Beiträge von Julius

    Lieber Lutgra,
    ich habe mir die Nordgren-Quartette und die Sinfonien nun mehrmals angehört aber viel kann ich nicht dazu sagen. Die Musik sagt mir zu, und ich bereue meinen Kauf keineswegs, nur der wirklich begeisterungszündende Funke ist bislang ausgeblieben. Damit muss man ja Geduld haben. Die letzte Zeit habe ich, abgesehen von den morgendlichen Bachkantaten, nicht weiter viel gehört, mir fällt jetzt wie ich schreibe auf, dass ich am Abend kaum Musik anstelle schon längere Zeit. Das ist sonst nicht so.
    Dein Kommentar über Finnland finde ich interessant. Denn ich habe auch den Eindruck, dass Finnland so eine Art Musikhochburg ist, wo es in Sachen zeitgenössischer Musik überdurchschnittlich viel zu entdecken gibt. Es kann eine subjektive Zufälligkeit sein. Vielleicht ist dies aber wirklich so und einem Zusammenspiel von kulturellen Einflüssen geschuldet? Ein kleines Volk mit einer isolierten Sprache, das wie sibirische Völker auch Schamanen hat (ich denke, wenigstens bei Kalevi Aho ist Schamanismus ein Thema), und eben das Klima.
    Viele Grüsse!
    Julius



    The Shamans
    Winter darkness and midsummer
    Song in the Fells
    Storm in the Fells


    Kein Licht drang unter den vorgezogenen Vorhängen mehr ins Zimmer, ich hatte geschlafen und beschloss im Bett zu bleiben und mir die “Luosto”-Sinfonie noch gleich ein zweites Mal anzuhören (19.3.2013, ca. 19:15). Dabei wollte ich mir vorstellen, auf einem Schlitten durch eine verschneite Landschaft gefahren zu werden.
    Der Schlitten steht schon bereit, und es nähert sich der günstigste Zeitpunkt zur Abfahrt, dass das wenige Tageslicht uns am weitesten begleiten wird. Das können natürlich nur die Einheimischen mit ihren Trommeln am besten einschätzen, für mich ist es einfach nur dunkel und Nacht, während sie den nahenden Tag sicher herbeizurufen wissen. Zur Dauer der Fahrt machte man mir die widersprüchlichsten Angaben und ich beschliesse, mich jetzt einfach dahineinzufügen. Immerhin, ich werde ja in die berühmte Luosto-Schwitzhütte gebracht, und kann mich in Decken mummeln bis dahin und das Land besehen.
    Die Fahrt geht nun schon eine Weile recht rasch, und da sehe ich am Horizont einen Streifen Licht, der breiter und breiter wird und eine Eislandschaft leuchten macht. Rätselhafte Gestalten im Weiss, das sind kümmerliche, schwer vom Schnee gebeugte Bäume, denen nun auch der Wind zusetzt, mit dem Licht ist ein Sturm aufgezogen. Und es wird auch wieder dunkler, so sehr ich mich in die Decken verkrieche, überall dringt Kälte zu mir.
    Ich bin wohl wieder eingeschlafen und erwache in einer tiefen stillen Nacht. Ringsum Bäume, hohe gerade Bäume, der Schlitten steht still. Wie lange schon? Wo sind wir hier? Bin ich allein? Da! – und Da! und dort wieder, es glitzern grosse Kristalle auf, die von den Zweigen hängen. Ich denke an meine Erkältung, dass es ungeklärt ist, was nun eigentlich die Kälte zur Erkältung beiträgt. Jetzt ist mir das ganz klar, die Entstehung der Erkältungsviren geschah folgendermassen:
    Zur Zeit, als das Leben sich auf der Erde ausbreitete, suchte es sich im Sreben nach Form und Ordung sich den Bau der Schneekristalle Eigen zu machen. Als die Kristalle von einer Proteinschicht überzogen wurden, schmolzen sie, während der Proteinfilm die Form beibehielt. Darum haben die Grippeviren eine so regelmässige Gestalt. Wenn man nun von ein solchem Virus infiziert wird, gibt er das Schmelzwasser, in dem die ursprüngliche Kälte in besonderer Weise verwahrt blieb, in den Organismus. Diese Kälte ist aber dem Leben feind und der Körper produziert Hitze, um sie zu neutralisieren. Ist man aber schwach oder müde oder ausgekühlt, kann sich diese Virenkälte viel weiter im Körper ausbreiten. Darum also friert man erst, bevor man zu schwitzen beginnt, das ist ganz klar und folgerichtig, der Alte bestätigt es mir.
    Ich bin zu Gast bei diesem Alten, sitze in seiner runden Hütte, in der ringsum Felle hängen. Er sitzt da und singt “Jahahajaja”, und so, wie er die Silben betont, spüre ich ganz deutlich, dass er sich damit auf meine Gedanken bezieht und diese bestätigt. Aber warum singt er da niemals “Nein”? Es ist eine eigenartige Sache mit seinem Gesang, ist es nicht, dass sein ewiges “Jajahajaja” doch mir erst die Gedanken eingeben, die ich dann denke? Und so kann es gar kein “Nein” geben, allenfalls Schweigen, ist es nicht so auch in der Hypnose, wo Negierendes nicht verstanden werden kann von den tieferen Bewusstseinschichten?
    Ich fühle mich ganz erfüllt von diesen Einsichten und möchte so weiter Interessantes denken, doch der Alte hat nun mit seinem Gesang mich erinnert, dass ich doch als Erwachsener wohl nun einige Erfahrung mit Erkältungen habe und wohl weiss, dass man sich da ruhig verhält und Tee trinkt, bis es vorbei ist. Warum also solch ein Theater? Sich gleich zur Luosto-Hütte bringen lassen! Der Alte macht sich lustig, ich bin beschämt, wie anders klingt jetzt sein “jahaha”. Wenn ich nun einmal hier bin, so der Alte, kann ich ja auch mal seiner Frau Gesellschaft leisten.
    Eine gewisse Boshaftigkeit in seiner Intonation des “Jahaha” lässt mich nun mit einiger Sorge und manchen Unwillen an Gepflogenheiten Mongolenstämme, Eskimos und anderer in Isolation lebender Gemeinschaften zu denken, die somit ihre Gene fit halten. Dabei höre ich schon das “Jahaha” der Frau des Alten.
    Ja, sie sei auch noch viel älter und unansehlicher als ich befürchte, das eröffnet sie mir sogleich ohne Spott und ohne Bedauern, und feierlich fügt sie hinzu, darum gänge es auch gar nicht. Wie ich doch einmal hier bin, soll ich etwas über die grosse, wahre Liebe erfahren. Die begänne damit, anzuerkenen, das ich hier bin und dies auch Wirklichkeit ist. Und weiter gänge es, die Liebe auch in den Grippeviren zu erkennen, denn auch sie, diese missglückten Bindeglieder zwischen kalter Form und Leben sind aus dieser Liebe heraus entstanden, die ständig schafft und formt und umformt. Darum darf man nichts abtun oder verdammen, denn das schneidet von Teilen der Liebe ab, und letztlich bleibt einem, der so fortfährt im Verwerfen, nichts. Wer die Liebe nicht hat, hat nichts. Vergiss das nicht! So die Alte.
    Ich stehe allein in klarer Sternennacht. Es ist so still, von wo komme ich her? Was ist geschehen, wohin geht es weiter? Ich erinnere mich an die Hütte der Alten, dies muss ein Traum gewesen sein, ich muss zurück in die Stadt, von der ich heute morgen aufbrach im Schlitten. Oder war es nur eine Schlittenstation, bin ich verloren?
    Da beginnt wieder Musik, es ist die “Luosto”-Sinfonie, ich bin im Bett, die Kälteschauer sind abgeklungen, ich schwitze unter den Decken. Ich hatte es gleich alles aufgeschrieben, und auch im Nachhinein gefällt mir dieses Erlebnis, zu dem ich mit anderer Musik wohl nicht gekommen wäre.
    Viele Grüsse
    Julius

    Hallo Lutgra,
    nur eine kurze Rückmeldung: ich habe Deine Ausführungen über Nordgren und was ich noch im Internet las (eine interessante Seite ist musikmph.de, die rare music Sektion, wo viel über Nordgren zu finden ist) und sogar hören konnte (3. Sinfonie in Youtube), dass ich mir die CD mit den letzten beiden Sinfonien, die mit den letzten Streichquartetten und eine mit den Sinfonien 3 und 5 bestellt habe.
    Viele Dank für die Empfehlung, ich bin mir ziemlich sicher einen guten Griff getan zu haben
    Julius

    Hier soll kurz der luxemburgische Komponist Georges Lentz (*1965) und sein Werk vorgestellt werden. Oder sollte man eher sagen er ist ein australianischer Komponist, denn er lebt seit 1990 in Sydney und komponiert dort. Es hat ihn dorthin (das wird immer, wenn über seine Kompositionen etwas gesagt wird, betont) der Himmel gebannt, der in den australischen Outback ganz besonders klar und sternenreich ist, oder derselbe Himmel hätte ihn auch in der argentinischen Pampa, dem südafrikanischen High Veld oder dem neuseeländischen High Country fasziniert. Jedenfalls sind ziemlich alle seiner Kompositionen sind dem Werkzyklus "Caeli enarrant..." zugeordnet.


    Ich möchte hier drei CDs kurz vorstellen, alles ausschliesslich Werke des "Caeli enarrant..." Zykluses, dreier im Charakter ganz verschiedenartiger CDs. Den Anfang soll diese machen:



    Diese war auch meine erste, und sie vermittelte mir besonders den Eindruck als wäre die Musik sehr von Astronomie, Mathematik geprägt (es gibt auch recht lange Pausen, die zur Musik gehören), dies einerseits, und andererseits musste ich an den "Doktor Faustus" denken, wo das Komponieren Leverkühns beschrieben wird. Es hat etwas gedauert, bis sie mir das erste Mal richtig gefallen hat. Noch länger, mehr als 10 Jahre, dauerte es, bis die zweite CD, "Ingwe", dazu kam.



    Ich sage es mal so: wäre sie der Einstieg gewesen, es hätte nie eine zweite CD von Lentz gegeben, aber natürlich kann es anderen anders gehen. Eigentlich mag ich Stephen King nicht sonderlich. Aber dann holt er doch etwas aus dem Ärmel, das mich an unerwarteter Stelle packt. Da ist eine Geschichte, worin ein junges Paar nach einem rätselhaften Verirren bei einem kleinen Ausflug schliesslich in einem Dörfchen hält, in dessen Bar sie auf Rockstars treffen. Verstorbene natürlich, man hat es doch irgendwie schon geahnt 30 Seiten lang. Ja, und demnächst gibt´s ein Festival. Ach so, das letzte Mal haben sie so ein halbes Jährchen gespielt...
    Auch wenn ich keinen Moment zögern würde, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison, die drei grossen Js, die mir vor Jahren mal wichtig waren, bei einem Festival zu erleben; in dem "halben Jährchen" ist ein Schrecken versteckt, der mich an diese Geschichte erinnern lässt. Ein halbes Jahr Festival, da wird wohl niemand teilhaftig werden wollen, die Vorstellung schon ist unangenehm. Einen ganz ähnlichen Schrecken erzeugen die 8 Stücke auf dieser CD, zwischen drei und elf Minuten lange E-Gitarrensolos. Ich halte sie nur wenige Minuten aus und glaube auch nicht dass sich das Mal ändern wird.
    Das Beiheft hat ja angekündigt: "The result is a work which will come as something of a shock to listeners familiar with the sonic opulence of earlier compositions." Aber ich wollte ja nicht Hören.


    Wie es manchmal so kommt, die dritte CD kaufte ich mir ein halbes Jährchen später, ich hatte Montagvormittag in Berlin frei und verlies den Keller des Kulturkaufhauses mit der dritten Lentz-CD. Diese enthält 3 Stücke, die, gemeinsam mit "Ingwe", zum Zyklus "Caeli enarrant... VII", "Mysterium" gehören.



    Julius

    Zu Pascal Dusapin gibt es bereits einen (kurzen) Thread, in dem auch das Erscheinen der "7 Solos" auf CD gelobt wird:


    Dusapin, der Literat


    "In den frühen 90igern wollte ich fort von den 10-20 Minuten vorgeschriebener Dauer für die meisten der in Auftrag gegebene Orchesterstücke." So (frei übersetzt) beginnt die Einführung und Erläuterung im Beiheft. Er benennt die "7 Solos" als einen Zyklus 7 verschiedener Formen.



    Ich habe sie oft einzeln angehört, es ist eine schöne und spannende Musik.


    Dieser Zyklus (insgesamt) ist das längste mir bekannte Orchesterwerk nach 1990.

    Mir gefallen die Werke für Streichquartett von Peter Ruzicka. Oder, besser gesagt, ich habe beim gelegentlichen Hören Momente grossen Entzückens, in denen ich schlichtweg begeistert bin, aber wie gesagt, es sind Augenblicke, die sich, wenn auch unvermutet, verlässlich einstellen.


    Gekauft habe ich sie mir weil ich zu einem Kauf aufgelegt das so lange nicht mehr aufgesuchte CD-Geschäft betrat und sie mich interessierte. Um Hölderlin und Celan geht es auch, soviel konnte ich beim Hin- und Her-wenden in Erfahrung bringen. Das ist vielleicht der grösste Vorteil eines Musikgeschäfts: mit der Auswahl muss man sich zufrieden geben, und das Resultat kann man schon in der U-Bahn sich näher besehen, (und in noch gehobener Stimmung am selben Abend zweifeln, ob man´s wirklich gut getroffen. Hätte ich doch im Internet erstmal recherchiert, usw usf. Aber so: nun habe ich sie, kann ich ihr wirklich nichts abgewinnen?)
    Es ist keine leichte Musik. Aphorismenhaft wie Webern und Kúrtag? Auf jeden Fall sind es längere Stücke, und es wird auch die menschliche Stimme eingesetzt, die aber nicht mit musiziert sondern der Musik Worte entgegensetzt, über deren Bedeutung ich durch die Musik in eine andere Stimmung und Auffassungsbereitschaft versetzt, anders nachsinne als beim blossen Lesen.
    Es werden auch 12 Celan-Gedichte rezitiert vom Komponisten selbst. Genausowenig wie ich die Musik "verstehe", "verstehe" ich Celan. Da sind mal einzelne Zeilen, oder gar nur Wörter, die aufleuchten, und ich glaube, das es vielleicht ganz ähnlich ist ein Celan-Gedicht wie eines der 6 Streichquartette in voller Länge zu geniessen.
    Aber die Augenblicke, die lohnen auch reichlich genug. Es sind, das sage ich mir immer, die besten Käufe doch die unrecherchierten, spontanen, mit denen ich lange zu ringen habe.

    O ja, tatsächlich! Ich hatte nicht genügend heruntergescrollt. Danke, Theophilius.



    Lieber Lutgra,


    das Streichquartett ist gerade 10 Minuten lang.
    Ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht missfallen wird (etwa, wie könnte der Cantus Arcticus von Rautavaara nicht gefallen?), aber die anderen STücke auf der CD sind eher nicht rautavaarahaft. Das nur als Hinweis,


    Julius

    Das Stück für Streichquartett und Ozean kenne ich von dieser CD:


    (Es gehört diese Frage nicht hierher, aber wie fügt man Cover aus dem Amazon-Shop ein, der mit den sog. ASIN-Nummer neuerdings geizt bzw gut versteckt?)


    http://www.amazon.de/Kronos-Pl…keywords=pelle+gudmundsen


    Es rauscht der Ozean, man hört Seevögel, (dies alles vom Tonband), und dann, hier und da, schimmert wellenüberspültes Land algengrün auf, und dies ist der letzte Boden, der sich dem Menschen in diesem ihm doch feindlichen Element bietet, um noch ein Weilchen Mensch zu sein, ja sogar traut klingt das Streichquartett, das aus dem Meeresrauschen auftaucht, so traut wie ein Nix sein kann, doch nicht lange, die Wellen kommen wieder und spülen alles über und fort.


    Im Textheft gibt es eine richtige Deutung und Begründung. Mir gefällt das Stück am besten von dieser CD. Es ist das 9. Streichquartett Gudmundsen-Holmgreens, und dem Kronos-Quartett gewidmet. Vielleicht kennt jemand die anderen?

    Zur Vorstellung einige Worte des Komponisten selbst (aus dem Beiheft entnommen):


    " Das Genre des Streichquartetts hat mich ständig beschäftigt. ...
    Das erste Streichquartett habe ich in den Jahren 1983 bis 84 zum Andenken an meinen früh verstorbenen Musikerfreund David Chandschian komponiert. Es besteht aus drei Teilen. Der erste Teil basiert auf der Rhytmus- und Intonationsreihe der Schmerz-, Klage- und Flüsterstimmen, die von der armenischen Sprache herrühren. Den zweiten Teil beherrschen die laut ertönenden Klagestimmen, die von rituellen Körperbewegungen begleitet werden. Diese Körperbewegungen entsprechen dem inneren Zustand eines Menschen, der einen teuren Verlust zu beklagen hat. Wenn er dann still wird, fängt er an, den Verstorbenen zu lobpreisen. ... Dieses rituelle Lob stellt den dritten Teil des Streichquartetts dar. ".


    Auch das zweite Streichquartett ist ein Andenkenwerk. Mansurians Tonsprache ist lyrisch und zurückhaltend, nah und zugänglich, aber auch rätselhaft und fremd. So, zusammenfassend, aus der anschliessenden Besprechung der ECM-Edition.



    ECM New Series 1905, Rosamunde Quartett


    Hallo Harald,


    Du warst schon einige Zeit nicht mehr in Barcelona? Das Klassik-Geschäft gibt es nicht mehr, man muss die Tallers noch einige Schritte weiter, im Rock/Pop-Castello ist das Klassikangebot nunmehr in einer Ecke. Ansonsten (immer noch?) recht gut gepflegt, auch wenn man zu dezenten Heavy-Klängen stöbern muss.
    Früher hatte auch das Fnac (Placa Catalunyia) noch eine hin und wieder anregende Auswahl, aber eigentlich braucht man da heutzutage nicht mehr hoch.


    Grüsse Julius

    ...ausserdem, zwar noch nicht gehört, aber bestellt:



    Möglich, dass die Stücke vor 2000 komponiert wurden, aber Horst Lohse (1943) kann bestimmt noch mit neuen Werken aufwarten.
    Mit 66 Jahren...
    So gesehen ist er gerade 4. Nächstes Jahr fümpf.

    An Allen Pettersons Sinfonien erinnern mich die Stücke auf Knut Vaages (1961) CD.


    Schöne Frage!


    Von den jungen Komponisten, die gerade am Beginn ihres Schaffens stehen, möchte ich Anna Thorvaldsdottir empfehlen, deren CD "Rhizoma" ich mir oft anhörte. Das ist mir sehr zusagende Musik, die CD ästhetisch ansprechend gestaltet, und das für gar nicht teueres Geld als Päckchen persönlich aus Island.
    http://www.annathorvalds.com/
    Die CD (Hörprobe, ganze Stücke auch auf Youtube) gibt es unter "Bandcamp".


    Von bereits etablierten, noch jungen, aber doch auch nicht mehr ganz so sehr jungen Komponisten gefällt mir Musik von Onute Narbutaite, Georges Lentz und Kalevi Aho, Thomas Ades, Bernd Franke, Poul Ruders, Alberto Posadas, Pascal Dusapin und James Dillon. Die letzte Anschaffung waren Streichquartette von Peter Ruzicka.


    Über jeden gäbe es mehr zu sagen. Ich weiss nicht, ob das nun Musik ist, "die unsere Zeit beschreibt". Aber es ist ja Musik unserer Zeit. Vielleicht ist eine Entdeckung dabei ?


    Viele Grüsse
    Julius

    Gestern hatte ich wieder meines alten Traumes gedacht, doch einmal die "Dark Music Days" zu besuchen. Und ein kurzer Check der Flugpreise hat mir die Entscheidung ganz leicht gemacht. Reykjavík Ende Januar, tja, Geschäftsreisender müsste man sein, so privat macht das einige Meter Buch- und CDs-Entgänge, eine kleine Totalverausgabung. Und ich erinnere mich, das war auch letztes Jahr so, und ich hätte vielleicht gar nicht ernsthaft dran gedacht zu den Dark Music Days zu pilgern, wenn nicht Anna Thorvaldsdottir gelockt hätte.


    Anna Thorvaldsdottirs Musik könnte gefallen, wem auch Scelsi, Dusapin, Hosokawa z.B. zusagt. Eine Klangbildhauerin. Die Musik gefällt mir, durch und durch. Ich habe dann gestern ihre CD bestellt, ich habe sie noch nicht, konnte aber durch die 15-Dollar-Investition mir gleich die mp3-Version herunterladen, und die macht gerade Dauerlauf. Man kann auch hineinhören bei:


    http://www.annathorvalds.com/


    Ein etwas merkwürdiges Gefühl, dass es mittlerweile wesentlich jüngere (als ich selber bin) Komponisten gibt die mich begeistern können. Und das geht immer weiter so...

    Lieber Guercoeur,


    vielen Dank für die Informationen über die Gurre-Lieder, besonders für die Inhaltsangabe. Ich hatte die Aufnahme mit Krips, und das Textheft sagt leider nichts über den Urheber der Gurre-Dichtung (Jens Peter Jacobsen), noch macht es das Textverständnis einfach, wenn nicht gesagt wird, das Waldemar = Volmer und etliche Sprachschnitzer gedruckt sind.


    z.B. "Den Sarg sah ich auf Königs Schultern, Hennig stutz´ihn..." Ja, an welchem Ende hat der Bursche gesägt? ... ist doch makaber.


    Andererseits: "Der Hahn erhebt den Kopf zur Kraht" ist wohl korrekt, der Hahn verrichtet am Morgen seine Kraht, und er muss den Kopf dazu heben, aber ich darf wohl auch über das Wort "Kraht" lachen. (Ich dachte, Schönberg hatte selber gedichtet wie Wagner.)


    Arturo Sergi, Gundula Janowitz, Christa Ludwig, Murray Dickie, Herbert Lackner, Eva Pilz;
    Chor der Wiener Singakademie, Wiener Schubertbund, Chorus Viennensis, Wiener Symphoniker, Josef Krips
    Aufnahme: Live, Wien, 06/1969, stereo
    Label: Arkadia


    Überhaupt bin ich wegen Fehlinterpretationen meinerseits erst spät auf das Werk aufmerksam geworden. So glaubte ich, es wäre ein Liederzyklus über junge Liebende, die sich wie Tauben zugurren. Das hatte mich nicht so interessiert, zumal ich mit dem "Buch der hängenden Gärten" nicht so recht traulich geworden. Erst als ich hörte, dass "Gurre" eine Burg in Dänemark, lieh ich mir oben erwähnte Aufnahme aus.


    Froh, diese Musik entdeckt zu haben würde ich sie auch allen, die Wagner hören und schätzen, empfehlen.


    Nochmals Dank, durch Deine Ausführungen gefällt mir das Werk noch besser! Viele Grüsse!


    Julius


    PS: Sehe gerade, es ist ein später Dank (fast taggenau 5 Jahre später).

    Während meines kleinen Urlaubes in Portugal stellte ich fest, überhaupt nichts von portugiesischen Komponisten zu kennen.
    Das wollte ich nicht so belassen, und ein kleines, aber wohlsortiertes Geschäft (CNM, Rua Nova do Almada 60/62) bot Abhilfe:



    Cembalosonaten eines jung verstorbenen Komponisten, der von Scarlatti sehr geschätzt. Ein grosser Teil seines Werkes ging beim grossen Erdbeben von Lissabon verloren.


    Der bedeutendste Symphoniker Portugals des 20. Jh., abgesehen davon soll es nicht zuviele Symphoniker in Portugal geben oder gegeben haben.


    Nicht diese, sondern eine andere CD mit Klavierwerken, Sonate Nr. 1 und 3, und alte portugiesische Fandangos) von "einem der produktivsten portugiesischen Komponisten des 20. Jahrhunderts" (jpc).

    Und einmal ins Gespräch gekommen, machte mich der Verkäufer mit dem Nico & Velvet Underground T-Shirt auf die "Neue" von Per Norgard aufmerksam:



    Noch gar keine Zeit gehabt, alles anzuhören.


    Viele Grüsse
    Julius

    John Cage polarisiert mich - als einzelne Person. Vieles was ich über ihn lese, finde ich interessant, gefällt mir. Z.B. die Bemerkung in einem CD-Beiheft ("13", cpo), man hat bei ihm nie gewusst ob sich niemand um ihn schert oder ihm die anderen gleichgültig sind, eigentlich grundsympathisch.
    Vielleicht wäre ich sogar ein Fan von ihm, wenn es nicht seine Musik gäbe. Ich weiss noch, dass ich freudig erregt die I-Ging-Variationen aus der Bibliothek nach Hause trug. Das I-Ging, das hatte ich rauf und runter gelesen, und es ist mir bis heute ein wichtiges Buch, und ich hatte naturgemäss Erwartungen. Nun weiss ich nicht zu sagen welche - aber dass ich nach wenigen Minuten eiligen Schrittes zum Abstellen gehe, das hätte ich nicht gedacht. Das hatte sich nach Jahren nicht verändert - kürzlich hatte ich wieder diese 3-CD-Box, eigentlich bin ich hart im Nehmen, und das I-Ging wie gesagt, ist mir wichtig, - und wieder nach wenigen Minuten ausgemacht, und nicht noch einmal eingelegt.
    Vielleicht probiere ich es in 10 Jahren noch einmal?

    Interessant! Und an Bearbeitungen hatte ich gar nicht gedacht.


    Dann ist mir selber noch etwas dazu eingefallen: Giacinto Scelsi. Er hatte seine Kompositionen (Improvisationen) auf einem etwas ausgefallenen Instrument (Ondioline) eingespielt und auf Tonband aufgenommen und diese Aufnahmen dann Musikern zum späteren Notieren und Ausarbeiten überlassen. Er selber hatte wohl keine Lust dazu oder zu viel neue Inspiration, um darein Zeit zu investieren.
    Und ob sie, diese oft ungenannten späteren Bearbeiter/Umsetzer, was daraus machten! Ich mag seine Musik ja sehr, aber ich kann auch verstehen, dass einige, die sie arrangierten, sich übergangen fühlten und es auch zu Urheberrechtsstreitigkeiten kam.


    Da sind auch seine Stücke für eine japanische Sängerin, ihre Stimme fasste er als "Instrument" auf.



    Aber weil ich gerade diese CD nun nicht besonders mag, noch eine meiner Lieblinge:


    Ja, gleich drei Begriffe, die hier etwas fehl am Platze klingen, ich gebe es zu.


    Doch reizen sie mich auch zu Fragen:


    Sind es nur Hervorbringungen einer auf Kommerz getrimmten Unterhaltungsindustrie, Entartungen kleiner Geister die alleine nichts zustande brächten bzw. Vertuschung von allzu grosser Simpelheit?


    Gibt es Werke, die in Zusammenarbeit mehrerer Komponisten entstanden? Ich persönlich kenne keines (was nichts zu sagen hat). Irgendwie mutet mir allerdings die Vorstellung, das z.B. Bach und Händel gemeinschaftlich ein Flötenkonzert zu komponieren sich angeschickt hätten, eigenartig an. Aber warum eigentlich?


    Gibt es Komponisten, die sich in ihre Kompositionen “hineinreden” lassen? Ich meine nicht Hinweise von Freunden, Lehrern, Kollegen, oder Kritikern, sondern von einer professionellen Instanz, im Optimalfalle eines verständigen und wohlgesonnenen Geistes, dem es (zumindest in anderen musikalischen Gefilden) auch oft gelingt, der ganzen Sache einen letzten, oder überhaupt den Schliff zu verpassen – und der genau dazu da ist? Wäre das ehrrührig für einen Komponisten? Oder gibt es auch auch für Komponisten Produzenten, und ich weiss es nur nicht?


    Nun, der Sound. Ein schwammiger Begriff, der aufgrund seiner Schwammigkeit auch einschliesst was ich meine: in einer Kantate z.B. kann jeder ausgebildeter Sänger auch eine Stimme seiner Tonlage übernehmen, ohne dass die Kantate dadurch zwangsläufig farblos klingen würde. Im Gegensatz gibt es sehr viel Musik, die genau von der Stimme des Sängers lebt. Elvis Lieder wären ohne seine Stimme nie so bekannt geworden, oder? Diese Musik lebt von dem Klang seiner Stimme. Ist es eine Schwäche dieser Musik, auf das Charisma einer Stimme angewiesen zu sein? Vielleicht, wenn sie nur darauf angewiesen ist, und auf Rumgehampel und Skandalgeschichtchen drumherum? Andererseits, gibts in der Oper nicht zuweilen sachte und natürlich sittlichere Andeutungen in diese Richtung?


    Das sind Fragen die ich mir manchmal stelle.


    Wenn hier doch ganz fehl am Platz: Bitte um Entschuldigung.

    Maurice Ohana war ein wichtiger Komponist. Das steht so in der CD-Beilage, und ich glaube es gern, denn fast immer belehrt mich das Beiheft der CD, die ich zum Kauf erkürte, dass ich wieder mal Händchen hatte und meinen Mammon gegen ein bedeutsames Werk eines bedeutsamen Komponisten vorteilhaft eingetauscht habe. Deshalb kaufe ich gern CDs.
    Nun muss ich allerdings gestehen, dass ich die ersten Male die Gitarrenwerke Ohanas eher mit Unlust über mich ergehen liess und sie auch nur wiederholt auflegte, weil nun einmal bezahlt.
    Und dann war ich plötzlich begeistert, und bin es immer noch. Ein alter Mann erzählt, in einer fremden Sprache, an deren Klang und Rhythmus erst einmal gewöhnt, ich mich schwer entziehen kann. Ich habe natürlich in der Hoffnung, nachlegen zu können, mir mehr von Ohana angehört - und fand, an die Gitarren-CD kommt nichts heran.



    Onute Narbutaite, drei Gottesmutter-Sinfonien. Wieder schon erwähnte Erst-Hör-Unlust (klingt alles gleich), und dann kam ich auch hier zu meiner Auffassung. Für mich ist diese Musik wie eine Welle, die scheinbar harmlos, mit feinsten Kräuselungen, spielt und dann heranbrandet und mich in Schlaf versenkt, ehe ich mich versehe. Für 7.99 durchschlafen, und früh noch die Ohrhörer stecken haben - wirklich wunderbar!


    Guten Abend!
    Ich habe ja oft kundgetan, dass mir vieles aus dem 20. Jh. gefällt und mich auch sehr begeistern kann.
    Und ich kenne und schätze viel von dem, was hier zuvor genannt.
    Ich verstehe Alfreds Frage jetzt aus einer Stimmung heraus, in der mir nicht danach ist, Musik des 20. Jh. zu hören. So finde ich aus dieser Lage heraus die Frage recht einfach zu verstehen, nämlich gar nicht als Frage, sondern als Feststellung, etwa wie "Zuhause ist es doch am Schönsten.". Das meine ich ganz ohne Ironie. Mir geht es mit Bachs Musik so, und alles was davor und danach geschrieben wurde, ist mir eine Entfernung vom Mittelpunkt meiner privaten Musikwelt.
    Ob das wirklich so ganz persönlich ist? Ob jemand je etwa Cage als seinen Seelenbalsam erkürt? Könnte man das überhaupt? Bei allem Respekt, ich glaube nicht.
    Ob es jemanden gibt, der die "ernste" Musik des 20. Jh als sein musikalisches Zuhause empfindet? Ich würde Staunen und es wohl nie recht verstehen können.
    Die "unernste" Musik des 20. Jh lässt so eine Bindung hingegen ohne weiteres zu. Ist das nicht merkwürdig?
    Viele Grüsse
    Julius

    Vor einiger Zeit war ich in einem Konzert des Leipzig Quartetts. Neben mir sassen eine Frau und ein Mann ungefähr meines Alters, wo man entweder gesetzt oder nochmal richtig jung ist. Sie sind wohl gekommen weil es gratis war, und sie haben genervt. Wenn sie schon nicht reinredeten oder lachten, oder eine Coladose auf dem Parkett abstellten, dann war es die laut tickende Armbanduhr der jungen Frau, die mir besonders bei Kurtag auffiel, und ich habe gehasst. Aber nach Kurtag kam dann Bach, und da sagte er mit einer plötzlich weichen gerührten Stimme: "Ach,..Bach". Und da habe ich alles verziehen.
    Es ist mir schwierig vorzustellen, dass jemand mal so sagen wird: "Ach, Ferneyhough"

    Guten Abend
    eigentlich war ich doch gesperrt. Wegen Inaktivität, ich glaube fast ein Jahr habe ich nichts geschrieben. Ein schlechtes Gewissen habe ich gehabt, einfach so ausgestiegen zu sein, auf Fragen und Antworten nichts gesagt zu haben.
    Dabei habe ich fast immerzu Bachkantaten gehört, und zwar die Gesamteinspielung von Ton Koopman. Immer morgens, rauf und runter, ohne Rücksicht, auch mal Weihnachten zu Pfingsten und umgekehrt.
    Die Kantaten sind chronologisch nach ihrem Entstehen auf den 66 CDs in 3CD-Boxen (die ich als mp3 auf dem iPod habe) angeordnet. Da konnte ich beobachten, dass sie mir streckenweise mehr, oder etwas weniger zusagen. Ein grosses Plus einer Gesamteinspielung ist die Fülle.
    Als deutschkundiger Hörer finde ich die Selbstanklagen und den darauf folgenden Trost so - nun ja, tröstend. Text und Melodie begleiten mich dann noch lange am Tag.
    Ich möchte sie nun nicht mehr missen, und dabei erinnere ich mich dass ich es für masslos übertrieben hielt, als meine Mutter begann sie zu kaufen.
    Mich hatte auch nicht wenig überzeugt, dass Koopman sein Haus verpfändete um die Einspielung fertigzustellen.
    Und nun hat der liebe Gott mich wieder entsperrt.
    Viele Grüsse
    Julius

    Hallo SebastianM


    das ist für mich ein Thema das mich innerlich entzweit.


    Kurz, ich für mich würde sagen: am besten kommt die sogenannte "U-Musik" mit den elektronischen Musiziermöglichkeiten zurecht, und hat da viel mehr Hörenswertes vorzuweisen als die "E", die empfinde ich oft nur als ambitioniertes Gebretzel, das ich mir nicht anhören mag. Und wenn sie es dann mal schön machen (die "Ernsthaften"), sagen wir mal das Stück "Mithra" hier

    z.B., ist man mal selber gleich geneigt, das zu "U" zu rechnen.
    Und was ist denn mit Frances White "Centre Bridge"? Zu schön?

    Und Ekkehard Ehlers "plays"?

    Und er? Ein Spassvogel?

    Depeche Mode?
    Kommt eben drauf an ob wie offen man ist.


    Julius

    Hallo Helmut und zweiterbass


    ich bin guter Dinge da ich glaube, in der "Winterreise" einen etwas "ernsthafteren" Zugang zur Musik gefunden zu haben: ein übersichtliches Werk, worin der Text und die Unterteilung in nicht allzulange Lieder eine leichte Orientierung erlauben (im Gegensatz zu rein instrumentellen Werken, gar langen Sinfonien). Der Klavierbegleitung lässt sich auch gut folgen. Heute bei der Abendruhe war ich ganz entzückt vom Flug der Krähe, da gibt es wirklich viel zu entdecken! Aber ich brauche Zeit, und kann jetzt gar nicht mich wild in Diskussionen stürzen.


    Zu Schopenhauer: er hat damals bestimmt einen allgemein gärenden Zeitgeist auf seine Weise auf den Punkt gebracht. Dann muss ein direkter Bezug gar nicht vorhanden sein.


    Vielen Dank dafür, mich auf die "Winterreise" aufmerksam gemacht zu haben!


    Liebe Grüsse
    Julius

    Danke, Helmut. Ich habe mich nämlich geschämt, so impulsiv mich einzumischen wo ich eigentlich nicht mitreden kann.


    Jetzt nicht streng zu diesem Thema gehörig, aber grosszügig betrachtet schon:


    Maxim Gorki wurde nach seinem schrecklichsten Traum befragt:


    "Eine beschneite Ebene, glatt wie ein Blatt Papier; kein Hügel, kein Baum, kein Busch irgendwo, nur - kaum sichtbar - ein paar Ruten, die aus dem Schnee herausragen. Und über dem Schnee dieser toten Wüste streckte sich von Horizont zu Horizont der gelbe Streifen einer kaum wahrnehmbaren Strasse, und über die Strasse marschierte langsam ein Paar Schaftstiefel aus grauem Filz - leer."


    (aus "Das Buch der Träume" von Ignaz Jezower.) Das ist die "Winterreise" konsequent zu Ende geträumt.


    Liebe Grüsse
    Julius

    Hallo Helmut


    ich möchte mich entschuldigen wenn Du Dich verletzt fühlen solltest von meinen vorherigen Beiträgen. Ich bin sehr beeindruckt von Deinen Ausführungen (und auch die der weiteren Teilnehmer), die ich zwar nicht musikalisch analysierend nachvollziehen kann (bin dabei auf guten Glauben angewiesen, dass es seine Richtigkeit hat), aber bei Liedern gibt es ja auch die Texte als Anhaltspunkt.


    "Die Frage wird also nicht nur lauten: Wie sieht die musikalische Faktur des jeweiligen Liedes aus? Es wird auch danach gefragt werden müssen, welche Wirkung diese in ihrer Gesamtheit und in ihren einzelnen Elementen auf den Hörer hat und welche "Botschaft" Schubert damit vermutlich vermitteln wollte."


    Ich habe es ja schon gesagt, dass meine erste und einzige Begegnung eine völlige Niederschmetterung zur Folge hatte, die mich bis jetzt abhielt, noch einmal mich auf die "Winterreise" einzulassen. Ich habe die Gedichte gelesen (die empfinde ich, ohne Musik, nicht so stark in der Wirkung). Ich finde keine "Botschaft" darin, sondern empfinde sie eher als ein Verzweifeln am Fehlen einer Botschaft. Es ist eine gottverlassene Landschaft! Der liebe Gott wacht nicht mehr über uns. Wer dann? Ist es der "Wille" Schopenhauers, der den Wanderer vorantreibt? Ich kann es nicht profunde einschätzen, aber ich habe den Eindruck, dass es sich auch um eine Reaktion auf Schopenhauers Hauptwerk handelt (ich hoffe, dass in den vielen Beiträgen zum Thema das noch nicht ausgeführt und erörtert wurde).


    Zu meinem Gedicht im letzten Beitrag: ich hatte mich gewundert, welchen Zweck Du verfolgst. Du schreibst umfangreiche, wohl ausformulierte und durchdachte Beiträge zu den einzelnen Liedern, kurz: Du investiert viel Zeit in diese Diskussion. Bist Du sicher, dass ähnliche Unternehmungen nicht eventuell schon in gedruckter Form vorliegen?


    Liebe Grüsse
    Julius

    na gut, nicht "nur". Aber doch "ziemlich", was allerdings auch unvermeidbar ist in Internetdiskussionsforen. Ich schliesse mich da nicht aus.
    Meine Frage war: Wohin geht´s?


    Unter den 24 Liedern ist keines, wo die Verzweiflung auch in die Studierstube (als vermeintliche Zuflucht) hinein bricht.


    Ich habe darum ein bisschen gedichtet:


    Im trauten Schein der Lampe


    Der Gedanken breiter Fluss
    fasst auf Papier festen Fuss.
    Das Rinnsal schwarzer Tinte
    trotzt aller Zeiten Winde.


    Weisse Weiten, schwarze Wege
    Immer weit´re Horizonte
    erschliessen sich dem müden Auge.
    den Wanderer erbaut die Rede.


    Doch wem gilt der wärmste Gruss?
    Schon ein andrer kam hierher zu Fuss
    Am Ende steht nur Punkt und Schluss.




    Nun ja, ein begnadeter Dichter könnte was draus machen, aus dem weissen Papier, es subliminal mit einer Schneeöde gleichsetzen, durch die sich gedankenfroh der Schriftfluss bahnt. Bis er zu einem Punkt gelangt, an dem schon vorher ein anderer war, der durch vermeintlich lieblichere Gefilde wandelte. Und da ist man nun am Endpunkt (ein Eisloch) und vom anderen fehlt jede Spur.