Beiträge von Stefan Weiner

    Lieber Holger66,


    vielen Dank für Deinen sehr persönlichen Beitrag und Impuls zum Thema dieses Threads. Was Du von Deinem Aufenthalt in Österreich schreibst, zeugt von einer tiefen und aufrichtigen Beschäftigung mit Bruckner und dem Willen, den Komponisten und sein Werk zu begreifen. Ich kann vieles dessen, was Du schreibst, gut nachvollziehen, auch wenn ich selbst nie die Bruckner-Stätten besucht habe. Deine Überzeugung, dass Bruckners katholischer Glaube einen Schlüssel zum Verständnis seines Werks darstellt, teile ich, wie ich es überhaupt für wichtig halte, Person und Umfeld eines Künstlers zu betrachten. In Bezug auf Literatur habe ich vor sehr vielen Jahren in der Schule gelernt, dass man Werke zum einen "immanent", also aus sich selbst heraus und zum anderen aus dem jeweiligen Kontext heraus begreifen kann. Ich denke beide Aspekte haben ihre Berechtigung und auf die Musik trifft dies ebenso zu. Aber selbst aus sich selbst heraus verstanden entfaltet diese Musik bei mir eine starke Wirkung (s.u.)


    Was mich an Bruckner beeindruckt ist ebenfalls die Gesamtkonzeption der Werke - da hat tatsächlich einer musikalische Kathedralen errichtet, und möchte damit eine Botschaft in die Welt senden - so kommt es bei mir an. In irgendeinem Beiheft las ich einmal, dass Bruckner das Orchester wie eine Orgel behandle, indem er es in verschiedene Register aufteilt und diese nebeneinander stellt. Mag sein, jedenfalls hat er etwa ganz Eigenes und Unverwechselbares geschaffen und das lässt sich sicherlich an diversen Aspekten festmachen: Form, zyklisch-motivischer Geschlossenheit, motivischer Arbeit, Choralhaftigkeit der Motive, Klang - alles spannend zu verfolgen.


    Was bei mir regelmäßig als Gesamteindruck nach dem Hören bleibt ist ein Empfinden von "Erhabenheit" der Musik, ein durchaus religiös zu nennendes Ergriffen sein, dass ich in vergleichbarer Form von Bachs und Mahler Musik kenne. Ob Bruckner genau dies bei seinen Hörern erreichen wollte? Vielleicht ...


    Viele Grüße aus Berlin,
    Stefan

    Lieber Bertarido und Joseph II,


    vielen Dank für den Hinweis auf den (ausgezeichneten) Bernstein/Mahler Thread und Eure Empfehlungen. Damit ist meine Frage erst einmal beantwortet bzw. ich bin motiviert, mich weiter mit den Bernstein-Zyklen zu beschäftogen und vielleicht werden es am Ende dann doch zwei.


    Das Thema mit der Klangqualität von Vinyl diskutieren wir dann an andere Stelle aus, spätestens nachdem ich meinen zugegebenermaßen in die Jahre gekommenen CD-Spieler ersetzt habe (was allerdings für den Plattenspieler gleichermaßen gilt) :S


    Viele Grüße aus Berlin
    Stefan

    Liebe Forianer,


    Solti und Haiting habe ich, dazu einzelne Einpielungen mit Walter, Klemperer, Bernstein (DG) und Horenstein und nun spiele ich mit dem Gedanken mir einen der Bernstein-Zyklen zuzulegen - beide sind bereits bzw. demnächst als Re-Issues auf Vinyl erhältlich, ein Medium, das ich nach wie vor aufgrund der IMHO unübertroffenen Klangqualität schätze - was eine weitere Überlegung ist.


    Mir geht es hier in erster Linie um die Frage, ob jemand einen Vergleich zwischen Bernsteins Interpretationen mit dem NYPO und den späteren auf DG mit den Wienern u.a. ziehen kann. Die mir bisher bekannten Interpretationen der 1., 2. und 5. gefallen mir trotz (oder wegen) der sicherlich eher extremen, subjektiv-expressionistischen Haltung Bernsteins sehr gut, trifft dies doch m.E. einen wichtigen Wesenszug der Musik Mahlers.


    Wer mein Vorhaben angesichts der Fülle des Katalogs für völlig verfehlt hält, von dem nehme ich gerne auch Hinweise auf andere GA entgegen :D (apropos GA: Nach Durchsicht des Treads bin ich mir durchaus der "GA-Problematik" bewusst, aber der Kauf einzelner CDs ist m.E. angesichts attraktiver "Paketpreise" oftmals nicht wirtschaftlich)


    Ergänzend, falls es dann doch zwei GA werden: Ich wäre auch dankbar auf Hinweise zu den Interpretationen Inbals, die - wenn ich mich recht erinnere - bei deren Erscheinen in den Neunzigern eine sehr positive Resonanz erfahren haben.

    Viele Grüße aus Berlin,
    Stefan

    Während meines Studiums in Hannover in den Achtzigern war Albrecht GMD. Unvergessen werden mir seine Mahler Aufführungen bleiben. Ich war damals noch nicht so tief in der Klassikszene, aber meine, dass das eine Zeit war, in der Mahler noch nicht annähernd so häufig in Konzerten gespielt wurde, wie das heute der Fall ist. Wenn ich mich recht erinnere, hat er damals über mehrere Jahre alle Symphonien Mahlers aufgeführt, so wie ein Alfred Walter ab Ende der Siebziger in Münster. Albrecht gab jeweils Einführungsvorträge, in denen er eine sehr subjektive Sicht auf den Komponisten und Menschen Mahler zum Besten gab. Mir hat das jedenfalls einen leichten Zugang zum Werk eröffnet, den ich sonst wohl erst viele Jahre später gehabt hätte. Albrecht hat IMO seinerzeit dazu beigetragen, Mahler in die Konzertprogramme jenseits der Metropolen zu tragen und dort fest zu verankern.


    Viele Grüße aus Berlin
    Stefan

    So sehr ich Janowskis Entscheidung verstehen kann und respektiere, so sehr bedaure ich seinen Abgang. Es ist sicher keine leichte Position, das in der öffentlichen Wahrnehmung dritte (oder je nach dem, wie man zu dem Konzerthaus Orchester steht, vierte) Symphonieorchester in Berlin zu leiten und mit diesem ein eigenes Profil zu entwickeln. Nach allem was ich beurteilen kann, ist Janowski das anz ausgezeichnet gelungen. Auf seinen Nachfolger wartet eine gleichermaßen spannende wie anspruchsvolle Aufgabe.


    Seine Musizierhaltung sagt mir persönlich zu. Er wird ja gemeinhin als Kapellmeister und Orchestererzieher alter Schule bezeichnet und ich denke das trifft den Kern der Sache ganz gut. Alles was ich in seinen Konzerten gehört habe klingt überlegt, gut strukturiert, präzise. Die Musik hat Fluß, ich spüre einen überlegten Zugang zu den Werken. Er hat unübersehbar einen Draht zu seinen Musikern. Zwanzigstes Jahrhundert hört man oft bei ihm und ja, allein sein Repertoire ist oft Anlaß genug, sich eine Konzertkarte zu kaufen.


    Eine Anekdote zum Schluß: Kürzlich hatte er zwei Haydn Symphonien auf dem Programm (die 39 und 99) - das muß man sich erst Mal trauen. Als Zugabe gab es dann - nein, nicht das tolle Finale der 99 sondern Menuett und Trio - mit einer Delikatesse musiziert, dass im Publikum allenthalben geschmunzelt wurde. Bravo, Marek Janowski!


    Ich bin gespannt, in welche Richtung sein Nachfolger das Orchester steuern wird.


    Viele Grüße aus Berlin
    Stefan

    Ich habe sämtliche Bach Aufnahmen, die Mozart Klavierkontzerte und die Händel/Scarlatti Aufnahme mit Perahia. Ich finde die in diesem Tread vielfach genannten Bezeichnungen "Zahmer Tastenlöwe" und "Gentleman" durchaus passend, möchte sie aber gerne etwas ergänzen. Was ich bei Perahia heraushöre, ist ein sich in den Dienst der Musik stellen. Perahia spielt nie vordergründig. Bei seinen Mozart-Aufnahmen mit dem ECO höre ich eine feine Balance zwischen Solist und Orchester, überlegte Phrasierungen und einen Solisten, der sich einordnet und als Teil eines Ganzen versteht.




    Mir gefällt dieser Ansatz und diese Einstellung. Zugegeben, das Ergebnis ist nicht im vordergründigen Sinn spektakulär, aber es gibt IMO beim wiederholten Zu- und Hinhören einiges zu entdecken. Insofern ist der zahme Tastenlöwe für mich in jedem Fall auch ein Feingeist und ein Mannschaftsspieler.


    Viele Grüße aus Berlin
    Stefan

    Bei mir ist die Reihenfolge diese:


    Gruppe 1 - Symphonien, die ich ständig hören kann
    9 - Große C-Dur - auf dem Olymp, in unerreichten Höhen
    8 - h-moll, Unvollendete - ein Gipfelwerk
    2 - Geniestreich des frühen Schaffens


    Gruppe 2 - mit den übrigen Symphonien tue ich mich deutlich schwerer
    4 - c-moll, Tragische
    3 - D-Dur
    6 - kleine C-Dur
    5 - B-Dur
    1 - D-Dur

    Lieber Alfred und teleton,


    eine spannende Frage!


    Aus meiner Sicht hat die Sache vier Aspekte:


    1. Das Verschleudern der Norrington Box ist für mich im wesentlichen ein weiteres Symptom der Kurzlebigkeit des Musikbetriebs und der Repertoirepolitik der Labels. Es gibt ganz ähnliche Fälle wie das Verschleudern der Thielemann Beethoven Gesamtaufnahme der Symphonien, die auch gerade acht Jahre auf dem Buckel hat


    2. Der von teleton genannte Aspekt den ich gerne mit dem Schlagwort "Mozart als Ikone" der klassischen Musik benennen möchte. Es gibt ja kaum einen Komponisten und kaum Werke in der Klassik, die einen stärker ikonenhaften Charakter haben als die bekannten Werke Mozarts, zu denen mit Sicherheit auch die späten Symphonien gehören. Mozart = Schönklang = Leichtigkeit, das ist wohl eine Formel der sich insbesondere der Klassik weniger kundige Zeitgenossen vorbehaltlos anschliessen würden. In diesen Kreisen würden Interpretationen wie die Norringtons wohl auf völliges Unverständnis stoßen. Typische, der Klassik kundigen Mozart Fans dürften ein etwas differenziertes Bild haben aber tendenziell dennoch mehrheitlich in diese Richtung tendieren


    3. Ich meine deshalb, dass gerade ein Komponist wie Mozart nichts dringender braucht als Interpreten, die sich wie ein Szell oder Britten seinerzeit, heute ein Jacobs, Harnoncourt oder Norrington von einer neuen Seite nähern. Ich persönlich kann nur sagen, dass mir die Opernaufnahmen von Jacobs eine neue Welt geöffnet haben und die Einspielung der Symphonien viele "Ahas". Dasselbe kann ich für Norrington und Harnoncourt sagen, wobei für mich der Maßstab weniger HIP per se als vielmehr das "ein Werk überlegt angehen, vielleicht auch neu denken" ist. Bestes Beispiel vor einigen Jahren ein Konzert mit dem fabelhaften Württembergischen Kammerorchester unter Gazarian mit einer gleichermaßen fetzigen wie sehnig-ausgewogenen Interpretation der Jupiter-Symphonie auf konventionellen Instrumenten


    4. Ob sich die Mode ändert? Das glaube ich weniger. Das Spektrum der Interpretationen ist aufgespannt und breit genug. Die Extreme an den Rändern, wozu ich einen Norrington zählen würde, werden naturgemäß weniger Freunde finden, als die gemäßigteren Ansätze. Das gilt wohl nicht nur für Mozart.


    Schlußwort: Ich wünsche mir weiterhin ein breites Spannungsfeld auf der Suche nach interpretatorischen Höhen, nach dem Wesen der Musik Mozarts.


    Herzliche Grüße aus Berlin!
    Stefan

    Meine Kandidatinnen sind (Reihenfolge spiegelt keine Priorität wider)


    Amandine Beyer im Genre Barock - was für eine Bogentechnik - muß man gehört und auch gesehen haben
    Patricia Kopachinskaja - wegen ihres ganz eigenen und spannenden Zugangs zu bekannten Werken und Engagements für Unbekanntes
    Isabelle Faust - spielt einen wunderbaren Beethoven und macht das unbekannte Jolivet Konzert zu einem Hit
    Viktoria Mullova - unglaubliche Vielseitigkeit, von Barock bis Cross-over, und trotzdem oft ein ganz eigener Zugang zu den Werken
    Janine Jansen - ihr Ton und die Intensität ihre Spiels gefallen mir sehr

    Ich kann mich hami1799 voll und ganz anschliessen: Bruno Walter ist auch einer meiner Lieblingsdirigenten. Ich habe von ihm die Symphonien von Beethoven, Brahms, Mozart und diverse Einzelaufnahmen.


    Kürzlich kam ich aus einem sehr gelungenen Konzert mit Beethovens Neunter und dem Radio-Symphonieorchester unter Janowski und hörte daraufhin meine ganzen "9-ten" durch. Und, was soll ich sagen, die Details, der Ideenreichtum und die Frische der Interpretation des Bruno Walter stellten fast alle anderen Aufnahmen in den Schatten.


    Ich würde Walter eine große Ernsthaftigkeit, Tiefe und Musikalität attestieren - wenn man es versucht in wenige Worte zu fassen.

    Liebe Forianer und Freunde von Mozarts Violinkonzerten,


    ich besitze die Aufnahmen von Schneiderhan, Kremer/Harnoncourt, Manze, Grumiaux / Davis und Zimmermann. Meine favorisierte ist die von Kremer / Harnoncourt. Warum? Weil die beiden die unterschiedlichen Charaktere der drei Konzerte so herausarbeiten wie sonst keine mir bekannte Aufnahme. Nr. 3 kommt mit einem recht moderaten Tempo im Kopfsatz daher - und mit was für Akzenten! Da rumst es in den Bässen der Tutti manchmal richtig, das Ganze wogt und wiegt und hat eine gewisse Erdigkeit (nicht Behäbigkeit) die mich das Konzert ganz neu hören ließ. Ein klein wenig erinnert mich das an das G-Dur Violinkonzert von Haydn. Als Gegenpol und Weiterentwicklung dann Nr. 5 strahlend, deutlich glatter, stringenter, weniger kontrastreich, dafür mit Schmankerln wie einer Kadenz zwischen dem Adagio und dem Allegro Aperto, die das elegant-spielerische des Werks unterstreicht. Nr. 4 in der Mitte, vom Tempo und Stil. Das alles gefällt mir sehr gut und hat mir seinerzeit einen neuen Zugang zu den vielgehörten und -gespielten Werken eröffnet. Man kann sicherlich trefflich darüber streiten, ob die drei bekannten Konzerte tatsächlich einen so unterschiedlichen Charakter haben, oder ob das aufgesetzt ist. Ich finde das Konzept jedenfalls schlüssig. Allein die Tonarten und die Lagen, in denen der Solo-Part komponiert ist, unterscheiden sich drastisch - Nr. 3 liegt durchweg deutlich tiefer als Nr. 4 und 5.


    Die Mozart Violinkonzerte gelten ja gemeinhin als extrem heikel und sind mit gutem Grund die Vorspielstücke für die Aufnahme in sämtliche namhaften Orchester dieser Welt. Persönlich finde ich Nr. 3 besonders heikel: Es gibt wenig melodische Bögen, die Soli bestehen eher aus kurzen Phrasen und es findet ein beständiges Wechselspiel zwischen Tutti und Solo statt. Das zum Klingen zu bringen, ohne es künstlich zu glätten sehe ich als erhebliche Herausforderung (Beethoven stellt die Geiger mit vergleichbaren Mitteln vor eine ähnliche, wenn auch technisch deutlich größere Herausforderung). Manze hat das für meinen Geschmack auch sehr gut gelöst. Sein Orchester ist zwar HIP, aber es klingt und er setzt dem Solo-Part nichts auf, ordnet sich sehr schön in das Wechselspiel mit dem Orchester ein. Das muß man auch erst einmal können - um dann in Nr. 5 als Solist eine deutlich größere Bühne zu betreten. Überhaupt finde ich seinen HIP-Ansatz sehr organisch, da ist nichts gewollt oder historisierend - Orchester und Solist einfach auf alten Instrumenten, aber sie spielen Mozart statt "Originalklang zu produzieren".


    Was ist Eure Meinung?


    Herzlich aus Berlin
    Stefan

    Dein Einstiegsbeitrag, lieber Alfred, spricht mich sehr an und ich möchte mit einem "ja" und drei Ausrufungszeichen antworten. Wenn ich so nüchterne, messbare Kriterien wie die Zahl der Aufnahmen, Auftritte, Presseartikel und dergleichen mehr denke, so prägte und prägt dies doch ganz wesentlich die Wahrnehmung und Rezeption der Bedeutung eines Interpreten - wo viel ist muß auch viel sein. Wer das nicht hinterfragt, bekommt sein "Weltbild" von den Medien geprägt und vorgesetzt. Wer sich eine eigene Meinung bilden möchte, muß sich erst durch einen Wust graben, um dann mehr und mehr auf seine eigenen Entdeckungen und Perlen zu stoßen. Das erfordert Zeit, Ausdauer, Offenheit, sich einzulassen und etwas Fachkenntnis. Und dann sitzt man in einem Konzert oder hört eine CD und kann es nicht glauben: Warum hat man von ihm oder ihr nicht schon viel früher gehört? Man stöbert im Web und ist ratlos. Es gäbe hier viel über die Medien, unsere Kultur und die Gesellschaft zu sagen - und viel ist in diesem Forum ja auch schon zu diesen Themen in Bezug auf klassische Musik gesagt worden.


    Statt dessen möchte ich hier als ein Beispiel aus meiner Sicht die Geigerin Edith Peinemann ins Feld führen. Ich habe zugegebenermaßen nur eine Aufnahme von ihr, das Dvorak Konzert unter Leitung von Peter Maag, erschienen bei der DGG, das mich allerdings beim ersten Hören schier vom Stuhl gehauen hat. Für mich ein so zwingende wie klangschöne Interpretation, die Maßstäbe setzt. Es gibt noch eine Handvoll weiterer Aufnahmen von ihr: Berg, Tippett, Ravel, Kammermusik von Schubert, ein Recital habe ich auf ebay gefunden, dazu soll es noch Bruch, Prokofiew und Bach gaben - das war´s. Eigentlich hatte sie alle Rahmenbedingungen, die man für eine Karriere in der ersten Reihe braucht: Rostal-Schülerin, Gewinn des ARD-Wettbewerbs, George Szell als Mentor, ein Auftritt in der Carnegie Hall. Aber sie war eine Frau und die "internationale erste Reihe" der Geiger war zu jener Zeit von Künstlern wie Heifetz, Menuhin, Oistrach und Kogan besetzt. Aber was heißt schon "besetzt - wenn ich daran denke, wie sich die Deutsche Grammophon keine zwanzig Jahre später auf einen Teenager namens Anne-Sophie Mutter gestürzt hat ... Vielleicht gehörte Peinemann auch zu denjenigen, die nicht ihr Leben auf Tournee mit hundertfünfzig Hotelübernachtungen im Jahr verbringen wollten.


    Ich jedenfalls werde diesen Thread zum Anlaß nehmen, mir weitere Aufnahmen von Edith Peinemann zuzulegen und werde Euch bei Gelegenheit berichten!


    Ich möchte meinen Beitrag mit einer Frage schließen: Wir diskutieren ja viel über die Renaissance oder eine Erstentdeckung von Komponisten. Erfreulicherweise tut sich auf dem Feld Einiges, weil viele Interpreten sich nicht mehr damit zufrieden geben, die "alten Schlachtrösser" zu reiten sondern es als Teil ihrer künstlerischen Aufgabe verstehen, sich und der Öffentlichkeit neues Repertoire zu erschliessen. Ich frage mich deshalb, ob es auch so etwas wie eine Renaissance eines verstorbenen UND zu Lebzeiten nicht angemessen gewürdigten Künstlers überhaupt geben kann - jenseits der Gemeinde eingeschworener Klassik-Liebhaber, - Spezialisten, -Suchenden und -Findenden - mit einem Wort, der Taminos :S


    Herzliche Grüße aus Berlin
    Stefan

    Mahler - das war etwas Geheimnisvolles. Meine Musiklehrer mochten Mahler nicht, man bekam nicht mal einen Ausschnitt einer Symphonie zu hören. Im Radio wurde wohl auch nicht viel Mahler gebracht und da das Geld für Schallplatten knapp bemessen war, kaufte ich mir lieber Einspielungen von Werken, die ich schon kannte. Während des Studums in Hannover in den Achtzigern war George Alexander Albrecht GMD und führte einen Mahler-Zyklus auf. Vor jedem Konzert gab es einen Einführungsvortrag, der im wesentlichen auf den Menschen Mahler und sein Leben einging und von dort wurde der Bezug zum jeweiligen Werk hergestellt. Es ging dabei weniger um strukturelle oder objektivierbare Aspekte der Symphonien. Die Musik selbst war mir "für so eine späte Epoche" - begonnen hat mein Interesse für Klassik mit dem barocken Repertoire und Zug um Zug erschloß ich mir dann die Epochen bis zur Romantik - sofort zugänglich. Das war sicherlich auch eine Konsequenz von Albrechts Vorträgen. Später las ich dann Vieles über Mahler. Die Ansichten waren seinerzeit sehr polarisiert - die einen fanden ihn genial, sahen ihn als Neuerer im Repertoire der Symphonie, der eine neue Gattung, "Programmmusik nach einem inneren Program" schuf. Die anderen bezeichneten ihn als rückständig, ja indiskutabel, weil er vom Ideal der absoluten Musik abrückte. Das hat mich nur noch mehr fasziniert. Vielleicht ist Mahler der erste Komponist, dessen Leben für mich einigermaßen greifbar war. Wann Beethoven, Mozart und Bach lebten, war kaum vorstellbar, zu lange her.


    Eine Anekdote hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt: Als Mahler sich mit seiner Familie Amerika näherte war seine Tochter ganz aus dem Häuschen. Die Amme oder Tante oder wer auch immer soll dann beschwichtigt haben "Kind, reg Dich nicht auf." Daraufhin Mahler: "Kind, reg Dich auf, reg Dich auf!" Ich weiß nicht ob das wahr ist, aber es paßt in mein Mahler Bild und macht einen Teil dessen, was mich auch heute noch so an Mahler fasziniert: Die Musik eines tief empfindenden, umgetriebenen, vielleicht auch suchenden Menschen, der darin viel über sich und den Menschen an sich Preis gibt - beides, in und jenseits der traditionellen musikalischen Formen. Das macht seine Musik für mich ganz leicht zugänglich, fast eine musikalische Direktansprache, von Mensch zu Mensch. Nicht dass ich das irgend einem anderen Komponisten absprechen würde, aber die Sprache, die Mahler wählt, erreicht mich auf einem sehr einfachen und unmittelbaren Wege. Soviel zu meinem ganz persönlichen Zugang zu Mahler.


    Mein Einstieg waren die 2. und 3., dann die 1., 4. und 5. und dann ... die 9. Insofern geht es mir ein bischen wie Alfred, ich bin durchaus nicht mit allen Symphonien gleich "warm" geworden. In meinem Plattenregal steht noch ein dicker Schuber mit der Haitink-Komplettaufnahme, daneben gibt es Einzelaufnahmen mit Bernstein; es dürfte jetzt leicht nachvollziehbar sein, was ich an denen schätze. Dann gibt es noch Rattle, Horenstein und einige mehr.


    Ich würde mich freuen auch von einigen anderen zu hören, wie Ihr "zu Mahler gekommen seid".


    Viele Grüße aus Berlin
    Stefan

    Zurück zu Alfreds Ausgangsfrage würde ich gerne meine Meinung äußern:
    Das Niveau im Forum, das Spektrum der Themen und auch die Tiefe, in der diese behandelt werden, finde ich bemerkenswert und absolut unverzichtbar. Zu dem Thema ob Opern etc. zu wenig thematisiert: Letztendlich wird doch der Status Quo die Interessenlage der aktiven Mitglieder widerspiegeln, es ist wie es ist und wer es gerne anders hätte, möge anregende Aktivitäten in die gewünschte Richtung entfalten.
    Das bringt mich (als relativer Neuling) zu der grundsätzlichen Frage, wie wir mit dem Anlegen neuer Threads verfahren wollen. Die Grundstruktur ist klar, es gibt dann Querschnitts- und neue Themen, die eines eigenen Threads würdig sind. Was ich mich frage ist: Was ist die Philosophie des Forums bzw. Deine, Alfred, zu dem Thema? Eher sparsam mit neuen Threads sein und sich möglichst in Bestehende einklinken oder gerne auch mal ein bekanntes Thema von einer anderen Seite mit einem neue Thread aufs Neue interessant machen? Und: geht die Threaderöffnung über Dich, kann man Dich ggfs. konsultieren oder sollten nur die Moderatoren neue Threads eröffnen?
    Ein Anliegen ist es mir, mehr über Konzerte zu berichten und von anderen Mitgliedern dazu zu lesen. Das ist dann zwar nicht immer für alle unmittelbar nachvollziehbar aber wir diskutieren ja auch über Aufnahmen, Ensembles und Dirigenten per se ohne dass jeder immer genau diese oder jene Aufnahme gehört hat. Und falls das opportun oder gewünscht sein sollte, stelle ich die Frage, ob wir dafür spezielle Threads haben (ich meine in Bezug auf Oper gibt es einen, aber was ist mit Kammermusik, Liederabend etc.) oder ob wir uns dann eher an die Threads der dargebotenen Hauptwerke halten?
    Was mir besonders gut gefällt sind Äußerungen, manchmal sind es ja regelrechte Abhandlungen, zur Rolle der Klassik, Kultur, Hörverständnis, Publikumserwartungen, Rezeptionsgeschichte etc. Das sind alles Themen zu denen es für mich gerne noch mehr sein darf.
    Über die Diskrepanz zwischen der nominellen und aktiven Mitgliederzahl war ich anfangs sehr verwundert, doch eigentlich ist das überall so. Ich denke dass ein Aspekt dessen ist, dass vieles zu vielen Themen schon gesagt ist und gerade Neulinge keinen Sinn darin sehen, Altes wieder aufzukochen. So braucht es vielleicht einfach Zeit, ein Eindringen in bestimmte Themen oder eine schon vorhandene ausgeprägte Expertise, damit eine Mitgliedschaft sich aktiv zeigt. Das ist jedenfalls bei mir so.


    Herzliche Grüße aus Berlin
    Stefan

    Auch ich werde es jetzt auf diesen Thread aufmerksam. Ein schönes Thema (jedenfalls wenn man eine Violine im Kasten hat) ^^


    Drei Tipps von mir:
    1. Johann Nepomuk Hummel WoO 3, WoO4
    2. Ignaz Pleyel op. 11, op. 56
    3. Sergej Taneyew op. 21, op. 31


    Die beiden ersten Komponisten, die doch deutlich im Schatten der Großmeister der Klassik stehen, sind mir irgendwann in meiner Jugend auf der Suche nach Noten für diese Besetzung über den Weg gelaufen. Eines der Hummel-Trios habe ich seinerzeit sogar im Konzert gehört.
    Tanejew (Taneyev) begegnete mir vor einigen Jahren in einer famosen Aufnahme seines Klavierquintetts, ein Werk, das es für mich mit wirklich jedem Werk dieser Gattung aufnimmt. Deshalb könnte ich mir vorstellen, dass auch die Streichtrios einen Blick wert sind. Von den Trios gibt es auch Aufnahmen:





    Die Schubert- und Beethoventrios würde ich als Standardwerke einsortieren.


    Viele Grüße aus Berlin
    Stefan

    Liebe Forianer,


    habe gerade diesen Thread durchgelesen und auch einen Blick auf die Threads zu den Einzelopern geworfen.


    Hat jemand für einen - was dieses Thema betrifft ganz und gar Unerleuchteten - einen Tip, welche Oper Haydns besonders "für den Einstieg" zu empfehlen ist, besonders interessant erscheint, besonders typisch oder was auch immer ist?


    Des weiteren bin ich für Hinweise zu Aufnahmen dankbar, die sich engagiert dem fast vergessenen Opernschaffen Haydns widmen und all diejenigen Lügen strafen, die meinen, dass dies zu Recht ein Nischendasein fristet. Also Euer persönliches diskographisches Haydn-Opern-Highlight wüßte ich gerne! Und wenn Ihr meint, dass diese Opern doch zu Recht in der Ecke stehen, wäre das ja auch eine Information - dann besorge ich mir eben noch eine Einspielung des Don Giovanni :S


    Viele Grüße
    Stefan

    Meine Bemerkung in Bezug auf die 104 Symphonien war selbstkritisch gemeint - ich bin tatsächlich mit jeder Symphonie, die ich mir erschliesse, froher, dass da noch ein so großer Schatz an Werken auf mich wartet. Es wäre nur schön, wenn ich diesen Zugang schon vor 10 Jahren gesucht und gefunden hätte!


    Was Du, Johannes, über die Perioden von Haydns Schaffen und die Nummerierung schreibst, ist interessant und bestätigt ein bisschen ein Gefühl, das ich beim Hören habe: Einige der relativ frühen Werke weisen doch stilistische Merkmale auf, die man eher in einer der späteren Phasen verorten würde.


    Was den Zugang betrifft, so greife ich mir meist eines der frühen Werke (vor der Nr. 39), eines aus der von Dir definierten Phase 6/7 sowie eines aus der Periode dazwischen heraus und höre mir diese einige Male an, wenn möglich in verschiedenen Interpretationen. Meine Basis bildet die sehr erschwingliche Adam-Fischer-Gesamtaufnahme, ergänzt um Dorati (Londoner), die Harnoncourt-Aufnahmen mit dem CMW sowie diverse Einzelaufnahmen und kleine Boxen, die derzeit bei mir rasant am Wachsen sind. Koopmann (44, 45, 49) und gerade auch Müller-Brühl (41, 58, 59) haben mich sehr positiv überrascht. Auf ebay liefen mir eine erstaunlich frühe HIP-Aufnahmen mit Derek Salomons und L´estro Armonico auf Vinyl (14 Symphonien immerhin) über den Weg und demnächst soll eine weitere Einspielung der Londoner her. Ich denke da an Harnoncourt /Concertgebouw - bin für Tips dankbar. Die diskographische Schwachstelle zwischen den berühmten Sturm- und Drang-Symphonien und den Parisern sehe ich auch. Vielleicht braucht es da eben doch dieses "sich hineinhören", die Lust, Haydns thematischer Arbeit zu folgen, in jedem Satz, bei jeder Wendung zu horchen, was er sich wieder hat einfallen lassen - das oberflächlich Spektakuläre oder das, was man dafür hält, fehlt eben.


    Es ist nur eine Momentaufnahme, aber unser Berliner Konzertprogramm gibt für die nächsten vier Wochen immerhin zwei Konzerte mit Haydn-Symphonien her: Die 80 in der Philharmonie sowie die 39 - zwei meiner persönlichen Geheimfavouriten - und die 99 bei Marek Janowski auf dem Programm. Letztere werde ich mir nicht entgehen lassen. Ich hoffe sehr, dass Dirigenten und Intendanten auf der Suche nach spannenden Konzertprogrammen jenseits der bekannten symphonischen Schlachtpferde zunehmend Haydn entdecken und vermehrt auf die Programme setzen und das Ganze so spielen, dass alle Beteiligten "mehr" davon wollen.


    Viele Grüße aus Berlin
    Stefan

    Liebe Forianer,


    ich habe mir für die ersten Wochen dieses Jahres den Symphoniker Haydn vorgenommen und bin restlos begeistert. Warum habe ich mich nur so viele Jahre von der Zahl "104" abschrecken lassen?


    Für alle denen es ähnlich geht, hier eine Idee für einen schnellen und unkonventionellen Zugang zu diesem gigantischen Werk: Kauft Euch eine Gesamtausgabe und hört zuerst alle Symphonien in Moll, deren Zahl ist sehr überschaubar, mit einer deutlichen Häufung im Bereich der Sturm-und-Drang-Vierziger.


    Gestern war ich bei der 80, wenn ich richtig gezählt habe, schon die Drittletzte ihrer Art im Gesamtwerk - sehr schade. Meiner Meinung nach haben gerade die Moll-Symphonien eine ganz eigene Energie und Wucht und sind bestens geeignet, alles was man an Vorstellungen oder auch Vorurteilen über diesen Komponisten haben mag hinwegzufegen. Ich werde den Gedanken nicht los mir vorzustellen was wohl herausgekommen wäre, wenn ein Drittel der "Londoner" in Moll stände ...


    Wie seht Ihr das?


    Herzliche Grüße
    Stefan

    Hallo zusammen,


    ich habe mir für das neue Jahr vorgenommen mir zumindest einen Teil des Universums der Haydn-Symphonien zu erschliessen und dafür die Gesamtausgabe der Symphonien mit Adam Fischer sowie diverse Einzelaufnahmen zugelegt - und bin begeistert. Nach einem Einhören wartet in jedem Opus, oft in jedem Satz nicht nur ein origineller, oft genialer Einfall.


    So auch in dieser; die Sache mit dem Palindrom ist mir beim Hören nicht aufgefallen, dafür ein Kopfsatz, der mit einem Fanfarenartig rhythmisierten Motiv beginnt, geführt von den Hörnern, die es zuerst auf dem gleichen Ton und bei der ersten Wiederholung im Intervall einer Sekunde wiederholen - das ist kühn!
    Gefangen genommen hat mich das Adagio ein Variationssatz über ein zauberhaft schwebendes Motiv, das in sich ein Wechselspiel zweier Stimmen ist - bei der Vorstellung sind es die hohen Streicher auf der einen Seite und die tiefen auf der anderen. Das wird dann vielfach durchgeführt, wobei die Melodieführung abwechselnd bei den hohen, den tiefen Streichern und den Bläsern liegt. Wenn das ganze dann noch in Triolen aufgelöst und sehnsüchtigen Einwürfen der Bläser begleitet wird möchte man den Player in die Endlosschleife schicken ...
    Der Finalsatz startet mit einer galanten Melodie der Violinen zu einer Triolenbegleitung und wird nach einer Überleitung von einem Seitenthema, einem damit stark kontrastierenden, fast ruppigen Motiv von absteigenden Noten mit harten Vorschlägen in Moll abgelöst.


    Viele Grüße
    Stefan

    Liebe Forianer,


    ich höre gerade mit grossem Vergnügen eine Harnoncourt-Aufführung des Alexander-Fest (auf youtube - interessant, was man da alles findet). Gibt es bereits einen Thread zur Discographie des Werks oder könnt Ihr Eure Lieblingsaufnahmen und Erfahrungen mit dem Werk mit mir teilen? Auf die Schnelle habe ich dazu im Forum nichts bis auf die Werkbeschreibung gefunden.


    Herzliche Grüße
    Stefan

    Ich habe heute die Motetten von Pachelbel gehört. Er konnte viel mehr als "Kanon". Man höre "Nun danket alle Gott" - wie er Tempo und Rhythmus dem Text anpaßt und - wenn man denkt es sei zu Ende - einen zweiten Teil über dem bekannten Choral als Bantus Firmes aufbaut. Für mich ist das hohe Kompositionskunst.


    Liebe Forianer und Freunde der böhmischen Musik,


    ich möchte im Kontext von Alfreds Thread Jan Dismas Zelenka (1679 - 1745) vorstellen, einen Zeitgenossen Bachs. Er studierte bei Johan Joseph Fux in Wien. Er wirkte in Prag und in Dresden am Hof August des Starken unter den Hofkapellmeistern Johann David Heinrichen und Johann Adolf Hasse. Seine bekanntesten Werke sind die Triosonaten und die drei späten (erhaltenen) Messen Missa Die patris, Missa Die Dilii und Missa Omina Sanatorium.


    Ich muß gestehen, dass ich nur ein Stück von Zelenka wirklich kenne, das allerdings aufgrund eigener Erfahrung als Chorsänger in allen Facetten - die Missa Dei Patris - und die hat es in sich. Vergesst, dass hier ein barocker Komponist am Werke war und hört Euch das Stück einfach mal an. Schon der Rahmen ist mit 70 Minuten bei zügigen Tempi gewaltig. Die Messe sprüht vor dem Musikantentum, dass wir bei den böhmischen Komponisten so oft finden. Seine Einfälle sind so zahlreich wie originell. Man höre nur die Einleitung zum Kyrie: Es beginnt mit einer konzertanten Orchesterpassage, dann setzt der Chor in einem langsam Tempo ein und baut ein großes choralartiges Klanggebäude aus getragenen Tönen auf. Daran schließt sich eine Fuge an, die für ein "Kyrie" schon sehr beschwingt ist. Den zweiten Teil des Kyrie bildet ein Terzett, an das sich eine verkürzte Fassung des einleitenden Chores anschließt. An vielen Stellen klingt die Frühklassik eines Stamitz oder CP.E. durch. In den punktierten Passagen und Modulationen des Domine Deus höre ich für Augenblicke eine noch fernere Zukunft - Klänge aus Messen der Hochklassik.


    Meine Aufnahmeempfehlung lautet Friedet Bernius (Carus), der für meinen Geschmack eine genauso leichte wie kraftvolle Interpretation abliefert, die dem Charakter der Messe wunderbar gerecht wird.



    Weil sie mich gerade wieder so gefesselt hat, gibt es demnächst weitere Werke von Zelenka in meinem CD-Regal.

    Mein Beitrag zu diesem Thread ist ein selten gespieltes und gehörtes Werk für Violine und Harfe, die Fantasie op. 124 von Camille Saint-Saens. Ich hörte sie vor vielen Jahren in einem Kammerkonzert und war sehr angetan. Der spätromantische Tonfall des Komponisten harmoniert mit dieser Besetzung ausgesprochen gut. Ich besitze keine Aufnahme dieses Werks, finde aber gerade eine bei jpc mit Marianne Boettcher, erschienen bei RBM. Auf youtube gibt es ebenfalls einen Treffer - zum Reinhören.


    Es heisst Saint-Saens habe 1871 eine Gesellschaft zur Pflege der französichen Musik als Gegengewicht zur "deutschen Tiefe" in der Musik gegründet (wen er dabei wohl im Sinn hatte ...?). Dieses Werk kann als Beispiel für die von ihm geforderte Leichtigkeit, Klarjeit und Eleganz gelten.

    Meine derzeit favorisierte Aufnahme einer "Alternative zum Weihnachtsoratorium" ist die Weihnachtshistorie von Schütz in der Aufnahme der Lautten Compagney unter Leitung von Wolfgang Katschner. Diese Interpretation fesselt mich durch ihre fantastische Präsenz, die das Ensemble dank einer famosen Klangtechnik live ins Wohnzimmer transportiert. Der Chorklang ist für meinen Geschmack wie aus einem Guß und doch wunderbar durchhörbar. Jede Phrasierung erscheint hier durchdacht. Als Zugabe gibt es drei unbekannte Kantaten, von denen mir Buxtehudes "Wachet auf" am besten gefällt.


    Angesichts der Fülle von Produktionen sollte es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass ein Booklet über die Intention der Veröäffentlichung, das Werk und den Interpretationsansatz informiert. Dies gilt meiner Meinung nach besonders für Nischenrepertoire, interessante Werkzusammenstellungen, innovative Interpretationen, Besetzungen uvm. Das Label und die Interpreten sollten so eigentlich über eine Fülle von Informationen verfügen, die genug Stoff für ein Booklet hergeben, das umfassend informiert und anregt. Bei den Kunsthistorikern heisst es manchmal "man sieht nur was man weiß" - auch wenn ich diesen Satz nur bedingt unterschreiben würde, so kann man seinen wahren Kern doch auf die Musik übertragen.


    Die Aufmachung einer CD (oder LP) teilt mir viel über die Absichten des Labels und der Musiker mit. Ich mag es, angesprochen zu werden. Die kleinen Labels machen das oft ganz hervorragend. Wenn sich dadurch etwas von deren Begeisterung für das Projekt einer bestimmten Aufnahme mitteilt, dann spricht das meine Sinne an und vermittelt mir den Eindruck, dass jemand wirklich etwas zu sagen hat. So höre ich dann auch jene CD.

    Lieber Stimmenliebhaber,


    vielen Dank für Deine persönliche Schilderung Deiner Erlebnisse mit Schuberts Vierter! Ich kann das natürich nicht konkret aber doch grundsätzlich anhand ähnlicher Erlebnisse mit anderen Werken nachvollziehen. Dass Harnoncourts Aufführung des Werkes ansprechend war, glaube ich sofort. Ich finde es interessant, dass das Werk im Konzertführer so schlecht wegkommt - und denke dabei an Johannes Kommentar, dass dies wohl die problematischste der frühen Sinfonien ist. Sie verströmt eben nicht nur den judgendlichen Esprit einer Fünften, sondern spiegelt vielleicht auch ein gewisses sich Ausprobieren des Komponisten wider- und ich finde eben auch, dass es schwierig ist, den Tonfall des Werkes gut zu treffen.


    Lieber Alfred,


    vielen Dank für das nette "Willkommen zurück" im Forum. Mich treibt trotz oder gerade wegen der vielen Zeit, die der Beruf fordert, der Wunsch nach intensivem Austausch mit Gleichgesinnten über meine geliebte Musik und Eure schnellen Reaktionen auf meinen kleinen Thread bestätigen mich darin, hier richtig zu sein.


    Zurück zu Schuberts Vierter: Ich finde es interessant, dass die "Experten" in den Konzertführern sich zu dem Werk ausschweigen. Der lange Schatten Beethovens muß seinerzeit absolut übermächtig gewesen sein - und auch in jenem Konzert am Samstag wird nach der Pause eine Beethoven Sinfonie gespielt. Ich teile Eure Auffassung, dass dies ein Jugendwerk ist, das sich offenkundig und deutlich von den beiden späten Sinfonien Schuberts abhebt. Gleichwohl, was mich an diesem Werk interessiert, ist gerade sein Schattendasein und ich bin neugierig auf neue Aspekte, die man ihm abgewinnen kann. EIn Blick auf die Discographie zeigt, dass es im wesentlichen die HIP-Fraktion ist, die Neuaufnahmen wagt (Freiburger, Brüggen, Harnoncourt) oder aber die Zinmans, Järvis und Notts. Da gibt es bestimmt einiges zu entdecken. Auf Böhm hast Du mich ebenfalls neugierig gemacht!


    Herzlich
    Stefan

    Liebe Forianer,


    gestern war ich in der Philharmonie in Berlin und hörte Schuberts Vierte, interpretiert von den Philharmonikern unter Leitung von Gustavo Dudamel. Diese Sinfonie gilt als Auseinandersetzung Schuberts mit Beethoven bzw. seiner fünften. Ich war gespannt auf die Aufführung, fristen Schuberts Sinfonien doch ein Dasein im Schatten der beiden großen Symphoniker Mozart und Beethoven. Der Eindruck war zwiespältig. Die langsame Einleitung und der Kopfsatz kamen etwas spannungslos daher, das Dirigat auffallend zurückhaltend. Auf der anderen Seite ist man schon froh, ein solches Werk, in einer Besetzung mit 46 Streichern ohne große Manierismen zu hören. Der zweite Satz wirkte im Dur-Teil harmlos, die Einbrüche in Moll waren kraftvoll aber auch nicht gerade schroff. Im dritten Satz dann schien der Dirigent mehr zu ziehen und eine engere Verbindung zu den Musiker herstellen zu können, die Pointierungen und die eigene Rhythmik des Menuetts waren schön herausgearbeitet. Es brauchte dann das Finale, um zu demonstrieren, was in dieser Musik Schuberts und in dem Orchester steckt: Die Begleitfiguren der Streicher teils fiebrig gespannt rübergebracht, schöne Spannungsbögen und gut abgezirkelte Steigerungen zu den Höhepunkten - das gefiel und formte einen versöhnlichen Abschluss.


    Zuhause stöberte ich in meiner LP- und CD-Sammlung und fand neben diversen Aufnahmen der Unvollendeten, Zweiten und Fünften die Vierte nur in einer einzigen Aufnahme aus den späten Siebzigern - mit Giulini und dem Chicago Symphony Orchestra. Die sagte mir nicht besonders zu, erschien verstärkt durch die schlechte Klangtechnik weitgehend spannungslos.


    Aus meinem philharmonischen Abend habe ich mitgenommen, welches dramatische und klangliche Potential diese Sinfonie hat, wenn man sie denn entsprechend spielt. Gleichwohl finde ich die Interpretation dieser (wie auch anderer Schubert) Sinfonie(n) alles andere als einfach: Man sollte nicht romantisieren, ein Beethoven ist es nicht und auch von Mozart sind sie deutlich abgerückt. Schuberts hat seine eigene Tonsprache, die von den Dur-Moll-Wechseln, dynamischen Kontrasten und seinem ganz eigenen Klangcharakter geprägt ist. Wie soll man das spielen? Beim Nachdenken über das Gehörte gingen meine Gedanken immer wieder zu den Dausgaard Aufnahmen der Achten und Neunten, die für meinen Geschmack ungeheuer spannungsvoll, kontrastreich und lebendig gelungen sind. Idealtypische Schubert-Aufnahmen?


    Nun frage ich Euch:
    1. Wie schätzt Ihr dieses Werk ein?
    2. Was ist Eurer Meinung nach eine angemessene Interpretation und was zeichnet eine solche aus?
    3. Welches ist Eure Lieblingsaufnahme der Vierten?
    4. Und gerne mehr zu Schuberts frühen Symphonien!


    Herzlich,
    Stefan

    Liebe Freunde der King´s Singers,


    ich habe dieses Ensemble mehrfach in Konzerten erlebt und war immer wieder von der unglaublich homogenen und gleichzeitig nuancierten Darstellungen sowie - hier kann ich moderato nur zustimmen - deren Humor begeistert, typisch englisch finde ich!


    Meine erste CD, die ich heute noch "rauf und runterhöre", war die Madrigal History Tour mit Madrigalen aus England, Deutschland, Italien und Frankreich



    Dies ist vom Repertoire her, klanglich und interpretatorisch nach wie vor eine tolle Aufnahme und gerade auch für Einsteiger in dieses Repertoire interessant.


    Später habe ich in Schallplattenantiquariaten diverse Schätze (Sammlungen von Madrigalen) ausgegraben und mir die Einspielungen mit Beatles Covers und die Weihnachts-CD zugelegt.


    Habt Ihr eine spezielle Empfehlung zu deren Aufnahmen mit zeitgenössischer Musik? Diese fehlen noch in meiner Sammlung!

    Meine persönlichen Erfahrungen mit Musik der Renaissance sind ähnlich wie die von Dr. Pingel. Es hat bis weit in meine dreißiger Jahre gebraucht, bis ich mit Renaissancemusik in Berührung kam und diese mich wirklich angesprochen hat, wozu auch das eigene Singen einiger Sätze aus der Epoche beigetragen hat.


    Ich denke, auf die Musik dieser Epoche trifft vieles zu, was wir in den Treads zur Rolle der Kammermusik und dem heute insgesamt bedauernswert geringen Stellenwert der klassischen Musik gesagt haben. Ohne Berührungspunkte kein Zugang. Ohne attraktive Interpretationen keine Begeisterung. Ohne Konzerte und Live-Erlebnisse bleibt die Musik ein Stück im Irrealen, verglichen mit den vielgespielten Epochen der klassischen Musik. Welcher durchschnittlich sortierte CD-Laden (wenn er denn überhaupt "Klassik" in nennenswertem Umfang führt) hat Musik der Renaissance vorrätig, oder gar so plaziert, daß man leicht darauf stoßen würde? Und welcher Verkäufer wäre in der Lage, dem interessierten Kunden einige Aufnahmen zu empfehlen? Ja, wir können jetzt das "Henne-Ei-Problem" zitieren, aber so ist es ...