Beiträge von Luis.Keuco

    Das ist eine sehr traurige Nachricht.


    Die einzige Hoffnung ist, dass nun seine großartigen Einspielungen als Vermächtnis verstärkt auf den Markt kommen.


    Ich schätze ihn sehr als Dirigent von Mozart, Beethoven, Janacek. Besonders die Klavierkonzerte Mozarts mit Alfred Brendel gehören zu meinen persönlichen all-time-favourites.

    Ich bestreite keineswegs, dass zwischen Leben und Werk eines Künstlers eine Beziehung besteht. Wie sollte es auch anders sein. Mit dem Schritt zum eigenwirtschaftlichen Schaffen und einer individuellen Herangehensweise bringt man die eigene Person mit ein, das gilt schon für einen Handwerker. Ich sträube mich nur dagegen, aus den Schicksalsschlägen in der 6. Sinfonie auf die Schicksalsschläge in Mahlers Biografie rückzuschließen oder das Versiegen der Musik in der 9. als vorweggenommenen Herztod. Selbstverständlich war Mahler von seinen Zeitgenossen beeinflusst. Er traf sich regelmäßig mit anderen Künstlern, er war offen für Neuerungen. Und dies wirkte sich natürlich auf sein Schaffen aus. Nur dieses "Einssein" mit der Musik, das finde ich übertrieben, das gibt es nicht mal bei Wagner.


    Dass Mahlers Biografie sich im Werk niederschlägt, ist durchaus denkbar, aber auch da wäre ich ein wenig zurückhaltend, schrieb er die Werke doch für ein eher konservatives Publikum und sicher auch nicht als Ersatz für ein J'accuse, weil man ihn als Außenseiter behandelte oder anfeindete. Trotz aller Widrigkeiten war er Direktor der Wiener Staatsoper, des wichtigsten Postens im Musikbetrieb. Der von ihm erlebte Antisemitismus ist nicht mit dem von uns heute unter der Auschwitz-Erfahrung wahrgenommenen gleichzusetzen. Man muss ihn wohl eher mit dem Umgang, den westliche Gesellschaften heute mit muslimischen Minderheiten pflegen, vergleichen.


    Das Bsp. Thomas Mann ist durchaus treffend. Auch hier wird gern anhand des Tods in Venedig auf dessen Homosexualität rückgeschlossen oder von den Buddenbrooks auf seine Biografie. Natürlich gibt es Übereinstimmungen, aber Thomas Mann ist nicht gleichzusetzen mit den Protagonisten seiner Romane. Es finden sich selbstverständlich Parallelen, aber deshalb keine Autobiografie. Wie soll man denn auch Charaktere wie Hans Castorp, Thomas Buddenbrook und Adrian Leverkühn in der Person Thoams Manns vereinen? Und welcher Thomas Mann wäre das? Der aus den Betrachtungen eines Unpolitischen oder der Autor von Deutschland und die Deutschen.
    Auch für die Musik gilt, dass sie sich mit der Person des Komponisten entwickelt, ohne dass dieser deshalb immer wieder am zuletzt Geschriebenen anknüpft.

    Es mag vom Standpunkt des Mahler-Interpreten und Gesamtwerkaufnehmenden nachvollziehbar sein, dass man die Mahler-Sinfonien in ihrer Gesamtheit anders rezipiert.
    Betrachtet man indes die Entstehungsgeschichte der einzelnen Werke, die Entwicklungen Mahlers und die Einflüsse der Zeit, dann muss man diese Ansicht relativieren.


    Man sollte sich auch davon lösen, Mahler und seine Sinfonien als Einheit zu betrachten und zuviel in die Sinfonien hineinzuinterpretieren.
    Mahler war Dirigent und "Hobbykomponist". Er nutzte meist die wenigen Wochen in den Sommerferien, um in Höllentempo seine Riesenwerke zu schreiben. Das hat wenig damit zu tun, dass jemand eine Art musikalische Biographie verfasst. Man nimmt ja gern die dramatische 6. Sinfonie, um zu zeigen, dass Mahler sein Leben und die damit verbundenen Schicksalsschläge in der Musik verarbeitet. Und die 9. als Hinweis für sein Wissen um den baldigen Tod. Das ist aber alles wenig zutreffend und mystifiziert lediglich den Menschen Mahler. Bei anderen komponierenden Dirigenten wie Bernstein, Furtwängler, Boulez oder Walter würde auch keiner auf die Idee kommen, Lebenserfahrungen in der Musik finden zu wollen. Mahler war einfach auch "nur" einer der über die Maßen begabten Menschen, der seinen Schaffendrang eben nicht in der Musikwiedergabe und in Wein, Weib und Gesang auslebete, sondern im eigenen Musikschaffen.


    Für seine Werke bedeutet das, dass er sie natürlich nach seinen Ideen erschuf, aber nicht als musikalischer Fortsetzungsroman, sondern als sinfonischen Monolith, wie bei allen Musikern ergänzt um äußere Einflüsse, gleich ob biographischer oder impressionistischer Natur.


    Die Kraft der Sinfonien, die Vielfalt der Themen, das orgiastische und dramatische Erlebnis der Musik verführen zu einer metaphysischen Überhöhung (vgl. Celibidaches Ausführungen zur Musik Bruckners), die jedoch nicht dahingehend gedeutet werden sollte, ihnen einen Platz weit außerhalb der anderen Großen zuzugestehen.

    Die Wiener Philharmoniker sind aber immerhin so schlau, sich erst gar nicht an einen Chefdirigenten zu binden. Das lässt Repertoireänderungen zu.


    In München ist es aber so, dass die Kunst nur als Vehikel dient, den Reiz der Stadt zu erhöhen. Deshalb immer brav Wagner und Verdi, dazu Bruckner, Beethoven, ggf noch Mahler und Mozart.


    Was genau das Problem bei Thielemann war, lässt sich nicht sagen, seine Musikpräferenz war es sicher nicht. Aber ein Dirigent, der Ansprüche hat, geht gar nicht. "Er wird doch hervorragend bezahlt, wofür dann noch Ansprüche?"


    Es ist wie im Kindergarten: Holt die Stadt (Philharmoniker) Thielemann, holt der Staat (Oper) Nagano. Lassen wir den BR mal aus dem Spiel. Jetzt will die Stadt Thielemann nicht mehr, dann kann der Staat auch Nagano rausschmeißen. Es geht nicht um Philosophie, es geht nur um den schönen Schein, da hat sich seit Ludwig II nichts geändert. Vermutlich wird die Staatsoper als Reaktion auf Maazel jetzt Pretre engagieren, der hat sich doch bei den Neujahrskonzerten so gut gemacht und ist ja im besten Dirigentenalter. Und der kommt dann auch nicht auf die Idee, zuviel Neues spielen zu wollen.
    Ich will damit übrigens nicht sagen, dass Maazel oder Pretre Neuem gegenüber nicht offen wären. Gerade Maazel ist ja daran interessiert, sich von der Musik herausfordern zu lassen und nicht den 100. Beethoven abzunudeln. Aber für die Mios, die er kassiert, macht er halt ein bisschen einen auf Kapellmeister und spielt das, was er mit dem BRSO vor 20 Jahren gespielt hat, nochmal.


    Es ist diese Wurstigkeit, die mich so ärgert. Die Namen zählen am meisten. Also bloß keinen hinstellen, der ein Spezialfach hat, das keiner kennt oder das keiner will. Selbst mit Levine war man nicht zufrieden, weil er amerikanische Klassik aufführte.


    Es ist genau so, wie Alfred schreibt: konservativ einigelnd, wenig Neugier. Hauptsache, die Karten kosten 100 Euro oder mehr, dann muss es was sein.


    Wenn man sich dann überlegt, dass im Monaco Franze bereits Anfang der 80er über ebenjenes Publikum hergezogen wurde, dass ständig dem Mix aus teuer und fachmannhörig verfällt, dann weiß man, dass sich auch sicher nichts zum Besseren ändern wird.

    Ich wollte bewusst keine Diskussion über die Gründe für die Vertragsbeendigungen anfangen. Fest steht aber doch: Wenn ich eine Spitzenkraft halten will, dann schaffe ich das auch. Das Verhältnis von Karajan zum BPO war nicht immer spannungsfrei, Solti und das CSO waren über ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit hinweg auch nicht immer ein Herz und eine Seele. Man hört ab und an was von Levine an der MET, etc, etc.
    Es ist die Frage des Umgangs mit den wenigen Spitzenkräften. Klar, wenn einer immer Schumann macht, aber keiner das hören oder spielen will, muss man sich was überlegen. Aber das ist doch selten der Fall. Jeder Dirigent weiß doch, wenn er bei dem und dem Orchester arbeitet, was erwartet wird.


    Es geht darum, dass in einem popeligen Verwaltungsakt sowas entschieden wird, dass Menschen, die mit Kunst und Kultur oftmals kaum Berührungspunkte haben, außer sie gehen mal ins Bierzelt oder zu Rieu, dass die auf der Basis von Prinzipien, Absprachen und persönlichen Zu- oder Abneigungen entscheiden und dass es dann plötzlich auch gar nicht mehr auf Erfolg, auch finanziellen, anzukommen scheint. Thielemann hat die Abo-Zahlen deutlich erhöht, die Leute waren zufrieden. Das ist dann aber egal. Und Programm-Aspekte: Also, bitte - das kann man doch alles verhandeln, wenn man will.


    Man muss sich halt Sorgen machen, ob angesichts dieser Vorkommnisse überhaupt noch geeignetes Personal von Format kommen möchte. Weil die Abzocker und Diven helfen ja auch nicht weiter. Und mit den Greisen entsteht keine neue Ära.

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    Persönlichkeiten ändern sich indes in ihren Grundstrukturen nicht niicht* - Ein Geizhals bleibt ein Geizhals (man kann ihn zum "Sparmeister) umfunktionieren - ein leichtsinniger Mensch bleibt das sein Leben lang, oder sein Leben kurz.


    SChon in früher Jugend prägt sich das Weltbild, es wird einem gesagt mit wem man spielen darf - und wen man meiden soll. Die Reaktionen auf derlei "Lebenssregeln mögen verschieden sein - aber die dereinst getroffenen Entscheidungen sind prägend.


    Das finde ich so nicht haltbar.
    In einer Zeit, in der sich durch medizinische Maßnahmen das Gescglecht ändern lässt, in der Popstars sich das gesicht und Pornostars sich die Rosette bleichen lassen und in der die Lebenserwartung in den dreistelligen Bereich geht, kann man nicht davon ausgehen, dass die Sozialisierung der Kindheit sich unverändert bis zur Grube durchsetzt. Da bedarf es schon des angestrengten Willens, sich weder mit den Veränderungen der Umwelt noch mit den eigenen zu beschäftigen. Bsp. Kinder: Die Interaktion mit den eigenen Kindern führt doch schon zu anderen Sichtweisen auf die Welt. Und die Fälle von dissozialer Entwicklung nach Beschallung mit Zwölftonmusik möchte ich erstmal sehen. Im Gegenteil ist davon auszugehen, dass Kinder die mit Zwölftonmusik aufwachsen ohnehin in ein privilegiertes Elternhaus hineingeboren wurden (s. hierzu bspw. die Sinus-Milieus).


    Eine genetische Prädisposition für Musikvorlieben kann man getrost in das Reich der Fabeln verweisen. Da sind es eher Erziehung und Tradierung, die eine Rolle spielen. Man kann sich vom Geschmack der Eltern lösen, muss man aber nicht. Und sich aus Gründen der Disziplin, des Anspruchs an die eigene Bildung oder sonstiger gefühlt von außen herangetragener Gründe mit etwas zu beschäftigen, hat selten mit Freude zu tun. Das war schon in der Schule meist so.


    Dem 18. Jht den Vorzug gegenüber dem 20. oder 21. Jht zu geben, ist berechtigt. Das jedoch damit zu begründen, dass quasi aufgrund des fehlenden Mozartstempels die Musik deshalb wertlos oder unhörbar oder unerträglich sei, ist ein ungerechtes Urteil.


    In einem gebe ich Alfred allerdings recht: Mit Ratio gegen das Gute und Schöne zu argumentieren, macht auch wenig Sinn. Ich schaue mir ja auch nicht die weiße Museumswand an, weil man da weniger Farbtöpfe für aufmachen musste als für den Tizian daneben und weil Tizian für das Bild länger brauchte als der Anstreicher für das Drumherum. Von daher gebe ich dem Ferrari eindeutig den Vorzug vor dem Trabbi.

    Musik ist für die meisten hier ja Hobby. Und dem kann jeder nach seinem Gusto nachgehen.
    Man kann sich auf das Sammeln von Einspielungen von Tristan und Isolde spezialisieren, aus Mahler (über 2000 Einspielungen!) oder auf Gilbert&Sullivan. Dagegen ist nichts zu sagen.


    Ich empfinde es aber als schwierig, gleichzeitig bestimmte Musik von vorn herein abzulehnen und diese auf wenig Fakten begründete Haltung als Argument für die Güte von Musik zu verwenden. Ein Ferrari mag schöner sein als ein Trabbi, trotzdem haben sich auch die DDR-Ingenieure bemüht, ein Auto zu bauen, entsprechnd der Vorgaben.
    Ich habe ja schon öfter darauf hingewiesen, dass man musikalische Netwicklungen nicht aus der Zeit herausgelöst betrachten darf. Und besonders die Moderne mit all ihren technischen, kulturellen und politischen Entwicklungen musste geradezu auch in der Musik Spuren hinterlassen.


    Wenn einem die stattgehabten Entwicklungen nicht gefallen, ist das okay. Der Unterschied ist allerdings das Dogma. Vom Geburtsdatum eines Komponisten auf dessen Werk rückzuschließen, halte ich für wenig hilfreich. Natürlich kann man sich auf eine oder einige wenige Musikepochen beschränken. Man sagt sich, Barockmusik ist so vielfältig und so angenehm wohlklingend und wurde für Anlässe geschrieben, weshalb man immer ein passendes Stück für jede Lebenslage finden wird, dass man auf andere Epochen verzichten kann. Die anderen Epochen aber per se als weniger gut oder "ungenießbar" abzulehnen, weil sie außerhalb des Barock entstanden, lässt sich nicht begründen. Wohlklang entsteht ja nicht durch die Kenntnis des Entstehungsjahres.
    Es ist sicher richtig, dass es Zeiten gab, in denen anscheinend bewußt das Dissonante im Vordergrund stand, in denen man die Grenzen der Musiksprache austesten wollte. Solche Musik erwartet oft noch deutlich mehr vom Hörer als Mozart oder Bach. Sie lässt die Gesangslinie vermissen, den roten Faden, an dem man sich zurecht finden kann in einem Werk. Es ist deshalb vermutlich für viele schwerer, sich im Wohnzimmer mit Kagel oder Boulez beschallen zu lassen als mit Beethoven oder Bruckner. Und dennoch spielen da eine ganze Reihe weiterer Faktoren eine Rolle, insbesondere eine Orientierung an gesellschaftlichen Normen. Bruckner und Wagner sind als Wertekanon akzeptiert, Schönberg, Webern oder Berio sind es in deutlich schmaleren Gesellschaftsschichten. Dabei sind 4 Stunden Götterdämmerung nicht entspannter und einfacher zu genießen als 1,5 Stunden Moses und Aron, mal abgesehen von der reinen Spieldauer.
    Klar, Mozarts Zeitalter schwelgte geradezu im Bad der Sinne. Es war allerdings auch das Ende einer Epoche, ein letztes Auskosten, Ausreizen der Möglichkeiten, bevor die Revolution mit Napoleon im Gepäck heranmarschierte und mit Beethoven ein neues Klangbild erwuchs (übrigens auch mit dem zu seiner Zeit weitaus bekannteren Hummel). Der Mozart-Klang Böhms und des BPO ist natürlich schwerlich mit Boulez und dem EI vergleichbar. Und natürlich waren in den 60ern und 70ern eine ganze Reihe Modeerscheinungen auch in der zeitgenössischen Musik zu verzeichnen, über die man gern die Decke des Vergessens ausbreitet, übrigens ebenso wie in der Popmusik, in der nicht jedes im Komplexrausch entstandene Gitarrenriff erhaltenswert ist, man sich nur an die guten alten Zeiten von Woodstock und Peace klammert. Aber so war Musik zu jeder Zeit. Meine Cellolehrerin sagt, dass viele der unbekannten Cellokonzerte auch zurecht unbekannt sind, weil sie technisch und/oder musikalisch wenig bieten. Schönberg war ein Mathe-Genie und nicht jede quasi-mathematische Idee muss dann auch im Ohr gut klingen. Es zwingt einen aber auch keiner, sie zu hören. Überhaupt ist die Musik-Wahrnehmung über die Retorte CD wenig geeignet, Musik kennenzulernen. Oftmals "versteht" man die Musik nur im Konzertsaal oder in der Oper. Tschaikowskys Ballette, der Ring, Elektra sind ohne die Bühnenaktion nicht das gleiche Erlebnis. Und wenn man dann überlegt, wie sich Msuikstücke auf der Bühne entwickeln, wie sie sich aufbauen, dann wird oft erst die Idee des Komponisten deutlich. Er hat schließlich für den Live-Eindruck komponiert und nicht für die CD. Ansonsten ist es Filmmusik, die die Emotionen antizipiert, den Effekt erzwingen muss, weil sie ja die Spielszene unterstützen muss.


    Ich finde nicht, dass Vorurteile weiterhelfen. Das gilt nicht nur für die Musik. Sie erleichtern vorgeblich das Leben, stellen aber eigentlich ein Hindernis für die eigene Entwicklung dar. Ablehnung aus Erfahrung ist wenigstens begründet, falls man die Gründe irgendwie benennen kann.

    Jetzt ist es also amtlich: Kent Naganos Vertrag als GMD der Bayerischen Staatsoper München wird über 2013 hinaus nicht verlängert.
    Herr Bachler, der intrigante Intendant und frühere Leiter des Burgtheaters, und der Kultusminister und Kulturbanause Wolgang Heubisch (FDP) haben es also in einer einzigartigen Kraftanstrengung geschafft, sich dem Niveau der Stadt München und deren Umgang mit Spitzenpersonal (C. Thielemann) anzupassen, wider besseres Wissen, beratungsresistent und starrköpfig.


    München, eine der nicht nur selbsternannten Kunstmetroploen der Welt, eine Stadt mit großer Geschichte im künstlerischen Bereich, setzt also seine Tradition fort, in Hinterzimmern Karrieren zu beschädigen und das eigene engstirnige Eventrepertoire als Kulturpolitik zu verkaufen.


    Lassen wir einmal die Museen und die damit verbundenen Umtriebe beiseite und beschränken uns auf die Musik:
    Ob man Thielemann mag oder nicht, er ist einer der weltweiten Stardirigenten. Nun ist sein Repertoire schon kaum als fortschrittlich oder herausfordernd zu bezeichnen. Die Gründe für seine Demission sind nicht so ausschlaggebend wie die Tatsache, dass dieser 50-jährige Dirigent durch den 80-jährigen Lorin Maazel ersetzt wird, dessen beste Zeit sicher schon 20 Jahre zurückliegt und der sicherlich wenig beitragen wird, ein neues Repertoire zu erarbeiten oder die Philharmoniker wesentlich voranzubringen.


    So traurig der Verlust Thielemanns und dessen Umstände für die Stadt München waren, so viel peinlicher und durchsichtiger ist nun der Abgang Naganos, dem man vieles vorwerfen kann, aber sicherlich nicht ein begrenztes, einseitiges Repertoire.
    Nagano bemühte sich nicht nur um die Moderne, sondern auch um neue Sichtweisen für das romantische Repertoire als auch um Mozart. Er ist ein weltweit anerkannter Fachmann für nahezu alles ab der Klassik und offen für Neuerungen.
    Bachler ist ein Eventverwalter, dessen Interesse sich auf die italienische Oper des 19. Jhts. beschränkt. Er will verkaufen, sonst nichts. Doch was nützen Anna, Elina, Rolando und Placido, wenn man das ewig Gleiche vorgeorgelt bekommt?
    Dass sich Heubisch an Bachler hängt, ist klar. Mit Kultur hat der gelernte Betriebswirt und Zahnarzt so viel zu tun wie der Ochse mit dem Milch geben. Und Bachler, das Alphatier, kommt ihm gelegen, weil er sich um nichts kümmern muss und sein Kultur-Unwissen so nicht auffällt. Heubisch betreibt die übliche Westerwelle-Politik: schöner Schein, null Substanz. In einer Welt, in der Event und Kommerz die Geltungshoheit erlangt haben und Kulturetats ganz vorn auf der Streichliste stehen, kann man mit dem betriebswirtschaftlichen Ansatz (mit Anna stimmen wenigstens die Zahlen) eben am besten begründen, weshalb man Verdi statt Berg, Wagner statt Gounod gibt.


    Für die Stadt München ist das natürlich fast egal. Sie sonnt sich ja ohnehin im Rampenlicht der Kulturgrößen. Doch weshalb? Das Operndorf Schlingensiefs in Burkina Faso ist doch himmelweit innovativer und mutiger als die 28. Neuinszenierung von La Traviata. Dem Münchner fällt das nicht so auf, weil er sich ohnehin vornehmlich für das Weißbier nach der Oper und das Bussibussi interessiert. Geschmack hat der Münchner in seiner Kleingeistigkeit doch ohnehin nicht, in einer Stadt, die sich erst durch die Geschäftsbemühungen FJ Strauß' von einer Kleinstadt mit ein paar Beamten und Brauereien zu jener Isarmetropole entwickelt hat, die sie nun vorgibt zu sein.


    Ich warte ja nur, dass nun noch der BR sich ebenso schlau gegenüber Mariss Jansons verhält. Dann hätte man es nämlich geschafft, innerhalb kürzester Zeit drei Weltstars mit Niveau durch Mittelklasseallerlei zu ersetzen. Aber das ist ja ohnehin die gesellschaftliche Entwicklung: Das Mittelmaß als Maß aller Dinge.

    Die aufsteigende Kulturmetropole Dresden sollte aufpassen, dass in ihr nicht ebenso viele Elefanten unterwegs sind wie in München, weil es schade um das viele Meissener Porzellan wäre, das dann kaputt gehen würde.

    Zitat

    Es ist sicher richtig. daß man Repertoire erst kennen muß um es abzulehnen. Aber Das Umfeld eines Komponisten sagt doch schon viel über ihn aus. Wenn ich (nur als Beispiel !!!) lese, "gehört zum Kreis der zweiten Wiener Schule" - oder "ließ sich von Stockhausen beeinflussen", "war Schüler von Webern " etc etc... dann weiß ich in der Regel schon was mich erwartet.....


    Das begründet sich dann aber auf Vorurteilen und nicht auf Musikkenntnis.
    Es ist Teil der musikalischen Entwicklung, sich mit einem wachsenden Repertoire zu beschäftigen, andernfalls bleibt man doch stehen.


    Es soll ja Zeiten gegeben haben und heute auch noch Leute, die sagen, die Bibel sei das einzige Buch, das man kennen müsse. Da stehe alles drin. Diesen Ausschließlichkeitsanspruch kann ich nicht verstehen, völlig unabhängig von der religiösen Idee dahinter.
    Kunst erschließt sich mit dem Leben und den eigenen Entwicklungen. Musik, die man in der Kindheit gehört hat, findet man heute vielleicht nicht mehr interessant oder ist entsetzt über die eigenen Geschmacksverirrungen in der Pubertät. Es ist deshalb unzutreffend, a priori Musikstile abzulehnen. Manches entdeckt man durch Zufall, manches aus Interesse (und sei es Interesse am Grusel). Es gibt dabei sicher Unterschiede zwischen live und CD, dennoch ist es aus meiner Sicht wenig hilfreich, sich auf dem Boden von Hörensagen, unglücklicher Repertoirewahl oder schlichter Voreingenommenheit von Teilen der Musik fernzuhalten.


    Ehrlich gesagt, ist es gar nicht so leicht, eine Grenze zu ziehen. Musikentwicklung fließt. Inventionen wie die Zwölftontechnik bewegen sich trotz allem auf dem Boden der Musiklehre und sind nach wie vor eingebunden in ein westliches Musik- und Aufführungsverständnis. Und selbst der Name des Komponisten sagt wenig darüber aus, wie das Werk klingt. Verklärte Nacht ist sicher weniger "schräg" als Elektra, zwischen Puccini, Mahler und Schostakowitsch sind die Unterschiede nicht groß, ganz im Gegenteil traut sich Puccini oftmals viel mehr als Schostakowitsch. Und Bergs Lulu-Suite würde als Begleitung eines Stummfilms überhaupt nicht negativ auffallen. Was ist außerdem mit Bartok oder Martinu?
    Lassen wir uns nicht viel zu oft von den Interpretennamen leiten, als wirklich die Musik zu hören? Denken wir nicht: Wenn Böhm Elektra eingespielt hat, ist es Musik und wenn Solti Moses und Aron einspielt, dann auch? Wenn aber Gielen oder Boulez beteiligt sind, dann wird es schon so nuemodisches Zeug sein?

    Wenn es ungeliebt ist, warum dann anhören? Anders wäre es bei aktiven Musikern, die das Repertoire notfalls spielen müssen.


    Alles andere ist ja Repertoire, bei dem man sich unsicher ist, ob es einem gefällt. Aber dann ist da ja schon die notwendige Neugier, um sich diesen Werken zu nähern.
    Entscheidend ist sicher, möglichst vorurteilsfrei zu sein. Und nichts zu erwarten. Letztlich ist doch alles Musik und wird auf Instrumenten erzeugt. Die können höchstens schräg klingen, aber nicht falsch. Es ist das individuelle Musikverständnis, das einen bremst. Braucht man Stockhausens Helikopter? Nein. Muss man sie gehört haben? Vermutlich auch nicht. Aber das gilt auch für Mozarts Quintett für Bläser und Klavier oder Scarlattis Sonaten. Man sollte sich die Frage stellen, ob man den Horizont erweitern möchte oder wie der sprichwörtliche Schuster bei seinen Leisten bleibt. Die CD verschwindet zur Not einfach in der Sammlung.


    Ungeliebt wird das Repertoire erst, wenn man es kennt. Und dann nähert man sich diesem ohnehin nicht mehr, sondern stellt es in die zweite Reihe oder verkauft es 2nd hand.

    @ zatopek: Ich glaube, weil man Lang Lang vor lauter Hype gar nicht als guten Pianisten wahrnimmt und weil sein Repertoire noch eher an der Oberfläche schwimmt. Die CDs mit der chinesischen Musik sind für unseren Musikgeschmack außerdem weniger anziehend und so sind Lang Langs Einspielungen bisher noch nicht umfangreich genug, um ihn zu bewerten.
    Hinzu kommt, dass im Forum eine ganze Reihe Mitglieder den frühen Werkaufnahmen den Vorzug geben, egal ob aus Gründen des Alters, des Interesses oder der Liebe zur LP.
    Eine ganze Reihe hervorragender jüngerer bzw zeitgenössischer Pianisten ist noch gar nicht genannt, obwohl die alle sehr gut bis herausragend sind:
    Kissin, Demidenko, Zimmerman, Andsnes, Kovacevich, Lugansky, Schiff.

    Schnäppchen des Monats:




    Der Erwerb kam so: Eine der typischen Lock-Mails bekommen, von amazon.fr. 4 CDs für 20 EUR. Ein paar schöne Sachen gefunden. Dann stellte sich aber heraus, dass die Versandkosten recht hoch waren, also musste die Auswahl redzuiert werden. Schaue ich also bei amazon.de und da gibt es die CD für 96 Cent! Sofort bestellt.
    Schöne, interessante Werkauswahl, transkribierte Inventionen von Bach, aber auch Stücke der Moderne: Eisler, Martinu, Bartok. Zwei zeitgenössische Stücke und ein Stück eines im KZ ermordeten Komponisten. Und die Capucons machen das sehr gut miteinander.
    Wer sich beeilt: Habe gerade gesehen, dass es die CD jetzt für 83 Cent gibt, bei amazon.de.

    Das mit dem Buch würde mich auch interessieren. Es gibt ja schon kaum gute Biographien über Schumann.
    Im Ärzteblatt wurde nun übrigens ein ausführlicher Artikel veröffentlicht, wonach Schumann weder eine Psychose noch wesentliche Syphilis-Spätfolgen hatte, sondern ein mehrtägiges Alkoholdelir erlitt, weshalb er sich in Behandlung begab, dann jedoch von Clara in der Anstalt Endenich belassen wurde und - wegen der damals noch etwas anderen Sichtweise gegenüber psychischen Erkrankungen - nicht entlassen wurde, weshalb er den Lebensmut verlor und wohl depressiv wurde, was zu Essensverweigerung und allgemeiner Schwäche, zum Schluß zu einer Lungenentzündung führte, der er erlag. Es wird außerdem postuliert, dass der berühmte Selbstmordversuch mit Sturz in den Rhein so vermutlich nie stattfand. Die Rolle von Clara und Brahms wird als weniger rühmlich beschrieben, zumal Brahms recht bald nach Schumanns Einweisung zu Clara zog.
    Wer mehr wissen möchte, kann mal Deutsches Ärzteblatt googlen, da sollte es den Artikel geben.

    Ich weiß, ich bewege mich hier im Tempel der hohen Kunst und der Ruhmeshalle leidenschaftlicher Sammler und Hörer. Darf ich aber trotzdem nochmal auf meine ökonomischen Überlegungen verweisen? :stumm: :untertauch:
    Wirklich, nichts dagegen, dass so eine Box Gefahren birgt, dass man nicht alles hört. Und ja, es mag immer die eine, bessere, größere, tollere Aufnahme geben. Aber darf ich nicht 35 CDs zum Preis von 2-4 kaufen?
    Ihr habt alle recht mit euren Hinweisen auf mögliche bessere Einspielungen, obwohl da vielleicht auch nur marginale Unterschiede sind, oder wer legt fest, ob nun Horowitz oder Kempff oder Rubinstein der beste Interpret der Kinderszenen ist?
    Nun will jemand einen Komponisten kennen lernen. Jetzt kann man ihm also drei, vier Werke (bei Schumann eher zu wenig) vorschlagen, die er sich anschaffen sollte. Natürlich in großartigen Aufnahmen. Da zahlt er dann 40-60 EUR für. Für das gleiche Geld bekommt er eine Riesen-Auswahl aller wichtigen Werke des Komponisten in erstklassigen Einspielungen. Wenn da alles in der Box nicht zusagt, dann gibt es mit dem Komponisten auch bei 20 anderen Einspielungen nichts. Wenn die drei empfohlenen Werke in den empfohlenen Einspielungen nicht zusagen, dann wird man die Finger davon lassen und hat evtl. aber sehr schöne andere Werke, die einem von dem Komponisten zusagen würden, gar nicht gehört und wird sie auch nicht kaufen.
    Es bedarf schon eines sehr hohen Ethos und einer sehr reinen Lehre, die Finger von den Boxen zu lassen, wenn man die Einspielungen nicht schon hat. Schaut euch doch mal die Boxen von Chopin oder Mahler an! Wo ist denn da schlechte Qualität zu finden? Und wenn mal ein paar Mazurken oder eine Symphonie nicht so ideal ist, dann kann man sich doch immer noch auf dem großen Alternativmarkt bedienen. Aber um Himmels Willen, es ist doch ökonomisch völlig sinnfrei, so ein Angebot auszuschlagen, weil man ja erstmal mit weniger anfangen kann. Hört er sich halt erstmal durch die vorhandene Kammermusik, die Lieder oder die Klaviermusik oder fängt mit dem Cellokonzert an. Aber nur mit dem Verweis darauf, dass es zuviel des Guten sein könnte, kann man doch nicht vom Kauf einer solchen Schatztruhe abraten! Geht ihr erst dreimal ins Schwimmbad und haltet nur den Fuß rein, weil es könnte ja sein, dass wenn man gleich reinspringt, Schwimmen keinen Spaß macht?
    Lieber Bernd, ganz ehrlich, wenn du nur ein bisschen Verdacht hast, dass Schumann trotz seiner Romantik Gefallen erzeugt, dann kaufe dir eine Box, bevor du dir nach 3 Einzel-CDs denkst "scheiße, wäre anders billiger gewesen". Außer dein finanzieller Rückhalt ist so groß, dass es keine Rolle spielt. Dann hättest du aber vermutlich nicht gefragt. Ansonsten sitzt du so wie ich eines Tages vor dem jpc-Katalog und denkst dir "scheiße, was hätte ich mit dem gespareten Geld alles für CDs kaufen können".

    Nachtrag:
    Zugang zu Schumann zu finden, ist bei einem so umfangreichen Gesamtwerk aus meiner Sicht nicht so schwierig. Wer Klaviermusik mag, kommt an Schumann nicht vorbei. Die Solokonzerte sind Standard, ebenso die Lieder. Die Symphonien stehen ein wenig im Schatten, zB von Brahms und Schubert. Die Chorwerke sind eher was für Fortgeschrittene.
    Ich sehe eher eine Schwierigkeit in Bernds Aussage, er habe es nicht so mit romantischer Musik. Da wird es bei Schumann wohl allgemein eher problematisch.

    Thomas : Ich will die Box ja keinem aufschwatzen, aber darin sind doch gute Aufnahmen enthalten. Wir reden ja nicht über eine Veröffentlichung des Kindergartenorchesters oder der Musikschule Schräge Töne. Ich habe mich Schumann durchaus mit diesen Einzeleinspielungen genähert, wie das hier beschrieben wird. Nur wenn ich jetzt 25 CDs für einen Preis von 2 bekomme, dann hat sich bereits bei 3 guten CDs in der Box (und die sind aus meiner Sicht dabei, zB bei den Liedern) der Kauf schon gelohnt. Und wenn man dann feststellt, dass es die Kinderszenen, Papillons, Kreisleriana oder die Dichterliebe nochmal besser gibt, dann kann man die ja immer noch kaufen, das ist ja nicht verboten. Auf der anderen Seite muss man aber sagen, dass manche Werke (gerade auch die Chorwerke) ohnehin nur in wenigen Aufnahmen vorhanden sind und die Werke insgesamt aus heutiger Sicht als eher schwierig zu bezeichnen sind, man sie also evtl. gar nicht kennen lernen würde, weil man sie sich nicht einzeln für 20-40 EUR kaufen würde.
    Nehmen wir mal ein paar Beispiele: Die Symphonien mit Szell, Karajan, Bernstein kosten jeweils ca. 10-15 EUR. Das sind zwei CDs. Die ganze Box mit 23 anderen CDs kostet dann noch 25-30 EUR, also ca. 1 EUR/CD. Neulich habe ich mir die Dichterliebe mit Wunderlich gekauft, für 8 EUR. Da wäre ich mit 3 CDs also bei ca. 20 EUR, das ist der halbe Preis der gesamten Box. Die neue Kirchschlager-Aufnahme mir Frauenliebe und -leben: nochmal 20 EUR. Dann ist der Preis für die Box schon weg, für 4 CDs!
    Wir diskutieren ja nicht darüber, ob die Box unsere einzige Anschaffung für die Arche Noah sein soll.


    Anderes Beispiel: Die Chopin-Box von DGG kostet ebenfalls ca. 40 EUR. Mein Schwiegervater hat allein für die Klavierkonzerte mit Zimmerman 20 EUR vor ein paar Jahren bezahlt. Es ist doch verrückt, wenn man so ein Angebot ausschlägt, selbst wenn nur die Hälfte der Aufnahmen gut ist.

    Ich habe jetzt mal die Liste für die Klaviermusik durchgesehen (s. Thread). Natürlich kann man immer noch eine Aufnahme der Kreisleriana oder der Kinderszenen kaufen. Aber auch die Liste ist aus meiner Sicht nicht ganz vollständig (Perahia? Vladar? Kissin? Pollini?) und man kann eben darüber streiten, ob man Mono-Aufnahmen nur deshalb kaufen soll, weil sie empfohlen werden. Wir sitzen ja auch nicht mehr vor dem Grammophon, sondern vor teuren HiFi-Geräten.
    Das eine hat aus meiner Sicht nichts mit dem anderen zu tun: Ich kann mir ein teures Lehrbuch kaufen und ein Kurzlehrbuch, Hauptsache, ich verstehe, worum es geht und kann es später richtig anwenden. Musikhören ist keine exakte Wissenschaft, sondern ein individuelles Vergnügen.

    Also, ich bin ja Verfechter der Boxen, weil sie einen guten Gesamtüberblick geben und man nicht von jedem Komponisten wirklich alles in mehrfachen Einspielungen haben möchte, aber, sollte man sich dann später doch rückbesinnen, schon mal "vorhören" kann, ob man die eine oder andere Aufnahme wirklich noch zusätzlich braucht.
    Ich weiß nicht, was gegen die Boxen sprechen soll, die Besetzungslisten sind jedenfalls vielversprechend. Die Frage ist, was man an Schumann mehr schätzt: Orchesterwerke, Chorwerke, Kammermusik, Klavier, Lieder...
    In Zusammenschau würde ich zur Sony-Box greifen. Da sind die wesentlichen Werke alle dabei und die Einspielungen sind zT großartig. Die Sänger sind hervorragend, insbesondere Gerhaher, Fink, Bonney. Die Klaviermusik ist ebenfalls mit sehr guten Interpreten vertreten. Die Symphonien kann man sich entspannt für wenig Geld nachkaufen. Isserlis spielt Schumann sehr gut (Cello-Werke). Das Violinkonzert ist kompliziert, ich suche schon geraume Zeit nach Alternativen, aber Kremer ist wohl nach wie vor einer der Hauptinterpreten.


    Ich weiß nicht, was es an der Box so wesentlich zu meckern gibt.
    Klar, man kann die Klaviermusik von Kempff noch kaufen, das Klavierkonzert in verschiedenen, auch günstigen Alternativen und eben die Symphonien extra (zB Szell, Bernstein, modern mit Dausgaard, oder aber mit Thielemann). Aber gerade bei den Liedern sind in der Box eben für sehr wenig Geld (ca. 1 EUR/CD!) sehr gute Aufnahmen. Ich habe mir für ungefähr 200 EUR die gesamte Hyperion-Reihe der Schumann-Lieder gekauft. Die ist wirklich toll gemacht, weil alle Lieder hervorragend kommentiert werden, aber die Gesangsleistung ist nicht bei allen wirklich ideal. Und bei der Kammermusik gibt es zT wirklich nicht immer so viele Alternativen.


    Klar, wenn man gern den Sound der 40er will, dann ist die Box nix, aber ansonsten ist sie durchaus eine Investition wert.
    Gilt übrigens auch für die Chopin-Box der DGG. Habe mich eigentlich geärgert, dass ich schon alles hatte, für viel mehr Geld. Sicher ist auch in dieser Box das eine oder andere, dass es besser gibt oder das man nicht unbedingt braucht, je nach Geschmack, aber zusammen genommen eine lohnende Investition.


    Und bei Schumann muss man ja nun sagen - und da wiederhole ich mich - dass es dann eben für ein paar Euro mehr zur Not eine alternative Aufnahme gibt, die man sich daneben stellen kann. Spart trotzdem Platz im Regal.


    Ich will ja jetzt auch gar nicht noch mit den Mahler-Boxen anfangen, die es jetzt gibt, sonst muss ich weinen...


    Also, von mir ganz klar eine Kaufempfehlung.

    Ich kaufe nun mal gern Gesamtaufnahmen.


    Zitat

    Ich fürchte, dass man bei mehr als 10-12 Einspielungen bald den Überblick verliert. Sammeln als Selbstzweck ist ja völlig o.k. (ich betreibe das selbst in gewissen Grenzen). Aber man sollte sich nicht einreden, dass man ein Stück "besser versteht", wenn man mehr CDs davon angehäuft. Bernstein sagt in einem seiner populären Bücher oder in einer TV-Sendung, dass am meisten zum Verständnis einer Sinfonie beiträgt, sie vierhändig auf dem Klavier durchzuspielen. Das können nun leider die meisten von uns nicht. Man kann das vielleicht durch anderes ein wenig ausgleichen, etwa durch Mitverfolgen der Partitur oder gute Kommentare, aber kaum durch ein oder zwei dutzend Aufnahmen.


    Das kann ich nur unterstreichen. Sonst wird man auch eine Art Fashion Victim, weil man immer eine neue Einspielung kauft, weil es nun "die" ist. Die Industrie wird das immer versuchen. Und eine weitere Einspielugn zu kaufen, um die Musik zu "verstehen", das halte ich ohnenhin für wenig sinnvoll. Verstehen wird man sie nur mit den Noten vor der Nase und am besten einem Instrument in der Hand. Einspielungen sind nur Vorschläge, wie die Musik zu verstehen ist. Es kann einem eine nicht gefallen, das hat aber nichts mit Verständnis für das Stück zu tun, sondern damit, wie es jeweils umgesetzt wird. Deshalb kann man auch mit einer Einspielung glücklich sein, auch wenn die vielleicht völlig am ursprünglichen Ansatz vorbei geht, s. die äußerst beliebte Einspielung der Cello-Suiten auf dem Saxophon.

    @JR: Es war eine offene Frage, zu der jeder ruhig etwas beisteuern soll. Die Zahl der GA ist überschaubar und wächst langsam. Das kann man gut oder schlecht finden. Viele denken vielleicht, dass Plattenfirmen die sinkenden Erlöse für ein günstiges Kammermusikprojekt oder unbekannte Komponisten verwenden sollten. Und andere würden sich wünschen, dass andere Barock-Spezialisten auch mal mit einer Einspielung beginnen.


    Zu Suzuki: Man muss sich warm hören und BWV 4 ist nun nicht unbedingt geeignet, Spielfreude und Jubelchöre zu produzieren. Es wird hier ja noch der "alte Stil" verwendet.
    Suzuki ist - man möchte fast sagen: typisch japanisch - sehr exakt. Die Musik ist präsent, dabei aber weniger drängend. Es fehlt ihr vielleicht ein wenig "Natürlichkeit", ich meine damit den natürlichen Bezug zur deutschen Barockmusik, mit der wir Deutsche/Europäer aufwachsen. Dafür wird aber sehr schwebend und dynamisch musiziert. Hinzu kommt die Akustik der quasi extra gebauten Kirche, in der die Aufnahmen in aller Regel entstehen. Sie erzeugt einen nüchternen, man kann aber auch sagen sakral-erhebenden Klang. Wenn man sich in die ersten Folgen mal eingehört hat (also die ersten 8-9 CDs), dann spürt man, wie Suzuki den "Bach-Klang" entwickelt und umsetzt. Auch der Chor wird in der deutschen Aussprache besser (was man auch bei den Gardiner-Aufnahmen hört, nicht unbedingt SDG, aber die früheren Aufnahmen mit dem Monteverdi, da ist das R oft noch sehr weich). Die Solisten sind meistens sowieso gut und Suzuki verwendet nicht so viele verschiedene wie zB Gardiner.
    Ich verstehe aber, dass diese zT nüchtern anmutende Interpretation gewöhnungsbedürftig ist und auch mal an ihre Grenzen stoßen kann. Die Johannes-Passion von Suzuki ist Extraklasse, da brauche ich meiner Frau mit gar nichts anderem kommen. Das WO dagegen wirkt etwas winterlich-frostig und die h-moll-Messe fast nackt, so reduziert ist sie teilweise. Aber was man Suzuki eben zugute halten muss, ist die Konstanz der Einspielungen auf enorm hohem Niveau. Ich empfinde es so, dass ich eine ganze Box mit 10 CDs einfach durchhören kann und fasziniert bin. Bei Gardiner besteht etwas Schwankungsbreite, man kann vielleicht auch sagen: mehr Temperament. Da sind manche Aufnahmen dabei, die sind so schön, da will man das einfach nur wirken/sacken lassen und will nicht weiter hören und dann gibt es auch manche, die sagen einem wenig. Ich will das nicht verallgemeinern, aber was bei Gardiner ins fröhliche Dur läuft, das ist phantastisch, moll dagegen ein wenig unter ferner liefen. Suzuki betreibt alles mit dem gleichen Ehrgeiz.

    Danke für die Klemperer-Ausführungen.
    Bin an Christi Himmelfahrt in den Urlaub aufgebrochen, schön BR Klassik gehört. Und was kommt zum Urlaubsauftakt? Eben jene Klemperer-Aufnahme mit dem BRSO und Janet Baker. Da musste der Urlaub natürlich gut werden.
    Die Transparenz, mit der Klemperer das Werk darbietet, die klare Struktur, die punktgenauen Einsätze, die Natürlichkeit und dann natürlich die Gesangsleistungen sind überwältigend. Man spürt, wie sehr Klemperer das Werk am Herzen liegt (er war ja "Hilfsdirigent" für die Bläser aus dem Off unter Mahler selbst). Habe meiner Frau schon mal gaaanz unauffällig gesagt, dass ich die Aufnahme noch nicht habe und sie mir auch nicht kaufen werde, aber Geburtstag und Weihnachten ja noch vor uns lägen...


    Nun denn: Was die sonstigen Mahler-Aufnahmen der 2. angeht, kurz zu denen, die ich kenne/habe:
    Inbal: Sehr gut
    Rattle (CBSO): Sehr gut bis herausragend
    Kaplan I: Sehr exakt, beeindruckend. Booklet grandios (mit Briefabdrücken etc)
    Kaplan II: Besseres Orchester, aber nicht ganz so differenziert.
    Bernstein DG: Sehr schön, wobei mir die 3./4./5. besser gefallen.
    Chailly: Sehr transparent und das Concertgebouw... :], was soll man sagen?

    Ist es schlimm, wenn nichts oder wenig hängen bleibt?
    Wirkt es nicht vielmehr so, dass Hängenbleiben auch mal Routine bedeuten kann?
    Jeder kennt den Anfang von LvBs 5. Ist das nun gut oder schlecht? Denkt man sich nicht vielleicht auch: Kenn ich schon, muss ich jetzt nicht hören?
    Und kann man denn überhaupt erwarten, dass die Streiquartette Zemlinskys im Ohr bleiben oder Moses und Aron oder die gesamten 16 oder was Stunden des Rings?
    Neulich hörte ich im Radio einen wunderschönen Satz eines Violinkonzerts. Er kam mir bekannt vor und ich rätselte, was es war. Ich kam partout nicht drauf war mir aber sicher, dass ich ihn schon oft gehört hatte und sicher auch Einspielungen habe. Letztlich lag ich nicht ganz falsch, weil ich immerhin wusste, auf welcher CD sich das Konzert fand (Heifetz, Great Recordings). Es war der 3. Satz des Sibelius-Konzerts. Ich habe mich so gefreut, weil ich dieses Konzert wirklich gern habe und ich so festellen konnte, dass ich mich an ihm noch nicht abgehört habe, dass ich es immer noch neu entdecken kann.
    Klar, jetzt kann jemand argumentieren, dass ich wohl nie richtig zugehört habe, aber Musik soll doch irgendwie lebendig und spannend bleiben und es ist doch traurig, wenn man sich denkt: "Ach nee, das geht doch so und so, das muss ich jetzt nicht hören."
    Eine Anmerkung möchte ich noch machen: Natürlich ist es leichter, Lieder oder Arien zu memorieren. Das meine ich jetzt nicht unter dem professionellen Aspekt. Für den stinknormalen Hörer ist es aber leichter, sich eine Melodie über die zusätzliche Hilfe der Sprache zu merken, als nur Instrumentalmusik. Jeder weiß zwar, wie der Liederkreis beginnt ("Im wunderschönen Monat Mai...") und viele können spontan mitsingen. Aber wer weiß denn, wie der Klavierpart ohne Stimme klingt, mal abgesehen von den Pianisten unter uns, die das schon gespielt haben? Und das ist natürlich bei Orchesterwerken mit Gesang noch schwieriger, weil das ja polyphon ist. Und wenn man nun die Singstimme wegnimmt, ist es schon schwierig, sich auf einen bestimmten Melodiebogen zu konzentrieren.

    Ist es schade oder bemerkenswert, dass es (nur) rund ein halbes Dutzend dieser Mammutprojekte gibt, die das Schaffen Bachs auf diesem Wege würdigen?
    Ich kaufe brav alle paar Monate die neue SDG-Veröffentlichung und heule jetzt schon , wenn es die eines Tages zum mittlerweile üblichen Spottpreis als Paket geben wird. Aber andererseits hat mir das häppchenweise Kaufen Bachs Kantatenschaffen erst richtig eröffnet. Sonst hätte ich mich wohl nicht mit so großem Interesse mit diesen letztlich den Wertekanon der Musik mitbestimmenden Werken befasst.
    Neben Gardiners SDG habe ich mir vor einigen Monaten die 4 Suzuki-Boxen gekauft, deren einzigen Nachteil ich darin sehe, dass sie ein wenig unübersichtlich sortiert sind. Ansonsten sind die Aufnahmen ebenfalls großartig, mit Hingabe musiziert und mit guten Solisten. Einzig der Chor steht meiner Meinung nach in Bezug auf die Verständlichkeit dem Monteverdi etwas nach.
    Bei Koopman gefallen mir die Tempi indes nicht so gut. Ansonsten ebenfalls eine meisterliche Leistung und eine sehr gute und gut ausgestattete Ausgabe.
    Rilling: Auch hier finde ich die Tempi für meinen Geschmack etwas zu zaghaft. Ich mag die englische Herangehensweise an den Barock, auch wenn das vielleicht nicht immer dem Sinn des Komponisten entsprechen mag (wer weiß?). Ansonsten ist er ebenso wie Harnoncourt und Richter einer derer, die höchsten Respekt genießen, weil sie die Werke in ihrer gesamten Fülle einer großen Hörerzahl überhaupt zugänglich gemacht haben.
    Herreweghe finde ich gut, aber irgendwie ist da wohl die Gesamtausgabe ins Stocken geraten oder er hat sich zwischendurch zu vielen anderen Dingen gewidmet, jedenfalls habe ich ihn ein wenig aus den Augen verloren. Auch das übrigens eine Sache, die für Gardiner spricht: Alle Aufnahmen entstanden ja während eines Jahres, in denen er an verschiedenen Orten alle Kantaten des Kirchenjahres aufnahm. Sicher, ändert sich etwas in der Auffassung der Werke, ist die ganze Serie dahin. Andererseits: Es ist alles "im Kasten", muss nur noch veröffentlicht werden. Bei Suzuki dagegen wird noch weiter und weiter aufgenommen, was das Projekt etwas verschleppt. Immerhin ist BIS bereit, solche Großprojekte mizutragen (s. Sibelius-GA).
    Kuijken gefällt mir einerseits gut, durch den fehlenden Chor erscheinen diese Passagen zeitweise etwas blutleer und dünn. Aber auch hier: schöne Aufmachung.
    Vermutlich wird es nie eine GA, aber erwähnen möchte ich es trotzdem: Das Ricercar Consort mit Pierlot. Wunderschöne Aufnahmen, wunderschöne CDs (Mirare). Davon gern noch (viel) mehr.

    Brilliant nutzt es aus, dass manchmal das Copyright für eine Aufnahme irgandwo auf der Welt ausläuft und greift dann zu. Manchmal wird es auch vom Ursprungslabel nicht verlängert. Und schwupps hat man eine super Aufnahme für 3 oder 4 Euro. Nachteile: Die Aufmachung und oftmals fehelnde Angaben zu Zeit und Ort der Einspielung oder Informationen zu den Interpreten. Und bei den Opern keine Libretti.
    Ich finde Brilliant als Ergänzung sehr gut und auch dann, wenn ich nicht sicher bin, ob mir Werke gefallen. Wenn die Doppel-CD mit irgendeiner Kammermusik dann im Regal verschwindet, ist es nicht so schlimm wie wenn ich eine Hochpreis-Aufnahme gekauft hätte, die dann das gleiche Schicksal ereilt.

    Ich schwanke mittlerweile, ob es tatsächlich immer mehr als drei Interpretationen eines Werkes sein müssen.
    Sicher, die eigene Musikauffassung ändert sich ebenso wie die Interpretationsstile und manchmal - siehe Barockaufnahmen - kommt man gar nicht umhin, sich verschiedene Aufnahmen zu besorgen.
    Schwieriger wird es, wenn man nicht so viel Neues aus einer Neuaufnahme für sich herausholen kann oder wenn man "die" Aufnahme für sich gefunden hat. Oder - und das ist für mich ein wichtiger Punkt - wenn die neue Aufnahme dann weitgehend ungewürdigt nach einma, zweimal Hören im Regal landet. Persönlich empfinde ich es außerdem beinahe als Belastung, aus immer mehr Interpretationen dann eine aus dem Regal zu ziehen, die ich hören möchte, weil ich mich dann frage, ob das nun die ist, die heraussticht.
    Den umgekehrten Fall gibt es auch: Man kauft eine Aufnahme, findet die gut oder nicht so gut, kauft die nächste, findet da Schwächen und irgendwann hat man 4, 5 oder noch mehr Einspielungen und ist immer noch nicht ganz zufrieden.
    Ich finde, drei ist eine gute Zahl, um bedeutende oder persönlich interessierende Werke ausreichend würdigen zu können. Natürlich kann es Ausnahmen geben und natürlich kann man aus besonderen Gründen, zB der Sammelleidenschaft wegen, diese Zahl überschreiten, aber unter Hör- und Übersichtsaspekten erscheint mir die Zahl 3 angemessen. Weil, im Ernst, wann hört man sich durch drei Gesamtausgaben der Bach-Kantaten, sämtliche Haydn-Sinfonien, Händel-Opern oder Scarlatti-Sonaten?

    Ich habe im Archiv gesucht, aber zu dieser CD:




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    Also, sollte die CD noch keiner kennen: UNBEDINGT kaufen, wenn man die Lieder Gustav Mahlers mag.
    Das ist eine so andere, mitreissende Interpretation, ganz großartig. Da versteht man, wie Mahler zu seinen Motiven kam, wie er die Melodien vorbeiziehender Musikanten in sein Schaffen einbrachte.
    Frau Kulman singt großartig und die Begleitung aus Violine, Cello, Kontrabass und Akkordeon ist wie ein kleines, aber viel alerteres Orchester.