
Myto bei JPC 4531941
Eugenio Fernandi, Rolando Panerai, Giuseppe Modesti - Tullio Serafin
Rom - RAI, 26.06.1957
Nach der letzten Vorstellung der „Ifigenia“ gab die Callas ein Konzert in Zürich unter Rudolf Moralt (Traviata, Lucia) und absolvierte danach diese „Lucia“, die ihre letzte Live - Aufnahme dieser Oper darstellt. Neben der zweiten Studio - Aufnahme sollte sie dieses Werk sowieso nur noch in New York 1958 und ein Jahr später in Dallas singen.
Locker und entspannt klingend beginnt Panerai mit „Cruda, funesta smania“. Die kleinen Verzierungen bei „in petto“ und „orribile“ werden sehr exakt ausgeführt, die Arie rhythmisch schön gestaltet und die Höhe ist exzellent, auch wenn er sich bei „solleva in fronte“ ein wenig verschätzt und sich fast hochschrauben muss. Auch die Cabaletta „La pietade in suo favore“ ist ein Genuss, auch wenn man bei dem sehr breiten Tempo Serafins manchmal den Eindruck hat, er käme mit seiner Phrasierung nicht zurecht. Aber das täuscht.
Die Callas beginnt mit einer dunkel gefärbten, vollen Stimme, vielleicht ein wenig zu voll für die sensible Lucia. Aber das Rezitativ „Quella fonte, ah, mai“ ist wunderschön gestaltet und sie macht sofort deutlich, das Lucia eine Melancholikerin ist, anders als in den Aufführungen unter Karajan und Cleva, wo das Mädchenhafte der Figur dominierte.
Mit „Regnava nel silenzio“ ist er sofort da, der einzigartige Callaston aus dieser warmen, brustigen Farbe und dem Schmerz, der von irgendwoher in diese Stimme einfließt. Und es ist auch sofort Lucia da, eine tief empfindende, leidende Frau. Und man höre nur „Qual di chi parla“ und wage dann noch zu behaupten, die Callas hätte keine schöne Stimme gehabt. Das ist purer Wohlklang gepaart mit tiefem Ausdruck, mit einem Wort, da ist sie wieder, die Callas.
Und dann dieses Diminuendo auf „dileguò“, diese Zurücknahme der Emotion hin zu einem ganz intimen Moment des Erschauerns. Zudem kommen die Triller am Ende der Arie so gut wie lange nicht mehr.
Die Cabaletta „Quando, rapido in estasi“ wird mit mehr Kopfstimme begonnen, klingt dadurch leichter und Serafin gibt auch genau das richtige Tempo vor. Allerdings fällt auf, dass hier die Triller nicht ganz so exakt mehr kommen und das schon in der Kadenz der ersten Strophe viele der kleinen hohen Noten ausgelassen werden. In der zweiten Kadenz klingt der erste Spitzenton dann recht scharf und das Es zum Schluss ist alles andere als gelungen, auch wenn es lange gehalten wird.
Mit Eugenio Fernandi tritt nun der künftige Calaf der Callas als Edgardo auf und auch hier ist er keine erste Wahl. Sein Timbre klingt ein wenig quäkig und von Gestaltung oder Ausdruck ist von Anfang an wenig zu spüren. Durch „Lucia, perdona“ und die folgenden Verse singt er sich einfach hindurch, während Callas z.B. mit „È me nel pianto“ eine Lehrstunde in Rubato und vokaler Behandlung von Silben und Vokalen und mit „l‘arcano affetto“ eine des Ausdrucks, des schmerzvollen Verstummens gibt. Da treffen Welten aufeinander.
Leider geht das durch das gesamte Duett so weiter. Callas ist hilflos dem hölzernen Gesang Fernandis ausgeliefert und liefert doch immer wieder eine überaus sensible Darstellung voll stimmlicher und menschlicher Schönheit. Aber ein Zusammenklang kann so nicht entstehen. Besonders stark klafft das Niveau auseinander, wenn beide direkt Koloraturen zusammen singen.
Natürlich fällt dieser Unterschied bei „Verranno a te“ auf, auch wenn die Höhe der Callas leicht dünn wird. Aber welch ein Ausdruck, welch eine Empfindsamkeit verglichen mit dem Einheitston Fernandis. Und leider lässt die Callas sich dann im dritten Vers dazu verleiten einen Tick zu viel Stimme zu geben.
Zum Glück hat sie in Panerai einen ganz anders gearteten Partner für das Duett mit Enrico, auch wenn er das R durchgehend zu sehr betont. Wunderschön wie sie den Orchesterklang bei „ti rimprovera tacendo“ aufnimmt und ihre Phrase quasi auf die kurze Einleitung bettet. Einen Qualitätsunterschied zu Panerai erkennt man dann sofort bei seiner Parallelphrase „ma si taccia“. Ebenfalls gut gesungen, gelingt ihm diese Einheit dann doch nicht ganz.
Bei der Orchestereinleitung zu „Soffriva nel pianto“ erahnt man die Absicht Serafins, die das Orchester leider nicht entsprechend umsetzen kann. Aber ihre Phrase, sanft und zart, fast zerbrechlich, ist dann von einem berückenden Schmerz, der einem fast das Herz brechen lässt. „È giunto per me“ ist erneut ein Moment, in dem sie ein Wort dehnt, bis man meint, es müsste zerbrechen, die Form müsste sich auflösen. Aber natürlich passiert es nicht und zurück bleibt ein Augenblick größter Spannung. Und der gesamte Rest des Duetts ist dann wieder eines dieser Beispiele für das Zusammenklingen dreier großer Künstler und mit einem „Sieger“, in diesem Fall nämlich Donizetti. (Auch wenn ihr Schlusston erneut eher scharf als wirklich gesungen klingt.)
Das Sextett leidet dann wieder unter Fernandi, der zwar recht gut und zurückhalten beginnt, aber im weiteren Verlauf seines Zwiegesanges mit Enrico doch zu sehr in den Vordergrund drängt. Callas übernimmt dann mit geschmeidigeren Organ die Führung und beendet das Ensemble mit ihrem bis dahin besten Es. Der Schluss des II. Aktes klingt seltsam holperig und auch die Callas wird nun in der Höhe leicht säuerlich.
„Il dolce suono“ wird wieder mit mehr mezza voce gesungen und „discesa“ ist erneut ein Moment, in dem man kaum atmen mag, weil die Zeit endlos gedehnt und doch nebensächlich wird. Die gesamte Arie ist nun eingehüllt in eine unendliche Traurigkeit, ein Klang der Melancholie, der, was immer auch an Ausdrucksnuancen hinzukommt, stets der Urgrund ihres Seins bleibt. Hier ist die Callas wirklich auf dem Höhepunkt ihrer Ausdrucksintelligenz, was die „Lucia“ angeht, angekommen. Leider machen sich im Verlauf der Wahnsinnsszene aber auch die stimmlichen Probleme in der Höhe immer stärker bemerkbar. Die Verzierung bei „a piè dell‘ara“ gelingt aber, ganz mit der Kopfstimme gebildet, noch hervorragend.
Nach einer wirklich traumhaft gestalteten Arie kommt mit dem Rezitativ „Sparsa è di rose“ ein Teil, den Callas gestalten konnte, wie kaum sonst jemand, da es wenige Sängerinnen gab, die ein Rezitativ eben so sehr zum Leben erwecken konnten. Leider wird die Höhe bei der Wiederholung von „O gioia“ säuerlich und scharf, ein deutliches Zeichen für Überanstrengung.
„Ardon gl‘incensi“ bis „A me tu dona un dio“ ist schlichtweg meisterhaft im Klang der Stimme, im genauesten Timing, im Ausklingen der Phrasen, im Ausdruck. Und auch hier hat man wieder das Gefühl, das die Form so sehr mit Ausdruck aufgefüllt ist, dass sie Platzen muss, dass der Belcanto überschritten wird. Aber es passiert nicht. Die Form bleibt erhalten, aber gerade dieser spürbare Druck erzeugt die unendliche Spannung dieser Phrasen.
„Mi fia con te diviso“ und der Übergang zu „Del ciel clemente“ ist ein Moment, von dem man wünscht, er möge nicht vergehen. Und der Zwiegesang mit der Flöte ist deshalb so berührend, weil sie wirkliche Begleitung im Sinne von „Ich bin bei dir. Ich verlasse dich nicht.“ ist. Zum Ende der Kadenz werden beide, Sängerin wie Flötist, ein wenig unsicher und klugerweise verzichtet die Callas auf einen hohen Spitzenton, sondern beendet dies mit dem tieferen Es.
In der Cabaletta „Spargi d‘amor“ sind deutlich die Registerunterschiede zu hören. Die Höhe ist hier leicht bis recht scharf, sie wird deutlich vorsichtig angegangen. Die Triller kommen aber, vor allem im ersten Vers, sehr genau. Leider verrutscht ihr die letzte Phrase doch recht deutlich und der Schlusston wird, ohne das er in den Gesamtzusammenhang eingebettet wäre, sehr spontan angesetzt und ist alles andere als überzeugend.
Mit Fernandis Timbre kann ich mich auch am Ende dieser Aufnahme immer noch nicht anfreunden. Auch wenn er sich erheblich mehr Mühe gibt, differenzierter zu singen, ist er im Ausdruck immer wieder falsch, lässt Phrasen nicht ausschwingen und neigt bei Spitzentönen zu sehr zum Herauspressen.
Dies ist, auch dank Serafins vordergründig unspektakulärer Begleitung, doch eine große Leistung der Callas. Natürlich muss man auf die Höhe verweisen, ohne die eine „Lucia“ eben auch nicht funktioniert. Hier zeigten sich, was Partien dieses Repertoires angeht, doch erste wirkliche Probleme. Insgesamt klingt die Vollhöhe durchgehend scharf, säuerlich und unstet. ABER, und dieses Aber ist zurecht groß geschrieben, was die Callas hier an Ausdrucksintensität offenbaren kann, wie sie durchgehend diesen Ton des Schmerzes, der Verzweiflung und der dunklen Melancholie erzeugen und gleichzeitig in der Mittellage mit solch überirdischer Schönheit singen kann, das ist ein Ereignis, das man kennen muss. (Selbst wenn man dann einen Fernandi in Kauf nehmen muss. Dafür bekommt man immerhin einen Panerai!)
Gustav