Beiträge von Dr. Pingel

    "...und er lockte eine Flöte aus der Streicherwand...": Götterboten, Rüttelfalken, selige Säuglinge, Chaoten"

    Ich spreche hier von Dirigenten. Wer viel Musik hört oder selbst singt, weiß auch einiges über Dirigenten. Das sind die Leute, die ihn gequält oder gelangweilt, aber auch begeistert haben.

    In einer ausführlichen Dokumentation (Zeitschrift LI, sehr intellektuell, trotzdem von mir abonniert) berichtet ein Autor über die Berliner Philharmoniker in der NS-Zeit und nach dem Krieg. Von Furtwängler wird berichtet, dass er beim Schlussapplaus den Taktstock nicht aus der Hand legte, um den Hitlergruß zu vermeiden.

    Ich bin nun wahrhaftig kein Anhänger des Regietheaters, aber es gibt immer wieder schlüssige Momente, bei denen ein "moderner Einfall" das Stück verständlicher macht. Ich zitiere immer gerne die großartige "Billy-Budd-Inszenierung" (Regisseur?) in Düsseldorf. Die Oper selbst wurde als Rückbesinnung von Cptn. Vere im Altersheim erzählt. Dort wird er von einer Nurse betreut, die dann auch in den Rückblenden der Schiffszenen mitwirkt. Sie singt nicht, sie spricht nicht. Aber ihre Anwesenheit ist ein großes Ausrufezeichen von Menschlichkeit in einer inhumanen Umgebung.

    Das jüngste Beispiel. Ich denke, jeder Opernliebhaber hier wird den glanzvollen Aufstieg von Asmik Grigoryan mitbekommen haben. Sie ist nicht nur eine großartige Sängerin, sie spielt auch überzeugend. So sang sie jetzt die drei Frauenrollen im "Trittico" von Puccini. Ich kenne das meiste von Puccini, natürlich nicht so viel wie die meisten hier. "Suor Angelica" ist meine Puccini-Lieblingsoper; er selbst hielt sie für seine beste.

    Abends spät, beim Zappen, beginnt gerade auf Arte der letzte Teil vom Trittico. Allerdings hatte Regisseur Loy umgestellt. Die normale Reihenfolge ist Tabarro, Suor Angelica, Gianni Schicchi. Loy setzte Suor Angelica an den Schluss. Nach dem Ansehen war mir klar, warum: es ist der gewaltige Schluss, und die großartige Sängerin Asmik Grigoryan gestaltete ihn auch schauspielerisch glänzend. Loy hatte die Handlung in die Moderne verlegt, was man erst gar nicht mitbekam, weil Klöster nicht gerade Orte gesellschaftlichen Wandels sind. Der Besuch der Fürstin gestaltet sich so, dass sie Angelica einen Koffer mitbringt, in dem sie zunächst das Bild ihres verstorbenen kleinen Sohnes entdeckt, den sie seit ihrer Verbannung ins Kloster nicht mehr hat sehen dürfen. Dann kommt eine Erfindung des RT, die schlüssig war und grandios umgesetzt wurde. Im Koffer befindet sich auch ein Kleid, das berühmte "kleine Schwarze", dazu Zigaretten. Sie zieht das Kleid an und raucht. So wird optisch der Übergang von der Nonne zur Frau und Mutter wie in einer Verpuppung (Entpuppung) aufgezeigt. Alles nebenbei und wie selbstverständlich.

    Bei mir ist es die gesamt französische Musik nach Rameau, wobei der Pelléas ein oft gehörtes Meisterwerk ist. Das gilt auch für England nach Tallis bis Britten, den ich sehr schätze. Vaughan Williams würde ich ausnehmen. Meine Einstellung zum italienischen Belcanto ist bekannt, Verdi und Puccini beginne ich gerade wieder zu entdecken. Zuletzt habe ich spätabends noch SUOR ANGELICA mit Asmik Grigorian gehört. Puccini hielt das für sein bestes Werk, was ich auch finde. Zwölfton, serielle und elektronische Musik sind weit entfernte Kontinente, in die ich nicht reisen möchte. Was bleibt, ist sowieso eine Fülle, für die man mehrere Leben brauchte.

    Vielleicht sollte ich mal das "Helikoper-Quartett" von Stockhausen hören.:untertauch:

    Die Belobigung von Sportschau und Aktuellem Sportstudio kann ich nur zähneknirschend teilen. Der eigentliche Sport kommt da sehr zu kurz. Ich habe mal als Politiklehrer in meiner Unterstufe die kids zu Zählungen veranlasst. Sie sollten messen, welche Anteile quatschende Reporter, Spiele und Werbung in den 2 Stunden hatten. Da kam heraus, was ich vermutete: 30% belangloses Reportergequassel und sinnfreie Interviews, 30% Werbung, 30% Spiele selbst. In den heutigen Fußballreportagen ist der Quasselfaktor eher noch größer, wobei ich feststellen muss, dass der neu vergrößerte Anteil von weiblichen Moderatoren sich im sinnfreien Parlieren den männlichen "Vorbildern" angepasst hat. Ihr Charme-Faktor ist allerdings bedeutend höher. Meine Wohlfühltaste (mute) hilft aber bei allem. Früher, als ich noch einen Videorecorder besaß, habe ich diese 2 Stunden aufgenommen, und dann kam der "SCHNELLE VORLAUF" zu seinem Recht.

    Aber wie das so ist mit Gewohnheiten, Samstags 18-20 Uhr ist Sportschau angesagt, selbst dritte Liga ist dabei. Übrigens bin ich sehr gespannt, wie sich der Frauenfußball dort macht. In der Blüte des Frauenfußballs, als der MSV Duisburg (hieß damals anders), gespickt mit Nationalspielerinnen (Inka Grings!), die Liga beherrschte, war ich oft im Stadion. Sehr wohltuend die insgesamt faire Art, wenige Fouls, alles so, wie es jetzt bei der EM zu besichtigen war. Und die Spielerinnen sehen auch deutlich besser aus als ihre totaltätowierten männlichen (darf ich jetzt Primaten schreiben?). Das einzige Manko: die Schiedsrichterinnen...

    Das Problem ist bei Spitzenkräften, dass sie in der Wirtschaft, Politik und bei den Medien überhaupt nicht nach Leistung bezahlt werden, denn diese Leistung ist oft gar nicht messbar. Es wird der Job bezahlt, und zwar so, dass der Rang entsprechend vergütet wird. Dazu kommen noch Nebenleistungen wie Häuser und Dienstwagen. In der Soziologie spricht man daher vom Neo-Feudalismus.

    Hier in meiner Heimatstadt Mülheim an der Ruhr gibt es in der städtischen Verwaltung jede Menge "Führungskräfte", bei denen nicht die Person, sondern der Rang bezahlt wird. Die meisten dieser Ränge liegen im Gehalt höher als der Bundeskanzler. Das Ergebnis ist oft: konzentrierte Inkompetenz und immense Schulden.

    95. Ich war ein Mondkrater


    Irgendwoher hatte ich eine Karte, aus der ein Ausschnitt aus einer Mondkarte zu sehen ist. Die großen Ebenen heißen meist "Mare" (z.B. mare tranquillitatis), die kleineren Krater daneben bilden mit ihren Namen die europäische Kulturgeschichte ab. Russen sind relativ selten, aber vielleicht gibt es demnächst einen Putin-Krater, wobei man nicht hoffen sollte, dass der durch eine russische Rakete mit Putin drin verursacht werden wird.

    In meiner Schulzeit war ich Mitglied der Theatergruppe, die einer der wenigen netten und kompetenten Lehrer leitete und die in Düsseldorf großes Ansehen genoss. Mein erstes Stück war "Das Wintermärchen" von Shakespeare, ein wunderbares Stück, leider wenig bekannt. Dauer 4 Stunden - wir alle kannten fast den ganzen Text, auch den der anderen Rollen.

    Im ersten Teil ist es ein Drama um Eifersucht und Verbannung, im 2. Teil eine Burleske mit endlich einer märchenhaften Versöhnung. Die Burleske spielt im Bauern- und Schäfermilieu und hat einen liebenswerten Gauner, der alle betrügt und alle unterhält. Dieser Gauner war ich - bei Shakespeare heißt er Autolycus ; besonders den Mädchen Mopsa und Dorcas hat er es angetan.

    Was sehe ich auf der Mondkarte? Einen Krater Autolycus!


    Nachtrag: Der Planet Uranus hat 27 Monde, die fast alle Namen aus Shakespeare-Stücken haben; das "Wintermärchen" ist mit "Perdita" auch dabei. Im Internet gibt es alle Einzelheiten.

    Das Preis-Leistungs-Verhältnis im Profi-Fernseh-Fußball ist doch katastrophal, wie gestern bei Deutschland-Ungarn zu besichtigen war. Es ist übrigens nicht so, dass die Spieler so schlecht sind. Sie sind heute derart athletisch, dass sie fast jeden Angriff sofort zerstören können, und das bis zur letzten Minute. Ich seh mir lieber Bezirksklassen-Fußball an, dazu mit einem kleinen Jungen, der selbst dort spielt, in der Pause gibt es Bier (nur für mich) und Bratwurst. Was will man mehr!

    John Sheppard (1515-1560) wird den wenigsten bekannt sein. Er lebte und komponierte in England zur Zeit Edvard VI, dem Vorgänger Elisabeth I


    Die Darbietung von Stile Antico ist hingegen lebendig, abwechslungsreich, kontemplativ, reich an Struktur, Textur und Farbe. Ein Merkmal der Sängerinnen und Sänger von Stile Antico ist, dass sie in ihrem Gesang aufeinander eingehen. Wer sie schon live erlebt hat, wird bestätigen, dass sie in Live-Auftritten musikalisch kommunizieren, was den Genuss erhöht und zum Verständnis der Musik beiträgt.

    Ich habe einiges von Sheppard gesungen, er wird tatsächlich unterschätzt wie einige andere englische Komponisten in dieser Zeit. Englische Chöre singen aber regelmäßig auch die unbekannten Werke.

    Was moderato über die Art und Weise der Kommunikation sagt, gilt für die meisten der Ensembles der Alten Musik; bei Ensembles, die ohne Dirigenten auftreten, ist das besonders auffällig. Ich denke etwa an Voces8, die hier einen eigenen thread (Michael Müller) haben. Aber auch Ensembles, die formal einen Leiter haben, spielen allein, wobei der Leiter manchmal nur den Startschuss gibt oder mit dezentem Kopfnicken reagiert.

    Zunächstmal danke für diese Übersicht. Das Forum ist doch besser aufgestellt als ich dachte. Auch sind ein paar für mich neue Ensembles dabei.


    XX: schreibt sich Stile Antico (im thread aber korrekt)

    Ich möchte folgende Ensembles hinzufügen, aber ohne die threads zu bedienen, weil diese Ensembles alle in meinem Schreibtisch vorkommen (HörBar und Mille Regretz).

    Voces8 (hat einen eigenen thread, Michael Müller)

    Tenebrae (mit Voces8 wohl das beste Ensemble im Moment)

    Apollo´s Fire (Cleveland, Ohio)

    Vox Luminis (Lionel Meunier, Belgien)

    Gli Angeli Genève (Stephan McLeod)

    Tallis Scholars

    The Sixteen

    Ich habe jetzt ein kleines Video gesehen: die Queen beim Tea mit Paddington. Der schien mir als Nachfolger sehr geeignet. Allerdings hat Paddington nicht so eine attraktive Frau wie jener III.

    Ich kenne die Minimal Music schon lange. Das erste Stück war Satyagraha, danach Echnaton (beide von Philipp Glass), die ich auch auf CD habe und ab und zu höre. Einstein on the Beach habe ich im vorigen Jahr in Essen gehört, allerdings nur kurz. 20 Wiederholungen sind gut, aber 500? Die Leute haben reihenweise den Saal verlassen, ich darunter.

    Schöne Sachen gibt es bei Steve Reich, besonders Music for 18 Musicians. Wie WolfgangZ es sagt, bin ich eher ein Fan von Steve Reich. Aber insgesamt ist es doch eine Mode, die vorübergeht oder sich wandelt, etwa bei John Adams, dessen Harmonielehre ich ab und zu höre.

    Minimal Music nicht direkt, aber doch Elemente davon scheinen mir auch in der Klassik aufzutauchen, etwa bei Bach und Händel und auch in der italienischen Barockoper mit ihren endlosen Koloraturketten. Z.B. das Vorspiel zum ersten Chor der Johannespassion (Herr, unser Herrscher...). Auch bei Janacek hatte ich solche Wiederholungen gefunden, die sind mir im Moment nicht präsent.

    Ungeschriebene Beiträge von Dr. Pingel


    1. "John Cage" ist ein wiederbelebter thread, indem es vor allem um die "Komposition" 4' 33'' geht.

    2. Ein ebenfalls neu aufgelegter thread fragt nach den Komponisten mit den schönsten Melodien.

    Bei 1 habe ich mich in die Nesseln gesetzt und die Komposition zu einem Gag erklärt, bei 2 habe ich mich mit Janacek gar nicht erst beteiligt, obwohl natürlich das "Füchslein" die wunderbarsten Melodien enthält.

    Jetzt habe ich die Antwort gefunden, die beide Themen zugleich umfasst: Die schönsten Melodien enthält 4'33'' von John Cage.

    3. Die Lieblings-Zwölftonwerke der Taminos: Pingel´s Antwort: Keine.



    Ich löke mal wider den Stachel. Ich empfinde die meisten der Beiträge hier als Mystifizierung.

    1. Ein Gedankenexperiment. Ein Pianist, der nicht weltbekannt ist, kündigt innerhalb eines Klavierprogramms am Schluss eine eigene Komposition an und nennt sie 4' 33'' und nichtspielt sie wie vorgesehen. Reaktion: Stille? Subtilität? Yoga? Buddhismus? Doch wohl eher - und zwar schon während des Stücks - Gelächter, Pfiffe, Türenknallen, was sich steigert, als der Pianist sein Stück erklären will. Danach erklärt er, das Stück sei gar nicht von ihm, sondern von John Cage. Den kennen von 500 Zuhörern gerade mal drei, daher geht alles im Getöse unter.

    2. Ein Konzertraum ist normalerweise für längere Stille nicht geeignet.

    3. Mein wichtigstes Argument: Es handelt sich um einen Gag. Um die von John Cage angestrebte Absicht zu erkennen, muss man entweder eine Einführung haben oder im Programmheft nachlesen. Die Pointe ist nicht selbsterlärend.

    4. Wie in der Comedy wirken auch in der Kunst Gags meist nur einmal.

    5. moderato zitiert die Wirkung einer Generalpause. Das ist 4'33'' absolut nicht. Generalpausen finden wir in "Sind, Blitze, sind Donner..." (Bach) oder in Händels Messias.

    Mit Corboz verbinde ich eine nach der "nicht haltbaren" Leppard-Wiederbelebung Cavallis die erste richtig gute Aufnahme von "Ercole amante", für den französischen Hof geschrieben. Es ist in punkto Orchester noch eher traditionell, aber hat gute Sänger (Ulrik Cold mit einem Bass, der auch richtig bassig klingt). Diese Ausgabe habe ich nirgendwo gefunden, aber ich habe sie noch. Nach deinen Informationen scheint sie in der Box nicht enthalten zu sein.

    Es gibt zwei neue Einspielungen, von denen ich nur die von Raphael Pichon im TV gesehen habe, die sehr gut ist.

    Irgendwo habe ich dazu was geschrieben, weil das hier kein neuer Eintrag ist. Noch eine Bitte: das sind Aufnahmen aus prachtvollen Kirchen, da wüsste ich gerne, wo die stehen.

    Als gebürtiger Dortmunder muss ich da doch widersprechen. Das Konzerthaus ist kleiner als die Kölner Phil (500 Plätze weniger) und von der Akustik eher trocken. Bei eher kammermusikalischen Veranstaltungen wird der Hörerraum verkleinert (dann nur noch 990 Plätze), das passt auch ganz wunderbar zu der Stimmung.


    Ich finde allerdings schon, dass solche Musik mit ihrer Magie eher in Kirchen gehört.


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Ich verstehe gut, dass man seine Stadt verteidigt. Aber die Zahlen, die du nennst, sind nicht entscheidend. Das Konzerthaus hat keine architektonische Idee, es ist ein großer Schuhkarton, ob da jetzt 2000 oder 900 Leute sind. Aber wie gesagt, das ist jetzt nur eine emotionale Aussage, nicht mehr und nicht weniger.

    Dein letzter Satz hat mir gut gefallen, ich glaube auch, dass das die Grundlage meiner Ablehnung war.

    Peter Tschaikowski ist in meiner Rezeption eine völlige Randerscheinung. In meiner Jugend habe ich mich (recht schnell) an seinem ersten Klavierkonzert sattgehört.

    Tschaikowski erstes Klavierkonzert habe ich nur einmal in Düsseldorf gehört, mit Tzimon Barto. Furchtbarer als das Klavierkonzert war nur, dass der Pianist zwischendurch immer eigene Gedichte vortrug. Schlimmer als Tschaikowskis erstes Klavierkonzert fand ich nur Rach 3. Als es in Duisburg gespielt wurde, wollte ich raus, aber der letzte Satz war attaca, da habe ich mich nicht getraut. Vor Jahren war in Düsseldorf Hilary Hahn zu Gast, sie spielte das Violinkonzert von Strawinski. Nach der Pause waren Tschaikowskis Rokokovariationen dran. Am Ausgang trafen Hilary Hahn und ich zusammen und parlierten ein paar Takte in Deutsch und Englisch. Mit einem Autogramm ging ich dann stante pede in die Altstadt.

    Allerdings muss ich sagen, dass seine drei Streichquartette mit die schönsten sind, die ich kenne.

    Großartig - habe mir gleich ein Ticket gesichert.

    Ich hab das mal angeklickt. Ich habe mich dann gegen ein Ticket entschieden, aus einem Grund, den ihr vielleicht anmaßend findet, der für mich aber zählt. Das Konzerthaus Dortmund ist für mich ein hässliches und viel zu großes Gebäude, wo die Diskrepanz zur Musik, wie Savall sie spielt, ziemlich groß ist. Alte Musik in der Kölner Philharmonie und in der Essener geht ganz wunderbar, sowohl vom Ambiente wie vom Klang und natürlich besonders vom teilnehmenden Publikum. Das wird natürlich in Dortmund auch ohne mich ganz toll sein!