Beiträge von Peter Schünemann

    Zu Norbert Orth kann ich etwas aus eigenem Erleben beisteuern, bitte aber zu bedenken, dass meine Eindrücke aus der Zeit stammen, in der er sich aufmachte, das jugendlich-dramatische Tenorfach zu erobern. Anfang 1984 hörte ich ihn in Hamburg als stimmschönen und -starken Pedrillo, im Sommer desselben Jahres in Bayreuth als Loge, der mich weniger überzeugte, da ich ihn "als weder Fisch noch Fleisch" empfand, also nicht mehr der Spieltenor, der er lange nicht mehr war, noch nicht der Wagner-Held (z.B. Tannhäuser in Lübeck) - selbst für die günstigen akustischen Verhältnisse des Bayreuther Festspielhauses zu wenig Volumen.

    Das hatte sich offenbar noch nicht geändert, als Norbert Orth 1986 für den absagenden James King in Hamburg als Parsifal einsprang. Positiv : gute Diktion, gefälliges Spiel. Negativ : fehlendes Volumen versuchte er, durch Abdunkeln und künstliches Verbreitern der Mittellage zu erreichen, so dass er am Ende des 2. Aktes mit seiner Kraft am Ende war und den ihm eigentlich gut liegen müssenden Karfreitagszauber nur mit Mühe bewältigte. Fazit : derzeit wäre Tamino die richtige Rolle!

    1987 erlebte ich ihn dann als Tristan in Lübeck, zumindest 2 Akte lang, denn zusammen mit dem Herausgeber eines Hamburger Opernmagazins verließ ich danach die Vorstellung, was diesen jedoch nicht daran hinderte, die gesamte Aufführung in seiner Publikation zu rezensieren (selbsterständlich ohne Vermerk, dass diese sich nur auf die gehörten 2 Akte bezog!!!).

    Ich hoffe diejenigen, die Norbert Orth positiv in Erinnerung haben, durch meine kritischen Hinweise nicht vor den Kopf gestoßen haben. Ich sage noch einmal : Ich habe Orth nur am Anfang seines Fachwechsels gehört, kann also nicht sagen, wie er sich danach entwickelt hat.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    12. Mai 2021


    1948 – 73. Geburtstag von Doris Soffel (Sängerin)


    1950 – 71. Geburtstag von Stella Kleindienst (Sängerin)

    Am heutigen 12. Mai denke ich an zwei Sängerinnen, die ich nicht nur auf der Bühne erleben, sondern auch privat kennenlernen durfte : die Sopranistin STELLA KLEINDIENST, die heute 71 Jahre alt geworden wäre (sie starb 2019) und die Mezzosopranistin DORIS SOFFEL, die heute ihren 73. Geburtstag feiert.


    In Bonn aufgewachsen, ging Stella Kleindienst nach Köln, um an der dortigen Musikhochschule bei Josef Metternich zu studieren und war ab 1979 2 Jahre Mitglied des Opernstudios der Kölner Oper. Ab 1981 ging sie ins Festengagement am Bremer Opernhaus, wo sie mir 1982 als „Meistersinger“-Evchen erstmals auffiel. Sie war der Grund, dass ich in den Folgejahren dieses Opernhaus mehrfach besuchte und Stella Kleindienst dort u.a. als Antonia, Liù, Annio und Agathe (Regie Rudolf Noelte) hörte. Ihre Tatjana unter der Regie von Johannes Schaaf hatte mich nicht nur durch ihre Stimme, sondern vor allem durch ihre darstellerische Intensität berührt, dass ich mir diese Aufführung 1983 gleich mehrere Male ansah. Diese Produktion war ein Wendepunkt im Leben der Künstlerin. Stella Kleindienst und Johannes Schaaf, die beide gebunden waren (sie war mit einem Bonner Kantor verheiratet, er lebte mit der Schauspielerin Rosemarie Fendel zusammen), verliebten sich ineinander, verließen den bisherigen Partner und heirateten. Fortan war Stella Kleindienst die inspirierende Muse des Regisseurs, der sie nun in vielen seiner Inszenierungen einsetzte : Marzelline in Genf, Agathe in Berlin, Cherubino in London und Hamburg, später Ariadne-Komponist in Essen, um nur einige Stationen der gemeinsamen Arbeit zu nennen. Sie war dann einige Jahre im Festengagement in Stuttgart. Ich begegnete ihr zum letzten Mal, als sie 2005 mit Johannes Schaaf nach Mikkeli kam, der neue Projekte mit Valery Gergiev besprechen wollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihre Gesangskarriere offenbar schon auslaufen lassen.





    Doris Soffel dagegen kann heute auf eine über 50jährige Karriere zurückblicken. 1972 war sie vom damaligen Operndirektor der Württemberischen Staatsoper, Wolfgang Windgassen, der bei einem Gesangswettbewerb in der Jury saß, an dieses Opernhaus berufen. Erste kleine Partien waren der Hirt in Tosca, Inez, Suzuki, Maddalena, Preziosilla, aber immerhin schon 1976 mit der Eboli ein erster Einbruch ins dramatische Mezzofach. Daneben gastierte Doris Soffel viel, sang ihre erste Carmen in Kaiserslautern (Don José war Manfred Jung) und wurde zu Gastspielen in Bregenz und Salzburg (1978 Annina im „Rosenkavalier“) eingeladen. Anfangs schien es so, dass sie sich zu einer Spezialistin für Mezzopartien des Belcantofachs entwickelte. Nach einer konzertanten „Norma“ in Stockholm mit Joan Sutherland in der Titelpartie war Doris Soffel von dieser nach London zu einem Konzert anlässlich ihres 30. Bühnenjubiläums in Covent Garden eingeladen worden, bei dem sie sich mit Arien aus „Barbiere“ und „Lucrezia Borgia“ sowie Duetten mit Sutherland aus „Norma“ und „Semiramide“ präsentierte.

    Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon Wagner gesungen, war 1977/78 in Basel Fricka, die sie 1983 im Bayreuther Solti/Hall-„Ring“ wiederholte. Zahlreicher jedoch als ihre Opernauftritte waren ihre Konzertverpflichtungen, die ihr ermöglichten, neben der Oper ein zweites Standbein zu haben, das ihr ermöglichte, zu frühe Ûbernahme von Partien wie Ortrud und Kundry abzulehnen. Dieser wohl überlegte Aufbau ihrer Karriere zahlt sich heute aus, wo sie sich erfolgreich Rollen im dramatischen Fach erobert hat : Klytämnestra, Herodias, Amme, Mme de Croissy, um nur einige zu nennen, in denen Doris Soffel auf der Bühne steht und mit starker Persönlichkeit imponiert.












    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Ich habe Ghena Dimitrova nie auf der Bühne gehört, begegnete ihr aber, als sie 2004 in St. Petersburg Jurymitglied beim Rimsky-Korsakov-Gesangswettbewerb war. Besonders gern erinnere ich mich an ihre Antwort auf die Frage, was sie erwartete. Sinngemäß sagte sie, sie erwartete, dass eine Stimme sie aufhorchen ließe, eine Erwartungshaltung, die auch meiner als Zuhörer entsprach.

    Dieser Wettbewerb stand unter der Leitung der Gergiev-Schwester Larisa Gergieva, die die bulgarische Künstlerin einlud, bei der Mariinsky-Sommer-Akademie im finnischen Mikkeli 2005 eine Meisterklasse zu geben. Leider kam es nicht mehr dazu. Ghena Dimitrova war am 11. Juni 2005 in Mailand verstorben.

    3. Mai 2021


    1917 – 104. Geburtstag von Nadja Afejan (Sängerin)

    Heute vor 104 Jahren wurde die bulgarische Mezzosopranistin Nadja Afejan in Varna geboren. Nach ihrem Studium in Sofia, aber auch 1944/45 in Berlin und Wien, debütierte sie 1947 als Azucena an der Nationaloper von Sofia und blieb für mehr als 25 Jahre Mitglied dieses Hauses.


    Eine umfangreiche Gastspieltätigkeit brachte Nadja Afejan auch an die Deutsche Staatsoper Berlin, mit der seit 1961 ein Gastvertrag bestand. Ich erinnere mich, sie bei einem meiner Besuche im damaligen Ost-Berlin dort am 9. Dezember 1965 im Rahmen einer denkwürdigen "Don Carlos"-Aufführung gehört zu haben, denkwürdig deshalb, weil sie "multi-lingual" war. Nadja Afejan und ihre bulgarischen Kollegen Julia Wiener und Ljubomir Bodurov sangen ihren Part bulgarisch, der rumänische Posa Nicolae Herlea italienisch und der "Rest" (darunter Theo Adam als Philipp und Rolf Kühne als Großinquisitor) deutsch.


    Nadja Afejan starb am 27. September 2000 in Melbourne.



    Peter Schünemann

    Am gestrigen 2. Mai beging der russische Pult-Zar Valery Gergiev seinen Geburtstag, in Moskau, also in der Stadt, in der er als Sohn ossetischer Eltern vor 68 Jahren geboren wurde. Wie es sich für einen Workoholic wie Gergiev gehört, "feierte" er dieses Ereignis, indem er in der erst 2018 eröffneten Zaryadye-Konzerthalle gleich zwei Konzerte dirigierte : nachmittags ein Mozart-Klavierkonzert und Bruckners monumentale 8. Sinfonie und abends Debussy, Rachmaninoff und Prokofiev, beide Male mit Daniil Trifonov als Solisten.


    Diese Konzerte waren Teil des Moskauer Oster-Festivals, das seinen Namen davon hat, weil einige Konzerte "auch" in Moskau stattfinden, ansonsten bereisen Gergiev und sein Mariinsky-Orchester ganz Russland : in 27 Tagen 38 Konzerte in 25 Städten (!!!), also bis zu 3 Konzerte pro Tag. Für diese Sightseeingstour à la Mariinsky ist extra ein Sonderzug gechartert worden, zu dem sogar ein den Proben vorbehaltener Waggon gehört. Während auf der englischen Homepage dieses Festivals nichts steht, kann man der russischen Seite zumindest nach dem Konzert die Werke entnehmen, die gespielt wurden. Mit Ausnahme des Geigers Vadim Repin trat in den Konzerten bis heute der Pianist Daniil Trifonov auf, der Konzerte von Brahms, Schumann, Mozart, Shostakovich, Rachmaninoff und Tchaikovsky spielte.


    Wie es auf einer solchen Tour zugeht, davon zeugt dieser Film anschaulich :



    Sehenswert auch dieses Gergiev-Porträt mit einem sehr bezeichnenden Titel : "You cannot start without me"



    S dnyom rozhdeniya, Maestro. Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    2. Mai 2021


    2015 – 6. Todestag von Maja Plissezkaja / Maya Plisetskaya (Tänzerin und Choreografin)


    Die legendäre russische Primaballeria Maya Plisetskaya verstarb heute vor 6 Jahren im Alter von 89 Jahren. Obwohl ein ballettbegeistertes finnisches Unternehmerehepaar in Mikkeli Mitte der 90er Jahre mit dem sog. Imperial Russian Ballet ein Ballett-Festival initiiert hatte, bei dem Maya Plisetskaya als Attraktion fungierte, erlebte ich sie nie auf der Bühne. Wohl aber "erlebte" ich sie mehrfach, wenn sie Aufführungen im (historischen) Mariinsky-Theater besuchte und das Publikum sich bei ihrem Eintreffen in der Zaren-Loge erhob und sie die Huldigungen wie eine Königin entgegen nahm. Eine "Königin des Tanzes", das war Maya Plisetskaya.






    Und hier Maya Plisetskaya in dem Ballett, zu dem ihr Mann Rodion Shchedrin die Musik komponiert hatte - Carmen-Suite, nach Bizets Musik




    '



    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    2. Mai 2021


    1953 – 68. Geburtstag von Waleri Gergijew / Valery Gergiev (Dirigent)

    Das sog. Moskauer Oster-Festival, das im vergangenen Jahr wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden musste, findet zur Zeit statt. Valery Gergiev und das Sinfonieorchester des Mariinsky-Theaters geben in 27 Tagen 38 Konzerte in 25 Städten (!), d. h. an manchen Tagen 3 Konzerte. Das gibt Gergiev Gelegenheit, am heutigen 2. Mai seinen Geburtstag in der Stadt zu feiern, in der er vor 68 Jahren geboren wurde, in Moskau - wie es sich für einen derart rastlosen Künstler gehört gleich mit 2 Konzerten. S dnyom rozhdeniya, Maestro!


    Für diese "Sightseeingstour" durch Russland wurde extra ein Sonderzug gechartert; für Proben steht ein eigener Waggon zur Verfügung. Auf der (russischen) Homepage dieses Festivals kann man sogar das Programm der Konzerte lesen - allerdings erst, nachdem diese stattgefunden haben. Diesmal ist auch ein Künstler wie Daniil Trifonov dabei, der bisher Klavierkonzerte von Tchaikovsky, Schumann, Mozart und Shostakovich gespielt hat.


    Einige You Tube-Videos geben recht gut Aufschluss über diesen so sehr polarisierenden Dirigenten. Pikanterweise hat das erste den Titel "You cannot start without me". Man könnte annehmen, dass dieser Titel auf den notorisch unpünktlichen Gergiev hinweist.




    Auch Gergievs "Dirigierstil" ist häufig Thema von Diskussionen oder - wie hier - von Persiflagen.



    Valery Gergiev ist ein leidenschaftlicher Fußball-Fan, der diese Sportart früher selber ausgeübt hatte und z. B. bei seinem Festival im finnischen Mikkeli ein seit 1997 regelmäßig ausgetragenes Spiel zwischen seinem Mariinsky-Team und dem aus Mikkeli angeregt hatte. Anfangs spielte er noch selber mit, bis er sich einen Fuß verletzte. Er hatte bei durch Regen nassem Rasen mit normalen Straßenschuhen gespielt und war ausgerutscht. Abends trug er zum konzertanten "Ballo in maschera" Strandsandalen! Hier kommentiert Gergievs Freund, der Pianist Denis Matsuev (ebenfalls ein Fußball-Fan), für seinen Blog ein Spiel in Mikkeli, bei dem auf Seiten der russischen Gäste auch ein gewisser Ildar Abdrazakov mitspielt (abends hatte er Attila zu singen!).



    Es gibt diverse offizielle Aufnahmen, dirigiert von Valery Gergiev. Ich hatte Gelegenheit, ihn seit 1989 unzählige Male "live" zu erleben, ein Erlebnis, das ich in keiner der Einspielungen, so gut sie auch sein mögen, wiederfinde. Deshalb habe ich bewusst auch einige Boxen mit "Live"-Aufnahmen gewählt.













    Beste Grüße aus Mikkeli, wo (eigentlich) Anfang Juli das 30. Mikkeli Music Festival mit Valery Gergiev stattfinden sollte. Ein Programm ist bis heute noch nicht veröffentlicht......


    Peter Schünemann

    29. April 2021


    1991 – 30. Geburtstag von Sofia Kiprskaya (Harfe)

    Wenn eine Harfenistin im Rahmen eines Gastspiels ihres Orchesters in New York in der Carnegie Hall ein Solo-Recital gibt, so sagt dies sehr viel über ihre Qualität und ihren Ruf aus. Die Rede ist von der Mariinsky-Harfenistin Sofia Kiprskaya, die heute ihren 30. Geburtstag feiert - wenn ich mich nicht täusche bei einem Konzert, das ihr Orchester beim sog. Moskauer Oster-Festival gibt, bei dem Valery Gergievs Truppe vom 22. April bis 18. Mai ganz Russland bereist, mit bis zu 3 Konzerten (!) pro Tag. Heute ist Tyumen dran.


    Sofia Kiprskaya begann im zarten Alter von 5 Jahren mit dem Musikstudium, das sie am St. Petersburger Rimsky-Korsakov-Konservatorium abschloss und bereits mit 17 Jahren Mitglied des Mariinsky-Orchesters wurde, dessen Leiterin der Harfen-Sektion sie seit 2011 ist. Sie gewann zahlreiche Wettbewerbe und gab weltweit Solo-Konzerte. Ihr zu Ehren wurde 2017 in St. Petersburg das internationale Harfen-Festival "Northern Lyre" gegründet, das seit dem jedes Jahr ausgetragen wird.


    Auch an Valery Gergievs Festival im finnischen Mikkeli nahm sie teil, nicht nur als Part des Orchesters oder als Solistin, sondern auch mit 2 Solo-Recitals. Interessant, wie das zweite (im Jahre 2018) zustande kam. 2015 war Yoko Nagae Ceschina gestorben, eine der wichtigsten Sponsorinnen des Mariinsky-Theaters. Die gebürtige Japanerin war Harfenistin und traf in Italien auf einen 25 Jahre älteren Millionär, Graf Ceschina, der sie heiratete, aber schon wenige Jahre darauf verstarb. Er hinterließ der Witwe ein enormes Erbe, das sie dafür benutzte, Künstler zu unterstützen, darunter Valery Gergiev und das Mariinsky-Theater sowie ihre "Kollegin" Sofia Kiprskaya. Verständlich also, dass diese ihr Konzert in Mikkeli 2018 der verstorbenen Gönnerin widmen wollte, bei dem sie mit einer Gruppe von ca. 10 Kollegen auftreten wollte. Für Mikkeli war jedoch die Gage das Problem, denn bei diesem Festival, das so auf die Person Valery Gergievs fokussiert war, "rechneten" sich nicht von diesem dirigierte Konzerte nicht. Für solche Konzerte könne man maximal 2000 € als Gage "ausschütten". Antwort Sofia Kiprskayas : Kein Problem! Wenn das Festival jedem der 10 Künstler 100 € in bar geben würde, sei man zufrieden. Man käme nicht wegen des Geldes, sondern wolle Musik machen!!!!!


    Zum Glück finden sich auf YouTube einige Videos, die die große Kunst dieser jungen Künstlerin zeigen. Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag.









    Beste Grüße aus Finnland,


    Peter Schünemann

    28. April 2021


    1949 – 72. Geburtstag von Gennadi Bessubenkow / Gennady Bezzubenkov (Sänger)


    Der russische Bass Gennady Bezzubenkov, der aus der Oblast Uljanowsk stammt, wurde am Leningrader Rimsky-Korsakow-Konservatorium ausgebildet. In der Newa-Metropole, dem heutigen St. Petersburg, ist er noch immer künstlerisch beheimatet: Seit 1989 gehört er dem Ensemble des Mariinsky-Theaters an, mit dem er in ganz Europa und den USA gastierte. Darüber hinaus wurde Bezzubenkov als Solist ans Londoner Royal Opera House, an die Mailänder Scala, die New Yorker Metropolitan Opera, die Los Angeles Opera und das Teatro La Fenice in Venedig eingeladen. Sein Repertoire umfasst mehr als sechzig Rollen, vom Komtur im Don Giovanni über das russische Fach bis zum Gurnemanz im Parsifal.


    Beim ersten Gastspiel des damaligen Kirov-Theaters 1989 in Hamburg (im Rahmen des Schleswig-Holstein Musikfestivals) war auch Gennady Bezzubenkov dabei. In der doppelt besetzten "Khovanshchina" wurde ihm gleich mit Ivan Khovansky eine der Hauptrollen anvertraut. In den folgenden Jahren hatte ich oftmals Gelegenheit, ihn im Rahmen von Gastspielen des Mariinsky-Ensembles zu hören, immer bot er eine eindrucksvolle Leistung, ob in kleineren Rollen wie als "Aida"-König oder in Hauptpartien wie 1997 als schönstimmiger und wortverständlicher (!) Gurnemanz im "Parsifal", für den er mit zwei prestigereichen Theaterpreisen in St. Petersburg ausgezeichnet wurde. Hatte man sich erst einmal an Bezzubenkovs sehr individuelle Tongebung gewöhnt (anfangs klang es so, als würde er in eine Gießkanne singen), bot er in allen seinen Partien, ob groß oder klein, eine stets zuverlässige Leistung und ist auch heute noch in jeder Aufführung des Mariinsky-Theaters eine sichere Bank. Sein Repertoire umfasst mehr als 60 Rollen, und wenn man bedenkt, dass russische Sänger seines Jahrgangs normalerweise Probleme mit der deutschen Diktion haben, kann man es schon als Auszeichnung werten, dass das Savonlinna-Opernfestival ihm 1998 den "Tannhäuser"-Landgrafen anvertraute. Noch heute, im Alter von nunmehr 72 Jahren, ist Gennady Bezzubenkov nicht aus dem Ensemble des Mariinsky-Theaters wegzudenken. Ad multos annos!












    Ich hatte das Glück, Christa Ludwig relativ häufig (für jemanden, der nicht in Wien lebte) zu hören. Es fing an mit einem Verdi-Requiem 1961 in Hamburg, dort auch mit einem weiteren Konzert unter Hans Schmidt-Isserstedt (an das Programm erinnere ich mich nicht), sodann 1963 mit einem unvergesslichen Höhepunkt, einem Wagner-Konzert unter Hans Knappertsbusch, in dem sie die Schlussgesänge aus "Götterdämmerung" und "Tristan und Isolde" sang. Besonders ihre Brünnhilde war mit ihrem Mezzosopran, der jedoch auch in den Höhen keinerlei Schwierigkeiten hatte, ein Traum. Dagegen hatte ich das Gefühl, dass ihr Isoldes Liebestod nicht so gut lag, darin vergleichbar mit Waltraud Meier bei ihren ersten Versuchen mit dieser Rolle. Von "Kna" erntete sie ein großes Kompliment. Auf seinem Stuhl hinter der Bühne sitzend, ließ er Christa Ludwig den Beifall allein entgegennehmen und sagte zu ihr : "Gnädige Frau, so gut wie heute sind Sie aber auch nicht jeden Abend!" Von jemandem wie "Kna", der nicht zimperlich darin war, auch Künstlerinnen mit Schimpfwörtern zu belegen, wenn er mit deren Leistung nicht zufrieden war, kam dies einem Ritterschlag gleich.


    ">

    Nach einem Konzert in Berlin 1966 (Foto : Peter Schünemann)


    Auf einen Liederabend in Berlin folgten Opernbesuche in Wien, bei denen ich Christa Ludwig als Lady Macbeth, Marschallin, Clairon erlebte - unvergessliche Erlebnisse.

    Nachdem sie klugerweise ihre Ambitionen auf eine Karriere als hochdramatischer Sopran aufgegeben hatte, sang sie in Hamburg neben solchen Partnern wie Ghiaurov und Talvela die Marfa in Mussorgskys "Khovanshchina", und ich wurde nicht ganz glücklich mit dieser Leistung, denn ich hatte das Gefühl, dass dieser Wechsel von höher gelegenen Sopranpartien zu einer Rolle, die ein ausgeprägtes Alt-Register erfordert, zu abrupt kam.


    1993 hatte ich noch das Glück, bei ihrem Liederabend, der einen Abschied von Salzburg bedeutete, dabei sein zu können.

    Wenn ich an ihre Fidelio-Leonore, ihre Brünnhilde unter Knappertsbusch und an die Strauss-Aufnahme denke, auf der sie traumhaft schön u. a. Elektra und Färberin sang, ist es natürlich bedauerlich, dass sie dieses Fach nicht weiter verfolgte. Der stimmlichen Gesundheit und einer langen und erfolgreichen Karriere war es nur förderlich, dass sie die Konsequenzen zog und zu ihren Mezzopartien zurückkehrte.


    Beste Grüße aus Finnland,

    Peter Schünemann

    26. April 2021


    1954 – 67. Geburtstag von Nikolai Putilin (Sänger)

    Heute feiert der russische Bariton Nikolai Putilin seinen 67. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!


    Geboren in Saratov, in der Volga-Region, studierte Putilin von 1978 bis 1983 in Krasnoyarsk, ging dann für zwei Spielzeiten an das Theater von Syktyvkar, wo er vornehmlich Operettenrollen sang (u.a. Danilo), bevor er sich für die nächsten sieben Jahre dem Ensemble des Opernhauses von Kazan anschloss. Dort sang er die großen Baritonpartien des russischen Repertoires (Dämon, Fürst Igor, Zarenbraut, Pique Dame), aber auch in italienischen Opern (Rigoletto, La Traviata, Otello).


    Nach dem Zusammenbruch der Sowjet-Union war das St. Petersburger Mariinsky-Theater unter Valery Gergiev gezwungen, für Blutauffrischung zu sorgen, auch im Baritonfach. Verdienstvolle Sänger aus der Ära seines Vorgängers Yuri Temirkanovs begannen, dem Alter Tribut zu zollen, ein Star-Bariton wie Sergey Leiferkus hatte schon zu Sowjetzeiten eine Karriere außerhalb des Landes, und andere wie Valery Alexeev folgten dem Lockruf westlicher Währungen. Das war die große Chance für Nikolai Putilin, der 1992 an das Mariinsky-Theater verpflichtet wurde. Ich hörte ihn sogleich bei Gastspielen dieses Instituts im westlichen Ausland : 1993/94 in Amsterdam (Fedor Poyarok in "Kitezh", Amonasro), 1994 Fedor Poyarok in Hamburg, 1995/96 in Finnland als Scarpia, Mazeppa, Jago und lernte in ihm ein reich timbrierten und klangschönen Bariton kennen, wie geschaffen für italienische Baritonpartien. 1994 hatte er bei Gergievs Festival im finnischen Mikkeli den Mozart'schen Figaro gesungen; seine Susanna war eine junge Anfängerin - Anna Netrebko.


    Putilin wurde für viele Aufnahmen des Mariinsky-Theaters herangezogen und auch von Gergiev zu Gastspielen des Theaters im Ausland mitgenommen, auf die Einladungen unabhängig vom Mariinsky folgten. Man sollte annehmen, dass es für eine solche Stimme wie die von Putilin ein reiches Betätigungsfeld in St. Petersburg gäbe - innerhalb der Möglichkeiten und Grenzen seiner Stimme. Entweder war der Ehrgeiz der Verantwortlichen am Theater zu groß oder Putilins Neigung, Nein zu sagen, nicht genug ausgeprägt. Jedenfalls wurden ihm Partien anvertraut, die er zwar bewältigte, aber nur unter Verdickung des Klangbildes, durch offene Stimmführung, um mehr Volumen zu erzeugen. Davon waren besonders Rollen des dramatischeren Baritonsfachs in deutschsprachigen Opern betroffen, worunter die Diktion spürbar litt, aber mit der Zeit wurde auch stimmliche Ûberforderung hörbar. Jochanaan, Fliegender Holländer, Klingsor, Rheingold-Wotan, später auch Alberich - alles Partien, um die er besser einen Bogen gemacht hätte. Nach dem Prinzip "Ex und Hopp" wird Putilin heute nur noch vereinzelt angesetzt, und "seine" Partien im russischen und italienischen Repertoire singen die Mariinsky-Eigengewächse Alexei Markov, Vladislav Sulimsky sowie die neu engagierte Roman Burdenko. Das Ganze nennt sich dann Ensemblepflege.


    Die von mir monierte schlechte Diktion wird besonders in dieser Aufnahme evident :








    Zum Schluss Putilin 1991, bevor er ans Mariinsky kam :




    Beste Grüße aus Finland


    Peter Schünemann

    25. April 2021


    1918 – 103. Geburtstag von Astrid Varnay (Sängerin)

    Glücklicherweise habe ich Astrid Varnay mehrfach (doch leider nicht oft genug) erlebt - zwischen 1960 und 1991 in Bayreuth (Ortrud, Brünnhilde, Kundry), Hamburg (Brünnhilde, Klytämnestra), Kiel (Isolde) und München (Amme in "Boris Godunov").


    ">

    Bayreuth 1964 (Foto : Peter Schünemann)


    Ich schreibe bewusst "erlebt", denn sie teilte mit Kollegen wie Windgassen, Hotter, Adam etc. das Schicksal, dass der Höreindruck von Aufnahmen, zumal von Studioeinspielungen, nicht immer zu einem positiven Ergebnis führte. So habe auch ich gewisse vokale Defizite wie eine sich zunehmend steigernde Höhenschärfe wahrgenommen, doch kamen diese mir insgesamt zweitrangig vor gegenüber einer die Bühne beherrschenden Persönlichkeitsstärke, die auch ihr Zusammenspiel mit kongenialen Partnern zum Erlebnis werden ließ. Leider habe ich ihre Elektra nie erlebt.


    ">

    München 1991 (Foto : Schünemann)


    Von ihrer Ortrud 1960 in Bayreuth bis zu ihrer "Boris"-Amme 1991 in München spannte sich ein weiter Bogen von unvergesslichen Vorstellungen. Der "Boris"-Regisseur Johannes Schaaf sprach einmal davon, dass für ihn Arien in Mozart-Opern in Wahrheit Duette wären, bei denen der eine Partner singt und der andere "tacet" in den Noten stehen hat. Ähnlich dem Wotan-Monolog im 2. Aufzug der "Walküre", in dem dieser Zwiesprache mit seiner Tochter hält, inszenierte Schaaf die Halluziationsszene im "Boris" so, dass dieser seine Ängste der stumm zuhörenden Amme verrät, die durch Varnays packendes Spiel zu einem bewegenden Höhepunkt der Aufführung wurde. Momente dieser Art sind mir aus allen mit Astrid Varnay erlebten Vorstellungen erinnerlich.


    Heute vor 103 Jahren wurde Astrid Varnay geboren. Sie starb 2006 im Alter von 88 Jahren. Ich möchte an sie mit einigen mir wichtigen Rollen und Aufnahmen erinnern.



    In der folgenden Aufnahme hörte ich Astrid Varnay zum ersten Mal, allerdings in der Generalprobe :




    Ihre erste "Götterdämmerungs"-Brünnhilde bei den Bayreuther Festspielen 1951 :









    Beste Grüße aus Finnland,


    Peter Schünemann

    23. April 2021


    1891 – 130. Geburtstag von Sergej Prokofjew (Komponist und Pianist)

    Dem russischen Komponisten Sergey Prokofiev, der vor 130 Jahren geboren wurde, im Rahmen dieses Gedenkbeitrags gerecht zu werden, erscheint mir unmöglich. Deshalb möchte ich mich auf das beschränken, was dieser Komponist für mich bedeutet.


    Natürlich war ich als Schüler mit der Symphonie classique in Berührung gekommen, doch ansonsten konnte ich Prokofiev nicht viel abgewinnen. Selbst eine so gelungene Inszenierung von der "Liebe zu den 3 Orangen" in den 60er Jahren in Hamburg (mit Erwin Wohlfahrt und Gerhard Unger) brachte mich nicht dazu, meine Meinung zu ändern. Dies geschah erst durch die Begegnung mit Valery Gergiev, zu dessen Lieblingskomponisten Sergey Prokofiev gehört. Wer einen Einstieg sucht, dem kann ich diese Box nur empfehlen. Sie enthält sämtliche Sinfonien und Konzerte dazu noch diverse Extras.



    Meine Begeisterung für den Opernkomponisten begann 1990 mit einer konzertanten Aufführung von "Krieg und Frieden" in Hamburg, drei Jahre später ebenfalls konzertant "Der feurige Engel", und mit Ausnahme von "Semyon Kotko" hörte ich alle Opern, dirigiert von Gergiev, "live", die in dieser Box vorhanden sind.



    Mein Einstieg zu den Klavierkonzerten begann mit dem dritten, doch in der Zwischenzeit ging meine Faszination über zu dem zweiten, besonders in der Interpretation des georgischen Pianisten Alexander Toradze mit seinem Freund Valery Gergiev. Wann immer ich es mit Toradze hörte (und das war oft, denn er hat ein nur schmales Repertoire), hatte ich das Gefühl, er sei Schöpfer dieses Klavierkonzerts, nicht der Nach-Schöpfer.





    Diese 3 Videos sind ein Muss für jeden an Prokofiev Interessierten, besonders wegen dreier herausragender Interpretationen : Alexander Toradze mit dem 2. Klavierkonzert, Galina Gorchakova im "Feurigen Engel" und Vladimir Galouzine im "Spieler".


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    23. April 2021


    1940 – 81. Geburtstag von Bulat Minzhilkiev (Sänger)

    Bulat Minzhilkiev, der kirgisische Schaljapin, wie Valery Gergiev ihn einmal nannte, wurde am heutigen 23. April vor nunmehr 81 Jahren geboren. Er starb am 16. August 1997 in St. Petersburg im Alter von nur 57 Jahren. Zwei Wochen vor seinem Tode hatte ich ihn noch als „Parsifal“-Titurel beim Gastspiel des Mariinsky-Theaters in Savonlinna gehört. Erstmalig begegnet war ich ihm 1989 beim ersten Auftreten des damaligen Kirov-Theaters in Hamburg. Auf dem Programm standen Mussorgskys „Boris Godunov“ und „Khovanshchina“. Fast alle Partien waren doppelt besetzt, und Minzhilkiev beeindruckte mich schon damals mit seinem ungestümen Organ voller Wildheit als Boris und Ivan Khovansky. Später erlebte ich ihn noch bei weiteren Gastspielen in den Niederlanden (Bedyay in „Kitezh“) und Finnland (Boris in „Katerina Izmailova“, Kochubey in „Mazeppa“ und Lodovico in „Otello“).


    ">

    Bulat Minzhilkiev als Ivan Khovansky, Hamburg 1989 (Foto : Peter Schünemann)


    Nachdem Minzhilkiev 1966 am Kirgisischen Opern- und Balletttheater debütiert hatte, studierte er wie viele seiner sowjetischen Kollegen von 1968 bis 1971 an der Mailänder Scala. Er gastierte danach an vielen Opernhäusern im Ausland, inszenierte an seiner Heimatbühne „La Bohème“ und unterrichtete Gesang. Erst relativ spät, 1989, (laut Mariinsky in den frühen 1980ern) wurde er Solist am Leningrader Kirov-Theater und sang dort alle Hauptpartien seines Fachs - Boris, Ivan Khovansky, Konchak, aber auch die Inquisitoren in „Don Carlo“ und im „Feurigen Engel“ sowie Méphistophélès. Daneben war er Abgeordneter des Obersten Sowjets der UdSSR und unterrichtete am St. Petersburger Rimsky-Korsakov-Konservatorium. Zu seinen Schülern gehörten Yevgeny Nikitin und Mikhail Petrenko. Zu seinem 60. Geburtstag ehrte ihn die Post von Kirgistan mit einer Briefmarke.



    Wie bei vielen seiner sowjetischen Kollegen war auch Minzhilkievs Stimme in der Höhe ungemein expansionsfähig, was ihm erlaubte, relativ hoch liegende Rollen wie Escamillo oder Tomsky zu singen. Darin gleicht ihm sein Nachfolger am Mariinsky-Theater, Vladimir Vaneyev, der u.a. Partien wie Rigoletto und Barak in seinem Repertoire hat. Einen guten Eindruck von Minzhilkievs Urwüchsigkeit und von seiner Vielseitigkeit erhält man durch dieses Video des sowjetischen Fernsehens.
















    Beste Grüße aus Finland


    Peter Schünemann

    21. April 2021


    2018 – 3. Todestag von Huguette Tourangeau (Sängerin)

    Als es 1969 zu einer spektakulär besetzten Premiere von Händels "Julius Caesar" an der Hamburgischen Staatsoper kam, stand nicht nur die erstmalig dort auftretende La Stupenda Joan Sutherland im Mittelpunkt der Ovationen, sondern eine bis dato unbekannte kanadische Mezzospranistin in der Titelpartie - Huguette Tourangeau. In der Tat hatte sie eine ungewöhnliche Stimme: sehr apart-sinnlich dunkel timbriert, durch die Betonung des Brustregisters klang dieser Caesar fast wie ein weiblicher Bariton. Zwei Jahre später stand sie in der Inszenierung Regina Resniks als Carmen erneut auf der Hamburger Bühne, doch ich erinnere mich mehr an ihre rassige Erscheinung als an ihre stimmliche Leistung. Wahrscheinlich konnte Huguette Tourangeau das, was sie so speziell machte, mehr als Barock- und Belcantosängerin einbringen.


    Sie war eine Entdeckung des Dirigenten Richard Bonynge, so dass es nicht überraschend kam, dass sie zunächst im Gefolge von dessen Ehefrau Joan Sutherland auftrat bzw. aufnahm. Viele Einspielungen zeugen von dieser Kombination. Zwar fehlen mir genaue Angaben, doch scheit sie eine relativ kurze Karriere gehabt zu haben, die sie jedoch bis an die MET (u.a. Zerlina) geführt hatte. Bereits 1984 begann Huguette Tourangeau, Gesang zu unterrichten. Sie starb mit fast 80 Jahren im heimischen Montréal.




    Dieses Video dokumentiert die Resnik-Carmen-Produktion in Hamburg 1971, u.a. mit Tourangeau und Domingo.







    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    20. April 2021


    1904 – 117. Geburtstag von Georgi Nelepp (Sänger)

    In einem Kulturforum, in dem politische Themen ausgespart werden sollen, über den sowjetischen Tenor Georgy Nelepp zu schreiben, könnte leicht dazu führen, sich die Finger zu verbrennen. Um das zu vermeiden, möchte ich mich auf einige Fakten beschränken und mich einer (politischen) Bewertung enthalten.

    Nelepp wurde heute vor 117 Jahren geboren und schloss sich zu Beginn der Russischen Revolution (also offensichtlich noch im Teenager-Alter) der Roten Armee an, wurde Mitglied der Kommunistischen Partei und blieb es (u.a. als Partei-Sekretär im Moskauer Bolshoi-Theater) bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1957. Galina Vishneskaya beschuldigte ihn in ihrer Autobiografie, Informant der Partei gewesen zu sein, eine Beschuldigung, die er mit anderen prominenten Sängern wie Obraztsova, Atlantov und Nesterenko teilte.


    Nelepp, der aus der Ukraine stammte, hatte keine musikalische Ausbildung, wurde aber trotzdem auf Grund seines reichen Materials zum Studium am Leningrader Konservatorium zugelassen und bereits drei Jahre später an das dortige Kirov-Theater verpflichtet, wo er in der lyrischen Rolle des Lensky debütierte. 1944 wechselte er an das Bolshoi-Theater, an dem er bis zu seinem Tode blieb.


    Mit seinem dramatischen Tenor sang Nelepp ein reichhaltiges Repertoire vorwiegend russischer Rollen wie z. B. Gherman, Sadko, Dmitry, Andrey, Sobinin (um nur einige zu nennen), aber auch Radames, Florestan, Stolzing, José. Er wirkte in vielen Gesamtaufnahmen mit.












    Auch eine künstlerische Bewertung fällt mir nicht leicht. Natürlich, Nelepp ist wesentlich dramatischer als z. B. Lemeshev oder Kozlovsky, mit denen er auch nicht dasselbe Fach teilt, doch fehlt mir die Geschmeidgkeit, das mediterrane Timbre, das einem Konstantin Lisovsky oder Zurab Sotkilaa zu eigen war. Man vergleiche nur Vakulas Tenorarien aus Tchaikovskys "Cherevichki" von Lisovsky und Nelepp an.





    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    15. April 2021


    1941 – 80. Geburtstag von Konstantin Plushnikov (Sänger)

    Der russische Tenor Konstantin Pluzhnikov wird heute 80 Jahre alt. Beim ersten Gastspiel der damals so genannten Kirov-Oper 1989 in Hamburg begegnete ich ihm erstmals, als Gottesnarr in „Boris Godunov“. Der Zusammenbruch der Sowjet-Union brachte russischen Künstlern vorher nicht gekannte Reisemöglichkeiten, und so gastierte Pluzhnikov Anfang der 90er Jahre in Essen als Manrico. Aber das war er (zumindest) nicht mehr - ein Tenor für das italienische Fach. Er wurde zu Hause am Mariinsky und auch bei Gastpielen vornehmlich als Charaktertenor eingesetzt, ein Fach, das er mit ungebrochener Stimmkraft und beeindruckender Charakterisierungskunst vollkommen ausfüllte.



    Wenn man ihn in Partien wie „Kitezh“-Grishka oder auch „Rheingold“-Loge erlebte, vergaß man ganz, dass Pluzhnikov eine große Karriere als lyrischer Tenor hinter sich hatte, und zwar als einer, der sich mit seinem mediterranen Timbre, einer interessanten „Träne“ in der Stimme und großer Strahlkraft vom damals vorherrschenden russischen Tenortyp abhob. Nach seinem Studium am Leningrader Rimsky-Korsakov-Konseratorium war er 1968 an das Maly (Kleine) Theater in Leningrad verpflichtet worden, blieb dort drei Spielzeiten und ging dann an das Kirov-, das heutige Mariinsky-Theater, wo er sich schnell zu einem führenden Mitglied des Ensembles entwickelte. An diesem Haus sang er Almaviva, Edgardo, Don Carlo, Faust bis hin zum Lohengrin (den er später auch inszenierte), daneben natürlich die russischen Partien seines Fachs.


    1998 wurde Pluzhnikov Direktor der von der Gergiev-Schwester Larissa Gergieva gegründeten Mariinsky-Akademie, einer Art Luxus-Opernstudio (zumindest am Anfang).


    ">

    Gegam Grigorian, Konstantin Pluzhnikov, Valery Gergiev, Galina Gorchakova, Georgy Zavastny, Gennady Bezzubenkov in "Kitezh", Hamburg 1994 (Foto : Peter Schünemann)


    Das Mariinsky-Theater lässt es sich normalerweise nicht nehmen, verdienten Künstlern zu ihrem Jubliläum zu gedenken. Ich gehe wohl nicht fehl in der Annahme, dass es eine solche Ehrung zu Pluzhnikovs 80. Geburtstag nicht geben wird. Mir fehlen detaillierte Kenntnisse, warum dieser einst von Valery Gergiev favorisierte Sänger in Ungnade gefallen ist. Opernfreunden mit Russischkenntnissen wird sich unter Umständen der Hintergrund erschließen, wenn sie sich die Videos ansehen, die des Sängers „Pluzhnikov TV“ unter dem Kanal „Gergiev Valera“ auf YouTube gepostet hat und in denen er sich offenbar mit Missständen am Mariinsky beschäftigt. Es ist einfach, an diesem Institut zur „persona non grata“ zu werden, wie Sängerinnen wie Galina Gorchakova, Elina Prokina oder Marianna Tarasova erfahren haben, wenn man dem Mariinsky-Zaren nicht die erforderliche Loyalität erweist.



    Wie dem auch sei, die künstlerische Hinterlassenschaft Konstantin Pluzhnikovs ist bedeutend genug, um an seinem 80. Geburtstag an einige seiner Aufnahmen zu erinnern. Angesichts dieser Videos kann ich nur bedauern, diesen Sänger nicht schon in seiner „großen“ Zeit erlebt zu haben, doch die politischen Umstände erlaubten dies nicht.


    Hier in der Bravourarie aus Glinkas "Leben für den Zaren", die sich durchaus mit Nicolai Geddas Wiedergabe messen kann.






    Hier eine Zusammenstellung des frühen Pluzhnikov (1975) :






    Eine Gesangsstunde seines ehemaligen Tenor-Kollegen Grair Khanedanians, des ersten Mannes Larisa Gergievas. Die Verantwortlichen des Mariinsky-Theaters sind sicherlich nicht "amused" angesichts solcher Videos von "Pluzhnikov TV".




    Dieser Ausschnitt von 2004 zeigt Pluzhnikov als Regisseur. Lohengrin ist hier Leonid Zakhozhaev, Elsa Tatyana Borodina.




    S dnyom rozhdeniya, Maestro. Beste Grüße aus Finnland.


    Peter Schünemann

    13. April 2021


    1938 – 83. Geburtstag von Heinz Holecek (Sänger und Schauspieler)

    Ist es nicht etwas vermessen, wenn sich ein Nordlicht wie ich in einem österreichischen Kulturforum an Heinz Holecek erinnert, der heute vor 83 Jahren geboren wurde und am selben Tag vor nunmehr 9 Jahren starb ? Sollte dies nicht einem Österreicher, am besten einem Wiener vorbehalten sein?

    An welchen Heinz Holecek erinnere ich mich? An den Opern- und Operettensänger? An den Sänger Wiener Lieder? An den Schauspieler, Entertainer, Parodisten? Ich habe Heinz Holecek nie auf der Bühne erlebt, "erlebt" jedoch Anfang der 70er Jahre nach Tom Krauses erstem Wiener Liederabend (beide kannten sich aus dem Studium), als er sich nach dem Konzert im Hotel Sacher über einen Kellner mokierte und sogleich eine Kostprobe eine seiner Parodien ("Das es so was gibt!") zum besten gab.

    Holecek hatte bei Elisabeth Rado studiert, zu deren Schülern u.a. Waldemar Kmentt und Eberhard Waechter gehörten, und 1960 an der Wiener Volksoper und 1962 an der Wiener Staatsoper debütiert, beide Male als Papageno, die zu seinem "Markenzeichen" werden sollte, mit der er so gut wie weltweit gastierte.

    Für mich unvergessen ist Heinz Holecek jedoch als Parodist und Stimmenimitator, und ich erinnere mich gerne an eine LP, auf der er im Verein mit Otto Schenk Künstler wie u.a. Leo Slezak, Josef Schmidt, Dietrich Fischer-Dieskau imitierte. Ich weiß nicht seine Künste als "seriöser" Sänger einzuschätzen, erinnere aber an eine Kritik des Wiener "Merker", in dem Holecek nach einer La Bohème-Aufführung empfohlen wurde, als Schaunard Giuseppe Taddei zu imitieren - was wohl nicht gerade als Kompliment gemeint war.

    Heinz Holecek verstarb im April 2012 an seinem 74. Geburtstag. Sein Sohn Sebastian ist in des Vaters Fußstapfen getreten.











    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    13. April 2021


    1946 – 75. Geburtstag von Kari Tikka (Dirigent u.a.)

    Kari Tikka, der heute seinen 75. Geburtstag feiert, studierte in Helsinki, St. Petersburg und Rom Oboe, Dirigieren und Komposition (Letzteres u.a. bei Joonas Kokkonen und Einojuhani Rautaaara). Schon als Mittzwanziger war er Dirigent an der Finnischen Nationaloper, die damals noch im heutigen Alexander-Theater spielte, dem früheren russichen Garnisonstheater. Noch vor seinem 30. Lebensjahr dirigierte er zusätzlich das Finnische Radio-Sinfonieorchester, an der Stockholmer Oper und kehrte ab 1979 wieder an die Finnische Natioaloper zurück. 1986 gründete Tikka das Sinfonieorchester Vivo, ein Jugendorchester, und war von 2005 bis 2011 künstlerischer Leiter des Urkuyö ja aaria-Festivals in Espoo.


    Bekannt wurde der Komponist Kari Tikka vor allem durch seine geistlichen Werke. Am bekanntesten sein "Armolaulu" (Song of Mercy = Gnadenlied), das er später in seine 2000 uraufgeführte Oper "Luther" einfügte. Diese Oper wurde dann auch nicht auf der Bühne der Finnischen Nationaloper gegeben, sondern in der Felsenkirche in Helsinki mit Esa Ruuttunen als Protagonisten, einem Priester und auch in Deutschland bekannten Opernsänger. Bereits 1995 wurde Tikkas Oper "Frieda" uraufgeführt.







    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    11. April 2021


    1938 – 83. Geburtstag von Kurt Moll (Sänger)

    Heute, am 11. April 2021, wäre der Bassist Kurt Moll 83 Jahre alt geworden. Er starb am 5. März 2017 im Alter von 78 Jahren.



    Bei einer Rundfunkübertragung der „Meistersinger“-Premiere 1968 bei den Bayreuther Festspielen war mir Molls sonores Organ als Nachtwächter aufgefallen - einer kleinen Rolle, in der man aber auffallen kann. Und das tat Moll. „Live“ hörte ich ihn erst 1970, als er an die Hamburgische Staatsoper kam. Wenn meine Aufzeichnungen stimmen, waren seine ersten Partien noch recht klein: 1. Handwerksbursch im „Wozzeck“ und 1. Soldat in „Salome“, doch schon 1971 folgte sein Raimondo in einer mit Sutherland und Domingo prominent besetzten „Lucia di Lammermoor“. In der Zeit der Everding-Intendanz war ich weniger in der Oper, aber danach hatte ich das große Glück, diesem großartigen Künstler oft zu begegnen.



    Meistens war Kurt Moll eine Klasse für sich und auch in Partien, in denen er sich wegen der höheren Tessitura nicht so wohlfühlte (wie z.B. als König Heinrich), immer noch auf Grund seines Prachtmaterials hörenswert. Seinen Sarastro hörte ich nicht so oft, weil mich die Freyer-Inszenierung vom Besuch abhielt. Boris Godunov sang er nur in wenigen Vorstellungen; die Horres-Produktion wurde danach nur noch konzertant gegeben. Selten sang er Filippo; er war normalerweise als Großinquisitor der ebenbürtige Gegenspieler Nicolai Ghiaurovs.


    ">

    Kurt Moll, Gurnemanz, Hamburg 1987 (Foto : Peter Schünemann)


    Moll, der doch immer so seriös wirkte, hatte ein besonderes Faible für Rollen, in denen seine vis comica zum Vorschein kam: Ochs, van Bett, Kezal, auch Osmin, obwohl dieser in der späteren Hamburger Schaaf-Inszenierung merkwürdig indifferent war: nicht der normale Moll-Osmin, aber auch nicht der Osmin, den Schaaf sich vorstellte (à la Kurt Rydl in Salzburg). Wenn ich alle die Aufführungen, in denen ich Moll erlebte, Revue passieren lasse, so würde ich eine Partie besonders heraus- heben wollen: Gurnemanz, selbst in der merkwürdigen Wilson-Produktion (wenn man die Augen schloss). Doch auch sein Sir Morosus in Strauss‘ „Schweigsamen Frau“ gehört zu meinen Lieblingserinnerungen. Vergessen werde ich auch nie, wie Moll vor seinen Auftritten oder in der Pause in aller Gemütsruhe mit seinen Kollegen Skat spielte.











    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Da Edda Mosers Auftritte an der Hamburgischen Staatsoper in eine Zeit fielen, in der ich wenig in die Oper ging, habe ich sie nie "live" gehört. Dafür erlebte ich sie 2013 als Jury-Vorsitzende des Klaudia-Taev Gesangswettbewerbs im estnischen Pärnu und fand zu meiner Freude und Überraschung eine Künstlerin vor, die weit entfernt war von jener "Zickigkeit", die ihr nachgesagt wurde. Ganz offensichtlich hatte sich die Majorität der Jurymitglieder entschieden, den 1. Preis an eine Sängerin zu vergeben, die nicht Edda Mosers Gefallen fand. Sie akzeptierte dies, erwähnte lediglich in ihrer abschließenden Rede an das Publikum diese Diskrepanz im Urteil, die man aber demokratisch akzeptieren müsste.

    Im Nachhinein muss ich Edda Moser Recht geben. Die Jury hat sich blenden lassen von der publikumswirksamen Ausstrahlung der Siegerin, die jedoch mit technischen Problemen kämpfte (schien auch nicht zu wissen, ob sie Sopran oder Mezzosopran war), während die Zweite zwar technisch sehr sauber sang, aber insgesamt farblos, weniger bühnentauglich wirkte. Auch die Entwicklung dieser beiden Sängerinnen gab Edda Moser Recht. Während die litauische Wettbewerbsgewinnerin im Opernmetier nicht Fuß fassen konnte, gehört die russische Sopranistin zu den Künstlerinnen, die sich am St. Petersburger Mariinsky-Theater besonderer Förderung erfreuen.

    Interessant also, dass Edda Moser die stimmlich-technische Eignung der Sängerinnen höher wertete als die "Ausstrahlung". Ich gestehe, dass auch ich zu denen gehörte, die sich hatten blenden lassen. Vielleicht ließe sich als Entschuldigung anführen, dass ein Teil des Preises die Teilnahme an einer szenischen Opernaufführung beim nächsten oder übernächsten "Promfest" (Pärnu International Music Festival) war. 2 Jahre später sang die Siegerin eine problematische Aida, bei der ihre Stimmprobleme offenbar wurden, während 4 Jahre später die Zweitplazierte eine vokal und darstellerisch brillante Violetta sang - so kann man sich irren!


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Auch von einem ehemaligen Hamburger Opernbesucher einige Worte zum Thema Franco Corelli.

    1971 hatte es an der Hamburgischen Staatsoper 4 Gala-Abende gegeben mit Ausschnitten aus Opern, aber auch Ballett (Nureyev!!!). Es war vorgesehen, dass Corelli an allen 4 Abenden mitwirken sollte : Szenen aus dem 1. Akt von "La Boheme" (mit Freni) sowie im 4. Akt von "Aida" (mit Ligabue, Cossotto und Foiani). Zum Abschluss dieser Galas war das Verdi-Requiem geplant mit Scotto, Cossotto, Corelli, Ghiaurov unter Giuliani.

    Corelli sang dann jedoch nur die ersten beiden Abende, wobei der erste Abend noch mit neapolitanischen Kanzonen gekrönt wurde, zu dem man als Klavierbegleiter einen Pianisten des Hamburger Operettenhauses bemühte, weil die hauseigenen Kräfte nicht wollten.

    Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, kam Intendant Rolf Liebermann vor dem 3. Abend vor den Vorhang und unterrichtete das Publikum, Corelli habe erst ab- und dann wieder zugesagt, und das mehrfach, so dass man sich entschlossen habe, auf seine weitere Mitwirkung zu verzichten. Für ihn sang dann Carlo Cossutta, auch für die Generalprobe des Requiem, während im Konzert Charles Craig den Tenorpart übernahm.


    Beste Grüße aus Finnland

    Peter Schünemann

    7. April 2021


    1933 – 88. Geburtstag von Johannes Schaaf (Regisseur)

    Johannes Schaaf, der am heutigen 7. April 2021 88 Jahre alt geworden wäre, war ein Schwieriger, dessen künstlerischer Weg mit großen Erfolgen und ebensolchen Niederlagen gepflastert ist. Ich bitte um Verständnis, dass ich in meiner Erinnerung an diesen bedeutenden Mann nicht auf den Theater-, Film- und Fernsehschauspieler und -regisseur eingehe, sondern auf den Opernregisseur, als den ich ihn 1983 kennengelernt habe.


    schaaf_1987_19ekke.jpg">

    Johannes Schaaf, Salzburg 1987 (Foto : Peter Schünemann)


    Lediglich eine einzige Operninszenierung hatte bei mir so gut wie keinen Eindruck hinterlassen. Das war der „Freischütz“, den Schaaf 1987 an der Deutschen Oper Berlin inszeniert hatte und an den ich mich kaum erinnere. Dagegen auf der Habenseite unvergessliche Erinnerungen an seinen „Eugen Onegin“ 1983 in Bremen, „Le nozze di Figaro“ 1987 in London und 1990 in Hamburg oder „Boris Godunov“ 1991 in München, um nur einige zu nennen. Der Bremer „Onegin“ veränderte sein Privatleben immens, denn der Regisseur und seine Tatjana Stella Kleindienst verliebten sich bei der gemeinsamen Arbeit ineinander und heirateten. Wie z. B. Anja Silja für Wieland Wagner, wie Karan Armstrong für Götz Friedrich wurde Stella Kleindienst für Schaaf die ihn inspirierende Muse, die fortan in vielen seiner Inszenierungen eingesetzt wurde.


    schaaf_mclaughlin_1986yjt5.jpg">

    Johannes Schaaf & Marie McLaughlin, Le nozze di Figaro, London 1986 (Foto : Peter Schünemann)


    Bei der Arbeit am Münchner „Boris“ traf er in Valery Gergiev auf einen Seelenverwandten, und beide fanden Gefallen aneinander, so dass Schaaf erwog, Gergiev zu seinem GMD an der Hamburgischen Staatsoper zu machen, und Gergiev ihn einlud, am Mariinsky-Theater zu arbeiten. Die erste Arbeit dort war so richtig nach Schaafs Geschmack. Er konnte mit den jungen Sängern der Mariinsky-Akademie an Mozarts „Don Giovanni“ in Art eines Workshops arbeiten und das Resultat, als er mit diesem zufrieden war, zur Premiere bringen. Diese an seine Londoner Produktion eng angelehnte Inszenierung ist noch heute am Mariinsky-Theater zu sehen. Ein anderes Projekt hatte jedoch nur eine extrem kurze Lebensdauer - Wagners „Ring“ kam nicht über die „Rheingold“-Premiere hinaus, weil der Regisseur ziemlich blauäugig darauf vertraut hatte, der viel beschäftigte Dirigent würde seine Probenarbeit begleiten, und die Fortsetzung der Zusammenarbeit entnervt aufgab.


    Dies war nicht das einzige Projekt, das nicht zustande kam, weil Schaaf seine Probleme mit dem Opernbetrieb hatte und dieser mit ihm. Ich nennen nur „Un ballo in maschera“ in Düsseldorf, „Rigoletto“ in Hamburg und den „Fernen Klang“ in Brüssel - alles Produktionen, die sich zum Teil erst kurz vor der Premiere zerschlugen. Auch seine Intendanz an der Hamburgischen Staatsoper als Nachfolger Peter Ruzickas stand kurz vor dem Abschluss, als - nach meinen Informationen - Proteste seitens des Ensembles zu groß wurden und Schaaf verzichtete. Natürlich gab es Sänger, die mit seiner Arbeitsweise ihre Probleme hatten, doch man kann nicht sagen, dass Schaaf generell nicht mit „Großen“ konnte. Paata Burchuladze als Boris oder Anna Tomowa-Sintow als Capriccio-Gräfin seien als Beispiele genannt, die von der Arbeit mit ihm stark profitierten. Wie er z.B. bei seinem Münchner „Boris“ seine Inszenierung in den Szenen mit Xenias Amme um die damals schon hoch betagte und arg gehbehinderte Astrid Varnay „drapierte“, zeigte nicht nur den Respekt des Regisseurs vor dieser großen Künstlerpersönlichkeit, sondern auch seine Fähigkeiten in der Personenführung.


    Johannes Schaaf starb am 1. November 2019 nur wenige Monate nach dem Tode Stella Kleindiensts. „Ein Mensch und ein Regisseur, der sich eingeschrieben hat in das Gedächtnis seiner Zeit.“ (Frankfurter Rundschau, 4.11.2019).



















    Beste Grüße aus Finnland, wo ich Johannes Schaaf 2005 zum letzten Mal begegnete. Er war nach Mikkeli gekommen, um mit Valery Gergiev und Larisa Gergieva neue Projekte zu besprechen (aus denen aber nichts wurde).


    Peter Schünemann

    3. April 2021


    1941 – 80. Geburtstag von Jorma Hynninen (Sänger)

    Der finnische Bariton Jorma Hynninen wird heute 80. Herzliche Glückwünsche! Hyvää syntymäpäivää! Paljon onnea!


    Ich hörte ihn erstmals 1977, als er an der Hamburgischen Staatsoper Debussys Pelléas sang. Es dauerte dann bis 1994, bis ich ihn bei meinem ersten Besuch in Finnland in der „Otello“-Premiere in Helsinki als Jago zum zweiten Mal erlebte. Ich erinnere noch heute die Diskrepanz zwischen seinem mediterran timbrierten Bariton und seiner noblen Erscheinung, die so gar nicht zu der Figur des Jago passte. In den Folgejahren, besonders nach meinem Umzug nach Finnland, begegnete ich ihm oft, und ich lernte seine Kunst mehr und mehr zu schätzen. Unvergesslich im italienischen Repertoire sein Macbeth, sein Giorgio Germont, sein Carlo Gérard, nicht zu vergessen sein Einsatz für die zeitgenössische finnische Oper mit Partien in den Opern von Aulis Sallinen, Einojuhani Rautavaara, Aarre Merikanto. Nicht nur als Botschafter für die Musik seiner Heimat, sondern auch als Künstlerischer Leiter der Opernfestspiele von Savonlinna war Jorma Hynninen ein würdiger Nachfolger des großen Martti Talvela.


    Auch jetzt, in seinem 80. Lebensjahr, steht Jorma Hynninen immer noch auf der Bühne, nicht mehr in Opernpartien, sondern mit Liedkonzerten. Zuletzt hörte ich ihn im Sommer vor 2 Jahren in Juva, und trotz anfänglicher Rauheit des Timbres und altersbedingter Kurzatmigkeit gelang ihm bewegende Interpretationen des finnischen Liedschaffens.










    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    3. April 2021


    1945 – 76. Geburtstag von Renate Behle (Sängerin)

    Die österreichische Sängerin Renate Behle feiert heute ihren 76. Geburtstag. Herzliche Glückwünsche!


    ">

    Renate und Daniel Behle, Hamburg 2005 (Foto : Peter Schünemann)


    Als ich sie 1982 zum ersten Mal hörte (als „Meistersinger“-Magdalene in Hannover), war sie mir noch nicht aufgefallen. Dies änderte sich jedoch schnell, als ich sie als Katerina in Shostakovichs „Lady Macbeth von Mtsensk“ erlebte, zunächst 1990 in Hannover und dann 1991 in Hamburg, als sie für eine Kollegin diese herausfordernde Rolle in der Lyubimov-Inszenierung übernahm. Das war für sie der Durchbruch an der Hamburgischen Staatsoper, nachdem sie Jahre vorher für Ages Baltsa als Rosina eingesprungen war. Jetzt wurde Renate Behle regulär eingesetzt, zunächst in Partien abseits des „normalen“ Repertoires wie z.B. in Henzes „Bassariden“ oder in Dukas‘ „Ariane et Barbe-Bleu“, doch immer mehr im Fach des jugendlich-dramatischen oder dramatischen Soprans wie u.a. Ariadne, Chrysothemis, Ortrud.


    Die gebürtige Grazerin hatte als lyrischer Mezzosopran begonnen. Ihr erstes Engagement mit zahlreichen Hosenrollen war ab 1968 in Karlsruhe. Sie war mit Franz Behle, dem Englisch-Hornisten des NDR-Sinfonieorchesters, verheiratet, und als ihr Sohn Daniel geboren wurde, ging sie 1974 als 1. Alt in den Chor des Norddeutschen Rundfunks, um mehr Zeit für die Familie zu haben. 1979 nahm sie ein Engagement in Gelsenkirchen an, 1982 in Hannover, in beiden Fällen als lyrischer Mezzosopran. Dort erarbeitete sie sich ein stärker dramatisches Repertoire und und wagte 1987 einen Fach-Wechsel zum Spinto-Sopran. Nach einer erfolgreichen Karriere im Fach des jugendlich-dramatischen und dramatischen Soprans an allen großen Bühnen vollzog Renate Behle einen erneuten Wechsel, diesmal ins Charakterfach mit Rollen wie Herodias und Klytämnestra bzw. heute - wie sie mit dem für sie typischen Humor sagt - als 2. Alt. Von 2000 bis 2010 hatte sie eine Professur an der Hamburger Musikhochschule.










    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Der Stimmenliebhaber hat sehr schön beschrieben, welche Eindrücke er Elisabeth Grümmer durch ihre Aufnahmen verdankt. Als ich sie erstmals hörte, war ich erst 12 Jahre alt ("Lohengrin" - Generalprobe der Wieland Wagner-Produktion in Hamburg), und doch hatte ich offenbar ein Gespür für die unterschiedlichen Sänger. Jedenfalls gefiel sie mir als Elsa besser als ihre Partner Helene Werth, Arturo Sergi, Caspar Bröcheler etc. Ich vermute, Caruso41 hat sie oft in Berlin erlebt - ich leider relativ wenig, doch an diese Auftritte erinnere ich mich sehr gerne : "Meistersinger" - Evchen in Bayreuth, dort auch ihre Elsa, Agathe in Hamburg und Berlin, "Capriccio" - Gräfin in Berlin. Das war alles Anfang bis Mitte der 60er Jahre, als ihre Erscheinung - wie der Hamburger sagt - etwas "trutschig", also hausbacken wirkte, aber die Jugendlichkeit ihrer Stimme machte das mehr als wett.


    Für Wieland Wagner war es natürlich ein großes Glück, dass er in Anja Silja seine Muse fand (ebenso wie für Anja Silja), doch ich habe es immer sehr bedauert, dass Anfang der 60er Jahre in Bayreuth Partien wie Elisabeth, Elsa und Eva einer Sängerin anvertraut waren, die durch die Jugendlichkeit ihrer Erscheinung dafür prädestiniert war (Silja), während die bessere Sängerin (Grümmer) nicht mehr verpflichtet wurde.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    28. März 2021


    1940 – 81. Geburtstag von Samuel Ramey (Sänger)

    Nur die deutsche Wikipedia-Seite nennt 1940 als Samuel Rameys Geburtsjahr, erwähnt jedoch 1942 laut anderen Quellen. Laut seiner eigenen Facebook-Seite feiert er heute seinen 79. Geburtstag. Wie dem auch sei : Herzliche Glückwünsche zum Geburtstag!


    Die Besucher der Hamburgischen Staatsoper hatten das Glück, Samuel Ramey in vielen Partien zu hören, und ich erwähne nur diejenigen, in denen ich ihn selber erlebt habe : Banquo, Assur in "Semiramide", die 4 Bösewichter in "Hoffmanns Erzählungen", Filippo, die Mephistos von Gounod und Boito, Don Giovanni. Und immer war es eine Lehrstunde des Gesangs, auch wenn Ramey (mit Ausnahme des Assur) nicht die Qualitäten zeigen konnte, die ihn als "Meister verzierter Musik" auszeichneten.


    Es ist jetzt fast 30 Jahre her, dass ich Samuel Ramey das letzte Mal "live" auf der Bühne erlebt habe. Das war sein Don Giovanni in Salzburg. So werde ich ihn in Erinnerung behalten, wie auch die YouTube-Clips zeigen. 2005 hörte ich ihn noch einmal in einer Ûbertragung von "Boris Godunov" aus Houston, und - obwohl damals erst 63 Jahre alt - zeigte sein Boris ein weites, ziemlich verstörendes Vibrato, das man in den angelsächsichen Ländern so schön mit "wobble" bezeichnet. Angeblich soll Ramey 2022 zu seinem 80. Geburtstag eine US-Tour planen - als Alcindoro in "La Bohème". Warum?









    23. März 2021


    2016 – 5. Todestag von Gegam Grigorian (Sänger)

    Heute vor 5 Jahren starb der armenische Tenor Gegam Grigorian im Alter on nur 65 Jahren. Im eigens ihm gewidmeten Thread habe ich auf seine Lebensgeschichte hingewiesen, die ihn durch politische Umstände erst spät zu einer internationalen Karriere finden ließ.


    GRIGORIAN Gegam - Tenor aus Armenien (1951 - 2016)


    ">

    Gegam Grigorian 1993 vor dem Royal Opera House, Covent Garden (Foto : Peter Schünemann)


    Beim Werbepartner dieses Forums sind offenbar derzeit nur einige seiner Aufnahmen verfügbar.






    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Lieber Rheingold1876!


    Wie so oft in diesem Forum macht es einen Unterschied, ob man einen Sänger "live" erlebt hat oder ihn nur von Konserven kennt. Wenn ich mir den letzten Satz meines Zitats durchlese, stehe ich auch heute noch dazu, was ich 2012 geschrieben habe. Mit Ausnahme des Gremins habe ich ihn nicht in seinen russischen Partien gehört. Mag sein, dass ich bei seinem Boris zu einem anderen, positiveren Eindruck gekommen wäre. Aber als Filippo, einer Rolle, in der ich Nesterenko mehrfach in Hamburg gehört habe, kann ich ihn durchaus mit Ghiaurov, Christoff und Siepi vergleichen, die (zumindest für mich) die größeren Gestalter (in dieser Partie!) waren. Jedoch würde ich nie bezweifeln, dass Nesterenko ein beeindruckendes Stimmpotenzial hatte.


    Faszinierend finde ich Nesterenko hier in einer Aufnahme der Michelangelo-Suite von Shostakovich, die von diesem Sänger uraufgeführt worden war.



    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann