Beiträge von Dr. Pingel

    Ich habe am Karfreitag (2.4.) die Live-Aufnahme der Matthäuspassion unter Herrweghe (Philharmonie Köln) aufgezeichnet und höre sie seitdem dauernd. Ich habe das Werk selber schon gesungen, kenne jeden Ton, aber hier war es vollkommen neu und frisch: lebendig in den Tempi, mit atemberaubenden piani, mit einer perfekten Verbindung von Text und Musik. Zwei Chöre und zwei Orchester (jeweils 12 Musiker), getrennt aufgestellt, in der Mitte der zusätzliche Frauenchor für Choräle. Die Besonderheit: außer dem einzigartigen Evangelisten Christoph Prégardien kamen alle Solisten aus der Mitte des Chores, oder anders gesagt: alle Solisten sangen die Chorpartien mit, wobei man keinen der Solisten aus dem Chor heraushören konnte. Non plus ultra.

    Die Debatte über "Peter Grimes" habe ich mit großem Interesse gelesen; wie immer bei Tamino weiß man hinterher einfach alles. Und Harald Král hat natürlich wie immer und wie immer sehr löblich die Deutsche Oper am Rhein ins Spiel gebracht. Von Düsseldorf ist das Werk nach Duisburg gewandert und ist dort, wie immer, wenn es um Strauss oder Britten geht, vor allem vom Orchester eine Klasse besser geworden, was diesmal aber auch für die Solisten gilt. Die Inszenierung ist modern, ohne "Regietheater" zu sein, wobei die Lichtregie, die Choreographie des Chores und das Singen des Chores unglaublich gut waren. Eine perfekte Aufführung, die sicher bald wiederaufgenommen wird (Harald weiß das bestimmt) und die sich jeder Britten-Liebhaber ansehen m u s s , auch wenn er nicht pieter.grimes heißt. Lieber pieter.grimes, besonders hat mich gefreut, dass du bekannt hast, als Frau Jenufa zu heißen, bei mir wäre es eher noch Emilia Marty! Ich nerve hier ja alle ständig mit meinen Janacek-Preisungen, aber es ist so, dass man, wenn man Janacek richtig in sich aufgenommen hat, sehr viele andere Musik, besonders in der Oper, doch etwas herunterstuft.

    Ich finde diese Huldigung für Charles Mackerras wunderschön, aber es fehlt doch das für mich Wichtigste: Mackerras ist d e r Spezialist/ Experte/ Zauberer für Janaceks Opern. Praktisch alle seine Einspielungen sind bis heute d i e Referenzaufnahme der jeweiligen Oper (in der Titelrolle meist die jüngst verstorbene Elisabeth Söderström). Mackerras hat aber nicht nur die Referenzaufnahmen eingespielt, er hat auch für fast alle Janacek - Opern eine neue Notengestalt erarbeitet, die alle glättenden Bearbeitungen der Janacek - Schüler getilgt hat. Die gegenwärtige Janacek - Renaissance, nein, besser: die gegenwärtige Janacek-Blüte auf Europas Opernbühnen ist ohne ihn überhaupt nicht denkbar. Von den großen Opern gibt es auch eine preiswerte Box, die noch viel lohnender ist als die Box mit den Orchesterwerken (die natürlich toll ist). Hier möchte ich einmal einen Hinweis geben auf zwei Janacek - Opern, die selten gespielt werden, aber den großen bekannten Opern nicht nachstehen: "Osud" (Schicksal), hier hat Mackerras eine wunderbare englischsprachige Aufnahme mit der Welsh Opera produziert, ein Werk, das der "Jenufa" nicht nachsteht! Und "Die Ausflüge des Herrn Broucek". Diese Doppeloper (sie spielt auf dem Mond und im Mittelalter) hat - wer hätte das gedacht - nach dem "Rosenkavalier" die schönsten Walzer der Operngeschichte (soweit ich sie kenne).

    Ich finde die MET-Aufführungen oft sehr unausgewogen (letztes unrühmliches Beispiel: der Versuch von James Morris, Boris Godunow zu singen), bei der "Zauberflöte" konnte ich nicht zuhören, fuhr dann im Auto nach Hause und hörte noch den Schluss - das Orchester war gut, aber der hier öfter formulierte Spruch "die MET sollte sich einen neuen Chor besorgen" ist noch eine höfliche Mindestanforderung. Verglichen mit den Opernchören, die ich hier in Reichweite habe (Essen, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Krefeld, Hagen, Dortmund) ist dieser Chor der schrecklichste.

    Leos Janacek: DIE SACHE MERKOPULOS


    Emilia Marty
    (lebt seit 350 Jahren und kann nicht sterben) Angela Merkel


    Baron Prus (liebt Emilia, kann sie aber nur mit
    Geld bekommen) Helmut Kohl


    Albert Gregor (Emilias unglücklicher
    Liebhaber) Guido Westerwelle


    Kristina (einzige reine Seele) Sabine Leutheusser-Schn.


    Janek, Sohn von Prus (erschießt sich wegen
    Emilia) Frh. von Guttenberg


    Rechtsanwalt Kolenaty Gregor Gysi


    Hauk-Schendorff (verlebter Tattergreis) Rainer Brüderle

    Zum Thema möchte ich noch drei Anmerkungen machen. Zum einen: im Eifer des Gefechts habe ich den Namen Norbert Schmittbergs mit "Schmittmann" falsch wiedergegeben. Das ist ein richtiger Fauxpas, für den ich mich ausdrücklich entschuldige. TITAN hat mich hart dafür getadelt (Merkel-Ferkel), dummerweise hat er meinen Namen, das Pseudonym "dr.pingel", in "Herr Pringel" verschrieben. Da lacht das Glashaus, und man kann sehen, wie schnell das geht. Zum zweiten aber bin ich froh, das Tamino-Forum zu haben, denn TITAN mit seinem Erfahrungsschatz mit den Aufführungen der "Toten Stadt" und ENGELBERT mit seiner Übersicht über die Aufnahmen haben meinen Horizont beträchtlich erweitert; ihre Beiträge habe ich ausgedruckt und zu meinen Tote-Stadt-Unterlagen gelegt. Vielen Dank dafür! In diesem Zusammenhang wüsste ich noch gerne, wie sich Torsten Kerl auf der DVD als Paul schlägt. Ich kenne ihn aus seiner Gelsenkirchener Zeit als hervorragenden lyrischen Tenor und wüsste gerne, ob er den Paul gemeistert hat.
    Zum dritten: in der Sache, dass nämlich der Tenor Norbert Schmittberg an jenem Abend als Eisberg die Titanic "Tote Stadt" versenkt hat, möchte ich hart bleiben. Da nützt es mir nicht, nicht zu wissen, dass er "der führende Tenor der letzten 10 Jahre war" - offensichtlich mehr in Süddeutschland als hier. Unser Lieblingssänger Adi Preißler von der Oper Dortmund (nein, er war Fußballer) hat dazu das Entscheidende gesagt, und es gilt für den Fußball wie für die Oper:" Wichtig is aufm Platz!". Und in einem Fußballspiel wäre Schmittberg ausgewechselt worden. Neben meinem Freund und mir waren auch ein befreundetes Ehepaar (mit insgesamt 200 Jahren Opernerfahrung) sehr enttäuscht, und ich hatte noch das Handicap, Burkhard Fritz vorher gehört zu haben. ENGELBERT gibt den tröstlichen Rat, dass eine kleine Bühne manchmal Abstriche machen muss. Das gilt für Gelsenkirchen sonst aber gerade nicht, hier wird schon auf Qualität geachtet. Daher möchte ich mich TITAN anschließen, der meint, dass Schmittberg den Paul nicht mehr singen sollte. Im übrigen geht von allem natürlich die Welt nicht unter, ich konnte zusammen mit TITAN noch einmal Burkhard Fritz lauschen und werde auch in Zukunft in Gelsenkirchen unter dem Sternenhimmel in einem der Schwalbennester sitzen.

    Ich möchte dieser Kritik zustimmen, musikalisch war es ein großer Genuss. Überhaupt ist ja die "Salomé" eine Oper, die man jedes Jahr sehen kann und derer man nie überdrüssig wird. Das Regiekonzept erschien mir im Ansatz gar nicht so falsch, nämlich die Gewalt, die die Musik ja trotz aller Schönheit ausdrückt, auch in der Regie drastisch zu zeigen, und zwar nicht in historisierenden Orientalismen. Der Grundfehler schien mir darin zu liegen, dass die Regisseurin nicht versucht hat, ihr Konzept sparsamer umzusetzen, sondern eine Gewaltorgie zeigte. Aber Kunst besteht im Weglassen. Ein Kranz an der Haustür ist schön, zehn Kränze sind keineswegs 10x schöner. So viele Morde, das ergreift einen dann immer weniger, vor allem, wenn die Tötungen und Selbsttötungen so dilettantisch ausgeführt wurden wie hier. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist ja nur ein kleiner Schritt. Auch das enge Bühnenbild erzeugte nicht die beabsichtigte Klaustrophobie, sondern sorgte für Kopfschütteln, weil die Sänger sich buchstäblich dauernd im Wege standen. Die professionelle Kritik hat die Leistungen des Dirigenten und von Morenike Fadayomi sehr herabgewürdigt, was ich nicht teilen kann. Ich habe die "Salomé" schon in 10 verschiedenen Inszenierungen gesehen, die musikalischen Leistungen waren herausragend, besonders muss man immer wieder sagen, das das Duisburger Orchester Britten und Strauss immer wieder glanzvoll spielt, auch besser als das Düsseldorfer Orchester. Und das seit Jahrzehnten!

    Über die Oper will ich hier selbst nichts schreiben - außer, dass sie mir trotz vielfacher Kritik immer noch gefällt. Die Inszenierung in Gelsenkirchen ist gewöhnungsbedürftig, aber konsequent und schlüssig. Ich hätte es lieber etwas eleganter gehabt - fin de siècle war Weltschmerz auf hohem Niveau - und nicht so schmuddelig. Chor, Kinderchor, Orchester, Dirigent, Nebenrollen -untadelig. Den Paul sang Burkhard Fritz, der früher hier Tenor war - er machte seine Sache sehr gut, schon physisch ist Paul ja ein Wahnsinn. Majken Bjerno, dänische Sopranistin, hatte ihre starken Seiten im piano (besonders als Marie), in der Höhe etwas schrill. Leider ließ ich mich verleiten, zu einer weiteren Aufführung einen Freund einzuladen, der dann das Desaster miterlebte: bis auf das Dirigat die gleiche Besetzung, als Paul aber Norbert Schmittmann. Von diesem Tenor hatte ich noch nie gehört - und das wird auch so bleiben. Oft war er nicht zu hören, sogar den Piano - Schluss hat er gescjmissen - auch ein piano sollte aus der Kraft und nicht aus der Entkräftung kommen. Der Mann tat mir leid, buhen wollte ich nicht, ich bin dann so gegangen. Am letzten Samstag sang dann wieder Burkhard Fritz und hat diese Pleite wieder wettgemacht.
    Worauf ich hinauswill, ist dies: Schmittmann war nicht indisponiert, sondern inkompetent, mit dieser Rolle überfordert. Da muss man dann den Verantwortlichen (ich denke, Dirigent und Intendant) einen Vorwurf machen, ihn überhaupt "aufgestellt" zu haben. Die "Tote Stadt" wird noch vier Mal gespielt. Gelsenkirchen ist meine Lieblingsbühne, ich bin da auch im Förderverein, aber eine Tote Stadt mit Norbert Schmittmann ist eine untote Aufführung, vor der ich nur warnen kann.

    Die Gardiner-Aufnahme kann ich ebenfalls empfehlen. Es gibt tatsächlich nicht viele gute Requiem - Aufnahmen - und das liegt fast immer am Chor, dann an den Solisten und zuletzt am Orchester. Musterbeispiel ist hier die Aufnahme mit Karajan (der sowieso keinen Brahms kann): der Wiener Staatsopernchor (wenn ich mich recht erinnere) - gefühlte 1000 Sänger, altersschwache tremolierende Soprane, greise Bässe, röhrende Tenöre, den Alt hört man zum Glück überhaupt nicht. Für das Brahms-Requiem empfehle ich folgendes: suchen Sie sich im November in Ihrer Umgebung einen Kammerchor (nicht mehr als 30 Sänger) mit einem kleinen Orchester, jungen Solisten und einen Dirgenten, den Sie nicht kennen.
    Wenn Sie alle deren Namen noch nie gehört haben, können Sie sicher sein, eine bewegende und traumhaft schöne Aufführung des Requiems zu erleben, der keine CD, vor allem keine mit berühmten Dirigenten, das Wasser reichen kann. Und mit der heutigen Technik gibt es hinterher sogar eine CD davon - und die Mitwirkenden werden es nicht glauben, dass ein Fremder davon eine CD haben will.

    Gestern (Donnerstag, 25.2.) habe ich mir "Louise" in Düsseldorf angesehen. In meinem Opernführer (1950er-Jahre) wurden diese und andere Opern als Randerscheinungen abgetan. Ihnen dann wirklich zu begegnen, ist doch immer wieder eine tolle Erfahrung. Musikalisch fand ich das Werk fast schöner als manchen Puccini (den ich mit 40 auch verlacht habe). Vom Orchester (unter GMD Kober) und den Sängern (Chor und besonders Sylvia Hamvasi als Louise) war ich richtig begeistert. Aber was für ein ödes Regietheater (Christof Loy), was für ein furchterregendes Bühnenbild, was für niederschmetternde Kostüme! Es hilft ja nichts, wenn die Macher dann sagen: alles beabsichtigt! Öde ist einfach öde. Ein Regiekonzept, das der Musik so deutlich widerspricht wie hier, ist einfach verfehlt, alles andere sind Ausflüchte. Es ist wirklich Zeit, dass diese Art von Regie verschwindet, vor allem, da sie die tollen musikalischen Leistungen der jungen Generation so schrecklich diskreditiert.
    Ein politisches Nachwort möchte ich hier mal anbringen: wenn ich sehe, was die Orchestermusiker, der Chor und die Solisten in solch einer Oper an grandiosen Leistungen vollbringen, dann kann ich nur den Hut ziehe.Wenn ich das vergleiche mit dem, was unser Politbüro in Berlin an Minderleistungen, gepaart mit Arroganz, vollbringt, dazu noch hochbezahlt, dann denke ich, dass die Welt ganz schön aus den Fugen ist.

    Ich habe den "Rosenkavalier" aus New York nicht verfolgt, aber den aus Baden- Baden. Bei beiden Aufführungen scheint sich mir das selbe Problem zu ergeben: die Sänger singen toll (Renée Fleming,Diana Damrau, allerdings war Jonas Kaufmann als Sänger bloß Durchschnitt), sie sind aber nicht authentisch, denn der Wiener Dialekt kann m.E. in diesem Stück nicht weggelassen werden, Hofmannsthal hat das Stück einfach so geschrieben. Ich habe den "Rosenkavalier" in den 60ern oft in Wien gesehen und danach auch in einigen anderen Opernhäusern: ohne Dialekt ist es einfach nicht das gleiche Stück. Auch die Rollenbesetzung darf nicht beliebig sein, hier wurde schon darauf hingewiesen, dass der Octavian keine reife Frau sein kann. Die Sophie z.B. ist der Urtypus des "süßen Wiener Mädels", das war Diana Damrau z.B. überhaupt nicht (wobei sie gut gesungen hat, und ich sie sehr mag, im Fernsehen bei "Zimmer frei" hat sie eine tolle Vorstellung gegeben, ein Star ohne Starallüren).
    Analog zum "Rosenkavalier" stellt sich das Problem bei Theaterstücken von Johann Nestroy, ohne Wiener Dialekt sind sie völlig andere Stücke und nicht halb so witzig uns so schön.

    Die wichtigsten Komponisten sind ja genannt worden, wobei ich aber bei Purcell in heftigstes Kopfschütteln gerate und da lieber den Briten Britten bevorzuge. Dass für mich der beste Opernkomponist überhaupt Janacek ist, habe ich hier im Forum ja schon oft geschrieben. Daher möchte ich einen Namen in die Debatte werfen, der noch nicht genannt ist, der legitime Nachfolger und Schüler Monteverdis: Francesco Cavalli. Der Beweis bestünde darin, dass man sich DVD oder CD von "La Calisto" besorgt (unter René Jacobs) und es auf sich wirken lässt. Viele der hier Genannten kämen danach gar nicht mehr in Betracht.

    Ich kenne Gerhard Stolze als Herodes nur von der Platte, er ist für mich der Herodes aller Herodesse. Operus hat kurz seinen Nero erwähnt - als Nero in der "Krönung der Poppäa" von Monteverdi in Wien 1965 habe ich ihn bewundert(Karajaninszenierung, musikalische Fassung von Erich Kraack, die damals viel gespielt wurde, etwa auch in Düsseldorf; es war die Zeit vor der Oiginalklang - Bewegung).

    Ich habe dieses Werk gestern abend gesehen und kann nur allen raten, schnell hinzugehen, weil es nur noch wenige Male läuft; dann kommt es allerdings nach Duisburg. Bevor ich anfange, von der Musik (ein Herr Rameau), der Inszenierung, dem Orchester (Düsseldorfer Hofmusik), dem Dirigenten (Junghänel), dem Chor und den Sängern zu schwärmen: dieses Stück ist einfach perfekt. Ich besuche die Oper in Düsseldorf seit 1954, diese Oper gehört zu den Highlights. Wenn man bedenkt, dass man eine Karte im 3. Rang für 7 € bekommt und dort hervorragend sieht und hört, was will man mehr? Die Vorstellung war übrigens erstaunlich gut besucht, das Publikum taute immer mehr auf und am Schluss gab es rauschenden Beifall.
    Als Nachtrag muss ich doch zu den Sängern etwas sagen: ich kannte alle nicht und war erstaunt, wie gut sie waren, auch beim Spielen und Tanzen, beim Singen sowieso. Wenn es eine Gerechtigkeit gibt, steht die Hauptdarstellerin Anna Virovlansky am Beginn einer Weltkarriere.

    Zitat

    Original von Zwischenrufer2


    Lieber nach Köln! :no:


    Das erinnert mich an den alten Kölner Spruch: Was ist das Beste an Düsseldorf? Die Autobahn nach Köln.
    Da sagen wir Düsseldorfer:... und die sollen die KLölner dann auch schnell nehmen. Aber im Ernst: dieser Städtestreit ist eher ein Kölner Trauma, denn ich kenne keinen Düsseldorfer, der nicht gerne nach Köln fährt und mehrmals im Jahr da ist.

    Ich habe in die bisherigen Sendungen nur kurz hineingeschaut, möchte aber einen Punkt erwähnen, der hier meist nur kurz gestreift wird. Ich finde es hoch erstaunlich, mit welcher Klasse das städtische Orchester von Valencia spielt. In Spanien gibt es ja nicht so viele Opernhäuser und auch nicht so viele Sinfonieorchester. Obwohl gerade das die Erklärung sein könnte, dass dann in die wenigen Orchester nur erste Musiker kommen.
    Dabei fällt mir eine Anekdote ein, die ich natürlich auch nur vom Hörensagen kenne. Maurizio Pollini wurde gefragt, warum er so viel in Deutschland und so wenig in Italien spiele. Er sagte: "In Italien habe ich 10, in Deutschland 100 Orchester, mit denen ich spielen kann."
    Übrigens ein aktueller Beitrag zu unserer politischen Lage, weil viele Politiker denken, sie könnten den Haushalt sanieren, wenn sie die Kultur wegstreichen - in Wuppertal hat man damit schon angefangen. Vielleicht ist es in einigen Jahren an der Zeit, dass wir Taminos auf die Barrikaden müssen, um unsere Musikkultur zu retten. So schön ein Ring aus Valencia ist, denn Ring in unserem Opernhaus darf er nicht ersetzen.

    In den 80ern und 90ern hat die Capella Coloniensis, das Barockorchester des WDR, sehr viele sog. Ouvertüren von Telemann eingespielt, eine schöner als die andere. Über 20 habe ich aufgenommen und höre sie immer mal wieder. Telemann soll 1000 davon geschrieben haben. Die beiden schönsten sind "Älsterecho" und "Hamburger Ebb und Fluth". Telemann zeigt sich hier durchaus als Vielschreiber (er hat halt wirklich viel geschrieben, siehe in diesem Thread die Trompetenkonzerte), aber trotzdem war er ein absoluter Könner.
    Was mir an der Capella Coloniensis nach wie vor gefällt, ist gegenüber anderen Ensembles, die auch Telemann spielen, der ausgesprochen "satte" Sound. Ob das jetzt historisch so stimmt, wissen wir ja alle nicht.
    La Stagione unter Michael Schneider ist auch eine sehr gute Telemann - "Band"

    Beethovens Sinfonien



    1. Sinfonie (Unvollendete)
    2. Sinfonie (Die Glocken von Zlonice)
    3. Sinfonie (Romantische)
    4. Sinfonie (Klassische)
    5. Sinfonie (das Unauslöschliche)
    6. Sinfonie (Jupitersinfonie)
    7. Sinfonie (Psalmensinfonie)
    8. Sinfonie (Hamburger Ebb und Fluth)
    9. Sinfonie (Abschiedssinfonie)

    Mein Lieblingskritiker war Johannes K. Glauber (leider letztes Jahr gestorben) von der NRZ in Essen, nicht nur, weil er auch mein unglaublich kompetenter Chordirigent war, sondern vor allem, weil er für seine Leser und nicht seine Kollegen schrieb.
    Ich möchte den Begriff Kritiker einmal erweitern auf kundige Musikwissenschaftler (einige hier in Forum haben das ja schon vorgemacht), die Sendungen im Radio für uns interessierte Laien machen. Das war früher eine Domäne des WDR, da hat sich Klaus Geitel sehr profiliert (der es sogar fertigbrachte, eine Oper „Helgoland“ von Anton Bruckner zu besprechen und mit Musik zu versehen, wobei neben Bruckner auch Pfitzner und Hindemith als Komponisten auftraten). Auch Carl Dahlhaus hat einmal eine persönliche Musikgeschichte zu Gehör gebracht, selbst und frei gesprochen(!! mit allen Versprechern, was aber ja gar nichts macht). Aktuell habe ich da im Internetradio bei hr2 eine Sendung, die jeden Mittwoch von 20.05 – 21.30 läuft und „Notenschlüssel“ heißt. Der Autor heißt Paul Bartholomäi, er verfasst die Texte selbst und spricht sie auch, er ist kompetent, witzig und anschaulich und plustert sich nicht auf. Zudem enthält die Sendung viele Musikbeispiele (er nennt auch die Interpreten) und am Schluss das ganze Werk, wenn es geht. Im Händel- und Haydnjahr gab es jeweils eine ganze Serie von wunderbaren Sendungen (wieder zu hören ab morgen, dem 16.9.).



    Thread mit bestehendem zusammengefügt

    Luther und Brahms – unerhörte Musikeranekdoten
    Russische Komponisten
    Nachdem der berühmte russische Komponist Tschaikow das Gästeabfahrtsrennen in St. Moritz am 23.2.1888 gewonnen hatte, änderte er seinen Namen in „Tschaikowski“. Der Dichter Dostojew, der nur den 125. Platz belegt hatte, machte es ihm nach, was Tschaikowski ihm nie verzieh. Voller Hass aber reagierten die beiden auf die Namensänderung des Komponisten Strawin, der an dem Rennen überhaupt nicht teilgenommen hatte, weil er sich zur gleichen Zeit in der Kneipe „Zum Russischen Bären“ mit Wodka hatte volllaufen lassen. Er trank übrigens Wodka der Marke Puschkin, woraufhin der Dichter P…… Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll, oder auch nicht.


    Schostakowitsch
    Das Bolschoi-Theater machte eine Tournee durch Russland mit Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“. Als Schostakowitsch zu Ohren kam, dass das Theater je nach Stadt immer den Titel änderte (Lady Macbeth von Omsk, Kursk, Vtebsk, Grask, Murks, Kiewsk, Sibirsk, Novosibirsk, Moskauwsk, Wummsk, Grmsk usw.) änderte er den Titel der Oper in „Katherina Ismailowa“. Als er jetzt erfuhr, dass jetzt der Titel je nach Sängerin abgeändert wurde (Jelena Ismailowa, Ismailowna Ismailowa, Nadeshda Ismailowa usw.) nannte er seine nächste Oper „Die Nase“. Da ging es um eine Nase, das konnte man nicht ändern in Mund, Auge oder Bein.


    Luther, Verdi und Brahms
    1547.Martin Luther und seine Frau Katharina Bora (Catherine the Boring, wie Papst Innozenz der Sarkastische sie immer höhnisch zu nennen pflegte, worauf Luther ihn mit „Pseudopapst Nozenz, der Schädliche“ titulierte) waren am Ziel: Martin Luther war König von Sachsen-Anhalt geworden und durfte sich jetzt Martin Luther King nennen.
    Was er nicht wissen konnte, dass er 450 Jahre später zum Vorbild von Josef „Klaus“ Verdi wurde, der wegen hartnäckiger Besteigung aller Dolomitengipfel den Beinamen „Monteverdi“ erhielt. Da er keines der zahlreich dort vertretenen Bergkirchlein ausließ, nannte man ihn auch „Divino Claudio“. Diesen Titel beanspruchte aber auch Johannes „Klaus“ Brahms für sich, sodass es zu einem erbitterten Komponistenkampf kam, in dessen Verlauf Verdi das „Requiem“ und Brahms das „Deutsche Requiem“ schufen.
    Verdi, der spürte, dass das Brahmssche Stück das bessere war, gab den Auftrag, Brahms zu erschießen. Der gedungene Mörder verwechselte Brahms allerdings mit dem österreichischen Thronfolger, sodass es zum 1. Weltkrieg kam.
    Diesmal frohlockten beide Komponisten, denn durch die vielen Toten des Weltkrieges waren Requieme schwer in Mode und brachten den Komponisten satte Tantiemen.
    1918 erkannte Brahms jedoch, dass Verdi auf dem Gebiet der Nationalhymnen vorne lag (siehe „La donna è mobile – die Nationalhymne der ultimativen Fußballschurken, erklungen beim Gewinn der WM 2006 in Berlin).
    Er bewarb sich bei Friedrich Ebert um die Komposition der Nationalhymne der neuen deutschen Republik. Das schöne Stück „Am Donaustrande, da steht ein Haus, da schaut ein hübsches Mädchen heraus“ wurde von Ebert aber abgelehnt und daher von Brahms in seine „Liebesliederwalzer“ eingestellt. Nationalhymne wurde dann „Gern hab ich die Fraun geküsst“ von Erich Wolfgang Korngold.
    Brahms aber verschwand spurlos und wurde nur noch einmal in den Wirren der mexikanischen Revolution in der Armee des Pancho Villa gesehen, zusammen mit dem amerikanischen Dichter Ambrose Bierce.
    Der Kunstmaler Adolf Hitler schilderte das Leben von Brahms in einem 20x50m großen Gemälde, das aber von der Brahmsgesellschaft abgelehnt wurde, sodass es heute im Vatikan hängt. Daraufhin beschloss Hitler, Politiker zu werden.


    Ein musikalischer Hund
    Ein Mann kommt zu einem Impresario mit einem – sprechenden Hund. Der Impresario winkt genervt ab, aber der Mann bittet um eine Chance.
    Mann (zum Hund): „Fido, what is he structure of sandpaper?“
    Hund: “Rough, rough”.
    Impresario: “Raus hier!”
    Mann (zum Hund): “Fido, what is on the top of a house?”
    Hund: “Roof, roof!”
    Impresario: “Ich halt es nicht aus!”
    Mann (zum Hund): „Fido, who is the greatest composer of the 20th century?“
    Hund: “Orff, Orff!”
    Der Impresario jagt sie hinaus. Draußen sieht der Hund den Mann groß an:
    „Or should I have said Stravinsky?“


    Wie die Stadt Viersen zu ihrem Namen kam
    In Roermond wurde jetzt der sensationelle Fund eines Schriftstücks von Philipp II. bekannt (1539). Aus ihm erklärt sich der Name der Stadt Viersen.
    Danach fiel in der niederrheinischen Stadt Fünfsen ein Adjutant Herzog Albas (bekanntlich der Erfinder des Brandys, ich sage nur „Duque de Alba“) vom Pferd und brach sich den Hals und starb. Man gab der Stadt Fünfsen die Schuld und degradierte sie zu „Viersen“. Es stellte sich aber heraus, dass der Spanier betrunken war und an seinem Sturz selbst die Schuld trug. Der Antrag der Stadt, den alten Namen wiederzubekommen, schlug fehl. Als Begründung schrieb Philipp II. in dem jetzt gefundenen Schreiben: „Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.“
    Rätselhaft ist die Tatsache, dass Johann Sebastian Bach diese Worte in seiner Johannespassion von 1726 wieder aufgriff. Jetzt erhebt sich die Frage, ob Bach das fragliche Schriftstück kannte. Wollte er damit die Uraufführung seiner Johannespassion in Viersen erreichen? Rätsel über Rätsel!

    Meine liebsten Opern


    Ich habe die Listen mit großem Interesse studiert und bin erstaunt, welche Fülle sich da auftut. Bei sehr vielen Opern kann ich zustimmen, möchte aber hier anmerken, dass der größte Opernkomponist des 20. Jahrhunderts (nein, nicht Strauss) doch zu kurz kommt: Leos Janacek. Nur „Jenufa“ und „Das schlaue Füchslein“ habe ich bei den Listen gefunden. Daher möchte ich hinzufügen:
    -Osud (Schicksal) (eine Autobiographie in Opernform)
    -Katja Kabanowa (nach Ostrowski „Das Gewitter“)
    -Die Ausflüge des Herrn Broucek (sehr witziges Stück, das – man glaubt es nicht – neben dem Rosenkavalier die schönsten Walzer enthält!)
    -Die Sache Makropulos (ein sprödes, aber reiches Werk, mit „Figaro“ und „Don Giovanni“ zusammen dem grandiosesten Opernschluss, den ich kenne; gut, vielleicht noch „Salomé“).
    -Aus einem Totenhaus (die kühnste Oper des 20.Jh, nach Dostojewski. Riesige Männerbesetzung, ähnlich wie „Palestrina“).
    (Die ultimative Box zu Janacek: natürlich von Charles Mackerras).


    Bei den alten Opern möchte neben Monteverdi Francesco Cavalli nennen, da kommt zum Glück jedes Jahr eine neue Platte heraus, weshalb ich hier nur zwei Werke für den Start empfehlen will: „La Calisto“ mit René Jacobs als Dirigenten, danach „Giasone“.


    Interessant fand ich die Bemerkung eines Users, dass ihm gerade die am Anfang spröden Werke die liebsten sind, vor allem, wenn sie oft gehört hat. Das geht mir auch so, allerdings nicht nur in der Oper. Für eine Janacek – Oper braucht man z.B. mindestens 10 Sitzungen und nach dem 20. Mal kann man sich nicht mehr vorstellen, wie es jemals ohne ging…

    Ich möchte Achim unbedingt zustimmen. Die Sache mit den Listen ist eine anglo-amerikanische Manie; wer z.B. sich das Buch "1000 places to see before you die" ansieht, wird dort neben tollen Orten auch sehr abgeschmackte finden und dazu gehören dann noch die daneben stehenden Luxushotels - Nachtigall, ick hör dir trapsen.
    Das Problem mit den Listen, vor allem wenn sie 1001 items umfassen, ist dies: nach einigen Jahren Musikhören ist man a u t a r k und dann braucht man keine Listen mehr, weil sich die Liebe und der Geschmack geändert haben.

    Ich kann Sagitt nur zustimmen, möchte aber die Liste der Chöre noch erweitern. Mein Favorit für größere Chöre ist der Rias-Kammerchor, den es noch gibt, obwohl es den Rias nicht mehr gibt. Seine h-moll-Messe und den Elias ("Elias im Rias") schätze ich besonders.
    Von den kleineren Ensembles, denen heute eigentlich die Welt gehört, finde ich neben den "Tallis-Scholars" herausragend "The Sixteen" (sind so viele wie sie heißen) unter Harry Christophers: die singen so einheitlich wie sonst nur ein Instrumentalensemble klingt (Literatur: Tallis, Palestrina, Tomás Luis de Victoria aus dem siglo de oro).
    Provokante Frage: England hat ja nicht so wahnsinnig viele große Komponisten hervorgebracht, aber die Chöre (auch die Knabenchöre) gehören zu den führenden in der Welt, natürlich neben den Sängern und den Orchester. Das ist eine Diskrepanz, die ich mir nicht erklären kann.