Beiträge von Alberich

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    Original von Alfred_SchmidtDenn die Gesellschaft ist in einem Wandel begriffen, der wieder in Richtung "bürgerlich"-hierarchisch - konservativ - und wems gefällt - auch "reaktionär" geht. Alte Werte werden wieder ausgegraben, die Sehnsuch nach "Heiler


    Woran ist diese Erwartung eines Neo-Biedermeier geknüpft? Ich habe er den Eindruck (und ich will da gar nicht werten, es ist nur Beobachtung), dass das Gegenteil der Fall ist: Die Bildungs- und Kapitalschere klafft auseinander, was zunehmend Unruhe provoziert. Was auf lange Sicht daraus folgt, vermögen auch die etwas avancierteren Soziologen noch nicht zu sagen. Und die Folgen fürs Musiktheater sind noch schwerer einzuschätzen. Ich denke, wenn Oper zum Oberschichten-Vergnügen wird, kommt es darauf an, ob die Entkopplung von kulturellem und pekuniärem Kapital zunimmt. Nimmt sie zu, hat Zeffirelli eine Chance - bis er vom Musical abgelöst wird.
    Im System des Subventionstheaters sind wir von Eintrittsgeldern relativ unabhängig, insofern wird die Beurteilung noch schwieriger.
    Ich halte das genauso für Kaffeesatzleserei, wie aus ein paar wütenden Reaktionen der Wiener Premieren-Possy etwas abzulesen.


    Ansonsten: Es ist doch nur ein Forum, es ist doch nur eine Geschmacksdebatte, es ist doch nur Freizeitbeschäftigung - warum diese Galle???

    Vielleicht kommen wir deshalb nicht zusammen: Für mich ist Oper ein Kunstwerk und kein Vehikel für Ausstattungsorgien. Eben kein Bollywood-Film. Und ein Theater ist kein Museum für Reproduktionen alter Meister, in dem Berlusconis Amico seinem Talmi-Handwerk nachgehen kann.
    So etwas degradiert und beschädigt das Kunstwerk und trägt stärker zu seinem Niedergang bei, als es ein präpotenter Krawallregisseur jemals könnte.
    Aber das versteht man nicht, wenn einem die Oberfläche wichtiger ist als der Inhalt.


    Und was den Papst betrifft... :stumm:


    Verfilmungen beurteile ich übrigens etwas anders, obwohl mir da Zeffirelli meist auch zu viel des "Guten" tut. Filme können durchaus reproduzieren, das liegt in ihrem Wesen, da kann ein Bajazzo auf einem realen Dorfplatz durchaus seinen Charme haben.

    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt



    in spätestens 5 Jahren ist das was sich man heute noch (fälschlich) Regietheater nennt Geschichte.


    Oder es passiert das, was normal wäre: Genau wie im Sprechtheater, das ja immer voraus ist, findet das Publikum Geschmack an zeitgemäßem und interessanten Musiktheater.
    Die Provo-Regisseure samt ihrer Profilneurosen wandern genauso auf den Müllhaufen der Geschichte wie der gräßliche Zeffirelli, und alle haben sich wieder lieb.
    Oder so ähnlich.Etwa so, wie Uli schrub.

    Zitat

    Original von JL
    Ich war bisher in hannover nicht in der Oper.
    Kann man vom Rang gut sehen und hören?


    Ja, kein Problem. Ganz außen muss man sich etwas sehr drehen und ganz hinten sind die Übertitel manchmal weg. Akustisch ist nat. die Mitte auch besser, aber ganz unmöglich ist kein Platz. Persönlich würde ich aber lieber dritter Rang Mitte nehmen als zweiter Seite.

    Wenn in Wien oder Köln nachgebessert wird, nimmt mann's als Beweis gegen das "Regietheater", in Bayreuth nennt man das dann bewundernd "Werkstatt", auch wenn es seniler Kram wie der verdorstende Ring ist.
    Vielleicht liegt es ja gar nicht am "Regietheater", sondern daran, das es sich einfach um eine miese Inszenierung handelt, die es ja hie wie dort gibt, oder um ein Produkt mangelnder Probenzeit.

    Zitat

    Ich finde "modern" und "konservativ" als Unterscheidungsmerkmale sowieso nicht angemessen. Gut oder schlecht, darum geht es, müsste aber dann noch definiert werden. Modern ist nur nicht per se gleich lebendig.
    Ich denke, wir sind gar nicht so weit voneinander entfent. Ich mag nur nicht die einseitige Ausrichtung auf die Regie, während die anderen Bereiche, die ja in einer Oper nicht ganz unwesentlich sind, oftmals zu sehr unter den Tisch fallen.
    :hello: Gustav


    Das kann ich alles unterschreiben. So sehe ich es auch.
    Ich wollte nur mal in Frage stellen, dass die Äußerungen der salzburger Premierenpromis unter ihren intellektuellen Führern Boris Becker, Edmund Stoiber und Uwe Ochsenknecht sich kompetenter äußert als "dumme und unterprivilegierte", wie es so schön unter Ausblendung jeder irritierender Fakten geschrieben wurde.
    Gleiches gilt übrigens eingeschränkt auch für die Presse: Inwieweit ein Lob oder Verriss von Profilneurose, akutem Hirnversagen oder tatsächlicher Beschäftigung mit dem Gesehenen abhängt, lässt sich leider nur selten ermitteln.
    Kurzum: Ich halte die als Kronzeugen angeführten Reaktionen für nur bedingt aussagekräftig.

    Wir reden wahrscheinlich von verschiedenen Dingen: Ich rede von zeitgemäßem Theater, nicht von Egotrips bekloppter Regisseure.
    Aber dass der Barbier besser ankam als der Lohengrin, liegt wohl eher weniger an Randerscheinungen wie Regie, oder? ;)
    Ich bin kein Verfechter des Skandaltheaters, das nur Randale will. Künstlerisch ist das so tot wie der Begriff "Postmoderne", der sinnvoller war als der Begriff "Regietheater" und trotzdem früher verstarb. :D
    Allerdins: Wenn Oper nur emotional erlebbar ist, dann soll sie sterben. Es ist aber gottseidank nicht so. Denn es handelt sich nun mal um Theater, nicht um Museum. Und das entspricht meiner Erfahrung mit Schülern und den vom Forenbetreiber inkriminierten Proleten.
    Was die mediale Lobby betrifft: Es verhält sich doch eher umgekehrt, oder? Das meinte ich ja: Nur die Premieren, in denen die Ahnungslosen hocken, werden versendet. Keiner redet über die von Alfred Schmidt geschmähten Menschen, die ihr erstes Opernerlebnis inklusive Anforderung ans Hirn erleben - wenn da Erfolg zu verzeichnen ist, kommt der Jungspund eher wieder, als wenn nur der vergängliche Bauch stimuliert wird.
    Ich könnte tausend schöne Beispiele bringen.
    Ich stelle statt dessen mal einen Link ein. Eine Oper (zugegeben, absolut konservativ inszeniert), die "moderne Musik" verwendet. KEINER der jungen Besucher hatte Schwierigkeiten damit!
    http://www.theater-tv.com/?lin…nnover&video=erwinhan.flv
    Zugegeben: Kein Meisterwerk. Aber "moderne" Klänge.
    Diejenigen, die sich jeder noch so plausiblen "Modernisierung" verweigern, sind meiner Erfahrung nach die, die nicht mehr ins Theater gehen müssen, weil sie sich die DVD ihrer Wahl leisten können und im Zuschauerraum keinen mehr kennen.
    Also lasst doch den Jungen ihre Chance. Salzburg darf gerne den Zombies bleiben, aber dann darf doch Lebendiges ran, oder?

    Zitat

    Dumme und unterprivilegierte Leute sind schnell zu begeistern, die sollte man in diesem Zusammenhang nicht als Maßstab nehmen. Sie waren nie die Zielgruppe als Opernpublikum - und werden es auch in Zukunft nie sein.


    Mit freundlichen Grüßen aus Wien


    Alfred


    Nun ja, über Nachwuchsschwund jammern, dem Regietheater die Schuld geben und dann diejenigen, die nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren wurden oder noch im Bildungsprozess sind nicht willkommen heißen. Nicht in der Zielgruppe, weil jung oder proletarisch. So ist Oper.
    Ist das richtig zusammengefasst?


    Aber unpolemisch: Wir stellen fest, dass Maßstäbe nicht so leicht zu ermitteln sind, wie es die Krawallklaque, egal welcher Couleur, gerne vermittelt. Verkaufszahlen sind auch nicht alles, denn wie du richtig bemerkst, wird da viel "Gedreht".
    Nur: Was ist denn verwerflich an der Nachwuchsacquise? Wie soll denn die Oper überleben, ohne junge Leute zu begeistern? Warum nicht Freikarten an Schulen geben? Auch wenn dann "Unterprivilegierte" die Opernsitze besudeln?
    Ich wüsste gerne einmal eine echte Zukunftsperspektive.
    Fürs Schauspiel ist mir da nicht bange - da operiert man aber schon lange nicht mehr mit den kindischen Dualismen "Regietheater" - "Wasauchimmer".

    Ohne jetzt auf die infantile Terminologie "Regietheater" und die leider beinahe immer wieder falschen Behauptungen zum angeblichen Besucherschwund durch "Regietheater" (empirisch belegt sind andere Fakten) eingehen zu wollen: Wer macht sich denn lautstark Luft? Die Premierenbesucher. Die sind, das sage ich wertfrei, etwas Besonderes.
    Oft genug wird aber die Premiere ausgebuht und die dritte Vorstellung frenetisch beklatscht.
    Wer hockt in Salzburg? Die Society-Toten und die Geldadeligen, die nun wirklich beim besten Willen kein künstlerisvcher Gradmesser sein können.
    DAS ist, was im Radio und im TV gehört wird. Wie begeistert Schulklassen, "normale" Menschen und sogar bildungsfernes Arbeiterklientel von "Regietheater"-Vorstellungen sprechen, wird leider nie medial verbreitet.
    Insofern rate ich zu größter Vorsicht, wenn man bestimmte Premieren als Kronzeuge aufführt.


    Erinnert sich noch jemand an 1976? Der Ring in Bayreuth? :D

    Würde mich freuen. Und noch mehr würde es mich freuen, dann eine kleine Rückschau zu lesen - ich habe das dumme Gefühl, momentan der Einzige zu sein, der sich hier im Forum um Hannover kümmert. :(


    Ich vergass zu erwähnen, dass ich die Zweitbesetzung gehört habe, was aber seit einigen Jahren in H qualitativ nichts heißt und m.W. Wotan, Fricka und Erda nicht tangiert, die einfach besetzt sind. Alberich fand ich sogar deutlich besser als in der Premierenbesetzung.


    Nur so am Rande: Hast du Tannhäuser in Hannover gehört?


    :hello:

    Nachdem Barry Kosky in Hannover mit Peter Grimes die faszinierendste Inszenierung, die dieses Haus in den letzten zehn Jahren zu sehen bekam, vorgelegt hat und für „Totenhaus“ den Theaterpreis des Bühnenvereins einheimste, war die Neugier auf seinen Ring-Zyklus natürlich enorm. Das Rheingold konnte hier allerdings keine Abhilfe schaffen, denn wie so oft hat man am Ende keine klare Vorstellung davon, wo es einmal hingehen soll und kann nur hoffen, dass der Regisseur es weiß.
    Um mich nicht um die Vorfreude zu bringen, hatte ich keine Premierenfotos angeschaut, so dass ich mich tatsächlich hin und wieder von der visuellen Phantasie des Regisseurs überraschen lassen konnte. Die Premiere im Radio hatte ich allerdings gehört, und leider bestätigte sich der Eindruck vom 14. November: Das Staatsorchester klingt während des Vorspiels wie die Blaskapelle der Zwergenfeuerwehr Nibelheim. Zum Glück legt sich das während der Vorstellung im Gegensatz zum Premierenabend rasch, so dass der Gesamteindruck günstig ist. Gut ausbalanciert, nicht zu laut, schöne Einzelleistungen und stimmige Tempi. Aber der Reihe nach:
    Während des anfänglichen Es-Dur-Gewabers strecken drei kecke Rheintöchter mit Federbusch die Köpfe aus dem geschlossenen roten Vorhang. Wenn der sich öffnet, bietet sich dem hörbar raunenden Publikum ein interessantes Bild: Der Rhein ist ein Gewoge aus rhythmisch in Wellen wippenden Federbüschen. 19 Tänzerinnen, unter ihnen die Rheintöchter, tanzen die Rhein-Revue.
    Alberich (beeindruckend und wortverständlich: Frank Schneiders) tritt als Ministrel-Sänger auf, entledigt sich aber nach den Demütigungen durch die Mädchen seiner Schminke und des Kostüms und steht im Metallica- (später Iron-Maiden-) T-Shirt da. Das Rheingold, eine golden eingesprühte Frau (bislang dachte ich ja aufgrund der Erfahrungen mit James Bonds „Goldfinger“ immer, das sei tödlich), die in einen Umzugskarton verfrachtet und abtransportiert wird.
    Die Götter lungern in legerer Strandkleidung auf einer Parzelle Vulkan- oder Tufgestein herum, die nur vorsichtige Schritte zuläßt. Warum sie sich in einer kleinen, geschlossenen Kammer befindet, erschloss sich mir nicht, aber dem Kammerspiel-Charakter tut das ganz gut. Wotan, Tobias Schabel, macht stimmlich und auch als Badehosenträger eine gute Figur. Das trifft auch auf seine Gattin, Khatuna Mikaberidze, zu. Kelly God, Freia, ist in beiderlei Hinsicht darüber hinaus gewachsen.
    Die Götterkollegen Froh und Donner sind rollendeckend mit Brian Davis (schön, wie er dauernd Leuten Prügel androht) und Corby Welch besetzt. Loge (Hubert Delamboye) tritt in der Kleidung eines alternden Entertainers auf und verkörpert wie üblich den Typus des geistig beweglichen Intellektuellen.
    Nibelheim ist wie so häufig eine unterirdische Werkstatt oder ein Labor, wo alles Mögliche hergestellt wird. Alberich, immer noch in Metal-Klamotten, hat seine Sammlung an mit Gold gefüllten Kartons vermehrt. Die Verwandlung in Unsichtbaren, Drachen und Kröte wird durch die Statisterie dargestellt, die zu dreizehnt in Alberichs Ministrel-Maskerade erscheint.
    Zurück in der Oberwelt, wird Freia mit dem Gold aus den Kartons behängt, bis der Deal aufgeht. Die Riesen sind siamesische Zwillinge, die auseinanderreißen, wenn der eine den anderen tötet. Aufregend ist, wie sie sich auf dem gefährlichen Felsen bewegen, fast zu aufregend. Mich hat es jedenfalls abgelenkt. Das Monströse der beiden Gestalten ist aber auch durch die deformierten Köpfe gut visualisiert.
    Ein schönes, eindringliches Bild gelingt Kosky in der Erda-Szene. Die Stimme kommt von der Seitenbühne, während sich eine sehr alte, nackte Frau langsam und würdevoll auf Wotan zubewegt, ihn umarmt, kurz verharrt, und ruhig wieder abtritt.
    Dann ist Party angesagt. Zu Donner Heda-Hedo-Geprahle öffnet der Gott den Schampus und dann kommt endlich Walhall - in Form einer riesigen Torte, die lustigerweise fast wie das klassizistische Opernhaus aussieht. Man langt ordentlich zu, schleckt genüsslich das Messer ab und schreitet aus der sich öffnenden Kammer in einen nachtschwarzen Hintergrund. Loge springt allerdings vorne aus dem Kasten heraus und schlendert durch die Nullgasse fort.
    Wenn die schrecklich bombastischen Schlusstakte erklingen, bleibt, wie einst bei Wieland Wagner, die Bühne leer - abgesehen von einer halben Torte und einem toten Riesen.
    Starker, begeisterter Beifall für alle - nur GMD Wolfgang Bosic muss Buhrufe einstecken.
    Was bleibt? Bei mir pure Neugier. Wohin das Konzept steuert, ist noch nicht zu erahnen, und leider dringt nicht viel nach Außen. Im Mai kommt die Walküre heraus, man darf gespannt sein. Langweilig wird es jedenfalls unter Barry Kosky nicht.
    Und noch Eines sei lobend erwähnt: Man lässt Übertitel laufen, und zwar wie es sich gehört den kompletten Text. Gerade bei Wagner, Strauss und ähnlich stark instrumentierten Werken hilft das dem Verständnis ungemein. Die äußerst zahlreich anwesenden Schüler waren auch dieser Meinung.


    Ausschnitte gibt es wieder auf Theater TV: http://theater-tv.com/?link=st…er&video=rheingoldhan.flv

    Muss denn ein kleines Stadttheater die „Meistersinger“ machen? Sicher nicht, aber man wird ja doch neugierig, und so fand ich mich letzten Sonntag im Hildesheimer Stadttheater, kürzlich nolens-volens mit der Landesbühne Hannover zum „Theater für Niedersachsen“ fusioniert, ein.
    Das Schlimmste vorweg: Es ist laut. Es ist derartig dauerlaut, dass die Ohren grüne Punkte sehen.
    Das liegt m.E. aber nicht an der in den zu langen Pausen heftig gescholtenen elektronischen Verstärkung des extrem klein besetzten Orchesters, denn diese war offenbar nur für den Nachhall installiert, sondern an der brutalen Raumakustik. Werner Seitzer, der GMD des Hauses, wurde kräftig ausgebuht, was aber, so wurde mir schon vorher versichert, an einer kleinen Pöbelcombo liegt, die das immer tut. Verdient hat er das wärmste Lob: Er hielt das Orchester des TfN und die Trompeten des Kreisverbandsorchesters samt den Rührtrommeln des Spielmannszugs Groß Düngen (sic!) großartig zusammen. Besonders der 1. und der 3. Hornist und die/der 1. Klarinettist(in) leisteten Großartiges, und die extrem klein besetzte Streichergruppe hielt beherzt und sehr homogen dagegen.
    Für die Inszenierung zeichnet Hans-Peter Lehmann verantwortlich. Ein exzellenter Kenner des Stückes, aber auch ein Konservativer. Das sollte per se kein Problem sein, aber hier kapituliert er offenbar vor dem Faktischen. Das Theater hat kaum Seitenbühnen, der Extra- und Sinfonische Chor ist nicht professionell zu inszenieren, und überhaupt kann man offenbar nicht auf große Unterstützung für szenische Einfälle bauen. Eine Inszenierung im eigentlichen Sinne findet also nicht statt. Mit dieser inszenatorischen Totalverweigerung korrespondiert ganz gut der Strich von 14 Takten im Schlussmonolog, wo vom c-Moll-Tremolo (habt Acht!) an die stets inkriminierte Stelle vom „welschen Dunst“ etc. fehlt.
    Männer in Strumpfhosen und Frauen in ausladenden Kleidern laufen also durch ein ganz ordentlich gemaltes Klischee-Nürnberg und werden nicht an der Ausübung ihres Jobs gehindert: Singen.
    Und das tut man hier ganz erstaunlich!
    Eva (Isabell Bringmann) und David (James Daniel Frost) sind vom Hause, dementsprechend bejubelt, und leisten Achtbares. Uwe Tobias Hieronimi als Beckmesser verzichtet zwar auf das hohe A im dritten Akt, stellt sonst aber einen guten Beckmeser dar, der sängerisch und darstellerisch viel Charisma hat. Die Meister, Magdalene etc. waren adäquat besetzt, und selbst der Nachtwächter war untadelig.
    Das eigentliche Ereignis aber ware die Gäste, übrigens wie fast alle Hauptrollen Debütanten: Wolfgang Schwaninger als Stolzing bestach nicht nur durch die in dieser Partie seltene Eigenschaft, größer als die Geliebte und leichter als deren Vater zu sein, sondern konnte sich über den Dauerlärm des Orchesters fast unangestrengt hinwegsetzen. Mit glänzendem Stahl in der Stimme bewältigte er auch strapaziöse Momente. Dann der Sachs. Der Sachs ist es ja immer, mit dem das Stück steht und fällt. Und mit Johannes von Duisburg hat man einen phantastischen Fang gemacht. Nie muss man um die Stimme bangen, durchweg strahlt er höchste Souveränität aus, und erstaunlicherweise gelingt es ihm, unter den widrigen Umständen schön abphrasierte Legati zu singen und einfach herrliche Musik zu machen. Chapeau!
    Man darf gespannt sein, wo man Schwaninger und v. Duisburg demnächst in diesen Partien erleben kann. Allein das Erleben dieser Rollendebuts war den Besuch in Hildesheim wert.
    Einen Eindruck gibt es auf theater-tv.com.


    Ok, schön, dass diese Inszenierung bekannt ist. "Das freut mich sehr. Hübsch" ist nett gemeint, oder?
    Ich habe sogar beim erneuten Ansehen noch gelacht, und das ohne platte Zusatzgags. Nur durch Verdis Genie und eine Regie, die damit umgehen kann.
    :hello:

    Danke für die nette Resonanz!


    Und um es ganz klar zu sagen: Nichts gegen Elba. Wir fahren nächstes Jahr wieder hin, und zwar außerhalb der italienischen Ferien (soweit das geht) und wohnen wieder in Rio, entfernt vom Halligalli-Tourismus.


    Und natürlich werden wir wieder ins Anfiteatro gehen, wenn da Oper gemacht wird. :D

    Ich habe gerade eine Vorstellung aus Glyndeburne gesehen, offenbar von diesem Jahr (gebrannte DVD von Freunden).
    Christopher Purves als Falstaff, Jurowski hat dirigiert.
    Eine erzkonsrvative Inszenierung von Richard Jones, die aber wirklich pfiffig war. Ist irgend ein Vertereter der tollen"Staubi"/Regie - Fraktion auch meiner Meinung, dass dieser Falstaff szenisch konsensfähig großarrtig ist?

    Was liest man immer von den Zuständen, die zu Rossinis Zeiten im Zuschauerraum geherrscht haben: Man hätte permanent geschwatzt, gegessen, seinen Hund gekrault oder einen Erben gezeugt...
    Nun waren wir dieses Jahr im Urlaub, der mit den italienischen Sommerferien zusammenfiel, auf Elba. Dort machen nahezu ausschließlich Italiener Ferien, daher konnten wir eine genuin italienische Barbiere-Ferien-Show genießen.
    Elba, das sei vorausgeschickt, hat kein Theater, das eine Oper fassen würde, also wurde das "Amphitheater" von Rio Marina bespielt. Dieses liegt auf einem Berg, den man erklimmen oder per Shuttel-Bus in letzter Minute erreichen kann. Egal - Einlass war eh erst 20:50, also zehn Minuten vor annonciertem Beginn. Der Vorteil ist, dass auch die später kommenden eine Chance gehabt hätten, in der eierförmigen Schlange einen guten Platz zu ergattern - wenn nicht das mittlere Drittel der Arena für die hochmögenden Bürgermeister der elbanischen Städte und deren Familie und Stab reserviert gewesen wäre. Zum Glück trafen jene dann im Verlauf des ersten Aktes unter verhaltenem Applaus auch ein, aber ich greife vor...
    Das Ensemble kam aus Irgendwo, das Orchester aus Nirgendwo, und die Regisseurin war weiß gewandet und tobte, flankiert von einem extrem tuckigen Assistenten, bis zum Allegro der Ouverture geschäftig herum. Als sie weg war, hatte man Zeit, das Orchester zu bedauern, das nach 20 Min herumsitzen und frieren endlich zeigen konnte, dass es noch nie open air gespielt hat - laut war der kettenrauchende erste Hornist und der erste Trompeter, der seiner Kollegin oft einen halben Takt voraus war und meist Recht hatte. Die drei Cellisten waren auch sehr schön solistisch hörbar, weniger gut leider die beiden ersten Geiger, die das Stück kannten.
    Dann war Szene. Oder vielmehr: Sänger mit Kostüm traten vor und sangen, derweil diejenigen, die gerade nicht singen mussten, im Hintergrund litten. Bartolo schlurfte regelmässig unter seiner Perücke und der Lage leidend stöhnend herum und wurde durch Zurufe aus dem Publikum nur wenig ermutigt.
    Das Publikum allerdings war der Hit: Nicht nur die zahlreichen Appläuse für irgendwas (Ankunft des Bürgermeisters, Erleuchtung des Beleuchters, Ohnmacht des Bartolo) waren neu für mich; auch Zurufe kannte ich nicht (etwa wie:"Achtung, Kasper, hinter dir! Das Krokodil!"). Almavivas Verkleidung wurde per Zuruf schnöde verraten, und als Basilio im zweiten Akt auftauchte, stöhnte der ju8nge Mann hinter uns: "O nein, jetzt kommt der doch! Der soll doch krank sein!" Mutti erklärte dann aber, dass Figaro das schon regeln könne, und schon war Ruhe.
    Missfallen erregte die Temporale: "Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt Regen!!"
    Das Bühnenwetter war allerdings willkommener Anlass für etliche fürsorgliche Donne, den übers Theater verteilten Verwandten verschiedene Kleidungsstücke lautstark anzutragen, was diese mit dem berechtigten Einwand wegdiskutierten, man sei ja schließlich im Theater. Die Mamas waren teilweise recht gekränkt, zumal es aich beinahe weniger als 20 Grad zu werden drohte. Immerhin konnte man die Kinder mittels einiger strategisch eingesetzter Ohrfeigen zum Tragen der dicken Tischdecke überreden.
    Zu Aller Überraschung ging aber alles gut aus. Der Graf Bekam Rosina, obwohl er sich noch als Tenor entpuppte.
    Am Ende wurde sogar die Regisseurin frenetisch beklatscht, bis sie das Mikrofon ergriff und versuchte, sich selbst zu danken für die Regie aller Opern die sie bislang inszeniert hatte, leider aber schwere Erinnerungslücken bezüglich der Titel hatte ("Travaiata, Luciana di lammermoore")...
    Die Bürgermeister waren da schon längst im Aufbruch begriffen und wir waren froh, stolz und glücklich, einmal eine wirkliche italienische Oper gesehen zu haben.
    Bals hat hier zu Hause "Il Viaggio a Reims" Premiere. Mann, wird das langweilig.

    Bald ist es wieder soweit: Die Festspiele sind vorbei, alle sind froh darüber und möchten verschnaufen. Aber nun startet die neue Spielzeit! Endlich wieder richtige Oper!


    Worauf freut sich der Tamino?


    Da ich selten aus Hannover rauskomme, nenne ich nur Vorstellungen in Reichweite:
    Barrie Kosky macht den Ring in Hannover. Wow!!
    Il Viaggio a Reims, ebenfalls in Hannover. Egal, wer inszeniert: Endlich!!
    The Pirates of Penzance in Oldenburg
    Das Liebesverbot in Braunschweig


    Worauf freut ihr euch?

    Ich insistiere nochmal, wieder uneigennützig:
    Was würde man, wenn man Marschner einem durchschnittlichen Publikum vorstellen wollte, spielen?
    Herr Krals Holzdieb ist natürlich notiert, das klappt in Ausschnitten auch mit Klavierbegleitung.
    Gibt es Lieder oder Kammermusik von besonderer Güte?
    Ich frage gerade deshalb, weil ich eine riesige Notenmenge vor mir habe und gerne vorselektieren würde.
    Danke im Voraus den Experten!


    :D
    Der Link gefällt mir auch, wenn ich ihn finde, glaube ich.
    Ansonsten fühlt sich das Feld zwischen Bieito und Zeffirelli FÜR MICH ganz gut an.
    Über die Zauberflöte kann man doch nix Sinnvolles sagen, oder?

    Zitat

    Original von Knusperhexe


    Um nichts anderes habe ich gebeten.


    Im letzten "Rondo"--Heft erklärt Harnoncourt ganz plausibel, warum Sarastro lügt und eigentlich ein Arschloch ist. Mozart ist Zeuge!
    Der Link fehlt mir gerade, aber was Kostenloses sollte doch auch den "Staubis" zugänglich sein. :D

    Ich habe ihn in Hannover als Boris (BG/Mussorgsky) erlebt: Grandios.


    Auch in Hannover (da ich nun mal dort lebe) hörte ich ihn in vielen anderen Partien, er übertönte / überbrüllte alles Lebendige.


    Wenn dieser Profundo sich zügeln kann (was ich so lese: Naja...), ist er der, nein DER Baß der nächsten Jahre.


    Und nett ist er obendrein. :yes:

    Ich hatte gerade die dankbare Aufgabe, einer Freundin, die Lehrerin ist, die Abi-Rede (Matura-Ansprache :D) zu schreiben.
    Dabei fiel mir auf, dass ich nich nie eine solche gehört habe. Denn zu meiner Schulzeit war ich bei jeder Abschlussfeier während des Gelabers und Geredes im Stimmzimmer, mit Orchester, Chor oder Big Band.
    Muss ein tolles Gymnasium aus längst vergangenen Zeiten sein....
    Abi 1993 übrigens. :beatnik:

    Zitat

    Original von Operngernhörer
    Lieber Alberich,


    ich bin entsetzt, daß die MET plötzlich ein Niveau haben soll, das einem die Oper vermiest. Ein riesiger Prozentsatz unserer Opernhäuser wäre froh, wenn sie an das Met - Niveau anschließen könnten.
    Dokumentiert durch Live - Übertragungen !


    Der Operngernhörer :hello:


    Sollte ich übergeneralisiert haben? Wahrscheinlich.
    Ich meine (und ausdrücklich bekenne ich, nur Einiges, nicht Alles zu kennen) recht trashige Inszenierungen, die immer mal wieder über den Bildschirm flimmern.
    Sängerisch ist die Met :jubel: (meistens).

    Zitat

    Original von m.joho
    [...] mit einer Umsatzbeteiligung (wie es in grösserem Rahmen bei Hollywoodschauspielern mittlerweile üblich ist) entgelten könnte. So wäre eine Inszenierung wie Zeffirellis Bohème die seit Jahren an der Wiener Staatsoper läuft eine echte Finanzquelle, während all die Versuche, die wegen mangelnder Nachfrage schon nach kurzer Zeit abgesetzt werden, ein Verlustgeschäft würden?


    Und was ist mit denen, die lieber ins Schauspiel gehen als in die Oper, weil sie da etwas Lebendiges sehen? Ich kenne viele, sehr viele Leute, die das Opernhaus meiden, weil sie solche Dinge erwarten, wie Zeffirelli sie liefert.

    Zitat


    P.s.: Nicht Leute wie ich sind die Aggressoren, sondern diejenigen, die uns seit Jahren die Oper zu vermiesen versuchen. Nur beginnen wir uns langsam endlich zu wehren, nachdem wir jahrzehntelang ruhig waren, in der Hoffnung der Spuk werde irgendwann von selber vergehen.


    Und wegen solcher Aussagen schrub ich Obiges: Das ist m.E. ganz einfach nicht wahr, sondern herbeigewünscht. Vermiest wird die Oper durch das Met-Niveau.
    Die Opernhäuser wären ohne "Helden in Strumpfhosen" besser besucht. Auch auf lange Sicht.


    Um auf das eigentliche Thema zurückzukommen: Wer darf überhaupt Kulturförderung betreiben? Nach den hier aufgemachten Szenarien scheiden Privatpersonen aus. Stiftungen? AGs? GmbHs?
    Juristen vor!!
    BTW: Eine Erleichterung der Umsatzsteuerbefreiung dürfte helfen, wenn auch nur in bescheidenem Rahmen was Dtl. betrifft.


    Aber da wiedersprichst du dir ja: Gerade die sind es doch, die absolut avantgardistische Sachen sponsern! Arbeitskreis serielle Kammermusik etc...


    Die anderen, kulturell mäßig interessierten fördern lieber Sportvereine.


    Auf der Strecke bleibt beides: Konservative Oper und modernes Musiktheater.


    Dann lässt man es doch besser in staatlicher Hand: Beide Richtungen werden bedient, nur über die Gewichtung wird wohl immer und ewig gemeckert werden - von beiden Seiten.