Beiträge von lutgra

    Der bei uns kaum bekannte, aber dennoch zu den großen Geigern des 20./21. Jahrhundert zählende Aaron Rosand (15.3.1927-9.7.2019) ist gestern im Alter von 92 Jahren verstorben. Er hinterlässt eine Diskographie, die die bedeutenden Werke für sein Instrument umfasst. Viele davon stehen in meiner Sammlung.


    R.I.P.



    N. Hornig in FonoForum 8 / 99: "Rosands Bach-Interpretation bewegt sich auf dem Boden der Tradition. Es ist eine romantisierende Auffassung, aus der eine geistige Klarheit und musikalische Verbindlichkeit sprechen, die auch eine im Prinzip konventionelle Darstellung spannend erscheinen lassen. Rosands Phrasierungsintelligenz nimmt gefangen: hier klingt einfach alles logisch und natürlich: Akzente und Tempi, die Entwicklung der Linien, das Ansteuern und Erreichen der Höhepunkte."




    In summary, this is one of the few recordings in which absolutely everything works in triumphant harmony. The Brahms Concerto (strangely, of the two performances, the one that haunts the memory) ranks among the very best; the Beethoven, honesty compels me to affirm, is the very best: a marvelous conception realized by a virtuosic soloist at the top of his form and an orchestra and conductor inspired by the greatness of the work and its interpreter. I'm well aware that, having read the last sentence, some readers are reaching for pen and paper to write an indignant defense of one favorite (Heifetz, Huberman, Szigeti, Kreisler, and Menuhin come to mind) or another. But Rosand's Beethoven has little in common with any of those, and in that difference lies its strength. It's one for the ages. -- Robert Maxham, Fanfare Magazine, 1999


    Die Streichquartette von Hans Pfitzner kenne ich noch gar nicht. Eine der Original CDs von cpo habe ich in meiner Sammlung gefunden und daraus heute das cis-moll Quartett op. 36 von 1925 gehört. Das ist ein sehr komplexes Werk, das sich beim ersten Hören mir noch nicht erschliesst. Es gilt als eines seiner Meisterwerke und wurde von ihm auch in eine Symphonie (op. 36a) umorchestriert.

    Beim Spaziergang mit Hund habe ich dann per stream noch das op. 13 gehört, das wesentlich zugänglicher ist. Ob sich die 2. CD mit op. 13 und op. 50 auch in der Sammlung befindet, habe ich bisher nicht herausfinden können. Ich werde sie wohl am Sekundärmarkt ordern.


    die drei 1817 veröffentlichten (vermutlich letzten) Streichquartette sind von ausserordentlicher Qualität. Formal entsprechen sie alle dem klassischen Haydn'schen Modell mit vier Sätzen, mit Spieldauern von 16:34 bis 22:28 ähneln sie diesen auch im Umfang. Stilistisch liegen sie ziemlich in der Mitte zwischen Haydn und Mozart mit Ausblicken auch auf den frühen Beethoven und Schubert. Sie sind melodisch sehr reizvoll und die Sätze auch sehr schön entwickelt. Düstere Abgründe tun sich nicht auf, sie sind eher heiter gestimmt. Unterhaltungsmusik der besten Manier. Die 1. Geige ist naturgemäß etwas im Vordergrund, aber es handelt sich keinesfalls um verkappte Violinkonzerte, sondern auch die anderen Stimmen werden mit zahlreichen Aufgaben versehen, es handelt sich um echte Quatuors concertants.
    Das Quartetto Aira ist aus Ensembles der frühen HIP Szene hervorgegangen, dies scheint ihr einzige CD-Produktion zu sein. Sie spielen aber eher konventionell, durchaus rustikal mit gelegentlichen Intonationstrübungen, aber mir gefällt der dunkle Klang ihrer Instrumente. Und da es m.W. eh keine Alternativeinspielung gibt, kann ich bestens mit dieser Aufnahme leben.

    Dem Wunsch komme ich gerne nach. Hinzufügen kann ich derzeit nichts. Ob ich jetzt die 4 CDs umfassende Aufnahme von Brilliant Classics ordern werde, ist noch unentschieden. Vielleicht machen mir ja die künftigen Beschreibungen von Alfred den Mund wässrig. Derzeit bin ich noch vollends mit der Fitz Brun Box ausgelastet.

    Lieber Adriano

    der Dank gebührt nicht uns, sondern Dir, der Du es erst möglich gemacht hast, dass wir die hörenswerte Musik dieses Komponisten kennenlernen können.:hail:


    Ich habe gerade wieder einmal die erste Symphonie gehört, die ich vor gut einem Jahr als download erstanden habe. Ich habe sie inzwischen sicher ein halbes Dutzend Mal gehört und damit gehört sie bei mir quasi schon zum "Repertoire". Ich freue mich schon sehr darauf, die anderen 9 näher kennenzulernen, was Dank Deiner website auch kundig und durch viele Informationen ergänzt möglich ist. Auch dafür gebührt Dir Dank.


    Liebe Grüße

    lutgra

    Die von Holger anlässlich ihrer Debut CD bei DGG gelobte junge Geigerin Bomsori Kim legte letztes Jahr eine CD mit dem 1. Violinkonzert von Schostakowitsch und dem 2. von Wieniawski vor. Sie bietet eine weitere gute Aufnahme des 1. Violinkonzertes von Schostakowitsch mit der Warschauer Philharmonie unter Jacek Kaspszyk. Wie viele andere neuere Aufnahme lässt aber auch diese nicht in die exististentiellen Abgründe blicken wie die Aufnahmen von Oistrakh, Kogan, Salerno-Sonnenberg und Khachatryan. Dafür spielt Frau Kim auch einfach zu "schön". Das expressive Moment, das Holger bei der Kammermusik CD so lobt, hat sie hier noch nicht einbringen können oder wollen. Aber sie steht ja auch noch ganz am Anfang der Karriere.





    Der umtriebige Martin Anderson und sein Toccata Label tun jetzt etwas für die Ehrenrettung von Julius Bittner und veröffentlichen eine erste CD mit zwei Orchesterwerken des seinerzeit berühmtem und mit Bruno Walter und Erich Wolfgang Korngold eng befreundeten Wiener Komponisten. Sie enthält u.a. seine 1. Symphonie von 1923, ein spätromantisches Werk, teils von Wagner und Bruckner beeinflusst. Man kann das Werk bereits komplett über die website hören. Das herunterladbare Booklet enthält eine sehr schöne Biographie des Komponisten. Es soll auch zwei Streichquartette geben, vielleicht auf einer der nächsten CDs?


    TOCC0500COVER.jpg


    https://toccataclassics.com/pr…hestral-music-volume-one/

    Diese Aufnahme ist nun vor wenigen Tagen erschienen und seit einigen Stunden in meinem Besitz. In der Präsentation des Labels finden wir folgenes Statement:
    "Reissiger war über 30 Jahre lang eine der einflussreichsten Musikerpersönlichkeiten in Mitteldeutschland und neben Mendelssohn der prominenteste Kapellmeister."
    Mag sein. Kaum etwas ist von seinem über 300 Werken auf Tonträger verfügbar. Die beiden Streichquartette Nr 1 und 2 tragen die Opuszahl Nr.111. Ich vermag sie nicht zu beurteilen. Nach den ersten Tönen war ich regelrecht abgestoßen, alles klang sperrig und quietschig (raunzend) zugleich, nicht harmonisch, nicht lieblich, nicht einschmeichelnd, aber auch nicht wirklich feurig sondern oft weinerlich. Das milderte sich nach längerem Hören ab, und ich fand schließlich an einigen Sequenzen regelrecht gefallen - aber die wahre Begeisterung wollte sich bei mir (bis jetzt) noch nicht einstellen. Das kann sich oft völlig ändern, daher nehme ich von einer - auch subjektiven - Bewertung derzeit Abstand.

    Carl Gottlieb Reißiger (1798-1859) ist heute weitgehend vergessen, dabei hat er im deutschen Musiklebens des vorletzten Jahrhunderts keine unbedeutende Rolle gespielt. So folgte er Carl Maria von Weber als Hofkapellmeister in Dresden und übte diese Funktion bis zu seinem Tode über 30 Jahre aus.

    Da mir das Booklet nicht vorliegt, weiß ich nicht wie viele Streichquartette Reissiger komponiert hat (mindestens fünf finde man im Internet erwähnt). Auch von wann die beiden op. 111 stammen, ist mir nicht bekannnt, vermutlich sind sie zwischen 1830 und 1840 entstanden.

    Es handelt sich um gut gemachte, melodisch ansprechende Werke, deren Innovationswert allerdings gering ist. Mendelssohn fällt natürlich als Vergleich ein und dann auch Donizetti, denn einige Sätze klingen fast wie Belcantoarien für Streichquartett gesetzt.

    Das Camesina Quartet spielt wie auch schon auf ihren Vanhal und Dussek CDs historisch informiert, können aber in diesem Fall nicht überzeugend begründen, warum das für Musik dieser Epoche die optimale Darstellunsgweise sein soll (s. Alfreds Verdikt oben). Nichtsdestotrotz spielen sie m.E. im Rahmen des historisch informierten Ansatzes gut und insgesamt würde ich die CD als ansprechend wenn auch nicht essentiell kategorisieren.


    Tempus Fugit heisst ein neues Werk von Magnus Lindberg, dass er für die Zentenarfeier der finnischen Staatsgründung schrieb. Das 33-minütige Werk untersucht laut Booklet Akkordbeziehungen, vor allem tonale Akkordbeziehungen. Wie schon im 2. Violonkonzert bewegt sich Lindberg dabei in einer Klangsprache, die ich als neo-impressionistisch bezeichnen würde. Die Orchestrierung erinnert teilweise stark an Respighis Römische Trilogie. Kann man dementsprechend auch gut und unangestrengt hören. Hinterlässt jetzt aber auch keine bleibenden tieferen Eindrücke.



    Da ist sie nun endlich, die erste komplette Einspielung von Joseph Marx' wichtigstem Werk, seiner Herbstsymphonie. Fast auf den Tag 99 Jahre nach seiner Uraufführung am 5. Februar 1922 ist diese Einspielung durch Johannes Wildener und den Grazer Philharmonikern für das cpo Label jetzt herausgekommen.

    Und ich finde, die Einspielung ist ein voller Erfolg. Bei der UA durch Felix Weingartner und den Wiener Philharmoniker kam es zum Eklat, da Teile des Publikums zischten und pfiffen, sogar Handgreiflichkeiten soll es gegeben haben. Woran sich der Zorn der Hörer entfachte, wir wissen es nicht und können es auch nicht nachvollziehen. Offensichtlich war die Probenarbeit zu kurz und Weingartner mit der komplexen Partitur völlig überfordert, Klangmagier Clemens Krauss hat in Folge das Werk mehrfach sehr erfolgreich dirigiert, bis es dann für fast 80 Jahre in den Dornröschenschlaf fiel.

    Das Werk hat vier Sätze

    Ein Herbstgesang
    Tanz der Mittagsgeister
    Herbstgedanken
    Ein Herbstpoem
    das ganze Werk dauert in dieser ungekürzten Einspielung 67'00.

    Das Werk lässt noch einmal in leicht melancholischer Form und ganzer Pracht die spätromantische Klangsprache eines Scriabin, Gurrelieder-Schönbergs, Mahler, Korngold und Schreker aufleben und führt sie zu einem späten, letzten Höhepunkt. Das ist hier nach dem ersten Hördurchgang prächtig umgesetzt worden und lädt ein, diesem viele weitere folgen zu lassen. Die CD ist schon jetzt auf Platz 1 der JPC Charts und ich vermute, dass es eine ihrer meistverkauften CDs werden wird. Für mich schon jetzt die wahrscheinlich wichtigste Einspielung des Jahres.



    Wie rechnet sich denn sowas?

    Na, es wird ja Leute gegeben haben, die seinerzeit die Einzelaufnahmen gekauft haben, für dann insgesamt € 160. Die GA gab es bei itunes zum download schon vor Monaten für € 19,90. Seitdem ist das meine Aufnahme für den mobilen Einsatz.

    Je älter Magnus Lindberg wird umso konservativer wird seine Tonsprache bzw vielleicht nicht konservativer aber tonaler. Mit seinem 2. Violinkonzert ist er jedenfalls endgültig in die Fußstapfen von Einojuhani Rautavaara und Aulis Salinen getreten und schreibt ein ausgesprochen hörerfreundliches Stück. Nicht schwierger zu hören als z.B. die von Prokofieff. Aber stilistisch ganz anders. Lindberg liefert praktisch in modernem Gewand das Violinkonzert nach, das die Impressionisten nie geschrieben haben und scheut auch vor Klängen nicht zurück, die in einem Hollywood-Blockbuster Platz hätten. Das flimmert und schillert in den schönsten Farben und ist phänomenal aufgenommen. Dass Frank Peter Zimmermann seinen dankbaren Part technisch-perfekt mit großem warmen Ton perfekt herüberbringt, muss nicht besonders hervorgehoben werden. Nichts anderes war zu erwarten. Einige werden die Nase rümpfen, ich finde es geil.



    47 Jahre nach seiner Auflösung wurde das Ungarische Streichquartett von Andras Keller - ehemaliger Primarius des Keller Quartetts - János Pilz, László Fenyő und Gábor Homoki neu gegründet mit dem Ziel, den von diesem weltberühmten Quartett gepflegten Quartettstil wieder aufzunehmen und in die Zukunft zu tragen.


    Das erste Konzert fand vor zwei Wochen in Budapest statt und war wohl sehr erfolgreich.


    Beethoven: Grosse Fuge (Great Fugue), Op. 133
    Bartók: String Quartet No. 5, BB 110
    Schubert: String Quintet in C major, D. 956 (m. Miklos Perenyi)

    Es bleibt abzuwarten, wann wir die Musiker hier das erste Mal bei uns hören können und ob dieses Quartett bei der erdrückenden gegenwärtigen Konkurrenz wirklich zu neuem Weltruhm gelangt.