Beiträge von moderato

    Lieber Rheingold1876


    Wenn man den gemalten Stoff mit seinem seidigen Glanz betrachtet, ist klar, wieder einmal ein Gemälde in hoher malerischer Qualität. Es dürfte sich um den Ausschnitt eines grösseren Bildes handeln. Die Dame schaut ernst und freudlos den Betrachter an. Sie dürfte einem höheren Stand angehören. Eine Bäuerin ist sie nicht. Der Schneider des Kleides hat viel Aufwand betrieben. Das Kleid ist aus roten und schwarzen Streifen zusammengesetzt. Schwarz gefärbte Textilien herzustellen, war schwierig und aufwändig und aus diesem Grund waren sie teuer und kostbar. Es hat eine Schnürung. Viel Stoff wurde für die Ärmel verwendet. Das mit Spitzen besetzte Decolté und die Schulterpartie zeigen blasse Haut. Am Saum des Ausschnittes ist ein Schmuckstück oder eine Kette eingehängt. Der Kopfputz ist der Frisur der glatten Haare aufgesetzt. Die Mode entspricht dem frühen 16. Jahrhundert. Ich vermute daher, der Künstler lebte während der italienische Renaissance. Seine Malweise hat eine manieristische Tendenz.


    Es grüsst dich


    moderato

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    Lieber, liebe âme


    Im letzten Beitrag schreibst du:


    Wo die Wahrheit genau liegt ist schwer zu sagen, zwar in keinem der beiden überzeichneten Darstellungen aber sicher wohl eher Tendenz zur Lehner-Darstellung.


    Der Regisseur Fritz Lehner hat das Drehbuch zu seinem Schubert Film Mit meinen heissen Tränen in der Reihe Fernsehspiel Bibliothek, herausgegeben vom ORF, im Verlag Edition Wien veröffentlicht. Beim Studium des sehr differenzierten Textes nimmt man wahr, wie einzelne Szenen gedacht waren sowie, was nicht in der endgültigen Fassung des Filmes erscheint.


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    Der österreichische Musikwissenschaftler Dr. Theophil Antonicek (1937-2014) hat ein klug verfasstes Nachwort aus seiner beruflichen Sicht verfasst. Titel: Was die Wissenschaft weiss. Darin setzt er die musikwissenschaftlichen Erkenntnisse zum Leben Franz Schuberts in Bezug zum künstlerischen Gehalt des dreiteiligen Fernsehfilms und die Freiheiten, die sich der Regisseur nimmt. Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurückkommen.


    Gerald Szyszkowitz (*1938) war, so klärt uns Wikipedia auf, Chefdramaturg des Österreichischen Rundfunks und leitete ab 1973 dessen Hauptabteilung Fernsehspiel. Hierbei für den ORF Leiter der Buchreihe Fernsehspiel-Bibliothek. Diese Funktion übte er erfolgreich bis 1994 aus; zahlreiche seiner Produktionen erhielten in- aus ausländische Fernsehpreise. In dieser Zeit entstanden unter anderem "Die Alpensaga" (Regie Dieter Berner), "Schöne Tage" und "Das Dorf an der Grenze" (Regie jeweils Fritz Lehner) sowie "Eine blassblaue Frauenschrift" und "Radetzkymarsch" (Regie jeweils Axel Corti). Allesamt Meilensteine in der Fernsehgeschichte.


    Er würdigt den Regisseur Fritz Lehner in einem Portrait als radikalen Filmschaffenden und beschreibt, wie die Idee zum Schubert-Film entstanden ist. In einer Diskussion tauchte die Idee auf, das Leben eines österreichischen Komponisten zu verfilmen. Johann Strauss, Gustav Mahler und Franz Schubert standen zu Wahl.


    "Gut", sagte er, "ich höre mir die ganze Musik an, die es gibt von ihm, und dann rufe ich dich an, ob ich das machen kann." Vier Jahre hat seitdem Fritz Lehner an nichts anderes mehr gedacht, als an seinen Schubert, ... "


    Fritz Lehner hat zunächst hörend Zugang zum Komponisten gefunden. Das finde ich bemerkenswert. Erst danach hat er sich an der historischen Faktenlage orientiert und den Film in künstlerischer Freiheit geschaffen.


    Dr. Theophil Antonicek schreibt: Lehner ringt geradezu um die Erkenntnis Schuberts: um ihn, den Verleugneten, Verkannten, Verdrängten.



    Ein Beispiel, wie schnell man Informationen erhält und wie profund Brigitte Massin gearbeitet hat, sind die 5 Menuette und 6 Trios für Streichquartett D. 89. Sie dürften den wenigsten Schubert-Liebhabern bekannt sein oder vielleicht den Hörern des ORF, denn der Deutsche Nr. 1 wurde als Kennung einer beliebten Sendung benutzt.


    ich kenne keine Abhandlung über diese Stücke, die dieser Beschreibung nahe kommt. Unter dem Verzeichnis von Otto Deutsch unter D. 89 ist die Seite 534 angegeben. Der Eintrag ist schnell im Teil, der den Werken gewidmet ist, gefunden und umfasst zwei Seiten. Komponiert wurden die Tänze am 19. November 1813. Ein bedeutsamer Tag im Leben des jungen Franz Schubert, denn er musste das Konvict verlassen. Neben der Trauer um das Zurücklassen der Freunde ist in der Musik auch eine Befreiung spürbar.

    Für jeden der 11 Tänze wird die Tonart und die Tempobezeichnung erwähnt. Damit nicht genug. Der formale Aufbau wird genau beschrieben wie auch die Wirkung der einzelnen Stücke.

    Im biografischen Teil liest man über die Zeit im Konvikt von Schuberts Eintritt 1808 bis zum Verlassen 1813 auf den Seiten 39 bis 87. Das ist mit Zitaten seiner Freunde und dem Quellenstudium der Akten des Konvikts belegt. Als Musikwissenschaftlerin geht Brigitte Massin genau und ohne Spekulation vor.


    Auf die 5 Deutsche D. 90 wird mit einer eigenen Datumsangabe verwiesen, denn sie befinden sich im gleichen Manuskript. Da sie aber eine andere Deutsch Nummer besitzen, erhalten sie eine eigene Beschreibung. Ein Beispiel für die konsequente und systematische Arbeit, wenn man jedes der über 998 im Deutsch-Verzeichnis überlieferten schubertschen Werke beschreibt.

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    Lieber Helmut Hofmann


    Dass ein Buch über Schubert im französischer Sprache im deutsprachigen Raum keine Verbreitung findet, verstehe ich. Auch wenn es für Musikwissenschaftler in ihrem Diskurs keine Rolle spielt. Liest man die Sternerezensionen bei einem Online-Anbieter sind es nur Lobeshymnen zufriedener französischer Kunden.


    Für mich als interessierter Laie erhalte ich im Schubert Buch von Brigitte Massin Informationen zu Werken, denen in der Regel keine Beachtung geschenkt wird. Es zählt in meiner auf dem Regal 1.80 Laufmeter umfassenden Schubert Literatur und Partituren zu den unverzichtbaren Titeln, zu denen ich immer wieder greife, wenn ich mich informieren möchte. Wer es besitzt, weiss, wovon ich spreche. Der Preis von unter 40 Euro ist gerechtfertigt.


    Das Buch von Gernot Gruber Schubert Schubert? verfolgt einen gänzlichen anderen Ansatz und steht auch in meiner Bibliothek.


    Wenn man auf die nicht erhältlichen Bücher von Gernot Gruber klickt erscheint das Cover. Dort in der URL-Zeile ganz oben findet man am Schluss die Bestellnummer.


    1977 brachte die Musikwissenschaftlerin Brigtte Massin (1927-2002) ihr Buch über Franz Schubert heraus. Es ist in französischer Sprache geschrieben und ein "Taschenbuch" mit 1417 Seiten. Es erschien bei Fayard. Der Verleger musste überzeugt werden, ein Buch von diesem Umfang zu editieren. Auch wenn es vor 55 Jahren herauskam und die Schubert-Forschung neue Erkenntnisse erbracht hat, zähle ich dieses Buch zu den unentbehrlichen der Schubert Literatur. Ich bedaure, dass es (noch) keine deutsche Übersetzung gibt.


    Die Autorin hat zusammen mit ihrem Mann Jean Werke zu Beethoven, Mozart, Messiaen, zur orientalischen Musik, geschrieben. Für das Schubert-Projekt war sie auf sich allein gestellt, weil ihr Gatte mit anderen Arbeiten beschäftigt war.


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    Mir liegt die revidierte Fassung von 1993 vor. Wenn ich nicht schon die französisch Sprache beherrschen würde, für diese Edition würde ich sie erlernen, so hoch stufe ich den Wert dieser Publikation ein. Sie hat das Werk ihren drei Kindern gewidmet, das während deren Adoleszenz entstanden ist. Ich gehe davon aus, dass das Schreiben sie über viele Jahre beschäftigt haben muss.


    Das Buch ist bis aufs Äusserste detailreich und genauestens recherchiert. Da die Autorin Musikwisenschaftlerin war und um den wissenschaftlichen Standard wusste, bekommt man eine vertiefte Auseinandersetzung in Leben und Werk des Komponisten. Das Buch entstand auf der Schreibmaschine zu einer Zeit, als es noch keinen Computer gab. Sie muss sich bestens in die Literatur eingearbeitet haben. Die zahlreichen deutschen Zitate hat sie ins Französische übersetzt. Die Autorin geht streng zeitlich vor. Für jedes Werk, sei es ein Ländler oder eine Sinfonie, jedes Jahr und jedes relevante Datum ist ein Eintrag vorhanden. Es ist gespickt mit Originalzitaten (in französischer Sprache). Jedes Werk wird ausführlich von ihr beschrieben. Die Fussnoten sind in einer eigenen Spalte auf jeder Seite erwähnt, was die Leserlichkeit stark erleichtert.


    Das Buch hat folgende Teile:


    Vorworte, Seite 15 bis Seite 19


    Zeittafel, Seite 21 bis Seite 22


    Biografie, Seite 23 bis 487


    Geschichte der Werke, Seite 489 bis 1294


    Benutzte Literatur, Seite 1295 bis 1304


    Kataloge der Werke, Seite 1305 bis 1386

    (in chronologischen Listen mit Seitenangaben zur Erwähnung im Buch, die nach unterschiedlichen Gesichtspunkten geordnet sind)

    nach Zeit der Entstehung,

    nach dem Verzeichnis von Otto Deutsch,

    nach Opuszahlen,

    nach Gattungen,

    nach Titeln der Lieder


    Index der Personen, Seite 1387 bis 1417


    Inhaltsverzeichnis

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    Lieber Rheingold1876


    Man muss sich stets bewusst sein, ein Film, so real er erscheinen mag, wird nie die Wirklichkeit wiedergeben. Er muss Spekulation bleiben.


    Im dritten Teil "Winterreise" gibt es eine Szene, in der eine Beziehung zur Tochter des Bruders Ferdinand gezeigt wird. Da setze ich ein sehr grosses Fragezeichen. Ob es sich um eine Phantasie handelt, ist mir nicht klar. Da ist die künstlerische Freiheit des Regisseurs über ihr Ziel hinausgeschossen.


    Sonst kann ich mich für den Film begeistern.


    Klammerbemerkung

    Eine andere Arbeit des Regisseurs Fritz Lehner hat meine ungeteilte Zustimmung gefunden. Er hat den Roman von Franz Innerhofer "Schöne Tage" für den ORF beklemmend realistisch mit Laiendarstellern verfilmt. Er wurde ebenfalls wie Notturno in der Reihe Der österreichische Film, Edition Der Standard, veröffentlicht. Beim Werbepartner ist er immer noch erhältlich.

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    Arm an materiellen Gütern war Franz Schubert. Das ist belegt: Davon zeugt das amtliche Nachlassverzeichnis. Es listete akribisch den Nachlass auf. Das war nicht viel und fand in einer Kiste Platz.


    Den Spitznamen „Schwammerl“ erhielt er von seinen Freunden aufgrund seiner kleinen, rundlichen Statur. Schubert war nur 1,61 cm gross.

    Rudolf Hans Bartsch hat 1912 einen Roman mit diesem Titel veröffentlicht.


    Wikipedia klärt uns aus: Bartsch hat frei erfundene Geschichten und Legenden mit historisch überliefertem recht willkürlich gemischt und prägte mit seiner Darstellung für Jahrzehnte ein pseudobiedermeierliches Schubert-Klischeebild.

    Der Roman wurde ein Bestseller und hatte zumindest auf alle biographischen Publikationen und auch Illustrationen zu Schubert bis zum hundertsten Todestag 1928 erheblichen Einfluss. Bartschs Roman diente den Librettisten Heinz Reichert und Alfred Maria Willner als eine der Vorlagen für die Operette Das Dreimäderlhaus (1916) von Heinrich Berté.


    So sieht das Cover der Erstausgabe aus.


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    Man beachte die auf dem Titel vermerkte Auflage einer Ausgabe aus späteren Jahren. .


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    Tamino Mitglied sagitt fragt in Beitrag 20, ob es vom Film "Mit meinen heissen Tränen" des Regisseurs Fritz Lehner eine DVD gibt.


    Ja, es ist eine Doppel-DVD des Drei-Teilers erhältlich, den ORF, ZDF und SRG gemeinsam produziert hatten. Es ist die originale Fassung, die gesendet wurde. Das Label Fernsehjuwelen hat sie herausgegeben.



    Die in Beitrag 47 von Merlot167 gezeigte DVD mit dem Titel Notturno ist mit 230 Minuten die gekürzte Festival-Fassung.



    Ich war vom Film bei seiner Erstausstrahlung begeistert und bin es heute noch mehr. Mit dem Bild, das von Schubert gezeichnet wurde, war der Widerspruch vorgegeben. Dietrich Fischer Dieskau, der profundeste Kenner Franz Schuberts, fand es unmöglich und konnte sich damit wohl nicht anfreunden. Das berichtet sagitt in Beitrag 20. Da müsste man ihn fragen, womit er nicht einig ging.


    Die schauspielerische Leistung von Udo Samel, des Darstellers Franz Schuberts, ist hervorragend. Nebenbei bemerkt wenn er in die Tasten greift, ist es nicht ein Double. Er kommt körperlich dem Schubert, den wir von Zeichungen, Aquarellen und Komponisten kennen, sehr nahe. Er trägt im ersten Teil eine Perücke, um seine, der Syphilis geschuldeten Kahlköpfigkeit zu verbergen.


    Der Film hat seine zwingende Wirkung nicht nur den Darstellern zu verdanken. Ich bin im Besitz des Drehbuches und kenne auch Szenen, die nicht im Film aufgenommen wurden. Der Regisseur hat Schubert genau studiert, so zum Beispiel das ambivalente Verhältnis zu seinem Freundeskreis. Es gibt eine Szene, in der Spaun ins Wasser springt und schwimmt. Im Metternich-Staat war dies verboten. Ein treffenderes Bild für die Freiheit kann man sich nicht denken. Die Kameraführung von Gernod Roll beeindruckt. Die Ausstattung trifft in meiner Einschätzung die Epoche des Biedermeiers punktgenau. Der Ton nimmt die Alltagsgeräusche der Stadt und der Landpartien stimmig auf, vom Kratzen der Feder während des Komponieren bis zu den Geräuschen der Stadt. Die Darstellung der Stille, hat mich im Film mehrere Male in den Bann gezogen. Schuberts Musik kommt selten vor, unterstreicht die Stimmungen, wenn sie eingesetzt wird.


    Der Film will nicht die Biografie nachzeichnen sondern einen unglücklichen Menschen zeigen, der auch seltene Glücksmomente erlebt, und die Gemütlichkeit, die man mit dem Biedermeier verbindet, zurechtrücken. Österreich war politisch eine Zeit der Repression, ein Polizeistaat.

    Der Tod ist im Film allgegenwärtig. Der Regisseur Fritz Lehner findet dafür starke Bilder.

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    A propos Schubert im Radio.


    Zum 200. Geburtstag Franz Schuberts im Jahr 1997 hatten Radiostationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz als Koproduktion täglich während eines Jahres ein musikalisches Werk verbunden mit einem Wortbeitrag gesendet. Mit 365 Teilen à 25 Minuten stellt es die grösste Sendereihe im Hörfunk dar, welche die ARD jemals produziert hatte. ich kann mich erinnern, gespannt auf die Beiträge am Radioempfänger die Sendung verfolgt zu haben. Es wurde jeweils mosaikartig aus dem Leben Franz Schuberts berichtet. Mit diesem Kaleidoskop von Texten aus der Schubert-Zeit, Notizen aus dem Tagebuch des Komponisten, Beiträge aus Zeitungen des biedermeierlichen Wien, Alltäglichem und Eigenartigem ergab sich ein besonderer Blick auf den Menschen Franz Schubert und die Epoche, in der er lebte. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war der Schauspieler Udo Samel der Sprecher, der in der mehrteiligen Verfilmung des Lebens Franz Schuberts Mit meinen heissen Tränen, das der ORF mit dem Regisseur Lehner produziert hatte, den Komponisten verkörperte. Zuweilen griff Samel selbst in die Tasten.


    Der Musikwissenschaftler, Journalist und Autor Michael Stegemann hatte die Beiträge der Radiosendungen zusammengestellt. (Er hat Biografien zu Camille Saint-Saëns, Franz Liszt, Maurice Ravel und Glenn Gould veröffentlicht.) Es gab zur Sendereihe ein Taschenbuch, das im Piper-Verlag erschienen ist. Das Schubert-Allmanach mit dem Untertitel Eine musikalisch-historische Chronik hat das Projekt begleitet. Darin sind neben der Erwähnung der Musikstücke und ihrer Interpreten auch die Wortbeiträge enthalten. Antiquarisch ist es noch erhältlich.



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    Das sind die Überschriften der Kapitel. (Die Nummerierung der PDF-Dateien der Sendemanuskripte weicht zuweilen von der gesendeten Reihenfolge ab.)


    1. Wien ist die Welt, Das Leben in der Stadt
    2. Wen die Schulbank drückt, Schubert lernt und lehrt
    3. Glauben ohne Pfaffen, Schuberts Verhältnis zur Kirche
    4. Goethes Grösse, Die Geschichte einer Fernbeziehung
    5. Gelegenheit macht Lieder, Schuberts Texte
    6. Blick in die Werkstatt, Wie Schubert komponiert
    7. Ha, ein Ich! Das Biedermeier als erste Moderne
    8. Der Einsame, Schuberts Persönlichkeit
    9. Bretter, die kein Glück bedeuten, Schuberts Weg zur Oper
    10. Freunde und andere Männer
    11. Grün ist alle Utopie, Schubert auf Landpartie
    12. Beethovens Bann, Vorbild, Konkurrent, Bruder im Geist
    13. Komponist im Kaiserreich, Schubert der Unpolitische?
    14. Das Wandern, Schuberts Lebensmotiv
    15. Weltflucht, Verzweiflung, Erlösung, Die «Winterreise»
    16. Fluch des Wohllauts, Schubert populär
    17. Therese, Anna, Caroline, Schubert und die Liebe
    18. Krankheit als Metapher: vom Leiden an der Welt, Über den Schmerz in Schuberts Musik
    19. Der Unvollendete, Schubert und der frühe Tod, Die Suche nach dem «wahren» Schubert
    20. Herzenskammermusik, Wie Schubert uns berührt, Was fasziniert heute so viele junge Ensembles an seiner Musik?
    21. Der Krimi um den Nachlass, Die Suche nach Schuberts Handschriften


    Es sind Sendungsmanuskripte. Das beinhaltet einige Eigentümlichkeiten, die man, wenn man mit der Arbeit am Radio nicht vertraut ist, kennen muss.


    Es wurde die eher plakative Nennung gewisser Formulierungen beanstandet und als "feuilletonistische Stilblüten" kritisiert. Ein Ankündigung einer Sendereihe folgt anderen Gesetzmässigkeiten als die einer gedruckten Abhandlung oder Seminararbeit. Da würde ich auch den Rotstift ansetzen, wenn ich solchen Formulierungen begegnen würde. Eine gewisse Provokation und pointierte Schreibe gehört zum Geschäft, wenn man auf eine Sendung hinweist.


    Der Text der Sendungen enthält neben der Ansagen der Stücke auch die wiederholte Nennung des Titels und der Interpreten direkt nach der Ausstrahlung des Werkes. Das mag beim Lesen überflüssig erscheinen. Als Hörer, der während der Sendung einschaltet, schätzt man es, wenn man diese Informationen erhält. Das ist eine Eigentümlichkeit radiophoner Tätigkeit. Man kommt mit diesem Verfahren der Beantwortung möglicher Anfragen zuvor.


    Die Titel mögen zuweilen reisserisch erscheinen. Sie wollen den Hörer auf den Inhalt neugierig machen. Als Moderatorin hat man die Absicht, seine Zuhörer an der Stange halten und an sich zu binden. Die Qualität der Wortbeiträge ist dabei ein wichtiger Aspekt, aber nicht nur. Das hier näher auszuführen, würde einen eigenen Thread erfordern. Die Sendereihe erstreckte sich über mehrere Wochen zu festgelegten Zeiten. (Eine Klammerbemerkung: Ein Programm hat seine Sendegefässe und Struktur. Die Verantwortlichen machen dazu im Vorfeld intensive Abklärungen, was wann ausgestrahlt wird. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Kommt es zu Änderungen wird das von den Zuhörern nicht geschätzt.)


    Der Text folgt dem gesprochenen Duktus, was in seiner sprachlichen Form nicht einer schriftlichen Abhandlung oder einem Zeitungstext entspricht. Das muss dem Leser bewusst sein, wenn er sich die Inhalte der Sendungen lesend erschliesst. Die Formulierung der Ansage und die Verabschiedung sind ausformuliert.


    Wenn die Manuskripte zugänglich gemacht werden, erfüllt man die Wünsche der interessierten Zuhörer, die sich mit den Inhalten der Sendung intensiv beschäftigen möchten. Dieser Service wird sehr geschätzt. Die Hörer eines Kultursenders unterscheiden sich in dieser Hinsicht von denen anderer Sparten. Sie haben als Stammhörer eine starke Bindung an einen Sender und das Programm.

    Auch als Hörer eines Senders mit Tageshits schaltet man regelmässig seinen Lieblingssender ein. Die Ansprüche sind aber andere. Man will unterhalten werden und nicht durch allzu lange Wortbeiträge im Bedürfnis nach Ablenkung unterbrochen werden.

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    Rundfunk Berlin-Brandenburg Kultur hat eine Sendereihe mit 21 Folgen zu Franz Schubert zwischen dem 4. Juli und 21. November 2021 gesendet. Jeder Beitrag mit Musik und Redeanteilen dauert zwei Stunden.


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    Christine Lemke-Matwey hat verschiedene Aspekte des Lebens und des Werkes des Komponisten beleuchtet sowie die Wirkung seiner Musik untersucht.


    Die Autorin ist Feuilletonchefin der ZEIT. Davor arbeitete sie für den Tagesspiegel und die Süddeutsche Zeitung, schrieb zwei Libretti und zusammen mit Christian Thielemann ein Wagner-Buch. FRANZ SCHUBERT ist ihre dritte große Serie für den rbb. Außerdem gehört sie ins Rateteam der BLINDVERKOSTUNG auf rbbKultur.



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    Die Texte der Manuskripte und Podcast-Audiodateien sind noch abrufbar.


    https://www.rbb-online.de/rbbk…ungen/franz_schubert.html


    Zur Sendereihe schreibt sie:


    "Wer sich mit Schubert beschäftigt, braucht keinen Anlass. Keine Gedenk- oder Jahrestage, keine Jubelindustrie. Wer sich mit Schubert beschäftigt, ist auf der Suche nach der Musik in sich selbst. Und findet sie in Liedern wie dem "Erlkönig" und in Zyklen wie der "Winterreise", in Kammermusik wie den beiden Klaviertrios, in den späten Klaviersonaten und in Sinfonien wie der "Unvollendeten".


    Franz Peter Seraph Schubert, geboren 1797 in der Wiener Vorstadt, begegnet uns als Komponist gleichsam "nackt", und das ist ganz und gar nicht eskapistisch gemeint, im Sinne eines weltflüchtigen "L'art pour l'art"-Denkens.


    Schubert fehlt das Goldschnitthaft-Altmeisterliche eines Bach, das Revolutionäre eines Beethoven, das Bürgerlich-Lebensweltliche eines Schumann, das entschieden Anti-Modernistische eines Brahms – jedenfalls soweit alles Außermusikalische überhaupt als Erklärungsmodell für die Musik taugt.

    Meister der kleinen Form


    Schubert ist ein Künstler der politischen Restauration, und das heißt: So sehr er das Rampenlicht sucht, so sehr muss er es scheuen. Der Metternich-Staat treibt die Kunst in Nischen, in kleine und kleinste Räume, in intime Formen. Nur dort, wo staatliche Überwachung und Zensur nicht greifen (können), im Privaten, in der Halb-Öffentlichkeit der frühen Zirkel und Salons, ist die Musik frei. Und Schubert mit ihr.


    Die Rückzugsgebärde auf der Suche nach der größtmöglichen Freiheit des künstlerischen Ausdrucks – das müsste dem 21. Jahrhundert in seiner galoppierenden Unübersichtlichkeit mindestens so vertraut sein wie der Schubert-Zeit. Und so müsste uns auch Schubert selbst näher sein, als er es oftmals ist.


    Gerade er, der Liederkomponist, der Meister der kleinen Form. Gerade heute, im Zeitalter virtueller Realitäten. Die 140 Zeichen auf Twitter, die Kurznachrichten, die wir täglich verschicken, die YouTube-Schnipsel, durch die wir uns klicken: Sind das nicht alles Versuche, die Welt da draußen noch irgendwie in den Griff zu bekommen? Und selbst dabei nicht ganz verloren zu gehen?"


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    Lieber hasiewicz


    Danke für den Hinweis auf die singende Revolution in Litauen im Jahr 1990. Die Kraft der Musik und ihre Identität stiftende Wirkung hatte Litauen damals geeint. Der Gesang ist tief in der litauischen Gesellschaft verankert. Letzte Woche sah ich eine Dokumentation über das baltische Land, in der dies eindrücklich mit historischem Filmmaterial gezeigt wurde. Die baltischen Lieder- und Tanzfeste (gemeinsam mit Estland und Lettland) sind seit 2003/2008 ein immaterielles UNESCO-Kulturgut. Somit passt dein Hinweis sehr gut zu diesem Thread.


    * * *


    Exkurs zur Politik:


    Beim Lesen deines Hinweises auf die Aufkündigung der Anerkennung der Unabhängigkeit Litauens von 1990 durch die russische Duma und der Begründung "Illegalität" gehen bei mir alle roten Lampen an. Es sollte jedem Europäer klar sein, was dieser Gesetzesentwurf bedeutet und was bei einer Annahme folgen wird: Die Souveränität einer weiteren Nation ist gefährdet. Das wäre eine beunruhigende, den Frieden in Europa gefährdende Entscheidungen der russischen Legislative. Die Exekutive, der Machthaber Putin, würde so den Angriff auf ein weiteres, zur ehemaligen Sowjetunion gehörendes Gebiet legitimieren. Es ist die bewusste Schürung der Angst, die betrieben wird.

    Es ist natürlich legitim, wenn man keine Musik mehr hören will angesichts der furchtbaren Ereignisse. Allerdings findet praktisch immer irgendwo auf der Welt Krieg statt, und das seit Jahrtausenden (allein die Liste der Kriege im 20. und 21. Jahrhundert ist erschütternd). In der Konsequenz dürfte man vermutlich seiner Lebtage keinen Takt mehr hören. Das kann dann wohl doch nicht die Lösung für die Allgemeinheit sein. Es erinnert ein wenig an die Doppelmoral, als in den ersten Tagen nach dem 24. Februar 2022 ernsthaft diejenigen an den Pranger gestellt wurden, die weiterhin Partys feierten und sich amüsierten. Denkt man das nämlich zu Ende, wäre es auch auf ewig vorbei mit der Feierei.

    Lieber Joseph II


    Es gab Jahre in meiner Biografie in denen ich nach einem bestimmten Ereignis weder Musik hörte noch ein Musikinstrument spielte. ich musste mir die Musik im wahrsten Sinne des Wortes wieder einverleiben. Jetzt ist mir die Lust wieder vergangen. Es ist kein Nicht-Mehr-Wollen sondern ein Nicht-Mehr-Können. In meiner Profession habe ich mit traumatisierten Menschen zu tun. Die Mechanismen einer seelischen Verletzung sind mir mehr als bewusst.


    * * *


    Zur Eröffnung des Threads


    Kulturgutschutz ist mir ein grosses Anliegen. Nicht der Besuch Odessas durch eine deutsche Politikerin sondern die Zerstörungen der Theater, Museen, Archive und Kirchen in der Ukraine sind der Grund für die Eröffnung dieses Threads.


    Anlässlich eines Aufenthaltes in Dresden hatte ich das militärhistorische Museum der Bundeswehr besucht. Es gibt Exponate, die nicht direkt einsehbar sind und einen Hinweis auf ihre verstörende Aussage haben, falls man sie sich dennoch ansehen möchte. Nachdem man die eindrückliche Präsentation über alle Stockwerke hinter sich gebracht hat, öffnet sich in der obersten Etage beim Betreten der Terrasse der Blick auf die Stadt, die im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Man denkt, Krieg darf sich in Europa und der Welt nie wieder ereignen. Man hat alles zu tun, dass der Friede in der Welt bewahrt wird. Trotzdem geschieht Krieg an jedem Tag weltweit, auch in den Minuten während ich diese Zeilen schreibe.

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    Die deutsche Ministerin für Kultur und Medien hat auf Einladung ihres ukrainischen Amtskollegen Odessa besucht, denn der russische Aggressor hat mit seiner "Sondermassnahme" kulturelle Institutionen dem Boden gleich gemacht. 375 kulturelle Objekte Museen, Theater, orthodoxe Kirchen, Archive sind in der Ukraine seit Kriegsbeginn zerstört. Dahinter steckt eine hinterhältige Strategie.


    https://www.ndr.de/nachrichten…isieren,audio1143500.html


    Das Bild zeigt die Ministerin im Zuschauerraum der Oper in Odessa. Das historisches Zentrum der ukrainischen Hafenstadt ist seit 2009 für eine Nominierung zur Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO vorgesehen.


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    Recherchiert man weiter zum Thema Kulturgutschutz, wird eine schreckliche Wahrheit sichtbar. Der Wikipedia-Eintrag zum Kulturgutschutz hat mich mit einer Zahl schockiert:


    In der Geschichte der Menschheit waren ... kriegerische Auseinandersetzungen fast ausnahmslos auch stets von Plünderung, Beschlagnahme und Zerstörung von Kulturgut begleitet. Neben dem menschlichen Leid durch kriegerische und bewaffnete Konflikte sind auf diese Art und Weise rund drei Viertel aller jemals von Menschenhand geschaffenen Kulturgüter und somit die Zeugnisse und Nachweise menschlicher schöpferischer Schaffenskraft zerstört worden. Dagegen ist nur etwa ein Viertel aller Kulturgüter durch Naturkatastrophen zerstört worden oder durch normalen Verfall endgültig verschwunden. In allen Epochen war neben der Bekämpfung des Gegners immer auch das Kulturgut potentielles Ziel der feindlichen Kriegsführung. Dieses Bestreben sollte dem Zweck dienen, dass durch erfolgreiche Beutezüge eine Refinanzierung der Kriegskosten erfolgte und gleichzeitig dem unterworfenen Gegner seine geistige und kulturelle Identität genommen wurde. Bei Kriegen, bei welchen Identität eine wichtige Rolle spielt, ist die Zerstörung von Kulturgütern laut Karl von Habsburg auch ein Teil der psychologischen Kriegsführung. Heute ist der Missbrauch von Kulturgütern international gesehen geächtet und strafbar und wird, zumindest wenn Militärs verantwortlich sind, mitunter auch mit Sanktionen bestraft.


    Ich kann weiterhin keine Musik hören. Es bereitet mir körperlich und seelisch Schmerzen. Die täglich medial verbreiteten Bilder menschlichen Leides und erbarmungsloser Zerstörung ganzer Städte und Dörfer sowie Tötung der Zivilpersonen sind für mich nicht zu ertragen. Der Schaden, den der russische Machthaber der Kultur und dem kulturellen Erbe zufügt, macht mich sprachlos. Mein gepackter Koffer steht weiterhin in meiner Wohnung.


    In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 erfolgte auf das rund 630.000 Einwohner zählende Dresden einer der verheerendsten Luftangriffe auf eine Stadt im Zweiten Weltkrieg. Beim Besuch Dresdens, das ich vor einigen Jahren besucht hatte, ist mir mehr als deutlich bewusst geworden, dass sich das in Europa nicht wiederholen darf. Die Fotografie zeigt die zerstörte Innenstadt Dresdens im Jahr 1945.


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    Ein Gruppenportrait, ein Wimmelbild der besonderen Art. Johann Zoffany (1733-1810) hat dieses Gemälde der Uffizien gemalt. Zum 70. Thronjubiläum der englischen Königin stelle ich das Bild hier vor. Warum? Es befindet sich in der Royal Collection of Her Majesty Queen Elizabeth II. im Buckingham Palast in London. Auf einer spanischen Seite, habe ich die Geschichte gefunden, die zu diesem Gemälde erzählt werden kann.


    1772 erhielt Joseph Zoffany von Königin Charlotte, der Ehefrau George III. den Auftrag, ein wesentliches Werk anzufertigen, das an bevorzugter Stelle im Schloss aufgehängt werden sollte. Charlotte war sich über den Auftrag im Klaren, sie gab ihm ein Empfehlungsschreiben und 300 Pfund Sterling, ein Vermögen für die damalige Zeit.


    Er sollte die Höhepunkte der Sammlung des Grossherzogs der Toskana malen, die in der Tribüne des Uffizien-Palastes ausgestellt ist. Mit anderen Worten, eine Aneignung von Werken grosser Meister, die zu einem verdichtet wurden, eine Demonstration des guten Geschmacks, etwas, das damals von Aristokratie und Adel erwartet wurde.


    Heute sieht es dort so aus:


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    Und so ging er nach Florenz, wo er Felton Hervey traf, einen Kunstsammler und Freund der Könige, der in der Arbeit eine herausragende Rolle spielen sollte. Dort hatte er auch die Zusammenarbeit von George Cowper, einem Grafen, und Sir Horace Mann, der als britischer diplomatischer Vertreter in Florenz bei den Grossherzögen der Toskana diente.

    Der dargestellte Raum ist, wie der Name schon sagt, die Tribüne der Uffizien, eine achteckige Galerie, die 1584 von Bernardo Buontalenti entworfen wurde und in der die wichtigsten Stücke der Antike und der Renaissance ausgestellt wurden, aber Zoffanys Gemälde ist kein historisches Beispiel dafür, wie es zu dieser Zeit aussah.


    Nach einem Rundgang gab der Maler seinen Mitarbeitern eine Liste mit den Werken, die seiner Meinung nach dort sein sollten, sodass sie sie eines nach dem anderen verlegten.

    In dem 123,5 cm × 155,0 cm grossen Stück befinden sich 29 Gemälde, von denen einige teilweise verdeckt sind, sodass sie nicht erkennbar sind, und weitere 52 Stücke, darunter Skulpturen, Büsten, Keramiken, Teller und Helme.

    Zu den Künstlern gehören Tizian, Raphael, Rubens, Susterman, Carracci und Reni, um nur einige zu nennen. Und es gibt einige Kuriositäten wie die Tatsache, dass zwei Werke von Raphael Earl Cowper gehörten und er hoffte, sie mit dieser Wiedergabe an König George III verkaufen zu können, oder das Werk ohne Rahmen auf der Vorderseite, Samian Sibyl, von Guercino. Er war kürzlich vom britischen Monarchen gekauft worden, es war also eine Anspielung auf seinen guten Geschmack. Es platziert auch Hans Holbein, den deutschen Lieblingsmaler Heinrichs VIII., in einer weiteren Geste, die einen Übergang von Italien nach England als Zentrum der Kunst zeigt – man beachten, dass es keine französischen Künstler gibt.


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    Die erhaltene Korrespondenz erzählt einen Prozess von fünf qualvollen Jahren. Lord Winchilsea, ein weiterer Diener, schrieb an die königliche Gouvernante: „Wirklich eines der mühsamsten Unternehmungen, die ich je gesehen habe. Denn er kopiert nicht nur viele Bilder und Statuen und den Raum etc. das ist viel zu tun, aber selbst die Rahmen und alles Kleinste, die kleinen Bronzen, der Tisch usw. um eine vollständige und genaue Darstellung des Raums zu sein.“


    Und dann waren da noch die Menschen: 22 an der Zahl. Ausserdem erscheinen Cowper und Mann aus Hervey, und sogar der Künstler macht ein Selbstporträt in der Menge, aber in seinem Eifer, es allen recht zu machen, übertreibt er es wieder. So war es für Männer der Oberschicht fast schon eine Pflicht, Italien zu besuchen, da sie der Meinung waren, dass nur so ein Geschmack für Kunst entwickelt werden könne. Und natürlich wollten alle sehen, was Zoffany für die Könige tat.


    Mann schreibt 1774 an den Politiker und Schriftsteller Horace Walpole: „Der einäugige Deutsche Zoffany (ich meine sein Schielen), der vom König geschickt wurde, um eine perspektivische Ansicht der Tribüne in der Galerie zu malen, hat einen erstaunlicher Erfolg in vielen Teilen davon und in vielen Porträts, die er hier gemacht hat. Ersteres ist zu voll mit (grösstenteils) uninteressanten Porträts englischer Reisender von hier."


    In einem anderen Brief an Walpole bemerkt Mann: „Ich habe ihm oft auf den Fehler hingewiesen, dass er zu viele Leute gemalt hat, und darauf hingewiesen, dass es sich um den Grossherzog und die Grossherzogin handeln könnte, ein oder zwei ihrer Kinder, wenn er der Meinung wäre, dass die Vielfalt stimmt malerischer und Lord Cowper. . . Wenn es wahr ist, was er gesagt hat, dass die Königin ihn nach Florenz geschickt hat, um dieses Gemälde zu malen, und ihm eine große Summe für seine Reise gegeben hat, war die Unangemessenheit, so viele unbekannte Figuren zu malen, noch grösser.


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    1778 packt Zuffany die Arbeit zusammen und kehrt nach London zurück. Die Tribüne wurde als Europas wertvollste Wunderkammer angekündigt und besitzt eine noch nie dagewesene Gemeinschaft von Malerei, Skulptur, Stein und dekorativer Kunst. Die Arbeit greift auch etwas sehr Britisches auf, wie die Tradition des Conversational Painting, und das ist es, was die Fülle von Menschen gerechtfertigt, die über Kunst nachdenken.


    Aber die Arbeit hat definitiv nicht gefallen. Sie wurde mit anderen Zeichnungen der Tribuna verglichen und bemängelt, dass sie sich gewisse Winkelfreiheiten nahm, sowie die bereits erwähnte Tatsache, dass sich die Werke nicht in der Tribuna, sondern in anderen Teilen der Uffizien oder des Pitti-Palastes befanden.


    Es wurde auch kritisiert, weil die wiedergegebenen Bilder geometrisch nicht korrekt waren. Mann schreibt noch einmal: „Sie fanden einen grossen Fehler in der Perspektive, von der sie sagen, dass sie absolut falsch ist. Ich weiß, dass er es selbst bemerkt und versucht hat, Hilfe zu bekommen, um es zu korrigieren; aber es war ihm unmöglich, und er nahm es, wie es war.“


    Als es 1779 in der Royal Academy ausgestellt wurde, kritisierte die Morning Post seinen Mangel an Farbharmonie; der konservativere Morning Chronicle betonte sein Chaos, aber auf politisch korrekte Weise: „Dieses präzise Bild hat beim ersten Betreten die gleiche Wirkung auf den Betrachter wie die Galerie selbst; Die Vielzahl der darin enthaltenen Vorzüge zerstreut unsere Ideen, und es bedarf einiger Zeit, sie zu sortieren, bevor wir den Wert eines einzelnen Stückes kalt prüfen können.


    Das Königspaar war überhaupt nicht zufrieden. Der Landschaftsmaler und Journalist Joseph Farington schrieb: „Der König sprach über das Bild, das Zoffany für ihn aus der Florentine Gallery gemalt hatte, und drückte sein Erstaunen darüber aus, dass Zoffany etwas so Unangemessenes getan hatte, nämlich die Porträts von Sir Horace Mann, Patch und anderen zu präsentieren. Ihre Majestäten werden nicht zulassen, dass das Gemälde in einer ihrer Wohnungen aufgestellt wird."


    Das Gemälde wurde jedoch kurz im Kew Palace ausgestellt und weggeräumt. Ab 1819 wird es zusammen mit The Academicians, einem weiteren Werk von Zuffany, in der oberen Bibliothek des Buckingham Palace ausgestellt, wo es bewundert werden kann.


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    Zoffany kehrte nie zurück, um für die königliche Familie zu arbeiten. Und er ging nach Indien, um für den Gouverneur von Bengalen zu arbeiten. 1789 kehrte er nach England zurück, aber sein Schiff erlitt vor den Andamanen Schiffbruch und er überlebte dank Kannibalismus. Er starb 1810.


    Dieses Bild ist keine Collage. Obwohl es so scheint. Die Überlappung von Objekten, ungenaue Geometrie, irreführende Perspektive. Das Anhäufen. Zoffany schlug einen Dialog zwischen alter Kunst und den Meistern vor, und in seinem Eifer, alles umfassen zu wollen, um Einheimischen und Fremden zu gefallen, wusste er nicht, wie er es ausdrücken sollte, obwohl das Stück, seien wir ehrlich, eine chaotische Schönheit ist.



    Auch in späteren Zeiten gibt es Gruppenportraits. Johann Zoffany (1710-1833) wirkte in England und hat die musikalische Sharp Familie auf einem Gemälde verewigt.


    Die National-Gallery in London stellt das Gemälde aus und liefert diese Beschreibung:


    Granville Sharp (1735–1813), der im Zentrum dieser lebhaften Gruppe sitzt, war einer der ersten britischen Aktivisten für die Abschaffung des Sklavenhandels. Er war auch ein renommierter Gelehrter und ein talentierter Musiker. Hier erinnert Zoffany an die Konzerte, die Sharp und Familienmitglieder von 1775 bis 1783 auf ihrem Lastkahn „Apollo“ (der in Fulham an der Themse festgemacht hatte) veranstalteten.


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    Zwischen 1640 und 1645 wurden für den Grossen Saal im Obergeschoss des Hauptquartiers der Büchsenschützen in Amsterdam bei verschiedenen Malern sieben grossformatige Gemälde mit Gruppenportraits in Auftrag gegeben.


    Das berühmte Bild der Nachtwache, das Rembrandt gemalt hatte, gehörte auch dazu, muss für die meisten der Abgebildeten eine Enttäuschung gewesen sein. Die Dargestellten mussten nämlich dem Maler ein Entgelt zahlen. Teils sind sie verdeckt und nicht im besten Licht dargestellt. Man kennt die Namen aller Personen. Ihre Namen sind auf einer Säule im Bild vermerkt. Heute gilt es als eines von Rembrandts Meisterwerken.


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    Bartholomäus van der Helst, ein anderer der sieben mit dem Auftrag betrauten Maler, hat die Personen einheitlich beleuchtet und schön nebeneinander aufgereiht. Alle Auftraggeber dürften sich wiedererkannt haben. Die Kunstgeschichte beurteilt das Gemälde eher unbedeutend.


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    Gentile Bellini hat 1496 in Venedig, was Rang und Name hatte, in dieser Darstellung einer Prozession in der ersten Reihe sicherlich auch wiedererkennbar portraitiert.


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    Die Grösse hat es, dass der Maler Portraits malen konnte.


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    Und Sandro Bellinis Anbetung der Könige aus dem Zanobi Altar würde ich ebenfalls dem Genre des Gruppenportraits zuordnen. 1476 hatte er sie gemalt. Die Darstellung zeigt Mitglieder der Medici-Familie als Könige: Cosimo (kniend), Piero de' Medici und Giovanni (Rückenfiguren im Mittelpunkt) und Angehörige des Medici-Hofes. Für die Auftraggeber muss es ein besonderes Vergnügen sein, wenn sie sich im Bild wiedererkannten. Ein Privileg, das den Untertanen, nicht zustand. Das mag heute für Selfie-Knipser eher befremdlich sein.


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    Es hat mich wunder genommen, wie das von kurzstueckmeister in Beitrag 1 erwähnte Gemälde mit dem Gruppenportrait Geertgen tot Sint Jans aussieht. Um es zu betrachten muss man nach Wien reisen und das Kunsthistorische Museum besuchen. Es geht um die Gruppe der Herren beim geöffneten Sarkophag, von denen jeder eindeutig erkennbar gemalt wurde. Ich nehme an, es handelt sich um die Stifter des Altarbildes. Gemalt wurde es zwischen 1484 bis 1490.


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    Lieber astewes


    Nicht nur Klarinette, alle Holzblasinstrumente spiele ich. Es macht es nicht einfacher dem Jazz zu folgen, weil ich klassisch ausgebildet bin. Was mich fasziniert, mir total abgeht, weil ich es nicht beherrsche, ist die Improvisation im Jazz, die streng den Harmonien folgt. Das von dir erwähnte Album Ascension ist ein Beispiel, das nicht diesem Formprinzip im Jazz zu unterliegen scheint. Wikipedia klärt uns auf:

    Auf Ascension wechseln Ensemblespiel und Soli; Coltrane gab den Musikern keinerlei Anweisungen für ihr Solospiel, ausser dass sie die Improvisation über das simple Grundmotiv mit einem Crescendo enden sollten. Die Ensemble-Passagen scheinen eher durchstrukturiert. Filtgen und Außerbauer schreiben hierzu: „Die Ensembleteile bei Coleman waren noch sehr begrenzt und notistisch festgehalten, wohingegen auf Ascension das Gruppen- und Zusammenspiel nur noch auf einem tonalen Zentrum, einem Akkord, der unterschiedlich angegangen werden kann, basiert. Das Stück beginnt mit einem Höchstmass an Energie und Intensität, den andere Darbietungen erst – wenn überhaupt – gegen Ende erreichen“.


    Wer Ascension (übersetzt: Aufstieg) zum ersten Mal hört, diesen Meilenstein der Gruppenimprovisation des Free Jazz, ist entweder schockiert oder vollauf begeistert.

    Übrigens wurden am 28. Juni 1965 zwei Takes aufgenommen. Die zweite Aufnahme wurde zuerst veröffentlicht. Erst auf John Coltranes Drängen erschien auch die erste Improvisation. Heute sind beide auf der CD des Labels Verve zu hören.


    Das waren die beteiligten Musiker:


    Tenorsaxophon: John Coltrane

    Tenorsaxophon: Pharoah Sanders

    Tenorsaxophon: Archie Shepp

    Trompete: Freddie Hubbard

    Trompete: Dewey Johnson

    Altsaxophon: Marion Brown

    Altsaxophon: John Tchicai

    Klavier: McCoy Tyner

    Bass: Jimmy Garrison

    Bass: Art Davis

    Schlagzeug: Elvin Jones


    .

    Die Harmonien der Stücke sind das Faszinierende im Jazz. Sie erlauben die Improvisation und das traumwandlerisch anmutende Zusammenspiel der Musiker. Alles andere als "Genudel". Stark strukturiert gedeiht die Freiheit.


    My Funny Valentine ist eine Ballade aus dem Broadway-Musical Babes in Arms, komponiert von Richard Rodgers mit dem Text von Lorenz Hart aus dem Jahr 1937. Sie wurde zu einem beliebten Jazzstandard des Modern Jazz.


    Miles Davis spielte sie 1958 mit seinem Sextett bestehend aus John Coltrane, Cannonball Adderley, Bill Evans, Paul Chambers und Jimmy Cobb. Enthalten auf der Scheibe Jazz at the Plaza Volume 1.


    Schaut man auf die Harmonien wird mir halbwegs gebildetem Laienmusiker klar, was es heisst ein Jazz-Musiker zu sein. Das hat viel mit timing, interplay, feeling zu tun. In diesem preiswerten 3er Album auf der dritten Scheibe.

    Auch wenn ich meinen Verstand nutzen muss, um das Harmoniegebilde zu verstehen, bin ich von der Musik mit meinem Gefühl ergriffen.



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    Eine meiner ersten Begegnungen mit Jazz verdanke ich der zweiteiligen TV-Verfilmung des Familien-Romans Tadellöser & Wolff von Walter Kempowski aus dem Jahr 1975. In einer kurzen Szene hören die beiden Jungs Walter und Robert oder einer der Brüder, so genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern, sich Swing-Schallplatten mit von den Nazis verbotener "Neger"-Musik an. Das hatte mich damals schon beeindruckt, dass Musik ein Mittel des Widerstandes sein kann.


    Apropos Discographie. Man kann sich am Urteil der Fachleute orientieren und sich eine Sammlung aufbauen. Ralf Dombrowski, Musikjournalist der Süddeutschen und des Bayerischen Rundfunks hat 100 Titel zusammengetragen, die aus musikgeschichtlicher Sicht, im Jazz wichtig sind. Eine solche Auswahl folgt auch persönlichen Gewichtungen. Wenn ich die Seiten mit den aufgeführten Alben durchblättere, habe ich etliche Scheiben in meiner Sammlung.


    Kuez und knackig auf rund 200 Seiten schreibt der Amerikaner Kevin Whitehead über Jazz.


    Er nennt 111 gute Gründe. Etwas Geschichte, Theorie und eine Discographie gehören dazu. Den wichtigsten Grund, warum es lohnt Jazzmusik zu hören, nennt der Autor zu Beginn: Weil Jazz Freude macht.


    Sven Hanuschek hat auf beinahe 1000 Seiten eine Biographie zum Schriftsteller Arno Schmidt (1914-1979) verfasst.



    Ich bin mal gespannt, und habe mir Arno Schmidts Zettel's Traum aus dem Regal geholt, wo der Schuber lagert. Ich habe das Faksimile der Originalausgabe. Es gibt den Nachdruck der 1344 Seiten antiquarisch immer noch, zu einem annehmbaren Preis. (Anmerkung: Über das Apostroph S im Titel ist man geteilter Meinung...)


    Wovon handelt das gefühlte zehn Kilogramm schwere Opus Magnum? Diese kurze Beschreibung beschreibt es wohl am besten:


    "Arno Schmidts in fast zehnjähriger Arbeit entstandener Riesenroman, mit dem Leitmotiv vom unsäglichen Traum des Webers Zettel, des großen Anzettlers im Sommernachtstraum, ist nach dem äußeren Aufbau das innerhalb 24 Stunden sich abspielende Streit-, Lehr- und Liebesgespräch, zwischen vier Personen an einem wunderträchtigen Hochsommertag in der Lüneburger Heide, - in ihrem Verständnis ihr schlechthinniger Lebenstag, in den sie einbringen, was sie haben und sind." (Ernst Krawehl).


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    Der hohe Preis der bei Suhrkamp erschienenen Neuausgabe ist für dieses zentrale Werk wegen der hohen editorischen Qualität und des Aufwandes, der betrieben wurde, gerechtfertigt.


    Die Wurzeln des Jazz liegen in der Musik der schwarzen Ethnie, im Leid der in die Vereinigten Staaten verschleppten Sklaven. Da sind viel Schmerz und Tränen, aber auch Freude, Widerstand und Kraft, ein Freiheitswille, Behaupten der Unabhängigkeit enthalten. Das muss uns, die wir an der abendländischen Kulur orientiert sind, stets bewusst sein, wenn man sich mit Jazz beschäftigt.


    Der Zugang kann direkt über die Musik erfolgen. Das kann ein Musikstück sein, das einen ergreift. Es war in meinem Fall eine LP-Scheibe Louis Armstrongs.


    Lesend kann man sich informieren und sich Wissen aneignen. Dreamhunter hat in diesem Thread eine lesenswerte kurze Fassung der Geschichte des Jazz aufgeschrieben: JAZZ UND KLASSIK - GIBT ES GEMEINSAMKEITEN?


    Wer mehr sich vertiefen möchte, für den verweise ich auf ein dickes Buch. Joachim-Ernst Berendt, der seit den 50er Jahren wöchentlich im Radio eine Sendung zum Jazz moderierte, ein unermüdlicher Fürsprecher des Jazz in Deutschland war, Festivals gründete, hat das Standardwerk geschrieben, das in der von Günther Huesmann weiter geführten Fassung immer noch gültig ist.



    Einen anderen Zugang, wenn man an klassischer Musik orientiert ist, eröffnet dem Leser und Hörer der allzu früh verstorbene Roger Willemsen, ein Musikverliebter, der mit Herz und Verstand dem Interessierten die Musik als Brückenbauer zugänglich macht, sei es Jazz oder klassische Musik. Musik! Über ein Lebensgefühl ist ein Buch, das ich allen uneingeschränkt empfehlen kann.


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