Zuerst einmal gehöre ich keiner angeblichen oder wirklichen ideologischen Seite an.
Ich erlebte für mich unverständliche, ärgerliche, großartige, inspirierende Inszenierungen ‚moderner’ Regisseure. Betrachte ich die Geschichte des Theaters und der Oper so hat sie immer eine Entwicklung genommen, über viele Epochen ohne Bühnentechnik, bis ins spektakuläre barocke Ausstattungstheater und hin zum bühnenbildlosen reinen Personentheater, es gibt so viele Spielformen.
Wie war das doch gleich wieder mit Händel in London, er hat sich immer wieder neu erfunden und weiterentwickelt. Ich durfte eine der faszinierendsten Inszenierungen aktualisierender Regie in Innsbruck erleben, es muss Mitte der 90er Jahre gewesen sein, als Rene Jacobs eine Cesti-Oper machte. Er hatte, meine ich, einen französischen Regisseur betraut, und der begeisterte mich, vor allem aufgrund einer Menge erhellender Ideen und der Personenführung. Gerade Letztere ist für mich ein Qualitätskriterium des ‚Regietheaters’, und diese geht häufig unter in Klamauk und Unsinn.
Ist deshalb per se ein Ansatz völlig unsinnig, ideologisch, der andere Ausdruck von Bildung, Intelligenz und Richtigkeit? Das lässt sich in meinen Augen nicht an sich klären. Gibt es wirklich einen Menschen dessen gesamte Wahrnehmung ausschließlich in schwarz–weiß funktioniert? Welchen -ismus müssten wir darin finden? Bestenfalls Verstocktheit doch, selbst diese ließe sich noch deuten als Standhaftigkeit der letzten, der besseren Bastion?
Sicher man könnte über konservative und progressive Haltungen diskutieren, doch geht es hier wirklich darum? Anders gefragt, spielt nicht immer die ureigene Komplexität eines jeden die entscheidende Rolle, meine Erfahrungen, meine Urteile, meine Haltungen? Mag sein, dass persönlicher Groll in Kehlmanns Rede eine gewisse Rolle spielt und die Exponiertheit der Möglichkeiten dazu beiträgt, mag ebenso das ganze ein lauteres Anliegen verfolgen, dass Verwirrung stattfindet, Unverständnis auch, bei jedem wird ein anderes Wahrnehmungs- und Motivgemenge zum Urteil führen. Sind Killerargumente der jeweiligen Seite von 'Restauration' bis 'Untergang der Bildung' wirklich erhellend oder machen sie Sinn ?
Spielen und spiegeln nicht im öffentlichen und halböffentlichen Raum diese Diskussionen und die Leidenschaftlichkeit ihrer geführten Klingen die Dramen der Bühnen wieder? Es geht um Interessen, Macht, Geld, Ranküne, manchmal sogar um Kabale, immer auch um Gefühle, vielfach um verletzte, um innerste Motive auch, um Ängste, Recht und anderes. Das Leben. Je nachdem an welcher Stelle im Getriebe, welche Rolle eingenommen oder zugewiesen, fallen die Bewertungen. Verstrickt darin lässt sich – niemals vielleicht – da eine letztliche Antwort, gar die richtige finden?
Es wurden nicht einmal die Begriffe, die Kategorien noch die Kriterien geklärt. Die Frage nach dem Ästhetischen, dem Fortschritt, dem Kreativen, dem Miteinander wurden nicht gestellt? Was ist Regie, Theater, Regietheater und Theaterregie? Welches Unwort, denn wo geht Theater ohne Regie über die Bühne? Ich könnte Fragentürme in den Himmel bauen – doch wozu? Sich auszutauschen finde ich anregend – als reinen Diskussionsbeitrag finde ich die Rede interessant, bringt sie in dieser Intensität doch eine Auseinandersetzung, bezieht sie Stellung. Bleibt für mich persönlich ein, der Schwabe sagt, ‚Gschmäckle’ ob der unterschwelligen Larmoyanz, die sich ein wenig heroisch stilisierend schmollend ins Kämmerlein zurückzieht.
Die Auseinandersetzung, die Anregung, das Angestoßen-Werden, die intellektuelle Bereicherung ebenso wie das einfach Schöne, das ‚Romantische’, das was mich schwelgerisch entschweben lässt sind für mich in allen Facetten nötig und erwünscht. Dass es wie im richtigen Leben in schöner Regelmäßigkeit (es lebe das Phrasenschwein) zu Ausrutschern, vermeintlichen Entgleisungen, gar Unfällen, ebenso zu Kitsch und Krempel kommt, liegt nicht nur in der Natur des Lebens und des Menschen. Nein, es ist mE zwingend notwendig, wenn wir keine sterile Gleichmacherei, Vereinnahmung oder sogar zensorische Gleichschaltung erreichen wollen. Anzustreben wäre sicherlich Respekt, gegenseitige Wertschätzung, Stil und Benimm, denn geht es nicht letzlich um Entwicklung, Freude, Fühlen, Erleben und so vieles mehr, doch vermutlich um eines nicht 'Krieg'. Wo führt das hin, wenn jeder jeden, zumindest die Andersdenkenden als Feind betrachtet und beständig unter Beschuß nimmt, persönlich entspricht das nicht meiner Vorstellung von Persönlichkeit und Bildung.
So ende ich mit einem Zitat von Kurt Tucholsky: „Die von damals hatten vieles noch nicht. Aber wir haben vieles nicht mehr.“
PS: Wie sehr unterscheiden sich unsere Diskussionen um ökonomische, gesellschaftliche, politische, soziale u. a. Rahmenbedingungen von denen anderer Jahre, Epochen, Zeitalter?