Beiträge von Lynkeus

    Lieber Felix,


    die Regietheaterdiskussion möchte ich keinesfalls hierher holen. Deswegen hatte ich im Entwurf meines Beitrages auch am Ende eine Formulierung, die dies vorsorglich verhindern sollte, auf die ich dann aber doch verzichtete, da sie mir gleichfalls provozierendes Potential zu enthalten schien. Deswegen: Ich bitte meinen Beitrag einfach nur als eine im weiteren Sinne auf die Fragestellung des Threads gemünzte Antwort zu verstehen, nicht als Stein, der Hunde treffen und zum Bellen veranlassen soll. :P

    Meinen musikalischen Geschmack zu verändern, ist dem Forum (noch?) nicht gelungen, aber zu erweitern sehr wohl. Aber in einer anderen Hinsicht hat Tamino sich geschmacksverändernd auf meine Anschauungen ausgewirkt. Ich befürchte, dass manch einer nicht gerne lesen wird, in welcher Hinsicht dies geschah: das leidige Thema Regietheater.


    Zum Zeitpunkt meiner Anmeldung stand ich dem, was unter genannten Begriff zusammengefasst wird, ablehnend gegenüber und betonte dies u.a. ausdrücklich im Telefonat mit Alfred. Die Diskussionen im Forum haben mich aber sehr nachdenklich gestimmt, insbesondere die von einigen Gegnern gebetsmühlenartig vorgetragenen und m.M.n. bornierten "Argumente". Die zumindest dem Buchstaben nach erfolgende Selbststilisierung mancher als heilige Kulturkrieger im aufopfernden letzten Gefecht gegen Kunstzertrümmerer empfinde ich persönlich als peinlich und kindisch. Das ist kein Affront gegen jene, die librettogetreue Inszenierungen wünschen, vielleicht aber gegen jene , die alles andere in Bausch und Bogen unreflektiert dämonisieren und verdammen.

    Die gestrige Diskussionsrunde im Anschluss an die Aufführung habe ich mit Interesse verfolgt und kann mich über den unqualifizierten Beitrag von Rosemarie Frühauf nur wundern, die Andersdenkende als bedauerliche Hirngewaschene bezeichnet. Wenn das Journalismus sein soll :no: . Andererseits wird dadurch m.E. eines der Hauptprobleme offen gelegt, dass darin besteht, die Meinungen und Urteile schon a priori zu fällen. Einem unvoreingenommenen und vor allem aufmerksamen Zuhörer kann kaum entgangen sein, dass zumindest zwei der Kritiker die Inszenierung einerseits an sich bewerteten und andererseits als Gesamtergebnis. Daher resultierte die aufzählende Nennung gelungener Regieeinfälle, wobei wohl zeitbedingt nicht der Raum für Begründungen war. Als es aber darum ging, das Bühnengeschehen als Ringinszenierung zu werten, bedienten sich zwei der Kritiker Begriffen aus der Wortfamilie "scheißen" und sprachen unmissverständlich von einem Fehlschlag. Nachstehende Aussage ist also unhaltbar (Hervorhebung von mir):


    ... und die Moderatorin fasste die "Diskussion" die eigentlich die reinste Propaganda-Veranstaltung war mit den Worten zusammen, das wäre doch ein schöner Beweis dafür, wie lebendig das Musiktheater in Bayreuth wäre!!!!!!!!!


    Außerdem:

    Ein ebenso dummes Publikum war bei dieser Diskussion live anwesend und hat nicht mal Zwischenrufe getätigt sondern tatenlos zugehört und an geeigneten Stellen geklatscht. Sie waren so 50 zu 50 Befürworter und Gegner, der Akustik nach.

    :hahahaha: Das sollte man ruhig mal in Ruhe lesen.

    Vielleicht sollte man es auch mal von der Seite betrachten, mit den sofortigen "Buhs" war nicht die gebotene Leistung gemeint, sondern dem Mißfallen geschuldet, daß diese Sänger sich für "so etwas hergeben"!


    Lieber Chrissy,


    zum einen halte ich selbst in dem von dir geschilderten Fall die Buhs für anmaßend. Welcher Sänger lehnt denn die Möglichkeit, in Bayreuth zu singen, ab, weil ihm die Inszenierung nicht gefällt? Zum anderen könnte der Buher sich dann auch gleich selbst den Spiegel vorhalten und sich dafür geißeln, nicht nur sich , sondern auch sein Geld für "so etwas" herzugeben.

    ...aber das erste nach dem Verklingen des Orcehsters war ein laut gellendes "Buh!"


    Lieber Michael,
    genau wie du empfand ich diese Reaktion als äußerst unpassend, wobei es mir schien, dass es nicht nur ein Besucher war, der seinem Unmut hier Luft machte, sondern mehrere. Das Ganze ging aber so rasch in Applaus über, dass ich zunächst vermutete, dieser sei von Band aus eingefügt worden.


    Prinzipiell zum Thema: Das Buh-Rufen an sich empfinde ich persönlich, trotz aller Tradition, als primitiv. Es ist das "hochkulturelle" Äquivalent tumber Internetkommentare. Man kann sich dabei so schön anonym mal abreagieren und gegebenfalls auch gleich beruflichen Frust oder Stress mit der Alten abführen. :stumm: Castorf schien, der Radiomoderation zufolge, gar nicht von der Bühne runter zu wollen und auf ein Verstummen des Protests zu warten. Aus meiner Sicht wäre die passende Reaktion in solchen Fällen, einfach zu schweigen. Ich würde es gern sehen, wie ein Regieteam vor den Vorhang tritt und plötzlich herrscht Stille. Umso peinlich berührter wären vielleicht auch die etwaigen Klatscher.

    Vor einiger Zeit gelesen:

    Franz Willnauer [Hg.]
    Gustav Mahler - Verehrter Herr College!
    Briefe an Komponisten, Dirigenten, Intendanten


    In dieser Briefsammlung wird vornehmlich die geschäftliche Korrespondenz Mahlers (in Auswahl) abgedruckt und ggf. kommentiert. Die Abfolge ist dabei weitgehend eine chronologische und zeigt insbesondere in den Briefen aus Mahlers "Wanderjahren" (1880-1896) die Rastlosigkeit und das Getriebensein des Komponisten. Aber auch die späteren Briefe liefern spannende Einblicke ins Wesen Mahlers, wenn er etwa hart und unnachgiebig Forderungen bezüglich der Aufführung seiner Sinfonien stellt oder zur Erreichung seiner Ziele taktiert und auch lügt.
    Die Auswahl und Anordnung der Briefe lässt bei der Lektüre keinerlei Langeweile aufkommen.

    Soeben verklungen:

    Richard Strauss
    Also sprach Zarathustra op. 30
    Staatskapelle Dresden
    Rudolf Kempe


    Ob und wie mir gefällt, was ich da höre, vermag ich nach zweimaligem Hören noch nicht zu sagen. Die Aufnahme als solche jedenfalls scheint ausgezeichnet zu sein und wurde auch an anderer Stelle im Forum schon gelobt. Lediglich die Pauken in der Einleitung (Sonnenaufgang) würde ich mir etwas deftiger, satter wünschen, aber möglicherweise sind meine Erwartungen da durch die häufige Verwendung des Stücks in der Populärkultur verschoben. Als kleinen Wehrmutstropfen empfinde ich zudem, dass das Stück in nebenstehender Box als ein Track vorliegt, also ohne die Benennung der neun Teile nach Kapiteln aus dem Nietzsche-Text.

    Ich habe schon wieder bedauert und bereut, dass ich diesen kleinen Beitrag zu diesem Thread verfasst habe, lieber chrissy. Ich nehme Deine und die Kritik von operus an dem Standpunkt, den ich darin vertreten habe, sehr ernst und werde darüber nachdenken.


    Lieber Helmut,
    an deinem Beitrag gibt es nichts zu bedauern oder zu bereuen. Es ehrt dich aber einmal mehr, über andersartig gelagerte Standpunkte nachzudenken.


    Betreffs meiner Wahrnehmung des Forums, in dem aktiv zu schreiben mir meist viel weniger Zeit als gewünscht bleibt, trifft es eine Äußerung Schopenhauers ganz gut:


    Alle Lumpe sind gesellig, zum Erbarmen: aber der Mensch edler und erhabener Art, gelangt, mit den Jahren, zu der Einsicht, daß es, seltene Ausnahmen abgerechnet, in der Welt nur die Wahl giebt, zwischen Einsamkeit und Gemeinheit.


    Das Netz ist eine Plattform für Bussi-Bussi-Foren, in denen der inhaltlosen Geschwätzigkeit gefrönt wird. Nachdem ich in einigen Foren unterschiedlichster Thematik unterwegs war, deren Kernthema unter dem wild wucherndem Unkraut uninteressanter Befindlichkeitsäußerungen und sinnfrei auf Komik zielender Bemerkungen kaum mehr auszumachen war, hatte ich für mich entschlossen, meine kostbare Zeit anderweitig zu nutzen. Erst nach langem Mitlesen erkannte ich Tamino als - mit Blick auf obiges Zitat - einsame Insel im Meer der Gemeinheit.


    Der Umgang hier sucht - trotz mancher Reibereien - im Netz seinesgleichen und es gibt wahrscheinlich nur wenige andere Seiten, in denen die Grammatik und Orthographie unserer Sprache nicht nur als fakutaltiv erachtet werden. Nach außen mag das elitär wirken, aber was soll's?

    Einer der ganz großen - in Deutschland leider kaum bekannten - zeitgenößischen Autoren ist tot. Der schottische Schriftsteller Iain M. Banks ist dem Krebs erlegen. ;(


    Erst im April hatte er seine Krankheit öffentlich gemacht und verkündet, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibe.


    Eine krude Veröffentlichungspolitik hat seinen Werken in Deutschland stets im Wege gestanden. Wer seine Werke kennt, kann den Verlust ermessen, den sein Tod für die literarische Welt bedeudet. Sein Roman "Einsatz der Waffen" gehört für mich zu einem der besten Bücher, die ich kenne: Weil der Beginn der Handlung das Ende vorwegnimmt, beginnt die Erzählung in der Mitte und arbeitet sich kapitelweise abwechselnd Richtung Anfang bzw. Ende vor.


    'http://www.spiegel.de/kultur/literatur/nachruf-auf-den-schottischen-autor-iain-banks-a-904684.html

    Auf der Website des MDR-Figaro ist zur Zeit noch ein wunderbares Feature nachzuhören, das am Montag gesendet wurde. Thematisiert werden Wagner-Parodien. Die Sendung ist absolut hörenswert: Neben einem Ringausschnitt von Loriot bekommt man u.a. "Kommt ein Vöglein geflogen" im Stile Wagners zu hören. Besonders erheiternd fand ich auch "Dies Bildnis ist bezaubernd schön" sowie "Durch die Wälder, durch die Auen" auf Wagnermusik übertragen.


    'http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/essay/essay-wagner-schwan100.html

    Ich wollte damit einen Sachbeitrag zu diesem Thread leisten. Diskussionswürdig scheint mir persönlich die Argumentation von Kosminski zu sein, - die er ja als Begründung für seine Inszenierung einsetzt:
    „In Wagners Oper versündigt sich der sterbliche Tannhäuser, indem er die göttliche Venus liebt. Das lässt sich heute nicht mehr als Skandal erzählen, der zu einem Ausschluss aus der Gesellschaft führt.“


    Diese Begründung scheint tatsächlich diskussionswürdig zu sein, u.a. weil sie m.E. von einer verkehrten Prämisse ausgeht: Der Skandal des im Venushügel weilenden Tannhäusers ist doch schon bei Wagner ein sich lediglich im Stück ereignender. Die Aufregung und Empörung über Tannhäusers Tat findet allein in der Sängerhalle der Wartburg statt und wird vom Publikum nicht realiter geteilt; vom Publikum der Wagner-Zeit genauso wenig wie vom heutigen. Das Konzept der Minne darf man wohl schon für 1845 für aus der Mode erklären.

    Die Maler haben zu dem Thema ein neues Bild gemalt, um ihre Sichtweise der Themas darzustellen, und nicht etwa ein altes Bild übermalt.


    Tja, das ist die Frage. So einfach ist es nämlich nicht. Am Beispiel des von mir erwähnten Bildes Die Volkszählung zu Bethlehem wird dies möglicherweise deutlich: Eine literarische Vorlage (Neues Testament) wird in etwas Neues transformiert (in ein Bild). Dabei variiert und verändert der Künstler das Ausgangsmaterial (verändert Ort und Zeit) und stellt damit zeitgenössische Bezüge her (im Falle des genannten Bildes: Kritik an der Herrschaft der Habsburger in den Niederlanden).


    Diesem Muster folgen auch Operninszenierungen. Das Libretto (eine literarische, weil dramatische Vorlage) wird in etwas Neues transformiert (eine Inszenierung) und der Regisseur erlaubt sich Änderungen.


    Ja was denn nun, mal so und mal so. Findest Du nicht, daß diese Aussage ein Widerspruch in sich selbst ist?


    Nein, das finde ich nicht. Es gibt eine ganze Reihe von Dingen, denen ich nichts abgewinnen kann, die ich aber trotzdem als Bestandteil der Kulturlandschaft i.w.S. nicht verworfen sehen möchte, z.B. die Formel 1 oder Schlagersendungen mit Florian Silbereisen. Ich könnte gegen den tumben Pöbel ätzen, der sich an im Kreis fahrenden Männern ergötzt und deren Siege feiert, als trügen sie selbst einen Anteil daran. Ich könnte mich auch über den intelektuellen Limbotanz von Schlagersendungen echauffieren. Ich muss diese Dinge nicht verdammen, nur weil sie meinem Geschmack nicht entsprechen.

    Die Geduld und Sachlichkeit, mit der Holger in den letzten Beiträgen für die Daseinsberechtigung des Regietheaters argumentiert, verdient Hochachtung. Auch ohne Philosophie studiert zu haben, kann ich die in seinen Beiträgen vorgebrachten Prinzipien nachvollziehen und anerkennen. Dass dabei auf die Vertreter bestimmter Theorien verwiesen wird, sei es Adorno, Heidegger oder Ingarden, mag man als Bildungshuberei werten; man kann es aber auch einfach als Anregung betrachten, sich mit den jeweiligen Ansätzen auseinanderzusetzen. Oder eben auch nicht, sollte man diese von vornherein ablehnen.


    Obgleich ich kein Freund des Regietheaters bin, erkenne ich inzwischen seine Existenzberechtigung an. Mehr noch, ich glaube, sein Verschwinden wäre ein bedauerlicher Verlust für die Kulturlandschaft. Persönlich sähe ich lieber Inszenierungen, die nicht in eklatanten Widerspruch zum durch das Libretto aufgespannten Erwartungshorizont stehen. Aber Oper ist eben mehr als nur Seelenbalsam. Die ganze Diskussion wäre überflüssig, gäbe es ein vernünftiges Verhältnis von traditionellen und modernen Inszenierungen oder eine klare Etikettierung, so dass unangenehme Überraschungen ausbleiben, auch ohne dass sich der Besucher erst im Internet oder sonstwo über eine Inszenierung informieren muss. Zur Zeit kauft man häufig die Katze im Sack. Der dadurch entstehende Ärger macht sich dann auch hier Luft.


    Es steht jedem frei zu sagen, dass ihm moderne Inszenierungen nicht zusagen und ggf. zu begründen, warum das so ist. Stattdessen wird zumeist höchst unsachlich polemisiert und zugespitzt.


    Hier zeigt sich schlicht fehlende Ernsthaftigkeit in der aktuell andauernden Auseinandersetzung mit dem Regietheater. Die Polemik ist reine Journalistik in souveräner Mißachtung musikhistorischer und musikästhetischer Zusammenhänge.


    :yes:
    _____________________________________________-


    Gestern habe ich mich zufällig etwas mit dem Bild Die Volkszählung zu Bethlehem von Pieter Bruegel dem Älteren beschäftigt.


    'http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Volksz%C3%A4hlung_zu_Bethlehem


    Gibt es in der Malerei eigentlich ähnliche Probleme? Soll heißen: Diskutiert irgendwo jemand über die Verunglimpfung, dass in dieser malerischen Inszenierung der Inhalt des Ursprungstextes zeitlich und lokal vom Regisseur Maler versetzt wurde, um dadurch zeitgenössische Bezüge herzustellen und Kritik zu üben?

    Als ich etwa zehn Jahre alt war, stieß ich in einer auf Kinder zugeschnittenen Wissenszeitung auf das Bild Die Abtei ich Eichwald, das einen großen Reiz auf mich ausübte.


    [timg]http://upload.wikimedia.org/wi…iedrich_002.jpg;c;512;317[/timg]
    Damals (und auch lange Zeit danach) empfand ich das Bild einfach „naiv“ als schön, ohne mir weitere Gedanken darüber zu machen. Vor einigen Jahren dann erwarb ich mir für mein Arbeitszimmer einen Nachdruck davon sowie von dessen ungleichem Zwilling Der Mönch am Meer und stellte eines Tages so meine Überlegungen dazu an.


    Ich kam zu folgendem Schluss:
    Die Abtei im Eichwald ist für mich ein tröstliches Bild, da es – trotz seiner Tristess (Ruine, Leichenzug, karge Winterlandschaft) – Hoffnung auf eine über den Tod hinausgehende Existenz evoziert, mithin Ewigkeit thematisiert.


    Das mag zunächst abwegig klingen, aber ich will den Weg dorthin kurz skizzieren: In etwa das untere Drittel des Bildes liegt im Dunklen, ca. die oberen Zweidrittel hingegen im Licht. Im Zentrum befindet sich eine Ruine, auf der Fläche dahinter neun karge Eichen. Ein Leichenzug geht durch den Eingangsbogen der Ruine auf den dahinter zu vermutenden Friedhof.


    Das Sujet (Abtei, Friedhof, Mönche, Tod) legt den Ewigkeitsgedanken nahe. Dieser findet sich in den neun Eichen wieder. Die Neun gilt als Zahl der Vollkommenheit, da sie dreimal die „göttliche“ Zahl Drei enthält. Die Eiche wiederrum symbolisiert im Christentum das ewige Leben. Die auf dem Bild zu sehenden Eichen wachsen aus dem Dunkel ins Licht. Dieser Gedanke ließe sich auf den Verstorbenen übertragen, den der Eintritt in Ewige Leben erwartet. (Im Vordergrund ist ein offenes Grab zu sehen, der Leichenzug bewegt sich sonderbarerweise davon weg. Betrachtet man das Fenster der Ruine bzw. nur dessen im Licht liegenden Teil, ähnelt es dem Eingangsportal.)


    Wie dann aber Der Mönch am Meer zu verstehen ist, darüber habe ich mir noch kein Urteil gebildet.


    [timg]http://upload.wikimedia.org/wi…Art_Project.jpg;c;530;330[/timg]
    Friedrich wollte, dass das Bild über der Abtei hängt. Ist dies vielleicht der verstorbene Mönch, in der Weite und Uferlosigkeit des Jenseits?

    Gestern Abend lief auf BR - Alpha eine Dokumentation mit dem sinnigen Titel Tatort Oper - Wie Filmemacher Oper machen. Gezeigt wurden Filmregisseure, die es an die Oper verschlagen hat, z.B. Bernd Eichinger (Parsifal) und Doris Dörrie (Cosi, Rigoletto). Was sie zu ihrer Arbeit zu sagen hatten, war - erhellend kann man nicht sagen - interessant. Bernd Eichinger sagte sinngemäß (De mortuis nil nisi bene :stumm: ), er habe gewusst, dass es Krawalle geben würde und der Buh-Orkan gab ihm recht.


    Frau Dörrie, derentwegen ich diesen Beitrage verfasse, bemerkte, dass die Oper von ihrem "Hochamt" befreit werden müsse. Immer wieder wurden Ausschnitte aus ihrer Inszenierung des Rigoletto gezeigt, die gleichsam auf dem Planet der Affen spielt. Sie erklärte, Rigoletto sei im Prinzip ein "Abgestürzter", unter Fremden auf sich gestellt und daher käme die Idee. Das Premierenpublikum habe dies nicht verstanden, sei nicht vertraut mit diesen Elementen der Jugendkultur (zur Erinnerung: Planet der Affen (1968)), aber das nachfolgenden Publikum habe die Inszenierung zu schätzen gewusst. Insbesondere sprach sie von vor Ergriffenheit schluchzenden 15-jährigen Mädchen. Sie nun, Dörrie, habe ihr Ziel erreicht, wenn sie nur das Interesse einiger weniger junger Menschen für die Oper geweckt habe. Das sei viel wichtiger, als jene zufriedenzustellen, die das Werk eh schon kennen.


    Eine derartige Haltung ist für einen halbwegs intelligenten Menschen absurd, scheint mir. Zum einen war die diese Anekdote betreffende Schulklasse einer Einladung Dörries' gefolgt und zum anderen impliziert diese Ansicht, dass im Falle einer konventionellen Inszenierung ähnliche Resultate nicht erzielt werden könnten.


    Damit will ich nicht ins allgemeine Bashing librettoabweichender Inszenierungen einstimmen. Ich halte aber die Äußerung Dörries für ein mustergültiges Negativbeispiel: Vom metaphorischen "abgestürzt sein" zum "Planet der Affen" zu gelangen ist absurd und verhilft einem Aspekt der Handlung zu einem grotesken Primat, dem andere Aspekte sich nicht fügen. Zudem fragt sich, ob sie bei der Inszenierung ihrer Filme auch nach der Devise verfährt, Hauptsache einen erreichts?

    Übrigens ist recmusic.org eine Fundgrube für Lied-Texte.


    Hallo moderato,


    danke für den Tipp. Für die Seite habe ich gleich mal ein Lesezeichen gesetzt. Leider ist mein Französisch zu eingerostet, als dass mir die Originaltexte wirklich zum Verständnis helfen würden. Ich habe daher noch etwas hartnäckiger gesucht und bin auf ein Programmheft in pdf-Form gestoßen, das eine freie Übertragung bietet.


    Da zu den Illuminations kein eigener Thread existiert, erlaube ich mir, den entsprechenden Link hier zu posten:
    "http://www.wko-heilbronn.de/media/user/document/Programmhefte/1011/WKO1011-MK1.pdf

    Aus nebenstehener Box höre ich gerade Brittens Les Illuminations. Leider sind - wie bei Boxen dieser Art üblich - die Texte nicht enthalten. Kennt jemand eine Website, auf der nicht nur die Originaltexte sondern auch Übersetzungen verfügbar sind?


    Der großspurig angepriesene Link zum EMI Classics Club teilt lediglich mit, dass die zur Edition gehörenden Inhalte inaktiv sind. Dankeschön. :cursing:

    Es könnte so einfach sein: Ein Librettist verfasst einen Text und der Komponist vertont ihn. Jeder tut, wozu ihn seine Profession beruft. Im Idealfall entsteht so aus der Einzelleistung zweier Individuen ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Doch der hier angedeudeten Linearität von fertigem Libretto und anschließender Vertonung steht häufig ein Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit gegenüber, bei dem der Komponist Ansprüche und Forderungen an den Librettisten stellt und vice versa. Diese Wechselseitigkeit kann zur harmonischen "Befruchtung" führen, insofern auf gleicher Wellenlänge gefunkt wird, kann aber andernfalls Diskrepanzen nach sich ziehen.


    In diesem Thread sollen die Verhältnisse konkreter Komponisten zu konkreten Librettisten thematisiert werden. Waren die Herrschaften eher dynamische Duos, ein Herz und eine Seele, oder war vielleicht nicht minder häufig gegenseitiger Argwohn und Missverständnis Quelle mancher Produktivität?

    Lieber chrissy,


    lutgra schrieb: "Wenn ich mich richtig erinnere, haben die meisten Komponisten ihre Librettisten verflucht und für ziemlich unfähig gehalten. " Lutgra ist sich dessen keinesfalls sicher. Es ist eine mit einer gewissen Vorsicht ("Wenn ich mich richtig erinnere") vorgebrachte Aussage. Eine Replik mit sach- und fachlich fundierten Fakten bestände m.E. darin, aufzuzeigen, warum dies falsch ist. Nun muss man sicherlich nicht gleich Studien verfassen, um zu demonstrieren, von x Komponisten hatten y% Schwierigkeiten mit ihrem Librettisten. Strano weist die Aussage aber anhand dreier Beispiele ab: Das verstehe ich nicht als sach- und fachlich fundiert.
    Die von mir erwähnte Schärfe entsteht für mich dann z.B. dadurch, dass Strano lutgra bittet, "uns mit derart dünnen "Argumenten"" zu verschonen und die Aussage als unseriöses Kleinreden und Leugnen frei zugänglicher Fakten umdeudet.

    Liebe Strano,


    deine Fachkenntnis scheint der einiger anderer Forumsmitglieder - mich selbst eingeschlossen - in einem positiven Sinne überlegen zu sein. Umso bedauerlicher finde ich, dass deinen Beiträgen häufig eine m.E. unangemessene Schärfe beiwohnt, die düpierend wirkt und der Diskussionkultur nicht immer förderlich ist.


    So distanziert sich lutgra mit einer Formulierung wie, wenn er sich recht erinnere von der allgemeinen Gültigkeit seiner Bemerkung, viele Komponisten hätten Schwierigkeiten mit ihren Librettisten gehabt. Da nun mit der Zusammenarbeit des Duos Mozart - Da Ponte oder gar mit Bezug auf Wagner allgemein zu widersprechen, verfängt nicht und ist - verzeih - als Argument noch dünner, so es nicht weiter unterfüttert wird bzw. werden kann. Ich denke, dass dir oder auch anderen Taminos dies möglich sein könnte, ja vielleicht sogar einen eigenen lesenswerten Thread wert wäre. Persönlich fände ich dies wesentlich passender, als lutgra diesbezügliches Desinteresse zu unterstellen.

    Lieber Joseph II.,


    deine Englischkenntnisse will ich gar nicht infrage stellen. (Es extra zu betonen, ist wohl nicht nötig, aber mein Beitrag bezüglich der Originallektüre war nicht auf dich gemünzt.) Mit Blick auf den von dir eingestellten Auszug sehe ich für mich die Schwierigkeit, dass ich ihn zwar inhaltlich verstehe, aber nicht ausschließen kann, Untertöne zu übersehen. Frank Günther gibt in seiner Übersetzung von Romeo und Julia ein schlagendes Beispiel.


    Bei Shakespeare heißt es:
    Now will he sit under a medlar tree
    And wish his mistress were that kind of fruit
    As maids call medlars when they laugh alone.—
    O Romeo, that she were! Oh, that she were
    An open arse, and thou a poperin pear.


    Schlegel macht daraus:
    Nun sitzt er wohl an einen Baum gelehnt,
    Und wünscht, sein Liebchen wär’ die reife Frucht,
    Und fiel ihm in den Schoß. Doch, gute Nacht,
    Freund Romeo! Ich will ins Federbett,
    Das Feldbett ist zum Schlafen mir zu kalt.


    Schlegel übergeht dabei derbei Anzüglichkeiten. Medlar (=Mispelstrauch) bspw. ist gleichlautend mit meddler (Slangausdruck: "Vögler, Rammler") und die Frucht des zweiten Verses ist als Synonym für das weibliche Geschlecht zu lesen. Das open arse des fünften Verses bedarf wohl keiner wörtlichen Übersetzung, neben dieser offensichtlichen war open arse ein Slangausdruck aus dem vulgären ländlichen Dialekt für Mispelfrucht. Bezüglich der poperin pear weist Günther darauf hin, dass es sich um eine Birnensorte aus der flämischen Stadt Poperinghe handelt, die ihrer Form wegen als Metapher für ein erigiertes Glied herhalten musste. Wortspielend tritt hinzu, dass poperin wie "pop her in" klingt. :pfeif:


    Günther Vorschlag lautet:
    Nun sitzt er unter einem Zwetschgenbaum
    und träumt von seinem liebsten Früchtchen und
    von dem, was Mädchen kichernd "Pflaume" nennen;
    Ach Romeo, wär sie ein Vögelbeerbaum doch
    und du ihr Specht und hacktest froh dein Loch!


    Strano Sognator
    Die Volxbibel kannte ich noch nicht. Hab einen Blick in die Genesis geworfen. Soviel zum Thema "Schwarmintelligenz".
    Was den Grimmelshausen betrifft, sehe ich es einerseits ähnlich wie du, denke andererseits aber, dass wir uns an einer Bruchstelle befinden. Noch reicht eine gewisse Bereitschaft zum verstehen wollen aus, aber wie lange noch? Ähnlich wie bei mittelhochdeutschen Minneliedern wird dies einst nicht mehr genügen.

    Eine Originalversion ist nur dann von Vorteil, wenn man sie auch hundertprozentig versteht, das dürfte indes nur auf wenige zutreffen.


    Es ist in den letzten Jahren fast zur lästigen Gewohnheit geworden, dass, sobald man mit jemanden über fremdsprachige Literatur spricht, eingewandt wird, der Text sei im Original noch besser. Ich halte dies für kaum mehr als eine snobistisch affektierte Marotte, denn insofern man nicht annähernd über muttersprachliche Kenntnisse in der jeweiligen Sprache verfügt, ist die Lektüre einer Übersetzung vorzuziehen. Anzunehmen, die persönlichen Sprachkenntnisse befähigten einen, die vielen etwaiig enthaltenen Bedeutungsschichten und Konnotationen derart offen zu legen, wie es die Aufgabe guter Übersetzer ist, ist in der Majorität der Fälle schlicht überheblich (wenngleich es bei zeitgenössischer Trivialliteratur noch angehen mag). Im Falle Shakespeares steht neben der sprachlichen Distanz ja auch noch die zeitliche zur Disposition. Der Simpliccisimus von Grimmelshausen, in etwa ein Zeitgenosse Shakespeares, erschien vor Kurzem in einer modernen deutschen Übersetzung: Wenn also schon frühnochhochdeutsche Texte des besseren Verständnisses wegen einer Übersetzung bedürfen(?), dann darf doch der tatsächliche Gewinn der Shakespearelektüre im Original allgemein bezweifelt werden.

    Es wäre gut Bücher zu kaufen, wenn man die Zeit, sie zu lesen, mitkaufen könnte,
    aber man verwechselt meistens den Ankauf der Bücher mit dem Aneignen ihres Inhalts.


    Ob der gute Schopenhauer wohl nicht ähnliches über die Musikkonserve zu sagen gehabt hätte? Nun, jedenfalls sind folgende Tonträger in letzter Zeit bei mir eingetroffen und harren großteils ihres Gehörtwerdens.


    Die deutschen Übersetzungen sind schon teilweise sehr gelungen...


    Die bereits genannten Übersetzungen von Schlegel, Tieck und Wieland sind zwischenzeitlich ja selbst Klassiker. Ich erlaube mir aber, einen weiteren Übersetzer ins Feld zu führen: Frank Günther. Derzeit lese ich seine Neuübersetzung von Romeo und Julia und da schlackern einem die Ohren angesichts der heiteren Zoten und Zweideutigkeiten, die man in den klassischen Übersetzungen so nicht ausmachen kann. Für mich steht jetzt schon fest, dass ich weitere Übersetzungen Günthers lesen werde. Ihnen fehlt das Geschraubte, sie liefern den Originaltext gleich mit und Essays aus der "Übersetzerwerkstatt" veranschaulichen, welchen Herausforderungen sich ein Übersetzer stellen muss (Wer sagte noch gleich sinngemäß, dass Übersetzen immer auch Verrat sei?).

    Gerade auf 3sat den ersten Teil einer vierteiligen Dokumentation über den Ring gesehen (die weiteren Folgen laufen an den kommenden Samstagen jeweils um 20.15 Uhr). Ich bin hellauf begeistert von dieser klugen und sehenswerten Sendung, die mir wirklich einige interessante Einsichten gewährt hat. Verantwortlich dafür waren vor allem die unterhaltsamen Ausführungen von Stefan Mickisch, der es verstand, auch einem musikalischen Laien wir mir Sachverhalte näherzubringen und dem ich noch Stunden hätte zuhören können. (Wie ich sehe, tritt er auch live mit Gesprächskonzerten auf. Das wäre sicher eine Investition wert.)


    Außerdem kamen u.a. Dieter Borchmeyer und Elke Heidenreich zu Wort (auf letztere hätte ich verzichten können) sowie Christian Thielemann. Thielemann kenne ich weniger als Dirigenten (habe überhaupt keine seiner Einspielungen), dafür aber als Gesprächspartner Joachim Kaisers in Bezug auf die Sinfonien Beethovens und muss sagen, dass er mir auch in dieser Sendung mit dem, was er zu sagen hatte, äußerst sympathisch und kompetent erschien (wobei ich hoffe, dass er als Dirigent ein sichereres Händchen als bei der Wahl seiner Oberbekleidung hat; diese quergestreiften Pullover sind ja scheußlich. :stumm: )


    Zu sehen bekam man außerdem Ausschnitte aus Inszenierungen des Rings aus Valencia sowie von Kupfer und Chéreau, in dessen Inszenierung Heinz Zednik den Loge singt/spielt, ich aber immer das Gefühl habe, Otto Walkes zu sehen.


    Freue mich auf die nächsten Folgen der Dokumentation.

    Es gibt einige großorchestrale Werke, die ... nicht ideal zum Einstieg sind ... die Sinfonien von Brahms, Bruckner und Tschaikowsky

    Allein die Tatsache, dass Du "Brahms, Tschaikowsky, Bruckner" ohne Stocken in einem Atemzug nennen kannst, deutet darauf hin, dass es hier eher um eien Distanz zur Spätromantik überhaupt geht...


    Pauschalen Aussagen wie derjenigen Alfreds würde ich prinzipiell äußerst skeptisch begegnen. Doch in diesem Fall war ich von der Treffsicherheit verblüfft, denn die drei genannten Komponisten sind bei mir eher Stiefkinder, obwohl ich bereits wiederholt versuchte, dies zu ändern. Joseph II. hat mir in diesem Thread die 1. Brahms empfohlen. So recht gefunkt hat es nicht. Ähnliches gilt für Tschaikowsky (was nun an der sechsten so dolle sein soll, erschließt sich mir nicht) und Bruckner. Letzteren habe ich mit der Nullten, der Vierten, Fünften und Sechsten erprobt. Und auch wenn dies nur Beleg meines Unverständnisses ist, aber das Diktum, er habe neunmal die gleiche Sinfonie geschrieben, scheint mir nach dem bisher gehörten nachvollziehbar: Kennste eine, kennste alle. Besonders enervierend ist, dass Bruckner nicht vom Fleck kommt: Da geht's mit Druck voran (lauter Tonblock) - plötzlich stoppt's - leise geht's weiter (lyrischer Tonblock) - Wiederholung der Blöcke bis der Satz lang genug ist - Schluss.


    Ich hoffe, dass ich Bruckners Musik einst noch werden schätzen können. Bei Brahms zumindest ist der erste Schritt getan, denn das erste Klavierquartett ist wirklich ein unglaublicher Kracher.


    Übrigens, um den Bogen zu Alfreds These zu schlagen, alle drei genannten Komponisten habe ich schon im Konzert erlebt und war jeweils nicht wesentlich überzeugter. Insbesondere bei Bruckner 4. ging der Finalsatz gefühlte vier Stunden. :pfeif: