Beiträge von Dr. Pingel

    Chambord


    Ich war zwei Mal in meinem Leben in Chambord. Beim ersten Mal konnte ich das Schloss noch gar nicht richtig sehen, als ich auf den Parkplatz fuhr. Dann aber! Ich dachte sofort: hat das Walt Disney erbaut? Innen sind besonders bemerkenswert die doppelten Treppen, wie es sie auch auf Blois gibt. Bei diesen Treppen oder bei der Gesamtplanung soll Leonardo da Vinci beteiligt gewesen sein; er starb aber vor Baubeginn. Franz I., der frz. König, regierte nun in Paris und hier.

    Heute (11.4.) gab es eine ausführliche Sendung über das Schloss und seine Geschichte, dazu eine ganze Reihe von Außen-und Innenaufnahmen, z.T. auch beleuchtet. Da zu gab es eine musikalische Zeitreise, in der fast alle französischen Komponisten vorkamen. Die wurden dann auch gründlich (also keine Häppchen-Klassik) vorgestellt von "Les Talens Lyriques" unter Chr. Rousset. Hier fand ich bestätigt, dass der Höhepunkt französischer Musik im Barock zu finden ist (Campra, Lully, Rameau). Bei den Sängern fiel mir auf, dass französische Sänger auch in der Alten Musik mehr Wert auf Kraft und Dramatik legen als auf Schöngesang. Das ist aber zunächst nur eine Vermutung.

    Wie hat Schütz komponiert?


    Bei YouTube findet sich diese kurze, aber inhaltsreiche Erörterung von Schützens Stellung in der Musikgeschichte. Schön illustriert, einfach, aber genau erklärt und Einspielungen der Zeitgenossen und Schütz' selber in qualifizierten Aufnahmen von Ensembles, die Alte Musik spielen. Für mich ist wichtig, dass diese kleine Sendung das hervorhebt, was ich den "Gabrieli-Faktor" nenne, also die prachtvolle, nicht die karge Art, diese Konzerte zu spielen.





    Als Beispiel mag der vorhergehende Eintrag dienen.

    Der Chor aller Chöre - Ruhet wohl


    Natürlich gibt es das nicht, den Chor aller Chöre. Aber fragt man Chorsänger, dann ist "Ruhet wohl" immer dabei. Und jeder sagt, dass er sich sehr zusammennehmen muss, um nicht in Tränen auszubrechen.

    Offensichtlich berühren Text und Musik ein tiefes Verständnis der Ruhe und des Trostes, aber ein Hauch des vergangenen Leidens, eine Melancholie ist auch dabei. Ich habe eine Vermutung, dass Bach selbst sehr gut wusste, was seine besten Chöre waren. Man ahnt es an der Länge, auch in der Matthäuspassion

    Den Chor habe ich nicht nach musikalischen Gesichtspunkten aus gewählt, obwohl hier nichts zu kritisieren ist. Aber die schwarz-gekleideten Jugendlichen, die da mit Ernst und Ergriffenheit musizieren, dazu in einer entsprechenden Haltung,

    das ergreift uns und "bringt auch uns zur Ruh"!


    Porpora - Polifemo (1735) - Alto Giove - Giuseppina Bridelli - Le Concert de L´Hostel Dieu (Lyon)


    Die Überschrift enthält fünf Elemente, die ich vorher kaum kannte. Porpora kannte ich dem Namen nach, die Sage mit Polyphem kennt man aus der Odysseus-Sage (am Rande: bei einer Ansage über Odysseus wurde auch die Polyphem-Geschichte erläutert. Da sagte die Sprecherin: ...der ungeschlachtete Riese..."). Die Mezzo-Sopranistin Giuseppina Bridelli ist großartig, auch wenn der Hall etwas zu stark ist. Es gibt sehr viele Einspielungen auf YouTube, etwa mit Jaroussky, der aber in diesem Fall eine etwas zu "dünne" Stimme hat. Auch das kleine Orchester ist vorzüglich, im Vergleich zu anderen Aufnahmen tritt hier die Theorbe stärker hervor.

    In der Oper "Polifemo" verbindet der Autor Paul Rolli zwei Sagen, einmal die Ermordung von Acis (des Geliebten von Galatea) durch Polifem, zum anderen die Blendung Polyphems durch Odysseus.

    Die Oper war auch Zankapfel zwischen Händels Operntruppe und einer neuen, The Opera of the Nobility. Zu dieser Truppe waren die beiden Kastraten-Superstars gewechselt, Senesino und Farinelli, und noch ein paar andere, sodass Händel anfing, Oratorien zu schreiben.



    Polifemo hat Acis mit einem Fels getötet. Aus diesem Fels erweckt Giove Acis zu neuem Leben. Die Dankbarkeit von Acis und Galatea findet sich in der Arie "Alto Giove".

    Der zeitgenössische Musikkritiker Charles Burney lobte diese Arie, war aber sonst mit der Oper nicht zufrieden.

    Das Werk wurde aufgeführt 2013 im Theater an der Wien (jüngst auch wieder aufgefallen durch Rameaus "Platée); eine halbszenische Darbietung gab es 2019 in Salzburg.

    Va tacito - Händel - Julius Cäsar


    Meine Lieblingsarie von Händel - das kann ich kaum behaupten, denn ich habe eine ganze Reihe davon. Bei YouTube gibt es eine reiche Auswahl, mit am besten ist Andreas Scholl.


    Wie die Gewichte verteilt sind, sieht man daran, dass der "Industriefußball" stattfinden darf, Oper und Konzert aber nicht.

    Das Problem ist eher, dass die klassikaffinen und zahlungskräftigen Eliten wegbrechen bzw. bereits weggebrochen sind. Elite definiert sich heutzutage längst anders. Da ist es nicht mehr zwingend notwendig, ein Interesse für Klassik zumindest vorzugaukeln.

    Die Eliten haben in der Tat andere Interessen. Hier in Mülheim (Helge Schneiders Heimat) hat man die Gehälter der Stadtspitzen veröffentlicht, das sind die Leiter der aus dem städtischen Haushalt ausgegliederte Betriebe. Diese Gehälter liegen alle weit über dem der Bundeskanzlerin. Das Publikum hier regt sich auf und fragt, aufgrund welcher Leistungen das verdient ist. Aber bei diesen Spitzenkräften wird nicht die Leistung dotiert, sondern der Posten an sich. Das kann man auch modernen Feudalismus nennen, wobei allerdings die Adligen früherer Zeit wahrscheinlich kunstaffiner waren.

    Karl Richter und Nikolaus Harnoncourt.


    Bleiben wir bei von der Gönna, der sehr kenntnisreich auch regelmäßig neue Klassik-CDs vorstellt und genauso regelmäßig die Alte Musik dabei mit einbezieht.

    Zitat aus seiner Rezension über Harnoncourts Matthäuspassion:

    "Fünf Jahre nach Nikolaus Harnoncourts Tod begehe ich eine Indiskretion. Damals, in einem letzten Interview, verriet mir der Musikrevolutionär, was ihn endgültig vom Cello der Wiener Symphoniker an Dirigentenpult führte.

    Ein Bach-Oratorium unter Karl Richter. Ich dachte, dass gleich die Decke hochgeht. Aber schreiben Sie das nicht!
    Harnoncourt meinte die fette Instrumentierung, den Chor, den dramatischen Zugang.

    Keine Oper länger als der Tatort


    ist die Überschrift heute im Kulturteil der WAZ. Verfasser ist der nicht nur kenntnisreiche, sondern auch witzige Kulturredakteur Lars von der Gönna (z.B. die Überschrift zur Kritik von Nicolais "Lustigen Weibern von Windsor": "Horch, die Ente quakt im Hain"). Er versteht es auch, die jeweils aktuellen Erzeugnisse des RT zu glossieren.

    Heute bestreitet er den Aprilscherz, aus dem ich einfach die lustigsten Sachen zitiere. "Revolution in den Opernhäusern des Reviers. Keine Oper darf über 90 Minuten dauern."

    Das Motto ist GVG und bedeutet "Go, Verdi, go!" und stammt aus den USA.

    Aida kennen die jüngeren Leute nur als Schiff, den Rosenkavalier halten sie für eine Dating-show auf RTL II.

    Neue Titel: Statt Rigoletto - die Tote im Sack.

    Cosi fan tutte: Partnertausch in Napoli.

    Es gibt keine Angst, das Publikum zu verprellen, Jüngere können nach der Oper noch tanzen gehen, Ältere haben bessere Busverbindungen.

    Bei 90 Minuten gibt es keine Pause, daher besorgt man sich etwa zu essen und trinken vor der Vorstellung und nimmt es mit hinein.

    Die Analogisierung des Klassikforums - ein mutiger Schritt in die Vergangenheit


    1. Ich frage mich, ob ich einen neuen Avatar brauche, denn mein Pingel ist ja gemalt.

    2. Ich frage mich, ob bei einer Digitalisierung ein Faksimile von Beethovens 10. Sinfonie eingestellt wird, eine Sinfonie, die ja tatsächlich von einem Wiener Kunsthistoriker komponiert worden ist.

    3. Ich frage mich, wer das Forum führt, wenn der Chef ständig auf Achse ist, um auf der ganzen Welt "Beethovens" 10. zu dirigieren.

    4. Ich sage gleich, dass ich für diesen Posten nicht zur Verfügung stehe, weil ich aus Unkenntnis (oder aus List) alles wieder analog machen würde, wahrscheinlich über die reguläre Post.

    Das werden Sie nicht glauben! Beethovens Zehnte! Sie ist doch nicht von ihm! Wiener Kunsthistoriker bekennt: ICH habe sie komponiert!

    Das ist eine neue Pest im Internet und nennt sich Clickbaiting. Das bedeutet: Ködern zum Anklicken, um dann beim letzten von 20 Clicks eine verpuffende oder gar keine Pointe zu erleben. Zwischen den Clicks ist jede Menge Werbung für jede Menge Zeugs, das man nicht braucht. Bei dem Titelbeitrag könnte man so vorgehen: 1. Man spielt irgendwas, das soll die Zehnte sein. Werbung.2. Man zeigt Beethovens Geburtshaus in Bonn. Werbung Tourismus Bonn. 3. Man zeigt irgendein Haus in Wien als eine von den vielen Wohnungen Beethovens. Werbung. 4. Man zeigt einige Bilder im Kunsthistorischen Museum von Wien. Werbung. 5. Man zeigt den Kunsthistoriker A.S., der erzählt, wie er die Zehnte aufgefunden hat. Werbung.6. Man zeigt die Arbeit einer Detektei. Werbung. 7. Man zeigt die Pressekonferenz, in der die aufgefundene Zehnte als Fälschung erwiesen wird. Werbung. 8. Man zeigt ein Interview mit dem Kunsthistoriker A.S., der stolz erzählt, wie er 25 Jahre gebraucht hat, diese Sinfonie zu komponieren. Werbung. 9. Man zeigt einen kleinen Film, wie der Kunsthistoriker A.S.in der ganzen Welt eingeladen wird, seine Sinfonie zu dirigieren. Werbung. 10. Man zeigt ein Konzert, in dem er die Wiener Philharmoniker dirigiert, allerdings ohne Publikum. Werbung. 11. Man zeigt ein stummes Video, wie A.S. über den Wiener Zentralfriedhof geht...


    Einen schönen satirischen Film kann man hier sehen (extra3 mit Christian Ehring)


    47. The Extra Mile


    Eine der merkwürdigen Vorschriften in der Bergpredigt ist diese (Mt. 5,41): "Wer dich nötigt, 1 Meile mit ihm zu gehen, mit dem gehe 2!"

    Anders als bei uns ist dieser Satz der Bergpredigt in den USA zu einem feststehenden Begriff geworden, "The Extra Mile". Der Sinn ist einfach: "Tue mehr als du musst!"

    Bei Aldi steht unter dem Dach der Einkaufswagen ein Obdachloser, der die Obdachlosenzeitung "Fifty-fifty" verkauft. Das nehme ich immer wahr. Überrascht war ich von seiner Bitte, ihm eine Flasche Wasser aus dem Laden mitzubringen. Ich wähle eine Flasche aus, neben der steht eine Dose Pils. Da fiel mir die Extra Mile ein.

    Also, ich habe sofort gedacht, in dieser Komposition ist ein Fehler. Denn statt des Herzchen-Anhängers müsste natürlich die Brieftasche zu sehen sein!

    Lieber Carlo, ich bin total begeistert von deinem Artikel, und zwar so begeistert, dass ich ihn mir ausdrucken werde. Deine tolle Liste mit den tollen Schauspielern: an jeden einzelnen habe ich mich erinnert! Auch die Stücke, die Stroux präsentierte, habe ich alle gesehen (etwa "Die Nashörner).

    Dass Stroux so ein schmähliches Ende fand, lese ich hier zum ersten Mal, damals war ich schon nicht mehr in Düsseldorf. Parallel hatte Düsseldorf ja in der Oper eine ähnliche Struktur eines funktionierenden Ensembles, das werde ich in meinem Schreibtisch noch näher ausführen (im Schreibtisch unter dem Titel "Ursula Brüll" und "Brunhilde Bremser"; das waren die Souffleusen!).

    Heute Abend (28.3.2021, 20.05) sendet WDR 3 zwei Barockwerke (die dann auch auf CD erhältlich sind):

    1. Gregor Joseph Werner, Oratorium "Der gute Hirt" (Zeitgenosse Haydns), 1739

    2. JJ Fux 1730, zugeschrieben), Oratorium germanicum de Passione

    Diese Aufnahme aus Berlin ist eine Produktion des Düsseldorfer Schauspielhauses aus dieser Zeit. Ich weiß das deshalb, weil ich diese Aufführung 2x gesehen habe, einmal privat, das andere Mal mit der Klasse, denn wir hatten den Nathan natürlich besprochen - und gelesen, wobei ich den Nathan lesen durfte (aus meiner Klasse waren drei Leute in der Theatergruppe, das wusste der Deutschlehrer, und er wusste auch, dass wir das dann auch konnten).

    Übrigens hat Lessing so etwas wie zwei "running gags" eingebaut: 1. "...sagt der Patriarch..." 2. "Tut nichts, der Jude wird verbrannt!"


    Das Düsseldorfer Schauspielhaus war zu meiner Gymnasialzeit das führende Theater in Deutschland. Jede Menge der berühmtesten Größen der damaligen Zeit traten hier auf: Ernst Deutsch, Martin Benrath, Walter Schmidinger, Maria Wimmer, Otto Rouvel, Klaus-Jürgen Wussow (das war ein toller Schauspieler, bevor er sich der "Schwarzwaldklinik" verschrieb). Diese Zeit war aber nicht die Zeit von Gustaf Gründgens, sondern die seiner Nachfolgers Karl-Heinz Stroux, der es schaffte, für jedes Stück die besten Schauspieler zu holen. Das war auch die Zeit, in der man die Klassiker, Goethe, Schiller, Shakespeare, Hauptmann usw., noch im Original kennlernen konnte. Auch wurde kaum gekürzt, das bedeutete immer drei Stunden Spielzeit; aber immer noch rechtzeitig für die Bahn. Was damals Standard war bei allen Schauspielern in Düsseldorf: sie waren alle exzellente Sprecher. Davon ist sogar bei Klaus-Jürgen Wussow als Prof. Brinkmann ziemlich viel übrig gewesen.

    Ps. 8 - Herr, unser Herrscher (Pss. Davids, 1619)





    Wunderbar ist hier die Klangwirkung, die durch die gemischte Aufstellung von Instrumentalisten und Solisten erreicht wird. Ein Chor ist hier nicht nötig. Eine Aufnahme wie diese beweist, dass wie Bach auch Schütz besser mit kleinen, kompetenten Ensembles aufgeführt wird. Natürlich soll man den gesamten evangelischen Chorsängern, wozu ich auch seit 50 Jahren zähle, ihren Schütz nicht wegnehmen. Aber man muss es nicht unbedingt hier dokumentieren.

    Ensemble officium, live, Tübingen Johanneskirche, 2017.

    Nachtrag: Man beachte, wie unprätentiös der Dirigent leitet, diese ganzen Showeffekte (dauerentzückt oder sekundär-leidend) braucht man in der Alten Musik nicht. Die Sänger können ihre Sachen, wenn ein Dirigent solche Faxen machte, kämen sie aus dem Lachen nicht heraus, was mit dem Singen irgendwie nicht vereinbar ist.

    Hier gebraucht Schütz übrigens auch das gängige Schema der Psalmvertonungen: es gibt Strophen und einen Refrain ("Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen"); dieser ist besonders prachtvoll ausgeführt. In der katholischen wie evangelischen Tradition der Psalmvertonungen steht am Schluss meist die "Doxologie" ("Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen"). Auch diese Doxologie ist immer prachtvoll, wobei sich die Musik steigert bis hin zu einem gewaltigen "Amen". Ich weiß nicht, wie viele Amen ich in meiner musikalischen Laufbahn gesungen habe, langweilige waren eigentlich nie dabei!



    Natürlich ist damit Heinrich Schütz gemeint. Ich hatte erst vor, die gesamte "Geistliche Chormusik" von 1648 vorzustellen, im Vergleich der verschiedenen Ensembles, die das Gesamtwerk aufgenommen haben. Das würde aber die anderen großen Werke benachteiligen.

    Ich beginne mit Psalm 8, bei dem ich schon mitgesungen habe.

    Bertrand Tavernier


    ist im Alter von 79 gestorben. Ich erinnere hier an sein Meisterwerk "Coup de torchon" (dt. die Säuberungsaktion), deutsch "Der Saustall", eine Abrechnung mit der französischen Kolonialzeit in Afrika. Neben den tollen Schauspielern (Phil. Noiret, Isabelle Huppert) ist bemerkenswert, wie Tavernier die Hitze des Landes, die Langeweile und die Brutalität im Film eingefangen hat.


    Johann Joseph Fux - Das Kaiserrequiem


    J.J. Fux ist 1660 in Österreich geboren, er starb als Wiener Hofkomponist 1741 in Wien. Früheren Generationen war er nur als Verfasser einer Kontrapunkt-Theorie bekannt ("Gradus ad parnassum", 1725). Erst mit dem Aufkommen der Ensembles für Alte Musik erschienen seine Kompositionen wieder. Ich erinnere mich gut, dass die Cappella Coloniensis, das Barockorchester des WDR, seine Ouvertüren (=Sinfonien) in den Siebzigern zu spielen begann, zugleich mit den Werken von Fasch, Heinichen, JFK Fischer, J.K.Kerll und Telemann. Die meisten Aufnahmen habe ich noch; in der musikalischen Qualität sind sie gleich, auch neben Telemann. Einige der Fuxschen Ouvertüren gibt es als CD mit dem holländischen Ensemble ("Il Fondamento"), dessen Leiter der Oboist Paul Dombrecht ist.

    Eines von Fux' bedeutendsten Vokalwerken ist das "Kaiserrequiem", komponiert auf den Tod der Kaiserinwitwe Eleonora 1720.

    Dieses Werk lernte ich in den Neunzigern kennen, in einer Aufnahme mit dem Clemencic-Consort unter René Clemencic. Analog zum Cavalli-Revival von Raymond Leppard war das allerdings auch nur ein erster Versuch. Jahre später fiel mir eine andere CD in die Hände, mit dem Ensemble " Armonico Tributo Austria " unter Lorenz Duftschmid. Der ist festes Mitglied (Gambe) im Ensemble "Hesperion XXI" von Jordi Savall. Das war Barockmusik, wie man sie spielen muss. Ich habe sie zum Glück noch, ansonsten ist sie nicht mehr gelistet.

    Es gibt noch eine CD mit "Musica Fiata" und "La Cappella Ducale", unter Roland Wilson, mit der der Kritiker bei Rondo nicht zufrieden war.

    Hier zitiere ich die sehr klangschöne Aufnahme der Ensembles "Vox Luminis" und "Scorpio Collectief" unter der Leitung von Lionel Meunier, der auch den Bass mitsingt. Er ist die größte Person dort von allen und hätte bestimmt auch ein Basketballstar werden können. (Einer seiner Sänger. der aussieht wie Lionel Messi und ganz klein ist, singt hier aber nicht mit).



    In einem Punkt muss ich LaRoche beipflichten. Beim Schlussterzett muss man eigentlich alles stehen und liegenlassen, sich ein Taschentuch nehmen und sich im Sofa festklammern. Das war bei mir hier nicht der Fall. Sophie war sängerisch so überlegen, dass das Gleichgewicht sehr gestört war. Auch die Sängerin des Octavian war nicht so mein Geschmack, zu steif, auch stimmlich. Allerdings muss ich zugeben, dass bei mir im Rosenkavalier der Octavian nicht gerade die liebste Rolle ist. Vielleicht liegt es daran, dass hier eine Sängerin einen Mann spielt, der sich dann am Schluss in eine Frau und dann wieder in einen Mann verwandelt, der eine wichtige Position in einem Frauenterzett hat. Oder so.

    Israelis Brünnlein (Gli Angeli Genève)


    Weiter oben (7.1.2020) habe ich den Zyklus "Israelis Brünnlein" von Johann Hermann Schein" in einer Herreweghe-Aufnahme vorgestellt. Hier kommt er in einer anderen, nicht minder perfekten Aufnahme.

    Bei YouTube habe ich jetzt einen speziellen Algorhythmus. Da gibt es Bahnvideos, Führerstandsmitfahrten aus den Loks der entlegendsten Länder, Kabarett, dann die schönsten Tore und roten Karten aus den Amateurligen im Fußball und jede Menge Musik, und zwar sehr viel Alte Musik. Obwohl ich sehr viel kenne, gibt es immer wieder neue Überraschungen.

    Viele der großen Solisten der Alten Musik singen regelmäßig in verschiedenen Ensembles. Ich denke, dass jeder Dirigent von Alter Musik da eine umfangreiche Kartei besitzt. Ich freue mich z.B. immer, wenn ich den Namen Stephen McLeod oder Hana Blazikova lese. Aber die anderen, die ich dann nicht kenne, sind genau so gut, weil natürlich exzellente Musiker keine Lust haben, mit Stümpern zusammenzuarbeiten (und ich keine Lust, die zu hören).

    Die Aufnahme der Schein-Motetten ist eine Live-Aufführung der Gruppe Gli Angeli Genève (die ihren Namen zu Recht tragen) unter der Leitung von Stephen McLeod, der selbst als Bass mitsingt. Ich kann nur sagen: makellos. Da stimmt alles, Textverständlichkeit, Dynamik, Balance der einzelnen Stimmen, Übereinstimmung des Gesungenen mit dem Text. Besonders wirkungsvoll ist auch die dezente Begleitung einer kleinen Continuo-Gruppe.

    Besonders begeistert bin ich immer, wenn eine der vier oder 5 Motetten, die ich selbst schon gesungen habe, dabei sind. Allerdings muss ich dazu die Noten noch wiederfinden!


    46. Herbert Blomstedt


    Er ist ja die Figur des klassischen Grandseigneurs, der hier anerkannt und über jeden Tadel erhaben ist. Ich sah jetzt im TV sein Konzert in Bamberg mit der 4. von Brahms. Da machte er zwei Dinge, die mir gut gefielen. Dass die Dirigenten im Anschluss an die Sinfonie die einzelnen Solisten extra aufstehen lassen, ist ja Standard. Beim Schlussapplaus machte er etwas, was ich noch nie gesehen habe. Er hob die Partitur in die Höhe, dem Publikum zugewandt.

    Was mich normalerweise nervt, ist, wenn nach dem letzten Ton das Publikum sofort aufheult wie 100 Derwische zusammen. Hier machte er das, was eigentlich immer angezeigt ist (vielleicht außer beim Bolero): er hielt die Hände für kurze Zeit oben, wobei er signalisierte, dass dieser Schluss zur Musik dazugehört.

    Das Orchester (Bamberg) spielte anschließend noch in voller Besetzung einen extra bearbeiteten "Geburtstagsgruß" für ihn.

    Was ich schon nach den mühsam erkämpften Kostproben sagen kann: Katharina Konradi ist eine Sopranistin mit Suchtpotential...


    :)

    Ich konnte auf arte nur Teile sehen. Die Regie zeigte, dass man den Rosenkavalier auch mit modernen Kostümen und einem ungewöhnlichen Bühnenbild präsentieren kann, wenn ordentlich gespielt und hervorragend gesungen wird. Absolut begeistert war ich wie udohasso von Katharina Konradi (ich hatte pünktlich zur Überreichung der Rose eingeschaltet). Den ersten Akt habe ich verpasst, daher kann ich zu Marlis Petersen nicht viel sagen. Der greise Amor sah für mich aus wie Mahatma Gandhi. Es ist typisch, dass ich dabei immer gedacht habe: "Was muss der frieren!". Dazu gibt es eine schöne Anekdote von den Peanuts. Drei Kinder sehen eine Oper im TV. Linus: "Wie kann einem so eine schöne Musik einfallen!" Lucy: "Wie können die sich all die Noten merken?" Charlie Brown: "Wie wechseln die bloß die 1000 Lampen an der Decke aus?"

    Und die Crux eines Forums wie diesem ist, dass hier mehrheitlich sehr musikinteressierte Laien versammelt sind und nur wenige Musikwissenschaftler. Ich höre seit meinem elften Lebensjahr sehr intensiv und nahezu ausschließlich klassische Musik, kenne mich mit Stilen, Gattungen, Komponisten, Interpreten etc. ganz gut aus. Aber eine tiefe Werkanalyse, basierend auf dem Notentext oder eigenen spieltechnischen Erfahrungen kann ich nicht bieten. Musik ist Freizeitbeschäftigung für mich. Eine geliebte und intensiv ausgeübte Freizeitbeschäftigung, aber eben auch nicht mehr als das. Auf das Niveau eines Musikwissenschaftlers oder eines Berufsmusikers käme ich niemals. Und den meisten anderen Mitgliedern dieses Forums dürfte es ähnlich ergehen (ohne jemandem zu nahe treten zu wollen!)



    Grüße

    Garaguly

    Man könnte hier eine Dreiteilung vornehmen: Hörer - Ausübende - Musikwissenschaftler. Ich hatte das Glück, mein Leben lang in guten Chören zu singen. Das Gute an guten Chören ist, dass man dort Literatur singt, (auch als Laie!) die zu den Spitzen der Musikgeschichte zählt, wobei natürlich die Profiensembles noch besser sind.

    Wenn wir uns fragen, für wen haben die Komponisten eigentlich komponiert, würde ich den Musikwissenschaftler an Nr.3 platzieren. D.h. nicht, dass er entbehrlich wäre. Die großartige Entwicklung der Alten Musik haben wir nicht zuletzt auch den Musikwissenschaftlern zu verdanken, vor allem denen, die bereit waren, mit Interpreten zusammenzuarbeiten.