Beiträge von musikwanderer

    Matthias Pintscher (* 1971)
    THOMAS CHATTERTON

    Oper in zwei Teilen nach Hans Henny Jahnn

    Libretto von Claus H. Henneberg und dem Komponisten.

    Komponiert als Auftragswerk der Sächsischen Staatsoper Dresden.


    Uraufführung am 25. Mai 1998 in der Dresdner Semperoper.


    Personen der Handlung:
    Thomas Chatterton (Charakterbariton)

    Aburiel (Sprechstimme)

    Sarah Chatterton (Mezzosopran)

    William Smith, Thomas' Freund (hoher Tenor)

    Peter Smith, dessen Bruder (lyrischer Tenor)

    John Lambert, Advokat (Bassbariton)

    Richard Smith, Brauer, Vater von William und Peter (Bariton)

    William Barrett, Kaufmann in Bristol (Bass)

    Georges Symes Catcott, Kaufmann in Bristol (Tenor)

    Henry Burgum, Kaufmann in Bristol (Bariton)

    Nancy, eine Prostituierte (Sopran)

    Arran, ein Strichjunge (Sprechrolle)

    Madame Angel, Thomas' Zimmerwirtin (Sopran)

    Master Cheney, ein Chorknabe (Knabensopran)

    Sir Abraham Isaac Elton, Notarzeuge (stumme Rolle)

    Erscheinung des Mönchs Thomas Rowley (stumme Rolle)

    Erscheinungen (stumm)

    4 Sopranstimmen aus dem Orchestergraben.

    Ort und Zeit: Bristol und London, 1767-1770.


    Erster Teil.
    Abends in einem Zimmer im Haus der Chattertons.

    Mutter Sarah Chatterton ist krank und liegt zu Bett, während ihr Sohn Thomas schreibend und träumend an einem Tisch sitzt.


    Sarah ärgert sich mal wieder über die Lektüre der Geheimwissenschaft der Nekromantie, die Thomas beschäftigt, seit er die Bücher von seinem verstorbenen Vater geerbt hat. Auf Sarahs Aufforderung etwas zu essen, erwidert Thomas, dass ihn ein fremder Mann schon mit Essen versorgt habe. Dahinter vermutet Sarah gestohlene Speisen oder aber mal wieder Hirngespinste von Thomas. Dieser Fremde, der ihren Sohn ständig mit Schmeicheleien überschüttet, macht Sarah misstrauisch und sie hat Thomas bei Anwalt John Lambert als Schreibgehilfe für eine Lehre mit Kost und Logis angemeldet. Sie hofft, dass ihrem Sohn durch die Tätigkeit in der Kanzlei den Phantastereien, wozu auch Aburiel, der geheimnisvolle Fremde, gehört, ein Ende gesetzt wird.


    Gerade kommt Anwalt Lambert in Begleitung des Stadtschreibers Sir Abraham Elton und des Herrn Henry Burgums in die Stube, die beide als Zeugen beim Vertragsabschluss über Ausbildungszeit von Thomas vorgesehen sind. Als erstes bemängelt Lambert an dem neuen Mitarbeiter seine Magerkeit, will ihn aber trotzdem einstellen. Befremdet zeigt der Advokat sich auch über die Schriftprobe, die Thomas ihm vorgelegt hat: darauf steht in verschiedenen Schriftarten der Name Aburiel.


    Als es zur Unterschriftleistung kommt, zögert Thomas, denn er liest, dass er sich nicht nur für sieben Jahre an die Kanzlei Lambert bindet, sondern dass ihm auch Unzucht, Ehe, Gasthausbesuche und Würfelspiele untersagt sind. Nachdem Lambert nach der Unterschriftleistung mit den Zeugen wieder gegangen ist, äußert Thomas, dass er auf eine bessere Zukunft hofft, Mutter Sarah jedoch diese Zukunft unter dem Unstern Aburiel nicht begrüßt.


    Dann kommt Thomas’ Freund William Smith ins Zimmer und die beiden jungen Leute ziehen sich in die Dachstube zurück.


    Szenenwechsel: Kanzlei Lambert mit Aktenregalen und Bücherschränken.
    Lambert hat einen Mandantentermin und ist im Begriff zu gehen; Thomas hilft ihm, wenn auch, wie man an seinem Gesichtsausdruck erkennen kann, widerwillig in den Mantel. Allein im Büro hadert Thomas mit seinem Gehilfenschicksal und sehnt sich, während er wieder in dem nekromantischen Schmöker blättert, Aburiel herbei.


    Tatsächlich tritt der hinter Thomas, muss sich aber schnell wieder zurückziehen, als Williams Vater, der Brauerei-Besitzer Richard Smith, mit seinem zweiten Sohn Peter eintritt. Dessen frappierende Ähnlichkeit mit William lässt Thomas staunend zurück. Vater Smith wünscht dringend des Advokaten Beistand, denn seinem Sohn Peter Damian drohe am nächsten Tag der Schulverweis wegen unzureichender Kenntnisse in lateinischer Grammatik, aber wohl auch noch wegen einer Schlägerei mit einem Tierquäler, weshalb er auch schon einen Tag lang im schulischen Karzer gesteckt habe. Thomas bietet Vater und Sohn an, die Lateinkenntnisse von Peter aufzubessern. Nicht zu Unrecht vermutet Vater Smith hinter diesem Angebot einen Vorwand, der Thomas’ eigentliches Interesse an einer Freundschaft mit Peter kaschieren soll.


    Nach dem Abgang der Smiths erscheint Aburiel wieder und deutet mit Zynismus Thomas’ Hingezogenheit zu Peter und William als dünkelhafte Herablassung eines Intellektuellen zu Einfältigen. Er zieht nun einen alten Folianten aus dem Regal, dessen Eintragungen bis ins Jahr 1479 zurückreichen. Darin liest Thomas eine Nachricht über die heimliche Beisetzung eines Selbstmörders mit dem Namen Peter Damian Smity in einem unter der Kirche gelegenen Gewölbe. Thomas schaudert, weil es ihn natürlich an seinen neuen Freund Peter Smith erinnert.


    Aburiel stellt Thomas das Ende seiner dürftigen Gehilfen-Existenz vor Augen und lockt ihn mit dem möglichen Erfolg seines Dichtertums, das sich in Verachtung für die Realität vollständig von den inneren Bildern leiten lassen solle. Zum Zeichen dessen erscheinen, verwandelt in Figuren aus dem 15. Jahrhundert Lambert, Sarah, Richard, Peter Damian und William Smith und weitere Fremde, darunter ein Mönch namens Thomas Rowley, eine frei erfundene Gestalt, die Chatterton unsichtbar die Feder führen werde. Damit ist die Idee geboren, mit der Thomas Chatterton sein Glück versuchen wird, nämlich eigene Dichtungen als jene des Mönchs Rowley auszugeben. Die Erscheinungen verschwinden wieder, mit ihnen auch Aburiel. Thomas aber ist nicht nur aufgewühlt, sondern auch ratlos. Er versucht, Klarheit über das Erlebte zu gewinnen…


    Dachkammer; Mondlicht fällt durch ein großes Fenster; an der Wand ein breites Bett.

    William hält sich gerade bei Thomas auf; er war aus dem Schlaf erwacht, hatte seinen Freund vermisst und dann gesehen, wie sich Thomas schlafwandelnd in den Dom begab, auf den Turm stieg und auf Bristol herab blickte. Weiter schlafwandelnd ging er zum Friedhof, kam von da aber zurück in die Dachkammer.


    Hier wurde er von William sanft geweckt. Auf seinen Ausflug angesprochen, gab Thomas zu, sich daran nicht erinnern zu können. Aber er erzählt William davon, dass er in eine von Rowley geschriebene Bristol-Chronik ein grauenerregendes Pest-Kapitel eingefügt habe, das im Bild einer hohnlachend vom Kirchturm grinsenden Schreckgestalt mündete. William zuckt über die Erzählung seines Freundes zusammen und ist eindeutig verängstigt. Das wiederum lässt Thomas zu einer jovialen Bekundung greifen, die als Zuneigung gedeutet werden kann. Dann bedankt er sich bei William, dass er dem Kaufmann Catcott von einem angeblichen Fund alter Pergamente etwas vorgeflunkert habe, denn mit Abschriften dieser Pergamente könne man gutes Geld verdienen.


    Eine folgende Szene zeigt Chattertons Verlangen nach Williams Liebe, während er gleichzeitig betont, nur eine hässliche Freundschaft zu hegen, nämlich die zu sich selbst. Aber William muss, wohl oder übel, zur Kenntnis nehmen, dass sein Freund ein Mädchen zur Nacht zu sich nehmen will, die schwindsüchtige Sally. Er fordert William auf, sich schlafen zu legen und wendet sich dem Schreiben seiner Gedichte zu.


    Man hört plötzlich obszönen Gesang; Peter Smith tritt in das Zimmer und wird von Thomas mit einer langen Umarmung begrüßt. Dann lässt er Peter wissen, dass die für den Abend geplante erotische Begegnung mit einer gewissen Elisabeth von ihm allein absolviert werden muss. Er ergänzt, dass er selber an den Pergamenten arbeiten muss. Mr. Catgott sei nämlich misstrauisch geworden und will die Originale haben. Peters Warnung vor dem riskanten Betrug schlägt Thomas in den Wind und gemeinsam preisen sie ihr Ideal einer alle Konventionen außer Kraft setzenden Lebensweise. Für den Fall, dass er scheitert, baut Chatterton auf Peters Pistole. Peters Bitte, jene Elisabeth wieder fortzuschicken, weist Chatterton zurück. Er will, dass Peter an ihn denkt, wenn er es mit Elisabeth treibt.


    Als eine Nachricht die Runde macht, William habe sich umgebracht, gerät Sarah außer sich, denn sie vermutet (und sagt es ihrem Sohn auch ins Gesicht), dass Thomas eine Mitschuld trägt. Das weist Thomas natürlich zurück; er möchte, außer sich vor Trauer und Schmerz, Williams Leichnam sehen, denn er befürchtet, dass Williams Vater, sozusagen als dilettierender Anatom, die Leiche seines Sohnes sezieren werde. Resignierend überlässt Sarah ihren Sohn sich selbst.


    Thomas schreckt hoch, als William aber plötzlich im Zimmer steht. In dem Gespräch wird klar, dass nicht William, sondern Peter sich umgebracht hat. Und Elisabeth sei zu seinem Vater gekommen und habe ihm ihre Schwangerschaft gestanden. Damit sei übrigens auch ihr Doppelverhältnis zu Peter und Thomas aufgeflogen. Dann kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn Peter, worauf der sich schließlich mit einem Schuss in den Mund getötet habe.


    William beklagt den Tod des Bruders und informiert Thomas, dass Peter unter der Kirche in einem Gewölbe beigesetzt werden soll. Das ruft bei Thomas die Erinnerung an die ähnlichen Begräbnisumstände von Peter Damian Smitys in sein Gedächtnis. Außerdem wird der Wunsch in Thomas wach, dass er gerne den Leichnam sehen würde, doch dazu bemerkt William, dass sein Bruder bereits in einem Zinnsarg eingelötet sei. Dann händigt William die Pistole von Peter an Thomas aus…


    Zweiter Teil.
    Ein leerer Raum; auf dem Boden liegen zerstreut zerrissene Papiere und an den Wänden drei Betten.


    Master Cheeny, ein Chorknabe, trägt während der Introduktion zum zweiten Teil ein Lied auf ein Gedicht von Thomas Chatterton vor. Nach dem Gesangsende tritt eine gegen Thomas eingestellt Kläger-Phalanx auf: die Herren Catgott, Burgum, Lambert und Barrat. Lambert erregt sich empört über die Suiziddrohungen von Thomas Chatterton, von denen eine sogar in Form eines Testaments abgefasst sei; er wirft Thomas einen liederlichen Lebenswandel (was übrigens im Lehrvertrag ausdrücklich als verboten erwähnt und auch von ihm unterschrieben worden sei) und eine auf ein angebliches Dichtertum sich berufende Arroganz vor; und er bringt noch die Verstümmelung eines uralten Folianten aufs Tapet. Die Folge dieser Vorwürfe ist eine fristlose Kündigung des Lehrverhältnisses zwischen Advokat Lambert und Thomas Chatterton. Lambert geht wütend ab.


    William, der Lambert vor Handgreiflichkeiten gegen Thomas gewarnt hatte, beruhigt den Erregten mit dem Hinweis auf seine neue Freiheit. Das aber kann Thomas nicht teilen, denn in Bristol, so glaubt er felsenfest, ist seines Bleibens nicht. Das hat auch damit zu tun, dass man Thomas’ Leidenschaft für die Dichtkunst nicht teilt und dass man ihm das Können für diese Kunst abspricht. Nachdem Lambert bereits gegangen ist, wollen auch die anderen gehen, können sich aber fiese Bemerkungen über Thomas nicht verkneifen. Nur Catgott will Thomas die gefälschten Rowley-Papiere abkaufen. Das allerdings lässt Thomas nicht zu: er will mit den Papieren nach London gehen und sie dort unter seinem Namen veröffentlichen.


    Thomas’ Weggang nach London bedeutet aber auch den Abschied von seinem Freund William. Der aber verzichtet lieber ganz auf Thomas, als im Verzicht auf seine unmittelbare Nähe mit ihm verbunden zu bleiben. Als William abrupt die Szene verlässt, versucht Thomas im zu folgen, doch in der Tür steht plötzlich Aburiel, der ihm das Scheitern in London ankündigt.


    Thomas teilt sich das Zimmer mit dem Strichjungen Arran und der Prostituierten Nancy. Wie schon in einem Zimmer in Bristol liegen auch hier zerknüllte Papierstücke auf dem Boden, Zeugnisse von Thomas’ Scheitern als Dichter und Schriftsteller. Während sich Nancy für die Freier auf der Straße zurechtmacht, weckt Thomas gerade Arran auf, Die Wirtin, Madame Angel, kommt ohne anzuklopfen ins Zimmer und verlangt die Miete zu kassieren, sagt aber sofort, dass Thomas die Mietschuld auch auf die gewohnte Art begleichen könne. Für Madame Angel kommt die Antwort, ein Nein, erstaunlicherweise überraschend. Sie hat sich aber schnell wieder in der Gewalt und besteht, auf Tilgung der Mietschuld am kommenden Tag und verlässt, irgendwie beleidigend wirkend, das Zimmer.


    Nancy kann Thomas’ Abfuhr für die Vermieterin nicht verstehen, und der gesteht ihr, mehr oder weniger geknickt, geschlechtskrank zu sein. Nancy ist überrascht und erstaunt zugleich; sie verlässt kopfschüttelnd das Zimmer. Währenddessen hat sich Stricher Arran angekleidet und lässt wortreich Sorge um Thomas erkennen. Dann verlässt auch er das Zimmer. Thomas ist folglich allein und erklärt, dass er seinem noch so jungen Leben ein Ende setzen wird…


    Anmerkungen.

    Es war Anno 1770 als der noch nicht 18 Jahre alte englische Dichter Thomas Chatterton seinem Leben ein Ende setzte. Dadurch wurde er in der Romantik zu einer Symbolgestalt eines genial-jugendlichen Gescheiterten. Hans Henny Jahnn machte ihn in seinem letzten Bühnenwerk zu einem Titelhelden, den Gustaf Gründgens 1956 in Hamburg in einer Tragödie wieder auferstehen ließ. Der Autor nannte das Stück der geschichtlichen Wirklichkeit nachgezeichnet.


    Claus H. Henneberg und der Komponist haben das fünfaktige Stück Jahnns auf insgesamt sieben Szenen zusammengestrichen, haben das weibliche Personal drastisch gekürzt, hoben aber die unverhohlen homosexuelle Komponente der Liebeshandlung heraus. Für die Opernhandlung wurde auch Chattertons psychopathologischer Zustand bei Jahnn, die aus dem soziokulturellen Milieu seiner Zeit erklärt wurde, getilgt. Trotzdem ist historische Rekonstruktion kein wichtiges Merkmal der Oper.


    1993 wurde dem jungen Komponisten der Auftrag von der Dresdner Staatsoper erteilt und 1996 erhielt Pintscher von der Koerber-Stiftung für seine Komposition eine Auszeichnung. 1998 dann kam es in Dresden zur Uraufführung des Stücks in der Regie von Marco Arturo Marelli und der musikalischen Leitung von Marc Albrecht. Die Kritik sparte über den Erstling von Pintscher nicht mit Lob.

    Friedrich Goldmann (*1941):
    R. HOT bzw. DIE HITZE

    Opernfantasie über einhundert dramatische, komische, fantastische Posen

    nach dem Stück Der Engländer von Jacob Reinhold Michael Lenz
    Text von Thomas Körner.


    Uraufführung am 27. Februar 1977 in Berlin, DDR.


    Personen der Handlung:
    Robert Hot (Tenor)

    Lord Hot, sein Vater (Bassbariton)

    Lord Hamilton, dessen Freund (Tenor)

    Prinzessin Armida von Carignan (Sopran)

    Ein Major (Bariton)

    Ein Beichtvater (Bariton)

    Ein Wundarzt | Chor-

    Ein Bedienter | Solisten

    Ansager (Sprechrolle)

    Ort und Zeit:


    Handlung.
    Der junge Engländer Robert Hot hat sich für den Soldatendienst anwerben lassen, um den bürgerlichen Pflichten zu entgehen, für die ihn sein Vater, der Lord, aus Italien nach Hause gerufen hat.


    Robert hat sich in die Prinzessin Armida von Carignan verliebt, die ihm allerdings bisher nur einmal begegnet ist, die aber nach dieser Zusammenkunft sein Leben bestimmt. Nun hat sich Robert entschlossen, die Aufmerksamkeit der Prinzessin mit einem Schuss unter dem Palastfenster zu erringen. Bei dieser Gelegenheit gesteht Robert der Prinzessin seine Liebe und stellt sich dann der herbeieilenden Palastwache als Deserteur dar. Die verhaftet ihn, stellt ihn vor ein Militärgericht, das Robert zum Tode verurteilt.


    Armida ist tief gerührt von der Leidenschaft, die Robert ihr entgegenbringt und schafft es mit viel Überzeugungsarbeit, dass er zu lebenslanger Festungshaft begnadigt wird. Und sie besucht ihn in der Festung, lässt sogar ihr Geschmeide mit ihrem Bild zum Trost in der Zelle.


    Inzwischen ist Lord Hot aus Großbritannien angereist, spricht bei mehreren involvierten Stellen vor und erreicht gegen Zahlung einer enormen Summe Lösegeld die Freilassung seines Sohnes. In einem Gespräch nach der Freilassung beschwört er Robert, endlich vernünftig zu werden, denn noch einmal kann er eine so hohe Freikaufsumme nicht aufbringen.


    Robert, durch die äußere Freiheit in eine tiefe Verzweiflung geraten, hat für die Lebens-Ansichten seines Vaters nichts übrig, aber Lord Hamilton kommt seinem Freund Lord Hot zu Hilfe. Er will mit Brutalität Robert kurieren und sorgt für ein Gerücht, wonach Prinzessin Armida ihre Vermählung bekanntgegeben habe. Als Robert auf diese Nachricht hin in einen Fieberwahn verfällt, schickt ihm Lord Hamilton eine Prostituierte, die ihn trösten soll.


    Die Prinzessin hat aber nicht aufgehört, sich nach dem jungen Engländer zu erkundigen und ist als Buhlerin unerkannt in Roberts Zimmer getreten. Ihm gibt sie sich zu erkennen und klärt ihn auch über die von Lord Hamilton inszenierte Intrige auf. Schließlich veranlasst sie ihn, einen Suizid vorzutäuschen, womit sie beweisen will, dass das seine Umgebung nicht beeindrucken werde. Alles geschieht nach Plan, und Lord Hamilton hat tatsächlich nur die Worte Besser tot als verrückt übrig. Von den Vorgängen um ihn herum zur Besinnung gekommen, richtet sich Robert auf, springt dann von seinem Lager auf, greift sich Armida und verlässt mit ihr wild tanzend den Raum, die Umstehenden erstaunt zurücklassend…


    Anmerkungen.

    Friedrich Goldmann, Jahrgang 1941, in Siegmar-Schönau / Sachsen geboren, kam auf die Dresdner Kreuzschule und studierte später Komposition auf der Dresdner Musikhochschule. Von 1962 bis 1964 war er Meisterschüler von Rudolf Wagner-Régeny, studiert danach noch an der Berliner Humboldt-Universität Musikwissenschaft. Er schrieb zahlreiche Werke für Kammermusik wie auch sinfonische Besetzungen, Bühnenmusiken, Musik zu Dokumentarfilmen und zum DEFA-Spielfilm Till Eulenspiegel.


    Dieser hier vorgestellten Opernfantasie liegt Jakob Michael Reinhold Lenz’ Stück Der Engländer zu Grunde, das beispielhaft für die Sturm und Drang-Epoche steht. Roberts Leben zeigt menschliche Entwicklungsphasen in Bezug auf das Verhältnis von Gefühl und Vernunft. Aus der Phase des Noch-Behütet-Seins führt die Entwicklung zum selbständig denkenden, eigenverantwortlichen Menschen.

    Volker David Kirchner (*1942):
    DIE FÜNF MINUTEN DES ISAAK BABEL

    Szenisches Requiem in zwölf Bildern

    Libretto vom Komponisten und Harald Weinreich.

    Uraufführung im April 1980 in Wuppertal, Opernhaus.


    Personen der Handlung:
    Babel 1 (Schauspieler)

    Babel 2 (Bariton)

    Der Vater (Bassbariton)

    Marc Borgmann (Tenor)

    Rabbiner Motale (Bass)

    Die Mutter (Sopran)

    Die Großmutter (dramatischer Sopran)

    Eine Frau (Lyrischer Sopran)

    Agasha (Sopran)

    Ein Bedienter (Bariton)

    Suschkin (Bariton)

    Afonka Bida (Schauspieler)

    Ein Kommandeur (Schauspieler)

    Ein Solo-Sopran

    Ein Kinderchor, ein großer Chor.


    Handlung 1. Bild: Gefängniszelle, Introitus.
    Babel ist desorientiert; er weiß nicht wo er ist, er weiß nicht, ob er lebt oder schon tot ist – und wenn er tot ist, ist er ein Opfer von Mördern? Das Gefühl der Angst kriecht Babel durch den Körper und zermürbt ihn.


    2. Bild: eine ärmliche Kammer.
    Babels Großvater, ein frommer Jude, ist von unbekannten Tätern erschlagen worden. Er liegt aufgebahrt in der Kammer. Die Familie hat Trauerbesuch bekommen und alle stimmen in das Lamento ein.


    3. Bild: Gefängnis.

    Babel klammert sich an eine vage Hoffnung: Ihn, Isaak Babel, kann man nicht einfach totschlagen. Es wird weltweite Proteste geben.


    4. Bild: Raum in einem russischen Ghetto.

    Babel hat sich die Heilige Schrift aus dem Bücherschrank genommen und liest in dem Wälzer. Seinen Vater macht er zu einem berühmten Schriftgelehrten, und die berühmte Rede des Marc Anton, gibt er als seine eigene Dichtung aus. Der Vater, der berühmte Schriftgelehrte, tritt offensichtlich sturzbetrunken auf die Szene, und die Großmutter kommt angewatschelt und beschimpft ihren Sohn als eine Familienschänder. Vor all diesen kleinbürgerlichen Auseinandersetzungen kapituliert Babel, vor all den Geschehnissen ersterben Babel Rezitationen. Er geht hinaus und fällt in ein Regenfass.


    5. Bild: Gefängnis.

    Babel übernimmt die Rollen von drei Personen: den jungen Babel, den Vater, die Großmutter. Während eines Streites mit seinem Vater sagt er sich von der jüdischen Religion los und behauptet, dass er einen anderen Gott benötige.


    6 Bild: Inneres einer polnischen Synagoge.

    Die Gemeinde ist versammelt und singt, wird aber brutal von Rotarmisten gestört; dabei gibt es schließlich sogar Verwundete. Babel als der Kommandeur sorgt für eine Umfunktionierung der Synagoge zu einem Lazarett. In diesem Augenblick kommt der Rabbi Motale in das Gotteshaus, betet laut, worauf die Rotarmisten die Synagoge abrupt verlassen, der Rabbi aber beginnt eine Diskussion mit Babel über das Wesen der von Lenin gemachten Revolution.


    7. Bild: Mauer mit Einschusslöchern.
    Rotarmisten stellen Gefangene an die Wand. Babel versucht, den Kommandeur des Erschießungskommandos von seinem Vorhaben abzubringen. Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich als Vorsitzender der Bolschewiki den Kampfnamen Lenin gab, stellt die Erziehung der Menschen schließlich noch vor die Gewalt. Doch der Kommandeur winkt ab und droht: wer nicht für uns ist, ist gegen uns und somit ein Verräter am Volk.


    8. Bild: Gefängniszelle.
    Babel kommt ins Grübeln und macht sich letztendlich Selbstvorwürfe, dass er ein Werkzeug der Unholde war. Sollte er wieder freikommen, dann will er gegen sie schreiben.


    9. Bild: Bibliothek in einem Palast.
    Babel hält sich in der Bibliothek eines früheren fürstlichen Palastes auf. Ein alter Diener, dem er sich vorstellt, begreift die Worte Geheimpolizei und neue Freiheit nicht. Er hat einen Mantel des früheren Fürsten auf seinem Arm und hängt ihn Babel um. In diesem Moment kommt Agasha mit einer Anzahl schwangerer Frauen, die für eine Hochschwangere ein Bett fordrn. Es kommt zu einem Tumult.


    10. Bild: Gefängnis.
    Babel ist mürbe geworden. Nachdem er mit erniedrigenden Schuldsprüchen konfrontiert wurde, beginnt er eine große und lange Verteidigungsrede an, während der die Worte Dichter und Funktionär fallen. Zuletzt kann Babel jedoch nur noch jammern und stammeln.


    11. Bild: Kahler Kellerraum.
    Babel sucht an diesem Ort, zwischen vier zugedeckt Liegenden, einen Platz. Er deckt dabei das Tuch auf, entdeckt sich selbst als einen Toten, der im Namen der Revolution ermordet wurde. Dazu sieht das Publikum in einer Simultanhandlung, wie Babel aus seiner Zelle zur Erschießung geschleift wird.


    12. Bild: Babels Tod.
    Der große Chor singt das Lux eterna luceat eis…


    Anmerkungen.
    Isaak Babel, der 1894 in Odessa als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren wurde, war einer der engagiertesten und auch kritischsten Schriftsteller während und nach der Revolution in Russland. Maxim Gorki, auch einer der großen Dichter, hielt viel von ihm, förderte ihn und ließ seine Werke drucken. Allerdings rückte die Partei unter Stalin 1937 von Babel ab, seine Erzählungen durften nicht mehr gedruckt werden. 1938 fiel er den Säuberungen Stalins zum Opfer und wurde verhaftet. 1941 starb er unter bis heute ungeklärten Umständen in einem Lager oder einem Gefängnis.


    Soweit die historischen Fakten über Isaak Babel. Das szenische Requiem zeigt gleichsam im Zeitraffer die inneren und äußeren Leiden des Schriftstellers. Das Bühnenstück ist der Form eines Spiegels angelegt: es geht vom ersten Bild bis zum sechsten Bild und dann wieder zurück. Vom Komponisten wurde es als christliches Mysterienspiel angelegt, dessen Stationen mit übereinander geschichteten simultanen Verläufen den musikalischen Prozess der Polyphonie darstellen.

    Jean-Philippe Rameau (1683-1764):
    PIGMALION (Pygmalion)

    Acte de ballet in einem Akt und fünf Szenen

    Libretto von Ballot de Sauvot nach Antoine Houdar de la Motte

    Originalsprache: Französisch.

    Uraufführung am 27. August 1748 im Palais Royal der Opéra in Paris.


    Personen der Handlung:

    Pigmalion, Pygmalion (Tenor)

    La Statue, die Statue (Sopran)

    Céphise, Pigmalions Gattin (Sopran)

    L’Amour, Amor, Liebesgott (Sopran)


    Inhaltsangabe des einzigen Aktes.
    Die Szene stellt das Bildhauer-Atelier von Pigmalion dar, in dessen Mitte sich eine Statue befindet.


    Szene 1.

    Pigmalion hat sich sinnloserweise in eine von ihm selbst geschaffene Statue verliebt und gibt Amor die Schuld daran.


    Szene 2.

    Pigmalions Frau heißt Céphise; die beklagt sich nicht nur über das mangelnde Interesse ihres Mannes an ihr, sondern auch über Pigmalions Sorge um seine Statue. Die Klage seiner Frau kann Pigmalion zwar nachvollziehen, doch äußert er, dass die Götter an seinem Zustand schuld seien. Er bittet ausdrücklich um notwendiges Mitgefühl.


    Szene 3.

    Céphise verlässt das Atelier ihres Mannes und Pigmalion gibt seine Verzweiflung über seine undenkbaren Liebesgefühle zum Ausdruck. Der Liebesgott L’Amour fliegt unbemerkt in das Atelier und sorgt, indem er seine Fackel über der Statue ausschüttet, womit er sie zum Leben erweckt - zu Pigmalions Erstaunen. Dieses Erstaunen wird noch größer, als die Statue ihm, nach anfänglicher Verwirrung, ihre Liebe gesteht.


    Szene 4.

    Der Liebesgott erklärt Pigmalion, dass seine Hingabe und Liebe diese Belohnung verdient hätten. Er ruft seine Grazien herbei, die der Statue verschiedene Tänze beibringen. L’Amour aber zieht sich zurück. Die Musik bringt zunächst eine langsame Air; ihr folgen ein Menuett, eine fröhliche Gavotte, eine lebhafte Chaconne, und ein ebenso lebhafter Passepied der Grazien und ein schneller Rigaudon. Dann ist die Statue bereit für eine eigene Solonummer, eine Sarabande. Das Ballett wird schließlich mit einem Tambourin beendet, das den Höhepunkt der Oper bildet.


    Szene 5.
    Das Volk ist hinzu gekommen, um das Geschehen um Pigmalion zu beobachten; und der ruft zu einem allgemeinen Lobpreis auf den Liebesgott auf. Zum letzten Mal bekommt das Ballett die Möglichkeit, sein Können zu zeigen: einer fröhliche Air folgen eine langsame und dann eine schnelle Pantomime. Nach einem letzten Loblied Pigmalions endet das Stück mit einer Air gracieux und einem Rondeau contredanse.


    Anmerkungen.

    Rameau und sein Librettist Ballot de Sauvot veränderten bei ihrer Bearbeitung des Vorgängerlibrettos die Grundaussage. Ursprünglich handelte es sich um einen Lobpreis der Liebeskunst, welcher der Vorrang vor allen anderen Künsten eingeräumt wurde. Nun liegt der Schwerpunkt auf dem Selbstverständnis des modernen Menschen im Sinne der Aufklärung. Während die Götter über das Leben herrschen, ist nur der Mensch zur künstlerischen Tätigkeit fähig. Somit ergänzen sich beide und können nur gemeinsam das Ideal – dargestellt in der Statue Pigmalions – erreichen.


    Die Zeitgenossen und auch Rameaus Widersacher Jean-Jacques Rousseau lobten besonders die ausgewogenen Proportionen der Komposition. Die Rolle des Pigmalion ist abwechslungsreich gestaltet und bietet dem Sänger unterschiedlichste Ausdrucksformen zwischen „unmittelbar berührenden Erstaunen“ und der virtuosen Schluss-Ariette Règne, Amour. Harmonisierung und Instrumentation lassen sich nur gemeinsam betrachten. Rameau selbst sprach in Bezug auf den Schlusschor L’Amour triomphe vom Begriff der „triumphierenden“ Harmonie. Dessen Höhepunkt bildet ein hohes a Pigmalions über einem langen, der Obertonreihe angenäherten, F-Dur-Dreiklang. Die in diesem Werk vorbereitete Eigenständigkeit der Klangfarbe sollte später zu einem typischen Element der französischen Musik werden.

    (Zugrunde liegt dieser Inhaltsbeschreibung eine Aufnahme des Labels Erato mit den English Bach Festival Singers und dem English Bach- Festival Baroque Orchestra unter der Leitung von Nicholas McGegan.)

    Peter Maxwell Davies (1934-2016):
    THE LIGHTHOUSE
    (Der Leuchtturm)

    Kammeroper in einem Akt mit Prolog

    Libretto vom Komponisten, deutsche Übersetzung von Günther Bauer-Schenk

    Originalsprache: Englisch

    Uraufführung am 2. September 1980 im Moray House, Edinburgh


    Personen der Handlung:
    Sandy, 1.Offizier (Tenor)

    Blazes, 2. Offizier (Bassbariton)

    Arthur, 3. Offizier (Bass)

    Stimme der Karten (Bass).

    Ort und Zeit: Edinburgh, Gegenwart.


    Prolog.
    Die Offiziere eines Versorgungsschiffes sind vor ein Untersuchungsgericht geladen und machen dort ihre Aussagen. Als Grund der Befragung wird bekannt, dass die drei Wächter eines Leuchtturms auf den Flannan-Inseln (der Äußeren Hebriden) spurlos verschwunden sind. Für die Richter sind die Aussagen der drei Offizieren nicht kompatibel, sie hören Widersprüche aus den Aussagen heraus. Das Gespentische der Erlebnisse jener Offiziere ist für die Juristen eine fragwürdige Darstellung. Am Ende der Verhandlung wird allerdings ein Freispruch mangels Beweisen ausgesprochen.


    Einziger Akt: Das Heulen der Bestie.

    Die drei Sänger des Prologs übernehmen nun die Rollen der Leuchtturmwächter. Momentan sind sie insofern in einer prekären Situation, als dass ihre Ablösung schon seit längerer Zeit überfällig ist. Das Warten auf die Ablösung führt auch zu Spannungen und Gereiztheit.


    Arthur, einer der drei Wärter, erhebt sich gerade, um das große Licht anzuzünden, die anderen spielen Tarot. Unterdessen steigt die Spannung, weshalb Sandy vorschlägt, einen Song anzustimmen. Tatsächlich stimmen alle Sandys Vorschlag zu. Plötzlich aber wird das zunächst unbeschwerte Singen zu einer Beschwörung über das Vorleben der drei Wärter des Leuchtturms. Gespenster aus der Vergangenheit tauchen auf, die zwar nicht zu sehen sind, die aber jeder dem anderen zeigen will.


    Nebelschwaden ziehen herauf, und Arthur setzt das Nebelhorn mit den Worten Das Heulen der Bestie über der schlafenden Welt in Gang. Eines Nachts, die Ablösung ist immer noch nicht eingetroffen, ertönt die Antwort aus der Tiefe.


    Schuldgefühle überkommen die drei Wärter. Und die werden so übermächtig, dass sie darüber den Verstand verlieren. Die Gespenster rufen die drei Männer in die Nacht hinaus. Arthur ist überzeugt, dass die Bestie aus dem Meer nach ihnen gerufen hat.


    Die Männer beginnen zu beten, bitten flehentlich um Gottes Hilfe und stimmen plötzlich eine Hymne an. Sie stürzen hinaus, um sich vermeintlich gegen die Bestie aus dem Meer zu verteidigen. Die Fantasien, die sie quälen, haben vermutlich dafür gesorgt, dass sie das Versorgungsschiff, das ihnen sowohl die Ablösung als auch neue Lebensmittel bringt, für das Ungeheuer, die Bestie, halten. Die drei Männer stürzen sich im Meer auf das Ungeheuer, das sie in die Tiefe zieht…


    Anmerkungen.

    Das Instrumentarium ist für zwölf Spieler ausgelegt, die allerdings mehrere Instrumente bedienen müssen: Flöte (auch Piccolo und Altblockflöte), Klarinette in A (auch Bassklarinette in B), Horn in F, Trompete in C, Posaune, Schlagzeug (Marimbaphon, vier Pauken, Glockenspiel, Crotales (zwei Oktaven), Große Trommel, Kastagnetten, kleines Hängebecken, Rührtrommel, Rototroms, Tamburin, Maracas, Tomtoms (D und F über dem mittleren C), Tamtam; Solo-Violine, Solo-Viola, Solo-Kontrabass, Klavier (auch Celesta), Gitarre, Banjo.


    Eine besondere Bedeutung ist dem Horn zugewiesen, dessen Rufe auch im Libretto explizit aufgeführt sind und das innerhalb des Zuschauerraums positioniert werden sollte. Im Prolog übernimmt es die Aufgabe des Fragenstellers, dem die Offiziere anschließend antworten. Auch die Lichteffekte mit den Schiffslampen und dem Leuchtturm selbst sind genauestens vorgegeben, da sie für die Handlung wesentlich sind.

    Jean-Philippe Rameau (1683-1764)
    LES FETES D’HÉBÉ ou LES TALENS LIRIQUES
    (Das Fest der Hebe oder Die lyrischen Talente)

    Opera-ballet in drei Akten mit einem Prolog

    Libretto von Antoine César de Montdorge

    Originalsprache: Französisch.

    Uraufführung am 21. Mai 1739 in Paris.


    Personen der Handlung:
    Hébé, Göttin der Jugend (Sopran)

    L’Amour, Gott der Liebe (Sopran)

    Momus, Gott des Schlafes (Tenor)

    Sapho (Mezzosopran)

    Une Naïade, eine Najade (Sopran)

    La Ruisseau, der Bach (Tenor)

    Thélème (Tenor)

    Alcée (Bariton)

    Hymas (Bariton)

    Le Fleuve, der Fluss (Bariton)

    Iphise (Mezzosopran)

    L’Oracle (Tenor)

    Lycurgue (Tenor)

    Une Lacédémonienne, eine Lakedämonierin (Mezzo)

    Tirtée (Bariton)

    Eglé (Sopran)

    Une Bergère, eine Schäferin (Mezzosopran)
    Hermes/Mercure (Tenor)

    Eurilas (Bariton)
    Chor / Statisterie: Schiffer, Schäfer, Schäferinnen, Lakedämonierinnen, Nymphen, Faune, Waldgötter.

    Ort und Zeit: Antikes Griechenland.


    Prolog.
    Hebe, die Göttin der Jugend, verlässt ihre Wohnstätte im Olymp und begibt sich auf die Erde. Zéphire bringen sie an das Ufer der Seine, wo die Menge „alle Talente, die wir auf der Opernbühne schätzen“, gefeiert werden. Poesie, Musik und Tanz werden abwechselnd heraufbeschworen.

    Hebe hat aber ihren Sitz im Olymp auch verlassen, weil Momus, der Gott des Schlafes, sie verfolgt und ihr ungezügelt den Hof macht.

    Auf der Erde beschwören die Grazien die Liebe: L’Amour begibt sich zu Hébé und ihrem Gefolge an die Seine, wo ein pompöses Spektakel stattfinden wird...


    Erster Akt: La Poésie.
    Sappho, die griechische Dichterin im klassischen Altertum, trauert um ihren Geliebten Alcaeus, der von König Hymas nach Machenschaften des Thélème ins Exil geschickt wurde. Der so Bestrafte missachtet jedoch das Verbot, kommt zurück und schwört, sich an Thélème zu rächen. Sappho aber kann ihn besänftigen und gemeinsam rufen sie Apollo, den Gott der Poesie, an.

    Gerade lässt sich aus der Ferne die königliche Jagd vernehmen. Sappho hat sich zum Ziel gesetzt, ein galantes Festmahl zu veranstalten, Sinn und Zweck dieses Festmahles ist es, den König mit Liedern und Tänzen, aber auch gutem Essen zu verwöhnen. Außerdem hat Sappho ein Schauspiel vorgesehen, das die Vereinigung einer Najade mit einem vom großen Fluss gesegneten Bach darstellt. Gerührt über das gute Essen und den guten Wein sowie die fröhlichen Tänze eines ausgezeichneten Balletts begnadigt Hymas den Verbannten Alcaeus und erlaubt ihm die Vereinigung mit Sappho, während Thélème fliehen muss. Das Fest geht derweil weiter…


    Zweiter Akt: La Musique.
    König Lykurg, der Gesetzgeber von Sparta, will seine Tochter Iphise mit dem Sänger Tirtée verheiraten, dessen Gesänge die junge Prinzessin verzaubert haben. Das, was einfach und problemlos scheint, wird schwierig, weil ein Orakel weissagt, dass Iphise nur einen Helden heiraten kann, der die Messenier (Bewohner eines bedeutenden Staates im Südwesten des Peleponnes mit dem König Nestor) besiegt. Der auch in Liebe zu Iphise entbrannte Tirtée macht sich umgehend fertig, um an der Spitze der Spartaner mit voller Siegeszuversicht in die Schlacht zu ziehen. Prinzessin Iphise betet zu den Göttern um den Sieg und für eine Rückkehr des Geliebten in Gesundheit. Schließlich bringt ein Bote die Nachricht von einem für Tirtée guten Ausgang des Kampfes. Plötzlich kommt der Sieger mit Lorbeeren bedeckt um die Ecke: Seine Kampfeskunst und sein Geschick hat über die Feinde gesiegt. König Lykurg gelingt es, die beiden Liebenden unter dem wohlwollenden Auge Apollos zu vereinen.


    Dritter Akt: Tanz.
    Der griechische Gott Hermes (den man später in Rom Merkur nannte, ist der Gott der Kaufleute, Hirten und Diebe; außerdem war er Götterbote) hat sich in die schöne Églé verguckt. Um sie zu verführen, nähert er sich ihr verkleidet in ihrem Dorf. Der Hirte Eurilas erklärt Hermes, dass das Mädchen die begabteste Schülerin von Terpsichore, der Muse des Tanzes und der Chorlyrik, ist, und dass die Muse der Églé einen Ehemann versprochen hat. Eurilas lebt in der Hoffnung, dass er der Glückliche ist, der sich mit ihr verbinden kann. Aber: wir als Zuschauer können uns vorstellen, dass Hermes als begnadeter Tänzer mehr Chancen bei Églé hat - Eurilas hat keine Schnitte. Églé war von Hermes geblendet und die beiden tauschen Schwüre aus. Vor den Bewohnern des Dorfes, die alle zur Hochzeit gekommen sind, enthüllt der Gott seine Identität. Der Hain verwandelt sich in einen üppigen Garten, in dem Terpsichore und sein Gefolge Églé, die neue Nymphe des Tanzes, krönen.

    (Zugrunde liegt dieser Inhaltsangabe eine Aufnahme von Les Arts Florissants unter William Christie)

    Dieter Schnebel (1930-2018):
    MAJAKOWSKIS TOD – TOTENTANZ ´

    Ein Opernfragment als Kammeroper

    Auftragswerk der Leipziger Oper

    Libretto vom Komponisten nach Texten von Wladimir Majakowski.

    Uraufführung im Opernhaus Leipzig am 8. März 1998.


    Personen der Handlung:
    Nora (Veronika) Polonskaja (hoher Sopran)

    Lilja Brik (Alt, Sprechrolle)

    Wladimir Majakowski (Bass, Sprechrolle)

    Chor: 10 bis 20 Personen, darunter neun Solorollen.

    Ort und Zeit: Majakowskis Tod in Russland; Totentanz: überall; um 1930.


    Inhalt des einzigen Aktes: Majakowskis Tod.
    Während des orchestralen Vorspiels werden mittels Schrifteinblendungen Stationen aus der Biografie des russischen Dichters Wladimir Majakowski eingeblendet. Es folgt eine Art Dichterlesung über Letzter Kampf vor einem geradezu unausstehlichen Publikum. Debattiert wird insbesondere über die Frage der Verständlichkeit von Majakowskis Texten, denn man wirft dem Dichter vor, nicht über das Dorfleben, über die Kolchosen, zu schreiben. Außerdem hätten die Arbeiter ihre Probleme mit den Manierismen in seinen Texten.


    In langen und auch hektischen Telefonaten setzt sich Majakowski mit seiner langjährigen Freundin (und Geliebten, sowie Frau seines Verlegers) Lilja Birk auseinander, vor der er plötzlich über Abschied spricht. Diesen realistischen Gesprächen stehen imaginäre Duette gegenüber, in denen bereits Majakowskis Weg zum Suizid angekündigt wird.


    Vermächtnis und Tod: Der Dichter sieht seine Mission – und gleichzeitig auch die Revolution – als gescheitert an; der Weg führt geradewegs in den Stalinismus, dem er mehr als reserviert gegenüber steht.


    Majakowski schreibt an einem Abschiedsbrief und er begegnet bewusst seiner letzten Geliebten der Schauspielerin Veronika Polonskaja. Aber dieses Treffen ist ein Desaster, denn während er sie an sich binden will, strebt sie zum Theater. Majakowski greift zur Pistole und erschießt sich.

    Das letzte Wort hat der Chor, dessen Stimmen an einen Grabgesang erinnern.


    Totentanz.
    Auf die Totenwache folgt der Leichenzug mit Betrachtungen über den himmlischen Frieden sowie Totentänzen. Eine Textkollage über Statistiken mit der Entwicklung der Welt-Bevölkerung von 90 000 vor Christus bis zu den Plagen und Todesursachen von heute wird verschränkt mit Redensarten über das Leben und Sterben mit statistischen Zahlenreihen.


    Anmerkungen.

    Schnebel studierte neben Klavier und Musikpädagogik auch noch Theologie und war als Religionslehrer und Pfarrer tätig. Mit dem Dichter Wladimir Majakowski und dessen Freitod hat er sich seit dem Beginn der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts beschäftigt. Es war insofern konsequent, dass seine Oper sich mit diesem Thema beschäftigt. Die beiden Teile sind einzeln aufführbar, wobei die Kammeroper für drei Protagonisten (Sänger und Sprecher), Chor und kleines Orchester geschrieben ist, den Totentanz dagegen kann man als Ballett-Oratorium bezeichnen, für Sprecher, Sopran und Bass sowie großes Orchester. Schnebel hat nachträglich Anpassungen für die zwei Teile vorgenommen. Außerdem wurde viel Live-Elektronik verwendet, die vom Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung erarbeitet wurde. Die Uraufführung des Auftragswerkes der Oper Leipzig war ein großer Erfolg, nicht zuletzt durch die Arbeit des Regisseurs und Bühnenbildners Achim Freyer (*1934), der wegen Schnebels musikalisch-szenischen Projekten eng mit dem Komponisten zusammen gearbeitet hat.

    Jean-Philippe Rameau (1683-1764):
    LES BORÉADES
    (Die Boreaden)
    Tragedie lyrique in fünf Akten
    Libretto von Louis de Cahusac (zugeschrieben)
    Originalsprache: Französisch.


    Uraufführung am 14. April 1975 (konzertant) in der Queen Elizabeth Hall, London,

    szenisch Erstaufführung am 21. Juli 1982 im Théâtre de l’Archevêché, Aix en Provence.



    Personen der Handlung:
    Alphise, Königin von Baktrien (Sopran)

    Sémire, ihre Vertraute (Sopran)

    Polymnie (Polyhymnia), Muse des Gesangs und der Pantomime (Sopran)

    Eine Nymphe (Sopran)

    Abaris, Liebhaber der Alphise (Haut-contre)

    Calisis (Kalais), Bewerber um Alphise, aus dem Geschlecht Borées (Haute-contre)

    Borée (Boreas), Gott der Nordwinde (Bass)

    Borilée, Bewerber um die Hand Alphises, aus dem Geschlecht Borées (Bariton)

    Adamas, Oberpriester Apollons (Bariton)

    Apollon, Gott des Lichts (Bariton)

    L’Amour (Amor), der Liebesgott (Sopran)

    Orytie (Orithie) (Tanzrolle)

    Chor: Les Plaisirs (die Vergnügungen), die Grazien, Gefolge L’Amours, Priester Apollons, Gefolge Borées, Volk, die Jahreszeiten, die Musen, Zephire, Genien, der Stunden und der Künste, unterirdische Winde

    Ballett: Gefolge Oryties



    Erster Akt
    Ein Wald in Baktrien.

    Szene 1.

    Die baktrische Königin Alphise hat sich mit ihrer Hofgesellschaft auf die Jagd begeben, obwohl sie dem Treiben nur wenig Gefallen abringen kann – im Gegensatz zu den Höflingen. Aber die Langeweile macht’s möglich. Alphises Vertraute Sémire hat sie, wieder einmal, gedrängt, sich einen Ehemann zu erwählen. Momentan sind zwei Prinzen, Calisis und Borilée, die als Nachfahren des Windgottes Borée gelten und deshalb hochgeachtet sind, die einzigen Bewerber um die Königin. Die Hochachtung, die den beiden Prinzen entgegengebracht wird, hängt mit einem alten Gesetz zusammen: danach dürfen nur solche Nachfahren über Baktrien herrschen. Alphise ist jedoch schon verliebt, und zwar einen fremden Mann mit dem Namen Abaris, der allerdings auch eine ungeklärte Abstammung besitzt. Nur der Oberpriester Adamas glaubt, dass Abaris königlicher Herkunft ist. Sémire warnt Alphise vor dem möglichen Zorn des Gottes Borées.


    Szene 2. Szenenwechsel in den Königspalast von Baktrien.

    Zurück von der Jagd macht Prinz Borilée der Königin schön formulierte Komplimente, um sich bei ihr wegen der Heirat in Erinnerung zu bringen.


    Szene 3.

    Auch Calisis begibt sich zu ihr, um seinen Anspruch anzumelden. Doch die so Bedrängte bittet beide Prinzen um Geduld und sagt, dass sie erst den Rat Apollons abwarten will.


    Szene 4.

    Im Auftrag von Prinz Calisis tritt eine Schaustellergruppe im Palast auf Einige der Schauspieler sind bereits als Plaisirs (Vergnügungen) und Grazien kostümiert. Für sie schrieb Rameau ein Divertissement, eine Tanzfolge, ohne die keine Oper in Frankreich aufgeführt werden kann. Sémire, Calisis und der Chor behaupten, das Vergnügen halte Kümmernisse von der Ehe fern. Alphise hingegen warnt, dass ein plötzlich auftretendes Unwetter jederzeit die trügerische Ruhe der Liebe stören könnte.


    Zweiter Akt.

    Vorhalle des Apollotempels; im Hintergrund desselben der Altar.

    Szene 1.
    Abaris, der seine Kindheit im Dienst Apollons verbrachte, fleht den Gott um Hilfe an, da er in Alphise verliebt ist und, weil sie im Ungefähren bleibt, darunter leidet.


    Szene 2.
    Der Oberpriester Adamas betrachtet den Betenden mitfühlend. Er weiß, dass der Gott ein Gebot erlassen hat, dass Abaris erst dann von seiner Herkunft erfahren dürfe, wenn er seine Tugenden unter Beweis gestellt habe. Als Abaris Adamas von seiner Liebe zur Königin erzählt, rät der ihm, den Weg zum Ruhm zu suchen.


    Szene 3.
    Adamas befiehlt in dieser Szene den anderen Tempelpriestern, Abaris genauso zu gehorchen wie ihm selbst, solange es noch keinen neuen König gibt.


    Szene 4.
    Die von einem Traum beunruhigte Alphise kommt in den Tempel, um die Hilfe der Götter zu erflehen.


    Szene 5.
    Alphise berichtet, dass ihr Borée, der Gott der Winde, inmitten unzähliger Blitze auf einer düsteren Wolke erschienen sei und gedroht habe, ihr Reich zu verwüsten. Bestürzt bietet Abaris sich selbst als Ersatzopfer an und ruft Apollon und L’Amour um Hilfe an. Da Alphise auf ihn aufmerksam wird, fasst Abaris sich ein Herz und gesteht ihr seine Liebe. Seine Befürchtung, sie dadurch beleidigt zu haben, zerstreut die Königin, indem sie Abaris erstmals zu erkennen gibt, dass sie seine Gefühle erwidert.


    Szene 6.
    Borilée, Calisis und Alphise mit Gefolge und Apollon-Priester treffen ein, um gemeinsam zum Ruhm des Gottes ein Schauspiel zur Aufführung zu bringen, das den Raub der Orytie (auch: Oreithyia) durch Borée zum Thema hat, was Gelegenheit für ein erneutes Divertissement gibt. Danach erscheint der Liebesgott L’Amour persönlich in grellem Licht und reicht Alphise einen magischen Pfeil, der sein Einverständnis mit ihrer Liebe zu Abaris symbolisiert. Dennoch weist er darauf hin, dass ein Nachfahre Borées die Königskrone erhalten werde.

    Dritter Akt.
    Idyllische ländliche Gegend.
    Szene 1.
    Alphise will die von ihrem Traum ausgelösten Angstgefühle durch die Hoffnung auf Erfüllung ihrer Liebe verdrängen.

    Szene 2.
    Abaris befürchtet, dass Alphise dem Druck des Volkes nachgeben und ihn verlassen könnte. Sie versichert ihm, dass sie nur ihn liebe.


    Szene 3.
    Irgendjemand im Palast hat als Lautsprecher fungiert und die Liebe der Königin zu Abaris verraten. Calisis, Borilée und das Volk, das die Neuigkeit natürlich dann auch erfahren hat, feiern jetzt schon die bevorstehende Hochzeit mit Tänzen und einem Lobpreis auf die eheliche Liebe.


    Szene 4.
    Adamas gibt allerdings den Spielverderber und drängt die Königin, eine Entscheidung zu treffen und den künftigen König zu benennen. Das müsste Alphise in Schwierigkeiten stürzen, doch sie reagiert völlig unerwartet, indem sie ihren Rücktritt als Königin erklärt erklärt. Ausdrücklich überlässt sie die Wahl eines Nachfolgers oder einer Nachfolgerin dem Volk. Sie überreicht dem überglücklichen Abaris den Zauberpfeil des Liebesgottes. Das Volk aber zeigt Verständnis für ihre Entscheidung. Die Prinzen Calisis und Borilée hingegen bekommen Aufwind und bekräftigen ihren Anspruch auf den Thron Baktriens. Sie rufen den Borée um Rache an und es kommt ein großer Gewittersturm. Nordwinde ergreifen die zurückgetretene Königin und tragen sie zum Entsetzen des Volkes mit sich fort.


    Vierter Akt.
    Verwüstete Landschaft.

    Szene 1.
    Während das Volk hinter der Bühne das schreckliche Geschehen beklagt und die Götter um Hilfe anruft, zeigt sich Borilée zutiefst befriedigt über die Rache des Windgottes.


    Szene 2.
    Der Gewittersturm hat große Verwüstungen in Land angerichtet. Abaris betrauert die Verwüstungen und das Schicksal Alphises.


    Szene 3.
    Adamas fordert Abaris auf, den zornigen Gott zu besänftigen und seine Liebe zu Alphise aufzugeben. Nach einem kurzen Moment des Zögerns greift Abaris zu seinem Pfeil, um sich damit zu durchbohren. Adamas weist ihn jedoch darauf hin, dass der Pfeil ihm durch seine Zauberkraft einen Weg zu seinen Feinden weisen könne, um diese zu überwinden. Er lässt Abaris mit dieser Aufgabe zurück. Abaris bittet Apollon um Hilfe.


    Szene 4.
    Die Muse des Gesangs Polymnie (auch: Polyhymnia) und die Jahreszeiten treten in einer Gavotte pour les heures, der Gavotte für die Stunden, auf und verkünden Abaris, dass ihn die Zephire, die leichten Windgottheiten, durch die Lüfte und über die Meere bis zum Wohnsitz des Donners tragen werden.


    Fünfter Akt.
    Das Reich des Windgottes Borée.

    Szene 1.
    Borée befiehlt den ihm untergebenen Winden, ihre Verwüstungen in Baktrien fortzusetzen. Im Regelfall gehorchen sie auch, aber aus nicht erklärlichen Gründen fürchten sie sich vor der Macht des sich nähernden Abaris.


    Szene 2.
    Alphise erklärt dem Windgott Borée, den Prinzen Borilée und Calisis, dass sie eher in den Tod gehen wolle oder auch in die Sklaverei, als ihrem Werben nachzugeben.


    Szene 3.
    Borée will Alphise Qualen aussetzen und hat sich überlegt, sie in die Höhle der Winde bringen zu lassen.

    Szene 4.
    Da erscheint Abaris auf der Szene und bezwingt die Gegner, indem er sie mit seinem Pfeil berührt. Gott Apollon steigt vom Himmel herab.


    Szene 5.
    Der Lichtgott hat eine wichtige Botschaft an seinen Kollegen Borée: Abaris entstammt dem Hause des Windgottes, denn seine Mutter war eine Nachfahrin Borées. offenbart den Anwesenden die Herkunft Abaris’: Seine Mutter stammte ebenfalls aus dem Hause Borées. Der traut ob dieser Neuigkeiten seinen Ohren nicht, muss sich aber eingestehen, dass ihm nun nichts anderes übrigbleibt, als Abaris’ Anspruch auf Alphise und den Thron Baktriens als rechtmäßig einzugestehen. Abaris erlöst die Prinzen, indem er sie mit dem Pfeil berührt. Auf einen Befehl Apollons verwandelt sich das düstere Reich Borées zu neuer Schönheit, und das glückliche Paar besingt seine Liebe. Die Oper endet mit einem letzten Divertissement.


    Anmerkungen.
    Les Boréades ist Rameaus letztes Bühnenwerk. Es entstand 1763, also ein Jahr vor seinem Tod und viele Jahre nach seiner vorangegangenen Tragédie lyrique Zoroastre von 1749. Das Libretto wurde posthum in zwei unabhängigen Quellen des 18. Jahrhunderts dem bereits 1759 verstorbenen Louis de Cahusac zugeschrieben, enthält aber einige für diesen unübliche Merkmale, was an dessen Autorschaft zweifeln lässt. Beispielsweise werden die historischen Quellen hier mit einer großen Freiheit verwendet. Die für Cahusac typischen Freimaurer-Symbole sind nur recht spärlich eingesetzt. Graham Sadler vermutet, dass sich der Text in Cahusacs Nachlass befunden haben könnte, aber nachträglich verändert wurde. Der Musikwissenschaftler Herbert Schneider wies hingegen darauf hin, dass die „maßgeblichen Autoren“ Cahusacs Autorschaft nicht mehr bezweifeln. Der Einfluss der Freimaurer-Symbolik trete deutlich zutage.


    Die erste Aufführung sollte im privaten Rahmen des französischen Königshofs in Schloss Choisy stattfinden. Proben dazu gab es am 25. April 1763 (entgegen älteren Vermutungen nicht 1764) in Paris und am 27. April in Versailles. Zu den Mitwirkenden gehörten die damaligen Opernstars Sophie Arnould und Pierre de de Jélyotte. Die Proben wurden jedoch nach einem Monat abgesetzt. Stattdessen wurde im Juni 1763 die tragische Oper Ismène et Isménias, ou La fête de Jupiter des Komponisten Benjamin de Laborde aufgeführt. Die Ursachen könnten einerseits die (vermuteten) ideellen Gehalte des Librettos – die revolutionären Ideen der Gleichheit und einer sich selbst verwirklichenden Frau gewesen sein, andererseits auch schlicht Geldmangel, Intrigen (wie die Musikwissenschaftlerin Sylvie Bouissou vermutet, denn Benjamin de Laborde galt als Liebhaber der Madame de Pompadur, die hohen technischen Anforderungen an die Sänger und das Orchester oder auch der Brand des Theaters der Académie Royale im selben Monat. Vermutlich gab es in den 1770er Jahren eine konzertante Aufführung in Lille. Dann ruhte die Lyrische Tragödie über 100 Jahre in einer Schublade. Aber 1896 präsentierten Louis Diémer und die Société des Instruments Anciens in Paris größere Ausschnitte Werks mit einer reduzierten Instrumentalbegleitung für Cembalo, Viola d’amore, Viola da Gamba und Fidel.


    1964 sendete der französische Rundfunk Auszüge der Oper, die jedoch wenig Beachtung fanden. Die konzertante Uraufführung fand erst am 14. April 1975 in der Queen Elizabeth Hall in London unter der Leitung von John Eliot Gardiner statt, der das Werk selbst einrichtete. Die erste szenische Uraufführung gab es am 21. Juli 1982 im Théâtre de l’Archevêché beim Festival d’Aix-en-Provence. Gardiner dirigierte wieder seine English Baroque Soloists und den Monteverdi Choir. Die Sänger waren Jennifer Smith (Alphise), Anne-Marie Rodde (Sémire), Lucinda Houghton (Polymnie), Martine Marsh (Nymphe), Philip Langridge (Abaris), John Aler (Calisis), Jean-Philippe Lafont (Borée), Gilles Cachemaille (Borilée), François Le Roux (Adamas), Stephen Varcoe (Apollon) und Elizabeth Priday (L’Amour). Eine Studioaufnahme mit derselben Besetzung wurde auf CD herausgegeben.

    (Unter Benutzung von Wikipedia und dem französischen Libretto in privater deutscher Übersetzung)

    Sergej Prokofjew (1891-1953):
    DER FEURIGE ENGEL (L’ange de feu)

    Oper in fünf Akten und 7 Bildern

    Libretto vom Komponisten nach einer Vorlage von Waleri J. Brjussow

    Originalsprache: Russisch.


    Uraufführung am 25. November 1954 in Paris (konzertant) im Theater des Champs Élysées, unter dem Titel L’ange de feu; Übersetzung ins Französische: Louis Laloy;

    Erstaufführung szenisch am 29. September 1955 in italienischer Sprache im La Fenice Venedig (L’angelo di fuoco, Übersetzung von Mario Norio).


    Personen der Handlung:
    Renata (Sopran )

    Ritter Ruprecht (Bassbariton)

    Eine Wahrsagerin (Sopran)

    Wirtin einer Herberge (Mezzosopran)

    Mephisto (Tenor)

    Agrippa Nettesheim, Doktor (Tenor)

    Faust, Doktor der Philosophie (Bassbariton)

    Inquisitor (Bass)

    Äbtissin (Mezzosopran)

    Jacob Glock (Tenor)

    Ein Arzt (Bariton)

    Ein Knecht (Bariton)

    Mathias Wissmann, Universitätsfreund von Ruprecht (Tenor)

    Schankwirt (Bariton)

    Chor.

    Ort und Zeit: Köln um das Jahr 1534.


    Erster Akt.
    Heruntergekommenes Mansardenzimmer in einer Herberge; eine Treppe führt vom unteren Stockwerk ins Zimmer. Ihr gegenüber eine vernagelte Tür. Es ist Nacht.


    Ritter Ruprecht ist von Reisen zurück und bittet die Wirtin einer Herberge, ihm sein Zimmer zu zeigen. Bei der Besichtigung kommt es dem Ritter so vor, als wäre es schlechter als alles, was er im Ausland kennengelernt hat. Und das, obwohl die Wirtin ihm gegenüber vom Besten Zimmer „des Hauses“ sprach.


    Plötzlich hört man aus irgendeinem anderen Zimmer eine Frauenstimme schreien, die sich von Jemandem verfolgt zu fühlen scheint. Ruprecht geht dem Ton nach, bricht dann die Tür auf und trifft auf die nur halbbekleidete Renata, die sich ängstlich auf ihn stürzt, sich an ihn drückt und gleichzeitig schreckliche Visionen abzuwehren versucht. Erst als Ruprecht ein lateinisches Gebet spricht, beruhigt sich Renata. Er trägt sie zum Bett und deckt sie zu. Interessanterweise kennt sie seinen Namen.


    Ungefragt erzählt sie ihm ihre Geschichte: Als sie acht Jahre alt war, kam ein feuriger Engel mit dem Namen Madiel zu ihr, der mit ihr spielte und in täglich verschiedenen Gestalten zu ihr kam. Nach Jahren informierte Madiel sie, dass sie ein asketisches Leben führen müsse, da sie zu einer Heiligen bestimmt sei. In der nächsten Zeit hungerte sie, ging barfuß, geißelte sich und heilte Kranke. In der Pubertät, Renata meint, sie sei 16 Jahre alt gewesen, sehnte sie sich jedoch nach körperlicher Liebe, was Madiel sehr verärgerte und er im Zorn in einer Feuersäule verschwand.


    Renata stellte, einsam geworden, fest, dass sie so nicht leben konnte und wünschte sich den Tod. Doch noch in der gleichen Nacht erschien ihr der „feurige Engel“ in einem Traum und versprach, als Mensch wieder zu ihr zu kommen.


    Als sie damals den Grafen Heinrich kennenlernte, stand für Renata fest, dass der Graf jener Madiel sein musste. Sie folgte Heinrich auf sein Schloss und lebte eine Zeitlang glücklich mit ihm. Der Graf hat jedoch nie zugegeben, jener Madiel zu sein. Was dann kam, war nicht leicht zu verkraften: Graf Heinrich wurde schwermütig und verließ das eigene Schloss nach einem Jahr, und Renata erfuhr nie etwas über sein Verbleiben. Nach mehreren Monaten des Alleinseins gab sie das Warten auf und verließ ebenfalls das Schloss. Seitdem plagen sie nächtliche Visionen.


    Durch die Schreie von Renata ist die Wirtin aufmerksam geworden und kommt mit einem ihrer Knechte, um nach dem Rechten zu sehen. Sie ist aber auch entschlossen, Renata vor die Tür zu setzen, weil sie glaubt, mit einer Ketzerin und einer Hure zu tun zu haben, da seit ihrer Ankunft in der Herberge mehrere merkwürdige Vorfälle passiert sind.


    Ruprecht beschließt, nach dem Abgang von Wirtin und Knecht, die schöne Renata für eine unbestimmte Zeit auszuhalten (und sich mit ihr zu vergnügen). Renata schwärmt immer noch von Graf Heinrich und will Ruprecht bitten, des Grafen Heinrich Haltung und Worte nachzuahmen. Wie er das anstellen soll, weiß er naturgemäß nicht, weil er Heinrich nie kennengelernt hat,


    Als Ruprecht versucht, sich Renata unsittlich zu nähern, weist sie ihn brüsk ab, worauf er sich wie ein Schuljunge entschuldigt. Sie erklärt ihm daraufhin, dass sie für Männer keine Leidenschaft mehr empfinden könne, weil sie ihrem „göttlichen Freund“ bereits alles gegeben habe. Sie hat aber den Mut, ihn trotzdem zu bitten, ihr als Beschützer zur Seite zu stehen und Graf Heinrich wiederzufinden.


    Erneut erscheint die Wirtin mit ihrem Knecht. Beide haben noch eine Wahrsagerin mit einem Kater, einem Käfig, einer Kröte und noch anderen Utensilien bei sich. Und noch weitere Gäste kommen hinzu. Nachdem Renata sich vergewissert hat, dass die Wahrsagerin sich mit den Künsten der „Chiromantie“ und „Kristallomantik“ auskennt, will sie sich von ihr die Zukunft vorhersagen lassen, was allerdings Ruprecht bezahlen muss. Zunächst hört es sich so an, als würde man um den Preis feilschen; dann wird es Renata aber zu bunt, und sie rät Ruprecht vom Handeln ab, und der Ritter akzeptiert den Preis. Nach einem merkwürdigen Ritual, zu dem auch einige komische Sprüche gehören, lässt sich die Wahrsagerin dahingehend vernehmen, dass auf Renatas Jacke Blut zu sehen sei. Sie kratzt an Renatas Kleid und stürzt sich plötzlich auf sie. Ruprecht greift zu seinem Degen und führt Renata aus dem Zimmer. Die Wirtin wirft die Wahrsagerin hinaus. Der Knecht und die Gäste lachen.


    Zweiter Akt.
    Erstes Bild: Gut eingerichtetes Zimmer, aber Krimskrams und Bücher liegen verstreut herum. Durch das Fenster sieht man die Stadt Köln mit der Silhouette des noch nicht vollendeten Doms. Der Tag neigt sich dem Ende zu.


    Renata sitzt in einem Sessel und liest in einem großen Buch mit Ledereinband magische Formeln. Ruprecht betritt den Raum und beobachtet sie. Die beiden sind bereits seit einer Woche in Köln vergeblich auf der Suche nach Graf Heinrich; die Suche nach ihm will Renata auf keinen Fall aufgeben. Den großen Folianten hat sie sich besorgt, weil sie auch den Höllenfürsten für sich und ihre Suche nach Heinrich in Anspruch nehmen will. Die magischen Formeln in dem Buch sollen angeblich eine Hilfe sein, um Beelzebub, Teufel oder Satan, wie auch immer er genannt werden will, zu rufen. Sie hat sogar weit in die Zukunft gedacht, wie sie zu erkennen gibt: Da sie aus Liebe handelt, hofft sie, nach ihrem Tod mit einer vorübergehenden Strafe im Fegefeuer, statt auf ewig in der der Hölle zu schmoren, davonzukommen.


    Jetzt kommt der Buchhändler Jakob Glock und bringt noch zwei weitere Manuskripte mit Zauber-Texten und Formeln und verspricht Renata; für den Abend ein seltenes Buch über die Kabbalistik zu bringen, warnt sie aber vor den Spionen der Inquisition. Ruprecht, hat sich inzwischen ernsthaft in Renata verliebt, und versucht, seine aufkommende Eifersucht zu verdrängen. Mit dem Feuerengel kann er sich allerdings nicht messen. Enttäuscht über seine Situation setzt er sich auf eine Bank, während Renata versucht, Zaubermittel herzustellen.


    In der Abenddämmerung, Renata und Ruprecht sind in ihrem Zimmer, klopft es mehrfach an der Wand. Darauf erklärt Renata dem erstaunten Ruprecht, dass es sich um kleine Teufelchen handle, was aber nichts zu bedeuten habe. Ruprecht spricht die Teufelchen an und erhält tatsächlich Klopfzeichen als Antwort. Das macht Renata neugierig; sie versucht aufgeregt, die Klopfenden zu Aussagen über Heinrich zu bewegen. Tatsächlich erhält sie auf all ihre Fragen Antworten, weiß jedoch nichts damit anzufangen, kann sie nicht deuten. Sie glaubt, dass Heinrich vor der Tür stehe, was aber eine Täuschung ist. Unterdessen ist Buchhändler Glock wieder eingetroffen. Er hat zwar das Buch über die Kabbalistik noch nicht auftreiben können, will Renata und Ruprecht aber zum Magier und dreifachen Doktor Agrippa von Nettesheim bringen.


    Zweites Bild: Unbestimmter, phantastischer Ort. Agrippa von Nettesheim steht auf einer Erhebung und trägt einen Mantel und eine karmesinroten Mütze; um ihn herum sind drei schwarze zottige Hunde. Ruprecht befindet sich ihm gegenüber, etwas tiefer. Überall dicke Bücher, Folianten, physikalische Apparate sowie zwei ausgestopfte Vögel. Oben drei menschliche Skelette, die Ruprecht aber nicht sehen kann.


    Als Ruprecht Doktor Agrippa um Rat bezüglich der Zauberei bittet, leugnet der, sich überhaupt mit dem Thema Magie zu beschäftigen; er warnt Ruprecht sogar vor derartigem „Blendwerk“, wie er die Zauberei nennt. Wahre Magier seien in Wirklichkeit Weise, Priester oder Propheten, behauptet er. Auch seine Hunde halte er, beispielsweise, lediglich als Freund von Rassehunden, nicht zur Beschwörung von Dämonen. Obwohl die Skelette gerade mit ihren Knochen rasseln und Agrippa damit der Lüge bezichtigen, beharrt der auf der Wissenschaft als Erklärung aller Geheimnisse.


    Dritter Akt.
    Erstes Bild: Straße vor Heinrichs Haus; in der Ferne der unvollendete Kölner Dom.


    Renata hat Heinrich gefunden. Doch dieses Wiedersehen verlief nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Der Graf hat sie nämlich als eine Hexe beschimpft und sie schroff abgewiesen. Nach dem Verlassen seines Hauses trifft sie Ruprecht und klagt ihm ihr Leid. Er fordert sie auf, die alten Zeiten zu vergessen und ihm jetzt die Treue zu schwören. Doch Renata will Rache. Sie verspricht Ruprecht, ihn zu ehelichen, wenn er den Grafen tötet.


    Ruprecht war mit Renatas Vorschlag einverstanden und malt sich jetzt schon das Liebesleben mit ihr aus. Er begibt sich schnurstracks zu Heinrichs Wohnung und klopft an seine Tür. Ein Diener lässt ihn eintreten. Renata ist allerdings draußen geblieben und bittet Madiel still um Vergebung dass sie sich in Heinrich getäuscht hat, ihn nicht als Verführer erkannt hat. Sie fleht Madiel an, sich ihr noch einmal so zu zeigen wie in ihrer Kindheit. Da wird das Fenster im ersten Stock aufgerissen. Darin wird Heinrich sichtbar, und Renata bildet sich ein, den Feuerengel Madiel zu sehen. Heinrich ist innerlich aufgewühlt von der wütenden Rede Ruprechts, der ihn als heimtückischen Verführer beschimpft und ihm den Fehdehandschuh hin geworfen hat. Renata dagegen bereut nun, sich von ihm losgesagt zu haben. Als Ruprecht aus dem Haus kommt und ihr vom bevorstehenden Duell erzählt, befiehlt sie ihm, Heinrich kein Haar zu krümmen, sondern eher selbst zu sterben.


    Zweites Bild: Steiles Ufer am Rhein

    Das Duell hat statt gefunden und ist für Ruprecht nicht gut ausgegangen, denn er wurde schwer verletzt und ist zur Zeit ohne Bewusstsein; sein Freund Matthäus Wissmann kümmert sich um ihn, während Graf Heinrich mit seinem Sekundanten, beide in Mäntel gehüllt, etwas abseits stehen.

    Renata hat das Duell beobachtet, wenn sie Heinrich aus ihrer Stellung auch nicht sehen konnte. Im Moment geht der Graf mit seinem Sekundanten unbemerkt von der Szene, während Wissmann die hinzugetretene Renata bittet, bei dem verletzten Ruprecht zu bleiben. Er will unterdessen einen Arzt holen.


    Renata leidet unter schweren Gewissensbissen. Als Ruprecht für einen kurzen Moment die Augen aufschlägt, beklagt er sich bei ihr, in den sicheren Tod getrieben zu sein. Renata ist über diese Aussage erschüttert und gesteht Ruprecht, ihn zu lieben. Ein nachäffender Frauenchor lacht darüber.


    Ruprecht ist im Fieberwahn und fühlt sich von rothäutigen Dämonen verfolgt. Matthäus Wissmann kehrt mit einem Arzt zurück, der sich um Ruprecht kümmert.


    Vierter Akt.
    Stiller Platz in Köln. Auf der einen Seite eine Taverne mit kleinem Garten, Tischen und Bänken; auf der anderen Seite das Wohnhaus von Ruprecht und Renata. Renata eilt aus dem Wohnhaus, gefolgt von dem noch nicht vollständig wiederhergestellten Ruprecht, der sich auf einen Stock stützt.


    Renata will nicht länger mit Ruprecht zusammenleben. Sie hat ihm nach seiner Heilung ihre Liebe ausreichend bewiesen, wie sie meint, und sieht nun in ihrem Verhältnis zu ihm eine Todsünde. Gefangen in einer Art religiösem Wahn will sie nun in ein Kloster gehen. Das gefällt Ruprecht nicht; er fleht sie an, ihn zu heiraten, und schwört ihr erneut seine Liebe. Renata nimmt das zum Anlass, Ruprecht der Lüge zu bezichtigen und behauptet sogar, in ihm stecke der Teufel. Um ihre Position zu untermauern, verletzt sich Renata mit einem Messer selbst an der Schulter und wirft es dann nach Ruprecht, der gerade noch ausweichen kann. Sie läuft davon. Ruprecht eilt ihr nach. Das Wort Teufel ist wie ein Stichwort: plötzlich sitzen an einem anderen Tisch Faust und Mephisto.


    Mephisto bestellt Wein und Hammelfleisch. Als aber ein kleiner Junge den Wein ohne das Essen bringt, droht ihm Mephisto, ihn selbst aufzufressen. Faust ist seines ständig zu grausamen Scherzen aufgelegten Begleiters inzwischen überdrüssig geworden. Ruprecht kehrt unverrichteter Dinge zurück, will zunächst nach Hause gehen, entscheidet sich dann aber dafür, in der Taverne Wein zu bestellen.


    Der kleine Junge bedient die Gäste, hat für Mephisto jedoch wieder kein Fleisch. Daraufhin greift Mephisto sich den Kleinen und verschlingt ihn. Ruprecht nimmt das mit einer Mischung aus Verwunderung und Entsetzen war und springt dann verwundert auf. Der Wirt tritt aus dem Haus, wagt es erst nicht, sich Mephisto zu nähern, bringt ihm aber dann eine Schüssel Hammelfleisch und fleht ihn an, ihm seinen Jungen zurückzugeben. Lachend verweist Mephisto auf die andere Seite der Bühne, wo der Wirt den Jungen unversehrt in einer Mülltonne findet.


    Dann wendet sich Mephisto Ruprecht zu, stellt sich und Faust als Gelehrte vor und bittet Ruprecht, ihnen die Stadt zu zeigen und sie auf ihrer Reise zu begleiten. Im Gegenzug will er dabei helfen, Renata umzustimmen. Sie verabreden sich für den nächsten Morgen im Hotel Drei Könige. Faust und Mephisto verabschieden sich und gehen. Der Wirt und drei Nachbarn schauen ihnen feige, aber drohend nach.


    Fünfter Akt.
    Düsteres Steingewölbe in einem Kloster. Eine große Tür führt nach draußen; als sie geöffnet wird, scheint grelles Tageslicht herein und zeigt eine nach oben ins Freie führende Steintreppe. Außerdem sieht man zwei kleinere Türen; die eine nutzen die Äbtissin und die Nonnen, die andere der Inquisitor. Etwas höher unter den Bögen des Gewölbes ist eine Steingalerie.


    Das Eingangsbild zeigt uns die in grauer Novizinnentracht auf dem Boden liegende Renata. Sie hat ihre Arme ausgebreitet und scheint zu beten. Kurz darauf kommt die Äbtissin des Klosters und fragt Renata nach dem Grund ihrer Niedergeschlagenheit. Seit sie Kloster lebe, werden unerklärliche Erscheinungen bemerkt, und die Schwestern leiden unter Anfällen.


    Nach der Äbtissin kommen Nonnen und berichten, dass ein Inquisitor eingetroffen sei, der Renata die Dämonen austreiben will. Gerade zieht der Geistliche mit seinem Gefolge durch die eine Tür ein. Die Nonnen fallen furchtsam auf die Knie. Der Inquisitor wendet sich an Renata und fordert sie auf, den Beweis anzutreten, dass ihre Erscheinungen nicht vom Teufel stammen. Renata antwortet mit einer gewissen Seelenruhe, dass der Geist mit ihr über Gott und das Gute spreche und sie zur Keuschheit auffordere. Daher glaube sie an ihn. In diesem Moment aber hört man Schläge an der Wand und am Boden. Die Nonnen stöhnen ängstlich auf.


    Der Inquisitor beginnt mit dem Exorzismus, mit der Teufelsaustreibung bei zwei jungen Nonnen, die zunehmende Erregung zeigen. Ihnen wenden sich die übrigen Nonnen und der Inquisitor zu und beschwören den oder die Dämon, aus der Abtei zu verschwinden. Die beiden jungen Nonnen machen seltsame Bewegungen, stoßen lateinische Worte aus und fallen zu Boden. Als der Inquisitor nach der Anwesenheit des Teufels fragt, schreien sie hysterisch „Oh ja!“ und bestätigen auch, dass Renata ihm helfe.


    Nach einer Weile verlieren die zwei Nonnen das Bewusstsein und werden daraufhin vom Gefolge des Inquisitors hinausgetragen. Renata wird vom Inquisitor aufgefordert, ihre Sünden zu bekennen, da nun einwandfrei erwiesen sei, dass sie mit dem Teufel im Bund stehe. Renata aber versichert weiterhin ihre Unschuld. Da stürzen plötzlich Kandelaber um und lachende Männerstimmen sind, mit weiteren Schlägen an der Wand, zu hören.

    Die Nonnen haben sich von Renata fortbewegt, aber sechs Schwestern nähern sich ihr, umarmen sie und flehen sie an, für sie zu beten. Von den Vorgängen ungerührt fährt der Inquisitor mit dem Exorzismus fort, und die anderen Nonnen beschuldigen Renata, das Böse ins Kloster gebracht zu haben.


    Plötzlich zeigt auch Renata die Anzeichen eines Anfalls und fleht den sie peinigenden Dunklen um Gnade an. Unterdessen beginnt eine Gruppe von Nonnen einen bizarren Tanz und Renata schlägt wie wahnsinnig um sich. Nonnen rufen plötzlich nach dem Teufel und machen Anstalten, ihn anzubeten. Da erscheint auf einer Steigalerie, von den Umstehenden unbemerkt, Mephisto, kurz darauf gefolgt von Faust und Ruprecht.


    Nach einem Ausruf Mephistos wenden sich alle Renata zu. Ruprecht will zu ihr hinunter, wird aber von Mephisto gehindert. Renata und die sechs Nonnen beschuldigen nun den Inquisitor, selbst seine Seele dem Teufel verkauft zu haben. Alle stürzen sich drohend auf ihn. Sein Gefolge versucht, ihn zu schützen. Schließlich öffnet einer von ihnen die große Tür, um nach Hilfe zu rufen. Die Wache erscheint und drängt die Frauen zurück. Der Inquisitor verurteilt Renata zum Tod auf dem Scheiterhaufen.


    Anmerkungen.
    Nach Fertigstellung seiner Oper Die Liebe zu den drei Orangen hatte Prokofjew im Dezember 1919 begonnen, das nächste Projekt, eine Oper auf Basis des 1908 erschienenen historischen Romans Der feurige Engel von Waleri Jakowlewitsch Brjussow in Angriff zu nehmen. Das russische Libretto schrieb Prokofjew selbst.


    Erste Skizzen verfasste er im Januar 1920, musste dann aber feststellen, dass eine Umwandlung des in der ersten Person geschriebenen Romans außerordentlich mühsam war. Prokofjew hatte zunächst beabsichtigt, das Werk in drei Akte und elf Szenen einzuteilen. Er ließ sich bei der Bearbeitung von seinem Freund Boris Demtschinski helfen, benötigte aber dennoch (mit Unterbrechungen) ganze sieben Jahre bis zur Fertigstellung. Für die Musik verwendete er Material aus seinem 1921 aufgegebenen Projekt eines „weißen Quartetts“, eines vollständig diatonischen Streichquartetts, dessen Hauptthema er zur Darstellung des Klosters nutzte und dessen Seitenthema er Renata zuwies. Von 1922 bis 1923 arbeitete er in Süddeutschland in der Nähe des Klosters Ettal konzentriert an dem Werk, einem zur Handlung passenden Ambiente. Ab 1926 instrumentierte er die Oper und überarbeitete dabei auch das Libretto (insbesondere das Finale) und Teile der Musik. Dabei hatte er Unterstützung von seinem Assistenten Georgy Nikolayevich Gorchakov. Er schloss die Arbeit im Sommer 1928 ab.


    Eine für die Spielzeit 1927/28 vorgesehene Berliner Aufführung unter Bruno Walter scheiterte an den nicht rechtzeitig gelieferten Noten. Am 14. Juni 1928 wurden unter der Leitung von Sergei Kussewitzki mit Grigorj Raisov als Ruprecht und Nina Koshetz als Renata zwei Fragmente des zweiten Akts in französischer Sprache (Übersetzung: Louis Laloy) in der Salle Pleyel in Paris gespielt.


    Später beschloss Prokofjew, aus der Musik der Oper eine Suite zu erstellen. Da sich die Hauptthemen aber „sehr willig in die Exposition eines Sonatenallegros einfügten“ (Prokofjew), entstand daraus schließlich seine 1929 uraufgeführte dritte Sinfonie.


    Auch eine Aufführung an der MET, die 1930 Interesse bekundet hatte, zerschlug sich. Prokofjew hatte hierfür bereits eine Überarbeitung begonnen, bei der er zwei weitere Szenen einfügen wollte. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion wurde die Oper „sorgfältig eingepackt und dem Vergessen übergeben“ - so Charles Bruck, der Dirigent der späteren konzertanten Uraufführung. Die Partitur fand man 1952 in einem Pariser Verlagsarchiv wieder.

    Die Uraufführung seiner Oper, die er als sein Hauptwerk während der Zeit der Emigration betrachtete, erlebte Prokofjew nicht mehr. Am 25. November 1954 gab es zunächst eine konzertante Uraufführung in französischer Sprache unter dem Titel L’ange de feu (Übersetzung: André Michel) in Paris. Das französische Fernsehen übertrug die Aufführung. Bruck spielte die Oper später auch auf Schallplatte ein.


    Am 14. September 1955 war schließlich die szenische Uraufführung – nun in italienischer Sprache unter dem Titel L’angelo di fuoco (Übersetzung: Mario Nordio) – in Venedig im Rahmen des 18. Festivals der Società Internazionale di Musica Contemporanea. Hier dirigierte Nino Sanzogno; Regie führte Giorgio Strehler, das Bühnenbild stammte von Luciano Daminiani.


    Ursprünglich hatte Prokofjew sein originales russisches Libretto vertont. Dieses wurde aber vom Verlag Boosey & Hawkes überklebt und galt seitdem als verschollen. Es wurde erst 1977 in London wieder aufgefunden. Ein Klavierauszug mit dem russischen Text erschien 1985.

    Seltsam ist, daß sich der Text der BRD-Nationalhymne auf die Melodie der DDR-Hymne singen läßt.

    Ich erlaube mir hier den nostalgischen Hinweis auf die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an jedem Sylvesterabend vom Bayerischen Rundfunk übertragene Kabarettsendung "Schimpf vor Zwölf" aus dem Münchner Kabatett "Lach- und Schießgesellschaft". Dieter Hildebrand und Kumpanen war genau das, was La Roche bemerkt, auch schon aufgefallen. Die gingen in ihren Gesangsbeiträgen noch weiter und haben die Hymne der BRD mit dem - ebenfalls passenden - DDR-Text "Auferstanden aus Ruinen" gesungen. Es ist als beiden möglich: man kann den Text von Hoffmann von Fallersleben sowohl auf die Melodie der DDR-Hymne singen, als auch den Becher-Text auf Haydns Melodie. Hintergrund des Sketches war eine Äußerung von Francois Mitterand, der gesagt (oder geschrieben) hatte, dass er Deutschland so sehr liebt, dass er sich freut, dass es davon zwei gibt.

    Jean-Philippe Rameau (1683-1764):
    NAÏS
    Oper für den Frieden in drei Akten mit einem Prolog (pastorale héroique)

    Libretto von Louis de Cahusac

    Originalsprache: Französisch.

    Uraufführung am 22. April 1749 königlichen Akademie der Musik.


    Personen der Handlung:
    im Prolog:

    Jupiter (Bariton)

    Neptun (Tenor)

    Flora (Sopran)

    Chor: Titanen und Riesen, Himmelsgötter- und göttinnen, Völker der Erde

    in der Pastorale:

    Naïs (Sopran)

    Neptun (Tenor)

    Telenos, Anführer der Korinther und Bewerber um Naïs

    Pluto (Bass)

    Teiresias (Bariton)

    Asterion, Anführer des Hirtenvolks am Isthmus, Geliebter der Naïs (Altus)

    Palaimon (Bariton)

    Erste Schäferin (Sopran)

    Zweite Schäferin (Sopran)

    Chor / Statisterie: Götter, Völker, Meeresgottheiten, Teiresias’ Gefolge, Telenos’ Gefolge, Hirten, Schäfer, Schäferinnen.


    Ort und Zeit: Antikes Griechenland, Mystik.



    Prolog.

    Die Bühne zeigt die obere Atmosphäre. Titanen und Riesen sind zu sehen, wie sie Berge aufhäufen, um den Himmel zu erobern. In der oberen Atmosphäre erscheint Jupiter mit einem Blitz bewaffnet und von den Göttern des Himmels umgeben.


    Die Ouvertüre führt das Publikum direkt in den Prolog, in den Chor der Titanen und Riesen, die gerade den Himmel angreifen. Sie haben sich vorgenommen, die Götterzunft zu bekriegen (Refrain: Lasst uns den Himmel angreifen). Die Götter wiederum bedrängen Jupiter (der eigentlich Zeus genannt werden müsste, da die Oper im antiken Griechenland spielt), dass er die Rebellen mit seinem Blitz tötet (Refrain: Wirf, Blitze). Tatsächlich gewinnt der Obergott den Kampf mit den Rebellen und zermalmt die angreifenden Titanen und Riesen, die er, nach seinem Sieg, einfach unter den umgestürzten Bergen liegen lässt. Der Gott der Unterwelt, Pluto, fängt derweil die Zwietracht und den Krieg ein (Stopp, Monster, Stopp). Die Götter feiern Jupiters Sieg, der jedoch die Herrlichkeit und die große Verantwortung für das Universum mit seinen Brüdern teilen will. Er hat sich überlegt, den Himmel zu beherrschen, das Meer an Neptun und Pluto den Hades, die Unterwelt, zu geben. Flora, die Götter und die verschiedenen Völker der Erde feiern den Frieden als den Frühling, der wieder erwacht ist (Ah! dass der Friede uns Süße verspricht). Sie danken Jupiter für ihr Glück (Refrain: Glücklicher Sieger, Himmel, Erde und Wellen).



    Erster Akt.
    Die Bühne zeigt das Ufer des Isthmus von Korinth, wo die Isthmischen Spiele bevorstehen. Auf beiden Seiten sind Wälder, das Meer ist im Hintergrund. Die Spiele beginnen mit dem Tagesanbruch.


    Gott Neptun kommt also als Sterblicher an den Isthmus von Korinth. Er verrät Palaimon, dem Sohn der Ino, den Grund dafür: Er ist kein Gott mehr, sondern ein sterblicher Mensch, der sich in die Nymphe Naïs verliebt hat (Air Je ne suis plus ce dieu volage). Palaimon eröffnet ihm, dass Naïs und die Korinther die Isthmischen Spiele begehen wollen. Neptun antwortet, dass er von Naïs nicht als Gott, sondern als ein Mensch mit seinen eigenen Verdiensten geliebt werden will. Aus diesem Grund ist er Sterblicher geworden und tritt als ein solcher auch auf.


    Er geht ab und Naïs betritt die Szene; gerade macht der Anführer der Korinther, Telenos, ihr mal wieder Avancen, die sie allerdings zurückweist. Und sie bedeutet ihm, dass sie von der Liebe enttäuscht ist, denn die mache sie traurig (Air: J'ai trop connu par vos soupirs).


    Die Spiele beginnen dann mit einem Chor, der Gott Neptun feiert. Naïs hat sich zu einem höher gelegenen Thron begeben, um so die Spiele besser verfolgen zu können. Es wird zunächst das Boxen, dann das Ringen und danach ein Rennwettkampf ausgeführt, eine Aufgabenstellung, die das Ballett bewältigen muss. Nach dem Ende der Kämpfe verleiht Naïs dem Sieger die Krone.


    Plötzlich taucht jedoch eine Flotte von beleuchteten Booten auf, darin befinden sich die verkleideten Meeresgötter, die Neptun zu den Spielen bringen. Sie singen das Lob von Neptun und Naïs. Der ist es aber unangenehm, ihren Namen in Verbindung mit dem des Gottes zu hören, aber der inzwischen vor ihr stehende Gott - in der Gestalt eines Sterblichen - setzt seine Schmeicheleien vor ihr fort (Ariette: Alles gibt dem Charme deiner Augen nach). Die verkleideten Meeresgötter konkurrieren um den Preis in einem Tanz. Telenos reagiert eifersüchtig auf seinen Rivalen.


    Zweiter Akt.
    Die Szene zeigt einen Berg mit Wäldern, Wasserfällen, blumigen Wegen. Am Fuß ist der Eingang zu einer Grotte zu sehen: Auf beiden Seiten sind asymmetrische Bäume.


    Der blinde Seher Teiresias hat sein Haus in einem abgelegenen Teil des Waldes. Dass sich hierhin jemand verirrt, ist schon überraschend, heute aber ist es, wie sich herausstellt, seine Tochter Naïs, die dem Vater einige wichtige Fragen stellen und beantwortet haben will (Air: Dans ce riant séjour le divin Tirésie).

    Der verliebte Neptun ist ihr gefolgt, will auch hier nicht das Werben um sie verzichten. Naïs ist über das forsche Auftreten Neptuns unangenehm berührt, reagiert sogar ängstlich und bittet ihn, zu gehen. Tatsächlich geht er. Als sie dann allein ist, gesteht sie sich ein, dass der nette Fremde ihr nicht gleichgültig ist, ja, dass sie sich in ihn verliebt hat (Ariette: Ces rapides traits de flamme).


    Merkwürdig: bei Teiresias Haus geht es zu wie auf einem Bahnhof. Jetzt ist auch noch Telenos gekommen, der sich, angeblich, für sein früheres Verhalten und Auftreten bei Naïs entschuldigen will. Sie hört ihn zwar an, nimmt auch seine Entschuldigung entgegen, rät ihm jedoch dringend, seine Eifersucht abzulegen. Telenos glaubt, aus ihrer Antwort eine gewisse Nachsicht herauszuhören und deshalb macht er sich Hoffnung, doch noch ihre Liebe zu erringen.

    Apropos Bahnhof: Es kommt schon wieder ein Besucher; wieder ein Verliebter, nämlich Astérion, der Anführer eines korinthischen Hirtenvolkes. Er möchte von Teiresias’ Weissagungskünsten profitieren, er will nämlich wissen, wen Naïs heiraten wird.


    Vor diesem Gespräch mit Teiresias kommt wieder das Ballett zu einem Einsatz, denn die Hirten verstehen es, den Seher mit pastoraler Musik und ihren Tänzen zu verzaubern. Und eine Hirtin fragt Teiresias, ob sie in der Liebe glücklich sein werde und bekommt die Antwortet, dass sie glücklich werde (Air: Je ne sais quel ennui me presse). Aber Teiresias hat noch mehr zu sagen: er bittet nämlich die Besucher, sich vor dem Zorn des Neptun zu hüten, fügt dann hinzu, dass seine Naïs ihre wahre Liebe finden werde. Astérion und Telenos entscheiden sich dafür, das Leben des ihnen unbekannten Rivalen zu opfern, um damit Neptun zu beruhigen (Refrain: Zu den Waffen, lasst uns Rache nehmen).

    Dritter Akt.
    Die Szene zeigt ein Vorgebirge mit einem Strand. Beide Seiten der Bühne sind mit Orangen- und Zitronenbäumen bedeckt. Im Hintergrund das Meer. Der Akt beginnt im Morgengrauen.

    Mit dem Morgengrauen sieht das Publikum den auf Naïs wartenden Neptun. Sie kommt auf die Szene, um ihn zu warnen, dass die Korinther drohen, ihn zu töten, aber Neptun sagt, dass er vor niemandem Angst hat. Dabei kann er sich ein gewisses Grinsen nicht versagen (Air: Que l'ensemble univers me declare la guerre). Telenos und Astérion treten mit einer Gruppe bewaffneter Anhänger und brennenden Fackeln auf. Sie versuchen, die Schiffe des Meeresgottes in Brand zu setzen, aber riesige Wellen vernichten das Feuer. Naïs ist verängstigt, aber Neptun offenbart ihr seine wahre Identität und seine Liebe zu ihr (Duett: Que je vous aime).


    Die Erde öffnet sich und die Szene wechselt zu Neptuns Unterwasserpalast.


    Die Meeresgötter besingen hymnisch Neptun, während er und Naïs sich wieder ihre Liebe erklären. Neptun verwandelt Naïs in eine Göttin und Proteus führt die Feierlichkeiten an.



    Anmerkungen.
    Die Pastoral-Oper wurde 1749 anlässlich der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Aix-la-Chapelle durch George II. und Louis XV., der den österreichischen Erbfolgekrieg beendete, uraufgeführt und feierte auf der Bühne der Académie Royale de Musique einen Triumph der Virtuosität, während Händel in England zu demselben Anlass seine berühmte Feuerwerksmusik schrieb. Der ursprüngliche Titel lautete Le triomphe de la paix, aber Kritik an den Bedingungen des Vertrags führte zu einer Änderung des Titels.

    Aribert Reimann (1926-2024):
    GESPENSTERSONATE
    Kammeroper in drei Teilen

    Libretto von Uwe Schendel und dem Komponisten nach August Strindbergs gleichnamigem Kammerspiel.


    Uraufführung am 25. September 1984 in Berlin, Deutsche Oper im Hebbel-Theater


    Personen der Handlung:
    Der Alte, Direktor Hummel (Bassbariton)

    Der Student Arkenholz (Tenor)

    Der Oberst (Charaktertenor)

    Die Mumie, Frau des Herrn Oberst (Alt)

    Das Fräulein, ihre Tochter (Sopran)

    Johannsson, Diener bei Hummel (Tenor)

    Bengtsson, Bedienter beim Herrn Oberst (Bariton)

    Die dunkle Dame, Tochter des Toten (Mezzosopran)

    Die Köchin beim Oberst (Alt)


    Erster Teil.

    Erdgeschoss und erstes Stockwerk der Vorderseite eines modernen Hauses, die im Erdgeschoss mit einem runden Salon und im ersten Stockwerk mit einem Balkon und einer Flaggenstange abschließt. Durch das offene Fenster sieht man bei offenem Vorhang die weiße Marmorstatue einer jungen Frau, hell beleuchtet von Sonnenstrahlen. Im Fenster links sieht man Hyazinthen in Töpfen, blaue, weiße, rosa. Auf dem Geländer in der Ecke des Balkons, eine Treppe nach oben, eine blauseidene Bettdecke und zwei weiße Kissen. Die Fenster links sind mit weißen Betttüchern verhängt. Es ist ein heller Sonntagmorgen. Im Vordergrund vor dem Hause steht eine grüne Bank. Rechts im Vordergrund ein Springbrunnen, links eine Anschlagsäule.


    Wenn sich der Bühnenvorhang geöffnet hat sieht man den alt gewordenen Direktor Jakob Hummel vor dem Haus im Rollstuhl sitzen und Zeitung lesen. An einem nahen Brunnen steht der Student Arkenholz und bittet ein plötzlich auftauchendes Milchmädchen um die Schöpfkelle, damit er sich sich einen Schluck Wasser aus dem Brunnen heben kann. Man muss als Zuschauer allerdings wissen, dass jenes Milchmädchen ein Geist ist, den nur das Sonntagskind Arkenholz sehen kann. Der Student erzählt dem Milchmädchen, wie er in der vergangenen Nacht geholfen hat, die Opfer eines Hauseinsturzes zu versorgen. Direktor Hummel, der gerade von dem Hauseinsturz in der Zeitung gelesen hat, fragt sich, mit wem der junge Mann spricht, denn er kann das Milchmädchen nicht sehen. Hummel vergleicht das Bild von Arkenholz in der Zeitung mit dem Studenten am Brunnen und gesteht sich, dass er ihm bekannt vorkommt. Es stellt sich sodann in einem persönlich geführten Gespräch heraus, dass Hummel und der Vater des Studenten vor vielen Jahren in ein Spekulationsgeschäft verwickelt waren, durch das Arkenholz senior ruiniert wurde. Jakob Hummel fühlte und fühlt sich noch heute daran völlig schuldlos und behauptet, er hätte durch Vater Arkenholz selbst seine Ersparnisse verloren. Er bietet dem verarmten Studenten eine Stellung in seinem Haus an und stellt ihm dessen Bewohner und deren Beziehungsgeflecht vor: Da ist der Oberst, der durch das Fenster zu sehen ist. Dessen Frau, sagt Hummel, sei von ihrem Mann geschlagen worden, woraufhin sie ihn verlassen habe, dennoch aber zurückgekehrt sei. Jetzt hocke sie als ‚Mumie‘ im Haus und verehre ihre eigene Statue. Beide hätten übrigens eine Tochter, die auch im Hause wohne, im so genannten Hyazinthenzimmer. Außerdem wohnt noch eine alte Frau dort, die man übrigens gerade am Fenster stehen sieht, und die vor Jahren seine - Hummels - Braut war. Jetzt ist ihr Geist aber so verwirrt, dass sie ihn nicht mal erkennt, wenn sie sich im Treppenhaus begegnen würden. Und diese Alte habe eine Tochter - Kind einer Liaison mit einem verstorbenen Konsul - die dunkle Dame. Diese Tochter, so erzählt Hummel weiter, sei mit dem noch verheirateten Schwiegersohn des Konsuls verlobt, der sich aber bald scheiden lassen wolle. Zu seinem Entsetzen sieht Arkenholz jetzt den Geist des toten Konsuls.

    Hummels Diener Johansson tritt auf und flüstert Hummel etwas ins Ohr, wonach sich der Hausherr vom Diener um die Hausecke schieben lässt, von wo er „die Armen“ belauschen will. Johansson kommt zurück und gesteht Arkenholz, dass sein Herr eine grausame Ader habe, in dem er seine Feinde töte und niemals vergeben könne. Er, Johansson, fühlt sich wie Hummels Sklave. Jakob Hummel hat inzwischen eine Gruppe von Bettlern um sich versammelt, dirigiert sie um die Hausecke zu Arkenholz und fordert sie auf, dem Studenten zu huldigen. Arkenholz versteht das alles nicht.


    Zweiter Teil.
    Im Dunkeln erscheinen hinter einer Tapetentür die Umrisse der ‚Mumie‘, die nach einem kurzen Monolog, einem ergänzten Gedicht Strindbergs über die Einsamkeit, wieder verschwindet. Im runden Salon des Oberst sieht man im Hintergrund einen weißen Ofen mit Uhr und Kandelabern und einem Spiegel darüber; rechts Vorzimmer mit der Perspektive in ein grünes Zimmer mit Mahagonimöbeln; links steht die Statue, von Palmen beschattet, die man mit einem Vorhang verhüllen kann; links im Hintergrund Tür nach dem Hyazinthenzimmer, wo das Fräulein sitzt und liest. Man sieht den Rücken des Obersten, der im grünen Zimmer sitzt und schreibt.


    Hummels Diener Johansson und Bengtsson, der Diener des Herrn Oberst, bereiten gemeinsam das von ihnen „Gespenstersouper“ genannte Treffen der alten Hausbewohner vor. Das geschieht übrigens regelmäßig seit zwanzig Jahren; und seit dieser Zeit hat sich eines nicht geändert: alle schweigen oder knabbern, über Belangloses plaudernd, Gebäck. Bengtsson weist Johansson auf die Frau des Oberst hin, die wegen ihrer Lichtempfind-lichkeit in der Garderobe haust, wie eine Mumie aussieht und sich für einen Papagei hält. Sie kommt kurz aus der Garderobe, plappert wie ein Papagei und trägt dann den Originaltext eines Monologs in schwedischer Sprache vor.


    Zu diesem Treffen erscheint - uneingeladen - auch Hummel. Seine einstige Geliebte Amalie stellt ihn zur Rede. Sie teilt ihm mit, dass sie ihrem Mann bereits alles über ihre Beziehung erzählt habe, und will wissen, warum er ihre Tochter Adele, die in Wirklichkeit doch sein Kind ist, mit dem Studenten Arkenholz verkuppeln wolle. Hummel versichert ihr, dass der durch ihn bald reich sein werde. Amalie wirft Hummel seine Verbrechen vor. Der rechtfertigt sich damit, dass er sich rächen musste, weil der Oberst seine Braut verführt habe.


    Jetzt hat der Herr Oberst seinen Auftritt: er kommt ins Zimmer und will von Hummel wissen, warum er, erstens, seine Schuldscheine gekauft habe, und, zweitens, was er damit vorhabe. Hummels verlangt, von nun an jederzeit in das Haus gelassen zu werden, da es jetzt ihm gehöre. Diener Bengtsson, verlangt er, müsse entlassen werden. Außerdem kann Hummel beweisen, dass der Oberst seinen Adelstitel erschwindelt und seinen militärischen Rang längst verloren hat. Er war einst Lakai und Schmarotzer in einer gewissen Küche. Vorerst will Hummel dies jedoch für sich behalten.


    Der Oberst geht darauf nicht ein und begrüßt den nun eintreffenden Studenten Arkenholz und die anderen Gäste und stellt sie einander vor: seine Tochter (die immer im Hyazinthenzimmer sitzt), Fräulein Holsteinkrona (Hummels einstige Verlobte), Baron Skansorg (ein Juwelendieb) und die ‚Mumie‘. Während alle schweigen, hält Hummel einen Monolog, in dem er seine Mission in diesem Haus erläutert: Er wolle das Unkraut ausrotten, das Verbrechen enthüllen und seiner Tochter, die hier keine Luft bekomme, einen Neuanfang ermöglichen. Sobald die Uhr schlage, sei die Zeit der anderen um. Er schlägt mit seiner Krücke auf den Tisch. Da erhebt sich die Mumie und erklärt, dass sie die Zeit aufhalten könne. Außerdem sei auch Hummel ein Verbrecher, ein Menschendieb, der falsche Versprechungen abgab, gestohlen und den Konsul persönlich ermordet habe, um ihm seine Schuldscheine abzunehmen. Er habe auch den Studenten durch falsche Behauptungen über dessen Schulden gestohlen. Über ein weiteres Verbrechen Hummels wisse Bengtsson besser Bescheid. Der Diener enthüllt, dass Hummel zwei Jahre lang wie ein Schmarotzer in seiner Küche gelebt habe. Auch habe er das Milchmädchen aufs Eis gelockt und ermordet, da es Zeuge eines seiner Verbrechen war. Die Mumie befiehlt ihm, die Schuldscheine und das Testament herauszugeben, in ihren Wandschrank zu gehen und sich dort zu erhängen. Hummel gehorcht, und die Mumie verschließt die Tür hinter ihm: „Es ist vollbracht! Gott sei seiner Seele gnädig!“


    Dritter Teil.
    Ein Zimmer in etwas bizarrem Stil, mit orientalischen Motiven. Überall Hyazinthen in allen Farben. Auf dem Ofen steht ein großes Buddhabild mit einer Blumenzwiebel zwischen den Knien, aus der der Stängel einer Askalonzwiebel emporgeschossen ist, den kugelförmigen Blütenstand mit den weißen Sternblumen tragend. Im Hintergrunde rechts eine Tür nach dem runden Salon: dort sieht man den Obersten und die Mumie beschäftigungslos und stumm sitzen, nur ein Stück des Totenschirms ist sichtbar; links eine Tür nach der Anrichte und der Küche.


    Adele trägt ein Gedicht von Strindberg über den Verborgenen (Gott), die Güte und die Vergebung vor. Der Student unterhält sich danach mit ihr über die Blumen, die sie seit ihrer Kindheit liebt, obwohl sie ihre Liebe nicht erwidern und sie sich von ihrem Duft betäubt fühlt. Arkenholz erzählt ihr das Geheimnis der Blumen: Die Wurzelscheibe, die auf dem Wasser ruht, ist die Erde; der Stängel steigt empor, gerade wie die Weltachse, an seinem oberen Ende sitzen die sechsstrahligen Sternenblüten. Adele ergänzt den Bezug zu den Sternen: Der Sirius, gelb und rot, ist die Narzisse mit ihrem gelben und roten Kelch und den sechs weißen Strahlen. Beide erkennen, dass sie einen gemeinsamen Gedanken teilen. Doch als der Student sie fragt, ob sie seine Braut sein wolle, bittet Adele um Aufschub und Geduld.


    Die Köchin erscheint in der Tür und singt ihr Vampirlied: Sie saugen, sie saugen den Saft aus uns und wir aus ihnen. Adele fürchtet sie, weil sie zur Vampirfamilie Hummels gehöre und sie auffresse. Obwohl sie ihren Gerichten alle Kraft entziehe, sei es nicht möglich, sie zu entlassen, den sie sei eine der Prüfungen im Haus. Der Student erläutert ihr seine Lehre aus seiner eigenen von Irrtümern und Täuschungen durchsetzten Geschichte: Durch zu langes Schweigen bildet sich stillstehendes Wasser, das fault, und so ist es hier im Hause auch. Er habe das Haus zuerst für ein Paradies gehalten, doch der Oberst war nicht echt und sein vermeintlicher Wohltäter entpuppte sich als Verbrecher: „Wo gibt es Wahrheit? Wo gibt es Glauben? Wo findet man das, was hält, was es verspricht?“ Er vermutet, dass Adele ihn nicht heiraten wolle, „weil Sie krank sind am Quell des Lebens“. Sie entgegnet verzweifelt: Wehe! Wehe über uns alle. Erlöser der Welt, erlöse uns, wir vergehen! Sie bricht wie tot zusammen. Arkenholz singt ihr als Nachruf ein Schlaflied: Und wenn du dann wieder erwachst, möge dich eine Sonne grüßen, die nicht brennt. Ein weißes Licht füllt das Zimmer. Zum Abschluss wiederholt Arkenholz Adeles Lied vom Beginn des dritten Teils: Die Sonne sah ich. So mir schien es, da ich schaute den Verborgenen.


    Anmerkungen.
    Die hier vorgestellte Kammeroper Die Gespenstersonate entstand 1982/1983 als ein Auftragswerk der Berliner Festspiel GmbH. Das Libretto basiert auf August Strindbergs Spöksonaten, das der Komponist zusammen mit Uwe Schendel ins Deutsche übersetzte und für die Musik einrichtete. Seine Fassung folgt im Wesentlichen der dramatischen Struktur der Vorlage. Im zweiten Teil fügte er ein Gedicht Strindbergs hinzu, straffte den Text und veränderte ihn an manchen Stellen. Die Dialogtexte ordnete er teilweise anderen Personen zu. Davon betroffen ist beispielsweise der Dialog zwischen Adele und Arkenholz im dritten Teil. Nach seiner Oper Ein Traumspiel von 1964 ist dies bereits Reimanns zweite Vertonung eines Strindberg-Dramas. Die Partien schrieb er den Sängern der Uraufführung, darunter besonders der Darstellerin der Mumie, Martha Mödl, auf den Leib, indem er mit dem Ensemble zeitweilig „im Geiste gelebt“ hatte.


    Die Uraufführung durch die Deutsche Oper Berlin fand am 25. September 84 im Rahmen der Berliner Festwochen 1984 im Hebbel Theater statt. Friedemann Layer dirigierte das Ensemble Modern und die Junge Deutsche Philharmonie. Die Inszenierung stammte von Heinz Lukas Kindermann, Kostüme und Bühnenbild von Dietrich Schoras. Es sangen Hans Günter Nöcker (Alter, Direktor Hummel), David Knutson (Student Arkenholz,) Horst Hiestermann (Oberst), Martha Mödl, (Mumie), Gudrun Sieber (Fräulein), Donald Grobe (Johansson), William Dooley (Bengtsson), Barbara Scherler (dunkle Dame). Kritiker bewerteten die Oper anschließend als Reimanns bislang bestes Musiktheaterstück.

    Sergei Prokofjew (1891-1953):
    DIE LIEBE ZU DEN DREI ORANGEN
    (L’amour des trois Oranges; Ljubow k trjom apelsinam)
    Oper in vier Akten mit einem Vorspiel

    Libretto vom Komponisten nach einer Vorlage von Carlo Gozzi

    Originalsprache: Französisch

    Deutsche Fassung von Jürgen Renthien und Eberhard Sprink.


    Uraufführung am 30. Dezember 1921 im Opernhaus von Chicago.


    Personen der Handlung:

    König Treff (Bass) – Der Prinz, sein Sohn (Tenor) – Prinzessin Clarice, Nichte des Königs (Alt) – Pantalon, Vertrauter des Königs (Bariton) – Magier Tschelio (Bass) – Herold (Bass) – Truffaldino, (Tenor) – Farfarello , ein Teufel (Bass) – Der Zeremonienmeister (Tenor) – Leander, erster Minister (Bariton) – Die Köchin (Bass) – Smeraldine (Mezzosopran) – die Hexe Fata Morgana (Sopran) – Linetta (Alt) – Nicoletta (Mezzosopran) – Ninetta (Sopran) – Ärzte (Tenöre, Bässe) – Trompeter (Bass) – Sonderlinge (Tenöre, Bässe) – Komiker (Tenöre) – Hohlköpfe (Alt, Bariton) – kleine Teufel (Bässe) – die Lyrischen (Soprane und Tenöre) – Chor: Lächerliche, Hofstaat, Saufbolde, Vielfraße, Diener, Wache, Soldaten.

    Ort und Zeit: Märchenland zur Märchenzeit.


    Prolog.

    Zu beiden Seiten des Bühnenvorhangs jeweils ein Turm mit kleinen Balkonen.
    Vor dem Vorhang erscheinen nacheinander je eine Gruppe von Anhängern der Tragödie (die Tragischen), der Komödie (die Komischen), des lyrischen Theaters (die Lyrischen) sowie des leichten Unterhaltungsstücks (die Hohlköpfe). Sie fordern alle die Aufführung eines Theaterstücks nach ihrem Geschmack – und geraten darüber in einen Streit. Die Lächerlichen springen dazwischen und treiben alle zurück in die Kulissen. Enthusiastisch melden sie sich dann mit der Ankündigung, echtes Theater zeigen zu wollen: Die Liebe zu den drei Orangen heißt das Stück und sie begeben sich in die zu beiden Seiten des Proszeniums gelegenen Türen, um dann in den Sesseln der dahinter liegenden Balkone Platz zu nehmen. Vor hier aus wollen sie sich das Stück mit dem merkwürdigen Titel ansehen.


    Sie rufen „Vorhang auf“ und es erscheint ein Herold, der nach einem Trompetenstoß ausruft, dass König Treff verzweifelt sei über seinen Sohn, den Erbprinzen, der an der unheilbaren Krankheit der Hypochondrie leidet und langsam aber sicher zu Tode sieche. Eigentlich unpassend, weil auf den Ausruf des Herolds nicht eingehend, rufen jetzt die Lächerlichen dazwischen, dass es jetzt losgehe.


    Tatsächlich hebt sich der Vorhang und wir sehen viele Ärzte, die um den König herum versammelt sind; sie zählen die lange Reihe der Krankheiten des Prinzen auf, wobei zuletzt die Diagnose Hypochondrie und unheilbar lautet. König Treff ist gebrochen, als er das hört. Aber sein Vertrauter Pantalon hat eine Idee: er weit die Majestät auf die früher getätigte Aussage der Ärzte hin, dass Lachen dem Prinzen helfen könnte, was der König aber pessimistisch beurteilt. Unbeeindruckt davon ruft Pantalon den Spaßmacher Truffaldino herbei und König Treff erteilt diesem den Auftrag, ein Fest mit Maskeraden und lustigen Schwänken zu planen, weil das Fest dem Erbprinzen helfen könnte.


    Der König lässt dann seine Ersten Minister, Leander, rufen, was Pantalon missfällt, denn er weiß von diesem, das er dem Erbprinzen den Tod wünscht (wahrscheinlich, weil er dessen Platz einzunehmen wünscht!). Wie Pantalon erwartet hatte, versucht der Erste Minister Leander, dem König das festliche Vorhaben auszureden, doch die Majestät bleibt bei seinem Entschluss.


    Erster Akt.
    Zunächst ein Spiel vor dem Vorhang.

    Blitz und Donner sind sicht- und hörbar und mit ihnen tritt der Magier Tschelio, des Königs Beschützer, und Fata Morgana, die die Pläne des Ersten Ministers Leander unterstützt, auf. Das Publikum sieht außerdem viele kleine Teufel, die einen Tisch mit Spielkarten bringen; danach stellen sie hellerleuchtete Bilder des Königs Treff und des Piquekönigs auf, das erste hinter Tschelio, das andere hinter Fata Morgana.


    Der Magier und die Zauberin beginnen die Kartenspiele unter dem lauten Geheul der Teufel, die der Magier alle verliert. Triumphierend verschwindet Fata Morgana mit dem Bild des Piquekönigs im Arm in die Erde. Tschelio folgt ihr mit dem inzwischen verdunkelten Bild des Königs Treff nach.


    Szenenwechsel in einen Saal im Königspalast.

    Nun kommt Clarissa, die Nichte des Königs, ins Spiel: sie sitzt mit Minister Leander an einem kleinen Tisch und verspricht ihm die Ehe, wenn der Erbprinz gestorben und sie als Verwandte des Königs den Thron einnehmen kann. Ihren Worten kann man entnehmen, dass sie mit Leander unzufrieden ist, weil er die Beseitigung des Prinzen zu langsam angeht. Leander ist anderer Meinung und sagt, dass er ruhig und besonnen vorgehen will, um einen sicheren Erfolg haben zu können. So will er dem Prinzen überaus tragische Prosa und Gedichte übergeben, woran er schließlich mit hypochondrischem Alpdruck sterben werde. Die Tragöden sind natürlich begeistert und brüllen den Ruf „Tragödien, Tragödien“ heraus, werden aber von der Lächerlichen in die Kulissen zurückgetrieben. Das bringt Clarissa zu der Erkenntnis, dass andere Mittel gefunden werden müssen und ihre Vorschläge, die fragend kommen, lauten Opium oder Kugel?


    Plötzlich sieht man Truffaldino im Narrengewand vorüber laufen, hinter ihm Diener mit den Requisiten für einen Maskenball. Interessant ist, was gerade emotional mit Clarissa und Leander geschieht: beide befällt die Ahnung, dass man den Erbprinzen möglicherweise zum Lachen bringen könnte; im gleichen Moment, ehe sie ihre Bedenken kundtun können, fällt von einem Nebentisch klirrend eine Vase herunter. Und als Leanders Fuß den Tisch etwas beiseite schiebt, kommt die kleine Schwarze Smeraldina zum Vorschein. Leander glaubt sich belauscht und will sie dem Henker übergeben, wird aber durch das Mädchen zum Zuhören gezwungen, denn sie hat eine wichtige Botschaft: auf der Seite des Erbprinzen steht Truffaldino, der von dem Magier Tschelio inspiriert wird. Das gefällt Clarissa überhaupt nicht und sie verlangt von Leander sofortiges Handeln und dieses Handeln besteht darin, dass man dem Prinzen Opium oder die Kugel gibt und Smeraldina sofort an den Galgen bringt. In höchster Not bringt die kleine Schwarze ein Gegenmittel zur Sprache (was ihr übrigens das Leben rettet): die Zauberin Fata Morgana hat nämlich das Mittel gegen das Lachen, denn wenn sie auf dem Fest erscheine, werde der Prinz gewiss nicht lachen. Also bemühen sich Clarissa und Leander mit Smeraldina, Fata Morgana aufzufordern, zu erscheinen.


    Zweiter Akt.
    Zimmer des Erbprinzen im Königspalast.

    Nach dem Öffnen des Vorhangs sieht das Publikum Truffaldino vor dem Prinzen groteske Tänze aufführen, um ihn aufzuheitern. Aber das gelingt nicht, der Prinz ächzt und stöhnt, hustet und spuckt dabei. Truffaldino ist wenig rücksichtsvoll und sagt, dass des Prinzen Auswurf modrig nach alten Versen rieche. Diese Äußerung verärgern die Lächerlichen, die einwerfen, das liege an den martellianischen Gedichten des Schurken Leander. Ungerührt über das Eingreifen der Lächerlichen fordert Truffaldino den Prinzen auf, sich für das fröhliche Fest zu seinen Ehren anzukleiden.


    Jetzt kommen die Komischen auf die Bühne und rufen „Komödien, Komödien“, was jedoch den Lächerlichen missfällt: sie jagen die Komischen von der Bühne, während von Ferne der Königsmarsch zu hören ist. Truffaldino hat den Spucknapf und ein Medizinfläschchen zum Fenster hinaus geworfen und legt dann dem Erbprinzen dann einen Mantel um die Schultern – trotz dessen heftiger Gegenwehr.


    Szenenwechsel in den großen Ballsaal des Königspalastes.

    Vor dem ganzen Hofstaat ist zunächst ein Tanz der Missgeburten eingeplant; zwar findet der Hofstaat das recht lustig, nur der Prinz lacht nicht, er will nicht weiter an dem Fest teilnehmen. Als die Nummer zwei des Plans werden zwei Springbrunnen geöffnet – aus dem einen Brunnen kommt Öl, aus dem anderen Wein. Jetzt kommen auf Truffaldinos Wink die Fresser und Säufer mit ihren Krügen und Eimern und balgen sich um die Beute. Doch wieder kann der Prinz nicht lachen, während sich die Hofgesellschaft lauthals amüsiert.


    Jetzt tritt Fata Morgana auf die Szene, von Truffaldino aber sofort in ein Handgemenge verwickelt, wobei sie plötzlich zu Boden geht – mit dem Rücken auf dem Boden und beiden Beinen in der Luft. Das ist ein Anblick, den der Hofstaat wieder mit lautem Lachen quittiert und den sogar der Prinz lustig findet, denn auch er muss grinsen. Dann wird sein Lachen immer intensiver, bis er schließlich aus vollem Halse brüllt.


    Dieser Zustand lässt den König und alle sein Gäste laut jubeln. Da erhebt sich Fata Morgana und von allen Seiten kommen kleine Teufelchen, die sie jaulend umringen. Mit einer schreckenerregenden Gebärde stößt Fata Morgana einen Fluch gegen den Prinzen aus: er sei in drei Orangen verliebt und finde nicht eher Ruhe, bis er sie in seinen Besitz gebracht habe. Kaum hat sie das ausgesprochen, ist sie mitsamt den kleinen Teufelchen verschwunden, aber der Fluch wird bei den Prinzen sofort wirksam: eine unwiderstehlich an zumutende Sehsucht nach drei Orangen erfasst ihn. Er verlangt, dass ihm das Personal seine Rüstung bringt und ihm anlegt, denn er muss sofort nach den drei Orangen suchen. König, Pantalon und Truffaldino haben Einwände gegen das Vorhaben des Prinzen und argumentieren mit einer großen Gefahr. Die drei Orangen habe nämlich die böse Zauberin Kreonta in ihrem Besitz. Außerdem sieht die Majestät das Ergebnis des Festes kritisch und die Hohlköpfe kommen aus den Kulissen nach vorne gestürmt und rufen dabei immer „Schwänke, Schwänke“. Das lässt die Lächerlichen nicht ruhen: sie treiben die Hohlköpfe zurück in die Kulissen, während der König seinem Sohn den Segen gibt. Daraufhin kommt der Teufel Farfarello mit einem Blasebalg und bläst den Prinzen mit Truffaldino pfeilschnell hinweg.


    Dritter Akt.
    Das Szenenbild ist eine Wüste.

    Der Magier Tschelio ist mit Farfarello zusammen und beschwört ihn, den Erbprinzen und Truffaldino nicht zur Zauberin Kreonta zu blasen. Leider, sagt Farfarello, kann er dem Wunsch nicht entsprechen, weil seine Zauberkünste nicht ausreichen, sondern versagen. Und das liegt an einem Kartenspiel mit Fata Morgana, das er verloren hat.


    Nach Farfarellos Abgang kommen Prinz und Truffaldino, denen sich Tschelio in den Weg stellt und beide warnt, dass ihr Vorhaben nicht gelingen kann, denn die drei Orangen würden von einer fürchterlichen Köchin gehütet, die mit einem riesigen Suppenlöffel jeden Fremdling zu erschlagen pflege. Tschelio hat aber die Idee, dass Prinz und Truffaldino den Versuch wagen sollten, mit einem zauberischen Band die Köchin zu besänftigen. Und er hat noch den Rat, sie sollten, wenn sie die drei Orangen erhalten, sie nur an einer Quelle öffnen. Wieder erscheint Farfarello und bläst den Prinzen mit Truffaldino vor das Schloss der Zauberin Kreonte.


    Neue Szene: Im Schlosshof der Zauberin Kreonte.

    Die Köchin ist nach dem Bühnenumbau die erste, die auftritt; der Prinz ist mit Truffaldino nicht zu sehen – plötzlich sehen wir die beiden, die sich versteckt haben, denn die Köchin hat tatsächlich den Riesenlöffel in der Hand. Und sie droht lautstark, Truffaldino, den sie ausfindig gemacht hat, in den Ofen zu stecken oder ihn mit dem Löffel zu erschlagen. Aber dann gewahrt sie das Zauberband. Während der Prinz rasch in die Küche läuft und die drei Orangen „klaut“, ist die Köchin von dem Zauberband des Truffaldino so eingenommen, dass sie um sich her alles vergisst. Tatsächlich konnte der Erbprinz mit den Früchten entkommen und die Köchin bezirzt Truffaldino, ihr das Zauberband zu überlassen. Der Spaßmacher hat den Erbprinzen weglaufen gesehen und überlässt der Köchin daraufhin das Zauberband. Er verlässt schnell den Schlosshof und kann sich schnurstracks dem Prinzen anschließen.


    Szenenwechsel in eine dürre, wüstenähnliche Gegend.

    Erbprinz und Truffaldino ziehen die drei Orangen, die mittlerweile Menschengröße erreicht haben, hinter sich her, aber der Prinz braucht jetzt wegen Übermüdung etwas Ruhe. Kaum hat er sich, im Rücken ein kleines Gebüsch, gesetzt, schläft er auch schon ein. Truffaldino dagegen kommt vor lauter Durst um. Und nach längerem Zögern nimmt er sich das Schwert und öffnet eine Orange. Heraus kommt aber nicht der Saft, sondern ein junges Mädchen, das sich Linetta nennt und eine Prinzessin zu sein vorgibt. Sie hat jedoch das Problem, wie sie sagt, verdursten zu müssen, wenn sie nicht bald etwas zu trinken bekommt. Truffaldino sieht sich gezwungen, auch die zweite Orange zu öffnen – aber auch hier entspringt ihr eine zweite Prinzessin heraus, die sich Nicoletta nennt, und ebenfalls großen Durst hat. Statt die letzte Orange zu öffnen, sieht Truffaldino plötzlich, dass die beiden Prinzessinnen tot umfallen. Entsetzt flieht er…

    …während kurz darauf der Prinz erwacht und die beiden toten Prinzessinnen bemerkt. Ehe er reagieren kann, stehen plötzlich vier Soldaten wie durch Zauberhand vor ihm, die um einen Befehl bitten. Der Prinz befiehlt folglich, die Leichname zu entfernen – was auch so geschieht. Der Prinz ist nun einer letzten Orange allein: er ritzt vorsichtig die Schale an, und heraus kommt langsam Prinzessin Ninetta. Leidenschaftlich erklärt ihr der Prinz seine Liebe und sie gesteht, dass sie schon lange auf ihn gewartet habe, aber jetzt müsse sie erst einmal etwas gegen ihren Durst tun. Jetzt greifen die Lächerlichen in die Handlung ein und übergeben dem Prinzen eine Kanne Wasser – die Prinzessin ist gerettet und Ninetta wirft sich dem Prinzen an den Hals.


    Jetzt sind auch endlich die Lyrischen zufrieden; sie entfernen sich nach dem Zuruf der Lächerlichen, das „Paar nicht zu stören“, in die Kulissen. Der Prinz will seine Liebste so schnell wie möglich zu seinem Vater bringen, aber Ninetta braucht saubere und neue Kleider und der Prinz geht, um diese Kleider zu beschaffen, während Ninetta auf ihn warten will.


    Plötzlich steht Fata Morgana mit Smeraldina vor Ninetta; bevor deren Erstaunen und Sprachlosigkeit gelöst ist, verwandelt die Zauberin die Prinzessin in eine Ratte und schickt Smeraldina zum König, um dort Ninettas Stelle einzunehmen.


    Szenenwechsel in des Königs Palast.

    König und Hofgesellschaft ziehen mit dem Prinzen feierlich in den Palast. Der Prinz bemerkt natürlich den Betrug, denn Smeraldina ist nicht Ninetta, aber die Majestät besteht auf der Einhaltung des Versprechens, Smeraldina, die sich als Ninetta ausgegeben hat, zur Frau zu nehmen.


    Szenenwechsel vor den Bühnenvorhang.

    Tschelio und Fata Morgana beschimpfen sich und Tschelio zieht de Kürzeren und so kommen die Lächerlichen zu ihrem neuerlichen Auftritt: sie ziehen Fata Morgana mit einem Trick zu sich, sperren sie mit einem weiteren Trick in eine Turm und schließen sie dort ein. Jetzt kann Tschelio handeln.


    Vierter Akt.
    Der Thron- und Ballsaal im Königspalast.

    Die Hofgesellschaft kommt nach König und Prinz in den Saal und die Dienerschaft öffnet die Vorhänge. Alles erschrickt, denn auf dem für Ninetta bestimmten Thronsessel sitzt eine menschengroße Ratte. Tschelio erscheint und versucht, allerdings vergeblich, die Ratte zu entzaubern. Der König befiehlt der Wache, auf die Ratte zu schießen und dieser Schuss bringt Ninetta zum Vorschein. Der Prinz stürzt auf seine Orange zu und nimmt sie in die Arme.


    Der König knöpft sich Smeraldina vor, bezeichnet sie als Hehlerin des Leander, der sich, übrigens mit des Königs Nichte Clarissa, zu verteidigen sucht Doch Majestät sind ungnädig und befiehlt, alle drei zu hängen. Davon hält ihn auch die Hofgesellschaft nicht ab, die vorsichtig um Gnade bittet. Die Todgeweihten versuchen nun, zu entkommen, aber die Hofgesellschaft verfolgt sie.


    Plötzlich erscheint aus ihrer Gefangenschaft Fata Morgana, die sich Smeraldina schnappt und mit ihr und Leander sowie Clarissa im Boden versinkt. Die Lächerlichen bringen Hoch-Rufe auf Prinz und Prinzessin aus, was von allen Anwesenden übernommen wird.


    Anmerkungen.

    Graf Carlo Gozzi (1720-1806) war der Antipode des Lustspieldichters Carlo Goldoni (1707 bis 1793). Seine Farcen und Maskenspiele haben ihren Ursprung in der orientalischen Welt und in der venezianischen Volkskomödie. Sein erfolgreiches Stück Die Liebe zu den drei Orangen hatte er für die Truppe des berühmten Harlekin Antonio Sacchi geschrieben und Prokofjew hat dieses Stück als Vorlage für sein Opernlibretto benutztz.

    1918 hatte sich Prokofjew in die USA begeben, wo ihm von der Chicago Opera Company ein Opernauftrag gegeben wurde. Die Uraufführung Die Liebe zu den drei Orangen war am 30. Dezember 1921 in Chicago.

    Eine interessante Antwort, auf die ich zufällig gerade treffe. Der gebürtige Hasper 'musikwanderer' wohnte früher in der Frankstraße, später in der Kölner Straße in Hagen-Haspe und ist heute, immerhin seit 52 Jahren, in Mülheim an der Ruhr zu Hause.

    Leider hat man, so geht es mir im Rückblick noch heute, Berthold Lehmann in Hagens Kulturbürokratie nicht gut mitgespielt. Seinem kurzzeitigen Nachfolger, dem seinerzeitigen ersten Kapellmeister am Hagener Theater, Heinz Rocktsroh, übrigens auch nicht. Der damals durchaus beliebten Operetten-Diva Rita Zorn ebensowenig. Aber das ist Nostalgie, Geschichte, und die Akteure sind schon lange tot.

    Aber es waren prägende musikalische Eindrücke, die sie mir mitgegeben haben - und ich werde wohl immer mit einem gewissen Dank an diese wichtigen Leute zurückdenken...

    Krzysztof-Eugeniusz Penderecki (1933-2020):
    DAS VERLORENE PARADIES

    Sacra rappresentazione in zwei Akten

    Libretto nach dem Epos von John Milton von Christopher Fry

    Uraufführung am 29. November 1978 in Chikago.


    Personen der Handlung:

    John Milton (Sprechrolle)

    Adam (Bariton/Tänzer) – Eva (Sopran/Tänzerin)

    Satan (Bariton) – Beelzebub (Tenor)

    Moloch (Bass) – Belial (Tenor)

    Mammon (Bariton) – Stimme Gottes (Sprechpartie)

    Tod (Countertenor) – Sünde (Mezzosopran)

    Ithuriel und Raphael (Countertenöre)

    Zephon (Koloratursopran)

    Gabriel (Tenor) – Messias (Bariton)

    Michale (Tenor)

    Chöre: Gemischter Chor, Kinderchor

    Ballett


    Erster Akt.

    Der berühmte Dichter John Milton ist alt und blind geworden; er beschwört durch die visionäre Kraft der Gedanken Bilder, die „dem Blick der Sterblichen unsichtbar sind“. Er kommentiert in der Folge die durch ihn lebendig gewordenen Urtage der Schöpfung.


    Da ist es beispielsweise dem Satan gelungen, in Gestalt einer Schlange in das Paradies zu gelangen. Er will versuchen, in Gottes Schöpfung das Chaos zu tragen. Noch ist der Mensch nicht von Gott geschaffen worden, noch fehlte das Geschöpf, das ihn und sein Wunderwerk preisen soll. Aber der Tag wird kommen, an dem Satan seine Macht allen zeigen wird. Er wird sich mit den gefallenen Engeln nach ihrem Sturz aufraffen und Rachepläne schmieden, die den Schöpfer-Gott in seine Schranken weisen soll.


    Nach dieser Vorausschau erkennt Milton, dass Gott mit seiner Schöpfung noch nicht fertig ist und in seiner Vision sieht er jetzt den ersten Menschen, Adam, den er als Abbild seiner selbst erschaffen hat. Außerdem nimmt der Herr Adams Bewunderung für die vielen Schönheiten im Paradies entgegen.


    Währenddessen beschließt Satan, die Erde und diese von Gott erschaffenen Menschen auszukundschaften, wird aber von seiner wie wild protestierenden Gefolgschaft verjagt.


    Gott hat den Garten Eden für die Menschen geschaffen und deshalb können sie mit den Pflanzen und Tieren machen, was sie wollen. Nichts ist ihnen verwehrt.


    Als Satan aus der Hölle zur Erde gehen will, hindert ihn der Tod an der Passage, aber die Sünde lässt ihn vorbeiziehen.


    Adam aber ist damit beschäftigt, den Tieren und Pflanzen, die Gott in den Garten Eden gesetzt hat, einen Namen zu geben. Er beobachtet, wie sie sich paaren, was ihn zu der Erkenntnis bringt, dass auch er sie nach einem Weib sehnt. Im Traum sieht er Eva; aufgewacht aber sucht er sie.


    Derweil hat sich Satan in Wut auf Gott und sein Werk gesteigert; er verflucht die Schöpfung und macht deutlich, dass sein Gott das Böse ist, den er anbetet.

    Gott lässt Adam die Eva finden und Satan beobachtet ziemlich wütend, wie sich das Paar in Liebe zueinander findet. Rachegedanken bringen ihn auf die Idee, Eva zum Genuss der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis zu verführen.


    Momentan schläft das Paar, von Engeln bewacht, nach einer Liebesnacht. Die Engel sehen, wie Satan der Eva einflüstert, dass der Genuss der Frucht vom Baum der Erkenntnis nur Glück bringen werde. Unter den „Himmlischen“ ist auch der Erzengel Gabriel, der Satan vertreibt und mit ihm auch die Nacht; die Sonne, der Tag mit Licht, aber auch Schatten steigt empor.


    Als Eva erwacht, wird ihr bewusst, dass die Einflüsterungen Satans nur ein Albtraum war. Aber ein weiterer Erzengel, nämlich Raphael, spricht warnend zu Adam und Eva, dass sie die Frucht vom Baum der Erkenntnis nicht genießen sollen.


    Eva spürt die Nähe Satans und die Verlockung des Bösen gewinnt Überhand – sie versteht es, sich von Adam zu entfernen und die Klagen der Engel im Himmel sind eine Begleitmusik zum Annähern der Schlange an Eva.


    Zweiter Akt.

    Eva wird von den Tieren tanzend begleitet, als jedoch die Schlange auftaucht, fliehen sie, instinktiv ahnend, dass es gefährlich werden kann. Eva aber hat keine Probleme mit dem Kriechtier; sie gibt den Verlockungen Satans nach und isst in einer Trunkenheit und auch mit einer gewissen Begeisterung von der verbotenen Frucht. Adam, auf der Suche nach Eva, findet sie und macht ihr Vorwürfe wegen der Gesetzesübertretung, doch geschickt lenkt sie seine Vorhaltungen um und bringt ihn, nach Beschwichtigungen dazu, ebenfalls von der verbotenen Frucht zu naschen. Es ist zunächst eine Art freudiger Ekstase, die das Paar erfasst hat, aber dann schlägt diese Freude um in die Erkenntnis, das verheißene Glück nicht bekommen zu haben.


    Es sind der Tod und die Sünde, die in trauter Zweisamkeit an einer Brücke bauen, die von der Hölle zur Erde führen soll. Sie verspüren, dass ihnen neue Kräfte zufließen und Satan fordert sie auf, den Garten Eden aufzusuchen.


    Adam und Eva, das Paar, das sich von Gott wegen der Einflüsterungen Satans entfernt hat, werden vom Tod und der Sünde genau beobachtet. Sie bemerken, dass beide ihre Verfehlungen beklagen und sich vor dem Ewigen zu verstecken trachten.


    Das geht natürlich nicht, denn Gott sieht alles und er findet seine Geschöpfe, egal, wo sie sich auch zu verkriechen suchen. Er will mit dem ungehorsamen Menschenpaar abrechnen; er findet, dass sie den Tod verdient haben. Das ist der Moment, wo sich der Messias in das Geschehen einmischt und sich selbst mit seinem eigenen Leben als der Retter des Menschengeschlechts anbietet.


    Gott hat Adam und Eva gefunden und belegt sie mit Schmerz und Sterblichkeit, lässt sie aber, auf Bitten seines Sohnes, des Messias, nicht ganz verloren sein. Er hat beschlossen, dass sie zwar unter vielen Schmerzen und Krankheiten leben müssen, doch auch in einer Art Burgfrieden mit Gott, dem Herrn über Leben und Tod, ihr Dasein fristen sollen.


    In der Hölle geht es hoch her: die Höllengeister jubeln ihrem Satan zu, aber der Jubel währt nicht lange, denn er bricht plötzlich ab.


    Seit dem Sündenfall ist im Garten Eden der Frieden gestört; es gibt sowohl Jäger, wie auch Gejagte. Der Jäger ist in diesem Fall der Erzengel Michael, die Gejagten sind Adam und Eva, die den Garten Eden verlassen müssen; Michael jagt sie aus dem Paradies und zeigt ihnen in einer Art Zukunftsvision die Folgen ihres Vergehens: das Menschenpaar wird Söhne bekommen, die sie Kain und Abel nennen werden. Unter den Augen von Satan, Tod und Sünde werden sie Zeuge vom Brudermord Kains an Abel, sehen Pest und Erdbeben mit Überschwemmungen. Sie zeigen Angst, werden aber wiederum durch Gottes Heilsplan getröstet. Es wird ihnen klar, dass sie aus dem Bösen das Gute, aus dem Dunkel das Licht machen sollen, um das Paradies wiederzufinden…


    Anmerkungen.
    John Milton lebte von 1608 bis 1674 und vollendete sein Epos mit 10665 Versen, das zunächst als ein Drama geplant war, im Jahre 1663. Pendereckis Librettist, Christopher Fry verkürzte die Dichtung auf 1450 Verse. Die „Rappresentazione“ ist ein Gattungsbegriff des Barockzeitalters, der auf einen geistlichen Text verweist.


    Pendereckis Werk sollte ursprünglich 1976 zum zweihundertjährigen Bestehen der USA in der Lyric Opera of Chicago aufgeführt werden, war aber zu dem anvisierten Datum vom Komponisten noch nicht vollendet.


    Das Orchester wird vom Schlagwerk beherrscht, das sechs Spieler bedienen müssen. Der Komponist greift auf Erprobtes und Erfahrenes zurück. Anklänge an Bach, Wagner, Berg, Mahler, Bruckner, Orff, Strawinsky und Bartók sind ebenso zu finden wie notengetreue Zitate (Schwanenmotiv aus „Lohengrin“, Falkenmotiv aus „Frau ohne Schatten“ oder auch Choralmotiv „O große Lieb“ aus der Johannes-Passion bei des Messias Erklärung, sein Leben für die Menschen opfern zu wollen).

    Milko Kelemen (1924-2018):
    DER BELAGERUNGSZUSTAND

    Oper in zwei Akten nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Albert Camus

    in der Übersetzung von Guido G. Meister

    Libretto von Joachim Hess und dem Komponisten

    Uraufführung am 13. Januar 1970 im Opernhaus Hamburg.


    Personen der Handlung:
    Die Pest (Bariton)

    Sekretärin (Alt oder Mezzosopran)

    Diego (Tenor)

    Victoria (lyrischer Sopran)

    Nada (hoher Sopran)

    Richter (Bariton)

    Die Frau des Richters (Mezzosopran)

    Der Gouverneur (Bass)

    Die Stadträte 1 und 2 (hoher Bariton und Tenor)

    Der Fischer (Bass)

    Der Offizier (Tenor)

    Der Pfarrer (Tenor)

    Großer Mann (Bariton)

    Betende Frau (Sopran).

    Ort und Zeit: in einer imaginären Stadt in der Gegenwart.


    Erster Akt.
    Ein Komet rast auf die Erde zu und die Bewohner einer Stadt befürchten ein Ende der Welt. Nada, der Säufer aus Geringschätzung aller Dinge, ist überzeugt, dass man den Kometen als eine Warnung auffassen sollte. Ganz anderer Meinung ist der Offizier, der Nadas Aussagen als eine große Lüge darstellt, die zudem gegen den Willen des Gouverneurs verstoße.


    Eine große Volksmenge tritt auf den großen Platz mitten in der Stadt - und bejubelt die Gaben des Sommers, ist aber auch bemüht, die Erscheinung des Kometen und seine Begleitumstände zu vergessen. Unter den Menschenmassen sind auch das Liebespaar Diego und Victoria.


    Während sie mit der Masse Mensch den Sommer hochleben lassen, fällt neben ihnen ganz plötzlich ein Mann zu Boden. Unerwartet schnell ist ein Arzt zur Stelle und Diego betätigt sich als eine Art Hilfssanitäter. Weil der Arzt nichts sagt, fühlt sich Diego bemüßigt, ihn um Auskunft über den Toten zu bitten - und die ist nichts für schwache Nerven: der Mann starb an der Pest. Alle, die in der Nähe standen und das gehört haben, geraten in Panik und versuchen, sich aus dem Staube zu machen, was aber angesichts der Menschenmassen nicht einfach ist - zumal immer mehr Leute tot zu Boden sinken, ein klares Zeichen für eine Epidemie.


    Während Diego immer noch als Sanitäter dem Arzt hilft, beide aber bisher noch keine Anzeichen einer Ansteckung aufweisen, zeigt sich Victoria entsetzt, als sie bemerkt, dass Diego eine Schutzmaske trägt.


    Aus der Menge lösen sich die Pest und eine Sekretärin, die den Gouverneur verhaften lassen und die personifizierte Pest dessen Platz einnimmt. Damit ist die Herrschaft der Pest vollzogen, niemand kann sich hier entziehen und auf Anweisung des Tyrannen Pest werden die Stadttore geschlossen, und der Belagerungszustand ist akut.


    Zweiter Akt.
    Die Pest hat sich als Diktator in der Stadt festgesetzt und lässt jeden Einwohner registrieren. Der Einzige, der sich daran nicht beteiligen muss, ist Nada, der Trunkenbold. Er wird zu einem Beamten ernannt, und nennt sich „Nichts“.


    Das Volk hat sich in Angst und auch Misstrauen geflüchtet, wird apathisch und lässt alles mit sich machen. Der Einzige, der es wagt, sich dem Diktator Pest entgegenzustellen, ist Diego. Als der Tyrann Pest der Polizei einen Wink gibt, flieht Diego, aber die Pest befiehlt, ihn zu zeichnen und das Bild als das eines gesuchten Verbrechers überall zu verteilen.


    Diego ist in das Haus der Richters geflüchtet und findet hier zu seiner Freude Victoria wieder. Allerdings ist der Richter nicht gerade erbaut davon, weil er befürchtet, angesteckt zu werden. Diego wird folglich des Hauses verwiesen und mit ihm sucht auch Victoria das Weite.


    Aber als eine Art deus ex machina tritt des Richters Sekretärin auf und will ihn halten. Diego aber hat Angst davor, alleine sterben zu müssen und umarmt Victoria, die aber keinerlei Angst, sich anzustecken, zeigt, und sogar ihr Hand auf Diegos Male legt. Ihre Liebe überwindet offensichtlich jede Angst, auch vor der ansteckenden Krankheit. Doch Diego hat damit seine Probleme - er flieht und steht plötzlich der Sekretärin gegenüber., die mit einem kleinen Heft spielt.

    Diegos zorniges Verhalten imponiert der Sekretärin und sie entschließt sich, Diego das Geheimnis des Systems preiszugeben: es habe, sagt sie, immer genügt, dass ein Mensch die Angst überwinde, um die „Maschine“ zu Stehen zu bringen. Da Diego bisher keinerlei Angst gezeigt hat, kann die Sekretärin den Auftrag, ihm das dritte, tödliche Mal zuzufügen, nicht ausführen.


    Diego tritt nun auch der Pest furchtlos gegenüber. Eine andere Person taucht auf und entwendet der Sekretärin das kleine Heft, blättert lesend darin und streicht plötzlich mit einem Kugelschreiber einen der dort aufgeführten Namen aus. Dadurch wird der Betreffende am Leben bleiben und ein anderer stirbt für ihn. Diego gelingt es, dieses Heft in die Hand zu bekommen und er versucht, Namen zu streichen und es dann zu zerstören.


    Die Pest spielt nun einen letzten Trumpf aus: die sterbende Victoria. Die bietet der Pest sich selbst als Tausch für das ihre an. Die Pest hält dagegen mit dem Angebot, dass beide das Leben behalten dürfen, wenn sie die Stadt verlassen und der Pest überlassen. Das aber lehnt Diego ab. Das sieht nun nach einem Opfer für Victoria und das Stadtvolk aus. Als die Sekretärin das kleine und lädierte Büchlein wieder an sich nimmt, stellt sie fest, dass Diegos Name gestrichen ist. Indem sie ihn ansieht, fällt er tot um, Victoria aber wird im gleichen Moment gesund und bricht über Diegos Leiche zusammen.


    Unbemerkt haben sich Tyrann Pest und seine Sekretärin entfernt - für heute. Werden sie wiederkommen..?

    Hier der zweite Teil des Programms beim Klavier-Festival Ruhr in Auswahl:


    01.06. 18 Uhr Essen UNESCO Weltkulturerbe Zollverein

    Conrad Tao spielt Werke von Rachmaninow, Strayhorn, Sondheim, Arien, Schumann

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    02.06 18 Uhr EssenUNESCO Weltkulturerbe Zollverein

    Alexander Malofeev spielt Händel, Bach, Mozart, Wagner Liszt, Purcell, Muffat

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    03.06 20 Uhr Mülheim Stadthalle

    Mariam Batsashvili spielt Bach, Schubert, Liszt

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    05.06. 20 Uhr Herne, Kulturzentrum

    Jean-Paul Gasparian spielt Werke von Tschaikowski, Vardapet, Khachaturjan, u.a.

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    09.06. 20 Uhr Wuppertal, Historische Stadthalle

    Khatia Buniatisvili spielt Werke von Bach, Liszt, Beethoven, Mozart

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    10.06. 20 Uhr Bochum Anneliese Brost Musikforum

    Bertrand Chamayou spielt Werke von Liszt, Schumann, Ravel, Glinka, Balakirew

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    11.06. 20 Uhr Herten, Schloss

    Federico Colli spielt Werke von Ligeti, Mozart, Ravel, Couperin

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    12.06. 20 Uhr Wuppertal, Historische Stadthalle

    Marc-André Hamelin und das SO Wuppertal mit dem Klavierkonzert von Busoni

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    16.06. 18 Uhr Schwelm LEO-Theater im Ibach-Haus

    Pavel Kolesnikov spielt Schubert und Chopin

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    17.06. 20 Uhr Bochum Anneliese Brost Musikforum

    Beatrice Rana und Emmanuel Pahud spielen Poulenc, Franck, Schumann

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    18.06. 20 Uhr Rheda-Wiedenbrück Schloss Rheda-Wiedenbrück

    Justin Taylor spielt Werke unter dem Titel „ La Famille Rameau“

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    19.06. 20 Uhr Essen Philharmonie

    Lucas und Arthur Jussen mit Werken von Mozart, Schumann, Widmann, Ravel

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    20.06. 20 Uhr Dortmund Konzerthaus

    Hélène Grimaud und Konstantin Krimmel mit Brahms und Silvestrov

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    21.06. 20 Uhr Holzwickede Haus Opherdicke

    Pallavi Mahidhara (ohne weitere Angaben)

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    24.06. 20 Uhr Mülheim Stadthalle

    Emanuel Ax (Beethoven, Schönberg, von Webern)

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    26.06. 20 Uhr Düsseldorf Robert-Schumann-Saal

    Leif Ove Andsnes und Bertrand Chamayou mit Werken von Schubert, Kurtág

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    28.06. 20 Uhr Bochum, Anneliese Brost Musikforum

    Alexandre Kantorow spielt Werke von Brahms, Bartok, Liszt, Bach/Barhms

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    01.07. 20 Uhr Wuppertal Historische Stadthalle

    Seon-Jin Cho spielt Werke von Ravel und Liszt

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    03.07. 20Uhr Mülheim Stadthalle

    Benjamin Grosvenor spielt Werke von Brahms, Liszt, Chopin

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    04.07. 20 Uhr Dortmund Konzerthaus

    Evgeny Kissin spielt Werke von Brahms, Beethoven, Rachmaninow, Prokofjew

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    05.07. 20 Uhr Essen UNESCO Weltkulturerbe Zollverein, Salzlager

    Kirill Gerstein spielt Werke von Liszt und Busoni

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    06.07. 20 Uhr Essen UNESCO Weltkulturerbe Zollverein, Salzlager

    GrauSchumacher Piano-Duo spielt Busoni

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    07.07. 20 Uhr Essen Philharmonie

    Kirill Gerstein und WDR-SO, Ltg. Elim Chan Schönberg, Gershwin, Rachmaninow

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    Sir András Schiff in Düsseldorf, Robert-Schumann-Saal

    11.07. 20 Uhr Beethoven und Schubert (Hammerflügel Brodmann 1821)

    12.07. 20 Uhr Schumann, Mendelssohn, Brahms (Hammerflügel Blüthner 1856)

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    13.07. 16 Uhr Düsseldorf, Robert-Schumann-Saal

    Sir András Schiff präsentiert Youngsters

    Martina Consonni: Scarlatti, Haydn, Schubert, Schumann, Mendelssohn

    Julius Asal: Beethoven, Brahms, Bartok

    Tamoki Park: Bach, Beethoven, und andere

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    16.11. 20 Uhr Wuppertal, Historische Stadthalle

    Lang Lang (ohne Angaben) Kartenverkauf ab 15.08.2024

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    29.04. 20Uhr Bochum, Annelies Brost Musikforum

    Bruce Liu spiel Haydn, Chopin,, Kapustin, Beethoven, Prokofjew

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    30.04. 20 Uhr, Dortmund Konzerthaus

    Igor Levit spielt Mahler, Hindemith, Beethoven

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    08.05. 20 Uhr Dortmund Zeche Zollern, Magazin

    Mao Fujita spielt Mozart, Chopin, Prokofjew, Schumann, de Séverac

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    09.05. 20 Uhr Dortmund, Zeche Zollern, Magazin

    Roman Borisow spielt Godowski, Skrjabin, Beethoven, Prokofjew

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    10.05. 20 Uhr Dortmund, Zeche Zollern, Magazin

    Marie-Ange Nguci spielt Skrjabin, Rachmaninow, Prokofjew, Kapustin

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    11.05, 20 Uhr Dortmund, Zeche Zollern, Magazin

    Nicolas Namoradse spielt Beethovens Hammerklaviersonate

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    12.05. 18 Uhr UNESCO Welterbe Zollverein, Salzlager

    Alexander Melnikow spielt Schostakowitsch op.87

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    13.05. 18 Uhr UNESCO Welterbe Zollverein, Erich-Brost-Pavillon

    Alexander Melnikow spielt Clementi, Haydn,, Mozart

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    Duisburg Gebläsehalle im Landschaftspark Nord Mozart-Expedition

    Kit Armstrong

    Schumann-Quart

    Quatuor Hermès

    Minetti Quartett

    Noah Bendix Balgley

    und Ensemble

    24.05. 20 Uhr

    Kegelstatt -Trio KV 498

    Klavierkonzerte 23 KV 488 und 24 KV 491

    Maurerische Trauermusik KV 477

    25.05. 17 Uhr

    Klaviersonaten KV 330, 331, 332

    Publikumsgespräch 18.30 Uhr

    20 Uhr Lange Mozart-Nacht

    Klavierkonzert 9 KV 271

    Klavierquartett KV 478

    Klavierkonzert 21 KV 467

    Eine kleine Nachtmusik KV 525

    Violinsonate KV 302

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    27.05. 20 Uhr Wuppertal, Historische Stadthalle

    Krystian Zimerman

    keine weiteren Angaben

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    Essen, Philharmonie, Prokofjew-Projekt

    Jan Lisiecki, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Dirigent Tarmo Peltokoski

    28.05. 20 Uhr Werke von Sibelius, Prokofjew, Mozart

    29.05. 20 Uhr Werke von Mozart, Prokofjew

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    Antonio Bibalo (1922-2008):
    DAS LÄCHELN AM FUSS DER LEITER
    Oper in zwei Akten

    Libretto vom Komponisten nach der gleichnamigen Novelle von Henry Miller

    Originalsprache: Englisch. Übersetzungen ins Italienische und Deutsche.


    Uraufführung am 6. April 1965, in Hamburg.


    Personen der Handlung:
    Augusto (Bassbariton)

    Guido (Spieltenor)

    Anni I (Koloratursopran)

    Anni II (Tänzerin)

    Anni III (Mezzosopran)

    Ballett: Dompteur, Pferde, Zauberer, Clown, Panther (gezähmt).


    Ort und Zeit: Irgendwo in der Gegenwart.


    Erster Akt.

    Augusto, ein Zirkusclown, reißt bei jeder Vorstellung sein Publikum zu Beifallsstürmen hin. Man kann ihn also mit dem Attribut „hervorragend“ charakterisieren.


    Eines Abends beklagt er sich aber bei seinem Freund Guido, dass sich das Publikum zwar über seine Clownerien amüsiere, aber nicht begreife, dass es ihm auf eine viel größere und reinere Freude ankäme. Guido warnt ihn vor seinen zu großen Erwartungen.


    In einer der nächsten Abendvorstellungen treibt er wieder seine Späße mit Anni, seiner Partnerin: er wirbt um sie, doch sie macht ihn in seiner Rolle vor dem Publikum lächerlich. Den Clown tröstet, wie in jeder Vorstellung, der über ihm schwebende, imaginäre Mond, an den eine Leiter angelehnt ist – und an diese Leiter gelehnt, gerät Augusto lächelnd in Verzückung. Die Darstellung dieser Entzückung ist Augustos Glanzleistung und bringt in jeder Vorstellung das Publikum außer Rand und Band.


    Doch am heutigen Abend will dem Clown das einfach nicht gelingen. Anni versucht ihn mit Späßen zu animieren, aber auch ihr gelingt es nicht, Augusto aus der Reserve zu locken. Der Abend wird also ein Fiasko für den Zirkus und sein Publikum. Das verlässt nämlich im Gefühl, geprellt worden zu sein und den Clown angreifend, das Zirkuszelt. Ein Versuch des Zirkusdirektors, das zahlende Publikum aufzuhalten, geht ebenfalls daneben.


    Anni und Guido verarzten den verletzten Clown, der in einer Vision träumt, von der Mond-Leiter abgestürzt zu sein. Augusto versucht später, den Traum zu deuten und kommt darauf, dass erst in der Nacht, die nie ein Ende hat, alle Ketten des Daseins abfallen.


    Zweiter Akt.
    Augusto ist arbeitslos geworden, denn der Direktor des Zirkus hat ihn gekündigt. Was zu erwarten war, denn ein Clown, der das Publikum nicht zum Lachen bringt, hat seinen Beruf verfehlt, er ist für jeden Zirkus eine Belastung. Momentan wird er noch von Anni und Guido gepflegt. Der Clown ist durch die Entlassung schwer getroffen und hat die Vision, dass er von der Leiter, die ihn in ein besseres Leben führen kann, abstürzen sieht. Als er erwacht, kommt ihm die Erleuchtung, dass er sein Zirkusleben so nicht weiterführen kann. Er verabschiedet sich von seinen Freunden und zieht davon, in die weite Welt hinaus.

    In einem „Intermezzo“ verflucht Augusto den Zirkus als verlogene Welt des Scheins.


    In einem letzten Bild sieht man Augusto auf einer Parkbank sitzen. In Gedanken kehrt er, halluzinierend, in den Zirkus zurück, erkennt auch Anni, seine Partnerin wieder, und erzählt ihr von seiner missglückten Zirkusarbeit. Er sieht sich nicht mehr in der Rolle eines von den Menschen missverstandenen Clowns, da er ihnen nur mitteilen wollte, was das höchste Glück bedeutet, nämlich über die Stufen der Leiter in eine bessere Welt zu fliehen, in der Freiheit und echte menschliche Güte wohnen. Dann aber geaschieht es: in einem vorbeikommenden Polizisten sieht er einen Himmelsboten und wird von diesem erschossen. Augusto stirbt auf der Straße – ein friedliches Lächeln auf seinem Gesicht.


    Anmerkungen.
    Antonio Bibalo (geboren am 18. Januar 1922 in Triest, gestorben am 19. Juni 2008 im norwegischen Larvik), studierte in seiner Heimatstadt KLavier und Komposition. In London vervollständigte er nach dem Zweiten Weltkrieg seine Studien.


    Bibalo wurde während des Zweiten Weltkrieges von der italienischen Armee zum Kriegsdienst eingezogen, landete aber im Militärgefängnis, als er versuchte zu desertieren. Bei der Schlacht am Monte Cassino wurde er von der amerikanischen Armee gefangen genommen und kam als Kriegsgefangener in die Vereinigten Staaten.


    Nach 1946 schloss er sein Studium in Triest mit einem Diplom ab und arbeitete danach, in der Hoffnung auf eine bessere Anstellung, als Barpianist in Marseille, auch diente er in der Folge eine Zeit in der französischen Fremdenlegion in Oman. Nach seinem Aufenthalt in London, zog er 1956 nach Norwegen, wo ihn die Landschaft so begeisterte, dass er blieb und 1968 die norwegische Staatsbürgerschaft erlangte.


    Der französische Maler Fernand Léger bat 1938 seinen Freund Henry Miller um eine Geschichte für seinen geplanten Grafikzyklus „Cirques“. Miller faszinierte das Thema; am liebsten hätte er selbst die Illustrationen übernommen, die aber tatsächlich Joan Miró übernahm. Als Ergebnis der Auftragsarbeit entstand schließlich „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ (Originaltitel: „The Smile at the Foot of the Ladder“). Léger konnte allerdings mit dieser – verglichen mit den vorherigen und späteren Werken – für Miller völlig untypischen Novelle nichts anfangen und lehnte das ihm übersandte Manuskript ab. Miller war zunächst enttäuscht, weil er „von allen Erzählungen, die ich jemals geschrieben habe“ diese „als die eigenartigste“ empfand, eine Art Selbstporträt. Im Epilog schreibt er: „Der Clown ist ein handelnder Dichter. Er ist selbst die Geschichte, die er spielt. … Möge niemand glauben, dass ich mir diese Geschichte ausgedacht hätte! Ich habe sie lediglich erzählt, wie ich sie in mir fühlte.“ Joan Miró hingegen begeisterte die Erzählung und er illustrierte sie Millers Vorstellungen entsprechend. Das kongeniale Zusammenwirken der beiden führte nach der ersten Veröffentlichung 1948 zu einem weltweiten Erfolg mit etlichen Übersetzungen und unzähligen Auflagen und Bearbeitungen.

    Hans Werner Henze (1926-2012):
    DAS VERRATENE MEER

    Musikdrama in zwei Akten

    Libretto von Hans Ulrich Treichel nach dem Roman „Gogo No Eiko“ (Der Seemann, der die See verriet) von Yukio Mishima

    Uraufführung am 5. Oktober 1990 in der Deutschen Oper Berlin.


    Personen der Handlung:
    Fusako Kiroda, eine junge Witwe und Inhaberin der Modeboutique „Rex“ (Sopran)

    Noburu, ihr dreizehnjähriger Sohn (Tenor)

    Ryuji Tsukazaki, zweiter Offizier auf dem Frachtschiff „Rakuyo-Maru“ (Bariton)

    Die Jugendbande, Freunde Noburus:

    Nummer Eins, der Anführer, (Bariton)

    Nummer Zwei (Tenor)

    Nummer Drei, Noburu (Tenor)

    Nummer Vier (Bariton)

    Nummer Fünf (Bass)

    Chor / Statisten: Seeleute, Arbeiter, Passanten, Gäste, Volk.


    Ort und Zeit: Yokohama, Japan. Gegenwart.


    Erster Akt. „Sommer“:

    Zunächst Grundsätzliches: Noburu ist Mitglied in einer Bande gewalttätiger Minderjähriger, die die „etablierte“ Gesellschaft hasst. Seine Mutter Fusako weiß davon und hat deswegen große Sorgen. Sie versucht immer wieder, ihren Sohn zum Guten zu beeinflussen.


    Mutter und Sohn kommen soeben aus dem Geschäft nach Hause. Fusako hat sich für den kommenden Tag eine besondere Attraktion ausgedacht: Mutter und Sohn werden ein Schiff besichtigen. Aber jetzt wird Noburu erst einmal in seinem Zimmer eingeschlossen – damit will Mutter Fusako verhindern, dass er sich noch am Abend mit den ihrer Meinung nach merkwürdigen Freunden trifft. Sie selber geht dann auch ins Bett und träumt offenen Auges von ihrer neuen Liebe, dem Seemann Tsukazaki, den sie schon bald zu heiraten gedenkt. Natürlich weiß sie nicht, dass ihr Sohn sie beim Ausziehen durch das Loch im Wandschrank beobachtet.


    Nachdem der Offizier Fusako und Noburu, dem alles mächtig imponiert, das Schiff gezeigt hat, ist der Junge sehr stolz auf ihn. Interessant sind auch die Fragen, die der Teenager dem Seemann stellt, sie beweisen Tsukazaki ein gewisses technisches Interesse des Jungen.


    Noburu wird in der Nacht durch sein Lünken durch das Guckloch im Wandschrank Zeuge, wie Tsukazaki mit seiner Mutter Sex hat; das kommt ihm wie ein Eroberungsfeldzug vor und er beginnt den Seemann als Helden zu verehren, Er erzählt seinen Freunden natürlich die Neuigkeiten über den Offizier, die allerdings von Tsukazaki nicht viel halten undin vor Noburu auch lächerlich machen. Sie behaupten sogar, Tsukazaki sei auch nicht anders als die übrigen Erwachsenen, die nur alles verbieten würden. Tsukazaki berichtet Noburu aus seinem Leben, das keineswegs immer heldenhaft abgelaufen ist. Trotzdem wünscht sich Noburu, für den Tsukazaki ein Held ist, dass er dem Meer, für die Jungen ein Sinnbild von Weite und Freiheit, treu bleibt. Aber es stellt sich heraus, dass dieser „Held“ lieber ständig an Land leben möchte, woran natürlich die Liebe zu Fusako eine gehörige Portion Mitschuld hat.


    Als Noburu durch Erzählungen seines Stiefvaters in spe hört, dass der Seemannsberuf nicht nur eitel Sonnenschein bedeutet, sondern harte Arbeit mit sich bringt, gerät Noburus Schwärmerei für Tsukazaki ins Wanken; es kommt ihm vor, wie ein Verrat am Meer.


    Die Jugendbande trifft sich im Park von Yokohama und ergeht sich in Gewaltphantasien. Dabei wird auch Tsukazaki, wie allen Erwachsenen, unterstellt, ein Weichei zu sein, dem die „angebetete“ Männlichkeit fehlt.


    In einer neuen Szene, die im Hafen von Yokohama spielt, dem beliebten Treffpunkt der Jugendgang, sehen die Jugendlichen, also auch Noburu, dass sich Fusako und Tsukazaki küssend voneinander verabschieden; Noburo hofft, dass der Seemann bei seiner Berufung bleibt, womit er ein Held in seines „Stiefsohnes“ Augen wäre. Dann aber wendet sich Noburu dem grausamen Ritual an einer Katze zu, wobei er sich besonders hervortut.


    Zweiter Akt. „Winter“:

    Tsukazaki macht am Neujahrsmorgen Fusako einen Heiratsantrag und erklärt, dass er in Zukunft nicht mehr zur See fahren will, sondern ihr helfen werde. Seine Ersparnisse will er in der Geschäft seiner geliebten Fusako stecken. Noburu berichtet darüber der Bande und gibt dabei zu, dass dieses Verhalten nicht seiner Vorstellung über einen Helden entspricht. Dennoch verteidigt er seinen „Stiefvater“ vor den Kumpels. Der Anführer der Jugendgang, die Nummer Eins, schlägt, indem er in das gleiche Horn tutet, vor, aus Tsukazaki wieder einen „Helden“ zu machen.


    In einer häuslichen Szene haben sich Ryuji ziemlich milde mit Noburu auf die Entdeckung des Gucklochs im Wandschrank gestritten. Außer einer Ermahnung ist weiter keine Strafe gegen den Jugendlichen festgesetzt worden. Das sorgt für Irritationen bei Noburu, der eine Strafe erwartet hatte.


    Tsukazaki hat sich inzwischen in den Beruf seiner zukünftigen Frau eingearbeitet und ist an Land heimisch geworden. Die Jugendgang sitzt über den Seemann zu Gericht, wobei Noburu des Denunzianten übernommen hat. Für den Verrat am Meer wird Tsukazaki zum Tode verurteilt. Davon ahnt Fusako, die ihrem Sohn später das Modegeschäft übergeben will, nichts. Noburu, dessen Bewunderung für Tsukazaki und seine Mutter in Hass und Verachtung umgeschlagen sind, lockt den ehemaligen Seemann zum Versammlungsort der Bande. Tsukazaki gibt zu, seinen Beruf aufgegeben zu haben. Dadurch ist er in den Augen der Burschen ein Verräter am Meer, ihrem Idol, geworden und wird von ihnen hinterrücks ermordet.


    Anmerkungen.
    Dass Henze, der sich immer politisch links positioniert hat, ausgerechnet einen Roman von Yukio Mishima als Vorlage für eine Oper benutzte, war seinerzeit ein Grund für eine interessante Diskussion. Der Romanschriftsteller, der sich spektakulär wie ein Samurai mit traditionellem Harakiri am 25. November 1970 selbst tötete, weil sein Versuch, mit Gleichgesinnten einen Staatsstreich herbeizuführen, um traditionell japanische Werte wieder in den politischen Alltag einzuführen, misslungen war, hat damals in Europa Verstörungen und Irritationen ausgelöst. Henze hat aber nicht die politische Richtung Mishimas fasziniert, auch nicht die Gewalttätigkeit der Figuren, sondern er war speziell am Ästhetizismus, mit dem die Gewalt dargestellt ist, interessiert. Dass Mishima oftmals auch faschistische Züge erkennen ließ, hat Henze entweder nicht gesehen oder verdrängt.


    Die hier inhaltlich vorgestellte Oper ist die erste Zusammenarbeit mit dem Lyriker Hans Ulrich Treichel, der das Libretto aus dem Roman selektiert hat. Dass Henze die Bezeichnung des Werkes als Musikdrama wählte, hat mit einem bewussten Bezug zu Richard Wagner zu tun, denn eine symphonische Form, wie sie in Wagners Tristan vorkommt, war für Henze ausschlaggebend, denn in Das verratene Meer waren die orchestralen Zwischenspiele wichtig.

    Die Klangsphären sind gegeneinander abgesetzt; so sind Fusako die Streicher zugewiesen, während Tsukazaki die Bläser, die Jugendgang aber, wie der Komponist selbst schrieb, mit „Klavierstundenmusik“ untermalt wurden.

    Kazuko Hara (1935-2014):
    PETRO KIBE

    Oper in zwei Akten mit einem Prolog und sechs Bildern

    Libretto von der Komponistin nach Hubert Cieslik und Goichi Matsunaga

    Auftragskomposition der Oper von Oita (Kyushu)

    Originalsprache: Japanisch.


    Uraufführung im Oktober 1992 in Oita, europäische Erstaufführung im November 1995 in Parma, Teatro Regio, anlässlich des Kulturprojektes Japan in Italien 1995/1996.


    Personen der Handlung:
    Petro Kasui Kibe (Bariton)

    Ptro als Kind (Mezzosopran oder Sopran)

    Romano Kibe, Vater von Petro (Bass)

    Maria Hata, Mutter von Petro (Alt oder Mezzosopran)

    Katarina, Amme von Mansho Itos, Prophetin (Sopran oder Mezzosopran)

    Yasaku, alter Fischer, Pate von Petro (Bariton)

    Joan Gorozaemon, Petros jüngerer Bruder (Tenor)

    Ursula Osato, seine Gattin (Sopran)

    Martino Hara, Pater und Mitglied einer Knabendelegation (Bassbariton)

    Mansho Konishi, Enkel von Yukionaga Konishi (Sopran)

    Miguel Minoes (Tenor)

    Seminarist (Tenor)

    Ferreira (Tenor)

    Vieillas Stimme (Bariton)

    Inoue Chikugonokami und Teufel der Wüste (Bass)

    Dorfbewohner (Bariton).

    Sprechrollen: Dorfbewohner – Dorfbewohnerin – Weiterer Dorfbewohner – Augustino Kaishi – Der Nagasaki – Jüngling auf dem Schiff – Erzbischof Raphael – Mutter des sterbenden Kindes – Drei Gläubige – Zwei Wachen des Sendai-Distrikts-

    Stumme Rollen: Joan Gorozaemon als Kind – Ein Bote – Die abgefallenen Priester Joan Prolo und Martino Shikim – Sterbendes Kind.

    Chor: Dorfbewohner – Kinder des Dorfes – Christen – Matrosen – Dämonen – Pilger – Stimmen vom Himmel – Seminaristen - Völker verschiedener Nationen

    Orte und Zeit: Japan, Macao, Wüste, Bagdad, Damaskus, Jerusalem, Rom in den Jahren 1587 bis 1639.


    Prolog: Die Geburt.

    1587 wird in dem kleinen Ort, man könnte auch sagen: Dorf, Urabe, ein Knabe geboren, dem die Eltern, dem christlichen Samurai Romano Kibe und seiner Gattin Maria Hata, den Namen Petro gaben. Draußen wütete ein heftiger Sturm als das Kind getauft wurde. Im Nachlassen den Sturmes und dem Aufgehen des wärmenden Sonnenlichts sieht die Mutter ein gutes Omen: dereinst wird der kleine Petro das Licht des Glaubens empfangen.


    Petro als Kind: 1596 hat Vater Romano Kibe auf einem nahe Urabe gelegenen Hügel ein Kreuz errichten lassen, das nun während einer Messfeier geweiht werden soll. Während sich die Dorfgemeinde – unter ihnen Petro und sein Taufpate Yasaku – zum Kreuzeshügel begeben, diskutieren sie durchaus heftig über die prekäre Situation der Christen in Japan. Romano Kibe ist gegen den bewaffneten Widerstand und die Amme Katarina, die sich auch am Kreuzeshügel eingefunden hat, prophezeit dem Baby Petro eine große Zukunft. Aber plötzlich gibt es mit einem scheren Erdbeben auch ein Tsunami, der das ganze Dorf Urabe wegspült. Nur die Menschen, die zum Kreuzeshügel gekommen waren, bleiben am Leben und danken, wenn auch erschüttert, Gott für die Rettung.


    Elf Jahre später Romano Kibe ist gestorben; seine Söhne Petro und Joan haben in Arima, wo es ein christliches Seminar gibt, studiert. Allerdings hat Joan krankheitsbedingt das Studium aufgegeben und ist wieder nach Hause zurückgegangen, Petro jedoch zum Katecheten ausgebildet worden.


    In Nagasaki, wo es eine christliche Kirche gibt, die den Namen er Allerheiligen-Kirche trägt, erfährt Petro, dass sein Bruder Joan ein durch ein lahmes Bein behindertes Mädchen geheiratet hat. Durch diese Nachricht wird Petro bewusst, dass er sich für ein eheloses Leben entschieden hat. Während eines Treffens mit dem Ehepaar segnet Petro es.


    Auf dem Rückweg zur Kirche sieht er, dass offenbar mittellose Eltern ihr Neugeborenes nach alter Tradition in den Fluss werfen, weil sie es nicht ernähren können. Petro springt hinterher in den Strom, rettet das Baby und bringt es dann zur Nottaufe in die Kirche – wo es jedoch stirbt und Petro traurig zurücklässt.


    Die Vertreibung aus Japan. In den Jahre 1612 bis 1614 werden in Japan Christenverfolgungen durchgeführt. Das erfährt der Pater Martino Hara aus einem Brief, während Petro dem Pater vom Tode des jungen Priesters Mansho Ho berichtet, der nach der Vertreibung der Christen aus der Gemeinde an Entkräftung starb. Pater Martino ermutigt Petro, der in Mansho seinen liebsten Studienkollegen verloren hat, in die Fußstapfen des toten Freundes zu treten.


    In diesem Moment hört man aufgewühlte Stimmen, denen zu entnehmen ist, dass die Kirche in Brand gesetzt wurde und das Christentum durch die Behörden verboten wurde. Es hat sich aber ein christlicher Protestzug formiert, an deren Spitze Augustino Kaishi und die Amme Katarina stehen. Doch dieser Zug wird von Polizeikräften umzingelt und vom Nagasaki Bugyo, einem hohen Regierungsbeamten, wird die Ausweisung aller Christen angeordnet. Und die finden sich alle plötzlich auf einem Schiff wieder, das seinen Kurs auf Macao nehmen wird.


    Auf dem Schiff blicken alle wehmütig nach oben, sehen den Sonnenuntergang, blicken aber nicht zum Horizont, wo ihre bisherige Heimat langsam versinkt. Petro erinnert sich an das Christenmassaker vor siebzehn Jahren. Damals fasst er den Entschluss, sich der Sache des christlichen Glaubens zu verschreiben. Martino Hata denkt noch weiter zurück, nämlich an seine Jugendzeit, in der er mit Mansho Ito nach Rom gepilgert war.


    Plötzlich geschieht wieder etwas Unvorhergesehenes: ein älterer Pater stürzt sich aus Verzweiflung ins Meer, wird aber von einer kleinen Schaluppe aufgegriffen – die ihn nach Nippon zurückbringt. Das hat Petro beobachtet; er macht sich Gedanken, die darin gipfeln, dass er ein Zeichen bemerken will, sein Heimweh zu bezwingen, da es ihn auf jeden Fall erst einmal in die Ferne führen wird. Und in dieser Fremde muss er Erfahrungen sammeln, die er braucht, wenn er bei seiner Rückkehr in die Heimat Japan den Brüdern und Schwestern beistehen will. Ein letztes Mal grüßen die Verbannten den bei Hikosan gelegenen Berg Nikoyama, über dem gerade der Mond aufgeht.


    Flucht aus Macao: Im Jesuitenkolleg von Macao werden die Fremden misstrauisch von den Seminaristen angesehen. Außerdem macht der portugiesische Pater Vieilla den japanischen Priesterkandidaten Schwierigkeiten, die darin bestehen, dass er nicht nur ihre Ausbildung ablehnt, sondern auch ein Ausgehverbot erteilt. Das weckt in den Seminaristen – die im Schlafsaal zusammengepfercht leben müssen – das Gefühl der Gefangenschaft und fördert eine gespannte Atmosphäre. Unter den „Leidenden“ sind Mansho Konishi Petro und Miguel Minoes. Als jener Miguel als einzige verbliebene Lebensperspektive nur noch die Einheirat ins chinesische Volk sieht, verliert Petro seine Nerven und er schlägt Miguel ins Gesicht. Das ist für den Gezüchtigten Grund genug, den Raum fluchtartig zu verlassen. Petro und Mansho entschließen sich, nach Rom aufzubrechen, um dort die Priesterweihe zu erlangen. Als Miguel davon hört, ist er fest entschlossen, sich den beiden Freunden anzuschließen und das Exil in China zu vergessen.


    Die Pilgerfahrt ins Heilige Land und nach Rom. Wir befinden uns jetzt im Jahre 1618: Petro hat sich entschlossen, nicht den Seeweg nach Rom zu nehmen, wie seine Freunde Mansho und Miguel, sondern per Pedes über das Heilige Land in die Ewige Stadt zu wandern, um dort die Priesterweihe zu erlangen.


    In einem Sandsturm in einem Wüstengebiet wird Petro von merkwürdigen Erscheinungen geplagt: so glaub er, seine Mutter zu sehen, die ihm sogar den rechten Weg weist. Auch die Stimme des portugiesischen Paters Vieillas klingt ihm im Ohr, und die ist nicht angenehm, sondern beschimpft ihn als Vagabunden. Aber er kann seine Wanderung, die er auch als Pilgerreise versteht, mit der Hilfe eines Persers fortsetzen. Beide kommen an den Euphrat, wo Petro die Madonna erscheint, und ihn zur Weiterreise seiner Pilgerfahrt ermuntert. Durch die Geist-Erscheinung ist Petro in einer euphorischen Stimmung und kommt so nach Bagdad, wo er zunächst Station macht.


    Kurz vor der Fortsetzung seiner Pilgerreise hat Petro die Vision des Versuchers mit seiner dämonischen Gefolgschaft, die ihm zwar Angst einjagt, die ihn aber nicht hindert, den Weg bis zum Ende zu gehen. Und so kommt Petro endlich in Damaskus an – und hier schließt er sich Jerusalem-Pilgern an, bestärkt durch eine Vision seiner Jugendliebe Ursula Osato. In der Stadt angekommen, hört er wieder die Stimme der Madonna, die ihn auffordert, den Leidensweg Christi zu gehen.


    Doch Petro vergisst nicht das Ziel seiner Wanderung: Rom! Deshalb macht er sich auf den letzten Weg von Jerusalem nach Rom. Obwohl Petro dem Ziel seiner Wünsche immer näher kommt, ist doch der letzte Teil seiner Pilger-Wanderung der schwerste. In Rom aber weiht ihn der Erzbischof Raphael zum Priester und Petro fühlt sich gerüstet, um in seiner Heimat das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden. Petro macht sich also wieder auf den Heimweg...


    Das Martyrium. ...er weiß aber noch nicht, dass in Japan die schlimmsten Christen-Verfolgungen stattfinden. Trotzdem ist Petro in seiner Heimat zunächst erfolgreich. Das bedeutet, dass er seine seelsorgerischen Aufgaben erfüllt, darunter ist ein taubes, sterbenskrankes Kind.


    Der Staat nutzt das Elend der Bevölkerung, hervorgerufen durch einen harten Winter, und gibt den Einwohnern Geldgeschenke, damit sie die Christen, vor allem aber die Priester verraten. Auf diese Weise gerät Petro Kibe in die Fänge von Inoue Chikugonokami, einem abgefallenen Christen und jetzigen Parteigänger des Shogunats. Bei einem Verhör in Edo konfrontiert Inoue Petro mit dem Jesuiten-Provinzial, Pater Ferreira, der bereits in aller Öffentlichkeit dem Christentum abgeschworen hat. Aber der standhafte Petro stürzt mit seinen Argumenten den glaubensabtrünnigen Pater in tiefe Gewissensnöte. Petro bleibt auch dann noch standhaft und unbeugsam, als er erfährt, dass die Patres Joan Porlo und Martino Shikim durch den Anblick eines Scheiterhaufens ihren Glauben verleugnet haben: Petro ist bereit, das Martyrium des Flammentodes auf sich zu nehmen. Als das Feuer seinen Körper erreicht hat, hört er die Stimmen seiner Eltern, die sich mit den Stimmen der himmlischen Heerscharen mischten…


    Anmerkungen:
    Im Jahre 2019 wurde Petrus Kasui mit über 180 weiteren Christen von der katholischen Kirche seliggesprochen. Man sollte wissen, dass dieser Petro Kibe 1587 auf Kyushu, eine der vier japanischen Hauptinseln, geboren wurde. Die Eltern waren Christen, sein Vater ein Samurai. Als 13-Jähriger trat Petro in ein theologisches Seminar ein und nannte sich fortan Kasui. Als nach 1612 alle Christen ihrem Glauben abschwören mussten, studierte Kasui auf der chinesischen Insel Macao weiter. Im Wissen, dass er dort als Japaner nicht Priester werden konnte, begab er sich auf eine abenteuerliche dreijährige Reise nach Europa: Zuerst mit dem Schiff nach Goa, dann zu Fuß durch Persien bis ins Heilige Land und schließlich über das Mittelmeer nach Rom.


    Diesem Petrus Kasui hat die Komponistin Kazuko Hara ein Bühnenwerk gewidmet, das sowohl Geschichtschronik und Biographie als auch Heiligenlegende beinhaltet. Und Hara hat gleichzeitig eine japanische Volksoper geschaffen, deren gattungsgeschichtliche Wurzeln nicht in Japan, sondern im Westen liegen. Besonders Modest Mussorgskis Boris Godunow hat für die dramaturgische Anlage des Petro Kibe Pate gestanden. Wie im Boris wird man durch die Lebensstationen des Titelhelden wie in einem Bilderbogen gefesselt, allerdings stärker als im Vergleichswerk, da Petro als Hauptfigur ständig auf der Bühne steht. Die übrigen Hauptfiguren sind eigentlich nur episodisch eingesetzt, wobei man Hara bescheinigen muss, dass ihr bezüglich einiger bestimmter Personen der Handlung mehr als nur eine Typisierung gelungen ist. Beispielhaft seien hier Inoue Chikugonokami und Pater Ferreira erwähnt.


    In der Musik ist allerdings weniger die russische, eher schon die italienische Belcanto-Musik des späten 19. Jahrhunderts vorherrschend. Da kommt dann das Studium der japanischen Komponistin zur Wirkung, denn Kazuko Hara hat in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Frankreich und Italien Musik studiert (bei Henri Dutillieux, Nikolai Nikolajewitsch Tscherepnin und Adami Coraddetti) und in Venedig noch zusätzlich Gesang.

    Paul Dessau (1894-1975):
    LEONCE UND LENA
    Tragikomödie in drei Akten

    Libretto von Thomas Körner nach dem Lustspiel von Georg Büchner.

    Uraufführung am 24. November 1979 in Berlin (Ost), Staatsoper.


    Personen der Handlung:
    König Peter von Popo

    Sein Sohn, Kronprinz Leonce

    Lena, Prinzessin von Pipi

    Valerio, Freund des Leonce

    Gouvernante von Lena

    Ein Richter.


    Ort und Zeit: Märchenland und Märchenzeit.


    Erster Akt.
    Als erste Person der Handlung lernt das Publikum den Kronprinzen des (natürlich fiktiven) Königreichs Popo kennen, der Leonce heißt. Der liegt nämlich gerade im Schlossgarten in einer Hängematte und neben ihm sitzt auf einer Bank der Haushofmeister, der vom Vater des Kronprinzen, König Peter, den Auftrag bekommen hat, Leonce auf seine zukünftigen Aufgaben als Herrscher vorzubereiten. Der Haushofmeister kommt dem Kronprinzen aber völlig ungelegen, denn Leonce hat angeblich alle Hände voll zu tun. Was das bedeutet, konnte das Publikum schon sehen: Leonce spuckte nämlich 365mal auf einen Stein und wirft nun eine Handvoll Sand in die Luft. Er erklärt dem Haushofmeister, ein Müßiggänger zu sein und behauptet dann steif und fest, dass alle Menschen Müßiggänger wären, weil nämlich alle Tätigkeiten aus Langeweile entstünden. Leonce wünscht sich, dass er einer jener Menschen wäre, die ihr Leben ohne dieses Wissen leben und die sich selbst noch ernst nehmen können.


    Nun tritt Leonces (leicht angetrunkener) Freund, Valerio mit Namen, auf die Szene und legt sich neben ihm ins Gras. Es kommt ein Gespräch über Langeweile und die nutzlosen Dinge, sie sie verrichten, in Gang. Valerio behauptet, dass er lieber ein Narr wäre als eine vernünftige Person. Seine größten Talente seien nämlich der Müßiggang, Nichtstun und seine große Ausdauer in der Faulheit. Es scheint diesbezüglich eine große Übereinstimmung mit Leonce zu geben. Plötzlich stimmt Valerio ein Volkslied an, zieht Leonce aus der Hängematte und geht Arm in Arm mit ihm davon.


    In der Zwischenzeit ist König Peter mit dem Ankleiden beschäftigt und sinniert dabei über das Amt eines Königs und die dazugehörigen Pflichten. Seine Gedanken werden immer wieder durch verwirrende Einlassungen unterbrochen, und zwar immer dann, wenn er nach einem Kleidungsstück sucht. Dann kommt zu einem Treffen mit dem Staatsrat, bei dem die Majestät die bevorstehende Heirat seines Sohnes ankündigt. Und diese Ankündigung geschieht wieder auf sehr konfuse Weise. Einen Augenblick herrscht Schweigen, aber dann fragt König Peter die Anwesenden nach Ihrer Meinung über die Hochzeit. Die konfusen Äußerungen der Majestät lassen den Staatsrat ebenso konfus zurück – niemandem ist klar geworden, wozu sie ihre Ansichten äußern sollen. Doch dann antworten Präsident und Staatsrat, allerdings ausweichend, dass es vielleicht so sei, vielleicht aber auch nicht.


    Leonce lässt derweil von einem Diener den Raum abdunkeln, die Kerzen anzünden und Rosen aufstellen. Das Zimmer soll das romantische Ambiente einer Nacht für seine Geliebte Rosetta schaffen. Als die erscheint kommt es zu einem Gespräch, in dem der Prinz über die Qualen des Nichttuns klagt. Daraufhin fragt Rosetta ihn, ob er sie etwa nur aus Langeweile liebe, worauf Leonce dann erklärt, dass Liebe zu ihr und Langeweile ein und dasselbe seien. Rosetta tanzt für ihn und singt, Leonce stellt aber plötzlich fest, dass eine sterbende Liebe viel schöner als eine werdende sei. Er beschließt, sich von Rosetta zu trennen. Die fällt aus allen Wolken und verlässt den Raum. Ob enttäuscht oder wütend oder beides zusammen, kann das Publikum nicht ausmachen.


    Kaum ist Rosetta gegangen, denkt Leonce über sein Leben nach: Mit wie vielen Frauen muss er beispielsweise zusammen sein, um alle Facetten der Liebe kennenzulernen? Diese Frage ist durchaus berechtigt, denn dem Kronprinzen erscheint sein Leben wie ein großer, zu beschreibender Fragebogen, bei dem er aber nicht weiß, womit er beschriftet werden soll? Zwar versucht er immer wieder, sich neu zu erfinden, aber gelingen will ihm das nicht. Er bleibt immer der, der er ist, und glaubt, dass er bereits heute vorhersagen kann, wie seine Gedanken ein Jahr später aussehen werden.


    Abermals taucht Freund Valerio auf und beide beginnen ein Wortspiel, wobei sie sich gegenseitig zu übertreffen versuchen. Das vergnügliche Spiel wird allerdings vom Staatsrat unterbrochen, wobei der Präsident Leonce informiert, dass seine Verlobte, die Prinzessin Lena des Königreiches Pipi, am folgenden Tag eintreffen werde. Leonce und Valerio nehmen das zur Kenntnis, bleiben jedoch bei ihren Wortspielereien und antworten dem Präsidenten, wie dem gesamten Staatsrat mit Spott.


    Kaum sind die Männer fort, verspottet Valerio den Beruf des Königs. Leonce und er gehen dann scherzhaft weitere mögliche (allerdings für beide unrealistische) Karriereoptionen durch: Wissenschaft, Helden- und Künstlertum werden diskutiert, aber nicht weiter verfolgt. Leonce und Valerio überlegen, ob sie vielleicht „nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft“ werden sollten. Leonce allerdings behauptet, lieber wolle er das Menschsein aufgeben. Valerios Vorschlag, einfach zum Teufel“ zu gehen, lehnt er ab. Stattdessen schlägt er vor, gemeinsam Italien zu besuchen und kennen zu lernen, denn er „verspüre aus dem Süden ein Wehen“.


    Prinzessin Lena aus dem Königreich Pipi sitzt unterdessen mit ihrer Gouvernante im Garten ihres Palastes und klagt über Bevormundungen. So werde beispielsweise von ihr verlangt, zu heiraten, obwohl sie keinen Mann heiraten will, den sie nicht liebt. Sie meint, dass sie wertloser sei als eine Blume – denn die könne entscheiden, wann sie sich öffnet und schließt. Sie aber kann nicht mal entscheiden, wen und wann sie heiraten möchte.


    Zweiter Akt.
    Valerio und Leonce sind auf der vom Kronprinzen initiierten Flucht nach Italien. Valerio hält sich mit seiner Klage dran, dass sie bereits durch ein halbes Dutzend Königreiche spaziert seien, um der für Leonce geplanten Hochzeit zu entfliehen. Ironisch schlägt er vor, dass sein Freund sich doch genauso gut auch hätte umbringen können. Daraufhin meint Leonce, dass er lieber nach einer idealen Frau suchen will, die allerdings sowohl „sehr schön als auch sehr einfältig“ sein müsste. Die beiden beschließen, in einem Wirtshaus eine Pause auf ihrer Flucht einzulegen.


    Kaum sind sie im Wirtshaus kommen Prinzessin Lena und ihre Gouvernante auf die Szene. Lena ist fasziniert von der Weite der Welt und will immer weiter gehen, ihre Erzieherin aber besteht darauf, dass es an der Zeit ist, eine Unterkunft für die Nacht zu finden.


    Valerio sitzt mit dem Kronprinzen im Garten des Wirtshauses und Leonce zeigt sich erschlagen von der Weite der Welt. Aber ihn überkommt unerwarteterweise ein großer Tatendrang, der ihn zu Unternehmungen in die weite Welt drängt, bei denen er auch Erlebnisse haben kann. Andererseits ist Leonce die idyllische Natur unheimlich: wenn er in den Himmel schaut, sieht er Gespenster, und die Ruhe hier kommt ihm vor wie ein ängstliches Kind, das sich vor den Gespenstern gruselt.


    Dritter Akt.
    Leonce teilt Valerio mit, dass er das fremde Mädchen heiraten will, doch Valerio meint, dass sie sich nicht kennen würden, was eben ein Problem sei. Das ist aber für Leonce kein Hinderungsgrund, denn es gibt genügend Beispiele aus Königshäusern, dass eingefädelte Ehen gelingen können. Valerio sichert seinem Freund zu, ihn noch am gleichen Tag vor den Augen seines Vaters zu verheiraten. Allerdings begehrt er für diese Tat einen Ministerposten. Und das sagt Kronprinz Leonce zu.


    Währenddessen haben sich der Landrat, der Schulmeister und ein paar festlich gekleidete Bauern auf dem Platz vor dem Schloss versammelt. Schulmeister und Landrat wurden die Aufgabe zugeteilt, den Bauern ein angemessenes Verhalten für die königliche Hochzeit beizubringen: Sie sollen, wird da vorgemerkt, sich nicht kratzen, nicht die Nase putzen, aber gerührt wirken. Außerdem sollen sie immer wieder „Vivat!“ rufen.


    Im großen Saal des Schlosses werden die Vorbereitungen zur Hochzeit des Kronprinzen getroffen. Der Zeremonienmeister und einige Bedienstete erwarten den König und Peter kommt, begleitet vom Staatsrat, in den Saal und erkundigt sich, ob jemand die Prinzessin oder den Kronprinzen gesehen habe. Aber keiner der Anwesenden weiß etwas über den Verbleib des Brautpaares. Peter gerät daraufhin in Sorge, da er sein königliches Wort nicht brechen will. Der Präsident versucht, ihn zu beschwichtigen: Ein königliches Wort sei „ein Ding“, das nichts sei.


    In diesem Augenblick treten Valerio, Leonce, Lena mit der Gouvernante auf die Szene. Alle tragen Masken und der König fragt, wer sie seien. Die Antwort gibt dann Valerio und gibt an, dass er nicht wisse, wer er sei, dass er sogar, wenn sich er sich in den Augen seiner Gegenüber spiegele, noch weniger wisse. Er teilt den Umstehenden mit, dass es sich bei den Maskierten um Automaten handele, darunter auch zwei weltberühmte. Er selbst sei übrigens auch ein Automat, und tatsächlich der merkwürdigste von allen. Bei den Automaten, die er mitgebracht habe, handele es sich um „ein Männchen und ein Weibchen“, die aus nichts als „Kunst und Mechanismus“ bestünden. Sie sind, sagt er, seien so fein gearbeitet, dass man sie von richtigen Menschen gar nicht unterscheiden könne. Insofern könnte man sie auch sehr leicht zu „Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft“ machen. „Natürlich sind sie auch gebildet und haben ein untrügliches Gefühl für die guten Sitten.“


    König Peter beschließt daraufhin, dass man die Hochzeit „bildlich“ feiern werde. Leonce und Lena werden vermählt. Da es sich um eine Nachbildung einer geplanten Hochzeit handelt, werden die beiden mit ihren wahren Namen angesprochen, ohne dass irgendwem außer Valerio und der Gouvernante bewusst ist, dass es sich auch tatsächlich um die entsprechenden Personen handelt. Schließlich nehmen alle ihre Masken ab und sorgen damit für große Überraschung im Saal. Auch Leonce und Lena sind überrascht, als sie verstehen, dass sie durch Zufall und aus freiem Willen denjenigen geheiratet haben, der für sie von ihren Eltern als Braut bzw. Bräutigam vorgesehen war.


    König Peter reagiert zwar gerührt, aber auch verwirrt und geht dann ab. Leonce schickt die Anwesenden mit einem förmlichen Dank wieder nach Hause. Als er mit Lena alleine auf der Szene ist, überlegen sie, was sie nun mit ihrem Königreich anstellen sollen. Politische Konflikte planen? Theater bauen? Kalender aussetzen? Aufhören, die Zeit zu zählen? Valerio freut sich derweil auf seinen Posten als Staatsminister und verkündet, er werde ein Dekret erlassen, nach dem sich jeder, der zu viel arbeitet, strafbar macht.


    Paul Dessau (1894-1976):
    LANZELOT

    Oper in fünfzehn Szenen mit einem Epilog
    Libretto von Heiner Müller und Ginka Tscholakova nach Motiven von Hans Christian Andersen

    und der literarischen Vorlage „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz.


    Uraufführung am 19. Dezember 1969 in der Deutschen Staatsoper, Berlin (Ost).


    Personen der Handlung:
    Ritter Lanzelot (Bariton) - Drache (Bass) - Elsa (Sopran) - Charlemagne, ihr Vater (Bass)

    Bürgermeister (Tenor) - Heinrich, sein Sohn (Tenor) - 3 Freundinnen (1 Soprane und 2 Alte) - Kater (Sopran) - 3 Arbeiter (1 Tenor und 2 Bässe) - Medizinmann (Bass) - Interpret (Tenor) - Kunsthändler (Tenor) - Esel (Tenor) - Sekretär (Tenor) - Lakai (Tenor) - 3 Berater (1 Tenor und 2 Bässe) - 2 Polizisten (Tenor und Bass) - Bürgerin (Sopran) - 3 Bürger (1 Tenor und 2 Bässe) - Kind (Sopran) - Wagner-Siegfried (Tenor) - Herakles - Nemeischer Löwe - Lernäische Hydra - Meerwolf - Jolaos (5 Tänzer) - militärischer Berater (Sprechrolle)

    Chor, Kinderchor, Ballett.



    Erste Szene: Steinzeitliche Siedlung.

    Ein Chor klagt über die hohe Sterbeziffer in der Siedlung. Ein Medizinmann empfiehlt eine Eingeweideschau und erklärt danach, dass die Götter die Bewohner für ihre Verfehlungen mit einer Choleraepidemie bestrafen würden. Der Medizinmann hat aber einen Vorschlag, wie man einer Epidemie vorbeugen könnte: der Drache muss das Wasser des nahen Sees zum Kochen bringen, und damit alle Bakterien abtöten. Tatsächlich lässt sie der Riesenwurm zu der Aktion herab und wird hinterher von den Menschen der Siedlung gefeiert. Der Medizinmann mit der richtigen Idee geht leer aus.


    Zweite Szene: Die Handlung ist ab diesem Zeitpunkt in der Gegenwart angesiedelt.

    Die schöne Elsa ist gerade mit ihren Freundinnen im Blumengarten und pflückt mit ihnen bunte Blumen. Die Freundinnen haben nur ein Plauder-Thema: die geplante Heirat Elsas mit dem Drachen. Eine der Freundinnen sagt es zunächst und die anderen stimmen dem zu: Es ist eine große Ehre, den Drachen heiraten zu können und es geschieht damit auch zum Wohle der Stadt. Elsa ist anderer Meinung, denn sie verachtet das Untier. Noch mehr aber fürchtet sie wie seine bisherigen Gemahlinnen umgebracht zu werden.


    Dritte Szene.
    Der Blick des Publikums wird auf das Büro des Drachen gelenkt. Der sitzt dort und rühmt sich gerade seiner mystischen Herkunft, als die Bürgersprechstunde beginnen soll. Der Drache reagiert genervt, als Heinrich, der Sohn des Bürgermeisters und auch der Verlobte Elsas, vorstellig wird, um die Hochzeit mit dem Drachen zu verhindern. Das Gespräch mit Heinrich verläuft aber ganz anders, denn der Drache ernennt Heinrich schließlich zu seinem neuen Sekretär. Als der Herr Bürgermeister hinzukommt reagiert er über Anstellung seines Sohnes natürlich mit Freude.


    Vierte Szene.
    Nun tritt erstmals Lanzelot auf die Szene und erkundigt sich bei dem sprechenden Kater von Charlemagne über die Gegebenheiten in der Stadt. Dabei erfährt Lanzelot natürlich auch von der Herrschaft des Drachen und von der Pflicht der Einwohner, stets lächeln zu müssen. Beides ist für den Ritter unverständlich und er lässt sich von Charlemagne, der soeben hinzutritt, zum Essen einladen. Während und nach dem Essen wird auch über den Drachen gesprochen und Lanzelot kündigt schließlich an, ihn töten zu wollen. Das kommt aber bei Charlemagne überhaupt nicht gut an, denn er spricht sich vehement gegen den Mord aus. Zur Begründung verweist Charlemagne auf viele Vorzüge, die in der Herrschaft des Drachen über die Stadt liegt. Als überraschender Weise auch Elsa hinzukommt, wird klar, dass auch sie dagegen ist, und dass sie sich über ihr Schicksal nicht mehr beklagen will, sondern sich darein ergeben hat.


    Fünfte Szene.
    Der Drache hat sich in den Fernsehraum begeben und beobachtet von dort aus die Stadt und die Einwohner. Als Charlemagne hinzukommt, findet der Drache aufgrund von Charlemagnes Ergebenheit Gefallen an ihm und denkt darüber nach, ihm den Posten des Oberarchivars zu verleihen. Der rebellisch wirkende Lanzelot aber gefällt ihm nicht und in Erwartung einer eventuellen Konfrontation übt er schon mal ein lautes Gebrüll.


    Sechste Szene.
    Der Drache hat sich in die Gestalt eines Menschen verwandelt und besucht die Stadt. Er spricht sogar die Einwohner an und lässt sich bestätigen, dass alle glücklich sind. Lanzelot stellt sich ihm entgegen, woraufhin der Drache wieder seine Reptilienform annimmt und Lanzelot töten will. Der ängstliche Charlemagne weist auf die Verfassung hin, die der herausfordernden Partei das Recht zugesteht, sowohl den Kampftag zu bestimmen als auch der Stadt die Kosten seiner Bewaffnung aufzubürden. Daraufhin setzt der Drache die Verfassung außer Kraft und behauptet, dass es zu deren eigenem Wohl sei. Lanzelots und einer Bitte Elsas folgend stimmt er aber dem arrangierten Duell zu. Nach seinem Abgang macht der Bürgermeister dem Lanzelot Vorwürfe, versucht aber erfolglos, ihm den politischem Pluralismus der Stadt zu beweisen. Charlemagnes Sohn Heinrich schlägt seinem Vater vor, Lanzelot zu bewaffnen.


    Siebte Szene: Intermezzo

    Der Drache hat als Politiker natürlich auch Berater. Und die berichten ihm von den in aller Welt berühmten Taten eines Herkules oder auch eines Siegfried. Sie rechnen diese Taten aber dem Lanzelot zu und verdeutlichen damit, dass ihm von Lanzelot eine Gefahr droht. Hinter der Bühne ruft ein Chor derweil nach dem Helden.


    Achte Szene.
    Charlemagne möchte Lanzelot für den Kampf ausrüsten, wenn der keine eigenen Waffen besitzt. Da genau das die Polizei bei einer Hausdurchsuchung festgestellt hat, übergibt er Lanzelot eine schriftliche Bestätigung, dass alle Waffen der Stadt in der Reparatur seien. Das sieht für das Publikum so aus, als wolle der Herr Bürgermeister für die Stadt eine Konfrontation mit dem Drachen vermeiden. Man ersetzt den Kampf zwar durch eine Badekur, doch Lanzelot besteht auf dem Kampf. Der Drache wiederum schlägt vor, dass er und der Ritter sich Elsa teilen. Heinrich hat auch noch einen Vorschlag, und zwar solle Elsa Lanzelot töten, um damit eine Zwangsheirat zu vermeiden. Aber Elsa verweigert sich Heinrichs Vorschlag, versucht jedoch, wenn auch erfolglos, Heinrich zu töten. Der Drache ist derweil verärgert über ein unterirdisches Murren, das die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit seiner Herrschaft verdeutlicht. Sein Sekretär aber informiert ihn, dass deswegen bereits eine Polizeiaktion stattfindet.


    Neunte Szene.
    Mit Heinrichs Hilfe und mit der Hilfe einer Puppe trainiert der Drache für das Duell. Neben Nahkampftechniken bedient er sich auch eines modernen Waffenarsenals. Die Handlung wird von drei Musikern auf der Bühne begleitet, deren Spiel bei einem Fehlschlag des Drachen aussetzt, woraufhin er die Musiker auffrisst. Die Szene kommt ohne Dialoge aus. Als Alternative für dieses Geschehen hat der Komponist mit dem Librettisten ein kurzes Arioso geschrieben, in dem der Drache seine Regentschaft verherrlicht und gleichzeitig die Regierten verflucht.


    Zehnte Szene.
    Lanzelot zweifelt an seinem Befreiungsplan, weil die Bevölkerung die Hilfe zurückweist. Allerdings kommt ihm unerwartete Hilfe durch einen Antiquitätenhändler, einen Kater, drei Arbeiter und einen Esel: sie rüsten Lanzelot für den Kampf mit dem Drachen aus. Die Szene endet im Kampf mit dem Untier.


    Elfte Szene.
    Eine Lautsprecherdurchsage kündigt den bevorstehende Sieg des Drachen an, während die Stadtbewohner über den Bürgermeister, Charlemagne, und über Lanzelot diskutieren. Der Kater beispielsweise erzählt Elsas Vater, dass der Drache seinem Gegner schwer zusetzt. Die Arbeiter, ein Kind und der Esel erklären, auf der Seite des Helden zu stehen, dann gesellen sich auch Bürgermeister Charlemagne und mehrere Gefangene zu den Unterstützern – und rufen sogar den Namen des Helden aus.


    Zwölfte Szene.
    Diese Szene geht – fast – ohne Dialoge vor sich. Lediglich der Chor bringt sich mit dem Ruf „Lanzelot, Lanzelot“ in Stellung. Dafür sieht das Publikum den Drachen und den Ritter am Himmel kämpfen. Ein interessantes Kampfgetümmel übrigens, denn dem als Saurier auftretenden Drachen gelingt gegen den Kontrahenten immer wieder ein tödlicher Schlag, aber Lanzelot kommt immer wieder in einer anderen Gestalt zum Kampf, während es ihm gelingt, dem Drachen wieder und wieder den Kopf abzutrennen, der jedoch stets sofort nachwächst.


    Dreizehnte Szene.
    Schließlich aber kommt es doch zum Tode des Drachen. Danach versuchen Charlemagne und sein Sohn Heinrich mit Polizisten den öffentlichen Zorn über dessen Herrschaft auf andere zu lenken. Jetzt lässt Charlemagne Gefangene aus dem Gefängnis frei, doch als diese Freigelassenen dem Bürgermeister Vorwürfe machen, hetzt er die Bevölkerung auf sie und veranlasst die Polizei, sie erneut zu inhaftieren. Ihm kommt außerdem die Idee, bei den Bewohnern für ein Denkmal zu werben, und für die Werbekampagne benutzt er einen Drachenkopf als Megaphon.


    Vierzehnte Szene.
    Eine kurze Szene, in der Lanzelot seinen Kampf mit dem Drachen monologisierend Revue passieren lässt.


    Fünfzehnte Szene.
    Es gibt Veränderungen: Der Bürgermeister hat sich inzwischen zum Präsidenten aufgeschwungen, und wird außerdem noch als Bezwinger des Drachen gefeiert – was natürlich falsch ist, aber niemanden interessiert. Niemanden? Obwohl es durchaus Autoritäten in der Stadt gibt, die jegliche Erinnerung an den Ritter Lanzelot auszulöschen gewillt sind, zumindest den Helden jedoch verleumden wollen, gibt es Menschen, denen das nicht passt und die würdigen den Ritter durch Graffiti, obwohl so etwas bei Strafe verboten ist.


    Dass der Präsident partout Elsa heiraten möchte, ist allgemein bekannt und auch akzeptiert. Lanzelot kommt hinzu, ihm folgen Gefangene sowie Arbeiter. Elsa nimmt das Publikum als überglücklich wahr, während sich andere in Erwartung gewalttätiger Ausschreitungen verstecken. Das Gefolge von Lanzelot nimmt an der Hochzeitstafel Platz, während es den Präsidenten und Heinrich für abgesetzt erklärt und alle Drachenfragmente aus dem Saal fortschaffen lässt.


    Während plötzlich alle Akteure die Bühne verlassen, bleibt ein Kind zurück, das dann die durchaus freudigen Schlussworte in einem Epilog wiederholt. Es ist aber ein merkwürdig-fragwürdiger Unterton in den Wiederholungsworten des Kindes enthalten...

    Paul Dessau (1894-1979):

    PUNTILA
    Oper in dreizehn Bildern mit Prolog und Epilog
    Libretto von Peter Palitzsch und Manfred Wekwerth nach Bertolt Brechts Theaterstück Herr Puntila und sein Knecht Matti

    Uraufführung am 15. November 1966 in der (Ost-)Berliner Staatsoper.


    Personen der Handlung:
    Johannes Puntila, Gutsbesitzer (Bass) - Matti Altonen, sein Chauffeur (Bariton) - Fredrick, Advokat (Tenor)

    Drei Bierleichen (stumme Rollen) - Müder Ober (Sprechrolle) - Ein Diener (Sprechrolle) - Die Schmuggler-Emma (Alt)

    Die Apothekerin(Mezzosopran) - Lisu, das Kuhmädchen (Sopran) - Telefonistin Sandra (Sopran) - Erster Gutsbesitzer (Bass)

    Erster. Arbeiter (Tenor) - Händler (Tenor) - Bibelius, Gutsbesitzer (Tenor) - Zweiter Arbeiter (Bass) - Fotograf (Tenor)

    Dritter Arbeiter (Bass) - Zweiter und Dritter Gutsbesitzer (Bass, Tenor) - Vierter Arbeiter (Bass) - Der Kümmerliche (Tenor)

    Buckliger (stumme Rolle) - Kellnerin (stumme Rolle) - Ein Arbeiter (Tenor) - Ein Fleischer (Sprechrolle)

    Fina, Stubenmädchen (Mezzosopran) - Laina, Köchin (Alt)

    Ein Arbeiter (Sprechrolle) - Eva, Puntilas Tochter (Sopran) - Ein anderer Arbeiter (Sprechrolle) - Eino, Attaché (Tenor)

    Probst (Tenor) - Pröbstin (Sopran)

    Chor: Waldarbeiter, Gesinde auf Puntila.


    Ort und Zeit: Tavasthus in Finnland zu Beginn des 20.Jahrhunderts.


    Prolog.
    Vor dem Vorhang.
    Vor Beginn der Oper wird ein Text gesprochen, in dem es u.a. heißt: „[…] die Zeit ist trist. Klug, wer besorgt, und dumm, wer sorglos ist! Doch ist nicht übern Berg, der nicht mehr lacht.“ Das Kuhmädchen Lisu beschimpft den Gutsbesitzer Puntila als ein „unnützes und verfressenes Tier“ und nennt ihn eine „Landplage“.


    Erstes Bild: Nebenstube im Parkhotel zu Tavasthus.

    Herr Puntila hat sich mit dem Advokaten Fredrick und weiteren Personen getroffen, hat dabei ordentlich dem Alkohol zugesprochen, wobei nur noch der Advokat und Herr Puntila einigermaßen nüchtern, die anderen Personen aber unter den Tisch gesunken sind. Enttäuscht, weil sie nichts vertragen können, schwingt er sich auf den Tischen und tanzt, durchaus gekonnt, zwischen Gläsern hin und her. Plötzlich wird er von einem Mann, der in die Gaststube tritt, angesprochen, und der sich ihm als sein Chauffeur vorstellt. Obwohl Puntila den Mann nicht wiedererkennt, nennt er ihn ganz menschlich und will dann von ihm eine Entscheidungshilfe zu einem wichtigen Fall haben: seine einzige Tochter Eva steht kurz vor ihrer Heirat und soll von ihm selbstverständlich eine gute Mitgift bekommen. Dazu muss er allerdings einen Wald verkaufen oder sich selbst; letzteres indem er auf die Avancen der reichen Frau Klinkmann eingeht. Puntila entscheidet sich für den Wald.


    Zweites Bild: Nutzwald mit aufgeschichtetem, geschlagenem Holz.

    Als Puntila das wertvolle, hoch gestapelte Holz sieht, kann er nicht anders, als seine Entscheidung wieder zu ändern – den Zuschlag bekommt nun Frau Klinkmann.


    Drittes Bild: Diele im Gutshaus der Frau Klinkmann mit vielen Türen.

    Die Zuschauer werden Zeugen, wie Puntila und Matti nächtens bei der reichen Frau Klinkmann in die Wohnung eindringen. Sie schlagen den Hausdiener in die Flucht, danach öffnet Puntila jede Tür, bis er schließlich im Schlafzimmer Frau Klinkmann antrifft. Weil die allerdings Geräusche gehört hat, war sie inzwischen wach geworden und stieß einen schrillen Schrei aus, als Puntila ins Schlafzimmer kam. Erschrocken über diesen Schrei ziehen sich Puntila und Matti zurück. Puntila aber nimmt sich vor, doch lieber den Wald zu verkaufen.


    Viertes Bild: Dorfplatz mit Apotheke und Post, am frühen Morgen.
    Puntila ist noch immer betrunken und gerade mit seinem Auto auf der Suche nach Alkohol. Dass er in seinem Zustand mit dem Wagen gegen einen Telegrafenmast fährt, wundert natürlich nicht. Ihm kommen vier Frauen entgegen, beispielsweise die Schmuggler-Emma, danach die Apothekerin, dann das Kuhmädchen Lisu und zuletzt die Telefonistin Sandra. Sie alle berichten ihm aus ihrem Leben, nur die Apothekerin schenkt ihm auch noch eine Flasche Schnaps, als er sie über seine scharlachkranken Kühe informiert. Kaum ist die Apothekerin weg, trinkt Puntila die Flasche selbst aus. Sandra, die Telefonistin, informiert ihn, dass seine Tochter schon die halbe Nacht gesucht habe, weil er Herrn Bibelius, einen Kaufinteressenten für den Wald, nun schon zum zweiten Mal versetzt habe. Als Nachwehe für die Flasche Schnaps, im Rausch also, verspricht Puntila den Frauen nacheinander die Ehe und lädt sie für den Sonntag auf sein Gut ein.


    Fünftes Bild: Dorfplatz zu Lammi.

    Puntila zankt mit Matti und wirft ihm vor, ihn auf den falschen Gedanken mit der Klinkmann gebracht zu haben, der Wald wäre ansonsten doch längst schon verkauft. Der (irgendwie harmlos wirkende) Streit mit Matti veranlasst Puntila, zunächst erst einmal zum Café zu gehen, wo er auch telefonieren will. Unterwegs beobachtet er auf dem Markt, wie Bibelius und andere Gutsbesitzer mit interessierten Arbeitern verhandeln. Er steht beiseite und sieht sich die Arbeiter genau an, wobei der, mit dem Bibelius gerade verhandelt, ihm gefällt. Und den wirbt er Bibelius ab, worauf der zornig davonzieht. Den Vertrag für den Waldkauf mit Bibelius kann Puntila jetzt bestimmt vergessen. Es sieht so aus, als denke er da nicht weiter drüber nach, denn er engagiert auch die übrigen Arbeiter, lässt sogar den untauglich wirkenden Kümmerlichen nicht stehen, und spendiert allen ein Runde im Café. In einem Punkt aber bleibt er hart: als die Arbeiter schriftliche Verträge ansprechen, gibt er zu verstehen, dazu nicht bereit zu sein. Allerdings hat der Zuschauer den Eindruck, dass den Arbeitern dieser Punkt auch nicht wichtig genug ist, denn sie nehmen alle Puntilas Einladung auf sein Gut Schlaraffia an und singen vom Neunstundentag.


    Sechstes Bild: Im Auto.
    Matti kennt Puntila, weshalb er auf der Heimfahrt die Arbeiter vor den seiner Meinung nach leeren Versprechungen Puntilas warnt: er wird sie fortjagen, sobald er wieder nüchtern sei.


    Siebtes Bild: Teil des Hofs von Puntila mit Badehütte.

    Es ist schon fast tiefe Nacht, als Puntila mit den neuen Arbeitern auf dem Hof eintrifft. Das Gesinde liegt bereits in tiefem Schlaf. Jetzt gibt es aber familiären Zoff, denn Eva schimpft mit ihrem Vater, weil sie immer noch auf die Mitgift warten müsse. Vater Puntila rät seiner Tochter, ihr Geschimpfe überhörend, anstelle des Attachés Eino, der „kein Mann“ sei, wie er meint, doch lieber seinen Chauffeur Matti zu heiraten. Warum sie nun wütend wird, bleibt ihr Geheimnis. Aber die Arbeiter müssen die Wut ausbaden, denn sie schickt die Truppe, gerade eben erst mit Vater Puntila angekommen, wieder weg. Eva sucht nun Rat bei Matti, den sie eigentlich Eino vorzieht. Die beiden überlegen, wie sie die Verlobung mit Eino wieder lösen können. Tatsächlich finden sie einen Weg: beispielsweise gehen sie vor Einos Augen gemeinsam in die Sauna. An einem anderen Tag sieht der Attaché die beiden Karten spielen und gemeinsam vertraulich kichern. Diese Varianten, Eino zum Rückzug zu bewegen, haben jedoch keinen Erfolg, verärgern aber Vater Puntila: er kündigt Matti die Stellung als Chauffeur. Eino aber bleibt zuversichtlich, denn er schenkt Eva einen dicken Strauß Rosen. Das kommentiert Matti mit seiner Meinung, Einos Schulden müssten wohl größer sein, als bisher angenommen.


    Achtes Bild: Gutsküche am Abend.

    Wir sehen, dass Matti in Gegenwart des Stubenmädchens Fina die Zeitung liest. Dann schlägt er ihr plötzlich vor, dass sie beide zum Fluss gehen sollten, was Fina aber ablehnt und die Szene verlässt. Dabei kommt ihr Eva entgegen, mit der es ein stummes Blickduell gibt. Eva lädt Matti ein, dass sie gemeinsam auf der Insel Krebse für das Verlobungsessen fangen. Doch es kommt anders: während sich Eva umzieht, teilt die Köchin Laina Matti mit, dass Fina mit der Futtermeisterin bereits am Fluss auf ihn warten. Matti würde sich auf der Insel lieber mit Eva unterhalten als nach Krebsen zu jagen. Da Eva jedoch zögert, entschließt er sich, im Haus zu bleiben.


    Neuntes Bild: Hof auf Puntila, am Sonntagmorgen.

    Puntila ist schon früh aktiv; er versucht, der Klinkmann telefonisch den Wald zu verkaufen. Danach macht er Eva klar, dass die Verlobung mit Eino nun stattfinden müsse. Plötzlich stehen die vier von ihm eingeladenen Frühaufsteherinnen, denen er die Ehe versprochen hat, am Tor. Matti, der sie im Empfang nimmt, warnt sie vor seinem heute nüchternen Herrn, und gibt an, dass er sie vielleicht nicht gut behandeln würde. Tatsächlich erkennt Puntila keine einzige von seinen vier Bräuten wieder. Matti versucht noch, ihm zu erklären, dass sie lediglich zur Heiterkeit bei der anstehenden Verlobungsfeier beitragen wollen – doch Puntila wirft sie grob hinaus.


    Zehntes Bild: Distriktstraße am Abend.

    Die vier „Bräute“ von Puntila sind auf dem Weg nach Hause und unterhalten sich dabei über das Erlebte. Sie ziehen dabei ihre Lehre aus Puntilas Verhalten, und die sieht so aus: weil es Leute gibt wie Puntila, die nicht gefährlich aussehen, sollte jede Frau vorsichtig im Umgang mit derlei Menschen sein.


    Elftes Bild: Esszimmer auf Puntila mit Büfett.
    Weil Puntila wieder betrunken ist, gibt es wieder einmal familiären Zoff. Puntila wirft Eino mit einem Fußtritt aus dem Haus und lallt, dass er Eva auf keinen Fall mit einer „Heuschrecke“ verloben will, sondern mit einem Menschen – und das könnte nur sein Freund und Chauffeur Matti sein. Die Verlobung soll sofort gefeiert werden, schließlich will er die ganzen Vorbereitungen nicht umsonst gemacht haben. Obwohl Eva einverstanden ist, hat jetzt Matti Vorbehalte: sie sei keine Frau für einen Chauffeur, glaubt er, und seine Mutter werde sie sicher schwer prüfen wollen. Das nimmt Eva zum Anlass, vorzuschlagen, diese Examinierung schon einmal durchzuspielen. Matti gibt ihr auf, einen Hering zu besorgen, worauf er ihr dann eine genaue Beschreibung über das Leben der ärmeren Bevölkerung gibt. In seiner Familie, sagt er, kommt in der Woche fünf, manchmal auch bis zu acht Mal Hering auf den Tisch. Dann spielt Matti der Eva vor, wie er mitten in der Nacht zur Arbeit gerufen wird – und sie reagiert mit einer Schimpfkanonade. Wie zur Beruhigung klopft er ihr scherzhaft auf den Hintern und Fredrick, der Advokat, erklärt ihr, dass sie durchs Examen gefallen ist. Eva verzichtet auf diese Ehe, was ihr Vater enttäuscht zur Kenntnis nimmt. Betrunken wie er ist, enterbt er sie und wirft sie schließlich sogar aus dem Haus.


    Zwölftes Bild: Zwischenspiel „Nocturno“ – Vor dem Vorhang.

    Während sich Puntila und Matti draußen erleichtern, singt eine Stimme von der Liebe zwischen Fuchs und Hahn, die letztlich nicht gut für den Hahn endete. Matti bestätigt Puntila, dass das auch für sie gilt.


    Dreizehntes Bild: Bibliothekszimmer auf Puntila.

    Laina, die Köchin, versorgt als gute Fee des Hauses den zwar momentan nüchternen, aber doch schwer verkaterten Puntila mit Eiskompressen. Fredrick der Anwalt und der Probst machen ihm Vorwürfe, weil sein Gesinde lautstark den Neunstundentag besungen hätte. Zornig unterschreibt daraufhin eine Erklärung, dass allen revolutionär eingestellten Arbeitern gekündigt werden soll. Außerdem schwört er, nie wieder trinken zu wollen und sämtlichen Alkohol im Haus zu vernichten. Laina und Fina müssen alle Flaschen holen. Und Puntila nimmt sich jede einzelne zum probieren vor und zerschmeißt sie dann. Wieder betrunken erhöht er Mattis Gehalt und will mit ihm „im Geist“ den Hatelmaberg besteigen. Den baut ihn Matti aus dem zerschlagenen Mobiliar der Bibliothek zusammen. Puntila steigt hinauf und beschreibt Matti schwärmerisch sein Reich im Tavastland. Matti stimmt vorsichtig zu.


    Epilog: Distriktstraße, am frühen Morgen.

    Matti verlässt Herr und Hof. Obwohl Puntila nicht „der schlimmste Chef“ war, konnte er, Matti, den „Freundschaftsbund“ mit Puntila nicht bestehen, denn „der Rausch verfliegt“.

    Pietro Francesco Cavalli (1602-1676):
    LA CALISTO

    Oper in drei Akten mit einem Prolog

    Libretto von Giovanni Faustini, deutsche Übersetzung von Karl Robert Marz

    Originalsprache: Italienisch.

    Uraufführung 1651 am Teatro San Apollinare in Venedig.


    Personen der Handlung:
    Die Natur (Mezzosopran oder Alt)

    Die Ewigkeit (Sopran oder Mezzosopran)

    Das Schicksal (Sopran)

    Mercurius / Merkur (Bariton)

    Calisto, Nymphe aus Dianas Gefolge (Sopran)

    Endimione / Endymion, Schäfer, in Diana verliebt (Contratenor oder Mezzosopran)

    Diana, Göttin der Jagd (Mezzosopran)

    Linfea, Nymphe im Gefolge der Diana (Tenor)

    Satirino (Sopran), ein kleiner Satyr, Begleiter des

    Pan, Gott der Schäfer (Bass)

    Sylvanus, Waldgott (Bassbariton)

    Juno, Gattin von Jupiter (Sopran)

    Echo, Bergnymphe (Sopran)

    Chor: Satyre, Himmlische Geister, Furien.

    Ort und Zeit: Eine Waldlichtung in Arkadien, griechische Mythologie.


    Prolog.
    Höhle in Arkadien.

    Die Natur, die Ewigkeit und das Schicksal, Symbolfiguren, die in vielen frühen Opern im Rahmen eines Prologs, der als fester Bestandteil der Handlung gilt, auftreten, sind auch hier dabei: sie feiern die Aufstieg der Nymphe Calisto zu den Sternen. Die Hintergründe werden in der folgenden Handlung dargelegt. Sie basiert übrigens auf der Leppard-Fassung.


    Erster Akt.
    An einem ausgetrockneten Flussbett; an den Ufern verdorrte Bäume.

    Gott Jupiter (eigtl. Zeus, da die Handlung ja in der griechischen Mythologie angesiedelt ist) hat Merkur (eigtl. Hermes, in der griechischen Mythologie sowohl für Händler als auch für Diebe zuständig, und der außerdem als Götterbote fungiert), auf die Erde mitgenommen, weil er prüfen will, welche Auswirkung das Feuer hat, das er den Menschen wegen ihrer Freveltaten geschickt hat.


    Den beiden Göttern begegnet auf der Erde die fast verdurstende Nymphe Calisto (eine Tochter des Kriegers Lykaon), die auf der Suche nach Wasser ist, in die sich Gott Jupiter (wieder einmal) unsterblich verliebt. Natürlich weiß er Abhilfe für Calisto: er lässt eine Quelle aus dem Felsen plätschern, den er als Werbung um die Schöne versteht, sie jedoch nicht und ihn folglich abweist. Merkur rät Jupiter heimlich, dass er sich in (seine Tochter) Diana (in der griech. Mythologie Artemis genannt) verwandeln soll, denn deren Küsse würde Calisto bestimmt nicht zurückweisen.


    Calisto wendet sich der Quelle zu, als plötzlich Diana vor ihr steht, deren Zärtlichkeiten sie vollkommen unbefangen geschehen lässt und sie später sogar erwidert. Dann ziehen die beiden sich in eine Grotte zurück, während Merkur allen Männern rät, Frauen zu betrügen, denn dann kämen sie viel schneller zum Ziel.


    Die neue Quelle hat nicht nur für Calisto, sondern auch für die Umgebung viel Gutes mit sich gebracht: das Gras und die Wiesenblumen schießen; nur einen muntert das nicht auf: Endimione, Schäfer und in Diana verliebt, geht über frühlingshaft sprießende Blumenwiese hinweg.


    Diana / Artemis hat sich, auf der Suche nach jagdbarem Wild, mit ihrer schon etwas ältlichen Gefährtin Linfea auf diese Waldlichtung begeben. Hier trifft sie Endimione, der ihr ohne Umschweife seine Liebe erklärt, die sie jedoch zurückweist, obwohl sie auch mehr als nur Interesse an ihm hat, denn sie hat einen Schwur auf Keuschheit geleistet. Linfea ist über diesen Schwur informiert und reagiert sofort, indem sie Endimione davonjagt.


    Calisto tritt, von den Küssen Dianas / Jupiters berauscht, aus der Grotte wieder auf die Szene. Als sie Diana mit Linfea gewahr wird und die Göttin ihr die Frage stellt, warum sie zwar wie abwesend, aber doch so glücklich aussehe, gerät Diana über Calistos Antwort aus dem Takt: die sagt nämlich, dass sie es doch selbst war, die mit ihr in der Grotte leidenschaftliche Küsse getauscht habe. Kann es sein, dass sie das schon vergessen hat? Diana versteht nicht und auch Linfea sieht ratlos aus. Diana fängt sich jedoch schnell wieder und weist Calisto verärgert aus ihrem Gefolge. Linfea aber fragt sich „beiseite“, was in die Nymphe gefahren ist, zumal sie mit der Liebe bisher keinerlei Berührung hatte. Aber Linfea gibt auch zu, gern einen Mann an ihrer Seite zu haben. Das hat ein kleiner Satyr mitbekommen und er macht Linfea gegenüber ein eindeutiges Angebot. Aber die will lieber sterben, als solch ein zotteliges Lebewesen in ihrem Bett zu haben.


    Zweiter Akt.
    Gipfel des Latmos.

    Endimione wirbt um die keusche Diana und bekommt in dem bocksfüßigen Hirtengott Pan einen Rivalen, der noch von einem kleinen Satyr, Satirino, und dem Waldgott Sylvanus unterstützt wird. Diana weist Endimione aber immer noch ab – für Pan ein Zeichen, seine Werbung zu intensivieren. Als Satirino und Sylvanus ihm jedoch „eintrichtern“, dass Diana einen anderen Liebhaber haben muss, reagiert er, trotz seiner Liebe zu Diana, enttäuscht und vielleicht sogar ein bisschen zornig. Aber seine beiden Unterstützer versprechen ihm, der „Sache“ nachzugehen, denn beide sind offenbar nicht davon überzeugt, dass Dianas Keuschheitsgelübde eine Tatsache ist.


    Auf einem Hügel hat Endimione einen Platz zum Schlafen ausgesucht und ist, kaum, dass er sich niedergelegt hat, eingeschlafen. Das hat Diana beobachtet, sich sofort an ihn herangeschlichen und ihn geküsst. Sie dachte, dass er diesen Kuss als ein Traumgebilde wahrnimmt, tatsächlich aber legt er seine Arme um sie. Als sie versucht, sich aus dieser Lage zu befreien, erwacht er und beide gestehen sich ihre Liebe – dann verlässt Diana ihn. Das Geschehen hat Satirino gesehen und in der Folge klagt er über den Wankelmut der Frauen, und gelobt Pan zu informieren.


    Ebene vor dem Erymanthos.
    Juno, Jupiters Gemahlin (in der griech. Mythologie Hera), hat es, von Eifersucht getrieben, auch auf die Erde verschlagen. Sie vermutet nämlich wieder ein neues Abenteuer ihres äußerst aktiven Gatten und will ihn möglichst „in flagranti“ erwischen. Just in dem Moment begegnet ihr die weinende Nymphe Calisto, bei der sich Juno teilnahmsvoll nach dem Grund für die Tränen erkundigt. Dabei erfährt sie, dass Diana sie aus ihrem Gefolge verstoßen hat, obwohl doch sie es war, die mit dem Küssen angefangen habe, und jetzt so tue, als wüsste sie nichts mehr davon. Sofort hat Juno eine Vermutung, kennt sie doch die Verwandlungstrick ihres Herrn Gemahls.


    Sie bekommt die Gelegenheit, ihre festgefügte Meinung aktuell zu überprüfen, denn sie sieht Jupiter und Merkur kommen und stellt fest, dass ihr Mann immer noch als Diana herumläuft. Sie versteckt sich und hört, wie er vor Merkur von Calisto schwärmt. Auch die ist ja noch auf der Szene und freut sich, weil jetzt wieder alles im Lot zu sein scheint. Jupiter als Diana geht auf sie zu, herzt sie und schickt sie voraus in die Grotte. Er kann ihr nicht folgen, denn Juno tritt aus dem Versteck hervor und macht ihrem Gatten Vorwürfe, kehrt aber dann in den Olymp zurück.


    Jupiter freut sich auf eine Wiederholung des Liebes-Tête-à-Tête mit Calisto, will ihr gerade folgen, da kommt Endimione und kurz nach ihm Pan, Satirino und Sylvanus. Dadurch wird Jupiter aufgehalten und es folgt eine interessante Szene: Endimione sieht Jupiter in der Verkleidung als Diana und er freut sich, sie so schnell wiederzusehen. Pan und seine Begleiter aber müssen glauben, dass die Göttin das Keuschheitsgelübde wohl nur gespielt hat und wollen Endimione, auf frischer Tat sozusagen, fesseln und danach töten. Das ist für Endimione natürlich keine Lösung, weshalb er Diana /Jupiter bittet, ihm zu helfen. Doch diese Hilfe wird verweigert – der Gott verschwindet einfach. Daraufhin verspottet Pan den Endimione mit der Aussage, dass man sich als Mensch nicht auf die Götter verlassen soll.


    Unterdessen irrt Linfea liebesverwirrt durch den Wald und Satirino glaubt seine Chance wahrnehmen zu können – er ruft seine Satyrn hinzu und alle schleppen Linfea davon.


    Dritter Akt.
    An der Quelle des Ladon, ein Nebenfluss Alpheios (heute Ladonas genannt).

    Calisto schwelgt in süßen Liebeserinnerungen, während sie an dieser Quelle auf Diana wartet. Doch nicht Jupiter, als Diana verkleidet, erscheint, sondern Juno mit Furien. Juno sorgt für eine Verwandlung der Calisto in eine Bärin, als Strafe für ihr Spiel mit Jupiter.


    Verwandlung in einen Wald.

    Pan versucht, den gefangenen Endimione zu einem Verzicht auf Diana zu bewegen – doch Pan hat keinen Erfolg, denn Endimione behauptet, dass die Göttin ihn verlassen hat. Es bleibt aber dabei, dass er Diana liebt, worauf Pan dem Schäfer den Tod ankündigt. Als die Satyrn ihn gerade an einem Baum aufhängen wollen, tritt Diana auf die Szene und verjagt Pan mit seinen Helfershelfern. Als sie Endimione von der Fesselung befreit hat, fallen sie sich glücklich in die Arme.


    Verwandlung: Empyreum.

    Von einem Himmelschor angekündigt und dann auch begleitet, erscheint Jupiter in seiner wahren Gestalt und befreit Calisto von ihrer Verwandlung in eine Bärin. Aber gleichzeitig sorgt er für Calistos Erhebung zu einem Stern – damit er sie am Himmelsgewölbe immer bei sich hat...

    Harrison Birtwistle (1934-2022):
    PUNCH AND JUDY
    Eine tragische Komödie oder eine komische Tragödie in einem Akt mit Prolog

    Libretto von Stephen Pruslin, ins Deutsche übertragen von Iris Brendel

    Originalsprache: Englisch.


    Uraufführung am 8. Juni 1968 in Aldeburgh, Jubilee Hall.


    Personen der Handlung:
    Pretty Polly, später: Hexe (Koloratursopran)

    Judy, später: Wahrsagerin (Lyrischer Mezzosopran)

    Rechtsanwalt (Hoher Tenor)

    Punch (Lyrischer Bariton)

    Choregos, später: Jack Ketch (Kavalierbariton)

    Arzt (Schwerer Bass)

    Zusatzinstrumente für die Solisten:

    Zwei Paar Fingerzimbeln (Polly)

    Blechtrommel (Judy)

    Spielzeugbecken (Rechtsanwalt)

    Handglocke (Choregos)

    Kindertrompete (Arzt)

    Chor: Gebildet aus dem Solistenensemble

    Fünf Tänzer-Mimen: Zwei Frauen, drei Männer.


    Schauplätze: Eine Simultanbühne. Vor dem Vorhang links Choregos Bude, rechts das Musikpodium. Hinter dem Vorhang im Vorderen Teil Pretty Pollys Piedestal. Weiter nach hinten führen Stufen zum Mordaltar, dahinter ein Bilderrahmen, in dem Punchs Reise auf Horsey, seinem Steckenpferd, zu sehen ist.


    Die Handlung.

    Im Prolog begrüßt der Choregos vor dem geschlossenen Vorhang von seiner Bude aus das ehrenwerte Publikum. Danach ruft er nach Punch, damit die Tragödie endlich beginnen kann.


    Melodrama I: Nachdem sich der Vorhang geöffnet hat, wird Punch sichtbar, der sein Kind singend in den Schlaf wiegt. Dabei wird in dem Lied ein klagender Unterton hörbar, der Punch erst stört, schließlich zur Raserei bringt, während das Baby unaufhörlich schreit. Punch ist es plötzlich leid und er wirft das Kind, mit einem Schrei, der wie ein Kriegsschrei wirkt, ins Feuer.


    Punchs Ehefrau Judy kommt mit einem Wiegenlied auf die Szene, merkt aber erst nach einiger Zeit, dass das Baby inzwischen tot ist – verkohlt. Es kommt zu einem Streit zwischen den Eheleuten, der heftig wird und den Choregos auf den Plan ruft. Er sieht den Tod Judys voraus. Wir sehen Judy von Punch zum Mordaltar hinauf geführt, während der Choregos über die Todesbereitschaft von Punchs Opfer nachdenkt.


    Der Rechtsanwalt und der Arzt begeben sich zum Chor-Galgen, von wo aus sie für Punch ein schlimmes Ende voraussagen. Tatsächlich ist Judy glücklich, wenn sie durch die Hand von Punch, ihrem Ehemann, sterben kann. Und der führt die Tat wirklich mit einem Messer aus, auch wieder unter dem schon erwähnten Kriegsgeschrei.


    Vom Choregos geführt, besteigt Judy den Chor-Galgen, wo sie sich einen Strick um den Hals legt. Punch begibt sich derweil auf der Suche nach Pretty Polly und die übrigen Protagonisten stellen im Passions-Choral I Betrachtungen über den Tod an. Dann sieht man Punch im Bilderrahmen hinter dem Mordaltar auf der Suche nach Pretty Polly auf Horsey, dem Steckenpferd, reiten und der Choregos beschreibt diesen Ritt als unter dem Sternzeichen des Krebses erfolgend, der gen Osten führt.


    Plötzlich wird ein Wetterbericht hörbar, in dem ein Sturmaufkommen für drei Uhr angekündigt wird. Die Protagonisten bitten trotzdem in einem Gebet um günstige Winde für Punch, der sich dem in ein grünes Licht getauchten Piedestal Pollys nähert. Der Choregos gibt sich als ein Postillon d’amour und übergibt Polly eine riesige Sonnenblume, während Punch mit einem Ständchen Polly umwirbt. Die aber weist diese Gaben wegen des Feuertodes von Punchs Baby zurück. Der Choregos muss Punch trösten.


    Melodrama II: Der Advokat und der Arzt klagen Punch wegen seiner Verbrechen an. Der aber kontert mit einem Nonsens-Ratespiel und will, bei einer unbefriedigenden Antwort, die beiden auf die Folterbank führen. Punch gibt ihnen drei Antworten frei, um das unlösbare Rätsel zu knacken, aber Advokat und Arzt scheitern jedes mal.


    Von seiner Bude aus beobachtet der Choregos das Treiben und er sieht das Ende von Punchs Gegnern voraus. Die werden, wie Judy, auf dem Mordaltar enden. Schon ist Punch da und ersticht sowohl den Rechtsanwalt als auch den Arzt. Mit dem gewohnten Kriegsgeschrei von Punch müssen der Arzt mittels einer riesigen Spritze und der Anwalt mit einem riesigen Federkiel dran glauben. Danach obliegt es dem Choregos, die soeben Ermordeten zum Chor-Galgen zu begleiten. Mit den Schlingen um den Hals singen sie, gemeinsam mit Judy, eine weitere Strophe des Passionschorals. Punch hat sich derweil zu einer neuerlichen Werbung um Pretty Polly entschlossen. Er besteigt wider Horsey, das Steckenpferd, und reitet unter dem Sternbild des Skorpions in die Abenddämmerung.


    Im Wetterbericht spricht man von einem Wind für neun Uhr und der Chor bittet um schönes Wetter für Punch. Pollys Podest wird mit rotem Licht angestrahlt und Punchs erneutes Werbesingen weist Polly wieder zurück. Hier springt der Choregos ein und bietet Pretty Polly im Namen von Punch einen Edelstein an, den die Störrische aber auch nicht annimmt. Und wieder einmal muss der Choregos Punch Trost spenden.


    Melodrama III: Der Choregos ist mittlerweile der einzige Gefährte, der Punch geblieben ist. Gerade verlässt er seine Bude, um ein Fest zum Lobpreis von Polly zu arrangieren. Das Spiel entpuppt sich aber zu einem Kampf aller gegen einen, nämlich den Choregos: so stiften die Mitglieder des Galgen-Chores Punch an, den Choregos mit einer Trompete, einem Becken und einer Trommel als Prügelinstrumente zusammenzuschlagen. Diese Prügelorgie mündet in einem Bacchanal der Tanzmimen auf dem Mordaltar. Daran schließt sich die Verspottung des Choregos an, an der sich allerdings Judy nicht beteiligt. Genau genommen protestiert sie sogar, als Punch das Opfer in einen Kontrabasskasten sperrt, um es bis zum Tode zu geigen. Auffällig ist, das Punchs Kriegsgeschrei sich jetzt etwas verhaltener anhört. Und ihm wird, als die Leiche aus dem Kontrabasskasten fällt, bewusst, dass er nun keinen mehr hat, den er quälen kann, denn alle Spielgefährten hat er um ihr Leben gebracht. Während die Tänzer-Mimen den toten Choregos forttragen, trauert der Chor um diesen Toten.


    Es wird langsam auf der Szene dunkel.


    Der Choregos meldet sich mit dem Chor aus dem Off und der Nachricht, dass Punch die Suche nach Polly in Richtung Norden fortgesetzt habe. An Punch wird festgestellt, dass er ein vom Alpdrücken heimgesuchter Schläfer ist. Ausgangspunkt dieser Feststellung ist die Beobachtung, dass sich Punch von einer Wahrsagerin Tarot-Karten legen ließ. Es ist übrigens an dem Choregos, dass er die Karten deutet und dass er Punch daraufhin ein furchtbares Ende vorhersagt. Punch schreit entsetzt auf, als er gewahr wird, wer die Kartenlegende Wahrsagerin ist, nämlich Judy. Damit nicht genug: in einer weiteren Horror-Vision schreitet er in der Begleitung von Judy, des Choregos und dreier Tänzer-Mimen zu dem als Traualtar ausgestatteten Piedestal von Polly, um dort mit einer Hexe vermählt zu werden. Und die ist in Wirklichkeit Polly.


    Danach treten der Rechtsanwalt und der Arzt, denen zwei Tänzer folgen, auf den Plan und fordern die Verurteilung ihres Peinigers. Während das Tanz-Ensemble den Mordaltar in seinen Beschlag nimmt, hat der Chor sich Punch vorgenommen, und konfrontiert ihn in einem Abzählreim mit seinen Schandtaten. Weil dabei auch die Drohung, es ihm gleichwertig heimzuzahlen, ausgesprochen wird, gibt sich Punch plötzlich nachdenklich, oder besser ausgedrückt: panisch. Er ruft Horsey herbei, wird aber dann ohnmächtig.


    Im Folgenden wird Punch wieder auf der Suche nach Polly gesehen; er wendet sich, während die Wettervorhersage für sechs Uhr am kommenden Morgen Regen ankündigt, nach Süden, um Pretty Polly im winterlichen Zeichen des Steinbocks für sich zu gewinnen.


    Pollys Piedestal ist diesmal blau ausgeleuchtet, sie selber ist verschwunden. Wieder muss Punch durch den Choregos getröstet werden. Das Galgen-Chor-Ensemble reflektiert in einem dritten Passions-Choral über den Zusammenhang zwischen Liebe und Leben.


    Melodrama IV: Punch wurde wegen seiner Schandtaten zum Tode verurteilt und sitzt, auf die Vollstreckung wartend, im Gefängnis. Der Choregos hat die Rolle des Henkers Jack Ketch übernommen, gerät jedoch mit dem Delinquenten zunächst in einen Rätselwettstreit über ihre Namen. So nennt sich Punch „Mr. Paunch“, was man mit „Wanst“ übersetzen kann, während Ketch sich als „Jachorageous“ (der mutige Jack) bezeichnet. Plötzlich bricht der Jubel des Galgen-Chores aus, denn der Choregos lässt die Maske als Jack Ketch fallen. Punch betritt also, vom Choregos geführt, den Mordaltar, währenddessen wird Pretty Polly sichtbar, die zunächst in grünes, dann auf rot, schließlich in blaues Licht getaucht auf ihrem Piedestal sichtbar wird. Punch stellt sich dumm, als der Choregos ihn auffordert, sich die Henkerschlinge um den Hals zu legen. Der Choregos demonstriert ihm folglich, wie man das macht und Punch stößt den schon bekannten Kriegsschrei aus, während er den Henker henkt, den er als Teufel apostrophiert.


    Man kann sagen, dass Punchs Triumph nun vollkommen ist, zumal sich Polly ihm im gleißenden Licht zuwendet und beide in ein Liebesduett einstimmen. Auf dem Mordaltar hat sich der Galgen in einen Maibaum verwandelt und auf der Szene versammeln sich alle Mitwirkenden zum Happy End, das an Mozarts „Mann und Weib und Weib und Mann“ aus der „Zauberflöte“ erinnert. Lediglich der Choregos beteiligt sich nicht an diesem Gesang, er konstatiert im Epilog, nachdem der Vorhang gefallen ist, von seiner Bude aus das Ende der als eine Tragödie angekündigten Komödie...

    George Gershwin (1898-1937):
    GIRL CRAZY (CRAZY FOR YOU)
    Musical Comedy in zwei Akten

    Gesangstexte von Ira Gershwin, Buch von Guy Bolton und John Mc Gowan

    Originalsprache: Englisch.


    Broadway-Premiere am 14. Oktober 1930 im Alvin Theatre, New York;

    Deutsche Erstaufführung am 19. Februar 1977 im Pfalztheater, Kaiserslautern.


    Personen der Handlung:
    Danny Hill (Original: Churchill), Nachtclub-Entertainer

    Gieber Goldfarb, Chauffeur

    Molly Gray, Postbotin

    Lank Sanders, ein gefährlicher Typ

    Pete, Hotelbesitzer

    Jake, sein Kumpel

    Sam Mason, ehemaliger Manager von Danny

    Kate Fothergill, Sängerin

    Slick, ihr Mann und Croupier

    Patsy, Tess, Flora und Susie, Girls aus Frisco

    Cowboy-Quartett

    Bahnbeamter

    Hotelmanager

    Reale, mexikanischer Polizist

    Sein Assistent

    Chor, Statisterie: Kellner, Leute, Cowboys von Custerville und San Luz.

    Ort und Zeit: Custerville, Arizona, und San Luz an der Grenze zu Mexiko, 1931.


    Erster Akt.
    Nach der Ouvertüre erfährt das Publikum durch Pete, Jake und Lank, dass es in ihrer Heimat, Custerville und Umgebung, ruhig ist und – langweilig. Möglicherweise liegt das daran, so behaupten sie, dass es hier keine schönen Frauen gibt – nur Alte und ein paar hässliche Weiber (Cowboy-Quartett: Bidin’ My Time).


    In diese Gegend verschlägt es Danny Hill, den Entertainer eines New Yorker Nachtclubs, der hier eine heruntergekommene Ranch geerbt hat, die er zu Geld machen will. Gleich die erste Begegnung mit einem westernmäßig gekleideten Postboten, ist in gewisser Weise folgenreich, denn der Postbote ist eine unter Männerkleidung steckende Sie: Molly Gray (Danny, Molly: Song und Step-Nummer Could Yu Use Me).


    Und es gibt den ersten Streit, denn der Chauffeur Gieber macht so fiese Bemerkungen über das Nest Greenville, dass Lank, Jake und noch weitere Cowboys den Yankee sofort am nächsten Baum aufhängen wollen. Das verhindert der gerade noch rechtzeitig auftretende Danny (Danny, Cowboys: Reprise Bidin’ My Time).


    Die Szene wechselt auf die abgewirtschaftete Buzzard-Ranch. Hier wartet Danny mit dem Chauffeur Gieber, beide übrigens im Westernlook, auf Kauf-Interessenten. Doch die einzige Person, die erscheint, ist Molly; sie bringt die Post und Danny macht ihr sofort den Hof, aber sie lässt ihn abblitzen mit der Bemerkung dass Custerville nicht Manhatten ist und die Buzzard-Ranch kein Vergnügungspark.


    Das ist das Stichwort für Danny, der jetzt nicht mehr verkaufen, sondern eine Dude-Ranch, eine Vergnügungsfarm, aufbauen will. Danny sorgt für einen Swimmingpool und Spielkasino, er heuert Cowboys an, die das Publikum mit Rodeo-Vorführungen erfreuen sollen. Außerdem plant er, ein Gebäude der Ranch zu einem Tanzsaal umzubauen.


    Monate später trudeln die ersten Gäste ein: Patsy, Tess, Flora und Susie sind gekommen, um den Stress, den sie in der Großstadt haben, hier, in ländlicher Umgebung, hinter sich lassen zu können. Das gefällt Danny (Girls, Boys: Broncho Busters). Aber es sind nicht nur die vier Grazien, die hier Erholung suchen, auch Dannys frühere Partnerin Kate kommt mit ihrem Mann Slick, die allerdings auf Job-Suche sind. Kate hofft, als Sängerin engagiert zu werden, ihr Mann könnte sich einen Job als Croupier vorstellen. Alle hier genannten Personen kennen sich übrigens aus einem Engagement in Los Angeles. (Kate, Slick, Girls: Barbary Coast).


    Molly überrascht alle, als sie in einem Kleid auftritt, wohl dem einzigen, das sie besitzt. Danny und sie kommen sich in einem romantisch klingenden Song und einem folgenden „Pas de deux“ näher (Danny: Embracreable You). Der nächste Gast ist Sam Mason, ein ehemaliger Manager von Danny. Sein übles Manko: er hat Danny erfolgreich gemanagt, aber er hat ihm auch die Mädchen ausgespannt. Insofern muss man sich nicht wundern, dass er wenig erfreut über Sams Besuch ist.


    Pete, der Hotelbesitzer und Lank, haben ein Problem mit Dannys Plänen, denn sie könnten durch dessen Aktivitäten brotlos werden. Sie denken daran, mit der Hilfe des Sheriffs, zu dem Lank in Kürze berufen werden möchte, zu ihren Gunsten eingreifen zu können. Die Machenschaften der beiden ist auch Danny zu Ohren gekommen und Danny hat daraufhin einen eigenen Kandidaten für die Wahl des Sheriffs aufgestellt: es ist sein Chauffeur Gieber, den man auf Dannys Dude-Ranch jetzt schon mal hochleben lässt (Ensemble mit Danny, Kate, Slick und Gieber: Strike up the Band). Interessant und gut zu wissen ist, dass Gieber sogar gute Chancen hat, Lank als neuen Sheriff zu verhindern und selbst den Posten besetzen zu können.

    Derweil kann man Dannys Geschäfte nur mit „hervorragend“ bezeichnen. Das hat aber auch Folgen: er vernachlässigt Molly, weil er mit der erfolgreichen „Gold-Rush-Bar“, ganz im Westernstil der 1890er Jahre eingerichtet, beschäftigt ist (Tanz der Girls: When It’s Cactus Time in Arizona).


    Plötzlich hört man aus dem nebenan gelegenen Spielkasino lautes Lärmen und es stellt sich heraus, dass Sam Mason mit einem 6000 Dollar-Gewinn die Spielbank gesprengt hat. Nicht genug mit diesem Schlag gegen Danny, macht er sich nun an Molly ran, die, wie er behauptet, bei Danny nur die „zweite Geige“ spiele. Hier schaltet sich die Sängerin Kate Fothergill, die „erste Geige“ sozusagen, ein und erinnert Sam warnend an eine Frau, die es einem anderen Sam „heimgezahlt“ habe (Kate, Sam: Sam and Delilah).


    Die Spannungen zwischen Molly und Danny werden größer, weil sie eine Einladung zu einem Ausritt abgelehnt, eine Einladung von Sam Mason zu einer Fiesta in Mexiko aber angenommen hat. Kates Mann Slick hat die Girls Patsy und Tess aus Frisco ebenfalls zu dieser Fiesta eingeladen; er wird aber von Kate gewarnt, weil in Mexiko eine Frau einen Mann ungestraft erschießen darf.


    Im Spielkasino kündigt Danny den Auftritt von Kate an, die den Rhythmus im Blut hat (Kate, Cowboyquartett: I Got Rhytm). Danach wendet er sich an Molly, um sie doch noch umzustimmen. Dabei fasst er sie am Arm, was Molly falsch deutet, denn sie nimmt einem nahestehenden Cowboy den Colt, zielt und trifft erfolgreich auf eine leere Flasche Gin. Das ist eine Warnung für Danny, der das auch so auffasst. Die Begebenheit hat auch noch andere Gäste auf das Geschehen aufmerksam gemacht und der erste Akt endet mit einem Handgemenge, wie man es aus Western kennt: Tische kippen, Stühle gehen zu Bruch, Flaschen splittern und es gibt jede Menge KO-Schläge unter den Männern (Orchester: Finale Erster Akt.)


    Zweiter Akt.

    Im Hotel „Las Palmas“ von San Luz ist Hochbetrieb (Orchester mit Tanz: Opening; Land of the Gay Caballero). Molly ist schon leicht angetrunken und schäkert mit Sam, weist aber seine Annäherungsversuche zurück und sagt, sie sei nun einmal altmodisch und wolle die Flitterwochen nicht schon vor der Hochzeit haben (Reprise Molly, Sam: Sam and Delilah). Mittlerweile sind von der Dude-Ranch auch noch anderes Gäste angekommen, so Danny mit Kate, die den Eifersüchtigen vor einer Dummheit bewahren will, aber auch Kates Mann Slick, der mit Cut und gestreiften Hosen gerade von einer Schar Girls umgeben ist – und Gieber, der es inzwischen zum Sheriff gebracht hat. Hinter ihm sind Lank und Pete eingetreten, die es auf Giebers 6000-Dollar-Gewinn abgesehen haben.


    Molly ist mittlerweile vom Tanzen – und Alkohol – müde geworden und geht, doch ziemlich schwankend, auf ihr Zimmer. Im Flur begegnet ihr Danny, dem sie Worte des Bedauerns sagt, doch der empfindet das als einen Annäherungsversuch, den er jedoch harsch mit „Gute Nacht, Mrs. Mason“ abblockt. Hintergrund ist Kates Mitteilung, dass Molly und Sam im Hotelbuch als „Mr. Und Mrs. Mason“ eingetragen sind (Quartett: Molly, Gieber, Danny, Kate: But Not for Me). Molly ist umgehend nüchtern und beteuert, dass sie davon nichts gewusst hat. Diese Bemerkung macht Danny so wütend, dass er schwört, Sam „das Genick zu brechen“. Dann verlässt er das Hotel.


    Kurz darauf weiß der Hotelmanager von der Auffindung eines Mannes mit eingeschlagenem Schädel zu berichten, und nochmal kurz darauf ist klar, wer dieser Mann ist: Sam Mason. Und wieder kurz darauf ist der mexikanische Polizeibeamte Reale vor Ort und teilt mit, dass man ihn über Dannys Drohung gegen Sam unterrichtet habe. Molly und Gieber machen sich sofort auf den Weg, Danny zu suchen, aber auch zu warnen. Kate, die sich eigentlich von ihrem Mann scheiden lassen wollte, ist im Moment jedoch froh, dass der Erschlagene nicht Slick ist. Sie meditiert über die seltsamen Wege der Liebe (Kate: Boy, What Love has Done to Me).


    Molly und Gieber haben inzwischen im Grenzbahnhof den gesuchten Danny gefunden. Dannys Chauffeur und neuer Sheriff von Custerville hat einen ganz bestimmten Verdacht und schlägt Danny vor, mit dem nächsten Güterzug über die Grenze zu fahren und sich „drüben“ verhaften zu lassen. Damit, so meint Gieber, würde der wahre Täter in Sicherheit gewiegt und könne um so besser überführt werden. In diesem Moment taucht allerdings Slick, hinter ihm der mexikanische Polizeikommissar Reale mit seinem Assistenten. Danny und Molly haben sich aber noch rechtzeitig verstecken können. Kurz darauf kommt die Überraschung: Gieber bezeichnet Slick als den Mörder von Mason und wird prompt festgenommen und abgeführt.


    Als sich der Güterzug nähert, gehen Danny und Molly auf ihn zu, während Sheriff Gieber zurückbleibt. Aus der Damentoilette des Bahnhofs kommen zwei Señoritas, die sofort mit Gieber zu schäkern beginnen (Gieber: Treat Me Rough), dem ein wilder Tanz folgt, bei dem die Röcke fliegen – und Sams Dollarscheine zum Boden trudeln. Die „Damen“ heißen Lank und Pete, die von Gieber mit dem Revolver in Schach gehalten werden.


    Unterdessen haben Danny und Molly die Dude-Ranch erreicht (Danny: Dannys Speciality Number, Step-Solo). Nach der Musiknummer sieht man Gieber mit den gefesselten Lank und Pete daher kommen und die Umstehenden lassen den Sheriff hochleben.


    Inzwischen ist Slick wieder aus dem Knast entlassen worden und behauptet, dass er die schlimmste Nacht seines Lebens „in dem Rattenloch“ in Mexiko haben verbringen müssen. Die falsche Anschuldigung war jedoch nötig, so lernen wir alle, damit man Danny vom Mord an Sam freibekommen konnte. Für ihn, so lernen wir alle noch, ist es allerdings wichtiger, dass er auf diese Weise mit seiner geliebten Kate wieder zusammengekommen ist.


    In der letzten Szene wird Überraschendes deutlich: Sam Mason hat überlebt, wurde nicht erschlagen. Und Danny verkündet, mit Molly an seiner Seite, gemeinsame Hochzeitspläne (Finale: gesamtes Ensemble).

    Hans Zender (*1936):
    DON QUIJOTE DE LA MANCHA

    Einunddreißig theatralische Abenteuer

    Libretto vom Komponisten nach Miguel de Cervantes Saavedra.

    Uraufführung am 3.Oktober 1993 in Stuttgart, musikalische Neufassung 1999 im Heidelberg realisiert.


    Personen der Handlung:
    Don Quijote (Bariton)

    Sancho Panza (Tenor)

    Nichte / Lucinde / Herzogin / Dulcinea I / Dame I (Sopran)

    Nachbarin / Dorothea / Dulcinea II / Dame II / Hofdame I / Engel (Mezzosopran)

    Haushälterin / Orakel / Dulcinea III / Dame III / Hofdame II / Königin (Alt)

    Knabe (metallische Kinderstimme / Sprechstimme)

    Barbier I / Lektor I / Häscher I / (Teufel) / Don Pedro (Tenor)

    Cardenio / Löwenwärter / Soldat / 1. Höfling / Küster / Lektor IV (Tenor)

    Verwalter / Barbier II / Lektor II / Tod / Schweinehirt Bariton

    Lektor III / Häscher II / 2. Höfling (Bassbariton)

    Don Fernando / Herzog / Der Schatten / Spiegelritter / Notar (stumme Rolle / Bariton)

    Pfarrer / Wirt / Merlin / Kaiser / 3. Höfling / Lektor V, „Der Chef“ (Bass)

    Weitere Sänger, Statisten, Schauspieler, Pantomimen, Doubles ad lib.

    Ort und Zeit: Spanien, Anfang des 17. Jahrhunderts.


    Erster Teil; 1.
    Der Herr Alonzo Quijada, Edler von la Mancha, ist ein Liebhaber von Ritterbüchern, die er mit großer Leidenschaft sammelt und liest. Diese Lektüre hat in ihm die Lust geweckt, selbst ein fahrender Ritter zu werden. Er gibt sich nach einiger Überlegung den Namen Don Quijote, nennt sein schon etwas älteres Ross Rosinante und erwählt ein Mädchen vom Lande zu seiner Herzensdame; sie bekommt den Namen Dulcinea von Toboso.


    2. Von seiner Bestimmung, ein Ritter zu sein, überzeugt, will er zum Kampf für Bedrängte, Arme, Witwen und Waisen aufbrechen.


    3. Die erwähnte feste Überzeugung, die der Ritter Don Quijote von seiner Bestimmung hat, geht seiner Umgebung ab. Die Bemühungen seiner Nichte, der Haushälterin, dem Pfarrer, dem Verwalter oder auch Nachbarn, den Don in die Realität zurückzuholen, gelingt nicht. Die Folge: alle verfluchen die Ritterbücher, lassen sie glauben, dass die Literatur ihn um den Verstand gebracht hat.


    4. Der Don lässt den Bauern Sancho Pansa zu sich kommen und ernennt ihn kurzerhand zu seinem Knappen. Er belehrt ihn über die fahrenden Ritter, was an Sancho Pansa aber abperlt. Ihn interessiert nur die Geschichte von dem Knappen, der zum Statthalter eines Königreiches wurde. Don Quijote bricht mit seinem Knappen Sancho Pansa auf…


    5. ...und sie gelangen zu einer Schenke, die der Don aber für ein Schloss hält. Es sind aber nicht Prinzessinnen, sondern Dirnen, die ihnen die Türe öffnen. Der Wirt des Etablissements merkt schnell, dass er an Don Quijote gut verdienen kann, und will ihn in seiner Eigenschaft als „Schlosskastellan“ zum Ritter schlagen…


    6. ...den er dann auch am späten Abend vollzieht. In der Nacht aber wird der Don überfallen, gefesselt und ausgeraubt. Auch Sancho Pansa kriegt „sein Fett“ ab: er wird verprügelt und hinausgeworfen.


    7. Die Geschehnisse lassen Don Quijote nicht an seiner (selbst gewählten) Bestimmung zweifeln. Er hält auch an dem selbst gewählten Ziel fest: er will der angebeteten Dulcinea den Ruhm seiner Taten zu Füßen legen.


    8. Der Weg des Dons und seines „Knappen“ führt zu Riesen mit langen Armen – Don Qujote kämpft mit den Flügeln einer Windmühle und wird dabei übel zugerichtet. Und so muss er auch wieder mit Sancho davonziehen.


    9. Wir werden Zuschauer eines neuen Abenteuers, müssen aber von der Unbedarftheit des Protagonisten Kenntnis nehmen (falls wir es nicht schon längst getan haben): Unser Don trifft auf einen Barbier, dessen Messingbecken ihm vorkommt wie der sagenhafte Helm des Mambrin; er greift den Armen an und nimmt ihm den „Helm“ ab. Dabei wissen wir natürlich, dass der Barbier jenes Teil nur wegen des Regens auf dem Kopf trug.


    10. Eine vorbeifahrende Kutsche wird von Quijote angehalten und den Insassen verlangt er das Bekenntnis ab, dass seine „Dulcinea von Toboso“ die schönste Frau der Mancha sei und genau das solle man ihm bestätigen. Dieses Bestätigung verweigert ein gewisser Don Fernando mit Rücksicht auf seine Begleiterin Lucinde, die er nämlich heftig liebt, und wegen der er sich kampfbereit mit Don Quijote zeigt. Lucinde aber verhindert das im letzten Moment. Sie hat aber nichts für Don Fernando übrig, liebt nur einen gewissen Cardenio, will folglich nicht, dass Fernando wegen ihr kämpft. Als Don Quijote jetzt den Durchblick in den Liebeswirren hat, will er trotzdem kämpfen – jetzt um Lucinde von dem schwärmerischen Don Fernando zu befreien. Der Kampf entbrennt und Don Qujote stolpert.


    11. Diese Szene spielt sich in einem einsamen Gebirge ab, wo Don Quijote um seine Dulcinea melancholisch klagt. Er hat einen Brief an sie geschrieben, den Sancho Pansa ihr übergeben soll. Auf dem Weg dorthin begegnen sie Cardenio, der um seine geliebte Lucinde klagt - worauf Don Quijote in ihm einen Irrenden der Liebe erkennt, gleich ihm selbst.


    12. Don Quijote ist in trüber Stimmung, wirft seine Waffen weg und rennt verzweifelt gegen eine Felswand.


    13. Sancho ist inzwischen beim „Schloss“, der Spelunke, in der eine Dirne jene Dulcinea ist, wo er aber Don Quijotes Nichte, Haushälterin, Verwalter und den Pfarrer antrifft. Er wird nach seinem Herrn befragt. Es ergibt sich in diesem Gespräch, dass gemeinsam beschlossen wird, Don Quijote mit der falschen Dulcinea, der Geliebten von Don Fernando namens Dorothea, zu verbinden.


    14. Jene Dame ist schließlich sogar bereit, die Komödie mitzuspielen. Dazu verkleidet sie sich als Prinzessin, wirft sich zu Don Quijotes Füßen und bittet ihn um Schutz. Der Don willigt ein, Dorothea wieder in ihre alten Rechte einzusetzen.


    15. Nun schaltet sich eine große Macht ein: die Inquisition. Sie ist auf Don Quijote irgendwie aufmerksam geworden und kommt nach einer Beratung zwischen dem „Chef“ und vier Häschern zu dem Schluss, dass man Don Quijote einfangen muss.


    16. Don Quijote wird von einem Orakel überzeugt, dass die Prinzessin seiner Hilfe nicht bedarf. Außerdem werde sie ihr Glück in einem Wirtshaus finden. Unser Don und sein Knappe Sancho machen sich auf den Weg zu jenem Wirtshaus. Dort treffen sie nicht nur auf Don Fernando und Lucinde, kurz darauf auch noch auf Cardenio; hier erkennt Dorothea ihren geliebten Don Fernando und Lucinde ihren Cardenio. Diese beiden Paare sind überglücklich, wieder zusammen zu sein. In die Gaststätte kommt nun der Barbier, der uns ja schon bekannt ist, und will seine „Sachen“ wieder haben. Diesmal verteidigt Sancho die Beute, die er als Helm und Helmkissen ausgibt, und der Herr Pfarrer darf hier das Urteil zugunsten Sanchos sprechen. Der Barbier ist verwirrt und staunt zugleich über die merkwürdige Gesellschaft in diesem Wirtshaus. Da kommt die Kutsche der Inquisition vorgefahren, allerdings verhindert Don Fernando die Verhaftung von Don Quijote.


    Zweiter Teil; 17.
    Wir werden Zeuge eines Disputs zwischen Don Quijote und seinem Schatten. Dabei wird festgestellt, dass der Don nichts erreicht hat, denn die Armen sind noch ärmer geworden, Gefangene werden noch stärker bewacht, und seiner Dulcinea ist er auch nicht näher gekommen. Er beschließt, noch einmal als Ritter durch die Lande zu ziehen.


    18. Sancho lässt seinen Herrn an einem Seil in die Höhle Montesinos hinab, wo er drei Tage und drei Nächte zu verbringen glaubt. In der Dunkelheit der Höhle hat Don Quijote mehrere Erscheinungen.


    19. Sancho und sein Herr haben eine merkwürdige Begegnung: einen dicken, zweiten Sancho und einen äußerst dürren Quijote - ihre Schatten. Ein Kampf zwischen den ungleichen Paaren endet unentschieden, aber die Doppelgänger verschwinden nicht, sie bleiben immer neben ihnen.


    20. Nachdem Quijote seinem Knappen die Erlebnisse in der Höhe geschildert hat, möchte er näheres von seiner Dulcinea von Sancho erfahren. Das bringt Sancho ins Schleudern, denn er hat sie überhaupt nicht getroffen. Aber er erfindet eine Geschichte, aus der hervorgeht, dass es ein gewöhnliches Bauernmädchen war. Quijote ist entsetzt über die schlechten Angewohnheiten seiner Angebeteten, will sie jedoch suchen.


    21. Am nächsten Morgen kündigt Sancho die Ankunft Dulcineas mit zwei ihrer Hofdamen an – es sind drei Bauernfrauen auf ihren Gäulen. Sie empfinden bei der Begegnung, dass Don Quijote sich über sie lustig macht und sagen, dass sie von ihm nichts wissen wollen, ziehen schließlich laut schimpfend ab. Trotzdem preist Sancho Dulcinea als Schönheit, die leider durch einen magischen Zauber zu einer Bäuerin wurde. Don Quijote zeigt sich enttäuscht von dieser Begegnung.


    22. Es tritt ein Löwenwärter mit dem Tier in einem Käfig auf Rädern auf. Don Quijote verlangt, dass der Löwenwärter den Käfig öffnet, damit er sich mit dem Löwen im Kampf messen kann. Der macht den Käfig auf, Quijote reizt de wilden Löwen, aber der wendet ihm nur sein Hinterteil zu, bleibt im übrigen stoisch ruhig. Dem Löwenwärter gelingt es nur mit Mühe, den Don zu überzeugen, dass das Tier aus Furcht vor dem tapferen Ritter den Käfig nicht verlassen wolle.


    23. Don Quijote und Sancho Pansa treffen auf eine Schauspieltruppe, die auf dem Weg zum Herzogspalast sind, und sich einen Spaß mit den beiden Reisenden erlauben.


    24. Der Herzog und seine Gemahlin empfangen die beiden und er erbittet von der Durchlaucht Hilfe beim Kampf für die Armen und Unterdrückten. Der Herzog plant jedoch eine besondere Prüfung: Don Quijote soll das Pferd Malambrun reiten, das war ein hölzernes Pferd, dass der Zauberer Merlin einst gebaut haben soll. Die Herzogin findet übrigens Sancho Pansa noch verrückter als Don Quijote, weil er dem Ritter diene, obwohl er doch wisse, dass Don Quijote nicht richtig im Kopf sei.


    25. Ouvertüre.


    26. Mit finsteren Gestalten wird eine feierliche Einweihungszeremonie durchgeführt, nach der Don Quijote und Sancho Pansa auf das Zauberross gesetzt…


    27. ...mit dem sie dann durch die Lüfte fliegen; durch Regen und Schnee, durch Donner und Blitz, bis sie nahe an die Feuerregion kommen, sogar ohne Schaden zu nehmen davonkommen.


    28. Don Quijote ist aber enttäuscht, dass seine Dulcinea nicht da ist; auch die Armen sind nicht befreit worden. Der Herzog ist jedoch plötzlich anwesend und präsentiert ihm das Theater als ein Sinnbild der Wahrheit. Aber unser Don kann die Theater-Illusion nicht von der Realität unterscheiden, weshalb er das Theater zertrümmert, als die Handlung zu Ende ist.


    29. Don Quijote trifft auf einen anderen Ritter, der sein Ebenbild ist. Er erkennt in diesem Doppelgänger die Quelle seine Unglücks, weshalb er mit ihm einen Kampf ausficht, am Ende jedoch unterliegt.


    30. Don Quijote ist wieder in seinem Haus; er hat das Gefühl, sterben zu müssen. Aber der Nebel (und das ist für ihn ganz wichtig), den die vielen Rittergeschichten in seinem Gehirn angerichtet haben, hat sich total verzogen. Er fühlt sich wie befreit – deshalb kann er auch mit klarem Verstand sein Testament machen. Zum Schluss dieser Szene stirbt er als Alonzo Quijada der Gute.


    31. Das letzte theatralische Abenteuer ist als Epilog zu verstehen. Es ist der Abgesang über die Kraft und Fülle des Lebens mit der die Oper beendet wird.

    Helmut Lachenmann (*1935)
    DAS MÄDCHEN MIT DEN SCHWEFELHÖLZERN

    Musik mit Bildern in zwei Teilen

    Libretto vom Komponisten nach einem Märchen von Hans Christian Andersen

    und weiteren Texten von

    Leonardo da Vinci, Ernst Toller, Gudrun Ensslin und Friedrich Nietzsche.

    Uraufführung am 26. Januar 1997 in Hamburg, Staatsoper.


    Personen der Handlung:

    Zwei Soprane

    Sprecher in der„Tokyo-Fassung“ bzw. Sprecher, Sprecherin in der Uraufführungsfassung

    Mimen (Bewegungschor)

    Chor (vier doppelt besetzte Quartette zu je zwei Sopranen, zwei Alten, zwei Tenören und zwei Bässen).

    Ort und Zeit: eine kalte Silvesternacht auf der Straße zu unbestimmter Zeit in Kopenhagen im 19. Jahrhundert.


    Vorbemerkung:
    Die nachfolgende Handlungsbeschreibung ist lediglich eine Orientierungshilfe, denn die Schilderung der Ereignisse spielen sich in der Musik ab. Insofern kann man hier nicht von einer herkömmlichen Inhaltsangabe sprechen, denn der Komponist hat in das Werk zwei die Haupthandlung unterbrechende und betrachtende Episoden eingefügt, die das Geschehen aus jeweils anderer Perspektive beleuchten.


    Erster Teil: Auf der Straße.

    Am eiskalten Silvesterabend sitzt ein hungerndes Mädchen ohne ein Kopfbedeckung und mit nackten Füßen allein auf dem Trottoir vor einem Haus. Normalerweise hatte das Kind ein Paar Pantoffeln, die allerdings viel zu groß waren. Deshalb hatte sie die eine Fußbekleidung auch verloren, als sie zwei ungestüm vorbeifahrenden Autos beim Überqueren der Fahrbahn ausweichen musste. Den anderen Pantoffel hatte ein Junge gestohlen und ist damit davongelaufen.


    In einer der Taschen einer abgetragenen Schürze trägt das Mädchen Streichhölzer auf Schwefelbasis bei sich, woher der Titel dieses Bühnenwerkes rührt: Schwefelhölzer. Diese Hölzer sollte das Mädchen auf Geheiß seines Vaters verkaufen – bisher aber hat sich kein Passant gefunden, der Interesse gehabt hätte. Das Mädchen wagt sich allerdings ohne das Geld nicht nach Hause, deshalb hockt es schon seit vielen Stunden, trotz der bitteren Kälte und des gerade einsetzenden Schneefalls, auf dem Bürgersteig.


    Zweiter Teil: An der Hauswand.

    Es ist deutlich zu sehen, dass das Mädchen friert, es kann sich aber nicht entschließen, heim zu gehen, es bleibt an der Hauswand zusammengekauert hocken. Dahinter darf der Zuschauer eine gewisse Angst vor seinem Vater vermuten, der das Kind möglicherweise schlagen würde, weil es kein Geld für die Schwefelhölzer bekommen hat. Außerdem ist es in der Dachkammer des Mädchens auch nicht viel wärmer.


    Um sich doch etwas aufzuwärmen, wagt es die Arme, ein Schwefelholz zu entzünden, und dabei nicht an den zu erwartenden Ärger zu Hause zu denken. Das Kind empfindet durch die Flamme, es sitze am heimischen Ofen, und vergisst völlig, dass es an einer Hauswand im Freien sitzt und der Kälte schutzlos ausgesetzt ist. Es kommt, wie es kommen muss: als das Hölzchen heruntergebrannt ist, kriecht die Kälte wieder an dem Körper sowohl nach oben, wie auch nach unten.


    Einschub: Litanei.

    Hier wird die Selbstrechtfertigung von einer anderen Außenseiterin angeboten, nämlich von Gudrun Ensslin. Kriminelles, Wahnsinniges und der Tod eines Selbstmörders ist der „Ausdruck der Rebellion des zertrümmerten Subjekts“ als Sinnbild für die „Zertrümmerung“ des „politischen Systems“.


    Rückkehr zum Märchen.

    In der Folge ist es das Geschehen um das „Mädchen an der Hauswand“, das sich wieder in den Vordergrund schiebt: es zündet das zweite Schwefelhölzchen und ihre Empfindung ist jetzt, dass sie unter einem Tannenbaum sitzt, nach dem Erlöschen des Schwefelholzes aber glaubt, die vielen Lichter am Tannenbaum wären die Lichter des Sternenhimmels. Man darf vermuten, dass sich hier schon Halluzinationen breit machen. Als dann vom Himmel eine Sternschnuppe fällt, muss das Mädchen an einen Ausspruch seiner Großmutter denken. „Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor“.


    Einschub: Leonardos Reflexion.

    In Leonardo da Vincis Gleichnis von den „Zwei Gefühlen“ wird das Ringen der Menschen um Erkenntnis beschrieben. Da ist jemand zwar von Neugier getrieben, empfindet aber trotzdem Furcht vor der Wissbegierde. Weil der Mensch den Gegenstand der Erkenntnis nicht kennt, wirkt alles bedrohlich auf ihn ein. Zu überwindende Hemmnisse beängstigen die menschliche Kreatur, sie sucht Vergleichsmöglichkeiten und denkt an das wild schäumende Meer oder den Feuer speienden Berg. Ein Verzagender wird vielleicht als ein vor einer Höhle sitzenden Wanderer empfunden, der zwar vor der Dunkelheit in der Höhle zaudert und zurückschreckt, der jedoch trotzdem neugierig ist, was sich in der Dunkelheit verbirgt.


    Rückkehr zum Märchen.

    Wir wissen als Kenner des Märchens, dass es vor der Erfrierung steht, dass es eine Grenzerfahrung durchmacht, die mit dem Zünden des nächsten Schwefelholzes zu tun hat: es glaubt die Großmutter zu sehen, bei der sie sich doch immer so wohl und geborgen gefühlt hat. Die Großmutter will das Mädchen mitnehmen und es gibt, weil sie ihr auch folgen will, besonders darauf Acht, dass die kleine Flamme des Schwefelholzes nicht verlischt. Der nächste Schritt des Mädchens weist es als vorsorglich aus, denn es zündet ein neues Hölzchen an dem Verglühenden an. Plötzlich merkt es jedoch, dass die Großmutter es in den Himmel zieht.


    Der Neujahrsmorgen bringt es an den Tag: das Mädchen ist erfroren. An den abgebrannten Schwefelhölzern ist zu erkennen, dass es sich wärmen wollte...