
EMI bei JPC 6848208
Giuletta Simionato, Gianni Raimondi, Nicola Rossi - Lemeni - Gianandrea Gavazzeni
Mailand, 14.04.1957 (nach Michael Scott wäre erst der 17.04. im Radio übertragen worden)
Nach der zweifelhaften New Yorker „Lucia“ trat die Callas noch in Chicago in einem Konzert auf, das von Karl Böhm dirigiert werden sollte. Nach Differenzen während der Proben zog er sich zurück und wurde durch Fausto Cleva ersetzt. Die Callas fuhr dann über London („Norma“ in Covent Garden und „Barbiere“ im Studio) nach Mailand, wo sie „Sonnambula“ aufnahm und auch an der Scala gab. Danach begannen die Proben zu „Anna Bolena“ , einer weiteren legendären Zusammenarbeit mit Luchino Visconti.
Es ist nicht so, dass die EMI - Aufnahme die Ouvertüre wegfallen lässt. Dieser Striche und andere oder auch Umstellungen gehen auf das Konto Gavazzenis, der die Oper sehr gestrafft hat.
So kommt es sehr schnell zum Arioso der Giovanna (Jane) Seymour, vorgetragen von einer phänomenalen Simionato. Auch hier, wie in der Norma, wurde dem Sopran ein Mezzo gegenüber gestellt, wobei die Simionato keinerlei Höhenprobleme, dafür aber ein sehr schön von der Callas abgesetztes Timbre aufweist.
Callas ist mit dieser Rolle in ihrem Element. Die Mischung aus Person der Öffentlichkeit und verletzter Frau sprach sie immer besonders an. Ihr erster Auftritt ist von zunächst blasser, fahler Stimmfarbe gekennzeichnet, die die Unruhe hinter der höfischen Fassade ausdrückt. Erst im Dialog mit Giovnna gewinnt die Stimme ein wenig an Fülle, die Unruhe verbleibt aber. Das kurze Lied des Smeton fordert den ersten Ausbruch der Anna mit „Taci, Deh! Taci!“ heraus, dies mit grandioser Attacke gesungen.
Gavazzeni streicht die Einleitung und auch den zweiten Vers der Cabaletta zur folgenden Arie „Come, innocente giovane“. Callas hält das Tempo wunderbar durch und singt mit zartem, aber bestimmten Ton und verdeutlicht damit weiter die Ängste unter der offiziellen Maske. Bei „avessi il petto“ und „ad altro affetto“ gibt es zarte Figuren voller Sehnsucht und nach einem wunderschönen Portamento im Wort „splendor“ verhaucht sie diese Arie im Piano.
„Ma poche ormai rimangono“ ist angsterfüllt und die Cabaletta beginnt mit einem „Legger potessi in me“, das wieder die große Kunst der Callas zeigt, jeder Silbe eine andere Betonung zu unterlegene. Die Cabaletta selber ist alles andere als virtuoses Schaustück, sondern vielmehr, auch durch das gemäßigte Tempo, ein weiterer Beleg für die untergründigen Ängste, die Anna beherrschen. So endet sie auch folgerichtig nicht auf einem Es, sonder „nur“ auf einem C.
Es folgt das große Duett Giovanna - Enrico mit einer wirklich hervorragenden Simionato und mit Rossi - Lemeni, der dagegen ein wenig steif wirkt, die Koloraturen oftmals verwischt und auch nicht so höhensicher ist, so dass leichte Vokalverfärbungen entstehen. Trotzdem ist er von der Attitude her ganz Heinrich VIII. und stattet ihn mit einem vollen, wirklich majestätischen Bass aus.
Raimondi präsentiert sich im Duett mit Plinio Clabassi als Rochefort mit schlanker und kultivierter Stimme. Bei „il mar passai“ hat er leichte Schwierigkeiten mit der mezza voce und bei „dai viventi io mi divisi“ wird die Stimme seltsam farblos, aber am Ende der kleinen Arie hat er sich dann gefangen. Und die Cabaletta, wie die ganze Aufführung hindurch in gemäßigtem Tempo von Gavazzeni genommen, zeigt ihn dann bei guter und sicherer Stimme.
Am Ende der ersten Szene wünscht man sich Enrico bei „Non la man d‘Enrico“ und auch im weiteren Verlauf ein wenig engagierter. Die Callas leitet mit einem schmerzvoll verträumten „Io senti sulla mia mano“ ein prachtvolles Quintett ein, das Raimondi immer wieder mit einer kraftvollen Höhe, die Callas mit ihrem berührenden Gesang beherrschen. Im Finale kommt dann erstmals Virtuosenstimmung auf und die Callas krönt es durch einen feurigen Spitzenton.
Die zweite Szene bringt die Entdeckung durch den Pagen Smeton. In Erwartung Percys ist ihre Stimme der Callas zwar voll, aber voller Angst und Selbstzweifel („Eccolo! io tremo! io gelo!“) und bricht dann in einem ergeben - liebevollen „Riccardo“ geradezu zusammen. Dann schwankt ihre Stimme zwischen der einer Königin und der einer Liebenden, bis auch hier mit „M‘aborre, è vero“ die Wende eintritt. Vor allem „vero“ ist wieder solch ein Moment, den die Callas dehnt, ohne ihn zu überdehnen, und damit das Drama und die Zeit anhalten kann.
Raimondi weist im Duett immer wieder Höhenschwierigkeiten auf („Un amante che t‘adora“) und kann auch der Callas ausdrucksmäßig und stilistisch nicht folgen. Ihre Antwort auf seinen ersten Vers ist erneut meisterlich. Ist sie bei „come acri, orrendi sono“ noch ganz Majestät, wird sie bei „che con me s‘asside in trono“ von Verzweiflung gepackt und endet mit einem „non parlar con me d‘amor“, das so voller Liebe ist, dass es dem Text völlig widerspricht. Aber schon im nächsten Vers „In Inghilterra non tu trovo il nuovo albor.“ ist sie wieder ganz gefasst und gibt ihm mit geradezu majestätischer Strenge diesen Befehl. „Ah! per pietà del mio spavento“ ist fast atemlos vor Angst und „Cercar altrove un cor felice“ dann voller Besorgnis um ihn.
„Deh! fermate, io son perduta“, der Moment der Erkenntnis ihrer Entdeckung, wird mit größter Verzweiflung herausgestoßen. Aber mit „In quegli sguardi“, nach einem tonlosen „Ovè sono?“ reißt sie sich noch einmal zusammen und ist wieder ganz voller Würde und Majestät. Dies leitet dann zu einem Sextett über, das in der Qualität mit dem berühmten aus der „Lucia“ durchaus konkurrieren kann. Callas ist dabei die ganze Zeit in ihrer Schmerzhaftigkeit große Tragödin.
Enricos „Non io, sol den i giudici“ leitet einen der legendären Callas - Momente ein. „Giudici, giudici ad Anna!“ wird mit Vehemenz und verzehrender Brillanz herausgeschleudert, ganz verletzte Königin, und die Callas peitscht sich und das Ensemble durch das Finale hindurch.
Dies ist übrigens auch ein legendärer Moment, weil bei der Wiederaufnahme ein Jahr später die Callas bei ihrem ersten Auftritt in einem italienischen Opernhaus nach dem so genannten Rom - Skandal es schaffte, mit dieser Szene das Publikum ein weiteres Mal zu bezwingen. 1958 war die Stimmung zu Beginn der Oper äußerst feindselig gegen sie und Visconti versteckte sie so gut es ging unter Choristen. Bis zu diesem Moment gab es kaum Beifall für sie, dagegen umso mehr für ihre Kollegen. Dann aber stieß die Callas mit dem Wort „Giudice“ ihre Wächter zur Seite, ging an die Rampe und schleuderte die folgenden Verse direkt dem Publikum entgegen, das danach vor Begeisterung raste. Diese Augenblicke des Kampfes waren natürlich Pyrrhus - Siege, kosteten sie vor allem Nerven, über die die Callas in diesen Jahren immer seltener in vollem Maße verfügte.
Die kurze Szene vor dem Gebet zu Beginn des zweiten Aktes zeigt Anna nun völlig gebrochen. Das Gebet selber beginnt sie mit zartestem Ton, um dann im zweiten Vers, wenn es um das Schicksal ihrer Vorgängerin geht, zu verzweifelten Selbstvorwürfen überzugehen.
Die folgende Szene mit Giovanna ist einer der Höhepunkte der Aufführung. Vergleichbar mit „Mira o Norma“ stellt dieses sehr lange Duett die Entdeckung Giovannas als Nebenbuhlerin dar, die Raserei der Anna und ihre anschließende Vergebung. Und auch hier, wie schon bei der Norma, könnte man Vers für Vers darstellen, wie diese beiden großen Jahrhundertsängerinnen zusammen ein großes Kunstwerk entstehen lassen. Aber all das wäre zu wenig. Man muss, muss, muss es hören, um zu erleben, was Oper sein kann.
Hier also nur einige Details. „Tu! mia Rivale!“ mit hässlicher Stimmfarbe voller Verachtung von Callas herausgepresst, „Dio!“ fast ein ungläubiges Auflachen und die Wiederholung von „Mia Rivale!“ erneut unendlich gehalten, voller Hass und Verachtung. Und dann die Einwürfe der Callas in den verzweifelt - besänftigenden Gesang der Simionato. „Va, infelice“ ist voller menschlicher Größe und aufkeimender Verzweiflung. Und die Simionato antwortet mit reinem Wohlklang. Das Finale ist dann, wie schon in Norma, ein Zusammenklang der besonderen Art.
Dann begegnen wir der Callas wieder bei dem letzten Zusammentreffen mit Enrico und Percy. Hier ist sie in ihrem Flehen ganz würdevolle Frau, die bittet, aber sich nicht erniedrigt, die anklagt, aber nicht keift. Das anschlie0ende Terzett leitet die Callas mit der wunderschön innig gesungenen Phrase „Ah, del tuo cor magnanimo“ ein. Bei „Quanto, quanto è funesto“ ergänzen sich Callas und Raimondi wunderbar, was man von Rossi - Lemeni nicht behaupten kann, der durchaus recht ungeschlacht daher kommt und bei „legge non men tremenda“ ganz gewaltig daneben haut.
Nachdem die Simionato noch einmal ihre außergewöhnliche Klasse unter Beweis gestellt hat, kommt dann die große Abschiedszene der Anna.
Mit den ersten Versen „Piangete voi“ und vor allem „tal pianto“ gibt die Callas sofort die Stimmung vor. Weltabgewandte Abschiedsmusik von Wahn durchzogen. Bei „aspetta“ kommt ein weiterer ihrer vielen Rubato - Effekte zum Tragen und „infiorato“ wird mit einer abfallenden Linie wunderschön verziert. „Del mio serto di rose“ ist in seiner Schlichtheit herzergreifend. Mit der Erinnerung an Percy ändert sich die Stimmung. Die Stimme bäumt sich auf und das „Ah!“ bei „Ah! mi perdona!“ ist wieder einer dieser Endlostöne, der mit seiner Intensität die Zeit stillstehen lässt. Aber gleich, bei der Wiederholung, bricht sie wieder zusammen und das erneute „perdona“ wird mit äußerster Zartheit, fast Schwäche gesungen. Diese Schwäche zeichnet auch „O gioia“ aus, das alles andere als Freude darstellt.
Die eigentliche Arie „Al dolce guidami“ ist in ihrer Zartheit, mit ihren Trillern auf „al queto rio-“, „che i nostri mormora“ oder „sospiri“, der abfallenden Figur bei „ancor“ und dem direkten Übergang zu „Ah! cola, dimentico“, den folgenden gehauchten Trillern bei „de‘scorsi“ und „de‘ miei“ und einer aufsteigenden Figur bei „del nostro amor“ (mit einem leicht verrutschten Schlusston) und einer fast schlichten Kadenz ein Meisterwerk des ausdrucksvollen Belcanto.
Die Cabaletta „Coppia iniqua“ zeigt dann eine ganz andere Callas. Hier ist die Stimme voll und beherrscht. Die Koloraturen kommen makellos und eine Kette von Trillern auf „scenda“ ist ebenso hörenswert wie die verschiedenen wunderbar attackierten C‘s. Auch hier wählt Gavazzeni erneut ein extrem langsames Tempo. Die ganze Aufführung war er bemüht, dieses Werk nicht zu einer Shownummer für Primadonnen verkommen zu lassen. Und das ist ihm auch gelungen, denn bei aller Virtuosität, und es eine Virtuosität geradezu im Kleinen, mit Geschmack, dominiert der Ausdruck, das Drama, das Schicksal dieser Königin.
Diese Aufnahme ist natürlich ein Muss, zeigt sie doch eine Callas auf dem Höhepunkt ihrer Gestaltungskunst, die alle virtuose Kunst, die ihr zur Verfügung stand, dem eigentlichen Drama unterzuordnen bereit war und die gleichzeitig an diesem Abend bewundernswert bei Stimme ist. Hier steht eben die ganze Zeit Anna Bolena auf der Bühne und nicht Signora XY, die heute einmal vorgibt, Anna Bolena zu sein.
Gustav