Beiträge von Antalwin

    Hallo, La Roche,


    ich stimme Dir vorbehaltlos zu ! Früher gab es Stimmfächer und man blieb bei seinen Leisten, heute müssen besonders Tenöre ein "umfassendes Repertoire" bedienen. Diese Tatsache führt dann, im schlechten Fall, zum Stimmruin durch Überforderung, oder, im besseren aber auch nicht guten Fall, dazu, daß jede Partie gleich klingt. Auch bin ich Deiner Meinung über den Umstand, daß SängerInnen vor Jahrzehnten wesentlich besser ausgebildet wurden. Was Alvarez betrifft, so hat er zwar eine eher dunkle Stimme, ist aber, meines Erachtens ein Tenore die Grazia, kein Spinto !

    Hallo,


    mir steht nicht an, zu sagen, ob Alvarez ein guter oder schlechter Manrico ist. Aber es scheint bei einigen Tenorpartien von Verdi eine problematische Anforderung zu sein, daß von einer Stimme sowohl sehr gute Stimmtechnik und Höhensicherheit, als auch Stimmkraft und Volumen für Dramatik verlangt werden, besonders anscheinend beim Manrico. So wartete beispielsweise Pavarotti bis zum Alter von 40, ehe er sich an die Partie wagte. Bjoerling und Bergonzi gelten zwar als die besten technischen Gestalter der Rolle, aber ihre phonstärkeren Kollegen del Monaco, Corelli, Bonisolli und Domingo lösten beim Publikum größere Begeisterung aus. Insbesondere bei der Stretta macht wohl ein ausgesprochener Spinto mehr Effekt ? Andererseits sang auch jemand wie Rudolf Schock den Manrico für die Platte und auch oft erfolgreich auf der Bühne, während sich international weit berühmtere Lyriker, wie di Stefano und sein Fan und Nachahmer Carreras am Manrico hörbar verhoben haben ! Es ist wohl eine Tatsache, daß Verdi, genau wie Wagner, für eine mustergültige Interpretation von seinen SängerInnen oft zu viel verlangte !

    Hallo,


    Peter Hofmann ist oft mit dem Argument angegriffen worden, er würde in Wagnerpartien nur wegen seines sehr passenden Habitus besetzt. Sollte KFVs Wagner-Karriere mit Siegfried und Tristan abgeschlossen werden, so wäre dieser Gedanke allerdings auch bei ihm nicht von der Hand zu weisen. Man betrachte sich nur das ritterfilmhafte Cover-Foto von Vogts CD "Helden" !


    Gruß

    Hallo,


    ich finde auch, daß es zwar nicht angebracht ist, de Reszke mit Superlativen auszustatten, aber sein Repertoire, soweit es sich aus den Auftritten am Royal Opera House Covent Garten rekonstruieren läßt, hebt ihn innerhalb der Gesangsgeschichte heraus: Meyerbeers Raoul (Die Hugenotten); Jean de Leyden (Der Prophet); Vasco da Gama (Die Afrikanerin); Gounods Faust und Romeo; Bizets Don Jose; Verdis Ricardo und Radames; Wagners Lohengrin, Stolzing, Tristan und beide Siegfriede. Außerdem sang er Massenets Werther. Um das "einzufachen": Französisches lyrisches und dramatisches Fach, Spinto-Fach aus Italien und Heldentenorfach aus Deutschland ! Noch nicht einmal Domingo schaffte es, Massenets Werther, den "Othello der lyrischen Tenöre" und Wagners Siegfried und Tristan in einer Karriere auf der Bühne zu singen !

    Hallo,


    ich habe den Begriff "Knochenmühle" sicherlich etwas zu dramatisch verwendet. Die Berichte über Freizeitaktivitäten des Bayreuther Ensembles kenne ich auch aus Peter Hofmanns erster Autobiographie. Beispielsweise Anja Silja machte sich einmal in einer TV-Sendung über die "Bayreuther Hungergage für viel Arbeit" lustig. Als ich 1987 selbst in Bayreuth war, sagte mir in der Aufführungspause ein Mann, der schon jahrzehntelang die Festspiele besuchte, daß viele berühmte SängerInnen nicht oder nicht mehr kämen, weil sie einfach 5 Wochen lang zu viel singen müßten. Beispielsweise Kollo habe sein Engagement in Bayreuth eingestellt, weil er nach einer Aufführung in einer großen Partie 14 Tage Zeit zur Erholung brauche, Zeit, die er in Bayreuth einfach nicht habe ! Ich wollte um den "Werkstatt-Charakter" Bayreuths keinen Weihrauch fächeln, denn ich glaube auch, daß es nicht mehr so ist. Im Gegenteil, ein mit mir eng befreundeter Opern-Kritiker und Journalist sagte klipp und klar, daß er mittlerweile mehrere deutsche Opernhäuser kenne, an denen besser Wagner gesungen werde, als in Bayreuth. Außerdem, würden die Festspiele nur Werkstatt der Kunst sein wollen, hätten sie in der Vergangenheit nicht versucht, Stars wie Maria Callas, Mario del Monaco oder Nicolai Gedda zu locken, oder in der Gegenwart, Alagna und Netrebko. Ich glaube auch nicht, daß Bayreuth Stimmen ruiniert, aber wenn jemand in einer großen Partie in Bayreuth debutiert, vermute ich schon, daß das seine Karriere sehr schiebt !


    Gruß,

    Antalwin

    Ich bedanke mich für die Antworten und bitte um Verständnis dafür, daß ich an dieser Stelle auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie nicht eingehen möchte !

    1.) Danke für die Schilderung des Karriereweges von Hermin Esser. Es ist mir auch bewußt, daß Endrik Wottrich in Bayreuth einen langjährigen Weg gegangen ist, aber man kann einen langen Karriereweg beschreiten und trotzdem seine Stimme langsam ruinieren oder zumindest überanstrengen: Siegfried Jerusalem Bayreuth 1976-1999; Peter Hofmann Bayreuth 1976-1989; Rene Kollo Bayreuth 1969-1977 und 1981-1983. Er ruinierte sich nur nicht, wie ich hier im Forum lernte, weil er an den großen Häusern immer nur die Hälfte seiner Aufführungen sang. Bezüglich Endrik Wottrich gibt es ein interessantes Detail. Betrachtet man die Summe seiner Gesamtaufnahmen, so kenne ich keinen Wagner-Hauptpartiensänger der Gegenwart, der vorher so viele Tenor-Nebenpartien auf Platte gebannt hat. Wer nach Nebenrollen irgendwann Max singen kann, muß nicht Tannhäuser singen können !

    2.) Betrachte ich Neu-Bayreuth seit 1951, so stimmt es meiner Meinung nach eben nicht, daß die SängerInnen, die dort singen, es geschafft haben. Junge SängerInnen werden nach Bayreuth eingeladen, wenn sie einschlägige Partien an anderen Orten gut gemeistert haben, oder die Werkstatt Bayreuth schmückt sich gleich damit, tragende Rollen von Debut-SängerInnen singen zu lassen. Erst von dort geht es dann in die Wagner-Vollkarriere nach London, Paris, Rom, New York, wo sich dann viele früh verschleißen. Bayreuth ist nicht schuldig an Stimmruinen, aber kein Anfänger wird es in Kenntnis der Strahlkraft Bayreuths ablehnen, dort eine tragende Partie zu singen. Wirkliche Stars meiden die Knochenmühle Bayreuth oder machen nur kurze Visiten, um sagen zu können, daß sie dort gesungen haben. Man nimmt Engagements dort an, um für Weltkarriere berühmt zu werden, nicht weil man es schon ist !


    Gruß,

    Antalwin

    Lieber Peter Schünemann,


    vielen Dank für Deine Antworten ! Ich meinte, es bei Pfister gelesen zu haben, daß Wunderlich schon zu Beginn seiner Karriere als Lohengrin angefragt wurde. Ich werde nochmals nachlesen ! Um einem Mißverständnis vorzubeugen, ich schätze Daniel Behle sehr und nach dem, was Du berichtest, versucht er, Irrwege zu vermeiden. Aber nach seinem sehr guten Lohengrin könnten die Begehrlichkeiten besonders in Bayreuth groß sein. Auch Endrik Wottrich wurde vom Bayreuther David zum Stolzing, Siegmund und Parsifal !


    Gruß,

    Antalwin

    Hallo Rheingold 1876,


    ich danke für Deine Antwort ! Auch ich besitze die Bayreuther Walküre von 1954 und muß Dir zustimmen: Lorenz wirkt hier sonderbar alt, müde und aus der Zeit gefallen. Allerdings war dieses "Schlachtroß" andererseits noch fit genug, in Wien 1955 einen Kollegen kurzfristig als Tannhäuser zu ersetzen ! Man braucht nur die Walküren-Gesamtaufnahmen unter Furtwängler 1953 und 1954, bzw. Windgassen und Suthaus hinsichtlich Klangverdichtung und dramatischer Vibranz und Kraft zu vergleichen, um zu hören, daß Suthaus seinen "spielfähigen" Kollegen weit hinter sich läßt. Genauso, wenn man die Tannhäuser-Studioaufnahmen unter Franz Konwitschny und Otto Gerdes vergleicht, genauer gesagt, Hopf und Windgassen. Man muß sich einfach nur einmal das Liebesduett Siegmund/Sieglinde am Ende des 1. Aktes anhören und Vinay/Varnay mit Vogt/Nylund vergleichen, um zu sehen, wo man mittlerweile angekommen ist ! Aber meine Vorliebe für baritonale Heldentenöre ist ja nicht nur eine Geschmacksentscheidung. Der baritonale Heldentenor entwickelte sich, weil er Tannhäuser, Tristan, Siegmund und Siegfried leichter gestalten und durchstehen kann. Mir tun lyrische Tenöre, die sich auf den zerstörerischen Opfergang der großen Wagnerpartien begeben, einfach leid. Ich höre seit 40 Jahren leidenschaftlich gerne Wagner. In dieser, opernhistorisch sehr kurzen Zeit, habe ich mehrere Tenöre erlebt, die in den Stimmruin gegangen sind, weil sie mit ungeeigneten Stimmen zu früh oder zu oft die großen Wagner-Partien sangen: Peter Hofmann, Josef Protschka, Roland Wagenführer, Endrik Wottrich. Im Fall von Siegfried Jerusalem bin ich der Meinung, daß er stimmlich geeignet war, aber schlicht zu viele Aufführungen sang ! Wenn Daniel Behle nicht aufpaßt, ist er der nächste Kandidat ! Der Heldentenor ist nicht tot, Peter Seiffert, Wolfgang Neumann, Wolfgang Schmidt, Stephen Gould, Thorsten Kerl und Andreas Schager beweisen es, nur braucht der Heldentenor Zeit, sich zu entwickeln ! Vielleicht hatte Wagner Recht, als er sagte, daß es ein Fehler gewesen sei, seine besten Partien für Tenöre zu komponieren.

    Lieber Peter Schünemann,


    vielen Dank für Ihre Antwort ! Die Einordnung von Josef Traxel war ein Fehler von mir, Sie liegen richtig: Wolfgang Windgassen war ein jugendlich-dramatischer, Josef Traxel ein lyrischer Tenor, der aber im Laufe seiner Karriere neben Steuermann auch Erik, Lohengrin, Stolzing und Siegmund sang. Nein, Wunderlich ist kein Tippfehler: In Werner Pfisters Wunderlich-Biographie findet sich, daß Wieland Wagner Fritz Wunderlichs Werdegang von Beginn an genau verfolgte und ihn schon ganz jung als Lohengrin einsetzen wollte !


    Gruß,

    Antalwin

    Hallo,


    als Heldentenor-Fan wundere ich mich, daß ich diese Diskussion erst jetzt richtig gemerkt habe ! Schande über mich ! Es ist hier die Meinung vertreten worden, daß Wieland Wagner nicht für die Verdrängung des schweren baritonalen Heldentenors aus Neubayreuth verantwortlich zu machen sei. Der Meinung möchte ich als Historiker, Wagnerianer und Heldentenor-Fan energisch widersprechen ! Wahr ist, daß Wieland Wagners Inszenierungen spielfähige SängerInnen verlangten, aber seine "naturbedingte Entfettungskur" Wagnerscher Helden hatte meines Erachtens nach 1945 eine deutliche, politische Zielsetzung, was zeithistorisch auch verständlich ist. Wieland Wagner wollte Bayreuth als deutschnationale Weihestätte zerstören, indem er Wagners Opern und Figuren entheroisierte. Zwar sangen in den 50igern und 60igern noch Tenöre wie Lorenz, Suthaus, Aldenhoff und Hopf in Bayreuth, aber die Stoßrichtung ging zu Zwischenfach-Tenören wie Windgassen und Josef Traxel. Beispielsweise ist auch bekannt, daß nur dessen Unfalltod das Engagement von Peter Anders in Bayreuth verhinderte, und schon 1956 wollte Wagner den von mir hoch verehrten Fritz Wunderlich als Lohengrin ! Rudolf Schock berichtet, daß Wagner ihm gegenüber das Engagement von 1959 als Bayreuther Stolzing zwar mit der Gesamtaufnahme unter Kempe begründete, aber auch damit, konservative Wagnerianer mit einem Tenor ärgern zu wollen, der sich durch Kinofilme sang ! Schock sang dann 1959 übrigens einen beachtlichen Stolzing. Es gab immer noch baritonale Heldentenöre in Bayreuth, aber als Symbole gewollter Internationalisierung der Festspiele waren es Nicht-Deutschsprachige: Ramon Vinay, Jean Cox, James King, Jess Thomas, Spas Wenkhoff, auch bei Mario del Monaco wurde angefragt, der allerdings ablehnte. Natürlich fügte auch Domingo als Parsifal Bayreuth in seine Fabelkarriere ein. Es gibt keine echten Heldentenöre mehr, weil die Stimmen physiologisch immer kleiner zu werden scheinen, aber der Hauptgrund ist meiner Ansicht nach, daß man seit den 50iger Jahren der schwer realisierbaren Wunschvorstellung des ausschließlich "lyrischen Heldentenorgesanges" nachspürt. Nur so ist die Karriere von Klaus-Florian Vogt, des "Knabensoprans in Ritterrüstung" zu erklären !

    Hallo,


    ich bin wieder da ! Mit großem Interesse habe ich die Diskussion um Schocks letzte Opern-LP von 1978 mit den dort aufgenommenen Bariton-Arien verfolgt. Nun ist es so ungewöhnlich nicht, daß ein Tenor Bariton-Arien singt oder aufnimmt, vor Domingo, der bekanntlich den Rossini-Figaro ganz aufnahm, sang auch Mario del Monaco dessen berühmte Arie und Kavatine. Meines Erachtens ist die gesamte LP dem damals immerhin 63jährigen Rudolf Schock gut gelungen, ich besitze sie ! Ausgesprochen achtungsgebietend ist, meiner Meinung nach, Schocks Interpretation von Siegmunds "Winterstürme wichen dem Wonnemond", die wurde in den letzten 70 Jahren von manchem Wagnertenor schon schlechter auf der Bühne gesungen oder auf Tonträger verewigt !

    Hallo,

    ich will mich da auch mal einklinken. Zuerst muß ich sagen, daß die Walküre für mich der Einstieg in das Werk Wagners überhaupt war und damit auch in die Tetralogie. Für mich ist die Walküre immer der dramatischste Teil des Rings gewesen ! Doch welche Aufnahme hat Vorbildcharakter ? Die Traditionalisten werden wohl sagen, daß es der Live-Mitschnitt aus der New Yorker Met vom Dezember 1941 ist, u.a. mit Melchior, Varnay und Schorr, aber diese Generation war so einzigartig, daß sie über jedem Vergleich rangiert ! Geht man in die Nachkriegszeit, so ist meine Rangfolge:

    1.) Furtwängler 1954: Suthaus, Rysanek, Franz, Mödl, Frick.

    2.) Solti 1965: King, Cespin, Hotter, Frick, Nilsson

    3.) Janowski 1981: Jerusalem, Norman, Moll, Altmeyer,Adam

    4.) Bayreuth 1980: Boulez mit Hofmann, Altmeyer, Salminen, Jones, McIntyre.( Was die Leute über Hofmann auch sagen, ich sah diese Aufführung im TV und fortan hatte Wagner einen glühenden Anhänger mehr !)

    Ich habe gerade gelesen, daß Theo Adam im Alter von 92 Jahren nach langer Krankheit verstorben ist ! Auch ich besitze seine Aufnahmen unter Böhm, Klemperer, Karajan und Janowski. Sicher gibt es an seiner Stimme oder Interpretation das Eine oder Andere zu kritisieren. Kulturhistorisch wichtiger für den Wagnergesang ist jedoch, daß, meines Erachtens, mit dem Verstummen von Adams Stimme, die Tradition des deutschsprachigen Heldenbaritons erlosch, die so großartige Vertreter wie Friedrich Schorr, Jaro Prohaska, Ferdinand Franz, Hans Hotter, Gustav Neidlinger oder eben Theo Adam hervorbrachte. Heute müssen Partien wie Holländer, Sachs, Wotan oder Amfortas von Baritonen oder Bässen "durchgekämpft" werden, denen es dann wechselseitig an Kraft, Volumen, Stamina oder der schmerzlich-balsamischen Stimmfarbe des genuinen Heldenbaritons gebricht !

    Theo Adam R.I.P.

    Hallo,


    wegen eines persönlichen Schicksalsschlages, habe ich lange nicht geschrieben. Jetzt möchte ich, am Beispiel Placido Domingos, einen Gedanken thematisieren, den ich schon lange habe. Heute wird es immer als etwas Besonderes gefeiert, wenn SängerInnen mit lyrischen Stimmen dramatische Partien singen. Das größere technische Können, die lyrische Klangschönheit, die bessere Bindungsfähigkeit wird dann gelobt. Meines Erachtens ist es eine der Gründe von Domingos Fabelkarriere, daß er seinen voluminösen, stimmgewaltigen Baritenore immer wieder in lyrischen Partien besonders der französischen Oper einsetzte, wie Gounods Faust und Romeo, Meyerbeers Vasco da Gama oder Massenets Cid. Da ihm diese Wiederaufnahmen große Erfolge einbrachten, entriß die dramatische Stimme Domingos diese lyrischen Opern dem Vergessen. Ich würde mir deshalb wünschen, daß deutschsprachige SängerInnen, die meist Wagner interpretieren, auch mal Partien von Lortzing. Humperdinck, Cornelius und des frühen Weber anfassen, um die Partien aus dem Vergessen zu holen ! Ich erbitte Meinungen.


    Gruß,


    Antalwin

    Hallo,


    leider konnte ich aus Zeitgründen nur den 1. Aufzug im TV sehen. Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen, sängerisch auf sehr hohem Niveau ! Michael Volle ist ein ausgezeichneter Sachs, Klaus Florian Vogt kann die Besonderheit seiner Stimme als Stolzing effektvoll einsetzen. Daniel Behle ist ein technisch sehr genauer David, allerdings erscheint mir seine Stimme für die Partie schon etwas zu voluminös zu sein, was man besonders in den Duetten mit Klaus Florian Vogt deutlich merkt. Es ist vielleicht unpassend, jemand der schon Erik auf der Bühne gesungen hat und nach Bayreuth wieder singen wird, als David zu besetzen ? Günther Groissböck sang die Arie "Das schöne Fest-Johannistag" bravourös. Aber er sollte aufpassen, daß er seinen "hohen Baß mit Zug ins Heldenbaritonale", wie er im Interview sagte, nicht zu früh im falschen Repertoire erprobt. Er verkündete, daß Wotan auf dem Plan stünde. Wie dem auch sei: Ich habe schon sehr viel weniger achtbare 1. Aufzüge aus Bayreuth erlebt !


    Antalwin

    Liebe Rheingold1876,


    ich habe mir erst eine Lied-CD und dann das neue Arien-Recital von Schmitt gekauft und die Stimme gefällt mir sehr gut! Um einer eventuellen Falschinterpretationen vorzubeugen: Ich bin nicht der Meinung, daß Maximilian Schmitt den Cola Rienzi auf der Bühne singen kann, oder es tun wird. Er ist, zumindest jetzt noch, ein Lyrischer Tenor! Ich habe nur die Meinung vertreten, daß er Rienzis Gebet, eine Arie aus dieser Oper, fast perfekt singt! Aber Du hast damit ein grundsätzliches Problem angesprochen: Den Vergleich von Aufnahmen. Die Studio-Aufnahme einer Partie in einer Oper, oder einzelner Arien daraus, wird in der sängerischen Qualität immer besser sein, als ein vergleichbarer Höreindruck von SängerInnen, die die Partie live auf der Bühne singen. Das Studio schafft eine eigene Realität! Das berühmteste Beispiel hierfür ist Richard Tauber. Der sehr lyrische Tenor Richard hat als einzige Wagner-Partie Froh auf der Bühne gesungen, nahm aber die Gralserzählung, "Am stillen Herd", Stolzings Preislied und "Winterstürme wichen dem Wonnemond" auf Platte auf. Papst Jürgen Kesting bespricht die Aufnahmen euphorisch und rühmt sie für alle Wagnertenöre als exemplarisch. Tauber gelingen die Arien ohne Zweifel hervorragend, aber Kestings Verabsolutierung ist unfaire Beleidigung aller Tenöre, die Lohengrin, Stolzing und Siegmund je auf der Bühne sangen! Ich fand den Vergleich von Studioaufnahmen von Rienzis Gebet, nur des Gebetes, reizvoll und ein Lyrischer Tenor der jüngeren Generation, Maximilian Schmitt, hat mich stark beeindruckt. Aber würde ich Gesamtaufnahmen der Oper vergleichen, hätten alle diejenigen Tenöre einen Stein im Brett, von denen ich wüßte, daß sie den Rienzi auf der Bühne gesungen haben. Vielen Dank für die Frage und dafür, daß ich sie beantworten durfte!


    Gruß,


    Antalwin

    Vielen Dank, Operus!


    Es verwundert mich, daß keine Kommentare dazu kamen, weil ich den Lyriker Maximilian Schmitt in meiner Aufzählung an die zweite Stelle setzte? Hat jemand hier Schmitts Recital schon gehört? Übrigens, die italienische Gesamtaufnahme mit di Stefano als Rienzi konnte ich erwerben!


    Gruß,


    Antalwin

    Auf ein Neues ! Ich werde jetzt meine Liste der Interpreten von Rienzis Gebet noch vervollständigen:


    1.) Franz Völker


    2.) Maximilian Schmitt


    3.) Lauritz Melchior


    4.) Max Lorenz


    5.) Jonas Kaufmann


    6.) August Seider


    7.) Wolfgang Windgassen


    8.) Siegfied Jerusalem


    9.) Peter Seiffert


    10.) Rene Kollo


    11.) Torsten Kerl


    12.) Rudolf Schock


    13.) Klaus Florian Vogt


    14.) Peter Hofmann


    15.) Placido Domingo


    Ziemlich hoch eingeordnet, Star Jonas Kaufmann. Der sonst sehr expressive Verismo-Tenor, singt das Gebet mit seiner baritonalen Stimme sehr beherrscht. Ungewohnt, aber hervorragend ausgeführt. Deswegen in der Gruppe Dramatischer Tenöre. Wolfgang Windgassen fehlt es auch hier an dramatischer Vibranz, Kraft und Volumen, aber in Rienzis Gebet kann er die Stärken seiner Stimme ausspielen: Schönklang, klangliche Konzentriertheit und hohe Wortverständlichkeit. Deshalb ausdrücklich im obersten Bereich! Die relativ hintere Platzierung von Torsten Kerl soll nicht als deutliche Rückstufung verstanden werden. Ich freue mich über jeden deutschzüngigen Tenor, der ins Heldenfach vordringt und sich dort hält, aber meines Erachtens hat Kerls Stimme keinen hohen Wiedererkennungswert! Ein Kuriosum am Rande: Sowohl Klaus Florian Vogt, als auch Torsten Kerl sind auf Live-Mitschnitten von Rienzi in der Tenor-Nebenpartie des Baroncelli zu hören. Kerl hat den Sprung zur Interpretation der Titelpartie schon getan, fehlt nur noch Klaus-Florian Vogt als Rienzi!


    Gruß,


    Antalwin

    Hallo,


    vielen Dank für die Antworten! Bezüglich der Gesamteinordnung von Rienzi finde ich es gerade gut, daß das Werk noch den Geist der Grand Opera vor Wagner atmet! Es zeigt, daß Wagner sehr wohl von Kollegen beeinflußt wurde. Für mich war Rienzi schon immer die erste, "echte" Wagner-Oper! Übrigens, vielleicht sollten wir einfach nur der Dinge harren, die da kommen. Katharina Wagner hat verkündet, Rienzi vielleicht in den Werk-Kanon der Bayreuther Festspiele aufzunehmen!


    Gruß,


    Antalwin

    Liebe Rheingold1876,


    die Zuschreibungen für Domingo waren tatsächlich leicht ironisch gemeint!



    Lieber m.jojo,


    ich habe in meinem Beitrag darauf hingewiesen, daß ich nur die Aufnahmen kommentiere, die ich selbst besitze, die Gesamtaufnahme mit Windgassen besitze ich nicht. Es wird Dich vielleicht verwundern, aber ich bin der Meinung, daß Wolfgang Windgassen ein guter Interpret des Cola Rienzi ist, weil die Partie gut für seine Stimme liegt!


    Eine Frage in die Runde: Es gibt angeblich einen Mitschnitt von Rienzi in italienischer Sprache aus der Scala von 1964 mit Giuseppe di Stefano. Hat diese hier jemand schon gehört?



    Danke und Gruß,


    Antalwin

    Dem Verfasser steht nicht an, zu beurteilen, ob es sich bei Rienzi um ein Frühwerk oder Meisterwerk handelt. Allerdings ist Rienzis Gebet schon immer eine meiner Lieblingsarien gewesen! Ich habe mir deshalb einmal alle Aufnahnen in meinem Besitz angehört und führe hier eine Abfolge von Qualität und Vorliebe auf:


    1.) Franz Völker


    2.) Maximilian Schmitt


    3.) Lauritz Melchior


    4.) Max Lorenz


    5.) August Seider


    6.) Siegfried Jerusalem


    7.) Peter Seiffert


    8.) Rene Kollo


    9.) Rudolf Schock


    10.) Klaus-Florian Vogt


    11.) Peter Hofmann


    12.) Placido Domingo


    Die Krone gehört dem Gralsboten Franz Völker. Seine technische Meisterschaft und sein lyrischer Wohlklang sind unerreicht, wobei hier Maximilian Schmitt, für mich der beste Lyrische Tenor Deutschlands der Gegenwart, meiner Meinung nach, neben ihm bestehen kann. Schmitt singt mit Schmelz und lyrischem Feuer, dabei technisch perfekt! Dann folgen die 3 großen, baritonalen Heldentenöre. Besonders Melchior ist gigantisch, die wirklich größte Stimme in diesem Fach, die bei dieser Arie auch noch die Lyrismen gewaltig klingen läßt. Von ähnlichem Kaliber sind Max Lorenz und August Seider, stimmgewaltiger und expressiver Wagner-Gesang, technisch vielleicht nicht perfekt, aber ich wünsche mir jedes Mal, wenn ich sie höre, daß wir heute noch solche Tenöre hätten. Dann folgt ein Trio der "Heutigen". Jerusalem, Kollo und Seiffert sind praktisch gleichwertig und sorgen so dafür, daß man für eine gute Rienzi-Gesamtaufnahme endlich einmal nicht weit in die Vergangenheit zurück muß, wie so oft bei Wagner, lyrischer Wohlklang, technisch gut ausgeführt. So unterschiedlich Rudolf Schock, Klaus Florian Vogt und Peter Hofmann auch sein mögen: Ihre Interpretation Rienzi-Gebetes eint die hörbare Ehrfurcht vor dieser Musik, ob nun Ehrfurcht vor der Qualität dieser Musik, oder vor deren technischer Schwierigkeit. Sie gehen vorsichtig zu Werke, Schock punktet mit seiner lyrischen Innerlichkeit, Hofmann mit dem Bemühen, seine baritonale, markige Stimme eben in diese lichten Höhen zu führen. Übrigens, in Hofmanns Aufnahme vermochte ich bei Weitem nicht so viele Intonationsfehler zu erkennen, wie der arrogante, von Hybris befallene Papst Kesting! Klaus-Florian Vogt sorgt auch hier für Verwunderung mit seiner überirdisch-esoterischen Stimme, aber man muß dann seinen "Knabensopran mit Turbolader" mögen. Oh Wunder! Der größte Opernsänger aller Zeiten, der Gott der Tenöre, als Letzter! Domingo punktet zwar auch hier mit seinem dunkel-balsamischen Bariton-Tenor, kämpft aber hörbar mit Musik und Sprache. In einem Buch über seine Partien verneinte Domingo, daß das Werk Rienzi sich an italienischen Opern orientieren würde. Hätte ihm die Partie des Rienzi gefallen, hätte Domingo bestimmt eine Gesamtaufnahme der Oper hinterlassen, wie er es immer tat! Mehr Aufnahmen von Rienzis Gebet habe ich nicht. Ich erbitte Meinungen!



    Gruß,


    Antalwin

    Auch ich bin sehr überrascht über den plötzlichen Tod von Endrik Wottrich. Ich besitze den Freischütz mit ihm und die Walküre-Aufnahme von 2008 aus Bayreuth. Es gab sicher bessere Heldentenöre als ihn, er hat sich meiner Meinung nach mit Wagner überfordet, aber er wurde auch schlechter gemacht, als er war ! Außerdem trug er die Hypothek, von Jürgen Kesting gehaßt zu werden ! Merkwürdigerweise, ich sage das jetzt ganz ohne Spott oder Ironie, hat Rene Kollo das Glück, fast alle seine Fachnachfolger auf dem Grünen Hügel zu überleben. Der Beruf des Opernsängers scheint sehr ungesund fürs Herz zu sein !


    R.I.P. Endrik Wottrich


    Antalwin

    Ich bedanke mich für die kenntnisreichen Antworten ! Zunächst: Ich wollte nicht in Abrede stellen, daß es Interesse an dieser Musik, zmindest an Händel und Gluck, schon seit 60 Jahren wieder gibt. Die Aufnahmen von Alcina, Julius Caesar und Xerxes mit Wunderlich besitze ich. Es verwundert einem sehr, wenn man hört, daß selbst Mario del Monaco seine Spinto-Dramatico-Stimme in Händels Ariodante erprobte. Nur Wenige wissen außerdem, daß Peter Hofmann 1982 nach Bayreuth nach Dortmund ins Studio ging, um den Gluck´schen Orfeo aufzunehmen, als er, ich besitze die Aufnahme, seine Parsifal-Stimme in Kastraten-Höhen führte. Es ist das wiedererwachte Interesse an einer versunkenen musikalischen Welt, daß zum Nachwachsen von Countertenören, Altisten und Sopranisten geführt hat, die dann übrigens ein riesenhaftes Repertoire vorgefunden haben. Wir werden nie erfahren, wie Kastraten wirklich geklungen haben, aber, halten zu Gnaden, nachdem ich Radu Marian gehört habe, trotz unbestreitbarer Virtuosität, möchte ich es auch nicht erfahren ! An anderer Stelle sollte der Einsatz dieses Stimmtypus auch nicht zu sehr Raum greifen: Muß es denn sein, daß, nach Beispiel Jochen Kowalski, der Orlowsky in der Fledermaus immer öfter von einem Countertenor statt einer Mezzosopranistin gesungen wird ? Wie dem auch sei: Der Stimmtypus trieb und treibt die Komponisten um. Nicht nur Mozart und Rossini komponierten noch für Kastraten, auch Wagner plante ursprünglich, den Klingsor im Parsifal für eine Kastratenstimme. Jochen Kowalski verkündete schon vor Jahren, daß extra für ihn Musik komponiert werde !


    Antalwin

    Hallo,


    als Historiker weiß ich, daß mein Thema für das Thema dieser Rubrik zu spät liegt, aber da Barock und Rokoko landläufig künstlerisch derselben Epoche zugeordnet werden, subsummiere ich einfach mal. In den letzten 25 Jahren treten die "Sonder-Stimmlagen" der Altisten, Countertenöre und Sopranisten vermehrt im Klassikbetrieb vermehrt in Erscheinung, nehmen Tonträger mit der Musik von Komponisten des späten 17. und 18. Jhs. auf oder singen ursprünglich für Kastraten komponierte Opernpartien auf der Bühne. Künstler wie Jochen Kowalski, Max Emanuel Cencic, Andreas Scholl, Axel Köhler, Philipp Jaroussky oder Bezun Mehta wurden plötzlich zu Stars. Zwar haben OpersängerInnen schon immer einzelne Stücke oder Partien beispielsweise von Gluck oder Händel aufgenommen, aber plötzlich macht man sich eine ganze Gattung zu eigen: Andreas Scholl nahm eine Platte auf mit Arien des Kastraten Senesino und Cecilia Bartoli führte ihren hohen Mezzo auch sehr erfolgreich in der Welt der Kastraten spazieren. Früher nahmen sich nur virtuose Spezialisten, wie Alfredo Kraus, der "Antiken Arien" an. Heute wird eine ganze Epoche wiederentdeckt, interpretiert und vermarktet. Nun sind die Fragen:


    1.) Erlebt diese Musik eine Wiedergeburt, weil es heute wieder Instrumente, Ensembles und Künstler gibt, um sie angemessen zu interpretieren ?


    2.) Ist beim Publikum meist künstlerisch-musikalisches Interesse vorhanden, oder empfindet man irgendwie wohligen Grusel bei der Bewußtmachung des grausamen Sachverhaltes der Kastraten, wenn deren Musik gehört wird ?


    3.) Oder ist dem heutigen hedonistischen Wohlstandsmenschen die Welt der adligen Festefeierer des 18. Jhs. mittlerweile näher, als Verdis, Wagners und der Veristen Vertonungen von Kampf, Liebe und Pathos ?


    Ich freue mich auf Meinungen !


    Antalwin

    Hallo,


    ich bewundere die Karriere von Jonas Kaufmann und sein riesenhaftes Repertoire, aber seine "Allein-Aufnahme" des Liedes von der Erde ist Effekthascherei und unnötig ! Da macht jemand auf Placido Domingo und will alles singen und aufnehmen ! Außerdem widerspricht es der künstlerischen Grundaussage des Werkes.


    Antalwin