Beiträge von Dr. Pingel

    Haydn - 44 - Trauer - Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks


    Ich habe ja schon berichtet, dass ich im Zeitraum von 5 Jahren alle Haydn-Sinfonien gehört habe, die meisten von A. Hogwood. Ich freue mich, dass unser Zeus das jetzt auch macht (Motto: Zeus trifft Zeus). Der Zyklus der 40er-Sinfonien (Sturm-und-Drang) ist mir immer noch der gelungenste und 44 (Trauer) die liebste Sinfonie von Haydn überhaupt. Ich hoffe, dass ich so lange lebe, dieses Projekt noch einmal zu wiederholen.

    Das Bemerkenswerte an dieser Aufnahme ist, dass hier ein normales Orchester wie ein HIP-Orchester spielt. Die Zutaten: stark verkleinert, raschere Tempi, strenge Beachtung der Dynamik. besonders auffällig die pp-Stellen, und natürlich der Gestus des ganzen. Dafür steht natürlich der Dirigent, John E. Gardiner. Vor einiger Zeit hat der WDR einige HIP-Dirigenten verpflichtet, mit dem KRSO (WDR-Orchester) Alte Musik mit einem modernen Orchester zu spielen, was gut gelungen ist. Simon Rattle hat das in Luzern probiert und Jonathan Darlington in Duisburg; alles gelungene Aufnahmen. Das beweist für mich erneut, dass alle Aufführungen von Haydn mit großem Sinfonieorchester romantische Bearbeitungen sind, die durchaus ihre Meriten haben, aber eben doch Bearbeitungen sind.



    Hier kann man die Partitur mitlesen:


    Eine sehr gute Sache; ich mache das mit allem schon seit Jahren so. Besonders die Entsorgung von Büchern (Verschenken, Spenden, Papierkorb) ruft allerorts Kritik hervor: "Wo man Bücher verbrennt..." Autos, CDs, Videos, Bücher sind Gebrauchsgegenstände, Oldtimer und bibliophile Bücher sind ja auch nicht gemeint. Der Soziologe nennt dieses Verfahren übrigens "Reduktion von Komplexität". Jetzt kommt das Problem: Smartphone, TV, PC lassen sich damit kaum vereinbaren; hier ist die digitale Fresssucht das Problem, also das Gegenteil von Reduktion. Das heißt: wir wissen zuviel. Ich habe neulich ein hübsches Buch von Rolf Dobelli in die Hand bekommen (Titel vergessen), in dem er amüsiert berichtet, wie er keine Nachrichten mehr aufnimmt. In der Corona-Epidemie ist meine Tageszeitung sehr geschrumpft; Corona, Baerbock, Merkel, Wahlen, Fußball: wird alles überblättert. Im Fernsehen ist die Mute-Taste meine Wohlfühltaste. Auch die 2 Krimis pro Tag (dabei habe ich überhaupt keine kommerziellen Sender), lassen mich kalt. Witzig ist, wie die Abfragung unnützen Wissens (Quiz-Shows) hochgepusht wird mit orgiastischen Lichtshows und einlullender Musik. Besonders lächerlich ist der Fußball. Seit den Zeiten von "ran" besteht er aus drei Teilen: Hemmungsloses Gequatsche, Werbung und Spiele. Ich hatte früher einen Videorecorder, da habe ich das aufgenommen und mit Hilfe des schnellen Vorlaufs nur die Spiele gesehen.

    Bei der Musik gibt es ein elegantes Verfahren; bevor man eine CD/DVD kauft, sieht man sich Teile bei YT an!

    Meine neue Lieblingssängerin: Regula Mühlemann

    Cleopatra in Händels "Giulio Cesare"


    Regula Mühlemann ist eine Schönheit, wie sie der Cleopatra nachgesagt wird; singen kann sie bestimmt besser als Cleopatra.

    Es gibt eine (von mir schon bestellte) Audio-CD mit der Sängerin und ganz verschiedenen Barockkomponisten. Hier bei YT hat man den Vorteil, die Musiker auch zu sehen.


    "Wie einst im himmlischen Zion"


    Richtige Arien gibt es im "Palestrina" eigentlich nicht, es sind eher Solo-Szenen. Davon gibt wenige, die aber alle keinen Konzertschluss haben.

    Im dritten Akt ist die "Missa Papae Marcelli" dann mit Erfolg aufgeführt worden und Palestrina aus der Erzwingungshaft frei gekommen. Der Papst persönlich erscheint in Palestrinas Haus und singt diese wunderschöne kleine Szene, die mit dem Bass von Karl Ridderbusch adäquat besetzt ist (Gottlob Frick singt das auch sehr gut, aber die Aufnahmetechnik ist nicht zufriedenstellend).

    Diese Arie kann ich sogar "ohne alles" singen, allerdings bis auf den letzten Ton, der doch sehr tief ist.

    "Bis an dein Ende bleibe bei mir, Fürst der Musik aller Zeiten, dem Papste Diener und Sohn!"



    Die richtige "Missa Papae Marcelli" ist meine erste Bekanntschaft (durch Singen) von großer Polyphonie. Eine Messe, die mit den einzelnen Messteilen immer komplexer und klangschöner wird und mit dem 2. "Agnus Dei" einen Punkt erreicht, in dem man es bedauert, dass das Stück hier aufhört. Zum ersten Mal in meinem Chorleben fing ich an, auch lange Proben zu lieben, hier etwa fast 3 Stunden.

    "Ich kenne dich, Josquin, lass deine Hand..." Szene der Alten Meister - Pfitzner Palestrina


    Es mag jetzt ganz unwissenschaftlich sein, aber ich finde, dass in den großen mehrstimmigen Szenen der nachbarocken Oper die Polyphonie nachklingt. Der größte Meister dieser Ensembles war für mich Mozart. In allen drei da-Ponte-Opern finden sich die wundervollsten Szenen für Ensemble. Auch wenn ich manche Arien von Mozart nicht mehr so gerne höre, weil ich sie so oft gehört habe: die Ensembles sind immer frisch. Besonders bei der Gastmahlszene im Don Giovanni kann ich nicht begreifen, wie ein Mensch so etwas Grandioses komponieren kann. Allerdings braucht es auch drei Spitzenbässe, wie sie etwa Otto Klemperer hatte.

    Eine andere solche Szene findet sich in Pfitzners Palestrina. Die Kubelik-Aufnahme erschien 1973 als Platte und kostete 100 Mark. Dann endlich gab es die CD, nachdem ich für die Platten schon 300,-- ausgegeben hatte. Bis heute kann ich große Teile der Oper mitsingen.

    Im ersten Akt befiehlt der Kardinal Borromeo dem Komponisten Palestrina (von Nicolai Gedda gesungen), eine Mustermesse zu schreiben, die sowohl dem kirchlichen Gebrauch (fromm und textverständlich) als auch der modernen Musik der Polyphonie verpflichtet ist, damit die Kirchenmusik nicht zur Gregorianik zurück muss. Als Palestrina sich weigert, weil er vor allem nach dem Tod seiner Frau Lucrezia jeden Lebensmut verloren hat, wird er vom Kardinal bedroht. Allein klagt er seine Not und Einsamkeit, als der Reihe nach neun verstorbene Meister der Musik erscheinen, wie etwa Josquin und Heinrich Isaac ("tedesc' Enrico nannt' ich dich so gern"). Sie trösten ihn, aber weisen ihn darauf hin, dass er als Musiker seine Pflicht tun muss und sein Werk vollenden ("dein Erdenpensum ist noch nicht getan").

    Für diese Szene und den 2. Akt braucht man einige hochkarätige Tenöre, besonders aber Baritone und Bässe.



    Bei Kubelik trifft sich hier eine ganze prominente Sängerriege: John van Kesteren, Friedrich Lenz und Adalbert Kraus (Tenor),

    Gerd Nienstedt, Theodor Nicolai (Bariton), Franz Mazura, Peter Meven, Victor von Halem und Karl Ridderbusch (Bass). Im 2. Akt, dem Konzilsakt, kommen noch weitere hinzu, wie etwa Hermann Prey.

    60. Bartoks Blaubart gegen Schönbergs Erwartung: Endstand 2:0


    Vor zwei Jahren gab es in der Essener Philharmonie einen konzertanten Opern-Doppelabend. Zuerst "Herzog Blaubarts Burg" von Bartok, dann Pause, dann Schönberg. Schon vor der Pause war mir klar, dass ich nach dem Blaubart keinen Schönberg hören kann. Draußen standen ein paar Orchestermusiker und rauchten. Ich fragte sie scheinheilig, wer denn für die Reihenfolge im Programm zuständig sei. Sie lachten sehr und meinten: der Intendant. Konzerte werden in Essen zwei Mal gespielt, also ging ich auch am nächsten Tag in die Philharmonie und nur zu Bartok. Diesmal saß ich rechts vorne im Rang, direkt über Blech und Pauke, damit ich auch die 5. Tür mal hautnah erleben konnte. Und die Essener ließen sich nicht lumpen.

    Ansonsten war es wie immer: Orchester grandios, Sopran gut (Deirdre Angenent, eine ganz junge Sängerin), ein Bariton war auch da, ich habe den Namen vergessen.

    Kurkow (8)

    Graue Bienen


    In der Ostukraine ist Krieg seit 2014. Ukrainische Soldaten und Freiwillige kämpfen gegen prorussische Milizen im Donbass (Ostukraine), die sich Russland anschließen möchten und die von Russland unterstützt werden. Bisher fielen 13.000 Menschen.

    Der Bienenzüchter Sergej lebt in diesem Grenzgebiet; in seinem Dorf ist er neben einem Nachbarn der einzige Mensch. Er versucht, sich rauszuhalten und ist nur für seine Bienen da. Im Frühjahr bricht er nach Westen auf, damit seine Bienen woanders Nektar sammeln können. Nach einem Zwischenaufenthalt in einem ukrainischen Dorf bricht er weiter nach Westen auf; seine Bienenstöcke transportiert in einem Anhänger. Er kommt in die Krim, wo er einen Freund hat, der auch Bienenzüchter ist. Er trifft ihn aber nicht an, nur seine Frau, dazu Sohn und Tochter. Krimtataren und Russen sind Feinde und reden nicht miteinander. Schließlich hat Russland ja die Krim annektiert (inzwischen gibt es eine Brücke zum Festland. Bei der EM ab Juni tragen die ukrainischen Spieler eine stilisierte Landkarte auf dem Trikot, das auch die Krim enthält). Es stellt sich heraus, dass die Russen seinen Bienenfreund ermordet haben. Auch der Sohn hat die Wahl zwischen Gefängnis und Wehrdienst. Sergej würde gerne bleiben, weil es seinen Bienen hier auch gut geht. Aber er hat nur ein Visum für 90 Tage. Er nimmt die Tochter der Familie mit in die Ukraine und setzt sie in einen Zug. Seine Exfrau (und Tochter) wird sich um sie kümmern. Er selbst kehrt in sein zerschossenes Dorf zurück: die Kohlen für den Winter werden nur für den geliefert, der zu Hause ist.

    Graue Bienen ist eine Metapher für die grauen Menschen. Auf der Krim sind sie fleißig und nicht mehr grau. Aber Sergej muss in den Donbass zurück.

    59. Löwen und Löwenpädagogik (heißt es jetzt 'Löw*innenpädagogik'?)


    Ein Löwenwitz. Mann 1: "Did you know that lions have 22 time sex in a day?" Mann 2: "Damn, I just joined Rotary!"

    Löwenpädagogik (dass die stimmt, weiß ich aus langen Praxisjahren): Schüler lernen und existieren wie Löwen: 22 Stunden dösen und 2 Stunden in Panik.

    Kurkow (4)

    Herbstfeuer


    Es handelt sich um acht Kurzgeschichten, eine literarische Form, die Kurkow auch beherrscht: "Poetisches, Humorvolles und Skurriles aus der Ukraine - vor und nach der 'orangen Revolution' (Kritik).


    Kurkow (5)

    Die letzte Liebe des Präsidenten


    Macht macht einsam, das merkt der Präsident der Ukraine 2013. Auch, dass er wegen Intrigen und Korruption niemandem mehr vertrauen kann. Er hat eine Herztransplantation hinter sich, man hat versucht, ihn zu vergiften. Doch da taucht eine unerfüllte alte Liebe aus vergangener Zeit auf - und alles ändert sich.


    Kurkow (6)

    Ein Freund des Verblichenen


    Tolja findet das Leben nicht mehr lebenswert, denn seine Frau betrügt ihn. Er will sich umbringen, aber ist zu feige dazu. Er fragt einen alten Kumpel nach einem Killer, der aber weder die Frau noch deren neuen Liebhaber töten soll, sondern ihn selbst. Da lernt er Lena kennen und hat plötzlich keine Lust mehr zu sterben. Aber der Killer ist schon unterwegs...


    Kurkow (7)

    Petrowitsch


    Der junge Geschichtslehrer Kolja aus Kiew macht sich auf die Suche nach den geheimen Tagebüchern des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko. Er gelangt in die kasachische Wüste, wo er von einem alten Kasachen und dessen beiden Töchtern gerettet wird, die auch in seinem weiteren Leben eine wichtige Rolle spielen werden...

    Kurkow (1)


    Andrej Kurkow wurde in St. Petersburg (1961) geboren und lebt schon lange in Kiew. Er hatte einige Berufe, z.B. Gefängniswärter. Er beherrscht 11 Sprachen.

    Zur Charakterisierung zitiere ich Wikipedia: Seine Romane zeichnen sich durch einen scharfen, ironischen Blick auf das postsowjetische Leben aus. Trotz abstruser oder surrealer Elemente in seinen Geschichten verliert er nie den ernsthaften und liebevollen Blick auf seine Figuren.

    Hiermit erfüllt Kurkow meine Vorlieben für gut erzählte Romane und Kurzgeschichten, deren Credo Somerset Maugham so formuliert hat (eigene Übersetzung): Für mich muss eine Geschichte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Ich habe eine Vorliebe für pointierte Szenen, ich denke, auch Atmosphäre ist wichtig. Aber nur Atmosphäre ist wie ein Rahmen, in dem sich kein Bild befindet; es ist ohne Bedeutung.

    Diese Richtlinien verfolgt Somerset Maugham selber, weswegen er zu meinen Lieblingsautoren gehört, die im englischen Teil noch erscheinen werden. Ein anderer Schriftsteller, von dem ich fast alles gelesen habe, sind die Richter-Di-Romane von Robert van Gulik.

    Nun gehört auch Kurkow in diese Reihe. Ich erwähne hier nur die Bücher, die ich gelesen habe, das sind aber die meisten.

    Der Text ist meist aus den Verlagsankündigungen genommen, denn hier geht es ja nicht um ausführliche Inhaltserzählungen, sondern um Kostproben, die das Selberlesen bewirken sollen.


    Kurkow (2)

    Picknick auf dem Eis


    Dieses Buch machte Kukow bekannt in der ganzen Literaturwelt.

    Viktor lebt ohne Geld und Freunde in Kiew; einen Freund hat er doch, den Pinguin Mischa. Viktor schreibt Romane für die Schublade, bekommt aber dann den Auftrag für ganz andere Texte. Das sind Nekrologe über berühmte Leute . Dummerweise leben von denen eine ganze Reihe noch, was dann aber seltsamerweise nicht lange so bleibt.

    Nebenbei: was mir bei diesen Büchern wie auch schon früher bei den russischen Klassikern aufgefallen ist, wie die russische Kälte direkt aus den Seiten aufsteigt, was uns zum 2. Titel bringt.


    Kurkow (3)

    Pinguine frieren nicht


    Vor der Mafia hat sich Viktor in eine Polarstation der Antarktis geflüchtet. Er freundet sich mit einem Bankier an, der aber stirbt und ihm ein beträchtliches Erbe vermacht. Also fliegt er zurück nach Kiew und macht sich auf die Suche nach seinem verlorenen Pinguin.


    Tja, lieber Alfred, dann musst du doch die von dir verfasste 10. veröffentlichen. Zum Konzert in Wien würdest du dann alle Taminos, die Lust haben, nach Wien einladen (wobei dies Fahrt, Wohnen und Verpflegung mit einschließen sollte).

    Die Geschichte der Vertonung der 10. von Alfred findet sich in meinem Schreibtisch, Thema "Dr. Pingel´s Schreibtisch - nur echt mit dem falschen Apostroph", Beitrag #16).


    Direktlink zum Beitrag:


    Dr. Pingel´s Schreibtisch - nur echt mit dem falschen Apostroph

    Das Nest beschmutzt mich


    war sinngemäß die Meinung von Karl Kraus. Daran fühle ich mich oft erinnert, wenn ich Sahra Wagenknecht in Talk Shows oder bei YouTube erlebe.

    Vorweg möchte ich nur daran erinnern, dass dies eine Buchvorstellung ist, analog zu der von Barack Obama. Eine Diskussion oder politische Debatte ist hier damit nicht verbunden.

    Obwohl ich Politiklehrer war, habe ich nicht viele politische Bücher gelesen, schon gar keine von gerade agierenden oder pensionierten Politikern, Phrasen dreschen konnte man selber. Auf dieses Buch bin ich aufmerksam geworden, weil Sahra Wagenknecht in einer Talk Show dazu befragt wurde. Nun muss man ja sagen, dass die meisten Politiker nicht reden können, obwohl man da mehr trainieren könnte. Da ist Sahra Wagenknecht die Ausnahme. Sie ist klug und kann brillant formulieren. Ich würde als normaler Politiker in keine Talk Show gehen, in der sie auch auftritt.

    Ich bin ihr einmal begegnet, sie stieg am Düsseldorfer Flughafen in eine Regionalbahn nach Düsseldorf. Ich habe natürlich sofort entschieden, sie nicht anzusprechen. Beim Aussteigen habe ich sie angegrinst, sie hat zurückgegrinst und sah dabei noch besser aus als man von Politikerinnen erwarten darf.

    Wenn man einen Schluss zieht aus allen Kommentaren von Lesern und Zuhörern im Internet, wünschen sich sehr viele Menschen sie als Bundeskanzlerin in eigener Partei, möglichst aber in Direktwahl.

    Diese Frau ist wirklich klug, sie hat einen realen Doktor im Bereich Volkswirtschaft, in der ihr unsere "schwäbische Hausfrau" das Wasser nicht reichen kann.

    In seiner letzten Sendung "Druckfrisch" wertete Denis Schenck ihr Buch als gelungene politische Satire. Da kann er von dem Buch so gut wie nichts gelesen haben, denn es ist eine absolut verständliche wissenschaftliche Darstellung in nicht abgehobener Sprache.

    In einer Dokumentation wurde ihr Leben beleuchtet. Sie las gern, vor allem Goethe. Sie hat auch eine SED-Vergangenheit.

    Inzwischen steht sie aber auch kritisch zu ihrer Partei, die es wohl begrüßt hat, dass sie als Fraktionsvorsitzende zurücktrat, um "mehr Bücher zu schreiben". Dennoch ist sie auf der Landesliste NRW für die Bundestagswahl an Nr.1.

    Ihr neues Buch beschäftigt sich vor allem mit Integration, Gender, Sozialstaat. In die "Selbstgerechten" kritisiert sie das linksgrüne urbane Milieu, das eine Politik betreibt, in der die untere Hälfte praktisch nicht vorkommt. Die wählen dann die AfD. Allerdings hat diese Partei in Sachsen-Anhalt Verluste erfahren; die Linke ist regelrecht abgestürzt.

    Nicht schlecht habe ich gestaunt, als sie als eines ihrer Vorbilder - Ludwig Erhard bezeichnet. Dessen Leitspruch "Wohlstand für alle" möchte sie wieder ins Zentrum der Politik rücken.

    Ich verzichte hier auf die Zitate, möchte aber ein flüssig geschriebenes, gut verständliches Sachbuch empfehlen.


    Gilles Binchois: Triste plaisir et douloureuse joye


    In den 70ern gründete mein Kantor eine evangelische Schola, die Gregorianik und frühe Mehrstimmigkeit sang, daher ist mir diese Literatur ein wenig vertraut.

    Die wichtigsten Komponisten dieser Zeit sind Machaut, Perotinus, Dunstable, Tinctoris, Dufay und Gilles Binchois. Es ist definitiv keine Polyphonie, aber diese Rubrik passt noch am besten. Binchois und Dufay kannten sich übrigens, es gibt ein Bild, das beide zeigt (sicher keine Porträts). Johannes Ockeghem schrieb beim Tode von Binchois ein "Tombeau" : "déploration sur la mort de Binchois"(über tombeaux gibt es im Hauptteil eine Seite von mir).

    Binchois lebte von 1400 (Mons in Belgien) bis ca. 1460 (Diözese Cambrai). 1427 gelangte er in die Hofkapelle des burgundischen Königs Philipps des Guten. Neben geistlicher Musik schrieb er viele chansons (mit den modernen Chansons - Piaf, Brel usw. - haben die nichts zu tun). Das bekannteste ist dieses: "Triste plaisir et douloureuse joy". Wenn mich meine spärlichen Kenntnisse des Altfranzösischen nicht im Stich lassen, geht es hier um die Antagonismen (oder Antinomien) des Liebeslebens: "aspre douceur" (bittere Süße), "ris en plorant" (weinendes Lachen), "desconfort ennuieux".

    Bei YouTube finden sich viele Aufnahmen, die schönste habe ich ausgewählt. Drei Frauen (eine Sängerin, zwei Streicherinnen) musizieren klangschön und subtil.


    Der Raub der Sabiner*innen


    Einer der Highlights in meinem Wiener Semester war der "Raub der Sabinerinnen" der Brüder Schönthan. Es war eine Produktion des Josefstädter-Theaters, auch wenn es dort nicht gespielt wurde.

    Das Josefstädter Theater! Nestroy! Tolle Schauspieler auch in den Nebenrollen, in den Hauptrollen sowieso: Josef Meinrad, Helmut Lohner...

    Und dann der überragende Theaterabend: Nestroys Lumpazivagabundus mit Helmut Qualtinger, Kurt Sowinetz und Alfred Böhm (für begabte Alfrede war Wien offensichtlich immer schon ein hervorragende Pflaster!).

    Schon das Ambiente: vorne ein Orchester, dann schwebte der Kronleuchter hoch und es ging los. Im Theater wurde sehr auf Etikette geachtet. Ich saß eines Tages ziemlich weit hinten und las bis zu Beginn des Stückes eine Zeitung. Ein Beschließer kam und meinte, das sei ein unschickliches Verhalten für dieses Theater. Ich wusste sofort, dass er Recht hatte und packte die Zeitung weg; auch in Zukunft habe ich das unterlassen.

    Der Raub der Sabinerinnen war ein Schwank erster Güte mit überragenden Schauspielern wie Ernst Waldbrunn und Fritz Muliar.

    Man hatte alles sehr sorgfältig einstudiert, jede Geste saß. Auch einige turbulente Szenen waren dabei. Das Publikum, ich inklusive, lachte Tränen. In der DVD kamen allerdings jetzt auch besinnliche Szenen zum Vorschein, auf die ich vorher nicht geachtet hatte.

    Fazit: ich werde nach weiteren Hoanzl-Produktionen fahnden und dann hier berichten.

    Du liebe Zeit, muss man dem zugegeben flapsigen Spruch "an die Wand singen" ein solches Meisterwerk an Interpretation zukommen lassen? Ich komme mir sowieso hier vor wie ein Radfahrer, der auf einem Hollandrad die Tour de France mitfährt.

    Meine kritische Einstellung zum 4. Satz der 9. hat sich etwas gewandelt. Als Komposition ist es doch ein großer Geniestreich, der große Chor gefällt halt vielen; ich würde gerne mal ein Experiment hören, das ihn durch ein kleineres Orchester oder Bläser ersetzt. Mit dem Solistenquartett kann ich mich allerdings nicht anfreunden, wobei Gundula Janowitz wenigstens sängerisch das beste draus macht. Mit der Wand meinte ich die anderen Solisten. Welche Aufnahme das ist, werde ich noch heraussuchen.

    Der Hirtenjunge Jano mit Gundula Janowitz: das kann sehr gut die lebendige Gestaltung der Vergangenheit sein:pfeif:. Bevor ich jetzt behaupte, es war Lucia Popp, versuche ich, das Programm zu finden!

    Ich denke oft an mein Wiener Semester in den 60ern zurück. Die erste Rolle, die ich von Gundula Janowitz gesehen habe, war der Hirtenjunge Yano in der Jenufa. Da merkte man schon, welch eine Qualität ihre Stimme hatte.

    Zum anderen habe ich die Karajan-Aufnahme der 9., da singt sie Sopran und alle an die Wand!

    57. Das Wandern ist des Lehrers Last


    1. In der Oberstufe: Lehrer und Eltern vermuten immer zu viel Luxus. In den 50ern haben wir in Klasse 13 eine Reise nach Frankreich (Bus mit Fahrer und Kochfrau, dazu Zelte) bis hinunter zu Cote d´Azur gemacht, was bei uns große Freude und bei anderen große Skepsis hinterließ. Heute gibt es weite Reisen, bei denen man manchmal meint, dass sie von der Alkoholindustrie gesponsort werden. Dabei gilt: "Früher konnten die Mädchen kochen wie ihre Mütter, heute können sie saufen wie ihre Väter." Es gibt aber auch andere Fahrten. Die Abschlussfahrt meines und meines Kollegen bei den SOWI-Leistungskursen ging nach Berlin. ICE hin und zurück, Besichtigung des Bundestages, Besuch des ehemaligen KZs Oranienburg, ein schönes Jugendhotel. Alle waren 18, wir also von der Aufsichtspflicht befreit. Hinterher stellte sich heraus, dass alle alkoholmäßig sehr diszipliniert waren und dass alle von Berlin mehr gesehen hatten als ihre beiden Lehrer.


    2. Mittelstufe: Sie kannten kein Gesetz.

    In der Mittelstufe fällt das alles weg. 24 Stunden Lärm, also auch nachts, Verweigerung von Aktivitäten, Alkohol, nächtliche Besuche in diversen Zimmern und...

    Die erste Mittelstufenfahrt war auch meine letzte.


    58. Das Wandern ist des Lehrers Lust


    In der Unterstufe (Klasse 6) kann eine Wanderfahrt viel Spaß bereiten, vorausgesetzt, man ist aktiv, was auch für die Lehrer gilt. Fußball und Schwimmen treibt man gemeinsam, auch wenn der Lehrer der schlechteste Schwimmer ist; nur für Fußball galt das nicht, wobei Fußball für das Renommé bei den Jungs unverzichtbar ist.

    Wesselburen (Dithmarschen, Geburtsort von Friedrich Hebbel; im Museum war ich natürlich allein). Ein Pferdehof mit Reitunterricht für alle, bis hin zum Galopp. Auch hier war der Lehrer der schlechteste Reiter. Dazu dann mit Katzen und Hunden schmusende Jungs (!!), Wattwanderung, abendliches Vorlesen im Heu. Anfahrt mit der Bahn.


    Bei einem Aufenthalt in Süddeutschland (Franken) gab es auch eine Busfahrt durch das Maintal. Mittagspause sollte in Amorbach sein. Als der Bus die Höhe erklommen hatte und nach Amorbach noch 5 km zu absolvieren waren, hielt ich den Bus an und machte Freiwilligen ein Angebot: Wandern nach Amorbach nach Wanderkarte (1: 25.000 mit Wanderwegen); dabei ein wenig Einübung in das Lesen von Wanderkarten und Vergleich von Karte und Gebiet. Dazu ging der Weg an einem Bach lang, sodass auch Wasserfreuden zu erwarten waren. Grundsätzlich galten auch hier die Regeln, die die Kinder aber von mir schon kannten: keine Zerstörung etwa von Ameisenhaufen, auch Käfer waren tabu (nur Mücken waren erlaubt). Verboten war auch das Abreißen von Ästen (es lagen genug herum) und Pflanzen und das Pflücken von Blumen.

    In Amorbach gab es viel zu erzählen...

    56. Lechts und Rinks


    Kann man leicht verwechseln, vor allem, wenn man ein kleines Kind ist. Wenn man heute die Fahrradwelt sieht, staunt man, was es da alles gibt. Wir waren schlechter dran: selber strampeln, schwere Räder (die sonst tollen Hollandräder); dann der Stolz der Männer, sich beim Auf- und Absteigen elegant auf den Sattel zu wuchten, aber auch die Qual, selber den Schlauch zu flicken oder der ständige Ärger mit dem Rücklicht, das dauernd defekt war.

    Eine Sache war besser. Man konnte auf dem Männerquerständer einen Kindersitz deponieren, dazu ein Kind, nicht angeschnallt und ohne Helm. Aber das Kind hatte eine tolle Aussicht. Heute sitzen sie hinter mehr oder weniger wuchtigen Mamas und Papas und können den Rausch der Geschwindigkeit nicht ermessen und sehen können sie auch nichts.

    Da war die Kleine von meinen Freunden mit mir besser dran. Bei den vielen Radausflügen mit ihr feuerte sie mich ständig an, schneller zu fahren. Einen Nebeneffekt gab es, der dem Kind ganz früh eingab, was rechts und links ist. Rechts: Bremse, links: Klingel. Das funktionierte auch ohne Fahrrad! Im Zweifelsfall fragte man einfach: Bremse oder Klingel?

    Lieber Alfred, für mich ist ja Hogwood das Maß aller Dinge, allein schon wegen der Instrumente! Es kann aber sein, dass diese Aufnahme vergriffen ist. Man kriegt aber einzelne noch. Vor allem ist 1-88 komplett. Danach gibt es Einzelaufnahmen von Bruno Weil, dem Freiburger Barockorchester, Cappella Coloniensis usw.

    Ich muss ehrlich sagen, dass die Haydn-Sinfonien mit modernen Instrumenten, großer Besetzung und renommierten Dirigenten bei mir den gleichen Status haben wie die Matthäuspassion von Karl Richter.

    Orfeo - La musica - Prolog - Hana Blazikova mit eigener Harfe


    Dirigent: John Eliot Gardiner

    Dieser Orfeo ist halbszenisch, kommt aber in der überragenden Qualität des "Orfeo" von Jordi Savall gleich.

    Beim letzten Live-Konzert in Duisburg hat Hana Blazikova auch bei einigen Stücken sicvh selbst aus der Harfe begleitet.


    55. "Wichtig is aufm Platz..."


    Diesen Satz hat Fußball-Legende Addi Preißler wirklich gesagt, es gibt ein Video davon. Dieser Satz ist auch im Konzertleben gültig!

    In meiner früheren Schule spielte ich in unserer Lehrerfußballmannschaft und wir gewannen fast immer, solange wir noch in der Entwicklung waren und noch keine großen Schüler hatten. Zur Not wusste dann auch der Hausmeister, der Schiedsrichter war, auf welcher Seite er zu pfeifen hatte. Später spielten dann die großen Jungs in Kreis- und Bezirksliga-Vereinen, da sahen wir alt aus.

    Bei einem großen Schulfest spielte unsere Lehrermannschaft gegen Alt-Stars. Ich spielte gegen Addi Preißler, der doppelt so alt wie ich war. Nein, ich spielte nicht gegen Preißler. Ich spielte überhaupt nicht, obwohl ich auf dem Platz stand. Ich zog mich dann in die Abwehr zurück, wo wir natürlich auch keine Chance hatten. Aber am Schluss war Addi Preißler sehr nett zu mir und wir haben uns fröhlich lachend verabschiedet. Leider habe ich versäumt, ihn um ein Autogramm zu bitten.

    hatte ich ja begonnen alle Haydn Sinfonien zu hören und hier in diesen Threads zu berichten - aber irgendwie kam das Projekt mit Nr 21 oder 22 (?) zum erliegen....

    Ich werde mich bemühen es fortzusetzen.


    mfg aus Wien

    Alfred

    Mach das unbedingt! Ich habe das ja vor Jahren gemacht, es hat 5 Jahre gedauert; ich habe jede Sinfonie mindestens 10-20x gehört, bis ich sie "konnte". Dann habe ich mich wahnsinnig auf die nächste gefreut. Dabei habe ich entdeckt, wie innovativ alle diese Sinfonien sind. Die Sturm-und-Drang-Sinfonien (40er) liebe ich am meisten. Die späten englischen Sinfonien schätze ich nicht so sehr, weil Haydn hier schon zu sehr auf den Publikumsgeschmack rekurriert. Ist eigentlich nur meine Meinung, aber die beruht auf dem Vergleich mit den Schätzen der früheren Sinfonien. Schon 6-8 (die Tageszeiten) sind sensationell.

    P.S. 22 (der Philosoph) ist absolut grandios!

    Ich kannte vor langen Zeiten nur den vierten Satz. Dann habe ich vor 10 Jahren mir die Hogwood-Gesamtausgabe angeschafft und die Sinfonien penibel nach Nummern gehört, ohne die historische Reihenfolge übernehmen. Bei einer Neuauflage werde ich es aber so halten. Dieses thread hier regt mich dazu an, die Gesamtausgabe mal wieder anzugehen.

    Was sich beim Hören herausstellte, war, dass mir die 40er die liebsten waren. 43, dann 44 (Trauer), eine meiner liebsten Sinfonien überhaupt. Dann kam 45 und ich war völlig überrascht, wie kühn und revolutionär diese Sinfonie war. Aber 48 und 49 ebenso!

    Ich teile die Ansicht der Kollegen (Don Gaiferos!) hier, dass es sich bei 45 nicht um eine Tändelei handelt (so wie Mozarts Dorfmusikantensextett, das aber trotzdem auch gewitzt geschrieben ist).

    Johann David Heinichen

    Neue erfundene und gründliche Anweisung wie ein Music-Liebender auff gewisse vortheilhafftige Arth könne zur vollkommener Erlernung des Generalbasses..., was wir aber doch nicht wollen.


    Heinichen war nicht nur Komponist, sondern auch ein einflussreicher Musiktheoretiker.

    Viele, auch unter den Taminos lassen die Sinfonie mit Haydn (vielleicht schon früher J.C.Bach) und Mozart beginnen. Aber schon in der Barockzeit gibt es unzählige Sinfonien, sie hießen nur nicht so, sondern Concerto oder Ouvertüre. Der bedeutendste Komponist dieser Gattung war Telemann, aber auch Fasch, J.K.F. Fischer, Fux und weitere gehörten dazu. Ich bin auf diese Musik gekommen, indem ich alle Telemann-Ouvertüren, die ich kriegen konnte, aufgenommen habe, und zwar als Aufnahmen der Cappella Coloniensis, die für diese Musik das führende Ensemble war. Diese Musik ist besonders gut zu hören, weil sie eingängig und lebendig ist.

    Heinichen lebte von 1683 bis 1729 und war überwiegend in Dresden tätig. Seine Grandi Concerti sind in Dresden entstanden, sie weisen eine Nähe zu Telemann auf, u.a. weil er in dem von Telemann geleiteten Collegium musicum mitspielte (das war noch vor Dresden in Leipzig).

    Gustav Seibel hat seine Werke versammelt und sie in eine Ordnung gebracht. Unser Musikstück ist Seibel 240 und besteht nur aus einem Satz, der aber besonders schön ist. Auf meinem vorigen Handy bildete er den Klingelton.