Beiträge von Honoria Lucasta

    Ich habe mir die Aufzeichnung erst gestern ansehen können - mein Mann brauchte Platz auf der Recorder-Festplatte und stellte mich vor die Wahl - konservieren auf DVD oder nicht.


    Ich habe ihm nach "Or sai chi l'onore" gesagt, daß er diese Aufnahme mal lieber schnell löschen soll, und war den ganzen Abend irgendwie deprimiert :wacky:.


    Ich will jetzt auch nicht alles wiederholen, was hier schon richtig an die Adresse der Regie gesagt worden ist. Ich habe durchaus nichts dagegen, bei Operninszenierungen einen modernen Ansatz zu verfolgen, und manchmal gibt das ja auch ganz neue Eindrücke. So ist mir die äußerliche Umgebung meistens ziemlich egal, ob das nun ein Ambiente des 16., 18. oder 21. Jhdts. ist - Hauptsache, es bleibt stimmig. Das war es hier nun nicht, worauf Gregor und WotanCB schon hingewiesen haben - wenn man sich schon die Mühe der Verfremdung macht, muß die sich bitte schön auch aus dem Text ergeben. Ich wurde schon mißtrauisch, als die Präsentatorin am Anfang auf die gänzlich neuen Familienverhältnisse hinwies, mit denen wir uns jetzt bitteschön vertraut zu machen hätten: nochmal, wenn das die Ausgangsbasis ist, kann es m.E. schon nichts werden.


    Einzeleindrücke bleiben positiv: den Leporello von Kyle Ketelsen mochte ich stimmlich - ihn in einem reichen Hause als leicht zurückgebliebenen Verwandten im Teenager-Alter (Turnschuhe! Lose Haarmähne!) herumgeistern zu lassen, war noch eine der witzigeren Ideen. Und daß auch ein Don Giovanni an einem emotionalen burn-out erkranken kann (mein Eindruck), war auch ganz gut.
    Die Grenzen sind für mich überschritten bei Entblößungs- und Kopulationsszenen auf offener Bühne - da habe ich dann auch abgeschaltet. Derlei macht nie irgendeinen dramaturgischen Sinn, sondern zeugt lediglich von der Einfallslosigkeit des Regisseurs oder seinem mangelnden Vertrauen in den Sachverstand und die Intelligenz des Publikums.


    Und vielleicht darf ich auch einmal eine Lanze für die Musik des Komponisten Mozart brechen: wieviel Respekt vor der Erhabenheit gerade dieses zentralen Werks der Opernliteratur verrät es, wenn man es gerade mal für wert hält, inszenatorisch auf das Niveau einer täglich ausgestrahlten Seifenoper (daily soap) aus dem Privatfernsehen herunterzubrechen? Viel kann das nicht sein, deswegen muß man das, ceterum censeo, nicht noch durch Anschauen unterstützen.


    Grüße!


    Honoria


    Aus einer MET-Aufführung von 1951 - Tonqualität ist ziemlich miserabel.


    Aida: Ljuba Welitsch 3 (sie hat an dem Abend eine Stimme wie ein 13-jähriges, quengeliges Mädchen. Sehr sicher erscheint sie in ihrer Partie auch nicht -bisweilen mogelt sie sich gerade so durch. Zu hell, zu leichtgewichtig für die Aida)


    Radames: Ramon Vinay 4 (auch vokal ein Feldherr, manchmal löst er Probleme mehr mit der Kraft als mit der Stimme, ist aber durchaus in Ordnung und gefällt mir vor allem wegen der dunklen Stimmfarbe)


    Amneris: Margaret Harshaw 4 (eher ein Sopran als ein Mezzosopran, dementsprechend helle Stimme, was ganz gut zur Welitsch paßt - mehr Pastosität hätte diese erschlagen)


    Amonasro: Robert Merrill 4,5 (steht da und singt. Punkt. Es war seine beste Zeit und man hört das auch.)


    Ramfis: Jerome Hines 4,5 (Sonor - was will man mehr?)


    Chor und Orchester der MET unter Emil Cooper: 4


    Insgesamt etwa 4, aber an der Tonqualität darf man sich bitte nicht stören.


    Grüße!


    Honoria

    Es muß Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre gewesen sein, da brachte DAS ERSTE eine Studioproduktion der "Entführung" in mehreren Teilen. Ich kann mich an die überwiegende Zahl der Mitwirkenden nicht mehr erinnern, aber für immer im Gedächtnis bleiben wird mir Anneliese Rothenberger als noble Konstanze - sängerische Gestaltung, Textverständlichkeit und edler Ausdruck waren einzigartig. Sie war im übrigen immer eine Dame: was Wunder, daß eine solche Persönlichkeit unserer Zeit, die Disziplin- und Formlosigkeit sowie den Relativismus jeder Art zum Götzenkult erhoben hat, fremd und fast suspekt geworden ist?


    Die Deutschen verdanken im übrigen ihrer Sendung "Anneliese Rothenberger stellt vor", für die sie, wie vielfach bemerkt, gerade vom Klassikpublikum viel angefeindet worden ist, die Bekanntschaft mit einem jungen Tenor, der dort zum ersten Mal einem größeren Publikum vorgestellt wurde und es späterhin zu einiger Berühmtheit gebracht hat: sein Name ist Placido Domingo....



    R.i.p Anneliese Rothenberger


    Grüße!


    Honoria

    Mich verfolgt José Cura geradezu- wann immer ich nach Wien reise und Opernkarten ergattere, ist er verpflichtet. Früher fand ich ihn noch erträglicher, seit der letzten Tosca mit ihm ist für mich aber das Maß voll.


    Dabei ist das schlampige Singen mal deutlicher, mal weniger deutlich zu hören: hierbei frage ich mich immer, warum ihm denn kein Dirigent da mal die rote Karte zeigt. Es werden ja möglicherweise die anderen Sänger auch noch durcheinander gebracht von jemandem, der Notenwerte lediglich als unverbindliche Empfehlungen betrachtet.


    Was mich aber bei Cura zur Raserei bringt, ist seine schon angesprochene sichtbare Haltung der Spielverweigerung: er steht da, singt irgendwie seine Arien und geht dann wieder weg. Selbst bei schauspielerischen Schmalspurtalenten (Florez, Beczala) ist wenigstens das Bemühen spürbar, einer Partie auch ein bühnendramatisches Gesicht zu geben - bei Cura merkt man nur, wie er innerlich auf die Uhr schaut und sich wünscht, es möge vorbei sein.


    Sein zweifelsohne vorhandenes schönes Timbre reicht mir jedenfalls live nicht mehr aus, Geld für eine Karte auszugeben. In der Übertragung einer Aufführung mag man ihn noch ertragen...


    Grüße!


    Honoria

    Ich hatte Gelegenheit, Irina Archipowa 2005 bei einem Konzert zu Ehren ihres 80. Geburtstages in Chisinau erleben zu dürfen; Maria Biesu, die große moldauische Sopranistin und einst ausgezeichnet als "Beste Butterfly", hatte es zu ihren Ehren organisiert. Archipowa markierte sogar noch ein wenig die Szene der Gräfin aus Pique Dame.
    Wenn ich mich recht entsinne, gibt es eine Filmaufnahme einer Carmen-Aufführung aus dem Bolshoi-Theater Moskau, in der die Archipowa russisch die Carmen und del Monaco italienisch den Don José singt - dazu fällt einem dann nichts mehr ein, aber man merkt schon, daß bei der Gelegenheit zwei Titanen miteinander rangen...
    Irina Archipowa hat einige Sakralwerke auch der westlichen Literatur aufgenommen, als so etwas in der Sowjetunion noch zu offiziellem Stirnrunzeln führte; ihre volle, warme Stimme kam bei dieser Art von Musik sehr gut zur Geltung.


    Grüße!


    Honoria

    Am Öle hängt
    zum Öle drängt
    doch Alles!
    Ach!
    Wir Armen!


    Diese prophetische Aussage findet sich auf einem anläßlich der Aufräumungsarbeiten nach dem Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek zu Weimar aufgefundenen Textfragment, welches nach graphologischer Expertenansicht eindeutig dem Meister J.W.v.G. zuzuordnen ist und nach historisch-kritischer Textanalyse als Entwurfseinfallsblitz sicher einem Ur-Ur-Faust entstammt. Es beweist einmal mehr, welch weitsichtiges Universalgenie dieser große deutsche Dichter war. Noch zu erforschen wäre, warum schon im Ur-Faust dann lediglich vom "Gold" die Rede ist - ein früher Rückgriff auf konservativere Wert- und Anlageformen vielleicht? Wird man in einer Regietheaterinszenierung einer der Faust-Opern in Wien vielleicht auf diese Deutungsvariante Bezug nehmen?


    Jahreszeitentypische Grüße!


    Honoria

    Ich habe mir die CD gestern in Ruhe angehört und teile WotanCBs Eindruck. Ich glaube, Papes Stimme ist zu "leicht" für die meisten der dort vorgestellten Partien; bezeichnenderweise hat er mir in Stücken, die die Agilität der Stimme herausfordern (Boito Mefistofele) bzw. sehr lyrisch sind (Rubinstein Demon, Dvorak Rusalka), besser gefallen als in den Partien, die des Basses Grundgewalt bedingen: der Philipp, aber auch der Boris klingen viel zu schmal. Die Gestaltung auf der Bühne mag da vieles wettmachen; auf der CD bleibt ein eindimensionaler Eindruck - nicht schlecht, aber auch nicht so, daß ich mir die Aufnahmen jetzt immer wieder anhören würde.


    Am besten gefällt mir Pape noch in den Wagner-Partien, wobei er vom Wotan ja nur ein Rheingold-Häppchen bietet. Den Marke hingegen hat er schon oft gesungen; man merkt an Duktus, Diktion und Ausdruck, daß ihm diese Partie liegt und auch am Herzen liegt - da wird es für mein Empfinden dann richtig gut.


    Grüße!


    Honoria

    Nun, wir wollen dem lieben Basti ja nicht den Neid der Besitzlosen unterstellen, eher ihm vielleicht eine gewisse Flapsigkeit konzedieren, die sich mit den Jahrzehnten hoffentlich in eine noble Milde wandeln wird - in der Sache kann ich nicht finden, daß es gerecht wäre, von einer Stimme in jedem Alter das Gleiche erwarten zu wollen. Domingo als junger Tenor mit schon damals baritonalen Neigungen (da kommt er ja schließlich her) hätte sicher auch irgendwie den Boccanegra gesungen, aber um die wissende Stimme zu bekommen, die man für eine zufriedenstellende Gestaltung gerade dieser Partie benötigt, benötigt man wohl auch Lebenserfahrung und eine gewisse geistige Abgeklärtheit. Das Gleiche gilt übrigens für Partien wie den Boris Godunow (den singt auch kein junger Spunt) oder den Don Quichotte.


    Desaströs ist das Wort, das ich bei gereiften Männerstimmen fast nie, bei überständigen Sopranen allerdings häufiger gebrauchen würde - ich nenne jetzt mal keine Namen fast nur noch kreischender abgesungener Diven. Die von Dreamhunter angeführten Baltsa und Silja gehören sicher nicht dazu, weil sie ihr Repertoire im Laufe der Jahre klug angepaßt haben und dann doch immer noch, selbst in kleineren und kleinsten Rollen (man denke an Martha Mödl in Pique Dame) mit ihrer vokalen und darstellerischen Leistung einer Produktion ein unverwechselbares Gesicht geben. Ergo: in der Beschränkung zeigt sich auch hier der Meister!


    Grüße!


    Honoria

    Stimmen, die sich durch andauerndes mobiles Telephonieren, das Anschreien gegen eine laute, nervige Umwelt und den allgemeinen Verzicht auf jede Zurückhaltung im täglichen Leben (Alkohol, Rauchen, Sex, Reisen) belasten, sind das getreue Spiegelbild dieses Stresses und können kaum mehr engelhaft klingen - an welchem höheren Ideal sollte sich die engelhafte Stimmfarbe denn auch orientieren? Hinzu kommt, daß unsere Kultur des Relativismus noch jeder Tugend Falschheit und Heuchelei unterstellt; da hat auch der Schönklang um seiner selbst willen schlechte Karten - ein sensationslüsternes Publikum unterstellt ihm dazu noch eher Langeweile. Liedgesang funktioniert aber nach anderen Gesetzen, weil er die Konzentration auf den textlichen und musikalischen Wesensgehalt eines Werkes voranstellt, weniger das Ego der Ausführenden.
    Am Sonntag zappte ich zufällig im ZDF-Theaterkanal in die Aufzeichnung eines Konzerts vom Schleswig-Holstein-Festival 1988, wo Arleen Auger mit, wenn ich recht erinnere, Irwin Gage einen Liederabend gab. Auger ist nun leider auch schon eine Sängerin einer -besseren- Vergangenheit: gepflegtes Aussehen, noble Ausstrahlung, hervorragende Diktion, vollkommene Beherrschung des musikalischen Gegenstandes (Strauss, Mahler); dazu souverän stimmschön und klanglich berückend gestaltend - so etwas gibt es, kaum 20 Jahre später, nur noch sehr selten.


    Eine Ausnahme ist sicher eine Sängerin wie Bernarda Fink, deren Lied-Aufnahmen Studien im Wohlklang sind - sie verfügt über eine nicht sehr große, aber ungemein runde und kultivierte Stimme, eine hohe Musikalität und die Fähigkeit, dem Wesensgehalt eines Textes musikalisch-empathisch Worte zu verleihen. Sie hat u.a. Frauenliebe und -leben -ein für unsere Zeiten völlig unmöglicher Zyklus ;)- exemplarisch eingespielt - davon kann jede Schumann-Sängerin noch etwas lernen. Frau Finks Beispiel zeigt aber, daß ein solches Wunder eher in der Stille gedeiht als im Fokus der gierigen Haie des Medienhype.


    Grüße!


    Honoria

    Vielleicht sollten wir die Frage, inwieweit die Musik dieses 2 Seiten-Teiles den zitierten Bitterernst tatsächlich suggeriert, an einer anderen Stelle diskutieren. Gigli jedenfalls --konnte-- diese Stelle wahrscheinlich gar nicht anders singen (böse Zungen werden meinen, weil er eh immer alles schluchzte und "süß" sang), jedenfalls traf er so mit Sicherheit den Requiem-Geschmack der damaligen Zeit. Daß es auch nüchterner geht, beweist Björling (nicht ganz zur selben Zeit, aber immerhin zeitlich nahe dran an Gigli.


    Grüße!


    Honoria

    @ Milletre


    Ich habe das Ingemisco nun noch mal abgespielt, und, ehrlich gesagt, außer daß das Wort Ingemisco bei "ge" ein bißchen verwischt klingt, fand ich's jetzt nicht so schlimm. Nun waren die 30er Jahre in Italien mglw. nicht so puristisch, was lateinische Aussprache angeht: auf der ganzen Aufnahme hört man durchgehend eine italienisierte Aussprache, auch die anderen Solisten scheinen das für ganz natürlich zu halten. Es wäre am Dirigenten gewesen, es zu korrigieren.


    Grüße!


    Honoria

    Ich denke, für den Sänger ist das Lied die anspruchsvollste Sparte überhaupt: nirgendwo sonst ist man so gefordert, mit jeder Note an einem musikalischen Bild zu malen, das den Zuhörer erfreut, beeindruckt, überzeugt, manchmal auch zu Tränen rührt. Nirgends ist man auch so allein und geradezu nackt wie auf dem Konzertpodium bei einem Liederabend.


    Trotzdem ist Liedgestaltung nichts für verhinderte Exhibitionisten, denn ein gelungener Liederabend erfordert nicht nur ein kongenial musizierendes Duo Sänger/Pianist, sondern auch, viel mehr als bei der Oper, die mit vordergründigen Effekten punkten kann (wenngleich sie es oft nicht sollte...), zu seinem Gelingen den aufgeschlossenen, kundigen Zuhörer. Das ist eine rare Spezies, erfordert ihre Existenz tendenziell doch, daß der hörende Teil das Werk zumindest flüchtig kennt, um so Gestaltung und Eindruck recht genießen zu können; man hört nur, was man weiß.


    Wenn dies alles gegeben ist, ist ein Liederabend eine unglaublich spannende Sache. Schon durch die Auswahl der Lieder kann der Sänger dem Konzert dramaturgisch ein spezielles Gesicht geben. Gelingt es ihm und seinem Pianisten dann noch, tatsächlich jedes Lied zu einem kleinen Gemälde werden zu lassen, immer mit dem Verständnis für die Einheit von Musik und Text und im Idealfall ohne aufdringliche nicht werkbezogene interpretatorische Akzente, wird ein solches Konzert schon einmal zu einer Sternstunde, in der Komponist und Textdichter über das Medium Sänger/Pianist bei einem aufnahmebereiten Publikum quasi persönlich anwesend sind.


    Nicht allzu viele Menschen setzen sich dem gerne aus: Lieder erfordern, wie ich versucht habe zu skizzieren, vom Hörer fast genauso viel Arbeit wie vom Künstler. Das Lied wird daher immer nur etwas für wenige sein - wenn die Begeisterung dafür einen aber mal gepackt hat, ist man fast verdorben für leichtfertiges Musizieren und Konsumieren, gleichviel, um welche Musiksparte es sich handeln mag.


    Grüße!


    Honoria

    Ich gehe so oft ich kann in Konzert und Oper, beides wird hier in meiner Balkanprovinz aber eher selten angeboten - kein Vergleich mit deutschen, österreichischen oder schweizer Städten ähnlicher Größe.
    Da bleibt für die Oper eigentlich nur die DVD zuhause, dann kann ich auch Dinge mehrfach sehen, den Klavierauszug studieren, und tatsächlich eher den Sängern quasi in's Gesicht und auf die Kostüme sehen, als wenn ich irgendwo im 2. Rang 2. Reihe Seite sitze - und dafür noch immer knapp 100 Euro bezahlen muß. Oper in Sarajewo ist zwar bemerkenswert regietheaterfrei, aber man muß auch klar konstatieren, daß die Zeiten lange vorbei sind, als Kräfte vom Schlage eines Pavarotti oder einer Freni hier regelmäßig gastierten: wenn ich eine Vorstellung besuche, weiß ich schon im Voraus, daß ich zumindest gesanglich wahrscheinlich nicht auf meine Kosten komme. Dafür habe ich dann tendenziell eine oder mehrere DVDs von dem gespielten Werk und kann daheim in Stimmen schwelgen.
    Aber Konzerte höre ich doch lieber live. Ich finde, durch die manchmal erratische Bildregie bei TV-Übertragungen und Aufzeichnungen wird mir ein bestimmter Höreindruck zu stark vorgeformt; es ist halt nicht jedesmal der kundige Brian Large am Regiepult... Klanglich gibt mir ein Konzert mehr, wenn ich den akustischen Eindruck unmittelbar mitnehmen kann, vor allem auch, weil man im Konzertpublikum doch immer irgendwie Kundige hat, die die Atmosphäre des aufmerksamen Zuhörens mitprägen - das macht, finde ich, auch großen Spaß. Und manche Neutöner -oder gar noch lebende Komponisten- sind überhaupt nur live zu ertragen: wenn ich sehe, wie ein Klang auf der Bühne bisweilen richtiggehend produziert werden muß, dann habe ich immerhin das beruhigende Gefühl, daß man dort dabei genauso hart arbeitet wie der Zuhörer es muß...


    Grüße!


    Honoria

    Ich war tief bewegt, auch von der großen Ernsthaftigkeit, mit der das Publikum diese Aufführung begleitete: eine ganz ungewohnte Disziplin, daß wirklich niemand klatschte - das würde ich mir bei jeder Aufführung sakraler Musik wünschen.


    Am eindrücklichsten fand ich das Benedictus mit dem ergreifend schönen Violinsolo von Michael Wollong.
    Ich teile Sagitts Eindruck bezüglich der Gesangssolisten - Garanca sang klangschön und korrekt, aber seien wir ehrlich: sie ist eigentlich keine Konzertsängerin, und Beethoven ist auch nicht ihr Hauskomponist - trotzdem gelangen ihr sehr schöne Momente (Agnus Dei). Michael Schade ebenfalls sehr korrekt, aber mit eher kleiner Stimme. Den Baß (Selig) fand ich ganz gut, Krassimira Stoyanova machte ihre Sache ordentlich.


    Insgesamt eine gute Aufführung, vor allem wegen Chor und Orchester, weniger wegen der Gesangssolisten. Thielemann dirigierte auswendig und machte dabei den -nehme ich an, gewünschten- gewohnt herkulischen Eindruck als Bändiger von Klangmassen.


    Grüße!


    Honoria


    P.S. Die morgendliche Lektüre der WELT-Kurzkritik dieses Konzerts belehrt mich, daß zu Anfang aufklatschende Zuhörer wohl niedergezischt wurden - ich kam erst auf S. 3 des Klavierauszugs zum Einschalten, daher habe ich das dann verpaßt...

    Für mein Empfinden gibt es bei Verdi kein falsches Gefühl, an keiner Stelle der mir bekannten Opern - alles ist ursprünglich und wahr. Verdis Figuren sind zwar charakterlich nicht unkompliziert, könnten uns aber doch wohl jederzeit im wirklichen Leben begegnen (bei Lady Macbeth vielleicht keine so berückende Vorstellung, aber für ein Gespräch mit Simone Boccanegra würde man ja schon etwas geben, oder?) und singen dazu Melodien, die ebenfalls nicht komponiert, sondern vielleicht eher von Verdi empfunden und meisterhaft weiterentwickelt scheinen.


    Als Beispiel möge der Nilakt aus Aida dienen, und da das Duett Aida - Amonasro: mir ist erst kürzlich beim Hören dieser Szene auf der DVD mit dem Konzert zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper wieder klargeworden, wie meisterlich und gleichzeitig natürlich in dieser Szene die Melodieführung ist, wie fein die Charakterzeichnung - und wie man mit jedem der Charaktere leiden kann.


    Grüße!


    Honoria

    Schmach und Schande über mich - den weiter oben erwähnten Franz Grundheber kannte ich gar nicht - bis ich am Wochenende die DVD mit dem Konzert zum 50. Jahrestag der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper ansah und wie elektrisiert war von Grundhebers Amonasro - er sang die Aida von Violeta Urmana glatt aus...Auf das Cover hat er es allerdings nicht geschafft.


    Die DVD ist übrigens für kleines Geld zu haben und bietet noch andere Veteranen auf, wie Domingo und Baltsa im 4. Akt Aida etc.



    Grüße!


    Honoria


    Ich bin lange um diese DVD herumgestrichen, weil sie mir mit fast 40 Euro Kaufpreis immer zu teuer war - ich habe sie dann sehr viel preiswerter bei ebay erstanden. Gut so - für 40 Euro hätte ich mich dann doch ziemlich geärgert.


    Natürlich gibt es an der Leistung von Florez nichts auszusetzen - er singt ja nun wirklich alles, die gesamte Partie inkl. der Arie im letzten Akt, jede Koloratur perlt, er gibt auch schauspielerisch einen überzeugenden Almaviva (daß er auch noch gut aussieht, stört mich nicht ;)).
    Und Raimondi verkörpert immer noch einen perfekten Don Basilio, wenn er auch stimmlich mittlerweile an Grenzen zu stoßen scheint - sei's drum, seine Spiellaune teilt sich auch dem Zuschauer mit.


    Aber das übrige Ensemble ist bestenfalls solala. Das schließt auch Maria Bayo ein, die die Rosina zwar mit Koloratursopran-Spitzentönen ziert (haben wir das heute noch nötig? Ich glaubte, die Zeiten seien vorbei...), aber nicht ein bißchen Herz in die stimmliche und schauspielerische Gestaltung der Partie legt - ihr Grimassenschneiden ging mir fürchterlich auf die Nerven. Die anderen singen und spielen mehr oder weniger lustlos, der Barbiere teilweise mit rauher -indisponierter?- Stimme. Dazu die Mätzchen der Inszenierung: viel stummes, aber tanzendes Volk auf der Szene, ziemlich schreckliche Kostüme...wäre es nicht wegen Florez, müßte man sich das alles wirklich nicht anschauen.


    Grimmige Grüße!


    Honoria

    Ich werde mal in Häppchen meine 5 essentiellen Stimmportraits vorstellen und fange mit einem an, das die meisten opernorientierten Taminos sicher kennen
    1.


    Das Originalcover damals, in den 70er Jahren, war nicht so grauenvoll wie dieses - egal, der Inhalt zählt.
    Ich finde, diese Aufnahme enthält Beispiele aller starken Partien Domingos. Es zeigt seine Stimme an einem frühen Zenit. Rollengestaltung und Persönlichkeit haben sich danach sicher noch entwickelt, so daß wir später einen anderen, gereiften Domingo erlebt haben - aber so unmittelbar und wohlklingend hat er nach dieser Aufnahme für mein Empfinden nicht immer gesungen.


    Grüße!


    Honoria

    Ich fürchte, daß man der Operette auf vielen deutschen Bühnen nicht mehr sehr viel Leben einhauchen können wird - das liegt nicht nur an der Abneigung mancher Intendanten, angeblich banale Stoffe auf die Bühne zu bringen, sondern an dem simplen Faktum, daß eine Operette nicht nur -im Idealfall sehr schöne!- Musik hat, sondern auch eine gewaltige Menge Text. Wenn man dafür sehr gut deutschsprachige Sänger hat, gleich welcher Herkunft, mag man noch eine Aufführung hinbringen, die sich nicht nach fremdsprachlichem Schülertheater anhört; aber sobald sich die Sänger mit dem Text abmühen müssen, gehen Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit verloren, die bei einer Operette essentiell für gutes Gelingen sind (von Werken wie Land des Lächelns mal abgesehen, da kann man mit einem japanischen oder koreanischen Tenor sicher punkten...). Und kann man erwarten, daß ein Sänger neben seinen gesanglichen Qualifikationen auch noch die Fähigkeit haben muß, in einer fremden Sprache quasi Sprechtheater zu machen? Nicht jeder Sänger ist ein Christoph Waltz, der das (s. Inglorious Basterds) in 5 oder 6 europäischen Sprachen schafft...


    Die Belastbarkeit meiner These kann man im nicht deutschsprachigen Ausland erproben, wo die Operette fester Bestandteil der Opernspielpläne ist, nur eben in Übersetzung und mit "einheimischem" Personal - s. z.B. das Operettentheater in Moskau, das in der Saison wöchentlich 2-3 mal vor vollem Haus alles gibt, was die Operettenliteratur zur Verfügung stellt (übrigens werden Regisseure, die das Wort Regietheater auch nur schreiben können, dort sofort an den Wolgastrand verbannt 8)).Oder Budapest. Oder jede französische Provinzstadt.


    Grüße!


    Honoria

    Gestern beim Hören einer Otello-Aufnahme (werde ich noch im TMOO-Thread skizzieren, wenn ich heute die 2. Hälfte geschafft haben werde...) fiel mir wieder auf, was für ein atemberaubender Moment, leider eher in negativer Hinsicht, das Schwur-Duett Otello/Iago ist (Si, pel ciel marmore giuro) - was für ein Ausbruch des Hasses! Und hätte es noch eines Beweises bedurft, daß Iago abgrundtief böse ist, so lieferte ihn die Musik - ich habe jetzt leider weder Klavierauszug noch Partitur zur Verfügung, aber kann es sein, daß die Tonart die gleiche ist wie bei dem von Iago ebenfalls manipulativ gebrauchten Trinklied aus dem ersten Akt? Konzeption und Stimmung sind jedenfalls gleich. Mich schauderte es gestern heftig.


    Grüße!


    Honoria


    Merkwürdig: kaum einer scheint diese Aufnahme richtig zu lieben (ich auch nicht!, aber sie wird anscheinend doch häufig gekauft und besprochen...


    Mir drängte sich der Eindruck auf, es hätten sich für diese Produktion an einem Sonntagnachmittag ein paar gute Bekannte getroffen und einmal freundlich drauflos musiziert:
    Adina von Ileana Cotrubas ist noch die beste Leistung, ich mag ihr Timbre und ihre Stimme hat diesen leicht elegischen Unterton, der gut zur Partie paßt - 4,5
    Nemorino von Placido Domingo ist natürlich kein junger Bursche mehr, aber welcher Tenor bringt das überhaupt hin? Er singt zumindest engagiert und inspiriert, nur dem Nemorino war er selbst damals stimmlich schon entwachsen - 3,5
    Belcore von Ingvar Wixell hat für mich kein wirkliches Gesicht -ich kann mit seiner Stimme leider nichts anfangen- aber da es viel schlimmere Belcores gibt, bekommt Herr Wixell von mir den benefit of doubt und eine 3,5
    Und was macht man mit dem Dulcamara von Geraint Evans? Ich kann mich nicht dazu durchringen, ihn gut zu finden: Aussprache zu wenig italienisch, es kommt zu wenig Spielfreude durch, es ist nicht seine Partie: trotzdem schägt er sich ordentlich: 3,5
    Giannetta von Lilian Watson hat mir gut gefallen: silbriges Timbre, wenn sie groß ist, wird sie auch einmal eine gute Adina: 4


    Chor und Orchester Covent Garden unter John Pritchard: es macht allen hörbar Spaß, so entspannt zu musizieren - 4


    also 24/6: immerhin noch eine 4, aber eine mit Rücksicht auf die Eltern... :hahahaha:


    Denn wirklich schlecht ist was anderes.


    Grüße!


    Honoria

    M.E. darf man bei den allermeisten Dirigenten, deren Aufführungen oder Aufnahmen uns hier interessieren, schon unterstellen, daß sie handwerklich, musikalisch und -wohl auch- intellektuell hinreichend begabt sind, um der Musik völlig gerecht werden zu können. Das Quentchen mehr macht wohl dann einzig die Persönlichkeit aus - einen Club verschworener Anarchisten, aus denen Orchester ja meist bestehen, dazu zu bringen, eben nicht nur herunterzuspielen, sondern inspiriert zu musizieren, schafft eben leider längst nicht jeder am Pult. Und die Spreu vom Weizen trennt sich dann endgültig dort, wo Farben, Stimmungen, Ereignisse in der Musik nicht nur hörbar, sondern quasi sichtbar gemacht werden - das bringt wirklich nicht jeder Dirigent zustande, und auch die Hochbegabten unter ihnen längst nicht an jedem Abend- Dirigenten sind bisweilen ganz gute Schauspieler und produzieren mit willigen Orchestern Effekte ohne größere innere Beteiligung, ohne daß mehr Menschen als der statistisch gesehen halbe anwesende Tamino das mitbekämen.. ;) .


    Ich vergleiche mal Extreme: zu Silvester in ein tschechisches Bad verschlagen, ging ich in ein Konzert des Westböhmischen Symphonieorchesters, das Gefälliges spielte. Der sehr junge (ungemein fesche! :D) Dirigent machte seine Sache ordentlich, es passierten keine Fehler, das Publikum, welches mehrheitlich aus Rentnern aus Deutschlands südöstlichstem Bundesland bestand, war hochzufrieden und erklatschte 2 Zugaben - es war alles sehr schön, aber zum Sterben langweilig, eben weil der Dirigent nichts anders machte als gewissenhaft, aber innerlich wenig beteiligt seine Arbeit zu tun.


    Am anderen Ende der Skala (und um jetzt einmal bewußt nicht die Übergroßen zu nennen) ein Dirigent wie der von mir hochgeschätzte Stuttgarter Patrick Strub, der es schafft, auch noch aus einem moldauischen Provinzorchester Leistungen herauszukitzeln, mit denen es neben den allermeisten bekannteren mühelos bestehen kann: Bruckner, Beethoven, Dvorak bin ich nie wieder so intensiv begegnet wie unter seinem Dirigat.


    Auch hier wieder: Persönlichkeit, keine Monomanie. Selbstbewußtsein und intellektueller Anspruch, aber kein Alleinvertretungsanspruch in Sachen Deutungshoheit. Mehr Liebe zur Musik als zu seinem eigenen Ego.


    Grüße aus dem Sonnenschein (Daisy fand in Sarajewo nicht statt...)!


    Honoria

    In Ensembles hat der Stillstand doch einen Sinn und muß daher fast schon sein! Klassisches Beispiel ist das Sextett in Lucia di Lammermoor - jeder singt über seine inneren Befindlichkeiten - und ich sehe nicht, was man da noch groß inszenieren soll; mglw. macht man durch Aktionismus dieses großartige Stück Musik dann in der Wirkung kaputt...


    Grüße!


    Honoria