
Giuletta Simionato, Giuseppe di Stefano, Ettore Bastianini - Gianandrea Gavazzeni
Mailand, 07.12.1957
Myto bei JPC 1296710
Nach dem Konzert in Dallas vom 21.11. flog die Callas nach Mailand zu den Proben für die Saisoneröffnung am 07.12.1957. Dies sollte ihr letzter Auftritt in einer Opernaufführung zusammen mit di Stefano sein. Beiden arbeiteten erst wieder bei der Abschiedstournee 1973/74 zusammen.
Hier präsentiert sich der Tenor bei prächtiger Stimme, aber mit allen Problemen, die seine Karriere schon sehr früh begleiteten.
Er beginnt das Rezitativ „Amici miei! - soldati!“ gewohnt schwungvoll und leidenschaftlich. Aber zum Ende hin, bei „In lei rapita“ muss er in das Passagio und hier hatte er immer stärkere Probleme. Gewöhnlich zog er bei solchen Partien verstärkt die Bruststimme über das Register hinaus. Dies bekam aber weder dem Klang seiner Höhe, die dann gepresst und recht steif wurde, noch entsprach es dem stilistischen Ideal dieser Tenorpartie. In der Arie wird dies wieder zum Schluss recht deutlich, wenn er ab der Wiederholung von „Che il ciel“ erneut stärker in das Passagio muss. Dafür entschädigt er aber durch seinen gewohnt leidenschaftlichen Gesang, durch die Schönheit des Timbres in der Mittellage und durch sein Legato verbunden mit einer äußerst natürlichen Phrasierung.
Bis zur Arie des Renato gibt es dann ein kurzes, aber prachtvolles Duett zwischen di Stefano und Bastianini zu hören, zwischen zwei Stimmen mit außergewöhnlich schönen Timbres, die sich aber beide hier nicht nur auf diese Qualität ihrer Stimme verlassen.
„Alla vita che t‘arride“ wird von Bastianini mit gewohnt prachtvoller Stimme gesungen, wobei er durch einen stärkeren Einsatz von Legato dem Ganzen mehr Geschmeidigkeit hätte geben können. Hier geht es aber wirklich nur um Nuancen, wie ebenso bei der leicht engen Höhe von „splendido“ oder dem fehlenden Portamento bei „l‘affetto“. Dafür ist der Schusston ein Genuss.
Eugenia Ratti schließt sich dann mit einer gut gesungenen Oscar - Arie „Volta la terrea“ an. Der erste Vers ist manchmal ein wenig unsauber (auch hier geht es nur um Nuancen), der zweite wird dagegen sauberer gesungen, wenn auch leider nicht weiter ausgeziert.
Das Quintett beschließ dann diese erste Szene, von Gavazzeni sehr schwungvoll dirigiert, wenn auch vielleicht ein wenig hart im Rhythmus.
Dies macht er dann aber mit der Einleitung zur zweiten Szene wieder mehr als wett. Hart, unerbittlich, fast archaisch klingt das, womit er uns in die Welt Ulricas einführt. Und dort „lauert“ die große Simionato, die mit vollklingender Tiefe ihre Arie „Rè dell‘abisso“ beginnt, ein wahrhaft schauerliches Gemälde malt und auch mit der Höhe bei „sibito“
keinerlei Probleme hat. Man höre nur den wiederholten Aufstieg bei „Al guardo mio potrà“, den abschließenden Spitzenton auf „potrà“ und die absolute Tiefe bei „Silenzio“.
Nach dem kurzen Zwischenspiel mit Silvano erscheint dann die Callas. Klingt die Höhe bei „Lui - che su tutti il ciel“ noch ein wenig hart und angestrengt, was der Handlung durchaus entsprechen könnte, bringt sie bei „Mio Dio! Qual loco!“ einen leicht gehetzten Ton der Angst und bei „Agghiaccio“ ein wirkliches Schaudern hinein. Aber schon das „Si!“ als Antwort auf Ulricas Frage „Sta notte?“ zeigt die ganze Stärke dieser Amelia. Die aufsteigende Phrase bei „Consentimi, o Signore“ zeigt aber erneut, dass die Höhe nicht ganz frei ist, auch wenn die nachfolgenden Verse sehr ergreifend gestaltet werden und der Abschluss dieses kleinen Terzett Callas und Simionato mit wunderbarer Höhe und einem außergewöhnlichen Gleichklang der Stimmen zeigt.
Der erste Vers der nachfolgenden Riccardo - Arie „Di tu se fedele“ gelingt einschließlich der Höhe bei „Irati sfidar“ di Stefano ganz vorzüglich, auch wenn er vokale Feinheiten bei „m‘aspetta“ und „diletta“ nicht ausführen kann. Aber welch ein Schwung und welch ein Legato in der Passage nach „Sollecita esplora“. Die angesprochenen Feinheiten gelingen ihm nun im zweiten Vers bei „gembo“ und entsprechend „nembo“ wesentlich besser. Überhaupt ist der eher lyrische Teil dieses Verses ein Genuss. Erst mit der Höhe bei „Le forze del cor“ kommt die bekannte Schärfe in seinen Ton hinein und der Schlusston ist recht gezwungen und leider wieder ausschließlich mit der Bruststimme gebildet.
Am Beginn des Schlussensembles vergreift sich di Stefano bei „E scherzo ed è follia“ fast, in der er zu sehr auf veristische Effekte setzt, etwas was er bei der Wiederholung des Verses dann auslässt. Dafür glänzt er in diesem Abschnitt mit einer strahlenden Höhe.
Nach einer wunderbaren Orchestereinleitung dann die große Arie der Amelia. Sie beginnt mit einer ersten starken Betonung von „morte“, die sofort großen Effekt macht. „Ecco là le colonne“ ist ein gesungener Angstschrei (wohlgemerkt: gesungen) und das frei in der Luft schwebende „S‘inoltri.“ ein weiterer Beleg für die Willensstärke dieser Amelia. Ein kleines Nachschieben des Atems bei „Ah!“ von „Ah! m si aggela il coe!“ zeigt dann aber sofort ihre vorhandene Angst. Die folgenden Verse des Rezitativs bis hin zum dumpf verklingenden „sia“ sind mit ihren unterschiedlichen Stimmungen erneut große Callas. Dabei ist die Höhe voll da, wenn auch der Samt ein wenig fehlt. Aber dies entspricht genau der dramatischen Situation. Die eigentliche Arie singt sie mit wunderbar dunkel getönter Stimme und erst mit „Quell‘eterea“ bricht erneut Besorgnis aus ihr heraus. Der Aufschwung bei „Che tu resta, perduto l‘amor“ und der nachfolgende Vers sind dann durch den Zusammenklang von stimmlicher Vollendung und großem Ausdruck von ausgesprochener Schönheit. „Su, coraggio“ zeigt die große Kunst der Callas durch minimale Pausen den Ablauf der Phrase zu verzögern, ohne sie zu zerdehnen.
Ab „Mezzanotte“ gibt sie mehr Schärfe in ihre Stimme um das Gehetzte deutlicher zu machen. „È m‘affisa è terribile sta.“ wird so intensiv gesungen, dass die Stimme in der Höhe fast „überschnappt“, ein in diesem Moment durchaus gewollter Effekt. Und in der Wiederholung dieser Phrase arbeitet sie erneut mit diesen kleinen Verzögerungen und beendet sie mit einem völlig tonlosen, lang gehaltenen „sta“. Mit dem kurzen Gebet ab „Deh! mi reggi“ überschreitet die Callas wenn auch hörbar, so doch stilistisch wesentlich besser als di Stefano, den Registerwechsel und formt zusammen mit der aufsteigenden Phrase und der unbegleiteten Kadenz einen beeindruckenden Abschluss dieser ganzen Szene.
Gavazzeni lässt kaum Beifall zu, sondern geht sofort zum Duett über. Die Stimme der Callas ist weiterhin leicht gehärtet und di Stefanos stilistische Probleme, z.B. beim Passagio bei „Quante volte dal cielo implora!“ nach wie vor unüberhörbar, auch wie er sich bei „istante“ regelrecht auf den Ton rettet. Aber was macht es denn? Dies ist Theater, voller kleiner Mängel und Schwächen, aber dafür prall mit Leben und Emotion gefüllt. Hier treffen noch einmal zwei aufeinander, die sich in ihrer Ausdrucksbesessenheit nie etwas geschenkt haben und gerade darum so gut zueinander passten und die zusammen mit dem sie immer weiter peitschenden Gavazzeni dem Hörer eine wahre Sternstunde der Oper bescheren.
Mit dem Auftauchen Renatos ändert sich natürlich die Stimmung und die Emotionen kühlen sich zunächst schlagartig ab. In der Stimme der Callas ist wiederum nicht nur Angst und Besorgnis zu hören, sondern auch die Stärke, in dieser Situation einen kühlen Kopf zu bewahren. Und mit „Del fiero su fato“ gelingt ihr in Höhe und anschließender Tiefe eine Phrase vollendeten Gesangs und beeindruckenden Ausdrucks. Das abschließende Terzett mit Renato „Odi tu come fremento“ weist im Zusammenklang am Ende gewisse Unsauberkeiten auf. Aber auch hier sind sie erneut völlig nebensächlich. Es zählt nur der erreichte Grad der künstlerischen und dramatischen Übereinstimmung und der ist überwältigend.
Nach der Entdeckung und einem fulminanten „Amelia!“ durch Bastianini gelingt der Callas ein ergreifendes „O ciel, pieta“, zunächst aufsteigend, eher verzweifelt, dann sehr innerlich, fast sich im Schicksal ergebend. Dieser Amelia kann man nichts vormachen. Sie ahnt sofort, was auf sie zukommen wird. Das folgende Quartett mit Samuel und Tom beherrscht sie dann mit einer warmen, strahlenden Höhe.
Nach dem kurzen, angstgehetzten Duett mit Renato hält der dritte Akt zunächst „Morrò, ma prima in grazie“ für Amelia bereit, eine Arie, die der Callas eigentlich nicht besonders lag, da sie immer Schwierigkeiten mit Szenen hatte, in denen zu innerlich gesungen werden musste und die zudem vor allem aus einer Stimmung bestanden. Aufgeben, wie in diesem Fall, war eben nicht ihre Stärke. Ihr lag es mehr, ihre Emotionen direkt nach außen zu richten. Trotzdem war die Callas an diesem Abend offensichtlich emotional so sehr engagiert, dass ihr doch eine sehr geschossene Darbietung gelingt, auch wenn sie immer wieder um Nuancen zu viel Druck auf die Stimme gibt und es dadurch immer wieder zu sehr nach außen gerichtet wirkt. Die Arie kann innerlicher gesungen werden, ob ausdrucksvoller sei dahingestellt. Die abschließende, ungestützte Kadenz gelingt ihr aber wieder makellos, wie übrigens in der ganzen Arie keine technischen Probleme zu hören sind.
Was die Callas zu viel gibt, gibt Bastianini im „Eri tu“ vielleicht zu wenig an Emotion. Aber auch hier geht es nur um Nuancen. Bemängeln (ein viel zu starkes Wort) könnte man höchsten die manchmal leicht enge („Delle lagrime“) oder angestrengte Höhe („in tal giusa“), den möglicherweise zu brav gesungenen lyrischen Teil oder einen veristischen Schluchzer bei „brillava d‘amor“. Aber das ist Beckmesserei. Insgesamt ist es eine wunderschön gesungene und gestaltete Arie, in der er der Versuchung entgeht, den Schlusston sozusagen speziell für die Galerie zu singen.
Ihre nächste Szene beginnt die Callas mit einer der wenigen, klassischen Verzierungen, die ihre Partie enthält. „Qual terribile“ wird von ihr perfekt gestaltet. Bei „È perchè?“ wechselt sie den Tonfall hin zu einer eher Kleinmädchenstimme, die die wirkliche Unsicherheit Amelias in diesem Moment deutlich macht, die den Sinn, der hinter Renatos Aufforderung steckt, nicht begreifen kann. Aber sofort bringt die Callas wieder die volle, dunkel gefärbte Stimme zum Einsatz, als sie den Hintersinn erkennt. Und die angsterfüllten Töne, die die Callas für „Ah! del Conte la morte“ findet, kontrastieren wunderbar mit der selbstbewusst - siegessicheren Haltung der drei Männer.
In seiner dritten Arie fallen, angefangen bei „Ah, l‘ho segnato“, die Schwierigkeiten di Stefanos mit dem Passagio besonders ins Gewicht. Zudem baut er auch kleine Schluchzer ein, durchaus ein Kapitalfehler in der vorveristischen Ära. Und die Cabaletta zeigt dann alle Tugenden und Untugenden seines Gesangs. Schwung und Leidenschaft stehen einer falsch gebildeten, enge Höhe und zu offenem Singen gegenüber. Und trotzdem ist die gesamte Arie wunderschön gestaltet, da di Stefano eben vor allem ein „Bühnentier“ war und seine Emotionen selten bremste.
Der Anteil Amelias am Schluss der Oper ist naturgemäß relativ gering. Die Callas dominiert aber weiterhin jedes Ensemble mit ihrer strahlenden Höhe und ihrem leidenschaftlichen Gesang.
Vielleicht klingt diese Kritik manchmal ein wenig zu hart. Aber es gibt Fehler, technische Probleme, situationsbedingte Mängel.
Aber: Es handelt sich um eine Bühnenaufführung und das Ergebnis ist in seiner Gesamtheit überwältigend. Die Callas, insgesamt hervorragend bei Stimme, stellt eine starke, leidenschaftliche Amelia dar, die immer bereit ist, ihre eigenen Ängste und Schwächen zu überwinden und dadurch es schafft, ihren eigenen, selbst gewählten Weg zu gehen. Dies ist ein durchaus moderner Ansatz, da sie damit so gar nicht dem Rollenideal der Frau in den fünfziger Jahren entsprach. Di Stefano ist trotz seiner bekannten stimmlichen Mängel ein überwältigender Riccardo. Bastianini präsentiert einen starken, mit Autorität ausgestatteten Renato, der durchaus aus sich herausgeht und die Simionato eine geradezu perfekt gesungene und gestaltene Ulrica. Gavazzeni formt zusammen mit dem exzellenten Orchester einen überaus packenden und dramatischen Abend. Was will man mehr?
Gustav