Beiträge von rappy

    Hallo Matthias,


    vorneweg: Ich hab keine Ahnung von Jazz. Ich höre die Jazzmusik, die mir über den Weg läuft, ab und zu improvisiere ich selbst ganz gerne, das ist alles.


    Deswegen war die Aussage, dass Glenn Miller für mich der "coolste" Jazzmusiker ist, natürlich wissenschaftlich total unfundiert und nur auf meine persönlichen Höreindrücke bezogen.
    Verglichen mit anderer Jazzmusik, die ich bisher gehört habe (z. B. Brubeck) haben die Songs einen ungemein hohen Wiedererkennungswert. Jede melodische Phrase hat Eigencharakter, bleibt hängen und klingt nicht wie ein beliebiges Zufallsergebnis einer spontanen Improvisation.
    Aber wie gesagt, beim Namen kenne ich äußerst wenig, Jazz liegt eigentlich nicht so sehr in meinem Interessenbereich.
    Also bitte kein Streit darüber, ob Glenn Miller bedeutend ist, ich glaube euch gerne, dass er es nicht ist :D (vorher, als ich noch dachte, die meisten Songs wären von ihm, hätte ich noch darauf gewettet, dass er es ist).

    Zitat

    Original von Matthias Oberg
    Nur Glenn Miller ist wirklich kurios :no: :wacky:


    Warum?
    Ich wusste nicht, dass er so wenig selbst gemacht hat, aber er war doch zumindest eine klasse Bandleader, oder?
    Ich dachte immer die meisten Arrangements stammen von ihm...
    Jedenfalls hat er sich dann wenigstens die besten Songwriter zusammengesucht :wacky:

    Zitat

    Original von bachiana
    Zudem ist wenigstens für mich Brahms DER Bing-Komponist (siehe Blackadders Thread), d.h. meist braucht es mindestens 4 bis 5 Anläufe, bis es mir wie Schuppen von den Ohren fällt.


    Das dürfte jedem so gehen. Viele hier bei Tamino sind wohl schon so lange mit Brahms vertraut, dass sie sich nicht mehr darin erinnern können. Aber ich brauchte und brauche immer noch bei jedem neuen Werk ein paar Anläufe. Erklärungsversuch: Brahms beginnt oft mit mehr oder weniger unauffälligem Material, dessen Potenzial sich erst im Laufe des Werkes voll erschöpft. Beim ersten Hören merkt man dies allerdings nicht, da das Ursprungsmaterial, was ja wie gesagt zu Beginn eher unauffällig vorgestellt wird, noch nicht hängen geblieben ist.

    Ich wage mal eine Liste mit guten Einstiegswerken aus meiner Sicht:


    Haydnvariationen
    Violinsonaten 1 und 2
    Cellosonate e-Moll
    Rhapsodien g-Moll und h-Moll für Klavier
    H-Dur Trio Op. 8
    g-Moll Quartett Op. 25
    Sextette Op. 18 & 36 B-Dur/G-Dur


    Das schöne ist bei Brahms, die genannten Werke sind zwar offensichtlich leichter zu hören als andere, aber nicht weniger gehaltvoll. :yes:


    Die großen sinfonischen Werke dürften sperriger sein, wenn du dort anfangen willst, würde ich eher mit dem 2. als dem 1. KK beginnen (Richter/Leinsdorf) und auch eher mit dem Violinkonzert als dem Doppelkonzert. Bei den Sinfonien dürften die mittleren beiden der beste Einstieg sein.


    Kann aber natürlich bei jedem anders sein, je nachdem woher er kommt.

    Ich biete noch Erklärungsversuche:



    1


    Die alte Generation, von der wir sprechen, lebte noch in zeitlicher Nähe zur Romantik (und wir sprechen ja hier vorwiegend von Werken der Romantik und klass. Moderne). Klemperer hat z. B. mal gesagt, dass er von R. Strauss habe den Tristan auf unglaubliche Weise dirigiert. Wen wunderts, der Dirigent war selbst Komponist und vom Stil nicht weit entfernt. Da ist wohl ein tiefer Einblick in die Musik anzunehmen, anders als das z. B. bei einem heutigen Hochschulabsolventen vorausgesetzt werden kann, der die Stücke größtenteils von Tonträgern kennt.


    2


    Meine ehemalige Geigenlehrerin hat mal länger mit mir darüber geredet: Mit jeder neuen Interpretengeneration vereinheitlicht sich die Spieltechnik ein Stück weiter. Man findet heraus, dass genau eine Handhaltung die optimale Haltung für das Staccato-Spiel auf der Geige ist, und gibt die an die Schüler weiter (als Beispiel).
    Vor 100 Jahren mussten sich die Interpreten aber noch alles selbst beibringen, jeder gute Geiger hat zwar das Staccato-Spiel gelernt, aber jeder auf anderem Wege. Dadurch entstanden große Unterschiede im Klang zwischen den einzelnen Interpeten und diese gewannen an Individualität, was gewöhnlich positiv bewertet wird.
    Heutzutage würde jemand, der wie Oistrach geigt, erst einmal technisch zurechtgewiesen werden, bevor er den Status einen Stargeigers erlangen könnte.

    Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    und ihn stört, dass er von der Konstruktion von bspw. Stockhausens Gruppen wenig hört, während er bei Konstruktionen Beethovens hörend etwas mitbekommt. Er meint dann, er könne Beethovens Musik "verstehen" (was ich so nicht formulieren würde), während Stockhausens Musik nicht "verstanden" werden kann (was ich ebensowenig so formulieren würde), weshalb sie austauschbar sei (was ich nicht finde, da ich ja schon vorher anderer Meinung bin).


    Du scheinst dir sehr sicher zu sein, was ich meine. ;)
    Nein, darauf wollte ich gar nicht hinaus. Du meinst, Stockhausens Musik sei verständlich (was mich nicht überrascht, wenn bei der Art von Verständnis geht es ja nicht so sehr um die Bezüge der Noten untereinander (Extrembeispiel 4'33: sehr verständlich IMO)), also zählt sie zur selben Kategorie wie die Beethovens.
    Aber Amfortas will ja Musik hören, die er nicht versteht.


    Zitat


    Das Grundproblem dieses Gedankengebäudes ist mE, dass das "Verständnis" an einer bestimmten Form der Analyse festgemacht wird (Motive, etc.) und dass eine Art Möglichkeit der Vollständigkeit dieser Analyse vorausgesetzt wird (denn sonst könnte man nicht davon sprechen, das Werk zu "verstehen"). Was offenbar nicht hörend geleistet werden kann (sämtliche Details betreffend Harmonielehre/Stimmführung/Motivverwandtschaft mitzubekommen) wird dann etwas faulerweise dem diffusen Unterbewußten zugeschanzt, das alles das schafft, was man nicht mitkriegt.


    Nun, ich glaube, dass theoretisch alles analyisert werden kann (wenn die Sprache dazu weit genug entwickelt ist, auch das auszudrücken, was man sprichwörtlich "nicht in Worte fassen" kann). Aber man muss es nicht ins Bewusstsein rufen, ja. Beethoven hat ja solche Bezüge wie oben erwähnt nicht komponiert, damit sie nur ein Analytiker wie Dahlhaus irgendwann einmal erkennen wird. Sie tragen m. E. zur Geschlossenheit des Werkes bei, die auch ein "Nur"-Hörer wahrnehmen wird.


    Zitat


    Dadurch eröffnet rappy allerdings dem Gesprächspartner die Möglichkeit zu behaupten, dass sämtliche serielle Konstruktionsdetails eben auch vom Unterbewußtsein verstanden werden und bringt sich wieder um seinen angestrebten Dualismus von "anhörbarer" und "sinnloser" Musik.
    :pfeif:


    Der wird hier mal ausnahmesweise nicht angestrebt :D (obwohl es ihn natürlich gibt, die Frage ist nur, welche Musik sinnlos ist - für die einigen weniger, für HolgerB mehr ;) )
    Ob serielle Konstruktionsdetails vom Unterbewusstsein verstanden werden, ist wieder eine andere Frage, aber auch berechtigt. Ansermet behauptet z. B., dass ein Krebs reine intellektuelle Spielerei ist und nicht vom mus. Bewusstsein erfasst werden kann.
    Ob man bei einem Schönbergquartett nicht einen gewissen Prozentsatz an Tönen unauffällig verändern könnte, ohne dass es den Zuhörer stören würde?
    Das wäre allerdings wieder einen neuen Thread wert.


    Mir geht es bei diesem Thread eigentlich nur darum, ob es wünschenswert ist, etwas nicht zu verstehen und diese Tatsache den Hörgenuss erhöht.

    Zitat

    Original von Wulf
    Mag er recht haben, daß Schönberg selbst fragwürdige Analysen durchgeführt hat, mit der "mangelnden Transzendenz" begibt er sich in gefährliches Terrain. Diesen Vorwurf lastet er auch noch Mendelsohn-Bartholdy als auch Mahler an, leider ein zu deutliches Zeichen.


    Ok, aber zur Verteidigung muss man sagen, dass er bei Mendelssohn eine mangelnde Vielfalt des Ausdrucks bemängelt (was ich durchaus nachvollziehen kann, obwohl er zu meinen Lieblingskomponisten gehört) und Mahler zu seiner Zeit noch von sehr wenigen wirklich verstanden wurde. Wahrscheinlich hat er sich nie ausgiebig mit Mahler beschäftigt. Ich glaube, als ich die ersten Male Mahler gehört habe, kam mir ähnliches in den Sinn (also nicht das Antisemitische, aber der Vorwurf, er bläht nur auf, weil ihm nichts Originelles einfällt).
    Ansonsten finde ich das Buch aber auch sehr lesenswert.


    [/OT] ;)

    Zitat

    Original von Wulf
    hab mich missverständlich ausgedrückt. Mit "eingangs" war nicht der Threadstarter gemeint, sondern die aufgrund der gegebenen Flexibilität selbst auferlegten Beschränkungen.


    Ja, leider... das hatten wir doch schon so oft. Ob wir jetzt statt den 10 "wichtigsten" Komponisten deren wichtigste Werke nehmen, macht nicht sooo viel Unterschied, oder?
    (Deswegen wohl auch deine Skepsis im ersten Beitrag, ne?)

    Zitat

    weil die eingangs aufgestellten Bedingungen Restriktionen auferlegen


    ... die da lauten:


    "[...] aus irgendeinem Grund musikgeschichtlich einzigartig sind und die als erstes eine Art „Chance“ haben, auch noch in ein paar Jahrhunderten als bleibendes Erbe der Menschheit gehört zu werden."


    Da findet sich bestimmt so manches von Britten, oder?


    Ich versuche Mal eine Liste mit Werken des 20. Jahrhunderts, die IMO in idealerweise musikalische Kühnheit und Einzigartigkeit mit hörerbarer Nachvollziehbarkeit und Aussagekraft bzw. emotionalem Inhalt (oder vielleicht das, was Ansermet mit Transzendenz meint?) (seeehr schwammig, ich weiß) verbinden, so dass sie möglichst beide Bedingungen erfüllen.


    Aus Edwins Liste übernehme ich


    Berg: "Wozzeck"


    Strawinskij: "Sacre"


    und füge hinzu:


    Messiaen: "Quatuor pour la fin du temps"


    Schostakowitsch: Sinfonie e-Moll Nr. 10


    Prokofjew: 7. Klaviersonate


    Hartmann: 6. Sinfonie


    Bartok: Konzert für Orchester (oder 2. Violinkonzert? Oder 3. Klavierkonzert? Sehr schwierig, die Instrumentalkonzert haben fast noch einen Tick mehr Substanz, oder?)


    Poulenc: Concert champêtre


    Ligeti: Klavieretüden


    Britten: Peter Grimes ? (Die Britten-Kenner haben vielleicht noch Alternativen?)


    Das Kriterium "Einfluss auf nachfolgende Komponistengenerationen" habe ich versucht auszublenden, da vom Threadersteller nicht verlangt.
    Die Liste fiel mir auch sehr schwer, man muss so viel weglassen - warum nicht von Berg die Lyrische Suite, oder von Prokofjew könnte berechtigterweise auch die 6. Sonate ins Feld geführt werden. Und bei den Schostakowitsch-Sinfonie fällt es auch schwer, sich zu entscheiden.


    Aber wen wunderts, wie viele Meisterwerke aus dem 19. Jh., die einzigartig sind und heute noch äußerst gern gehört werden, würden wegfallen, wenn man eine Liste mit nur 10 Stücken erstellen müsste?


    Und dabei habe ich schon die "Übergangskomponisten" weggelassen. Sonst müsste man nämlich außer Debussy auch Werke von Mahler (2 Jahre vorher geboren), Strauss (2 Jahre später!), Ravel, Skrjabin, Janacek, Rachmaninow etc. auch noch nennen - wo kämen wir da hin?

    Zitat

    Original von Kurzstueckmeister
    Das hat, denke ich, nicht so viel damit zu tun, dass Otto Normalklassikhörer behauptet: "Ich verstehe Beethoven" und dann "Ich verstehe Stockhausen nicht".


    Davon habe ich ja gar nicht geredet. ;)


    Zitat


    Otto Normalklassikhörer merkt nämlich gar nicht, dass die Chromatik hier mit der Chromatik dort was zu tun hat.


    Ich glaube doch, nur dass er sich dessen nicht bewusst ist.


    Zitat


    Und ebenso hast auch Du schon das Gefühl, Beethoven "zu verstehen", ehe Du ein paar motivische Details isoliert, etikettiert und gedanklich vernetzt hast, stimmt's?
    8)


    Ja, die Details habe ich auch schon vorher verstanden, sobald ich das Werk als Ganzes erfasst habe (was nicht nach dem ersten Hören sein wird, denn da wird das ein oder andere an mir vorbeirauschen). Und zwar unterbewusst, und durch die Analyse rufe ich sie ins Bewusstsein.


    Das wirft die Frage auf, ob musikalischer Inhalt sinnvoll ist, der nicht unterbewusst erfasst werden kann, sondern erst, wenn er durch Analyse ins Bewusstsein gerufen wird - z. B. Krebsgänge, die aus mehr als 4 Noten bestehen.

    So beginnt ja die Sonate:



    Die chromatische Linie in der Mittelstimme taucht auch im Seitenthema auf, in der Modulation dorthin, in der Durchführung mehrmals. Als ich das verstanden habe, erschien mir der Zusammenhang der einzelnen Teile noch klarer.
    An der oben erwähnten Stelle findet man sie ja aufwärts (zu sehen hier e eis fis, g kommt noch ein paar Takte später).
    Es bringt einen doch zumindest einen Schritt weiter, oder? Auch wenn ich nicht behaupten würde, ich wisse jetzt alles über diese Passage.

    Ich mach mal einen neuen Thread auf, da OT im 20. Jh.-Thread.


    Quote Amfortas:

    Zitat

    Interessanter Gedanke mit dem „Verstehen“. Ich antworte mal so – etwas provokant + grob thesenartig : Musikstücke, die ich verstehe, sind uninteressant, weil dann ihre Basis, nämlich (ohne h) der Rätselcharakter fehlt. ( mit dem Wörtchen Rätsel ist sicherlich auch der Moment dabei, das Werk dem Begrifflichen näher zu bringen – Rätsel wollen ja gelöst werden - , ohne dass es vom Begriff verschluckt wird) .


    Was du in Klammern schreibst, ist wichtig. Der Akt des Verstehens interessiert mich, nicht das Unverständnis an sich. Wenn ich eine späte Beethovensonate spiele wie Op. 101, weiß ich, dass es da ganz viel zu verstehen gibt, sozusagen ganz viele Rätsel, die gelöst werden wollen.
    Z. B. die chromatische Linie in der Nebenstimme gleich zu Beginn, die den ganzen 1. Satz durchzieht und zusammenhält (dass die sich auch über mehr als 10 Takte zu Beginn der Durchführung erstreckt - e eis fis g - habe ich erst durch Carl Dahlhaus bewusst erfahren).
    Wird mir so etwas bewusst, geht mir ein Licht auf und ich erfreue mich an der Erkenntis. Bei den Noten, die ich dann spiele, weiß ich, warum es gerade diese sind.
    Deswegen gefiel mir die Sonate beim ersten Hören zwar gut, aber weniger gut als jetzt, wo ich sie besser durchblickt habe - so geht es mir bei fast allen Stücken.


    Aber das pure Unverständnis, ist das wirklich reizvoll? Wenn ich mit Noten überflutet werde und keine Ahnung habe, warum sie geschrieben sind, keinen einzigen Anhaltspunkt?
    Dann weiß ich ja auch gar nicht, ob es überhaupt etwas zu verstehen gibt oder ob nur wahllos drauf hin komponiert wurde.


    Ich vergleiche es mal mit einem Puzzle. Nach Amfortas müsste ein Puzzle gefallen, dass für den Besitzer unlösbar ist und er müsste sich an dem Chaos der einzelnen Puzzleteile erfreuen können.
    Das optimale Puzzle ist für mich herausfordernd, aber lösbar. Dann erfreue ich mich am Zusammenfügen der einzelnen Teile. Am meisten Spaß macht natürlich der Weg dorthin, also das Verstehen bis zum Punkt, wo alles verstanden ist.
    So bei einem Beethovenquartett: man freut sich, dass man die Logik erkennt, aber noch ein zu lösender Rest da ist. Wenn alles gelöst ist, was man für möglich hält zu entdecken, geht man weiter zum nächsten Werk. Möglicherweise - oder wahrscheinlich! - wird man zum Beethovenquartett irgendwann zurückgreifen und zufällig merken, dass es noch mehr zu lösen gibt.

    Naja, wie gesagt, wenn es um die Werke geht, die in ein paar hundert Jahren noch häufig gehört werden, ist Wolfgangs Liste glaub ich gar nicht so unrealistisch (wenn auch gezwungenermaßen unvollständig), oder?

    Ich hoffe das Forum hier passt. Ansonsten bitte verschieben.


    Und zwar geht es darum, dass Alternativszenarien zur Musikgeschichte entworfen werden und die anderen Forumsteilnehmer daraufhin spekulieren werden, wie im entsprechenden Fall deren weiterer Verlauf aussieht.


    Ich gebe mal den Startschuss mit zwei Beispielen.


    Szenario 1


    Wir schreiben das Jahr 1922. A. Schönberg hat so eben seine Methode, mit zwölf Tönen zu komponieren, vorgestellt, als sich kurz darauf Eduard Hanslick, der gerade seinen 97. Geburtstag gefeiert hat, empört aus dem Altersheim meldet: "Ist die neue Komponistengeneration jetzt völlig außer sich geraten? Von tönenden Formen habe ich gesprochen, nicht von schmerzenden! Erst werden Jahrzehnte lang Alltagsbanalitäten vertont, und nun setzt man noch einen drauf - ich möchte mir gar nicht ausdenken, was die nächste Komponistengeneration zu stande bringen wird. Ob ihnen wohl die Tonhöhe nicht genügt und sie auch noch die anderen Parameter der grausigen Mathematik überlassen werden wollen? Ich sehe es schon kommen, irgendein Schwachkopf wird denken, ja, wenn die mit 12 Tönen arbeiten, kann ich es auch mit einem. Ach, und wenn ich mich ganz wichtig machen will, schreib ich einfach ein Stück, in dem gar kein Ton mehr erklingt. Mit so einem Mist wird man heute bekannt und alle Welt denkt, man wär revolutionär. Zum Teufel mit den Musikern!"
    Kurz darauf erklingt ein Klavierstück von Schönberg im Radio und Hanslick stirbt an einem Herzinfarkt.


    Szenario 2


    Beethoven hat in seiner Grossen Fuge, da sie dem Publikum nicht gefiel, noch eine weitere Durchführung hinzukomponiert. Dort wendet er ein neu entwickeltes Verfahren an, bei dem jeder der zwölf verfügbaren Töne nur noch dann wieder erklingen darf, wenn alle anderen 11 bereits vorher erklungen sind. Ferdinand Ries propagiert ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung:
    "Der Meister Beethoven hat die Tonalität an ihre Grenzen geführt und diese überschritten. Hinsichtlich der politischen Katastrophen und blutigen Kriege, die unser Reich in den letzten Jahrzehnten erfahren musste, erscheint jegliche Verharmlosung reaktionärer Komponisten durch fortwährendes Schwelgen in Dur-Dreiklängen inakzeptabel und moralisch verwerflich. Ich bitte jeden heutigen Tonsetzer, dies zu bedenken, sofern er zeitgemäß komponieren möchte - und das muss von jedem ernst zu nehmenden Komponisten erwartet werden."

    Haydn soll ja (sinngemäß zitiert) zu Beethoven gesagt haben: Das Leben bringt genug Probleme mit sich, es bringt nichts, sie auch noch zu vertonen.
    Deine Beschreibung ist ja gar nicht mal so schlecht, aber doch zu korrigieren:


    ad1. Die Themenblöcke sind meistens nicht lange lyrische Melodien, sondern mehrere Gestalten auf einmal. Einen Haydn-Allegrosatz hören ist für mich wie ein Puzzle zusammenbauen.


    ad2. Die Themen sind aber doch oft ganz hübsch und könnten auch oft mit Mozarts standhalten. Besonders tiefsinnig sind z. B. 99 und 102.


    ad3. Das hat leider einen wahren Kern, aber die Trios sind meistens am hörenswertesten!


    ad4. Oder positiv ausgedrückt: ziemlich fetzig 8)

    Naja, man weiß ja mittlerweile, wie es gemeint ist - ich amüsiere mich regelmäßig an deinen Beiträgen, Amfortas :lips: Und du bringst mich sogar dazu, mich mehr mit Nono zu beschäftigen!
    Und das, obwohl meine Einstellung zur Musik ganz konträr ist: ich mag ein Werk erst, wenn ich es verstanden hab (oder glaube, es einigermaßen verstanden zu haben) :pfeif:

    Ich zitiere nochmal den Threaderöffner:


    Zitat

    Original von Thomas Knöchel
    Gefragt sind hier nun nicht persönliche Lieblinge, sondern Werke, die irgendwie ganz ganz obenauf stehen, aus irgendeinem Grund musikgeschichtlich einzigartig sind und die als erstes eine Art „Chance“ haben, auch noch in ein paar Jahrhunderten als bleibendes Erbe der Menschheit gehört zu werden.


    Die lyrische Suite gehört zu den am meisten aufgeführten Streichquartetten, Op. 28 von Webern hört man selten. Ob das in ein paar Jahrhunderten anders ist? (mal von einem zukünftigen Atomkrieg abgesehen, dann wird gar nichts mehr gehört)


    Und ob man in ein paar Jahrhunderten, die genauso mit Kompositionen gefüllt sind wie die bisherigen, noch häufig auf Ein-Ton-Geschichten zurückgreift? Mal abwarten...
    Ich wage keine Prognose :pfeif:

    Zitat

    Original von Wulf
    Schade. Hör Dir einfach mal das von mir genannte Konzert an. Ich denke schon, daß es ein Meisterwerk seiner Gattung ist. Klassische Formstrenge, inspirierte Melodik, alles ist sehr geistreich erfunden.


    Stimmt, wunderbares Konzert, auch diejenigen in F-Dur und D-Dur.
    Tolle Haydn'sche Melodik! ;)

    Zitat

    Original von Wulf
    Für das Schreiben von eingängigen Melodien gibt es Baukästen, ein jeder mit etwas Verstand kann das lernen - der Pop/Rock-Markt wird überschwemmt von simplen, manchmal auch durchaus originellen Melodien.


    Na, na, na, Wulf, so einfach ist das jetzt aber auch nicht. ;)
    Von einigen "ernsten" Komponisten der heutigen Zeit habe ich schon gelesen, dass sie nicht in der Lage wären, einen eingängigen Popsong zu schreiben.
    In der Melodie verewigt sich die persönliche Handschrift des Komponisten doch am stärksten. Eine Mozart'sche Melodie konnte niemand schreiben außer Mozart, selbiges trifft auch Dvorak, Tschaikowski und viele andere zu.


    Zitat


    Einzigartig in der Musikgeschichte dürfte 4'33'' obskurerweise schon sein. Auch oder gerade WEIL es jeder hätte schreiben können.


    Einzigartig aber IMO als philosophischer Anstoß, nicht als "Musik" im üblichen Sinne.
    Wenn es dir einen "Hör"-Genuss bereitet, dann beneide ich dich sehr. ;)


    Zitat


    P.S. Ich bin der Meinung, daß nicht immer alle drei NWSler dabei sein müssen. Würde den Berg - ich sehe Proteste hageln


    Stimmt, lieber Webern raus. :D
    Die Frage ist eben, ob man nach der Qualität der Werke oder deren Einfluss auf nachfolgende Komponisten urteilt. Letzteres ist beliebter, da einfacher feststellbar - da wäre Berg auf jeden Fall der erste, der raus müsste. Urteilt man nach der Qualität, ist es schon schwieriger - ich würde Berg persönlich lieber drin lassen als Webern, aber ich lasse es mal offen, aus dem Grund, den du schon in deinem zweiten Beitrag erwähnt hast. ;)

    Zitat

    Original von Alfred_Schmidt
    Ich sehe "romantisch" nicht unbedingt als "dick" oder "schwülstig".
    Im speziellen Fall war es auch nur eine Krücke um anzudeuten was ich beim Hören empfunden habe.


    Einverstanden. Sagen wir: er spielt als Interpret, nicht als moderne Notenabspulmaschine.


    Zitat


    Sagen wir es so: Fray spielt sehr individuell (vor etlichen Jahren eine selbstverständlichkeit, seit ca 25 Jahren verpönt - und nun traut sich der eine oder andere - und alle stehen davor wie vor einem Wunder)
    und "frech", nimmt sich etliche Freiheiten, spielt mit Verve und nutzt die dynamischen Fähigkeiten seines Instruments voll aus. Er schert sich einen Teufel um "historische" Gegebenheiten.


    Ich glaube wir haben hier eine Symbiose der Erkenntnisse der HIP und der Verwirklichung des Interpreten in der Musik (das wird möglicherweise allgemein die kommende Ära der Interpretationsgeschichte definieren).

    Hallo Alfred,


    Fray spielt auf jeden Fall mit Begeisterung, Wärme, Klangsinnlichkeit, Geist, Frische und Audruck. Aber als romantisch im sinne von dick, schwülstig würde ich sein Spiel nicht bezeichnen. Sein Spiel ebenso wie das des Orchesters ist sehr transparent und rhythmusbetont.
    Ich höre die CD seit Tagen rauf und runter und bin restlos begeistert. So viel Energie, so viele Feinheiten, so viel dynamische Differenzierung. Man beachte nur Passagen wie im 1. Satz das A-Dur Konzerts ab 0:30. Oder 3:10 im d-Moll-Konzert.


    Fast scheint mir die neue Pianistengeneration (Grimaud, Fray, wer weiß, wer uns noch erwartet?) eine Art Gegenreaktion auf die HIP-Szene zu sein.


    Diesen Pianisten kann man jedenfalls nicht genügend hochjubeln.

    Oben 8)


    Aber nur zur Hälfte, meine Mitspielerin war damals zu faul. :no:


    Aber wie wir gesehen haben, Ulli, hab ich das Stück längst wieder verlernt. :D


    Ich mach auch mal ne Liste:


    Bach - Gouldbergvariationen
    Bach - Französische Suite E-Dur (BWV weiß ich grad nicht auswendig)
    Bach - BWV 808 (Eng. Suite)
    Bach - BWV 810 (Eng. Suite)
    Brahms - Rhapsodie h-Moll
    Brahms - Händelvariationen
    Mendelssohn - Rondo capriccioso
    Mussorgski - Bilder einer Ausstellung
    Schumann - Sinfonische Etüden
    Weber - Aufforderung zum Tanz

    Ich plädiere für eine neue Selektionsmethode bei den Neuanmeldungen, und zwar entweder, indem man jedes Neumitglied 1 Cent überweisen lässt (Vorteil: eine Person kann sich nur noch einmal anmelden - Nachteile: abschreckende Wirkung, zu hoher Aufwand) oder indem man jedes neue Mitglied vor der Freischaltung sich im öffentlichen Vorstellungsthread vorstellen lässt und dann ggf. freischaltet (Vorteile: kein großer administratorischer Aufwand, interessierte Neumitglieder gehen nicht durch falsche Verdächtigungen verloren - Nachteil: weiß nicht?).


    Aber ich habe schonmal solche Dinge vorgeschlagen und sie schienen nicht auf Interesse zu stoßen. Also willst du nun wirklich Zuwachs oder ist die Frage eher rhetorisch zu verstehen?