Beiträge von hasiewicz

    Ein aus meiner Sicht unterstützenswertes Projekt ist der Plan für ein Deutsches Romantikmuseums in Frankfurt am Main.


    FAZ-Artikel über das Romantik-Museum


    Hier kann man spenden, und hier eine Petition zeichnen.


    Was den generellen Stellenwert der Romantik betrifft, hat es der Autor Michael Ende sehr schön gesagt:


    Zitat

    »Ich bin der Meinung, dass die Romantik die bisher einzig original deutsche Kulturleistung war. Alles andere haben wir in Deutschland mehr oder weniger aus dem Ausland übernommen. In der Romantik ist zum ersten Mal etwas gelungen, das auch das Ausland interessiert hat. Deswegen habe ich versucht, dort anzuknüpfen, weil ich mich durchaus als deutscher Autor verstehe und weil ich der Überzeugung bin, dass diese Stimme, die eben typisch deutsch ist, nicht im Konzert der Nationen untergehen sollte.«


    Christian

    Das Mindener Tageblatt berichtet, dass in Minden eine mögliche Ring-Inszenierung zur Diskussion steht.


    Wird Minden Bühne für Wagners "Ring"?


    Nicht nur, aber auch weil Minden die Stadt ist, in der ich aufgewachsen bin, wünsche ich Frau Dr. Hering-Winckler und dem Wagner-Verband viel Erfolg bei dem Projekt - sowie eine Regie, die sich daran orientiert, dem Publikum große Oper zu bieten.


    Christian Hasiewicz

    Da es in diesem Forum schwerpunkthaft um Musik geht, die im 18. und 19. Jahrhundert geschrieben wurde, darf die Frage gestellt werden, wie nah und nachvollziehbar die Gefühlswelten, die in diese Kompositionen eingeflossen sind, für uns Heutige eigentlich noch sind? Sprechen uns diese wirklich unmittelbar an, können wir unmittelbar anknüpfen? Oder gelingt uns mitunter nur ein gelehrt-wissendes Nachvollziehen? Oder ist das, was wir hinein hören, mitunter gar ein Missverständnis?


    Die Frage ist entstanden in dem Thread zu vermeintlich überbewerteten Kompositionen, in dem ich einige Passagen aus Sibelius 1. Sinfonie als für mich trivial klingend bezeichnet habe. Was vielleicht daran liegt, dass die Tonsprache dieser Passagen mittlerweile durch ähnlich klingende Filmmusik trivialisiert ist - und damit überdeckt, sodass ein ursprünglicher Zugang für mich nicht mehr möglich ist.


    Wie ist es mit Gefühlswelten wie zum Beispiel in Schumanns Liedzyklus "Frauenliebe und -leben", dem vorgeworfen wird, dass er das Glück des weiblichen lyrischen Ichs vollkommen an der Existenz als Liebende, Ehefrau und Mutter festmacht? Wie ist es mit der Komposition "Ein Heldenleben" von Richard Strauss, in dem er sich selbst zum Helden wilhelminischer Prägung stilisiert? Mit Tschaikowskis "Pathetique"? Sind solche Werke noch unmittelbar zugänglich, oder können sie bestenfalls noch als "Orchesterspektakel" gehört werden?


    Was ist mit den zahlreichen Tränen, die in Liedern des 19. Jahrhunderts vergossen werden? Mit den "Blümelein", "Rößlein" und "Feinliebchen" in der Lyrik? - Ausdrucks- und Sprachformen, die uns fremd geworden sind? Wie hört/lest ihr das heute?


    Um ein Beispiel aus der Literatur zu verwenden: Über Thomas Mann sagte jemand, dass die Ironie, die in seinem Werk ein wichtiges Element sei, bald für Leser nicht mehr nachzuvollziehen ist, weil das Wertesystem, welches sie ironisiert, schlicht nicht mehr geläufig sei.


    Ist das eventuell sogar die größte Gefahr für die klassisch-romantische Musik, viel gefährlicher als Musikindustriekrise und Tonträgerfraß - dass sie vielleicht zukünftig nicht mehr ausreichend verstanden wird?


    Christian

    Aber ich weiß, Emotionalität ist im 21. Jahrhundert ja eher verpöhnt. Vielleicht liegt es auch daran, dass heutige nüchterne Geister damit oft nicht mehr viel anfangen können.

    Hallo Joseph,


    das ist eine sehr wertende These, finde ich. Emotionalität verändert sich halt.


    Vielleicht sollten wir da etwas differenzierter ansetzen: Manch klangliches Ausdrucksmittel, das ein Komponist in seiner Zeit als völlig adäquat (oder sogar innovativ) eingesetzt hat, wirkt aus der zeitlichen Distanz ganz anders. Das kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Sei es daher, dass es in der Filmmusik ausgeschlachtet wurde (wofür der Komponist nichts kann, der Rezipient allerdings auch nicht) - sei es, dass der Bedeutungskontext heute nicht mehr da ist.


    Letztendlich habe ich auch nur meine Wahrnehmung über Sibelius Erste zum Besten gegeben. Ich finde es interessant, dass man das offenbar immer dazu sagen muss; dass sich dagegen andere von dieser Meinung irritiert fühlen oder die Notwendigkeit sehen, sich zu rechtfertigen, weil sie dieses Stück aber mögen, finde ich schade. Wir haben zwar alle das gleiche Paar Ohren, aber jeder hört Musik nun mal anders.


    Vielleicht liegt es aber auch am Vorwurf "Kitsch" - vermutlich bekommt niemand gern zu hören, dass das, was er liebt, Kitsch ist. Kann ich verstehen. Bei mir war es Ausdruck der Enttäuschung, dass ein Stück immer dort, wo es zur Apotheose ansetzt, für mich ins Triviale abfällt.


    Vielleicht ist es ja wirklich so (um mal in die Metadiskussion über diesen Thread einzusteigen), dass man grundsätzlich nur über Dinge sprechen sollte, die man liebt. Liebe ist oft ansteckend; Ablehnung dagegen provoziert zur Gegenreaktion.


    Und damit sage ich weiter nichts mehr zu Sibelius 1ster, außer, dass ich sie mit gebührendem Abstand mal wieder hören werde, um zu prüfen, ob sich meine Meinung eventuell geändert hat.


    Christian

    Ich weiß nicht, ob ich mein Empfinden da mit einer bestimmten Interpretation zurücknehmen kann.


    Ein Beispiel dessen, was ich meine, "passiert" hier z.B. in der Minute 7:00 bis 7:17.



    Es gibt geniale Momente auch in dieser Sinfonie - Sibelius macht Großes mit den Holzbläsern, die ganze Introduktion ist fantastisch. Aber oft hat er an den Punkten, die er als Höhepunkte anlegt, hier (noch) nicht die Gestaltungskraft, dass diese auf dem gleichen Niveau stattfinden wie andere Passagen.


    Christian

    Ich weiß nicht, ob die 1. Sinfonie e-Moll, op. 39, von Sibelius wirklich als "beliebtes Stück" gelten kann. Ich vermute, selbst unter eingefleischten Sibelianern nimmt sie nicht den allerersten Rang unter den siebeneinhalb Sinfonien ein.
    Nachdem ich sie gestern und heute zwei Mal gehört habe, finde ich, dass sie leider im 1., 2. und 4. Satz mit Trivial-Kitschigem aufwartet - und zwar immer da, wo Sibelius die Melodien "so richtig schön" ausschwingen lässt. Dagegen wirken selbst Mahler und Rachmaninoff geradezu unterkühlt. Den Gipfel erreicht dieser Finlandia-Hollywood-Ton im letzten Satz, wo zu einer Breitwandmelodie auch noch die Harfe klimpern darf. An diesen Stellen wird ein geschmacklicher Rubikon spätromantischen Tons überschritten, bei dem Brahms und Dvorak in der Regel und glücklicherweise immer am diesseitigen Ufer stehen geblieben sind. Apropos Dvorak: Über den dritten Satz hatte ich mich noch gar nicht geäußert - ein Schelm, der bei ihm an den 3. Satz von Dvoraks Neunter denkt? (diese 1893 entstanden, jene 1899?).


    Gut - nehmen wir das ganze Werk als Jugendsünde - danach hat Sibelius ja eine ganze Reihe großartiger Sachen geschrieben, darunter die 2., die 4. und die 5. Sinfonie. Aber die 1. ist für mich eine solche Überdosis an Sentimentalität, dass ich nun erstmal eine Dosis Bach oder Mozart brauche, um wieder für Klarheit im Gehörtrakt zu sorgen...


    Christian

    Noch was hierzu - neulich habe ich diese 3-CD-Box erworben:



    Bisher habe ich CD 2 gehört, mit Stücken von Schumann, Mendelssohn, Smetana, Weber und Cherubini.


    Wirklich überrascht hat mich die klangliche Qualität der "Moldau" ("Digital remastered"). Auch die Manfred-Ouvertüre und der Cherubini klingen wahrlich nicht schlecht.


    Christian

    Hallo lutgra,


    auch wenn ich vermute, dass du als Suchender in Sachen Furtwängler schon darauf gestossen bist - falls nicht, ist dieser Link vom rbb zu Schätzen aus dem Reichsrundfunkarchiv hier wertvoll:


    http://www.kulturradio.de/zum_nachhoeren/furtwaengler.html


    Zitat

    Musik-Aufnahmen der Reichsrundfunkgesellschaft aus den Jahren 1942 bis 45 sind nach dem Krieg in die damalige Sowjetunion verbracht worden. Erst nach langjährigen Verhandlungen gelangten sie in den 1990er Jahren wieder an den alten Platz im Haus des Rundfunks. Dort sind sie archiviert und digitalisiert worden. Einige der alten "Schätze" kann man jetzt auf kulturradio.de online nachhören. In zum Teil verblüffend guter Qualität


    Christian

    Lagen heute beim Heimkommen auf dem Schreibtisch:



    Bei dieser Gelegenheit - es scheint bei Tamino noch gar keine Diskussion zu George Szell zu geben. Falls niemand etwas dagegen hat, werde ich eine solche demnächst eröffnen - zu diesem Mann gibt es viel zu sagen (und hören...).


    Christian

    Auch wenn ich ("erst"?) Jahrgang 72 bin, habe ich die schöne Erinnerung, dass in meiner Jugend, wo man nur drei Fernseh-Programme gab, tatsächlich Opernfilme im Mittags- und Nachmittagsprogramm gab.


    Und Sibelius habe ich kennengelernt, weil in den Anfängen des Videotextes derselbe mittags ausgestrahlt wurde und dazu klassische Musik lief. Unter anderem eben Sibelius.


    Aber das ist jetzt sehr ab vom Thema, Verzeihung.


    Christian

    Keine Gesamtaufnahme, "nur" die 3. und 4., aber für mich absolut begeisternd ist diese Einspielung von 2011:



    Enthält zudem die Zweitfassung der Vierten.



    Zitat

    «Mendelssohn hatte wahrscheinlich zusammen mit Mozart und Debussy das musikalisch schärfste Ohr, das es je gegeben hat.» Das sagt Heinz Holliger, der nun ja auch nicht gerade mit grobem Hörsinn ausgestattet ist. Und er redet Klartext, wenn’s darum geht, festzustellen, weshalb Mendelssohn selbst heute noch eher als eineinhalbklassiger Komponist gilt. Richard Wagner habe alles musikalisch Brauchbare von ihm geklaut, um ihn anschliessend völlig zu verneinen und ihn als Komponistenfigur auch menschlich zu zerstören, so Holliger.


    Das Gespräch mit dem brillanten Oboisten, Komponisten und Dirigenten im Booklet zu dieser CD ist etwas vom Besten und Anregendsten, was man in Booklets bisher gelesen hat – nicht nur zu Mendelssohn. Holliger spricht auch über die Tempi, die Mendelssohns Musik verlangt: Nicht schleppen! Und darüber, wie man sie runieren kann, drückt man auf die Tränendüsen. Diese Musik vertrage «weder Gefühlsduselei noch Bombast».


    http://www.codexflores.ch/popular.php?art=148


    Beste Grüße


    Christian

    Ich bin immer dafür, Mythen durch Empirie auf den Grund zu gehen. Und habe heute die Haffner-Symphonie in der Aufnahme von Böhm gehört.


    Und frage mich - wenn Charme ein entscheidendes Ingrediens der Musik Mozarts ist und Böhm so ein großartiger Interpret der Mozartschen Musik sein soll - warum klingt dann so wenig Charme aus dieser Interpretation? Anspruch auf Größe wird deutlich, aber Humanität, Wärme oder gar ein Lächeln vermitteln dieser Ansatz keineswegs.


    Freundliche Grüße


    Christian

    So, jetzt aber wierder an die Arbeit! Ein paar wahre Brocken haben wir noch vor uns. Ich übernehme jetzt mal J.S. Bach:

    Kantaten: 20 CDs


    20 CDs bedeutet bei den Kantaten eine Auswahl. Ich hatte mich eigentlich darauf eingestellt, von der Suzuki-Bach-Einspielung alle für meinen Sammlungsgrundstock kaufen zu "müssen". Wie wäre denn hier die Grundauswahl von "nur" 20 CDs vorzunehmen?


    Beste Grüße


    Christian

    Derzeit spielt Adam Fischer mit dem Danish National Chamber Orchestra eine Gesamtaufnahme ein, die das symphonische Pendant zu Zacharias Neueinspielung der Klavierkonzerte werden könnte.


    Klanglich sehr gut im SACD-Surround Sound, interpretatorisch energievoll, akzentuiert, trotzdem mit dem nötigen Schmelz.


    Einen Eindruck gibt der Hörschnipsel zum ersten Satz der Pariser Symphonie beim Werbepartner.




    Ich habe bisher nur Vol. 9, überlege mir aber alle zuzulegen.


    Freundliche Grüße


    Christian

    nicht jeder mag so einen "strengen" Mozart....


    Finde ich persönlich gar nicht streng, sondern hat für mich den nötigen Schmelz und Charme. Und was Akzentuierung sowie die Staffelung der einzelnen Instrumentengruppen betrifft, scheint mir Krips Böhm deutlich überlegen zu sein.


    Eine Gesamtaufnahme ist es freilich nicht, aber enthält das Wichtigste.


    Freundliche Grüße


    Christian

    Ach Leute,


    hört doch bitte mal, wenn ihr Mozart ohne dürren HIP-Klang hören wollt, was Krips mit dem Concertgebouw Orchestra macht. Schlanker Klang und Lebendigkeit, und das mit großem Klangkörper. Da kann Böhm mit seiner Klangsosse einpacken.



    Zitat aus einer Amazon-Rezension: "Habe die Aufnahmen schon vor langer Zeit gekauft und hüte sie wie einen Schatz."


    Freundliche Grüße


    Christian

    Lieber Yorick,


    vielen Dank für den Thread. Ein Thema, das auch mich sehr interessiert.


    Beisteuern möchte ich den Hinweis auf eine nicht-musikalische Vertonung, die du als Hörbuchfreund aber vielleicht auch schon kennst: Hölderlin-Gedichte, gelesen von Bruno Ganz. Wobei - "nicht-muskalisch"? Bei Ganz wird Hölderlins Lyrik ebenso zu Musik wie wenn Peter Lühr Eichendorff liest. Für mich eine der schönsten Aufnahmen des Labels ECM.



    Ergänzen möchte ich ebenfalls noch, dass sich in der Samstagsausgabe der FAZ Hölderlins Gedicht "Achill" abgedruckt findet, zusammen mit einer Deutung von Frieder von Ammon: "Sein leidenschaftlich flehendes, von Liebesschmerz und pantheistischer Naturfrömmigkeit gleichermaßen erfülltes Gebet, mit dem die Elegie endet, ist ein erschütternder Hilferuf: Sollte seine Bitte um eine "Sänftigung" des Leids nicht erhört werden, dann, fürchtet er, wird seine Seele vor der Zeit verstummen, dann wird es ihm nicht mehr gelingen, Abend für Abend seinen "frommen Gesang" anzustimmen, den Göttern zu danken. Was hier anklingt, ist die Angst des Dichters vor der Sprachlosigkeit, seine Angst, auch das noch zu verlieren, was ihm das Wichtigste ist: die Fähigkeit zu dichten" (FAZ, 8.12.2012, Z4)

    Gestern: Gustav Mahler, Das Lied von der Erde.


    Dank eines Freundes durfte ich dieses Werk - mir eines der liebsten der klassischen Musik überhaupt - in einer ganz besonderen Aufnahme hören - als Liveaufnahme mit dem Cleveland Orchestra unter George Szell, die Gesangspartien gesungen von Richard Lewis und Janet Baker. Aufgenommen 1970, vermutlich in der Carnegie Hall. Auf CD derzeit nicht erhältlich, es zirkulieren zwei Mitschnitte.


    Das Hören war ein eindrucksvolles Erlebnis. Wenn man von der Tonqualität absieht, steht diese Aufnahme mindestens gleichwertig neben der von Klemperer mit Wunderlich und Ludwig (auch wenn Lewis kein Wunderlich ist). Szell lässt sein Orchester die existenzielle Tiefe von Mahlers Werk voll ausloten, beim "Abschied" versteht man wahrlich den Trost im Untröstlichen.


    Wer will, mag das bei Youtube nachhören: Abschied - Baker, Szell, Cleveland Orchestra


    Einen schönen zweiten Advent


    Christian

    Ich spreche jetzt nicht als Moderator, weise aber darauf hin, dass die Behauptung, dass Yorick der "deutschen" Musik einen besonderen Wert beimisst, und zwar WEIL sie deutsch ist eine boshafte Unterstellung ist, und sich nicht wundern braucht, wer danach zurechtgewiesen wird.


    Wenn das so wirkte, bitte ich um Verzeihung. Es war nicht als Unterstellung gedacht, vor allem war es nicht boshaft gemeint.


    Freundliche Grüße


    Christian