Beiträge von musikwanderer

    Ein wirklich informativer und lesenswerter Artikel, den Rüdiger Winter da verfasst hat. Ich muss dir danken, lieber Fiesco, dass Du diesen Link hier eingestellt hast. Ich will aber an dieser Stelle auch ausdrücklich dem Autor danken: hat mir sehr gefallen; da wird Fachkenntniss mit großem Wissen deutlich.

    :hello:

    Irgendwie schwebte mir vor, das Thema schon mal vor Jahren hier im Forum gesehen zu haben. Wer suchet, der findet, sagt man, und ich habe in einer Packpause für den Umzug mal gestöbert und fand den Thread, den der seit langem schweigende User 'raphaell' 2007 gestartet hat (und dort haben etliche 'inaktive' wie auch 'aktive' Taminos und Paminas Beispiele gepostet):

    Der Wald in der Musik

    :hello:

    Noch ein echter Mendelssohn-Bartholdy, nochmal ein Joseph Freiherr von Eichendorff und der Inbegriff von einem "Lob des Waldes" - mit viel Hintersinn!



    O Täler weit, o Höhen,

    O schöner, grüner Wald,

    Du meiner Lust und Wehen

    Andächt'ger Aufenthalt!


    Da draußen, stets betrogen,

    Saust die geschäft'ge Welt:

    Schlag noch einmal die Bogen,

    Um mich, du grünes Zelt.


    Wenn es beginnt zu tagen,

    Die Erde dampft und blinkt,

    Die Vögel lustig schlagen,

    Daß dir dein Herz erklingt:


    Da mag vergehn, verwehen

    Das trübe Erdenleid,

    Da sollst du auferstehen

    In junger Herrlichkeit!
    Da steht im Wald geschrieben,

    Ein stilles, ernstes Wort

    Vom rechten Tun und Lieben

    Und was der Menschen Hort.


    Ich habe treu gelesen

    Die Worte, schlicht und wahr,

    Und durch mein ganzes Wesen

    Ward's unaussprechlich klar.

    Bald werd' ich dich verlassen,

    Fremd in der Fremde gehn,

    Auf buntbewegten Gassen

    Des Lebens Schauspiel sehn;


    Und mitten in dem Leben

    Wird deines Ernsts Gewalt

    Mich Einsamen erheben,

    So wird mein Herz nicht alt


    :hello:

    Ein bekanntes Abendlied mit dem Text von Paul Gerhardt, das mir besonders in der originalen rhythmisch-vertrackten Vertonung von Heinrich Isaak, dort allerdings hundert Jahre früher als "Innsbruck, ich muss dich lassen" entstanden, gefällt. Aber natürlich ist mir die geglättete Choral-Form von Crüger ebenso lieb und vertraut. Der kurze Clip ist zudem ein Ausschnitt aus der Trauerfeier für Kurt Masur:



    Thomanerchor Leipzig Leitung: Thomaskantor Gotthold Schwarz

    Orgel: Thomasorganist Ullrich Böhme
    "Nun ruhen alle Wälder" (EG 477)


    Nun ruhen alle Wälder,
    Vieh, Menschen, Städt' und Felder,
    es schläft die ganze Welt;
    ihr aber, meine Sinnen,
    auf, auf, ihr sollt beginnen,
    was eurem Schöpfer wohlgefällt.


    Wo bist du, Sonne, blieben?
    Die Nacht hat dich vertrieben,
    die Nacht, des Tages Feind.
    Fahr hin; ein andre Sonne,
    mein Jesus, meine Wonne,
    gar hell in meinem Herzen scheint.


    Der Tag ist nun vergangen,
    die güld'nen Sternlein prangen
    am blauen Himmelssaal;
    also wird' ich auch stehen,
    wenn mich wird heißen gehen
    mein Gott aus diesem Jammertal.


    Der Leib eilt nun zur Ruhe,
    legt ab das Kleid und Schuhe,
    das Bild der Sterblichkeit;
    die zieh ich aus, dagegen
    wird Christus mir anlegen
    den Rock der Ehr und Herrlichkeit.


    Das Haupt, die Füß' und Hände
    sind froh, dass nun zum Ende
    die Arbeit kommen sei.
    Herz, freu dich, du sollst werden
    vom Elend dieser Erden
    und von der Sünden Arbeit frei.


    Nun geht, ihr matten Glieder,
    geht hin und legt euch nieder,
    der Betten ihr begehrt.
    Es kommen Stund und Zeiten,
    da man euch wird bereiten
    zur Ruh ein Bettlein in der Erd.


    Mein Augen stehn verdrossen,
    im Nu sind sie geschlossen.
    Wo bleibt dann Leib und Seel?

    Nimm sie zu deinen Gnaden,
    sei gut für allen Schaden,
    du Aug und Wächter Israel’.


    Breit aus die Flügel beide,
    o Jesu, meine Freude,
    und nimm dein Küchlein ein.
    Will Satan mich verschlingen,
    so lass die Englein singen:
    „Dies Kind soll unverletzet sein.“


    Auch euch, ihr meine Lieben,
    soll heute nicht betrüben
    kein Unfall noch Gefahr.
    Gott lass euch selig schlafen,
    stell euch die güldnen Waffen
    ums Bett und seiner Engel Schar.


    :hello:

    Gut, dass auf diesen Komponisten mit diesem Gesang noch keiner gekommen ist, da kann ich sowohl Eichendorff und Mendelssohn-Bartholdy ja die Ehre geben:



    Wer hat dich, du schöner Wald,

    aufgebaut so hoch da droben?

    Wohl, dem Meister will loben,

    solang noch mein Stimm' erschallt,

    wohl, den Meister will ich loben,

    solang noch mein Stimm' erschallt.

    Lebe wohl, lebe wohl, lebe wohl,

    lebe wohl, lebe wohl, lebe wohl

    du schöner Wald!

    Lebe wohl, lebe wohl, du schöner Wald!


    Tief die Welt verworren schallt;

    oben einsam Rehe grasen,

    und wir ziehen fort und blasen,

    dass es tausendfach verhallt,

    und wir ziehen fort und blasen,

    dass es tausendfach verhallt.

    Lebe wohl...


    Was wir still gelobt im Wald,

    wollen's draußen ehrlich halten,

    ewig bleiben treu die Alten,

    bis das letzte Lied verhallt,

    ewig bleiben treu die Alten,

    bis das letzte Lied verhallt.

    Lebe wohl...

    Schirm dich Gott,

    schirm dich Gott,

    du schöner Wald!


    :hello:

    Ich finde, dass Helmut ganz wichtige Aspekte des Tannhäuser herausgestellt hat, die nachdenklich machen --- sollten. Ich bin nicht wirklich Wagner-Fan, insofern lässt mich auch diese Inszenierung - die ich mir nicht für Geld und gute Worte ansehen würde - kalt, aber Helmuts Analyse gefällt mir (was mich nicht wundert bei einem Autor von feinsinnig-analytischen Betrachtungen über Kunstlieder), leuchtet ein und führt die Oberflächlichkeit der Regiearbeit regelrecht vor.

    :hello:


    P.S. Auch nicht wichtig, sollte auch nur eine Anmerkung sein.

    Ich freue mich auch immer, wenn die Bayern verlieren und mal einen Titel nicht holen! :D

    Ja! Es gibt sowieso nichts langweiligeres als die Bundesliga, wenn schon am ersten Tag feststeht, wer den Titel holt - nämlich die Truppe aus München. Es spricht aber einiges dafür, dass man über Jahrzehnte hinweg eine kontinuierliche Aufbau-Führung betrieben hat. Etwas, das anderen Klubs - aus welchen Gründen auch immer - abgeht. So schreibt einer, der vom Fußball keine Ahnung hat, außer, dass der Ball rund sein muss und in das Eckige gehört...

    :hello:

    Der Link führt zu jpc und dort wird der Preis mit € 39,99 angegeben...

    Kann also nur der örtlichen Verkaufspraxis geschuldet sein - die mir allerdings auch nicht so ganz einleuchtet. Auch, ob die bei den wenigen Euronen wie warme Semmeln weggehen, ist noch die Frage...

    :wacko:

    Rudolf Kelterborn (*1931)


    EIN ENGEL KOMMT NACH BABYLON

    Oper in drei Akten

    Libretto: Friedrich Dürrenmatt nach seinem Bühnenstück unter Mitarbeit des Komponisten


    Uraufführung am 4. Juni 1977 während der Juni-Festwochen im Opernhaus Zürich

    Musikalische Leitung: Ferdinand Leitner - Inszenierung: Götz Friedrich - Kostüme Jan Skalicky - Bühnenbild: Josef Svoboda



    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Der Engel (Tenor)

    Das Mädchen Kurrubi (Sopran)

    Der Bettler Akki (Bariton)

    Nebukadnezar / Anaschamaschtaklaku (Bariton)

    Nimrod (Tenor)

    Der Kronprinz (stumme Rolle)

    Der Erzminister (Bariton)

    Der Obertheologe (Bass)

    Der Urgeneral (Tenor)

    Erster, zweiter, dritter Soldat (Sprechrollen)

    Der Polizist (Bass)

    Der Bankier Enggibi (Tenor)

    Frau Enggibi (Sopran oder Mezzo)

    Der Weinhändler Ali (Bariton)

    Frau Ali (Mezzo oder Alt)

    Die Hetäre Tabtum (Alt)

    Erster Arbeiter (Bariton)

    Zweiter Arbeiter (Tenor)

    Erste Arbeiterfrau (Sopran)

    Zweite Arbeiterfrau (Sopran oder Alt)

    Der Henker (Tenor)

    Halef, Helfer des Henkers (Sprechrolle)

    Instrumentalisten: Drei Posaunisten, drei Trompeter

    Chor: Dichter, Frauen, Volk.



    INHALTSANGABE


    ERSTER AKT


    Was macht ein Engel, wenn der Allmächtige ihm den Auftrag erteilt, dem Geringsten unter den Menschen in der Metropole Babylon ein Geschenk zu bringen? Eine zugegebenermaßen rhetorische Frage, die Friedrich Dürrenmatt aber für ein - Fragment gebliebenes - Theaterstück aufgegriffen und einer Antwort zugeführt hat. Der Komponist Rudolf Kelterborn fand das Sujet interessant genug, um daraus eine Oper zu machen. Und Dürrenmatt spielte mit - wenn es auch über den Schluss der Oper Differenzen auszuräumen galt. Blicken wir also gemeinsam auf die Fäden der Oper:


    Gott hat ein hübsches Mädchen geschaffen und es Kurrubi - Gnade Gottes - genannt. Ein speziell ausgesuchter Engel soll „Gottes Gnade“ als Bettler verkleidet in die berühmte Stadt Babylon führen und dem Geringsten der dortigen Einwohner als Geschenk übergeben. Der Engel war aber noch nie auf der Erde, folglich kennt er Babylon nicht, also auch kein menschliches Wesen. Wie soll er also vorgehen? Nicht genug dieser eigenen Ratlosigkeit, hat auch Kurrubi weder den Auftrag Gottes noch den Sinn ihres Daseins verstanden. Auf ihre entsprechende Frage weiß der Engel auch nur die Antwort zu geben, sich erst einmal von ihm zu einem Menschen der niedrigsten Sorte bringen zu lassen.


    Nach etlichen Streifzügen durch die Metropole mit genauen Beobachtungen glaubt der Engel in dem Bettler Akki den Geringsten in Babylon gefunden zu haben. Und die Begründung, die er sich selber gibt, ist sogar einleuchtend: Es kann doch nicht sein, dass ein Mensch Betteln muss, wenn es ihm gut geht - Akki kann also nur der Geringste sein!


    In einer neuen Szene, die sich im Palast des Königs Nebukadnezar abspielt, erfahren wir von einem militärischen Sieg des Königs mit einer ansehnlichen Kriegsbeute. Er hat seine Berater, den Erzminister, den Urgeneral und den Obertheologen (die alle Namenlos bleiben), zu sich befohlen und will ihnen seine Entscheidung über die Verwendung der Beute mitteilen: Sein Reich soll ein Musterstaat mit hoher sozialer Kompetenz werden, und es darf darin auch keine Bettler mehr geben! Nebukadnezar kennt aber seine Untertanen, die, wie viele Menschen auf der Erde, zu gerne an Gewohntem festhalten; also muss bei Gesetzen immer auch die Strafe für Übertretungen gleich mitformuliert werden. Deshalb wird im neuen Sozialstaatsprojekt bei dem Paragrafen die Bettelei betreffend, festgelegt, dass Zuwiderhandlungen mit dem Tode bestraft werden. So soll man es schreiben und verkünden, und so wird es geschehen!


    Kehren wir zu Bettler Akki und dem Engel mit Kurrubi zurück. Erstaunt sehen wir, dass das neue Gesetz Akki in keiner Weise tangiert, denn er bettelt einfach weiter. Als der König durch seine Späher davon erfährt, ist er natürlich wütend. Und einen wütenden Nebukadnezar muss man fürchten. Insofern ist Akkis Leben eigentlich schon verwirkt. Erstaunlicherweise kommt es jedoch anders: Der Herrscher will herausfinden, warum der Untertan es wagt, sich seinem Gesetz zu widersetzen. Der einfachste Weg, meint Nebukadnezar, ist es, sich als Bettler verkleidet auf die Suche nach Akki zu machen, und erst dann über dessen Wohl und Wehe zu entscheiden. Als Alias-Namen wählt er einen zungenbrecherischen aus: Anaschamaschtaklaku.


    Zunächst trifft er allerdings auf den Engel mit Kurrubi, und diese Begegnung setzt eine Ereignis-Lawine mit Irrungen und Wirrungen in Gang: Der Himmelsbote hält ihn nämlich für Akki, gerät aber in Verwirrung, als der „richtige“ Akki auftaucht. Was soll er jetzt machen? Wem von beiden soll er Kurrubi übergeben? Er entscheidet, dass nur ein Wettstreit zwischen den beiden Aspiranten sein Problem lösen kann. Zu seinem Erstaunen gewinnt mit einer sehr ertragreichen Bettelaktion der „richtige“ Akki. Anaschamaschtaklakus Betteleinkünfte sind mehr als bedürftige. Damit ist Akki aber „aus dem Geschäft“ und Anaschamaschtaklaku darf als „der Geringste“ Kurrubi als Geschenk als Geschenk mitnehmen.


    Wer nun gedacht hat, dass sich alles in Wohlgefallen aufgelöst hat, muss erkennen, daneben getroffen zu haben: In dem Wettstreit-Sieger erwacht der König, und der ist beleidigt, fühlt sich von den Göttern verspottet. Als Bettler hätte er sich ja geschmeichelt fühlen können, Kurrubi zu gewinnen, als Herrscher über ein gewaltiges Reich aber kann er das nicht akzeptieren. Kurrubi wiederum ist über die Ablehnung enttäuscht, hat sie den Mann doch liebgewonnen und möchte ihm beim Betteln zu einer besseren Bilanz verhelfen. Aber ihre Einwände und Bitten bleiben erfolglos, der „König-Bettler“ geht auf Kurrubis Bitten nicht ein - Anaschamaschtaklaku überlässt sie dem Sieger und geht davon…



    ZWEITER AKT


    Akki ist von der Todesstrafe bei Bettelei immer noch unbeeindruckt und bleibt bei der Art Gewerbe, weil er es als einziges seit Kindesbeinen beherrscht. Kurrubi steht ihm hilfreich zur Seite, ist sie doch ehrlich bemüht, seine Lage verbessern. Trotzdem kann sie den Bettler mit dem zungenbrecherischen Namen nicht vergessen.


    Der Engel ist der Meinung, seinen Auftrag erfüllt zu haben und durchstreift neugierig Stadt und Land. Ohne irgendwelche Missstände wahrzunehmen oder zu wollen, findet er des Herrn Schöpfung gelungen. Selbst das, was die Menschen erschaffen haben, nötigen ihm Respekt ab. Und genau das wird er im Himmel bezeugen - was daran liegt, dass Kritik dort nicht gern gehört wird. Im Hinterkopf hat er außerdem, dass dem Engel Luzifer kritische Bemerkungen nicht gut bekommen sind.


    Über Akki ist durch königliches Dekret das Urteil gesprochen worden. Er erfährt es von dem Henker, der ihn, den Unfolgsamen, mit einer Schlinge um den Hals „vom Leben zum Tode“ befördern soll. Der Henker hat aber nicht mit Akkis Schläue gerechnet. Er schafft es, mit ihm, der eine gewisse Unlust für seinen Beruf zu erkennen gibt, einen Deal zu machen: Sie tauschen Kleidung und berufliche Stellung zu tauschen - plötzlich gibt es den Bettler Akki nicht mehr, und auch der Henker hat ein völlig anderes Gesicht.


    Kurrubi ist inzwischen eine stadtbekannte Persönlichkeit geworden. Die Einwohner von Babylon mögen sie, viele sind der Meinung, dass sie wegen ihrer Schönheit eine ideale Gattin für den König wäre…



    DRITTER AKT


    Was ist mit Nebukadnezar los? Ist er an verwirrt? Wer dem König zuhört, muss diesen Eindruck kommen. Er bedauert nämlich, dass er das Mädchen Kurrubi zurückgestoßen hat. In seinen selbstmitleidigen Betrachtungen wird er von Akki gestört, der ihm berichtet, dass Bettelei in seinem Land kein Thema mehr ist. Der Zuschauer wundert sich, dass der König den Boten nicht erkannt hat. Was eine neue Kleidung doch alles ausmachen kann…


    Im Volk macht das Gerücht die Runde, der König sei verwirrt und die Bürger zeigen in ihren Äußerungen Mitleid. Aber einige können sich vorstellen, dass es eine hilfreiche Medizin gibt: Kurrubi muss den Herrscher von seinen inneren Qualen befreien! Sie überreden sie zu einem Besuch im Palast und bringen sie nach ihrer Zustimmung in den Palastz. Dort reagiert sie mit Erstaunen, als sie in dem Mann den Bettler Anaschamaschtaklaku wiedererkennt. Zu gerne würde sie ja bei ihm bleiben, in diesem großen Palast mit seinen vielen Prunkräumen und dem großen Park mit Wasserfontänen. Doch sie kennt andererseits ihren Auftrag, der da lautet, nur dem Geringsten zu gehören - Gemahlin des Königs zu werden, gehört nicht dazu. Und der ist mit dieser Ablehnung überaus unzufrieden, fürchtet sogar einen Volksaufstand, wenn die Schöne nicht seine Frau wird.


    Kann der Obertheologe dem Herrscher aus der verfahrenen Situation helfen? Tatsächlich will er nichts unversucht lassen, dem großen König aus der Patscha zu helfen. Kurrubi aber bleibt dabei, dass sie das Gebot des Himmels nicht missachten darf. Daran ändert auch der sichtbare Liebesschmerz der Majestät nichts. Aber sie könnte sich vorstellen, ihre Meinung zu ändern, wenn er wieder zum Bettler Anaschamaschtaklaku würde. Einwände des Himmels seien dann unwahrscheinlich. Ach, welche Naivität spricht aus Kurrubis Worten! Wie kann sie nur glauben, dass ein König, der den Prunk liebt, der es gewohnt ist, von vielen Dienern umsorgt zu werden, sich für immer auf die Straße begibt? Nein, das funktioniert bei keinem Herrscher! Nebukadnezar zeigt jetzt sogar die andere, die härtere Seite seines Wesens: Er überantwortet das Mädchen ohne irgendwelche Skrupel dem Henker! Gerade noch himmelhochjauchzend verliebt, jetzt aber, wo er von der Schönen zurückgewiesen wurde, zählt das nicht mehr. Er befiehlt dem Scharfrichter jedoch eine heimliche Aktion, weil er keine Rebellion im Volk heraufbeschwören will.


    Als die Todeskandidaten den erwartet letzten Gang ihres Lebens antritt und schließlich vor dem Henker steht, staunt sie nicht schlecht: Sie erkennt Akki sofort, und kann ihre Gefühle kaum verbergen - ist aber auch enttäuscht, dass „der Geringste“ einen solchen Karrieresprung hingelegt hat. Dann eine glückliche Wendung: Akki denkt nicht im Traum und nicht in der Realität daran, Kurrubi einen Kopf kürzer zu machen. Er verschwindet stattdessen mit ihr auf schnellstem Wege in die Wüste, wo sich beide in einer Oase niederlassen. Der Himmel, das erkennen beide, hat sie füreinander bestimmt und dabei soll es jetzt und alle Zeit bleiben.



    INFORMATIONEN ZU KOMPONIST UND WERK


    Rudolf Kelterborn wurde in Basel geboren als Sohn des Architekten Ernst Kelterborn und seiner Frau Erika, geborene Salathé. Seine Ausbildung erhielt er an der Musik-Akademie Basel (Theorie und Komposition u.a. bei Güldenstein und Geiser, Dirigieren bei Krannhals) und an der Universität Basel (Handschin). Weitere Kompositions-Studien bei Bialas und Fortner sowie Igor Markevitch (Dirigieren).


    Der berufliche Werdegang von Rudolf Kelterborn:

    1955-1960 Lehrer für Theorie, Analyse und Komposition an der Basler Musik-Akademie; 1960-1968 an der Nordwestdeutschen Musik-Akademie Detmold (dort wurde er1963 zum Professor ernannt);

    1968-1975 und 1980-1983 Konservatorium und Musikhochschule Zürich; gleichzeitig an der Staatlichen Hochschule für Musik Karlsruhe.

    1969-1975 Chefredaktor der Schweizerischen Musikzeitung;

    1974-1980 Hauptabteilungsleiter Musik des Radios der deutschen Schweiz;

    1983-1994 Direktor der Musik-Akademie Basel;

    1987 mit Heinz Holliger und Jürg Wyttenbach Gründung des Basler Musik-Forum für dessen Programme er bis 1997 mitverantwortlich war.


    Kelterborns kompositorisches Schaffen umfasst sämtliche musikalischen Gattungen, die vielfach ausgezeichnet wurden (u.a. Komponistenpreis des Schweizerischen Tonkünstlervereins, Kunstpreis der Stadt Basel, Bernhard-Sprengel-Preis der deutschen Industrie, Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, Zürcher Radiopreis). Er ist Mitglied der Freien Akademie der Künste Mannheim. Kelterborn ist auch als Gastdirigent, vor allem eigener Werke, tätig. Aus seiner Feder stammen musiktheoretische und analytische Aufsätze und Schriften; er war u.a. Gastdozent in den USA, England, China, Japan und Osteuropa.


    Zur Oper „Ein Engel kommt nach Babylon“ hat Kelterborn in einem Interview folgendes berichtet: „Bei Dürrenmatt heißt es am Schluss: ‚Und vor uns, hinter dem Sturm, den wir durcheilen verbrannten Gesichts, liegt fern ein neues Land, dampfend im gleißenden Licht, voll neuer Verfolgung, voll neuer Verheißung und voll von neuen Gesängen!‘ Während der Arbeit am Libretto fragte Dürrenmatt mich, welches Ende die Oper habe. Darauf antwortete ich: ‚Die schließt mezzoforte. Es gibt keinen kräftigen Schluss, aber auch kein Verebben, sondern es ist ein Mezzoforte.‘ Dürrenmatt meinte, dass das nicht gehe. ‚Da muss ein richtiger Schluss her!‘ Dann hat er eine entsetzliche Idee entwickelt, nämlich, dass Nimrod den Bettler Akki und Kurrubi erschießt! Das war ernst gemeint! Er wollte noch einen richtigen Operntod. Ganz furchtbar. Wir bekamen richtigen Streit. Denn ich wollte einen solchen Schluss auf gar keinen Fall! Es gab eine ziemliche Spannung, aber nach ein paar Tagen kam ein Kärtchen von seiner Sekretärin mit dem Vermerk, dass ‚Herr Dürrenmatt‘ mit dem Schluss einverstanden‘ sei.“



    © Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2019

    unter Hinzuziehung der Partitur (Bärenreiter-Verlag) als Libretto

    Nein, die Scheiben mit den Deller-Raritäten wr nicht die einzigen, die ich nächtens hörte. Harmonia mundi hat als französisches Label natürlich auch Komponisten dieses Landes herausgestellt. Und da kam dann Charpentiers "Te Deum" mit William Christie und Les Arts Florissants zu Gehör - eine besondere Aufnahme (für mich) weil dem "Lob Gottes" ein "Marche de Timbales" von Jacques Danican Philidor vorangestellt ist. Michel-Richard de Lalande folgte mit "Symphonies pour les Soupers du Roi", gespielt von La Symphonie du Marais unter Hugo Reyne. Dazu muss ich sagen, dass de Lalande und seine Interpreten hier sozusagen "terra cognita" sind. Anders Jean-Philippe Rameau. Dessen Ballettmusik zu "Les Indes Galantes" ist als Orchesterstück ein echtes Highlight, aber in der hier dargebotenen Fassung für Cembalo (vom Komponisten selbst eingerichtet) auch nicht zu verachten. Ob es an der Aufnahmetechnik oder am Instrument oder an beidem liegt, kann ich nicht sagen, aber Kenneth Gilbert, an einem Cembalo von Donzelague von 1791 spielend zumindest ist unüberhörbar ein Könner seines Fachs. Und das Instrument hat einen warmen und nicht den oft nervtötenden zirpenden Klang. Das wirklich Schöne nach dieser Nachtmusik war, dass ich hervorragend geschlafen habe: Kurz und Heftig!

    :hello:

    Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da, sang mir gestern Abend Gustaf Gründgens - aus dem Radio - vor und ich habe mich daran gehalten: Zwei weitere CDs aus der Box sind Alfred Deller gewidmet und die habe ich gehört. Da waren zunächst einmal fünf Lautenlieder von John Dowland (als Begleiter Robert Spencer) und vier Lieder von Henry Purcell, bei denen Deller von den Herren Wieland Kuijken (Bassviola), William Christie (Cembalo) und Robert Elliot (Orgel) begleitet wird. Der Rest der Spielzeit aus beiden Scheiben waren Auszüge aus Purcells "King Arthur" mit Dellers Ensemble und "The Kings Musick" - vornehmlich jene Stücke, bei denen Deller mitzuwirken hatte. Als Fazit kurz und knapp: Ich hörte beeindruckende Beispiele aus dem Repertoire des Pioniers des Counter-Gesangs...

    :hello:

    Die nächste Scheibe, soeben verklungen, enthielt einige der Mozart'schen Sonaten all'Epistola (auch Kirchensonaten genannt). Das London Baroque Ensemble spielte sie - der Organist, der allerdings in enigen der Stücke kaum etwas zu leisten hat, außer eine Harmoniestütze zu sein, wird im Booklet wohl gerade deswegen, nicht erwähnt. Eine wie ziselierte Aufnahme, aber leider mit einigen unschönen Spitzentönen der ersten Geige. Daran schloss sich Liszts Transkription der "Eroica" an, auf dem Steinway gespielt von Georges Pludermacher. Meine erste Begegnung sowohl mit Liszt als auch mit Pludermacher...

    :hello:

    Die nächste CD aus der nebenstehenden Box ist Philippe Herreweghe gewidmet. La Chapelle Royale und das Collegium Vocale Gent unter Herreweghe bringen vier Motetten von Brahms zu Gehör: Es ist das Heil uns kommen Her; Schaffe in mir, Gott, ein reines Herze; Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen; O Heiland, reiß die Himmel auf. Mir ist nicht klar, welches Ensemble welche Motetten singt - das an sich umfangreiche Booklet - mehr mit dem Jubel für das Geburtstagslabel beschäftigt - erklärt es auch nicht.

    Klarer ist das, weil die Interpreten gelistet sind, beim Requiem von Gabriel Fauré: Die Soli singen Agnés Mellon (Sopran) und Peter Kooy (Bariton); der Chor der Petits Chanteurs de Saint-Louis (Olivier Schneebeil); Ensemble Musique Oblique; La Chapelle Royale. Es ist ein lohnendes Zuhören gwesen, wobei ich gestehen muss, Herreweghe bisher nur als Interpreten der Musik der Renaissance und des Barock gekannt zu haben - mit dieser CD hat sich das geändert. Er "kann" auch Romentik und seine Sänger folgen ihm willig...

    :hello:

    Noch vor dem Frühstück habe ich mir Madrigale von Marenzio angehört; die Auswahl wird von den Ensembles Clement Janequin unter Dominique Visse und dem Concerto Vocale unter René Jacobs aufgeteilt gesungen. Weitere Madrigale stammen von Carlo Gesualdo, die Les Arts Florissants unter William Christie interpretieren. Solo-Stücke von Giulio Caccini, Bottrigari (noch nie von ihm gelesen oder gehört) und Monteverdi bringen René Jacobs und Konrad Junghänel zu Gehör. Den Abschluss bildet Monteverdis „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“, das René Clemencic mit seinem Gesangsensemble vorträgt.

    :hello:

    60 Jahre „harmonia mundi“ und das Label erinnert mit zwei CD-Würfeln an maßstäbliche Aufnahmen des eigenen Repertoires. Die ersten beiden CDs bringen Orgelmusik der Renaissance- und Barock-Zeit. Francis Chapelet spielt auf der Orgel der Kirche Saint-Martin im spanischen Trujillo Musik von Gombert, Desprez, Janequin und anderen Musikern der Zeit von Charles-Quint, danach Kompositionen von Antonio Cabezón

    (Musique à la Cour de Philippe II.) - insgesamt Werke, die mir bis dato unbekannt waren. Ich habe bei den meisten Stücken den Eindruck gehabt, dass hier Adaptionen für Orgel von ursprünglich originalen Instrumentalstücken oder auch gregorianischen Melodien vorliegt. Klar beschrieben sind dagegen die von René Saorgin an der Charles-Boisselin-Orgel (1712) in Malaucène gespielten Toccaten von Georg Muffat. Der französische Organist, 2015 verstorben, spielt auf CD 2 Frescobaldi auf Orgeln in Brescia (San Giuseppe, Orgel von Graziado Antegnati aus dem Jahre 1581, restauriert in den 1960er Jahren) und Bastia (Kathedrale Sainte-Marie, Orgel von dem zweiten Guiseppe Serassi, 1844). Danach ist der gebürtige Siegener Organist Helmut Winter an der Orgel der Kirche St. Trinitatis in Trebel/Wendland (gebaut von Georg Stein Vater, 1777) mit Pachelbel-Werken zu hören.

    Vorzügliche Aufnahmen, die mir bei großer Wärme die nächtliche Zeit verkürzt haben.

    :hello:

    Simone Stella hat Kompositionen für Tasteninstrumente des Frescobaldi-Schülers Johann Jakob Froberger an verschiedenen Orgeln italienischer Provenienz eingespielt. Im "Libro Secondo" von 1649 fasst er Toccaten, Canzone; fantasien und Partiten in sechs Abteilungen zusammen. 18 davon spielt Stella an der Orgel Onifrio Zefferini da Cortona (1558) an der Badia Fiorentina (einer mittelalterlichen Abteikirche im Stadtzentrum von Florenz), die restlichen auf einem Cembalo von William Horn, Nachbau Johannes Ruckers. Ich kann über die Interpretation an und für sich nicht meckern (habe eh nur eine CD mit Froberger-Orgelwerken, die Gustav Leonhardt spielt), halte jedoch eine wohl nur ihm eigene Unart für verfehlt - nämlich, vor jedem Schlussakkord eine Sekundenbruchteil-Pause einzulegen.

    :hello:

    Zwei CDs mit instrumentaler Unterhaltungsmusik haben mir - nach den weiter vor zitierten achtsimmigen Unterhaltungsmessen - die Schlaflosigkeit erträglich gemacht: Das 'Ensemble ConSerto Musico' unter Robert Loreggian spielt aus dem ersten Buch von Canzonen mit unterschiedlichen Besetzungen und bietet damit frühbarock-höfische Begleitmusik zu mancherlei Beschäftigungen. Wenn man aber genau hinhört, wird deutlich, dass Frescobaldi das Unterhaltende in kunstvolle Formen einbindet. Was für die Herrscher in Florenz gut war, war für mich nicht schlecht...

    :hello:

    Es war moderato, der mir die Anregung gab, Frescobaldi aus der nebenstehenden Box zu hören. Und damit habe ich fast die halbe Nacht zugebracht, Hitzewirkungen! Die 'Missa sopra l'aria della Monica' und die 'Missa sopran l'aria di Fiorenza', zwei achtstimmige Messevertonungen, die angeblich für Hofunterhaltung geschrieben wurden, nicht für die Kirche. Die Arie, auf der die 'Missa sopra l'aria della Monica' basiert, ist ein Gesang, in der ein Mädchen die Eltern bittet, sie nicht in ein Kloster zu schicken; sie wünscht außerdem denen, die ihrer Bitte nicht entsprechen wollen, den Tod. Das ist keine Musik für den Gottesdienst. Die 'Missa sopra l'aria di Fiorenza' basiert auf einer patriotischen Melodie namens 'Ballo del Granduca' und könnte zur Unterhaltung eines Würdenträgers geschrieben worden sein. Den 'Ballo del Granduca' kenne ich von Jan Pieterszoon Sweelinck - da muss ich doch mal vergleichen, ob mir die Melodien ins Ohr dringen...

    :hello:

    Diskographischer Hinweis:


    Die nebenstehende Aufnahme (bisher wohl die einzige von Zemlinskys Oper) - von Stefan Soltesz geleitet und mit Behle, Lorenz, Schreckenbach, Hermann, Goldberg, Helm, Lindsley, Ottenthal und Borris prominent besetzt - erhielt viel Lob. Es wird dabei hervorgehoben, dass „allein das Unterfangen, Zemlinkys Kreidekreis aufzunehmen“ Achtung verdient, dass aber gleichwohl auch das Orchesterspiel und die hervorragende Aufnahmetechnik "Sterne verdienen"...

    :hello:


    Alexander von Zemlinsky (1871-1942):


    DER KREIDEKREIS

    Oper in drei Akten - Libretto von Klabund (Alfred Henschke)


    Uraufführung am 14. Oktober 1933 am Stadttheater Zürich


    DIE PERSONEN DER HANDLUNG


    Tschang-Haitang (Sopran)

    Frau Tschang, ihre Mutter (Alt)

    Tschang-Ling, ihr Bruder (Bariton)

    Herr Tong, Kuppler (Tenor)

    Prinz Pao (Tenor)

    Herr Ma, Mandarin und Steuereintreiber (Bass)

    Schauspieler:

    Yü-Pei, Mas Gattin ersten Ranges

    Herr Tschao, Sekretär bei Gericht

    Tschu-tschu, Oberrichter

    Hebamme Lien

    Zwei Kulis

    Ferner: Zeremonienmeister des Kaisers, Gerichtspersonen, Soldaten, Polizisten


    Das Geschehen spielt zu alter Zeit in China.



    INHALTSANGABE


    ERSTER AKT

    Das Innere eines Teehauses. Im Hintergrund ein Vorhang, der drei goldenen Käfige verdeckt. Tong, ein fetter Eunuch, watschelt hervor.


    Herr Tong stellt sich vor: Er besitzt ein kleines, aber feines Etablissement, dem auch der Herr Polizeipräsident hin und wieder die Ehre eines Besuches gibt. Das beweist, wie sehr ihm und der Exekutive an einem beiderseitig guten Einvernehmen gelegen ist. Tong legt auch Wert auf den einwandfreien Ruf seiner Damen. Übrigens wird die Musik im Hintergrund von einem Trio der Schönen des Hauses gespielt. Auf ein Handzeichen von Tong wird ein Vorhang zur Seite geschoben und macht die Musikantinnen sichtbar, jede in einem goldenen Käfig sitzend.


    Durch einen Gongschlag schließt sich der Vorhang wieder und Tong fragt, ob jemand weiß, woran ihn der Ton des Gongs erinnert? Dass er keine Antwort erwartet, zeigt sich an seiner sofort folgenden Erklärung: „An eine Hinrichtung!“ Er war in seinem früheren Leben Henker. Tong erlaubt sich einen Wortwitz: Früher hat er die Verurteilten einen Kopf kürzer gemacht, heute verlieren die Männer völlig unblutig ihren Kopf an die Schönen seines Hauses. Was ihm von seinem Naturell her auch wesentlich lieber ist. Herrn Tong drängt es, noch ein Detail mitzuteilen: Er hat sich freiwillig und aus Realitätssinn einem kleinen operativen Eingriff unterzogen, der ihn fortan jeder Versuchung enthob, der beste Kunde im eigenen Hause zu sein und bei Kunden Eifersucht auszulösen. Die Rolle eines Vermittlers empfindet er übrigens nicht als Nachteil.


    Eine Dame und ein Mädchen in Trauerkleidung kommen auf die Szene. Sie stellen sich als Frau Tschang und Tochter Haitang vor. Tong bittet wegen der Trauerkleidung beiden Damen sein tiefempfundenes Beileid aussprechen zu dürfen. Haitang kommt zur Sache: Sie haben erst vor einer Stunde ihren Vater, den ehrenwerten Herrn Tschang, der Erde übergeben. Tong will wissen, woran der honorable Herr Vater denn verschieden sei? Ein Weinkrampf Haitangs lässt Frau Tschang antworteten: Ihr Ehemann, Seidenraupenzüchter und Gemüsegärtner, hat seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Haitang hat sich wieder gefangen und ergänzt, dass der Steuereintreiber und Mandarin Ma dafür verantwortlich ist, da er die Steuerzahlung verlangte, die sie aber nicht aufgebringen konnten. Ma war so hart, den einzigen Wertgegenstand, den sie besaßen, nämlich einen Holzsarg, durch den Gerichtsvollzieher beschlagnahmen zu lassen. Das war dem Familienoberhaupt Tschang zu viel; er begab sich zum Haus des Herrn Ma und erhängte sich an einem der Türpfosten. Frau Tschang ergänzt, dass aufgebrachte Bürger die Fenster von Mas Haus mit Steinen eingeworfen hätten.


    Frau Tschang kommt aber nun zu ihrem Anliegen: Sie möchte den ehrenwerten Herrn Tong bitten, Haitang in sein geschätztes Haus aufzunehmen. Sie sieht sich dazu gezwungen, weil sonst die Familie Hunger leiden müsste. Haitang nennt sich selbst eine Kin-, Flöten- und Lautenspielerin, kann malen, tanzen und singen. Herr Tong ist auch dazu bereit, wenn man sich auf einen Preis einigen könne. Frau Tschang hält „Hundert Gold-Taels“ für angemessen, doch Tong bemängelt den Leberfleck an Haitangs Hals und Frau Tschang geht auf „Neunzig Gold-Taels“ herunter. Weil Tong immer noch zögert spielt Mutter Tschang ihren Trumpf aus: „Haitang ist noch unberührt!“ Das findet der Kuppler zwar eine wichtige Aussage, die jedoch nur einmal eine entscheidende Bedeutung hat, weshalb er „Achtzig Gold-Taels“ als letztes Angebot nennt. Frau Tschang schlägt in den Handel ein; Herr Tong wird die Summe auch sofort auszahlen.


    Unerwartet taucht Tschang-Ling auf, Haitangs Bruder, und echauffiert sich über den Handel. Haitang verteidigt sich: Die Tochter-Pflicht gebietet ihr, für die Mutter zu sorgen. Das bringt Tschang-Ling noch mehr auf, was die Mutter einschreiten lässt: Es sei ja wohl an ihm, für die Familie zu sorgen, er aber bringe seinen Verdienst zu den Mädchen in überaus zweifelhaften Teehäusern. Er muss sich als nicht über seine Schwester aufregen! Tschang-Ling eilt wütend davon. Tong kommt mit dem Geld und überreicht es Frau Tschang. Dann bietet er ihr an, den Arbeitsplatz Haitangs, einen jener goldenen Käfige, zu besichtigen. Nach dem Haitang dort Platz genommen hat, verabschiedet sich Frau Tschang von ihrer Tochter und Herrn Tong.


    Verwandlung in in anderes Gemach. Im Hintergrund mittig schwarzer Papierparavent. Pao, ein junger Prinz, betritt den Raum. Tong vor ihm; in vielen rückwärtigen Bücklingen geht er in die Kulisse ab.


    Prinz Pao tritt auf und erklärt Haitang, dass er sein Dasein der Liebe gewidmet hat. Es erfreut ihn sehr, hier im Hause Tong eine ungeöffnete Blume, leider in Trauerkleidung, gefunden zu haben. Er möchte sie gerne aufheitern und den Kelch der feinen Blume öffnen. Haitang zeigt sich belustigt: Seine Worte sind typische Floskeln aus dem Anstandsunterricht, die sie aber nicht berühren. Ob nicht eine Partie Schach von Interesse sei? Pao spielt kurz mit ihr, ist aber schnell gelangweilt, möchte lieber das Spiel der Liebe mit ihr spielen. Irritiert sagt sie, dass die Liebe doch kein Spiel sei:

    „Sie sind so nachdenklich! Soll ich Sie erheitern? Soll ich tanzen? […] Soll ich singen? […] Soll ich malen oder zeichnen? Hier ist ein Stück Kreide. Ich werde hier auf die schwarze Tapete mit der weißen Kreide einen Kreis zeichnen.“ Pao nennt den Kreis „das Symbol des Himmelsgewölbes […] das Symbol des Rings, der Gatten aneinander schmiedet, Herzring an Herzring reiht.“


    Plötzlich bricht ein feister Kopf den Kreidekreis und stellt sich als Ma vor. Der Name, sagt er, zwingt viele Leute zu einem Kotau. Er ist reich, kann sich alles das leisten, wonach ihm gerade ist. Sieht er ein schönes Pferd, kauft er es; sieht er eine schöne Frau, nimmt er sie sich. Sein Beruf als Steuerpächter, so sehr er sich auch lohnt, bringt ihm oft Ärger ein. Da hat sich vorgestern ein gewisser Tschang vor seinem Haus erhängt. Daraufhin bewarf der Pöbel die Fenster seines Hauses mit Steinen und es gab Bruch. Von dem Ärger will er sich im Hause Tong erholen. Ihm wurde von einer neuen Blume mit geschlossenem Kelch berichtet und er hat sie gefunden. Er ruft Tong herbei und bekundet sein Interesse an der Schönen. Ihm wird erklärt, dass die Neue noch Jungfrau sei, was Ma nicht glaubt, ist er doch schon mehrmals einer solchen Lüge Tongs aufgesessen. Der schwört beleidigt, dass er den ehrenwerten Herrn Ma diesmal nicht angelogen hat. Ma ist will die Schöne kaufen und bietet 100, Pao dann 300, Ma erhöht auf 400, Pao bietet 500 und der Ma schließlich 1000. Das ist dem Prinzen zu viel und Tong nimmt Mas Gebot an.


    Haitang beklagt leise ihr bitteres Schicksal: Ma hat ihren Vater auf dem Gewissen und diesem Teufel wirft das Schicksal sie nun in die Arme. Sie bittet Tong, ihre Mutter zu informieren, dass sie noch heute mit Herrn Ma vermählt werde. Tong verneigt sich und fragt, ob sie auch weiß, was das Weib dem Mann schuldet? Haitang weiß das seit frühester Kindheit - und Tong verbeugt vor ihr, ehe er abgeht.



    ZWEITER AKT

    Garten und Veranda vor dem Hause des Herrn Ma. Im Hintergrund eine Straße.


    Yü Pei, Gattin ersten Ranges von Ma, jetzt Witwe, tritt ein und klagt dem Publikum ihr Leid: Es ist gerade ein Jahr her, dass ihr Gatte sich eine zweite Frau nahm, eine abscheuliche Person mit Namen Haitang und Kurtisane aus zweifelhaftem Teehaus! Und die hat Ma einen Knaben geschenkt, was ihr durch ihren unfruchtbaren Schoß nie vergönnt war. Yü Pei ahnt, dass sich ihre Lage durch Haitang und den Bastard verschlechtert hat und sie ihr Geschick in die eigene Hand nehmen muss. Dabei wird ihr der ehrenwerte Gerichtsbeamte Tschao, der ihr ergeben ist, helfen.


    Tschao trifft sich mit Yü Pei und erklärt ihr die Gesetzeslage: Stirbt der Gatte ist die Witwe ersten Ranges Alleinerbin. Wenn aber eine Nebenfrau mit dem Verblichenen ein Kind hat, tritt die an deren Stelle und die Hauptfrau erhält nur den Pflichtteil.


    Yü Pei wirkt nicht überrascht, wohl aber zornig, denn sie hat Ma immer treu gedient. Jetzt soll sie im Alter darben? Jetzt soll die Hure Haitang mit ihrem Bastard besser dastehen? Tschao versucht sie zu trösten: Solange er lebt, wird das nicht eintreten. Diese Aussage ist für Yü Pei keine Beruhigung, denn er ist ja arm wie eine Tempelmaus. Tschao will sie trotzdem aus Liebe unterstützen.


    Herr Ma kommt und lässt sich mit Tschao auf ein Gespräch ein. Sie tauschen zunächst nur Höflichkeitsfloskeln aus. Dann kommt der Steuereintreiber zum Wesentlichen: Tschao soll ihn vor Gericht vertreten. Und zwar will er sich von Yü Pei scheiden lassen und Haitang in den Rang einer Gemahlin ersten Ranges erheben. Er liebt sie nämlich, zumal sie ihm einen Erben geschenkt hat. Tschao ist dazu bereit und gibt den Tipp, dass eine Lösung erleichtert würde, wenn man Yü Pei Untreue nachweisen könnte. Er empfiehlt Ma, einen Ehebruch zu konstruieren, wenn es nicht anders möglich ist, seine Gemahlin loszuwerden. Ma ist zufrieden - man hat sich verstanden und er versabschiedet Tschao.


    Später trifft der Gerichtsbeamte Yü Pei und teilt ihr mit, dass ihr Mann sich scheiden lassen will. Die ist natürlich empört und will sofort handeln, denn jegliche Verzögerung ist für reine Dummheit. Seine Frage, was sie zu tun gedenke, bleibt unbeantwortet, denn sie geht schnell ins Haus. Nachdem sie verschwunden ist, erscheint der völlig heruntergekommene Tschang-Ling und beklagt den Verlust von Haus und Hof; er hat kein Geld, seine Kleidung besteht aus Lumpen und sein Magen ist leer. Herr Ma ist Unkraut, der seinen Vater in den Tod getrieben und seine Schwester gekauft hat. Und er, Tschang-Ling, muss das Urteil über diesen Mann vollstrecken.


    Haitang erscheint und erkennt ihren Bruder nicht. Der Fremde bittet um eine Schale Reis und gibt an, Sohn eines Vaters zu sein, der sich erhängte und einer Mutter, die vor Kummer starb. Haitang weiß nun Bescheid und sagt, dass Ma sie ehrt und dass ein gemeinsames Kind die Ehe krönt. Das erzürnt Tschang-Ling noch mehr, Haitang aber bittet ihn, dem Kind kein Leid zuzufügen. Zornig erklärt Tschang-Ling ihr, dass er Mitglied der Bruderschaft vom weißen Lotos sei, die das Urteil über Ma längst gesprochen hat. Haitang befragt ohne ein Ergebnis das Orakel des Kreidekreises. Sie bittet den Bruder zu warten, bis die Götter sich deutlicher ausgedrückt haben. Tschang-Ling will es der Bruderschaft berichten. Bevor er geht, schenkt Haitang ihm den Pelzmantel, den sie von Ma bekommen hat, und wünscht ihm gute Reise.


    Diese Begegnung hat Yü Pei beobachtet und macht Haitang den Vorwurf, sie habe mit ihrem Verhalten die Ehre des Herrn Ma beschmutzt. Haitang wehrt sich mit der Aussage, dass der Reiche dem Armen helfen muss - und sie ist durch Ma mit Reichtum gesegnet. Der trat hinzu und will von Haitang wissen, ob die umlaufenden Gerüchte wahr seien, wonach sie sich mit einem Fremden unterhalten habe. Ja, sagt sie, es war ein Bettler, dem sie, der in den Lumpen auf seinem Leib fror, auch den Pelzmantel geschenkt hat, den sie einst von ihm erhalten habe. Ma will wissen, ob sie den Bettler heute das erste Mal sah und sie antwortet mit „Nein!“ Yü Pei wirft Haitang Treulosigkeit vor, doch die kontert, der Bettler sei ihr Bruder. Das hält Yü Pei für eine Lüge, doch Ma glaubt Haitang.


    Verwandlung in ein Zimmer im Hause des Ma mit Tisch und Stühlen. Ma sitzt am Tisch, den Tee erwartend. Frau Ma deckt den Tisch.


    Haitang bringt den Tee für Ma, hat aber den Zucker vergessen und geht nochmal zurück. Das nutzt Yü Pei aus und gießt heimlich von der Tinktur Tschaos in den Tee. Ma bittet Haitang, ihm während der Teezeremonie das Märchen von der Lotosblüte vorzulesen. Doch gleich nach dem ersten Schluck Tee fällt Ma die Tasse aus der Hand, er röchelt „Ich sterbe“ und fällt tot auf die Seite. Nun bricht Chaos aus: Haitang bettet Mas Kopf in ihren Schoß, Yü Pei schreit um Hilfe, das Personal rennt ziellos umher, Tschao taucht mit Tschang-Ling an der Tür auf und ein Polizeitrupp kommt hinzu.


    Yü Pei flüstert Tschao leise zu, nun endlich frei zu sein, doch der fragt entsetzt, wer Herrn Ma getötet hat. Das will natürlich auch die Polizei wissen und bekommt von Yü Pei die Mörderin geliefert: „Diese Person da, ein Teehausmädchen niedersten Ranges, aber seine zweite Gattin, hat Herrn Ma vergiftet!“ Die Ordnungskräfte glauben Yü Pei und nehmen Haitang fest. Unter Tränen bittet sie, dass man ihr Kind hole. Yü Pei entrüstet sich: „Diese Person ist verwirrt, hat kein Kind, denn das Kind im Hause ist meins, dass sie nur als Kindermädchen gehütet hat.“


    Haitang scheint das Geschehen nicht wahrzunehmen; sie kniet vor Mas Leiche und wischt sich immer wieder die Tränen aus den Augen. Gerade war sie noch glücklich, jetzt hat ihr das Schicksal wieder schwer zugesetzt. Haitang wird unter der Führung eines Polizeioffiziers abgeführt. Tschang-Ling, der die ganze Zeit stumm zugesehen hat, sagt nicht ohne Bitterkeit, dass die Götter die Verbrecherin gerichtet haben.



    DRITTER AKT

    Gerichtssaal mit Sessel und Tisch des Richters. Links und rechts Sessel für Beisitzer. In der Mitte über dem Sessel Gobelin mit dem Bildnis des fünfklauigen Drachen. Rechts und links daneben schmale Fahnen mit chinesischem Schriftzeichen. Vor dem Sessel des Richters wird ein Kreidekreis gezogen, in den die Angeklagte zu knien hat. Links und rechts im Vordergrund Raum für Zeugen und Publikum, vom Mittelraum durch Barrieren getrennt. Tschu-tschu sitzt auf dem Richterstuhl und frühstückt.


    Tschu-tschu setzt die Verhandlung auf 9 Uhr fest. Zunächst ist aber ein gutes Frühstück nötig, ohne dass kein erfolgreicher Tag beginnen sollte. Sein heutiger Tagesbeginn ist allerdings mit Kopfweh verbunden - Ergebnis der letzten Nacht im Hause des ehrenwerten Herrn Tong. Drei exquisite Damen, Yu, Yei und Yau, haben ihn köstlich unterhalten, zunächst mit Musik und mit viel Reiswein. Die schöne Yau hat ihm dabei mit ihrem Leib gehört. Sie haben ihm kleine farbige Tuschzeichnungen von sich geschenkt, die sie unbekleidet in allerlei verfänglichen Stellungen zeigen: Der Nacken von Yü, alle Achtung! Die Schenkel von Yau, auch nicht zu verachten! Aber den kleinen Brüsten von Yei gibt er den ersten Preis!


    Der Gerichtsbeamte Tschao bittet den Herrn Richter um Verzeihung, aber die Klägerin, Witwe Ma, hat ihn gebeten, dem ehrenwerten Herrn Richter als Zeichen der Verehrung einen Beutel überreichen zu dürfen. Der bedankt sich und lässt durchblicken, dass ihm die Paragraphen über Beamtenbestechung im Strafgesetzbuch weniger Kopfschmerzen bereiten als der Reiswein gestern. Auf jeden Fall wird die Dame Yü Pei bei ihm ihr Recht finden!


    Yü Pei hat vorgesorgt: Als Zeugin sie die Hebamme Lien mitgebracht, die vor lauter Angst schlottert. Yü Pei beruhigt sie mit dem Hinweis, dass sie nur Zeugin ist und nicht der Folter unterworfen werde. Und als Zeugin soll sie aussagen, dass nicht Haitang Mutter des Knaben Li ist, sondern sie, Yü Pei. Die Hebamme fragt unschlüssig, wie das funktionieren soll, weil es ja nicht stimmt. Wie man Klarheit schafft, weiß die Witwe Ma genau: Sie drückt Frau Lien zwanzig Goldstücke in die Hand und schon kann sich die Hebamme wieder erinnern: Sie hat in der Dämmerung Frau Ma für Haitang gehalten! Diese Aussage verdient Lob und eine Einladung: Hebamme Lien soll bitte nach Prozessende zu ihr kommen, um sich einige bereits aussortierte, aber noch glänzend erhaltene Kleider auszusuchen.


    Um ganz sicher zu gehen hat Witwe Ma noch zwei weitere Zeugen in Petto: Zwei Kulis sind ihr als angeblich ehemalige Nachbarn behilflich und sagen aus, dass Herr Ma zur Geburt des Sohnes Li für das Stadtviertel ein großes Fest arrangiert hatte. Und es war nie die Rede von Haitang als Mutter, sondern immer nur von Yü Pei - darauf leisten sie jeden Eid. Haitang als Nebenfrau konnte dieses Faktum nicht überwinden und hat deshalb den Giftbecher für Herrn Ma gemixt. Für diese Aussagen hat Yü Pei den Kulis etliche Münzen und jedem ein Päckchen guten Kautabaks versprochen.


    Es ist 9 Uhr, die Glocke ruft zum Prozessbeginn. Es treten der Richter und Tschao mit zwei weiteren Richtern auf; die Angeklagte Haitang wird hereingeführt. Tschu-tschu fordert sie auf, sich in den Kreidekreis zu hocken. Tschao muss das Protokoll führen. Als der Richter die Personalien von Haitang verliest, wird er von Yü Pei unterbrochen: Die Angeklagte war nicht die Frau von Herrn Ma, sondern Nebenfrau, eine bloße Beischläferin. Haitang wehrt sich: Sie war Herrn Ma rechtlich angetraut und sollte in den Rang einer Gattin ersten Ranges erhoben werden, von Yü Pei wollte Herr Ma sich scheiden lassen. „Lüge“, ruft die Klägerin und klagt Haitang versuchten Kindesraubs und des vollendeten Giftmordes an Herrn Ma an. Haitang bedauert, das als Lügen strafen zu müssen. Li ist ihr Kind, man hat es ihr weggenommen! Die Angeklagte heuchelt, behauptet Yü Pei. Wie kann eine Frau, deren Schoß verdorrt ist wie ein Baum, Muttergefühle haben? Haitang protestiert gegen diese unbewiesene Behauptung und beschreibt die Wonnegefühle, die ihr die Mutterschaft verschafft hat.


    Der Richter lässt die Hebamme aufrufen. Die sagt mit blumigen Worten wie abgesprochen für Yü Pei aus. Haitang appelliert an Frau Lien, die Wahrheit zu sagen, dass nämlich der Knabe Li ihr Kind ist. Witwe Ma wirft Haitang Beeinflussung der Zeugin vor und der Richter denkt an eine Bestrafung der Angeklagten wegen ungebührlichen Verhaltens vor Gericht. Wenn das noch einmal geschieht, muss sie entweder auf Glassplittern knien oder man wird ihre Knöchel zerquetschen. Tschu-tschu lässt Frau Lien vereidigen und die schwört, die reine Wahrheit gesagt zu haben.


    Nun werden die als Nachbarn angekündigten Kulis als Zeugen einvernommen. Was sie mehr oder weniger herunterleiern, entspricht der Verabredung mit Yü Pei. Dass Haitang auch sie der Lüge bezichtigt, ist zu erwarten, dass sie aber die Witwe Ma beschuldigt, diese Zeugen gekauft zu haben, bringt Unruhe in den Gerichtssaal. Ohne jede Rührung beschwören die Kulis, die Wahrheit gesagt zu haben. Danach schließt der Richter die Zeugenvernehmung.


    Zu klären ist aber noch die Frage nach dem Giftmord am ehrenwerten Herrn Ma. Yü Pei ist schnell mit dem Schwur „bei den Gebeinen ihrer Ahnen“ dabei, und beschuldigt Haitang als Täterin. Sie habe gesehen, dass die Konkubine Gift statt Zucker in den Tee gab, um sich Kind und Erbe unter den Nagel zu reißen. Haitang ist entsetzt und bezichtigt Yü Pei des Meineids. Merkwürdig: Ohne weitere Erörterung ziehen sich die Herren Richter zurück. Die Beratung ist nur kurz und Tschu-tschu verkündet dann im Namen der kaiserlichen Majestät, dass die Angeklagte wegen versuchten Kindesraubes und des vollzogenen Giftmordes an Herrn Ma zum Tode durch das Schwert verurteilt wird. Haitangs Protest ist vergeblich und ihr Ruf nach ihrem Kind vergebens, ihr wird ein schwerer Holzblock um den Hals gelegt und abgeführt.


    Als Haitang abgeführt wird, betreten Boten aus Peking den Gerichtssaal. Richter Tschu-tschu verkündet sichtlich angegriffen die Nachricht, dass die kaiserliche Majestät mit 75 Jahren an Altersschwäche verschieden sei. Zu seinem Nachfolger wurde durch Losentscheid Prinz Pao gekürt, der als sofortige Maßnahme alle Todesurteile suspendiert und Richter und Gerichtete nach Peking berufen hat. Tschang-Ling kann nicht an sich halten und behauptet kühn, dass der neue Kaiser auch nicht besser sein wird als der bisherige. Jedenfalls hält er Haitang für unschuldig, und deshalb werde er dem Henker das Beil aus der Hand reißen. Tschu-tschu empört sich: Wer die kaiserliche Majestät lästert, wird wie die Verurteilte bestraft - und lässt Tschang-Ling ebenfalls verhaften und mit einer Holzkrause abgeführt.


    Jetzt aber auf nach Peking!


    Zwischenspiel


    Auf dem Weg nach Peking geraten Haitang und ihr Bruder mit ihrer militärischen Begleitung in einen Schneesturm. Der Marsch hat alle ermüdet, aber die Soldaten treiben den Trupp auch aus eigenem Interesse immer wieder an - sie müssen schnell an den Kaiserhof kommen, den Herrscher darf man nicht warten lassen.


    In Peking begibt sich Kaiser Pao gerade die Thronstufen hinauf. Weise Worte schmücken die Stufen mit der Devise des Kaisers: „Sprich leise, handle leise, denke leise!“ Wer vor dem Thron das Wort ergreift, sollte die Mahnung tunlichst beherzigen.


    Tschang-Ling erbost den Kaiser. Warum macht er nicht den Kotau? Wieso ist er mit einem Mädchen gebunden? Welche Untat hat er begangen? Tschang-Ling hält nichts von gebotener Unterwürfigkeit und sagt, wenn es Gerechtigkeit im Land gäbe, stünde er nicht gebunden hier. Der Kaiser wendet sich an den Richter und will Näheres wissen. Der Mann, so Tschu-tschu, hat die kaiserliche Majestät beleidigt und die kann er nicht wiederholen, weil sie sein Mund nicht freigeben! Er verdient die höchste Strafe. Tschang-Ling bekennt, dass er den neuen Herrscher angegriffen hat, weil immer noch die Armen am Straßenrand verrecken. Seine Tränen gelten nicht seinem erwartbaren Geschick, sondern dem Vaterland. Der Kaiser ordnet an, dass Tschang-Ling der Halsblock abgenommen wird. Er kann nicht glauben, dass die Tränen von einem Unwürdigen vergossen werden.


    Als der Kaiser mit Haitang die Blicke kreuzt, erkennen sie sich. Tschu-tschu sagt, die Frau habe ihren ehrenwerten Gatten umgebracht, weil sie das Kind der Gattin ersten Ranges und damit die Erbschaft an sich bringen wollte. Pao will von Haitang wissen, ob die Anklage stimme, doch sie schweigt. Er fragt, welchen Beruf sie vor ihrer Heirat mit Herrn Ma hatte. Auch darauf antwortet Haitang nicht und Pao gibt selbst die Antwort: Blumenmädchen war sie, und Herr Ma holte sie aus dem Hause des Herrn Tong. Als er wissen will, ob sie noch weitere Besucher im Haus des Herrn Tong gehabt habe, spricht Haitang plötzlich: Ja, da war noch ein junger Herr, aber seinen Namen wie sie nicht nennen. Nur Gerechtigkeit will sie!


    Pao liest in den Akten und sagt, dass Zeugen beschworen hätten, der Knabe Li sei Kind der Gattin ersten Ranges. Wieder schweigt Haitang, aber Tschang Ling mischt sich ein und sagt, dass die Zeugen lügen, weil jene Gattin alle bestochen habe. Die Witwe Ma und der Richter rufen erbost, dass der Gefangene lüge. Dann muss Witwe Ma vortreten und die Frage des Kaisers beantworten, ob sie die Mutter des Knaben Li sei. Yü Pei bestätigt es. Pao ruft den Zeremonienmeister, der mit Kreide einen Kreis auf dem Boden ziehen und das Kind in den Kreis legen soll. Pao befiehlt, dass beide Frauen versuchen sollen, das Kind aus dem Kreis zu ziehen. Die richtige Mutter wird es schaffen, ihr Kind an sich zu ziehen.


    Das Gerangel geht zugunsten von Yü Pei aus; sie schafft es, Li an sich zu ziehen. Für Pao ist die Sachlage klar: Haitang kann nicht Mutter des Kindes sein. Deren Antwort ist eindeutig: Sie hat das Kind neun Monate unter ihrem Herzen getragen und alles Süße mit ihm genossen, aber auch alles Bittere gelitten. Wenn sie an dem Würmchen zerren würde wie jene dort, könnten die zarten Glieder brechen. Und so will sie ihr Kind nicht gewinnen!


    Der Kaiser steht auf und beruft sich auf die Macht des Kreidekreises. Da nun die wahre Mutter erkannt ist, wird man auch die Mörderin von Herrn Ma finden. So ist in den Akten festgehalten, dass die Witwe Ma Yü einen Schwur tat - und den soll sie hier und jetzt noch einmal nachsprechen. Die Witwe gehorcht:

    „Ich schwöre bei den Gebeinen meiner Ahnen, dass die, die nicht die Mutter des Kindes ist, Herrn Ma vergiftet hat.“

    Genau das wollte der Kaiser von ihr hören, und Yü Pei erkennt ihren schweren Fehler. Sie gesteht die Tat, schiebt sie aber Tschao zu, der sie dazu angestiftet habe. Tschao sucht sein Heil in der Flucht nach vorn: Er beschuldigt Richter Tschau-tschau der Korruption, weil er eine beträchtliche Summe der Witwe Ma angenommen habe. Der wehrt sich mit den Worten, dass er der unbestechlichste Richter des Landes sei.


    Kaiser Pao ist des unwürdigen Getues leid und er ordnet eine weitere Verhandlung und das Abführen der falschen Zeugen an. Als er mit Haitang alleine ist, lässt er ihr von der im Hintergrund wartenden Wache das Kind übergeben, die es mit Küssen bedeckt und an ihre Brust drückt. Pao fragt sie, ob sie sich an die Nacht im Hause des Herrn Tong erinnert, als Herr Ma sie kaufte? Haitang kann sich genauestens erinnern: Sie wurde in ein Zimmer gebracht und weinte, worauf Herr Ma sie alleine ließ. Wegen der Hitze ließ sie die Tür offen und träumte, dass ein junger Mann sich zu ihr setzte und sie dann liebte. Pao sagt ihr, dass sie keinen Traum erlebte, sondern dass sich alles genauso abgespielt habe. Er hat sie geliebt. Kann sie ihm das vergeben? Haitang schluckt und antwortet, dass sie ihm ohne Wenn und Aber vergibt, wenn er den Knaben Li als sein Kind anerkennt. Pao umarmt sie als Zeichen der Zustimmung und spricht aus, dass er sie noch heute dem Volk als seine Gemahlin vorstellen wird.



    INFORMATIONEN ZUM WERK


    1925 wurde Alfred Henschkes (besser unter seinem Pseudonym Klabund bekannt) Drama „Der Kreidekreis“ in Meißen uraufgeführt. Der Autor hatte sich dabei an einer chinesischen Dichtung aus dem 14. Jahrhundert orientiert. Die ebenfalls 1925 erfolgte Berliner Aufführung (in der Hauptrolle Elisabeth Bergner) machte das Stück zu einem großen Erfolg. Neben der Oper von Zemlinsky ist Bertolt Brechts Theaterstück „Der kaukasische Kreidekreis“ von 1948 erwähnenswert.


    Zemlinskys Oper war ein Hochzeitsgeschenk für seine zweite Frau Louise Sachsel. Das Paar lebte in Berlin, wo Zemlinsky seit 1927 an der Kroll-Oper tätig war. Das Theater musste aber infolge der Weltwirtschaftskrise 1931 schließen. Ursprünglich sollte „Der Kreidekreis“ im Frühjahr 1933 in Frankfurt, Berlin, Köln und Nürnberg gleichzeitig aufgeführt werden, doch die Machtergreifung der Nationalsozialisten machte diesen Plan zunichte. So kam Zürich am 14. Oktober 1933 bei Anwesenheit des Komponisten an die Uraufführung. Merkwürdig ist, dass die Oper 1934 in Stettin, Coburg, Berlin (mit 21 Aufführungen) und Nürnberg aufgeführt wurde. Die Österreichische Erstaufführung gab es im Februar 1934 in Graz. Aber der Erfolg sollte nicht lange anhalten. Zemlinskys Musik wurde bald als „entartet“ eingestuft und verschwand von den Spielplänen der Theater im Deutschen Reich.



    © Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2019

    unter Hinzuziehung des Klavierauszuges aus dem Verlag der Universal Edition

    Ich habe mir diesen Bregenzer "Rigoletto" zur Gänze angesehen. Die Zirkus-Atmosphäre fand ich für den Stoff weder zwingend noch ansprechend. Dass es dem Publikum gefallen hat - am Beifall zu erkennen -, spricht m.E. nicht für eine gelungene Regiearbeit, eher lässt sich feststellen, dass die Zuschauer an dem Spektakel interessiert waren, nicht an einer Opernaufführung.

    Was den musikalischen Teil anbelangt muss ich sagen, einigermaßen zufrieden gewesen zu sein, wenn mir auch manches zu forsch dirigiert war, praktisch wie ein Parforce-Ritt...

    :hello:

    Girolamo Frescobaldi (1583-1643)

    Gesamtwerk in HIP


    Die Box mit 15 Scheiben lagert auf dem Regal schon lange. Ich sehe, der Werbepartner hat eine Preisaktion. Täglich eine bis zwei Scheiben sollte ich hören können.

    Ich besitze diese Box auch und bin mit dem bisher Gehörten zufrieden. Es bleibt mangels gleich großer Alternativen ja auch keine Wahl-Möglichkeit. Vor allen Dingen haben es mir die verschiedenen Messe-Kompositionen angetan. Bei den Cembalowerken komme ich allerdings schnell an die Grenzen der Auffassungsgabe, die Prsäsentation auf der Orgel dagegen begeistern mich.

    :hello:

    Man könnte ja mal für das hier einen Kommentar hinterlassen

    Kann man (ich!): Danke für die Einstellung der CD-Ausgabe.


    Die Legende mit Goldberg (der tunlichst während der Arbeit nicht schlafen sollte) und Graf Keyserlingk hast Du dir irgendwie falsch gemerkt.

    Habe ich wohl. Ein Beispiel für die Richtigkeit des Sprichwortes, dass der Mensch an sich zwar gut ist, aber die Leute...

    :stumm:

    Bach: Goldberg-Variationen by Gustav Leonhardt


    Was für den Herrn Goldberg gut war, was ihn angeblich nächstens besser schlafen ließ, kann für mich doch ebenso gut sein!

    Bachs Variationen haben mir jedenfalls in der Interpretation von Gustav Leonhardt (1978) Spaß gemacht. Ich konnte dabei sogar gut packen - Umzugskartons...

    :hello:


    Übrigens kann ich es mir nicht erklären, aber oft funktionieren die ASIN nicht so, wie sie es eigentlich sollten. Aber ich kann festhalten, dass der Versandriese diese dhm-CD noch im Programm hat.

    Angst der Hellen und Friede der Seelen

    Die 16 Motetten über den Psalm 116, die der Jenauer Amtsschösser Burkhard Großmann aus Dankbarkeit über eine - von ihm nicht näher bezeichnete Gefahr - 1623 herausgab, wurde von 16 seinerzeit berühmten Komponisten auf seine Bitte hin vertont: Michael Altenburg, Christoph Dematius, Nicolaus Ehrich, Andreas Finold, Melchior Franck, Abraham Gensreff, Johann Groh, Rogier Michael und seine drei Söhne Tobias, Christian und Daniel, Michael Praetorius, Johann Hermann Schein, Heinrich Schütz und Johann Caspar Trost. Die Sammlung war musikwissenschaftlich bekannt, aber das einzig erhaltenen Exemplar, das zu den Beständen der Königlichen (später Preußischen) Staatsbibliothek gehörte, seit Kriegende verschollen. Nur die Werke von Schütz und Praetorius waren daraus von Philipp Spitta editiert worden. 1981 wurde jenes Exemplar in der Bibilioteka Jagellieonska in Krakau aufgefunden und dann auf Mikrofilm zur Veröffentlichung freigegeben. Es ist eine einzigartige Möglichkeit, historische Vergleiche über die Arbeiten der 16 Komponisten aus dem thüringisch-sächsischen Raum anzustellen. Und was Wolfgang Helbich mit seinem Alsfelder Vokalensemble und der Musica Fiata Köln unter Roland Wilson auf diesen drei CDs darbieten, darf man ebenso einzigartig nennen.

    jpc hat diese Eigenproduktion - veröffentlicht von cpo - nicht mehr im Programm, aber Amazon bietet Downloads an...

    :hello:

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    Viel zu früh aufgestanden. Deshalb einer lange nicht gehörte Musik zugehört. Was sich gelohnt hat. Der Sonntag ist somit rein musikalisch eingeläutet.

    Übrigens ließ sich die CD-Hülle von Amazon nicht einstellen; ich sah nur den berühmt-berüchtigten Punkt. So sieht man hier nur das Original Cover. Zumindest Amazon bietet diese Ausgabe noch an, allerdings gehört eine Portion Mut dazu, sie zu bestellen. Außer man heißt Warren Buffet oder Bill Gates oder auch Donald Trump :stumm:

    :hello: