Lieber Don,
liebe Kollegen,
bitte entschuldigt, dass ich erst jetzt antworte.
War ich doch so schnell dabei, das Thema aufzugreifen.
Und natürlich kann ich nur aus meiner eigenen Position heraus argumentieren, wenngleich das ein nicht zutreffender Terminus ist.
Meinen Standpunkt kann ich auch am besten erklären, indem ich meine Position wechsle.
Weg von mir, der hier schreibst und sich wichtig nimmt. Hin zu dem, der zuhört und aus dem Bewusstsein heraus, dass der, der sagt, die Hauptrolle spielt.
Ich arbeite nunmal mit Demenzkranken und begleite sie auch auf dem letzten Weg. Eitelkeiten sind sowas von unwichtig!
Nicht zählt, dass da eine Lehrmeinung lautet, das sei so oder so, wichtig ist allein, was ein Mensch möchte.
Und das ist immer, authentisch zu sein.
Das auszudrücken, das ihm in diesem Moment wichtig ist.
Oft ist in meiner Arbeit Intuition gefordert, oft Schweigen, oft Loslassen. Oft Hinwendung und Klammern zu dulden.
Immer aber zuhören. Immer dem, was jemand ausdrückt, mit welchen Mitteln auch immer.
Was nie hilft: vorgefertigte Meinungen. Interpretation auch nicht.
Eigener Geschmack oder Wunschdenken noch viel weniger.
Lieber Don, weder ich noch mein lieber Freund zweifelten am Umgang mit "Neuer Musik" hier. Zweifel besteht daran, mit sogenannter Alter Musik so umzugehen wie es hier meist getan wird.
Es geht darum, "in den Schuhen des anderen" zu gehen. Sei es, dass eine alte Dame von 80 Jahren sich 30 wähnt- nur dort kann ich ihr begegnen und sie abholen, um im Heute mit ihr umzugehen.
Dasselbe aber betrifft die Musik. Einem Friedemann Bach kann ich nur folgen, wenn ich versuche, seine Sprache zu verstehen.
Mozarts ebenso- die Ausdrucksweise, das Vokabular einer anderen Welt, wird immer zu Missverständnissen führen.
Mozart kann sich nicht wehren- die alte Dame aber sehr wohl. Und sie hat alles Recht der Welt, ihr zuzuhören und Verständnis einzufordern. In ihrer Sprache mit ihr zu sprechen.
Sie kann sich wehren! Tut es auch. Aber Mozart ist uns ausgeliefert und wir pflegen unsere "Sprache" auf seine Kosten.
Und genießen Karl Böhm in seinem Wohlklang, den Mozart selbst womöglich nie anstrebte.
Wir wissen es nicht, wir können spekulieren. Und all das zur Basis des Verständnis nehmen, was SEINE Zeitgenossen äußerten und er selbst.
Das aber sollten wir tun; soviel Respekt sollten wir einem Menschen gegenüber aufbringen, völlig gleichgültig, dass er selbst nicht mehr sprechen kann. So manch Lebender kann das auch nicht- und niemand sollte sich anmaßen, das für ihn zu tun.
Mir selbst würde nicht gefallen, dass jemand in 300 Jahren meine Worte auslegt, ich sei ja brav, hätte Worte/Noten von himmlischer Schönheit verfasst...während ich selbst etwas völlig anderes gemeint hätte.
Gut nur, dass sich in 300 Jahren niemand mehr erinnert an den Blödsinn, mit dem wir uns hier so wichtig fühlen.
Völlig unwichtig: Mike