Beiträge von dr.pingel

    Der Don Giovanni gehört zu meinen liebsten Opern, wobei ich nicht sagen kann, wie oft ich ihn gehört habe. Aber die beiden Don-Ottavio-Arien fand ich immer furchtbar. Das liegt wohl daran, dass Otto in jeder Hinsicht so ein Schlappschwanz ist, der Heroismus nur vortäuscht. Eckardt Henscheid hat darüber einige witzige Artikel verfasst.

    Am Dienstag spielte das Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks unter Daniel Harding anstelle des erkrankten Mariss Jansons die 4. von Brahms (Essener Philharmonie). Da habe ich mich an diesen thread erinnert, und siehe da, da saß tatsächlich ein einsamer Triangel-Spieler. In Aktion habe ich ihn nicht gesehen. Das erinnert mich daran, dass ich vor Jahren Bruckners 8. in Dortmund erlebte, und ein armer Schlagzeuger dort 90 Minuten unbeweglich saß. Sein Beckenschlag im letzten Satz war allerdings beeindruckend. Es gibt eine schöne Karikatur von Gerald Hoffnung, in der ein Spieler genau diesen Beckenschlag versemmelt, weil die beiden Hälften aneinander vorbeisausen.

    Das war aber nur der Anlass für eine Vorschau auf nächsten Dienstag. Die drei Top-Orchester im deutschsprachigen Raum sind für mich (alphabetische Reihenfolge, sonst donnert unser Zeus!): Berliner Philharmoniker, Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks und die Wiener. Am Dienstag kommt das Symphonieorchester des BR unter Mariss Jansons. Bruckners 9. wird gespielt.

    Mariss Jansons musste wegen Krankheit absagen. Statt seiner dirigiert Daniel Harding ein etwas anderes Programm, das z.B. die 4. von Brahms enthält, die gerade auf 3Sat mit Janssons gezeigt wurde. (Da wirkte Janssons schon sehr hinfällig, aber mehr außerhalb des Podiums).

    Am Dienstag kommt das Symphonieorchester des BR unter Mariss Jansons. Bruckners 9. wird gespielt.

    Ich denke mal, das ist im Zeichen der klassischen Musik als Religion eine Art Hochamt, vom Papst selbst zelebriert. Ich überlege noch, ob nicht irgendein schlauer Kopf mal ein Brevier verfasst, das man extra zu Bruckner immer dabeihaben kann, das Hinweise zu Vorbereitung, Meditation während des Konzerts und eine Nachbereitung enthält, wobei dann auch ein Glas Wein dazugehören kann.

    Nachbemerkung: das Publikum - das war aus Reihe 26 gut zu sehen - bestand zu 75% aus weißen Köpfen, jedenfalls waren die zu sehen. Man kann es auch positiv beurteilen. Es sieht so aus, dass doch sehr viele ältere Menschen sich noch nachhaltig für Alte Musik begeistern können. Das haben die Essener jedenfalls diesem Forum voraus.

    Ich komme gerade aus der Essener Philharmonie, Händel total. Erst die Cäcilienode, dann das Alexanderfest. Dauer: drei Stunden; mir hätte das Alexanderfest genügt, in meinen Augen sowieso das bessere Stück. Concerto Köln, ChorWerk Ruhr, einer der absolut besten Chöre der Republik, Solisten, Leitung: Ivor Bolton. Sehr guter Besuch, am Schluss frenetische Ovationen! Zu Recht, denn das war Händel perfekt!

    Das war aber nur der Anlass für eine Vorschau auf nächsten Dienstag. Die drei Top-Orchester im deutschsprachigen Raum sind für mich (alphabetische Reihenfolge, sonst donnert unser Zeus!): Berliner Philharmoniker, Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks und die Wiener. Am Dienstag kommt das Symphonieorchester des BR unter Mariss Jansons. Bruckners 9. wird gespielt.

    Ich bin erstaunt, welche Sachkenntnis hier sich zeigt. Das wird wohl eines der Glanzlichter des Forums. Ich gelte ja hier als Anhänger der Alten Musik, dabei merke ich gerade, dass außer der Gregorianik (selbst gesungen) die Musik bei Perotinus und Machaut beginnt. Im Moment muss ich immer noch die Renovierung bewältigen, außerdem brauche ich Lautsprecher für den P.C. Dann mache ich das, was ich beim Hofmannschen Mahler auch gemacht habe: kontinuierlich lesen und hören.

    Fazit: toll! Unbedingt fortführen!:jubel:

    Lieber Nemorino,


    ^^ Bei Barockmusik ist es anders. Da finde ich schon, dass HIP ein Gewinn ist: Der Klang ist viel individueller und die Wiederentdeckung der Rhetorik hat etwas für sich - und ja auch das Spiel mit modernen Instrumenten positiv beeinflusst (z.B. Claudio Abbado mit dem Orchestra Mozart finde ich Klasse!).

    Ich erinnere mich an ein Haydn-Konzert in Luzern (TV!) mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle. Das Orchester war abgespeckt - und siehe da, trotz der modernen Instrumente klang es gut und vor allem durchsichtig. Das terremoto am Schluss der 7 Worte habe ich noch nie so mitreißend gehört.

    Vor ein paar Jahren hatte der WDR HIP-Dirigenten verpflichtet, Alte Musik mit dem WDR-Sinfonieorchester aufzuführen, z.B. Reinhard Göbel. Ich traute meinen Ohren nicht, so gut war das. In Duisburg hatte vor Jahren Jonathan Darlington eine Haydn-Sinfonie aufführen lassen, bei der deutlich unter 40 Musikern auf der Bühne waren. Auch das war beeindruckend.

    Johannes Brahms hingegen verwendet vornehmlich tröstende Worte für die Hinterbliebenen: vom 1. Satz "Selig sind, die da Leid tragen" bis zum Schlußsatz: "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben" spannt sich ein Bogen, der den verstorbenen Angehörigen und Freunden mit Bibelworten Trost und Zuversicht im Hinblick auf das Ewige Leben im Jenseits spenden soll. Diese Worte sind aber nicht an einen liturgischen Ablauf gebunden, sondern vom Komponisten frei ausgewählt worden, übrigens mit großem Geschick und Einfühlungsvermögen.

    Das zeigt besonders deutlich der eingeschobene und nachkomponierte 5. Satz für Sopran und Männerchor "Ihr habt nun Traurigkeit...".

    Dieser Satz wurde von Brahms angesichts des Todes seiner Mutter eingefügt. Es gibt eine ganze Reihe von Sopransoli, die möglichst einfach, schlicht, mädchenhaft gesungen werden müssen: Mahler 4. Sinfonie (Schlusssatz), Orff (Die Kluge), Margiana (Der Barbier von Bagdad), Das Kind (Ravel, L´enfant et les sortilèges), Ighino (Pfitzner, Palestrina). Der 5. Satz des Brahms-Requiem gehört auch dazu.

    Wir sind da absolut einig, diese Diskussion hier ist wirklich sehr sachlich. Ich habe auch immer betont, dass es in der Musik emotionale Beweggründe gibt, die man nicht wegdiskutieren kann. Mein eigenes Beispiel ist der Don Giovanni. Ich weiß nicht, wie oft ich den gesehen oder gehört habe, aber am liebsten greife ich zu Otto Klemperer und Nicolai Ghiaurow. Die Aufnahme von René Jacobs habe ich nur einmal gehört und fand sie langweilig, dazu schlecht gesungen.

    Dann sollten die HIP-Verfechter genau dieses "Vergnügen" mal serviert bekommen! :hahahaha:


    Hinterher dürfen sie dann wieder über Richter meckern! :P

    Das kriegen wir durchaus öfter serviert, etwa in Gottesdiensten, wo der Kantor einen kleinen Bach oder Schütz "exekutieren" lässt, mit zu vielen Frauen und zu wenig Männern. Früher waren auch die normalen Kirchenchöre besser, bis vor allem junge Sänger fanden, dass sie in Vokalensembles oder Kammerchören viel besser aufgehoben waren. Die normalen Kirchenchöre sanken dann zu dem herab, was im Schulbereich die Hauptschule wurde. Immerhin, sie versuchten sich an Schütz und Bach. Schrecklich ist natürlich, wenn diese unfähigen Ensembles ihre Machwerke auf YouTube einstellen. Dafür gibt es viele Beispiele, dafür gibt es meinen thread "YouFail".

    Ich möchte mich hier mal mit einem sehr persönlich-subjektiven Zwischenruf einschalten.


    Die Kantaten von Bach habe ich Mitte/ende der 50er Jahre in der Pauluskirche In Berlin-Zehlendorf kennengelernt. Unser Kantor hieß van Almsick. An den Vornamen erinnere ich mich nicht mehr. Er hatte ein kleines Orchester in dem etliche Spieler der renommierten Berliner Orchester (West und Ost) mitwirkten, und einen sehr leistungsfähigen Chor. Er stand sehr unter dem Einfluß des großartigen Fritz Lehmann, der zu dieser Zeit nicht mehr dirigieren konnte, aber gewiss auch Dottore Pingel befriedigt hätte.

    Du wirst lachen, aber ich kannte einige Aufnahmen von Fritz Lehmann, und ich mochte ihn sehr! Ich war auch zufrieden mit den Aufnahmen, die der WDR aus Herford sendete mit Eberhard Büchel als Dirigenten, der ein sehr feinfühliger Kapellmeister war. Es gab tatsächlich Alternativen!

    Genau so habe ich es auch empfunden (meine bescheidene Kenntnis in Sachen Bach-Interpretation eingestehend), lieber Dr. Pingel. :) Fidi "individualisiert" mir da etwas zu sehr - ich glaube, das kann auch Jeder gut nachvollziehen. Den Vergleich Schwarzkopf-Popp habe ich nicht gemacht. Mir fällt im Falle der Schwarzkopf jetzt ihre Aufnahme des "Himmlischen Lebens" von Mahler ein (Symphonie Nr. 4 mit Klemperer, Schlussatz), das singt sie für meinen Geschmack einfach nicht wie ein unschuldiges Kind, wie Mahler es wollte, sondern statt dessen wie eine erotisch reife Frau, die mit allen Wassern gewaschen ist! Das passt einfach nicht, auch wenn es toll gesungen ist! :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

    Für die Kluge ( im Vergleich mit Popp) trifft das auch zu und auch für die Margiana in "Der Barbier von Bagdad". Auch die Wunderhornlieder mit FiDi an ihrer Seite belegt das. FiDi iat da natürlich unübertroffen. Ich singe manchmal bestimmte Wunderhornlieder, da orientiere ich mich komplett an ihm. Elisabeth Schwarzkopf ist als Marschallin deshalb so einzig, weil sie das Wienerische einzigartig in der Rolle impliziert.

    Mir ist bei dieser ganzen Diskussion wie auch bei anderen Themen (9., 4. Satz) aufgefallen, dass hier oft außermusikalisch argumentiert wird. In meinem Theologie- und Soziologiestudium ist mir ein Phänomen aufgefallen, das sich in Deutschland (und nicht nur da) immer stärker ausprägt: die säkulare Religion. Kapital, Fußball und klassische Musik wären die hervorstechendsten Merkmale. Ich selber bin kein Wissenschaftler, daher werde ich mich hüten, darüber zu schreiben. Aber für einen klugen Doktoranden hätte ich ein schönes Thema:

    "Das Tamino-Klassikforum als Bibel der säkularen Religion der klassischen Musik." Ich hatte erst überlegt, dich, Holger darum zu bitten, weil du der einzige bist, der das könnte, aber vom Zeitbudget ist das absurd. Aber vielleicht wirfst du uns ab und zu ein paar Brosamen hin.

    Ich habe auf stimmenliebhabers Post (#54) geantwortet, dieser Beitrag ist offensichtlich gelöscht worden.

    So ganz unbedarft kommt mir bei Fischer-Dieskau in den Kopf, dass er das singt ein bisschen mit der Haltung wie in einem Mahler-Lied. Peter Harvey dagegen trägt das auch wunderbar expressiv vor, aber der Gesangsstil ist für meinen Eindruck "typisierender", weniger "solistisch", sondern er singt hier seine Rolle eher wie die eines Vorsängers vor einem Chor (hier vor dem "Chor" des Orchesters); die Haltung ist dann zwar die eines primus inter pares, aber das bleibt eben selbst noch von der Mentalität des Chorsängers geprägt, der einem Ganzen dient, auch wenn er als Einzelner aus diesem hervortritt. Es könnte demnach sein, dass Fischer-Dieskau hier nicht ganz "historisch" ist: Der Kult des Individuums ist 19. Jhd., zu Bachs Zeiten zählte mehr das Allgmeine, behaupte ich jetzt mal ungeschützt, der Solosänger im Barock übernimmt eher eine typische und in ihrer Typik festgelegte Rolle als dass er sich selbst in seiner Individualität zum Ausdruck bringt. Meintest Du so etwas, was Dich bei Fidi stört? (Das künstlerische Niveau von Fidi ist natürlich überragend (das wirst Du wohl auch so sehen)


    Schöne Grüße

    Holger

    Hier bringst du die Sache wieder auf den Punkt, ich habe mich da nicht deutlich genug ausgedrückt. Es gibt eine Kritik an Sängern, dass sie bestimmte Musiken zu expressiv gestalten und dadurch verfehlen. Gerade seine überragende Klasse bringt FiDi dazu, diese Stück in seiner Intention zu verfehlen. Es gibt andere Beispiele, wenn man z.B. Elisabeth Schwarzkopf (sie war die beste Marschallin, die ich je gehört oder gesehen habe) nimmt und aus der Orffschen Klugen ihre Interpretation mit der von Lucia Popp vergleicht.

    Ein Freund von mir, lieber Dr. Pingel, der Organist ist und sich auch als Musikwissenschaftler mit dem Thema Orgel beschäftigt, erzählte mir mit einem Lachen davon, dass die Orgelbewegung mit ihrem puristischen Geist alle die verspielten barocken Register einfach abgebaut hat. Und was Wok hinzufügt über Bach, passt dazu: Auch der protestantische Bach-Kult neigt zum puritanistischen Purismus. Der Barock mochte aber keine secchezza ("Trockenheit"), er wollte Sinnlichkeit, Fülle, auch Opulenz. Warum hat Rubens wohl keine Mager-Models gemalt? :D Im Klavierunterricht durften wir Bach nur ohne Pedal spielen. Bis heute kann ich das nicht leiden. Hier bekenne ich mich eindeutig als Barockmensch (wiewohl ich ein paar Kilos weniger vertragen könnte obwohl ich nicht eigentlich dick bin :P ) :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

    Ein Beitrag, lieber Holger, den ich absolut unterschreiben kann, einschließlich der überflüssigen Kilos.

    Wir singen im Moment die Schützschen Einsetzungsworte (das sind zwei kleine Motetten), leider ohne Instrumente; ich glaube aber, wir haben keine guten. Das ist die Crux der evangelischen Kirchenmusik in den normalen Ortsgemeinden heute: die tollen Zinken, Posaunen, Hackbretter, Barockviolinen, Harfen usw., die haben wir einfach nicht oder können sie nicht bezahlen, außer vielleicht einem Cello und einem Cembalo.

    Es geht bei der ganzen Richter-Diskussion leider um eine Tatsache, die unsere Richter-Freunde nicht wahrhaben wollen: die Kantaten und die Passionen sind einfach schlecht gespielt (bevor ihr aufheult: gilt nur für mich und ein paar andere hier). Trockener, nichtbarocker Klang, Masse und Unbeweglichkeit, dazu laienhafter Chorgesang sind Merkmale schlechter Ausführung. Und wo wir gerade dabei sind: meine Erfahrung ist die, dass Fischer-Dieskau einfach keinen Bach singen konnte. Ich habe ihn live erlebt mit Liedern und auf CD mit Opern, er war ein Jahrhundertsänger, aber nicht bei Bach. Einer der Gründe ist der, dass er bei Bach genauso seine tiefgründigen Interpretationen machte wie bei Schubert in seinen Liedern.

    Zu Stimmenliebhaber #49: du berichtest von einer Schwierigkeit (Bach ist schlecht zu verfolgen). Dieses Problem haben Hörer, die wenig Bach hören oder fixiert sind auf ältere Aufnahmen Trainierte Chorsänger (dazu darf ich mich bei aller Bescheidenheit zählen) können diese Tempi leicht mitgehen, vor allem wo die Harnoncourtschen Rasereien längst einem Tempolimit zum Opfer gefallen sind. Was aber auch versierten Choristen Mühe macht, ist, dass Bach schwer zu singen ist, weil er die Chorstimmen wie Streichinstrumente behandelt; d.h. die Sänger müssen hier etwas lernen, was sie bei Schütz nicht gebraucht haben.

    Lieber Holger, danke für deine beiden Artikel, die meiner Auffassung ein solides theoretisches Fundament verleihen.

    Dabei ist mir eine Sache aufgefallen. Bei Heinrich Schütz ist ja die Entwicklung rückwärts verlaufen. Anfang des 20. Jahrhunderts war es, etwa in der Singbewegung, die höchste Kunst, Schütz a-cappella zu singen. Das war aber bei Schütz die Ausnahme, wie er etwa im Vorwort zur Geistlichen Chormusik (1648) darlegt. Er hatte ja nicht umsonst in Venedig die barocke Pracht der Gabrielischen Musik kennengelernt; ich bin nicht informiert, ob er Monteverdi kannte. Bei der Marienvesper teile ich die Aufnahmen in solche ein, die eher kammermusikalisch mit kleinen Besetzungen sind (also Weserrenaissance oder L´Arpeggiata) oder die mit mittleren Besetzungen doch große Pracht zeigen (Gardiner, Ralf Otto). Prüfstein ist für mich hier Nr.8, Nisi Dominus....

    Lieber Holger, dein Beitrag ist für mich die schlüssige theoretische Umsetzung, was ich eher praktisch denke und erlebt habe. In diesem Zusammenhang heißt das für mich praktisch: Zu keiner Zeit können Aufführungen Bachscher Passionen mit 120 Sängern und einem 100köpfigen Chor (das war die Besetzung in Wuppertal) in irgendeiner Form die Intentionen des Komponisten widerspiegeln.

    Da für mich Holgers Beitrag#39 schlüssig ist, muss für mich danach nichts mehr kommen (Achtung! Da steht für mich, anderen schreibe ich nichts vor).

    Hängt von der Vertrauenswürdigkeit des Labels ab. Vom Eigenlabel der "Chateau de Versailles Spectacles" beispielsweise kaufe ich Neuerdings fast alles und zudem oft völlig blind, im Vertrauen darauf, dass auch die mir noch unbekannten Ensembles schon etwas Hörenswertes können werden.

    Auch Jordi Savall hat ja ein eigenes Label gegründet. Für den obigen Tipp vielen Dank!

    Großartig, wenn man das so sicher, ja objektiv, beurteilen kann, obwohl man gar nicht da war! :P


    Wenn du da gewesen wärest und danach aufgrund des Erlebten tätsächlich zu diesem Urteil gelangt wärest, hätte ich das auch ernst nehmen können.

    Ein Gedankenexperiment: du schreibst etwas über die "Lucia" und ich kommentiere das, indem ich sage: ich finde sie furchtbar, aber der eine sagt so, der andere so. Die Meinungen sind halt verschieden. Da würden sich doch hier alle kaputtlachen, weil jeder weiß, dass auf CD wie live die Lucia ein Renner ist. Also schreibe ich das nicht, weil ich weiß, dass du da Ahnung hast und ich nicht. Ahnung habe ich aber von Bach und den vielen neuen Ensembles für Alte Musik. Daher finde ich, und ich bin nicht der einzige, dass aus emotionalen Gründen Richter akzeptabel ist, aber nur aus solchen.

    Mit dem oben zitierten Satz hast du dich doch ein wenig verirrt. Gedankenexperiment: du willst in ein Bruckner-Konzert, der Trailer zeigt dir ein Kammerensemble, das den spielen wird. Da wirst du doch von vorneherein sagen: da geh ich nicht hin.

    Den Bach, ja, den kann ich sicher und objektiv beurteilen, obwohl ich nicht da war. Ich habe nämlich fünfzig Jahre in allen Sorten von Chören gesungen, darunter auch die Passionen in den riesigen Chören und den großen Orchestern. Stell dir vor, ich weiß genau, wie das klingt, da muss ich nicht hingehen. Gerade, weil ich Ahnung habe, gehe ich da nicht hin. So ist es doch mit allem, ob Literatur, Musik oder Bildende Kunst.

    Eure subjektiven Bekenntnisse in allen Ehren, aber ich stehe mit meiner Meinung ja nicht allein. Die Konzerte der Alten-Musik-Ensembles und die CDs, vor allem von Herreweghe, verkaufen sich ja überragend. Auch wenn es noch CDs von Richter zu kaufen gibt, live ist diese Back-Art (Gruß an Alfred) nicht mehr aktuell; Ausnahmen gibt es, wie z.B. die Thomaner mit Biller (da bekam der Schluss "Wir setzen uns mit Tränen nieder" in Bezug auf die Hörer eine ganz neue Bedeutung) .Die Matthäuspassion in der Richterschen Art wurde 2018 in Wuppertal aufgeführt; ich bin nicht hingegangen, obwohl 2 Freunde mitspielten. 120 Sänger und 100 Orchestermusiker - ein Graus). Angesichts der Tatsache, dass sich jeden Monat in Europa neue Ensembles für Alte Musik bilden, glaube ich an keine Richtersche Wiederkunft. Es ist sogar umgekehrt, viele große Orchester spielen inzwischen Haydn und Mozart mit kleinen Orchestern. Es gibt (oder gab?) beim WDR eine Reihe, da haben Alte-Musik-Dirigenten klassische Orchester dirigiert und ihnen dabei die Prinzipien Alter Musik erläutert. Alle großen Alte-Musik-Dirigenten haben ihre Tätigkeit auf Klassik und sogar Romantik ausgeweitet: Norrington, Hengelbrock, Herreweghe, Savall u.a.

    Natürlich gibt es für uns subjektive Vorlieben, was Bach und andere Kompositionen betrifft; ich habe da auch einiges. Auf der anderen Seite gibt es die musikalische Forschung, die die objektive Seite darstellt und weiterentwickelt. Für Bach heißt das, dass heute sogar Vorstadtkantoren kleinere Chöre nehmen und vor allem auch kleine Orchester mit historischen Instrumenten (in meiner Heimatstadt in einem Vorort Messias, Markuspassion (Keiser) und das Weihnachtsoratorium. Orchester "Nel dolce" aus Köln).

    In den Zwanzigerjahren gab es in der Evangelischen Kirche eine Singbewegung, die vor allem die reformatorische Musik wieder gepflegt hat, besonders Schütz. Dabei war es höchste Kunst, Schütz a cappella zu singen. Schütz selber hat in seinen Vorworten aber selbst darauf bestanden, vielfältige Formen auszuprobieren, auch mit Instrumenten, dazu mit Solisten, Favoritchören und Tutti, kurz: das Gabrielische Erbe. Am Samstag gab der Dresdner Kammerchor in der Essener Philharmonie eine großartige Kostprobe davon.

    Auch gibt es den technischen Fortschritt in der Medizin, in der Musik, bei den digitalen Techniken überhaupt. Ein Freund, ein Computernarr, hat eine Reihe von historischen PCs im Keller stehen, auch einen Commodore, den er natürlich nicht benutzt. Die Richterschen Bach Interpretationen sind so etwas wie der Commodore der Alten Musik, man liebt sie noch, aber gehört werden die anderen Sachen.

    Ich kann jetzt nicht mit einer Vorschau punkten, sondern mit einer Nachschau. Die Vorschau besteht darin, dass ich über alle drei Konzerte noch ausführlich berichten werde.

    Freitag: Subtilität. "Les Arts florissant" mit und unter Paul Agnew. Die "Sybillen" von Orlando di Lasso und ein großer Teil des "Dritten Madrigalbuches" von Gesualdo. Sechs Sänger in einer tollen Akustik (Essener Philharmonie), höchste, intensivste Kunst. Absolut konzentriertes, aufmerksames Publikum, standing ovations am Schluss.

    Samstag: Pracht. Schütz, Psalmen Davids (eine Auswahl, Essener Philharmonie). Dresdner Kammerchor unter Rademann, Solistin u.a. Dorothee Mields. Bei jedem Stück wechselte die Besetzung und der Standort von Solisten, Instrumentalisten, Favoritchor (z.T. oben auf den Rängen postiert) und Tutti-Chor. Einige der Stücke hatte ich auch schon gesungen. Als Zugabe ein sehr avanciertes Stück von Schütz: "Saul, was verfolgst du mich?" Auch hier ein fasziniertes Publikum mit standing ovations am Schluss.

    Sonntag: Allegrezza. In der Duisburger Mercator-Halle fanden sich ebenso viele Liebhaber der Alten Musik ein wie in Essen. In Essen gibt es einen Einheitspreis von 28€, in Duisburg hatte ich einen tollen Platz für 10 Euro (ich glaube, in den Metropolen kostet das Programmheft oder das Bier schon so viel). Vorgestellt wurden Komponisten aus der Vor-Haydn-Zeit, etwa von Reutter, dem Entdecker Haydns. Ein kleines Kammermusikensemble war zur Stelle, darunter die beiden Seitz-Schwestern mit Harfe und Salterion (ein Instrument mit Klöppeln, etwa wie ein Hackbrett). Solistin war Hana Blazikova, Sopran. Als sie merkte, wie sehr die das Publikum auf ihrer Seite hatte, wurde sie immer heiterer und besser. Eine unglaubliche heitere und gelöste Stimmung hielt bis zum Schluss an, wo auch die Duisburger bewiesen, dass sie Liebhaber der Alten Musik sind.

    Noch eine Besonderheit: bei einem Stück nahm sich Hana Blazikova eine zweite Harfe, spielte und sang dazu. Ich habe das bisher nur von Arianna Savall gehört, die auch zwei Ausbildungen hat.

    Ich finde, dass Johannes das sehr gut dargestellt hat, was ich auch moniert habe. Zum einen ist da die Sache mit den Knabenchören. Man weiß nicht, wie sie bei Bach geklungen haben, aber ich mochte die Thomaner der Neuzeit nie. Man höre sich nur die Aufnahmen unter Biller an!

    Der andere Punkt ist der, dass sich die Übertreibungen, vor allem beim Tempo, der späteren Originalklang-Zeit, doch wieder normalisiert hatten. Harnoncourt fand ich am Anfang ganz schrecklich. Meine Motivation für Herreweghe und andere ist also nicht die, dass sie historisch korrekt sind, sondern sie sind musikalisch einfach besser sind. Der Klang ist reicher, überhaupt nicht trockener, die Koloraturen kommen federleicht, ich meine auch die Solisten wären heute besser. Bachsche Arien ohne Vibrato klingen einfach schöner.

    Johannes macht auch zu Recht auf die heutigen Aufführungen etwa von der Marienvesper aufmerksam. Auch da sind sie vielleicht historisch nicht ganz korrekt, aber die musikalische Qualität ist überragend. Nach Dr. Pingel´s Rasiermesser höre ich mir zuerst immer Nr. 8 an (Nisi Dominus). Hier bleiben auch die kammermusikalischen Aufnahmen wie etwa bei der Weserrenaissance oder L´Arpeggiata auf der Strecke. Es fehlt dort, was ich gerne den Gabrieli-Faktor nenne. Den muss es auch bei Schütz geben. Darauf komme ich noch in einem eigenen Artikel.

    Für mich ist die Messlatte Herreweghes Live-Aufnahme von 2010 in Essen und Köln. In Essen am Karfreitag 2010 ist er wieder in Essen, ich habe schon eine Karte. Wenn auch Richter als Wegbereiter durchaus seine Meriten hat, würde ich ihn heute als überholt betrachten. Ein anderes Beispiel ist ja Raymond Leppard, der Cavalli ausgegraben hat, aber seine Aufnahmen sind vorsintflutlich.

    Der Chor von Richter ist zu groß und unbeweglich. Außerdem hört man deutlich, dass hier Laiensänger singen, gute zwar, aber Laiensänger. Die Solisten sind Opernsänger, das hört man, aber dafür ist die Matthäuspassion nicht geschrieben. Eine Bachinterpretation, die stark emotional ist, geht an Bach vorbei, denn die Emotionen hat Bach komponiert, sie müssen nicht überhöht werden. Dass der Orchesterklang Bach nicht entspricht, ergibt sich aus den modernen Instrumenten und der Masse der Instrumentalisten. Dazu kommt mangelnde Virtuosität. Ich habe viel Bach gesungen und ihn oft verflucht, weil seine Chorsätze eigentlich für Streicher und nicht für Sänger geschrieben sind. Es gibt viele Koloraturen, und die können nun mal von einem 24köpfigen Kammerchor besser ausgeführt werden als von 100 Laien.

    Herreweghe stellt schon in der Aufstellung klar, wie man es machen muss. Rechts und links sitzen zwei kleine Chöre (jede Stimme à 4), dazu zwei kleine Orchester. Die Matthäuspassion ist nämlich doppelchörig, was meist untergeht. In der Mitte sitzt das Continuo und der Evangelist.

    Eine Besonderheit ist die (wie immer bei Herreweghe), dass die Solisten auch die Chöre mitsingen, was eine unglaubliche Geschlossenheit und auch Virtuosität für die Chöre bedeutet. Für die Arien treten die Solisten einen Schritt vor, evtl. Orchestermusiker als Solisten stehen auf.Die Tempi sind nicht überhetzt, aber auch nicht gedehnt.

    Die Solisten: Chr. Prégardien (Evangelist), Tobias Berndt (Jesus), Dorothee Mields und Hana Blazikova (eigentlich hat sie 3 Akzente, aber mein Computer enthält sie mir vor). Beide Soprane habe ich jetzt innerhalb einer Woche live in Duisburg und Essen gehört, sie sind immer noch so gut wie eh und je. Dazu als Bass Stephen McLeod, der singt, wie ein Bass singen muss. Nur der Franzose Gouillon und der Engländer Robin Blaze (Altus) hielten nicht ganz das Niveau. Herreweghe dirigiert übrigens nicht, sondern gibt so die Richtung an; er kann sich ja auf seine Musiker total verlassen.

    Natürlich weiß ich, was man ihr vorhält: Unzulässige Romantisierung. Das ist mir aber völlig schnuppe! Bei Richter erlebe ich die Passion, und das ist Sinn und Zweck meines Musikhörens am Karfreitag.

    Das finde ich übrigens völlig in Ordnung. Es gibt Aufnahmen, auf die man geprägt ist, egal, ob sie historisch richtig sind oder nicht.

    Ich habe gleich 2 solcher Aufnahmen mit Don Giovanni, nämlich die von Klemperer und die von Furtwängler. Dagegen kann die Aufnahme von René Jacobs in keiner Weise bestehen. Und auch bei Figaros Hochzeit ist mir die liebste Aufnahme immer noch die von Erich Kleiber, weil ich auch fast alle Sänger damals live in Wien erlebt habe.

    Wie Phönix aus der Asche


    Das Gegenteil gibt es auch! Und gleich drei meiner Lieblingskomponisten sind erst seit ein paar Jahren (oder Jahrzehnten) wieder reanimiert worden und haben seitdem einen strahlenden Ruf, natürlich auch deswegen, weil die Musiker sie heute adäquat spielen können.

    1. Janacek

    2. Cavalli

    3. Tomás Luis de Victoria


    Es ist nun nicht so, als ob diese Komponisten vorher nicht bekannt gewesen wären. Aber die ausführenden Musiker waren derart inkompetent, dass der Phönix in der Asche blieb.

    Mein Gegenprogramm (ist natürlich keine Kritik, die C-Dur von Schubert ist phantastisch) ist an diesem Wochenende die Essener Philharmonie und die Duisburger Mercator-Halle. Ich werde später über diese Konzerte und über eine Reihe anderer noch berichten.

    Gestern, Freitag: "Les arts florissants", Leitung und Tenor Paul Agnew, Werke von Orlando di Lasso und Gesualdo. 6 Sänger, großartige Kompositionen, standing ovations am Schluss (Essen) (28€).

    Heute, Samstag: Schütz, Psalmen Davids (Auswahl): Solisten (u.a. Dorothee Mields), Dresdner Kammerchor, Rademann ( Essen 28€)

    Morgen, Sonntag: Hana Blazikova und Kammerorchester (Werke aus dem 17.Jh.)

    Lieber William, natürlich kritisiere ich dein Wohnzimmer, die Kölner Philharmonie, nicht. Meins ist die Essener, einer schönsten Bauten in Deutschland, mit einer fabelhaften Akustik (das hat Herreweghe bestätigt). Da hört man noch ein unbegleitetes 6köpfiges Ensemble in der letzten Reihe.

    Ich denke doch, lieber William, dass du von Coesfeld schneller in Essen bist als in Köln:pfeif:. Du musst dann nur lernen, grundsätzlich im Zug zu schlafen.

    Daraus wird leider nichts werden, lieber musikwanderer. Eine meiner vielleicht seltsamen Eigenschaften ist es, Musik zu hören und zu speichern. Ich bin aber kein Sammler, so habe ich nur eine Aufnahme der "Vier letzten Lieder" von Strauss (Gundula Janowitz) und nicht hundert. Ich habe auch nicht 200 CDs mit allen Bachkantaten oder 50 Gesamtaufnahmen von Beethovens Sinfonien, darunter das Staatsorchester von Papua-Guinea, das die Sinfonien mit Trommeln aufführt. Für das obige Vorhaben müsste ich mir ja alle diese Duftschmid- CDs besorgen, das heißt kaufen. Dieses Geld ist aber schon für Weißwein verplant und für die Essener Philharmonie (davon später mehr).

    Natürlich könnte ich das machen; wenn ich sie dann alle gehört und besprochen habe, schenke ich sie dir zu Weihnachten, dann hast du sie am Hals.:untertauch: