Beiträge von Dr. Pingel


    Außer meinem absoluten Lieblingsspruch "Nichts ist so satirisch wie die Wirklichkeit" (Karl Kraus) liebe ich die amerikanischen, besonders pragmatischen Sprüche:


    You get what you pay for


    There is no such thing as a free meal


    We will cross the bridge when we come to it


    You can take a horse to the water but you cannot make him drink

    Auf diese Aufführung bin ich gespannt, denn den direkten Henze (außer Boulevard Solitude) liebe ich nicht so (etwas langweilig), aber seine Bearbeitungen sind toll. So beistze ich eine Salzburger Aufnahme der Bearbeitung des Monteverdi - Ulisse unter Jeffrey Tate, fast besser als das Original. Vor Jahren lief in Gelsenkirchen (MIR) eine grandiose Paisiello - Bearbeitung mit einer echten Bergmannskapelle, also, das kann er!


    LG


    :hello:

    Lieber Wolfram,


    ich bin absolut begeistert über diesen Beitrag. Als ich zum ersten Mal diese Musik hörte (lieber Steve Reich als Philip Glass, dessen Opern ich aber sehr schätze), war ich völlig fasziniert davon und habe mir viel davon besorgt. Es schien mir ein Ausweg zu sein aus der Sackgasse, in der die Musik in Deutschland durch Witten und Donaueschingen geraten war (siehe meinen Beitrag "Fraktale 11" hier im Forum unter "Feuilleton und Satire").
    Diese Musik hat eine ungeheure Sogwirkung, wie sie ja gerade vom Immergleichen, aber Immerverschiedenen ausgeht: Parallelen dazu sehe ich, wenn man am Feuer sitzt oder am Meeresufer: immergleich und immeranders. In meiner Zeit als Lehrer habe ich Teile von Steve Reich einer Oberstufengruppe vorgespielt, mit faszinierendem Ergebnis. All die Schlager-, Rock- oder Jazzfuzzies waren bereit, sich auf diese Musik einzulassen, manche gerieten in eine Art von Trance. Heute ist es unter Musikkritikern beliebt, die Wiederholungen zu diskreditieren, aber ohne diese Wiederholungen gäbe es die ungeheure Sogwirkung nicht.
    Vor Jahren habe ich in Düsseldorf das Gastspiel des San-Francisco-Symphony-Orchestra erlebt, unter der Leitung von Michael Tilson Thomas. Ihr erstes Stück: "My Father Knew Charles Ives" von John Adams. Das gibt es zum Glück inzwischen auf CD; auch die "Harmonielehre" von John Adams kann ich sehr empfehlen.

    Ich möchte an dieser Stelle 2 Bücher von Johanna Fiedler vorstellen, deren eines noch unterwegs ist. Johanna Fiedler ist die Tochter von Arthur Fiedler, dem legendären Dirigenten des "Boston Pops Orchestra". Diese Geschichte hat sie in dem oben erwähnten Titel beschrieben - der ist unterwegs zu mir. Das andere Buch aber ist für alle Opernfreunde, die sich für die MET interessieren, ein Muss. Es heißt "Molto agitato" und beschreibt die MET vor allem hinter den Kulissen bis 2003, also bis zu Joseph Volpe. Johanna Fiedler hat 15 Jahre an der MET gearbeitet und kennt sich aus. Zudem kann sie lebendig und witzig schreiben - es ist also kein wissenschaftliches Buch, sondern ein im besten Sinn populäres. Es ist preiswert bei amazon zu haben - allerdings nur auf englisch, jedoch nicht allzuschwer. Ich bin auf dieses Buch aufmerksam geworden, weil im NEW YORKER ein Auszug daraus zu lesen war - nämlich die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der Sopranistin Kathleen Battle. Battle heißt auf deutsch "Die Schlacht", und diesem Namen machte die Sängerin alle Ehre. In einer Figaro - Produktion sang sie Susanna, Carol Vaness die Gräfin. Da im Figaro die Gräfin als leading soprano galt, wurde Vaness Garderobe Nr. 1 zugeteilt. Battle kam, fand, sie sei soprano 1 und schmiss in Abwesenheit von Vaness deren Garderobe einfach auf den Flur und besetzte das Terrain. Das Garderobenpersonal behandelte sie wie den letzten Dreck. Die Premiere kam, sie sang die Rosenarie an der Rampe, in strahlendes Licht getaucht - dachte sie. Kein Scheinwerfer, die Arie im Dunkel. Der Chefbeleuchter war mit der Chefgarderobière verheiratet. Alle hinter der Bühne feixten. Nach einer Vorstellung in Japan sagte Vaness nach dem Applaus zu ihr, dass sie ihren Manager angewiesen habe, dass sie nie wieder mit ihr zusammensingen wolle, da sie "the most horrible collegue" sei, den sie je erlebt habe. An Christian Thielemann, der damals zum ersten Mal den Rosenkavalier dirigierte, in dem sie die Sophie sang, biss sie sich die Zähne aus, da er darauf bestand, dass seine Tempi gelten würden, nicht ihre. Endlich, nach vielen Szenen, konnte auch ihr Gönner, James Levine, sie nicht mehr halten, Joseph Volpe feuerte sie, was in der MET ein ungeheuerlicher Vorgang war, denn im Falle von Differenzen verschwanden die Sänger still in der Versenkung. Der Jubel ob dieser Tat war ebenfalls ungeheuer, nicht nur an der MET, bei ihrer Plattenfirma knallten bei den Angestellten die Sektkorken. Danach ging es mit ihrer Opernkarriere schnell bergab.


    Fazit: ein amüsantes, lesenswertes Buch, in dem man viel über die Oper und ihre Mitwirkenden erfährt.

    Einen tollen Opernstoff würde doch "Der tolle Tag" von Beaumarchais abgeben, dass da noch keiner drauf gekommen ist. Die Oper könnte heißen: "Liebe und Revolution".

    Eine der subtilsten Opern überhaupt. Die hier wiedergegebenen Kritiken zeigen auch, dass fast jede Aufnahme ihren Reiz hat. Darüber möchte ich hier jetzt nicht sprechen, sondern über ein einmaliges Erlebnis berichten. Vor langen Jahren wurde im Schlosstheater Moers (eine sehr kleine, aber gute Bühne, die es immer noch gibt) "Pelleas" in der Original - Sprechfassung von Maurice Maeterlinck gegeben. Eine gute Inszenierung - aber ich bin tausend Tode gestorben, weil mir die Musik so fehlte und ich sie im Kopf mitsingen musste (jedenfalls an die Sachen, an die ich mich erinnerte). Am nächsten Abend gab es Düsseldorf "Pelleas" von Debussy, und um 23.00 war meine Welt wieder in Ordnung. Da dachte ich: was sind wir Opernfreaks für Glückspilze gegenüber den Menschen, die "nur" ins Sprechtheater gehen, welche reichere Welt steht uns zu Gebot!

    danke für den Hinweis. Muss ich gleich in meinem Archiv korrigieren. Nebenbei die Königskinder (auch Hänsel + Gretel) sind mir lieber als alle Opern von R. Strauss. Die Studioaufanahme unter Wallberg finde ich orchestral überhaupt nicht gelungen. Luisi ist viel besser.


    :hello:

    Ich besitze von dieser Oper zwei Versionen, die von Wallberg und die von Luisi. Man müsste sie wirklich zusammenwerfen, das Orchester von Luisi und die Sänger von Wallberg. Letztendlich erscheinen mir da die Sänger doch wichtiger, und da fallen Luisis Sänger doch ziemlich ab. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Königskinder ein absolutes Meisterwerk sind. Ich kannte Hänsel und Gretel gut, aber als ich die Königskinder hörte, wollte ich kaum glauben, dass sie noch besser sind. Vor einigen Jahren wurden sie in Hagen gegeben in einer ganz vorzüglichen Aufführung, in der der Kinderchor alles überragte!!

    Vielen Dank für diesen thread. "Die schöne Magelone" gehört zu meinen Lieblings- Liedzyklen, allerdings bevorzuge ich auf jeden Fall die vollständige Fassung mit dem wunderbaren romantischen Text. Da sieht es dann mit den CDs schlecht aus: Fischer-Dieskau und Richter sind musikalisch vollommen, aber es fehlt die Geschichte. Die von Alfred zitierte CD mit Holzmair kann ich nur sekundär beurteilen: Holzmair hat das Stück (gelesen hat H.G.Heyme) zur Wiedereröffnung des Grillo-Theaters in den 80ern gesungen, was mir gar nicht gefiel. Die Stimme Holzmairs ist nicht sehr ausgeprägt; was mich richtig stört, ist sein ungeheures Tremolo, wovon ich nicht weiß, ob er das noch hat. Erfolgreich zu sein scheint er, denn er bekam in diesem Jahr (Hinweis im "New Yorker") eine große Rolle an der MET, leider habe ich vergessen, in welcher Oper.

    Dritter Teil
    HOCHZEITSSTÜCK


    Im Schloss hoch auf dem Felsen wird gefeiert. Pauken und Trompeten sorgen für Stimmung. Die Ritter sitzen vor ihren Bierkrügen, die Damen tragen kostbare Garderobe und prunken mit edlem Geschmeide. Was bedeutet der fröhliche Schall und weshalb leuchtet der Königssaal so festlich? Die Königin hält Hochzeit mit dem Rittersmann, der ihren Stolz gebrochen und ihr die gewünschte Blume gebracht hat. Der König kann sich nicht so recht ergötzen und nimmt die geladenen Gäste nur oberflächlich wahr. Selbst die Königin kann dem Prinzgemahl kein Lächeln abgewinnen. Warum ist er so bleich und stumm? Was geht ihm nur im Kopf herum? Vielleicht kann der Spielmann, der zur Tür hereinkommt, ihn aufheitern. Nach einem melodischen Präludium singt der Knochen seine gewohnte Schauerballade, die den Gästen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der König versucht in frechem Hohn, die Situation herunterzuspielen und setzt nun selbst die Flöte an die Lippen. Der Knochen beschwert sich: „Ach Bruder, liebster Bruder mein, du hast mich doch selbst erschlagen. Jetzt spielst du auf dem Totenbein, darüber muss ich klagen.“ Es ist schon erstaunlich, dass der ausgebleichte Körperbestandteil sich an keinen abgespeichert Text hält, sondern in der Lage ist, nach eigenem Ermessen eine Variation vorzutragen. So weit ist die Technik von heute mit ihren Tonabspielgeräten noch nicht. Die Gäste sind völlig verstört, und wer schreckhaft veranlagt ist, flieht aus der Burg. Die Königin liegt malerisch hingestreckt auf dem Parkett und am kalten Büffet bedienen sich die Raben.

    Ich habe ein Problem mit der Logik der Erzählung, vielleicht kann mir jemand auf die Sprünge helfen. Die Hochzeit findet statt, und der Spielmann spielt auf dem Knochen des Ermordeten bei der Hochzeit. Wie aber kann beides gleichzeitig sein, wenn doch der Tote erst verwesen musste, was doch ein paar Jahre dauert? Oder hat die Königin so lange gewartet? Schwer vorstellbar. Irgendwie kann ich mir keinen Reim drauf machen.

    Ich habe diesen Thread überflogen und bin dankbar für die vielen Plattenempfehlungen. Ich möchte hier einmal zwei ganz andere Facetten beleuchten. Noch schöner als Schütz hören ist - Schütz singen, am besten in einem kleinen, gut trainierten Chor (das ist jetzt keine Kritik an denen, denen das nicht gegeben ist, sondern eine Beschreibung des Glücks, das einen beim Schütz-Singen widerfährt). Schütz komponiert genau auf den Text und deutet ihn aus - was man von Bach nicht immer sagen kann. Jeder, der die Bach - Motetten gesungen hat, weiß, wie schwer sie sind, vor allem, weil Bach die Sänger wie Instrumentalisten behandelt. Das tut Schütz nicht. Er ist vom Technischen her nicht schwer zu singen. Aber die Klangrede zu treffen und das ganze Stück differenziert und trotzdem prachtvoll (Venedig!) erklingen zu lassen, ist eine Kunst, die nicht jeder Chor, auch nicht jeder professionelle, beherrscht. Das zweite: Schütz komponiert so gut auf den Bibeltext, dass sich bei mir von meiner Kindheit an sehr viele Bibeltexte sofort mit Schütz - Melodien verbinden.


    Meine schönste Schütz - Erfahrung: die Aufführung der "Musikalischen Exequien" (mit Orgel als Continuo), in der wir (damals 18 Sänger) auch alle Solopartien selber gesungen und damit eine wunderbare Geschlossenheit erreicht haben.

    Es ist ja wohl doch eher ein Liedzyklus - dramatisch und subtil wie die "Winterreise", mit der man den Zyklus durchaus vergleichen kann. Trotzdem finde ich den Titel "Janaceks 10. Oper" so treffend, dass ich bedaure, dass ich nicht drauf gekommen bin. Ich besitze folgende Aufnahmen: Benno Blachut (Supraphon, nicht empfehlenswert, da die Stimme Blachuts doch zu rauh und undifferenziert ist, was auch seine Mitwirkung in den Janacek - Opern trübt), Nicolai Gedda (hier schon erwähnt, eine sehr gute Aufnahme), Peter Schreier (er singt auf deutsch, was vielleicht auch einmal gut zu hören ist, um die Texte zu verstehen. Schreier singt sehr intensiv, und seine Textverständlichkeit ist fabelhaft). Hier noch nicht erwähnt wurde eine Aufnahme mirt Philip Langridge, Brigitte Balleys (Alt), Frauen des Rias-Kammerchores, Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado. Dies ist eine grandiose Bearbeitung, in der das Klavier durch das Orchester ersetzt wurde. Da ich die Aufnahme aus dem Radio habe, weiß ich die Namen der Bearbeiter nicht. Ich glaube, die Aufnahme ist vergriffen (DG). Von allen Interpretationen ist dies mir die liebste, weil sie die größte Wucht von allen hat. Hier trifft der Titel "Janaceks 10. Oper" absolut zu.

    Empfehlen kann ich auch eine Aufnahme aus dem Jahre 1961, die von dem Deller Consort unter der Leitung von Alfred Deller in der Stiftskirche in Fröndenberg aufgenommen wurde. Sie ist bei der deutschen harmonia mundi im Jahr 1988 erschienen und enthält u. a. auch noch zwei vierstimmige Organa von Perotinus Magnus (Lebzeit von ca. Mitte des 12. Jahrhunderts bis zu Beginn des 13. Jahrhunderts), was den Vorteil hat, dass ein direkter Vergleich der beiden Komponisten die (rasante) Entwicklung in der Vokalmusik ab dem 12. Jahrhundert verdeutlicht.


    Mignon :hello:


    Diese Aufnahme ziehe ich allen anderen vor, weil sie von einer ungeheuren Expressivität ist, die mir bei den Hilliards, obwohl ich sie schätze, oft fehlt. Einen Teil der Deller-Aufnahme habe ich einmal einem Musikfreund vorgespielt, der sich in Alter Musik überhaupt nicht auskennt. Er hielt es für - Strawinski! Auf dem Kirchentag in Köln (ich glaube, das war 1965) wurde die Messe von Deller und seinem Ensemble live aufgeführt - unvergesslich. Die Perotinus-Platte vom Hilliard-Ensemble gefällt mir übrigens besser als die Messe, aber auch hier ist die Deller-Version ausdrucksstärker.

    Habe die Übertragung bis jetzt im TV verfolgt. Inzwischen ist mir so kotzübel schlecht geworden, dass ich die Kiste ausmachen muß, weil es nicht mehr zu ertragen ist.

    Ich habe es nach Jonas Kaufmann ausgemacht. Ich habe von dem Stück ( Arie aus "Arlesiana" von Cilea) eine Aufnahme mit Francisco Araiza zu seinen besten Zeiten: zwischen ihm und Jonas Kaufmann sind Welten. Vor allem wurde mir jetzt klar, was ich an Jonas Kaufmann nicht mag: mir ist sein Tenor zu schwer, zu baritonal. Das war mir schon bei der Arie des Sängers im Baden Badener "Rosenkavalier" aufgefallen. Ich glaube, dass sein Stern bald sinkt. Aber ich bin mir völlig im Klaren, dass es hier um Geschmacksurteile geht

    Ich besitze die CD mit A.S. Mutter und A. Weissenberg, die mir gut gefällt. Aber ich habe eine Aufnahme aus dem Radio von der 3. Sonate mit Gidon Kremer (Pianist ist mir nicht gewärtig), die mir sehr viel besser gefällt. Hat jemand mit Gidon Kremer weitere Erfahrung?

    Trotz Aufforderung eines Mitglieds zu Anfang des Jahres finden sich in diesem thread doch wieder fast nur Opernsänger. Ich möchte daher an einige Sänger erinnern, die unglaublich gute Sänger alter Musik waren - allerdings vor der Alte-Musik-Bewegung. Diese Reihe (ich kann mich leider an den Namen nicht erinnern) war beim WDR angesiedelt - Schütz und Bach waren die wichtigsten Komponisten. Als Tenöre nenne ich Hans-Joachim Rotzsch (später Thomaskantor und als solcher wegen entdeckter Stasi-Mitarbeit entlassen, was mich sehr getroffen hat) und Georg Jelden, der dann zum Bariton mutierte (von ihm habe ich eine sehr hörenswerte Winterreise). Vor allem aber gab es einen Bass, mit einer samtweichen Fülle und Tiefe, wie ich sie nie wieder gehört habe: Eduard Wollitz (er war, glaube ich, an der Krefelder Oper beschäftigt und hieß eigentlich Eduardo Wollitz). Zum Glück habe ich einige alte Aufnahmen von ihm digiditalisieren können. Er singt z.B. den Jesus in den "7 Worten" von Schütz, so schön habe ich das nie wieder gehört.

    Den hier anvisierten 85. Geburtstag wird Sir Charles nicht mehr erleben, ich entnehme der WAZ vom 16.Juli, dass er (dann wohl am 14. oder 15.) gestorben ist. Er wird für mich immer der bewunderte Experte für meinen Lieblingskomponisten, Leos Janacek, bleiben, und ich werde zu seinem Angedenken noch einmal alle seine Janacek - Operneinspielungen auflegen.

    Zitat

    Original von WotanCB
    Ok, ich kann verstehen, dass die Oper bei dir gemischte Gefühle hinterlässt, aber warum das auf den Komponisten schieben? Verdi und Tschaikovsky vergleichen ist wie der berühmte - völlig überflüssige - Vergleich von Äpfeln und Birnen.


    Mit dem Vergleich von Tschaikowski und Verdi habe ich mich etwas vertan, in dieser Weise kann man Komponisten so nicht vergleichen, da muss ich dir, Wotan, zustimmen. Ich wollte eigentlich auf etwas anderes hinaus.
    Zunächst kann man Äpfel und Birnen doch vergleichen, wenn man die einen mag und die andern nicht. Tschaikowski ist aber für mich normalerweise: saure Zitronen, wobei ich seine Streichquartette ausdrücklich ausnehmen muss. Umso überraschter war ich in Düsseldorf, wie gut mir der "Onegin" streckenweise doch gefiel, etwa das einleitende Duett der beiden Frauen (toll Nataliya Kovalova und Geneviève King, einer der Höhepunkte der Oper gleich am Anfang); manches erkannte ich aus früheren Wunschkonzerten wieder (bei Sami Luttinens Gremin hatte ich Mühe damit). Umso enttäuschter war ich dann eben doch von vielen dramatischen Szenen, etwa der Schlussszene. Hier schien mir der Komponist etwas zu versuchen, dem er nicht gewachsen war. Heute habe ich zu diesem Thema noch ein paar interessante Bemerkungen im Programmheft gefunden. Da schreibt Redakteur Sven Maier auf S. 26: "Tschaikowski reiste wutentbrannt nach der deutschen Erstaufführung in Hamburg 1892 nach Paris ab, da ihm zunehmend deutlicher wurde, dass das als intimes Kammerspiel konzipierte Werk zur opulenten "Grand Opéra" konvertierte."
    Das ist genau der Punkt, den ich meine, nur dass Tschaikowski an diesem Dilemma selbst schuld ist, denn er hat es ja nur teilweise als Kammerspiel und durchaus teilweise als große Oper komponiert, und dieses Missverhältnis hat mir nicht so gefallen. Ich besitze übrigens von dieser Oper eine DVD, einen Mitschnitt von der MET, deren Anfang ich gesehen habe und der sehr stimmungsvoll war.


    Ein kleines Nachwort sei mir gestattet. Ich weiß nicht, ob es einen thread zu Programmheften gibt (gibt es bestimmt), aber ich finde, dass bei der DOR beim Programmheft das Preis- Leistungsverhältnis nicht stimmt. 4 € finde ich viel, vor allem, weil in diesen Programmheften viel Unwichtiges oder Abseitiges steht (Onegin S. 18, Elfriede Jelinek). Gelsenkirchen hat ein einfaches, informatives und - kostenloses Heft, das geht auch.
    Noch eine Information für Besucher der DOR: der Intendant hat angeordnet, die Abendspielzettel mit der Besetzung nach Vorstellungsende auszulegen, die kann man sich da kostenlos mitnehmen.



    Was hier über die Inszenierung gesagt wurde, kann ich nach der gestrigen Aufführung (12.7.) nur bestätigen: gruselig. Dauernd die blöden Einfälle: warum muss denn Lenski sich selbst erschießen? Das nimmt doch diesem Tod die Pointe! Und die Briefe an die Bäume pappen? Was bringt das für einen Erkenntnisgewinn? Dann müssen die Schwestern stundenlang auf der Szene hocken, in der sie gar nicht vorkommen. Der einzige Einfall, der mir gefiel, war der, dass der Chor zur Ballettmusik n i c h t getanzt hat. Anders als die Taminos hier war ich mit den Sängern z.T. unzufrieden. Natliya Kovalova ist grandios, aber ich könnte mir die Tatjana auch mit weicheren Zügen, auch stimmlich, vorstellen. Dunaev war gut, aber nicht überragend. Die Stimme vom Onegin (Pautienius) mochte ich wegen eines leichten Knödelfaktors nicht so, in Gelsenkirchengibt es mindestens 3 bessere Baritone. Überragend neben der Kovalova war Geneviève King, die ich vorher noch nie gehört hatte; was für ein toller schwarzer Alt. Die übrigen Rollen waren z.T. mit Sängern besetzt, die schon seit ewigen Zeiten in Düsseldorf singen, was man leider auch hören konnte, so z.B. Cornelia Berger, Nassrin Azarmi und besonders Sami Luttinen, den ich nach dieser Vorstellung in Zukunft meiden muss. Hans Peter König hat leider den Gremin nicht gesungen.
    Die Oper selbst hinterlässt bei mir gemischte Gefühle, da es sich um eine lyrische Oper in der Verpackung einer grande opéra handelt, wobei die lyrischen Teile sehr viel besser sind. Der Schluss ist unmöglich, das konnte Verdi besser.

    Es wird ja keinen wundern, dass ich als Dr. Pingel ein Befürworter eines sorgfältigen Textes bin, und damit unbedingt für gute Rechtschreibung und auch für Zeichensetzung. Die Regel für ß und ss ist übrigens sehr einfach: nach kurzen Vokalen ss, nach langen ß (wobei zusammengesetzte Buchstaben wie ei, au, oi usw. immer als lange gelten).
    Im Englischen gibt es eine schöne Geschichte über fehlende Kommata:
    Ein Pandabär sitzt in einem Lokal. Dann passiert es: nach der Mahlzeit steht er auf, gibt einen Schuss ab und verlässt (ss!) das Lokal.
    Auf Englisch: "The panda bear eats, shoots, and leaves." Richtig muss es natürlich heißen (ei=ß): "The panda bear eats shoots and leaves" (der Pandabär frisst Sprossen und Blätter).

    Da es ja sonst keiner erledigt, muss ich es wieder machen: das Stück wird in einer gelungenen modernen Inszenierung in Gelsenkirchen gezeigt, ich glaube, am Sonntag zum letzten Mal. Die Sänger - wie immer in Gelsenkirchen - hauseigen und richtig toll. Ich kannte das Stück nur in Auszügen aus dem Wunschkonzert und weiß noch, wie gerne ich als gerade dem Stimmbruch entwachsener Jüngling "Als Büblein klein an der Mutterbrust" gesungen habe - einen größeren Gegensatz zum originalen Falstaff als mich konnte es gar nicht geben.
    Jahrzehnte verstrichen und immer waren andre Opern wichtiger, jetzt habe ich es zum Glück endlich mal gesehen. Die örtliche Kritik mäkelte an der Musik herum - aber es ist wie immer: man macht sich selbst ein Bild und findet es doch schön.
    Ich glaube, das Genre der deutschen Spieloper sollte wieder stärker gepflegt werden, damit ist vor allem Lortzing gemeint, dessen Wildschütz ein richtig tolles, ambitioniertes Stück ist.
    Noch nie ist es mir gelungen, eine meiner Lieblingsopern, "Der Barbier von Bagdad" von Peter Cornelius, zu sehen. Immerhin besitze ich drei Aufnahmen davon und freue mich sehr, dass es hier im Forum weitere Liebhaber gibt.

    Am nächsten Sonntag ist die letzte Vorstellung von Brittens Krönungsoper "Gloriana" in Gelsenkirchen, 15.00 - 18.00. Jeder Tamino, der moderne Oper liebt, Regietheater, wie es hier im Forum kritisiert wird, hasst, aber eine gute, moderne Regie schätzt, sollte sich das nicht entgehen lassen. Ich selber habe mir das Stück gestern angesehen, obwohl ich eigentlich einen anderen wichtigen Termin hatte, weil ich mir dachte, dass ich das nie wieder würde sehen können. Musikalisch war es eine Aufführung aus einem Guss, wie so oft in Gelsenkirchen (Schalke könnte sich daran mal ein Beispiel nehmen). Orchester, Dirigent, Chor, Kinderchor, eine große Solistenschar: alles tadellos. Namen will ich hier nicht nennen, es wird sie kaum jemand kennen. Eine Ausnahme möchte ich machen: die dänische Sopranistin Majken Bjerno, die schon die Marietta in der "Toten Stadt" gut gesungen hat, als Gloriana. Trotz einiger wobbles und manchmal etwas Schärfe in der Höhe hat sie diese Riesenpartie sängerisch wie auch darstellerisch grandios gemeistert. "Gloriana" ist für Menschen, die Britten und besonders seine Opern lieben, ein großer Zugewinn. Ich kannte die Suite aus dieser Oper, da Jonathan Darlington sie vor einigen Monaten in Duisburg gespielt hat. Die Musik der Oper ist noch besser. Einen Schluss wie in "Gloriana" habe ich in der Oper noch nie gehört: ein stiller, unbegleiteteter Chor. Dann Dunkel - und eine Minute Stille, wo sonst ja oft die manchmal nervende Raserei einsetzt. Danach großer, berechtigter Applaus - wir Ruhrgebietler lieben unser Musiktheater im Revier, und nicht nur dann, wenn wir Kulturhauptstadt sind.

    Ich habe den Concentus musicus in Wien 1965 selbst gehört und war begeistert, kannte damals aber schon die Capella Coloniensis aus dem Radio. Heute würde ich sagen - und hoffe, dass mich die Wiener und Berufswiener nicht in der Luft zerreißen - , dass sich der Concentus etwas überlebt hat; sein Klang ist mir inzwischen zu trocken, zu unsinnlich, auch überinterpretiert Harnoncourt sehr gerne. Es gibt neue Ensembles, die dem Concentus inzwischen überlegen sind. Ich denke an Anima eterna (Immerseel), Hesperion XXI (Jordi Savall), Academy of Ancient Music (Hogwood) und alle Ensembles von Herreweghe. Auch Harnoncourts Monteverdi-Interpretationen sind heute nicht mehr erste Wahl.
    Aber: alle diese neuen Ensembles stehen auf den Schultern von Riesen, und einer dieser Riesen war - Harnoncourt!!

    Zitat

    Original von zatopek


    Die Goldbergvariationen von J.S. Bach z.B.


    Die Goldbergvariationen von Glenn Gould heißen ja nicht umsonst auch "Gouldberg-Variationen". Die haben nichts mit dem Notentext zu tun. Sowohl in der frühen, wie auch in seinen späteren Aufnahmen ignoriert er die Angaben Bachs zu den Wiederholungen konsequent. Und seine Interpretation finde ich schlicht langweilig. :pfeif:


    Dem stimme ich total zu: nicht notengetreu und langweilig, vor allem wenn ich Murray Perahia dagegen halte.

    Noch einmal Prokofiew: Seine 1. Sinfonie, die sog. "klassische", ist eine Hommage an Joseph Haydn, uraufgeführt 1918. Ihr dritter Satz ist ein gemessener Tanz, "Gavotta" überschrieben.
    Dieses Stück zitiert der Komponist im 1. Akt (Nr. 16) des Balletts "Romeo und Julia" (1938). Dort heißt es "Gavotte, Abschied der Gäste".

    Zitat

    Original von der Lullist
    Von Cavalli sind 28 Opern überliefert.


    Die ich bisher gehört habe, waren alle wundervoll und bestätigen nur, das er im 17. Jahrhundert gefeiert wurde.


    Keine Ahnung wen Du meinst. :beatnik:


    Ich kann hier nur heftigst applaudieren. Ich besitze inzwischen so etwa 10 Cavalli-Opern und eine ist toller als die andere. Allerdings muss man sagen, dass es erst die neueren Aufführungen sind, wie etwa "La Calisto" unter René Jacobs. Die alten Aufnahmen unter Raymond Leppard, der immerhin Cavalli wieder entdeckt hat, zählen zur Hörfolter. Inzwischen haben es auch die Opernhäuser gemerkt und spielen ihn wieder. Manche Opernhäuser, die früher eine Cavalli-Serie begonnen haben, sind leider wieder davon abgekommen, wie die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf und auch Gelsenkirchen. Cavalli ist der große Melodiker des 17. Jahrhunderts, mich wundert, dass kaum ein berühmter Sänger seine grandiosen Arien im Programm hat.

    Zitat

    Original von Kurzstueckmeister


    Fux würde ich eher vor allem als Verfasser geistlicher Musik ansprechen. Siehe auch hier:
    Fux


    Danke, Kurzstueckmeister, für diesen Hinweis. Ich sehe, dass da bei Fux noch viel mehr zu entdecken ist, als ich bisher geschafft habe.


    Dem würde ich zustimmen. Die Musiker können nicht verbergen, wie wunderbar diese Musik ist, aber es wirkt sehr amareurhaft im schlechten Sinn. Die Aufnahmen von Lorenz Duftschmid (der ja Mitglied von Hesperion XXI unter Jordi Savall ist) sind sehr viel besser.