Beiträge von Peter Schünemann

    Lieber Carlo!

    Vielen Dank für Deine wie immer profunde Rückmeldung.

    Zu dem von mir erwähnten Konzert mit Giuseppe di Stefano eine Anekdote. Di Stefano sang nur den 1. Teil und wurde zu Beginn des 2. Teils angesagt. Er habe eine plötzliche Indisposition erlitten und würde durch den Bariton Lawrence Winters ersetzt, der im Publikum gewesen sei.

    Dies war jedoch nicht die Wahrheit, denn es hatte Differenzen zwischen dem Tenor und dem Dirigenten Wilhelm Brückner-Rüggeberg gegeben und di Stefano sich geweigert, weiterhin aufzutreten. Offenbar war dies keine Überraschung, denn wie sollte man erklären, dass das Orchester plötzlich das Material für Baritonarien hatte?


    Beste Grüße


    Peter

    Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, so gab es Anfang der 60er Jahre in Hamburg eine Konzertreihe mit dem Titel "musica et litera", in der namhafte Künstler sangen, u. a. Virginia Zeani & Nicola Rossi-Lemini, Giuseppe di Stefano und auch (wenn ich mich nicht irre) Ettore Bastianini. Mag sein, dass aus diesem Anlass auch Aufnahmen mit dem NDR-Sinfonieorchester oder dem Hamburger Rundfunkorchester (war nicht dasselbe!) entstanden sind.


    Beste Grüße


    Peter

    ..... und da bleibt noch die Frage, ob und wie er nach Riga kommt. Er ist nämlich im Oktober noch am Bolschoi beschäftigt.

    Darf er bzw. kann er aus-/einreisen?

    Das frage ich mich auch, wobei ich mich vor allem auf das Problem der Einreise beziehe. Bekanntlich haben die baltischen Staaten für Russen einen Einreisestopp verhängt, der auch für kulturelle Veranstaltungen gilt. Der direkte Weg per Bus über St. Petersburg, Tallinn nach Riga ist verbaut, und auch der Weg über Helsinki funktioniert nicht. Wie sollen also in naher Zukunft russische Künstler ihren Verpflichtungen im Westen nachkommen? Über Istanbul oder Dubai?


    Beste Grüße


    Peter

    Lieber Nemorino,


    Stefan Soltez erzählte mir in einem 1985 geführten Interview, er sei neben seinem Studium bei Prof. Swarowsky Korrepetitor im Musikverein und beim ORF gewesen und habe bei allen Wiener Orchestern Tasteninstrumente gespielt. Sein erstes Engagement hatte er im Theater an der Wien und dort en suite Operette und Musical dirigiert. Mit 24 erhielt er einen gemischten Korrepetitoren- und Dirigentenvertrag an der Wiener Staatsoper und hatte einen fast vierjährigen Gastvertrag mit der Grazer Oper. Als er von einer Vakanz in Hamburg hörte, dirigierte er dort vor und wurde genommen.


    In Hamburg dirigierte er vor allem nach. Deshalb meine Frage an ihn, ob er nicht an einem kleineren Haus mehr Möglichkeiten gehabt hätte, eine Aufführung durch Einstudierung stärker zu prägen. Interessant seine Antwort :


    "Wenn man... an ein kleines Haus geht, erlebt man dort nicht sehr hohes Niveau. Sie übernehmen Stücke von einem GMD, der es ja auch nur bis Regensburg gebracht hat und es vielleicht auch nicht weiterbringt. In einem großen Haus wird man niveaumäßig besser geprägt. Hinzu kommt, dass sich in unserer heutigen Zeit keine Agentur und kein Veranstalter mehr für die Provinz interessiert. Provinz ist heute nicht mehr "erwünscht" ".


    Wie gesagt, das Interview stammt aus dem Jahre 1985.


    Beste Grüße


    Peter Schünemann

    Als ich noch in Hamburg lebte, habe ich Stefan Soltesz sehr oft am Pult der Hamburgischen Staatsoper erlebt. Ich denke, ich hörte sogar die Vorstellung, in der er auf Engagement dirigierte. Das war 1983 "Hänsel und Gretel", und es fiel auf, mit welcher Energie er das reichlich lethargische Orchester mitriss. Es war keine einfache Zeit für ihn. Häufig musste er Werke wie Trovatore, Traviata oder Butterfly (nach-)dirigieren, die mit Vorliebe vor Premieren angesetzt worden waren, abgesehen von Balletten, in denen er mit John Neumeier, der Hamburger Ballett-Ikone, so manchen Streit ausfocht. Streitbar war Soltesz immer. So auch im finnischen Savonlinna, als er in den Proben zu Butterfly und Holländer dem Orchester vorwarf, zwar im Sommer, aber nicht in der Sommerfrische zu sein.

    Nach Savonlinna war er eingeladen worden, weil dort Jari Hämäläinen Intendant war, der vorher, als Soltesz GMD in Braunschweig war, dessen Chorleiter war.


    Soltesz hat seinen Beruf wirklich von der Pieke auf gelernt und war anfangs in jedem Metier tätig, bis hin zum Musical. Das waren die besten Voraussetzungen für ihn, als er als GMD in Braunschweig endlich Eigenverantwortung übernahm, mehr noch später in Essen, als er in der Doppelfunktion als GMD und Intendant tätig war und sich mit niemandem als mit sich selbst auseinandersetzen musste.

    R.I.P., Stefan Soltesz


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Wenn ich in den heutigen Nachrichten lese, dass die Mailänder Scala die nächste Saison mit "Boris Godunov" öffnet, und zwar mit ANNA NETREBKO IN DER HAUPTROLLE, so erinnert mich dieser Lapsus an eine Ankündigung des Mariinsky-Theaters vor vielen Jahren auf seiner englischen Webseite : "Anna Netrebko in the title role of Don Giovanni". Wer nun auf einen Fach- oder gar Genderwechsel gehofft hatte, sah sich enttäuscht. Offenbar war dem Administrator der Webseite zumindest im Englischen der Unterschied zwischen title und main role nicht geläufig. Genauso lustig war "Olga Borodina AS Khovanshchina".


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Herzlichen Dank an Orfeo für seine höchst informativen Ausführungen, aus denen ich jedes Mal etwas Neues gelernt habe. Er möge mir meine etwas beckmesserische Anmerkung verzeihen, wenn ich "Das verlief etwas anders" nicht ganz verstehe, denn ich hatte in meinem Beitrag vom Arrangement eines niederländischen Passes durch die Rotterdamer Philharmoniker für Valery Gergiev geschrieben, also nichts anderes als seine Entgegnung / Korrektur.


    Wenn ich gerade lese, dass in konzertanten Aufführungen der Berliner Philharmoniker in Baden-Baden und Berlin unter Kirill Petrenko dem Mariinsky-Theater eng verbundene Sänger wie Stikhina, Denisova, Sulimsky und Akimov mitgewirkt haben, bin ich froh, dass für sie die Sippenhaftung nicht galt. Oder hat man von ihnen etwa nicht verlangt, sich gegen Putin und den Krieg auszusprechen? Wird im Westen mit zweierlei Maß gemessen?


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Lieber Orfeo,


    ich muss mich korrigieren : Der niederländische Pass ist Gergiev nicht von der Königin verliehen worden (dazu hat sie nicht die Befugnisse), sondern es ist von den Rotterdamer Philharmonikern "arrangiert" worden, als er Chefdirigent dieses Orchesters war. Gergiev machte in niederländischen Zeitungen kein Geheimnis aus dieser Tatsache. Wieweit es illegal in Russland ist, die Staatsbürgerschaft auch eines anderen Staates zu besitzen, entzieht sich meiner Kenntnis, jedoch glaube ich nicht, dass Netrebko auf die russische verzichtet hat, als sie Österreicherin wurde.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Lieber Orfeo,


    nur zur Information : Gergiev besitzt tatsächlich die niederländische Staatsbürgerschaft, die ihm vor vielen Jahren von der Königin verliehen worden war.


    Quelle für diese Information : Gergiev selber.


    Die Frage, ob Gergiev sich überhaupt von Putin distanzieren kann, würde ich mit Nein beantworten, außer er trägt sich mit dem Gedanken, sich mit seiner Familie außerhalb Russlands anzusiedeln. Das hieße dann allerdings auch, sein "Lebenswerk", das Mariinsky-Theater im Stich zu lassen.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Um auf die Fragestellung dieses Themas einzugehen - "Einzigartig oder nur Marketing"? Meine Antwort : weder - noch.

    Von Tamara Novichenko, ihrer Lehrerin am St. Petersburger Konservatorium, war Anna Netrebko auf "hohen Koloratursopran" getrimmt worden. Folgerichtig sang sie Valery Gergiev die Königin der Nacht (!) vor. Dieser erkannte jedoch die lyrische Komponente ihrer Stimme und ließ sie am Mariinsky-Theater als Susanna debutieren.

    Bei Gergievs Festival im finnischen Mikkeli hörte ich Anna Netrebko 1995 erstmals, und zwar als Rosina. Meine ersten Eindrücke waren recht zwiegespalten. Eine sehr schöne junge Frau (ich glaube, sie war damals erst 25), eine sehr schöne, interessant getönte Stimme von hohem Wiedererkennungswert mit einigen technischen Defiziten, als da wären Intonationsprobleme (zu hoch) und ein mich nervendes vibratoloses Anbohren der Töne. Zwei Jahre später, als sie in Mikkeli Micaela und Luisa (Verlobung im Kloster) sang, waren diese Probleme so gut wie verschwunden, und weitere zwei Jahre danach verbreitete ihre Teresa in Benvenuto Cellini (Amsterdam) pures Belcanto-Glück.


    Ich hatte dann Gelegenheit, um die Jahrtausendwende herum ein Gespräch zu belauschen, bei dem sie nach ihren Plänen befragt wurde - sie hatte gerade Harnoncourt und Mehta vorgesungen, Donna Anna und Violetta. Die Einwände, ihre Stimme sei doch eher für Zerlina geeignet und Violetta erforderte eigentlich drei verschiedene Stimmen, konterte sie erstaunlich klug : Sie würde diese Partien mit ihrer eigenen Stimme singen.


    Ich betone die (in meinen Augen) Klugheit ihrer Einschätzung, weil sie seitdem in vielen Zeitungsinterviews viel Dummes vor sich hin geplappert hat und damit mehr die "Yellow Press“ bediente. Es wäre besser gewesen, wenn ihr Management eine intelligentere Auswahl der Presse vorgenommen hätte. Hier zeigte Netrebko sich wirklich nicht als die Hellste


    Ich habe keine Ahnung, welchen Einfluss ihr derzeitiges Management besitzt und inwieweit Anna Netrebko sich als beratungsresistent erweist, aber ihre Auslassungen zum durch Putin angezettelten Krieg gegen einen souveränen Staat voller naiver Formulierungen lassen sie nun zu Recht zwischen allen Stühlen sitzen. Wenn diese mildeste Form einer Distanzierung von Putin und diesem Krieg nun vom russischen Staat mit "Liebesentzug" bestraft und als Volksverrat eingestuft wird, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn andere Ikonen der russischen Kunst (Gergiev) es vorziehen, sich eines Kommentars zu enthalten. Es steht in den Sternen, ob und wann Anna Netrebko vom Westen wieder in Gnaden aufgenommen wird, aber die Fortsetzung ihrer Karriere in ihrer Heimat kann sie sich abschminken. Hoffentlich wird ihre in Russland lebende Verwandtschaft vom Bannstrahl des Staates verschont.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Dank an Adriano für diesen aufschlussreichen Bericht. Dieses nicht akzeptable Verhalten Gergievs dürfte im Jahre 2000 längst bekannt gewesen sein. So war er, so ist er, so wird er sein. Hier in Mikkeli begannen seine Konzerte stets mit mindestens 20 Minuten Verspätung, weil er die Probe erst zum angesetzten Konzertbeginn beendete. Das war bei uns keine Ausnahme. Dies ist in St. Petersburg die Regel.


    Was mich jedoch wundert, ist, dass es auch heute noch unter denen, die Gergiev engagieren, welche gibt, die nicht wissen, wie er "tickt". Selbst der ehemalige Intendant der Wiener Staatsoper, Dominique Meyer, der Gergiev durch Michael Güttler bei Lohengrin-Dirigaten ersetzte, weil Gergievs Maschine nicht rechtzeitig gelandet war, fand als Intendant der Mailänder Scala offensichtlich nichts dabei, ihn für die Leitung von Pique Dame einzuladen, wobei Gergiev die Vorbereitung inklusive der Generalprobe Timur Zangiev überließ und nur die Premiere dirigierte. Seine Anziehungskraft schien immerhin groß genug zu sein, um sich mit ihm zu schmücken. Tempi passati!


    Zu dem Ausspruch, das Züricher Opernhaus sei eigentlich zu klein für Salome, fällt mir ein, dass er diese Oper 1996 hier in Mikkeli dirigierte, wobei er sich nicht daran störte, dass die beiden (szenischen) Aufführungen in einer Konzerthalle stattfanden, die gerade 699 Zuschauer fasste und mit ihrem winzigen Orchestergraben nicht für Werke dieses Ausmaßes geschaffen war. Dass Gergiev in Zürich nur eine einzige Vorstellung der Salome dirigiert und dann abgesagt hatte, scheint nicht zu stimmen. Laut Peter van Laarhovens "Valery Gergiev's Conducting History" leitete er 4 Aufführungen, und zwar am 20., 24., 26.10. sowie am 2.11.2000 (dazwischen lagen Konzerte mit den Berliner Philharmonikern).



    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Was mich an dieser Diskussion stört, ist, dass so oft mit zweierlei Maß gemessen wird. Dr. Holger Kaletha hebt die vorsichtige Distanzierung des Bolshoi-Chefs Vladimir Urin positiv hervor und erwartet von Gergiev Ähnliches. Ich las jetzt noch einmal den von diversen Künstlern, u. a. von Spivakov, unterzeichneten Brief und verglich ihn mit dem ersten Versuch Anna Netrebkos, sich gegen den Krieg auszusprechen.


    Wie war die Reaktion? Liebe Anna, das ist nicht genug. Du hast den Namen Putin nicht erwähnt und dich nicht von ihm distanziert. Das reicht nicht aus! Nichts anderes ist in dem u. a. von Urin und Spivakov unterzeichneten Brief zu lesen. Der Name Putin kommt nicht in ihm vor, geschweige denn eine Distanzierung von ihm, und der Ukraine-Krieg wird vorsichtigst mit "armed action" umschrieben und nicht etwa "war" genannt. Ist es das, was wir von Gergiev erwarten? Mit derselben Reaktion wie bei Anna Netrebko?


    Gergiev besaß nicht immer diese so stark kritisierte Nähe zur politischen Macht. Ganz im Gegenteil war er immer sehr stolz auf die Tatsache, dass er der erste "Intendant" (ich weiß nicht, wie sein damaliger Titel war) war, der mit überwiegender Mehrheit vom gesamten Personal des damals so genannten Kirov gewählt und nicht von Staat oder Partei bestimmt worden war, als sein Vorgänger Yuri Temirkanov zur Leningrader Philharmonie ging. Die Nähe zur politischen Macht ergab sich dadurch, dass Putin sich für Kunst interessierte, aber auch durch den Zwang, ein marodes Theater finanziell zu sanieren. Gergiev hatte schon immer einen ausgesprochenen Geruchssinn für das Auffinden von Geldquellen, und Staatsmänner, Oligarchen usw. gehörten von nun an zu der Klientel, deren Geld er gerne für sein Theater annahm. Ich betone "für sein Theater", denn es ist bekannt, dass er seine Gagen von Auslandsgastspielen in der schwierigen Anfangszeit in sein Theater steckte.


    Um zum Ausgangspunkt zurück zu kommen : Ich bezweifle stark, dass unsere verehrten Tamino-Gergiev-Kritiker mit einer ähnlich vorsichtigen Anti-Kriegs-Adresse wie der von Urin & Co zufrieden zu stellen wären. Wer weiß, ob diese vorsichtigste Distanzierung nicht der Grund für Putins Vorschlag an Gergiev zur Zusammenlegung beider Direktionen gewesen ist. Sollte Gergiev sein Lebenswerk, den Aufbau seines Mariinsky-Imperiums, riskieren?


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Man helfe bitte meinem altersbedingt schwachen Gedächtnis nach, aber ich erinnere zu diesem Krieg Putins gegen die Ukraine keine einzige Äußerung Gergievs, weder zustimmender noch ablehnender Art. Wenn er sich dieses "Sic tacuisses" schon 2014 zu eigen gemacht hätte, wäre ihm sein heutiges Schweigen nicht, wie in dem vorherigen Beitrag unterstellt, als Legitimation von Putins Krieg unterstellt worden.


    Eine öffentliche Unterstützung dieses Krieges dürfte für Gergiev doch kein Risiko darstellen. Er ist doch schon jetzt (recht so) aller westlichen Auftritte verlustig gegangen. Aber von ihm ist keine diesbezügliche positive Äußerung zu erfahren gewesen.

    Ich schrieb schon einmal, dass es für mich, im freien Finnland auf dem Sofa sitzend, ein Leichtes ist, mich von Putin und diesem verbrecherischen Überfall auf einen souveränen Staat zu distanzieren. Aber würde es mir genauso ergehen, wenn ich in Russland lebte oder als im Ausland Lebender Familie in Russland hätte?

    Pardon, aber dieser Gesichtspunkt kommt mir bei all diesen Diskussionen zu kurz.


    Wie man's macht, macht man's falsch. Siehe Anna Netrebko, die sich jetzt - 4 Wochen verspätet und ziemlich schwammig - von Putin mit den Worten distanziert, sie kenne ihn eigentlich kaum (meine Worte). Wie ist die Reaktion darauf! Sie ist "eingeknickt". Was würden wir sagen, wenn sich nun auch Gergiev von Putin distanzierte? Will er nun doch im Westen seine Schäfchen ins Trockene bringen? Schließlich hat er, was offenbar offiziell nicht bekannt ist, auch einen niederländischen Pass, ihm vor vielen Jahren von der Königin verliehen.


    Ich möchte mich nicht an Unterstellungen über Gergievs öffentliches Schweigen beteiligen, möchte aber aus seinem Schweigen nicht, wie es auch hier geschieht, eine Unterstützung der verbrecherischen Politik Putins ableiten. Das ist mir dann doch zu einfach.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Lieber Dr. Holger Kaletha!


    Lange habe ich mit mir gerungen, ob ich mich weiterhin zu diesem Thema äußern sollte. Als ausgewiesener, wenn auch nicht unkritischer Fan des Künstlers Gergiev möchte ich nicht in den Geruch geraten, ein Versteher oder gar Verteidiger des politischen Menschen Gergiev zu sein. Zu diesem ist meine Position klar : Eine Verbannung Gergievs von Auftritten außerhalb Russlands, Weißrusslands, Nord-Koreas, Chinas ist unausweichlich. Von meinem ruhigen Sofa im noch (friedlichen) Finnland ist es für mich kein Problem und folgenlos, mich von Putin zu distanzieren.


    Bei Deinem Beitrag #434 fällt mir auf, dass Du schreibst "Und wenn es stimmt, dass...", während es für Dich in #437 schon erwiesen ist, dass Gergiev zum geplanten Siegesparaden-Konzert in Moskau Mussorgskys Bilder einer Ausstellung mit dem "Großen Tor von Kiev" hätte dirigieren sollen. Diesen Schritt von #434 zu #437 kann ich leider nicht nachvollziehen, da mir die Quellenangaben fehlen, möchte Dir aber nicht widersprechen.


    Naiv, wie ich bin, denke ich, dass Gergiev einen seiner nunmehr freien Tage (horror vacui) mit einem Konzert in Moskau füllen wollte und eines der von ihm am häufigsten gespielten (und am wenigsten, da gar nicht, geprobten) Werke

    auf das Programm gesetzt hatte. Aber ich lasse mich gerne belehren, aber bitte nicht durch bloße Behauptungen.


    Zum Schluss eine Anekdote, die nur ganz am Rande nichts mit dieser Diskussion zu tun hat. Gergievs Mikkeli Musik-Festival war immer auf der Suche nach Werken, die eine Brücke zwischen russischer und finnischer Kultur bilden könnten. Vor gut 20 Jahren war man kurz davor, Shostakovichs Suite über finnische Themen aufzuführen, bis ein kluger Musikwissenschaftler herausgefunden haben wollte, dass dies eine Auftragskomposition für die geplante Parade in Helsinki nach dem Sieg Russlands über Finnland gewesen sein sollte. Es gibt eine Aufnahme dieser Suite für Sopran, Tenor und Kammerorchester. Man möge sich einmal vorstellen, wie die Russen zur Melodie von "Minun kultani kaunis on" (Mein Liebling ist schön) paradieren, ein lustiges Stück, das der Geiger Pekka Kuusisto gerne, launig moderierend, bei Konzerten als Zugaben benutzt. Seither bin ich etwas misstrauisch, was die Ergebnisse von Musikwissenschaftlern anbelangt. Übrigens verzichtete Gergiev aus Rücksicht auf finnische Gefühle auf die Aufführung dieser Suite.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann



    Peter Schünemanns Aussage ist also nur eine Behauptung, die sich zwar demnächst als richtig rausstellen kann,

    bisher aber nur ein Orakel und kein Job-Angebot ist.

    Lieber Orfeo!


    Genau gesagt, habe ich nur behauptet, etwas gelesen zu haben, und bezog mich dabei auf Norman Lebrecht's Blog Slippedisc, in dem er die Überschrift benutzte "Putin orders Gergiev to take over the Bolshoi". Da ich des Russischen nicht mächtig bin, entgehen mir solche Nuancen, die ich der Washington Post entnehmen kann : "Putin suggests sweeping changes at Bolshoi, Mariinsky theaters". Wir werden sehen, was aus der Aufforderung Putins, darüber nachzudenken, wird.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Gestern war zu lesen, dass auf Putins Geheiss Gergiev zusätzlich zum St. Petersburger Mariinsky-Theater auch das Moskauer Bolshoi-Theater als Direktor übernehmen soll.


    Dies ist wirklich sehr fürsorglich von Putin gedacht, Gergiev für seine nun ausfallenden Auslands-Verpflichtungen einen angemessenen Ausgleich zu verschaffen. Doch Spaß beiseite. Gergiev erzählte oft, dass ihm nach dem Zusammenbruch der Sowjet-Union vom Kultusminister das Direktorium dieser beiden Bühnen angetragen worden war, doch er habe mit der Begründung ablehnen können, die Gefahr sei zu groß, dadurch beiden Institutionen nicht gerecht werden zu können. Also scheint diese Gefahr heute nicht gegeben zu sein, oder Gergiev konnte / wollte sich heute dem "Wunsch" des russischen Förderers der Künste nicht verschließen. Kontinuität Im Musik-Direktorium wird gegeben sein, kam doch der Ossete Tugan Sokhiev, der gerade sein Amt zur Verfügung gestellt hatte, ursprünglich vom Mariinsky.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Lieber Joseph II.,


    vielen Dank. Es müsste ein Vergnügen sein, sich mit Dir über Gergievs Einspielungen auszutauschen. Aber leider kann ich mich daran nicht beteiligen. Zwar habe ich diese Aufnahmen gesammelt, doch ich muss gestehen, nur selten oder gar nicht zu ihnen gegriffen zu haben. Verständlicherweise würden wir nicht über dasselbe sprechen : Du über die Aufnahmen, ich über meine Live-Eindrücken, in über 30 Jahren Hunderte von (meist positiven) Erlebnissen. Deshalb kann ich auch nicht abschätzen, wann Gergievs mediokre Beliebigkeit begann.


    Der Niederländer Peter van Laarhoven, ein ausgewiesener Gergiev-Fan, hat sich die Mühe gemacht, sämtliche Konzert- und Opernaufführungen, von denen er Kenntnis bekam, aufzulisten, angefangen von einem Konzert 1972 mit dem Studentenorchester des Leningrader Konservatorium bis heutzutage. Ich habe vergessen, bei welcher Gesamtzahl er angekommen ist, aber zumindest eine Zahl ist kennzeichnend für Gergiev : 2021, also in der Zeit der Corona-Pandemie, dirigierte er nicht weniger als 331 Konzerte und Opernaufführungen, darunter, z. B. während des sog. Moskauer Oster-Festivals bis zu 3 Konzerte pro Tag in diversen Städten.


    Eine nahe liegende Frage wäre jetzt : Wie gut war dies alles geprobt? Wie wirkten sich die Reisestrapazen auf die Qualität aus?


    Nach meinen Informationen war dies 1989, als ich Gergiev erstmals begegnete, nicht anders. Während des Schleswig-Holstein Musik Festivals war das Orchester irgendwo in der Mitte Schleswig-Holsteins untergebracht und zu den jeweilen Konzerten herangekarrt und in der Nacht zurückgefahren. Heute wird für das Moskauer Oster-Festival ein Zug für Orchester, Solisten und Dirigenten gechartert mit einem Extra-Waggon für Proben, und mit diesem Zug wird durch ganz Russland getourt, startend und endend in Moskau, traditionell am sog. "Victory Day".


    Trotz dieser Strapazen scheinen sich immer noch Musiker darum zu reißen, Mitglied des Orchesters zu sein, doch selbst an den ersten Pulten der Violinen ist eine starke Fluktuation nicht zu übersehen. So wechselten einige Konzertmeister der 1. Geigen zu den Orchestern des Mikhailovsky- oder Bolshoi-Theaters, und einige Musiker fragten mich, ob ich ihnen nicht ein finnisches Orchester in der Nähe der russischen Grenze empfehlen könnte. Mit Sicherheit verdienen die Musiker ein gutes Geld, auch wenn die Auslandszulagen nun wegfallen, aber nicht jedem behagt es, dem Mariinsky unter Verzicht auf ein Privatleben zu "dienen".


    Dazu eine bezeichnend Frage eines Musikers, ob ich wüsste, was für das Orchester ein "freier Tag" bedeutet. Nach einer Aufführung würde man in der Nacht die Arbeit fortsetzen, z. B. Korrekturen von Aufnahmen. Der Tag sei "frei".


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Ich danke abermals vielmals, lieber Peter Schünemann, und bin auch auf Weiteres sehr gespannt.

    Lieber Joseph II.


    Danke. Es ist mir ein Vergnügen.


    Meine Position zum Thema "Gergiev" möchte ich verdeutlichen : Ich verdanke diesem Dirigenten seit 1989 viele unvergessliche Konzerte und Opernaufführungen, und letzten Endes verdanke ich es ihm, dass ich seit vielen Jahren in Mikkeli, in Finnland lebe. Seinetwegen besuchte ich 1995 erstmals das Mikkeli Musik-Festival, wurde "privat verbandelt" mit einer Mitarbeiterin und sah es als (unbezahlte, unbezahlbare) Ehre an, mit Gergiev über eineinhalb Jahrzehnte an der Programmplanung zusammen zu arbeiten.


    Weder für mich noch für meine finnischen Kollegen war Gergievs Nähe zu Putin jemals ein Problem. Damit unterschied Mikkeli sich um nichts von anderen Festspielen und Orchestern. Aber : Dieser grausame, von Putin angezettelte Krieg gegen einen souveränen Staat veränderte alles, und ich finde Gergievs "Verbannung" von Events außerhalb Russlands vollkommen richtig.


    In dem schon erwähnten Interview fragte Norman Lebrecht Gergiev : "Why a festival in the middle of nowhere?" Und Gergiev fand außerordentlich freundliche Worte über Finnland im Allgemeinen und Mikkeli im Speziellen, über die Reinheit der finnischen Natur. Nach bzw. inmitten des St. Petersburger Festivals "Stars der Weißen Nächte" sei Mikkeli für ihn und seine Musiker wie Urlaub. Meistens würde ein Programm gespielt, mit dem sein Orchester vertraut sei, und die Proben würden erst um 16 Uhr beginnen.


    Um es deutlich zu sagen : Einen Grund für Mikkeli gibt es auf keinen Fall - das Geld. Als ich Gergiev einmal fragte, ob er wüsste, wieviel Mikkeli pro Konzert zahlte, also für ihn und Orchester, verneinte er. Bei meiner Antwort (30 000 €) lächelte er. Es gäbe Länder, in denen er allein so viel bekäme. Also wogen ein für ihn und seine Familie für mehrere Wochen angemietestes "Mökki" (Sommerhaus) alles auf, und so war Mikkeli das einzige oder eines der wenigen Festivals, in dem das Mariinsky Geld verlor anstatt es zu verdienen.


    Man verstehe mich richtig, wenn ich dafür das Wort Treue oder Loyalität verwende - Treue gegenüber der Idee des Festivalgründers Seppo Heikinheimo, gegenüber Finnland und Mikkeli. Und wenn ich mich nicht sehr irre, lässt sich Gergievs Verhältnis zu Putin auch mit Loyalität umschreiben. Im Gegensatz zu 2014 ist heute nichts an Unterstützung für Putins Aggression zu hören. Eine öffentliche Distanzierung von Putins Politik von Gergiev zu erwarten, hieße zu verkennen, dass er nicht nur für sein eigenes Leben und das seiner Familie verantwortlich ist, sondern auch für seine musikalische "Familie", das Mariinsky-Theater mit seinen 5 Bühnen, 3 in St. Petersburg plus Vladivostok plus Vladikavkaz. Ich bin froh, nicht in Russland zu leben.....


    Ich habe einmal mitbekommen, wie Putin "pfiff" und Gergiev "sprang". Als ich zu abschließenden Programmgesprächen in St. Petersburg war, informierte mich der damalige Operndirektor, das Mikkeli-Programm müsste leider geändert werden. Putin habe Gergiev in dieser Zeit zu einem Konzert mit dem Mariinsky-Orchester nach Kaliningrad "eingeladen", und dem könnte Gergiev sich selbstverständlich nicht entziehen. Ähnlichkeiten mit anderen solchen Events drängen sich auf.


    Beste Grüße aus dem Land, das gerade zum 5. Mal nacheinander zum Land mit den glücklichsten Menschen gewählt wurde, und das trotz der Nähe zu Russland


    Peter Schünemann

    Lieber Holger Kaletha!


    Zu dieser Einspielung fällt mir eine interessante Anekdote ein. Diese Aufnahme entstand (wie einige andere auch) in der Mikaeli-Konzerthalle, und ich weiß nicht, wieviel von den Aufnahmesitzungen und wieviel von den beiden Konzerten verwendet wurden, in denen Lang Lang je eines der beiden Klavierwerke spielte.


    Jedenfalls hatte Gergiev sich bei den Proben so sehr auf die Klavierwerke konzentriert, dass Rachmaninovs 2. Sinfonie total ungeprobt blieb. Gergiev kommentierte dies mit den bezeichnenden Worten, jetzt müsse er "arbeiten“, könne nicht den Autopiloten anstellen!


    Wenn ich einmal über Gergievs Probenmethode schrieb, man könne ihn nicht auf eine einzige reduzieren, so gilt dies auch für die Benutzung des Taktstocks, ob ja oder nein, wenn ja, in welcher Länge.

    Zu dieser Rachmaninov-Sinfonie erschien er mit einem Taktstock von ungewöhnlicher Länge, berührte beim Auftakt versehentlich das Pult des rechts von ihm sitzenden Viola-Spielers. Der Taktstock fiel zu Boden, wo er bis zum Ende der Sinfonie blieb.


    1997 beobachtete ich, wie der Orchesterwart des Mariinsky Gergiev vor seinem Auftritt diverse Taktstöcke hinlegte. Gergiev probierte sie aus - und entschied sich, ohne zu dirigieren.


    Also auch hier - Gergiev lässt sich nur schwer auf eine Regel reduzieren, weder was die Art von Proben noch die Benutzung des Taktstocks anbelangt.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Lieber Joseph II.,

    vielen Dank für die freundlichen Worte, die mir Mut machen, etwas mehr über Gergiev zu schreiben aus der Position zunächst eines Hobby-Journalisten (ich schrieb für ein deutsches Opernmagazin), dann eines Mitarbeiters seines Mikkeli Musik-Festivals.

    Verständlicherweise ist in all den Jahren (ich traf Gergiev erstmals 1989) eine Fülle an Material zusammen gekommen, das ich deshalb etwas strukturieren möchte.


    Beginnen möchte ich mit dem Thema "Proben“ und Norman Lebrechts Vorwurf, Gergiev würde nicht oder nur ungenügend proben. Ich beziehe mich dabei hauptsächlich auf Proben mit seinem ihm langjährig vertrauten Orchester des Mariinsky-Theaters.

    Wenn Carlos Kleiber früher einmal die "Falstaff"-Premiere an der Hamburgischen Staatsoper abgesagt hatte, weil er (so die offizielle Version) nicht sämtliche Proben im Orchestergraben des Opernhauses abhalten durfte, so fand Gergiev bei Gastspielen beim Schleswig-Holstein Musik Festival offenbar nichts dabei, "Otello" in einer Halle zu dirigieren, in der sonst Pferdeauktionen abgehalten werden (Neumünster), oder "Mazepa" in einer Halle, in der sonst Flugzeugmotoren hergestellt werden (Bremen), oder ein Konzert in einer Lübecker Tennis-Halle. Für einen Dirigenten wie z. B. Günter Wand wäre es unvorstellbar gewesen, in vielen Proben nicht jedes Detail des Konzerts voraus zu planen.


    Nicht so bei Gergiev. Vor einem Konzert in Mikkeli mit dem kompletten "Nussknacker" (der nicht geprobt wurde) beschäftigte er sich mit Mahlers 3. Sinfonie, die am nächsten Abend auf dem Programm stand. Als er 15 Minuten vor angesetztem Konzertbeginn feststellte, dass er den letzten Satz der Mahler-Sinfonie noch nicht "geprobt" (=durchgespielt") hatte, ließ er diesen Satz in doppeltem Tempo spielen. Gefragt, ob dies seine Original-Interpretation sei, verneinte er dies, meinte aber, auf diese Weise hätten seine Musiker die Noten wenigstens einmal vor dem Konzert gespielt!!!! Unprofessionell? Unseriös? Ja, sicherlich! Aber wenn man beim Fußball sagt, wichtig ist, was auf dem Platz geschieht, so gilt dies auch bei Gergiev, für den die Interpretation nicht in der Probe erarbeitet wird, sondern im Konzert geschieht.


    Es kann jedoch auch passieren, dass Gergiev sich bei Proben geradezu in Details verbeisst und von seinen Musikern erwartet, dies auf die gesamte Sinfonie anzuwenden. In John Ardoins Buch "Valéry Gergiev and the Survival of the Kirov" kann man nachlesen, wie Gergiev 1995 bei den Weißen Nächten in St. Petersburg diese "Methode" bei Beethovens Neunter angewandt hatte. Wie dort probte er auch wenig später in Mikkeli nur die ersten beiden Sätze, fiel dann aber unüberhörbar in ein tiefes Loch, aus dem er sich nicht wieder befreien konnte. Dieses Gedenkkonzert für Martti Talvela fand in Finnlands drittgrößter Holzkirche, die sich bei sommerlichen Temperaturen so weit aufgeheizt hatte, dass es für Musiker wie Zuhörer unerträglich war. Hier rächte es sich an Gergievs Manie, eine Probe frühestens zum angesetzten Konzertbeginn zu beenden. Nach seinen Worten war er "Tode gestorben" und sagte daraufhin sein "Tosca"-Dirigat in Savonlinna ab.


    Weitere Beispiele folgen demnächst.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Den Taminos dürfte Norman Lebrechts Blog Slippedisc nicht unbekannt sein mit seinen Lieblingsfeinden Putin, Matsuev, Netrebko etc. Doch Gergiev scheint nicht immer Zielscheibe Lebrechts gewesen zu sein.

    Vor vielen Jahren kam dieser nach Mikkeli und begann sein gut 90minütiges Interview für BBC mit den Worten, durch den Festivalgründer Seppo Heikinheimo seien er und Gergiev zu Freunden geworden. Er stellte diesem genau zwei kritische Fragen, ob Gergiev nicht zu nahe an der politischen Macht sei und seine Art zu proben der Musik und den Musikern Gerechtigkeit widerfahren ließe.


    Gergiev war nicht anzumerken, ob er ob dieser Kritik "not amused" sei und lobte Putin seit dessen Zeit als 2. Bürgermeister Leningrads als einen wirklichen Freund der Musik und besonders des Mariinsky-Theaters. Gergiev hatte schon immer ein besonderes Händchen dafür, eine enge Verbindung zu Putin herzustellen. So war zunächst der Mariinsky-Bariton und - Regisseur Yuri Laptev Putins Kulturberater, später in derselben Funktion der Pianist und Gergiev-Freund Denis Matsuev. Und dass der frühere Mariinsky-Cellist Sergey Roldugin Putins Jugendfreund und Pate eines dessen Töchter war, war sicherlich auch kein Nachteil.


    Zurück zu Norman Lebrecht. Auf die Frage, was ihn zu einem ausgewiesenen Gergiev-Gegner werden ließ, antwortete er :

    1. Zur Zeit des Interviews sei Gergiev noch nicht so nahe zu Putin gewesen (stimmt nicht),

    2. Gergiev käme immer zu spät,

    3. Gergiev würde nicht oder nur ungenügend proben.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

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    Gerade gefunden. Urzeiten ist's her: 11. Juni 1989.

    Gergiev und Justus Frantz - so etwas könnte man "Freunderlwirtschaft" nennen. Jedenfalls profitieren beide voneinander. Zunächst Gergiev, der mit seiner damals noch so genannten Kirov Oper zu Frantz' Schleswig-Holstein Musik Festival eingeladen wurde. Und Gergiev revanchierte sich, indem er Justus Frantz an seinem Opernhaus Mozarts Zauberflöte dirigieren ließ.


    1997 durfte Frantz mit seiner Philharmonie der Nationen bei Gergievs Mikkeli Music Festival gastieren (Mozart Jupiter, Bruckner IV), was von einem finnischen Kritiker kommentiert würde : sehr gutes Orchester, sehr schlechter Dirigent.


    Ich traue Gergiev durchaus zu, die Dirigierkünste seines Kollegen richtig einzuschätzen. Man kann über ihn vieles, auch vieles Negatives anführen, aber aus meiner Sicht zeichnete ihn immer eines aus : Loyalität. Ich erinnere mich, wie er 1994 bei einem Presseempfang in Hamburg sagte, solange man Justus Frantz erlaubte, das Schleswig-Holstein Musik Festival zu verlassen (so kann man natürlich auch einen Rausschmiss nennen), würde er dort nicht wieder dirigieren.


    Kennzeichnend für diesen außerordentlich eloquenten Mann ist auch, dass er nach dem Motto "Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?!" seine Meinung änderte und dort wieder dirigierte.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Diese Fragen kann ich beantworten. Zunächst zu den Antworten. Nein, das war mit Sicherheit so nicht mit Gergiev abgesprochen. Wenn Gergiev überrascht oder brüskiert war, hat er sich das nicht anmerken lassen, denn, wie bei ihm üblich, hörte er sich auch diese Zugabe, am Rande der Bühne stehend, an. Nein, dies war das letzte Auftreten Batiashvilis mit Gergiev.


    Ich besuchte dieses Konzert in Rotterdam sozusagen in offizieller Mission. Als Künstlerischer Koordinator von Valery Gergievs Musik-Festival im finnischen Mikkeli war es meine Aufgabe, ihn dazu zu bewegen, möglichst frühzeitig ein möglichst attraktives und verlässliches (keine kurzfristigen Änderungen) Programm zu entscheiden. Es war nämlich Mariinsky-Stil, das Programm erst im Frühjahr bekannt zu geben (Beginn im Juli), und das war einfach zu spät, wenn man auch Besucher aus dem Ausland haben wollte.


    Attraktiv sind also prinzipiell auch Solisten, die einem finnischen Publikum bekannt sind, z. B. Lisa Batiashvili, die seit ihrem 2. Preis beim Sibelius-Violinwettbewerb 1995 gerade in Finnland sehr populär war. Ich holte mir also nach der (wie immer kurzen) Durchspiel-Probe von Gergiev "grünes Licht", ob ich die georgische Geigerin wegen eines Konzerts in Mikkeli kontaktieren dürfte. Weder nach dieser Probe, auch nicht nach dem Konzert mit dieser brisanten Zugabe oder am nächsten Morgen erhielt ich von Batiashvili oder von Gergiev ein Nein zu diesem Plan. Frau Batiashvili verwies mich jedoch an ihre Agentin wegen der Terminabsprache, doch von dieser bekam ich die Antwort, dass Aufnahmen in den USA diese Idee leider nicht zuließen. Wie ich später feststellen konnte, ein diplomatisch verpacktes Nein, denn Lisa Batiashvili kündigte danach in einigen Interviews an, Gergiev zukünftig boykottieren und nie wieder mit ihm konzertieren zu wollen.


    Zum Schluss noch ein Wort zum Mikkeli Music Festival, das in diesem Jahr (es war 2021 ausgefallen) zum 30. Mal hätte stattfinden sollen. Der Vorstand gab bekannt, dass wegen Gergievs Haltung zu Putin (die ja vorher nicht ganz unbekannt war und offensichtlich kein Problem gewesen war) die Zusammenarbeit mit Gergiev und seinem Mariinsky-Theater aufgekündigt würde. So weit, so gut, zumindest verständlich in einer Stadt, die im 2. Weltkrieg Hauptquartier Marschall Mannerheims gewesen war. Bedauerlich, aber verständlich, dass auch Mariinsky-Künstler, von denen ich wusste, dass sie gegen Putin sind, mit über die Klinge springen mussten und ihre Solo-Konzerte abgesagt wurden. Dass jedoch generell ALLE russischen Künstler verbannt wurden, geht mir zu weit. Wie ich hörte, geschah dies auf Druck der Stadt Mikkeli, die damit drohte, sämtliche Zuschüsse zu streichen, sollte nur ein einziger russischer Künstler auftreten. Aus der Sicherheit eines freien Landes heraus lässt sich vortrefflich von Künstlern verlangen, sie sollten ein öffentliches Bekenntnis gegen Putin ablegen....


    Die ganze Situation erinnert mich fatal an die McCarthy-Zeit in den USA, als z.B. dem Bulgaren Boris Christoff ein Auftritt an der MET verwehrt war, weil er aus einem kommunistischen Land kam.


    Beste Grüße


    Peter Schünemann

    Von den diesjährigen Teilnehmern des Operalia-Wettbewerbs sind mir zwei bekannt. Die Sopranistin Ekaterina Sannikova kam über das Atkins Young Artists Program vor gut 2 Jahren an das Mariinsky-Theater und übernahm dort seitdem eine Vielzahl an Aufgaben : im russischen Fach u.a. Iolanta, Kupava, Johanna von Orléans (!), aber auch Fiordililgi, Nedda und Mimi. Der Tenor Valery Makarov ist kürzlich gerade einmal 20 Jahre alt geworden und sang bereits am Bolshoi-Theater Tamino. Morgen, am 18. August, wird er beim Rossini-Festival in Pesaro den Belfiore in "Viaggio a Reims" übernehmen, während er in der ersten Vorstellung am 15. schon in der kleinen Rollen des Luigino zu hören war.


    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann

    Lieber Caruso41!


    Bitte, erlaube mir zwei Ergänzungen zu Deiner interessanten Aufzählung finnischer Dirigenten :


    Olli Mustonen ist ab 2021 Künstlerischer Leiter des Turku Philharmonic Orchestra.

    Santtu-Matias Rouvali übernimmt ab der Saison 2021/22 als Nachfolger Esa-Pekka Salonens das Philharmonia Orchestra London. Diesen jungen Mann werde ich am 7. Juni bei Valery Gergievs Mikkeli Musik-Festival am Pult dessen Mariinsky-Orchesters erleben. Es war geplant gewesen, dass Rouvali dasselbe Programm (Grieg, Dvorak) vor wenigen Tagen schon in St. Petersburg geprobt und aufgeführt hätte, aber sein Visum war zu spät eingetroffen, so dass er das Dirigat Gergievs Neffen Zaourbek Gugkaev überlassen musste.


    Beste Grüße aus Finnland

    Peter Schünemann

    21. Juni 2021


    1997 – 24. Todestag von Karl Ridderbusch (Sänger)

    Was ich 2012 im Karl Ridderbusch gewidmeten Thread geschrieben hatte, entspricht auch heute noch meiner Einschätzung. Ich bitte daher um Verständnis, wenn ich dies aus Anlass von dessen 24. Todestag wiederhole.


    "Durch eine damalige Freundin, die Anfang der 60er Jahre in Münster lebte und mir von ihrer Entdeckung Karl Ridderbusch vorschwärmte, hörte ich erstmals von diesem Sänger. Persönlich erlebte ich ihn 1967 als Daland in der Wiener B-Premiere vom "Fliegenden Holländer", bei der er die A-Besetzung Oskar Czerwenka weitaus überragte. Darauf folgten viele Aufführungen in Bayreuth (Fasolt, Hunding, Hagen, König Heinrich, Titurel, Pogner, Sachs, Daland), später auch Hamburg (vor allem Ochs) und Kiel (Sachs 1982).


    Für mich war Ridderbusch Besitzer einer der schönsten Baß-Stimmen nicht nur dieser Zeit, ein herrlich sattes Baßtimbre mit großer Höhenexpansion. Auch als Hagen fand ich ihn stimmlich hervorragend, obwohl mir vom Stimmtyp ein Gottlob Frick lieber war. Meine Einschränkungen gegenüber Ridderbusch beziehen sich vor allem auf seine Künstlerpersönlichkeit als Darsteller. Ich weiß, viele der Taminos werden anderer Meinung sein, aber als Sachs habe ich Theo Adam bei weitem vorgezogen, obwohl dieser nicht über Ridderbuschs balsamisches Stimm-Material verfügte. Aber Ridderbusch war mir in dieser Partie immer zu eindimensional, zu sehr lediglich Schuster als vielmehr Schuster und Poet, doch das ist letzten Endes eine Frage des eigenen Geschmacks. Auch als Ochs, den er zudem (welch' Frevel damals) mit Bart spielte, war er mir zu polternd, zu wenig delikat. Hier zog ich Hans Sotin und Kurt Moll bei weitem vor, obwohl die Mühelosigkeit, mit der er diese Partie bewältigte, staunen machte.


    Ich habe damals (1976) in Bayreuth miterlebt, wie Ridderbusch sich negativ über Chéreau ausließ, was seinerzeit meinen Beifall fand, weil auch ich nicht gerade zu den Fans dieser Inszenierung zählte. Heute sehe ich dies viel differenzierter. Einerseits Hut ab vor einem Sänger, der einmal öffentlich äußerte, was viele seiner Kollegen ansonsten nur in der Kantine verlauten lassen (auch ein Theo Adam sagte einmal in Hamburg seine Mitwirkung als Sachs ab, weil Herbert Wernickes Sicht auf das Stück und vor allem die Hauptfigur des Werkes nicht mit der seinen in Einklang zu bringen waren). Auf der anderen Seite war Ridderbusch offenbar nicht aufgegangen, wie Chérau, der ja für seine einfühlsame Personenregie gelobt worden war, Ridderbuschs Persönlichkeit in die Figur des Hagen eingehen ließ. Ridderbuschs Verzicht auf Bayreuth (oder sein Rausschmiß) waren jedenfalls ein großer Verlust für die Bayreuther Festspiele.


    Was Ridderbusch in seiner Freizeit tat, was er sammelte, habe ich nicht in mein Fazit einfließen lassen, ihn für einen großen Sänger zu halten, an dessen beste Partien ich gerne zurückdenke."










    Beste Grüße aus Finnland

    Peter Schünemann

    19. Juni 2021


    1973 – 48. Geburtstag von Sasha Mäkilä (Dirigent)

    Sasha Mäkilä begann als Cellist, studierte dann aber Dirigieren am St. Petersburger Rimsky-Korsakov-Konservatorium bei Leonid Korchmar und an der Sibelius-Akademie in Helsinki bei Leif Segerstam. Von 2007 bis 2010 war er Assistent von Kurt Masur beim Orchestre de Paris und von 2010 bis 2012 Assistent von Franz Welser-Möst beim Cleveland Orchestra. Von 2012 bis 2016 leitete er die St. Michel Strings, das Kammerorchester im finnischen Mikkeli, mit dem er Tourneen bis hin nach Süd-Korea unternahm und einige Male bei Valery Gergievs Mikkeli Musik-Festival gastierte.


    Dort kam es zu einer denkwürdigen Begegnung. Als Gast-Künstler war er zu Gergievs Lieblingsevent eingeladen, der traditionellen finnischen Rauch-Sauna. In der Dunkelheit der Sauna kamen beide miteinander ins Gespräch (Mäkilä spricht sehr gut Russisch), und als Gergiev erfuhr, dass Mäkilä bei Leonid Korchmar studiert hatte, der "grauen Eminenz" des Mariinsky-Theaters, war das Interesse des russischen Pult-Stars geweckt, und er lud den jungen Finnen ein, das Mariinsky-Orchester in St. Petersburg mit einem finnischen Programm zu dirigieren. Dies erste Konzert fiel so zufriedenstellend aus, dass Mäkilä noch zwei weitere Male an die Neva eingeladen wurde. Bei Gergievs Mikkeli-Festival stand 2019 Sibelius' 2. Sinfonie auf dem Programm des Eröffnungskonzerts, und als Gergiev wieder einmal recht "zeitnah" vor Konzertbeginn eintraf, bat er Mäkilä, die Probe zu leiten. Er selber übernahm dann das Konzert.


    Sasha Mäkilä gründete 2017 das Helsinki Metropolitan Orchestra und ist seit diesem Jahr ständiger Gastdirigent beim Krasnoyarsk Symphony Orchestra. Daneben leitet(e) er gut besuchte Meisterklassen in Mikkeli und im estnischen Pärnu. Mäkilä promovierte über die Sinfonien des finnischen Komponisten Leevi Madetoja.









    Beste Grüße aus Finnland


    Peter Schünemann