Beiträge von ChKöhn

    Den Film gibt es aktuell auf arte.tv und in der ARD-Mediathek:


    https://www.arte.tv/de/videos/…000-A/igor-levit-no-fear/

    Das haben ihnen die Musikkritiker und Muwis eingebläut - vermutlich um "moderne Werke" die in der Regel sperrig bis unanhörbar :untertauch: :stumm: :P sind, besser am Markt positionieren können.

    Anders als Du (nicht nur hier) schreibst, beschäftigt sich die Musikwissenschaft eher selten mit Werturteilen. Ich kenne zu dem Thema nur eine einzige größere Arbeit, nämlich Carl Dahlhaus' "Analyse und Werturteil" von 1970, und die gilt bei den meisten Musikwissenschafltern heute als überholt. Dahlhaus selbst war sich der Problematik durchaus bewusst, wenn er z.B. schreibt, dass Objektivität in diesem Zusammenhang nur als Inter-Subjektivität verstanden werden kann, und dass die wiederum fast ein Widerspruch in sich selbst ist, wenn man sie notwendigerweise auf einen kleinen Kreis von "Eingeweihten" beschränkt.


    Am Ende ist für die musikalische Bedeutung der großen Fuge von Beethoven uninteressant, ob es dem ein oder anderen gefällt. Die Bedeutung dieses Werkes manifestiert sich an anderen Kriterien.

    So ist es. Und diese Kriterien sind bei einem Werk, dass derart radikal neue Wege beschreitet, natürlich zum großen Teil ebenfalls neu.

    Ich finde das Verbot für Handel mit alten Instrumenten nachvollziehbar. Die können dadurch zu einer heiß begehrten Rarität werden

    Erstens sind gerade die alten Instrumente (vor 1947) vom Verbot ausgenommen. Und zweitens sind Elfenbeinbeläge schon seit Jahrzehnten kein wertsteigerndes Element mehr, weil sie oft unansehnlich verfärbt und fleckig geworden sind, und weil es längst technisch überlegene Materialien gibt. Das Verbot von 1989 hat das Problem im Klavierbau ein für allemal gelöst. Die Rede von einer "heiß begehrten Rarität" ist reine Fiktion.


    Und es öffnet einige Lücken zum illegalen Handel.

    Welche?


    Wie gesagt: Ohne Lobbyarbeit entstehen im Brüssel mitunter Gesetze, die wenige Ausnahmen zu lassen. In diesen Fall mag das Pianisten treffen, aber juristisch ist es konsequent durchdacht.

    Ich behaupte auch nicht, dass die Verordnung juristisch anfechtbar ist, sondern dass sie in keiner Weise dem behaupteten Ziel des Artenschutzes dient. Sie rettet keinen einzigen Elefanten.

    Die Regelung ist etwas anders als von Dir beschrieben, gemäß EU-Verordnung gilt:

    (...)

    Da es sich hier um ein juristisches UND handelt, müssen also zwei Bedingungen zutreffen.

    Ich kann Dir nicht folgen. Genau das hatte ich doch oben unter dem zweiten Punkt meiner Liste geschrieben.


    Ich finde das alles sehr konsequent und gründlich umgesetzt, da hat jemand seinen Spielraum uneingeschränkt ausgenutzt und niemand scheint Einspruch erhoben zu haben.

    Noch einmal: Inwiefern hilft diese Regelung auch nur einem einzigen Elefanten?

    Wenn der Handel mit Elfenbein grundsätzlich verboten ist, muss natürlich auch der Handel mit Instrumenten aus Elfenbein verboten sein, was ist daran nicht zu begreifen?

    Der Handel ist (wie Du ja selbst geschrieben hast) nicht "grundsätzlich verboten", sondern es gibt unter bestimmten Voraussetzungen Ausnahmen für Instrumente, die vor 1947 gebaut wurden sowie weitere Ausnahmen bis Baujahr 1976. Die Frage von Bertarido war, warum es gerade die "Deadlines" 1975 bzw. 1976 gibt. Meine Antwort: Das weiß ich nicht. Was ist daran nicht zu begreifen? Mein Flügel ist z.B. von 1988, womit er unter das generelle Verkaufsverbot fällt. Wäre er von 1974, dürfte ich ihn verkaufen, denn ich bin Musiker und erfülle deshalb die oben genannten Voraussetzungen für eine Genehmigung. Vielleicht erklärst Du mir mal, inwieweit das irgendeinem Elefanten hilft. Ich begreife es nämlich nicht.

    Aber es wäre ja immerhin möglich gewesen, dass sich Klavierbauer nicht an das Verbot halten.

    Nein, das halte ich für vollkommen ausgeschlossen. "Klavierbauer" sind ja keine Klavierhersteller, und diese wiederum sind heute keine kleinen, handwerklichen Betriebe mehr sondern mindestens mittelgroße Industrie- bzw. Handwerksbetriebe. Ihre Zahl ist, verglichen z.B. mit der Vorkriegszeit verschwindend gering. Wie hätte eine dieser Firmen unbemerkt nach dem Verbot von 1989 noch Elfenbein-Tastaturen herstellen und verkaufen sollen?

    Was ich nicht verstehe, sind die Deadlines. Wenn man den Handel von Klavieren mit Tastaturen aus Elfenbein verboten hätte, das nach 1989 eingeführt wurde, dann wäre das für mich nachvollziehbar, weil es sich dann auf jeden Fall um illegales Elfenbein handeln würde und damit niemand Gewinne machen sollte, auch wenn man mit dem Verbot keinen Elefanten mehr rettet. Aber was hat es mit den Daten in den Jahren 1975 und 1976 auf sich? Die sind doch wahrscheinlich nicht willkürlich gewählt worden.

    Elfenbein, das nach 1989 eingeführt worden wäre, hätte wie gesagt ohnehin nicht mehr im Klavierbau verwendet werden dürfen. Warum man gerade den Handel mit Instrumenten zwischen 1975 bzw. 1976 und 1989 verboten hat, weiß ich nicht.

    Das ist das, was ich daran nicht verstehe. Wie rettet man einen einzigen heute lebenden Elefanten, indem man den Handel mit Altinstrumenten erschwert, die seinerzeit legal mit Elfenbein ausgestattet worden sind? Außer erheblichen Problemen für die Besitzer und potenziellen Käufer solcher Instrumente führt diese Regelung doch eigentlich zu nichts.

    Ja, und ich habe auch noch niemanden getroffen, der mir das plausibel hätte erklären können. Es ist ja nicht einmal so, dass Elfenbeinbeläge bei gebrauchten Flügeln ein wichtiges Wertkriterium wären, sondern sie spielen im Vergleich zum Erhaltungszustand, zur klanglichen Substanz, Präzision der Mechanik usw. einfach keine Rolle. Wenn überhaupt könnte sich mancher Käufer daran stören, dass sie im Gegensatz zu den Kunststoffbelägen im Laufe der Jahre gelblich und fleckig werden können. Ich hatte mit dem Thema vor eineinhalb Jahren zu tun, als ich für unsere Hochschule einige Alt-Flügel zur Versteigerung aussortiert habe. Die haben wir den Interessenten noch im alten Zustand, also mit dem Tastenbelägen zum Ausprobieren hingestellt (ohne Beläge kann man sie nicht mehr anspielen, weil das das Tastengewicht verändert), aber der jeweilige Käufer musste dann vor der Versteigerung akzeptieren, dass wir sie vor der Auslieferung entfernt haben. Und selbst dafür brauchten wir eine Genehmigung der Bezirksregierung. Das Ganze hat damals solche Wellen geschlagen, dass die Presse inklusive Rundfunk und (WDR-)Fernsehen sich die Klinke in die Hand gegeben hat. Für mich war das immerhin das einzige Mal, dass ich zur besten Vormittags-Sendezeit in WDR 2 interviewt wurde :).

    Es ist wie beim Metzger, wo man sich gerne einredet: Das Milchkalb ist nun schon geschlachtet, dann kann man es auch guten Gewissens verspeisen. Ja, das kann man natürlich. Aber wenn man etwas daran ändern möchte, dann muss man konsequent auf den Verzehr verzichten. Nur dann ändert sich die Nachfrage.

    Wenn ich beim Metzger ein Stück Milchkalb kaufe, wird dafür ein anderes Kalb geschlachtet. Es wird aber kein Elefant für Tastenbeläge aus Elfenbein getötet, weil es die seit über 30 Jahren nicht mehr gibt, und es wird auch keiner gerettet, indem man alte Beläge auf den Müll schmeißt oder verbrennt. Eine "Nachfrage", die eingedämmt werden müsste, gibt es im Klavierbau nicht.

    Die Antwort darauf ist recht simpel: die Komponisten dieser Werke haben nicht für Hörer (neudeutsch: Konsumenten) geschrieben, sondern für Spieler des Liebhaberniveaus, und sie dewegen technisch/musikalisch so verfasst, dass diese sie nach Üben einigermaßen beherrschen konnten. Sie hatten ja meist genügend Schüler und kannten die (unterschiedlichen) Niveaus.

    Du behauptest also, Bach habe seine Werke gar nicht für Hörer sondern für Spieler geschrieben. Wenn das, wie Du sagst, "entscheidend" ist, müsstest Du doch konsequenterweise eine Aufführung vor heutigen Hörern generell ablehnen, denn sie entspricht dann ja nicht dem Komponistenwillen. "Falsch" wäre dann nicht das Instrument sondern die Musik. Historisch informierte Aufführungspraxis konsequent zu Ende gedacht :).

    An anderer Stelle kam eine Diskussion über Tastenbeläge von Klavieren und Flügeln aus Elfenbein auf, die dort nicht zum Thema gehört. Deshalb hier:


    Bis etwa 1989 verwendeten die meisten großen Klavierfirmen Elfenbein für die Beläge der Tastaturen. Das war nicht nur üblich sondern auch legal. Das änderte sich am 17. Oktober 1989 mit dem Washingtoner Artenschutzabkommen, bei dem sich 177 Staaten auf ein Verbot des Handels mit Elfenbein einigten. Die Klavierfirmen entwickelten (wenn sie es nicht schon vorher getan hatten) daraufhin gute Alternativen. Auch wenn in der Folgezeit die Bestimmungen durch zahlreiche Ausnahmeregelungen aufgeweicht wurden, ist es seitdem nicht mehr möglich, neue Flügel oder Klaviere mit Elfenbeintastaturen zu kaufen, und es ist seither kein Elefant mehr für den Klavierbau gestorben (einzelne kaputte Beläge mussten aus dem noch vorhandenen Restbestand erneuert werden).

    Da aber weiterhin jährlich bis zu 20000 Elefanten illegal getötet werden, hat man bei der EU das Verbot mit Wirkung zum 19.1.2022 auf jegliche Gegenstände, in denen Elfenbein verarbeitet wurde, ausgeweitet. Für Klaviere und Flügel bedeutet das: Bis zum Stichtag benötigte man bei Grenzübertritten in die bzw. aus der EU ein CITES-Dokument vom Bundesamt für Naturschutz, und der innereuropäische Handel ohne Bescheinigung war nur gestattet, wenn das Elfenbein nachweislich aus der Zeit vor 1947 stammte und dieses nach 1947 nicht mehr verändert wurde. Wurden diese Bescheinigungen vor dem Stichtag ausgestellt, haben sie ein Jahr später, also am 19.1.2023 ihre Gültigkeit verloren.


    Statt dessen gelten jetzt folgende EU-Regelungen:

    • Der Verkauf bzw. Kauf eines Instrumentes, das vor dem 3. März 1947 gebaut wurde, ist unter bestimmten Voraussetzungen genehmigungsfähig.
    • Der Verkauf bzw. Kauf eines Instrumentes, welches legal erworbenes Elfenbein aus der Zeit vor dem 01.07.1975 (asiatischer Elefant) bzw. 26.02.1976 (afrikanischer Elefant) enthält und „von einem ausübenden Künstler zum Musizieren verwendet wird oder bis vor kurzem verwendet wurde und somit kein reiner Dekorationsgegenstand ist“, ist genehmigungsfähig.
    • Der Verkauf bzw. Kauf eines Instrumentes, das nach dem 26.02.1976 gebaut wurden, ist nicht mehr genehmigungsfähig; gegebenenfalls bereits erteilte Genehmigungen haben zum 19.1.2023 ihre Gültigkeit verloren. Nicht nur jeglicher Handel mit diesen Instrumenten sondern schon die Suche nach einem Käufer ist illegal. Auch der Käufer ist verpflichtet, sich vor dem Kauf über die Rechtmäßigkeit des Handels zu versichern, und macht sich gegebenenfalls ebenfalls strafbar.
    • Sogar bei Schenkungen ist Vorsicht geboten: In der Begriffsklärung der EU-Verordnung wird unter "Handel" auch "Einfuhr, Ausfuhr, Wiederausfuhr, Verwendung, Beförderung oder Überlassung" aufgeführt. Ob eine Schenkung von privat an privat noch möglich ist, ist unklar.

    Was kann also der Besitzer eines Instruments tun, das nach 1976 gebaut und (wie gesagt damals völlig legal) mit Elfenbeinbelägen ausgestattet wurde, wenn er dieses verkaufen oder verschenken will? Dringend abzuraten ist davon, einfach auf den Satz "Wo kein Kläger, da kein Richter" zu vertrauen: Schon vor der strengen Neuregelung wurde z.B. in Traunstein ein Bösendorfer konfisziert, weil der Besitzer einen Käufer gesucht hatte, bevor er die - damals noch mögliche - Genehmigung eingeholt hatte. Mit der Neuregelung hat sich die Situation wie beschrieben erheblich verschärft. Es gibt deshalb nur eine Möglichkeit: Die vorhandenen Elfenbeinbeläge müssen vor dem Verkauf von einem Klavierbauer entfernt werden (wozu er wieder eine behördliche Genehmigung braucht) und anschließend entsorgt werden. Immerhin verzichtete die EU auf die Nachweispflicht, dass durch diese Vorgehensweise ein Elefant wieder zum Leben erweckt wird. Auch das hätte mich nicht mehr gewundert.

    Wenn man nach all dem auf die Idee kommt, das Instrument statt dessen einfach kostenlos an einen Entsorger zu geben, könnte das anscheinend (ohne Gewähr) legal sein. Ich selbst denke statt dessen für den (hoffentlich fernen) Tag, an dem ich nicht mehr Klavierspielen kann, darüber nach, meinen Flügel nach Brüssel vor das Gebäude der EU-Kommission transportieren und dort öffentlich in Brand stecken zu lassen.

    Das mag angehen, würde aber das Herz eines jeden echten Musikers bluten lassen; zum Üben sind E-Instrumente sicher gut geeignet, zumal sich auch das Anschlagsfeeling enorm verbessert hat - zudem kann mit Kopfhörern quasi lautlos geübt werden. Für zumindest klassische Konzerte halte ich den Einsatz solcher Instrumente allerdings eher für ausgeschlossen (jedenfalls ist das mein Wunsch; der neuen Quantendenkweise zufolge sollte das jetzt wirken!).

    Im Moment ist das noch so, aber mit Prognosen wäre ich sehr vorsichtig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen :).


    Die Elefantenlieferung aus Botswana steht ja noch aus - das könnte eventuell der Inflation entgegenwirken (natürlich sollte nur das Tastenmaterial eines natürlichen Todes gestorbenen Tieres verwendet werden).

    Es ist sogar umgekehrt: Seit dem Ende der 80er wird kein Elfenbein mehr verbaut, aber die Preise haben sich trotzdem vervierfacht. Sonst wäre es vielleicht noch mehr.

    Das Cembalo (dort als "Kielflügel" bezeichnet) ist aber keinesfalls ein unmittelbarer Vorfahre des modernen Flügels, keine Weiterentwicklung in dem Sinne wie gerne behauptet wird, sondern eine Parallelentwicklung

    Ja, das stimmt auch deshalb, weil es von den ersten Hammerklavieren bis zur "Verdrängung" der Cembali rund ein Jahrhundert gedauert hat, in dem beide Linien fortgeschrieben wurden. Von "Weiterentwicklung" kann man aber meines Erachtens insofern sprechen, als (vor allem) die Anschlagsdynamik der Hammerklaviere als Erweiterung der Möglichkeiten des Cembalos entwickelt wurde. Also "Weiterentwicklung" nicht im Sinne eines "besseren" Cembalos sondern als verwandtes, aber neues Instrument mit "besseren" Möglichkeiten.

    Ich halte es übrigens für sehr gut möglich, dass mechanische Tasteninstrumente inklusive des modernen Konzertflügels mittelfristig massiv an Bedeutung verlieren werden. Der Grund sind ganz einfach die Kosten auf der einen Seite und die rasanten Fortschritte bei elektronischen Klavieren auf der anderen. Mein B-Flügel hat Ende der 80er Jahre umgerechnet rund 35.000 Euro gekostet, inzwischen liegt der Listenpreis bei mehr als dem Vierfachen. Die Preissteigerung ist damit fast doppelt so hoch wie der Inflationszuwachs in derselben Zeit. Auch da ist es also gut möglich, dass die Parallelentwicklung der Digital-Flügel eines Tages für eine "Ablösung" sorgt, zumal dort die Folgekosten für Stimmungen ganz entfallen und der Wartungsaufwand deutlich geringer ist.

    Aber prinzipiell sind es duch grundversciedene Instrumente

    "Grundverschieden" sind sie aber doch gerade nicht: Bei beiden werden in einem Holzrahmen gespannte Saiten über eine Tastaturmechanik zum Klingen gebracht, durch einen Resonanzboden verstärkt und beim Loslassen der Taste mechanisch gedämpft. Das sind weit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, und auch mehr als z.B. zwischen Cembalo (oder Klavier) und Orgel. Und auch historisch ist das Hammerklavier nicht wegen seines Klangs sondern wegen seiner zusätzlichen gestalterischen Möglichkeiten entstanden, vor allem in Bezug auf die Anschlagsdynamik, aber auch beim Pedalspiel. Schon das erste Hammerklavier von Bartolomeo Cristofori hieß "Gravicembalo col piano e forte". Es ist also schon vom Namen, aber auch von seiner Bauart eine Weiterentwicklung des Cembalos, was ja dann so ca. ab dem Ende des 18. Jahrhunderts auch für gute hundert Jahre zu dessen weitgehendem Verschwinden führte. Warum sollte man solche Zusammenhänge leugnen?



    Sowas passiert oft, wenn was neues eingeführt wird. Es sind oft Modeerscheinungen, die eines Tages belächelt und verworfen werden.

    Die "Modeerscheinung" der Flügel bzw. Klaviere mit Hammermechanik ist allerdings inzwischen immerhin so rund 300 Jahre alt :).

    Sogar im Reclam Instrumentenführer steht: Man darf [korrigiert] das Cembalo unter keinen Umständen als "Vorläufer des Klaviers" betrachten !!!

    Warum darf man das eigentlich nicht? Immerhin kam der Cembalo-Bau im 19. Jahrhundert verglichen mit dem 18. fast vollständig zum Erliegen. Woran sollte das sonst gelegen haben, wenn nicht an der gleichzeitigen Verbreitung der Klaviere mit Hammermechanik?

    Die Gründe, weshalb Gulda die Bänder weiter gegeben hat und weshalb sie auf Tonträger herausgekommen sind, kennen wir nicht. Es muss Spekulation bleiben.

    Ein bisschen wissen wir schon: Die "Mozart Tapes" sind sieben Jahre nach Guldas Tod und natürlich nicht mit seiner Zustimmung veröffentlicht worden (die Initiative dazu ging von seinem Sohn Rico und seiner ehemaligen Lebensgefährtin Ursula Anders aus). Zu Lebzeiten hatte er sich mit Mozart-Einspielungen - vor allem von Sonaten - bemerkenswert skrupulös zurückgehalten, ganz anders als z.B. bei seinen Beethoven-Einspielungen. Das alles macht die posthume Veröffentlichung von privaten Übe-Mitschnitten des ganzen Sonaten-Zyklus' schon einmal sehr zweifelhaft. Vor allem aber hört man etlichen dieser "Tapes" nicht nur durch die miserable (Cassettenrekorder-) Klangqualität sondern auch durch die Spielweise an, dass sie keine wirklichen künstlerischen Äußerungen sondern Übungen, Zwischenschritte sind. Ich kann mir nicht helfen: Mir ging es beim Hören so, als würde ich einem bewunderten Schauspieler durchs Schlüsselloch seiner Garderobe beim Umziehen zusehen. Auch da mag es "Fans" geben, die über solche Einblicke jubeln würden; ich gehöre nicht dazu... Ich habe die CDs deshalb seinerzeit nach wenigen Tagen wieder abgegeben.

    Ursprünglich nur zur Selbstkontrolle seines Spiels aufgenommen, wurden die Bänder an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Situationen eingespielt: Mal im kleinen Konzertsaal, im Hotelzimmer oder in Guldas Künstler-Klause in Weißenbach am Attersee.

    Ich muss zugeben, dass mir solche ungefragt posthum veröffentlichten Einblicke in die Übewerkstatt nicht sympathisch sind. Schon bei den "Mozart-Tapes" bin ich mir ziemlich sicher, dass Gulda da über weite Strecken bestimmte musikalische Aspekte trainiert, aber keine musikalischen Aussagen für die Öffentlichkeit getroffen hat. Dass sie trotzdem veröffentlicht wurden, hat einen einfachen Grund: Man konnte damit Geld verdienen.

    Es erscheint mir ziemlich unwahrscheinlich, daß ein Interpret, der soeben einen erfolgrichen Zyklus mit sämtlichen 555 Cembalosonaten eines Komponisten erfolgreich abgeschlossen hat - und der einen neuen mit einem der berühmtesten Komponisten der Musikgeschichte geplant hat, knapp bei Kasse war.

    Ich glaube nicht, dass die Zahl der aufgenommenen CDs Rückschlüsse auf den Inhalt seiner Kasse erlaubt. Bei CD-Verträgen gibt es aus Musikersicht im Wesentlichen vier Möglichkeiten: 1. Man bekommt pro CD eine Gage, mit der dann alle Ansprüche abgegolten sind, 2. Man wird statt dessen prozentual an den Verkaufserlösen beteiligt, 3. Man vereinbart eine Kombination von beidem, also niedrige Gage plus Prozente, 4. Man zahlt die Produktionskosten selbst und behält dafür die Rechte an den Aufnahmen.

    Die letztgenannte Version hatte in den 80er Jahren, als Scott Ross seine Scarlatti-Aufnahmen machte, im Gegensatz zu heute noch kaum eine Bedeutung, und selbst wenn es so gewesen wäre, hätte er draufgezahlt statt zu verdienen. Bei Version 1 hätte er lediglich einmalig Einnahmen erzielt, die auch bei großzügiger Schätzung für das Gesamtprojekt (15 Monate intensive Arbeit) kaum über dem durchschnittichen Jahresverdienst eines Arbeitnehmers liegen dürften. Da seine CDs damals sehr gut besprochen wurden und sich deshalb sicherlich eine Zeitlang gut verkauft haben, wären die Tantiemen bei den Varianten 2 und 3 vielleicht ganz gut gewesen (wenn auch die Zielgruppe der Cembalo-Hörer insgesamt überschaubar sein dürfte), aber davon hätte er dann leider nichts mehr gehabt. Es kann natürlich trotzdem sein, dass er nicht "knapp bei Kasse" war, aber durch seine CDs ist er mit Sicherheit nicht reich geworden.

    Das kann ich mir nicht vorstellen, in den weitere oben abgebildeten ersten 10 Takten (Beitrag #82) spielt die rechte Hand möglichst gleichförmig, ich vermag keine zwei (besondere) Takte mit einem "rhythmischen Zungenbrecher" zu erkennen.

    Es soll zwar möglichst gleichmäßig klingen, aber was die Rechte spielt, ist alles andere als gleichmäßig und aus meiner Sicht mit "Rhythmischer Zungenbrecher" ganz gut beschrieben. Mit den zwei Takten sind vermutlich die beiden Einleitungstakte vor dem Themeneinsatz gemeint. Aber wenn Du eine bessere Idee hast, lasse ich ich mich gern überzeugen ;).

    Ich kaufte mir vor kurzem, angeregt von einem Beitrag von astewes :hail: , die Aufnahme von Haydns op 71/74 Quartette mit dem London Haydn Quartett. Überraschenderweise spielen sie beim ersten Satz des F-Dur Quartetts op 74/2 eine Wiederholung von Durchführung und Reprise. Die fehlt bei der Aufnahme vom Festetics Quartett, obwohl sie sich verpflichtet haben alle Wiederholungen einzuhalten. Das heißt sie spielen von verschiedenen Auflagen. Aber welche richtet sich nach Haydns Absicht? Kam das Wiederholungszeichen von Haydn oder dem Verleger?

    Solche Fragen muss natürlich der Herausgeber einer Ausgabe klären und dabei auch bewerten und begründen, ob Verleger-Entscheidungen im Sinne des Komponisten oder dagegen getroffen wurden. Bei op. 74/2 ist die Sache eigentlich klar: Autograph, Stimmenabschrift von Johann Elßner und die Londoner und Wiener Erstausgaben enthalten die zweite Wiederholung. In der Haydn-Gesamtausgabe (erschienen bei Henle) steht sie deshalb natürlich auch, und der KB (Kritische Bericht) enthält dazu keine Anmerkung, was bedeutet, dass es zwischen den Quellen keine Differenzen gibt. Es gibt noch die Urtextausgabe der Quartette von Reginald Barrett-Ayres und H.C. Robbins Landon bei Doblinger, die ich nicht zur Verfügung habe, aber es würde mich angesichts der Quellenlage wundern, wenn da die zweite Wiederholung fehlte.


    Ich freue mich schon auf Eure Meinungen zum Thema Wiederholungen.

    Meine Meinung ist wenig originell aber immerhin klar: Wer mit einer Wiederholung musikalisch etwas zu sagen hat, soll sie spielen, wer nicht, nicht. Das ist für mich weder eine historische noch eine moralische sondern eine musikalische Frage.

    Du hast mich nicht verstanden: vor allen objektiven, nicht von.

    Ja, Entschuldigung, da habe ich mich verlesen.


    Hören die Kollegen wirklich die ganze Serenade oder lieber die zentralen Melodieschnipsel schön aufbereitet durch James Last oder André Rieu?

    Ich weiß es nicht, vermute aber, dass es (wie man im Ruhrgebiet sagen würde) sonne und sonne gibt.


    "Perfekt" kann KV 525 eigentlich nicht sein, weil sehr wahrscheinlich ein Satz (ein 2. Menuett) fehlt...

    Bemerkst Du das "Fehlen" an der Komposition? Wenn ja: woran? Wenn nicht: Dann ist es auch keine Schwäche der Komposition.


    Die Unvollendete Franz Schuberts entzieht sich in meiner Einschätzung jeder Komplettierung, auch wenn einige Takte überliefert sind, die er nicht orchestriert hatte. Dennoch sind die beiden Sätze stimmig.

    Die Symphonie beginnt in h-moll und endet in E-Dur, zumindest das finde ich nicht stimmig. Aber da müsste man sich jetzt eigentlich darüber einigen, was "stimmig" bedeutet, ob es z.B. auch ein stimmiges Fragment geben kann.

    Der Makel an der Kleinen Nachtmusik ist für mich also persönliches Gefallen (schlechterdings vor allen objektiveren Bewertungskriterien in der Regel das wichtigste beim Rezipieren) und nicht kompositorische Kriterien.

    "Gefällt mir nicht" ist für den jeweiligen Hörer ein wichtiges Kriterium, aber ganz sicher kein objektives, denn das würde ja gerade umgekehrt bedeuten "unabhängig vom Subjekt und seinem Bewusstsein". Dass Geschmack und Qualität zwei Dinge sind, die bei weitem nicht immer parallel verlaufen, ist doch eine Binsenweisheit.

    Von den bekanntesten Komponisten sind in der Tat nicht immer die populärsten Werke die besten. Man denke an Für Elise, Türkischen Marsch, Kleine Nachtmusik etc.

    Ich stelle eher umgekehrt fest, dass viele Musikfreunde Popularität grundsätzlich mit Zweitrangigkeit gleichsetzen. Selbst bei Deiner Beispielliste, die auf den ersten Blick durchaus einleuchtet, fände ich eine konkrete Begründung nicht so leicht: Die "Kleine Nachtmusik" ist als Serenade z.B. schlechterdings makellos und vollkommen, ihr einziger "Fehler" könnte also darin liegen, dass sie keine Jupiter-Symphonie sein will. Wenn sie das wäre, wäre sie allerdings eine schlechte Serenade... Es ist also offensichtlich sinnlos, Werke nach Maßstäben zu bewerten, die nicht zu ihnen passen. Mir fällt auch kein einziges Argument gegen die Qualität von "Rondo alla turca" ein, im Gegenteil empfinde ich das nach dem filigranen Variationssatz und dem komplexen Menuett als geniales und absolut passendes Schlussstück dieser großartigen Sonate. Ich könnte nicht begründen, warum Tschaikowskys erstes Klavierkonzert schlechter sein soll als sein zweites, Dvoraks Achte besser als "Aus der Neuen Welt" usw.. Ich will natürlich nicht ausschließen, dass es Argumente gibt, die mir bisher entgangen sind, aber Tatsache ist, dass ich sehr oft eine naserümpfende Distanzierung gelesen habe, aber kaum mal eine andere Begründung als "das ist populär". Hinzu kommt: Diese angeblich so populären Werke, wann werden sie denn überhaupt mal im Konzert gespielt? Wo war zuletzt die "Kleine Nachtmusik" zu hören, welcher berühmte Pianist hat zuletzt Mozarts A-Dur-Sonate öffentlich in ein Klavierabendprogramm genommen? Ich gehe sehr oft in Konzerte, an sehr vielen verschiedenen Orten, aber ich kann mich nicht erinnern, in den vergangenen zehn oder fünfzehn Jahren einmal "Aus der Neuen Welt" oder gar die "Kleine Nachtmusik" gehört zu haben. Das Problem bei vielen angeblich "populären" Stücken ist meines Erachtens nicht, dass die meisten Leute sie zu gut kennen, sondern dass sie sie zu kennen glauben und deshalb nicht mehr richtig hinhören. Wer im Kopfsatz von Tschaikowskys erstem Klavierkonzert z.B. mal die Entwicklung der Themen und den Formverlauf beobachtet, wird aus dem Staunen über eine solche kompositorische Freiheit nicht mehr herauskommen. Eine gerümpfte Nase steht einem solchen Erleben eher entgegen.

    Hat jemand den Text über den Streit mit der Notenwenderin? Ich scheitere an der Bezahlschranke.

    Vor ein paar Tagen war er noch zugänglich. Es ging im Wesentlichen darum, dass Pollini bei seinem Klavierabend in Zürich die Umblätterin während des Spiels lautstark kritisierte, was diese mit einem tapferen Lächeln hingenommen hat. Das Publikum war anscheinend (verständlicherweise) irritiert, und der Rezensent meinte, man hätte sich gefragt, ob Pollini in dem Moment wirklich klar war, dass er gerade ein Konzert spielt.