Beiträge von lutgra

    Schön, dass es hier jemanden gibt, der auch von der Musik Andrej Eshpais beeindruckt ist. Ich habe ihn schon vor vielen Jahren mit einer Aufnahme der 4. und 5. Symphonie für mich entdeckt. Ich verstehe gar nicht, warum er sich im Westen bisher nicht durchgesetzt hat. Klar Eklektizismus pur, aber das gilt ja für viele zeitgenössischen Komponisten. Seine Musik ist jedenfalls sehr melodiös und äußerst farbig instrumentiert, also eine Art Synthese aus Prokofieff und dem frühen Stravinsky mit den Mitteln der heutigen Zeit. Seine 4. Symphonie bzw das dazugehörige Ballett (s.u.) machen dem Sacre durchaus an einigen Stellen Konkurrenz.
    Ein großes Manko ist allerdings die Klangqualität der meisten existierenden Aufnahmen. Die 4. z.B. klingt wie mit Cassettenrecorder im Flugzeughangar aufgenommen. Das wäre doch mal ein Fall für cpo.


    Liebe Freunde,


    zwar ist es mir als Neuling scheinbar gelungen, einen bereits eingeschlafenen Thread wieder ins Leben zu holen.
    Mein Problem nur: ich realisiere, dass hier Schlachten geschlagen werden, die schon zigmal geschlagen wurden, und die ich jetzt offensichtlich wiederbelebt habe. Das finde ich aber nicht sehr interessant, da kann ich ja die ganzen alten threads lesen, um Eure Meinung zu diesem Thema zu erfahren. Leider habe ich dafür im Augenblick nicht die Zeit und ehrlich gesagt auch nicht die Lust, das Thema Regietheater interessiert mich dann doch eher nur am Rande.


    Aber ich darf noch einmal darauf hinweisen, dass ich MEINE HÖCHSTPERSÖNLICHE MEINUNG hier kundgetan habe und deshalb Fragen wie

    Sagt wer? Bestimmt wer? Verfügt wer?

    sinnlos sind. Ich bestimme nichts und ich verfüge nichts, ich teile lediglich mit, dass ICH an einer Bühneninszenierung bestimmter Opern kein Interesse mehr habe.

    Irgendwo habe ich gelesen, dass die Stuttgarter Oper (ein Titel des dieses Etablissement gar nicht verdient),

    Das erlaube ich mir mal mit dem Hinweise zurückzuweisen, dass kein anderes deutsches Opernhaus in den letzten 20 Jahren soviele Preise eingeheimst hat wie Stuttgart:


    http://de.wikipedia.org/wiki/Kritikerumfrage_der_Opernwelt


    Und ich kenne auch schon eure Antwort:


    Die große Verschwörungstheorie, dass alle Musikkritiker mit denen unter einer Deck stecken, um den Subventionszirkus ordentlich abzuschröpfen.


    Damit klinke ich mich mal bei diesem thread aus, schönen Tag noch

    oi..oi..oi
    Mit dem Thema kann man ja hier echt Emotionen wecken. Liebe Leute, ein bisschen entspannter bitte.


    Ich glaube, es war eine Everding-Inszenierung. - Ich hatte in den letzten beiden Jahren Hofmann bzw. Jerusalem, wenn ich mich recht erinnere. Ganz sicher jedoch Ferdinand Leitner am Pult Beim ersten Mal fand ich die Inszenierung ja noch ganz okay, aber spätestens bei zweiten Besuch nur noch langweilig und vor allem farblos, im wahrsten Sinne des Wortes ausgeblichen ... Was man ihr allerdings zugute halten muss ist, dass sie bzgl. Langweiligkeit durch den Nachfolge-Wilson-Parsifal definitiv um Längen getoppt wurde

    Lieber Michael,
    vielen Dank für die Erinnerungshilfe, genau diese Inszenierung war es und Leitner hat dirigiert. Mag sein, dass es für Dich ab dem 2. Male langweilig war, ich war gerade dabei, diese Musik für mich zu entdecken. ich fand es toll.



    Also im Endeffekt ist das Werk, das für mich als Gesamtkunstwerk aus Text, Bild und Musik zu gesehen werden muss, in dir doch auch durch absichtliche Entstellungen zerstört worden. Und genau diese Zerstörung ist es, die wir ablehnen. Es ist schon eine Schande, wenn solches Schmierfinktheater noch unter dem Namen "Parzifal" herausgegeben wird.

    Lieber Gerhard,
    das Stück ist für mich nicht zerstört, wie gesagt, die Musik ist für mich immer noch grandios, aber ich werde es in Zukunft als Kopfkino erleben.
    Das ist das Problem von Wagner heute, einige seiner Opern sind praktisch nicht mehr sinnvoll aufführbar. Lohengrin z.B.: Gibt es den Schwan, lacht die eine Hälfte des Publikums, gibt es ihn nicht, ist die andere beleidigt. Der Ring, für mich uninszenierbar! Naturalistisch geht nicht (wer will heute echte Riesen und Drachen auf der Bühnen sehen, Harry Potter Fans vielleicht) und sonst kannst Du es nur mehr oder wenig verfremden. Gab kürzlich die Götterdämmerung hier, einiges ganz gut umgesetzt, anderes völlig lächerlich. Bleibe ich lieber beim Kopfkino. Der Holländer geht noch, Tannhäuser (s. Götz-Friedrich-Verfilmung) und Tristan und die Meistersinger, der Rest geht m.E. nicht mehr.



    Zitat von »lutgra«
    Gurnemanz als Vertreter der Religionsgemeinschaft hat es mit den Knaben.


    Auf der Bühne, oder wie?


    Aber bei Bieito ist man ja auf alles gefasst.

    Keine Sorge, nur angedeutet



    Zunächst eine Frage: Wer, bitte, ist Richy?


    Es scheint, dass Du Dich wirklich nicht genug mit "Parsifal" beschäftigt hast, lieber lutgra. Deshalb bist Du auf Bieito so hereingefallen auch wenn Du seine Inszenierung gleichzeitig ablehnst. Leute wie er nutzen nämlich die Unwissenheit aus für ihre infamen, denunzierenden Deutungen. Sie können nur bei Zuschauern langen, die die Stücke nicht kennen. Diese sind am meisten anfällig. Ich halte das für infam und auch für gefährlich - im Leben wie in der Kunst. Als passende Lektüre empfehle ich dazu "Mario und der Zauberer" von Thomas Mann. Wer die Stücke gut genug kennt, geht nicht auf diesen Leim. Was Du an verbaler Ablehnung zu "Parsifal" äußerst, das habe vor Dir schon andere getan. Es ist nicht neu.

    Lieber Rheingold


    es tut mir sehr leid, wenn ich Deinen großen Richard Wagner mit Richy angeredet habe, ich fühle mich seiner Musik halt so vertraut wie dem Dirigat von Lenny (hochamtlich: Leonard Bernstein), deshalb die vielleicht unziemliche Anrede. Schade übrigens, dass Lenny sowenig von Richard dirigiert hat. Aber zu Deinen Ausführungen. Ich glaube nicht, dass ich Herrn Bieito auf irgendeinen Leim gegangen bin, nur er hat mich noch mal dazu angeregt, über das Stück speziell seinen Inhalt nachzudenken. Es war vielleicht auch die unselige Prozedur, den gesamtem Text über der Bühne ablaufen zu lassen, Schuld daran, dass mir klar wurde, wie verquast das Zeug m.E. ist. Ich bin der letzte, der Wagners Errungenschaften in Frage stellt, seine Musik ist einmalig und hat für mich teilweise auch fast Drogencharakter. Ich kann aber nicht umhin, eine Diskrepanz zwischen seiner literarischen Potenz und seiner musikalischen zu registrieren. Und menschlich finde ich ihn - nach allem was ich über ihn gelesen habe - ziemlich inakzeptabel. Aber Kunst ist Kunst, und nicht jeder große Künstler ist ein großer Mensch (das finde ich übrigens ein spannendes Thema, gibt es dazu schon einen Thread?

    Also, ich erlaube mir jetzt mal, nicht in die Polemik hier einzusteigen, sondern einfach von meinem gestrigen Opernabend in Stuttgart mit Wagners Parsifal in der Inszenierung von Calixto Bieito zu berichten. Ich habe bereits vor zwei Jahren die Holländer-Inszenierung gesehen und für weitgehend misslungen befunden. Das kann ich vom gestrigen Abend nicht sagen.

    Vorab, Parsifal ist meine Lieblingsoper (seit gestern nur noch was die Musik angeht) und ich habe Sie in einer sehr schönen Inszenierung (Regisseur erinnere ich nicht mehr) mehrmals in den 80er Jahren in Hamburg gesehen (Peter Hofmann und Rene Kollo als Parsifal) und in den frühen 90ern an der Met mit Domingo in einer ziemlich belanglosen Inszenierung, von der ich nur noch ein Detail erinnere: die Plastikblumen auf der Karfreitagswiese schwangen nach dem Überschreiten immer wieder in die Senkrechte, was im Publikum für sicher ungeplante Heiterkeit sorgte.


    Jetzt also in Stuttgart:


    Musikalische Leitung: Sylvain
    Cambreling
    , Regie: Calixto Bieito,
    Bühne: Susanne
    Gschwender
    , Kostüme: Mercè Paloma,
    Licht: Reinhard Traub,
    Chor: Johannes Knecht,
    Christoph Heil
    ,
    Dramaturgie: Xavier Zuber



    Amfortas: Levente Molnár,
    Gurnemanz: Attila Jun,
    Parsifal: Andrew Richards,
    Klingsor: Martin Winkler,
    Kundry: Christiane Iven,
    Titurel: Matthias Hölle,
    1. Gralsritter: Heinz Göhrig,
    2. Gralsritter: Mark Munkittrick,
    1. Knappe: Yuko Kakuta,
    2. Knappe: Diana Haller,
    3. Knappe: Torsten Hofmann,
    4. Knappe: Daniel Kluge,
    1.1. Blumenmädchen: Maria Koryagova,
    1.2. Blumenmädchen: Elinor Sohn,
    1.3. Blumenmädchen: Sylvia Rena Ziegler,
    2.1. Blumenmädchen: Yuko Kakuta,
    2.2. Blumenmädchen: Pumeza Matshikiza,
    2.3. Blumenmädchen: Diana Haller,
    Stimme aus der Höhe: Sylvia Rena Ziegler
    Mit: Staatsopernchor Stuttgart, Extrachor der Oper Stuttgart, Kinderchor der Oper Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart

    Das ganze spielt natürlich nicht im mittelalterlichen Nirwana, sondern in einer möglichen Zukunft, nämlich einer postatomaren
    Apokalypsenlandschaft. O.k. nicht sonderlich originell, aber bei einem Stück ohne konkreten Zeit- und Ortsbezug sicherlich legitim. Dementsprechend sind Ritter und Blumenmädchen von Strahlenschäden gezeichnete "Zombies", die ziellos durch die verwüstete Welt wandern auf der Suche nach Erlösung (passt schon irgendwie). Die Gralsfeier findet regelmäßig an einer eingestürzten Autobahnbrücke statt (interessante Frage: ist es dieselbe Brücke an der im Chereau-Ring die Rheintöchter herumturnen oder war das ne Staustufe?) und statt Wein gibt es religiöse Devotionalien aller Glaubensrichtungen. Natürlich laufen auch wieder mal eine nackte schwangere Frau und ein alter nackter Mann über die Bühne und Gurnemanz als Vertreter der Religionsgemeinschaft hat es mit den Knaben (es gibt halt auch im Regietheater abgedroschene Rituale),
    aber im Großen und Ganzen wird die Geschichte so erzählt, wie Sie Richy niedergeschrieben hat.


    Und da kommt jetzt mein Punkt: offensichtlich habe ich mich mit dem Inhalt des Parsifals nie näher beschäftigt, sondern mich nur von der grandiosen Musik überwältigen lassen. Seid gestern ist mir klar, was für einen Mist Richy sich da zusammengereimt hat, mit was für einer schwülstigen, pseudoreligiösen Suada er uns da überzieht. Die Story stinkt doch zum Himmel und Richy, Deine Potenz- und Kastrationsängste interessieren die Nachwelt doch nun wirklich nicht. Mach das mit Cosima aus.


    Danke Calixto, dass Du mir dafür die Augen geöffnet hast, auch wenn ich einige allzu krude Einfälle nicht verstanden habe. Warum z.B. ist Kundry im dritten Akt schwanger und von wem?


    Resumee: die Musik von Parsifal (hervorragend dirigiert von Silvain Cambreling, gut gesungen Parsifal, Gurnemanz, Amfortas und Klingsor; hervorragend Kundry) bleibt meine liebste Opernmusik (vor allem in den Aufnahmen von Knappertsbusch und Karajan). Aber auf der Bühne muss ich das nicht mehr sehen, schon gar nicht in weihräucherndem Gewande.


    Also, manchmal kann einem das vielgescholtene Regietheater auch die Augen öffnen, nicht unbedingt immer zum Vorteil des Kunstwerks.

    Ich mach es mal so, das sind die 10 Pianisten, von denen ich am meisten Aufnahmen besitze (deshalb vermutlich auch meine 10 Lieblingpianisten, ohne Reihung):


    1. Martha Argerich
    2. Claudio Arrau
    3. Vladimir Ashkenazy
    4. Wilhelm Kempff
    5. Emil Gilels
    6. Glenn Gould
    7. Vladimir Horowitz
    8. Krystian Zimerman
    9. Murray Perahia
    10. Sjatoslav Richter


    Außer Argerich, Zimerman und Perahia leider keine Live-Erfahrungen

    Mit dem Begriff "Streichquartett" verbinde ich dreierlei.


    1. Grandiose Musik:


    Beginnend mit Haydn, Mozart und natürlich vor allem Beethoven ist die Königsgattung der Musik überhaupt begründet worden. Vor allem Haydn und Beethoven haben m.E. ihre wertvollsten musikalischen Einfälle dem Streichquartett anvertraut. Die späten Quartette von Beethoven gehören für mich alle zu den wenigen unverzichtbaren Stücke, die ich auf jede einsame Insel mitnehmen würde. Schubert, Mendelssohn und in geringerem Maße auch Schumann und Brahms haben die Gattung weiter um unvergleichliche Stücke bereichert, dann zunehmend auch Komponisten aus den aufstrebenden Nationalstaaten: Smetana, Dvorak, Tschaikovsky, Sibelius, Nielsen. Im 20. Jahrhundert wird die Kammermusik geradezu dominiert von den unvergleichlichen Beiträgen von Bartok und Schostakowitsch. Kaum ein Komponist des 20. Jahrhunderts, der nicht wenigsten ein oder zwei wesentliche Gattungsbeiträge geliefert hat, die zu den Spitzenwerken des Jahrhunderts gehören: Janacek, Debussy, Ravel, Hindemith,...
    Und viele Gattungsbeiträge sind noch gar nicht richtig ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten, da gibt es ein Dutzend von Robert Simpson, fast zwanzig von Villa-Lobos, Mieszislav Weinberg und Darius Milhaud, wer kennt die alle? Bis heute hält diese Produktion unvermindert an, während Symphonie und Oper immer wieder mal schon (vorzeitig) beerdigt werden. 90% der zeitgenössischen Musik, die ich höre, sind Streichquartette. Nur in dieser Gattung kann ich "Neugetöntes" gut vertragen: Ligeti, Lachenmann, Xenakis, Ferneyhough, Rihm.



    2. Die für mich perfekte Musikergemeinschaft


    Vier Personen, die im Idealfall alle ihr Instrument gleich gut beherrschen und trotz individueller Ausprägung zu einer gemeinsamen musikalischen Aussagen kommen, die sich verstehen müssen, gemeinsam reisen, gemeinsam erleben, sich streiten und vertragen. Das ist für mich die perfekte Musikergemeinschaft. Solisten müssen oft alleine durch die Welt ziehen, spielen heute mit diesem Orchester, morgen mit jenem, müssen sich ständig auf andere Dirigenten und deren Egos einstellen, sind einem gnadenlosen Konkurrenzkampf ausgesetzt, müssen photogen sein, ja am besten noch eine erotische Ausstrahlung besitzen, nicht wirklich beneidenswert. Oder der Tutti-Geiger, jederzeit ersetzbar, selten bis nie ein Soloauftritt wie die Flöte oder Oboe, keinen wirklichen Einfluss auf das Endprodukt, die Musik.
    Nein, da ist das SQ genau die ideale Mitte, Solist und Ensemblespieler gleichzeitig. Das erklärt m.E. auch die große Faszination dieses Ensembles auf junge Musiker, die zu dieser atemberaubenden Schwemme an jungen, supertalentierten Streichquartetten geführt hat.



    3. Den Klang


    ja, der Klang eines SQ, ich liebe ihn, ganz grundsätzlich, unabhängig von einer bestimmten Formation. Das war nicht immer so. Als mein Interesse an Rockmusik Mitte der 70er Jahre erlosch und ich mich der klassischen Musik zuwandte, war es der Sound des Orchesters, der mich faszinierte, Mahler, Bruckner, Wagner waren meine Heroen und die Symphonien und Opern konnten nicht lang und laut genug sein. Streichquartette fand ich anfangs "furchtbar", vielleicht auch, weil ich in meiner Kindheit einen Nachbarn hatte, der zu uns Kindern sehr unfreundlich war, aber regelmäßig in seiner Wohnung im Streichquartett spielte. Eher aus Komplettierwahn kaufte ich bei einem meiner wöchentlichen Besuche bei 2001 die Beethoven-Kassette mit den Juilliards (50 Mark damals). Die stand sicher ein, zwei Jahre bei mir herum, bis ich mich herantraute. Habe mich langsam die Opuszahlen hochgearbeitet, als ich bei op. 127 angekommen war, hat es klick gemacht und als ich op. 132 gehört hatte, war ich ein SQ-Fan. Ich fing an, Konzerte zu besuchen, erst in Hamburg (ABQ, Borodin, Tokyo), dann in New York (Juilliard, Guarneri) und später dann in Stuttgart (Petersen und alle die heute noch auftreten). Der Sound lässt mich einfach nicht mehr los und ich habe schon öfter überlegt, ob ich die meisten meiner Nicht-SQ-Platten nicht verkaufen sollte. Mach ich jetzt noch nicht, aber beim nächsten Umzug, wer weiss.


    Also, hier outet sich ein Streichquartettfan, der sich hier bei Tamino auch vor allem in diesem Bereich einbringen wird.

    Mozarts Streichquartette mit dem Quartetto Italiano - ursprünglich bei Philips erschienen. Ich wusste nicht mal, dass es hier eine Gesamtaufnahme gab.

    Die Aufnahme der Mozart'schen Streichquartette mit dem Quartetto Italiano gab es schon einmal im Rahmen der Philips Mozart Gesamtschau. Sie ziert schon seit vielen Jahren meine Vinyl-Plattensammlung (mein Motto: Analog gehört auf Platte, digital auf CD) , eine ganz wunderbare Aufnahme, neben Ravel/Debussy vielleicht das wichtigste, was von diesem legendären Quartett nachbleibt (o.k. ihren Beethoven darf man auch nicht verachten).

    Umgekehrt! Kauft ruhig auch die CDs, aber geht vor allem in die Konzerte. Von CDs können die Künstler nicht leben (eher noch die Plattenfirmen), sie brauchen aber kontinuierlich gefüllte Terminpläne. Und damit die Veranstalter das Interesse nicht verlieren, müssen einfach die Konzerte erfolgreich und gut besucht sein...

    Völlig richtig, so muss es heißen! Ich besuche die Kammermusikreihe in Stuttgart und bin immer wieder schockiert, wenn ich das Durchschnittsalter der Besucher schätze; manchmal habe ich das Gefühl, ich bin einer der Jüngsten, obwohl ich über 50 bin. WO SIND DIE JUNGEN ZUHÖRER, DIE IM ALTER DER MUSIKER SIND??? Stuttgart hat eine weithin bekannte Musikhochschule, WO SIND DIE STUDENTEN??? Wie kann ich Geige, Bratsche oder Cello studieren und kein Interesse daran haben, für wenige Euro (für Studenten sind die Tickets spottbillig) die Weltstars der Kammermusikszene zu hören? Youtube ist doch dafür kein Ersatz! Ich bin Hochschullehrer: wenn in Stuttgart die letztjährigen Nobelpreisträger für Medizin einen Vortrag halten würden, würde ich doch auch meine Studenten hinscheuchen bzw die würden von sich aus dahin gehen.

    Also für mich gibt es derzeit vier Quartette, die ich ganz besonders schätze, sowohl aufgrund ihrer bisher veröffentlichten CDs, als auch wg. unvergesslicher Live-Eindrücke:


    Artemis (D), Belcea (GB), Ebène (F) und Pavel Haas (CZ).




    Wenn ich ein fünftes nennen sollte, fällt es mir schwer, mich zu entscheiden:


    Auryn, Arditti (eigentlich eine eigene Kategorie), Emerson, Hagen, Henschel, Minguet, Mandelring, Pacifica, Casals, ach es gibt so viele tolle Quartette.


    Wir mögen in einer Zeit des Mangels an wirklich großen Dirigenten leben, aber "it's a golden age for string quartets". Nie zuvor hat es eine derartige Auswahl an fantastischen SQs gegeben und wir sollten alles tun, dass davon möglichst viele langfristig überleben können. Also, geht in die Konzerte und vor allem: kauft ihre CDs.


    Ich höre mich gerade durch die Beethoven-Totale von Belcea durch. Ich habe jetzt vermutlich das Dutzend an Gesamtaufnahmen voll (Budapest, Amadeus, Vegh, Fine Arts, Juilliard, Guarneri, Pascal, Tokyo I, Artemis, Gewandhaus, Schaeffer, Alban Berg, Italiano, Melos II...oh, es sind ja schon mehr) und bin wieder total begeistert. Den "heiligen Dankgesang" aus op 132, mein Lieblingsstück überhaupt, habe ich noch nie so ätherisch und entrückt gehört, einfach genial.

    Also, mir geht diese Billigboxenschwemme ziemlich auf den Geist. Erstens, weil ich die Erfahrung gemacht habe, je dicker, umso unwahrscheinlicher, dass der Inhalt wenigstens einmal komplett gehört wird. Das war auch schon zu Vinyl-Zeiten so, deshalb kann man noch heute schöne Gesamtaufnahmen von xyz beim second-hand Händler, ebay etc für'n Appel und'n Ei ergattern, deren Inhalt praktisch MINT ist. Ich habe z.B. auf 170 CDs die Gesamtaufnahme von Bach (Hänssler Edition, gab es mal als Tschechische Lizenz kurz sehr günstig) und ich habe noch nicht mal 10% des Inhalts gehört. Alle anderen Bach CDs, die ich besitze, habe ich mindestens einmal komplett gehört. Außerdem entwerten diese ganzen billigen Boxen zukünftige Aufnahmen. Wer schon drei sehr gute Mahler-Totale für je 30 € im Regal stehen hat, tut sich schwer, für eine Einzelaufnahme noch einmal € 25 hinzulegen. Letztendlich macht das den Markt endgültig kaputt, auch den second hand Markt, denn wenn es die Box mit allen Symphonien von Beethoven für 9,99 gibt, kann ich eine einzelne CD aus dem Zyklus praktisch nicht mehr anbieten. Wahrscheinlich wird man in wenigen Jahren für ein paar Euro Zugang zum Gesamtbestand eines der Major Labels bekommen und ihn dann komplett runterladen können. Und Neuaufnahmen können die Künstler im Selbstvertrieb unter die Fans bringen, vielleicht ähnlich wie das viele Popstars machen, die live CDs vom Event nachliefern.
    Was mir bei vielen Boxen auch sauer aufstösst, ist die lieblose Verpackung. Also, das Minimum ist für mich eine bebilderte Papphülle z.B. mit dem Design der Originalhülle. Einfach nur weiße Heftchen mit Fenster geht für mich gar nicht, wie soll ich da unter 50 CDs die finden, die ich gerade hören will.
    Die einzige Megabox, die ich mir in den letzten Jahren geleistet habe, ist die erste mit den Mecury Living Presence Aufnahmen.

    Die höre ich aber sicher alle durch und die wären einzeln auch kaum zusammenzubekommen. Die zweite kauf ich nicht, da habe ich jetzt schon zuviel von.
    Also, ich lass die Boxen stehen und konzentriere mich aufs Nischenrepertoire, da stellt die Einzel-CD noch einen zumindest ideellen Wert dar.

    Ja, der Krzysztof Penderecki, der macht. es einem nicht leicht. Seine ganz frühe Phase finde ich "interessant", aber hören tu ich es kaum. Von seinen Sinfonien gefällt mir am besten die 3., schwere Kost, aber beeindruckend. Auch die 2. kann ich gut hören, die Weihnachtssinfonie (wg. dem Stille Nacht Zitat), mit der 5. konnte ich mich bisher nicht richtig anfreunden und die späteren Chorsinfonien gefallen mir überhaupt nicht. Am meisten Zugang habe ich vermutlich zum 2. Violinkonzert, das ASM absolut atemberaubend spielt. Über ihren Beethoven und Brahms scheint man ja hier geteilter Meinung zu sein, wobei ich beides von ihr vor gut 25 Jahren live in NY gehört habe und hin und weg war, aber ihren Einsatz für lebende Komponisten kann man nicht schlecht reden. Wenn ein Rihm für sie gleich 2 Konzerte schreibt, ist das Lob aus berufestem Mund. Vor gut zwei Jahren hat sie in Stuttgart das Konzert von Gubaidulina gespielt, ich hatte sehr teure Karten und habe mich köstlich amüsiert, von ratlosen Banausen umgeben zu sein, die nur wg. dem event gekommen waren unnd vermutlich ihrem Geld hinterher trauerten.


    Aber zurück zu Penderecki, ein sehr eindrucksvolles Stück ist der erste Teil von Utrenja - die Grablegung Christi. Wer mal hören will, was ein basso profundo ist, hier kann er es erleben. Also Penderecki gehört für mich wie auch Allan Pettersson zu den Komponisten, die ich immer mal wieder aus dem Schrank ziehe, weil ich finde, dass sie es verdient haben, dass man sich mit ihnen beschäftigt.


    Den hölzernen Prinzen fand ich immer langweilig und viel zu lang, hier als Suite mit knapp 20 Minuten gefällt mir die Musik zum ersten Mal, tolle Darbietung von Gielen und dem todgeweihten Orchester.
    Vom Konzert gibt es bessere Einspielungen (Solti, Reiner).

    Ein Einstand:


    Darf Musik am Ende eines Jahrhunderts genauso klingen wie die am Anfang? Nein ... sagen die Musikwissenschaftler...das ist dann Kitsch. Warum nicht ... sagt der geneigte Musikhörer ... wenn sie gut gemacht ist. David Matthews ist so ein Fall. Geboren 1943 hat er die meiste Zeit seines Lebens in London gelebt. Er hat für ein paar Jahre als Assistent von Benjamin Britten gearbeitet und wurde von Deryck Cooke, dem Bearbeiter von Mahler 10, unterstützt. Sein Bruder ist der bekanntere Colin Matthews. David Matthews hat offensichtlich eine Affinität zum Streichquartett, 12 hat er inzwischen mindestens komponiert, 5 davon liegen auf 2 Toccata CDs vor. Seine Chancen nach Donaueschingen eingeladen zu werden sind wohl gleich null. Statt Geschabe und Gekratze gibt es hier richtig tonale Musik, ordentlich mit Dissonanzen und auch aktuellen Spieltechniken gewürzt, aber doch noch mit nachvollziehbaren melodischen Entwicklungen und Strukturen. So auf der Ebene eines Bartok, Zemlinsky oder manchmal auch Korngold. Das ist z.T. überaus spannende Musik und vom renommierten Kreutzer Quartett, die sonst oft eher härtere Kost angehen, auch sehr gut umgesetzt. Ich lebe noch nicht lange genug mit dieser Musik, um sagen zu können, die ist meisterlich, aber sie hat sehr gute Chancen auf einen permanenten Hörplatz bei mir.



    Also...dicke Empfehlung für alle Streichquartettfreunde, die ihren Horizont weiterentwickeln wollen.