Beiträge von Dr. Pingel

    Am Sonntag liefen zwei hochinteressante Musiksendungen auf arte:

    1. Maria Callas und Renata Tebaldi. Ich erinnere mich, dass ich mich mit meinem Freund (wir waren 15) über Callas und Tebaldi sehr gestritten haben. Ich war für die Tebaldi mit nur einem Argument: sie hatte die bessere Stimme. Das hat sich mir in dieser Musiksendung bestätigt.

    2. Toscanini und Furtwängler: ich muss sagen, dass ich über die Geschichte der beiden praktisch nichts wusste, von daher hätte ich noch eine weitere Stunde gebraucht, in der ich gerne mehr über die Zeit Furtwänglers nach dem Krieg erfahren hätte.


    Eine kleine Kritik habe ich doch: in beiden Sendungen war viel zu wenig Musik, um die Lebensdaten zu untermauern.

    Ich denke, dass man beim russischen und tschechischen Repertoire wieder auf die deutsche Übersetzung zurückkommen müsste. Bei Janacek spricht dagegen, dass er stark auf den Text komponiert hat. Dafür spricht, dass seine Opern hochemotional sind, und da übertragen sich die Emotionen eher durch Musik+Text, auch wenn es der falsche ist.

    Beispiel: Janaceks "Katja" wird meist auf Tschechisch gespielt, wobei mir ein tschechischer Bekannter erzählte, dass das eher so eine Art Pidgeon-Tschechisch ist. Vor Jahren hat man in Münster einen sehr erfolgreichen Versuch gestartet: es wurde deutsch gesungen in einer neuen Übersetzung, dazu gab es die deutschen Texte als Übertitel.

    Am Schluss der Oper ist Katja allein am Ufer der Wolga. Sie sieht die Blumen, die Schmetterlinge, die Vögel (die singen auch alle im Orchester). Sie freut sich. Doch dann bricht es aus ihr heraus "... und ich muss sterben...!" Das war sehr ergreifend, ergreifender, als wenn sie tschechisch gesungen hätte (sterben ist dort irgendwas mit "mrt", siehe auch den Titel von "Aus einem Totenhaus"). Dann springt Katja ins Wasser, unter dem Aufruhr des Orchesters. In der Münsteraner Inszenierung wurde sie dann patschnass wieder auf die Bühne gestellt - und es war nicht peinlich!

    Ich habe vor einiger Zeit hier im Forum eine Darstellung aller erhältlichen Aufnahmen des "Barbiers" eingestellt. Diese Aufnahme war die absolute Referenz, wegen Donath, Laubenthal, Sotin (der hat den Barbier gesungen) und Leitner.

    In der Jenufa würde ich zu Laca tendieren, weil Stewa im 3. Akt nicht mehr vorkommt und Laca und Jenufa eines der großartigsten Schlussduette singen, die es in der Opernwelt gibt.

    Interessant ist Monteverdi, weil es erste Tenöre eigentlich gar nicht gibt. "Ulisse": der Tenor ist Telemaco, das ist aber keine Hauptrolle (ich habe eine Video-Aufzeichnung einer Harnoncourt-Einspielung, bei der Jonas Kaufmann den Telemaco singt - ein lyrischer Tenor vom Singen und Spielen her ausgezeichnet - auch von da denke ich, dass er seine Stimme danach ruiniert hat).

    Im Orfeo singen ein paar Hirten schöne Solopartien (Francisco Araiza!!), aber eine richtige Rolle ist nicht dabei. In der Poppea wird schon mal Nero als Tenor besetzt, meist aber mit Alt oder Counter

    Brumel: Sequentia "Dies irae, dies illa"


    Diese Sequenz ist ein Stück aus dem "Requiem", von Antoine Brumel großartig dargestellt und vom Dirigenten Paul van Nevel prächtig umgesetzt, vor allem durch die Verwendung von Posaunen. Das erste Stück auf dieser CD, nicht minder prächtig, ist die "Missa ..et ecce terre motus..". Das Sujet ist in der Kirchenmusik sehr verbreitet, es handelt sich um das Erdbeben als "Begleitung" des Todes Christi. Auch in der Matthäuspassion ist es dargestellt, rein instrumental verwendet es Haydn in seinen 7 Worten.

    Im Kommentar des "Einstellers" micrologus2 wird die Geschichte Brumels ausführlich dargestellt.



    Neben den üblichen YouTube Jubelkommentaren gibt es einen Kommentar, der völlig aus dem Rahmen fällt, sowohl in der Einstellung wie auch in der brillanten Formulierung. (Der Autor Vladimir Pisetsky ist mir nicht bekannt).


    "They existed at the same time, a sin and a miracle. When your sword is covering in the blood of Saracens, when you lean your foot against the corpse, when you observe a magical sunset in the time of glory, when your name makes the whole tribe tremble when you cut the next enemy of the church, when in your soul you are listening to a music like this.

    "...als wenn ich schon ein sanftes Grab in meinem Lager hätte"

    Johann Krieger: Abend-Andacht


    Die CD mit deutschen Liedern des Barock, gesungen von Annette Dasch, habe ich schon einmal vorgestellt, ich finde aber das Thema nicht mehr. Die Instrumentalisten sind Mitglieder der Akademie für Alte Musik Berlin.

    Zu den hier veröffentlichten Barockkomponisten gehören Johann und Adam Krieger, Hammerschmidt, Kindermann, Albert, Erlebach, Dedekind. Leider hat man die Nennung der Textdichter in der neuen Auflage des booklets wieder entfernt, was ich eine ziemliche Frechheit finde. Johann Krieger ist aber wohl Textdichter wie Komponist des schönsten Stückes dieser CD, hinreißend schlicht von Annette Dasch gesungen, die in allen Liedern eine große Bandbreite ihrer Kunst zeigt.

    Originell ist auch der Ablauf des Strophenliedes, von dem ich nur die erste Strophe zitiere.

    1. Erste Strophe: unbegleiteter Sopran.

    Hilf Gott, der Tag ist wieder hin,

    daß ich dem Tode näher bin.

    Nun eil ich zu dem Bette.

    Da leg ich alle Kleider ab

    als wenn ich schon ein sanftes Grab

    in meinem Lager hätte.

    2. Strophe: Sopran und Zupfinstrument.

    3. Strophe: Sopran, Violine, B.c.

    4. Strophe: ohne Vokalstimme, ohne Text, nur Instrumente.



    Vaclav Luks mit seinem Ensemble 1704 ist in jeder Hinsicht herausragend. Ich habe mal eine Monteverdi-Aufnahme aus dem Salzburger Dom gehabt, die habe ich erstmal 2 Wochen lang gehört. Dann habe ich mich in den E-Mail-Verteiler des Ensembles aufnehmen lassen. Aber trotz Janacek war mein Tschechisch nicht so geeignet, um überhaupt zu wissen, worum es geht. Hami hat mich ein paarmal hier besucht und dabei tschechische Bücher gelesen - auf Tschechisch!!

    P.S. Da wir hier in einem Rameau-thread sind: es gibt ein tolles Buch von Denis Diderot, "Rameaus Neffe". Dieser Neffe ist ein schräger Vogel, auch unser Rameau wird kräftig beleidigt. Das Buch ist bei uns berühmt, weil Goethe es übersetzt hat. Eine Rezension dazu findet ihr in meinem "Schreibtisch" unter dem Stichwort "Law ju Göhte"!

    Unvollständig, aber grandios: Heinichen


    Wer sich mit den großartigen Sinfonien (damals "concerti" oder "Ouvertüren" genannt) der Barockzeit beschäftigt, trifft auf eine Fülle von "Kleinmeistern", die keine sind. Fasch, Fux, Fischer und besonders Heinichen, der in Dresden wirkte und da schon ein tolles Orchester hatte. Reinhard Goebel hat die "Concerti grandi" eingespielt, wobei die zweite Version eine weitere CD mit weiteren Stücken enthält.

    Mein Lieblingsstück wird hier vorgestellt. Es ist einer der schwungvollsten und mitreißenden Sätze (es gibt leider nur einen), die es in den barocken Sinfonien gibt. Bei meinem letzten Handy hatte mir ein Freund (Computerexperte) das sogar als Klingelton aufgespielt.



    "Delizie contenti...": Il Giasone von Francesco Cavalli


    Diese Oper über die Argonautensage (Giasone=Jason) war die in Europa meistgespielte Oper im 17. Jahrhundert (1648).

    1988 brachte René Jacobs eine Gesamtaufnahme heraus."Delizie contenti" ist die Auftrittsarie (obwohl er ja die ganze Zeit liegt) von Giasone und ein "Kracher" für Counter.

    Die vorliegende Aufnahme entstand 2012 in Belgien (Antwerpen/Gent); es singt Christophe Dumaux. Bemerkenswert die Inszenierung mit den Händen. Ich muss sagen, dass solche Regieeinfälle etwas sehr Bezwingendes haben und einen wirklichen Erkenntnisgewinn durch die Regie bringen.


    Palestrina: Stabat Mater


    Ein Klassiker der katholischen Liturgie und der Vokalpolyphonie, wobei hier eher die akkordische Verarbeitung eingesetzt wird. Wir haben das Stück (1990) etwa in der gleichen Besetzung wie hier (Tallis Scholars) gesungen, also 2 vierstimmige Chöre in getrennter Aufstellung, jede Stimme in Doppelbesetzung. Hier ist schon deutlich sichtbar, wie der Komponist mit dem Einsatz jedes Chores spielt und besondere Wirkung erzielt, wenn beide zusammen singen. Heinrich Schütz hat diese Technik dann zur Meisterschaft gebracht.



    Ich habe noch eine Video-Aufnahme des Chores des Clare Colleges Cambridge, in dem unser abtrünniges (:pfeif:) Mitglied gombert gesungen hat. Auf dieser DVD wirkt er allerdings nicht mit.

    Für mich gibt es große Opern, die ich kaum höre, weil ich sie so gut kenne. Für die Kluge gilt das nicht. Die Kegel-Aufnahme ist ziemlich gut, Sawallisch mag ich wegen der nicht optimalen Besetzung durch die Schwarzkopf nicht. Das gilt übrigens genauso für ihre Darstellung der Margiana im "Barbier von Bagdad". Das entwertet ihren Ruhm als Sängerin ja nicht.

    Sehr oft höre ich die Eichhorn-Aufnahme - von Lucia Popp kann ich gar nicht genug bekommen. Gibt es zärtlichere Musik als "Schuschu"? Oder ihren Trost für den Eselmann?

    Besonders liebe ich die drei Rätsel am Anfang. Mit zwei Mädchen der 8 Enkelkinder meiner Freunde (6 und 10 Jahre) singe ich das 3. Rätsel; der Höhepunkt ist dann "..so nackt, dass es knackt". Sehr subtil ist auch, wie die Kluge dieses Rätsel löst, nämlich indem sie es fortspinnt: "...der Taube, der hört es, der Stumme sagt´s weiter..."

    Anmerkung zu John van Kesteren: ich finde ihn als Erzähler im "Mond" unübertroffen. Ähnlich souverän gestaltet er übrigens den Patriarchen Abdisu in "Palestrina" von Pfitzner.

    Bevor hier weitere Goethes folgen, und das werden sie, hier ein Zwischenruf von Ludwig Börne:

    "Herr Goethe, was ist das für ein Mensch! Welcher Hochmuth, welche Hoffarth! Jetzt lässt er alle seine Handzeichnungen, wie sie jeder aus seiner Jugend aufzuweisen hat, im Kupferstich erscheinen. Der verkauft noch seine Windeln, spannenweise!"

    (Solche Zeichnungen habe ich auch, aber niemals werden die hier erscheinen!).

    14. Killersätze

    In der Grundschule sind sich Mädchen und Jungs noch nicht besonders wohlgesonnen, obwohl es Anzeichen von Verliebtheit gibt. Meistens sind sie wie sich abstoßende Magnete. In meiner letzten 4. Klasse hatte ich ein Mädchen und einen Jungen, die sich ständig rangelten. Da sagte ich eines Tages: "Ihr beiden, wisst ihr nicht, dass im Klassenraum folgende Regel gilt: Rangeln verboten, nur Küssen erlaubt?!" Sie stoben auseinander...


    15. Killersätze 2

    In der Unterstufe rangeln sich vor allem die Jungen nach wie vor. Bei der Aufsicht habe ich das nie unterbunden, habe aber den Umstehenden aufgetragen, Bescheid zu sagen, wenn es ernst wird. Gut geholfen hat auch dieser Satz: "Ist das eine private Klopperei oder kann da jeder mitmachen?"


    16. Cold Call

    Ein Telefonanruf mit unterdrückter Nummer, also Werbung. Eine sich lasziv gebende Frauenstimme: "Hi, I´m Liza. Can you speak English?" Antwort: "I can, but I won´t!"


    17. Einstein

    Ich sitze auf einer Bank im Wald mit einem Buch, als schon von ferne eine laute Frauenstimme beharrlich nach Einstein ruft.

    Dann wird Einstein sichtbar: ein großer, aber netter Berner Sennhund, und er heißt wirklich "Einstein". Da frage ich die Besitzerin: "Kann der mir denn nicht mal richtig gut die Relativitätstheorie erklären?" Die Frau: "Heute geht es leider nicht, heute hat er frei!"


    18. Zerberus

    Am Haupteingang meiner Bank steht eine Mitarbeiterin, die die Kunden sortiert und aufpasst, dass es nicht zu viele werden und sie Masken tragen. Ich sage: "Oh, eine Neuauflage des Zerberus!" Dabei erkläre ich ihr, was der Höllenhund ist. Als ich die Bank verlasse, sieht sie mich an und sagt: "Wau!"


    19. Straßenbau


    Ein sehr beliebter Fehler im Deutschen ist die Verwechslung von "geschleift" und "geschliffen". So schrieb meine Zeitung nach einem Unfall "...das Mädchen wurde 5 Meter mitgeschliffen....". Darauf habe ich der Zeitung einen Brief geschrieben: "Guten Tag,ich bin XY von der Straßenbaufirma ZZ. Ich wollte Ihnen mitteilen, dass wir das Schleifen von Straßen mit kleinen Mädchen schon vor 10 Jahren aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben haben!"


    20. Nikoläuse

    Vor Jahren lebten hier in der Siedlung zwei nette kleine Jungs, die sich aber immer wieder stritten, weil der eine Schalke-Fan, der andere Dortmund-Fan war. Am Nikolaustag kaufte ich im Kaufhaus zwei Nikoläuse, einen im Dress der Schalker, den andren im Dress des BVB. Die Verkäuferin fragte mich: "Haben Sie was dagegen, dass ich die zusammen in eine Tüte packe?" Ich konnte mich schon vor Lachen nicht halten und sagte: "Natürlich!" Da sagte sie: "Da sind sie der erste!"



    Elektra (Salzburger Festspiele 2020)


    Da es für mich keine Live-Oper gibt, steige ich um auf Home Office.

    Gestern war "Elektra" dran. Es ging los mit einem déjà vu: die Oper begann nicht mit Musik, sondern einer dramatischen Rezitation der Klytämnestra (wieder wurde mir klar, warum ich Lust nur auf Oper habe, nicht aber auf Theater). Ich nenne das die "Marthalerisierung der Oper", weil Marthaler das mit der "Sache Makropulos" so gemacht hat. Eine Oper mit aufgekitschten Texten statt einer grandiosen Musik zu beginnen, ist ein Kunstverbrechen. Hier muss ich auch den Dirigenten, Franz Welser-Möst, tadeln. Er ist doch der Berühmtere und kann sagen, dass vor der Musik nichts kommt. Den Text kann ich nicht beurteilen, weil ich erst den Ton eingeschaltet habe, als die Musik losging. (Nachträglich habe ich in einer Kritik gelesen, dass Klytämnestra hier den Mord an Agamemnon erzählt).

    Ich wollte erst abschalten, bin aber dann doch hängengeblieben - und habe es nicht bereut. Endlich mal wieder ein gewaltiges, toll aufspielendes Orchester. Das ist ja auch ein Kennzeichen der Janacekschen Opern, dass das Orchester eine so wichtige Rolle spielt. Für Salomé wusste ich das, aber in meinem Kopf spukte "Elektra" nur als überdrehtes Stück mit endloser Länge herum. Das glaube ich jetzt nicht mehr, was hier natürlich auch an den Ausführenden lag. Drei Frauenstimmen mit ungeheurer Kraft und Präzision in drei mörderischen Partien; ich kannte keine einzige, aber selten habe ich so eine Rollenkonformität erlebt wie hier. Besonders "Chrysothemis" hatte ich in Erinnerung als "Weichei", wenn ich mal so salopp sagen darf. Nichts davon hier; überwältigend der Dialog der Schwestern am Anfang, großartig auch die Ausrufe der Elektra ("Agamemnon" am Anfang, "Orest" am Schluss).

    Was die Regie betrifft: sie hatte das Geschehen doppelt angelegt, vorne die Schwestern, im hinteren Teil das, was am Hof im Hintergrund spielt. Das konnte man als Fernsehzuschauer nicht so richtig mitbekommen. Das machte auch nichts, denn die Frauen auf der Vorderbühne spielten grandios, da muss man den Regisseur loben, vor allem, da es kein Regietheater war und auch der Regisseur das Statuarische nicht scheute.

    Leider gab es doch einen sehr erheblichen RT-Effekt, nämlich in der Person des Orest. Der Name "Orest" ist von Strauss gewaltig auskomponiert worden, von daher ist klar, dass er eine Hauptperson ist, auch wenn er nicht viel zu singen hat.

    Ich wollte nicht glauben, was die Macher aus der Figur des Orest gemacht hatten. In der Erscheinung erinnerte er mich sofort an Diether Krebs als "Martin". Eine schlabbrige Jogginghose, dann ein besonders hässlicher Norwegerpullover. In der letzten Szene wandert er zwischen Bühne und Orchester von einer Seite zur anderen, ach was, er tapert und das mit einem debilen Grinsen.

    Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er in der Mitte noch mit einem Brei gefüttert worden wäre. Orest als Volltrottel, gab es das schon mal? Zum Glück nahm die Oper nach seinem Erscheinen noch einmal Fahrt auf.

    Wenn man den "Orest" abzieht, war das meine spannendste Oper in den letzten Jahren ohne irgendeine Gedanken an die Fernbedienung.

    P.S. Die beiden Sängerinnen der Schwestern stammen aus Litauen.

    P.S.2: Ein richtiger Könner hat die Untertitel erstellt, die auch wirklich parallel und zur rechten Zeit sichtbar wurden.