Wenn der Thread noch einige Wochen läuft, haben wir 85% aller Komponisten, die im 20.Jhdt. mal eine Note zu Papier gebracht haben, erwähnt oder nominiert. Der einflußreiche Luigi Russolo fehlt zum Beispiel noch.
Abgesehen von den „ganz Großen“, die schon bei der Zahl 10 enthalten waren, sehe ich keinen Konsens über eine Liste, der mehr als 2 oder 3 Mitglieder umfaßt. Nicht einmal über die Kritereien herrscht volle Einigkeit, abgesehen davon, daß es auch darauf ankommt, ob man überhaupt einen repräsentativen Überblick über das Werk des jeweiligen Komponisten hat.
Edwins Ansatz, vom Materialstand auszugehen, vom Erfordernis, den aktuellen kompositorischen Stand der Dinge zu kennen, bzw. von Komponisten auszugehen, die man nicht entfernen kann, weil man sonst das Gebäude der Musikgeschichte zum Einsturz brächte, ist ein möglicher und in sich logischer Denkansatz. Ich finde ihn allerdings zu kurz gegriffen.
Man kann man prinzipiell jeden Komponisten entfernen, ohne daß die Musikgeschichte einstürzt. Dann hätte eben ein anderer den Schritt gemacht. Fast alle kompositorischen Entwicklungen zumindest bis in die jüngste Zeit sind nicht allein und ausschließlich von einem einzigen Komponisten angestoßen worden.
Die Kenntnis vom Materialstand macht es als Kriterium allein auch nicht. John Taverner kennt bestimmt auch serielle oder aleatorische Techniken, trotzdem bringt er meist nur Kitsch zustande.
Ich bin weiter der Meinung, daß die Musik zwar um eine interessante Facette ärmer, aber nicht wirklich im Hauptstrang beschädigt dastünde, wenn, um einige von Edwins Unverzichtbaren zu nennen, Xenakis Architekt geblieben, Cage Komiker, Varese Elektromechaniker und Nono Gewerkschaftsfunktionär gewesen wäre statt Komponist. Das gilt umgekehrt zB auch für John Taverner, Yanni Tiersen oder Lloyd-Webber.
Und: Nur weil jemand mal hier eine Klangfläche aufbricht, dort mit der Frei-, Poly- oder Atonalität flirtet, serielle Techniken anwendet, moderne Technik nutzt oder das Geräusch wiederentdeckt, ist er noch kein bedeutender Komponist. Das muß man nur detailliert genug aufsplitten, dann sind viele im technischen Sinne „bedeutend“. Das könnte man auch zB für die Umbruchzeit zwischen 1730 und 1780 machen, wo der eine bedeutend ist, weil er als erster moderne Klaviersonaten geschrieben hat, der andere, weil er die Bläser aus ihrer Rolle als Begleitinstrument herausgeholt hat, der dritte, weil er die Mannheimer Rakete erfunden hat. Dieses Spiel kann man nahezu beliebig fortsetzen.
Daher habe ich eine Liste mit Komponisten des 20.Jahrhunderts aufgestellt, die man nicht aus meiner persönlichen Rezeptionsgeschichte entfernen kann, ohne mich zum Einsturz zu bringen.
Der erste Teil umfaßt Komponisten, mit denen ich mich schon über einen langen Zeitraum hinweg beschäftige, zu denen ich immer wieder zurückkehre. Die eine musikalische Welt entwerfen, ohne die mein Leben fühlbar ärmer wäre.
Bei den im zweiten Teil aufgeführten ist es nicht bei der bloßen Neugier auf noch „Unerhörtes“ geblieben. Sie können es in Teil 1 schaffen, wenn ich ihr Werk überblicke und der bisherige Eindruck bestätigt wird.
Teil 1 (Reihenfolge beliebig, Liste sehr kurz)
- Claude Debussy (neben Beethoven der bedeutendste Komponist seit 1780)
- Galina Ustwolskaya (Musik als senkrechter Einbruch des Göttlichen)
- Abel Decaux (siehe dazu den Beitrag bei meinen Unverzichtbaren)
- Arvo Pärt („Für Alina“ ist das Werk für die einsame Insel. Das Te Deum, der Cantus in Memory of Benjamin Britten, Spiegel im Spiegel oder Fratres sind weitere Werke, die eine ähnliche Wirkung erzielen)
- Eric Satie (er ist dem ausgetretenen Weg gefolgt, hat aber mit seinem eigenen, ganz unverwechselbaren Schritt eine eigenständige Spur hinterlassen).
Die Bemerkung bei Satie gilt übrigens in gleichem Maße auch die für anderen auf der Liste.
Teil 2 (sortiert von oben nach unten, ungefähr nach der Zahl der bisher gehörten Werke)
- Toru Takemitsu
- Alexander Skrjabin
- Tan Dun
- Charles Koechlin
- Olivier Messiaen
- Claude Vivier
- Giya Kancheli
- Leos Janacek
- Nicolas Bacri
- Philippe Hersant
- Benjamin Britten
- Giacinto Scelsi
- Sofia Gubaidulina
- Hans Otte
- Valentin Silvestrov
- Toshio Hosokawa
- Salvatore Sciarrino
- Gérard Grisey
- György Kurtág
Es fehlen noch etliche auf Teil 2 (Schnittke zB), aber man kann eben nicht alles auf einmal hören.