Beiträge von Dr. Pingel

    Eric Whitacre - Allelujah


    Dieser Eric ist ein anderes Kaliber als Roger, aber das können wir lassen. Er ist ein erfolgreicher amerikanischer Komponist, der tonal schreibt, was nicht heißt, dass die Stücke leicht zu singen sind. Das oben genannte Stück ist wieder zu Recht in dieser Rubrik; wir waren alle sehr angetan, als wir das aufgeführt haben. Auf YT gibt es eine Fülle von guten Aufnahmen, z.B. von den Whitacre Singers. Hier haben wir den Fall, dass ein guter Komponist ein sehr gutes Ensemble hat, während John Rutter nur einen sehr guten Chor hat (meint auch Michael Müller).

    Der Text ist einfach: nur "Hallelujah" und "Amen". Die Aufnahme, die ich ausgewählt habe, hat den Vorzug, dass die Noten mitlaufen. Da aber sieht man dann, dass ein einzelner Sänger sämtliche Stimmen singt, vom hohen Solo-Sopran bis zum Solo-Bariton. Das ist wohl eher in digitalen Zeiten möglich, trotzdem muss man es können und es muss auch gut sein. Beides trifft zu.


    Die Bescheidenheit der Deutschen Oper am Rhein


    Ein schönes Stück Selbstironie fand sich im letzten Newsletter aus Düsseldorf (fett ist auch im Original so).

    Es sei uns in der Vorankündigung eine ordentliche Portion Enthusiasmus gestattet. Morgen beispielsweise ist unsere großartige Adela Zaharia mit einem herausragenden Ensemble und den fantastischen Düsseldorfer Symphonikern unter der Leitung des fulminanten Antonino Fugliani in einer der zu Recht berühmtesten Opern der Welt zu erleben. Wir freuen uns auf die Wiederaufnahme von Verdis Meisterwerk "La Traviata". Und unser hin- und mitreißendes Ballett am Rhein probt derweil für seine nächste aufregende Premiere. Der wunderbare Doppelabend "I am a problem" steht ab 28. Januar auf dem Spielplan.

    (Da hoffen wir doch, dass beides nicht "mördermäßig" in die Hose geht).

    Geoff Poole - Wymondham Chants - Blessed Jesu - The King´s Singers


    Dieses Stück ist insofern eine Anmaßung, ich habe es nie selber gesungen. Frecherweise rechne ich es hierhin mit der Begründung, dass ich es gerne gesungen hätte. Chorsängern ist meist die moderne amerikanische, britische und skandinavische Chorliteratur die liebste, weil sie trotz ihrer Modernität die alte Harmonik kaum verlässt. Einer dieser Komponisten ist G. Poole, der das obige Stück 1970 für die King´s Singers geschrieben hat. Anklänge an alte Musik und moderne Stilelemente mischen sich hier gut. Auf der CD mit dem Titel "Wymondham Chants" (nach einer Abtei-Ruine in Norfolk) sind noch weitere Stücke, auch von anderen Komponisten. Dieses Stück ist aber das eindrucksvollste.


    Zum Jahreswechsel möchte ich mich bedanken für die Aufmerksamkeit (37.000 Zugriffe in zwei Jahren), zunächst bei Alfred, dann bei den Besuchern und dann auch bei den wohlwollenden Taminos. Ich hatte ja schon angekündigt, dass ich mich auf die musikalischen Themen konzentrieren will und die literarischen nur sporadisch ansprechen werde. Bei einigen Themen außerhalb des Schreibtischs werde ich natürlich weiter mitlesen und auch mitschreiben

    Ich möchte noch ein wenig nachlegen. Wer je in einem französischen Supermarkt die 200m lange "Theke" mit Milch- und Käseprodukten gesehen hat, weiß, was in der Soziologie "Optionsstress" bedeutet. Umberto Eco schrieb einmal, dass er etwas über Julius Cäsar lesen wollte. Er fand statt dreier Werke 10.000. Da gab er es auf.

    Frei nach Luhmann ist eigentlich für gebildete Leute (also wir:pfeif:) das Gebot der Stunde, das er "Reduktion von Komplexität" nennt. Ich habe jetzt im Auto ein noch maßvolles Kino, aber die Lautstärke drehe ich noch immer am Knopf. Das Gegenteil von Reduktion ist ja der Computer, noch besser, der überall mitführbare Computer, das Handy. Jede Zeit hat so ihre Maschine. Die Zeit des gemeinsamen (gekochten) Mittagessen wurde z.B. durch die Mikrowelle beendet.

    Noch ein Beispiel zur Musik. Eines meiner Lieblingswerke sind die "Lamentationes Ieremiae prophetae" von Tallis. Da habe ich nur zwei grandiose Aufnahmen: "Pro cantione antiqua" (nur Männer) und "Tenebrae". Dazu habe ich die Noten oder ich wähle eine YouTube-Aufnahme, bei der die Noten mitlaufen, sodass ich mitsingen kann. Ich kenne noch einige andere Aufnahmen, aber besitzen muss ich sie nicht.

    Das treibt uns irgendwie wohl alle an.....

    Mich durchaus nicht. Da ich Musik sammle und nicht Aufnahmen, habe ich sehr wenige doppelte CDs oder DVDs - doppelt im Sinne verschiedener Aufnahmen. Dazu habe ich bei einer allgemeinen Übersicht festgestellt, dass ich sehr viele Komponisten völlig außer Acht lasse (etwa Sibelius und Berlioz), weil sie mir Zeit wegnehmen, die ich für meine Lieblingskomponisten brauche. Da spielt natürlich das Alter eine Rolle; so viel Zeit hat man ja nicht mehr.

    Was ich mit Büchern weitgehend geschafft habe, nämlich jedes Jahr weniger zu haben, aber mehr zu lesen, beginne ich jetzt mit der Musik. Devise: mehr hören, weniger besitzen. Es gibt bestimmte Kompositionen, von denen ich weder CDs noch DVDs oder TV-Aufnahmen habe; etwa die klassischen Sinfonien: Bruckner, Brahms, Mahler, Beethoven. Das sind Werke, die sowieso dauernd in den Medien abgespielt werden. Dazu kommt, dass man sie im Alter doch sehr oft gehört hat. Wenn diese Stücke dann aber live in der Essener Philharmonie gespielt werden, gehe ich auch hin. Am liebsten sitze ich dann im ersten Rang direkt über der Bühne und kann genau verfolgen, welche Instrumente was spielen. Bei einer konzertanten Aufführung von Bartoks "Herzog Blaubarts Burg" saß ich im ersten Rang rechts über der Bühne. Da habe ich gesehen und gehört, wie wichtig das differenzierte Schlagwerk dieses Stückes ist.

    Ich finde, wie Michael Müller und einige andere, nichts Ehrenrühriges daran, für das Lesen und Schreiben einen Beitrag zu zahlen. Das Forum als Ganzes ist doch ein Kulturgut, da gehören Mitleser dazu und Leute, die fürs Schreiben einen freiwilligen Beitrag leisten, ohne dass sie beanspruchen, dass ihnen ein Teil gehört.

    Bei Kieser-Training zahle ich ein Abo, aber die Maschinen einstellen und dann trainieren muss ich selbst. Daneben gibt es auch Fachkräfte, die einem zeigen, wie es geht und wie man Fehler vermeidet. Da muss ich allerdings sagen, dass die Instruktoren bei Kieser höflicher sind als hier. Das ist der einzige Punkt, den man verbessern sollte.



    Ich muss nicht "gebeten" werden, in diesem Forum zu bleiben, schon gar nicht "händeringend". Ich bin gerne Mitglied in ihm und möchte es auch bleiben, so frustrierend diese Mitgliedschaft zuweilen auch ist, - angesichts der Null-Resonanz auf meine Beiträge. Aber eben deshalb ist es für mich so wichtig, auf der Grundlage der "Zugriffs"-Zahlen davon ausgehen zu können, dass es externe Leser gibt.

    Da unterscheiden wir uns. Für mich ist die Null-Resonanz der Taminos (nicht die Zugriffe aller) eine sehr angenehme Art, meine Beiträge zu schreiben.

    Ansonsten stimme ich Holger zu: es würde nicht funktionieren. Machen wir die Gegenprobe: würden wir ein Musikforum benutzen, bei dem eine Bezahlschranke besteht?

    Ich werde meinen Schreibtisch, wie bereits angekündigt, in abgespeckter Form weiter betreiben, besonders natürlich die Beiträge zur Alten Musik.

    Für diesen Schreibtisch möchte ich Alfred besonders danken.

    Mit 37.000 Zugriffen (nach 2 Jahren) zu Neujahr bin ich mehr als zufrieden. Das bedeutet nicht, dass ich im allgemeinen Programm nicht mehr schreiben werde, aber darin sind meine Interessen, aber eben auch meine Kenntnisse nicht immer ausreichend.

    Marcel Reich-Ranicki mochte Grass nicht, wie ich auch. Allerdings ein Buch mochte er; dieses war mir so lieb, dass ich es bisher 5x gelesen habe: "Das Treffen in Telgte". Das war ein Abbild der Gruppe 47, wobei man jedem aktuellen Schriftsteller einen aus dem Barock zuordnen konnte. Marcel Reich Ranicki war der einzige Kritiker der damaligen Zeit, der viel von klassischer Musik verstand. So war er der einzige Kritiker, der bemerkt hatte, dass die heimliche Hauptfigur des Buches Heinrich Schütz war, der in der Gruppe wie ein Patriarch auftrat. Er fand aber bei den Dichtern keine Texte zum Vertonen, sodass er wieder zur Bibel zurückkehrte. Grass und MRR waren ja nicht gerade Brüder, aber Grass erkannte an, dass MRR der einzige Kritiker war, der diesen zentralen Punkt verstanden hatte.

    Einen besonderen Reiz hatten die Ausgaben ab der 2. Auflage; sie enthielten 80 Gedichte der im Buch vorkommenden Dichter. Wenn man heute Telgte besucht, kann man an einem Rundgang teilnehmen oder selbst erkunden, welches die Schauplätze des Buches waren.

    Britten Hymn to Sta. Cecilia


    Ich wildere hier mal auf fremdem Territorium, obwohl dieser Chor in meinem "Chorbuch" noch nicht vertreten ist. Ich habe dieses Werk in drei verschiedenen Ensembles gesungen und brauchte auch heute nur 2 Proben, um es wieder zu können Meinem jetzigen Chor habe ich so lange in den Ohren gelegen, bis sie es singen wollten. Zum Glück wich dann das Gemeckere richtiger Begeisterung.

    Voces8 ist natürlich eine Referenz. Grandios die Variabilität in Lautstärke und Tempo, in der Zusammenklang sowieso.

    Jetzt kommt der Haken! Ich spreche dabei nur für mich. Im 3. Teil gibt es die Sequenz für Sopran "O dear white children...". Hier kann man zweierlei falsch machen. 1. Man engagiert eine auswärtige Sopranistin als Solistin. Aber die Soli sind alle aus dem Chor zu besetzen. 2. Man lässt dieses Solo in einer Art Opernarie singen, oder so wie hier, als Konzertarie. Richtig ist, so habe ich das gelernt, dass dieses Stück von einem Sopran mit mädchenhafter Stimme (allerdings einer sehr guten) gesungen werden muss. Der Text erfordert das ja schon. In meinem Ensemble hat das die 16jährige Tochter unserer Chorleiterin gesungen! Das habe ich immer noch im Ohr. Es gibt eine Parallele dazu im letzten Satz von Mahlers vierter Sinfonie. Dort heißt die Devise Helen Donath oder Ruth Ziesak und nicht Jessye Norman oder Elisabeth Schwarzkopf.


    The Barclay Brass - Schütz - Herr unser Herrscher (1619)


    Dieses Ensemble ist eines jener vielen Ensembles in den USA, meist an Universitäten beheimatet, die sehr kompetent Alte Musik spielen. Weiter oben habe ich die normale Version dieses Psalms vorgestellt, hier folgt die Fassung für Bläser.


    Die muss ich mir anschaffen, vielen Dank Fiesco. Ich kenne nur die alte Barenboim-Aufnahme, die nicht schlecht ist, aber von den Sängern sehr uneinheitlich. So passt Discher-Dieskau meiner Meinung nach nicht hinein, wobei ich finde, bei allen Meriten (!!!), dass Barock ihm nicht so lag (Bach etwa).

    Übrigens ist es erstaunlich, dass sich diese Oper noch auf den Spielplänen hält. Ich habe im Laufe der Zeit drei verschiedene Inszenierungen gesehen. Ansonsten denke ich, dass dieses Werk sich auch im Köchelverzeichnis gut machen würde.

    Was die Krawatte betrifft: in allen Vokalensembles und Chören, in denen ich gesungen habe, war es verpönt bzw. sogar nicht erlaubt, sowas zu tragen, weil es doch, vor allem falsch gebunden, die Stimme einschränkt. Was mich seit Jahren nervt, ist der Frack in den Orchestern. Die Frauen haben es da leichter. Witzigerweise haben viele Dirigenten ein Kleidungsstück, in dem ich auch singen könnte, so eine Art Jacke ohne Kragen, vorne mit einer Reihe von Knöpfen besetzt. Sehr schön sind die Musiker im Orfeo von Monteverdi mit dem Ensemble von Jordi Savall gekleidet, nämlich in der Tracht des 16. Jahrhunderts. Savall kommt zu Beginn als Monteverdi den Mittelgang entlang. Diese Aufnahme ist komplett bei YouTube zu sehen.

    Natur, Literatur und klassische Musik sah Schopenhauer als Gegengifte gegen die Leiden der Welt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und eine der drei Arzneien bekommen wir hier gratis! Allen alles Gute für 2022.

    Angesichts der hier waltenden Anerkennung der Janacekschen Musik, egal, in welcher Inszenierung, möchte ich euch die Opern empfehlen, die so gut wie nie hier vorkommen, die aber ihre eigenen Schönheiten haben. Das eine Werk: "die Ausflüge des Herrn Broucek". Da gibt es Aufnahmen auf tschechisch und die Neubearbeitung auf Deutsch von Karlheinz Gutheim mit einem grandiosen Sängerensemble (Fehenberger, Lipp, Wunderlich...). In der Szene auf dem Mond gibt es die schönsten Walzer in der Oper nach dem Rosenkavalier.

    Die zweite Oper ist "Osud" (Schicksal). Das ist das Werk zwischen Jenufa und Katja. Es ist ein Komponistenschicksal und erfordert einen absolut sattelfesten Tenor. In der letzten Zeit ist es meine Janaceksche Lieblingsoper.

    Ich möchte noch einen Disclaimer anfügen: Dieser Beitrag ist ein Beitrag von einem, der die Janaceksche Musik über alles liebt. Dies ist kein Beitrag eines "selbsternannten Janacek-Kenners".

    Es gab mal an der Rheinoper eine sehr schöne Inszenierung vom schlauen Füchslein ich kann mich noch an die Tierkostüme erinnern. Frau Dasch würde ich auch gern mal live erleben . Aber Berlin ist leider zu weit werg. Schade das man sich nicht wie bei Raumschiff Enterprise einfach direkt ins Opernhaus beamen lassen kann :)

    Diese Aufführung habe ich mindestens 5x gesehen. Trudeliese Schmidt, die so früh gestorben ist, als Füchslein! Absolut fantastisch die Tierkostüme, das Bühnenbild und die Lichtregie! Heinrich Wendel!! Damals spielte man Janacek noch nicht im Wohnklo oder Plattenbau.

    Ja, klar, so muss das klingen. Was meinst du mit "Fassung Voces8"?

    Obwohl vielleicht der "Messias" unter Karl Richter nicht doch viel besser war? 100 Instrumentalisten, 100 Chorsänger?:pfeif::stumm:

    Übrigens habe ich zu diesem Chor eine kleine Anekdote verfasst. Immer zu Weihnachten wurde zu Petuschki in Russland (nördlich von Moskau) zu Weihnachten der Messias aufgeführt. Immer wieder kam es vor, dass einige Chormitglieder in die Generalpause beim Hallelujah oder beim Schlusschor (Amen) hineinsangen. Im folgenden Jahr betrat der Dirigent mit einem in ein Tuch eingewickelten Gegenstand das Pult. Kurz vor dem Hallelujah wickelte er es aus. Es war eine Pistole. Das Hallelujah gelang unfallfrei, aber in die Generalpause des AMEN sang ein Tenor hinein. Der Maestro zückte die Pistole und erschoss ihn. Das Gericht verurteilte ihn zu lebenslang auf Bewährung, monierte nur nach dem Anschauen der Videoaufzeichnung, dass der Maestro eine ebenso falsch singende Sopranistin verschont hatte. Im nächsten Jahr: Messias. Der Schluss des Amen kam, und der Maestro zückte seine Waffe. Im selben Moment zückten alle Männer ebenfalls ihre mitgebrachten Pistolen. Der Gerichtsmediziner zählte 52 Einschüsse.

    Lieber Hans,

    das Duett des positiven Liebespaares in der Katja, Kudrjasch und Varvara, solltest du einmal hier ansehen. Musikalisch, sängerisch und schauspielerisch besonders schön. Dazu die fantastische Lichtregie. Es spielt auch an der Wolga und nicht in einem düsteren Plattenbau. Die Aufnahme ist aus Buenos Aires!






    Ich frage mich übrigens, wie die in Berlin die Szene mit dem Gewitter gemacht haben, bei dem Katja ja öffentlich ihren Ehebruch bekennt. Vielleicht der Herd in Flammen oder als absolutes Gegenteil totale Finsternis.

    Lieber Hans, die von dir genannte Aufnahme kenne ich nicht. Was Fiesco über die Mackerras-Aufnahme schreibt, unterschreibe ich. Sie ist tatsächlich besser als die, die ich genannt habe mit Elisabeth Söderström. Ob jetzt das tschechische Orchester besser ist als die Wiener Philharmoniker, kann ich nicht so recht beurteilen. Jedenfalls eine bestechende Aufnahme. Übrigens kann ich Stimmenliebhaber gut verstehen, ich habe für die Katja auch länger gebraucht als für die anderen. Es gibt tatsächlich Kompositionen (wie auch Bücher), in die man nicht "hineinkommt". Da ist Aufgeben dann die richtige Entscheidung.

    Übrigens noch ein Tipp: eine total unterschätzte und unbekannte Janacek-Oper ist "Osud" (Schicksal)

    Danke Orfeo für den freundlichen Hinweis. Termine im Kalender und Programmheft digital gesichert!

    Im Film "Blow Up" wird die Hauptrolle von David Hemmings gespielt. David Hemmings war als Knabensopran der Miles der Uraufführung von "The Turn of the Screw".

    Lieber Hans, ich habe gerade deinen Beitrag noch mal gelesen. Du hast das ja gut formuliert, dass die Regie den "Atem des Flusses" durchweg eliminiert hat. Dieser Atem ist aber durchgängig komponiert, schon in der Ouvertüre. Da muss ich dann leider doch sagen, dass dies ein schwerer handwerklicher Fehler ist.


    P.S. Zum Einhören in diese grandiose Musik empfehle ich die Aufnahme mit Elis. Söderström unter der Leitung von Charles Mackerras. Da gibt es ein booklet, in dem man den Text verfolgen kann. Ich halte übrigens die Masche, auf der ganzen Welt Janacek auf tschechisch zu singen, für verfehlt. Es ist zwar dann original, aber der Inhalt ist ja nicht gleichgültig. Außerdem wenden sich viele Tschechen mit Grausen ab, weil da oft eine Sprache gesungen wird, die sie so gar nicht verstehen.

    Das Schlußbild ist eigentlich das gelungenste: Katja, die Gift genommen hat, ist zu Boden gesunken. Links kauert ihr Mann, rechts ihr Liebhaber. Sie haben sie nicht im Leben halten können.

    Ich halte diese Lösung, nämlich Gift, für einen der kargen Inszenierung geschuldeten Ausweg, um nicht zu sagen, eine Masche. Ich schildere mal den originalen Schluss, wie er z.B. vor Jahren musterhaft in Münster ausgeführt wurde. Am Schluss steht Katja allein an der Wolga, sie lauscht den Vögeln und besingt die Blumen; das Orchester spielt liebevoll mit. Katja bewundert die Natur und bricht plötzlich aus "...und ich muss sterben!" Ausbruch auch im Orchester. Dies ist ein Punkt, wo die tschechische Sprache nicht die Dimensionen erreicht, die hier für Nichttschechen nötig sind. Dieses "Ich muss sterben" muss den Hörer sich am Sitz festkrallen lassen. So wurde in Münster auf deutsch, sogar mit deutschen Untertiteln, gesungen. Katja springt dann in die Wolga, Leute kommen und ziehen sie heraus. In Münster lag sie dann ganz nass auf dem Boden, das ist besser, ihren Tod zu begreifen als Gift. Der Tod in der Wolga ist meiner Meinung im Gesang der Katja und im Orchester mit komponiert und kann nicht durch einen Tod durch Gift in der Wohnküche ersetzt werden. Viele Regisseure wählen den Weg der Banalisierung der Janacekschen Opern, um sie für heute verständlich machen. Diese Banalisierung kollidiert so gut wie immer mit der Musik.

    Ganz am Schluss kommt die Kabanicha (Katjas Schwiegermutter) und schickt alle weg, da es hier nichts zu sehen gebe. Mich würde interessieren, ob dieser Schluss gestrichen wurde.


    Lieber Hans, ich hoffe, du empfindest meinen Beitrag nicht als Kritik an dir. Ich habe die "Katja" in vielen Inszenierungen gesehen und kenne natürlich auch die Musik sehr gut.