Beiträge von Rheingold1876

    Ich denke, als Operndirigent ist Karajan insgesamt viel weniger umstritten. Danke für die Auflistung, lieber nemorino, die einem manches in Erinnerung ruft, was man so spontan oft gar nicht auf dem Schirm hat. Man könnte die Reihe locker noch fortsetzen und etwa um La Bohème, Madama Butterfly und (mit Einschränkungen bei den Sängern) auch Turandot bereichern. Rein orchestral wurden diese Opern wohl kaum jemals luxuriöser eingespielt.

    Diesem Urteil, lieber Joseph, schließe ich mich im Großen und Ganzen an, wenngleich ich im Detail an etlichen Aufnahmen auch etwas auszusetzen habe. Mir sind die meisten zu luxuriös, zu glatt zu poliert. Je älter er wurde, umso stärker war seine Hinwendung auf den orchestralen Part. Mir kommt es so vor, als hätten ihn die Sänger nicht (mehr) so sehr interessiert. Hatte er überhaupt ein großes Verständnis für Stimmen? Daraus erklären sich auch eklatante Fehlbesetzungen wie die Ricchiarelli als Turandot. Je früher die Operneinspielungen sind, umso besser finde ich sie. Für unerreicht erachte ich den "Falstaff" und die "Cosi". Beide sind meine liebsten Opernaufnahmen von Karajan.



    Auch die von nemorino vorstellte "Aida" steht bei mir hoch im Kurs. Hingegen habe ich mich mit der "Tosca" nie richtig anfreunden können. Price und Di Stefano passen für mich nicht zusammen. Die Price ist mir zu monströs, zu sehr auf Effekte aus. Ich habe sie in meiner Jugend abgöttisch geliebt und mich mit den Jahren immer mehr von ihrem Stil entfernt.

    Als ich neulich das Schallplattenantiquariat Teuchtler (LP-CD -Klassik-Jazz) besuchte und dort

    CDs - in erstklassigem Zustand - zu angemessenen Preisen - erwerben konnte das kam mir die Idee. dass die vielleicht ein idealer Erbe sein könne - denn von dort gelangen die CDs wieder in die Hände von Liebhabern und Kennern.

    Lieber Alfred, Dir wie nicht entgangen sein, dass dieses Geschäft und sein Begründer Roland Teuchtler auch in der "Weltgeschichte der Schallplatte" auf Seite 19 Erwähnung finden. Ich kenne diese Adresse auch. Ist denn der Standort immer derselbe geblieben?


    Inzwischen komme ich in dem Buch auch voran und teile Deine überaus positive Eindrücke. :)

    Bruckner wurde je einst mit "viel Weihrauch" gespielt - später aber "entmystifiziert"

    Diese Projekt ist quasi die Rückkehr - oder -modisch formuliert "Back to the roots"

    Bruckner in Kirchen aufzuführen - bedeutet das denn ganz automatisch Weihrauch oder Rückkehr? Da habe ich meine Zweifel. Ich bezweifle auch, dass Thielemann seinen bisherigen Stil aufgibt für dieses ambitionierte Projekt. Wie soll das gehen? Wenn ich es recht sehe, wurden die Sinfonien nicht für Sakralbauten komponiert. In dem Werbevideo wird prominent der Berliner Dom gezeigt, der ein evangelisches Gotteshaus ist. Eine Station soll dem Vernehmen nach Berlin sein. Ich gehe also davon aus, dass auch dort eine Sinfonie gespielt und aufgenommen wird. Aber wie soll das klingen? Das Haus, wo ich viele Konzerte besuchte, ist akustisch außerordentlich problematisch. Bruckner in originaler Besetzung liefe Gefahr, klanglich zu kollabieren. Es war ein so lange Weg bis zur Anerkennung von Bruckner, dessen Sinfonien ich nicht für sakrale Werke erachte - auch wenn sie von einem tiefen Glauben getragen und inspiriert sind. Warum soll er zurückgegangen werden? Das Projekt halte ich für eine ganz hübsche Idee, die in die Zeit passt. TV-Sender in aller Welt werden es tüchtig vermarkten. Auch Hans Albert Courtial braucht Geld für seine Fondazione. Er ist schließlich Unternehmer. Ich bin also voll und ganz auf der Seite der Kritiker, die sich zu Wort meldeten.

    Lieber wok, einen inhaltlich wie optisch mächtigen Thread hast Du gestartet. Respekt. Ich habe mich gleich darüber hergemacht. 😀 Ganz besonders schätze ich ihre Teresa im "Cellini", die Du auch erwähnst. Eda-Pierre stattet diese selbstbewusste junge Frau mit einem Maß an Liebenswürdigkeit, Entschlossenheit und Erotik aus, dass man einfach hingerissen sein muss. Ich sehe sie vor mir wenn sie auch nur singt. Mit Teresa hat Berlioz eine der - wie ich finde - rasantesten Opernfiguren geschaffen. Es wird Zeit, wieder mehr von dieser Sängerin zu hören. Vorschläge sind ja reichlich unterbreitet.

    Ich habe mir diese korrigierte Fassung (mit neuem Titel) soeben heruntergeladen, sie wird mir hoffentlich die gleich anstehende Zugfahrt verkürzen.


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    Der eigentliche Textteil des Buches umfasst nur die Hälfte der Seiten, die zweite Hälfte besteht aus einer Liste von 100 Aufnahmen, die nach Meinung des Autors Meilensteine der Schallplattengeschichte waren. Wie bei allen Listen dieser Art kann man darüber trefflich streiten. Noch subjektiver ist eine zweite Liste von 20 Aufnahmen, die niemals hätten entstehen dürfen.

    Dieser Teil Deiner Besprechung interessiert mich besonders, lieber Bertarido. Ich habe das Buch auch bestellt und hoffe es nach meiner Rückkehr nach Hause vorzufinden. Dann mache ich mich gleich darüber her. Eindrücke, wie Du sie vermittelt hast, gefallen mir immer gut. :)

    Besonders kurios: 1954 nahm Georg Solti als Frankfurter Opernchef für den Schallplattenclub 'Musical Masterpiece Society' (später 'Concert Hall') das „Deutsche Requiem“ mit Lore Wissmann und Theo Adam, dem Opernchor der Städtischen Bühnen Frankfurt und dem Opernhaus- und Museumsorchester Frankfurt auf. Wenige Jahre später hat er sich für diese Aufnahme derart geschämt, dass er von 'MMS' die Herausgabe der Bänder verlangte und in allen Städten, die eine Club-Filiale hatten, die Schallplatten aufkaufen ließ. (Diese Aufnahme ist im Internet als Download verfügbar; wenn das Sir Georg wüsste!)

    Dieses Requiem war übrigens die erste offizielle Aufnahme von Theo Adam, bei dem das unverwechselbare Timbre bereits vollständig ausgeprägt war - auch miot den Defiziten. Der führt sie in der Diskogaphie seines Buches "Die hundertste Rolle" unter dem Label CR (Capitol Record). Sie war in Sammlerkreisen immer vorhanden. Offenbar hatte Solti nicht alle Exemplare erwischt. ;) Warum er später so energisch dagegen vorging, wie uns Carlo schildert, kann ich auch nicht nachvollziehen. Dabei stimme ich mit Bertarido überein. Gewiss, sie ist vielleicht etwas hektisch flach. Aber das stört mich nicht. Wenige Jahre nach der Aufnahme beim Rundfunk spielte Solti natürlich schon in einer ganz anderen Liga. Waren ihm die Anfänge peinlich?

    Dieser Tage hatte WoKa eine Aufführung des Melodrams mit Brigitte Fassbaender angekündigt, die er besuchen wird:


    Samstag 9.11.: Wolfram Rieger und Brigitte Fassbaender: Richard Strauss - Enoch Arden im Wilhelma-Theater Stuttgart


    Hallo WoKa, das finde ich außerordentlich spannend, besonders Enoch Arden. Ich weiß zwar von der Existenz dieses Werkes von Strauss, habe aber sehr wenig Kenntnis darüber. Es wäre schön, wenn Du dazu etwas schreiben könntest.

    Kenne den Titel nur als Oper von Ottmar Gerster, da habe ich auch in alten Opernführern alle Angaben, aber eben nichts zu Strauss Melodram

    Also ich würde mich auch auf einen Bericht von WoKa freuen. :)


    In den Jugendjahren dieses Thread wurde bereits schon einmal auf die so genannte Londoner Fassung des "Deutschen Requiems" verwiesen - für Sopran, Bariton, klein besetzten Chor und zwei Klaviere. Sie kann auch von großer Wirkung sein, wie ich finde. Gibt es andere Meinungen? Es gibt auch CD-Veröfentlichungen. Die oben abgebildete ist eine davon. Hier nun der Beginn aus einer Aufführung 2019 in Martina Franca, die durch die besonderen akustischen Verhältnisse eine zusätzliche Würde erfährt. Und dann noch die Glockenschläge der Turmuhr aus der Ferne!


    Die Zeiten überdauert hat Enoch Arden als Melodram von Richard Strauss, der es 1897 für den mit ihm befreundeten Schauspieler Ernst von Possart komponierte. Possart, der in Münchner Kulturkreisen großen Einfluss besaß, hatte Strauss bei der Bewerbung um eine Kapellmeisterstelle an der Bayerischen Hofoper unterstützt. Strauss räumt dem Sprecher die erste Position ein. Ganze Passagen bleiben unbegleitet vom Klavier, das mit einem stürmischen Vorspiel in die ereignisreiche Handlung einführt. Umso größter sind die Anforderungen an den Vortragenden. Strauss fühlte sich nach dem Erfolg des Enoch Arden beim Publikum ermutig, das weniger aufwändige Melodram Das Schloss am Meere nach einem Gedicht von Ludwig Uhland nachzuschieben. In der Strauss-Literatur führen beide Werke im Schatten der Opern, Lieder und Orchestermusiken ein wenig beachtetes Dasein. Das finde ich unangemessen.


    Hingegen ist die Menge der Enoch-Arden-Einspielungen kaum zu übersehen. Nicht nur Dietrich Fischer-Dieskau Sänger hat das Werk erschlossen und damit viel für dessen Verbreitung getan. Mit seinem Namen hat er dafür gebürgt. Brigitte Fassbaender nahm "Enoch Arden" und "Das Schloss am Meere" 2013 im Rahmen der von ihr betreuten Gesamtaufnahme aller Lieder von Strauss für das Label Two Pianists Records auf. Der Heldentenor Jon Vickers war über siebzig, als er für das Melodram in englischer Sprache ins Studio ging. Michael York ist einer der berühmtesten Interpreten unter den Schauspielern, die das Werk reizte. In der Produktion mit dem Pianisten Glenn Gould für CBS war Claude Rains, der Captain Renault aus dem Casablanca-Film, der Rezitator. Dass sich auch Gert Westphal damit versuchte, muss gar nicht erst besonders herausgestellt werden. Es gibt noch mehr Aufnahmen.


    Fischer-Dieskau wäre nicht Fischer-Dieskau, hätte er vom Melodram Enoch Arden nur eine Aufnahme hinterlassen. Es gibt deren drei. Mindestens. Wer weiß, vielleicht finden sich mit der Zeit noch weitere Einspielungen. Umtriebig wie er war, kann man sich da nie sicher sein. Die erste entstand bereits Mitte der sechziger Jahre für die Deutsche Grammophon mit Jörg Demus am Klavier. Sie ist offenbar nie auf CD gelangt. Jedenfalls habe ich keine Übernahme gefunden. Unter dem Gelblabel wurde 2005 eine zweite Version gemeinsam mit anderen Melodramen herausgegeben. Diesmal begleitete Burkhard Kehring. Auf dem Cover spaziert Fischer-Dieskau durch einen goldenen Blätterwald. Ein stimmungsvolles Bild aus dem Spätherbst eines erfüllten Lebens. Er hatte die aktive Sängerlaufbahn längst beendet und ging auf die achtzig zu.


    Mit der bislang dritten Produktion, die 1993 beim WDR in Köln mit Gerhard Oppitz am Klavier entstand, wartete Hänssler Classic auf. Alle drei verfügbaren Einspielungen unterscheiden sich allerdings nicht so gravierend voneinander, als dass sich beim Hören ein verdreifachter Gewinn einstellte. Fischer-Dieskau bleibt – wie könnte es auch anders sein - immer er selbst. Es gibt bei ihm erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen dem Klang der Sprech- und der Singstimme. Egal, in welcher Form er sich äußert, er ist immer auf Anhieb zu identifizieren. Er neigte schon früh zum Rezitieren. Schließlich war er in den sechziger Jahren mit der seinerzeit außerordentlich beliebten Schauspielerin Ruth Leuwerik verheiratet. So hatte er beispielsweise eine Aufnahme von Schuberts "Schöner Müllerin" mit gesprochenem Prolog und Epilog versehen. Fischer-Dieskau kam also im Alter lediglich aufs Rezitieren zurück, er musste es für sich nicht neu erfinden oder erst entdecken. Mit den großen Barden der Schauspielkunst konnte er es hingegen nicht aufnehmen. Enoch Arden dauert in der zuletzt veröffentlichten Aufnahme an die fünfzig Minuten. Obwohl zweigeteilt, stellt sich mit der Zeit eine gewisse Redundanz im Vortrag ein. Fischer-Dieskau wirkt auch eine Spur zu vornehm und drückt sich zu gewählt aus. Manchmal will das nicht zu der bewegten und in Teilen auch rauen Seemannsgeschichte passen.


    R-7133832-1434554238-2224.jpeg.jpgMit seiner Oper "Enoch Arden" oder Der Möwenschrei landete der Komponist Ottmar Gerster 1936 einen seiner größten Erfolge, der allerdings nicht bis in die Gegenwart anhielt. Die Oper mit teilweise geänderten Namen der Handelnden und vereinfachten Handlungsabläufen ist in einem traditionellen und einprägsamen Stil gehalten und entsprach damit den ästhetischen Vorstellungen im Nationalsozialismus. Es giht deutliche Anklänge an Wagner "Fliegenden Holländer". Gerster, der auf Hitlers so genannter Gottbegnadetenliste stand und damit vor Kriegseinsatz geschützt war, machte seine zweite Kariere in der DDR, wo er zeitweise Direktor der Musikhochschule Weimar gewesen ist.


    Von der Oper, die damit beginnt, dass Enoch Arden erneut in See sticht, ist eine Rundfunkproduktion von 1965 überliefert, die zunächst bei ETERNA (Foto links), später dann mit den selben Ausschnitten iauf dem der neuen Musik vorbehaltenen DDR-Label Nova herausgekommen ist. Sie wird von Kurt Masur dirigiert. Die Titelrolle singt der Heldenbariton Hajo Müller, der die meiste Zeit am Nationaltheater Weimar verbrachte. Als Anni, die bei Gerster Annemarie heißt, war die ebenfalls in Weimar engagierte Sopranistin Ingeborg Zobel besetzt, meine erste Marschallin und "Fidelio"-Leonore. Sie folgte dem Regisseur Harry Kupfer an die Semperoper Dresden und gastierte oft in Leipzig und an der Berliner Staatsoper. Eine Veröffentlichung zumindest des Opernquerschnitts auf CD wäre - wie ich finde - unter historischen Gesichtspunkten interessant und wünschenswert.


    Die Rundfunkproduktion gibt das Werk nicht komplett wieder. Wie bei solchen Aufnahmen seinerzeit üblich, führt ein Sprecher durch die Handlung, was nicht ohne Wirkung ist. Insofern kann getrost von einer Mischunung zwischen Oper und Hörspiel gesprochen werden.

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    Enoch Arden kann nach einem Missgeschick nicht mehr eigenständig als Fischer arbeiten. Er verlässt seine Familie, um für deren Unterhalt auf jenem Schiff als Hochbootsmanns anzuheuern, auf dem er in jungen Jahren schon einmal gedient hatte. Frau Annie und die Kinder lässt er in der Obhut seines besten Freundes Philipp zurück, der auf seine stille Art immer noch in Annie verliebt ist, die ihm aber einst den eigenwilligen Enoch vorgezogen hatte. Das Schiff gerät auf seiner Reise nach China in schwere Seenot. Gemeinsam mit zwei Kameraden kann sich Enoch auf eine Insel retten. Die Gefährden sterben, er bleibt für zehn Jahre auf dem Eiland gefangen, bis er zufällig gerettet wird. Gealtert und durch die Entbehrungen schwer gezeichnet, findet er in seinen Heimatort zurück, wo er längt für tot erklärt worden ist. Annie lebt nun mit Philipp zusammen. Der Heimkehrer gibt sich nicht zu erkennen. Er siecht gebrochenen Herzens einsam dahin und offenbart sein Schicksal erst auf dem Totenbett der Wirtsfrau Miriam, die sich seiner angenommen und ihn beherbergt hatte.



    alfred-tennyson-wiki.jpgDie Geschichte erzählt der englischen Dichter Alfred Tennyson (1809 bis 1892) in einem Versepos. Er erzählt sie wortreich und ausschweifend, die Vorgeschichte inbegriffen. Tennyson entstammte bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater war Priester und Lehrer. Ausgestattet mit den finanziellen Zuwendungen einer Tante begann er ein Studium am renommierten Trinity College in Cambridge. Dort begegnete er auch dem zwei Jahre älteren Arthur Henry Hallam. Sie wurden Mitglieder im legendären Apostel-Debattierclub, in dem sich unter Bezugnahme auf die Zahl der Jünger Jesu die jeweils zwölf besten Studenten bei Tee und Sardellen-Sandwiches trafen, um über Religion, Kunst und andere gesellschaftliche Themen zu diskutieren. Tennyson und Hallem arbeiteten an einem gemeinsamen Gedichtband, unternahmen Reisen und verbrachten die Ferien zusammen. Sie begaben sich sogar in geheimer Mission in die Pyrenäen, um in England gesammelte Spenden an Aufständische zu übergeben, die gegen den spanischen König Ferdinand VII. kämpften. Der hatte, nachdem er den Fängen Napoleons entkommen war, seine eigene Herrschaft mit äußerst brutalen Mittel befestigt und die anderen europäischen Königshäuser gegen sich aufgebracht. Hallam verliebte sich in die Schwester des Freundes, was nicht ohne Spannungen geblieben sein dürfte. Es besteht kein Zweifel, dass diese Erfahrungen in der Ballade im Dreierverhältnis zwischen Enoch, Philipp und Annie ihren literarischen Niederschlag fanden. Erst zweiundzwanzig Jahre alt, stirbt Hallam an den Folgen eines Schlaganfalls. Den Tod des Freundes hat Tennyson, der zu einem der beliebtesten Dichter in England aufstieg und als Peer in den Hochadel erhoben wurde, nie verwunden. 1850 veröffentlichte er "In Memorian A.H.H." eines seiner umfänglichsten Gedichte, an dem er siebzehn Jahre lang gearbeitet hatte. Es ist der Erinnerung an Hallam, dessen Namen er später auch dem eigenen Sohn gab, gewidmet. Enoch Arden erschienen 1864 und erfreute sich auf Anhieb größten Zuspruchs. Auch weit über England hinaus. In Deutschland waren gleich mehrere Übersetzungen in Umlauf. Beim Druck wurde nicht gespart. Es gab prächtige Ausgaben mit Goldprägung und Illustrationen. Im Reclamverlag erschienen Auflagen für das kleine Geld. Die wohl bekannteste Übersetzung stammt von Adolf Strodtmann, der auch selbst als Schriftsteller tätig war. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, Maler und Grafiker fühlten sich davon angezogen.

    Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Rollenwahl war. Ich zumindest stelle mir für die Partie der Agathe einen anderen Stimmklang vor. Das mag daran liegen, dass ich in den ersten Jahren als Opernbesucher eigentlich nur die Grümmer gehört habe und später dann mit der Lorengar auch eine lyrische Sopranistin mit einem sehr jugendlichen Klang.

    Ob da so die Stärken von Davidsen liegen, bezweifle ich. Nach den Live-Begegnungen habe ich die opulente Stimme nicht als die eines jungen Mädchens vor der Hochzeit im Ohr. Sie kann zwar lyrisch und auch empfindsam singen, hat das Temperament für Jubel und Überschwang, klingt aber einfach zu reif, strahlt zu viel Hoheit und Würde aus.

    Mit diesem "Freischütz", lieber Caruso, wurde Lise Davidsen kein Gefallen getan. Die Stimme kommt mir vor wie in einem engen Gefängnis, aus dem sie sich zu befreien sucht. Sie ist ja hörbar auf dem Weg ins Hochdramatische und und versucht nun krampfhaft, sich zurückzunehmen. Besonders die große Arie klingt nicht nur überreif und unstet, die Sängerin findet auch keine Linie. Um die Aussprache ist es auch nicht sonderlich gut bestellt. Wer betreibt nur so eine Besetzungspolitik? Die Aufnahme richtet sich - wie dem Booklet zu entnehmern ist - an den "modernen Hörer". Satt der Dialoge treten in einer eigenen Textfassung zwei Sprecher auf den Plan, die die gesamte Dramaturgie des ohnehin schwierigen Stückes vollends ruinieren. :(


    "Parsifal" ist für mich das ergreifendste Werk, in dem Glocken zu Einsatz kommen - die Glocken des Grals. Sie wurden nach Wagner Anweisungen geschaffen. Nach meiner eigenen Beobachtungen klingen sie nirgends so authetisch wie im Bayreuther Festspielhaus, wo sie erstmals zum Einsatz kamen. Hier sind sie 1964 in der Verwandlungsmusik des ersten Aufzuges zu hören. Es dirigiert Hans Knappertbusch, der die Glocken wie kein anderer in Bewegung setzen ließ. Es war Knappertsbuschs letzter Sommer in Bayreuth.


    Zur Info noch der Link zu einem lesenswerten Beitrag zum Thema in der FAZ.

    Dorf las ich ja die Geschichte mit den eingemauerten Schallplatten um die Jahrhundertwende.

    Und siehe- die Erinnerung ist doch nie perfekt. Ich hatte das Jahr 1900 in Erinnerung und den Invalidendom als Aufbewahrungsort.

    Eichtig aber war 1907 (und eine 2. Tranche 1912) und es war die Pariser Oper. Madame Cortese machte mich drauf aufmerksa, daß es diese Schätze auf CD gibt- und seit einigen Tagen ist diese 3 CD Box ebenfalls in meinem Besitz.

    Auch ich habe mir die Boix umgehend besorgt und datin natzprlich auch die Pattio gefunden - mit der Zerlina.



    Im Buch "Weltgeschichte der Schallplatte ist ziemlich ausführlich beschrieben wie diese Aufnahmen zustandekamen, wie sie die Zeitgenossen und die Patti selbst beurteilt haben. Dazu muss gesagt werden, das Buch ist üver 50 Jahre alt und endet mit 1966, der Autor, Curt Ries lebte von 1902-1993. Er machte Interviews mit Thomas Alva Edison, Emile Berliner, Fred Gaisberg, der bei den Aufnahmen - auf ausdrücklichen Wunsch der Patti anwesend war, bzw sie überwachte. Somit sind die Berichte ziemlich authentisch.

    Fast alles was ich von den Anfängen der Schallplatte weiß habe ich aus diesem Buch. Als 16jähriger hate ich einige Tage eines ausgeliehe und verschlungen. Das Buch ist schon lange vergriffen und wurde scheinbar nie mehr ergänzt etc

    Ich haber ein relativ gutes Langzeitgedächtnis, aber mit der Zeit wird vieles verfälscht- und einer plötzlichen Eingebung folgend habe ich das Buch vor einigen Tagen antiquarisch erworben (es gibt noch einige Exemplare im Internet angeboten)


    Das Buch liegt indessen auch auf dem Stapel, der gelesen werden will. :)

    Die aktuelle Bernheim-CD habe ich erst einmal gehört. Mein Eindruck war, dass er an den hetörenden Original-"Faust", den Fiesco im Eröffnungsbeitrag eingestellt hat, nicht herankommt. Ich fürchte, dass er wie schon in der "Traviata" in Paris zu groß singt und Gefahr läuft, seine betöremd leichte und schwebende französische Stimme zu ruinieren. :( Ich hatte gehöfft, dass mit Bernheim dieses Stimmfach wieder auflebt. Gewiss werde ich mir den von Jolanthe angekündigren "Nabucco" anhören und bin auf den Ismaele gespannt. Der ist aber keine ganz sanfte Partie!

    Vor etwa 5 Jahren ist hier der letzte Eintrag erfolgt. Vermutlich ist hier schon alles gesagt worden. Aber Dank des von mit kürzlich antiquarisch erworbenen Buches bin ich soeben wieder auf sie aufmerksam geworden, habe im Internet gestöbert und zu meiner Überraschung herausgefunden, daß sie am 27. September 2019 ihren 100. Todestag hatte.

    Völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit und der Tonträgerindustrie die sonst jedem mediokren Star eine Neuauflage seiner Aufnahmen widmet.

    Im Falle der Patti sind es nicht allzuviele. Es wurden im Jahre 1905 an vier Tagen 21 Aufanhmen gemacht, von denen 17 veröffentlicht wurden.

    Lieber Alfred, die Patti ist für heutige Ohren schon eine ziemlich harte Nuss. Ich interessiere mich zwar für historische Aufnahmen, diese Sängerin nehme ich aber lediglich als Phänomioen ihrer Zeit wahr. Wie ich finde, lässt sich ihre Stimmlage besonders schwerig mit den Mittel abbilden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Verfügung standen, und ich frage mich, ob sie denn tatsächlich so geklungen hat wie auf ihren Aufnahmen. Die vermitteln mir ihren Ruhm lediglich als Ahnung, nicht als Gewissheit. Wie soll man 2019, hundert Jahre nach ihrem Tod der Diva von einst gedenken? Die Erinnerung in Willis Tamino-Gedenkthread ist schon mal was. Ich werde mal nachsehen, mit welchem Eintrag sie dort am 27. September gewürdigt wurde. Alle ihre Aufnahmen sind nach meinem Eindruck greifabr. Dazu Bücher. Eine neue Edition zum 100. Todestag! Wer soll die kaufen?


    Ich lese aber dennoch sehr gern, dass Du die Patti aus der Versenlung geholt hast. :) Bitte mehr davon.

    aber zu behaupten, junge Sänger könnten sich heute in Deutschland nicht mehr behaupten, halte ich für haltlos und äußerst despektierlich gegenüber der Arbeit, die sowohl an großen Repertoirehäusern wie Leipzig, der Deutschen Oper Berlin, Düsseldorf oder Mannheim auf der einen und zahlreichen mittleren und kleinen Theatern auf der anderen Seite geleistet wird.

    Das habe ich so nicht behauptet. Hingegen versah ich jede Feststellung mit relativierenden Bezeichnungen. Und wenn ich von "klassischen" Ensembles sprach, meinte ich es auch so. Bitte erst genau lesen! Das ist doch nicht zuviel verlangt.

    Ludwig van Beethoven (1770-1827)

    Symphonien Nr.1-9, 5 CDs

    Künstler: Janice Watson, Catherine Wyn-Rogers, Stuart Skelton, Scottish Chamber Orchestra, Charles Mackerras

    Label: Hyperion, DDD/LA, 2006

    Zu dieser Produktion kann ich nur wärmstens raten. Für mich hat es seither keine andere Einspielung der Sinfonien gegeben, die die Anschaffung gelohnt hätte. :)

    Bei den Recherchen für diesen NEUE-STIMMEN-Thread staune ich immer wieder, dass sehr junge Sänger, die noch ganz am Anfang ihrer Karriere stehen, oft viel umherreisen und offensichtlich keine Einladung ausschlagen mögen. Ich denke, für eine gedeihliche Entwicklung der Stimme und für den Prozess der künstlerischen Reifung wäre ein Arbeiten in einem festen Ensemble insgesamt wesentlich förderlicher.

    Aber die Verlockung, schnell nach 'oben' zu kommen scheint einfach zu groß.

    Wie wahr Du sprichst, lieber Caruso. Mein Eindruck ist, dass junge Sänger heutzutage mehr denn je unter Druck stehen. Die Globalisierung hat eine unglaubliche Menge an Begabungen und Talente auf den Markt geschwemmt. Nicht immer bleibt die Zeit zur Reife. An Opernhäusern gibt es keine klassischen Ensembles und weitsichtige Intendanten und Kapellmeister, die aufstrebende Kollegen unter ihre Fittiche nehmen. Nicht selten geraten sie an Agenturen, die mit ihnen nur Geld verdienen wollen - und müssen. Es gibt so einen neuen Stimmenreichtum, der auch in diesem Thread eindrucksvoll abgebildet wird. Er wird aber oft verbrannt. Das macht mir die eigentliche Sorge. Kunst und Kapitalismus - das ist eine schwierige Partnerschaft.

    Leider fassen sich einige Labels dabei ziemlich kurz und präsentieren nur die Besetzungsliste mit Sängern/innen und Dirigent und einer Trackliste. Das gilt in erster Linie für die auf historische Aufnahmen spezialisierten Billig-Labels. Bei Studioaufnahmen renommierter Firmen findet man meistens tadellose Booklets mit Inhaltsangabe der Oper, Sängerbiographien und manchmal auch Berichte über die Umstände der Aufnahme.

    Es sollte bedacht werden, dass die gedruckten Booklets in der Herstellung oft teurer sind als die CDs selbst. Alte Rundfunksaufnahmen - um bei diesem Beispiel zu bleiben - würden sich durch ein ausführliches Booklet drastisch verteueren und dann womöglich nicht mehr verkauft werden. Es ist üblich geworden, Booklets - wenn sie denn beiliegen - mehrsprachig anzubieten. Das ist auch ein Kostenfaktor. Und Libretto ist auch nicht Libretto. Es müsste in vielen Fällen genau die Fassung abgedruckt werden, die auch zu hören ist. Die so genannten Billig-Labels, die weniger geworden sind, waren oft darauf angewiesen, von privaten Sammlern beliefert zu werden. Nicht selten wurden Aufnahmedaten etwas vage gehalten, um die Quellen zu verschleiern. Durchweg tadellos finde ich die Booklets bei Studioaufnahmen renommierten Firmen nun auch nicht. Ich hatte ja den Fall des "Benvenuto Cellini", der wirklich ausführliche Informationen verlangt, geschichildert.

    Mein Problem ist, Überfluss und Konzentration in Übereinstimmung zu bringen. Will sagen, die immer größer werdende Menge an Tonträgern behindert mich mehr als dass sie mir nützt. Es lebt sich - wie ich finde - auf Dauer nicht gut wie die Fliege in der Butter. Klassikfan hatte Bruckner 5 ins Spiel gebracht. Meine erste Aufnahme in sehr jungen Jahren war diese:


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    Sie kostete, gemessen an meinem damaligen persönlichen Taschengeld-Budget - ein Vermögen. Ich war monatelang im Plattenladen darum herumgeschlichen. Als ich die Kassette schließlich nach Hause trug, glaubte ich, einen Schatz gehoben zu haben. In den nächsten Wochen hörte ich die Platten ständig und durfte dabei nicht gestört werden. Inzwischen haben sich - meist auf Festplatten - vielleicht fünfzig verschiedenen Einspielungen angesammelt. So konzentriert und besessen wie einst, kann ich das Werk aber nicht mehr hören. Meist bleibt es bei einem Satz.

    Geschätzter Caruso, es war nicht meine Ansicht, mich in Exegese zu versuchen. Ich wolle lediglich einen ganz bescheidenen, völlig laienhaften, höchstpersönlichen und in keiner Weise preisenden - wie von einem anderen Forumsmitglied gemutmaßt - Eindruck vermitteln. Offenbar ist mir das misslungen. Damit werde ich leben können. Und ich werde mir auch künftig gestatten, Höreindrücke mit einer gewissen individuellen Begeisterung vorzutragen, so sich die bei mir einstellt. :)

    Lieber Joseph, sei herzlich bedankt für diesen - auch der Form nach - vorzüglichen Thread. Der ist Tamino vom Feinsten. :) Mir dämmerte der Name des Komponisten in Zusammenhang mit Kirsten Flagstad, die - Du erwähnst das - bereits 1929 das Lied "Sne" (Schnee) aufgenommen hat. Diese norwegische Sängerin hat sich bis zu ihrem Lebensende für die Musik ihres Heimatlandes verwendet. Gelegentlich ist sie sogar in norwegischer Tracht aufgetreten, wie auf diesem Cover zu erkennen:


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    Besonders angetan hat es mir die Ballade "Wartburg". Die ist nun ganz nach meinem Geschmack. Einige Passagen erinnern mich mehr an Reger denn an Wagner, der aber auch ein hörbares Vorbild gewesen sein dürfte.

    Wie bereits weiter vorn ausgedrückt, schätze ich auch gute, das heißt, aussagekräftige Booklets. Bei neuen Liedproduktionen junger Sänger (Appl, Krimmel, Hasselhprn, Fingerlos usw.) schätze ich es sehr, dass sich die Interpreten auch im Booklet äußern und sehr freimütig mit ihren Gefühlen, Nöten und Sehnsüchten umgehen. Meist finden sich auch die Liedtexte, was nicht immer nötig ist - wie bei "Winterreise" oder "Dichterliebe". Gut leben kann ich mit der Lösung, wenn Labels die Texte ins Netz stellen, wo sie auch heruntergeladen werden können. So geschehen beispielsweise bei der Naxos-Gesamtaufnahme der Lieder von Peter Cornelius, die uns Helmut Hofmann in Teilen auch genau besprochen hat. Da vermisse ich nichts.


    Es gibt aber auch sehr mühsame, ja ärgerliche Fälle. So hat Philips die Opern von Berlioz in der frühen Einspielung unter Davis kompakt in einer Box wiederaufgelegt.



    Schriftlich gibt es lediglich die Besetzungslisten und Inhaltsangaben. Das ist bei Berlioz nicht genug. Als ich mich wieder genauer mit "Benvenuto Cellini" befasste, war nicht einmal ersichtlich, ob diese Fassung nun komoplett ist oder nicht. Die Fassungsgeschichte ist nämlich so spannend wie die ganze Oper. Also besorgte ich mir die alte fürstliche Plattenkassette, nur, um ein sehr aussagekräftiges Booklet mit Libretto zu haben. Das hat wenig zu tun mit dem digitalen Zeitalter. Es hat sich dennoch gelohnt! :)


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