, das wäre durchaus zu diskutieren. Aber wie gesagt, wenn man deine Gedanken konsequent zu Ende führt, braucht man eigentlich gar keine Aufnahmen mehr. Man setzt sich einfach mit der Partitur hin und lässt seine ideale Aufnahme im Kopf entstehen. Das löst auch eine Reihe von Problemen. Man braucht kein Geld mehr für CDs oder Konzerte ausgeben und kann auch nicht darüber diskutieren, weil der Diskussionspartner ja nicht zuhören kann. :D


    Und wenn man so ein extremes Genie ist, das man alle Interpretationsansätze der letzten 100 Jahre auch selbst ersonnen hätte, dann verpasst man auch nix. :hahahaha:

    Nochmal eine Frage zum 55er Scalamitschnitt mit der Callas unter Bernstein:


    Ist rein vom Remastering eine der aktuellen Ausgaben vorzuziehen bzw. kennt jemand Unterschiede ?





    Die Ausstattungsunterschiede der jeweiligen Serien sind mir natürlich bekannt. Das gerade Cantus radikal kürzt, dürfte ja hier unbedeutend sein, weil der Mitschnitt auf 2CDs passt.
    Wenn die Qualität so ist, wie bei den meisten semiprofessionellen Scala-Mitschnitten aus den 50er Jahren, dürfte meine Vermutung stimmen, dass das Remastering relativ wurscht ist, weil eh die Verzerrungen und Drop-Outs das Hauptproblem darstellen. ?


    Gruß
    Sascha


    Das ist unbestritten. Deswegen gibt es aber hier auch durchaus Empfehlungen aus den letzten Jahren. Ein gewichtiges Argument ist aber natürlich auch - gerade bei Anfragen im Forum nach "Was soll ich mir denn kaufen" der Preis. Hier findet sicherlich eine Verzerrung des Angebotes statt, denn die alten (und ältesten) Aufnahmen werden ja aktuell von den Labeln geradezu verramscht.
    Es ist schon ein Unterschied, ob ich mir einen kompletten Streichquartett- oder Sinfonienzyklus für 20€ kaufe oder für 80€.

    Hinzu kommt noch ein wichtiger Aspekt, nämlich dass die Toleranz gegenüber der Klangqualität repertoireabhängig ist. Einzelne Instrumente, Kammermusik, Opern- und Liedgesang sind in der Regel auch mit klanglichen Abstrichen genießbar. Bei Sinfonien oder komplexen Chorwerken wird das schon schwieriger.
    Aber auch das ist nur grob zutreffend: Zwischen Wagners Meistersingern und Donizettis Lucia werden sich auch Unterschiede finden lassen...


    lg
    Sascha


    PS: Hinsichtlich der unsäglichen Referenzaufnahmendebatte: Vielleicht sollte man, ganz diplomatisch von Basisaufnahmen sprechen: Jene nämlich, die mehrheitlich als solche angesehen werden, welche vielen Ansprüchen eines Werkes genügen, ohne sich auf isolierte Aspekte zu beschränken, oder durch allzu extreme Deutungen auszuzeichnen und die deshalb sehr geeignet erscheinen, ein Werk in hoher Interpretationsqualität kennenzulernen.
    Eine weitere interessante Beobachtung, gerade im Opernbereich: Wie unvollkommen doch meist auch die einschlägig empfohlenen Aufnahmen sind. Das gibt eine Ahnung, wie schwer es ist, sehr gute Aufnahmen zu basteln. Hier sei, nur mal als Extrembeispiele im Wagner-Repertoire, auf die Aufnahmen Ring/Solti, Meistersinger/Kubelik, Lohengrin/Kempe, und Tristan und Isolde/Furtwängler hingewiesen. Über die Bedeutung dieser Aufnahmen dürfte es auffallend wenig Dissenz geben, aber bei genauer Betrachtung lassen sich da dennoch erstaunliche Defizite aufzeigen.

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    Original von Johannes Roehl


    Der Kontakt ist ja noch direkter: Toscanini hat bei Verdi-Uraufführungen Cello gespielt und Puccini-Premieren selber dirigiert. Szell war Korrepetitor unter Richard Strauss. Walter und Klemperer waren Mitarbeiter Mahlers, Walter dirigierte die Premieren von Mahlers 9. und dem Lied von der Erde, Monteux die Skandalpremiere von Le Sacre du Printemps und auch Petruschka usw.


    Und so ist es halt auch mit den Sängern. Es gibt interessante Dokumente, beispielsweise von Interpreten, über die Verdis Bewunderung dokumentiert ist, bzw. die in von ihm überwachten Aufführungen sangen. Interessant ist dann beispielsweise, dass sich deren Stilistik selten mit dem deckt, was hinterher Toscanini fabriziert hat (wobei wir ja bekanntlich wieder nur aus dessen letzten Lebensjahren wirklich verwertbares Tonmaterial haben!). Alles in allem aber eine Masse an Hinweisen, die das Gesamtbild einer Interpretation vervollständigen können.


    Letztlich muß man auch mal folgendes bedenken: Wenn ich jetzt gerade gerne mal hören möchte, wie ein Werk klingt, dann kann ich in die nächste Konzerthalle gehen und mir eines anhören. Ob ich dabei wirklich eine der bestmöglichen Aufführungen erwische, hängt aber nicht unwesentlich davon ab, wo ich mich gerade befinde...zwischen Wien und Castrop-Rauxel bestehen durchaus Unterschiede.
    Und das kann man durchaus auf Tonträger übertragen, denke ich: Es ist einfach nur wahrscheinlich, dass ich gute Interpretationen kennenlerne, wenn ich einen größeren Zeitraum nutze.


    Wagner, der alte Fuchs, hat das ja schon in seinem Parsifal eingebaut, dass die Zeit zum Raum wird. Ist ja auch alles sonnenklar. 1877 schreibt er das in die Partitur, 1877 erfindet Edison den Phonographen.
    Hätten wir das nun auch geklärt.



    zatopek :


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    Ich bin mir nicht sicher, ob tatsächlich der Anspruch an die Qualität einer Aufnahme geringer geworden ist. Könnte es nicht auch sein, dass die Kosten für eine Aufnahme (Personalkosten, Aufwand für Studio und Promotion) in den letzten Jahren höher geworden sind, so dass man - um einen Gewinn realisieren zu können - letztlich knapper kalkulieren muss ?


    Sicher, zumal bei in mehr als 100 Jahren akkumulierten Aufnahmen, die sich in den Back-katalogen der Labels stapeln und für Spottpreise auf den Markt geworfen werden die Nachfrage nach einer "Referenzaufnahme" deutlich nachgelassen hat - vor allem, weil es so viele (unterschiedliche :D) Referenzen bereits gibt. Und der Kostenfaktor ist auch einer der Gründe, weshalb es wahrscheinlicher ist, dass in den nächsten Jahren eine großartige Aufnahme der Hammerklaviersonate erscheint, als eine vom Ring des Nibelungen.


    Gruß
    Sascha

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    Original von Kurzstueckmeister


    Natürlich, wen interessiert, wie sich die Interpretationen von früher von denen von heute unterscheiden, der muss beide anhören. Wen es nicht so interessiert, der muss aber auch nicht, und für den gibt es keine triftigen 9 Gründe, es doch zu tun.


    Genau, dass ist wie beim Kochen: Wer wissen will, wie das Rezept wirklich schmeckt, braucht nicht zu vergleichen, wie unterschiedlich doch die Qualität der Zutaten sein kann. Er nimmt halt, was grad greifbar ist, wirft es in den Topf und gibt sich damit zufrieden. :pfeif:


    Letztlich kann ich nur empfehlen, die vielen Threads, die bereits zu dieser Thematik liefen, zu lesen. Und sich dann systematisch durch die entsprechenden Aufnahmen zu hören. Dann kann man die Entscheidung fällen, ob es nur an Nostalgie oder einem gewissen Selektionseffekt liegt, dass vor allem Opernaufnahmen empfohlen werden, die schon viele Jährchen auf dem Buckel haben.
    Ob der Stellenwert des Gesangs innerhalb der Oper heutzutage ein anderer ist, als früher, kann man schlecht diskutieren. Das muß man halt hören. Anregung dazu könnten zum Beispiel die aktuellen Zeitungskritiken - wie dort Sänger beurteilt werden - bieten, die man mit denen Anfang des 20. Jahrhunderts, ruhig auch in die 50er Jahre hinein vergleichen sollte.
    Weiterhin sollte man dann einfach mal feststellen, wie selten wirklich großartige Gesangsinterpreten sind. Und wie schwer es ist, die vielen, welche man für eine Oper braucht, zur richtigen Zeit vor den richtigen Dirigenten zu bekommen, mit dem richtigen Orchester und einem tollen Chor. Und ob es wahrscheinlicher ist, dass das in den letzten 5 oder den letzten 50 Jahren geklappt hat.
    Und dann wieder Historie: Einfach mal lesen, wie die (teilweise ersten) Gesamteinspielungen vieler Opern in der späten Mono- und frühen Stereoära produziert wurden. Mit welchem Aufwand, auch hinsichtlich der Zusammenstellung einzelnen Sänger (die damals noch weniger fest an viele Labels gebunden waren) damals gearbeitet wurde, während man heutzutage oft eine Aufnahme um einen Starsänger bastelt, und alles andere (vielleicht noch bis auf das Cover) vernachlässigt. (Wo das nicht passiert, sind neuere Aufnahmen, vor allem wenn HIP, schnell auch unersetzlich).
    Weiterhin gibt das Tonträgerstudium auch wichtige Hinweise für die Interpretation, weil sich über einige Aufnahmen Beziehungen zum Komponisten herstellen lassen, was die ungenügenden Partituraussagen mit wertvollen Hinweisen ergänzt. Zudem kann man nur feststellen, was gesanglich in einer Rolle überhaupt möglich ist, wenn man mal einige Aufnahmen studiert hat. (Wie geschmeidig man beispielsweise abfallende Skalen singen kann...)


    Letztlich ist sicher auch noch eine Erklärung, dass sich eine sängerische Interpretation in der Wahrnehmung in der Regel von einem Hörer deutlicher voneinander unterscheidet, als es beispielsweise bei einem Dirigenten/Orchester der Fall ist. Wissenschaftlich betrachtet sind die Unterschiede sicherlich in gleichem Maße vorhanden, aber in der Rezeption ist es deutlich anders, und das kann man nicht ignorieren. Sicher auch ein Grund, weshalb relativ viele Opernfreunde 30 Aufnahmen der Traviata haben, aber nicht viele Beethovenfreunde 10 Zyklen der Sinfonien.


    Letztlich muß das aber jeder selbst wissen. Wer meint, auf die letzten 100 Jahre Tonträgergeschichte verzichten zu können, den wirds nicht stören. :D


    Gruß
    Sascha

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    Original von Kurzstueckmeister


    Jedenfalls gibst Du gleich auf, und versuchst gar nicht erst, auch nur einen Grund anzugeben, warum "man nicht um Aufnahmen" aus bestimmten Zeiten "herumkommt".


    Hätte nicht gedacht, dass Du Dir gleich so totgeschlagen vorkömmst.
    :no:


    Ich könnte tatsächlich eine ganze Reihe von Gründen angeben. Aber erstens stehen die schon alle an prominenten Stellen des Forums, und zweitens würde das natürlich dennoch nix daran ändern, dass es selbstverständlich eine ganze Reihe von Werken gibt, wo neuere Aufnahmen vorzuziehen sind.


    Aber das ist eigentlich evident, genauso, dass die Möglichkeiten zur Manipulation auf Tonträgern heute deutlich vielfältiger sind, als damals.


    Und da ich ein Staatsexamen im Rücken hab, muß ich halt kneifen.


    Aber vielleicht eine Bemerkung noch: Dein Hinweis, kein "Stimmenfetischist" zu sein, trifft die Sache schon. Das Wort beinhaltet zwar eine unzulässige Reduktion, aber es weist die Richtung: Die Frage ist, ob einen der Gesang an sich, mit seiner Historie und seinen Leistungen, seinen Parametern insgesamt interessiert. Und da gehen die Empfehlungen leider nicht oft zusammen.
    Beispiel Boris Godunov: Die eindrücklichsten Portraits der Titelrolle findet man nicht zusammen mit der Originalversion ect.


    Gruß
    Sascha

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    Original von Zwielicht



    Na, das ist ja witzlos, wie schon oben gesagt - die Vergangenheitsfixierung bei der Interpretation von Vokalmusik gilt aus manchen Gründen nur für Musik zwischen vielleicht 1780 und 1920. Und da überwiegend für Oper.


    Nicht witzlos, nur ein typisches Beispiel für Menschen, die unbedingt eine Diskussion gewinnen wollen, ohne an Ihrem Sinn oder am Ergebnis interessiert zu sein. :D

    Zitat

    Original von Thomas Knöchel


    richtig, beim Themenbereich "OPER/ Gesang" geb ich Dir vollkommen recht - weiter oben wurde ja schon bereits auf die Sängermisere der letzten Jahre hingewiesen....


    Es ist nicht nur die Sängermisere, sondern locker noch 19-21 andere handfeste Gründe, warum man im Bereich der Vokalmusik nicht an älteren bis ältesten Aufnahmen vorbeikommt. Allerdings gibts auch mindestens 7 1/2 Gründe, warum man auch aktuelle Aufnahmen berücksichtigen muss.


    Letztlich ist das Ganze auch als Grundsatzdiskussion ziemlich sinnlos, sondern lässt sich nur an den ganz konkreten Beispielen mit brauchbarem Ergebnis diskutieren.


    lg
    Sascha

    Ich hab ja schon mehrmals vorgeschlagen, ein eigenes Unterforum zu eröffnen, in dem nur aktuelle Aufnahmen besprochen/erwähnt werden dürfen. Aber offenbar scheut man die tägliche Arbeit.


    Nicht noch mehr Unterforen! Was genau sollte das bringen? Ist es nicht sinnvoll in einem thread, ggf. zu Vergleichszwecken ältere und neuere Aufnahmen zu besprechen? Ab wann ist denn aktuell? 2005? 2000? 1990? Ich schrieb oben, das meinte ich ernst, daß ich Aufnahmen aus den 70ern nicht als alt betrachte, obwohl ich da noch ziemlich klein war...

    Zahlst Du mir 2000 Euro/Monat Sofortrente, damit ich Zeit habe, die ganzen aktuellen Aufnahmen zu hören und sie finanzieren kann? ;)


    JR

    Zitat

    Original von sagitt


    Werktreue Interpretationen haben wir ja in ausreichender Zahl.


    Der Punkt ja gerade der, dass die Auffassung der Werktreue einem zeitlichen Wandel unterworfen ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die Interpretationsgeschichte von Opern, in denen der Canto fiorito eine Rolle spielt. Von Toscanini initiiert, hat uns das, vor allem in den 70er Jahren viele Aufnahmen beispielsweise unter Leitung von Muti, Abbado und Levine beschehrt, die buchstäblich partiturtreu, den Sängern jegliche Aussziehrung der Gesangslinie, selbst bei Dacapo-Arien, versagten. HIP dürfte das aber kaum gewesen sein, und folglich steht hinter der Werktreue ein großes Fragezeichen. Und nicht umsonst sind HIP-Aufnahmen der Werke, in denen - mit Bedacht - ausgeziert wird, durchaus ein Gewinn und auch erfolg auf dem Markt.
    Das wirft auch durchaus ein anderes Licht auf "Interpretationsmarotten" von beispielsweise Pianisten, die zwar vielleicht nicht dem Buchstaben des Werkes genügen, aber sich unter musikhistorischen Gesichtspunkten durchaus rechtfertigen lassen.


    Aber ich gebe Sagits letzter Bemerkung durchaus recht: Wenn mittlerweile vermarktet wird, dann ist der Ansatz ein außermusikalischer.


    Gruß
    Sascha

    Ich sehe das auch so, wie zatopek.
    Aus meiner Sicht ist der Siegeszug der Schallplatte überhaupt in gewisser Weise schuld daran, dass des öfteren vollkommen valide und großartige Interpretationen durch die Kritik abqualifziert werden. Wie viele Taminos besuchen regelmäßig Konzerte ? Wie viele gibt es, die wohl die Möglichkeit dazu hätten, aber dennoch lieber nicht live in ein Konzert gehen ? Der Tonträger dominiert eindeutig.


    Live erwartet man von einem Pianisten eine gute Interpretation des Stückes. Auf dem Tonträger erwartet man eine "neue" Interpretation, weil jemand, der beispielsweise die h-moll-Sonate einspielt, gegen eine Vielzahl berühmter Referenzaufnahmen antreten muß, die dazu noch spottbillig auf dem Markt sind. Warum sollte man sich die Aufnahme denn überhaupt kaufen, wenn sie zwar sehr gut, aber nicht wesentlich anders ist, als die anderen 5-10 Aufnahmen, die man bereits im Schrank stehen hat ? Selbst die Tonqualität ist da mittlerweile kein Argument mehr. Ein gutes Beispiel sind die ganzen erfolgreichen HIP-Produktionen.
    Ich glaube nun, diese Entwicklung übt einen gewissen Zwang zu polarisierenden Interpretationen aus, der den Werken nicht wirklich gut tut.


    Gruß
    Sascha

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    Original von van Rossum
    Also aus meiner sehr speziellen Sicht auf die Klassik finde ich David Oistrakh ziemlich langweilig, da er ein "Standardrepertoire-Geiger" war.


    Ich versuche natürlich, das aus Deiner Sicht, die zugegeben, selbst unter den Liebhabern des Geigenspiels eine außergewöhnliche ist, nachzuvollziehen.
    Und da denke ich dann allerdings: Klar, mit Geigern, die sich vor allem abseits des Mainstreamrepertoires beschäftigt haben, ist er nicht vergleichbar.


    Aber: Oistrach gehört eindeutig zu den größen des Fachs. Wieviele von diesen Titanen haben denn so ein breites Repertoire gehabt und sich so für zeitgenössische Komponisten eingesetzt, und nicht nur die Schlachtrösser runtergefiedelt ? Ich habe den Eindruck, das er da wirklich hervorsticht, lasse mich da aber gerne korrigieren. :yes:


    Gruß
    Sascha

    Man wundert sich ja wirklich über die große Schicht Staub, die auf diesem Thread liegt. Es lässt sich aus meiner Sicht nicht wirklich mit der Translation aus dem Kyrillischen erklären, was ja, wie bei vielen russichen Künstlern, zu einer wahren Flut von kursierenden Namen führt. Im wesentlichen scheint es sich hier nur um Oistrach oder halt Oistrakh zu drehen.
    Liegt es vielleicht daran, dass viele Aufnahmen von Oistrach in die späte Mono oder sehr frühe Stereoära fallen ?


    Ich habe in den letzten 3 Wochen sehr viel von ihm gehört, was an dieser wunderbaren, zudem ungemein preisgünstigen Box liegt.



    Enthalten ist eine Fülle wunderbarer Einspielungen, vieles in Stereo oder zumindest wirklich gutem Studi-Mono. Wenn es meine Zeit erlaubt, stelle ich in der nächsten Zeit mal einige Aufnahmen genauer vor, aber nur kurz vorab:
    Wirklich beeindruckend ist Tartinis "Teufelstriller"-Sonate mit Vladimir Yampolsky am Klavier. Oistrach ertränkt die Sonate nicht in Schmalz (wie ASM es leider tut), sondern wechselt zwischen Melancholie und bezaubernder Eleganz und führt die Komposition mit Virtuosität einem Höhepunkt zu, der atemberaubend ist, nämlich der Kadenz. Das ist schon Modellhaft, die schwierigen Triller sind wie in Marmor gehauen. Großartig die Mozartaufnahmen inklusive der Sinfonia Concertante mit seinem Sohn, auch wirklich gut das Brahmskonzert, sowohl unter Klemperer wie auch Szell zu hören. Khachaturian, mit dem Komponisten selbst am Pult, wurde ja schon lobend erwähnt. es wäre unfair, das gegen die wirklich gute Julia Fischer auszuspielen. Gut vergleichbar auch zwei mal das Tripelkonzert, die berühmte, umstrittene Variante mit Richter/Rostropovich/Karajan wie auch die ältere mit Oborin und Knushevistsky. Warum nicht nur ich die letzte für die bessere halte (Wobei ich die Karajanaufnahme nicht für schlecht halte...), wird einem klar, wenn man die Aufnahme des 1. Trios von Schubert hört, ebenfalls mit Oborin und Knushevitsky. Die drei bildeten ein sehr gut harmonierendes Trio.
    Nun, wie gesagt, es gibt viel zu entdecken und für den Preis kann es eigentlich nur heißen: Zugreifen.


    Gruß
    Sascha

    Tenor der Callas, aus dem Schatten wird er nicht mehr rauskommen, was schade ist. Ich habe gerade eine Callas-Phase, und Ihn deshalb über die Feiertage natürlich quasi als Kollateralschaden hören müssen in folgenden Aufnahmen:





    Die Aufnahmen entstanden sämtlich Mitte der 50er Jahre, sind also eher am Ende der Zeit seiner Karriere mit intaktem Stimmaterial anzusetzen. Die Vollhöhe klingt stellenweise schon etwas forciert, ingesamt kann man aber noch eine fantastische Stimme genießen.


    Zitat

    Zauberton schrieb:


    Wenn er die Arie "De miei bollenti spiriti" aus La Traviata singt, glaube ich ihm jedes Wort. Nie wirkt er unbeteiligt oder routiniert...


    ...Und gerade das Gefühl für die natürliche Sprachmeldodie und die stets verständliche Artikulation sind es, die ihn gegenüber anderen vornehmlich auf Tonproduktion bedachten Sänger abheben. Eben so entstehen auch manchmal diese wunderschön geformten Phrasen, die sich einfach einbrennen, die eine Interpretation unvergesslich machen.


    Zitat


    Theodora schrieb


    ...arbeitet die emotionalen Schattierungen seiner Rolle sehr einprägsam und bewegend aus - ich hatte nach dem Hören der anderen Ballo-Aufnahmen immer seine Betonung im Ohr.


    Das kann ich voll unterschreiben. Wer einmal gehört hat, wie di Stefano eine Phrase, meist durch starke Akzente, gestaltet vergisst sie in der Regel nicht mehr. Seinen Part, also wie er ihn singt, in dem großen "Mario Mario Mario"- Duett konnte ich bereits nach 1-2 mal Hören quasi auswendig. Auch die kristallklare Artikulation, beispielsweise bei "la vidi ieri, ma fu puro caso" - ich kann nicht anders, ich muß das quasi mitartikulieren, wenn ich es von ihm höre.
    Oder auch die 55er Traviata aus der Scala, dieses "De' miei bollenti spiriti..." - wie er das betont. Das ist so simpel, eigentlich recht einfach gestrickt, aber es ist so ungemein eindringlich.
    Und auch in der Lucia, obwohl er da stilistisch keinesfalls so singt, wie man es eigentlich bei Donizetti gewohnt ist: Auch da macht er viel Effekt, vieles brennt sich ein, wirkt einfach plastisch greifbar für diese Figuren, die er da singt.
    Mein persönlicher Höhepunkt: "E lucevan le stelle". Es gibt einige große Aufnahmen dieser Arie, aber seine ist die beste Aufnahme hinsichtlich der ersten Phrase. Er bringt das exakt so wie die Situation ist: Cavaradossi erschaudert unter dem Sternenhimmel angesichts der auswegslosen Situation, rückblickend auf das, was hätte sein können. Das höre ich nur bei ihm, Gänsehaut pur.


    Die Sorge am Rande: Ich befürchte, diese Art Singen ist auf Tonträgern problematisch. Wenn man das live in der Oper erlebt, hat das den ungeheuren Reiz der Spontanität, man spürt das Feuer des Sängers. Wenn man aber die Gelegenheit hat, sich das auf der CD 10 mal hintereinander anzuhören, verliert es vielleicht irgendwann seinen Reiz. Zumindest kenne ich Leute, denen das passiert ist oder die ingesamt sehr wenig empfänglich für diese Art der Interpretation sind. Wie gesagt, ich empfinde da (noch?) deutlich anders und bedauere, dass diese flammende Stimme so schnell erloschen ist (was aber leider nicht verwundert, wenn man so schnell die schweren spinto-Partien und sogar noch den Otello angeht).


    Gruß
    Sascha

    Es finden sich garantiert an jeder Abendkasse genügend Experten, die aus dem Zylinder Namen zaubern können, denen weder Pavarotti, noch Kraus, noch Florez würdig wären, die Füße zu küssen. Spätestens am Stehplatz, am besten aber noch in den Nachtstunden des Vorverkaufs würde man fündig. Ich habe da so meine Erfahrungen gemacht :D
    Es zeigt sich dann aber doch wieder der Vorzug des (vielkritisierten!) Ansatzes von Kritikern, die sich in Ihrem Urteil allein auf vorliegende Aufnahmen beziehen. Das ist dann nämlich für jeden nachprüfbar. ;)


    Um wieder ernsthaft zu werden: Ja, es ist beispielsweise auch ein bekanntes Gemeingut unter Gesangsliebhabern, dass vor dem Krieg jedes noch so kleine Opernhaus in der Provinz mindestens drei Sänger hatte, die den Tristan singen konnten. In den Fällen, in den man das akustisch nachprüfen kann, stellt man dann fest: In der tat existierten erstaunlich schwergewichtige Kaliber, auch mit manch interessantem sängerischen Profil. Aber alles in allem zeigt eine genauere Betrachtung, dass die Leistung insgesamt doch defizitär ist, meist sogar einfach provinziell, ohne entsprechenden Feinschliff. Und so ist es dann, meiner Erfahrung nach, auch oft mit den Geheimtipps bei den "Belcantisten".


    Damit ich nicht falsch verstanden werde: Diese Sänger sind meist unbedingt hörenswert, und manches ist in einzelnen Aspekten sogar erstaunlich gut. Meist ist es aber doch, wie mit den Kleinmeistern neben Beethoven: Dessen 9 Sinfonien stehen immer noch auf dem Sockel und brauchen sich nicht zu fürchten, obwohl sich immer jemand findet, der die Sinfoninen von Karl-Dietrich Klusenbaum besser findet. Aber Geheimtipps sind halt doch sehr selten, es ist wie mit den Schleichwegen in der Stadt. :pfeif:


    Gruß aus dem matschigen, dreckigen Berlin
    Sascha

    Zitat

    Original von operus
    Erstaunlich, dass dieser ausgezeichnete Tenor an posthumer Bedeutung verloren hat.
    Vielleicht befremdet uns heute sein oft zu "gefühliges Singen".
    Herzlichst
    Operus


    Lieber Operus,


    ich denke, es gibt einige Gründe dafür, das Rosvaenge (leider) fast in Vergessenheit geraten ist. Seine Stimme ist zwar ein expressives Organ, das Timbre dürfte aber nicht jedermanns Sache sein. Der vielgerühmte (und gefragte!) Schmelz war seine Sache nicht. Die Stimme wirkt nicht nur brilliant sondern oft grell - schneidet dafür aber wie ein Schneidbrenner durch jede Orchestrierung!. Dazu hat er die große Zeit der Opernproduktionen verpasst bzw. nicht an den internationalen Opernaufnahmen der späten Monoära mitgewirkt, sondern "nur" viele Rundfunkmitschnitte, zumal in deutscher Sprache hinterlassen. Diese interessieren aber meist nicht die breite Masse der jüngeren Opernliebhaber, sondern eher schon die speziellen Gesangsfetischisten.


    Dennoch: Rosvaenge war ein Phänomen, meist sogar phänomenal - und ich halte Ihn auch für unterschätzt.


    Über seine Ausbildung finden sich unterschiedliche Angaben. Vom plattenhörenden Autodidakten bis hin zum quasi "Hobby-Gesangsstudium" neben seinem eigentlich Studium als Chemieingenieur. (Was steht dazu in seiner Autobiographie ? Würde mich brennend interessieren !?!)
    Jedenfalls: Er scheint keine wirklich professionelle Ausbildung genossen zu haben. Aber, was ist das Ergebnis dieses merkwürdigen Lebenslaufes: Ein Sänger, dessen Stimme immer korrekt gestützt, mit ausgeglichener Skala bis zum D reichte. Mit derart phänomenal strahlenden Spitzentönen, die immer korrekt platziert sind und in Squillo, Kraft und Sicherheit höchstens von Lauri-Volpi erreicht wurden. Rosvaenge-Absagen waren in etwa so häufig, wie die blaue Mauritius. Angeblich sang er in seinen besten Zeiten über 200 Auftritte im Jahr, Repertoireauswahl immer nach dem Motto: "Höher, Schneller, Weiter". Mit 65 Jahren noch als Manrico aktiv, auf seiner Abschiedstournee mit dem Repertoire eines Mitte Dreißigers.


    Wen kann man da als Maßstab dagegen setzen ?


    Und er konnte noch mehr, nämlich wirklich bezaubern mezza voce singen. In einer frühen Aufnahme der Radames-Romanze singt er ein hohes B im Piano, zwar falsettgeprägt, aber doch sicher gestützt. Er hat sowohl die Kraft zum Esultate, als auch die Zärtlichkeit fürs Liebesduett als Otello. Und dann der Klangreichtum der Stimme: Man höre mal nur mal "Ewig muß ich dein gedenken, und kann dann über den musikalischen Gehalt diskutieren, aber nicht über die Fülle an Klangmassen, die Roswaenge da entfesselt.


    Richtig ist: Es gibt, vor allem auch im italienischen Repertoire, zu viele internationale Alternativen, die mit mehr klanglicher Bindung, Legato, überhaupt Noblesse des Singens und viel besserer Linienbildung überzeugen können. Aber Rosvaenge ist dennoch, wegen der genannten Vorzüge, unbedingt hörenswert. Und er hat innerhalb eines rhetorisch-dramatischen Gesangsstils mehr erreicht, als andere.
    Insofern finden sich sogar bei den gestrengen Hörrn Gesangsconnaisseures immer die selben Hinweise auf seine eindrucksvollsten Aufnahmen: Den Feuerreiter von Hugo Wolf, die große Florestan-Arie, Huons "Von Jugend auf in dem Kampfgefild" sowie einige Hochseilnummern wie Sobinins Arie aus Glinkas "Leben für den Zaren" und der "Postillion von Lonjumeau".


    Selbst, wer den flammenden, wenig kantablen Stil der deutschen Vorkriegszeit nicht mag, sollte Rosvaenge eine Chance geben.


    Gruß
    Sascha

    Lieber Alviano,


    ich kenne die alte, dreibändige Ausgabe sehr gut. Auffällig ist dort immer wieder, dass Kesting, ungeachtet seiner schon damals riesigen Sammlung, darauf verweist, wie viele wichtige Aufnahmen er nicht hören konnte. 99% dieser Aufnahmen sind heute aber, der CD und dem Copyrightende sei Dank, für unter 10 Euro innerhalb von 2 Tagen lieferbar. Insofern ist klar, dass auch die Urteile gegenüber älteren Sänger nun eine ganz andere - und für Dich ja relevante, weil Du die Aufnahmen leicht beschaffen kannst bzw. ggf. schon besitzt - Grundlage haben.


    Nur mal ein drastisches Beispiel:
    Die großartige Meistersingeraufnahme unter Kubelik mit Thomas Stewart als Sachs. Kesting erwähnt sie nicht mal. Und selbst Jens M. Fischer, sein Buch ja immerhin Anfang der Neunziger publiziert, schreibt: "Den Sachs...hat Stewart leider nur in einer Münchener Rundfunkproduktion gesungen, die es nicht zu Plattenehren brachte."
    Nun gehört aber diese Produktion mittlerweile nicht nur in jede Sammlung eines Meistersinger-Freundes, sondern Kesting hat sie in seinem Nachruf auf den Sänger in der FAZ als zentrales Dokument seines Könnens gewürdigt.


    Auch weißt er explizit auf den Faust von Ivan Kozlovsky hin, bezieht sich aber auf eine anderen Rezensionsquelle (Opera on Record, siehe unten), weil er die Aufnahme nicht bekommen konnte. Sprich, Du würdest Dich nur ärgern mit der älteren Ausgabe - und von den jüngeren Sängern, die gar nicht erst berücksichtigt werden konnten, ganz zu schweigen.



    Antiquarisch würde ich dagegen unbedingt empfehlen:


    Steane, John: "The Grand Tradition: Seventy Years of Singing on Record, London 1974."


    Evidenter, da schon aus dem Titel ersichtlicher Nachteil ist, dass diese brilliante, über 600seitige Studie, bereits in den Siebzigern endet. Vorteil ist, dass er nicht allzu teuer und relativ leicht antiquarisch zu beziehen ist. Und Steane bläst, obwohl er ähnliche Vorstellungen vom Singen hat wie Kesting, bei weitem nicht immer ins gleiche Horn - also auch dahingehend sehr erhellend.


    Viel schwerer und/oder kostspieliger ist das dreibändige Opera on Record (1979-84), von Alan Blyth herausgegeben, wo entsprechend berufene Ohren die Gesamtaufnahmen von über 100 Opern besprechen. Das hab ich allerdings selbst nicht (die Staatsbilbliothek hats zum Glück), ist schwer zu bekommen und wenn für Phantasiepreise, leider.


    Aber da Kesting oft auf diese Bücher verweist, machts doppelt Spaß, sie zu besitzen.


    Lg
    Sascha

    Gerüchteweise hat sich auch ein Major-Label, wie seinerzeit EMI bei dem Callas-Buch, erbarmt noch nachträglich eine begleitende CD-Box herauszubringen. Bei jpc erhielt ich jedoch die Auskunft, dass derzeit Lieferverzögerungen auftreten, weil für jede Bestellung eigens ein Schwertransport auf die Reise geschickt werden müsse...vor allem angesichts der aktuellen Witterung natürlich problematisch. :pfeif:


    :hello:
    Sascha

    Zitat

    Original von oper337


    Aber der Vergleich Mahgoni und Fichte ist gut, darf ich mir den in meinen Zitatenschatz nehmen? =)


    Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :hello: :hello:


    Hallo Peter,
    ich glaube mich zu erinnern, dass ich die Rechte an meinen hiesigen Schriften an Alfreds Imperium abgetreten habe. Es liegt also nicht an mir. ;):D




    Hallo Musikkristin,


    Zitat

    Bezüglich "unbehauenes Holz" fällt mir gerade ein (grins), daß das auch schon von Franco Corelli's Stimme behauptet wurde, die ich sehr liebe. Ich mag ja auch Lanza noch - wahrscheinlich habe ich eine Vorliebe für das "Rohe".


    Sagen wirs so: Die Holzsorte "Corelli" ist nobles Material und so schlecht nicht bearbeitet. Lediglich der fertige Schrank ist selten meinen Geschmack. ;)
    Aber: Corelli hat einige hundert mal auf der Bühne gestanden, ich glaube über 300 Aufführungen alleine an der MET. Wie auch beispielsweise del Monaco, der es alleine über 200 Otello-Aufführungen auf dem Konto gehabt haben wird. Das beeinhaltet viele Rollenportraits, die auch in Gesamtaufnahmen festgehalten sind.
    Das ist für mich dann doch eine fundamental andere Kategorie, als Mario Lanza. Ich begrüße es ausdrücklich, wenn Gabi hier eventuelle Falschangaben richtig stellt - zumal so etwas bei dem heftigen Gegenwind immer wenig Spaß macht, aber es nützt letztlich allen -, glaube aber kaum, dass es meine Meinung wesentlich ändern wird.


    Wenn Lanza Dich zur Oper gebracht hat, sehr schön. Ich bin da aber voll bei Alviano, dass es in der Regel nicht so erfolgreich ist und die wenigsten den Schritt konsequent weitergehen. Sie bleiben dann bei Bocelli und Co.


    Und am betrüblichsten finde ich jetzt Paul Potts: Von vorne bis hinten ein Kunstprodukt des Marketings, nicht anders wie eine Boygroup.
    Am Reißbrett geplant und dermaßen auf Gefühlsduselei abzielend, dass man sich wundert, wie leicht man Leute (offenbar auch hier, siehe den entsprechenden Thread) manipulieren kann. Man schaue sich mal bei Youtube das Casting an, vor allem die schlechte schauspielerische Leistung der Jury. Und das wurde der erfolgreichste Download-Titel in Deutschland, der Telekomwerbung und dem Medienrummel sei dank.


    Deshalb denken jetzt Millionen Menschen, so klinge (ist das der richtige Konjunktiv ? :wacky: ) kunstvoller Operngesang. Ähnliche Mechanismen haben dazu geführt, dass die Mehrzahl der Kinder glaubt, ein Fisch ist ein weißer Quader mit oranger Kruste drum. Nein, das ist glaube ich der falsche Weg. ;)


    Gruß
    Sascha


    Ups...da reibe ich mir verwundert die Augen, weil ich dachte, barbara Bonney hätte aus Gesundheitsgründen Ihre Karriere beenden müssen. Und stelle jetzt fest, dass ich seinerzeit einem Gerücht aufgesessen war. :pfeif:


    Schön für sie und uns das sie immer noch singt. :yes:
    Und für Dich, dass Du sie hören kannst. ;)


    Gruß
    Sascha

    Lieber Operus,


    vielen Dank für Deinen umfassenden Bericht zum vierbändigen Weihnachtsgeschenk. Er ist umso gewichtiger, als dass naturgemäß (auch international) bedeutsame Werk in der "Mainstream"-Presse kaum Niederschlag gefunden hat. Die Gründe dürften nicht zuletzt an diversen Verflechtungen der infragekommenden Autoren liegen. Die FAZ selbst will sich verständlicherweise nicht dem Verdacht aussetzen, den eigenen Experten zu hypen. Weiterhin wäre ja Kesting sozusagen erste Wahl, sich selbst zu rezensieren, andere (stimm-)fachliche Kaliber sind in den frankfurter Redaktionsräumen leider selten geworden.
    Und Fischer von der "Süddeutschen" würde sich, ebenso wie Brug aus der Comedy-Truppe von Springer, wohl dem Verdacht der Rivalität ausgesetzt sehen. Bliebe wohl noch Axel Brüggemann, der aber vermutlich wieder einen Skandal prophezeihen würde, wo keiner ist - und den deshalb hoffentlich auch niemand lesen möchte. :D


    Nebenbei, gerade online gefunden, hat die "Berliner Zeitung" eine sehr ausführliche Rezension geschrieben:


    http://www.berlinonline.de/ber…euilleton/0004/index.html


    lg
    Sascha

    Nicht mehr lesen werde ich



    und einige weitere Wallander-Romane, durch die ich mich quälte. (Es hies, irgendwann wird es Dich packen, deshalb hielt ich länger durch als nötig. :wacky: ) Ich weiß. dass er mit den Büchern nicht die Literaturgeschichte neu erfinden wollte. Aber denoch...Callas aus dem scheppernden Plastikkassettenrekorder in einsamer, kalter und, natürlich verregneter skandinavischer Nacht. Und ich rufe beim Lesen immer wieder verzweifelt:
    "Nein Kurt, trink doch nicht zu viel! Nein, nicht schon wieder eine fettige Pizza essen...und nein, auch diese Frau ist nichts für Dich und wird Dich ins Unglück stürzen." Aber er hört mich nicht. Da ist mir dann die Zeit doch zu Schade, auch wenn man es sich relativ schnell liest, weil man vieles, da bekannt nach Schema F, überblättern kann. Daily Soap schauen ist zeitsparender.


    Gruß
    Sascha

    Hallo zusammen,


    einen eigenen Thread zu eröffnen, erscheint mir vermessen, deshalb klinke ich mich mal hier ein:
    Kann jemand etwas Erhellendes zum Dirigenten Alexander Orlov beitragen ?
    Meine Recherchen verliefen entweder im Sande (div. Interpreten-Lexika) oder wurden massivst dadurch erschwert, dass man sich offenbar für Diamanten und Prinzen mehr interessiert, als für Dirigenten. Obwohl, immerhin das habe ich herausbekommen, Orlov wohl wirklich ein Prinz war.


    Ich stieß zufällig auf Ihn, als ich mich mit dem Tenor Ivan Kozlovsky beschäftigte. Interessieren tut er mich deshalb, weil er einen erstaunlichen Verdi dirigiert. Nämlich sozusagen einen "vor-toscaninischen", der stellenweise sogar über ein ekzessives Tempo Rubato hinausgeht und in praktisch freie Zeitmaße mündet. Dazu kommen starke Portamenti ect. Jedenfalls habe ich das so sonst in den (wenigen!) anderen Bolshoi-Aufnahmen, die ich kenne, nicht so extrem gehört - kenne aber die russische Interpretationsgeschichte auch nicht wirklich gut.


    Jedenfalls schließt Orlov stilistisch aus meinen Augen eher direkt an die italienische Oper der Jahrhundertwende an. Und mich würde interessieren, warum, und wie er in die russische Opern-Interpretationsgeschichte einzuordnen ist. Falls jemand Infos und Interesse hat, vorab Danke.


    Gruß
    Sascha